vor Goslar bildete und etwas westwärts vom Kloster Riechenberg begann,
war die Dunkelheit völlig hereingebrochen. Der Weg führte in der tiefen
Rinne dahin, die vom Wasser in der Hauptsache gegraben war und ihm auch
weiter als Abflußrinne diente. Die Wagenknechte suchten fluchend die
Laternen hervor und hieben auf die müden Gäule ein. Da durchschnitt
plötzlich ein schriller Pfiff die Luft. An der Spitze des Zuges
krachten Schüsse, und alles geriet ins Stocken. Von der Höhe sprangen
Bewaffnete herab und schleuderten Feuerbrände in den Wirrwarr auf der
Talsohle. Die Pferde scheuten und suchten durchzubrechen. Überall
Kampfeslärm und Waffengeklirr. Man dachte zunächst nichts anderes, als
daß man zuletzt doch noch das Opfer eines Überfalls von Strauchdieben
geworden sei.
Heinrich ritt mit Johannes ziemlich an der Spitze des Zuges; denn die
Ungeduld trieb sie voran. In ihrer Nähe war auch Erdwin Scheffer mit
noch anderen Knechten. Sie wollten umkehren, um die Wagen zu schützen;
aber da traten ihnen mehrere Bewaffnete entgegen. »Der da ist es«, rief
einer der Fremden mit einer Stimme, die Heinrich bekannt vorkam. Sie
warfen sich auf ihn und suchten ihn zu überwältigen. Heinrich wehrte
sich kräftig, doch die Überzahl war zu groß. Ihm schwanden die Sinne,
er merkte nur noch, daß ihm die Brusttasche entrissen wurde. Da kam
Hilfe von Erdwin und Johannes, die sich bis jetzt selbst ihrer Gegner
zu erwehren gehabt hatten. »Dachte ich's doch, daß der Schuft seine
Hand im Spiele habe.« Damit warf er sich auf die Angreifer und drang
bis zu Heinrich vor; denn er sah, daß der, den er meinte, es war der
Helmstedter, mit seiner Beute davonwollte. Da holte diesen ein Schlag
mit der Hellebarde herab. Mit gespaltenem Schädel sank er zu Boden.
Mit dem Falle des Anstifters schwand auch die Angriffslust der
übrigen. Sie suchten nur noch ihren Rückzug zu decken und klommen
kämpfend den steilen Hang hinan. Erdwin, in dem die alte Kampfeslust
erwachte, drängte hitzig nach. Hier und da krachte noch ein Schuß,
zersplitterte noch ein Lanzenschaft. Noch ein Feuerstrahl zuckte aus
einer Hakenbüchse auf, er galt und traf Erdwin Scheffer. Als letzter im
Kampfe sank er dahin. »Die Tasche!« flüsterte er noch dem Nächsten zu,
dann brach er zusammen. Man hörte den Galopp von fortjagenden Reitern,
dann blieb die Nacht allein mit den Überfallenen zurück. Man suchte zu
ordnen, so gut das bei dem Wirrwarr und der Dunkelheit ging. Johannes
war um Heinrich Achtermann bemüht, den er für schwerverletzt hielt;
Erdwin Scheffer blieb zunächst sich selbst überlassen.
Der nächtliche Kampf hatte leider nicht nur blutige Köpfe gekostet,
einige Knechte waren tot. Verwundete ächzten und riefen um Hilfe.
Herabgezerrte Warenballen sperrten den Weg. Angstvoll suchte Monika
im Hohlwege vorzudringen. Ihnen war nichts geschehen, der Angriff
hatte sich von vornherein auf die Stelle gerichtet, wo man Heinrich
Achtermann vermutete. Ihre Sorge galt Erdwin Scheffer, dem fröhlichen
Gesellen mancher kurzweiligen Stunde im Tumult des Krieges, dem
Geliebten ihres Herzens, wie sie in der Stunde der Gefahr mit
blendender Klarheit erkannte. Ihr Fuß strauchelte über Wurzeln, sie
versank in Rinnsale des Weges, aber sie ruhte nicht, bis sie ihn
gefunden hatte. Und als sie ihn vor sich liegen sah, mit wunder Brust,
aus dem der warme Strahl hervorsickerte, da sank sie mit einem
Aufschrei über ihn hin.
»Erdwin, mein Erdwin, bleibe bei mir, verlaß mich nicht, Einziger Du!«
Irre, hilfesuchend blickten ihre Augen umher im Dunkel der Nacht.
War denn niemand da, der helfen konnte? Da kam die Mutter heran, die
Vielerfahrene. »Laß ihn mir, Monika. Wenn ihm zu helfen ist, bringe ich
ihm Rettung.«
Die steile Höhe des Erzweges hinauf, der vom Granetal über das Joch
zwischen Hessenkopf und Thomas-Martinsberg ins Tal der Gose führt,
erklangen die Glöckchen der Grautiere, die ihrer Last ledig waren,
welche sie auf dem geduldigen Rücken von den Gruben des Rammelsberges
zu den Erzrösten im Granetal geschleppt hatten. Rüstiger schritten
sie aus, als die Höhe erreicht war. Auf dem Rückwege drückte nur
leichte Bürde ihren Rücken: Kupferbarren, Bleibrote, der Gewinn aus
der umständlichen und unvollständigen Art der Verhüttung, waren ihnen
anvertraut. Vergnüglich klang das »I--ah« des Leitesels in die kühle
Novemberluft, als wolle er seiner Freude Ausdruck geben über den warmen
Stall und die gutgefüllte Krippe, die seiner harrten.
Unten im Granetal verhallten die letzten Axtschläge der Holzfäller an
den Berghängen, die in den Waldungen der Silvanen, der Waldherren, das
Holz fällten, welches zum Rösten und Sintern des Erzes nötig war. Vom
Glockenbrunnen her, der das klare Wasser des Glockenberges dem Tage
wiedergibt, lagerten sich die dicken Schwaden schwefligen Rauches über
der Talsohle, wo die Rosthaufen des Erzes unter der Hut rußiger Wächter
schwelten.
Zwei Männer verließen die Stätte und wandten sich ebenfalls dem Erzwege
zu. Mager und langstelzig der eine, kurz und rundbäuchig der andere.
»Gemach, gemach, Nachbar Richerdes«, mahnte der kleine Dicke. »Wir
wollen kein Wettrennen veranstalten. Ihr kommt noch rechtzeitig in der
Bergstraße an, um Euch von der Eheliebsten den Abendtrunk kredenzen zu
lassen.«
Der Lange verhielt etwas im Schritt, bis der Begleiter ihn wieder
eingeholt hatte. »Wollte hoffen, es wäre so«, sprach der Hagere
grämlich. »Aber Ihr wißt doch, daß die Frau seit Monaten siecht. Zu
Hause sehe ich schon lange kein fröhliches Gesicht mehr.«
»Entschuldigt, Nachbar, es war nicht böse gemeint«, begütigte der
Waldherr Ludecke Bandelow. »Ihr habt aber doch wenigstens die Venne;
die muß Euch doch ein wahrer Augentrost sein in diesem Ungemach, Euch
und Eurer Frau.«
»Ich will es nicht leugnen und danke Gott, daß er sie uns schenkte
für diese Zeit der Trübsal, doch lange wird ihr jugendlicher Frohsinn
auch nicht mehr vorhalten, fürchte ich. Die Mutter aufheitern und den
grämlichen Vater beruhigen, das ist nicht Jugendarbeit auf die Dauer.
