getreten, an der Fräulein von Seebald stand und nach dem Mond
hinaufschwärmte. Unten in Sicht auf dem niederen Deck saß nur eine
einzige Person, und das helle Licht des Mondes fiel voll auf die
ebenfalls andächtig erhobenen Züge des jungen Dichters.
Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu dem, seit das
Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer, die Taue nachzusehn.
»Oh wie wundervoll das war« seufzte in diesem Augenblick Fräulein von
Seebald, mit dem Taschentuch eine Thräne von der Wange entfernend
-- »wie das Herz und Seele ergreift und mit den weichen, liebevollen
Klängen alle Nerven nachfibriren läßt.«
»Ja, Schultze pfeift recht hübsch« sagte der Seemann, der gerade die
kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei wollte -- »er macht seine
Sache ausgezeichnet -- es klingt ordentlich natürlich.«
»_Wer_ pfeift recht hübsch?« rief Fräulein von Seebald entsetzt, die
gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gespräch einen Widerwillen
hatte, den sie kaum so weit bezwingen konnte nicht unartig gegen ihn zu
sein.
»Ih nu Schultze« sagte der Untersteuermann lachend -- »er sitzt vorn auf
der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie sie aber von allen Seiten
auf ihn zu kamen, schwieg er still und will das Maul nicht mehr
aufthun.«
»Das war _keine_ Nachtigall?« rief Marie erstaunt, und Fräulein von
Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entrüstung.
»_Schultze!_«
»Ach das ist der Mann!« rief die lebendige Marie, die in der neuen
Entdeckung bald die Nachtigall vergaß, »von dem Sie uns erzählten daß er
den sonderbaren Glauben hätte, wir Menschen seien alle früher Vögel
gewesen, und meine Mama eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen
aufgefallen, wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der
Entdeckung der Ähnlichkeit beschäftigt.«
»Jede Enttäuschung schmerzt« sagte aber Fräulein von Seebald, »und ich
hatte mir das schon so reizend ausgemalt, es war ein so hochpoetischer
Gedanke, daß wir in den waldigen Schatten Amerikas durch eine heimische
Nachtigall begrüßt werden sollten -- es ist vorbei -- der Traum ist
verschwunden und wir sind erwacht.«
Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete -- es war
Theobald, der ihre Worte gehört und schmerzlich mit empfunden hatte
-- er saß still und regungslos, den Kopf auf die Hand gestützt, an
der Nagelbank des großen Mastes, und wie ihm die dunklen Locken fast
unheimlich die bleiche Stirn umspielten, schaute er voll und lange in
den Mond und nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen, und
schloß dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest zu halten.
Der Untersteuermann kam wieder zurück (Fräulein von Seebald trat, den
Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die Treppe hinunter und wollte eben
wieder nach vorn gehn, wo Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im
Strom selber auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des
Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter schüttelnd
rief er gutmüthig:
»Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen, daß Sie hier im
Monde liegen und schlafen.«
»Ich habe nicht geschlafen -- lassen Sie mich zufrieden!« rief Theobald,
entrüstet aufspringend.
»Nu, nu, Fiepchen biet mi nich« sagte der Steuermann lachend
weitergehend -- »es ist doch hoffentlich kein Unglück geschehn.«
Marie, die wie Fräulein von Seebald Zeuge der Scene gewesen war, lachte
heimlich vor sich hin, aber ihre ältere Freundin sagte seufzend:
»Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann, roh an Geist
und Gemüth, wie an Gestalt.«
»Mich amüsirt er« lachte Marie, »und was kann man von ihm viel
verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein Geschäft aus dem Grunde zu
verstehen; daß er derb ist, gehört mit dazu.«
»Ich werde schlafen gehn« sagte Fräulein von Seebald -- »dieser Abend
hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und eine lange Zeit wird dazu
gehören das wieder gut zu machen. Gute Nacht!«
Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer klang fast
wie antwortend vom Fuß des großen Mast's herauf. Marie sah sich danach
um, aber ihre Mutter rief sie in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck
in dem Flußnebel, und die Damen zogen sich in ihre Cajüten zurück.
Capitel 2.
New-Orleans.
Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen Tage früh
aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich heute noch viel
zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern Abend gesehn, hatte
ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger geweckt. Sehr zum Ärger der
Seeleute also, die heute Morgen das Deck besonders sauber zu waschen
hatten und jetzt die Passagiere überall im Wege fanden, kletterten die
meisten schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen
theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf unter sie aus,
wo das nur irgend mit einer Entschuldigung von »nicht gesehen haben«
oder »nicht wissen können« zu ermöglichen war. Viele staken dabei schon
in ihren besten Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren
»Sonntagsstaat« nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und
solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu früh,
preisgegeben zu haben.
