Mit einigen speziellen vielfachen Transformationen des Raumes haben sich

Reye[598] und Segre[599] beschaeftigt und von ihnen elegante Anwendungen

gemacht. Aschieri[600] uebertrug eine spezielle ebene zweifache

Transformation, welche Paolis bearbeitet hatte, auf den Raum und dehnte

auch die {97} Anwendungen, die jener davon gemacht hatte, auf die

Nicht-Euklidische Geometrie aus. Allgemeine Untersuchungen auf diesem

Gebiete haben wir jedoch keine ausser den wenigen, die in einer kurzen

Arbeit von Reye[601] aufgezeichnet sind, und den sehr wichtigen ueber die

doppelten Transformationen des Raumes von Paolis.[602] Wir zweifeln nicht,

dass diese und jene als Grundlage einer allgemeinen Theorie der zweifachen

Transformationen, die wir noch erwarten, dienen koennen; und wir erwarten

dieselbe mit Ungeduld, da wir sicher sind, dass dieselbe der Geometrie

nicht geringere Dienste leisten wird, als die sehr bekannten, die ihr durch

die birationalen Transformationen geleistet sind, und jene, die, wie Paolis

bemerkt, die doppelten leisten koennen.

Neben die vielfachen Korrespondenzen zwischen zwei Raeumen von Punkten

(oder Ebenen) kann man die zwischen einem Punktraume und einem Ebenenraume

stellen. Untersucht wurden dieselben fuer den Fall, dass durch jeden Punkt

die entsprechenden Ebenen gehen und in jeder Ebene die entsprechenden

Punkte liegen. Zusammen betrachtet bilden die zwei Raeume ein hoeheres

Nullsystem oder Punktebenensystem. Die Theorie dieser Systeme ist in diesen

letzten Jahren besonders durch die Arbeiten von Ameseder,[603] von

Sturm[604] und Voss[605] hervorgetreten, waehrend Reye[606] das Verdienst

zukommt, den Begriff des gemeinen Nullsystemes[607] zuerst, doch in einer

anderen Weise -- die entsprechenden Elemente sind nicht Punkte und Ebenen,

sondern Flaechen zweiter Ordnung und zweiter Klasse -- erweitert zu haben.

{98}

* * * * *

VII.

Geometrie der Geraden.

------

Die griechische Geometrie betrachtet den Punkt als das erzeugende Element

aller Figuren; die analytische Geometrie des Cartesius machte die

Bestimmung des Punktes zur Grundlage aller ihrer Rechnungen. Das Prinzip

der Dualitaet fuehrte nun die Gelehrten zu dem Schluesse, dass die Gerade

in der Ebene und die Ebene im Raume mit gleichem Rechte und gleichem

Erfolge, wie der Punkt, die Rolle spielen koenne, die bis jetzt dieser in

der Geometrie inne gehabt, und fuehrte in der Folge dazu, die Gerade und

die Ebene als Elemente der Ebene und des Raumes anzunehmen und ein neues

System der (synthetischen und analytischen) Geometrie aufzustellen. Das

Verdienst dieses bemerkenswerten Fortschrittes gebuehrt groesstenteils

Pluecker.[608]

Aber ganz auf Pluecker faellt der Ruhm, ein drittes die raeumlichen Gebilde

erzeugendes Element -- die Gerade -- eingefuehrt und auf eine solche

Betrachtung eine neue Geometrie des Raumes begruendet zu haben. Dieser

beruehmte Gelehrte kehrte, nachdem er fast zwanzig Jahre hindurch die

Geometrie verlassen hatte, um seine bedeutenden Geisteskraefte der Physik

zu widmen, zu der Wissenschaft zurueck, die ihm urspruenglich seinen Ruhm

gesichert hatte, um sie {99} mit einer neuen und wichtigen Disziplin zu

beschenken, mit "der Geometrie der Geraden".

