Die Kirche wankte indes darum noch nicht in ihren Grundfesten, es waren

Vorgänge von lokaler Bedeutung. Wehe aber, wenn sich der Mann fand,

der alle diese Kräfte auf ein Ziel hin in Bewegung zu setzen verstand!

Und wehe ihr, wenn er zu diesem Haufen verzweifelnder Existenzen auch

noch das Heer derer gesellte, die nicht um irdischer Vorteile willen,

sondern, um ihr Herz von dem inneren Widerstreit der Gefühle zu

befreien, auf den Rufer harrten, der sie anführe zum Kampf gegen die

verrottete Kirche.

Die Schäden hatte auch Ernesti, der kluge und weitgereiste Kaufmann,

erkannt und zugestanden; um den endgültigen Sieg der Kirche war

ihm nicht bange. Und doch erwies sich sein Urteil als kurzsichtig.

Das Klagelied von der Pfaffen Übermut und Üppigkeit, von ihrer

Unbildung und Verrohung, von der Priester wie der Mönche und Nonnen

Unflätigkeiten, dieses Lied, das auch die Päpste zu nennen sich nicht

scheute, erklang allüberall und wurde gern gehört und mitgesungen.

Vielleicht hatten den armen Bergmannssohn zu Eisleben diese Töne schon

umklungen, und sie waren in ihm nachgehallt, als er in brünstigem

Gebet sich in seiner Zelle zu Erfurt wand und um Erleuchtung flehte.

Die Erkenntnis von der Verderbtheit der Diener der Kirche kam ihm,

als er in Rom den Sündenpfuhl sah, in dem jene sich wälzten, und die

Erleuchtung über das, was seine Aufgabe sei, in Wittenberg angesichts

des schamlosen Treibens jenes Ablaßkrämers von Papstes Auftrag, und

durch sein ehrliches, frommes Streben, die Wahrheit zu ergründen. Er

fand sie in seinem Verkehr mit Gott und in dem Worte Gottes, wie es von

den Vätern aufgezeichnet stand. Und im schlichten Vertrauen auf die

Güte seiner Sache folgte er der kaiserlichen Ladung.

Im Januar schon war der Reichstag einberufen, im Frühjahr brach Luther

gen Worms auf. Überall unterwegs fand er die Spuren der Tätigkeit gegen

sich, die der Kaiser eigenhändig gegen ihn gezeigt hatte.

Noch dicht vor Worms warnte ihn sein Freund und Landesvater, der

Kurfürst, er solle umkehren, das Schicksal Hus' würde auch das seinige

sein. Aber: »Ich will hinein, und wenn so viel Teufel auf mich zielten,

als Ziegel auf den Dächern sind.«

Einer der größten Tage der Geschichte brach mit dem 18. April des

Jahres 1521 an, als Luther gegen Abend zum anderen Male, nachdem

er schon tags vorher vor die Reichsversammlung geführt war, in den

bischöflichen Palast geleitet wurde. Im Saale brannten die Fackeln, als

er hineintrat. Vor ihm saß die ganze Herrlichkeit des Reiches und der

Kirche. Der Kaiser mit seinem Bruder Ferdinand, sechs von den sieben

Kurfürsten, achtundzwanzig Herzöge, dreißig Prälaten, viele Fürsten,

Grafen und städtische Abgeordnete.

Am Tage vorher hatte sich an dem Mönche eine gewisse Befangenheit und

Unsicherheit kundgetan; heute, so glaubte man, werde er widerrufen.

Die Spannung war ungeheuer bei allen. Mochte auch der junge Kaiser

verächtlich zum Bruder sagen: »Der soll mich nicht zum Ketzer machen«,

er konnte sich, je länger Luther sprach, dem Eindruck nicht entziehen,

daß ein außergewöhnlicher Mensch da vor ihm stehe, ein Mensch

jedenfalls, der irdische Furcht nicht kannte.

»Der Mönch redet unerschrocken und kühn«, entschlüpfte es ihm während

der Verhandlung wider Willen.

Ja, wahrlich, der Mann hatte nicht Menschenfurcht in sich. Der

Offizial des Erzbischofs von Trier, Johannes Eck, benahm sich durchaus

gemessen und vornehm, als er Luther die formulierte Frage vorlegte.

Man hoffte, wenigstens einen teilweisen Widerruf zu erreichen. Aber

der Mönch dachte nicht an Widerruf. Mehr und mehr gewann seine Stimme

an Zuversicht, je länger der Disput dauerte. Man sah, hier half kein

Disputieren mehr, kein Zureden noch Freihalten eines Rückzugweges für

den Ketzer, hier mußte die Entscheidung klipp und klar gefordert und

gegeben werden. Und so verlangte denn Eck eine bestimmte, deutliche

Antwort. Und Luther gab sie: »Weil denn Ew. Kaiserliche Majestät und

Ew. Gnaden eine schlichte Antwort verlangen, so will ich eine Antwort

ohne Hörner und Zähne geben ...«

Atemlose Spannung lag auf den Zügen der Versammlung, die meisten

standen, um sich kein Wort, keine Miene des Mannes da vor ihnen

entgehen zu lassen. Verklärte Freude die einen, verbissene Wut die

Gegner auf dem Gesicht, so lauschten sie, bis das Schlußwort kam, jenes

gewaltige, das sich wie ein brünstiges Gebet und Bekenntnis von seinen

Lippen rang: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.

Amen!«

Totenbleich war das Antlitz des kühnen Streiters, als er sich vor der

Versammlung verneigte und den Saal verließ, aber es war nicht die

Blässe der Furcht. Überirdisch leuchtete sein Auge: So blickte nur

einer drein, der nicht Menschenfurcht in seinem Herzen trägt, sondern

der weiß, daß Gott in ihm und um ihn ist.

Gewaltig war der Eindruck seiner Worte auf die Hörer. In vieler Augen

glühte die Begeisterung über den unerschrockenen Gotteskämpfer. In der

äußersten Ecke, wo die Vertreter der Stadt und einige andere Zuschauer

standen, lief ein gedämpftes Flüstern durch die Reihen. »Unglaublich,

dieser Mut«, »herrlich, herrlich«, so klang es aus ihrem Munde.

Unter den Zuschauern stand auch ein gedrungener Mann, an den sich eine

Frau lehnte, von deren Gesicht man wenig sehen konnte. Der Gestalt

nach war es ein junges Mädchen, das sich wohl auf den Vater stützte.

Unentwegt hatte der Mann dem Mönch ins Auge geblickt, solange er

redete; aufmerksam lauschte die Frau. Die Erregung teilte sich auch

ihnen mehr und mehr mit. Bei den letzten Worten durchlief ein Schauer

die Gestalt der Frau. Besorgt legte der Begleiter ihren Arm in den

seinigen. »Laß uns gehen,« schlug er vor, da schon ein Teil der

Zuschauer sich still entfernte, »es greift Dich an, wie ich sehe.«

»Ja, laßt uns gehen«, fiel sie eilig ein und drängte zum Ausgange.

Draußen umfächelte sie die Kühle des Aprilabends; beide atmeten in

tiefen Zügen die frische Luft ein.

Es waren Venne Richerdes aus Goslar und ihr Oheim Ernesti aus Soest,

die hier in Worms auf die Straße traten, um nach ihrer Herberge zu

gehen. »Das ist ein wahrhaft furchtbarer Mann«, unterbrach Ernesti das

Schweigen.

»Sagt das nicht, Ohm«, fiel ihm Venne ins Wort. »Wäre es nicht ein

Ketzer und Ketzerei, was er betreibt, so möchte ich rufen: Welch ein

herrlicher, großer Mann! Sahet Ihr nicht die glühende Begeisterung,

die sich auf seinem Gesicht ausprägte? Merktet Ihr nicht, daß ihm

jedes Wort aus dem tiefsten Herzen kam? -- So spricht kein Lügner und

abtrünniger Mönch, der sich seiner Gelübde um irdischer Vorteile willen

entzieht.«

»Um so schlimmer für ihn und für uns«, antwortete Ernesti fast

feierlich. »Weil er mit den Waffen deutscher Schlichtheit und

Einfachheit ficht, wirkt er um so ansteckender und verheerender. Einem

bloßen Worthelden würde bald der Atem ausgehen und die Gefolgschaft

aufgesagt werden. Wieviel Ärgernis ist durch diesen Mönch schon

über die Kirche gekommen! Das wird er vor dem höchsten Richter zu

verantworten haben, wenn er der irdischen Gerechtigkeit entgeht. --

Aber die Kirche wird doch zuletzt siegen, weil sie von Gott ist«,

schloß er mit fast demselben Wort, das er einst dem jungen Goslarer

gesagt hatte.

»Aber wenn er recht hat, müssen doch seine Gegner sich irren,« fuhr sie

zweifelnd fort, »und Ihr sagt doch selbst, daß seine Schlichtheit Euch

gepackt habe. Mir sollte es leid tun, wenn dieser edle Mönch in dem

Kampf zerbrochen würde.«

»Bist Du auch schon auf dem Wege zu ihm?« fragte er grollend. »Hüte

Dich, solche Gedanken laut werden zu lassen; sie möchten Dir teuer zu

stehen kommen. Denn Du weißt, wir sind aus anderen Ursachen hier, und

die Sache eines Abtrünnigen wird dem gut katholischen Kaiser nicht sehr

am Herzen liegen.«

»Seid nicht böse, Ohm,« lenkte Venne ein, »Ihr wißt, daß ich so gut wie

Ihr treu zur alten Lehre stehe. Aber ich kann doch nicht dafür, daß

dieser Mann aus Wittenberg einen solchen Eindruck auf mich macht. Ich

bin manchmal fast irre an mir selbst. Ich will bei dem Glauben bleiben,

dem ich mich als Kind gelobt habe, in dem Vater und Mutter gestorben

sind; doch sehe ich, wie alles um mich wankt. Denn auch in Goslar

hängen schon viele der neuen Lehre an. Die Masse des Volkes jubelt dem

Reformator zu. In vielen Häusern zerfällt die Familie in Zwiespalt,

weil die einen noch glauben, was die anderen schon ablehnen. Soll ich

da nicht auch schwankend werden. Zu den schweren Sorgen, die mich schon

bedrücken, ist jetzt noch diese Herzenspein hinzugekommen. Oh, rettet

mich doch aus dieser Not oder, wenn Ihr es könnt, befreit mich von

diesem schrecklichen Zwiespalt.«

Ernesti sah sie mitleidig an. »Du tust mir von Herzen leid, mein Kind,

helfen aber kannst Du Dir nur selbst. Mit Deinem Gott mußt Du allein

fertig werden. Nimm Dein Herz fest in Deine Hand, blicke nicht rechts

und nicht links; sage Dir immer wieder: Ich will meinem Glauben treu

bleiben! Und Du wirst die Palme erringen.«

In der Herberge gingen sie bald zur Ruhe, denn sie verspürten keine

Lust, noch an dem lebhaften Meinungsaustausch teilzunehmen, der über

den Mönch und sein Auftreten entbrannt war.

Vieles war in Goslar vor sich gegangen, seit wir zuletzt Gisela

Hardt und Immecke Rosenhagen bemüht sahen, Venne in ihrem Schmerz zu

trösten. Der Rat hatte neue Scherereien mit dem Herzog Heinrich dem

Jüngeren, der aus dem 1519 erneuerten Schutzvertrage die Verpflichtung

für die Stadt ableitete, ihm zur Vollziehung der über den Bischof von

Hildesheim vom Kaiser verhängten Acht Mannschaft und Geld zu liefern.

Sie mischten sich höchst ungern in diese Sache, denn der Rat hatte mit

der Unruhe in der Stadt genug zu tun.

