Nach diesen Arbeiten muessen wir, um einen wirklich bemerkenswerten

Fortschritt in der Theorie, welche uns beschaeftigt, zu finden, uns zu

Halphen und Noether wenden, deren Abhandlungen[465], im Jahre 1882 von der

Akademie zu Berlin mit dem Preise gekroent, die Grundlage fuer eine

allgemeine Theorie der Raumkurven sind; denn sie behandeln die Probleme:

"alle voneinander verschiedenen Kurven von gegebener Ordnung zu bestimmen",

"anzugeben, welche Kurven es auf einer gegebenen Oberflaeche giebt" und

noch viele andere von nicht geringer Bedeutung. Diese beiden Arbeiten

verschlingen sich so enge und durchdringen sich so innig, dass es sehr

schwer wird, zu entscheiden, welcher Anteil jedem der beiden Autoren in den

vielen gemeinsamen {75} Resultaten zufaellt, die sie enthalten. Wenn

einerseits Noether die Theoreme, welche Ende des Jahres 1870 von Halphen in

den _Comptes rendus_ und an anderen Stellen[466] ausgesprochen sind,

ausbeuten konnte, so konnte dieser sich der Saetze bedienen, welche in der

sehr bedeutenden Abhandlung von Brill und Noether, _Ueber die algebraischen

Funktionen und ihre Anwendung in der Geometrie_[467] enthalten sind, und in

derjenigen, in welcher Noether streng den Fundamentalsatz der Theorie der

algebraischen Funktionen dargethan hatte, welcher in der Auseinandersetzung

von Halphen unumgaenglich notwendig war.[468] Und man glaube nicht, dass

die von den beiden Geometern bei ihrem Thema eingeschlagenen Wege im

wesentlichen verschieden gewesen seien, vielmehr benutzten sie beide (wie

Cayley geraten hatte) Monoide, und wenn der eine vorzugsweise Formeln und

Saetze aus der Theorie der Abelschen Integrale gebraucht, so wendet der

andere solche Lehrsaetze ueber die algebraischen Funktionen an, welche zu

denselben Eigenschaften fuehren. Jedenfalls steht es ausser Zweifel, dass

diese beiden hervorragenden Produktionen unseres Zeitalters bestimmt sind,

die Grundlage fuer die zukuenftigen geometrischen Untersuchungen zu bilden,

und wenn bis jetzt sich ihr Einfluss noch nicht so allgemein geltend

gemacht hat, so ist dieses vorzugsweise den grossen Schwierigkeiten

zuzuschreiben, die ihr Gegenstand noch immer darbietet, und vielleicht auch

den Luecken, die in den Methoden vorhanden sind, die man zu Hilfe nehmen

koennte, um jene zu ueberwinden.[469]

{76}

Aber vor der Begruendung der allgemeinen Theorie wurden viele einzelne

Kurven einem genaueren Studium unterworfen; da ich aber wuensche, mehr als

getreuer, denn als glaenzender Geschichtsschreiber angesehen zu werden, so

muss ich hier eine Aufzaehlung der Arbeiten unternehmen, in welchen die

hervorragenderen unter diesen Untersuchungen enthalten sind.

"_Degli altri fia laudabile il tacerci,_

_Che il tempo saria corto a tanto suono._"[470]

Unter ihnen verdienen den ersten Platz diejenigen, welche die kubischen

Raumkurven behandeln. Ueber diese haben Moebius[471] und Chasles[472]

verschiedene sehr schoene Eigenschaften aufgefunden; dieselben vermehrten

sich mit solcher Schnelligkeit, dass Staudt[473] binnen kurzem die

vollstaendige Analogie, die zwischen ihnen und den Kegelschnitten besteht,

feststellen konnte; diese Analogie hat sich von Tag zu Tag mehr

vervollkommnet, dank den Studien von Seydewitz,[474] Joachimsthal[475]

Cremona,[476] {77} Schroeter,[477] Reye,[478] Emil Weyr,[479] Sturm,[480]

Hurwitz,[481] welche nicht allein die Aufstellung einer vollstaendigen

synthetischen Behandlung dieser Kurven gestatten, sondern auch das Terrain

fuer die so elegante analytische Auseinandersetzung ebneten, die mein

innigst geliebter Lehrer E. d'Ovidio[482] und Pitarelli[483] gemacht haben.