Die ersten Mitteilungen ueber diesen Gegenstand, die im Jahre 1865 der

Koeniglichen Gesellschaft zu London[609] von dem grossen deutschen Geometer

gemacht wurden, enthalten die Saetze ueber einige allgemeine Eigenschaften

der Komplexe, Kongruenzen und Regelflaechen und einige spezielle

Eigenschaften der linearen Komplexe und Kongruenzen;[610] die Beweise

derselben sind nur angedeutet und sollen, nach Angabe des Autors,

vermittelst der Koordinaten einer Geraden im Raume gefuehrt werden, die er

als einen eigenen Gedanken eingefuehrt hatte, die man spaeter aber als

Spezialfall dessen erkannte, was schon Cayley[611] aufgestellt hatte, um

vermittelst einer einzigen Gleichung eine beliebige Kurve im Raume

darstellen zu koennen.

Diese Mitteilungen veranlassten ploetzlich eine Reihe wichtiger Arbeiten,

in denen Battaglini nicht nur, was Pluecker behauptet hatte, sondern auch

viele Lehrsaetze bewies, die sich auf die Komplexe zweiten und hoeheren

Grades beziehen.[612] -- Indessen hatte Pluecker schon die von ihm {100}

skizzierten Gedanken ausgefuehrt und in dem Werke vereinigt, welches den

Titel traegt: _Neue Geometrie des Raumes, gegruendet auf die Betrachtung

der geraden Linie als Raumelement._[613]

Von diesem Buche zu sagen, dass es in allen seinen Teilen gleich wichtig

und interessant sei, wuerde eine der Wahrheit nicht entsprechende

Behauptung sein. Pluecker schaetzte nicht die Eleganz der Rechnung, an die

wir durch Lagrange, Jacobi, Hesse, Clebsch gewoehnt sind; er teilte

sicherlich nicht mit Lame[614] die Ansicht, dass "die Bezeichnung fuer die

Analysis das sei, was die Stellung und Wahl der Worte fuer den Stil ist";

bei ihm brauchte die Rechnung nur der einen Bedingung zu genuegen, naemlich

schnell zur Loesung der ins Auge gefassten Probleme zu fuehren. Dieser

Mangel, der allen Arbeiten von Pluecker gemeinsam ist, macht sich lebhafter

in dem letzten Werke bemerklich, welches einen Wettstreit eingehen sollte

mit Mustern der Eleganz, wie den _Vorlesungen ueber analytische Geometrie

des Raumes_ von Hesse und den _Vorlesungen ueber Dynamik_ von Jacobi, die

kurz vorher (1861 und 1866) herausgekommen waren. Ausser diesem nicht

geringen Mangel ist ein anderer noch bedeutenderer dadurch entstanden, dass

Pluecker lange Zeit hindurch es vernachlaessigt hatte, den Fortschritten

der Geometrie nachzugehen. Infolge dieser einseitigen Ausbildung finden wir

in seinem Buche eine Menge von Untersuchungen, die uns nicht mehr

interessieren, da sie unter andere allgemeinere, schon gemachte fallen,

eine grosse Anzahl von Spezialfaellen, von deren Wichtigkeit wir uns nicht

ueberzeugen koennen, eine Menge von komplizierten Formeln, deren Nutzen wir

nicht einsehen. Trotz dieser Fehler -- die ich anfuehren muss, um die

geringe Anzahl der Leser, die sie heute findet, zu begruenden -- kann man

nicht verkennen, dass die letzte Arbeit von Pluecker reich an originellen

Blicken ist, und es wuerde die Lektuere derselben jedem zu raten sein, der

das Studium dieses Teiles der Geometrie unternehmen will, wenn nicht die

Nachfolger {101} Plueckers seine Untersuchungen in besserer Form

auseinandergesetzt und mit anderen Methoden ausgefuehrt, und jene Gedanken,

die er nur hingeworfen hat, groesstenteils entwickelt haetten.

