Immerhin drückt sich in dem Wagnerschen Briefsatz die richtige

künstlerische Verachtung für die Routine aus, insofern als er diese ihn

niedrig dünkende Eigenschaft sich selbst abspricht und vorbeugt, daß

andere sie ihm zuerkennen. Er lobt sich selbst damit und gebärdet sich

ironisch-verzweifelt. Er ist tatsächlich unglücklich, daß die

Komposition stockt, tröstet sich aber reichlich mit dem Bewußtsein, daß

sein Genie über der billigen Handhabung der Routine steht; zugleich

kehrt er den Bescheidenen hervor, indem er schmerzlich eingesteht, eine

allgemein geschätzte und dem Handwerk zugehörige Könnerschaft nicht sich

angeeignet zu haben.

Der Satz ist ein Meisterstück der instinktiven Schlauheit des

Erhaltungstriebes -- beweist uns aber (und das ist unser Ziel) die

Geringheit der Routine im Schaffen.

* * * * *

So eng geworden ist unser Tonkreis, so stereotyp seine Ausdrucksform,

daß es zurzeit nicht ein bekanntes Motiv gibt, auf das nicht ein anderes

bekanntes Motiv paßte, so daß es zu gleicher Zeit mit dem ersten

gespielt werden könnte. Um nicht mich hier in Spielereien zu

verlieren[13], enthalte ich mich jedes Beispiels.

[13] Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem Freunde, um

scherzeshalber festzustellen, wie viele von den verbreiteten

Musikstücken nach dem Schema des zweiten Themas im Adagio der Neunten

Symphonie gebildet waren. In wenigen Augenblicken hatten wir an

fünfzehn Analogien der verschiedensten Gattung beisammen, darunter

welche niederster Kunst. Und Beethoven selbst. Ist das Thema des

Finale der »fünften« ein anderes als jenes, womit die »zweite« ihr

Allegro ansagt? Und als das Hauptmotiv des dritten Klavierkonzerts,

diesmal in Moll?

Plötzlich, eines Tages, schien es mir klar geworden: daß die Entfaltung

der Tonkunst an unseren Musikinstrumenten scheitert. Die Entfaltung des

Komponisten an dem Studium der Partituren. Wenn »Schaffen«, wie ich es

definierte, ein »Formen aus dem Nichts« bedeuten soll (und es kann

nichts anderes bedeuten); -- wenn Musik -- (dieses habe ich ebenfalls

ausgesprochen) -- zur »Originalität«, nämlich zu ihrem eigenen reinen

Wesen zurückstreben soll (ein »Zurück«, das das eigentliche »Vorwärts«

sein muß); -- wenn sie Konventionen und Formeln wie ein verbrauchtes

Gewand ablegen und in schöner Nacktheit prangen soll; -- diesem Drange

stehen die musikalischen Werkzeuge zunächst im Wege. Die Instrumente

sind an ihren Umfang, ihre Klangart und ihre Ausführungsmöglichkeiten

festgekettet, und ihre hundert Ketten müssen den Schaffenwollenden

mitfesseln.

Vergeblich wird jeder freie Flugversuch des Komponisten sein; in den

allerneuesten Partituren und noch in solchen der nächsten Zukunft werden

wir immer wieder auf die Eigentümlichkeiten der Klarinetten, Posaunen

und Geigen stoßen, die eben nicht anders sich gebärden können, als es in

ihrer Beschränkung liegt[14]; dazu gesellt sich die Manieriertheit der

Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumentes; der vibrierende

Überschwang des Violoncells, der zögernde Ansatz des Hornes, die

befangene Kurzatmigkeit der Oboe, die prahlhafte Geläufigkeit der

Klarinette; derart, daß in einem neuen und selbständigeren Werke

notgedrungen immer wieder dasselbe Klangbild sich zusammenformt und daß

der unabhängigste Komponist in all dieses Unabänderliche hinein- und

hinabgezogen wird.