Es gor unter dem gemeinen Volk; die Lehre von Wittenberg war auch

nach Goslar gedrungen, und wenn sie noch keine offenen Anhänger fand,

zeigte sich doch die Wirkung in dem Verhalten der Einwohner gegen die

Pfaffen und die Kirche. Bürger wie Proletarier spotteten laut über

die heiligen Reliquien, die zum Peter-Pauls-Tage feierlich gezeigt

wurden. Den Priestern tönten höhnende Worte in die Ohren, wenn sie

sich sehen ließen, und ein paar Nonnen wurde der Schleier abgerissen

und der Rosenkranz weggenommen, als sie in ihr Kloster zurückkehren

wollten. Der Rat ließ die Täter gefangensetzen, aber die Quelle der

Unruhe war damit nicht verstopft. Auch die Fahrt der Venne Richerdes,

die natürlich nicht verborgen blieb, erweckte Unbehagen. Denn, wenn man

sich auch im Rechte ihr gegenüber wußte, so blieb es doch unbequem, vor

dem Reichstage hingestellt zu werden als eine Stadt, die ihren Bürgern

Unbilliges zumute.

Aber ebenso tief wurzelte in Venne die Überzeugung von ihrem Recht.

Ihr Vater war sein Leben lang ein Ehrenmann gewesen, dem niemand

nachsagen konnte, daß er fremdes Gut an sich gebracht habe. Auf dem

Sterbebette noch beteuerte er, daß der Rat ihm zu Unrecht die Kaufsumme

vorenthalte, und sie hörte seine Mahnung: »Vergiß nicht, Dir mein Recht

zu holen, daß ich ruhig sterben kann.« Sie hatte zunächst in Goslar

alles versucht, um zum Ziele zu kommen.

Die Rechtslage war zweifelhaft. Der Oheim der Hardts nahm sich ihrer

an und verfocht ihre Sache vor dem Rate, aber er erreichte nichts.

Johannes riet ihr ab, weitere Schritte zu unternehmen; seine Frau

Gisela schloß sich ihm an.

»Du gehst daran zugrunde, Liebste, laß den Streit. Komm zu uns, bis Du

Heinrich angehören darfst.«

Doch Venne blieb eigensinnig bei ihrer Absicht, alle Mittel zu

erschöpfen, um dem Vater ihr Wort zu halten.

Den unmittelbaren Anstoß zu dem Appell an die höchste Stelle im

Reich gab ihr eine jener Äußerungen, die Übelgesinnten so leicht und

schnell vom Munde gleiten. Mit scheinbarem Mitleid, unter dem sich

aber die Schadenfreude nur schlecht verbarg, fragte eine der ewig

lästersüchtigen Nachbarinnen Venne, nachdem sie schon jene über dieses

und jenes auszuforschen versucht hatte, wovon sie denn eigentlich

lebe und weshalb sie sich eine Dienerin halte. Venne, die schon über

die ganze Art der Fragestellerin ungehalten war, gab ihr eine kurze,

ablehnende Antwort. Darauf antwortete jene sehr spitz: »Nun, nur nicht

so hochmütig, Jungfer Obenhinaus, wir haben doch keinen Anlaß, so stolz

zu sein, als Tochter eines Bettlers, der noch dazu die Stadt Goslar um

viel Geld betrügen wollte.«

Venne ließ die Boshafte hochmütig stehen, aber als sie nach Hause

gekommen war, brach ihre mühsam bewahrte Haltung zusammen, und ein

wildes Schluchzen ließ ihren Körper erbeben: So weit war es also

gekommen, daß man ihres Vaters Ehrlichkeit anzutasten wagte.

Nun gab es kein Besinnen mehr; sie wollte die höchste Stelle im Reich

um ihr Recht angehen. Wieder riet der Oheim Johannes', der Notar,

ab, und auch jener widersprach ihrer Absicht, doch dieses Mal blieb

sie unbeirrbar bei ihrem Vorhaben. Die Ehre ihres Vaters durfte sie

nicht antasten lassen. Die Freunde wußten sich keinen anderen Rat, als

Heinrich Achtermann ins Vertrauen zu ziehen. Er war in der letzten Zeit

mehrmals im Auftrage des Vaters verreist gewesen und hatte deshalb

Venne längere Zeit nicht gesehen. Heinrich zeigte sich sogleich bereit,

auf Venne einzureden, denn auch er lehnte innerlich den Plan ab.

Es war eine leichte Entfremdung zwischen den beiden eingetreten,

die der Verlobte auf die herbe Zurückhaltung Vennes zurückführte,

während diese, in ihrer Empfindlichkeit und in ihrem fast krankhaften

Argwohn, überall Geringschätzung und Ablehnung zu wittern, bei ihm

die ersten Anzeichen dafür zu merken glaubte, daß auch Heinrich den

Einflüsterungen Gehör schenke.

Heinrich gab sich alle Mühe, unbefangen und herzlich zu sein. Auch

Venne konnte sich seiner Aufrichtigkeit nicht entziehen und verlor

allmählich ihre Verstimmung. Als er aber dann auf den eigentlichen

Zweck seines heutigen Besuches zu sprechen kam, nahm sie sogleich

wieder eine kriegerische Haltung an. Was er auch gegen ihre Absicht

anführte, sie kehrte immer wieder zu dem eigensinnigen Einwande

zurück: »Ich habe es dem Vater versprochen und bin es seiner Ehre

schuldig.«

»Venne, tue es mir zuliebe«, bat er sie. »Du schaffst nur noch

Hindernisse für unsere Vereinigung. Der Vater, der im Rat ist und gewiß

an dem Spruch gegen Deinen Vater mitgewirkt hat, wird es sicher als

besondere Kränkung empfinden, wenn Du jenen verklagst. Ich bitte Dich

herzlich, laß ab von Deinem Vorhaben, dessen Erfolg zudem noch sehr

zweifelhaft ist, wie mir auch die Hardts gesagt haben.«

Aber sie blieb unerschütterlich. »Hat Dein Vater gegen uns geurteilt,

so muß er überzeugt werden, daß er unrecht tat. Wenn der Spruch,

wie ich hoffe, gegen die Stadt ausfällt, wird er als Ehrenmann doch

hoffentlich eingestehen, daß er irrte.«

Heinrich sah ein, daß nichts zu erreichen war. Ihm lag daran, mit ihr

noch etwas zu besprechen, was vielleicht sie bewegen konnte, doch von

ihrem Vorhaben abzustehen. Sein Vater hatte nur noch selten mit ihm

über sein Verhältnis zu Venne gesprochen, aber aus allem, was der

Ratsherr sagte, konnte der Sohn klar erkennen, daß derselbe an nichts

weniger dachte als ein Zurückziehen seines Widerspruches.

In der Tat war Achtermann der Ältere mehr denn je entschlossen, das

Verhältnis zu lösen. Einstweilen hoffte er noch, die Zeit werde ihm

zu Hilfe kommen; Heinrich wußte indes, daß der Vater zur Not auch vor

Gewalt nicht zurückschrecken werde. Die beste Hilfe versprach sich der

Ratsherr von einer längeren Trennung der beiden. Und es kam ihm der

Gedanke, Heinrich von Goslar zu entfernen. Seine Geschäfte reichten bis

London, und es war ihm ein leichtes, einen Grund zu finden, der die

Notwendigkeit des Aufenthaltes des Sohnes dort oder in einem anderen,

entfernten Ort auch diesem als berechtigt erscheinen lassen konnte.

Nun hatte er beiläufig mit Heinrich darüber gesprochen, und dieser, der

die wahre Absicht des Vaters durchschaute, stellte Venne vor, daß ihre

Anwesenheit ihm am Herzen liege, um dem Vater gegenüber die Festigkeit

zu bewahren.

Sie war erschrocken, aber ihr Trotz verbot ihr, nachzugeben. »Wenn

Du mich liebst, wie Du beteuerst, wirst Du auch ohne mich dem Vater

widerstehen. Vielleicht kommt Dir der Befehl des Vaters ganz gelegen«,

schloß sie in wieder erwachendem Argwohn.

Da wurde auch der Geliebte zornig. »Du sprichst wie ein ungezogenes

Kind, Venne. Ich habe Dir, denke ich, noch nie den geringsten Anlaß

zu Mißtrauen gegeben. Doch Du machst es mir schwer, unsere Sache zu

verteidigen. Statt bei Dir Unterstützung zu finden in dem Kampf gegen

den Starrsinn des Vaters, setzt auch Du Deinen Trotzkopf auf und

behandelst mich, als hätte ich nicht ein Fünkchen vertrauensvoller

Liebe verdient. Willst Du nicht auf mich hören, so trägst Du die Schuld

an allem, was folgt. Ich gehe jetzt, denn es hat keinen Zweck, gegen

Deine Unvernunft noch länger anzureden.«

Da brach Venne in haltloses Weinen aus, daß Heinrichs Zorn in Mitleid

zerschmolz. Zärtlich umarmte er sie und sprach ihr tröstend zu. »Ist es

denn so schwer, meine gute, süße Venne, das Trotzköpfchen zu beugen?«

»Ach, mein Einziger, sei mir doch nicht böse. Ich bin gewiß oft häßlich

und lieblos zu Dir, aber glaube nicht, daß meine Liebe sich gemindert

hat. Du kannst ja nicht in mein Inneres sehen und weißt nicht, wie ich

unter dieser elenden Lage leide. Laß mich noch diesen einzigen Versuch

machen; dann will ich gewiß nichts mehr von der Sache reden.«

Heinrich sah, daß er nachgeben mußte; so sagte er nur: »Gut, Liebste,

so wollen wir es gelten lassen. Du mußt jedoch damit rechnen, daß Du

mich nicht triffst, wenn Du zurückkehrst. Dann verliere nicht den Mut,

das mußt Du mir versprechen. Ich hoffe, daß wir den Widerstand des

Vaters eher besiegen, wenn ich ihm jetzt zu Willen bin. Sieht er, daß

auch die Trennung unserer Liebe keinen Abbruch tun konnte und bringst

Du vielleicht noch einen Dir günstigen Bescheid mit, so muß er zuletzt

nachgeben.« So endete der Abend mit einer vollen Versöhnung der beiden,

und sie nahmen von einander in alter Zärtlichkeit Abschied.

Venne traf alle Vorbereitungen zur Reise. Johannes Hardt, der

Rechtsgelehrte, hatte ihr gesagt, daß man gegen reichsunmittelbare

Stände, zu denen die Stadt Goslar als Reichsstadt gehörte, bei dem

Reichskammergericht Einspruch und Klage erheben könne. Er riet indes zu

dem schneller wirkenden Mittel, sich an den Kaiser selbst zu wenden,

was in besonderen Fällen anging.

Der Reichstag in Worms war für das Jahr 1521 angesetzt. Dort mußte

sich Gelegenheit bieten, ihre Sache vorzubringen, statt sie vor dem

sehr langsam arbeitenden Reichskammergericht zu Frankfurt am Main

entscheiden zu lassen.

»Habt Ihr einen Fürspruch an dem kaiserlichen Hofe,« sagte Johannes,

»so wird es Euch nicht fehlen, vor den Kaiser gelassen zu werden.«

Wer konnte da besser helfen als der Ohm Ernesti in Soest! Daher

beschloß Venne, den Umweg über Westfalen zu wählen, um jenen dort

aufzusuchen und ihn zu bitten, sie nach Worms zu begleiten.

Ernesti war vor geraumer Zeit in Goslar gewesen und hatte verlauten

lassen, daß er künftig weniger in der Welt umherreisen werde, da das

Alter auch ihn allmählich drücke. Sie durfte also hoffen, ihn zu Hause

zu treffen. Und sie zweifelte nicht, daß er ihretwegen sich noch einmal

der Mühe einer Reise unterziehen werde.

Venne Richerdes reiste ab. Bald nach ihr verließ auch ihr Bräutigam

Goslar. Vor seiner Abreise ereignete sich jedoch noch etwas, was alle

Zukunftspläne über den Haufen werfen sollte. Die alte Katharina hatte

zwischen dem Wunsch, ihrer Venne zu helfen, und dem Zweifel, ob sie

recht tue, der Gittermannschen zu folgen, ihr Vorhaben noch nicht

ausgeführt, obwohl die alte Vettel ihr immer wieder zuredete.

Als sie nun aber erfuhr, daß Heinrich eine große Reise antrete,

schwanden alle Bedenken. Wer wußte, welche Gefahren draußen auf ihn

lauerten, um seine Liebe zu ertöten! Daher besprach sie mit ihrer

Freundin im Achtermannschen Hause alles Erforderliche, und diese gab

dem jungen Herrn den Zaubertrunk. Doch die Wirkung war eine andere,

als Katharina erwartete. Heinrich erkrankte heftig, so daß man an eine

Vergiftung glaubte. Das war es wohl auch in der Tat.