Steinert besonders, kam mit seinen weißen Hosen am schlechtesten weg,
denn nicht allein daß ihnen der letzte Tag an Deck keineswegs zuträglich
gewesen, und einige lange und runde Theerstreifen und Flecken nur
zu deutlich die Stellen verriethen, wo er sich leichtsinniger oder
vergeßlicher Weise angelehnt, nein er bekam auch heute Morgen, als er
vor der Cambuse stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine
vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer Seewasser
angegossen, dessen Urheber sich später allerdings nicht ermitteln ließ,
dessen Wirkung aber total die Frage entschied, ob er möglicher Weise
noch mit der Hose New Orleans betreten konnte oder nicht.
Ein leichter dünner Nebel lag übrigens auf dem Wasser, der die
angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte, während er die
Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bäume mit einer feinen Art von
Hehrrauch füllte. Wie die Sonne aber höher und höher stieg sanken die
weißen Schwaden, einem Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen
seemüden Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrücken, als, wie
mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft vor
ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger Vegetation,
nur je gedacht.
Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden Moos, oder
zurückgedrängt wenigstens, weit zurück zu einem niedern Streifen am
Horizont, zu einem Rahmen des Gemäldes, das sich jetzt ihren Blicken
entrollte, und wie aus dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen
schien. Reizende Landhäuser mit wunderlich ausgezweigten Bäumen schauten
mit ihren dunklen Dächern und weißen Mauern, luftigen Verandahs und
kühl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets blühender Tulpenbäume
und fruchtschwerer Orangenhaine vor, und weite, regelmäßig angelegte
Colonieen niederer aber reinlicher und vollkommen gleichmäßig gebauter
Häuser -- die zu den Plantagen gehörenden Negerwohnungen -- schlossen
sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden Zuckerrohr- und
Baumwollenfeldern; Schaaren geschäftiger Neger in ihren weißen Anzügen
arbeiteten in diesen, und auf der breiten Straße, die dicht am Ufer des
Stromes hinaufzuführen schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und
gallopirten stattliche Reiter mit breiträndigen Strohhüten und leichten
lichten Sommerkleidern auf und nieder.
Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von kleinen Segelbooten
glitten herüber und hinüber zu den sonnigen Ufern, breite Dampfer
schnaubten hinab, die Produkte des üppigen Landes fernen Zonen
zuzuführen, und mächtige Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor
Anker, ja oft mit Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch
aufgestapelte Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker- und
Syropsfässern an Bord zu nehmen, und zu kälteren Welttheilen hinüber zu
tragen.
Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, die beiden
Kolosse aufschleppend gegen den mächtigen Strom, und so dicht am
Ufer streiften sie nicht selten hin, daß sie die Neger konnten in den
Feldern singen hören, und die weißen Frauen erkannten, die in luftiger
Morgenkleidung auf ihren Blumen geschmückten Verandas saßen und auf den
Fluß und das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.
Die Passagiere der Haidschnucke waren außer sich, und so niedergeschlagen
sie durch den alleinigen Anblick der flachen Sumpfstrecke an der Mündung
geworden, so scharf gingen sie jetzt, und mit verhängten Zügeln zum
anderen Extrem über. Die Leute sangen und tanzten und schrieen und
lachten und jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und
jubelten Einer dem Anderen zu, da drüben lägen die Farmen in die sie
jetzt hineinziehn würden, das sei das Land, von dem der ganze Acker nur
1-1/4 Dollar koste, und Einzelne redeten sogar davon sich gleich Papier
und Feder und Dinte geben zu lassen und nach Hause zu schreiben, daß ihr
ganzes Dorf nur gleich herüber käme über's Wasser, und Theil nähme an
der Herrlichkeit.
Die Oldenburger waren die übermüthigsten, und vorn auf der Back, wo sie
sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten und einander immer auf neu
entdeckte Herrlichkeiten des Ufers aufmerksam machten, brach sich ihr
Jubel endlich in einem Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der
Weser einmal gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und
dessen Schlußvers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen lautete:
»In Amerika können die Bauern in den Kuts-chen fahren
In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.
Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu
Und das ist eine herrliche Freu-i-de!«
Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie das s vollkommen
vom ch trennten, während das letzte Wort »Freude« mit aller Kraft der
Stimmen herausgeschrieen wurde, vielleicht den empfundenen Grad von
Seligkeit dadurch anzudeuten.
Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem prächtigen
New-Orleans näherten, desto lebendiger wurde der Strom; die Fahrzeuge,
welche die Verbindung der einzelnen kleinen Städtchen und Plantagen mit
der »City« unterhielten, wurden häufiger -- Dampffähren kreuzten herüber
und hinüber, eine Anzahl kleiner Segelboote führte die Produkte des
Landes nach der Stadt, und überall an den Ufern, an denen reizende
Pflanzerswohnungen unter Blüthenbüschen und Fruchtbäumen versteckt
lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen und Schooner, die
letzteren meist mit Negern und Mulatten bemannt, und die bunten Flaggen
im Winde flatternd.
Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und da tauchten
weiße Häusermassen auf, aus dunklen Streifen bis zum Ufer des Stromes
reichender Waldung immergrüner Magnolien und mächtiger Cottonbäume;
aber das war noch lange nicht New-Orleans, -- die Villen wuchsen zu
Städten an, und immer noch vorbei schäumten sie, aufwärts, aufwärts den
Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte Stämme mit sich führte,
die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett und sie nun
hinabführte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen weit, damit sie
der durch den Ocean hinüberwälze, einem anderen Welttheil zu.
So kam Mittag heran und ging vorüber, während die Passagiere schon
vollständig seit mehr als vier und zwanzig Stunden gerüstet an Deck
auf- und abliefen, und ungeduldig den Zeitpunkt kaum erwarten konnten,
der ihnen erlauben würde dieses wundervolle Land zu betreten.
»Dort liegt New-Orleans!« sagte da der Steuermann, der vorn auf die Back
kam, die dicht gedrängt von Passagieren stand, nach dem Anker und dessen
Befestigung zu sehn. Er deutete dabei mit der Hand nach rechts hinüber,
wo ein weites dünnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont
begrenzte.
»Wo? -- wo?« riefen eine Menge Stimmen durcheinander, und Einer
frug -- es war Löwenhaupt -- »dort drüben, wo das lange Staket ist?«
Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu glaubte aber schon
überflüssig Auskunft gegeben zu haben, und stieg, ohne irgend eine der
tausend an ihn gerichteten Fragen weiter zu beantworten, wieder an
Deck hinunter, nach hinten auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute
bedurften keiner weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gewöhnt
die fernen Gegenstände in ihren einzelnen Umrissen von einander zu
trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar und deutlich
die Masten unzähliger Schiffe, und Kirchthürme und Kuppeln, die sich
scharf gegen den rein blauen Horizont abzeichneten, und bald auch den
letzten Zweifel zerstreuten daß sie sich der Stadt, daß sie sich dem
Ziel ihrer Reise näherten.
Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande der Ordnung gelößt
zu sein und New-Orleans war vergessen, wie das rege bunte Leben um sie
her, an denen noch vor wenig Minuten ihr Blick mit Entzücken und stummem
Staunen gehangen. _An Land:_ jeder andere Gedanke erstarb in dem einen
bewältigenden Gefühl, und jeder einzelne Passagier schien es jetzt ganz
besonders und allein darauf angelegt zu haben, durch Vorziehn seines
Koffers wie sonstigen Gepäcks, seiner Kisten und Hutschachteln, Körbe
und Betten, allen Übrigen den Weg auf das gründlichste zu versperren,
und die schon ohnedieß im Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem
möglich höchsten Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und
Befehlen der Steuerleute; vergebens blieben die Flüche und Verwünschungen
der Matrosen, die bald hier bald da über an Deck geschleppte Kisten
und Kasten stürzten und wegfielen, die Passagiere thaten als ob sie
fürchteten man würde sie nicht von Bord lassen, wenn sie landeten, und
nun Alles vorbereiteten zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging
endlich sogar, was er die ganze Reise über noch nicht ein einziges Mal
gethan, zu ihnen, und erklärte ihnen daß es sehr die Frage sei, ob sie
diese Nacht noch überhaupt an Land dürften, denn die Gesundheits-Policey
in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme dann, ob den
Passagieren eine augenblickliche Landung gestattet werden könne; sie
möchten deshalb sich nicht überall Platz und Weg verstellen, da zehn
gegen eins zu wetten sei, daß sie Beides noch nothwendig brauchen
würden, ehe sie das Schiff verließen. Niemand glaubte ihm.