[14] Und das ist das Siegreiche in Beethoven, daß er von allen

»modernen« Tondichtern am wenigsten den Forderungen der Instrumente

nachgab. Hingegen ist es nicht zu leugnen, daß Wagner einen

»Posaunensatz« geprägt hat, der -- seit ihm -- in den Partituren

ständige Wohnung nahm.

Vielleicht, daß noch nicht alle Möglichkeiten innerhalb dieser Grenzen

ausgebeutet wurden -- die polyphone Harmonik dürfte noch manches

Klangphänomen erzeugen können --, aber die Erschöpftheit wartet sicher

am Ende einer Bahn, deren längste Strecke bereits zurückgelegt ist.

Wohin wenden wir dann unseren Blick, nach welcher Richtung führt der

nächste Schritt?

Ich meine, zum abstrakten Klange, zur hindernislosen Technik, zur

tonlichen Unabgegrenztheit. Dahin müssen alle Bemühungen zielen, daß ein

neuer Anfang jungfräulich erstehe.

Der zum Schaffen Geborene wird zuerst die negative, die

verantwortlich-große Aufgabe haben, von allem Gelernten, Gehörten und

Scheinbar-Musikalischen sich zu befreien; um, nach der vollendeten

Räumung, eine inbrünstig-aszetische Gesammeltheit in sich zu beschwören,

die ihn befähigt, den inneren Klang zu erlauschen und zur weiteren Stufe

zu gelangen, diesen auch den Menschen mitzuteilen. Diesen Giotto eines

musikalischen Rinascimento wird die Weihe der legendarischen

Persönlichkeit krönen. Der ersten Offenbarung wird sodann eine Epoche

religiöser Musikgeschäftigkeit folgen, daran kein Zunftwesen ein Teil

haben kann, insofern als die Berufenen und Eingeweihten unverkennbar,

und nur diese die Vollbringenden sein werden. An diesem Zeitpunkt

leuchtet die vollste Blüte, vielleicht die erste in der Musikgeschichte

der Menschheit. Ich sehe auch, wie die Dekadenz beginnt und die reinen

Begriffe sich verwirren und wie der Orden entweiht wird ...

Es ist das Schicksal der Späteren, und wir -- heute -- sind ihnen

ähnlich, wie die Kindheit dem Greisenalter.

* * * * *

Was in unserer heutigen Tonkunst ihrem Urwesen am nächsten rückt, sind

die Pause und die Fermate. Große Vortragskünstler, Improvisatoren,

wissen auch dieses Ausdruckswerkzeug im höheren und ausgiebigeren Maße

zu verwerten. Die spannende Stille zwischen zwei Sätzen, in dieser

Umgebung selbst Musik, läßt weiter ahnen, als der bestimmtere, aber

deshalb weniger dehnbare Laut vermag.

* * * * *

»Zeichen« sind es auch, und nichts anderes, was wir heute unser

»Tonsystem« nennen. Ein ingeniöser Behelf, etwas von jener ewigen

Harmonie festzuhalten; eine kümmerliche Taschenausgabe jenes

enzyklopädischen Werkes; künstliches Licht anstatt Sonne. -- Habt ihr

bemerkt, wie die Menschen über die glänzende Beleuchtung eines Saales

den Mund aufsperren? Sie tun es niemals über den millionenmal stärkeren

Mittagssonnenschein. --

Und auch hier sind die Zeichen bedeutsamer geworden als das, was sie

bedeuten sollen und nur andeuten können.

Wie wichtig ist doch die »Terz«, die »Quinte« und die »Oktave«. Wie

streng unterscheiden wir »Konsonanzen« und »Dissonanzen« -- da, wo es

überhaupt Dissonanzen nicht geben kann!

