Venne antwortete kurz und bestimmt: »Nein.«

»Bedenkt, es steht ein gewichtiger Zeuge gegen Euch, der Ratsherr

Achtermann. Er behauptet das gerade Gegenteil.«

»So spricht er die Unwahrheit«, beharrte Venne trotzig.

»Ich warne Euch«, drängte der Vorsitzende. »Euch kann allein ein

offenes Geständnis vor der peinlichen Frage bewahren.«

»Soll ich etwas gestehen, was ich nicht tat«, entgegnete sie mit

Tränen.

»Das ist Eure Sache«, antwortete der Richter geschäftsmäßig kühl. Da

drängte sich die alte Katharina vor. »Aber ich schwöre Euch, sie ist

unschuldig. Wie könnt Ihr glauben, daß Venne Richerdes dazu jemals ihre

Zustimmung gegeben haben würde!«

»Führt sie hinaus«, befahl der Unerbittliche streng. »Sie mag reden,

wenn sie wieder befragt wird. Und die andere, die Anstifterin, nehmt

auch mit.«

»Also, Ihr wollt nicht gestehen?« wandte er sich wieder an Venne. »Gut,

so brechen wir damit ab.«

»Man redet Euch auch nach, daß Ihr gegen den wahren Glauben unserer

Kirche gesprochen, Euch auch zu dem Apostaten, dem sündigen Mönch

Luther, bekannt habet. Wie steht es damit?«

»Das ist der schuftige Schreiber des Bischofs, der uns belauschte und

Halbgehörtes entstellte.«

»Ich nehme es für eine Absage,« entgegnete der Richter mit einem

stummen Lächeln. »Doch darüber wird Euch etwa noch ein anderer

vernehmen. Aber nun erklärt Euch zu Hermann Raßler«, fuhr er dann mit

erhobener Stimme fort. »Leugnet Ihr auch hier die Gemeinschaft?«

»Ich leugne nicht, was ich getan habe«, antwortete Venne ruhig. »Ich

nahm ihn mir zum Helfer, um mir mein Recht zu verschaffen, das der Rat

mir vorenthielt. Daß er Goslar und seinen Bürgern so zugesetzt, wußte

ich nicht, und es tut mir leid. Hätte ich es gewußt, ich würde meine

Zustimmung nimmer gegeben haben.«

»Und die Beleidigung des Rates und Bürgermeisters Karsten Balder vor

des Kaisers Majestät? Wie steht es damit? Leugnet Ihr oder gesteht

Ihr?«

»Ich leugne nicht, daß ich sie in Worms vor Kaiser und Reichstag der

Beugung des Rechts geziehen habe gegen mich und meinen Vater. Ist das

eine Sünde, so muß ich sie tragen. Aber sagt selbst, konnte ich anders,

da man mir hier in Goslar die Türen verschloß?«

»Auf meine Ansicht dabei kommt es nicht an«, wehrte der Inquisitor

kühl ab. »Also Ihr gesteht. Bleibt noch eins, nicht minder sündhaft.

Man sagt Euch nach, daß Ihr den Schädling Hermann Raßler durch listige

Überredung gewonnen, auch Euch ihm hingegeben und buhlerisch mit ihm

gehauset habt. Stimmt das?«

Flammende Röte schoß Venne ins Gesicht. »Das ist gemein, das ist so

niederträchtig, daß ich darauf nichts entgegnen will«, schloß sie mit

Zusammenraffen des letzten Stolzes, obschon alles in ihr zitterte.

»Also schreibt, Aktuarius«, fuhr der Grausame ungerührt und kalt fort.

»Die Angeklagte Gittermann gesteht ein, den Zaubertrunk bereitet,

leugnet aber, ihn für Menschen bestimmt zu haben. Die Angeklagte

Katharina, Magd der Venne Richerdes, hat den Trunk geholt, leugnet

aber, ihrer Herrin davon Kenntnis gegeben zu haben. Und Venne Richerdes

endlich will von dieser Angelegenheit nichts wissen, leugnet auch die

Buhlschaft mit Hermann Raßler, wie die beleidigenden Äußerungen vor des

Kaisers Majestät. Sie gesteht indes zu, mit selbigem Hermann Raßler der

Stadt Goslar aufgesagt und derselben fleißig Schaden zugefügt zu

haben.«

Venne wurde abgeführt; darauf beriet das Gericht, wie weiter zu

verfahren sei. Man kam sehr bald zu dem einstimmigen Urteil, daß die

drei über die bestrittenen Punkte peinlich zu befragen seien. Es wurde

die Reihenfolge festgesetzt, beginnend mit den leichteren Graden.