Pluecker hatte nicht die Zeit, die Theorie der Komplexe zweiten Grades zu

vollenden, da der Tod ihn traf, als er gerade im Begriffe stand, den

zweiten Teil seines Buches zu veroeffentlichen; aber die Untersuchungen,

die er unvollendet zurueckliess, wurden von seinem Schueler F. Klein[615]

zu Ende gefuehrt. Ihm verdanken wir nicht nur den allgemeinen Begriff der

Koordinaten einer Geraden und eine Anzahl sehr schoener Lehrsaetze ueber

die Komplexe zweiten Grades, sondern auch verschiedene allgemeine und

ausserordentlich fruchtbare Ideen ueber die Geometrie der Geraden. In der

That ist es Klein, der, einen Gedanken seines Lehrers praezisierend, die

Bemerkung machte, dass man die Geometrie der Geraden ansehen koenne als das

Studium einer quadratischen Mannigfaltigkeit von vier Dimensionen,

enthalten in einem linearen Raume von fuenf Dimensionen, und zeigte, dass

jeder Komplex durch eine einzige Gleichung zwischen den Koordinaten einer

Geraden darstellbar ist. Dass diese Bemerkung und dieser Lehrsatz von der

groessten Bedeutung fuer den Fortschritt der Geometrie der Geraden seien,

wurde in glaenzender Weise durch die schoenen Untersuchungen meines lieben

Freundes Segre[616] gezeigt, die mit denen von Klein innig zusammenhaengen.

Gleichzeitig mit Klein beschaeftigten sich Pasch,[617] Zeuthen,[618]

Drach,[619] spaeter auch Paolis[620] wiederholt {102} mit der Geometrie der

Geraden, indem sie verschiedene Fragen derselben vermittelst homogener

Koordinaten behandelten. Clebsch[621] wandte auf diese Theorie die Methode

der abgekuerzten Bezeichnung an; im Jahre 1873 vervollstaendigte

Weiler[622] die Einteilung der Komplexe zweiten Grades nach den Begriffen,

die Klein in seiner Dissertation angegeben hatte. Voss[623] studierte in

einer Reihe sehr wichtiger Abhandlungen die Singularitaeten der Systeme von

Geraden; Halphen bestimmte die Zahl der Geraden des Raumes, welche vorher

aufgestellten Bedingungen genuegen;[624] Noether,[625] Klein[626] und

Caporali[627] beschaeftigten sich mit der Abbildung der Komplexe ersten und

zweiten Grades auf den gewoehnlichen Raum, Aschieri mit der einiger

spezieller Komplexe;[628] Lie stellte den innigen Zusammenhang, der

zwischen der Geometrie der Kugel und der Geometrie der Geraden besteht, ins

Licht;[629] Reye endlich studierte die Formen der allgemeinen quadratischen

Komplexe.[630] Nur mit Hilfe der synthetischen Geometrie wurde unsere

Theorie von Chasles studiert[631] -- schon 1839 --, von Reye,[632] {103}

von Silldorf,[633] Schur,[634] Bertini,[635] von d'Ovidio[636] und von W.

Stahl;[637] Buchheim[638] bediente sich der Quaternionen, um die

hauptsaechlichsten Eigenschaften der linearen Kongruenzen zu beweisen,

waehrend viele Fragen aus der Infinitesimalgeometrie, die sich auf Systeme

von Geraden beziehen, gluecklich in einigen Abhandlungen von Mannheim,[639]

Lie,[640] Klein,[641] Picard[642] und Koenigs[643] geloest wurden.