Dann will ich die Theorie der unebenen, auf einem einschaligen Hyperboloide

gezeichneten Kurven anfuehren, fuer welche Chasles[484] das Fundament

gelegt hat, und die von unserem Cremona[485] so sehr bereichert ist. Ferner

will {78} ich der vielen Eigenschaften erwaehnen, welche Poncelet,[486]

Chasles,[487] Cremona,[488] Reye,[489] Paul Serret,[490] Laguerre,[491]

Milinowski[492] und viele andere ueber die Raumkurven vierter Ordnung

erster Art gefunden haben, und die schoenen Anwendungen, die sie fuer die

Theorie der zweifach periodischen Funktionen geliefert haben, --

Harnack,[493] Lange,[494] Westphal,[495] Leaute[496] u. s. w. Auch kann ich

die schoenen Arbeiten von Cremona,[497] von Armenante,[498] Bertini[499]

und Em. Weyr[500] ueber die Raumkurven vierter Ordnung zweiter Art nicht

stillschweigend uebergehen, ferner nicht die von Klein und Lie ueber die

durch unendlich viele lineare Transformationen in sich selbst

transformierten {79} Kurven,[501] noch auch die von Fiedler[502]

angestellte Bestimmung der Kurven von nicht hoeherer als neunter Ordnung,

die zu ihren eigenen Tangenten-Developpabelen dual sind. Und wie koennte

ich es unterlassen, einen Blick auf die grosse Zahl von Kurven zu werfen,

welche Cremona und Sturm[503] studiert haben, indem sie sich mit der

Geometrie auf einer Oberflaeche dritter Ordnung beschaeftigten, dann auf

die wichtigen Probleme, die von Clebsch und seinen Schuelern ueber die

rationalen,[504] elliptischen und hyperelliptischen[505] Kurven geloest

sind, und die eleganten Eigenschaften, welche Bertini[506] an den

rationalen Kurven fuenfter Ordnung auffand, sowie W. Stahl[507] bei

denjenigen, deren Punkte auf einer Oberflaeche zweiten Grades liegen,

waehrend die Oskulationsebenen eine solche zweiter Klasse beruehren?

Indem der unerfahrene Leser so bedeutende und so verschiedene

Untersuchungen aufzaehlen hoert, wird er sich von einem gewissen Kleinmute

bedraengt fuehlen und sich fragen, wie es in kurzer Zeit moeglich sei,

dieselben, wenn auch nicht alle, so doch groesstenteils sich anzueignen?

Man beruhige sich. Die Uebersicht ist fuer den Studierenden viel weniger

schwierig, als es nach meiner Besprechung scheinen koennte. Die von den

Geometern der ersten Haelfte unseres Jahrhunderts aufgestellten Prinzipien

sind so fruchtbar, dass, wenn jemand sich dieselben gruendlich zu eigen

gemacht hat, er nicht allein selbst viele weitere Untersuchungen ableiten,

sondern auch noch darnach streben kann, die Wissenschaft selbst weiter zu

foerdern. Und dieses -- was sicherlich ein {80} nicht zu unterschaetzender

Vorzug der heutigen Wissenschaft vor der unserer Vaeter ist -- wurde in

Kuerze von einem ihrer Gruender mit den fortan klassischen Worten

ausgesprochen: _"Peut donc qui voudra dans l'etat actuel de la science

generaliser et creer en geometrie; le genie n'est plus indispensable pour

ajouter une pierre a l'edifice"_,[508] goldene Worte, welche jeder, der

Mathematik betreiben will, sich einpraegen muss; indem sie ihn auf einen

wahrscheinlichen Sieg hoffen lassen, werden sie ihn anspornen, sich mutig

den geistigen Kaempfen entgegenzustellen, die ihn erwarten.

* * * * *

VI.

Abbildungen, Korrespondenzen, Transformationen.