Wenn all der Scharfsinn, den man im dunklen Mittelalter darauf

verwendet hat, Werkzeuge zu ersinnen, welche die eigenen armen

Mitmenschen bewegen sollten, Schandtaten zu gestehen, die sie

doch niemals begangen haben konnten, wenn diese Tüfteleien darauf

eingestellt worden wären, der Menschheit nützliche Dinge zu ersinnen,

manche der Erfindungen, deren unsere aufgeklärte Zeit sich rühmt,

wären uns von jenen schon vorweggenommen. Die ›Daumenschrauben‹, der

›Spanische Stiefel‹, die ›Pommersche Mütze‹, der ›Halskragen‹, der

›Leibgürtel‹, ein mit Eisenstacheln besetztes Korsett, in welches die

Büste der Angeklagten hineingepreßt wurde, der ›Bock‹, ein in scharfer

Schneide auslaufender Holzbock, auf welchen die ›Hexe‹ rittlings

gesetzt wurde, stellen nur eine kleine Auslese der Marterinstrumente

dar, mit deren Anwendung man die Armen zum Geständnis zu bringen

suchte.

Man begann bei den Angeklagten mit dem Auspeitschen. Gräßlich

hallte das Geschrei der Gittermannschen durch den Raum. Unbeweglich

sahen der Richter und die Schöffen zu. Das Weib wand sich unter den

unbarmherzigen Streichen, die ihren Rücken zerfetzten. Sie schrie, sie

wolle gestehen, sie widerrief, und wieder sausten die Streiche herab.

Da brach ihr Widerstand endlich.

Venne kämpfte mit einer Ohnmacht während des gräßlichen Schauspiels,

und doch galt es bisher nur einer Fremden, einem widerwärtigen alten

Weibe, dem mit dieser grausamen Behandlung vielleicht eine gerechte

Buße auferlegt wurde für viele heimliche Sünden.

Als aber ihre alte Katharina, ihre treue Pflegerin und Behüterin seit

den Tagen der sonnigen Kindheit, an den Pfahl gebunden und ihr Rücken

sich unter den Streichen des Henkers blutig rötete, da war sie zu Ende

mit ihrem Widerstand.

»Haltet ein, haltet ein, sie ist unschuldig, ich will gestehen!«

Katharina hatte bis dahin alles ertragen, nur ein Ächzen rang sich

über die welken Lippen; jetzt aber, da die Herrin sich für sie opfern

wollte, schrie sie dazwischen: »Glaubt ihr nicht, sie sagt die

Unwahrheit; ich war's allein.«

Der Richter kehrte sich nicht an ihr Geschrei. Ihm lag vielmehr an dem

Geständnis der einen, der Hauptperson, die als ein ruchloses Scheusal

dem Volke vorgeführt werden mußte, sollte die Strafe allen als gerecht

erscheinen.

Ihre Freunde waren bei dem Prozeß zu der Rolle der ohnmächtigen

Zuschauer verurteilt. Immecke Rosenhagen saß voller Ingrimm im

›Goldenen Adler‹. Die Gäste litten unter ihrer Laune. In ihrer alten

Entschlossenheit suchte sie den Bürgermeister auf und bedeutete

ihm, er könne doch unmöglich an das hirnverbrannte Zeug glauben;

sie wies darauf hin, daß es nicht guttue, ein Mitglied einer alten

Patrizierfamilie in dieser Weise bloßzustellen, denn die gemeine Masse

ziehe daraus leicht ihre Schlüsse auf die Qualität der Vornehmen

überhaupt. -- Es war vergebens. Noch höher stieg ihr Groll, wenn sie

darauf kam, daß der Ratsherr Achtermann, der am meisten Schuldige,

triumphiere.

