Vor den offenen Arkaden des +Collegio di Spagna+ lösten sich die
Sänften und Karossen der Bologneser in ununterbrochener Folge ab und
entleerten sich ihres lebendigen Inhalts. Schöne Frauen schlüpften
heraus in kostbarsten, duftigen Gewändern, das liebliche Antlitz
den gaffenden Zuschauern unter einem leichten Schleier verbergend.
Würdenträger schritten die Stufen hinan in ihrer reichen Amtstracht.
Würdige Gelehrte, Geistliche im schlichten dunklen Gewande, kühn
blickende Jünglinge in der modischen Tracht der Zeit, sie alle hatten
dasselbe Ziel: die Festgemächer in dem spanischen Kollegium der
Universität, in denen heute, wie alljährlich, der neue Dekan seinen
Amtsantritt festlich beging.
Im Empfangssaale, dessen kristallene Kronleuchter das Gold der Decke
wie das Marmorgetäfel der Wände widerspiegelten, wartete der Hausherr
mit seiner Familie der Gäste und begrüßte sie, je nach Rang und Stand,
mit besonderer Höflichkeit oder freundlicher Herablassung, aber immer
mit der unnachahmlichen Zuvorkommenheit und Würde, die dem Spanier vor
anderen eignet.
Ein lebhaftes Stimmengewirr in vielen Sprachen durchzog bald den Raum,
gedämpft indes durch die Rücksicht, die man sich und den anderen
schuldete, um nicht als unhöflich aufzufallen.
Das Festmahl, das in einem herrlich geschmückten, großen Saale vor sich
ging, sah alles vertreten, was die alte Stadt an Anmut und Würde,
an Reichtum und Gelehrsamkeit in ihren Mauern barg. An der Tafel
wechselten die auserlesensten Gerichte, in den Kelchen funkelte edler
Wein.
Wo die Jugend saß, ging die Unterhaltung am lebhaftesten vor sich.
Perlend flossen die Neckereien vom Munde der schönen Damen, mit
witziger Anmut übten die Herren die Gegenwehr aus. Ernster floß
der Rede Strom, wo Gelehrte über Fragen der Zeit das Wort führten.
Hier schwärmte ein Jünger im Apoll seiner Dame von der Schönheit
Petrarkischer Sonette vor, dort bewies ein Kriegsmann in glänzendem
Gewande, daß sein Beruf der allein des strebenden Menschen würdige sei.
Gisela von Wendelin mit ihren Eltern zählte zu den Gästen. Ihr
Kavalier, der Sohn des Podesta, unterhielt sie lebhaft, aber sie
schenkte ihm nur zerstreut Gehör. Ihre Gedanken eilten über die Alpen
in die norddeutsche Stadt, wo der heimlich Geliebte, nie Vergessene nun
schon seit langem weilen mußte. Noch hatte sie kein Lebenszeichen von
ihm wieder erhalten. Und außerdem lastete es auf ihr wie ein Druck,
wie die Vorahnung kommenden Unheils, ohne daß sie sich Aufschluß über
ihre Gefühle zu geben vermochte. Ihre Blicke kreuzten sich mit dem des
Vaters, der ihr in einiger Entfernung gegenübersaß. Gütig lächelnd
nickte er ihr zu, da wuchs auch ihr wieder die Zuversicht.
Die Freude des Abends stieg mit der Dauer des Festes; sie schimmerte
wieder in den glänzenden Augen der Damen, sie erklang aus den frohen
angeregten Gesprächen der Männer. Da ging noch ein letzter, einsamer
Gast in das Haus. Unhörbaren Schrittes und ungesehen schritt er an der
Reihe der Diener vorüber, ungesehen betrat er den Saal.
Sein glühender Blick überflog die Gäste. Dann näherte er sich der
Festtafel. Hinter der schönsten der Damen hielt er an und beugte sich
zu ihr nieder. Sie erblich unter seinem Hauch, und der zarte Leib
erschauerte in Entsetzen. Und weiter ging der Gast. Dieses Mal war
ein würdiger Ritter sein Ziel. Der zuckte zusammen und griff nach dem
Herzen, aber er behielt sein Geheimnis für sich. Und weiter schritt der
Unheimliche und beugte sich hier und beugte sich da. Und wo immer sein
Hauch das Antlitz eines Gastes streifte, da erblichen die Wangen und
erlosch die Freude. Und dann ging der Fremde davon, wie er gekommen,
ungesehen und ungehört von den Dienern und nicht erkannt von der Menge
der Gaffer. Das Fest aber wurde abgebrochen, weil, unbegreiflich
und unerklärlich, ein Unwohlsein die Gäste befiel, die der Fremde
gezeichnet. Am nächsten Tage schon in der Frühe, da wisperte es in der
Stadt und raunte und ging in laute Wehklagen über: »Der Schwarze Tod
ist da, die Pest ist in der Stadt!«
Wir nüchternen und klugen Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wissen,
wo diese Geißel des Menschengeschlechts ihre Heimat hat, wenn wir ihrer
auch noch nicht Herr geworden sind. Zwischen dem Tianschan-Gebirge
und dem Altai, im fernen Asien, im Osten auf das Sandmeer der Wüste
Gobi blickend, im Westen auf die Kirgisensteppe herabschauend, erhebt
sich der Tarbagatai, das Murmeltiergebirge, nach dem Tarbagan, dem
Murmeltier, benannt. Dieses Tierchen, das zu Millionen dort haust, ist
der Träger des Pestkeimes. Und wenn es selbst dieser Seuche erlegen,
wirkt noch sein kleiner Leichnam als Überträger an allem, was in seine
Nähe kommt, Tier und Mensch. Die Menschen fliehen aus ihren Siedlungen
und tragen den Krankheitsstoff zu ihren Nachbarn. Und alles muß der
Schrecklichen dienen, was Bewegung hat, Wind und Wasser, um ihre
Herrschaft auszubreiten.
Unsere Vorfahren standen dem furchtbaren Würger in ohmächtigem Grausen
und Entsetzen gegenüber; nichts anderes wußten sie ihr entgegenzusetzen
als dumpfe Verzweiflung, wildes Wehklagen, brünstige Frömmigkeit oder
tierische Lust. Wehe dem Ort, den diese Geißel überfallen, wehe der
Stadt, in deren enge Gassen und dumpfe Häuser sie Einkehr hielt.
Sie kam nicht ohne Vorzeichen, so wußte es das Volk: Geflügelte Rosse
am nächtlichen Himmel, mit seltsamen Reitern auf ihren Rücken, zogen
unter Horrido mit der Meute auf den Wolken dahin. Öffnete man einen
Rosenapfel, so entwich daraus wohl eine winzige Spinne. Dann war die
Pest nahe. Sie wurde von Teufeln und bösen Geistern in die Brunnen
gepflanzt; auch schlimme Menschen, Hirten, Hexen, Zigeuner und Juden
vergifteten das Wasser.
Man suchte sie abzuwehren durch verdoppelte Frömmigkeit, Fürbitten der
Heiligen und Wallfahrten. Aber eines guten Tages war der unheimliche
Gast da. Wer es konnte, floh von der Stätte, wo sie einbrach, doch er
war seines Lebens darum nicht viel sicherer; denn die anderen draußen
erschlugen ihn, wenn sie erfuhren, daß er aus einem verseuchten Orte
kam, um mit dem Träger die Krankheit am Vordringen zu hindern.
Wehe, dreimal wehe aber den Kranken selbst und den Häusern, in die der
Schwarze Tod Einzug gehalten! Sie wurden gezeichnet, versperrt, daß
niemand hinaus oder herein könne. Der Kranke mit seinen Angehörigen war
von aller Welt abgeschlossen, und sie konnten verhungern, wenn sich
nicht eine barmherzige Seele fand, die ihnen heimlich Nahrung zutrug.
In Bologna wütete die Seuche wie nie zuvor. Anfangs kündeten noch die
Glocken, daß wieder ein Bewohner der Stadt ihr zum Opfer gefallen sei;
aber dann schwiegen auch sie, denn ihr klagendes Gewimmer hätte sonst
den Tag und die Nacht durchgellt. Die Stadt war tot. Vermummte Träger
durchzogen mit Bahren und Karren die Straßen und lasen die Toten auf,
die aus den Fenstern gestürzt wurden. Es lag auch wohl einmal einer
unter ihnen, aus dem noch nicht alles Leben entflohen war: sie achteten
des nicht, wer auf den Bahren und Karren lag, wanderte auch in die
großen, mit Kalk gefüllten Gruben vor den Toren.
Die Pest, die wie ein hungriges Raubtier sich auf die unglückliche
Stadt gestürzt hatte, zog nach Monden wie ein satter Gläubiger davon,
der dem armen Schelm den Rest der Schuld stundet, bis es ihn gelüstet,
wiederzukehren, um sich auch das Letzte als verfallenes Pfand zu
holen. Verödet lagen die Häuser, verlassen die Straßen. Familien waren
ausgetilgt, Geschlechter erloschen. Noch wich der Nachbar dem Nachbarn
aus, wenn er ihn von fern sah. Aber leise, leise regte sich doch die
Hoffnung, daß der Würger gegangen, und langsam keimte die Freude, daß
der eigene Leib nicht von der Geißel geschlagen sei.
Giselas Vater war einer der ersten gewesen, welche dem grausigen Gaste
auf seinen Wink folgten. Wenn das Wort nicht trügt, daß die Ängstlichen
der Krankheit am ersten verfallen, so bewahrheitete es sich auch an der
Mutter. Scheu hielt sie sich von dem einst so sehr geliebten Gatten
fern, und laut ertönte ihr Jammern, als die ersten Anzeichen der Seuche
sich auch bei ihr zeigten.
»Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!« so gellte ihr
klagender Ruf durch das Haus. Aber vergeblich erklang ihr Flehen und
Wimmern, auch sie trugen die schwarzen Männer nach einigen Tagen davon.
Nun war Gisela ganz allein in dem großen, leeren Hause. Sie hatte den
Vater gepflegt, und sein letzter, dankbarer und trauriger Blick galt
der treuen Tochter. Sie wich auch nicht vom Lager der Mutter, bis diese
die Augen schloß. Unheimlich war es in dem öden Hause. Die Diener
geflohen, die Mägde gestorben oder davongelaufen. Sie wäre verhungert,
hätte ihr nicht eine fromme Frau aus dem Kloster der Ursulinen,
erwiesener Guttaten eingedenk, heimlich Nahrung gebracht. Als die
Sperre von den Häusern genommen wurde, als die Tore sich öffneten, da
fand sie sich als eine einsame Waise unter Fremden; die Befreundeten
und Verwandten tot, die Bekannten, soweit sie lebten, an fernen Orten.
Hilflos, einsam wohnte sie im Hause der Eltern und hätte des Trostes
mitleidiger Menschen doch so sehr bedurft.
Was hielt sie noch in dieser Stadt, die ihr fremd geworden, wo die
gespenstig leeren Häuser und Straßen ständig an das Unglück gemahnten,
das sie betroffen? -- Da stieg die Sehnsucht in ihr auf nach dem fernen
Deutschland, nach der liebevollen Base und die Erinnerung an den Mann
im selben Lande, dem ihr Herz noch in gleicher Liebe entgegenschlug wie
einst. Und sie faßte den Plan, der Freundin zu schreiben, sie um Obdach
zu bitten, und so kam dieser Plan zur Ausführung.
Nachdem das Gebirge die Oker aus der engen Haft entlassen hat, in der
sie sich, vom Bruchberge herabhüpfend, zwischen steilen Bergen und jäh
abstürzenden Felswänden dahinwand, lacht bei dem rauchigen Hüttenort
Oker die Freiheit. Fröhlich eilt sie in die lockende Weite, und über
dem Staunen ob der neuen, fremden Welt, entgleitet ihr alles, was sie
tändelnd und spielend an sich hielt, glattrunde Kiesel und feinkörniger
Kies. Denn die Wasserfrauen haben ihr ins Ohr geraunt, da draußen,
unter den Menschen, müsse man sich ehrbar und gesittet benehmen, wolle
man Achtung genießen.
So wird aus dem wilden Gebirgskinde ein ruhig dahinziehendes Wasser.
Aber hat es die Wildheit abgetan, so ist ihm dafür die Eitelkeit in
die Glieder gefahren. Kokett sich drehend und windend, als wolle es
mit eigenen Augen die rückwegige Schönheit bewundern, durchmißt es das
Stück von Börßum bis nordwärts Braunschweig. So geht der Weg dahin
zwischen flachbordigen Talwangen, bis es weiter nordwärts in die Heide
kommt und nun sich vollends den Erwachsenen zurechnet. Unter dem
ernsten Heidevolke ist auch die Oker ein stilles, ernstes Gewässer
geworden.
