An den Abschnitt der Gaussischen Abhandlung, welcher die geodaetischen

Linien behandelt, knuepfen sich einige Arbeiten von Joachimsthal

(1818-1861),[335] Schering,[336] Beltrami,[337] die von Lie[338] gemachte

Einteilung der Oberflaechen auf Grund der Transformationsgruppen ihrer

geodaetischen Linien und die Untersuchungen ueber geodaetische Kurven von

demselben Verfasser.[339] Mit demjenigen Abschnitte, welcher sich auf die

Abwickelbarkeit der Oberflaechen bezieht, steht eine wichtige Arbeit von

Minding in enger Beziehung,[340] in der zum ersten Male die Frage

aufgestellt ist, ob die Gleichheit der Kruemmung in entsprechenden Punkten

eine hinreichende Bedingung fuer die Abwickelbarkeit zweier Oberflaechen

sei: er gelangte fuer den allgemeinen Fall zu einem negativen Resultate, zu

einem {56} positiven dagegen fuer den Fall konstanter Kruemmung. Dasselbe

gilt von den Arbeiten von Bour[341] (1832-1866), Codazzi[342] und

Bonnet,[343] welche fuer preiswuerdige Antworten auf die im Jahre 1861 von

der Pariser Akademie der Wissenschaften gestellte Frage erkannt worden

sind. Derselbe Gegenstand oder verwandte Gegenstaende wurden dann in den

Abhandlungen von Christoffel,[344] von Mangoldt,[345] Weingarten,[346]

Brill,[347] Minding,[348] Jellet,[349] Dini,[350] Enneper,[351]

Razzaboni,[352] Lecornu,[353] Beltrami[354] und vielen anderen behandelt.

Die schoene von Gauss gegruendete Theorie der krummlinigen Koordinaten

einer Oberflaeche liess den Wunsch entstehen, eine analoge Theorie fuer den

Raum zu haben. Schon im Jahre 1837 stellte Lame sie fuer einen Spezialfall

auf, naemlich fuer den der elliptischen Koordinaten,[355] spaeter wies er

auf die orthogonalen krummlinigen Koordinaten {57} hin[356] und

konstruierte dann die Theorie derselben,[357] ohne ihre Anwendung[358] und

Entwickelung[359] zu vernachlaessigen. Die beruehmten _Lecons sur la

theorie des coordonnees curvilignes et leurs diverses applications_ (Paris,

1859) von Lame fassen zusammen und vervollstaendigen die glaenzenden

Resultate, die von Lame in diesem Zweige der Geometrie erhalten waren. In

der Folge haben sich viele andere mit demselben beschaeftigt. Vor allen

fuehre ich Aoust an, der ihm viele und wichtige Arbeiten widmete,[360] dann

Brioschi,[361] Codazzi,[362] Chelini (1802-1878),[363] Darboux,[364]

Combescure,[365] Levy,[366] Royer[367] und noch andere. Hierzu sehe man

noch die Schriften, welche dreifache Systeme orthogonaler Oberflaechen

behandeln und von denen ich nur diejenigen von Bouquet,[368] A.

Serret,[369] Bonnet,[370] Catalan,[371] Moutard,[372] Darboux,[373]

Cayley,[374] Ribaucour,[375] {58} Weingarten,[376] Schlaefli,[377]

Hoppe,[378] Bianchi[379] und Molins[380] nennen will.

Von den Arbeiten, welche spezielle Oberflaechen behandeln, die nicht zu bis

jetzt besprochenen Kategorien gehoeren, fuehren wir die von Lie[381] an,

welche sich auf Oberflaechen beziehen, die infinitesimale lineare

Transformationen in sich selbst zulassen; dann die von Enneper,[382] die

sich auf Oberflaechen mit speziellen Meridiankurven beziehen, ferner die

von Cayley[383] und Weingarten[384] und die von Willgrod[385] ueber

Oberflaechen, welche durch ihre Kruemmungslinien in unendlich kleine

Quadrate geteilt werden; schliesslich die von Bianchi[386] ueber

Schraubenflaechen.