Erdwin Scheffer, der Stadtweibel, fraß seinen Grimm in sich hinein,

wenigstens draußen. Zu Hause mußten die Kinder seine Laune büßen, wenn

sie sich irgendwie laut machten.

Johannes Hardt war in seiner Rolle als Verteidiger sehr beschränkt. Bei

der vorgefaßten Meinung der Richter verhallten seine eindringlichen

Worte. Man wollte ein Opfer, und Venne sollte es sein!

Schon als die Folter bestimmt wurde für den Fall, daß sie nicht

gestehe, erwies sich die Voreingenommenheit. Nach der bestehenden

Gerichtsordnung konnten graduierte Personen, wie Doktoren, Lizentiaten,

Professoren, Advokaten, und Leute von Stand, wie aus vornehmen

Bürgergeschlechtern, die denen des Adels gleichzusetzen seien, von

der Folter befreit werden; man ließ die Vergünstigung für Venne nicht

zu. Als das Urteil gefällt war, das für die Gittermannsche auf den

Feuertod, für Katharina auf erneutes Auspeitschen und Verweisung aus

der Stadt und für Venne Richerdes endlich auf den Tod durch das Schwert

lautete, versuchte Johannes Hardt noch einmal, sie zu retten. In einer

Eingabe an den Rat wies er darauf hin, daß ein Appell an den Kaiser

Begnadigung erwirken könne. Man verweigerte es. Die Stadt habe das

Recht über Leben und Tod, also lasse sie sich von niemand dreinreden.

Mutlos kehrte Johannes zu den Seinen zurück. Unaufhörlich flossen die

Tränen Giselas; das harte Los Vennes konnte sie nicht ändern. Es wurde

von dem Rate als eine besondere Vergünstigung hingestellt, daß man sie

nicht wie eine gemeine Hexe verbrennen lasse, sondern sie durch das

Schwert aburteilen wolle.

* * * * *

Venne Richerdes saß in strenger Haft. Man suchte einen abermaligen

Befreiungsversuch durch geeignete Maßnahmen unmöglich zu machen.

Sie war jetzt in Wahrheit von aller Welt abgeschlossen und bekam

Menschen nur bei gelegentlichen Verhören noch zu sehen, die aber

immer von kurzer Dauer waren, da ihr Geständnis vor dem Inquisitor als

ausreichend angesehen wurde. Auch wollte man keinerlei Gelegenheit zu

einem Widerruf bieten.

Venne dachte allerdings gar nicht an einen solchen, denn er würde

das gräßliche Schauspiel erneuern, das ihr fast die Besinnung nahm.

Lieber wollte sie aber den Tod selbst erleiden, ehe sie ihre alte, gute

Katharina noch einmal den Henkersknechten auslieferte! Der Tod aber war

ihr gewiß, so viel wußte auch sie von der grausamen Rechtspflege ihrer

Zeit. Keine Rettung, nachdem Raßlers Versuch gescheitert war.

Der Keller des Goslarer Rathauses, der heute noch in seiner Urform zu

sehen ist, ist vor anderen Anlagen gleicher Art ausgezeichnet durch

seine ungewöhnlichen Höhenausmaße. Wie gewaltige Höhlen erstrecken sich

die Gewölbe unter dem alten Gebäude dahin. Das Auge sieht die Wölbungen

in unerreichbarer Höhe über sich, das Tageslicht dringt durch schmale,

fast ebenso hoch liegende Schlitze in geiziger Sparsamkeit hinein und

läßt das Dunkel des Raumes nur noch um so gespenstiger und grauenhafter

erscheinen.

In einem dieser schauerlichen Verließe saß Venne Richerdes und wartete

auf ihren Spruch. Kein Mensch nahte ihr als der Kerkermeister, der ihr

die Speisen brachte und grußlos und schweigsam kam und ging. Kein Laut

der Außenwelt drang zu ihr, sie war schon jetzt für ihre Mitmenschen

tot.