Ihr seht, ich male mich selbst nicht schöner, als ich bin. Aber der
Henker soll auch die gute Laune behalten bei all dem Ärger mit dem
Berge und dem Rat.«
»Wie steht Ihr denn jetzt mit ihm?« forschte Bandelow.
»Das könnt Ihr Euch leicht vorstellen, solange Karsten Balder
regierender Bürgermeister ist. Ihr wißt ja, wie er es, offen und
versteckt, gegen mich hat, er wie seine Freunde. Sein Gelüste kenne
ich, ihm steht der Sinn nach meiner Gerechtsamen; die Ursachen liegen
tiefer: mich trifft er, aber eine andere will er treffen.«
»Ich weiß, ich weiß, es gilt Eurer ...«
»Wozu die Namen?« unterbrach ihn Richerdes, »das ändert nichts an der
bestehenden Gegnerschaft. Die Hauptsache ist, daß man den Gegner als
solchen kennt.«
»Ja, das ist das schlimme, daß es möglich ist, ehrsamen und
pflichttreuen Bürgern das Leben schwer zu machen unter der Flagge
der Fürsorge für die Stadt. Eine nette Fürsorge das, die darauf
hinausläuft, einem das bißchen Eigentum zu nehmen. Das scheint ja
freilich im Zuge der Zeit zu liegen; denn wie man bestrebt ist, Euch
die Berg- und Grubengerechtsame abzujagen, so will man uns unsere
wohlerworbenen Anrechte auf die Forst abnehmen. Aber gebt nicht nach,
keinen Zoll breit. Mit uns hat es der wohlweise Rat ja ähnlich vor;
solange ich jedoch da bin, erhält er nichts.«
»Nun, ›abjagen‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort,« fiel Richerdes
ein, »Ihr wißt ja, daß er mich und andere auskaufen will. Daß der Preis
nicht zu hoch gehalten ist, dafür sorgt aber schon der Regierende. Es
sei im Interesse der Stadt, der Allgemeinheit, so bemänteln sie es
gar schön. Aber ich kann und will das nicht einsehen. Weshalb soll
denn jetzt auf einmal verkehrt sein, was man vor nicht gar zu langer
Zeit selbst betrieb. Damals, als es hieß, Geld zu finden, Gewerke
zusammenzubringen, war mein Vater gut genug zur Hergabe des Geldes. Ich
weiß von ihm selbst, wie er sich gesperrt und gesträubt hat, ehe er
den Beutel zog. Damals drängte und mahnte der Rat, es sei eine Tat für
das Gemeinwohl; jeder Bürger, der es könne, müsse einspringen. Jetzt
wollen sie es nicht recht haben, jetzt, wo die Sache nach den vielen
Scherereien und Opfern sich als ergiebig zeigt.«
»Das ist's, damit habt Ihr ins Schwarze getroffen: sie gönnen Euch den
Gewinn nicht, und da muß das Gemeinwohl herhalten. Bleibt nur fest wie
ich. Meinen Anteil an der Forst bekommen sie nicht, und wenn sie noch
so viel darum tun. Recht muß Recht bleiben.«
So tauschten die beiden wackeren Bürger ihre Meinungen aus über den
habgierigen Rat, wie sie sein Vorgehen deuteten, und stiegen von
der Höhe herab, vorbei an der Ratsschiefergrube, die schon von den
Werkleuten verlassen wurde; denn die Schatten des Abends sanken
immer mehr herab. An der Gose entlang klapperten der Wassermühlen
unermüdliche Räder.
An dem Stadtgraben trennten sie sich mit einem Handschlag, denn
Bandelow hoffte noch durch das Mauerpförtchen an der Frankenberger
Kirche Einlaß zu gewinnen, die ragend und dräuend von der Höhe durch
das Grau des Abends herabdämmerte. Richerdes aber folgte der Fahrstraße
zum Klaustor, die seiner Wohnung in der Bergstraße näher lag.
Das Haus in der unteren Bergstraße war schon versperrt. In der
Dunkelheit des Abends konnte man von ihm nicht mehr erkennen als die
gewaltigen Umrisse, die in der engen Straße doppelt stark wirkten.
Ein großer Torweg zu oberst war schon verschlossen, wie Richerdes
feststellte; also mußte er den Klopfer des Haustores in Bewegung
setzen, daß ihm Einlaß wurde. Die Hausglocke schnepperte noch eine
Weile in immer mehr verklingenden Tönen nach, als er über den mit
Steinplatten abgedeckten Hausflur schritt, um noch einen Blick auf den
Hof und in die Stallungen zu werfen.
»Ist Besonderes vorgekommen?« fragte er eine Magd, die ihm begegnete.
»Nein, nur die Frau hat des öfteren nach Euch gefragt.« Da gab er sein
Vorhaben auf und wandte sich sogleich der Wohnung zu, die um wenige
Stufen höher, zur Seite des Flures lag. In dem großen Wohnzimmer
sandten die Kerzen eines mehrarmigen Leuchters ihre Strahlen umher.
Sie scheiterten indes bei dem Versuch, bis in die dunkeln Ecken des
Gemaches zu dringen. So dunkel war es nach der Rückwand zu, daß man
kaum die Tür bemerkte, welche dort in die Schlafkammer führte. Sie
öffnete sich in diesem Augenblick, und Venne, die Tochter, trat heraus,
um den Vater zu begrüßen, da sie die Hausglocke gehört hatte.
»Wie geht es der Mutter?« war die erste Frage.
»Sie ist etwas unruhig, seit Ihr fort seid. Ich war froh, daß in Eurer
Abwesenheit Schwester Jutta vom Kloster Mariengarten hier war. Ihr
wißt ja, daß sie auf Mutter immer einen wohltätigen Einfluß ausübt.
Auch heute legte sich unter ihrem gütigen Zuspruch die Gespanntheit
der Nerven. 's ist eine gute Frau, diese Jutta; wir schulden ihr einen
Gotteslohn. Ist es nicht gerade, als ob unter ihrer kühlen Hand und dem
gütigen Trostwort alles Ungemach davonfliege?«
»Ja, wir haben allen Anlaß, ihr dankbar zu sein in dieser schweren
Zeit«, antwortete der Vater. »Ich weiß nicht, wer durch diese treue
Freundschaft mehr geehrt wird, die Mutter, der die fromme Frau auch
unter dem Schleier noch die Zuneigung bewahrt, oder jene selbst, deren
edle Eigenschaften durch diese Pflege alter Beziehungen in ein um so
schöneres, helleres Licht gerückt werden. Aber jetzt geht es ihr doch
besser, der Armen, Leidgeprüften?« fragte er besorgt.
»Sie schläft. Ich mußte sie über Euer langes Ausbleiben beruhigen,
wolltet Ihr doch schon am Nachmittage zurück sein.«
»Wollte ich auch, und wäre ich auch, wenn ich nicht den Montanen, Herrn
Bandelow, getroffen hätte, mit dem es ein langes und breites über
Holzleistungen und -lieferungen zu besprechen gab, und auch sonst ist
noch manches zwischen uns beredet worden.«
»Dachte ich's mir doch, daß Ihr einem Schwätzer wie dem in die Hände
gefallen wäret. Laßt Euch mit dem nur nicht zu sehr ein; ich werde die
Sorge nicht los, daß Euch und uns durch seine Einmischung zuletzt noch
Übles widerfährt«, hielt Venne dem Vater entgegen.