Doch bevor sie das beschauliche Dasein eines besinnlich und bedächtig
seines Weges schreitenden Alten erreichte, hatte sie schon zu jener
Zeit nützliche Arbeit unter den Augen der Menschen zu leisten. Vor der
Festung Wolfenbüttel wurde sie in viele Arme zerteilt, die das Schloß
der braunschweigischen Herzöge, wie die Festung selbst mit einem
schützenden Wassergraben umzogen oder in der Stadt die Mühlen trieben.
Gleiche Dienste fielen ihr auch in der einige Wegstunden nordwärts
gelegenen Stadt Braunschweig zu. Suchte sich der Herzog gegen Angriffe
von seinesgleichen zu schützen, so trieb die Braunschweiger bei der
Sicherung ihrer Stadt, je länger, desto ausgesprochener, der Wille und
Wunsch, dem eigenen Landesherrn Trutz bieten zu können. Wenn der Welfe
auf die Höhe des Lechelnholzes ritt, eine halbe Stunde nordwärts seines
eigenen Schlosses, konnte er den Turm von St. Andreas in die Lüfte
ragen und die Stümpfe des Domes Sankt Blasius, wie das Heer der anderen
Kirchen sich erheben sehen. Dann wallte wohl in ihm der Groll auf über
die ungehorsame Tochter, die sich ihm verschloß und seine Gesandten
abschlägig beschied auf sein an den Rat gerichtetes Ansinnen oder sie
gar mit höhnischer Antwort heimschickte.
Und dabei mußte er seinen Zorn in sich hineinwürgen, denn es gab
kein Mittel, um die Widerspenstige zu zähmen oder zu überwinden, im
Gegenteil, die Erfüllung dieses Wunsches rückte in immer größere
Fernen, je mehr die Macht der Stadt stieg. Übel lohnte sie es den
Nachfolgern Heinrichs des Löwen, der ihr die erste Befestigung gegeben
und den prächtigen Dom errichtet hatte, so mochte der Nachfolger selbst
urteilen.
Aus der kleinen Siedlung, die der Herzog Bruno zur Zeit der
Karolinger gegründet haben sollte, war ein mächtiges und volkreiches
Menschenzentrum geworden. Die große Heerstraße, die nördlich des Harzes
und hart am Südrande der menschenleeren, unwirtlichen Lüneburger
Heide das Deutsche Reich von Westen nach Osten durchzog, wie die Wege
nordwärts zu den Handelsplätzen der Nord- und Ostsee schrieben ihr die
Rolle vor, die sie zu spielen berufen war. Der Anschluß an die Hansa,
deren Quartierstadt im niedersächsischen Kreise sie bald wurde, hob ihr
Ansehen und ihre Schönheit.
Mit Goslar, zu dem es viele Handelsbeziehungen unterhielt, verbanden es
freundnachbarliche Bande, die um so enger wurden, je mehr der Ärger des
Herzogs auf sie selbst und sein Neid auf die reiche Stadt am Harz, ihr
Bergwerk und ihre Forsten offenbar wurde und gleiche Gefahr für beide
kündete.
Der Reichtum seiner Bürger war fast sprichwörtlich geworden, und sie
steuerten davon gern und willig nach den Schatzungen ihres Rates, um
die Selbständigkeit der Stadt zu sichern. Wohl ausgestattete Arsenale,
eine stattliche Zahl von Söldnern unter kriegserprobten Offizieren,
denen im Falle der Not die wehrhafte Bürgerschaft sich noch zugesellte,
hatte sie befähigt, den Herzögen auch im offenen Felde mehr als einmal
standzuhalten.
Groß war die Zahl seiner Einwohner, zu groß fast für die Enge der
Mauern und die Erwerbsmöglichkeit. Daher zogen viele seiner Söhne
hinaus in die Fremde, um als tapfere Landsknechte Beute und Reichtümer
zu erwerben. Ganze Fähnlein marschierten aus den Toren, unter
heimischen Hauptleuten. Viele gingen in den Wirren und Kämpfen auf den
Kriegsschauplätzen in aller Herren Länder zugrunde. Manche kehrten
zurück nach einem Leben der Wanderung und Mühsal, um in der Heimat,
fern dem Kampfeslärm, ihre Wunden zu heilen und der Ruhe zu pflegen;
wenige nur unter ihnen sahen ihre Träume erfüllt.
Von den Offizieren stieg mancher zu hohem Ansehen. Der Name
›Braunschweigischer Hauptmann‹ hatte draußen einen guten Klang. Mehr
als einer von ihnen führte ein Regiment oder war gar zum General
aufgerückt. Verschlang sie nicht der Krieg, so kehrten sie wohl zuletzt
auch in die Heimatstadt zurück, um in behaglicher Ruhe von erkämpften
Siegen und gewonnenem Ruhm zu träumen. Zu ihnen gehörte auch der Obrist
von Walldorf, dessen Damen in Bologna den neugebackenen Doktor juris
Johannes Hardt von dem Hause Wendelin Abschied nehmen sahen.
Die Walldorfs wohnten in einem behaglichen Patrizierhause an der
Echternstraße. Die Wallfahrt nach Rom hatte gute Dienste getan, und
Glück und Zufriedenheit herrschten in dem gastlichen Hause. Johannes
hatte einmal bei ihnen vorgesprochen. Er war schon seit Jahresfrist
in den Dienst seiner Stadt getreten, und der Rat schickte ihn, in
Erinnerung seiner bewiesenen Zuverlässigkeit, mit einem wichtigen
Schreiben an die Braunschweiger dorthin.
Wenn Johannes gehofft hatte, bei dieser Gelegenheit etwas von Gisela zu
hören, so sah er sich in dieser Erwartung getäuscht, denn es war noch
kein Lebenszeichen von den Wendelins über die Alpen gekommen, seit die
Damen zurückkehrten.
Trauer bemächtigte sich seiner, wenn er sah, wie die Erfüllung seiner
Hoffnungen in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt blieb, während
alle diejenigen daheim, denen er nahestand, dem Ziele ihrer Wünsche
nahegekommen oder es erreicht hatten. Venne Richerdes war dem Heinrich
Achtermann verlobt, und es schien nur noch eine Frage von kurzer Zeit,
daß die Hand des Priesters sie zusammengab. Erdwin Scheffer hatte seine
Monika heimgeführt und war wohlbestellter Weibel des Rates. Wenn
die Zeit es erlaubte und die Gäste im ›Goldenen Adler‹ sie nicht zu
sehr in Anspruch nahmen, schlüpfte Immecke Rosenhagen in die Wohnung
des jungen Paares, um sich des Glücks ihrer Kinder zu freuen und das
kleine Großtöchterchen auf ihren Armen zu wiegen, das das leibhafte
Ebenbild ihrer Monika zu werden versprach. Allen hatte das Glück
seine Tore geöffnet, nur ihm blieben sie verschlossen. Traurig und
niedergeschlagen kehrte Johannes nach Goslar zurück.
Wenige Wochen darauf traf in Braunschweig der Brief Giselas mit der
erschütternden Kunde des Todes ihrer Eltern ein. Die Antwort, daß sie
bei den Walldorfs herzlich willkommen sei, ging sogleich nach Bologna
ab, aber es verlief doch der Winter, ehe sie selbst ankam.
Richenza hielt es für selbstverständlich, an Johannes Hardt sogleich
Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der Geliebten gelangen zu
lassen. Aber hieß es für ihn sich in Geduld fassen, bis der hoffentlich
nicht ferne Tag gekommen, wo er sie selbst von Angesicht zu Angesicht
schauen würde. Als dann der Ruf der Freundin kam, fand er ihn voller
Ungeduld. Dieses Mal wartete er keinen besonderen Auftrag des
Hochmögenden Rates ab, sondern er brach nach Braunschweig auf, sobald
es sich einrichten ließ. Bevor er abreiste, sprach er mit den Eltern
über seine Pläne und Wünsche.
Des Vaters Absichten gingen andere Wege. Er hätte es lieber gesehen,
daß der Sohn eine Einheimische freite, aus alter Familie, deren Einfluß
und Ansehen dem Sohn gewiß auch für seine weitere Laufbahn förderlich
gewesen wäre. Aber sein Zureden scheiterte an der Entschlossenheit des
Sohnes, der erklärte, daß er Gisela zum Weibe wolle oder gar keine.
Mit einem Seufzer gab jener zuletzt nach. Ob er einen besonderen Wunsch
dabei zu Grabe trug, blieb Johannes verborgen.
Noch war er freilich auch der Zusage Giselas selbst nicht sicher.
Wenn er aber des Abschieds in Bologna gedachte, schwanden alle
Zweifel. Zu offen hatte ihr Herz ihm damals entgegengeschlagen, und er
durfte hoffen, daß kein anderer inzwischen von ihm Besitz ergriffen
hatte, sonst hätte sie wohl kaum den Weg nach dem fernen Deutschland
eingeschlagen.
Die Brust geschwellt von seliger Erwartung und im Herzen tiefes Mitleid
mit der vom Schicksal so Schwergeprüften, brach er nach der alten Stadt
an der Oker auf.
Johannes war erschüttert, als er der Geliebten zuerst entgegentrat:
Was hatte die Zeit aus dem lebensfrohen, lieblichen Geschöpf gemacht,
das er vor einigen Jahren in Bologna verließ? Ein blasses Gesichtchen,
aus dem die dunkeln Augen von tiefen Schatten umlagert, Mitleid
heischend und hilfesuchend ihn anblickten, tauchte vor ihm auf. Als
sie den Langersehnten, immer Geliebten vor sich sah, den Zeugen ihrer
glücklichen Jugend im trauten Familienkreise, kamen ihr die Tränen aufs
neue. Ein stilles Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper. Johannes
trat zu ihr und ergriff stumm ihre Hände. Aber als sie allein waren, da
fanden sie Worte. Vor ihm entrollte sich das furchtbare Bild der Seuche
in Bologna, und er vernahm aus ihrem Munde, wie grausig das Ende ihrer
Eltern gewesen war. Da hielt er nicht länger an sich. Sanft zog er sie
an sein Herz und träufelte ihr süßen Trost in die schmerzerfüllte
Brust.
»Habe Vertrauen zu mir, Geliebte. Unter meinem Schutz wirst Du
vergessen lernen, und die Vergangenheit liegt bald wie ein böser
Traum hinter Dir. Mein Mütterchen wird Dich an ihr Herz schließen als
zweite Tochter, und in der Schwester gebe ich Dir eine Freundin, die
mir beistehen wird, den letzten Gram in Deiner Brust zu tilgen.« Da
lächelte sie ihn unter Tränen an. Doppelt liebreizend war sie in ihrer
rührenden Hilflosigkeit. Aber eine leise Röte der Zuversicht und Freude
stieg in die blassen Wangen.
»Oh, wie danke ich dem Himmel, daß er Dich mir schenkte. Ich weiß
nicht, wie ich die furchtbare Bürde allein weiter hätte tragen sollen.
Habe Dank mein einzig Geliebter, habe Dank!«
Innig drückte sie sich an ihn, und Johannes besiegelte seine Schwüre
mit einem heißen Kuß.
Diesmal war der Abschied für ihn nicht so schwer. Er ließ die Geliebte
in treuer Hut zurück. Es galt nur noch, das Nest zu bereiten für ihr
Glück. Bald, so hoffte er und vertraute sie, hatte auch für sie die
Zeit der Trennung ein Ende für immer.
Neben den Beziehungen freundschaftlicher und politischer Art, die
zwischen den Städten Braunschweig und Goslar bestanden, liefen Fäden
hin und her vom Schlosse des Welfenherzogs zu Wolfenbüttel nach der
alten Reichsstadt am Fuße des Rammelsberges, von denen der Rat nichts
wußte oder die doch so geheim gesponnen wurden, daß er sie nicht
zerschneiden konnte. Nach Wolfenbüttel und noch nach einer anderen
Stätte hin reichten sie, die wiederum nur dem Herzog und seinem
Vertrauten und einigen wenigen bekannt waren. Die aber hüteten sich
weislich, mit ihrer Kenntnis hervorzutreten; denn es wäre ihnen nicht
nur eine angenehm fließende Geldquelle dadurch verschüttet worden,
sondern sie hätten sich auch der Gefahr ausgesetzt, daß sich Meister
Rotmantel ihrer annahm, der in jener Zeit, wie seine Berufsgenossen
andernorts, in Goslar sein gutgehendes Geschäft ausübte, darin
bestehend, daß er die Neugier eines wohlweisen Rates über ihre
Tätigkeit in Gegenwart von den Bevollmächtigten des Rats zu befriedigen
suchte, wobei er nur durch freundliches, aber dringendes Zureden zur
Antwort mahnte.