Auch Johannes Hardt erhielt nicht länger Zutritt zu ihr, aber einer

vergaß sie nicht, die Kirche. Sie, die sich von ihr als Abtrünnige

gekränkt glauben konnte, wollte doch versuchen, die irrende Seele

zu retten. So schickte sie ihren Boten, und bei der Auswahl erwies

sich's, daß sie die Seelenkunde als vornehmste Waffe gegen den

Unglauben zu verwenden verstand. Es kam nicht ein Eiferer, nicht ein

ungestümer Hitzkopf, der mit dem Donner seines Wortes die Arme zu

gewinnen suchte, sondern ein alter, würdiger Pater, ein Franziskaner,

bei dem sie, wie die Mutter, bisweilen gebeichtet hatte. Aus seinem

Wesen sprachen Güte und Nachsicht.

Mit einem freundlichen, milden Wort begrüßte er sie, als er ihr die

Hand reichte. Nichts von Vorwurf, nichts von Geringschätzung.

»Auf Dir lastet ein schweres Geschick, meine Tochter. Wie findest Du

Dich damit ab?« begann er teilnehmend.

»Wie man etwas Unverdientes hinnimmt, ehrwürdiger Vater. Man grollt

dagegen und kann es doch nicht ändern. Man möchte die ganze Welt

verderben und weiß doch, daß sie darob nur hohnlacht«, murrte sie

düster. Seine Hand glitt tröstend über ihr Haar. »Wer kennt Gottes

Wege, und wer weiß, wohin das zielt, was er uns schickt? -- Wir

meinen vor anderen zum Leiden ausersehen zu sein, wähnen uns zu

Besonderem bestimmt, ungerecht aus der Bahn gerissen, und sind doch nur

Staubkörnlein auf seinem Wege. Und eins, mein Kind, vergessen wir gar

zu gern ob der Klagen: die Selbstanklage.

Ich bin nicht gekommen, Dich anzuklagen, ich will Dich aufzurichten

suchen. Aber so Du auch gegen die anderen haderst, wie mir scheint,

prüfe auch, ob Du vor Dir selbst gerechtfertigt dastehst. Ich bin ein

alter Mann, der manches von der Welt gesehen hat. Vielerorts habe ich

die Ungerechtigkeit triumphieren sehen, ohne dagegen einschreiten zu

können. Auch in Deinem Falle liegt es, wie mir scheint, ähnlich.

Deine Widersacher haben sich gegen Dich verschworen. Was Du dabei zur

Gegenwehr gegen Deine Heimatstadt unternahmest, ist ebenso verwerflich,

aber es mag mit Deiner Verlassenheit und Hilflosigkeit zum Teil erklärt

und entschuldigt werden. Doch was Dir als schwere Schuld anzurechnen

bleibt, ist Deine Einstellung zu den Schwarmgeistern, als deren

schlimmster und ruchlosester jener wortbrüchige Mönch anzusehen ist,

den Du in Worms zu Deinem Verderben hörtest.«

»Ihr habt es von dem schuftigen Schreiber des Bischofs«, warf Venne mit

zuckenden Lippen, verächtlich lächelnd, ein. »Gegen solche Zeugen mag

ich mich nicht verteidigen.«

»So sagt, daß er lügt,« fiel ihr der Mönch ins Wort, »und auch ich will

ihn für einen Schuft erklären und aller Welt Eure Reinheit

verkündigen.«

»Das vermag ich nicht zu sagen«, bekannte sie freimütig. »Zwar hat

er nur halb aufgefangene Worte hämisch und tückisch weitergetragen,

aber in der Sache hat er nicht unrecht. Ich will bekennen, daß der

Wittenberger einen gewaltigen Eindruck auf mich machte. Und was Ihr

ihm nachsagt von Ruchlosigkeit und Schlimmerem, vermag ich nicht

zu glauben. Wenn Ihr den Mann gesehen hättet mit seiner lodernden

Begeisterung, seinen überzeugenden Worten, denen die Wahrheit auf der

Stirn geschrieben stand ...«

-- »Höre auf,« rief der Pater, »ich sehe, Du bist schon völlig in die

Netze dieses Apostaten verstrickt. Kehre um, solange es noch Zeit ist.