Ein bemerkenswerter Fortschritt in der analytischen Infinitesimalgeometrie

der Oberflaechen wurde durch die Bemuehungen de Salverts geschaffen, der in

einigen eleganten Arbeiten,[387] wahrscheinlich hervorgerufen durch die

schoenen _Vorlesungen ueber die analytische Geometrie des Raumes_ von

Hesse, zeigte, wie man durch Benutzung der Gleichung einer Oberflaeche in

ihrer allgemeineren Form, f(x, y, z) = 0, ein bei weitem bequemeres System

von Formeln fuer die Loesung gewisser Probleme aufstellen konnte, als wenn

die Gleichung z = [phi](x, y) zu Grunde gelegt wird.

{59}

Ueber Differentialgeometrie existieren noch einige gute Darlegungen. Eine

verdankt man Hoppe; sie traegt den Titel: _Elemente der Flaechentheorie_;

eine andere wurde von Brisse unternommen;[388] die neuesten sind die von

Bianchi in seinen sehr schoenen _Lezioni di geometria differenziale_ (Pisa,

1886) und die, welche Darboux in seinen _Lecons sur la theorie generale des

surfaces_ begonnen hat, von denen wir schon den ersten Teil besitzen

(Paris, 1887).

Wir wollen diesen Abschnitt beschliessen, indem wir noch bemerken, dass die

Zuhilfenahme der Analysis fuer das Studium der Infinitesimalgeometrie nicht

notwendig ist; vielmehr haben Bertrand[389] und Bonnet[390] zuerst gezeigt,

welchen Nutzen man bei diesen Studien auch aus synthetischen Betrachtungen

ziehen kann. Ausserdem enthalten der erste Band des _Traite de calcul

differential et integral_ von Bertrand und der _Traite de geometrie

descriptive_ von de la Gournerie[391] und eine grosse Zahl von ueberaus

schoenen Abhandlungen von Mannheim[392] bemerkenswerte geometrische

Untersuchungen, welche dem Zweige der Wissenschaft des Raumes, mit dem wir

uns eben beschaeftigt haben, angehoeren.

{60}

* * * * *

IV.

Untersuchungen ueber die Gestalt der Kurven und Oberflaechen. Abzaehlende

Geometrie.

------

Bei der Besprechung der bedeutenderen Fortschritte, welche die Theorie der

Kurven und die der Oberflaechen gemacht, haben wir zwei wichtige Kategorien

der Untersuchung uebergangen, weil wir dieselben besser in einem besonderen

Abschnitte unserer Arbeit zusammenfassen koennen.

Die erstere umfasst eine Reihe von Studien besonderer Natur und hat zum

Zwecke die Bestimmung der Gestalt, welche die Kurven und Oberflaechen von

gegebener Ordnung annehmen koennen, und ich halte es fuer angemessen, bei

diesen eine Zeit lang zu verweilen.

Die Bestimmung der Gestalt der Kurven zweiter Ordnung reicht schon in das

Altertum. Fuer dieselbe bedurfte es auch nicht eines hervorragenden

Geistes, wenn man bedenkt, dass die Alten jene Kurven als Schnitte eines

Kreiskegels betrachteten.

Dagegen ist die Bestimmung der Gestalt, welche die Kurven dritter Ordnung

annehmen koennen, nicht ohne Schwierigkeit. Newton ueberwand diese, indem

er lehrte, dass alle Kurven dritter Ordnung durch Projektion von fuenfen

derselben, welche er divergierende Parabeln nannte, erhalten werden

koennen.[393] Zu dieser ersten Einteilung der Formen {61} der Kurven

dritter Ordnung fuegte Chasles[394] eine weitere hinzu, die, obwohl sie auf

einem ganz anderen Gedanken beruhte, mit der von Newton eine nicht zu

verkennende Analogie bietet. Nach ihr kann man die Formen der Kurven

dritter Ordnung saemtlich auffinden durch Projektion von fuenfen derselben,

die symmetrisch in bezug auf ein Zentrum sind. Eine dritte Methode der

Einteilung endlich stuetzt sich auf das konstante Doppelverhaeltnis der

vier Tangenten, die man an die allgemeine Kurve dritter Ordnung von einem

ihrer Punkte aus ziehen kann; diese wurde von Durege entwickelt.[395]