------

Bei dieser fluechtigen Musterung der neuesten geometrischen Entdeckungen

gelangen wir nun zur Lehre von den Abbildungen, Korrespondenzen und

Transformationen. -- Es ist bekannt, dass zwischen zwei ebenen Punktfeldern

eine Korrespondenz (Verwandtschaft) besteht, wenn jedem Punkte des einen

eine Gruppe von Punkten des anderen zugeordnet ist; diese heissen dann die

"entsprechenden" zu jenem. Wenn im speziellen Falle jeder Punkt des einen

Feldes einen einzigen entsprechenden in dem anderen hat, so heisst die

Korrespondenz "eindeutig".

Die einfacheren Faelle der eindeutigen Korrespondenz sind die Homologie --

von Poncelet studiert (1822) -- und die Kollineation (Homographie), von

Moebius (1827), Magnus (1833) und Chasles (1837) studiert. In diesen

Faellen entspricht nicht nur jedem Punkte ein Punkt, sondern {81} auch

jeder Geraden eine Gerade. -- Ein Beispiel einer komplizierteren

Korrespondenz wurde von Steiner (1832) durch folgende Konstruktion

erhalten:[509] Gegeben sind zwei getrennte Ebenen und zwei windschiefe

Geraden; durch jeden Punkt der einen von jenen ziehe man die Gerade, welche

die beiden gegebenen Geraden schneidet, und bestimme den Schnittpunkt mit

der anderen Ebene. Indem man diesen Schnittpunkt dem in der ersten Ebene

gewaehlten Punkte zuordnet, erhaelt man eine eindeutige Beziehung von der

Art, dass jeder Geraden in der einen Ebene ein Kegelschnitt in der anderen

entspricht. Laesst man nun die beiden Ebenen zusammenfallen, so erhaelt man

eine Korrespondenz, welche im wesentlichen nicht von der durch

Poncelet[510] zwischen in bezug auf ein Kegelschnittbueschel konjugierten

Punkten gefundenen verschieden ist, und welche auf analytischem Wege von

Pluecker[511] untersucht wurde, sodann von Magnus (1790-1861)[512] und von

unserem Schiaparelli,[513] synthetisch aber von Seydewitz[514] und spaeter

von Reye.[515] -- Auf ein drittes Beispiel fuehrte die Loesung einiger

Probleme aus der mathematischen Physik; man gelangt dazu auf folgende

Weise: Gegeben sei in einer Ebene ein fester Punkt, man associiert zwei mit

ihm in gerader Linie gelegene Punkte, deren Abstaende von ihm umgekehrt

proportional sind. Man erhaelt dann eine eindeutige Korrespondenz, welche

jede Gerade in einen Kreis, und jeden Kreis wieder in einen Kreis

verwandelt. Diese wurde von Sir William Thomson[516] {82} als "Prinzip der

elektrischen Bilder" studiert und ist unter dem Namen "Transformation durch

reciproke Radien" oder "Inversion" allgemein bekannt.[517]

Alle diese Transformationen sind linear oder quadratisch, da sie eine

Gerade in eine Kurve erster oder zweiter Ordnung verwandeln. Jedoch machte

Magnus schon die Bemerkung, dass, wenn man eine quadratische Transformation

wiederholt, man im allgemeinen eine solche hoeherer Ordnung erhaelt.[518]

Diese wichtige Bemerkung blieb aber bis zu dem Zeitpunkte unfruchtbar

(1863), in welchem Cremona von den wenigen bisher eroerterten Faellen zur

allgemeinen Theorie der geometrischen Transformationen der ebenen Figuren

ueberging.[519]

{83}

Um dem Leser die Bedeutung der Schriften, welche Cremona dieser

Theorie[520] gewidmet hat, zu zeigen, wuerde ich auseinanderzusetzen haben,

auf welche Weise dieser grosse Geometer das Studium der eindeutigen

Transformationen auf das eines homaloidischen Netzes von Kurven

zurueckgefuehrt hat, und die Bestimmung eines solchen Netzes auf die

Loesung eines unbestimmten Systemes von linearen Gleichungen; aber da die

Anlage meiner Abhandlung mir das nicht gestattet, so muss ich mich darauf

beschraenken, ihn davon durch den alten Beweis des "_consensus omnium_" zu

ueberzeugen. Dann fuehre ich noch die Namen von Geometern an wie

Cayley,[521] Clebsch,[522] Noether,[523] Rosanes,[524] S. Roberts,[525] die

sich bemueht haben, die (bei der ersten Behandlung des Stoffes

unvermeidlichen) Luecken, die sich in den Cremonaschen Abhandlungen[526]

fanden, auszufuellen; ferner die Arbeiten von Ruffini,[527]