Die alte Magd bei Achtermanns erschrak aufs tiefste, denn sie hing

an Heinrich nicht weniger als Katharina an ihrer Venne. Von Angst

getrieben, bekannte sie, was sie angerichtet habe. Der Vater war außer

sich vor Zorn. Er maß natürlich alle Schuld Venne bei.

»Da siehst Du, mit was für einer Person Du es noch hältst«, höhnte er.

»Wie eine Troßdirne buhlt sie um Deine Gunst. Sie schämt sich nicht des

Umganges mit Hexen und Dunkelmännern. Den Trunk hat ihr gar wohl der

Henker gebraut, zu dem ja alle feilen Dirnen in ihrer Brunst laufen.

Aber die soll mir wiederkommen und auf Deine Hand Anspruch erheben. Vor

das Peinliche Gericht bringe ich sie, den Prozeß lasse ich ihr machen!«

so tobte er.

Der Sohn versuchte, seine Braut zu verteidigen. »Vater, Du tust Venne

gewiß unrecht. Sie weiß, daß sie sich meiner Liebe nicht erst durch

Zauberei zu versichern braucht. Urteile nicht, bis sie selbst sich

verteidigen kann.«

Doch da kam er schlecht an. »Meinst Du, das Weibsbild werde ich noch

eines Wortes würdigen. Für mich ist die Sache erledigt, und wehe ihr,

wenn sie es wagt, an der Vergangenheit zu rühren.«

Heinrich sah ein, daß jetzt nichts zu hoffen war. Nun konnte auch er

allein von der Zeit eine Besserung erwarten. Er war von Vennes Unschuld

überzeugt, aber er grollte ihr doch, daß sie ihn in dieser Stunde, wo

ihr Glück in Scherben zu gehen drohte, allein gelassen hatte. Tief

bekümmert traf auch er seine Anstalten zur Abreise. Er sollte in der

Tat nach London fahren, um am Stahlhof die Achtermannschen Geschäfte

wahrzunehmen. Es galt, sich auf eine lange Abwesenheit einzurichten.

Aber er hoffte, daß bei seiner Wiederkehr die Wetterwolken verzogen

waren. Er würde jedenfalls, das nahm er sich vor, nicht von Venne

lassen.

* * * * *

Der Ohm war bereit, Venne zu begleiten. Auch er entschied sich für

Übergehung des Reichskammergerichtes. »Wenn wir die Sache dort anhängig

machen, ist Aussicht vorhanden, daß vielleicht Deine Enkel einmal

den Entscheid erhalten. Der Gerichtshof ist mit so vielen ungleich

wichtigeren Sachen überlastet, daß sich auf die Akten Deines Prozesses

der Staub von Jahrzehnten lagern würde. Wir wollen also versuchen, in

Worms vorgelassen zu werden. Ist uns das Glück hold, so gelingt es mir,

einen der fürstlichen Prokuratoren des Gerichts zu gewinnen, die ja

selbstverständlich auf dem Reichstage auch anwesend sein werden.«

Obwohl der Reichstag schon Ende Januar eröffnet worden war, kamen

sie doch noch zeitig genug. Zunächst sollten die weltlichen großen

Angelegenheiten erledigt werden. Da galt es zuerst eine Sache des

Herzogtums Württemberg zu behandeln, dessen Herzog Ulrich der

Schwäbische Bund vertrieben hatte; ferner tauchte zum soundsovielten

Male die italienische Frage wieder auf.

Zur Abwechselung hielt diesmal der Franzosenkönig Franz I., einer der

Mitbewerber Karls um die Kaiserkrone, das Reichslehen Mailand besetzt.

Das bedeutete eine Minderung des kaiserlichen Ansehens, die der junge

Kaiser nicht hinnehmen wollte. Gegen eine entsprechende Gegenleistung

bewilligten ihm die Kurfürsten zwanzigtausend Mann Fußvolk und

viertausend Reiter zu einem Römerzuge. Für den Kaiser aber stand im

Vordergrunde die religiöse Frage.

Karl V. stand zu dem Vorgehen Luthers anders als sein Vorgänger.

Maximilian I., der 1519 starb, hatte die Anfänge der Reformation

erlebt. Er fühlte eine gewisse Schadenfreude darüber, daß der römischen

Kurie, mit der er nicht besonders stand, durch den Mönchshader

eine große Verlegenheit erstand. Den Mönch Luther gegen den Papst

auszuspielen, das war die kaiserliche Politik.

Anders Karl. Er empfand den gewaltigen Zulauf, den der Wittenberger

überall fand, als persönliche Kränkung. Zudem darf nicht vergessen

werden, daß er, ehe er deutscher Kaiser wurde, König war des streng

katholischen Spaniens. Nun war der Mönch gehört worden, er hatte nicht

widerrufen. Leider mußte man ihn auf Grund des kaiserlichen Wortes

ziehen lassen. Aber schon am 8. Mai erfolgte durch das Wormser Edikt

seine Ächtung.

Während Luther auf dem Heimwege von Reisigen des Kurfürsten

aufgegriffen und auf die Wartburg entführt wurde, gingen in Worms

die Verhandlungen weiter. Noch immer kam Venne Richerdes nicht an

die Reihe. In ihrer Herberge wohnte auch der Geheimschreiber des

Bischofs von Hildesheim, ein Herr von Woltwiesche, der mit einigen

Domherren beim Kaiser wegen Aufhebung der kaiserlichen Acht vorstellig

werden sollte. Der Geheimschreiber war ein Mann von bestrickender

Liebenswürdigkeit und weltmännischer Gewandtheit.

Die schöne Goslarerin machte auf ihn vom ersten Augenblick an einen

tiefen Eindruck. Er hatte bald erfahren, was sie nach Worms führte, und

bot ihr seine Unterstützung an zur Förderung ihrer Sache. Insonderheit

erklärte er sich bereit, ein Gesuch an den Kaiser abzufassen für

den Fall, daß sie nicht Gelegenheit finde, ihre Sache persönlich

vorzutragen.

Ernesti sprach die bestimmte Erwartung aus, daß dies doch möglich

sein werde; immerhin konnte es nichts schaden, wenn der Fall auch

schriftlich geschickt behandelt wurde. Der Geheimschreiber beeilte sich

also, das Gesuch niederzuschreiben, und der Ohm gestand Venne, daß es

ein Meisterwerk in seiner Art sei. Venne nahm diese Dienste des Herrn

von Woltwiesche mit gemischten Gefühlen an. Ihr gefiel der Mann nicht

recht, trotz aller höflichen Zuvorkommenheit. Sie fing hin und wieder

einen Blick von ihm auf, der voll glühender Begier zu sein schien.

Freilich versuchte er immer sogleich mit einer harmlosen Wendung seine

Ungebühr zu bemänteln. Nie vergaß er bei einem Wort, das er an sie

selbst richtete, die Form peinlichster Höflichkeit und Ritterlichkeit.

Endlich kam der große Tag für Venne.

Sie war sehr befangen, als der Augenblick nahte, da sie vor den

mächtigsten Herrscher des Abendlandes treten sollte. Der Oheim sprach

ihr Mut zu, und auch Herr von Woltwiesche suchte sie zu beruhigen.

Der Kaiser hatte einen leidenden, gequälten Zug im Gesicht. »Was will

dieses Volk der Deutschen eigentlich alles von mir?« so konnte man

seinen müden Blick deuten. »Will es mich schon auf diesem einen und

ersten Reichstage, den ich abhalte, mit seinen Angelegenheiten zu Tode

quälen?« Immerhin bot die Sache eine Abwechselung, da zum erstenmal

eine Frau als Beschwerdeführerin auftrat.

Ein Prokurator unterrichtete ihn kurz von dem Inhalt der Beschwerde.

»Also soll sie reden!« ordnete er an. Aber zunächst ergriff Ernesti das

Wort. Der Kaiser blickte erstaunt auf: »Wer ist der Mann?« -- Ein neben

ihm Sitzender, es war der Kurfürst-Erzbischof von Mainz, flüsterte ihm

zu, es sei ein sehr einflußreicher Deutscher, der auch dem hochseligen

Herrn Maximilian wohlbekannt gewesen und ihm manche wichtige Dienste

geleistet habe. Geduldig hörte Karl ihn an. Dann erhielt Venne das

Wort.

Während der Rede ihres Oheims hatte sie Zeit gefunden, sich zu sammeln.

Aber noch jagten sich Erröten und tiefe Blässe auf ihrem Gesicht, als

sie mit leiser Stimme zu sprechen begann.

Der Kaiser sah sie unverwandt an, und seine Ratgeber merkten, daß ihm

die schöne Frau offensichtlich gefiel. Frei blickte auch Venne dem

Mächtigen ins Gesicht. Mehr und mehr gewann ihre Stimme an Festigkeit.

Sie schilderte die Demütigungen, die ihr widerfahren, die Armut, der

sie durch das Verhalten des Rates von Goslar ausgeliefert sei. Zuletzt

schwoll ihre Stimme zu edler Entrüstung an.

»Also klage ich den Rat der Stadt Goslar und insonderheit den

Bürgermeister, Herrn Karsten Balder, an, daß sie mir und meinem Vater

gegenüber fleißig und absichtlich das Recht gebeugt haben, auch üble

Nachrede über meinen ehrenwerten Vater und mich ungehindert haben

verbreiten lassen.

Ich bitte Euch, Großmächtigster Herr Kaiser,« schloß sie endlich,

»Ihr wollet mir armen Waise Euren gnädigen Schutz nicht versagen

und dazustehen, daß mein Recht gewahrt und meines Vaters Ehre

wiederhergestellt werde.«

Mit einer tiefen Verneigung trat sie einige Schritte zurück. Der

Kaiser blickte ihr einige Augenblicke sinnend nach. Dann besprach

er sich kurz mit seinen Räten. Man sagte ihm, die Sache sei wohl

juristisch nicht ohne weiteres zugunsten der Bittstellerin zu

entscheiden; indes die Verdienste ihres Ohms und die Gutgläubigkeit

bei den Vertragsverhandlungen, bei denen der Vater jedenfalls ohne

Arglist vorgegangen war, wie auch endlich der Umstand, daß durch den

Kauf des Richerdesschen Bergwerksanteils die reiche Stadt Goslar

nicht wesentlich geschädigt werde, zumal man ja nicht wissen könne,

ob nicht trotz der augenblicklichen Lage doch noch bergbauliche Werte

darin enthalten seien, alles dieses lasse es mindestens zu, dem Rate

dringend zu empfehlen, die Sache erneut zu prüfen und in einer die

Erbin befriedigenden Weise zu Ende führe.

Karl war über diesen Vorschlag erfreut; es hätte ihm leid getan, die

kühne und schöne Bittstellerin abschlägig bescheiden zu müssen. Mit

leutseligen Worten eröffnete er ihr das Ergebnis, gleichzeitig mit dem

Bedeuten, daß sie die schriftliche Ausfertigung schon in aller Kürze

aus der kaiserlichen Kanzlei erhalten könne. Außerdem werde der Rat

noch durch ein besonderes Schreiben unterrichtet werden.

Voll innigen Dankes eilte Venne zum Kaiser vor, kniete vor ihm nieder

und küßte ihm die Hand mit dem großen Siegelring. Karl war überrascht,

doch lächelte er ihr huldvoll zu; die Beisitzer blickten ebenso

sprachlos drein: so etwas war angesichts der strengen Etikette bis

dahin unerhört. Aber auch sie fanden sich mit dem hübschen Zwischenfall

ab.

Aufatmend verließ Venne den Saal. Draußen fiel sie in überströmendem

Dank dem Oheim um den Hals. »Das habe ich Euch in erster Linie zu

verdanken, teurer Oheim!«

»Nun, nun, diese Form der Danksagung lass' ich mir schon gefallen;

doch ich glaube,« fuhr er mit einem leisen Lächeln fort, »Dein

spitzbübisch hübsches Gesicht hat auch ein wenig Anteil an dem Siege.

Und dann vergiß auch hier den Herrn von Woltwiesche nicht, der uns

manch trefflichen Wink gab!« -- So reichte sie auch diesem die Hand.