{62}

Bei weitem groessere Schwierigkeit bietet das Studium der Gestalt der

ebenen Kurven vierter Ordnung, die schon angefuehrten Arbeiten von

Bragelogne, Euler und Pluecker bilden hierzu einen wichtigen Beitrag. Es

scheint aber nicht, dass man diese -- dasselbe gilt auch von den schon

genannten auf die kubische Kurve bezueglichen -- als die Grundlage zu einer

allgemeinen Theorie der Gestalt der ebenen Kurven ansehen darf; vielmehr

muss man dieselben als die ersten Vorlaeufer jener Lehren betrachten, die

man heute als eine feste Grundlage dieser Theorie ansieht. Solche Lehren

gehoeren in das Gebiet der synthetischen Geometrie, zum Teil aber waren sie

das Resultat der Anwendung der Abelschen Funktionen auf die Wissenschaft

der Ausdehnung. Von den ersteren wurden einige von Staudt in seiner

_Geometrie der Lage_[396] auseinandergesetzt und beziehen sich auf die

Gestalten der ebenen Polygone und der Polyeder, die paaren und die unpaaren

Zuege der Kurven, die Rueckkehrelemente der Figuren; andere wurden von

Tait[397] angegeben und von J. Meyer entwickelt,[398] andere schliesslich

von Hart angedeutet[399] und mit vielem Gluecke von E. Koetter

verallgemeinert.[400] Die zweiten sind fast alle aus der Schule von Klein

hervorgegangen. Da ich auf die vielen Einzelheiten dieses Gegenstandes

nicht eingehen kann, so moege es hier genuegen, unter den schon erhaltenen

Resultaten einige besondere Saetze ueber die Kurve vierter Ordnung

anzufuehren, die man Zeuthen[401] und Crone[402] verdankt; dann {63} eine

sehr wichtige Relation zwischen den Zahlen der reellen und imaginaeren

Singularitaeten einer ebenen Kurve, zu welcher Klein gefuehrt wurde,[403]

als er die von Pluecker[404] und Zeuthen vorgeschlagenen Klassifikationen

der Kurven vierter Ordnung studierte; ferner einen sehr schoenen

Lehrsatz,[405] von Harnack (1851-1888) entdeckt, welcher dadurch, dass er

eine unerwartete Beziehung zwischen der Form einer Kurve und ihrem

Geschlechte enthuellte, die Wichtigkeit des letzteren von neuem

bestaetigte.

Wenn so die Theorie der Gestaltlichkeit der ebenen Kurven noch weit

entfernt vom Zustand der Reife ist, so kann man von den analogen

Untersuchungen ueber die Oberflaechen sagen, dass sie sich noch in ihrer

Kindheit befinden. Allgemeine Untersuchungen auf diesem Felde existieren

meines Wissens nicht, ausser denjenigen, die von Moebius in seiner _Theorie

der elementaren Verwandtschaften_ niedergelegt sind,[406] und welche, so

scharfsinnig und interessant sie auch sind, einen geschickten Nachfolger

erwarten lassen, welcher die ganze Fuelle derselben zu Tage foerdert.

Dasselbe gilt fuer gewisse originelle Gesichtspunkte, die in den vielen

Arbeiten von Klein zerstreut sind. Fuer den Fortschritt der Geometrie

wuerde es von hoechstem Interesse sein, beide weiter entwickelt zu sehen;

ungluecklicherweise wird aber diese Theorie wenig betrieben, in den letzten

Jahren ist vielleicht Rohn[407] der einzige, der hierin einige Fortschritte

gemacht hat, die wert sind, verzeichnet zu werden.