Ich beschwöre Dich bei Deiner Seligkeit. Oder ist es dazu schon zu

spät, hast Du Dich ihm mit Leib und Seele verschrieben?«

»Eure Sorge ist verfrüht«, entgegnete Venne. »Und«, fuhr sie bitter

fort, »hättet Ihr vor meiner Fahrt nach Worms nur einen Bruchteil

Eures Eifers um mich aufgebracht, so fändet Ihr mich wohl gar nicht

in dieser Stimmung und auch nicht in dieser Lage. Noch ist nicht

geschehen, was Ihr befürchtet; aber ich bin auf dem Wege zu ihm, dem

Wahrheitskündiger und Seelenarzt. Das sollt Ihr wissen.«

Der Mönch lenkte ein: »Du machst die Kirche und uns, ihre Diener, zu

Unrecht für das verantwortlich, für die Unbill, die Dir widerfuhr. Wir

mischen uns nicht in weltliche Händel, wie Du weißt.«

»Nun, so laßt mich diese weltlichen Händel auch austragen mit all dem,

was sie im Gefolge haben«, schloß sie bitter.

Aber der Pater wagte noch eine letzte Mahnung.

»Meine Tochter, vergiß, was man Dir zufügte, vergiß aber nicht, was

Deiner im Jenseits wartet! Höllenqual und ewige Verdammnis, und vergiß

nicht den Schmerz, den Du Deinen Eltern zufügst durch Deine Tat.

Sie warten Deiner in ihren lichten Höhen. Willst Du Dich von ihnen

scheiden?«

Sanft, mit zarter Güte war es gesprochen, und wie früher verfehlten

diese Worte ihren Eindruck nicht. Venne begann bitterlich zu weinen.

»Das ist ja das qualvolle, daß ich nicht ein noch aus weiß in meiner

Not. Wie oft habe ich schon daran gedacht, und doch zieht es mich immer

wieder nach jener Seite, wo der Wittenberger steht!«

Der Besucher sah, daß er dem armen Mädchen jetzt nicht weiter zusetzen

dürfe, deshalb schickte er sich zum Aufbruch an. »Du zweifelst noch,

meine Tochter, da ist nicht alles verloren. Ich will jetzt gehen und

Dich mit Gott und den Heiligen allein lassen. Mögen sie Dir das Herz

erleuchten und Dir zurückhelfen auf den rechten Weg. Und vergiß nicht:

Dem Reuigen behält die heilige Kirche seine Sünden nicht vor.«

Der Mönch ging. Venne war wieder allein in ihrer trostlosen Einsamkeit.

Und dann sank der Abend herab, und die Nacht drohte, die grauenvolle

Nacht ohne Schlaf. Venne sah es an dem Verblassen des Lichtstreifens,

der in ihren Kerker fiel.

Verzweiflungsvoll irrte sie in dem engen Gefängnis hin und her. Sie

wurde erneut ein Raub der widerstreitendsten Gefühle. Die Worte des

Mönches hatten alles in ihr aufgewühlt, was sie zur Ruhe gekommen

glaubte. Wie gierige Wölfe fielen die Gedanken sie an, ihre irdische

Not, die Trennung von dem Geliebten, der ihr auf immer entrissen war,

die ihr angetane Schmach; ihr ganzes verpfuschtes Dasein stieg vor ihr

auf. Und dann die grausige Vorstellung, daß sie dem Henker verfallen

sei. »Wehe, wehe, so jung und schon sterben müssen!« -- Und mit dem

Tode war es noch nicht zu Ende, selbst in das Jenseits hinein belastete

sie noch die Erdenschwere: »Was harrt Deiner dort?«

In namenlosem Jammer rang sie die Hände. »Herr mein Gott, erleuchte

mich! Vater, Mutter, gebt mir einen Wink, wo der rechte Weg ist!«

Keine Antwort in der erdrückenden Stille, schwarze Nacht ringsum! --

Doch da schleicht sich ein Schimmer in ihr Gefängnis und trifft ihr

ruhelos irrendes Auge. Ein Sternlein sendet sein bescheidenes Licht

durch den Fensterschlitz. Aus erdenweiter Ferne gleitet sein milder

Glanz herab in den Raum, wo irdische Unbill sie ummauert hält. Und ein

zweites steht ihm getreulich zur Seite, und ein drittes. In sanfter

Stetigkeit blicken die Augen des Himmels auf sie herab. Und Venne

klimmt mit ihrem leidgeprüften Herzen zu den Seligen empor, die da oben

in den himmlischen Sphären wandeln und leben. Vielleicht wohnt auf eben

dem Sternlein das Mütterlein und der Vater, und sie sehen herab auf

ihre Tochter, die in dieser furchtbaren Einsamkeit dem frühen, harten

Tode entgegenlebt.