Jonquieres,[528] Kantor,[529] Guccia,[530] Autonne,[531] welche mit dieser

Lehre {84} eng zusammenhaengende Fragen behandeln, endlich die von

Hirst,[532] T. Cotterill[533] (1808-1881), von Sturm,[534] Schoute[535] und

sehr vielen anderen, welche sich das bescheidenere Ziel gesetzt haben, die

Verbreitung derselben durch geeignete Beispiele und elegante Formeln zu

erleichtern.[536]

Unter den Arbeiten, welche sich an die von Cremona anschliessen, verdienen

eine hervorragende Stelle diejenigen von Bertini,[537] welche er den ebenen

involutorischen Transformationen gewidmet hat, welche Arbeiten noch

groessere Einfachheit und Eleganz erhielten durch den Begriff der Klasse

und andere Begriffe, die von Caporali[538] (1855-1886) eingefuehrt wurden,

jenem ausgezeichneten Geometer, dessen fruehen Verlust ganz Italien

betrauert.[539]

{85}

Von ganz verschiedenem Charakter sind hingegen die eleganten Untersuchungen

von Laguerre ueber solche Transformationen, welche er "Transformationen

durch reciproke Richtungen" nannte; da es nicht moeglich ist, den

Grundgedanken in wenigen Worten zusammenzufassen und die vielfachen

Anwendungen, welche der Erfinder davon gemacht hat, anzudeuten, verweisen

wir den Leser auf die Originalarbeiten des hervorragenden franzoesischen

Geometers.[540]

Von der Theorie, die wir jetzt besprechen, bildet auch die Lehre von den

"isogonalen Transformationen" einen Teil, welcher sich auf die geometrische

Darstellung der komplexen Zahlen stuetzt und deren Nuetzlichkeit (welche

vielleicht groesser {86} ist fuer die mathematische Physik als fuer die

reine Geometrie) Moebius,[541] Siebeck,[542] Durege,[543] Beltrami,[544]

Vonder-Muehll,[545] F. Lucas,[546] Wedekind[547] und neuerdings

Holzmueller[548] dargethan haben.[549]

{87}

Den Begriff der eindeutigen Korrespondenz zwischen zwei Ebenen kann man auf

verschiedene Weise verallgemeinern; die Weisen, die sich so ziemlich von

selbst darbieten, sind folgende:

Vor allem, ohne die Ebene zu verlassen, kann man eine Korrespondenz

aufstellen zwischen jedem Punkte derselben und einer Kurve eines doppelt

unendlichen Systemes in derselben oder auch einer anderen Ebene;[550] diese

Art der Korrespondenz ist eine Erweiterung der Korrelation (Reciprocitaet)

zwischen zwei Feldern; angegeben von Pluecker, wurde dieselbe von

Clebsch[551] entwickelt und veranlasste die Theorie der Konnexe.[552]

{88}

Wenn man dann zum Raume uebergeht, kann man eine Korrespondenz zwischen den

Punkten zweier Oberflaechen aufstellen (insbesondere zwischen den Punkten

einer krummen Oberflaeche und denen einer Ebene) oder zwischen den Punkten

zweier Raeume.