Schliesslich wurden einige spezielle Komplexe studiert von Aschieri,[644]

Painvin,[645] von Reye,[646] Lie,[647] Weiler,[648] Roccella,[649] von

Hirst,[650] Voss,[651] Genty,[652] Montesano,[653] von Segre und von

mir.[654]

Neben der reichhaltigen Schar von Schriften, die wir dem von Pluecker

gegebenen Anstosse verdanken, muessen wir noch eine andere ebenso

glaenzende erwaehnen, die aber {104} von ganz anderer Art ist. Sie umfasst

die Arbeiten von Dupin,[655] Malus[656] (1775-1811) und Ch. Sturm[657]

(1803-1855), Bertrand,[658] Transon[659] ueber die Normalen von

Oberflaechen und ueber die mathematische Theorie des Lichtes, dann die von

Hamilton (1805-1865) ueber Systeme von Strahlen.[660] Diese Arbeiten finden

ihre Kroenung in zwei beruehmten Abhandlungen, die von Kummer in den Jahren

1857 und 1866 veroeffentlicht sind.

In der ersteren, die im _Journal fuer Mathematik_[661] abgedruckt ist, hat

sich Kummer die Aufgabe gestellt, durch eine einheitliche und einfachere

Methode die Resultate von Hamilton darzulegen und sie in den Punkten, wo

sie mangelhaft erschienen, zu vervollstaendigen.[662]

In der zweiten,[663] die noch wichtiger ist, stellte er sich, nach einigen

schoenen allgemeinen Untersuchungen ueber die Zahl der Singularitaeten

eines Systemes von Strahlen und seiner Brennflaeche, und loeste die Frage,

alle algebraischen Systeme von Strahlen erster und zweiter Ordnung zu

bestimmen, d. h. solche, bei denen durch jeden Punkt des Raumes einer oder

zwei Strahlen des Systemes hindurchgehen.

Ich moechte wuenschen, dass mir hinreichender Raum zu Gebote staende, um

den Leser in den Stand zu setzen, die ausgezeichneten Verdienste dieser

klassischen Arbeit hoch {105} zu schaetzen, um ihn an der tiefen

Bewunderung teilnehmen zu lassen, die ich fuer sie empfinde; ich moechte

ihn sehen lassen, mit welch ausserordentlicher Gewandtheit der Verfasser

zur Bestimmung aller Strahlensysteme erster und zweiter Ordnung zu gelangen

weiss, zu den Gleichungen, die sie und ihre Brennflaechen darstellen

(welches jene Oberflaechen vierter Ordnung mit Doppelpunkten sind, die ich

Gelegenheit hatte, im Abschnitt III zu erwaehnen), zu den Singularitaeten

der Systeme, den Konfigurationen, die sie bilden, zum Zusammenhange

zwischen ihnen und den Singularitaeten der Brennflaeche u. s. w. Aber da

die Bemessenheit des Raumes es mir verbietet, so muss ich mich darauf

beschraenken, den Wunsch auszusprechen, dass dieser mein kurzer Ueberblick

es bewirken koenne, dass bei jedwedem das Verlangen entsteht, die

Untersuchungen Kummers selbst kennen zu lernen und den Weg zu verfolgen,

den er mit solchem Gluecke eingeschlagen hat; ich spreche diesen Wunsch

aus, da mich die Beobachtung schmerzlich bewegt, dass in den zwanzig

Jahren, die schon seit dem Erscheinen der Kummerschen Arbeit verflossen

sind, es noch nicht gelungen ist, eine solche Theorie, die sich so

fruchtbar an schoenen Resultaten gezeigt hat, in einer bemerkenswerten

Weise zu foerdern.[664]

{106}

* * * * *

VIII.

Nicht-Euklidische Geometrie.

------

Die letzte Kategorie von Arbeiten, mit denen ich mich zu beschaeftigen

habe, umfasst eine Reihe von Untersuchungen, die zu lebhaften Diskussionen

Veranlassung gegeben haben und -- wunderbar zu sagen -- eine Zeit lang die

Mathematiker in zwei Feldlager geteilt haben, "das eine gewappnet gegen das

andere";[665] heutzutage bilden sie denjenigen Teil der Wissenschaft des

Raumes, den man "Nicht-Euklidische Geometrie" und "Theorie der beliebig

{107} ausgedehnten Mannigfaltigkeiten" oder "Geometrie von n

Dimensionen"[666] nennt.