»Mutter, Mutter, erbarme Dich meiner. Gib mir ein Zeichen, daß Du mir

nicht zürnst, daß ich nicht von Dir geschieden bleibe!« Und ihre Seele

sucht in brünstigem Gebet die Ferne, Selige.

Da fließt es wie ein linder Trost ihr ins Herz. Das verklärte Antlitz

der Mutter blickt auf sie hernieder, und sie spricht zu ihr: »Fürchte

Dich nicht, meine Venne, ich bin bei Dir jetzt, und ich umschwebe Dich

in Deiner letzten, großen Not. Du suchtest Gott, Du hast ihn gefunden;

bleibe ihm treu, höre nicht auf Menschenwort. Und alles, was das Herz

Dir bedrückt, das wirf auf ihn, den Eingeborenen, den er uns sandte,

uns zu heilen und zu lösen. Jesus Christus, Dein Stab! An ihn halte

Dich, mit ihm tritt die Wanderung an durch das dunkle Tal, das Dich zu

mir, zu uns führt!«

»Jesus Christus, Dein Heil, Deine Zuversicht!« -- wie milder, heilsamer

Balsam legte es sich auf ihre zweifeldurchwühlte Brust. »Jesus

Christus, Dein Stecken und Dein Stab!« -- mit einem Seufzer unendlichen

Glücksgefühls wandte sich ihr Blick von den schwindenden Sternen, die

ihre Bahn durch die Ewigkeit fortsetzten.

»Jesus Christus!« -- Der Name schwebte noch auf ihren Lippen, als die

Augen sich schlossen zum Schlummer auf hartem Lager.

Am nächsten Tage schon kehrte der Franziskaner wieder. Er fand Venne

in gelassener Ruhe. Der Friede in ihrer Stimme, der ihm bei seinem Gruß

entgegenklang, erfüllte ihn mit Unruhe und Sorge.

»Hast Du Dich zurückgefunden, meine Tochter?« fragte er mit milder

Stimme.

»Wie Ihr es versteht,« entgegnete Venne, »zurückgefunden oder

zurechtgefunden zu meinem Gott und Erlöser; von ihm soll mich nichts

mehr scheiden.«

»Wie soll ich das verstehen?« forschte er. »Dachtest Du auch an das,

was ich Dir von den Eltern und dem Jenseits sagte?«

»Seid gewiß,« erwiderte sie zuversichtlich, »ich fand sie und hörte

ihren Rat, der aber weist mich zu Jesum. Ihm will ich folgen und nur

ihm.«

»Und die Kirche und die lieben Heiligen, baust Du nicht auf ihre

gnadenbringende Fürsprache?«

»Ich habe meinen Heiland, habe Jesum Christum, was brauche ich sie!«

»So bist Du verloren für die Zeit und Ewigkeit!« Grollend erklangen

seine Worte.

»Zürnet nicht, ehrwürdiger Vater«, bat Venne mit sanfter Stimme. »Es

schmerzt mich, daß ich Euch kränken muß, der mir nur Gutes erwies. Aber

Gottes Gebot geht vor Menschenwunsch. Und Gott befiehlt mir durch mein

Mütterlein: ›Bleibe getreu und halte Dich an Jesum Christum!‹«

Da schied der Mönch zum andern Male von ihr, und er ging mit wehem

Herzen, daß er die verirrte Seele nicht zurückgewinnen solle. Traurig

war sein Blick, und Trauer durchzitterte seine Stimme, als er murmelte:

»So leb' denn wohl für diese Zeit und für die Ewigkeit!«

Während in Goslar Venne Richerdes der Prozeß gemacht wurde, lag ihr

Bewunderer und Helfer todwund in Rohde, wohin er gebracht war, sobald

sein Zustand das zuließ. Lange hielt ihn das Fieber im Bann, und es

schien, als ob der willensstarke Mann seinen Meister gefunden habe.

Immer wieder gellte der Name »Venne« durch seine Fieberträume, und

oft fuhr er auf mit dem Rufe: »Laßt mich zu ihr, ich habe ihr Hilfe

versprochen, ich darf nicht wortbrüchig an ihr werden.« Aber dann sank

er wimmernd zusammen.