Wir haben die Oktave in zwölf gleich voneinander entfernte Stufen

abgeteilt, weil wir uns irgendwie behelfen mußten, und haben unsere

Instrumente so eingerichtet, daß wir niemals darüber oder darunter oder

dazwischen gelangen können. Namentlich die Tasteninstrumente haben unser

Ohr gründlich eingeschult, so daß wir nicht mehr fähig sind, anderes zu

hören -- als nur im Sinne der Unreinheit. Und die Natur schuf eine

unendliche Abstufung -- unendlich! wer weiß es heute noch?[15]

[15] »Die gleichschwebende zwölfstufige Temperatur, welche bereits

seit ca. 1500 theoretisch erörtert, aber erst kurz vor 1700

prinzipiell aufgestellt wurde (durch Andreas Werkmeister), teilt die

Oktave in zwölf gleiche Teile (Halbtöne, daher »Zwölfhalbtonsystem«)

und gewinnt damit Mittelwerte, welche kein Intervall wirklich rein,

aber alle leidlich brauchbar intonieren.«

(Riemann, Musiklexikon.)

So haben wir durch Andreas Werkmeister, diesem Werkmeister in der

Kunst, das »Zwölfhalbtonsystem« mit lauter unreinen, aber leidlich

brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was unrein?

Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht »reine

und brauchbare« Intervalle entstanden sind, als unrein an. Das

diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und doch

wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten.

Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch eine Folge

bestimmter Abstände abgesteckt, sieben an der Zahl, und darauf unsere

ganze Tonkunst gestellt. Was sagte ich, eine Folge? Zwei solche Folgen,

die Dur- und Moll-Skala. Wenn wir dieselbe Folge von Abständen von einer

anderen der zwölf Zwischenstufen aus ansetzen, so gibt es eine neue

Tonart, und sogar eine fremde! Was für ein gewaltsam beschränktes System

diese erste Verworrenheit ergab[16], steht in den Gesetzbüchern zu

lesen: wir wollen es nicht hier wiederholen.

[16] Man nennt es »Harmonielehre«.

Wir lehren vierundzwanzig Tonarten, zwölfmal die beiden Siebenfolgen,

aber wir verfügen in der Tat nur über zwei: die Dur-Tonart und die

Moll-Tonart. Die anderen sind nur Transpositionen. Man will durch die

einzelnen Transpositionen einen verschiedenen Charakter entstehen hören:

aber das ist Täuschung. In England, wo die hohe Stimmung herrscht,

werden die bekanntesten Werke um einen halben Ton höher gespielt, als

sie notiert sind, ohne daß ihre Wirkung verändert wird. Sänger

transponieren zu ihrer Bequemlichkeit ihre Arie und lassen, was dieser

vorausgeht und folgt, untransponiert spielen.

Liederkomponisten geben ihre eigenen Werke nicht selten in drei

verschiedenen Höhen der Notation heraus; die Stücke bleiben in allen

drei Ausgaben vollkommen die nämlichen.

Wenn ein bekanntes Gesicht aus dem Fenster sieht, so gilt es gleich, ob

es vom ersten oder vom dritten Stockwerk herabschaut.

Könnte man eine Gegend, soweit das Auge reicht, um mehrere hundert Meter

erhöhen oder vertiefen, das landschaftliche Bild würde dadurch nichts

verlieren noch gewinnen.

* * * * *

Auf die beiden Siebenfolgen, die Dur-Tonart und die Moll-Tonart, hat man

die ganze Tonkunst gestellt -- eine Einschränkung fordert die andere.

Man hat jeder der beiden einen bestimmten Charakter zugesprochen, man

hat gelernt und gelehrt, sie als Gegensätze zu hören, und allmählich

haben sie die Bedeutung von Symbolen erreicht -- Dur und Moll --

_Maggiore e Minore_ -- Befriedigung und Unbefriedigung -- Freude und

Trauer -- Licht und Schatten. Die harmonischen Symbole haben den

Ausdruck der Musik, von Bach bis Wagner und weiter noch bis heute und

übermorgen, abgezäunt.[17] Moll wird in derselben Absicht gebraucht und

übt dieselbe Wirkung auf uns aus, heute wie vor zweihundert Jahren.