Die Darstellung einer Oberflaeche auf einer Ebene kann man bis ins Altertum

zurueckverfolgen, da schon Hipparch und Ptolomaeus (und wahrscheinlich

andere vor ihnen) sich die Aufgabe der Herstellung geographischer Karten

gestellt und Loesungen derselben mitgeteilt haben, die auf derjenigen

Projektion beruhen, welche man heute die stereographische nennt. -- Die

Projektion von Mercator (1512-1594), die Untersuchungen von Lambert

(1728-1777) und Lagrange, die beruehmte Antwort von Gauss auf eine von der

daenischen Akademie gestellte Frage[553] zeigen, wie die taeglichen

Beduerfnisse der Geographie und Navigationskunde unaufhoerlich die

Gelehrten angetrieben haben, sich mit dem Probleme der eindeutigen

Darstellung der Oberflaeche unseres Planeten auf einer Ebene zu

beschaeftigen.[554] -- Die erste Abbildung einer Oberflaeche auf einer

anderen jedoch, die nur in der Absicht gemacht wurde, um eine derselben

leichter studieren zu koennen, verdanken wir Gauss, der 1827 in seinen

beruehmten _Disquisitions generales circa superficies curvas_ es als sehr

vorteilhaft erkannte, die Punkte {89} einer beliebigen Oberflaeche den

Punkten einer Kugelflaeche entsprechen zu lassen, indem man zwei solche

Punkte zuordnet, deren Normalen einander parallel sind.[555] Eine besondere

Eigentuemlichkeit dieser Korrespondenz ist die, dass, um Eindeutigkeit zu

erhalten, es fast immer noetig ist, nur den Teil der Oberflaeche

abzubilden, den man gerade ins Auge fasst; wir wollten diese Eigenschaft

nicht stillschweigend uebergehen, da deren Anfuehrung uns Gelegenheit

giebt, den Unterschied hervorzuheben, der zwischen der sphaerischen

Abbildung und den Abbildungen besteht, welche von Pluecker,[556]

Chasles[557] und Cayley[558] fuer das Studium der Geometrie auf einer

Flaeche zweiten Grades, denen, die von Clebsch[559] und Cremona[560] fuer

das Studium der Geometrie auf einer kubischen Flaeche, und von denen

endlich, die von spaeteren Geometern fuer die Untersuchung anderer Flaechen

vorgeschlagen sind.

Die erste Arbeit, welche _ex professo_ die Theorie der Abbildungen dieser

Art behandelt, verdankt man Clebsch.[561] Die zahlreichen Beispiele, durch

welche der Verfasser in dieser Arbeit, sowie in einigen aelteren und

spaeteren[562] die allgemeine Theorie illustrierte, haben zur Aufstellung

der Geometrie auf einer grossen Zahl von Flaechen mit vielen Einzelheiten

gefuehrt. Ferner haben die fast gleichzeitigen Abhandlungen {90} von

Cremona[563] und Noether,[564] sowie die ihnen folgenden von

Armenante,[565] Klein,[566] Korndoerfer,[567] Caporali[568] und von noch

anderen[569] im Verlaufe weniger Jahre diese Zahl ausserordentlich

vermehrt.[570] Man kann sich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem

Reichtum dieses Zweiges der Geometrie machen, wenn man die schoene

Abhandlung von Caporali ueber die dreifach unendlichen linearen Systeme

ebener Kurven liest,[571] in welcher er einerseits die Theorie der

Abbildung einer Oberflaeche auf eine Ebene auf das Studium solcher Systeme

anwandte, andererseits in derselben wertvolle Hilfsmittel der Untersuchung

fand.

Bei dem Studium der Abbildung einer Oberflaeche bietet sich von selbst eine

wichtige Frage dar, naemlich die, ob sie alle eindeutig auf eine Ebene

abbildbar sind, oder allgemeiner: ob zwei Oberflaechen sich als Punkt fuer

Punkt {91} einander entsprechend darstellen lassen. Und da man leicht

erkannte, dass die Antwort auf diese Frage eine negative sei, so wurde man

natuerlich auf die andere Frage gefuehrt: Welche Oberflaechen lassen sich

eindeutig auf einer Ebene abbilden? Oder allgemeiner: Welche Oberflaechen

kann man eindeutig auf einer gegebenen abbilden? -- Die analoge Frage fuer

zwei (ebene oder unebene) Kurven wurde von Clebsch vermittelst der

Betrachtung des Geschlechtes und der Moduln geloest. Diese Analogie

veranlasste nun Clebsch, die Loesung des vorhin angegebenen Problems in

einer Ausdehnung des Begriffes des Geschlechtes auf die Oberflaechen[572]

zu suchen. Dieser Versuch wurde jedoch nach meinem Dafuerhalten nicht von

gutem Erfolge gekroent, und auch heute muss man trotz der nach Clebsch

angestellten Versuche ausgezeichneter Mathematiker wie Cayley,[573]