Es gab da allerhand Mittel und Mittelchen, um auch die Schweigsamsten
zum Reden zu bringen, von den Daumenschrauben bis zum Strecken des
Körpers, wobei die Glieder allerdings aus ihren Gelenken gerissen
wurden. Und half das noch nichts, so griff man noch zu gröberen
Mitteln, die wir auszuführen Bedenken tragen, um nicht die nächtlichen
Träume leicht erregbarer Leserinnen mit allerhand fragwürdigen
Gestalten zu erfüllen.
Im übrigen ging alles nach einer peinlich festgesetzten Ordnung, auch
das Bezahlen. Der Henker wußte genau, was er nach getaner Arbeit vom
Säckelmeister eines Hochmögendes Rates zu erwarten hatte oder was er,
nachdem das Erforderliche der Frau Eheliebsten abgeliefert war, in der
Herberge oder im Ratskeller aus dem angeketteten Becher sich zugute tun
durfte.
Zu solchen Personen, welche ihre Tätigkeit vor der Neugier des Rates
ängstlich verbargen, gehörte zum Beispiel die Gittermannsche aus der
Dröwekenstraße, wie ihr Vetter, der Schäfer Hennecke Rennenstich, der
»Up den Ymminghove« Wohnung und Beschäftigung fand.
* * * * *
Von dem Nordabhang des Lindthalskopfes, der seine steile Stirnseite
dem tiefen Graben des Innerstetales zukehrt, hüpft eilenden Laufes der
Steimkerbach herab. Die Sonne bekommt dieser muntere Geselle erst zu
sehen, wenn er den Gebirgswald verläßt; denn bis dahin überschatten
ernste Tannen und laubdunkle Buchen und Eschen sein schmales
Bett. Verträumt blinzelt er auf und eilt dann, im vollen Lichte
des Tagesgestirns und doch ungesehen, unter Lattich und hängenden
Weidenbüschen durch die Wiesen dahin, bis unfern des Dorfes Lutter am
Barenberge er sich der Neile vermählt.
Frei geboren und frei geblieben bis zu der Stelle, wo er seinen Lauf
beendet, darf das Wässerchen von sich rühmen; denn des Menschen Hand
hat ihm kein Joch auferlegt. Dasselbe gilt auch von dem Dolgerbach, der
in kurzem Lauf mit dem Kiefbach zusammen den Steimkerbach aufsucht.
Aber der Dolgerbach war nicht immer frei. Vor Jahrhunderten, als noch
das Dorf Dolgen stand, mußte er eine Mühle treiben, die unweit des
Dorfes gelegen war.
Damals war das Tal des Steimkerbaches noch düsterer und finsterer als
heute. Urwaldartig deckte der Wald die Hänge und die Talsohle, und den
Eingang am Waldessaum versperrte dichtes Gestrüpp. Nur der Hirsch,
der zur Tränke zog, und der Eber, der in seinem Sumpf suhlte, störten
die Stille, welche das Tal füllte. Menschen verirrten sich nicht
dorthin, und selbst der herzogliche Jäger, der im Dorf Dolgen hauste,
mied die Stätte, denn es war dort nach seinen eigenen Wahrnehmungen
nicht geheuer. Wer Mut besaß, die Geister zu bestehen, die dort ihren
Spuk treiben sollten, der fand an diesem Tal eine Stätte, in die ihm
keines Fremden Neugier folgte. Und es gab solche Männer, die einen
Unterschlupf fanden, wenn ihnen der Boden draußen in der Ebene zu heiß
wurde, wilde Gestalten, denen das Wasser ein Feind und der Bartscherer
eine unbekannte Größe waren.
* * * * *
Man mußte wohl eine Stunde weit das Tal hinaufdringen und durfte ein
zerschundenes Gesicht nicht scheuen, wollte man an das seltsame Heim
dieser Menschen gelangen. Aber dann war man auch überrascht über das,
was die Wildnis bot. Unter einem überhängenden Felsen, etwas abgekehrt
vom Bache, erhob sich eine feste Hütte, aus Stämmen roh aufgeführt, die
Fugen mit Moos verstopft.
Kleine Öffnungen, die verschlossen werden konnten, ließen etwas
Helligkeit in das Innere, aber man war unabhängig davon: Fackeln
und Kerzen ersetzten das Tageslicht, und wenn man nicht allzu große
Ansprüche stellte, konnte man es sogar wohnlich drinnen finden. Die
Wände waren mit Teppichen verhängt; mit Teppichen verschloß man auch
die Fensteröffnungen im Winter, noch hinter den vorgelegten Läden, um
die kalte Luft abzuwehren. An den Seiten liefen Bänke entlang, vor
denen festgefügte Tische standen. Ebenso rohgezimmerte Holzschemel
vervollständigten die Inneneinrichtung, abgesehen von einem offenen
Herde, in dessen Nähe eisernes Kochgeschirr, Bratpfannen und irdene
Näpfe verrieten, daß man ihn zu benutzen verstehe.
Der Rauch suchte sich einen Ausweg nach oben, wo und wie es ihm
gefiel. Freiheit zu tun und zu lassen, was dem einzelnen beliebte,
war überhaupt oberster Grundsatz in dieser Behausung. Wer schlafen
wollte, erhob sich vom Tisch und suchte sein Lager auf Heu und Decken,
wo es ihm gefiel und wo ein Platz sich bot. Nur ein kleiner Verschlag
blieb davon ausgenommen, wo die Hausfrau ihr Lager aufschlug. Diesen
Raum wagte ohne besondere Erlaubnis keiner der Gesellen zu betreten,
denn die Eigentümerin war eine Respektsperson, selbst für diese wilden
Männer.
Ein seltsames Frauenzimmer, das mit ihnen hier in der Wildnis
wirtschaftete. Mit Schönheit war die Frau nicht überladen. Aus
verrunzeltem Gesicht blickten schwarze, scharfspähende Augen den
Besucher an. Die beiden gelben langen Eckzähne, die ihr von dem
einstmaligen Reichtum geblieben, trugen auch nicht gerade zur Erhöhung
ihrer äußeren Reize bei.
Hätte sie unter Menschen gelebt in einer Stadt, so wäre sie durch den
Leumund der lieben Nächsten gewiß schon der Hexerei geziehen und dem
hochnotpeinlichen Gericht wie dem Henker vorgeführt worden. Danach
trug sie aber kein Verlangen, denn sie war Meister Rotmantel schon
einmal überantwortet gewesen. Damals hatte man ihr allerlei Untugenden
vorgehalten, wie zum Exempel, daß sie es mit der Ehrbarkeit nicht allzu
genau nehme; sie war gestäupt und gebrannt worden, und man entließ sie
mit der ernstlichen Vermahnung, immer eine gewisse Entfernung zwischen
sich und der Stadt zu beobachten.
Diesen Rat befolgte Luke Meyse ehrlich, denn ihr lag wenig daran, sich
bei Meister Rotmantel und seinen Knechten noch einmal in Behandlung zu
geben.
Luke Meyse war wirklich einmal schön gewesen, sehr schön sogar, aber
die Schönheit wurde ihr zum Verderben. Sie stieg ihr so sehr zu Kopfe,
daß sie, ehrlicher, einfacher Leute Kind, meinte, sie sei zu etwas
Höherem geboren, als des Nachbars Sohn Tyle zu freien. Es kam auch
ein Höherer und nahm sich ihrer Schönheit an, ein richtiger Edelmann.
Aber als er sie genossen hatte, warf er sie beiseite. Nun war sie auch
Tyle nicht mehr schön genug, und sie ging mit ihrer Schande auf und
davon. Es fanden sich auch nachher noch Männer, denen die Reste ihrer
Schönheit zusagten, doch sie sank dabei immer mehr, bis der Henker ihr
das Mal aufbrannte.
Nun lebte sie schon seit vielen Jahren in dieser Wildnis, und ihre
Gesellschaft waren Gesellen, die vor einer Berührung mit den Behörden
oder mit Meister Rotmantel nicht minder bescheiden zurückwichen.
Ihre Zahl schwankte je nach der Jahreszeit und ihren »Geschäften«.
Nur selten erlitt sie auch eine plötzliche Einbuße, weil einem
ihrer Genossen bei seinen »Geschäften« ein Stück Blei zwischen die
Rippen gefahren war oder er seine Widerstandsfähigkeit gegen einen
Hieb mit Schwert oder Hellebarde überschätzt hatte. Dann blieb sein
Platz unbesetzt, oder ein anderer rückte an seine Stelle. Lange
Gedächtnisreden wurden nicht gehalten. Ein Fluch über das Mißgeschick,
und die Sache war abgetan. Kehrte einer oder der andere mit einer Wunde
zurück oder litt er sonst an einer Gebreste, so brachte ihn Luke wieder
zuwege.
Langeweile litt Luke Meyse nicht; denn einer oder der andere der
Gesellschaft war immer anwesend, mindestens der einarmige Brand
Cramer, dem sie bei einem Zusammentreffen mit Bauern dieses wertvolle
Körperglied zerschmettert hatten. Er war Schaffner des Hauses und
Stallmeister in einer Person. Denn auch Pferde fanden in einem an den
Felsen gelehnten Schuppen Unterkunft.
Und dann gab es da noch ein junges Ding, Ylsebe genannt. Wie sie sonst
noch hieß, wußte niemand. Man hatte sie an der Straße aufgelesen,
wo sie neben der erschlagenen Mutter jämmerlich schrie. Sie war der
Liebling Luke Meyses und der Verzug der ganzen Bande. Wild und lustig,
mit krausem Haar und schwarzfunkelnden Augen, bildete sie das belebende
Element der Hütte. Übergriffe gegen sie wußte Luke kurz und bündig
abzuweisen. Wurde es Ylsebe zu langweilig im Steimkerbachtale, dann
eilte sie wohl auf einen Sprung und einige Stunden nach der Dolgermühle
zu ihrer Freundin, der roten Aleke Swarte, des Müllers Tochter, die ihr
an Wesen gleichkam.
In der Dolgermühle traf sie sicher auch noch andere lustige
Gesellschaft, denn dort fand sich auch gemeinlich allerlei Volk
zusammen, ähnlich dem im Tale des Steimkerbaches. Die Mühle war
verwahrlost, die Bauern gingen mit ihrem Korn lieber zur entfernten
Pöbbeckenmühle, wo sie schneller und redlicher bedient wurden. Der
Müller zürnte ihnen deshalb nicht allzu sehr, denn an der Ausübung
seines Handwerks lag ihm wenig: Wozu sollte er die Mahlgänge bedienen,
nachts den Schlaf versäumen, wenn er auf andere Weise bequemer und
lustiger zu Gelde kam? Denn lustig ging es her bei ihm bei Essen und
Zechen und Würfeln. Die Besucher ließen sich nicht lumpen für die
schönen Sachen, die ihnen des Müllers Weib briet oder der Müller selbst
aus dem versteckten Keller hinter der Scheune vorsetzte. Aber das waren
nur die Nebeneinnahmen.
Den Hauptteil warfen die »Geschäfte« ab, die mit den Besuchern von
ihm als vollgültigem Partner abgeschlossen wurden. Bei ihm wurde
nämlich alles geplant, was heranreifte oder was sich zufällig bot.
Wenn irgendwo in der Umgebung ein Überfall vor sich ging, ein Haus
in Flammen aufloderte, ein reicher Bauer in seinem Bett erschlagen
aufgefunden wurde, wenn die Städter mit ihren Herden in Seesen und
Goslar geschatzt, ihre Wagenzüge angehalten und überfallen wurden, so
war der Plan dazu sicher in der Dolgermühle ausgeheckt worden.
Hin und wieder tauchte ein Mann auf, der ein besonderes Ansehen besaß.
