Statt der Antwort nahm ihm Venne das Kruzifix aus der Hand. Ihr Auge
suchte das Antlitz des Gekreuzigten. »Jesus Christus, mein Erlöser!«
Ihre Lippen hauchten einen Kuß auf das Kreuz, dann ließ sie es in die
Hände des Paters zurückgleiten.
Noch einmal umfaßte ihr Blick die Heimat mit den Türmen und Giebeln
und den ragenden Bergen. Dann kniete sie nieder und empfing den
tödlichen Streich.
* * * * *
Venne Richerdes hatte geendet, nicht erloschen war das Rachegefühl in
der Brust Hermann Raßlers. Als die Nacht hereingebrochen, näherten
sich wieder Gestalten der Stadt und gewannen heimlich Einlaß. Der
Wächter rief die Mitternachtsstunde, da flammte es an allen Enden
Goslars zugleich blutigrot auf. Der rote Hahn spreizte seine feurigen
Flügel. Die Bürger schreckten aus dem Schlafe auf durch das gefürchtete
»Feuerjo! Feuerjo!« Prasselnd stiegen die Flammen in den dunklen
Himmel, die Nachbarschaft weithin mit grellem Schein übergießend;
dahinter gähnte die Nacht nur um so schwärzer und unheimlicher. Hermann
Raßler brachte Venne Richerdes sein Totenopfer!
Er selbst, der Wilde, Rachedürstende, war daran nicht beteiligt, er
hatte ein anderes, letztes Werk in Goslar zu vollbringen: noch lebte
der, von dem all das Unheil ausging, das über die unglückliche Venne
hereingebrochen war, der Ratsherr Heinrich Achtermann.
Der Rächer nahm niemand mit auf seinem Wege. Was er vorhatte, war sein
eigenstes Werk, kein Unberufener sollte ihn dabei stören, was er mit
seinem Todfeinde zu erledigen hatte.
Das Haustor war bald geöffnet, er drang zu dem Zimmer vor, in dem
der Gehaßte weilte. Eine Magd, die ihm mit einer Kerze entgegentrat,
verscheuchte er mit barschem Befehl. Da trat ihm der Gesuchte entgegen,
notdürftig gekleidet. Entsetzen ergriff ihn, als er den Gefürchteten
vor sich auftauchen sah. Das Licht zitterte in seiner Hand.
»Zurück in Euer Zimmer!« herrschte Raßler. Mechanisch wich Achtermann
zurück. Jener folgte ihm auf dem Fuße.
Achtermann wußte, daß sein letztes Stündlein geschlagen habe.
Hilfesuchend glitt sein Blick zum Fenster. Raßler sprach düster: »Gebt
Euch keiner Hoffnung hin, für Euch gibt es keine Rettung! Bereitet
Euch zum Sterben vor. Aber zuvor noch eine Frage: Was tat Euch Venne
Richerdes, diese Edle, Reine? Habt Ihr auch nur einen einzigen
triftigen Grund, so mögt Ihr Euer elendes Leben weiterschleppen. Euch
bleiben noch genug der Gewissensbisse, daß Ihr darunter zusammenbrechen
müßt.«
Der Ratsherr brachte nur lallende Laute hervor. »Sprecht!« heischte der
Unerbittliche, aber kein Wort entrang sich den blassen Lippen. Stieren
Auges blickte er auf den Peiniger.
»Willst Du nicht, so fahre ohne Bekenntnis zur Hölle!« schrie er. »Doch
daß ~ich~ es an christlicher Gesinnung selbst Dir gegenüber nicht
fehlen lasse, so sei Dir noch ein letztes Gebet gegönnt. Nieder auf
die Erde!« brüllte er, als Achtermann noch immer schwieg, und damit
riß er ihn auf den Boden. Da entrang sich den Lippen seines Opfers
ein furchtbarer, wilder Schrei. Mit eiserner Faust hielt Raßler ihn
nieder, während die Rechte den Dolch zum Stoß bereithielt. Wimmernd,
mit verglasten Augen lallte der Alte einige Worte. Es wurde laut im
Hause. Durch das Geschrei der Magd und den Angstruf des Ratsherrn waren
Nachbarn aufmerksam gemacht worden und drangen ins Haus.
»Stirb, Du Hund«, zischte Raßler und hob die Rechte zum Stoß. Da flog
die Tür auf, und die Helfer drangen ein. Ehe noch der Dolch sein Ziel
erreicht hatte, sank Hermann Raßler unter dem Streiche eines Bürgers.
Seinem Leben ward ein Ende gesetzt an dem Tage, da Venne, die er zu
gewinnen hoffte, unter des Henkers Schwert starb.