Noether,[574] Zeuthen[575] die Frage als noch ungeloest betrachten; um das

zu beweisen, genuegt es zu sagen, dass, wenn es auch bekannt ist, dass alle

Oberflaechen zweiter und dritter Ordnung (die nicht Kegelflaechen sind)

eindeutig auf einer Ebene abbildbar sind, doch noch nicht alle Oberflaechen

vierter Ordnung bestimmt sind, welche dieselbe Eigenschaft haben.[576] {92}

Die allgemeineren Resultate, die man auf diesem Gebiete kennt, waren, wenn

ich nicht irre, von Noether[577] erhalten; dieser gelangte durch eine

ueberaus elegante analytische Betrachtung bei jeder Oberflaeche, welche

eine einfach unendliche Schar rationaler Kurven enthaelt, zu einer

Abbildung derselben auf einem Kegel.

Die Schwierigkeit aber, auf welche man bei der eindeutigen Abbildung

gewisser Oberflaechen auf eine Ebene stiess, liessen bei Clebsch den

Gedanken entstehen, zwischen einer Oberflaeche und einer Ebene eine

vielfache Korrespondenz aufzustellen, oder auch (wie er an die Riemannschen

Flaechen denkend sagte) eine Flaeche auf eine vielfache Ebene abzubilden

und dann diese auf eine einfache Ebene zu beziehen.[578] Diese Idee, deren

Keime sich vielleicht bis zu der von Chasles[579] vorgeschlagenen

Verallgemeinerung der stereographischen Projektion zurueckverfolgen lassen,

konnte nicht mehr vollstaendig von ihrem Urheber entwickelt werden; jedoch

blieben die von ihm gegebenen Andeutungen nicht unfruchtbar, vielmehr

entstand aus ihnen die Theorie der doppelten ebenen Transformationen,

welche de Paolis aufgestellt und durch vielfache Anwendungen erlaeutert

hat.[580]

Die zweite Verallgemeinerung der Cremonaschen Transformationen veranlasste

die Theorie der rationalen Transformationen im Raeume. Zwei Beispiele einer

solchen Korrespondenz boten sich in der Homographie zweier Raeume (und

deren Spezialfaellen) dar und -- wie Magnus,[581] Hesse[582] und

Cremona[583] bemerkt haben -- in der Transformation, die man erhaelt durch

drei zu demselben Raeume korrelative (reciproke) Raeume, indem man jedem

Punkte jenes Raumes {93} den Schnitt der Ebenen zuordnet, die ihm in diesen

entsprechen. Die allgemeine Theorie entstand jedoch erst um das Jahr 1870

durch die Bemuehungen Cayleys,[584] Noethers[585] und Cremonas,[586] obwohl

schon Magnus[587] Ende 1837 dieselbe angestrebt und ihre Wichtigkeit

eingesehen hatte.

Von den bemerkenswerten Arbeiten, in welchen diese Gelehrten unsere Theorie

im allgemeinen begruendeten, ist ohne Zweifel die wichtigste jene, die wir

der Feder unseres beruehmten Landsmannes verdanken. Geleitet durch die

Analogie, welche diese Disziplin mit der der eindeutigen Korrespondenz

zwischen zwei Ebenen darbietet, zeigte er, wie jene sich auf das Studium

der dreifach unendlichen homaloidischen Systeme von Oberflaechen

zurueckfuehren laesst. Darauf setzte er auf eine sehr schoene Weise

auseinander, wie man unendlich viele solcher Systeme erhalten koenne, wenn

man die ebene Abbildung einer Oberflaeche kennt, und zeigte zuletzt durch

treffende Beispiele, wie man die Theorie der rationalen Transformationen

auf die Abbildung vieler Flaechen auf andere zurueckfuehrt, insbesondere

auf die ebene Abbildung einiger von ihnen. Diese Anwendung, vereint mit der

obenerwaehnten Methode, zeigt klar, wie man aus der ebenen Abbildung einer

Oberflaeche nicht nur die Abbildungen von unendlich vielen anderen erhalten

kann, sondern auch unzaehlig viele rationale Transformationen des Raumes.