Ehrerbietig neigte er sich darüber und flüsterte mit leiser, heißer

Stimme: »Wollte Gott, ich dürfte noch mehr für Euch tun. Mein Leben

sollte ein einziges Dienen um Eure Huld sein.« Da wandte sie sich

verletzt von ihm ab.

Venne trat die Rückreise mit wesentlich leichterem Herzen an, als

sie nach Worms gekommen war. Mit dem Spruche des Kaisers, so meinte

sie, war alles Unheil ausgetilgt. Nun mußte auch der stolze Patrizier

Achtermann seine Bedenken gegen eine Verbindung seines Sohnes mit ihr

aufgeben. Die Wolken, die so düster und unheilschwanger über ihrem

Haupte hingen, begannen sich zu zerteilen! Ihre Gedanken eilten zu

Heinrich: Wo mochte er wohl sein, wenn sie zurückkehrte? Sie gestand

sich ein, daß sie ihm doch wohl oft unrecht getan habe mit ihrer ewigen

Verärgertheit, und sie nahm sich vor, ihn durch verdoppelte Liebe zu

entschädigen.

Bis Frankfurt reiste sie zusammen mit dem Oheim. Dann nahm er Abschied

von ihr, um durch das Rheintal den nächsten Weg in die Heimat zu

suchen. »Jetzt herrscht hoffentlich bald wieder gut Wetter in Goslar«,

scherzte er. »Übers Jahr spätestens hoffe ich eine Einladung zu Deiner

Hochzeit zu erhalten.« Errötend nickte ihm Venne zu, er traf ja mit

seinen Worten nur ihre eigenen, innigsten Wünsche!

Vor der Abreise empfahl er seine Nichte dem Schutze ihrer

Reisegefährten, besonders dem des Hildesheimers. Woltwiesche beeilte

sich, zu versichern, daß er sein möglichstes tun wolle, um ihr die

Reise so bequem wie möglich zu machen. Er werde auch den kleinen Umweg

über Goslar nicht scheuen, um sich zu überzeugen, daß sie heil und

unversehrt zu Hause angelangt sei.

Die Reisegesellschaft war klein. Neben dem Bischöflichen bestand

sie aus einigen Kaufleuten und dem alten Ratsherrn Bertold Sachs

aus Magdeburg. Dieser würde den Weg mit ihr bis fast in die Heimat

zurücklegen. Das war Venne ein wahrer Trost.

Sie wollte dem Oheim nicht ins Wort fallen, als er den Geheimschreiber

im besonderen zu ihrem Ritter ernannte. Ohne sich im einzelnen über

das Gefühl ihrer Abneigung Aufschluß geben zu können, konnte sie doch

diese innere Ablehnung des ganzen Mannes nicht loswerden. War es sein

geschniegeltes, geziertes Wesen, stieß sie seine übergroße, fast devote

Höflichkeit ab? -- Sie wußte es nicht, aber sie war willens, sich ihm

so fern zu halten, wie es möglich sei. Deshalb schloß sie sich auch vom

ersten Tage an mehr dem Ratsherrn an, dessen väterlich gütiges Wesen

ihr Vertrauen weckte.

»Sahet Ihr auch den Wittenberger?« brachte er am ersten Tage das

Gespräch auf die Wormser Vorgänge. Venne bejahte und gab ihrer

Bewunderung für den unerschrockenen Mönch Ausdruck.

»Euch hat es vor allem, wie es scheint, sein Mut angetan. Der war auch

zum Verwundern groß; ich weiß freilich nicht, ob er sich der Gefahr

bewußt gewesen ist, in die er sich begab. Er soll ja, so hört man,

freies kaiserliches Geleit zugesichert erhalten haben; indes wundern

würde es mich nicht, wenn der Mann seine Heimat nicht wiedersieht.«

»So meint Ihr, daß der Kaiser ihm das Wort nicht hält?« fragte sie

erschrocken, denn ihrem Herzen gab es einen Stoß, daß derselbe Mann,

der sich ihr so gnädig und gütig erwiesen hatte, in diesem Falle gegen

seine Ehre handeln könne.

»Der Kaiser braucht es nicht zu sein,« fuhr der Magdeburger fort. »Es

gibt ihrer auch ohne den Kaiser genug, die ihm das Leben nicht gönnen

werden, ja sie sind seine Todfeinde. Und ehe sie ihre Macht durch

einen armseligen Mönch zertrümmern lassen, werden sie ihn selbst zu

beseitigen suchen. Den Kaiser braucht darob nicht einmal der geringste

Vorwurf zu treffen; denn wie soll er es verhüten, daß in seinem weiten

Reiche ein Menschlein verschwindet. Schade freilich wäre es um diesen

Mann.«

»So seid Ihr auch der Meinung, daß er eine gute Sache vertritt?«

forschte sie.

»›Auch‹, -- demnach hat er es Euch also angetan?« -- Venne errötete ein

wenig, aber der Ratsherr kam ihr zu Hilfe. »Ihr braucht Euch ob Eurer

Teilnahme nicht zu schämen, noch weniger bedarf sie der Erklärung. Wer

einer Wallung in seiner Brust fähig ist, dem mußte das Herz bewegt

werden bei so viel tapferem Freimut und glühender Begeisterung. Ob er

irrt, wer mag es wissen; aber heilige Überzeugung sprach aus jedem

seiner Worte, und seine Worte haben die Herzen derer gepackt, die ihn

hörten, es sei denn, daß sie sich mit Fleiß dagegen verhärteten.«

»Das trifft auch auf den Oheim Ernesti zu, wie ich merkte«, fügte Venne

schüchtern ein. »Er war ganz wild, als ich ihm zu erkennen gab, daß der

Luther mich erschüttert habe.« Und dann erzählte sie, wie jener ihre

Begeisterung für Luther aufgenommen habe.

»Das glaube ich,« erwiderte Sachs, »hätte es bei ihm, den ich auch

kenne, nicht anders erwartet. Er ist ja aber auch mit dem Papst und

seiner Sache besonders eng verbunden, wie ich weiß. Und den rechten

Starrkopf hat er obendrein.

Endlich aber ist er, das wollet nicht vergessen, einer von den Alten,

die so leicht nicht umlernen. Mir ist's ähnlich gegangen: Man wirft

nicht ohne weiteres über Bord, woran man ein langes Leben sein Herz

gehängt. Und vollends nun, wenn es das Beste, Heiligste ist, auf das

man in dieser irdischen Kümmerlichkeit seine Hoffnung setzte.

Ihr Jungen springt vielleicht mit Jauchzen in das neue Land, aber wir

Abgängigen zaudern, den einen Schritt zu tun, der uns Befreiung bringen

kann von aller Unwahrhaftigkeit und Seelennot, der uns aber auch trennt

von all dem, was uns an das alte Gestade kettet.

Mir ging ein treues Weib dahin, sie starb im alten Glauben. Wir

begruben gemeinsam drei prächtige Kinder. Es war der Trost meiner

Lebensgefährtin in ihrer Todesstunde, daß sie da oben ihre Lieblinge

wiederfinden würde. Sie wartet auf mich mit gleicher Zuversicht. Soll

ich sie, darf ich sie enttäuschen? Scheide ich mich für ewig von ihnen,

wenn ich den neuen Glauben annehme? Meine Seele drängt zu Luther, mein

Herz bebt zurück vor der möglichen Trennung. Wer löst mich von der

Pein?«

Wer löst mich von der Pein? -- Das war auch die Last, die ihr eigenes

Herz bedrückte: Der Vater, die Mutter, sie hatten nacheinander den

Pilgerstab aus der müden Hand gelegt und waren durch das dunkle Tor

gegangen, das ihnen, wie sie glaubten und hofften, das Wiedersehen

in einer lichten Welt schenken würde. Und sie, die Tochter, sollte

sie nicht zur Seite ihres Mütterleins stehen, nicht mit dem geliebten

Vater die seligen Freuden des Jenseits genießen dürfen? Und noch ein

irdisches Bangen hemmte ihren Entschluß: Der Geliebte. Die Achtermanns

hingen noch mit aller Zähigkeit am alten Glauben, und Heinrich? Ja,

Heinrich liebte sie, und sie hoffte, in Worms die Hindernisse aus dem

Wege geräumt zu haben, die sich ihrer Vereinigung entgegenstellten.

Errichtete sie nicht eine neue, unübersteigbare Schranke, wenn sie der

Regung ihres Innern nachgab? Und dann auch wieder der Zweifel: War das

nun auch der rechte Weg? Freilich, gedachte sie der feurigen Worte des

Mönches, sah sie seinen weltentrückten Blick vor sich, so fühlte sie

sich als seine Jüngerin, und auch in ihr klang es wieder: »Ich kann

nicht anders, Gott helfe mir! Amen!«

Der Ratsherr sah die Kämpfe in ihrem Innern; das junge Weib dauerte

ihn, aber Hilfe konnte auch er ihr nicht bringen. »So ist es nun,«

murmelte er, »Licht will er uns bringen, Erlösung, der Feuerkopf, und

stürzt uns doch in das Dunkel der Herzenskämpfe!« Und er ritt, in

ernste Gedanken versunken, fürbaß.

Venne und ihre Begleiter waren eine geraume Zeit nach Luther von Worms

aufgebrochen. Er saß längst auf der Wartburg in sicherm Gewahrsam, als

man ihn im Reich noch frei wähnte.

In der Umgegend des Überfalls aber, der von Freunden zu seiner

Sicherheit ausgeführt wurde, lief das Gerücht um, der Mönch sei

aufgehoben und fortgeführt worden, von den Kaiserlichen natürlich, oder

Papisten, so wähnte man. Andere wieder mutmaßten, es sei eine Finte,

die von Freunden und Gesinnungsgenossen ins Werk gesetzt worden sei, um

die Feinde irrezuführen.

Auch die Reisenden erreichte das Gerücht, als sie sich der Grenze des

Hessenlandes näherten. Venne war tief niedergeschlagen. Sachs seufzte

auf.

»So haben sich meine Befürchtungen schneller erfüllt, als ich annahm.

Schade um den Mann! -- So schnell also erlosch das Licht, das uns in

der Finsternis aufging!«

Bei Venne brach sich der Zorn Bahn. »Das ist abscheulich vom Kaiser,

wenn er es veranlaßt hat. Nie hätte ich ihm diese Doppelzüngigkeit

zugetraut!«

»Es muß ja nicht der Kaiser gewesen sein«, begütigte der Ratsherr. »Ich

sagte Euch: die anderen, die Päpstlichen, sind ihm noch viel ärger

gram. Endlich bleibt noch die geringe Hoffnung, daß ~die~ recht

haben, die da meinen, nicht Feinde, sondern gute Freunde hätten ihn zu

seinem Besten den Streich gespielt. Möge es so sein,« schloß er, »sonst

ist der Menschheit ein großer Verlust widerfahren.«

»Möchte es so sein!« -- das wünschte auch Venne in ihrem Herzen, und

ihr Gebet am Abend schloß mit der innigen Bitte: »Lieber Gott, erhalte

uns den Mann und errette ihn vor seinen Widersachern!«

* * * * *

Während der ersten Tage war der bischöfliche Schreiber durchaus der

aufmerksame Reisemarschall, der sich bemühte, der ihm Anvertrauten das

Reisen so angenehm wie möglich zu machen. Aber als in Fulda einige

der Reisegefährten zurückblieben und sie nunmehr auf den alten Sachs

aus Magdeburg neben Woltwiesche angewiesen war, von dem Diener des

Ratsherrn abgesehen, änderte sich sein Benehmen. Daß er den ganzen Tag

über fast unausgesetzt an ihrer Seite zu bleiben suchte, konnte er mit

dem Auftrage des Oheims begründen, auf seine Nichte Obacht zu geben.

Doch er mißbrauchte jede Gelegenheit, um ihr seine Gefühle für sie

immer eindeutiger zu zeigen. Für eine andere hätte vielleicht diese

Art der Huldigung seitens des adligen Schreibers einen Reiz gehabt,

aber Venne, der auch der ganze Mann widerstand, empfand sie als eine

Belästigung. Als er ihr dann eines Tages unverblümt seine Neigung

gestand, ließ sie ihn sehr ungnädig ablaufen.