{64}

Wenn auch die allgemeine Theorie ein bis jetzt noch unbefriedigtes

Beduerfnis ist, so fehlt es doch nicht an Spezialuntersuchungen. Die

Bestimmung der Gestalt der Oberflaechen zweiten Grades uebergehe ich als zu

einfach und fuehre die der Oberflaechen dritter Ordnung an, die mit Erfolg

von Klein,[408] Schlaefli,[409] Zeuthen[410] gemacht ist, und neuerdings

von Bauer durch die Untersuchung der Gestalt der parabolischen Kurve

vervollstaendigt wurde;[411] ferner die der Dupinschen Cykliden, die wir

Maxwell[412] verdanken; dann die der Oberflaechen vierter Ordnung mit

Doppelkegelschnitt, die ebenfalls von Zeuthen[413] herruehrt; die der

Oberflaechen vierter Ordnung mit Cuspidalkegelschnitt, die von Crone[414]

ausgefuehrt ist; endlich die der Kummerschen Flaechen und der Kegelflaechen

viertes Grades, welche der Gegenstand wichtiger Untersuchungen von

Rohn[415] gewesen sind. Die reichhaltige Sammlung von Modellen von Ludwig

Brill, die sich jedes Jahr um neue und interessante Serien vermehrt, zeigt

das Interesse, welches das gelehrte Deutschland fuer vorliegende

Untersuchungen hat.[416]

Was die Gestalt der Kurven doppelter Kruemmung angeht, so existieren

darueber bis jetzt noch keine allgemeinen Untersuchungen von Bedeutung; man

kann sagen, dass sich dieselben auf die Beobachtungen beschraenken, die

Chr. Wiener[417] {65} und Bjoerling[418] gemacht haben, indem sie die

Modelle der gewoehnlichen Singularitaeten einer Raumkurve konstruierten.

Eine zahllose Reihe wichtiger Untersuchungen hat die Bestimmung der Anzahl

der geometrischen Gebilde zum Ziele, welche Bedingungen genuegen, die

hinreichen, eine endliche Zahl derselben festzulegen. Der Bezoutsche

Lehrsatz, welcher die Zahl der Loesungen eines bestimmten Systems von

algebraischen Gleichungen angiebt, ist fast immer nicht verwendbar fuer die

Loesung solcher Fragen, da, waehrend dieser Satz auf allgemeine Gleichungen

ihres Grades sich stuetzt, die Gleichungen, welche man bei dem Versuche,

diese Probleme analytisch zu loesen, erhaelt, von spezieller Form sind.

Wahrscheinlich ist das der Grund dafuer, dass diese Probleme groesstenteils

bis in verhaeltnismaessig neuerer Zeit ungeloest geblieben sind.[419]

Auf Chasles faellt der Ruhm, in seiner _Methode der Charakteristiken_ ein

feines und maechtiges Hilfsmittel gefunden zu haben (1864), mit dem er eine

grosse Zahl von Problemen der angedeuteten Art fuer den Fall, dass die

betrachteten Gebilde Kegelschnitte in einer Ebene sind, loesen konnte und

einen Weg bahnte, um auch in dem Falle, wo die {66} Gebilde beliebige sind,

zur Loesung derselben zu gelangen.[420] Der Hauptgedanke desselben war die

fortwaehrende Betrachtung der ausgearteten Kurven und der systematische

Gebrauch der Charakteristiken eines einfach-unendlichen Systemes von

Kegelschnitten, d. h. der Zahlen, die angeben, wie viele Kegelschnitte des

Systemes durch einen gegebenen Punkt gehen, wie viele eine gegebene Gerade

beruehren.