Jeder weiss, dass unter allen Saetzen, die in den _Elementen_ des Euklid

enthalten sind, es einen giebt,[667] der nur schlecht dazu passt, wie es

der griechische Geometer gethan hat, unter die Axiome oder die Postulate

gestellt zu werden.[668] Derselbe ist von grosser Wichtigkeit im

Euklidischen System, da auf ihn, wie man sagen kann, die ganze Theorie der

Parallelen gegruendet ist. Weil es nun nicht auf Grund unmittelbarer

Anschauung gerechtfertigt ist, ihn unter diejenigen Saetze zu zaehlen, fuer

welche es vergeblich ist, einen Beweis zu fordern, so kam man auf die

Frage, ob er in der That unbeweisbar sei, und ob man nicht, wenn das der

Fall sein sollte, ihn unterdruecken und durch einen anderen ersetzen

koenne, dessen Wahrheit offenbarer sei?

Diese Fragen sind ein natuerlicher Ausfluss unseres Zeitalters, von welchem

eine der hervorragendsten Eigentuemlichkeiten (wie Humboldt bemerkt) die

unparteiliche Kritik alles dessen ist, was uns die Vergangenheit

hinterlassen hat; sie muessen als der erste Ursprung der Nicht-Euklidischen

Geometrie angesehen werden.

Die ersten wichtigen Studien auf diesem Gebiete wurden gegen Ende des

vergangenen Jahrhunderts von Legendre[669] {108} gemacht. Dieselben

stellten den Zusammenhang klar, der zwischen dem Postulate des Euklid und

dem Satze besteht, der sich auf die Winkelsumme eines Dreiecks bezieht, und

fuehrten Legendre dazu, nicht nur jenes Postulat durch ein anderes viel

wichtigeres zu ersetzen, sondern auch eine Geometrie zu entwerfen, die von

eben demselben Postulate unabhaengig ist.[670]

Nahe zur selben Zeit wie Legendre, befasste sich Gauss mit dieser Frage.

Gleichwohl hat er niemals irgend eine Arbeit auf diesem Gebiete

veroeffentlicht; seine Korrespondenz mit Schumacher[671] und mit Wolfgang

Bolyai (1775-1856)[672] und einige bibliographische Artikel von ihm[673]

{109} bezeugen nicht nur das Interesse, das er dafuer besass, sondern

bekunden auch die reiche Ernte von Wahrheiten, die er auf diesem, wie auf

den anderen von ihm bebauten Feldern eingebracht hat. Und als die Schriften

von Lobatschewsky (1793-1856)[674] und Johann Bolyai (1802-1860)[675] ueber

diesen Gegenstand erschienen, da sanktionierte der Fuerst der deutschen

Mathematiker mit seiner Autoritaet die Ergebnisse, welche dieselben

erhalten hatten. Man kann diese Ergebnisse zusammenfassen, indem man sagt,

dass dieselben die Grundlage einer neuen Geometrie sind, die vollstaendig

unabhaengig ist von dem Postulate des Euklid (die Nicht-Euklidische

Geometrie, oder imaginaere oder auch Pangeometrie), die in gewissen Punkten

mit der gewoehnlichen Geometrie uebereinstimmt, jedoch in vielen anderen

sich von ihr unterscheidet, -- eine Geometrie, die eine Zeit lang einige

als absurd verbannt haben wollten, da sie den von einer nur

oberflaechlichen Sinneswahrnehmung bezeugten Erscheinungen widerspricht,

die aber heute allgemein angenommen ist, da ihr logischer Wert ausser

Zweifel gestellt ist.[676]

{110}

Zu diesem Siege der Logik ueber den uebertriebenen Empirismus haben in sehr

wirkungsvoller Weise einige Schriften von grosser Bedeutung beigetragen,

die Riemann (1827-1866), von Helmholtz und Beltrami in den Jahren 1867 und

1868 veroeffentlichten.