Von den Vorgängen in Goslar wurde er dauernd unterrichtet durch seine

Spione. Er hörte von dem Fortgang des Prozesses und erfuhr, daß Venne

zum Tode verurteilt sei. Da gab es für ihn kein Besinnen mehr. Ein

Befehl rief alle seine Männer zusammen. Es galt einen Überfall auf

Goslar, der in allen Einzelheiten sorgsam durchdacht war. Während

ein Teil einen Angriff von der Westseite her unternehmen sollte, der

die Aufmerksamkeit der Goslarer fesselte, würden die anderen von

Südosten her, von wo man am wenigsten Feindseligkeiten erwartete, in

die Stadt einzudringen suchen. Hermann Raßler war noch immer nicht

wiederhergestellt, aber es galt ihm als selbstverständlich, daß er bei

diesem Zuge, der ihm die Erfüllung seines höchsten Sehnens bringen

sollte, zugegen sein mußte.

Der Tag der Hinrichtung Vennes stand fest und damit auch die Stunde,

die zur Befreiung zu führen bestimmt war. Am Abend vorher näherten

sich die Mannen Raßlers der Stadt. Jedes Geräusch wurde vermieden,

die Landwehr an Stellen überschritten, die abseits der Wege lagen.

Mitgeführte Leitern wurden an die Mauer gelegt; die Ersten gelangten

über sie hinweg und überwältigten die Wache im Torturm. Dann brach der

Haufe in die Stadt ein.

Schon war durch den Lärm, der sich bei der Erzwingung des Eingangs

nicht vermeiden ließ, dieser und jener Bürgersmann geweckt. Verschlafen

rieb er sich die Augen, dann aber besann er sich auf seine Pflicht, die

ihn zu jeder Stunde zum Schutze der Stadt aufrufen konnte. Inzwischen

drang der Haufe der Bewaffneten bis zum Marktplatz vor, wo im Rathaus

Venne befreit werden sollte. Die Türen wurden mit Gewalt erbrochen, mit

fliegender Eile stürmte Raßler zu dem Verlies, in dem er die Geliebte

wußte.

»Venne, die Befreiung ist nahe! Venne!« rief er noch einmal, -- niemand

antwortete. Eine Fackel tauchte auf, sie wurde dem Träger entrissen,

und Raßler leuchtete in den Raum: leer! -- -- Er wußte nicht, daß man

vor wenigen Stunden die Gefangene in die Stadtfronei gebracht hatte,

um sie bei der Hinrichtung nicht weit führen zu müssen. »Vergebens,

verloren!« stöhnte er. Tränen der Wut traten ihm ins Auge, und dann

brüllte er auf wie ein Tier, dem man seine Beute entrissen hat.

»Venne, Venne!« schrie er einmal über das andere. Aber schon drängten

die Genossen zum Rückzug. In der Stadt heulte die Sturmglocke,

die Bürger sammelten sich in Haufen und drangen gegen das Rathaus

vor. »Feind in der Stadt! Raßler ist da!« schrie und brüllte es

durcheinander. Der Wilde stürzte sich auf sie: »Wo habt Ihr Venne

Richerdes? Gebt sie heraus!« tobte er. Aber sie höhnten ihn in ihrer

Übermacht. »Seht da, der Räuberhauptmann will sich sein Liebchen holen,

um mit ihm auf dem Blocksberge Hochzeit zu halten. Auf ihn, der uns so

sehr geschädigt hat, greift ihn, den Lump!«

»Auf sie!« brüllte auch Hermann Raßler mit blutunterlaufenen Augen.

Wuchtig sausten seine Hiebe auf die Angreifer herab, und mehr als

einer wälzte sich in seinem Blut. Aber immer größer wurde die Zahl der

Verteidiger, und Schritt um Schritt wichen die Raßlerschen zurück.

Dem Führer lag nichts an seinem Leben, immer und immer wieder stürmte

er vor. Zuletzt rissen ihn die eigenen Leute zurück und führten

den Widerstrebenden davon, während andere den Rückzug deckten. Das

Schicksal Vennes war besiegelt.