Daß er unter den Gesellen eine bevorrechtete Stellung einnahm, ging
schon aus der Anrede hervor. Er wurde als »Herr Hermann«, auch »Herr
Raßler« angesprochen. Raßler war ein Mann von gedrungener Gestalt,
dem die wilde Entschlossenheit aus den Augen leuchtete. Das gebräunte
Gesicht wäre hübsch zu nennen gewesen ohne eine tiefe Narbe, welche
die Stirn fast wagerecht durchzog. Er besaß alle Eigenschaften eines
Führers: scharfes Urteil, schnelle Beobachtungsgabe und einen großen
Mut.
Als Sohn eines Arztes in Hildesheim hatte er das juristische Studium
ausüben sollen, wurde aber durch viele böse Streiche anfangs schon
aus dieser Bahn herausgeschleudert und relegiert; doch er war kein
Verbrecher von gewöhnlichem Schlag wie seine Leute. Er sah in sich
ein Rachewerkzeug gegen die menschliche, verderbte Ordnung. Auf den
Erwerb von Beute und Reichtum legte er nur insoweit Wert, als sie ihn
befähigten, seinen Weg zu gehen.
Deshalb, weil er nie einen besonderen Anteil beanspruchte und seine
Hilfsbereitschaft jederzeit sich äußerte, erkannten sie in ihm die
Führernatur, die ihnen Gewähr bot, daß die ausgeheckten Pläne meistens
ohne große Opfer durchgeführt werden konnten.
Hermann Raßler war kein Wegelagerer gewöhnlichen Schlages. Das erwies
sich aus der Kühnheit seiner Pläne, wie der Art ihrer Durchführung. Er
selbst trat nur bei den großen und wichtigen Sachen in Tätigkeit, die
Kleinigkeiten überließ er seinen zahlreichen Helfershelfern. Wo sein
eigentlicher Wohnsitz war, wußten nur wenige Vertraute. Er kam und
verschwand, und niemand fragte, wo er bleibe. Daß er zur rechten Stunde
zur Stelle sein werde, war ihnen Gewähr genug.
Die kleinen Untaten fielen nicht eigentlich auf sein Konto; er duldete
sie, weil er seine Leute bei Laune halten mußte. Meistens richteten
sie sich gegen Menschen, die sich durch Habsucht oder eine ähnliche
Untugend verhaßt gemacht hatten. Sie bedauerte er nicht; denn er gefiel
sich je länger desto mehr in der Rolle des Schicksalswalters, der
berufen war, über die Ungerechtigkeit der Welt zu Gericht zu sitzen.
Raßler war ein weithin gefürchteter Bandenführer, und der Ruf seiner
kühnen Streiche veranlaßte mehr als einen der Großen, sich seiner
Dienste zu bedienen, um einem Gegner im geheimen Abbruch zu tun an
seinem Eigentum. Kleine Städte und reiche Dörfer sollten ihm, so hieß
es, um sich seiner Huld zu versichern, Tribut zahlen.
Zu seinen »Kunden« zählte auch der Herzog von Braunschweig. Er bediente
sich seiner gegen die Stadt Braunschweig, namentlich aber gegen das
reiche Goslar, um die Bürger mürbe zu machen zur Annahme seines
fürstlichen Schutzes. Raßler übernahm diese Aufgabe besonders gern und
willig, denn mit dem Rate in Goslar hatte er ein Hühnchen zu rupfen.
Die Goslarer hatten ihm nicht nur, wie bei dem Treffen im Hohlwege bei
Riechenberg, wertvolle Leute erschlagen oder aufgeknüpft, sondern er
war ihnen besonders deshalb gram, weil bei einer dieser Gelegenheiten
auch sein einziger, wirklicher Freund, der gleich ihm aus der Bahn
geriet, in ihre Hände fiel und schimpflich gerichtet wurde.
Im Schlosse zu Wolfenbüttel war Raßler keine unbekannte Persönlichkeit,
wenn er dort auch unter anderem Namen aus- und einging. Durch des
Herzogs Spione in Goslar, die zum Teil recht angesehene Bürger waren,
wie auch aus eigenen Quellen wurde Raßler über die Vorgänge in der
Stadt immer im voraus gut unterrichtet. In seiner Kühnheit hatte er
sich auch mehrmals selbst in die Höhle des Löwen gewagt, um an Ort und
Stelle Erkundigungen einzuziehen. Allerlei geschickte Verkleidungen
ermöglichten es ihm, ungefährdet und unerkannt in die Stadt zu
gelangen und aus ihr wieder zu entweichen. Verrat von der Seite seiner
Spießgesellen in Goslar brauchte er nicht zu fürchten, denn im Falle
der Entdeckung war ihr eigener Kopf auch verwirkt.
Um Magda Richerdes, die Ehefrau des Bergherren, stand es nicht gut. Auf
eine geringfügige Besserung, kurz nach Vennes Verlobung, folgte bald
eine Verschlimmerung ihres Zustandes. Der Arzt war ratlos, die Familie
nicht weniger. Venne ging mit verweintem Gesicht einher; auch der
Zuspruch ihres Verlobten vermochte sie nicht über die Angst und Sorge
um das Leben der Mutter wegzubringen.
Die Kunst der Ärzte jener Zeit stand nicht hoch. Soweit sie sich über
den Rahmen bloßer Scharlatanerie erhob, reichte sie doch nicht im
geringsten aus, um durch eine von Sachkenntnis getragene Diagnose und
die danach anzusetzenden Mittel eine Krankheit zu bekämpfen, deren
Wesen nicht durch äußere Merkmale sich von selbst verriet.
Die Reinigung des Blutes durch Purganzen aller Art galt als Mittel zur
Verhütung von Krankheiten, wie zur Erhaltung der Gesundheit. Schlimm
wurde es erst, wenn der Aberglaube im Verein mit der Dummheit auf der
Seite der Kranken diese einem der dunklen Kurpfuscher in die Hände
gab, die mit albernen Beschwörungsformeln und Mitteln aus pflanzlichen
und anderen Stoffen heilen wollten, deren Wirkung auf den Körper des
Menschen durchaus nicht feststand.
Überall im Lande saßen die Männer und Frauen, die auf die
Unerfahrenheit und die Angst um die Erhaltung des Lebens ihrer
Nächsten spekulierten und ein Wissen ärztlicher Art vortäuschten, das
günstigstenfalls nichts nützte, oft aber die vielleicht noch heilbare
Krankheit in lebenslängliches Siechtum verwandelte oder gar den Tod
herbeiführte. Der Scharfrichter, die Schäfer, alte Weiber üblen Rufes,
denen man Umgang mit dem Bösen, auch übernatürliches Wissen nachsagte,
das waren die am meisten begehrten Berater der Kranken jener Zeit.
Auch in Goslar gab es solche »Wissende«, und zu ihnen zählte die
Gittermannsche in der Fröweckenstraße, wie auch der Schäfer Hennecke
Rennenstich auf dem Ymminghove. Ihre Kunst und ihr Wissen gründeten
sich auf überkommene Sprüche und Tränke aller Art, zu denen sie
die Kräuter selbst suchten oder sich zu verschaffen wußten. Ihre
Hauptberaterin und Lieferantin war Luke Meyse vom Steimkerbach, die
einstmals von Goslar einen wenig befriedigenden Abschied nehmen mußte.
Die Zeit hatte die Beziehungen zwischen ihr und der Gittermannschen
nie ganz zerstört, und die geheimen Boten, welche Goslar von Zeit zu
Zeit im Auftrage Hermann Raßlers aufsuchten, sorgten dafür, daß die
Fäden zwischen diesen beiden würdigen Frauenzimmern und Freundinnen
nicht zerrissen. Sie überbrachten auch jeweils Mittel, die von der
Gittermannschen bei ihren Gewaltkuren benutzt wurden.
Venne wie den Vater bedrückte es über die Maßen, daß der Mutter nicht
geholfen werden konnte, und als der Arzt seine Ohnmacht erklärte, waren
sie bereit, wenigstens Venne, auch andere Mittel zu nehmen, wenn es
hülfe. Zunächst wurde Immecke Rosenhagen zu Rate gezogen, von deren
heilkundiger Hand sie von den Hardts gehört hatten. Immecke kam, besah
sich die Kranke, gab auch einige schmerzlindernde Mittel an, gestand
aber im übrigen, daß sie des Leidens nicht Herr werden könne. Da
verfiel die alte Katharina, die nächst Venne ihrer Herrin über alles
zugetan war, auf den Plan, die Gittermannsche zu befragen, die ihr von
guten Bekannten empfohlen wurde.
Katharina mußte die Art der Krankheit genau beschreiben, doch erklärte
jene, es sei äußerst wichtig, daß sie die Kranke selbst sehe und
spreche. Da wurde die treue Alte vor dem eigenen Mut bange, denn sie
handelte ja ohne Ermächtigung ihrer Frauen. Doch die Liebe zu diesen
und der brennende Wunsch, der Kranken Heilung zu verschaffen, überwog
zuletzt die Bedenken. Was sie aber selbst noch an Mißtrauen gegen die
geheimnisvolle Frau hegte, verscheuchte sie durch die drohenden Worte:
»Das sage ich Euch, Gittermannsche, tut Ihr meiner Frau ein Leid an, so
habt Ihr es mit mir zu tun, und mit mir ist nicht zu spaßen.«
Jene antwortete nur mit einem überlegenen Lächeln, als ob ihre Kunst
für sie außer Zweifel stehe.
Venne schalt die alte Magd tüchtig, als sie von dem Besuche hörte, und
die Kranke weigerte sich, mit der Frau in Berührung gebracht zu werden,
die doch eine Hexe sei. Aber das Leiden wurde schlimmer, und Katharina
kam hartnäckig immer wieder auf die Sache zurück. Schließlich gaben die
beiden nach, und man einigte sich, daß zunächst Venne mit der Getreuen
-- im Dunkel des Abends natürlich -- die Gittermannsche aufsuchen
solle.
Die alte Vettel war von einer überraschenden Liebenswürdigkeit, denn
ihr lag viel daran, in dem angesehenen Hause Zutritt zu erhalten.
Auf Venne wirkte indes gerade diese Art widerlich und abstoßend,
aber sie bezwang ihren Abscheu, um der Mutter zu helfen. Mit großer
Zungenfertigkeit pries die Gittermannsche ihre Kunst und zählte
tausend Mittel und Sprüche auf, die unfehlbar, schnell oder langsam
helfen müßten.
Venne wirbelte der Kopf von all dem Gehörten, aber sie gewann doch
die Hoffnung, daß das Weib vielleicht die Heilung in der Hand habe.
Es wurde also verabredet, daß sie auf besondere Botschaft hin kommen
solle. Nun galt es noch, der Mutter endgültige Zustimmung zu erlangen.
Der Vater wurde nicht ins Vertrauen gezogen; man hoffte es so
einrichten zu können, daß er nichts von dem Besuche erfuhr. Später,
wenn, wie Venne hoffte, eine Besserung eingetreten war, sollte auch er
davon hören.
Als die Gittermannsche an dem verabredeten Abend vorkam, hätte Venne
ihre Zusage am liebsten zurückgenommen, denn sie sah hier in der
sauberen Wohnung fast noch unheimlicher und schmutziger aus als in
ihrer Behausung. Die Mutter tat ihr doppelt leid, die sich von diesem
Geschöpf behorchen und befühlen lassen mußte. Aber die ließ alles so
teilnahmslos über sich ergehen, daß sie die Einzelheiten gar nicht
wahrzunehmen schien.
Als die Megäre mit der Untersuchung fertig war, sann sie nach, wobei
sie den schmutzigbraunen Finger an die Nase legte. Venne sah ihr
angstvoll zu, als ob ihr eigenes Leben von dem Ausspruch abhänge. Dann
kramte jene ihre Weisheit aus.
»Der Fall liegt schwer; doch ich hoffe, das Übel mit der Wurzel zu
fassen. Habt Ihr, Frau, etwa böse Neider oder eine Feindin, die Euch
das Übel angetan hat? Denn ohne Zweifel seid Ihr versehen worden.«
Frau Richerdes antwortete, sie sei sich nicht bewußt, sich jemandes
Feindschaft zugezogen zu haben, auch wisse sie keinen Menschen, dem
sie so Böses zutrauen könnte. Da legte sich aber Katharina ins Wort.