Die Riemannsche Schrift: _Ueber die Hypothesen, welche der Geometrie zu

Grunde liegen_[677] -- zwoelf Jahre vor ihrer Veroeffentlichung geschrieben

-- war und ist noch durch die Allgemeinheit der Begriffe und die Knappheit

der Form selbst fuer diejenigen, welche in der Mathematik schon

vorgeschritten sind, von schwierigem Verstaendnisse. Jedoch ein grosser

Teil der Ideen, welche dieselbe enthaelt, verbreiteten sich sehr bald, da

sie, durch ein glueckliches Zusammentreffen, auch von Helmholtz

ausgesprochen wurden, und dieser sie nicht nur den Mathematikern in rein

wissenschaftlicher Form darlegte,[678] sondern auch in populaeren

Vortraegen und Artikeln in verschiedenen Zeitschriften auch ausserhalb des

engeren Kreises der Geometer behandelte.[679] Keinen geringeren Einfluss

aber als die Schriften des beruehmten Verfassers der _Physiologischen

Optik_ uebte der klassische _Saggio di interpretazione della Geometria

non-euclidea_[680] von Beltrami aus. Gerade die Schaerfe und analytische

Eleganz, welche diese Schrift auszeichnen, lenkte die Aufmerksamkeit der

Geometer auf dieselbe; das glaenzende und ueberraschende Resultat, dass die

Saetze der Nicht-Euklidischen Geometrie ihre Verwirklichung auf den

Oberflaechen mit konstanter negativer Kruemmung fanden, machte einen tiefen

Eindruck auch auf diejenigen, welche jeder nicht durch das {111} Experiment

bewiesenen Behauptung allen Wert absprachen, und sicherte den Triumph der

neuen Anschauungen; endlich -- die dort verteidigten gesunden Prinzipien

einer wissenschaftlichen Philosophie und die glaenzende Form, in welcher

die Abhandlung geschrieben ist, liessen und lassen noch bei allen eine

lebhafte Bewunderung fuer unseren beruehmten Landsmann entstehen, durch

dessen Bemuehung wiederum einmal die Wahrheit den Sieg davontrug.

Dass die Arbeiten dieser drei grossen Gelehrten einen wohlthaetigen

Einfluss auf die ganze Geometrie ausgeuebt haben, hat sich zur Evidenz

durch die Aenderung gezeigt, welche sich in bezug auf die Art und Weise

vollzogen hat wie man heutzutage die ihr zu Grunde liegenden Saetze

betrachtet.[681] Wenn frueher die Geometer den Philosophen die Sorge

ueberliessen, zu entscheiden, ob die Wahrheiten, mit denen sie sich

beschaeftigten, notwendige oder zufaellige seien, und dahin neigten,

dieselben als notwendige zuzulassen, so streben sie jetzt, nachdem die

empirische Grundlage der Geometrie erkannt ist, fortwaehrend darnach, genau

festzusetzen, welche Thatsachen man der Sinneswahrnehmung entnehmen muss,

um eine Wissenschaft der Ausdehnung zu gruenden.[682] Wer die schoenen

_Vorlesungen ueber neuere {112} Geometrie_ (Leipzig, 1882) von Pasch liest,

die neueren Lehrbuecher prueft und diese und jene mit den aelteren Buechern

vergleicht, wird wesentliche Unterschiede finden.

In den aelteren Werken giebt der Lehrer die Voraussetzungen, die er nicht

beweist, als notwendige, ewige und unanfechtbare Wahrheiten, in den neueren

fuehrt er sozusagen den Schueler dazu, die noetigen Erfahrungen

auszufuehren, um die Praemissen der spaeteren Deduktionen festzustellen. In

den aelteren Arbeiten stellt der Verfasser die Euklidische Geometrie als

die einzig denkbare hin, in den neueren als {113} eine der unendlich

vielen, die man aufstellen koennte. Und diese Unterschiede bezeichnen einen

thatsaechlichen Fortschritt, da sie zeigen, dass die Gelehrten sich von

einem alteingewurzelten und schaedlichen Vorurteile frei gemacht haben; und

fuer den Fortschritt der Wissenschaft hat die Erkenntnis eines Irrtums eine

nicht geringere Wichtigkeit, als die Entdeckung einer Wahrheit.