In Richerdes' Augen war ein froher Glanz getreten, als er die Tochter
bei ihrem Eintritt ins Zimmer mit dem Blick umfaßte. Der ganze Mann
schien geändert, seitdem er das Zimmer betreten hatte; nichts mehr von
der düsteren, grämlichen Stimmung, die ihn im Gespräche mit Bandelow
beherrschte. Es war für ihn ein ungeschriebenes Gesetz, alles, was er
an Verärgerung draußen erlebte, nicht über die Schwelle des Hauses
dringen zu lassen. Nur über seine Gegensätze zu dem regierenden
Bürgermeister war die Tochter durch die Mutter unterrichtet. Darauf
bezogen sich auch wohl ihre besorgten Worte. So lautete auch die
Erwiderung auf Vennes letzte Worte mehr zärtlich freundlich als
abweisend:
»Du gibst es ja Deinem alten Vater tüchtig, kleiner Schulmeister; doch
sei unbesorgt, was ich mit Bandelow besprochen habe, brauchte nicht
das Licht zu scheuen. Daß er den Mund gern etwas voll nimmt, weiß
ich besser als Du und richte mich von vornherein darnach. Aber das
Geschäftliche muß schon mit ihm beredet werden; und Du weißt ja, daß
er mein hauptsächlicher Holzlieferant ist. Die Verhältnisse im Berge
liegen leider so, daß ich mehr auf ihn angewiesen bin, als mir lieb
ist. Doch nun genug vom Geschäft und seinem Ärger.«
Venne strich ihm zärtlich über das Haar. Es war ein großes, schlankes
Mädchen, das hier von dem gelben Lichte der Kerze übergossen wurde.
Wer die Venne Richerdes nach dem Bilde sich vorstellte, welches
Heinrich Achtermann von ihr mit in die Fremde nahm, würde sie kaum
wiedererkannt haben. Nur die stolze Haltung des Köpfchens und die
seelenvollen Augen, über die im Augenblick noch ein Schatten der Trauer
um die kranke Mutter gebreitet lag, erinnerte an die Venne von ehemals.
Aus der unscheinbaren Puppe hatte sich ein glänzender Schmetterling
entwickelt. Nichts mehr gemahnte bei Venne an das eckige, unbeholfene
Ding, das vor Heinrich Achtermann davongelaufen war.
Das lang herabwallende, faltige Hausgewand, das sich lose um die
königliche Gestalt schmiegte, ließ die edlen Formen des Körpers
erraten. Mit lässiger Anmut bewegte sie sich um den Vater, während sie
mit der klangvollen Stimme ihm Rede und Antwort stand auf seine Fragen.
»Soll ich uns den Abendtisch decken lassen?« fragte sie weiter. In
diesem Augenblick erklang durch die angezogene Tür des Schlafgemaches
die Stimme der Kranken, die nach dem Vater fragte. Statt der Antwort
trat dieser sogleich zu ihr herein. Behutsam beugte er sich zu ihr
nieder, und alle Zartheit und Liebe, die er für diese Frau empfand,
klang aus seiner Stimme. Sie mußte ehedem eine schöne Frau gewesen
sein; jetzt lagen die Schatten der langen Krankheit auf ihrem blassen
Gesicht. In Venne stand ihr verjüngtes Ebenbild vor ihr. Nur ein
leichter, kritischer Zug um den Mund unterschied diese von der Mutter.
An der Kranken war, von dem leidenden Zug abgesehen, der seine Runen
in ihr Antlitz gegraben hatte, alles Weichheit, Hingabe, während Venne
über eine nicht alltägliche Entschlossenheit gebot, die ihr, dem
jungen Mädchen, den Gehorsam des Hauspersonals sicherte, vom letzten
Eseltreiber bis zur alten Katharina in der Küche, ihrer Kindsmagd, mit
der sonst niemand anzubinden wagte und von der selbst der gestrenge
Hausherr ein Wort mehr annahm, als er sonst von irgend jemand gelten
ließ.
»Wie geht es Dir, Liebste? Ich höre von Venne, daß Du wieder besonders
mit Dir zu tun gehabt hast. Schwester Jutta hatte ja, wie so oft, ihr
Bestes an Dir getan, aber soll ich nicht doch noch den Doktor Henning
holen lassen?«
»Nein, nein, ich bitte Dich. Mir ist jetzt nach dem kurzen Schlaf sehr
wohl. Es war auch weniger das Leiden, das mir zusetzte, als eine innere
Unruhe, die wuchs, je länger Du ausbliebest. Es lag auf mir wie die
Vorahnung von einem Unheil.«
»Nun bekomme ich von Dir auch noch eine Strafpredigt,« scherzte
Richerdes gutlaunig. »Vorhin hat mich Venne schon ins Gebet genommen.
Wenn ich nun Besserung gelobe für die Zukunft, willst Du dann auch mein
braves Weib sein und Dich alsogleich völlig beruhigen?«
Ihm zärtlich von ihrer Lagerstätte zunickend, ließ sie den Blick an
seiner hohen Gestalt emporgleiten. Ein leiser Seufzer entrang sich
ihrer Brust. »Was hast Du noch?« fragte er aufs neue besorgt. »Nichts,
es ist nur der Kummer, daß ich Euch das Leben mit meinem Siechtum
belaste. Ihr könnt das gar nicht auf die Dauer ertragen.«
»Das ist mir das rechte Medikament«, rief der Gatte gutmütig polternd.
»Jetzt habe ich meine ganze ungeschlachte Liebenswürdigkeit an diese
eigensinnigste aller Frauen verschwendet, um nun zum Dank von ihr zu
hören, daß sie uns lästig falle. Nun sprich Du ein Machtwort, Venne;
vielleicht, daß Du Dir mehr Respekt verschaffst.«
Venne umschlang die geliebte Mutter zärtlich behutsam und barg ihr
Gesicht an der Wange. »Ach, böses, liebes Mütterlein, der Vater hat
nur zu recht. Wie sollten wir unsere Liebe zu Euch besser zum Ausdruck
bringen, als daß wir Euch umhegen und umgeben mit unserer Pflege. Ihr
sollt uns ja bald gesund sein und werdet uns gesunden; aber, daß ich's
sage, Gott verzeihe mir die Sünde: ich wünschte nicht, daß Ihr krank
gewesen wäret oder je wieder würdet; doch desungeachtet möchte ich,
und der Vater gewiß mit mir, nicht diese Zeit missen, wo wir Euch Eure
Liebe wenigstens zu einem kleinen Teile vergelten konnten. Nun fügt
Euch nur noch eine kurze Zeit unserer strengen Vormundschaft, und dann
wird eines Tages mein Mütterlein wieder rüstig und flink durchs Haus
trippeln, und wir werden uns auf die Bärenhaut legen; gelt, Vater?«
Gerührt blickte die Kranke auf ihr Mägdelein, und eine Träne rann über
die blasse Wange.
Ach, wenn es doch so käme, wie Venne es ihr prophezeite!
In diesem Augenblick wurden sie durch wirren Lärm von der Straße
aufgescheucht. Stimmen und Schreie erklangen durcheinander, und alsbald
erhob die Sturmglocke der benachbarten Marktkirche ihre wimmernde
Stimme. Angstvoll schrak die kranke Frau zusammen und griff nach dem
Herzen. Venne eilte ihr sogleich zu Hilfe. Auch ihr wie dem Vater war
sehr bange, denn man glaubte nicht anders, als im nächsten Augenblick
das gefürchtete »Feuerjo« draußen zu hören, welches verriet, daß der
schlimmste Feind der mittelalterlichen Städte sein rotes Banner auf
den Dächern der Stadt aufgepflanzt habe. Richerdes, der zu den Führern
der Feuerwehr gehörte, die pflichtmäßig alle nicht bresthaften Bürger
mit den ledernen Feuerlöscheimern zur sofortigen tätigen Hilfe bei
Ausbruch eines Brandes veranlaßte, stürzte nach einem kurzen, hastigen
Abschiedswort davon und ließ die Frauen in banger Spannung zurück.