* * * * *

Ein strahlend schöner Herbsttag brach nach der unheimlichen Nacht

über die alte Reichsstadt herein. Leise, ganz leise kündigte sich das

Sterben in der Natur an. Hier ein rotes Blättchen, das vom wilden Wein

der Laube langsam zur Erde sich senkte, dort ein roter Schein über

einen alten Ahorn oder eine Linde gehaucht, dazwischen dunkles Gold und

lichtes Gelb, all die wunderbaren Farbentöne, mit denen der Meister der

Schöpfung sein Werk noch einmal verklärt, ehe er ihm den Schmuck des

Lenzes und Sommers nimmt und sie mit dem starren Gewande des Winters

umkleidet. In den Büschen und Bäumen noch das lustige Gezwitscher der

kleinen Sänger, die sich um das Morgen nicht kümmern, bis die Stimme in

ihnen mahnt, daß es an der Zeit sei, sich zur Wanderung anzuschicken.

Auf den Straßen jubelten die Kinder bei ihren Spielen, unbekümmert um

das Unheimliche, das geschehen war, und das Gräßliche, das bevorstand.

Sie hatten von den Erwachsenen einen Vers übernommen, den sie zu ihren

Ringelreihen lustig zwitscherten:

»Venne Richerdes und Raßler der Böse,

Von beiden der Himmel uns balde erlöse!«

Vor der Pfalz, die von ihrer einsamen Höhe auf das Häusergewirr

herabblickte, erhob sich das Schafott, auf dem Venne Richerdes büßen

sollte. Eine ungeheure Volksmenge umlagerte den Platz. Selbst die

Firste der näher liegenden Häuser waren mit Neugierigen bekränzt, die

sich keine Einzelheit des schrecklichen Schauspiels entgehen lassen

wollten.

Es ist der Ämter edelstes und opferwilligstes, das der Diener Gottes,

dem Menschen in seiner letzten Not zur Seite zu stehen, wenn alle ihn

verlassen müssen in seiner Qual. Bis dahin hielt ihn die Sorge um die

Erhaltung des irdischen Lebens gefangen, jetzt lastet die furchtbare

Seelennot auf ihm: Was wird aus mir im Jenseits?

Venne Richerdes stand außerhalb dieser Fürsorge, denn von der alten

Gemeinschaft hatte sie sich losgesagt; die neue aber, die lutherische

Familie, war, in Goslar zum wenigsten, noch ohne Heimat. Ihre Kinder

und Jünger lebten der Obrigkeit zum Ärgernis und wurden von ihr nicht

geduldet. So hätte sie allein den dunklen Weg gehen müssen. Aber der

gute, alte Pater Franziskaner brachte es nicht über das Herz, sein

Beichtkind ohne Tröstung den letzten Gang antreten zu lassen. Vor

seinen Oberen beschönigte er sein Vorhaben mit dem Hinweise, daß Venne

doch zuletzt noch widerrufen möchte, und auch im innersten Winkel

seines Herzens lebte diese Hoffnung.

Als die Stunde gekommen war, trat er bei ihr ein.

»Ich bin gekommen, mit Dir zu beten«, sprach er mit ernster, milder

Stimme. »Bist Du bußfertig, bereust Du Deine Sünden?«

»Ich bereue alles, was ich gesündigt, und bitte Gott, er wolle es mir

nicht ansehen um Jesu Christi willen«, antwortete sie leise.

»Willst Du nicht zu uns zurückkehren?«

»Ich bitte Euch, ehrwürdiger Vater, laßt mich, wo ich bin. Ich habe

den Grund gefunden, auf den ich baue, Jesum Christum. In ihm will ich

sterben!«

»So möge Gott Dir gnaden!« murmelte der Mönch betrübt.

Das Armsünderglöcklein setzte ein mit seinem wimmernden Stimmchen.

Aus der Fronei trat die todblasse Venne Richerdes, ihr zur Seite der

Pater. Er murmelte die Sterbegebete; Vennes Lippen bewegten sich, ohne

Worte formen zu können. Mit wankenden Schritten näherte sie sich der

Richtstätte. Der Prokurator verlas das Urteil und brach den Stab über

die Verurteilte, Venne Richerdes gehörte dem Henker.

Venne Richerdes · 第 12 / 14 题