Dadurch, dass man diese Begriffe weiter ausdehnte, konnte man Hilfsmittel

erhalten, die auf andere Figuren anwendbar sind. Chasles selbst entdeckte

alsbald die Anwendung seiner Untersuchungen auf die Kegelschnitte im

Raume[421] und auf die Flaechen zweiter Ordnung.[422] Zeuthen und Maillard

gaben neue Beispiele der Erweiterung, der eine in der wichtigen Abhandlung,

die wir schon Gelegenheit hatten zu zitieren, _Almindelige Egenskaber ved

Systemer af plane Kurver_,[423] der andere in seiner Dissertation

_Recherches des caracteristiques des systemes elementaires de courbes {67}

planes du troisieme ordre_;[424] andere findet der Leser in den Schriften

von Sturm ueber die kubischen Raumkurven[425] und denen von Schubert ueber

die ebenen Kurven dritter Ordnung und dritter und vierter Klasse, im Raume

betrachtet.[426] Ferner sind die von Chasles gemachten Betrachtungen enge

mit denjenigen verbunden, welche in den wichtigen Abhandlungen von Cayley,

_On the curves which satisfy given conditions_[427] enthalten sind, sowie

in einigen Arbeiten von Jonquieres ueber Systeme von Kurven und

Flaechen.[428] Endlich gehoeren hierher noch die Untersuchungen von

Hirst[429] und Sturm[430] ueber Systeme von Projektivitaeten und

Korrelationen, sowie die von Zeuthen[431] ueber die Plueckerschen

Charakteristiken der Enveloppen. Wir wollen noch bemerken, dass zwischen

den Systemen ebener Kurven und den Differentialgleichungen erster Ordnung

mit zwei Variabelen eine sehr innige Beziehung besteht, die sich zu

erkennen giebt, indem die Integrale einer dieser Gleichungen ein System von

Kurven darstellen. Die gegebene Differentialgleichung laesst jedem Punkte

eine bestimmte Anzahl von ihm ausgehender Richtungen entsprechen und einer

Geraden eine bestimmte Anzahl auf ihr liegender Punkte. Auf diese

Beziehungen wurde Clebsch durch seine Untersuchungen ueber die Konnexe[432]

(vgl. s. VI) und unabhaengig von Fouret[433] {68} gefuehrt. In aehnlicher

Weise kann man eine Beziehung zwischen den Differentialgleichungen erster

Ordnung mit drei Variabelen und einem Systeme von Oberflaechen aufstellen,

wie dies ebenfalls Fouret[434] bemerkt hat. Dieser Zusammenhang ist von

grosser Wichtigkeit, weil er gestattet, Saetze auf transcendente Kurven

oder Oberflaechen auszudehnen, von denen man glaubte, dass sie nur fuer

algebraische Kurven oder Oberflaechen gueltig seien; so konnte Fouret den

Satz ueber die Zahl der Kurven eines Systemes, welche eine gegebene

algebraische Kurve beruehren, auf Systeme von transcendenten Kurven

ausdehnen,[435] konnte ferner die Ordnung des Ortes der Beruehrungspunkte

eines einfach unendlichen Systemes von Oberflaechen mit den Oberflaechen

eines doppelt unendlichen Systemes bestimmen,[436] ebenso die Ordnung des

Ortes der Beruehrungspunkte der Oberflaechen eines doppelt unendlichen

Systemes mit einer gegebenen algebraischen Oberflaeche[437] u. s. w.[438]

Trotz dieser und anderer Arbeiten, die ich der Kuerze wegen uebergehe, war

die ganze Tragweite der Chaslesschen Betrachtungen noch nicht offenbar

geworden; das geschah durch den letzten, von dem ich zu sprechen habe,

durch Hermann Schubert in seinem _Kalkuel der abzaehlenden Geometrie_.[439]