Der Lärm draußen verlor sich bald, und auch das Gewimmer der Glocke
erstarb. Die Annahme, daß eine Feuersbrunst ausgebrochen war, schien
demnach irrig zu sein; wahrscheinlich handelte es sich um irgendeinen
Angriff oder Überfallversuch, wie die unruhigen Zeiten ihn nicht
selten brachten. In angstvoller Erwartung harrten die beiden Frauen
der Rückkehr des Vaters und Gatten. Endlich, viel zu spät für ihre
Ungeduld, ertönte der Klopfer, und Venne beeilte sich, zu öffnen, da
das Gesinde inzwischen zur Ruhe gegangen war. Der Überfall auf die
flandrischen Kaufleute bei Riechenberg hatte den Tumult veranlaßt.
Noch kannte man nicht alle Einzelheiten. Es sollte viele Tote und
Verwundete gegeben haben und Plünderung der Waren, wie das Gerücht
bei solchen Anlässen zu wüten pflegt. Die Kunde war von einem Knechte
überbracht worden, der auf schweißbedecktem Roß vor dem Sankt-Viti-Tor
in der Dunkelheit auftauchte und um eilige Hilfe und Schutz bat. Die
Stadtsoldaten unter ihrem Hauptmann und ein großer Haufen bewaffneter
Bürger waren sofort ausgezogen, und zur Stunde, so durfte man hoffen,
hatten die Bedrängten schon Hilfe gefunden, und sie selbst waren unter
sicherer Bedeckung im Anzuge gegen die Stadt.
Richerdes kehrte nur zurück, um die Frauen zu unterrichten und sie zu
beruhigen. Er verließ bald darauf wieder das Haus, um den Ausgang
und weitere Aufklärung des Falles zu erfahren. Auch bei ihm sprach
seit Jahren einer der Kaufleute vor, der auch dieses Mal dabeisein
mußte. Noch mehr Grund also, zur Stelle zu sein, wenn die Überfallenen
ankamen, um dem alten Geschäftsfreunde zugleich hilfreich zur Seite zu
stehen, wenn er die Stadt betrat.
Im Kamin prasselte ein lustiges Feuer und verbreitete eine angenehme
Wärme über den Raum, in dem die Familie Richerdes am reichgedeckten
Frühstückstisch mit dem Gaste, Herrn Emile Delahaut aus Dinant, saß.
Das Gespräch drehte sich natürlich um den gestrigen Überfall. Er war
so weit geklärt, daß man wußte, das Stücklein ging, wie man gleich
vermutete, von dem berüchtigten Bandenführer Hermann Raßler aus,
der, wie jedermann bekannt war, im geheimen Dienste des Herzogs von
Braunschweig stand und die Goslarer schatzte, daß ihnen der Atem
auszugehen drohte. Zwei seiner Knechte, mit denen er den frechen
Überfall gewagt hatte, blieben verwundet in den Händen der Goslarer,
und aus ihrem Munde erfuhr man alle Einzelheiten. Demnach war der
eigentliche Urheber des verruchten Planes jener Händler aus Helmstedt,
der selbst bei der Tat seinen Lohn erhalten hatte. Er traf morgens in
aller Frühe in Riechenberg ein, wo man ihm den Schlupfwinkel Raßlers
anzeigte. Die Knechte, die beim Herannahen des Zuges in Langelsheim so
eilig Fersengeld gaben, waren Kundschafter, die melden sollten, wann
mit dem Eintreffen am Hohlwege zu rechnen sei. Es stellte sich nunmehr
als sicher heraus, daß der ganze Überfall nicht den Kaufleuten, sondern
Heinrich Achtermann gegolten hatte und jedenfalls dazu dienen sollte,
ihm das wichtige Dokument abzunehmen. Was unterwegs mit List nicht
gelungen, das wollte man zum Schluß mit Gewalt herbeiführen.
Damit war auch der Auftraggeber ohne weiteres erkannt: es konnte
nur der Braunschweiger sein, dem an der Vernichtung des päpstlichen
Schreibens allein lag. Durch seine Spione in der Stadt mußte er
irgendwie von dem Auftrage und dem Wege der Heimreise Heinrichs Kunde
erhalten haben und hatte danach seine Maßnahmen getroffen. Sein
unmittelbarer Vorfahre, Heinrich der Ältere, hatte den besonderen
Schutz der Stadt Goslar noch für 400 Gulden im Jahre 1497 auf zehn
Jahre übernommen. Die Herzöge Philipp und Erich ließen sich noch vom
Jahre 1500 ab zehn Jahre lang für die gleiche Leistung 1200 Gulden
im voraus geben. Heinrich der Jüngere trat in diesen Vertrag ein.
Das hinderte ihn aber nicht, im geheimen seine Blut- und Beutehunde
gegen die Stadt loszulassen. Der Streich war mißglückt, doch man
wußte, wessen man sich in Goslar von dieser Seite zu versehen hatte
trotz aller Schutzbriefe. Da der Angriff auf herzoglichem Gebiete
erfolgte, der Nachweis geführt war, daß Raßler der Anstifter gewesen
und offenbar bei den dem Herzoge befreundeten Mönchen von Riechenberg
Unterstützung genossen hatte, ging ein geharnischter Protest des Rates
nach Wolfenbüttel ab, wo der Herzog residierte. Der Erfolg war freilich
vorauszusehen. Der Herzog lehnte mit der für diesen Fall gebotenen
Entrüstung jede Mitwissenschaft und Teilnahme ab. Die wirklich
Leidtragenden waren die beiden Schelme, die man gefangen hatte; sie
baumelten bald darauf am Galgen, der sein Gerüst auf dem Georgenberge
drohend ins Land reckte.
Auch der Fremden wegen erhob man den Einspruch beim Herzoge, um ihnen
zu zeigen, daß man alles tue, um ihnen Genugtuung zu geben. Denn sie
führten natürlich auch ihrerseits, sei es auch nur, um ihr Geschäft
günstig zu beeinflussen, bewegliche Klage über die erlittene Unbill
und die Unsicherheit der Wege in unmittelbarer Nähe der Stadt; Schaden
an Eigentum war kaum erlitten, abgesehen von einigen Warenballen,
die von den Wagen gestürzt und etwas beschädigt waren. Dem Anschein
nach hatten die Raubgesellen, obwohl ihr Auftrag nur dahin ging, sich
des goslarschen Gesandten zu bemächtigen, doch ihrer oft bewiesenen
Beutelust nicht widerstehen können, zu nehmen, was sich ihnen bot. Der
steile Hang und der fluchtartige Rückzug hinderten sie dann aber an der
Mitnahme.
Über der Besprechung des gestrigen Ereignisses vergaß man nicht, den
guten Sachen Ehre anzutun, die der Tisch bot. Venne ging ab und zu, um
nach der Mutter zu sehen und den Mägden eine Anweisung zu geben. Im
hellen Licht des Tages sah man erst, welch vollendete Schönheit sie
war. Die Anmut ihrer Bewegungen, der Wohllaut ihrer Stimme vereinigten
sich gleichermaßen, um den Fremden gefangenzunehmen.