»_Jetzt_ kommt der alte Hallunke nun wir von Bord wollen« rief Steinert
besonders, doch natürlich erst als der Capitain außer Hörweite war, »und
denkt sich noch beim Abschied einen weißen Fuß bei uns zu machen; redet
süß und dreht den Kopf bald so, bald so herüber. Er soll zum Teufel
gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir wollen.«
Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Strömung gestemmt, und
seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz merklich näher
gebracht. Höher und höher tauchten dabei die Masten aus dem flachen
Lande auf, und dehnten sich in unabsehbarer Reihe am linken Ufer des
Stromes hinauf. Auch gewaltige Häusermassen wurden sichtbar, die in
geschlossenen Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere Grenze
der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von Häusern die mit
ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag ihnen, wie sie den Strom
hinaufschauten, schon gerade gegenüber, von dort ankernden Schiffen
wie mit einem festen Damm umzogen.
Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt, und mit keinem
Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal anzuvertrauen wagte,
die Last allein getragen, bis sie drohte sie zu Boden zu drücken. Mit
dem Bewußtsein welches entsetzliche Verbrechen der Mann verübt, in dessen
Hand sie die ihre am Altar gelegt, war auch der feste unerschütterliche
Entschluß in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als
zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was jetzt
thun? -- in dem fremden Lande allein und freundlos; was beginnen, wie
handeln? -- Zurück zu ihren Eltern kehren? -- alle Pulse ihres Herzens
zogen sie dorthin und es blieb fast kein anderer Ausweg für sie; aber
was würde die Stadt dann sagen, wie würde das müßige Volk die Köpfe
zusammenstecken und lachen und spotten über die »reiche Amerikanische
Braut« die so rasch und allein gebrochenen Herzens zurückgekehrt in das
Haus, das sie in Glück und Glanz verlassen? -- Was kümmerte sie die
Stadt, was herzlose Menschen, die mit kaltem Blut und lachendem Munde
Ruf und Glück einer Welt unter die Füße treten, wenn sie sich eine
Viertel Stunde die Zeit damit vertreiben können, und doch bebte sie
davor zurück -- doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die
einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Märchen und Erdichtungen, alle
die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen die auf ihr Haupt
allein dann fallen würden. Und doch, blieb ihr eine andere Wahl?
Aber noch eine andere Sorge füllte ihr die Brust -- konnte sie so,
unmittelbar in das väterliche Haus zurück? mußte nicht erst ein Brief
wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das Schreckliche? -- Oh wer
rieth -- wer half ihr da? Und ja, _ein_ Wesen war an Bord dem sie ihr
Elend klagen, die sie um Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz.
_Trost_? allmächtiger Gott wo lag ein Trost für die Vernichtete -- doch
Rath, doch Mitgefühl -- ein freundlich, theilnahmvolles Wort als Tropfen
Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere Frau Professor Lobenstein,
die sich ihr stets als mütterliche Freundin gezeigt, der durfte sie
vertrauen was sie zu Boden drückte, was sie nicht mehr allein zu tragen
im Stande war, und ihrem Rath wollte sie folgen -- gehorchen wie ein
Kind der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen
Cajütenwände bestanden nur aus dünnen Planken, die nicht einmal bis oben
hinauf fest anschlossen, sondern dort einen offenen Rand hatten -- die
Nebencoye konnte jedes gesprochene Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck
selbst waren sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans
gelandet? -- wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie nicht gerade
mit Lobensteins das Schiff verließ, und bat sie diese, sich ihrer
Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich der Frau entdeckte, was
hätten sie von ihr denken, was ihrem Gatten gegenüber selber da thun
können?
In Angst und Verwirrung konnte die Unglückliche zu keinem festen Entschluß
kommen, und überließ der Zeit, dem Augenblick, das Weitere -- ja sie
fing endlich an, als ihr die quälenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn
zermartert hatten, gleichgültig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt
ab noch betreffen konnte. -- Das Schrecklichste -- das Furchtbarste war
geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als _der_ Schlag. Nur
das eine stand fest und unerschüttert in ihrer Seele -- mit _ihm_ keinen
Schritt weiter in diesem Leben.
Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben; überall
hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das sie umgab
anstaunten und bewunderten, und einander auf frisch auftauchende
Merkwürdigkeiten mit Hand und Mund aufmerksam machten. Und wie die
Kinder lachten und jubelten sie dabei, und streckten die Arme danach
aus, als ob sie den Augenblick nicht erwarten könnten, der sie endlich,
endlich in wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte.