»Ihr vergaßet das Zigeunermensch, das wir damals fortjagten, weil die
Frau, als sie, Euch wahrzusagen, sich in die Stube gedrängt hatte, es
verstand, sich ein seidenes Tuch anzueignen, das in ihrer Nähe lag. Ihr
waret gutmütig genug, sie straflos laufen zu lassen. Aber ich erinnere
mich noch genau des bösen Blickes, den sie auf Euch warf, und geheime
Worte murmelte sie auch im Weggehen.«
»Dacht' ich mir's doch,« sagte die Gittermannsche. »Die Zigeunerinnen
verstehen sich besonders auf die Kunst des bösen Blickes, und einen
Zauberspruch wird sie Euch auch noch auf den Hals geschickt haben,
ohne daß Ihr es merktet. Da werden wir es gleich mit kräftigen Mitteln
versuchen müssen, um der Sache Herr zu werden. Und es soll mit dem
Teufel zugehen, wenn es uns nicht gelingt.«
Bei dem Worte ›Teufel‹ fuhren die Frauen zusammen, und die ängstliche
Katharina erklärte energisch: »Wir sind gute Christen und wollen mit
dem Gottseibeiuns nichts zu tun haben.«
»Ach, geht mir mit Euren Einwänden,« entgegnete die Gittermannsche.
»Meint Ihr, ~ich~ habe mit dem Teufel zu tun oder will Euch ihm
verschreiben? Aber was von ihm kommt, muß zu ihm zurück. Das werdet
Ihr doch auch wohl gelten lassen, oder wollt Ihr's für Euch behalten?
Ich werde Euch eine Brühe kochen, mit der Ihr Eure Schwelle besprengt.
Daneben reibt Ihr der Kranken die Herzgrube mit der Salbe, die Ihr
gleichfalls bekommen sollt. Die Salbe ist wunderlich zusammengesetzt,
und ihr Geheimnis behalte ich für mich. Die Brühe aber mögt Ihr selbst
kochen; also wisset, wie man's macht.
Kauft in Gottes Namen eine Muskatnuß, ohne um den Preis zu feilschen,
schneidet sie durch und zerstoßt sie mit Buchenasche, die im Sommer
gewonnen ist. Kocht das Ganze in einem Eimer fließenden Wassers und
gießet es an einem Donnerstag in Gottes Namen auf Eure Schwelle, indem
Ihr also sprecht:
›Dat et nu vorgae unde dem duvel nicht bestae. Im Namen des vaders
unde des sones unde des hilghen gheistes.‹ Handelt genau nach meiner
Vorschrift und wartet die Wirkung ab.«
Eine Belohnung wollte die Gittermannsche nicht nehmen, nein, es war ihr
nur um die christliche Barmherzigkeit zu tun, und sie freue sich, einer
so ansehnlichen Frau zu helfen. Katharina aber sorgte dafür, daß ihre
Schürze in der Küche mit allen möglichen nützlichen und schönen Sachen
gefüllt wurde.
So gewann die Gittermannsche Zutritt und Einfluß im Hause Richerdes.
Hätte die gute Katharina geahnt, welchem Unheil sie damit die Tür
öffnete, sie hätte jene nicht gerufen, selbst nicht um den Preis der
Wiederherstellung ihrer Frau.
Auf dem Vater Vennes lasteten noch mehr Sorgen als die Krankheit der
Frau. Was er damals dem Ratsherrn Achtermann zugesagt hatte, war in
Verhandlungen mit dem Rate der Stadt herangereift. Richerdes wollte
sein Grubenrecht um zweitausend Mark lötigen Silbers abtreten. Es
handelte sich noch darum, die genaue Abgrenzung seiner Gerechtsame im
Berge markscheiderisch festzulegen. Solange ging der Betrieb auf seine
Kosten weiter.
Er konnte sich nicht verhehlen, daß der Ertrag immer geringer und
zweifelhafter wurde, und es fiel ihm schwerer und schwerer, die Löhne
und Gelder für Grubenholz aufzubringen. Der Silvane Bandelow, der ihm
so viel von Freundschaft und nachbarlicher Gesinnung vorgeredet hatte,
drohte mit der Einstellung der Holzlieferungen. Die Verhandlungen
mit dem Rat kamen ihm dabei als Ausrede sehr gelegen. »Er habe ja
abgeredet, zu verkaufen; ja, wenn Richerdes das Werk weiterbehalten
wolle, aber so ...« Es mußte also Geld beschafft werden. Die Bekannten
zeigten sich nicht geneigt, zu helfen; auch Achtermann gab unter
allerhand Ausreden nichts her. Da blieb kein anderer Weg offen, als
sich an die gewerbsmäßigen Herleiher zu wenden, wenn es auch vielleicht
unchristliche Zinsen kostete.
Der Zuzug der Juden nach Goslar wurde von dem Rat immer von Fall zu
Fall und mit zweckdienlicher Zurückhaltung geregelt. Er hatte sich
dabei bislang immer durchaus als ein guter Geschäftsmann gezeigt, der
eine Leistung nicht tut ohne Gegenleistung. Das bedeutet für die
vielgejagten und verfolgten Kinder Israels nichts anderes, als daß sie
zahlen und nochmals zahlen mußten, um die Erlaubnis zur Ansiedlung zu
erlangen. Und da der Kaiser auch für seinen Schutz noch eine besondere
Steuer ihnen auferlegte, so ergab sich für diese Schutzjuden des
Rates und des Kaisers die Pflicht, zu zahlen und zu zahlen, um nur
ein Obdach zu haben. Was Wunder also, daß sie daraus für sich die
Erlaubnis ableiteten, zu nehmen, wo sich's ihnen bot, das heißt, ihren
christlichen Mitmenschen ihre Hilfe in Form von Darlehen um Zinsen zu
gewähren, bei denen jenen leicht der Atem ausgehen konnte.
Das Ghetto der goslarschen Juden war die Hokenstraße. Dort hausten
sie zusammen, so viele oder so wenige ihrer in der großen Reichsstadt
wohnten, gemieden von den Einwohnern, nur sich selbst lebend und ihren
Geschäften. Verirrte sich ein Christ in diese enge, dunkle Straße,
so geschah es sicher nur, um die Hilfe der Hebräer in Geldsachen in
Anspruch zu nehmen.
Es war dem ehrenfesten, angesehenen Bürger und Bergherrn Richerdes ein
hartes Angehen, den Weg zu dem Juden Asser anzutreten. Dieser wohnte
mit seinem Weibe Lusse in einem dunklen Hause nach dem Fleischscharren
zu.
Er trat dem ernsten Mann, der da in der Dämmerung ins Haus trat, mit
all der unterwürfigen Geschmeidigkeit entgegen, die den Leuten seines
Stammes eignet im Verkehr mit anderen, vor deren Stellung und Person
sie sich noch eine Förderung oder Schädigung ihrer Interessen versehen.
Auf dem Untergrunde seiner lebhaften, dunklen Augen glomm ein Schimmer
wilder Freude, daß wieder einer der Andersgläubigen den Weg zu ihm,
dem Verachteten, Geschmähten, fand in seiner Not und daß er auch in
dessen Schicksal werde eingreifen können, um, wenn die Stunde gekommen
war, den Anteil seiner Rache an dem verfluchten Christenvolk zu üben,
zu der die ein Leben lang getragene Schmach und der durch Jahrhunderte
vererbte Wunsch, den unauslöschlichen Haß zu löschen, trieben. Über die
mißliche Lage seines Gegenübers, den er mit vollendeter Höflichkeit auf
den Ehrenplatz nötigte, war er längst unterrichtet.
Asser -- die Juden hatten zu jener Zeit noch nicht das Recht, sich
andere Namen zuzulegen -- hörte den Bergherrn ruhig an. Nur das nicht
bezwungene Spiel seiner Augen verriet, daß er bei der Sache war.
Richerdes schloß fast barsch: »Also, Jude, willst Du mir Geld leihen
oder nicht? -- Daß es Dein Schade nicht sein wird, weißt Du selbst am
besten.«
Auf einmal war Asser ganz zurückhaltender, kühler Geschäftsmann, wenn
er auch in seinen Worten der geschmeidige, unterwürfige Jude blieb.
»Herr, es ist mir eine große Ehre, die Ihr mir Unwürdigem wollt antun;
aber ich fürchte, ich werde Euch müssen enttäuschen. Jahve hat meiner
Hände Arbeit gesegnet, das ist wahr. Aber was Euch erzählt haben andere
Menschen von meinem Reichtum, ist Fabel. Gott der Gerechte soll mich
strafen an meinem Samen, wenn ich habe in Besitz, was Ihr begehrt. Ihr
wißt, daß der Hohe Rat, daß der Herr Kaiser in Wien haben auferlegt den
armen Juden, große, schwere Lasten zu tragen, als wie will heißen, daß
wir müssen zahlen große Summen, nur daß wir dürfen wohnen an solchem
Ort wie Goslar. Wie soll ich da kommen zu Geld, um es zu geben Ew.
Edelgeboren!
Auch ist mir bekannt, wie ich habe gehört, daß Eure Sach' nicht stehet
zum besten, daß Euer Bergwerk nicht mehr lohnt die Kosten. Wie heißt
da Geschäft, wenn nichts ist da, als womit man kann sich assekurieren
gegen Verlust?«
Richerdes schwoll die Ader über dieses Wort, die seine
Zahlungsfähigkeit in Frage stellte.
»Glaubst Du, verfluchter Jude, ich wäre zu Dir gekommen, um Dich zu
betrügen?«
»Gott soll mich bewahren, daß ich sollte haben solch schwarzen
Gedanken,« antwortete der andere geschmeidig, »aber man wird doch
dürfen sprechen vom Für und Wider, wenn es sich handelt um ein
Geschäft. So muß handeln ein ehrlicher Jud, der ich bin gewesen all
mein Leben lang, und so wird sprechen jeder Kaufmann, der etwas
versteht vom Geschäft. Mag sein, daß man mir hat geschildert viel zu
schwarz Eure Lage, aber ich muß rechnen, was spricht dafür und was
spricht dagegen.
Doch ich will Euch helfen, beim Gotte Abrahams, was steht in meinen
Kräften. Wieviel wollt Ihr haben? Vielleicht, daß ich bringe zusammen
das Geld von Freunden unter unseren Leuten. Doch müßt Ihr Euch begnügen
mit weniger. Was wünschtet Ihr doch zu haben, günstiger Herr, daß ich's
noch mal höre?«
»Hundert Mark Silber«, entgegnete Richerdes kurz, doch etwas
besänftigt.
»Hundert Mark«, klagte der Jude. »Wo sollte ich hernehmen hundert Mark!
Sagen wir fünfzig, fünfzig Mark. Das ist eine ansehnliche, glatte
Summe, mit der Ihr werdet wirtschaften, bis daß es Euch geht besser
oder Ihr habt Euer Geld vom Hochweisen Rat.«
»Was weißt Du, Jude, von meinen Verhandlungen mit dem Rat?« fragte der
Bergherr unangenehm überrascht. »Nun nichts für ungut, Ew. Gnaden«,
wandte Asser demütig ein. »Aber man hört ja dies und jenes; es braucht
ja nicht immer zu sein wahr, aber man weiß doch gern, was geht vor
sich.«
»Also, dann her mit dem Geld«, begehrte Richerdes barsch.
»Gott der Gerechte,« jammerte da der Jude, »wie soll ich kommen zu so
grausam viel Geld, und wenn ich wollte kehren um mein Haus vom Dach
bis zum Keller. Ich muß es mühselig mir selbst borgen zusammen. Kommt
also morgen oder übermorgen, es abzuholen. Und, daß es nicht werde
vergessen, der Ordnung halber, bringt auch gleich mit das Geschriebene,
daß ich mag ruhig schlafen.«
»Es ist gut, Asser, ich werde morgen hier sein. Halte das Geld bereit,
der Pfandschein soll Dir nicht fehlen.«
* * * * *
Auch das Geld des Schutzjuden Asser vermochte den Lauf der Dinge nicht
aufzuhalten. Das Erzlager in der Richerdesschen Grube lief immer
spitzer zu, und es war der Tag abzusehen, wo sie gänzlich zum Erliegen
kommen würde.
Mit dem geliehenen Gelde konnte der Bergherr noch einige verzweifelte
Versuche machen, durch Seitenschläge eine andere Erzader zu
erschließen; doch auch diese Anstrengungen verliefen erfolglos. Nun
drängte Richerdes selbst darauf, daß der Rat den Ankauf vollziehe, aber
die Ratsherren waren auch über die Sachlage unterrichtet und trugen
Bedenken, ein so unvorteilhaftes Geschäft für die Stadt abzuschließen.