Ihre Ablehnung aber stachelte seine Glut noch mehr an. »Was habt

Ihr gegen mich?« fragte er. »Kann ich Euch nicht ein angenehmes

Leben bieten mit einer Stellung, welche die Eurige in Goslar weit

überragt? Und es muß Euch doch auch daran liegen, aus der leidigen

Stadt herauszukommen, wo Euch alles auf Schritt und Tritt an erlittene

Kränkungen erinnert. Folgt mir nach Hildesheim, Ihr werdet es nicht

bereuen.«

»Spart Eure Worte, Herr von Woltwiesche, sie sind vergebens gesprochen,

und sie beleidigen mein Ohr. Wollt Ihr aber den Hauptgrund meiner

Ablehnung wissen, so denkt an die Äußerung meines Oheims. Ihr wißt, ich

bin verlobt, und Ihr habt die Rechte eines Dritten zu achten.«

»Der Teufel hole diesen Dritten, der Euch mir vorweg stahl. Hat er sich

um Euch gekümmert, als Ihr in Worms um Euer Recht kämpftet? Ich stand

Euch zur Seite, ~er~ nicht!« antwortete er grollend.

»Es ist nicht vornehm von Euch gehandelt, mir Eure Dienste, die ich

zudem nicht beansprucht habe, so ins Gesicht zu rühmen. Aber meinem

Bräutigam tut Ihr unrecht. Hätte er gekonnt, so würde er gewiß dort

nicht gefehlt haben. Doch er ist zur Zeit außer Landes«, wies sie ihn

zurecht.

»Ha, ha, ha,« lachte der Schreiber höhnisch, »das ist mir der rechte

Liebhaber, der auf Reisen geht, während die Braut um ihr Leben kämpft!«

Zornig fiel ihm Venne ins Wort: »Was erfrecht Ihr Euch, Herr, so

über den Mann zu sprechen, dem ich verlobt bin! Was wißt Ihr von den

Gründen, die ihn fernhalten? Dankt Eurem Schöpfer, daß er nicht hier

ist, Eure Rede würde Euch schlecht zu stehen kommen.«

Da in diesem Augenblick der Ratsherr, der vorangeritten war, hielt,

um sich nach ihr umzusehen, brachen sie das Gespräch ab, der

Geheimschreiber voller Unwillen, über Venne wie über den Störenfried.

Sie hielt sich künftig, soweit das ging, noch mehr in der Nähe des

älteren Begleiters. Der Schreiber erkannte ihre Absicht und knirschte

mit den Zähnen, voller Wut, daß seine Absicht durchkreuzt wurde. Er

war durch die Worte Vennes nicht abgeschreckt, sondern wartete nur auf

einen günstigen Augenblick, um seine Pläne wiederaufzunehmen.

Diese Gelegenheit bot sich erst einige Tage später, als man schon in

die Nähe des Harzes gekommen war. Unversehens drängte er sein Pferd

an das ihrige, und als sie es, unwillig über die erneute Frechheit,

antrieb, fiel er ihr in den Zügel.

»Ihr müßt mich anhören, und Ihr werdet mich hören«, sprach er

entschlossen und mit wildglühendem Blick.

Venne war erschrocken über die lodernde Gier, die ihr aus seinem Auge

entgegenfunkelte; doch sie bezwang ihre Furcht und fragte spöttisch

lächelnd: »Habt Ihr an der Absage von neulich noch nicht genug? Ich

meine, Eure Würde als Edelmann sollte Euch abschrecken, eine neue

Demütigung zu erleiden.«

Aber unbeirrt fiel er ihr ins Wort: »Laßt den Hohn, Venne, Ihr wißt

nicht, welch gefährlich Spiel Ihr treibt. Ihr habt es mir angetan, daß

ich nicht von Euch lassen kann. Könntet Ihr in mein Herz sehen, so

würde Euch mein jämmerlicher Zustand allein schon Mitleid einflößen.

Stoßt mich nicht zurück, Venne, Ihr treibt mich sonst zum Äußersten.«

»Ich kann meinem Herzen nicht gebieten, daß es Euch gewogen sein soll«,

wehrte Venne ab. »Schämt Euch, daß Ihr Euch von einer flüchtigen Regung

des Augenblicks so knechten laßt, um darüber zu vergessen, was eines

Mannes und Ritters würdig ist.«

In ihrer Entrüstung erschien sie ihm nur noch schöner und

begehrenswerter. Das Blut stieg ihm in den Kopf, und er verlor die

Besinnung über sich.

»Was schiert mich Rittertum, was Manneswürde, Dich will ich haben,

Du schönstes Weib!« Damit beugte er sich zu ihr herüber und riß sie

an sich. Venne fühlte seine Lippen auf ihrem Munde brennen. Aber im

nächsten Augenblick riß sie sich los. Zornbebend blitzte sie ihn an und

schlug ihn mit der Reitgerte ins Gesicht. »Schuft!« rief sie ihm zu,

dann sprengte sie davon zu den übrigen.

Einen Augenblick war der Gezüchtigte wie betäubt, dann aber brannte ihn

die Schmach, die er erlitten. »Das sollst Du mir büßen, Teufelsweib!

Verschmähst Du meine Liebe, so soll Dich meine Rache um so sicherer

treffen!«

Den Ratsherrn bat Venne, mit ihr künftig allein weiterzureisen, da der

Geheimschreiber sich ungebührlich gegen sie benommen habe. Sachs wollte

jenen zur Rede stellen, aber Venne hieß ihm, davon abzulassen. »Wir

wollen voranreiten, er wird uns nicht folgen.« So geschah es.

Bei ihren Freunden und besonders bei der alten Katharina herrschte

freudige Überraschung, als Venne in Goslar wieder eintraf. Kurz vor dem

Ende ihrer Reise erlebte sie noch ein Abenteuer, das sich böse anließ,

aber doch harmlos verlief. Sie hatte für den letzten Teil des Weges

Gesellschaft und Schutz an einer Anzahl von Reisenden gefunden, die

über Goslar weiter nach dem Osten wollten.

Jenseits des Städtchens Seesen, wo die Straße am Fuße der Harzberge

dahinzog, wurden sie plötzlich am hellen Tage von bewaffneten Reitern

angehalten. Da die Angegriffenen sich zur Wehr setzten, wäre es gewiß

zu einem Blutvergießen gekommen. Als die Männer noch in erregtem

Wortwechsel begriffen waren, trat plötzlich ein neuer Ankömmling

auf, der sich durch seine Kleidung von den Angreifern vorteilhaft

unterschied. Überrascht sah er auf die schöne Frau, die erblaßt

inmitten des Tumultes stand.

Er war der Anführer oder besaß jedenfalls das Ansehen eines solchen,

denn bei seinen ersten Worten gehorchten die wilden Männer sogleich.

»Hört auf«, befahl er. »Die Leute sollen ungestört weiterziehen.«

Als einer der Räuber nicht sogleich von seiner Beute abließ, fuhr er

ihn mit harten Worten an:

»Wirst Du Schuft gehorchen, oder willst Du meine Klinge spüren?«

Sofort stand der Mann von seinem Vorhaben ab. Die Wegelagerer sahen

sich erstaunt an: Was war denn in ~den~ gefahren? Das war ja das

erstemal, daß er ihnen einen schon gelungenen Fang entgehen ließ. Sie

murrten leise untereinander, aber, ihm gegenüber an blinden Gehorsam

gewöhnt, zogen sie ab.

Die Reisenden wollten für die unerwartete Hilfe danken, doch er wehrte

ihnen ab. Sein Auge hing immer noch an Venne: »Vergebt, schönes

Fräulein, so darf ich Euch doch nennen, daß Ihr die Belästigung

erleiden mußtet; haltet es dem Mangel an Umgang mit Damen zugute, wenn

sie sich ungeschliffen und tölpelhaft benahmen. Aber Ihr seht ja, es

sind im Grunde nur ungeleckte Bären.«

Nun die Gefahr vorüber war, gewann auch Venne ihre Fassung wieder. Die

Sache kam ihr beinahe belustigend vor, und sie antwortete mit einem

Lachen: »Ich möchte aber doch diesen Bären nicht begegnen, wenn ihr

Führer fehlt. Euch gebührt jedenfalls mein Dank, daß Ihr Euch zur

rechten Zeit einfandet, um sie tanzen zu lehren statt zu brummen. Doch

ist es nötig, daß ich meinen Dank an Herrn ›Niemand‹ richte, oder darf

man Euren Namen wissen, ohne neugierig zu sein?«

»Wollet gestatten, Fräulein, daß ich für Euch der Herr ›Niemand‹

bleibe. Was ist ein Name? Ich führe ihrer viele. Der eine aber, den ich

Euch nennen könnte, würde Euch wahrscheinlich schrecken. Also begnügt

Euch mit dem Bewußtsein, daß Ihr einem Abenteuer anheimfielet, bei dem

ein Unbekannter Euch geringe Dienste leisten konnte, ein Unbekannter,«

fuhr er leiser fort, »dem es Eure Schönheit auf den ersten Blick antat

und der vieles darum geben würde, könnte er Euch einmal in einer

wirklich großen Not beistehen. Ich will nicht hoffen, daß ein solcher

Augenblick eintritt. Aber habt Ihr einen Helfer nötig, so ruft mich,

und ich bin zur Stelle.«

Venne hörte dem Unbekannten mit einer gewissen Neugier zu. Merkwürdig,

die freimütige Art, in der er ihr huldigte, verletzte sie nicht

annähernd so, wie die zierlichen Redewendungen des Herrn von

Woltwiesche es von Anfang an getan hatten. Sein offener Blick schien

trotz des düsteren Handwerks, mit dem er in Verbindung stand, nichts

Falsches zu kennen. Als er geendet hatte, sagte sie, immer noch in

einem fröhlichen, freundlichen Ton: »Aber wo finde ich denn den Herrn

Unbekannt, wenn ich ihn nötig habe?«

Der Fremde neigte sich zu ihr: »Dann fragt nur bei den Brüdern im

Kloster zum Grauen Hofe nach; dort wird man Euch bescheiden können.

Ihr seht also,« schloß er scherzend, »ich bin nicht immer in so

verwahrloster Gesellschaft.«

Als Venne den Goslarer Freunden von ihrem Abenteuer berichtete, wobei

sie das Verhalten des Führers, oder was er gewesen, rühmend hervorhob,

sagte Johannes Hardt sogleich: »Das war Hermann Raßler. Der hat

gewiß geglaubt, uns wieder einen Tort antun zu können. Und Du darfst

froh sein, daß Du als Goslarerin so glimpflich davonkamest.« Venne

widersprach: »Ich glaube, daß er mich auch gleich ritterlich behandelt

haben würde, hätte er gewußt, wer ich bin.«

Die Freude über ihre glücklich erfolgte Heimkehr erlitt einen jähen

Stoß, als sie von dem Unfall hörte, der Heinrich Achtermann vor seiner

Abreise betroffen hatte. Und sie war vollends entsetzt, als sie die

Einzelheiten vernahm, die ihn herbeiführten. Tränen der Scham und

der Verzweiflung füllten ihre Augen. »Wie konntest Du mir das antun,

Katharina! Nun ist alles aus zwischen Heinrich Achtermann und mir. Was

wird er gedacht haben, daß ich ihn an mich kuppeln wollte, wie eine

feile Dirne sich ihren Liebhaber sichert!«

Katharina war untröstlich über den Schmerz, den sie, die es doch so

gut gemeint hatte, ihrer Herrin bereitete. »Aber ich habe ja längst

versucht, die Sache richtigzustellen und will gern mit dem Ratsherrn

selbst sprechen, wenn Du es verlangst«, wimmerte sie.

Doch Venne wehrte ab: »Laß um Gottes willen Deine Hände davon. Du

würdest nur noch mehr verderben, als schon geschehen ist. Was noch zu

tun ist, liegt mir selbst ob.«

Entrüstet und bekümmert erzählte sie den Hardts, was Katharina

angerichtet habe. Diese hatten davon noch nichts gehört. Achtermann

mußte also verboten haben, darüber zu sprechen. Johannes wollte darin

ein günstiges Zeichen sehen, doch Venne teilte diese Auffassung nicht.

