bestände, daß sie von Gut und Böse[19] nichts mehr wüßte, nur daß
vielleicht irgendein Schifferheimweh, irgendwelche goldne Schatten und
zärtliche Schwächen hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst,
welche von großer Ferne her die Farben einer untergehenden, fast
unverständlich gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und
die gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge
wäre ...«
[19] Hier macht sich Nietzsche eines Widerspruchs schuldig; träumt er
vorher von einer vielleicht »böseren« Musik, so denkt er sich jetzt
eine Musik, die »von Gut und Böse nichts mehr wüßte«; -- doch war mir
bei der Anführung um den letzteren Sinn zu tun.
Und Tolstoi läßt einen landschaftlichen Eindruck zu Musikempfindung
werden, wenn er in »Luzern« schreibt:
»Weder auf dem See, noch an den Bergen, noch am Himmel eine einzige
gerade Linie, eine einzige ungemischte Farbe, ein einziger Ruhepunkt --
überall Bewegung, Unregelmäßigkeit, Willkür, Mannigfaltigkeit,
unaufhörliches Ineinanderfließen von Schatten und Linien, und in allem
die Ruhe, Weichheit, Harmonie und Notwendigkeit des Schönen.«
Wird diese Musik jemals erreicht?
»Nicht alle erreichen das Nirwana; aber jener, der von Anfang an begabt,
alles kennenlernt, was man kennen soll, alles durchlebt, was man
durchleben soll, verläßt, was man verlassen soll, entwickelt, was man
entwickeln soll, verwirklicht, was man verwirklichen soll, der gelangt
zum Nirwana.«[20] (Kern, »Geschichte des Buddhismus in Indien«).
[20] Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage (1906) Mr. Vincent
d'Indy: »_.... laissant de côté les contingences et les petitesses de
la vie pour regarder constamment vers un idéal, qu'on ne pourra jamais
atteindre, mais dont il est permis de se rapprocher._«
Ist Nirwana das Reich »Jenseits von Gut und Böse«, so ist hier ein Weg
dahin gewiesen. Bis an die Pforte. Bis an das Gitter, das Menschen und
Ewigkeit trennt -- oder das sich auftut, das zeitlich Gewesene
einzulassen. Jenseits der Pforte ertönt Musik. Keine Tonkunst.[21] --
Vielleicht, daß wir erst selbst die Erde verlassen müssen, um sie zu
vernehmen. Doch nur dem Wanderer, der der irdischen Fesseln unterwegs
sich zu entkleiden gewußt, öffnet sich das Gitter. --
[21] Ich glaube gelesen zu haben, daß Liszt seine Dante-Symphonie auf
die beiden Sätze »_Inferno_« und »_Purgatorio_« beschränkte, »weil
unsere Tonsprache für die Seligkeiten des Paradieses nicht
ausreichte.«
Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
élémentaires sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouves,
élémentaires sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouvés,
Gewitter in Tönen zu beschreiben, welches nicht nur eine unnötige nud
Gewitter in Tönen zu beschreiben, welches nicht nur eine unnötige und
[7] Aus Offenbachs »_Les contes d' Hoffmann_«.
[7] Aus Offenbachs »_Les contes d'Hoffmann_«.
ein für allemal schon vorhanden. Selbst der ungebildetetste Laie weiß, was
ein für allemal schon vorhanden. Selbst der ungebildetste Laie weiß, was
]