Vergeblich wies Richerdes darauf hin, daß der Verkauf ohne Vorbehalt
hätte abgeschlossen werden sollen; vergebens auch bemühte er sich,
darzutun, daß in vielen anderen Fällen schon neben einem sich
totlaufenden Lager eine neue Ader gefunden sei, daß mindestens Aussicht
bestehe, auf einer tieferen Sohle zu finden, was auf der jetzigen
abgebaut sei; die Herren blieben bei ihrer Ansicht bestehen, daß der
Vertrag noch nicht abgeschlossen sei und also die daraus für Richerdes
erwachsenden Vorteile nicht gewährt zu werden brauchten.
Was der Ratsherr Heinrich Achtermann ihm früher als drohendes Gespenst
vorgehalten hatte, um ihn zu einem Verkauf gefügig zu machen, das trat
jetzt trotz seiner Nachgiebigkeit ein: Richerdes, der angesehene Bürger
und Montane, war ruiniert, zahlungsunfähig.
Das lauteste Geschrei erhob der Schutzjude Asser, der sich um sein Geld
sorgte. Jetzt, wo er glaubte, keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen
auf den einst angesehenen Bürger und Christen, zeigte sich der ganze
aufgespeicherte Haß seines Volkes. Er raufte sich das Haar, nannte sich
den unglücklichsten aller Söhne Abrahams und schimpfte seinen Schuldner
einen abgefeimten Spitzbuben und Betrüger. Diese Tonart wurde ihm
allerdings bald verleidet durch eine Buße von mehreren Mark Silber, die
der Rat über ihn verhängte wegen Kränkung eines Christen und bis dahin
unbescholtenen Bürgers.
Er erhielt auch sein Geld, und zwar zahlte ihn der Ratsherr Heinrich
Achtermann aus. Das geschah allerdings nicht aus christlicher
Barmherzigkeit; er tat es auch nicht der nahen verwandtschaftlichen
Beziehungen wegen, die durch das Verlöbnis nach der Anschauung jener
Zeit als damit bestehend angesehen wurden. Er zahlte, weil er nicht
wollte, daß der Vater der mit seinem Sohne verlobten Tochter in den
Schuldturm wandere. Über die weitere Entwicklung der Dinge war er sich
für seine Person völlig im klaren. Im übrigen sicherte er sich gegen
Verlust durch ein Pfand auf das Anwesen des Bergherren.
Richerdes war durch das Unglück völlig niedergebrochen. In diesen
Tagen, da das Unheil wie eine schwere Wolke über dem Hause in der
Bergstraße lastete, zeigte sich Venne als eine wahre Heldin. Sie suchte
den Vater aufzurichten, und sie pflegte die Mutter, deren Zustand sich
infolge der Aufregungen immer mehr verschlimmerte.
Venne hatte niemand, um ihm ihr übervolles Herz auszuschütten, als
die alte Vertraute ihrer Kindheit, die brave Katharina. Noch einmal
wurde die Gittermannsche zu Rate gezogen, noch einmal versuchte es
diese mit einer neuen Salbe, einem neuen kräftigen Spruch; aber das
Ende war nicht aufzuhalten. Als die Blätter im lustigen Todestanze zur
Erde wirbelten, schloß auch diese müde Erdenpilgerin die Augen für
immer. Und es war zu erkennen, daß der Vater, an dem die Schmach der
unschuldig erlittenen Verarmung und Erniedrigung zehrten, sie nicht
lange überleben würde.
Auch die tapfere Venne drohte dem ungleichen Kampfe mit dem widrigen
Schicksal, in dem sie allein auf dem Plan stand, zu unterliegen. Die
einzige Wohltat, die ihr in dieser Zeit widerfuhr, war die treue
Freundschaft, welche ihr von den Hardts entgegengebracht wurde.
Auch Immecke Rosenhagen bewies in diesen Tagen der Not, daß sie zur
Stelle sei, wenn man sie brauchen konnte. Sie hatte längst erkannt, daß
der Mutter nicht zu helfen war. Sie half mit einem stärkenden Trank,
mit einer schmerzstillenden Salbe. Was die Gittermannsche anpries,
war in ihren Augen und nach ihren Worten Schwindel. Sie redete den
Frauen auch ab, sich mit der Person einzulassen, da man daraus
Unannehmlichkeiten haben könne. Wenn Venne gegen ihren Rat handelte, so
geschah es aus dem heißen Wunsche heraus, das teure, schwindende Leben
so lange festzuhalten, wie sie konnte.
Und wo blieb Heinrich Achtermann, der Verlobte Vennes?
Seine Liebe war nicht geschwunden. Der Schmerz, der über dem süßen
Antlitz Vennes lagerte, je trostloser der Zustand der Mutter wurde,
machte sie ihm noch begehrenswerter. Doch die Pflege der Mutter nahm
sie so in Anspruch, daß sie nur selten Gelegenheit fand, ihn zu
sprechen. In heißem Mitleid schloß er sie dann in die Arme.
»Mein armes Herz, was kann ich nur tun, um Dir die Last tragen zu
helfen, die Dich erdrücken muß? Laß mir doch den mir gebührenden Anteil
an Deinem Leid. Du weißt, geteilter Schmerz ist halber Schmerz.«
Venne lächelte ihm dankbar unter Tränen zu. »Du kannst mir nicht
helfen, jetzt noch nicht. Wer weiß, ob es nicht noch schlimmer kommt.
Versprich mir nur das eine, daß Du mich nie verlassen wirst.«
»Deine Worte verdienen eigentlich Strafe,« zürnte Heinrich. »Hältst
Du mich für einen solchen Schurken, daß ich Dich im Unglück aufgeben
könnte?«
Beseligt nickte Venne ihm zu: Nein, sie war beruhigt, Heinrich
Achtermann war einer solchen Sünde wider göttliches und menschliches
Recht nicht fähig!
Der junge Achtermann, dem die Ratsherrnwürde in der Reichsstadt Goslar
so sicher zufallen mußte wie das Erbe seines Vaters, war von der
Aufrichtigkeit seiner Worte selbst völlig durchdrungen. Er liebte Venne
mit all der Innigkeit und Glut, mit der er zuerst die Holde an sein
Herz gezogen hatte. Wer ihm gesagt hätte, er werde die Braut verlassen,
den würde er als persönlichen Feind behandelt haben. Aber er konnte
nicht hindern, daß der Vermögensverfall des Vaters seiner Venne auch
ihn in seine Kreise zog. Es fanden sich gute Freunde, die ihm unter
dem Mantel teilnehmender Worte das Gift ihres Hohnes einträufelten.
Manche vermeintliche oder wirkliche Kränkung, die ihnen von Venne in
der harmlosen Sieghaftigkeit ihrer jugendlichen Anmut unbewußt zugefügt
war, manche Zurücksetzung, die ihretwegen neidische Freundinnen
erfahren hatten, fanden jetzt Gelegenheit zu unschöner Vergeltung.
Heinrich Achtermann widerstand tapfer; er wies alle Andeutungen, daß
er Venne aufgeben müsse, entrüstet zurück. Aber der Stachel blieb doch
sitzen, und die Überlegung in den stillen Stunden der Nacht konnte
jenen nicht unbedingt unrecht geben: Hatten sie nicht recht, war es
nicht eine sehr zweifelhafte Sache, die Tochter eines verarmten Mannes
zu freien, welcher der schimpflichen Schuldhaft nur durch die Hilfe
des Vaters entgangen war? Und würde es je gelingen, die Lästermäuler
zum Schweigen zu bringen? -- alles Gedanken, deren Gewicht er nicht
verkannte. Ein gewichtiger Helfer aber erwuchs denen, die aus Bosheit
oder Rachsucht das Band zwischen ihm und Venne Richerdes zu zerreißen
suchten, im Vater.
Der Ratsherr Heinrich Achtermann hatte selbst den Freiwerber für seinen
Sohn gemacht, so hätte ihm Richerdes entgegenhalten können. Er zeigte
sich der Vereinigung geneigt, denn die hübsche Venne tat es auch ihm
mit ihrem Liebreiz an. Zwar war der Bergherr kein reicher Mann, aber
das brauchte bei der eigenen Vermögenslage kein Hindernis zu sein. An
Ansehen standen ihm die Richerdes nicht nach; auch ihre Familie hatte
der Stadt mehr als einen Ratsherrn und Bürgermeister gegeben.
Das alles änderte sich indes, als der angehende Schwäher ein armer
Mann wurde mit all den unglückseligen Begleitumständen, die wir
kennen. Wandte er auch mit eigenem Gelde das Schlimmste von jenem ab,
so kam der Montane als Verwandter für ihn nicht mehr in Betracht.
Sein Patrizierstolz hätte es nie verwunden, daß man hinter der
Schwiegertochter, wenn auch im geheimen, herzischelte als der Tochter
eines fallit gewordenen Bürgers.
Achtermann hoffte, daß der Sohn selbst so viel Einsicht haben
werde, das Band zu lösen; er, der Vater, wäre dann wohl auch noch
zu besonderen Opfern bereit gewesen, um die Angelegenheit möglichst
geräuschlos zu regeln. Als er aber zum ersten Male mit Heinrich darüber
sprach, brauste dieser auf und erklärte, er werde nun und nimmer
die Braut im Stich lassen. Der Vater ließ ihn ruhig reden, in der
Überzeugung, daß der Überschwang seiner Gefühle sich unter dem Einfluß
der Zeit schon ausgleichen werde.
Es war dem Sohne, als ob die kühlen Worte des Vaters, der die Sache
wie ein Geschäft behandelte, Venne selbst in ihrer Abwesenheit
träfen, und er suchte noch am selben Abend Gelegenheit, die Geliebte
seiner unwandelbaren Treue zu versichern. Er fand sie nicht, denn
der Zustand des Vaters -- die Mutter hatte man wenige Wochen vorher
zu Grabe getragen -- erschien ihr gerade an diesem Abend besonders
besorgniserregend. Heinrich ging davon, etwas verstimmt, daß seine gute
Absicht nicht zur Ausführung kam.
Auch Venne selbst war die Sorge gekommen, ob die Vereinigung mit dem
Geliebten werde zustande kommen; denn auch ihr blieben natürlich die
Demütigungen nicht erspart und versteckte Anspielungen, es sei ihre
Pflicht, den Ratsherrnsohn freizugeben. Es tauchte ihr auch wohl selbst
der Gedanke auf, das Opfer nicht anzunehmen, und herber Trotz gegen
alle Welt, auch gegen den Geliebten, ließ sie mit dem Gedanken spielen,
Verzicht zu leisten. Aber dann quoll die Angst um so heißer in ihr auf
und die Sehnsucht nach dem Geliebten.
In diesem Widerspruch der Empfindungen traf sie eine Botschaft des
alten Achtermann ins Herz, der ihr zuraunen ließ, sie möge den Sohn
freigeben, er werde sich die Sorge um ihre Zukunft angelegen sein
lassen. Das wirkte wie ein Schlag ins Gesicht auf die stolze Venne. In
ungebändigtem Trotz ließ sie dem Ratsherrn sagen, sie werde sich dem
Sohn nicht an den Hals werfen; das Anerbieten aber, für sie sorgen zu
wollen, weise sie als eine besondere Kränkung zurück. Der Alte ließ
sich dadurch nicht beirren, »Mädchenüberschwang«, dachte er. »Das wird
sich schon zurechtgeben.«
Heinrich, der Sohn, wußte von dem Vorgehen des Vaters nichts. Er
versuchte mehrmals die Geliebte zu sprechen, erfuhr aber durch
Katharina jedesmal eine mehr oder weniger mürrische Abweisung. Da
setzte er es einmal doch durch, daß er vorgelassen wurde. Venne empfing
ihn mit verweinten Augen. Auf seine Frage, was ihr sei, hielt sie
zunächst zurück. Doch dann durchbrach das aufgehäufte Weh und der Zorn
über die Demütigung die Schranken, und sie klagte mit bitteren Worten
den Vater an. Heinrich war erschrocken und empört, und er bat Venne,
ihm zu vertrauen.
»Ich schwöre Dir bei allem, was mir heilig ist, daß ich von dieser
Niedertracht nichts weiß und nichts ahnte. Glaube mir doch, Geliebte,
ich stehe zu Dir, und wenn sich alles gegen Dich vereint.«
Mit heißen Küssen besiegelte er seine Schwüre, und in Venne stieg ein
Gefühl des Glückes auf, blieb ihr doch wenigstens dies Allerschwerste
erspart!
Zu Hause stellte Heinrich den Vater zur Rede. Der Ratsherr leugnete gar
nicht, daß er wirklich die Botschaft geschickt habe.