»Ihr kennt den Mann nicht in seinem Starrsinn, der an Bosheit grenzt.

Wäre wenigstens Heinrich da, daß ich mich vor ihm rechtfertigen könnte,

dann möchte es sich vielleicht noch zurechtgeben. Aber aufgeklärt

werden muß die Sache, und da ich beschuldigt bin, werde auch ich selbst

diese Aufklärung herbeiführen.«

Daneben erhob sich die Frage, wie nun ihre Angelegenheit mit dem Rat

behandelt werden müsse. Johannes Hardt stellte sich ihr zur Verfügung,

riet aber, abzuwarten, bis das Schreiben des Kaisers eingetroffen sei.

Inzwischen führte Venne ihren Vorsatz aus und suchte den Ratsherrn

Achtermann auf. Es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, um nicht im

letzten Augenblick umzukehren. Denn das Bewußtsein, daß sie dem Manne

gegenübertreten sollte, der für das Scheitern ihres Lebensglücks

verantwortlich zu machen war, lastete mit erdrückender Schwere auf

ihr. Sie hatte einige Zeit zu warten, bis der Gefürchtete und beinahe

Verhaßte durch eine kleine Seitentür ins Zimmer trat. Sein kühler,

abweisender Blick sagte ihr, daß sie nichts Gutes von ihm zu erwarten

habe.

»Wie komme ich zu der zweifelhaften Ehre, Euch in meinem Hause zu

sehen?« fragte er mit schneidender Kälte. Venne schoß das Blut ins

Gesicht.

»Ihr habt kein Recht, mich in dieser verletzenden Art und Weise zu

empfangen, Herr Achtermann«, antwortete sie, sich mühsam beherrschend.

»Ohne triftigen Grund sähet Ihr mich freilich nicht hier. Aber ich

will mich gegen Verleumdungen verteidigen, die man über mich in meiner

Abwesenheit in Umlauf setzte und an denen auch Ihr, wie ich höre, nicht

unbeteiligt seid.«

»Ich bin gespannt auf diese Verteidigung, wenngleich sie vor mir wenig

angebracht ist«, sagte er mit unverändertem Hohn.

Venne beteuerte, daß sie von dem ganzen Vorhaben nichts gewußt und erst

jetzt davon gehört habe, zu ihrer großen Beschämung.

»Ihr müßt schon einen Dümmeren suchen, als Ihr in mir findet, der Euer

Märlein glaubt. Euch auf die Harmlose hinauszuspielen, steht Euch

schlecht an.«

Da verließ auch Venne die Ruhe: »Daß Ihr ein hartherziger Vater waret,

wußte ich. Daß ihr ein elender Verleumder und Ehrabschneider seid,

erfahre ich zur Stunde. Ich will nicht um Eure Gnade betteln. Sagt mir

nur noch eins auf Euer Gewissen: Teilt Euer Sohn Eure Meinung von mir?«

Dem Ratsherrn schwoll bei den kühnen und furchtlosen Worten des

Mädchens die Zornesader. »Hütet Euch, mich noch zu reizen, Jungfer

Richerdes; es möchte Euch teuer zu stehen kommen. Noch bewahre ich Eure

Tat bei mir. Gebt mir nicht Anlaß, sie der Öffentlichkeit preiszugeben;

es möchte Euch wenig frommen. Und was meinen Sohn anbetrifft, so könnt

Ihr Euch sein Urteil selbst ausmalen. Eins sollt Ihr wenigstens wissen:

Ehe Ihr in mein Haus als Schwieger einzieht, töte ich meinen Sohn mit

eigener Hand. Aber daß das nicht nötig ist, dafür laßt mich allein

sorgen.«

Venne war leichenblaß geworden. »Ich danke Euch trotz allem für Eure

Mitteilung. Nun sehe ich wenigstens klar, und Ihr mögt unbesorgt sein,

daß ich Euer Haus je wieder betrete; doch für Eure Kränkungen und

Beleidigungen«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, »sollt Ihr mir

Rechenschaft geben, Herr Achtermann!«

»Versucht das lieber nicht«, antwortete er grollend. »Seid froh,

wenn ich Euch dazu nicht auffordere. Ich warne Euch vor unbedachten

Schritten; es geht dabei um mehr, als Ihr zu wissen scheint oder wissen

wollt.«

Zornbebend verließ Venne das Haus. Sie vermochte kaum die Tränen der

Wut und der Empörung zurückzuhalten. Zu Hause aber ließ sie ihrem

Schmerz und ihrer Verzweiflung freien Lauf. Es überfiel sie ein

Weinkrampf, und ihre klagende Stimme gellte durch das leere Haus. Die

gute Katharina wußte sich keinen Rat, und sie weinte aus Erbarmen

ebenfalls zum Herzzerbrechen.

Zufällig kam Gisela Hardt um diese Stunde. Sie war zunächst ratlos

gegenüber dieser wilden Verzweiflung, ihrem milden Trost und Zuspruch

gelang es doch zuletzt, Venne etwas zu beruhigen. Sie hielt die

Unglückliche in ihrem Arm und tröstete sie, wie man ein weinendes Kind

zur Ruhe bringt. Als sie schied, ging sie mit schwerem Herzen davon.

Denn hier versagte zuletzt wirklicher Trost, der auch das Mittel zur

Heilung anzugeben weiß.

Als die Botschaft aus Worms eingetroffen war, erhielt Venne eine

Vorladung vor den Rat. Sie fühlte sich durch den Vorgang im Hause des

Ratsherrn so zermürbt, daß ihr alles gleichgültig geworden war. Aber

jetzt feuerte Johannes Hardt sie an, ihr Recht zu wahren. Er erbot

sich, ihr mit allen seinen Kräften zur Seite zu stehen, und er hielt

dieses Versprechen auch ehrlich bis zuletzt, auf die Gefahr hin, daß

sein mannhaftes Eintreten ihm für seine weitere Laufbahn schaden könne.

Das kaiserliche Schreiben an den Rat war maßvoll gehalten, und es

ließ die Verhandlung zwischen beiden Teilen zu. Man erwog das Für

und Wider, und schon schien es, als ob die Angelegenheit eine für

Venne befriedigende Lösung finden werde. Da machte Achtermann alle

Geneigtheit zunichte durch seinen rücksichtslosen Widerspruch. Er

bewies noch einmal, daß sich die rechtliche Grundlage nicht zugunsten

des Richerdesschen Anspruches geändert habe, und forderte unter

Hinweis auf die Folgen eines solchen Präzedenzfalles Zurückweisung des

Anspruches trotz des kaiserlichen Schreibens. Sein Einfluß siegte, und

Venne erhielt den Bescheid, daß man nicht gesonnen sei, zu zahlen.

Das Geld würde sie verschmerzt haben, wenngleich sie für die Zukunft

bitterer Armut ausgesetzt war. Daß es ihr jedoch nicht gelingen sollte,

die Ehre ihres Vaters rein zu waschen, das erfüllte sie mit namenlosem

Zorn. Sie hockte in ihrem Zimmer, allein mit ihrer Verzweiflung und

ihrem Grimm. Immer wieder stiegen ihr die Tränen auf in Erinnerung

an all die Schmach, die man ihr angetan, und das Unglück, das sie

unschuldig traf. Johannes Hardt wies sie zurück, und auch Gisela

vermochte mit ihrem sanften Trost nichts über sie. »Laßt mich, Ihr

könnt mir nicht helfen. Ich muß versuchen, allein durchzukommen.«

Sie berührte kein Essen, immer tiefer fraß sie sich in ihre verbissene

Wut. Von aller Welt kam sie sich verlassen vor, verhöhnt, gehetzt; es

war die richtige Stimmung, um den Menschen zu verzweifelten Schritten

zu verleiten.

In dieser Stimmung besann sie sich der Worte jenes Fremden, der Hermann

Raßler sein sollte. Er haßte gleich ihr den Rat von Goslar. Bei ihm

würde sie Verständnis für ihre Lage finden. So machte sie sich auf den

Weg zu dem in Waldeseinsamkeit gelegenen Kloster der Grauen Brüder, dem

heutigen Grauhof.

Man war dort über ihren Prozeß unterrichtet, und es schien, als ob auch

der Fremde schon von ihrer Lage gehört hatte, denn er hatte genaue

Anweisung für den Fall gegeben, daß Venne Richerdes nach ihm frage.

»Ihr trefft, den Ihr sucht, in Wolfenbüttel in der Herberge zum

›Anker‹. Fragt dort nach Herrn Starke, so wird Euch weitere Auskunft

werden.«

So trat Venne die Reise nach der herzoglichen Residenz an. Daheim und

den Freunden gegenüber verschwieg sie alles, was sie vorhatte.

Im Schlosse zu Wolfenbüttel residierte Herzog Heinrich der Jüngere,

wenn er nicht mit seinen Reisigen im Felde lag gegen den Hildesheimer

Bischof, gegen die Vettern seines eigenen Stammes im Kalenbergschen,

im Göttinger Lande oder wo immer Bellona einen Vorteil verhieß und die

Austragung alter Gegensätze erlaubte. Die Mauern und Wälle der guten

Stadt Wolfenbüttel dünkten ihm und seinen Vorfahren noch nicht Schutzes

genug gegen Gelüste, sich an seiner fürstlichen Person zu vergreifen.

Dem Rat von Braunschweig, wie jedem einzelnen Braunschweiger, traute

er ohne weiteres die Frechheit zu, daß sie, wenn sie es vermöchten,

ohne ehrerbietigen Gruß bei ihm eindringen und ihn als gute Prise mit

sich schleppen würden. So war das Schloß, das sich als ein gewaltiges

Gebäudegeviert um einen kleinen Binnenhof lagerte, noch wieder eine

Festung für sich, umspült von dem breiten Graben eines Okerarmes und

in sich geschützt durch mächtige Mauern und starke Türme, an denen

sich diejenigen, die dennoch die Stadt bezwungen hätten, erst noch

ihre Dickköpfe einrennen mochten, ehe sie vor ihm selbst mit ihren

unhöflichen Forderungen auftreten konnten.

Im Schlosse selbst lag eine starke Guardia, eine Leibwache,

einquartiert, unter dem Befehl eines Hauptmanns. An den zwei Toren,

die den Einlaß zum Hofe und zum inneren Schlosse freigaben, standen

Wachen, die jeden Ein- und Ausgehenden auf seine Zuverlässigkeit hin

musterten. Ohne genügenden Ausweis gelangte kein Fremder durch das Tor.

Der Ankömmling, der in diesem Augenblick die Wache unangehalten

passierte, mußte also allen wohlbekannt sein, denn weder machte er

Anstalt zu einer Legitimation, noch wagte einer der Wachleute ihn zu

befragen. Auf dem Kopfe trug er eine dunkle Lederkappe, die mit einem

Reiherstoß geschmückt war. An der Seite hing ihm in goldverziertem

Gehänge der Degen.

Die Wachen sahen ihm mit schlecht verhehltem Neide und Unwillen nach.

»Das spreizt sich, als ob er des Herzogs leibhaftiger Vetter wäre«,

murrte der Korporal Schünemann, der Wachthabende, zu dem Doppelsöldner

Karsten Süßkind. »Unsereiner ist Luft für den Herrn, als ob man nicht

mit Ehren seine Kampagnen hinter sich hätte.«

»Er ist ja auch mehr als Ihr und ich, Korporal«, höhnte Süßkind. »Wir

beide haben es noch nicht zum Hauptmann gebracht. Möchte freilich nicht

mit ihm tauschen, denn zum Räuberhauptmann ist sich meiner Mutter Sohn

doch zu schade.«

»Der Herr Herzog nimmt aber keinen Anstoß daran,« mischte sich ein

dritter ein, »ebensowenig wie der Herr Kriegsrat Tewes, der ja oft mit

ihm konferiert.«

»Herzog Heinrich wird schon seine Gründe haben, weshalb er den Raßler

so oft bei sich sieht,« verteidigte der Korporal seinen Herrn, »und er

wird mit dem Manne sich nicht weiter einlassen, als sein Interesse es

fordert.«

Der, von dem die Rede war, bog indes rechts ab in das Schloß und stieg

die Treppe hinauf. Er mußte genau Bescheid wissen, denn er fand sein

Ziel, ohne jemand zu fragen. An dem Zimmer, in welchem der Geheime

Kriegsrat Tewes über Akten und Plänen saß, klopfte er kurz an und trat

auf das »Herein« sofort mit energischem Schritt ein. Tewes blickte auf.