Einen Trauermarsch kann man heute nicht mehr »komponieren«, denn er ist

ein für allemal schon vorhanden. Selbst der ungebildetste Laie weiß, was

ihn erwartet, sobald ein Trauermarsch -- irgendwelcher! -- ertönen soll.

Selbst der Laie fühlt den Unterschied zwischen einer Dur- und

Moll-Sinfonie voraus.

[17] So schrieb ich 1906. Die seither verflossenen zehn Jahre haben

unser Ohr ein klein wenig erziehen geholfen.

* * * * *

Seltsam, daß man Dur und Moll als Gegensätze empfindet. Tragen sie doch

beide dasselbe Gesicht; jeweilig heiterer und ernster; und ein kleiner

Pinselstrich genügt, eines in das andere zu kehren. Der Übergang vom

einen zum zweiten ist unmerklich und mühelos -- geschieht er oft und

rasch, so beginnen die beiden unerkenntlich ineinander zu flimmern. --

Erkennen wir aber, daß Dur und Moll ein doppeldeutiges Ganzes und daß

die »vierundzwanzig Tonarten« nur eine elfmalige Transposition jener

ersten zwei sind, so gelangen wir ungezwungen zum Bewußtsein der Einheit

unseres Tonartensystems. Die Begriffe von verwandt und fremd fallen ab

-- und damit die ganze verwickelte Theorie von Graden und Verhältnissen.

Wir haben eine einzige Tonart. Aber sie ist sehr dürftiger Art.

* * * * *

»Einheit der Tonart.«

-- »Sie meinen wohl 'Tonart' und 'Tonarten' sind der Sonnenstrahl und

seine Zerlegung in Farben?«

Nein, nicht das kann ich meinen. Denn unser ganzes Ton-, Tonart- und

Tonartensystem ist in seiner Gesamtheit selbst nur der Teil eines

Bruchteils eines zerlegten Strahls jener Sonne »Musik« am Himmel der

»ewigen Harmonie«.

* * * * *

So sehr die Anhänglichkeit an Gewohntes und Trägheit in des Menschen

Weise und Wesen liegen -- so sehr sind Energie und Opposition gegen

Bestehendes die Eigenschaften alles Lebendigen. Die Natur hat ihre

Kniffe und überführt die Menschen, die gegen Fortschritt und Änderungen

widerspenstigen Menschen; die Natur schreitet beständig fort und ändert

unablässig, aber in so gleichmäßiger und unwahrnehmbarer Bewegung, daß

die Menschen nur Stillstand sehen. Erst der weitere Rückblick zeigt

ihnen das Überraschende, daß sie die Getäuschten waren.

Deshalb erregt der »Reformator« Ärgernis bei den Menschen aller Zeiten,

weil seine Änderungen zu unvermittelt und vor allem, weil sie

wahrnehmbar sind. Der Reformator ist -- im Vergleich zur Natur --

undiplomatisch, und es ist ganz folgerichtig, daß seine Änderungen erst

dann Gültigkeit erlangen, wenn die Zeit den eigenmächtig vollführten

Sprung wieder auf ihre feine unmerkliche Weise eingeholt hat. Doch gibt

es Fälle, wo der Reformator mit der Zeit gleichen Schritt ging, indessen

die übrigen zurückblieben. Und da muß man sie zwingen und dazu

peitschen, den Sprung über die versäumte Strecke zu springen. Ich

glaube, daß die Dur- und Moll-Tonart und ihr Transpositionsverhältnis,

daß das »Zwölfhalbtonsystem« einen solchen Fall von Zurückgebliebenheit

darstellen.

Daß schon einige empfunden haben, wie die Intervalle der Siebenfolge

noch anders geordnet (graduiert) werden können, ist in vereinzelten

Momenten bereits bei Liszt und in der heutigen musikalischen

Vorwärtsbewegung ausgesprochener zur Erscheinung gekommen. Der Drang und

die Sehnsucht und der begabte Instinkt sprechen daraus. Doch scheints

mir nicht, daß eine bewußte und geordnete Vorstellung dieser erhöhten

Ausdrucksmittel sich geformt habe.