Ungeachtet der Schriften, durch welche England, Deutschland und Italien so

maechtig zur Gruendung und Erweiterung dieser Theorie beigetragen haben,

kann man doch nicht sagen, dass dieselbe den Grad der Vollendung erreicht

habe, {94} den andere erlangt haben. Das kommt vielleicht daher, dass die

schwierigsten Fragen, welche sich in derselben darbieten, innig mit der

Bestimmung der Singularitaeten der Oberflaechen zusammenhaengen, und ueber

diese -- wir muessen es leider gestehen -- sind unsere Kenntnisse noch sehr

beschraenkt. Darin hat man vielleicht die Erklaerung der Thatsache zu

suchen, dass die Geometer, die auf jene oben erwaehnten folgten, sich mehr

mit der Erlaeuterung der Methoden ihrer Meister, als mit der

Vervollkommnung derselben und der Ausfuellung ihrer Luecken beschaeftigt

haben.[588] Und dennoch -- wenn auch das Studium der Figur selbst ohne

Zweifel dem der transformierten vorzuziehen ist -- giebt es bei dem

heutigen Standpunkte der Wissenschaft sehr wenige Theorien, die so sehr es

verdienen, dass man sie in allen ihren Einzelheiten vervollkommne, als

gerade diese. In der That, um die Worte eines grossen Mannes zu gebrauchen,

"wenn man ueber das Verfahren der Algebra nachdenkt und den Grund {95} der

gewaltigen Vorteile aufsucht, die sie der Geometrie bietet, sieht man da

nicht, dass sie dieselben der Leichtigkeit verdankt, mit welcher man

anfaenglich eingefuehrte Ausdruecke Transformationen unterziehen kann,

Transformationen, deren Geheimnis und deren Mechanismus die wahre

Wissenschaft bilden und die das staendige Ziel der Analysten sind? Ist es

darum nicht natuerlich, zu versuchen, in die reine Geometrie analoge

Transformationen einzufuehren, welche direkt auf die vorgelegten Figuren

und ihre Eigenschaften hinsteuern?[589]

Auf das allgemeine Studium der Transformationen folgt das solcher

Transformationen, bei denen man einen gewissen Zweck im Auge hat,[590]

z. B. die Verwandlung der Figuren in sich selbst oder ihre Zurueckfuehrung

zur urspruenglichen Figur, wenn die Transformationen mehrmals

hintereinander angewandt werden. Es existieren in der That auch schon

einige gute Arbeiten, in welchen die Kollineationen und Korrelationen

behandelt sind, welche eine Flaeche zweiter Ordnung, einen linearen

Komplex[591] oder eine kubische Raumkurve[592] in sich selbst

transformieren, sowie ueber die cyklischen Projektivitaeten.[593]

{96}

Wir wollen diesen Abschnitt unserer Arbeit beschliessen, indem wir noch

einige Worte ueber die vielfachen Transformationen zwischen zwei Gebilden

zweiter und dritter Stufe sagen, auf welche ich nur im Voruebergehen

hinweisen konnte, indem ich einige Abhandlungen von Paolis anfuehrte. Der

erste, der sich mit ihnen beschaeftigte, war Chr. Wiener,[594] welcher sie

untersuchte, indem er eine eindeutige Korrespondenz in der Ebene herstellte

zwischen den Geraden einer Ebene und den Kurven eines linearen Systemes;

dann ist einem Punkte, betrachtet als Schnitt zweier Geraden, die Gruppe

der Grundpunkte des Bueschels zugeordnet, der durch die entsprechenden

Kurven konstituiert wird. Diese Art und Weise, vielfache Transformationen

zu erzeugen, wurde von Tognoli[595] auf den Raum ausgedehnt; derselbe liess

jedem Punkte, betrachtet als Schnitt dreier Ebenen, die Grundpunkte

desjenigen Netzes entsprechen, das durch die drei den drei Ebenen

entsprechenden Oberflaechen eines dreifach unendlichen linearen Systemes

bestimmt wird. Solche Untersuchungen haben sich bis jetzt jedoch noch nicht

als sehr fruchtbar gezeigt. Ziemlich wichtig dagegen sind die schon

genannten Untersuchungen von Paolis ueber die doppelten Transformationen.

Das zeigen die Arbeiten, in denen Visalli[596] und Jung[597] die vielfachen

Transformationen untersucht haben und welche die Fortsetzungen jener sind.

Die hauptsächlichsten Theorien der Geometrie · 第 4 / 12 段