»Wenn die Kinder die Vernunft verlieren, müssen die Eltern für sie
denken und handeln.«
Heinrich begehrte auf und erklärte, daß er nie und nimmer von Venne
lassen werde, der Vater blieb ganz kühl und ruhig.
»Vorläufig ist es bei uns noch Sitte und Gesetz, daß die Eltern
bestimmen, was aus ihren Kindern werden soll, und ich lasse mir dieses
Recht nicht schmälern.«
»Und doch wirst Du mich nicht zwingen. Zuletzt steht mir der Weg in die
Welt offen, und ich werde mit Venne davongehen«, antwortete Heinrich um
so erregter. Da lachte der Vater spöttisch auf: »Das gäbe eine nette
Wandergesellschaft: Du ein Junker Habenichts und sie eine Jungfer
Bettlerin. Da werdet Ihr Euch allabendlich Euer Nest am Straßenrain
bereiten müssen. Aber wir wollen das Thema heute abbrechen, es führt im
Augenblick doch zu nichts.« -- Er wußte, daß die Zeit für ihn arbeiten
werde.
Das Leben des Bergherrn Richerdes war seit dem Hinscheiden seiner Frau
nur noch ein langsames Sich-zu-Tode-Quälen. Der schon in gesunden
Tagen hagere, große Mann war abgemagert zum Skelett. In gelblichen
Falten lagerte die Haut auf dem Gesicht, aus dem die spitze Nase
drohend hervorragte. Neuerdings litt er an Verfolgungsideen, in denen
der Jude Asser, Achtermann und Karsten Balder die Schreckgestalten
waren. Er weigerte sich, Nahrung zu nehmen, weil er seine Schulden
nicht vermehren wolle; dann wieder hielt ihn der Argwohn davon ab,
seine Feinde könnten Gift hineingetan haben. Die arme, tapfere Venne
durchlebte eine Zeit schlimmsten Martyriums. Endlich, ein halbes Jahr
fast nach dem Heimgange der Frau, glitt auch ihm der Pilgerstab aus den
müden Händen. In seinen letzten, lichten Augenblicken mahnte er noch
Venne, sie solle sein Recht dem Rat gegenüber nie vergessen. »Bedenke,
mein Kind, daß Du es meinem Andenken schuldig bist, dieses Recht zu
verfechten. Versprich es mir in die Hand, es nie aufzugeben, damit ich
ruhig sterben kann.«
Nun war Venne ganz allein in ihrer Trostlosigkeit und dem Bewußtsein,
daß sie aus dem Kreise aller derer ausscheide, bei denen sie bis zu dem
Unglück ihres Vaters ein gern gesehener und umworbener Gast gewesen.
Das alles hätte sie noch ertragen, wäre nicht die Angst und die
quälende, beschämende Sorge gewesen, daß auch Heinrich, der Verlobte,
ihr entgleite. Noch halten ihn seine Schwüre, noch kommt er, sie zu
sehen, noch ist er voller Liebe und Mitleid. Sie trinkt seine Küsse wie
eine Verdürstende, wenn er sie umschließt, und hängt an seinem Munde,
um von ihm immer wieder zu hören, daß er sie noch liebe. Begütigend,
tröstend, voll zarter Teilnahme streicht er über ihr Haar und
versichert sie seiner Treue. Und immer wieder drängt es sich aus ihrem
Munde: »Verlaß mich nicht, bleibe mir treu!«
Und er schwört ihr mit neuem, heiligem Schwur, daß nichts sie trennen
soll, nicht der Vater, nicht die hämische, neidige Welt. Dann seufzt
sie glücklich, wie aus tiefster Seele befreit, auf, und sie schwört ihm
und sich selbst zu, Vertrauen zu haben. Aber kamen dann die dunklen
Stunden der Nacht, lag sie schlaflos auf ihrem Lager, dann stürzten
sich die Zweifel wie gierige Wölfe auf sie und zermarterten ihr armes
Herz.
Seit dem Tode des Vaters hauste sie allein mit Katharina in dem großen,
leeren Hause. Die Mägde waren entlassen, die Knechte gegangen. Sie
fürchtete sich und hatte die alte Magd gebeten, bei ihr zu schlafen.
Katharina hörte, wie die von ihr über alles geliebte Herrin sich
ruhelos auf ihrem Lager wälzte, sie vernahm ihre Seufzer und ihr
stilles Schluchzen. Sie wäre für Venne in den Tod gegangen, hätte sie
ihr damit das Glück erkaufen können. Verzweifelt drängte sie in Venne,
ihr zu sagen, was sie bedrücke, Venne schwieg.
»Ist Heinrich Achtermann auch von Dir abgefallen?« fragte sie mit
verbissenem Grimm.
»Nein, nein, er ist mir treu und wird mich nicht verlassen, wenn man
ihn nicht dazu zwingt.«
»Wie soll man ihn zwingen, wenn er selbst nicht will? Oder meinst Du,
man könne ihm im geheimen Zwang antun?«
Venne antwortete nicht darauf, aber Katharina schloß daraus, daß diese
Befürchtung zutreffe.
»So wird man unsererseits darauf sehen müssen, daß er nicht von Dir
lassen kann«, murmelte sie für sich. Und es ward ihr zur fixen Idee,
daß sie alles daransetzen müßte, um Heinrich bei ihrer Venne zu
halten. Dieser durfte sie von ihren Plänen nichts sagen, Venne würde
es ihr verbieten; aber sie wußte, was sie zu tun hatte. Klang ihr
nicht ein Wort der Gittermannschen in den Ohren: »Ich habe auch Mittel
anderer Art zu Gebote; gilt es zum Beispiel den ungetreuen Liebsten
zurückzubringen oder einen, den man begehrt, an sich zu fesseln, so ist
die Gittermannsche da mit ihrem Spruche.«
Damals belächelte Katharina diese Anpreisung ihrer Kunst, sie, wie
Venne: Wie sollte sich für diese je die Notwendigkeit bieten, von der
Gittermannschen dunkler Kunst Gebrauch zu machen, da doch Venne auf
dem Gipfel der Glückseligkeit zu stehen und ein Sturz von dieser Höhe
unmöglich schien.
Jetzt aber war es so weit, und sie suchte die verrufene Alte aufs neue
auf. Zunächst sperrte sie sich und redete von Undank und Gefahr, in die
man sie bringe, denn die alte Katharina hatte ihr, als ihre Mittel sich
bei Frau Richerdes doch nicht bewährten, mit drastischen Worten ihre
Meinung gesagt. Als sie indes vor den Augen der habgierigen Hexe ein
Stück Geld glänzen ließ, änderte sich Wort und Miene der Gekränkten.
Man verabredete die Einzelheiten.
Natürlich müsse sie den Namen desjenigen wissen, dem das Mittel gelte.
Ungern nannte Katharina den Namen Heinrich Achtermanns, aber die
Gittermannsche bestand darauf.
»Dachte ich's mir doch«, höhnte die Alte. »Solange das Täubchen im
Glück saß und sein Gefieder goldig schimmerte, war das Herrlein
begeistert; nun, da der Glanz erblichen ist, tritt er den Rückzug an.«
»Ihr tut ihm vielleicht unrecht«, warf Katharina ein. »Nach dem, was
meine Venne meint, ist es vielmehr der Vater, der sie trennen will.«
»Natürlich, der dickgeschwollene Protz fürchtet, daß sein Geldsack
eine Falte bekommt, wenn er dem armen Mädchen beisteht. Doch zum Glück
sind wir noch da, wir, die Gittermannsche, und wir wollen es ihm schon
zeigen. Also, die Sache ist so: was ich Euch geben werde, muß Eure
Venne dem Liebsten heimlich beibringen.«
»O nein, o nein,« wehrte Katharina ab, »das ist schon gefehlt. Die
Venne bringe ich nie dazu, daß sie Heinrich Achtermann etwas eingibt,
um ihn zu fesseln. Das verbietet ihr der Stolz und auch ihr Trotz.«
»Ei, ist die Schöne noch so wenig kirre?« höhnte das Weib. »Ja, da
wird wenig zu machen sein, wie ich's im Augenblick übersehe. Ich kenne
es bis jetzt nicht anders, als daß das Liebchen sich selbst der Sache
annimmt. Und ich begegnete auch bisher nie einem Widerstreben. Im
Gegenteil, keine hätte einem anderen anvertraut, was ihr selbst dienen
sollte.«
»Sie ist auch nicht ›keine andere‹, sondern meine stolze Venne,«
entgegnete Katharina, »und was auf andere zutrifft, paßt auf sie noch
lange nicht. Also besinnt Euch, ob es nicht einen anderen Weg gibt,
sonst muß ich auf Euren Dienst verzichten.« Damit ließ sie das Geld in
ihrer Tasche verschwinden.
Habgierig folgten die Augen der unholden Frau ihrer Bewegung. »Nun,
vielleicht geht's doch, laßt mir nur einen Augenblick Zeit zum
Nachdenken. -- Doch, so wird es sich machen lassen. Venne ist, so sagt
Ihr, dem Verlobten in heißer Liebe zugetan; ihre Gedanken bewegen
sich um ihn. Da kommt es darauf an, daß sie zu der Stunde, wo dem
Bräutigam mein Trank gegeben wird, all ihr Sinnen auf ihn richtet.
Vermögt Ihr das, indem Ihr selbst das Gespräch auf Heinrich Achtermann
bringt, so ist uns geholfen. Und dann bedarf es natürlich noch, was die
Hauptsache ist, einer zuverlässigen dritten Person, die jenem den Trank
verabreicht. Habt Ihr oder kennt Ihr jemand im Hause Achtermann, dem
wir das anvertrauen können?«
»Daran habe ich schon gedacht, als ich zu Euch kam. Eine alte Bekannte
von mir lebt als Magd im Hause der Achtermanns. Wie ich die kenne, so
hat sie den Heinrich großgewartet. Ihr darf ich mich anvertrauen, und
sie wird sich bereit finden, ihm den Trank zu reichen, vorausgesetzt,
daß er nichts die Gesundheit Schädigendes enthält. Dann würde übrigens
auch ich dazu die Hand nicht bieten«, antwortete Katharina.
»Meint Ihr, ich wolle mich selbst um den Hals bringen? Vielleicht setzt
es ein wenig Bauchgrimmen; aber auch das ist bei dem kräftigen Mann
nicht zu befürchten. Übrigens sollt Ihr, damit Ihr wißt, daß nichts
Giftiges hineinkommt, das Rezept erfahren, und Ihr mögt, wenn Ihr
wollt, den Trank selbst brauen. Also hört nun.«
»Nicht doch,« rief Katharina erschrocken, »des vermäße ich mich nicht.
Meine alten Augen möchten mich trügen oder die Hände zittern bei dem
Zumessen der Sachen. Macht ihn nur fertig, ich will das Weitere schon
besorgen.«
»Ach,« sagte die Gittermannsche, »stellt Euch nicht zimperlich an.
Wollt Ihr es nicht, so tue ich es. Sorgt dann aber, daß er auch von
dem Rechten genossen wird. Immerhin mögt Ihr wissen, was darinnen
sein wird.
Ihr holt in der ersten Nacht des abnehmenden Mondes einen Eimer
fließenden Wassers, das über Steine floß, und kocht es über drei
Steinen, aus demselben fließenden Wasser genommen. Von dem kochenden
Wasser mischt Ihr, wenn es wieder kalt geworden ist, in etwas Bier, tut
dazu einiges von der Blume Fatur, nehmt auch neun Fliegen, Erde von dem
Kirchhofe und ein Stückchen von der Haut einer Natter, -- ich kann sie
Euch verschaffen. Diesen Trank laßt Ihr dem Bräutigam reichen.
Da Eure Venne nicht selbst handelnd auftreten soll, so will ich den
Spruch so wählen, daß alles ohne ihr Zutun sich abspielen kann. In
der Nacht darauf, nachdem der Trank gekocht ist, soll ihn Heinrich
Achtermann vorgesetzt bekommen. Ihr aber geht in derselben Stunde unter
einen Ahornbaum und sprecht zugleich, während Ihr in einem von Euch
dort angemachten Feuer stochert, wobei Ihr an Heinrich Achtermann
denkt:
›Ahorn du blôte, ik bidde dik dorch dine sote,
Dat ik moge affbreken unde heime dragen
Sin barnede leve in Vennes Schragen.‹«
Mit einem leisen Grauen hörte Katharina der Frau zu, die mit dumpfer
Stimme den Spruch hersagte. »Ist es auch wirklich nichts Böses, was
ich da tun soll? Und schadet es den beiden nicht?« fragte sie
ängstlich.