Ich habe den Versuch gemacht, alle Möglichkeiten der Abstufung der

Siebenfolge zu gewinnen, und es gelang mir, durch Erniedrigung und

Erhöhung der Intervalle 113 verschiedene Skalen festzustellen. Diese 113

Skalen (innerhalb der Oktave _C_-_C_) begreifen den größten Teil der

bekannten »24 Tonarten«, außerdem aber eine Reihe neuer Tonarten von

eigenartigem Charakter. Damit ist aber der Schatz nicht erschöpft, denn

die »Transposition« jeder einzelnen dieser 113 steht uns ebenfalls noch

offen und überdies die Vermischung zweier (und weshalb nicht mehrerer?)

solcher Tonarten in Harmonie und Melodie.

Die Skala _c des es fes ges as b c_ klingt schon bedeutend anders als

die _des_-Moll-Tonleiter, wenn man _c_ als ihren Grundton annimmt. Legt

man ihr noch den gewöhnlichen _C_-Dur-Dreiklang als Harmonie unter, so

ergibt sich eine neue harmonische Empfindung. Man höre aber dieselbe

Tonleiter abwechselnd, vom _A_-Moll-, _Es_-Dur- und _C_-Dur-Dreiklang

gestützt, und man wird sich der angenehmsten Überraschung über den

fremdartigen Wohllaut nicht erwehren können.

Wohin aber würde ein Gesetzgeber die Tonfolgen _c des es fes g a h c_ |

_c des es f ges a h c_ | _c d es fes ges a h c_ | _c des e f ges a b c_

| oder gar: _c d es fes g ais h c_ | _c d es fes gis a h c_ | _c des es

fis gis a b c_ einreihen mögen?

Welche Reichtümer sich damit für den melodischen und harmonischen

Ausdruck dem Ohr öffnen, ist nicht sogleich zu übersehen; eine Menge

neuer Möglichkeiten ist aber zweifellos anzunehmen und auf den ersten

Blick erkennbar.

* * * * *

Mit dieser Darstellung dürfte die Einheit aller Tonarten endgültig

ausgesprochen und begründet sein. Kaleidoskopisches Durcheinanderschütteln

von zwölf Halbtönen in der Dreispiegelkammer des Geschmacks, der

Empfindung und der Intention: das Wesen der heutigen Harmonie.

* * * * *

Der heutigen Harmonie und nicht mehr auf lange: denn alles verkündet

eine Umwälzung und einen nächsten Schritt zu jener »ewigen«.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, daß in ihr die Abstufung der

Oktave unendlich ist, und trachten wir, der Unendlichkeit um ein weniges

uns zu nähern. Der Drittelton pocht schon seit einiger Zeit an die

Pforte, und wir überhören noch immer seine Meldung. Wer, wie ich es

getan, damit, wenn auch bescheiden, experimentierte und -- sei es mit

der Kehle oder auf einer Geige -- zwischen einem Ganzton zwei

gleichmäßig abstehende Zwischentöne einschaltete, das Ohr und das

Treffen übte, der wird zur Einsicht gelangt sein, daß Dritteltöne

vollkommen selbständige Intervalle von ausgeprägtem Charakter sind, mit

verstimmten Halbtönen nicht zu verwechseln. Es ist eine verfeinerte

Chromatik, die uns vorläufig auf der ganztönigen Skala zu basieren

scheint. Führten wir dieselbe unvermittelt ein, so verleugneten wir die

Halbtöne, verlören die »kleine Terz« und die »reine Quinte«, und dieser

Verlust würde stärker empfunden als der relative Gewinn eines

»Achtzehndritteltonsystems«.

Es ist aber kein Grund ersichtlich, seinetwegen mit den Halbtönen

aufzuräumen. Behalten wir zu jedem Ganzton einen Halbton, so erhalten

wir eine zweite Reihe von Ganztönen, die um einen halben Ton höher steht

als die erste. Teilen wir diese zweite Reihe von Ganztönen in

Drittelteile ein, dann ergibt sich zu jedem Drittelton der unteren Reihe

ein entsprechender Halbton in der oberen.

