»Muß ich Euch mahnen an den Abend im neuen Turm am Rosentore? Da wurde
es abgemacht und von Euch zugestanden; würde das Menuett von Euch
getanzt, gleich einer Pariserin, so sollte ich mir die Buße von Euren
Lippen holen.«
»Aber ich bin der Ansicht, daß der Richter irrte und falsch urteilte«,
widersprach sie errötend.
»Nicht auf Euch kommt es an, Venne, Euer Urteil ist befangen, Ihr seid
Partei; ich halte mich an den öffentlichen Spruch und begehre mein
Recht!« Er trat einen Schritt näher, als ob es ihm ankomme, schon jetzt
sich die Buße einzulösen. Erschrocken wehrte Venne ab. »Aber Ihr wollt
doch nicht hier vor allen Leuten ...«
»Nein, Venne, holde Venne«, flüsterte er ihr mit heißem Blick zu. »Wenn
ich Deinen süßen Mund küsse, soll kein neidischer Lauscher zugegen
sein. Heute aber, heute abend noch wird's geschehen!«
Erschauernd hörte Venne ihm zu. In seliger Ohnmacht ließ sie seine
Worte über sich ergehen. Ja, sie wußte es, heute abend würde sie die
Seine werden!
Immer höher gingen die Wogen der Freude. In den Zelten herrschte
Bacchus unumschränkt; seine Jünger hatten ihm geopfert, daß die Köpfe
zu zerspringen drohten. Auch die Jugend war in einen wilden Rausch des
Weines und der Freude gesunken. Die Besonnenen mahnten zum Aufbruch,
und als die Schatten des Abends herabsanken, zog der lange Zug in die
Stadt zurück in toller, ungebändigter Lust.
Venne ging versonnen und schweigsam neben Heinrich, die Brust
geschwellt von süßen Schauern. Es war schon dunkel, als die Trennung
von Freund und Freundin auf dem Marktplatz vor sich ging. Nun
schritten Venne und Heinrich still nebeneinander dahin. Kein Laut
störte die laue, wunderbare Nacht. Als sie aber das Dunkel der
Bulkengasse aufnahm, da riß Heinrich die Holde an sich und raubte ihr
hundertfältig, was ihm doch nur einmal zustand. Selig seufzend ergab
sich Venne dem Liebessturm.
»Venne, meine einzige Königin, meine holde geliebte Venne!«
Da durchbrach auch die Liebe bei ihr die lange gezogene und mühsam
gehaltene Schranke.
»Geliebter, mich dürstet nach Deinen Küssen!«
In einem süßen Taumel vergingen die Minuten. Endlich löste sich Venne
aus seinen Armen.
»Wir müssen scheiden«, flüsterte sie, aber Heinrich widersprach
ungestüm. »Habe ich so lange gedarbt, um Dich nach einem Augenblick
schon wieder zu verlieren!« Da warf sie sich ihm in die Arme:
»Heinrich, mein Einziger, ich liebe Dich, liebe Dich mehr, als Du
ahnst. Aber schwöre mir in dieser seligen Stunde, daß Du mich nie
verlassen willst; es bräche mir das Herz!« Ein heißer Kuß war die
Antwort. »Du siehst die Sterne da oben am Himmelszelt; eher werden sie
aus ihrer ewigen Bahn gerissen, als die Liebe zu Dir aus meiner Brust.«
Aber dann kam doch der Abschied. In einem langen Kuß trank ihre
Sehnsucht sich satt; Venne schlüpfte ins Haus. Zum ersten Male seit
langem eilte sie an der Kammer der Mutter vorbei, ohne ihr noch gute
Nacht zu wünschen; ihr Herz war zum Zerspringen voll von dem, was sie
erlebt. Geräuschlos gewann sie ihr Stübchen. Doch eine wachte noch wie
immer im Hause und kam, um ihr beim Auskleiden zu helfen. Katharine war
es, die alte Magd, die sie als Kind schon gewartet hatte. Trotz des
Widerspruchs Vennes machte sie sich daran, die Bänder zu lösen und die
goldenen Schnallen der Schuhe zu öffnen. Versonnen lächelnd blickte
Venne in die Weite, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gedrückt.
»Du bist so seltsam heute«, unterbrach die alte Vertraute die Stille.
»Darf Deine alte Katharine nicht wissen, was Dich bewegt?«
»Ach, Katharine, Du verstehst mich doch nicht, was soll ich Dir also
bekennen?«
Da entgegnete die Alte unwillig: »Ich soll Dich nicht verstehen, da ich
doch Deine Regungen und Gefühle von Deinem ersten Tage an in Dir habe
entstehen und sich regen sehen? Meinst Du, ich bin blind? Also, hat er
endlich gesprochen, der Herr Heinrich?«
Erschrocken blickte Venne sie an. »Aber woher weißt Du denn ...?« »Also
habe ich doch recht«, fuhr Katharine unbewegt fort. »Seine Wünsche
kenne ich von anderen, und was Du für ihn empfindest, war mir auch
längst bewußt. Aber er soll sich hüten,« fuhr sie fast drohend fort,
»sich Deiner unwert zu zeigen oder Dich zu kränken, dann komme ich über
ihn.« Lächelnd, voller Zuversicht wehrte Venne ab: »Wie kommst Du zu
solchem Argwohn, Katharine?«
»Ich hatte einen bösen Traum. Aber es steht bei ihm, daß der Traum sich
nicht erfülle.« Damit verließ sie die Glückliche.