»Wetter noch einmal,« warf er dem Gastfreunde zu, als Venne sich auf
einen Augenblick entfernt hatte, »ist das ein Mädel geworden, seit ich
sie zuletzt sah! Wie das den Kopf trägt und sich bewegt! Wahrhaftig,
wenn ich nicht schon ein alter Knabe wäre, könnte mich Eure Venne noch
zu Abenteuern verleiten. Verwahrt den Schlüssel zu ihrem Herzen gut,
sonst fliegt sie Euch über Nacht davon. Lange werdet Ihr sie sowieso
nicht mehr halten, sonst müßten Eure Jungen hier Fischblut in den Adern
haben.«
Richerdes lächelte behaglich zu dem Lobe der Tochter: »Vorläufig
scheint ihr selbst noch wenig an dem Ausfluge aus dem Elternhause zu
liegen, dazu hält sie die Pflege der kranken Mutter viel zu fest.
Findet sich aber einmal der Rechte, so werden wir sie nicht halten
wollen. Denn es ist der Eltern wie der Kinder Los, sich trennen zu
müssen, wenn sie des anderen Wert erkennen.«
Man kam noch einmal auf das gestrige Abenteuer zu sprechen und auf
die Goslarer, die dabei zu Schaden gekommen, Heinrich Achtermann und
Erdwin Scheffer. Dieser, der Sohn eines achtbaren Mitgliedes der
Schustergilde, war am übelsten davongekommen, und man wußte nicht, ob
er am Leben bleiben werde. Heinrich Achtermann dagegen hatte, wie es
hieß, keinen ernsten Schaden erlitten. Durch das Würgen der Angreifer
und den Sturz auf einen Stein verlor er die Besinnung. Als die Hilfe
aus der Stadt kam, war er schon wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt.
Nach dem Frühstück gingen die Herren zum Geschäftlichen über. Da
schlüpfte Venne aus dem Hause, um sich in der Stadt umzuhören und bei
den Achtermanns vorzusprechen, die mit ihrer Familie befreundet waren.
Sie wurde beim Eintritt ins Haus von der Schwester Heinrichs begrüßt.
Von ihr vernahm sie, daß es dem Bruder schon wieder leidlich gehe, und
sie konnte sich selbst davon überzeugen, denn sie traf ihn im Zimmer,
wo er mit den Eltern und dem flandrischen Gastfreunde zusammen saß.
Die überstandene Gefahr hatte keine Spur zurückgelassen, außer einer
leichten Blässe im Gesicht.
Als Venne ihn unvermutet vor sich sah, war sie einen Augenblick
befangen, denn die Stunde stand ihr vor Augen, als sie zuletzt die
Flucht vor ihm ergriff. Sogleich stieg auch der alte Trotz wieder in
ihr auf, und das herzliche Wort, das sie ihm zur Begrüßung gönnen
wollte, wurde zu einem kühlen Gruß. Heinrich glaubte seinen Augen
nicht trauen zu dürfen, als Venne eintrat, ja, er, der nie Verlegene,
starrte sie einen Augenblick wie entgeistert an: War denn dieses
Mädchen von vollendeter Schönheit das hagere, eckige Ding, das er
vor langem verlassen hatte? Und er wäre nicht der Mann mit dem für
Frauenschönheit empfänglichen Herzen gewesen, wenn nicht dieses holde
Menschenkind sogleich in ihm höchste Bewunderung mit der Regung jener
Sehnsucht gepaart hätte, die der Schönheit im eigenen Herzensschrein
einen Altar zu errichten gewillt ist. Er war bisher der Schmetterling,
der an allen Blüten naschte. Für die reizenden Bologneserinnen
schwärmte er, der lebensfrischen Richenza Walldorf flog sein Herz
entgegen, aber ihre Spur war verwischt, ausgelöscht vor dem wundersamen
Geschöpf, das da vor ihm stand. Wie ein Schlag durchzitterte es seine
Brust: Die hält Dein Schicksal in ihrer Hand, Venne Richerdes mußt Du
besitzen oder keine!
So standen beide sich einen Augenblick verwirrt gegenüber. Venne
sah seine Blicke auf sich gerichtet, aber sie ahnte nicht, welche
Gefühle ihn durchzitterten. Da fand Heinrich zuerst das Wort. Um seine
Befangenheit zu meistern, griff er zu dem alten Mittel tändelnden
Scherzes und war dabei in Gefahr, alles schon im ersten Augenblick zu
verderben.
»Euch trieb gewiß die Angst um mein Befinden hierher, aber Ihr seht ja,
Unkraut vergeht nicht.« Venne suchte sich sogleich mit ihrer ganzen
kühlen Unnahbarkeit zu wappnen. »Ihr irrt Euch; ich kam vor allem, um
Eure Schwester zu besuchen. Daß mich auch Sorge um Euch erfüllte, will
ich nicht leugnen; aber ich sehe ja, daß Ihr wohlauf seid, so will ich
Euch auch mit meiner Teilnahme nicht lästig fallen.«
»Gut gegeben, Jungfer Dornenhag«, antwortete Heinrich munter lachend.
»Aber um Euch zu versöhnen, will ich Euch auch etwas Angenehmes sagen.
Ratet nur, was!«
»Ich bin nicht allzu begierig darauf, denn ich versehe mich keiner
besonderen Schmeicheleien von Euren Lippen«, entgegnete Venne halb
ablehnend.
»Eine Schmeichelei ist's auch nicht, aber ein schöner, herzlicher
Gruß von Eurem Oheim Ernesti. Eigentlich sollte ich auch den
dazugehörigen Kuß mit überbringen,« log er hinzu, »aber das habe ich
als lebensgefährlich abgelehnt.« Venne achtete auf die letzten Worte
kaum noch. »Vom Oheim Ernesti und der Muhme wahrscheinlich? Oh, das
ist schön. Erzählt doch nur gleich, wo Ihr ihn trafet und wie Ihr sie
fandet.« Und Heinrich berichtete ausführlich über sein Zusammensein mit
dem Oheim und seine Aufnahme in Soest.
In diesem Augenblick trat Johannes Hardt ins Zimmer, der ebenfalls kam,
um sich nach dem Befinden des Freundes zu erkundigen. Der Ratsherr
forschte nach allen Einzelheiten der Reise und kam dann von Ernesti
und dem gestrigen Überfall auf die Zeitläufte zu sprechen. Da überließ
die Jugend die Alten ihren ernsten Gesprächen. Die Mädchen schlüpften
hinaus in das Zimmer der Schwester. Für heute erhielten auch Heinrich
und Johannes dort Zutritt, denn man war doch gar zu begierig, über ihre
Erlebnisse im Wunderlande Italien Einzelheiten zu erfahren. Und die
beiden Wanderer erzählten und erzählten, und ihre Zuhörerinnen wurden
nicht müde, ihnen zuzuhören.
»Aber eins fällt uns auf,« warf Venne, zu Johannes gewendet, schalkhaft
ein. »Von den schönen Bologneserinnen haben wir bis jetzt gar nichts
vernommen. Sind sie ausgestorben, oder habt Ihr ihnen dauernd Eure
Gunst vorenthalten? Das wäre ja ein gräßliches Verbrechen.« Einen
Augenblick wollte der junge Mann erröten, aber schon kam ihm Heinrich
zu Hilfe: »Es gibt ihrer noch genug,« antwortete er, »sogar recht
liebreizende, aber unsere Beziehungen zu ihnen werden wir Euch erst
enthüllen, wenn Ihr uns verratet, in welchen Herzen Ihr Vernichtung
angerichtet habt.«
»Da werde ich lange auf Eure Enthüllungen warten können, denn ich bin
mir nicht bewußt, irgendeinem Herzen Unglück zugefügt zu haben.«
»Na, na,« warf da die Schwester lächelnd ein, »glaubt ihr nicht so
ohne weiteres. Sie ist eine Heimliche. Ich möchte die Seufzer nicht
auf meinem Herzen tragen, die ihr nachgeklungen sind. Und sie ist
auch selbst nicht unversehrt geblieben, will mir scheinen. Ich müßte
sonst die mancherlei Fragen mißdeuten, die sie immer wieder über einen
gewissen abwesenden jungen Herrn stellte. Soll ich Namen nennen,
Venne?« fragte sie neckend.