Somit ist eigentlich ein Sechsteltonsystem entstanden, und daß auch

Sechsteltöne einstmals reden werden, darauf können wir vertrauen. Das

Tonsystem, das ich eben entwerfe, soll aber vorerst das Gehör mit

Dritteltönen füllen, ohne auf die Halbtöne zu verzichten.

[Illustration]

Um es zusammenzufassen: Wir stellen entweder zwei Reihen Dritteltöne,

voneinander um einen halben Ton entfernt, auf; oder: dreimal die übliche

Zwölfhalbtonreihe im Abstande von je einem Drittelton.

Nennen wir, um sie irgendwie zu unterscheiden, den ersten Ton _C_ und

die beiden nächsten Dritteltöne _Cis_ und _Des_; den ersten Halbton

(klein-)_c_ und seine folgenden Dritteile _cis_ und _des_; -- die

vorhergehende Tabelle erklärt alles Fehlende.

Die Frage der Notation halte ich für nebensächlich. Wichtig und drohend

ist dagegen die Frage, wie und worauf diese Töne zu erzeugen sind. Es

trifft sich glücklich, daß ich während der Arbeit an diesem Aufsatz eine

direkte und authentische Nachricht aus Amerika erhalte, welche die Frage

in einfacher Weise löst. Es ist die Mitteilung von Dr. Thaddeus Cahills

Erfindung.[18] Dieser Mann hat einen umfangreichen Apparat konstruiert,

welcher es ermöglicht, einen elektrischen Strom in eine genau

berechnete, unalterable Anzahl Schwingungen zu verwandeln. Da die

Tonhöhe von der Zahl der Schwingungen abhängt und der Apparat auf jede

gewünschte Zahl zu »stellen« ist, so ist durch diesen die unendliche

Abstufung der Oktave einfach das Werk eines Hebels, der mit dem Zeiger

eines Quadranten korrespondiert.

[18] _»New Music for an old World. Dr. Thaddeus Cahills Dynamophone,

an extraordinary electrical Invention for producing scientifically

perfect music by Ray Stannard Baker«. Mc. Clure's Magazine, July 1906.

Vol. XXVII, No. 3. --_

Über diesen transzendentalen Tonerzeuger berichtet Mr. Baker des

weiteren: ... Die Wahrnehmung der Unvollkommenheit der Tongebung bei

allen Instrumenten führte Dr. Cahill zum Nachdenken. Material,

Indisposition, Temperatur, klimatische Zustände beeinträchtigen die

Zuverlässigkeit eines jeden. Der Klavierspieler verliert die Macht

über den absterbenden Klang der Saite von dem Augenblick an, wo die

Taste angeschlagen wurde. Auf der Orgel kann die Empfindung an der

festgehaltenen Note nichts ändern. Dr. Cahill ersann die Idee eines

Instruments, welches dem Spieler die absolute Kontrolle über jeden zu

erzeugenden Ton und über dessen Ausdruck gewährte. Er nahm sich die

Theorien Helmholtz' zum Vorbild, die ihn lehrten, daß die Verhältnisse

der Zahl und der Stärke der Obertöne zum Grundton den Ausschlag für

den Klangcharakter der verschiedenen Instrumente geben. Demnach

konstruierte er zu dem Apparat, welcher den Grundton schwingen läßt,

eine Anzahl supplementärer Apparate, von welchen jeder einen der

Obertöne erzeugt, und konnte solche in beliebiger Anordnung und Stärke

dem Grundton zuhäufen. So ist jeder Klang einer mannigfaltigsten

Charakterisierung fähig, sein Ausdruck auf das empfindlichste

dynamisch zu regeln, die Stärke vom fast unhörbaren Pianissimo bis zur

unerträglichen Lautmacht zu produzieren. Und weil das Instrument von

einer Klaviatur aus gehandhabt wird, bleibt ihm die Fähigkeit bewahrt,

der Eigenart eines Künstlers zu folgen.