Heinrich Achtermann hatte das Bewußtsein verloren; als er wieder zur
Besinnung gebracht war, schlug ein blöder Greis die Augen auf. Die
schreckliche Stunde hatte ihm die Sinne verwirrt.
Durch die hochgehenden Wogen der Nordsee pflügte sich eine hansische
Kogge mühsam ihren Weg. Oft war sie verschwunden zwischen den
grünen Wellenbergen, dann schwebte sie auf der Höhe des nächsten
Wasserschwalles. Der weiße Gischt flutete über das niedrige Verdeck,
alles mit seiner salzigen Flut übergießend. Aufmerksam standen Kapitän
und Steuermann auf ihrem Posten; keinen Blick verloren sie von dem
Wege, den der Kompaß vorschrieb.
Das Schiff hatte eine schwere Fahrt hinter sich, seitdem es von der
Mole in London losmachte. Wild jagte der Novembersturm hinter ihm drein
und heulte brüllend durch die gerefften Segel und Stengen. Aber wacker
stampfte es dahin, unentwegt dem fernen Ziele zu. Die Kogge war in
Hamburg beheimatet, und dorthin ging ihre Reise.
Ungeduldig blickte einer der Schiffsgäste auf Schiff und See, deren
Wogen, wie es schien, unter dem Fahrzeug eilig davonglitten dem Ziel
zu, das sie selbst erstrebten. Ja, er war voller Ungeduld, Heinrich
Achtermann, der mit der guten hansischen Kogge die Heimfahrt von London
antrat, nachdem dort die geschäftlichen Angelegenheiten zu seiner und,
wie er hoffen durfte, auch zu seines Vaters Zufriedenheit geregelt
waren. Aus der Heimat hatte ihn in dem knappen Jahre, das er von Goslar
fern weilte, Nachricht nicht erreicht außer einem Schreiben des Vaters,
das geschäftlichen Inhaltes war und die Dinge, die ihn interessierten,
nicht berührte. Venne selbst wußte er in Worms; wie lange ihr
Aufenthalt dort dauern würde, war ihm unbekannt. Zwischen ihm und ihr
war also in dieser Zeit der Faden gänzlich abgerissen.
Er freute sich von Herzen auf das Wiedersehen, denn die Aufregung der
letzten Tage in Goslar mit dem unleidlichen Zwischenfall hatte sich
gewiß gelegt, und er durfte hoffen, daß auch bei dem Vater eine mildere
Stimmung eingezogen sei. Seine Gefühle für die Geliebte waren durch
die lange Trennung geklärt, sie hatten an Innigkeit nicht verloren,
sondern waren gefestigt worden durch die Vergleiche, die er zwischen
fremden Frauen und der keuschen, züchtigen Geliebten ziehen konnte. Er
war entschlossen, sein Glück festzuhalten und sich durch nichts darum
betrügen zu lassen.
Viel zu langsam für seine Ungeduld setzte das Schiff seine Fahrt
durch die schwere See fort. Heinrichs Gedanken eilten ihm voraus
und übersprangen den Weg von Hamburg nach Goslar. Er sah sich zur
Bergstraße eilen und die Geliebte an sein Herz sinken. Das Gefühl
des großen Glückes, das seiner wartete, drohte ihm die Brust zu
zersprengen. Endlich lief die Kogge in die Elbe ein und legte im Hafen
von Hamburg an. Es hielt ihn dort keinen Tag länger, unverweilt brach
er nach Goslar auf. Noch hieß es sich Tage gedulden, aber süßer Lohn
winkte ihm daheim und brachte ihm Entschädigung für die lange Zeit der
Sehnsucht!
Armer Heinrich, Du ahnst das Schreckliche nicht, das Deiner wartet!
Von Braunschweig ab fand er Gesellschaft in einem Reisegenossen, einem
Kaufmann, der in Goslar Station machen und dann weiter nach Halberstadt
wollte. Von dem Gespräch über die Zeitläufte kam man auch auf die
Geschehnisse in der Heimat. Da der Reisende hörte, daß Heinrich lange
abwesend gewesen sei, berichtete er über vieles, das ihm in den Sinn
kam.
»Dann wißt Ihr wohl auch nichts von dem großen Hexenprozeß, der vor
wenigen Monden alle Gemüter in Eurer Heimat in Spannung hielt?«
Heinrich verneinte.
»Nun, da werdet Ihr staunen. Es war nämlich keine gewöhnliche Hexe,
sondern ein vornehmes Fräulein.«
Heinrich schnürte ein unerklärliches Angstgefühl die Kehle zu. »Wie
hieß die Frau?« fragte er mit halberstickter Stimme.