Da gab der Dampfer ein plötzliches Zeichen mit der Glocke, die Taue an
beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine schwarze Fahrzeug
glitt im nächsten Augenblick, seine Wellen schäumend gegen ihren Bug
anwerfend, zwischen den beiden Kolossen die er heraufführte vor. Zu
gleicher Zeit fast sprangen die Matrosen der beiden deutschen
Auswanderer-Schiffe nach vorn an ihre Anker.
* * * * *
»Steht klar da von der Kette -- zurück da -- fort aus dem Weg!« schrieen
die Seeleute durcheinander, und stießen die Passagiere die nicht gleich
begriffen was sie sollten, und wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft
zur Seite; »Alles klar -- laßt los« kreischte eine Stimme und alles
Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker that, und
dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Klüsenlöcher nachsausenden
Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde geschlagen das Schiff bis in
seinen Kiel hinab erschütterte und -- hielt.
* * * * *
Der Capitain kündigte indessen den jetzt unruhig werdenden Passagieren
an, daß sie hier zu liegen hätten bis das Sanitäts- und Policeyboot an
Bord gewesen wäre, was sehr wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann
völlige Freiheit lassen würde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben
wünschten. Dagegen ließ sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt
wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig
und bunt genug erwieß.
Auf der Straße die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte es von Menschen
und Wägen; Karrenführer brachten auf zweirädrigen Karren mit einem
kräftigen Pferd bespannt, in fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab
gefahren, große Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken
absetzend und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf den
Schultern eilten vorüber, oder standen in lachenden Gruppen an den
Werften. Reiter gallopirten die Straße nieder, kleine Chaisen und Wägen
kreuzten sich herüber, und hinüber, und Negerinnen mit Körben oder
großen Blechkannen auf den Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff
zu Schiff ihre Waaren feil. Und das laute taktmäßige Singen dort drüben,
mit dem »Ahoy-y-oh!« der Matrosen dazwischen? Ein Trupp von halbnackten
Negern lud dort ein französisches Schiff mit großen Zuckerfässern, ein
Vorsänger gab dabei Takt und Versmaas an, und während sechs kräftige
Burschen mit dem rollenden Coloß den hohen Damm der das Ufer einfaßte
herunterliefen, den Aufschlag gegen die schräg zum Schiff emporliegende
Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die Neger, das Faß jedoch
umgebend, daß sie der geringsten Abweichung steuern konnten, darum her,
und warfen sich dann alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie,
und diese nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen,
es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen, als es den Damm
allein herunter gekommen. So geschickt benahmen sich die Leute dabei,
und so anscheinend leicht lief ihnen das kolossale Faß unter den Händen
fort, daß die Arbeit wie Spiel aussah; hätten sie aber die furchtbar
schweren und nicht einmal ganz gefüllten Fässer, in denen der rohe
Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen, kaum
doppelt die Zahl würden sie dann an Bord gebracht haben.
Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin das Auge blickte ein
reges Drängen und Treiben von Dampf-und Segelschiffen, und schwerfälligen
breitmächtigen Ruderbooten und Flößen, die mit der Strömung hinab, tiefer
gelegenen Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was für Colosse trug
dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und hatten Ursache dazu,
als breite Dampfboote den Strom nieder kamen, die schwimmenden Bergen
aufgethürmter Baumwollenballen glichen, aus denen oben, während sie
bis unmittelbar über die Oberfläche des Wassers reichten, nur eben die
beiden schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen auf
Ballen war da gepackt, regelmäßig wie Backsteine in einer Mauer, von dem
Rand des unteren Verdecks gerade und steil emporlaufend, daß selbst das
kleine, vorn oben auf dem höchsten Deck stehende Lootsenhaus nur eine
Öffnung zum Durchschauen hatte, und Cajüte wie Zwischendeck von einer
unerbittlichen Baumwollenwand umschlossen blieb.[4] Die Erndte brachten
sie nieder aus den reichen Plantagen der südlichen Staaten, aus Tenessee
und Arkansas, Mississippi und Louisiana, hier in Schiffe gestaut und
über die Welt versandt zu werden, während die gewaltigen Boote schon
nach wenigen Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten
der Tropenländer beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks mit
Passagieren gefüllt, die Rückreise nach den nördlichen Staaten antraten.