Dieses Buch, das noch viel zu wenig {69} geschaetzt wird, kann man mit

Recht als dasjenige betrachten, welches zuerst von Grund auf das Problem

behandelte, "zu bestimmen, wie viele geometrische Gebilde von gegebener

Definition einer hinreichenden Zahl von Bedingungen genuegen," d. h. das

Problem der abzaehlenden Geometrie. Dort sind die Korrespondenzprinzipien

unter ihrem wahren Gesichtspunkte auseinandergesetzt,[440] dort ist klar

eroertert, was man unter dem Charakteristikenproblem einer bestimmten Figur

zu verstehen hat, und sind Methoden von ausserordentlicher Macht fuer

dessen Loesung gezeigt. Die Schubertschen Methoden sind dazu bestimmt,

eines Tages das uebliche Hilfsmittel fuer den Mathematiker zu werden, wie

es augenblicklich die Cartesische Geometrie ist, und niemand wird mich der

Uebertreibung beschuldigen, der bedenkt, dass dieselben in einer Unzahl von

Faellen zur Loesung des allgemeinen Problemes der Elimination dienen, d. h.

die Zahl der Loesungen eines Systemes von algebraischen Gleichungen zu

bestimmen. Daher muessen alle, Analytiker und Geometer, dem Werke von

Schubert, durch welches er die abzaehlende Geometrie zu einer besonderen

Disziplin erhoben hat, reiches Lob zollen, oder besser, anstatt es blos zu

bewundern, sich {70} vornehmen, die fruchtbaren Methoden desselben zu

vervollkommnen und sie von Maengeln frei zu machen, d. h. sie von dem

Tadel, der ihnen von einigen gemacht worden ist, dass sie nicht ganz

strenge seien, zu befreien und sie selbst oder wenigstens die Anwendungen,

deren sie faehig sind, zu vermehren.

Die auf die Theorie der Charakteristiken bezueglichen Andeutungen[441]

wuerden eine unverzeihliche Luecke darbieten, wenn sie nicht einen Hinblick

auf eine wichtige Frage boeten, die zwischen einigen Geometern ventiliert

wurde, und die man heute als schon geloest betrachten darf. Geleitet

naemlich durch einen Induktionsschluss, behauptete Chasles, dass die Zahl

derjenigen Kegelschnitte eines einfach unendlichen Systemes, welche einer

neuen einfachen Bedingung genuegen, ausgedrueckt wird durch eine homogene

lineare Funktion der Charakteristiken des Systemes, deren Koeffizienten

einzig und allein von dieser Bedingung abhaengen. Darboux,[442]

Clebsch,[443] Lindemann,[444] Hurwitz und Schubert,[445] sowie noch andere

glaubten diesen Satz beweisen zu koennen. Aber dass die von ihnen

angefuehrten Gruende nicht beweiskraeftig waren, wurde in einer Reihe von

Arbeiten gezeigt, in welchen Halphen[446] die Hinfaelligkeit der Vermutung

Chasles' klar legte und zeigte, wie man den vorher angefuehrten Satz

modifizieren muesse. In der Theorie der Charakteristiken der Systeme von

Flaechen zweiten Grades hat man einen analogen Satz, den ebenfalls

Halphen[447] entdeckt hat. Jedoch glaube man nicht, dass diese Saetze {71}

von Halphen die Resultate zerstoeren, welche man erhalten, indem man den

Chaslesschen Weg einschlug; vielmehr sind dieselben gluecklicherweise

meistenteils unabhaengig von dem fraglichen Theorem, und fuer die anderen

Faelle ist es leicht zu zeigen, welche Korrektionen man machen muss.[448]

* * * * *

V.

Theorie der Kurven doppelter Kruemmung.

------

Die Theorie der ebenen Kurven kann man in zwei verschiedenen Richtungen

verallgemeinern. Indem man die Thatsache ins Auge fasst, dass eine solche

Kurve durch eine Gleichung zwischen den Koordinaten eines Punktes einer

Ebene dargestellt wird, so ergiebt sich als Analogon im Raume die Theorie

der Oberflaechen, indem diese als durch eine Gleichung zwischen den

Koordinaten eines Punktes im Raume darstellbar betrachtet werden, auf

welche Betrachtung wir im Vorhergehenden eingegangen sind. Wenn man

hingegen eine ebene Kurve als eine Reihe von einfach unendlich vielen

Punkten ansieht, so kann man die Theorie ausdehnen, indem man die

Beschraenkung aufhebt, dass diese in einer Ebene gelegen seien: dann

entsteht die Theorie der unebenen Kurven.