»Ja, wie war doch der Name? Laßt sehen. Venne, Venne Richard oder so
ähnlich.«
»Venne, Venne? Doch nicht Richerdes?« fragte er heiser. »Doch, das
ist der Name.« »Ihr lügt«, schrie der Gepeinigte, daß der Fremde
erschrocken zusammenfuhr. »Ihr lügt«, wiederholte er noch einmal.
»Nun, ich kann mich ja irren, aber ich meine, so hätte der Name
geklungen; doch nichts für ungut. Was erregt Euch denn so bei dem
Namen?«
Was ihn erregte! Er hätte dem Mann ins Gesicht schreien können: »Meine
Braut ist es!« aber er schwieg mit zusammengebissenen Zähnen. Nur kurze
Zeit ritt er noch mit dem Weggenossen, dann entschuldigte er sich:
»Nehmt es nicht übel, aber mich zwingt die Unruhe vorwärts.« Damit gab
er seinem Pferde die Sporen.
In Goslar ritt er durch das Breite Tor ein. Qualvolle Ungewißheit
erfüllte sein Herz. Es schien ihm, als blickten ihn alle Leute mit
neugierigen, mitleidigen Augen an. Bekannte begegneten ihm nicht. Ehe
er noch das väterliche Haus aufsuchte, ging er zur Bergstraße, um
von der schrecklichen Pein erlöst zu werden. Das Haus der Richerdes
war verschlossen, niemand rührte sich drinnen. Es öffnete sich ein
Nachbarfenster: »Aber was wollt Ihr denn da? Wißt Ihr nicht, daß die
Hexe ...?« Da jagte er davon wie von Furien gehetzt.
Im Vaterhause alles still. Die Magd blickte ihn an, als ob sie ein
Gespenst sehe. »Herr Heinrich«, schrie sie dann laut auf. Auf den Ruf
trat die Mutter aus dem Zimmer. Aber ... war denn das seine Mutter?
Eine rüstige, stattliche Frau, so hatte sie ihm den Abschiedskuß auf
die Stirn gedrückt, und jetzt eine gebeugte, zitternde Greisin?
»Mutter,« schrie er, »Mutter, ist es wahr, was man mir erzählt? Venne
...?«
Sie lehnte sich gegen den Türpfosten, als drohten ihr die Kräfte zu
versagen. »Ja, mein Sohn, mein armer Junge, es ist wahr.«
Da schrie er auf wie ein zu Tode getroffenes Wild. »Venne!« und noch
einmal »Venne!«
»Und wer hat sie mir geraubt« rief er heiser vor Wut. »Hat etwa der
Vater daran Anteil?«
Die Mutter schwieg. Das Schweigen war ihm Antwort genug.
»So hat der Unhold in seiner Rachsucht alles zerstört, was mir teuer
war. Alles, alles«, fuhr er mit versagender Stimme fort. »Aber wo ist
er?« schrie er erneut auf. »Wo ist er, daß ich ihn zur Rechenschaft
ziehe?«
Die Mutter schluchzte still vor sich hin. »Wo ist er?« fragte der Sohn
wiederum drohend.
»Du wirst ihn nicht zur Rechenschaft ziehen, weil Du es nicht kannst,
armer Junge«, sagte sie leise.
»Weshalb nicht? Ist er tot? Ist alles tot und verhext hier bei Euch?«
»Er ist nicht tot,« antwortete sie mit bitteren Tränen, »er ist
schlimmer als tot, er ist wahnsinnig.«
»Ha, ha, ha«, lachte Heinrich in grellem Hohn. »So ist's recht, die
Braut getötet, der Täter ein Narr!«
»Du sprichst vom Vater!« mahnte die Mutter verzweifelt.
»Ich fluche ihm,« schrie der Sohn, »ich fluche allen, die an der
grausigen Tat mitschuldig. Ich erwürge sie alle«, schäumte er.
»Fasse Dich, mein Sohn,« mahnte sie, »lästere nicht wider Gottes Gebot,
das Dich heißt, den Eltern Ehrfurcht zollen.«
Wieder lachte er schrill auf. »Ehrfurcht zollen diesem blöden
Mordbuben! Nein, nein, ich ziehe ihn dennoch zur Rechenschaft; er soll
mir büßen.« Er trat einen Schritt auf das Zimmer zu, in dem er den
Vater mutmaßte. Da stellte sich ihm die schwergeprüfte Mutter entgegen.