»Daß Du Dich nicht unterstehst, du Garstige«, wehrte diese lachend ab,
während ein tiefes Rot über ihre Wangen flammte. Die Verwirrung erhöhte
noch ihre Lieblichkeit. »Zur Strafe für diese Verleumdung will ich
auch gleich aufbrechen.« Aber sie gab doch dem Widerspruch der anderen
nach; es hätte ja auch zu sehr nach einem Zugeständnis ausgesehen; und
man blieb noch eine kurze Zeit in traulichen Gesprächen beisammen.
Dann mußte sie Abschied nehmen, da die Mutter nicht lange ohne Wartung
bleiben durfte. Auch für Johannes war es an der Zeit, sich festlich
anzukleiden, denn er sollte mit Heinrich zusammen die besondere Ehre
genießen, dem Hohen Rat die Schrift des Papstes, die sie mit Gefahr
des Lebens verteidigt hatten, in der für die Mittagsstunde anberaumten
Sitzung überreichen zu dürfen.
Die Mitglieder des Goslarer Rates hatten in feierlicher Amtstracht sich
im Sitzungsraum versammelt, und nun warteten sie des päpstlichen Boten
mit der Antwort auf ihr Begehren.
Die Jünglinge wurden von dem Ratsboten hineingeführt, die Ratsherren
erhoben sich, und der regierende Bürgermeister, Karsten Balder,
begrüßte sie mit freundlichen Worten.
»Ihr seid Träger der Botschaft vom Heiligen Vater, die uns Herr
Henricus Ernesti freundwillig vermittelt hat. Wir hören,« wandte er
sich dann im besonderen an Heinrich Achtermann, »daß Euch zuletzt noch
arges Ungemach getroffen hat. Empfangt mit unserem Bedauern über die
erlittene Unbill zugleich unseren Dank für den wichtigen Dienst, den
Ihr Goslar geleistet habt.
Es geht um nichts Geringes in dem Schreiben, wie Ihr Euch denken könnt.
Ihr habt das Geheimnis treulich an Eurer Brust gewahrt und mit Eurem
Leibe verteidigt, so sollt Ihr und mit Euch Euer Freund auch der erste
sein, der außer uns von dem Inhalt Kenntnis erhält.«
Damit öffnete der Bürgermeister und gab den Inhalt der päpstlichen
Bulle preis.
Demnach versicherte Papst Leo X. seine fromme und getreue Stadt Goslar
mit seinem Segen zugleich seines Schutzes, bestätigte in Erneuerung der
Briefe des Königs Wenzel ihre ausschließlichen Vorrechte und Ansprüche
auf das Bergwerk und die Forsten, versprach ihr seinen Beistand und
drohte allen denen mit schweren Kirchenstrafen, welche sie im Genuß
dieser Rechte stören oder sie ihnen streitig zu machen versuchten.
Das war ein voller Erfolg. Befriedigt sahen sich die Ratsherren an:
Dieses Schriftstück lohnte den Eingriff in den Stadtsäckel, den man
getan hatte, um Henricus Ernesti in den Stand zu setzen, sein Anliegen
nachdrücklich zu unterstützen. Nun mochten die Braunschweiger kommen;
diese Stunde machte die letzte Nichtswürdigkeit wett, deren man den
Herzog hier im Rate offen zieh.
»Ihr habt Euch, Herr Heinrich Achtermann, und Ihr ingleichen, Herr
Dr. Johannes Hardt, als ehrenfeste, tapfere Männer gezeigt. Der
Stadt ist durch Eure Hilfe ein sehr wichtiger Dienst erwiesen, wie
Ihr soeben hörtet. Sie wird sich ihres Dankes gegen Euch geziemend
zu entledigen wissen. Ihr aber werdet, wie Euer Verhalten beweist,
treue, zuverlässige Bürger sein, auf die sie allezeit mit Zuversicht
zurückgreifen kann.«
Rot und stolz vor Freude verließen die Freunde das Rathaus und kehrten
zu den Ihrigen zurück.
An ihre Stelle trat bald darauf eine Abordnung der fremden Kaufleute,
um Beschwerde vorzubringen über den Unglimpf, der ihnen hart vor den
Mauern der Stadt widerfahren war. Der Rat wies nach, daß der Überfall
nicht auf Goslarer Gebiet vor sich gegangen sei, daß geharnischte
Beschwerde an den Herzog abgehen, die ergriffenen Übeltäter
hingerichtet werden würden und im übrigen er, der Rat, es als eine
selbstverständliche Pflicht übernehme, allen erlittenen Schaden zu
ersetzen. Daneben verhieß er tatkräftige Unterstützung bei dem Abschluß
ihrer Handelsgeschäfte, bei denen der Rat ja zu einem großen Teile
selbst in Frage kam. So zogen auch diese Männer befriedigt ab.
Am Nachmittage besuchte Heinrich den armen Erdwin Scheffer, der
inzwischen von seiner tiefen Bewußtlosigkeit erwacht war, die, wie
anfangs zu befürchten schien, unmittelbar in den Tod überzuführen
drohte. Die Sonde des Arztes hatte das Geschoß gefunden und es mit
aller Sorgfalt entfernt. Unter den schmerzhaften Verrichtungen des
Arztes war er abermals in Ohnmacht gesunken; jetzt schlief er. Der
Doktor hatte zwar die Verwundung für sehr schwer erklärt, aber doch
nicht alle Hoffnung aufgegeben. Nun mußte es sich zeigen, ob der junge,
kräftige Körper dem Kranken zur Genesung verhelfen würde. Auch nach
Monika erkundigte er sich: der Vater war unwirsch über die Dirne,
die dem Sohne bis ins Haus nachlaufe. Sie sei schon am frühen Morgen
dagewesen und habe angstvoll nach dem Kranken gefragt. Auch die Mutter,
die in dem fremden Mädchen wenig mehr als eine fremde Landstreicherin
sah, war ihr ablehnend begegnet. Nur Maria, die Schwester, hatte sich
ihrer im Flur angenommen. Sie redete dem jungen Mädchen, das sich in
seiner Angst und Sorge keine Hilfe wußte, herzlich zu.
»Ich werde Euch auf dem laufenden halten über die Entwicklung der
Krankheit«, sagte sie, indem sie Monika an sich zog. »Will's Gott, so
wird doch noch alles gut.«
Bald darauf fand sich auch Gelegenheit, die gute Immecke aufzusuchen.
Sie hatte bei der Witwe eines ehrbaren Handwerksmeisters Wohnung
gefunden. Noch war sie sich nicht schlüssig, wohin sie ihre Schritte
lenken werde. Erst wollte sie abwarten, wie sich der Zustand Scheffers
gestaltete, denn Monika erklärte, daß sie nicht von Goslar weichen
werde, bis sie darüber im klaren sei. Die Wanderfahrt im Kriege hatte
der braven Marketenderin manchen Gulden eingebracht, und wenn sie den
Inhalt des Beutels wog, den sie wohlverwahrt hielt, war ihr um ihre und
der Tochter Zukunft nicht bange.