Das Studium der Infinitesimaleigenschaften derselben kann man leicht genug

mit Hilfe von Methoden machen, die nicht sehr verschieden sind von

denjenigen, die fuer die {72} ebenen Kurven angewandt werden. Deshalb wurde

dasselbe, wie ich schon sagte, vor mehr als einem Jahrhundert von Clairaut

unternommen und wurde hernach von Lancret (1774-1807),[449] Monge,[450]

Tinseau,[451] de Saint-Venant (1797-1886),[452] von Frenet,[453] Alfred

Serret[454] und Paul Serret, von Liouville (1809-1882),[455] Bertrand,[456]

von Puiseux (1820-1883),[457] von Lie[458] und vielen anderen

fortgesetzt.[459]

Aber abgesehen von dieser Betrachtungsrichtung bietet das Studium der

uebrigen allgemeinen Eigenschaften der unebenen Kurven sehr grosse

Schwierigkeiten. Man vermutete eine Zeit lang, dass jede Kurve im Raume als

der vollstaendige Schnitt zweier Oberflaechen angesehen werden und daher

durch ein System von zwei Gleichungen zwischen den Koordinaten eines

Punktes im Raume dargestellt werden koennte;[460] aber bald erkannte man

die Existenz von Kurven, die nicht der vollstaendige Schnitt von

Oberflaechen sind, und die Notwendigkeit, dieselben nicht vermittelst

zweier, {73} sondern dreier Gleichungen darzustellen, die ebenso vielen

durch dieselbe hindurchgehenden Oberflaechen entsprechen. Man setzte

voraus, dass die Kenntnis der Ordnung zur Einteilung der unebenen Kurven

hinreichen wuerde, aber sobald man an die vierte Ordnung gekommen war,

erkannte man, dass dieselbe nicht genuege.[461] Man haette nun glauben

sollen, dass die Ordnung und die Zahl der scheinbaren Doppelpunkte fuer den

besagten Zweck hinreichen wuerden, aber als man an die neunte Ordnung

herantrat, sah man, dass man sich geirrt habe.[462] Auch eine dritte Zahl,

die niedrigste Ordnung der Kegel, die durch die von einem Punkte

herkommenden Sehnen (Doppelsekanten) der Kurve gehen, konnte nur bei den

Kurven von niederer, als der fuenfzehnten Ordnung dazu verhelfen. So kam

man denn zu dem Schlusse, dass es unmoeglich sei, eine gegebene Kurve

vermittelst einer bestimmten Menge von vornherein angebbarer Zahlen zu

charakterisieren.

Ich habe diese Thatsachen anfuehren wollen, um zu zeigen, dass die

allgemeine Theorie der unebenen Kurven keine Aehnlichkeit mit irgend einem

anderen Teile der Geometrie zeigt und, indem ich auf die erschreckliche

Dunkelheit, die sie darbietet, hinwies, dem Leser das Mittel geben wollen,

den Grund zu finden, warum die Kenntnisse, die wir ueber diese Gebilde

haben, so wenig zahlreich und erst neueren Ursprunges sind.

Die ersten allgemeinen Resultate ueber die Kurven doppelter Kruemmung

verdanken wir Cayley, welcher ihnen zwei wichtige Abhandlungen gewidmet

hat. In einer derselben stellte er die Formeln (analog denen von Pluecker)

auf, welche die Zahl der Singularitaeten einer Raumkurve {74} untereinander

verbinden.[463] In der anderen fuehrte er fuer das Studium der Raumkurven

von der Ordnung n diejenigen bemerkenswerten Flaechen ein, welche er

"Monoide" nannte.[464]

Die hauptsächlichsten Theorien der Geometrie · 第 3 / 12 段