»Willst Du nicht Gottes Gebot achten gegen Deinen Vater, so achte mich
oder schreite über mich weg, wenn Du es vermagst.«
Da brach der Zorn des Sohnes zusammen. Er sank auf einen Sitz und
schluchzte in haltloser, wilder Verzweiflung. Leise legte sich die
Hand der Mutter auf seinen Scheitel: »Gott hat Dir und mir die Prüfung
geschickt, laß sie uns gemeinsam tragen, daß nicht der einzelne ihr
erliegt.«
* * * * *
So nahm Heinrich Achtermann sein Joch auf sich. Oft meinte er, darunter
zusammenzubrechen. Wenn er den Vater sah, quoll die wilde Verzweiflung
aufs neue in ihm empor. Er ballte die Fäuste in der Tasche, um sich
nicht an dem wehrlosen Narren zu vergreifen.
Der stolze Ratsherr Achtermann war zum Kinde geworden, zum blöden
Kinde, das vor sich hinlallte und greinte und lachte, wie die Eindrücke
von außen, der Hunger, die Kälte, Tag und Nacht ihn trafen. Geduldig
pflegte die Mutter das große Kind. Mit einem Gefühl der Bewunderung
blickte der Sohn auf diese Frau, die in stiller, selbstloser Liebe dem
Gatten die Treue hielt, auch jetzt, wo er für die Welt zum gemiedenen,
verachteten Geschöpf geworden war: Das war die Liebe, die echte, große
Liebe, die, von Gott in der Menschen Herz gesenkt, nicht erlosch und
sich am Erbarmen mit dem Geschlagenen stärkte und immer reiner und
verklärter ihre Äußerung fand.
Mählich, ganz mählich zog auch Mitleid in sein Herz. Der Vater selbst
hatte alles vergessen, was zwischen einst und dem schrecklichen Tage
lag, da durch seine Schuld die edle Venne dahinsank.
In ihm lebte sie, so oft seine Gedanken sich zu ihr zurückfanden, als
die schöne, liebliche und geliebte Schwieger. Er fragte nach ihr,
er greinte, daß sie nicht komme, und dann führte ihn sein schwacher
Geist wieder in das Kinderland zurück, das dem Greise noch einmal sich
aufgetan hatte.
Heinrich gewann es allmählich über sich, den Mann zu ertragen, der
ihm so Schweres zugefügt hatte; nur wenn der Schwachsinnige in seiner
kindischen Sehnsucht ihren Namen nannte, wenn er sie als Tochter grüßte
und rief, brannte das Weh in alter Schärfe.
Noch einmal wurde der Ratsherr Achtermann Herr seines Verstandes. Das
war in der Stunde, da der Tod schon zu seinen Häupten stand. Da büßte
er alles, was er gesündigt hatte. »Vergib mir, mein Sohn, was ich Dir
tat. Vergib mir, Venne, geliebte Tochter, in Deiner lichten Höhe. Ich
komme und will den Saum Deines Gewandes küssen. Herr, Herr, behalte mir
die Sünde nicht vor.«
Erschüttert stand der Sohn daneben. Sein Groll schmolz dahin. Er legte
die Hände des Sterbenden zusammen und betete mit ihm: »Herr, vergib uns
unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.«
Es starb der Vater, es starb ihm die Mutter. Nun lebte er ganz
allein. Es war ein stiller, einsamer Mann, der zu der Stelle an der
Kirchhofsmauer wallfahrtete, wo sie Venne Richerdes gebettet hatten.
Lieblicher als Menschenhand schmückte Mutter Natur die Ruhestätte, die
von den Menschen gemieden wurde.
Man lockte ihn mit hübschen, schönen Jungfrauen, die bereit waren, an
der Seite des Einsamen durch das Leben zu pilgern; er achtete ihrer
nicht. Früh bleichte sein Haar. Man schalt ihn einen Menschenfeind und
Sonderling; er hörte es nicht. Nur dem kleinen Kreise derer, die Venne
Richerdes bis zum Tode die Treue gewahrt hatten, blieb er ein Freund.
Im Hause der Hardts fand auch sein Mund wieder Worte. Man gedachte der
ihm Entrissenen.
Mit wehmütiger Freude traf der Blick Heinrichs das junge, blühende
Geschlecht, das dort in der Unschuld seiner Kindheit heranreifte. Seine
Hand glitt wie segnend über den Scheitel des Töchterchens, das sich
vertrauensvoll an ihn schmiegte. Seine Gedanken suchten das Dunkel zu
durchdringen, das ihre Zukunft verhüllte: Was wird ihrer harren hier
auf Erden?
Und er fand die Antwort, wie sie lauten mußte: Liebe und Kampf und
Kampf und Liebe in der ewigen Wiederholung des Menschenschicksals!
Anmerkungen zur Transkription:
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
Korrektur.