* * * * *
Die Herren aus Flandern und Frankreich prüften die goslarsche Ware und
fanden wenig auszusetzen. Die Stapel der erworbenen Metallbarren wurden
immer größer, die Geldkatze immer magerer. Hier und da erfuhr sie eine
vorübergehende Auffüllung durch günstigen Absatz der mitgebrachten
flandrischen Waren: Teppiche, Gewebe, feine Tuchstoffe, die in den
benachbarten Städten wie in Goslar selbst willige Käufer fanden. Neben
dem Erwerb des kostbaren Metalls war indessen die Aufmerksamkeit der
fremden Kaufleute noch auf ein anderes gerichtet.
Als der Rat von Goslar zur Wiederbelebung des namentlich durch
Wassereinbrüche verunglückten Bergwerkes einen Zusammenschluß der
Berechtigungen in einer Form erstrebte und ins Werk setzte, die man
heute als Gewerkschaft bezeichnen würde, behielt er von vornherein
das Ziel im Auge, die Anteile später durch stillen Ankauf in seine
Hand zu bringen. Er wußte es daher mit Geschick zu erreichen, daß die
Mehrzahl der Anteile, soweit er sie nicht selbst besaß, in den Händen
von Bürgern blieb, von denen er sie später erwerben zu können hoffte.
Daß er dabei bei mehr als einem auf hartnäckigen Widerstand traf,
bewies der Montane Richerdes. Karsten Balder, derzeitiger regierender
Bürgermeister, war durchaus nicht von der Voreingenommenheit gegen
Richerdes beseelt, die dieser ihm unterschob. Zwar hatte er als
Jüngling der schönen Mathilde von Hagen, des Ratsherrn und Silvanen
von Hagen Tochter, gehuldigt, und sie als sein Eheweib heimzuführen,
war sein sehnlicher Wunsch gewesen. Aber er fand sich längst damit ab,
daß Richerdes ihm den Rang abgelaufen. Er lebte selbst in glücklicher,
mit Kindern gesegneter Ehe, und sein gerader, ehrliebender Charakter
hätte es nie zugelassen, seine Machtstellung in den Dienst der Willkür
zu stellen, um für vermeintlich oder wirklich erlittene Unbill
Vergeltung zu üben. Was er mit Richerdes wie mit anderen Berechtigten
verhandelte, was er von ihnen forderte, lag im wohlverstandenen
Interesse der Stadt. Er handelte schließlich nur als der Verwalter des
von Werenberg hinterlassenen Erbes, wenn er dessen Pläne zur Ausführung
zu bringen versuchte. Bei dem Argwohn, den ihm Richerdes von vornherein
entgegenzubringen sich bemühte und den er auch seinen Angehörigen
einzureden verstand, war es nicht zu verwundern, daß dieser in allem,
was von Balder ausging oder vom Rathause kam, eine Falle witterte und
daß der Verkehr mit dem Rate für ihn eine Quelle ständigen Ärgers war.
Damals, als der Bergbau im argen lag und der Rat mit großen Kosten
fremde Techniker heranzog, wie Meister Nikolaus von Ryden, um des
Wassers Herr zu werden, war auch der Ertrag des Bergbaus sehr gering,
und statt eines Gewinnes hatten die Gewerke dauernd Zubußen zu zahlen.
Das goslarsche Kupfer, das sich den Weltmarkt zu erobern im Begriff
gewesen war, verschwand mehr und mehr, und sein Name erklang weniger
in den Kreisen derer, die darauf angewiesen waren. Jetzt aber bildete
es eine der Lebensnotwendigkeiten für den gewerbfleißigen Westen. Die
Zahl der Käufer wuchs von Jahr zu Jahr. Was Wunder, wenn den Flamen
und Holländern der Wunsch kam, die Quellen selbst mit ausschöpfen zu
können, Mitbesitzer des Bergwerks durch die Erwerbung von Anteilen zu
werden. Beim Rate hatte sie, wie sie bald merkten, auf Erfolg nicht zu
rechnen, da er in zielbewußter Verfolgung seiner Politik im Gegenteil
darauf aus war, alle Anteile in seiner Hand zu vereinigen. Aber auch
bei den Bürgern stießen sie auf Widerstand. Vergeblich bewiesen sie
dem Besitzer des Anteils, daß die aus dem Kapital sich ergebende Rente
besser sei als das in seiner Ergiebigkeit unsichere Recht. Je eifriger
sie zuredeten, desto größer wurde der Widerstand.
Auch der Gast- und Geschäftsfreund des Bergherrn Richerdes, Herr Emile
Delahaut aus Dinant, suchte diesen zum Verkauf seiner Anteile oder
eines Teiles derselben zu bewegen, doch auch er wandte vergeblich seine
ganze Beredsamkeit auf. Richerdes wie die anderen Goslarer, deren
Ansprüche die Freunde erwerben wollten, wurden durch das eifrige Werben
nur um so mehr in ihrer Meinung von dem Werte ihrer Rechte bestärkt.
So gelang es den Ostgängern, die alljährlich nach Goslar kamen, kaum,
einen oder den anderen Anteil zu erwerben. Freilich waren Richerdes
wohl einmal leichte Zweifel an dem dauernden Werte seines Anrechtes
aufgestiegen, und letzthin hatten sie sich noch verstärkt. Wie er
Ludecke Bandelow auf dem Heimwege vom Granetal her klagte, befriedigte
der Erfolg seiner Grube seit längerer Zeit nur wenig; und einmal war er
wirklich einen Augenblick schwankend geworden, vor nicht langer Zeit
nämlich, als der Ratsherr Achtermann, ein Mann von großem Reichtum und
Ansehen, bei ihm vorsprach, um mit ihm noch einmal über den Verkauf
an die Stadt zu reden. Zunächst lehnte Richerdes, wie früher schon,
schroff ab, aber Achtermann, vor dessen Geschäftstüchtigkeit auch
jener große Achtung hatte, ließ sich nicht beirren.
»Ich will Eure verstockte Voreingenommenheit gegen Karsten Balder,
die ich wohl kenne, einmal außer acht lassen; versucht Ihr dasselbe.
Ihr könnt ja zuletzt doch tun und lassen, was Ihr wollt. Daß uns viel
an dem Besitz liegt, wißt Ihr; weshalb, ist Euch ebenfalls bekannt,
wie endlich auch, daß wir ihn nicht geschenkt haben wollen. Wir
wissen beide, daß es mit dem Gewinn aus Euren Gruben nicht zum besten
aussieht, im Augenblick wenigstens nicht«, warf er auf eine ablehnende
Bewegung von Richerdes ein. »Sie kann wieder ergiebiger werden, die
Erzader kann sich aber auch ganz erschöpfen oder als taub ausweisen.
Was dann? Dann seid Ihr ein armer Mann.