Da fuhr sie jene zornig an: »Nun hört aber endlich auf mit Eurem
Gefasel von ›Schaden tun‹. Ich werde Euch den Trank geben, ob Ihr ihn
dann ausschüttet oder weitergebt, soll mir gleich sein, wenn ich nur
mein Geld bekomme.«
Venne Richerdes wußte nichts von dem, was die gute Katharina ersonnen,
um Heinrich Achtermann unauflöslich an sie zu ketten. Sie saß in ihren
Gram versenkt in dem düsteren Hause und nahm keinen Anteil an dem
Leben außerhalb desselben. Vom Vater hatte sie den verderblichen Hang
geerbt, im Unglück sich in sich zurückzuziehen, sich mit einer Regung
wollüstiger Gier in die Rolle des Märtyrers zu versenken, ohne ihn
wirklich spielen zu wollen. Sie vergaß, daß sie selbst es war, die
eine Mauer um sich aufbaute durch ihr herbes Sichabschließen gegen die
Nächsten.
Die Mitmenschen, die gutherzigen, sind wohl geneigt, uns mit ihrem
Trost beizustehen. Nur wenige von ihnen aber geben sich die Mühe,
hinter dem Wall verbitterten Stolzes das wunde Herz aufzusuchen, es in
die Hand zu nehmen und ihm in gütiger Geduld Heilung zu bringen. Sie
urteilen nach dem Schein: Sie will nichts von uns wissen, also mag sie
für sich bleiben!
Zum Glück für Venne Richerdes lebten ihr aber wahre Freunde in der
Stadt, die sich durch ihre Herbheit nicht abschrecken ließen, sondern
zu ihr durchdrangen und sie, je nach ihrer Gemütsart, durch ruhigen,
sanften Zuspruch oder durch herzhaftes Zugreifen aus ihrem Trübsinn
herauszureißen versuchten. Da war zum Beispiel die gute Immecke
Rosenhagen. Wem die einmal ihr Herz geöffnet hatte, der behielt seinen
Platz darinnen, und die Scheelsucht und Schmähsucht der Welt steigerte
höchstens noch ihre Zuneigung zu dem Mädchen, das es ihr mit seiner
Schönheit, vor allem aber mit seinem freimütigen, gar nicht stolzen
Wesen ihr gegenüber angetan hatte. Jetzt mußte sie ihre Zeit teilen
zwischen dem ›Goldenen Adler‹, wie den unbändigen Enkelkindern und der
einsamen Frau in der Bergstraße.
Ihr gutes Herz erkannte Venne den Löwenanteil zu. Jeden Tag hockte sie
in dem Hause, das jetzt so still dalag, und suchte Venne aufzuheitern
mit drastischem Zuspruch und weichem, lindem Trost. Merkwürdig, selbst
ihre barschen Worte, wenn sie einmal ungeduldig mahnte, jene solle
nun endlich das Kopfhängen lassen, erreichten mehr als vielleicht
die mitleidig klingende Äußerung eines anderen, der aber nach Vennes
Argwohn die innere Wahrheit fehlte.
Bei der alten Dienerin erkundigte sie sich nach vielen Einzelheiten, um
den Schlüssel zu der abgrundtiefen Verzweiflung zu finden, in die Venne
versunken war. Katharina verhehlte ihr nicht, daß ihr Verhältnis zu dem
Verlobten wohl der Hauptanlaß sei, und es entschlüpfte ihr auch wider
Willen eine Andeutung über ihr Vorhaben, zu dem die Gittermannsche
die Hand bot. Immecke war erschrocken und riet dringend ab: »Von der
Frau kommt nichts Gutes. Und was sie Euch vorredet von ihrer schwarzen
Kunst, ist eitel Geschwätz. Ihr nützt nichts, richtet aber vielleicht
großes Unheil an.«
Da wurde Katharina wieder schwankend, denn sie hielt von dem Urteil der
weitgereisten und weltklugen Immecke Rosenhagen viel. Als dann indes
die unheimliche Frau mit ihrem Trank kam, ließ sie sich doch überreden,
ihn ihrer guten Freundin im Hause Achtermann zu geben.
Aber Immecke war nicht die einzige, die sich der armen Venne annahm.
Auch das Haus Hardt bewies ihr in diesen Tagen, wessen wahre
Freundschaft fähig ist.
Seit Jahresfrist weilte auch Gisela von Wendelin in der Stadt am
Harz. Sie hatte liebevollste Aufnahme gefunden im Schoße der Familie
Hardt. Auch der Vater, der Arzt, erschloß ihr bald sein ganzes Herz,
nachdem er kurze Zeit die Fremde, die aus weiter Ferne her, gegen
das Herkommen, Einlaß in die goslarsche Gemeinschaft heischte, etwas
zurückhaltend beobachtet hatte. ›Heischte‹ hieß ihr übrigens unrecht
tun; denn sie kam, obwohl die Liebe ihres Johannes sie umhegte, wie ein
schüchternes, verscheuchtes Vöglein, das sein Nest verloren hat. Gerade
diese hilflose Schüchternheit, die sich der Anmut nicht bewußt war, in
die sie gekleidet, gewann ihr die Herzen im Fluge.
Als Gisela in Goslar eintraf, war im Hause Richerdes noch das Glück
zu Gaste. Zwar siechte die Mutter, aber selbst ihr Leiden wurde
verklärt durch die frohe Erwartung, die sich auf dem Antlitz Vennes
widerspiegelte. Auch der Vater war trotz manchen täglichen Ungemachs
gehobener Stimmung, bestand doch die Aussicht, daß mit dem Verkauf
an die Stadt die Quelle aller Widerwärtigkeiten gänzlich verstopft
werden würde. Dann brach das Unglück über sie herein. Die Bekannten
zogen sich zurück. Freunde, auf die man gerechnet hatte, erwiesen sich
als treulos. Da enthüllte sich die Lauterkeit Giselas am reinsten und
schönsten. War sie schon vorher mit Venne befreundet, so wurde sie ihr
jetzt eine starke Stütze. Sie kannte selbst die Schule des Leides; sie
hatte es an sich selbst erlebt, was es heißt, in der bittersten Not
einsam und verlassen zu sein. Unendliches Mitleid mit der Mitschwester
erfüllte ihr Herz und ließ sie alles versuchen, jene aufzurichten.
Ihr gegenüber sprach Venne auch von Heinrich Achtermann und ihren
Sorgen. Gisela hatte nur Worte zuversichtlicher Hoffnung. »Wenn er Dich
lieb hat, wie Du es sagst, und wenn er so ist, wie Du ihn schilderst,
verstehe ich Deine Bedenken nicht. Er wird Festigkeit genug in sich
fühlen, um auch den Widerstand des Vaters zu besiegen. Nimm aber
auch Du ihm nicht die Hoffnung, daß Du selbst nicht in dem Kampfe
unterliegen wirst. Mir will es scheinen, als ob Deine Zurückhaltung ihn
kränken, in ihm die Meinung hervorrufen muß, daß Deine eigene Liebe zu
erkalten drohe. Wecke diese Stimmung nicht in ihm, es könnte zuletzt
der Trotz in ihm erwachen und dem Vater ein wertvoller Bundesgenosse
werden.«
Venne versprach, ihrem Rate zu folgen, und als Heinrich wieder bei
ihr anklopfte, gab sie sich unter dem Eindruck der Zuversicht, welche
Gisela in ihr geweckt hatte. Heinrich, der unter dem Widerstand des
Vaters und der herben Zurückhaltung der Geliebten in einen Widerspruch
der Gefühle gekommen war, der ihn aufs tiefste bedrückte, atmete auf.
Sie verlebten eine Stunde ungetrübten, reinen Glücks. Und Heinrich
schied von ihr mit dem zuversichtlichen: »Du sollst sehen, meine
einzige Venne, auch uns lacht wieder die Sonne.« Da verdarb die gute
Katharina vollends, was sie ehrlich bemüht war, gutzumachen.
Zu Worms, wo Siegfried um die Burgundentochter gedient und gefreit, wo
Kriemhilde dem meuchlings Erschlagenen dreizehn Jahre nachgetrauert
hatte, ehe sie in ihrem brennenden Schmerze, zur Sättigung ihrer Rache,
sich dem Hunnen Etzel vermählte, zu Worms, der großen Kaiser- und
Reichsstadt, war alles Leben und Bewegung. Wie so oft seit den Tagen,
in denen sich die Rüstungen der reisigen Burgunder in den Fluten des
Rheins spiegelten, war die Stadt ein gewaltiges Heerlager. Aus allen
Gauen des gewaltigen Reiches kamen die Ritter und Herren, die Grafen
und Fürsten, die Äbte, Bischöfe und Erzbischöfe mit ihrem Gefolge,
ihren Gewappneten und dem Troß ihrer Knechte. In der volkreichen Stadt
fanden längst nicht alle Unterkunft. Man schlug außerhalb ihrer Mauern
Zelte auf, um die Gäste unterzubringen. In den Herbergen und Gasthöfen
herrschte ein Leben, wie es selbst Worms kaum gesehen.
Reichstag! -- Reichstage waren in Worms keine Seltenheit seit
Jahrhunderten. Aber noch nie hatte einer die Welt derart in Spannung
gehalten wie der des Jahres 1521. Eine neue Welt stieg empor. Die alte
stand bereit, ihre Nebenbuhlerin zu bekämpfen und, war es möglich,
zu zertrümmern. Und die Machtmittel der alten waren trotz Verfalls
noch so gewaltig, schrecklich, daß Menschenmut und Menschenkraft
nicht auszureichen schienen, sie zu bezwingen. Woher nun nahm der
unscheinbare Dominikanermönch zu Wittenberg, von dessen Dasein vor
wenig Jahren noch weder Kaiser noch Päpste eine Ahnung gehabt hatten,
den abenteuerlichen Mut, gegen die größten Gewalten der Welt, seitdem
die Menschen sich Fürsten gesetzt und der Autorität einen Thron
errichtet hatten, anzugehen?
Luther betrat eine Bahn, die nur für ihn selbst neu war. Er wurde
in sie hineingestoßen nach schweren, inneren Kämpfen. Nicht
Effekthascherei, nicht die Sucht nach einem deklamatorischen
Theatererfolge führten ihn nach Worms, sondern die kindliche Gewißheit,
sich mit seinem Gott eins zu fühlen, von seinem Geist und Willen
Zeugnis ablegen zu müssen für das lautere Gotteswort, ließ ihn mit
schier fröhlicher Zuversicht den Weg in die Höhle des Löwen antreten.
»Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang!« -- Jeder, der
die Unbekümmertheit kannte, mit der die Gewalthaber der römischen
Kirche über Bedenken irdischer Art sich wegzusetzen gewohnt waren, wenn
es galt, das Erbe Petri zu schützen; wie vor ihrem Willen auch ein
kaiserliches Wort sich bog und gebrochen wurde, mochte die Worte des
wackeren Frundsberg verstehen, als er den armseligen Mönch in den Kreis
seiner Feinde treten sah.
Hätte er freilich die Millionen zu seinem Schutze um sich gehabt,
denen seine Lehre aus dem Herzen gesprochen war, ihm hätte trotz des
Machtaufgebots, das ihn in Worms waffenstarrend erwartete, nicht
bange zu sein brauchen. Nicht nur der gewaltige Kreis der Jünger, bei
denen sein Wort in wenigen Jahren wie eine Fackel gezündet, standen
bereit, sondern die Millionen in allen Ländern des Abendlandes, die
unter dem unerträglichen Joch ihrer Zeit seufzten. Es hatte sich bei
dem armen Bürgersmann wie bei dem Bauern seit Jahrhunderten ein Haß
aufgespeichert, gegen den selbst die sozialen Gegensätze unserer Tage
wie ein Kinderspiel anmuten mögen. Es war der Haß des städtischen wie
des ländlichen Proletariats gegen die Besitzenden, Bevorrechteten,
die Reichen in jeder Gestalt, vornehmlich aber die Geistlichen. Das
›Pfaffenstürmen‹ fand schon lange vor Luther hier und da begeisterte
Anhänger. Schaurig hallten die Verse der Bauern wider, welche durch die
Aufruhrpredigt des ›Pfeiffers von Niklashausen‹ in Bewegung gesetzt
waren:
»Wir wollen Gott im Himmel klagen,
Kyrie eleison,
Daß wir die Pfaffen nit sollen zu Tode schlagen,
Kyrie eleison.«