Er ging dem Ankömmling sogleich entgegen. »Sieh da, Herr Raßler,« sagte

er höflich, »das trifft sich gut. Wir hatten Sehnsucht nach Euch«,

setzte er scherzend hinzu.

Der Herr Kriegsrat galt als hochmütig, und es sprach für die

Wertschätzung, welche Herr Raßler in dem Schlosse genoß, wenn er ihm

das Prädikat »Herr« zuerkannte.

»Da treffen sich die Wünsche gegenseitig,« entgegnete Raßler, »denn

auch mich trieb es hierher.«

»Famos, famos,« hüstelte das vertrocknete Männchen, »da können wir

gleich ›in medias res‹, wie der Lateiner sagt, gehen.«

»Nicht doch, Herr Tewes,« unterbrach ihn Raßler kurz. »Dieses Mal

will ich zuvor mit dem Herzog sprechen. Nachher stehe ich Euch zur

Verfügung.«

Es gab dem Höfling einen Stich durch das Herz, daß der Unverschämte

den ihm gebührenden Titel einfach unterschlug; aber er wußte, was

der Mann beim Herzog galt, der ein für allemal angeordnet hatte, ihn

recht glimpflich zu behandeln. So zwang er seinen Unwillen nieder und

sagte höflich: »Der Herr Herzog sind im Augenblick sehr beschäftigt

und würden eine Störung unliebsam empfinden. Vielleicht kommt Ihr zu

gelegener Stunde morgen wieder.«

»Ich denke, Ihr habt Euch nach mir gesehnt, Herr Rat,« fragte Raßler

spöttisch, »da darf doch keine Minute verloren werden; und denkt Euch,

was ich auf dem Herzen habe, erlaubt auch keinen Aufschub.«

»So will ich versuchen, den Herrn zu melden«, fuhr Tewes gekränkt fort.

»Tut das, Herr Tewes, aber nehmt es nicht übel, wenn ich alsdann allein

mit dem Herzog zu sprechen wünsche.«

Raßler fand den Herzog mit einem Apparat beschäftigt, der sein ganzes

Interesse in Anspruch nahm.

»Sieh da, der Raßler«, sagte er mit kurzem Aufblicken. »Wartet ein

Weilchen; ich bin dabei, diese wunderbare Einrichtung zu studieren.

Wißt Ihr, was es darstellt« fragte er dann, während seine Hände noch

immer an Schrauben und Rädchen drehten und stellten.

»Es muß wohl mit den Sternen zu tun haben, wie ich sehe. Wohl eines

der neumodischen Dinger, von denen man jetzt so viel reden hört«,

antwortete Raßler.

»Ganz recht,« fiel ihm Heinrich ins Wort, »es ist ein Astrolabium, mit

dem man sich und anderen das Horoskop stellt, um das eigene oder fremde

Schicksal zu erkunden. Wäre es Abend, so könnte ich Euch ansagen, was

Eurer harrt.«

»Ich danke, Ew. Gnaden«, antwortete Raßler. »Gebt Euch die Mühe nicht.

Mich verlangt es nicht, im voraus zu wissen, was aus mir wird. Das

nimmt nur die Sicherheit und trübt den Blick.«

»Wie Ihr wollt, wie Ihr wollt«, sagte der Herzog etwas gekränkt, daß

der Besuch so wenig Gewicht auf seine Neuerwerbung legte. »Mir ist es

jedenfalls von hohem Wert, daß ich im voraus weiß, woran ich bin. Ich

finde mich leidlich mit dem Apparat zurecht. Lieber freilich wäre es

mir, ich hätte einen tüchtigen Astrologen, der würde mir alles noch

zuverlässiger deuten können.«

»Vielleicht bleibt mir einmal ein solches Menschenkind im Netz, dann

bringe ich ihn spornstreichs hierher.«

»Sehr gut,« erwiderte Heinrich, »und Ihr könnt unseres Dankes sicher

sein. Übrigens«, fuhr er fort, »kommt Ihr wie gerufen, wir hatten uns

schon nach Euch erkundigt, haben eilige Arbeit für Euch.

Da ist die Hildesheimer Sache. Die will nicht recht vom Fleck. Ihr

wißt ja, wir haben die Reichsacht auszuführen gegen den störrischen

Bischof. Sehr ehrenvoll, uns den Auftrag zu geben, aber die Mittel

zu finden, überließ man großmütig uns. So sitzt der Herr mit seinem

Krummstab ruhig in Hildesheim und lacht uns aus. Der vertrackte Rat von

Goslar leistet nur widerwillige und mangelhafte Hilfe. Werden uns der

Herren Pfeffersäcke wieder einmal etwas annehmen müssen, um sie kirre

zu machen. Inzwischen sollt Ihr uns helfen, sollt dem Bischof mit Euren

Leuten eine Laus in den Pelz setzen, daß er sich vor Jucken nicht zu

helfen weiß.«

»Ich stehe Euch zu Diensten, Herr Herzog«, antwortete Raßler. »Ich habe

gerade einen tüchtigen Wurf entschlossener Männer zur Hand, mag sich

wohl rund auf ein Fähnlein belaufen. Doch ich habe dieses Mal auch

einen besonderen Wunsch an Eure Gnaden.«

Der Herzog, der fürchten mochte, daß er besonders zahlen solle, wehrte

ab.

»Ihr wißt, Raßler, daß bei dem Handel für uns nichts weiter als die

Ehre abfällt. Eure Leute mögen sich am Beutemachen schadlos halten.«

Aber Raßler entgegnete: »Ihr irrt, Herr Herzog. Mir selbst ist es

zeitlebens wenig um Schätze zu tun gewesen. Wo ich zuschlug, hatte es

andere Gründe. Doch ich bin es müde, wie ein Wegelagerer durch das Land

zu fahren. Ich habe mich immer als ein ehrlicher Kriegsmann gefühlt und

als solcher gehandelt. An meinen Händen klebt kein Blut, das nicht in

ehrlichem Kampfe Mann gegen Mann verspritzt wäre, und auch meine Leute

hielt ich an, so zu verfahren. Taten sie es nicht immer, so ist es

mir leid, und wo ich es erfuhr, bin ich übel dreingefahren, das dürft

Ihr mir glauben. Nun aber bin ich der Sache überdrüssig. Und ich will

fürderhin auch äußerlich sein, was ich innerlich immer gewesen bin.

Kurz, ich bitte Euch, Herr Herzog, leiht mir Euren Beistand dazu und

macht mich zu Eurem Hauptmann.«

Der Herzog war überrascht. Das zu hören, hatte er nicht erwartet. Aber

die Sache kam ihm sehr ungelegen. »Das wird doch seine Schwierigkeiten

haben. Seht, Raßler, wir haben doch Rücksichten zu nehmen. Ihr wißt

doch ...«

»Ich weiß, Herr Herzog.« fiel ihm jener ins Wort, »daß ich als

Räuberhauptmann gelte. Doch Ihr habt nie Bedenken gehabt, mit diesem

zu verhandeln, und ließet Euch seine Dienste gern gefallen. Kommt

es zuletzt auf den Namen an und erscheint Euch der Name ›Raßler‹ zu

abgenutzt, nun, Ihr habt Vollmacht und Namen genug, um einen solchen

auszuwählen, mit dem sich Euer neuer Hauptmann sehen lassen kann.«

»Aber das ist ja Unsinn, den Namen ändern, Hauptmann werden«, zürnte

der Herzog. »Plagt Euch denn der Ehrgeiz auf einmal, daß Ihr etwas

Besonderes prästieren wollet, oder hat es sonst einen Grund?«

»Einen Grund hat es schon,« antwortete der Gefragte, »aber Ehrgeiz ist

es nicht oder doch nur zu einem Teil.«

»Nun so wird er auch wieder vergehen«, meinte Heinrich. »Über ein

kurzes werdet Ihr selbst über Euren Unsinn lachen.«

»Seid überzeugt, Herr Herzog, daß ich das nicht tun werde. Und nun Eure

Antwort.«

»Und wenn ich ›Nein‹ sage?« forschte Heinrich.

»So müßt Ihr Euch zur Stunde einen anderen suchen, der Euch hilft. Ich

rühre keine Hand mehr für Euch.«

»Teufel,« fluchte der Fürst, »das nenne ich dreist. Ich kann Euch

zwingen und werde Euch zwingen, zu gehorchen.«

»Das glaubt Ihr selbst bei Hermann Raßler nicht, Herr Herzog«, fiel

jener spöttisch ein. »Also noch einmal, Eure Antwort! Erfüllt meine

Bitte, und Ihr sollt Eure Freude an mir haben. Der Herr Bischof soll

fluchen lernen, als ob er nie das Vaterunser gebetet habe, und Eure

Freunde in Goslar sollen sich ärgern, daß sie platzen. Mit ihnen habe

ich zwischendurch sogar noch ein besonderes Stücklein zu erledigen.

Aber erst Eure Antwort!«

»So schert Euch an die Arbeit. Ist sie getan, so werde ich Euren Wunsch

erfüllen.«

»Euer Wort?« versicherte sich Raßler.

»Auf mein Fürstenwort«, antwortete Heinrich. Da ging Hermann Raßler

vergnügt davon.

* * * * *

Im »Anker« erfuhr Raßler, daß ein Frauenzimmer nach ihm gefragt habe.

Das Fräulein, oder was es sei, habe den Anstand und das Auftreten einer

Dame. Er dachte sogleich an Venne, und sein Herz schlug freudig erregt,

daß er sie wiedersehen und ihr vielleicht Hilfe bringen sollte. Bald

darauf kehrte Venne zurück und wurde zu ihm gewiesen. Er begrüßte sie

mit ehrerbietiger Freude.

»Das nenne ich eine frohe Überraschung, Jungfer Venne Richerdes«, sagte

er mit glänzenden Augen.

»Ihr kennt meinen Namen?« fragte sie überrascht.

»Wie Ihr merkt«, antwortete er. »Seit ich Euch sah, bin ich nicht müßig

gewesen, zu erkunden, wer die schöne Unbekannte sei, der ich unweit

Seesen begegnete.«

»So wißt Ihr wohl auch schon, was mich zu Euch führt?« forschte sie

weiter.

»Ich glaube es zu wissen«, erwiderte er ernst. »Und Ihr mögt glauben,

daß ich Euch zur Verfügung stehe mit allem, was ich habe und kann.«

Dann erzählte Venne, wie übel man ihrem Vater und ihr mitgespielt habe.

Raßler unterbrach sie nicht, aber die Ader schwoll auf seiner Stirn,

und seine Fäuste ballten sich bei jeder Kränkung, die ihr widerfahren

war.

»Das ist abscheulich, das ist gemein gehandelt,« rief er, als sie

geendet, »und dieser Achtermann ist der größte Schuft, den ich je

gesehen. Aber gnade Gott ihm, wenn er mir unter die Fäuste gerät. Euch

wird Euer Recht werden, Jungfer Venne, glaubt es mir, und sollte ich es

vom Himmel herabholen!«

Hermann Raßler war indes nicht der Mann langer Gefühlsergüsse, wenn es

die Tat galt. Und so fand er sich von seinem Zornesausbruch sehr bald

wieder zum praktischen Leben zurück.

»Was soll nun geschehn? Habt Ihr schon einen Plan gefaßt?« fragte er

Venne.

»Nein,« antwortete sie bedrückt, »ich kam zu Euch, um mir Rat zu

holen.«

»Den sollt Ihr haben, und zwar kurz und bündig. Er lautet: Sagt der

verfluchten Stadt auf, werft ihr den Fehdehandschuh hin, und ich werde

das Werkzeug sein, sie Eure Rache fühlen zu lassen.«

Venne erschrak vor dem Vorschlag: sie sollte ihre Heimatstadt mit Krieg

und Kampf bedrohen? Der Gedanke kam ihr zu fürchterlich vor. Aber

Raßler verstand es, ihre Bedenken zu zerstreuen. Wieder und wieder

ließ er die Demütigung vor ihren Augen erstehen, deren Opfer sie

unschuldigerweise geworden war. Und außerdem beschwichtigte er sie über

das Blutvergießen, das bei dem Austrag der Fehde eintreten könnte.