Eine Reihe solcher Klaviaturen von mehreren Spielern gespielt, kann zu

einem Orchester zusammengestellt werden.

Der Bau des Instrumentes ist außerordentlich umfangreich und

kostspielig, und sein praktischer Wert müßte mit Recht angezweifelt

werden. Zum Vermittler der Schwingungen zwischen dem elektrischen

Strom und der Luft wählte der Erfinder das Telephon-Diaphragma. Durch

diesen glücklichen Einfall ist es möglich geworden, von einer

Zentralstelle aus nach allen den mit Drähten verbundenen Plätzen,

selbst auf große Entfernungen hin, die Klänge des Apparates zu

versenden; und gelungene Experimente haben erwiesen, daß auf diesem

Wege weder von den Feinheiten noch von der Macht der Töne etwas

eingebüßt wird. Der in Verbindung stehende Raum wird zauberhaft mit

Klang erfüllt, einem wissenschaftlich vollkommenen, niemals

versagenden Klang, unsichtbar, mühelos und unermüdlich. Dem Bericht,

dem ich diese Nachrichten entnehme, sind authentische Photographien

des Apparates beigegeben, welche jeden Zweifel über die Wirklichkeit

dieser allerdings fast unglaublichen Schöpfung beseitigen. Der Apparat

sieht aus wie ein Maschinenraum.

Nur ein gewissenhaftes und langes Experimentieren, eine fortgesetzte

Erziehung des Ohres, werden dieses ungewohnte Material einer

heranwachsenden Generation und der Kunst gefügig machen.

* * * * *

Welch schöne Hoffnungen und traumhafte Vorstellungen erwachen für sie!

Wer hat nicht schon im Traume »geschwebt«? Und fest geglaubt, daß er

den Traum erlebe? -- Nehmen wir es uns doch vor, die Musik ihrem Urwesen

zurückzuführen; befreien wir sie von architektonischen, akustischen und

ästhetischen Dogmen; lassen wir sie reine Erfindung und Empfindung sein,

in Harmonien, in Formen und Klangfarben (denn Erfindung und Empfindung

sind nicht allein ein Vorrecht der Melodie); lassen wir sie der Linie

des Regenbogens folgen und mit den Wolken um die Wette Sonnenstrahlen

brechen; sie sei nichts anderes als die Natur in der menschlichen Seele

abgespiegelt und von ihr wieder zurückgestrahlt; ist sie doch tönende

Luft und über die Luft hinausreichend; im Menschen selbst ebenso

universell und vollständig wie im Weltenraum; denn sie kann sich

zusammenballen und auseinanderfließen, ohne an Intensität nachzulassen.

* * * * *

In seinem Buche »Jenseits von Gut und Böse« sagt Nietzsche:

»Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten.

Gesetzt, daß man den Süden liebt, wie ich ihn liebe, als eine große

Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine unbändige

Sonnenfülle und Sonnenverklärung, welche sich über ein selbstherrliches,

an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein solcher wird sich etwas vor

der deutschen Musik in acht nehmen lernen, weil sie, indem sie seinen

Geschmack zurückverdirbt, ihm die Gesundheit mit zurückverdirbt.

Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern dem Glauben nach, muß,

falls er von der Zukunft der Musik träumt, auch von einer Erlösung der

Musik vom Norden träumen und das Vorspiel einer tieferen, mächtigeren,

vielleicht böseren und geheimnisvolleren Musik in seinen Ohren haben,

einer überdeutschen Musik, welche vor dem Anblick des blauen,

wollüstigen Meeres und der mittelländischen Himmelshelle nicht

verklingt, vergilbt, verblaßt, wie es alle deutsche Musik tut, einer

übereuropäischen Musik, die noch vor den braunen Sonnenuntergängen der

Wüste recht behält, deren Seele mit der Palme verwandt ist und unter

großen, schönen, einsamen Raubtieren heimisch zu sein und zu schweifen

versteht. -- --

Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst · 第 2 / 3 段