Kurz nach der Veroeffentlichung der Arbeit von Beltrami erschien eine von

F. Klein,[683] die auch von grosser Wichtigkeit ist; aber um die Stellung

zu kennzeichnen, welche dieselbe in der Geschichte der Nicht-Euklidischen

Geometrie einnimmt, muss ich mich einige Jahrzehnte rueckwaerts wenden.

Es ist bekannt, dass infolge des _Traite des proprietes projectives des

figures_ eine Unterscheidung aufgestellt wurde zwischen den Eigenschaften

der Figuren, die erhalten bleiben, wenn diese projiziert werden, und

solchen, die nicht erhalten werden; es ist ferner bekannt, dass unter den

ersteren alle Lagen-Eigenschaften, aber nur einzelne metrische

Eigenschaften begriffen sind. Nun stellten die Geometer sich die Frage, ob

es nicht moeglich sei, die metrischen Eigenschaften der Figuren so

auszusprechen, dass sie bei der Projektion saemtlich erhalten werden. Fuer

einige Arten der Projektion haben Chasles und Poncelet die Frage geloest,

indem sie den Begriff der unendlich fernen Kreispunkte der Ebene und des

unendlich entfernten imaginaeren Kreises einfuehrten; fuer andere wurde die

Loesung von Laguerre[684] gegeben, dem es gelang, den Begriff des Winkels

projektiv zu machen; aber derjenige, welcher die Loesung in ihrer ganzen

Allgemeinheit gab, war Cayley[685] (1859), der in dem sechsten von seinen

beruehmten _Memoirs upon Quantics_ zeigte, dass jede metrische Eigenschaft

einer ebenen Figur als in einer {114} projektiven Beziehung zwischen dieser

und einem festen Kegelschnitte enthalten betrachtet werden koenne.

Nun besteht der Hauptzweck der angefuehrten Abhandlung von Klein eben

darin, die innige Beziehung zwischen den Schluessen Cayleys und denen, zu

welchen Bolyai und Lobatschewsky gelangt waren, herzustellen; auf welche

lichtvolle Weise dieses Ziel erreicht ist, das beweist der grosse Ruhm, zu

dem diese Schrift alsbald gelangte.[686]

An diese Schriften schliessen sich viele andere; an die von Riemann und

Beltrami einige interessante Arbeiten von de Tilly,[687] Genocchi,[688] von

Escherich[689] und Bianchi;[690] an die von Klein verschiedene Abhandlungen

von Battaglini,[691] d'Ovidio,[692] de Paolis[693] und Aschieri,[694]

Cayley,[695] Lindemann,[696] Schering,[697] von Story,[698] {115} H.

Stahl[699] und Voss,[700] von H. Cox[701] und A. Buchheim.[702]

Die mathematische Litteratur der allerneuesten Zeit jedoch ist nicht sehr

reich an Forschungen auf diesem Gebiete;[703] es hat den Anschein, als wenn

jenes Zeitalter, welches man das heroische nennen koennte, und durch

welches jede Disziplin einmal hindurchgeht, schon von der

Nicht-Euklidischen Geometrie durchlaufen sei. Sollten vielleicht die

unermuedlichen Arbeiter der beiden Jahrzehnte 1860-1880 die Minen in jeder

Richtung so gruendlich durchwuehlt haben, dass sie keine goldfuehrende Ader

mehr bergen?

* * * * *

IX.

Geometrie von n Dimensionen.

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Die hauptsächlichsten Theorien der Geometrie · 第 5 / 12 段