»Nicht darauf kommt es an, daß Menschenleben verlorengehen, sondern

daß den reichen Protzen der Geldsack geschmälert wird. Laßt mich nur

machen. Wo ich sie fassen kann, sollen sie bluten. Ob es nun ihre

Herden sind oder ihre Waren. Nichts, nichts soll sich jetzt noch

ungestraft außerhalb ihrer Mauern sehen lassen. Und selbst in ihrem

Neste will ich ihnen einheizen, daß ihnen der Atem ausgeht.«

»Aber dann bin ich ja für allezeit von meiner Heimat ausgeschlossen«,

wandte Venne ein.

»Für längere Zeit ja, für immer aber braucht das nicht zu sein. Ihr

wäret nicht die erste, die einem Orte aufsagt und später doch wieder in

seinen Mauern wohnt. Doch ich sollte meinen, Euch wäre der Appetit auf

Goslar vergangen. Auf jeden Fall sehe ich keinen anderen Weg, Euch zu

Eurem Rechte zu verhelfen, als den der Gewalt.«

»Vergebt nur, Herr Raßler, wenn ich mich unvernünftig benehme, aber

ich kann nicht so schnell von meinen Gefühlen loskommen. In Goslar

ist alles, was sich für mich mit dem Begriff ›Leben‹ verbindet; dort

sind die Gräber meiner Eltern, dort leben mir auch jetzt noch wahre,

treue Freunde. Alles das soll ich aufgeben, um heimatlos in der Welt

zu stehen? Nein, das kann ich nicht, kann ich wenigstens im Augenblick

nicht. Ich muß, ehe das Schlimme vor sich geht, was Ihr vorschlagt,

alles geordnet haben, will auch noch versuchen, ob ich nicht wenigstens

eine Ehrenrettung des Vaters in irgendeiner Form erreichen kann.

Schlägt auch das fehl, so bin ich zum Äußersten bereit.«

»Ich kann Euch nicht halten, aber ich will Euch nicht verschweigen,«

entgegnete Raßler, »daß ich in Sorge um Euch bin, solange Ihr in Goslar

weilt. Was Ihr mir von Achtermann erzähltet, läßt mich noch Schlimmeres

befürchten, als es der Zwang ist, den sie Eurem Recht antaten. Auf

jeden Fall bleibt nur so lange dort, als es unerläßlich nötig ist. Ich

warte Eurer indessen. Und wenn Ihr die Stadt verlaßt, so begebt Euch

zum Kloster Riechenberg. Dort werdet Ihr einigermaßen sicher sein. Dort

findet Ihr auch mich selbst oder erfahrt den Ort, wo ich zu treffen

bin. Es wird in der Nähe sein.«

* * * * *

Venne Richerdes kam nicht dazu, aufs neue Verhandlungen anzuknüpfen mit

dem Rate oder der Stadt. Von Johannes Hardt erfuhr sie, daß inzwischen

ein Schreiben des Geheimschreibers vom Bischof von Hildesheim,

Woltwiesche, eingetroffen sei, in welchem er sie beschuldigte, den Rat

von Goslar, insonderheit den Bürgermeister Karsten Balder, vor dem

Kaiser in Worms gröblich verleumdet und beschuldigt zu haben.

»Der Schuft!« das war alles, was Venne zu dieser Niedertracht

sagte. Aber Johannes war in großer Sorge um sie. »Ihr müßt die Stadt

verlassen, denn ich fürchte, daß der Rat Euch verklagen und Euch den

Prozeß machen wird. Und das geistliche Gericht wird Euch vollends seine

Macht fühlen lassen!«

»Diese schlimmen Männer,« klagte Gisela, »wollen sie denn die arme

Venne gar nimmer in Ruhe lassen? Können wir sie nicht bei uns

verbergen?« meinte sie dann zu Johannes gewendet.

»Das würde ein schlechtes Versteck sein«, erwiderte ihr Gatte. »Bei uns

sucht man sie zuerst, wenn sie auf der Bergstraße nicht zu finden ist.

Ich fürchte, man wird sie noch anderer, schlimmerer Dinge bezichtigen.

Man will Venne in Wolfenbüttel gesehen haben und vermutet, daß sie mit

dem Herzog konspirierte. Auch murmelte Achtermann noch von besonderen

Sachen, die er vorzubringen habe. Wir mögen uns vorstellen, was er

meint. Und rücksichtslos und nachträglich, wie er ist, kann er allein

aus der Zaubertrankgeschichte Venne ein schlimmes Gebräu zurichten. Ich

rate also, Venne, verlaßt die Stadt, sobald Ihr könnt, am besten noch

heute, ehe man nach Euch fragt.«

Venne war erblaßt, aber aus ihren Augen blitzte düstere

Entschlossenheit. »Ich danke Euch, Johannes, und Dir, liebe Gisela,

für alles, was Ihr für mich getan habt. Ihr habt recht, Johannes, mir

bleibt nichts übrig, als zu fliehen. Was ich hier vernehme, erleichtert

mir allerdings den Entschluß, den ich zu fassen habe. Ich breche alle

Brücken hinter mir ab, und der Rat mag die Verantwortung für das

tragen, was kommt.«

»Was hast Du vor?« fragte Gisela ängstlich, und Johannes warnte:

»Venne, begeht keine Unbesonnenheit. Es handelt sich jetzt nur darum,

Euch in Sicherheit zu bringen. Ich werde Eure Sache vertreten und

hoffe, daß Ihr über ein kurzes wieder friedlich unter uns weilen

könnt.«

Venne lächelte düster zu den Worten Johannes'. »Was ich plane, Gisela,

muß ich für mich behalten. Ich fürchte, die Heimat verliere ich für

immer mit dem Augenblick, wo ich jetzt Goslar verlasse. Aber einmal muß

ich noch in die Bergstraße, um vom Vaterhause und der guten Katharina

Abschied zu nehmen. Ich sah sie noch nicht, seit ich zurückkehrte, und

sie soll wissen, daß ich hier war. Um sie tut es mir besonders leid.

Wollt Ihr mir einen letzten Dienst erweisen, so nehmt Euch der treuen

Seele an, wenn ich fort bin.«

Die gute Alte war außer sich, als sie hörte, Venne wolle von ihr fort.

»Und ich bin allein schuld an dem ganzen Unheil«, klagte sie sich mit

bitteren Tränen an.

»Meine gute Katharina,« beruhigte sie Venne, »Du bist nicht schuldig.

Schuld trägt die Bosheit und Schlechtigkeit unserer Feinde und

Widersacher. Soll ich mich denn wehrlos in deren Hände geben? Das

kannst Du nicht wollen, also gib Dich zufrieden und mache mir den

Abschied nicht zu schwer. Ich hoffe, daß wir uns bald wiedersehen.

Inzwischen halte hier gut haus. Und was Du auch über mich hören wirst,

Du weißt, Deine Venne tut nichts, was sie nicht glaubt vor ihrem

Gewissen verantworten zu können.«

Sie nahm die arme Alte fest in die Arme und streichelte die haltlos

Schluchzende. Dann verließ sie das Haus ihrer Väter. Um ganz

sicherzugehen, wartete sie die Dämmerung ab und schlüpfte dann durch

das Mauerpförtchen an der Frankenberger Kirche, wo sie die Frau des

Wärters ohne Arg hinausließ.

Ein kurzer Weg führte sie über die Landwehr nach dem Kloster

Riechenberg. Dort wartete ihrer beim Pförtner die Nachricht, daß Raßler

im Kloster sei. Er wurde geholt. In seinen Augen glomm die Freude über

ihre Ankunft.

»Ich hatte schon Sorge um Euch. Aber nun ist alles gut. Wir werden

noch eine Strecke heute abend zurücklegen müssen, da Euch als Frau der

Zutritt zum Kloster verwehrt ist. Im Amtshause zu Langelsheim, eine

Wegstunde von hier, finden wir Unterschlupf für die Nacht, und morgen

bringe ich Euch an einen Ort, wo wir in aller Sicherheit und Ruhe

erwägen können, welche Schritte zu unternehmen sind.«

So geschah es. Der herzogliche Vogt in Langelsheim zeigte sich

beflissen, alles nach den Wünschen Raßlers einzurichten. Man merkte,

auch hier galt dessen Wille fast ebensoviel wie das Wort des Herzogs

selbst.

Am nächsten Morgen brachen sie zu Pferde auf. Venne achtete nicht

darauf, daß einige Reiter nach ihnen ebenfalls aus dem Orte ritten.

Es war die Nachhut, die Raßler sich folgen ließ, um gegen jede

Überraschung gesichert zu sein. Bei dem Dorfe Dolgen verließen sie

die Landstraße und bogen rechts ab, einem kleinen Weiler zu, der in

Waldeinsamkeit träumte. Es war Rohde, eine Siedlung, die aus einigen

Häusern bestand. Auf dem einzigen Hofe kehrten sie ein. Wieder zeigte

sich die Fürsorge Raßlers, denn die Leute waren unterrichtet und hatten

ein Zimmer hergerichtet, in dem trotz aller Einfachheit das Behagen

wohnte.

Ermattet von dem Ritt in der Sonne, ließ sich Venne am Tische nieder.

Raßler empfahl sich: »Ich lasse Euch allein, damit Ihr Euch ausruhen

könnt. Wenn Ihr etwas nötig habt, ruft nur, die Wirtin wird Euch zur

Verfügung stehen. Mich selbst könnt Ihr zu jeder Stunde erreichen.

Beliebt es Euch, werde ich die Mahlzeit mit Euch einnehmen. Wollt Ihr

allein speisen, so sagt es ruhig. Mir liegt daran, daß Ihr wieder ins

Gleichgewicht kommt. Morgen sprechen wir über alles Weitere.«

Venne war ihm dankbar, daß er sie allein ließ. Müde streckte sie sich

auf das bereitete Lager nieder. Wild stürmten die Gedanken auf sie

ein, aber allmählich schlief sie infolge der Müdigkeit ein. Doch es

war kein erquickender Schlummer. Wilde Träume durchjagten ihr Gehirn,

und zuletzt wachte sie mit einem Schrei auf. Es hatte ihr geträumt,

sie solle gefoltert werden. Achtermann war der Henker und näherte sich

ihr mit glühender Zange, um sie zu brennen. Auf den Schrei trat die

Wirtin herein und fragte, ob ihr etwas fehle. Venne schämte sich ihrer

Schwäche und bat um das Abendbrot, da sich der Tag dem Ende neigte.

Es war ihr noch ganz unheimlich zumute von dem bösen Traum, und die

Einsamkeit und Stille lastete auf ihr wie ein Druck. Deshalb ließ sie

Raßler ersuchen, er möge mit ihr zusammen essen.

Raßler bewies, daß er über durchaus gute Manieren verfügte. Er fiel

weder durch eine ungeschickte Bewegung, noch durch ein Wort auf. Zwar

konnte er es nicht hindern, daß sein Blick immer wieder mit Bewunderung

auf ihr ruhte, aber diese Huldigung offenbarte sich so achtungsvoll,

daß sie nichts Verletzendes für Venne enthielt. Es kam bei ihr noch das

Gefühl des Dankes für den Mann hinzu, der sich ihrer in dieser Stunde

der höchsten Not uneigennützig annahm.

Am nächsten Tage legte er ihr einen Absagebrief an Goslar in aller

Form vor. Er lautete:

»So sagen wir Euch denn, Stadt und Rat von Goslar, auf; erklären

auch, Euch fleißig heimsuchen zu wollen, wo immer wir können. Auch

beauftragen wir mit der Ausübung unserer Absage den Herrn Hermann

Raßler, als welcher von heute ab, als dem Tage nach St. Antonius,

in meinem Dienste zu stehen sich erkläret.

Datum zu Rohde, am 10. Tage des Mondes Maji 1500 und im zwanzigsten

und zweyten Jare,

Venne Richerdes · 第 10 / 14 题