Damit Ihr seht, daß ich es wirklich ehrlich meine, will ich ganz offen
gegen Euch sein. Ihr habt eine hübsche Tochter, die Euch ans Herz
gewachsen, ich einen Sohn, dem sie, wie ich glaube, nicht gleichgültig
ist. Ich könnte mir vorstellen, daß hier etwas im Werden ist, das wir
durch entschlossenes Eingreifen stören, durch stilles Gewährenlassen
aber der Reife entgegenblühen sehen können. Ich will und werde mich
nicht in Liebesgeschichten meines Sohnes einmischen; handelt Ihr
ebenso, dann haben wir uns später nichts vorzuwerfen. Eure Venne ist
mir lieb und wert und ich würde mich, ungeachtet der Unterschiede in
unseren Verhältnissen, nicht bedenken, sie als Schwieger willkommen
zu heißen. Ich werde aber nie einwilligen, daß mein Sohn die Tochter
eines Bettlers heimführte. Entschuldigt das harte Wort, indes es muß
gesprochen werden, denn Offenheit, zumal bei diesem heiklen Punkte,
liebe ich vor allem.«
Damit weckte aber Achtermann alles, was an Trotz und Widerspruchsgeist
in Richerdes schlummerte. »Ich dränge meine Tochter niemand auf,
jetzt nicht und niemals. Wenn Ihr also keine weiteren Gründe für Euer
Anliegen vorzubringen habt, so hättet Ihr Euch die Mühe ersparen
können.«
»Nichts für ungut«, erwiderte Achtermann, ungerührt durch die
Heftigkeit seines Gegenübers. »Ich sehe gern klare Verhältnisse
vor mir.« Dann lenkte er, sich zum Aufbruch anschickend, mit einer
teilnehmenden Frage nach dem Befinden der kranken Hausfrau auf ein
anderes Gebiet über.
»Ich hörte kürzlich in Braunschweig von einem neuen Mittel, das bei
Leiden der Art Wunder wirken soll. Ich habe es im Augenblick vergessen,
will mich aber, kann ich Euch damit einen Gefallen erweisen, gern
danach umtun. Im übrigen halte ich mich Eurer armen Frau Eheliebsten
bestens empfohlen, bitte, ihr auch von meiner Frau die besten Grüße mit
dem aufrichtigen Wunsch baldiger Genesung ausrichten zu wollen. Sie
hofft, bei guter Gelegenheit nächstens sich selbst nach ihr umsehen
zu können. Und nun,« damit schied der Einflußreiche und versetzte ihm
einen leichten Schlag auf die Schulter, »alter Murrkopf, einen schönen
Gruß auch dem Töchterlein!« Lächelnd schied er, und lächelnd gab ihm
Richerdes das Geleite. Dann kehrte er in die Stube zurück.
Die Worte Heinrich Achtermanns gingen ihm durch den Kopf, und die Sorge
wurde damit nicht geringer. Wenn die Befürchtungen des Ratsherren
eintrafen, stand es allerdings schlecht mit ihm und den Seinen, und
er selbst war dann, wenn kein Bettler, doch ein armer Mann, dessen
Tochter zu freien, mancher sich scheuen würde. Was Achtermann von den
Beziehungen zwischen den Kindern sagte, war ihm neu. Er beschloß, mit
der treuen Lebensgefährtin auch dieses zu besprechen. Sie, die ihm so
manches Mal schon guten Rat gewußt hatte, würde gewiß auch dieses Mal
das Rechte treffen. Das Glück ihrer Venne stand beiden am höchsten,
und diesem Glück sollte auch sein Eigensinn und sein Widerwillen gegen
Karsten Balder nicht entgegenstehen; das nahm er sich vor.
Der Tribut des Alters an die Zeit ist Verblassen und Verblühen, ist
Schwinden von Schönheit und Kraft. Was im Werden und Vergehen des
Menschen gilt, hat auch im Leben der Städte nur allzuoft eine traurige
Bestätigung gefunden. Von der Herrlichkeit einer alten großen Zeit
zeugen heute nur noch kärgliche Reste, hier und da ein brüchiger Turm
oder die ins Leere starrenden Zinken einer Turmruine, ein Stückchen
Stadtmauer, eine hochragende Kirche, welche die Armseligkeit der sie
umlagernden Häuserzeilen nur um so greller hervortreten läßt. Das ist
das Schicksal so mancher Stadt geworden, die einst wohlgegürtet hinter
Wall und Mauer ihre Rechte verteidigte und mit Herzögen und Königen auf
der Stufe des Gleichberechtigten verhandelte. Das schien auch Goslars
Los zu sein. Von der Höhe seiner mittelalterlichen Macht war es durch
schlimme Kriegsläufe und, damit zusammenhängend, durch das Versiegen
seiner Geldquellen, des Bergwerkes und der endlosen Forsten, Stufe um
Stufe herabgeglitten. Was um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts
übrigblieb, wies alle Anzeichen eines schnellen unaufhaltsamen
Verfalles auf. Die Zahl der Einwohner war erschreckend gesunken, in
den weiten Mauern wohnte ein armseliges, müdes Geschlecht, das in
seinem Elend mit dem Erbe einer großen Vergangenheit nichts Besseres
anzufangen wußte, als daß es sich aus dem alten Gewande neue Stücke
schnitt, um seine Blöße zu verbergen. Es ist die böse Zeit, wo
die Brüderkirche niedergelegt, wo der ehrwürdige Dom auf Abbruch
verkauft wurde. Die Domkapelle, die allein von dem alten Münster noch
Zeugnis ablegt, läßt uns ahnen, was in jenen Jahren unwiederbringlich
verlorenging. Gar manches Kapitäl oder Gesims, an verlorener Stelle in
eine Gartenmauer eingefügt oder einem Speicher als Eintrittsschwelle
dienend, erinnert an diese schlimme Zeit, wo das sterbende Goslar sich
seines Schmuckes zu entkleiden begann, um als Bettler ins Grab zu
steigen.
In dieser Zeit des Verfalles, und noch später, ist vieles dem
Unverstande wie der Not zum Opfer gefallen, auch von den ehemals
geschlossenen Festungsanlagen; aber vieles blieb doch auch erhalten
und legt noch heute Zeugnis ab von dem wehrhaften Sinn der Altvordern,
so die gewaltigen Tortürme, deren am Breiten Tore, die Stirn dem
Braunschweiger zugewandt, gleich ein ganzes Rudel auftritt. Sie ragen
noch heute ebenso trutzig wie zur Zeit ihrer Errichtung in die Lüfte.
Die stattlichsten unter ihnen, der große Turm am Breiten Tor, der Dicke
Zwinger in der Nähe der Kaiserpfalz, dessen 24 Fuß starke Mauern noch
heute das Staunen der Besucher erregen, der Papenzwinger, sie verdanken
ihren Ursprung der Zeit, da unsere Geschichte spielt. Die Goslarer
wollten ihre Stadt zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen. Sie hatten
Anlaß dazu; denn die Zahl ihrer Feinde und Neider wurde größer in dem
Maße, wie der Wohlstand und die Macht der Stadt wuchs. Ernesti hatte
Johannes Hardt die Lage richtig geschildert, aber auch der Rat war sich
der Gefahr wohl bewußt und suchte ihr durch geeignete Maßnahmen zu
begegnen.
Schon im Anfang des neuen Jahrhunderts war der Grundstein gelegt zu
einem weiteren, mächtigen Bollwerk. Um die Herstellung der Anlagen,
besonders der Zwinger, hatten sich jeweils einige Bürger verdient
gemacht; so war der Papenzwinger der Aufsicht des Worthalters der
Gemeinen, wie die Versammlung der Vertreter der Bürgerschaft hieß, Kips
anvertraut gewesen. Das neue Bauwerk, das am neuerbauten Rufzen- oder
Rosentor sich zu dessen Verstärkung erheben sollte, unterstand dem
Schutze des Ratsherrn Achtermann. Er war nicht nur um die Weiterführung
besorgt, sondern steuerte auch zu den Kosten einen erheblichen Teil
bei. Es entsprach daher nur einem Akt der Dankbarkeit, wenn man das
gewaltige Bauwerk ihm zu Ehren als ›Achtermann‹-Zwinger benannte. Es
ist der dicke, ungefüge Geselle, der dem Rosentor vorgelagert ist und
heute noch die Besucher Goslars beim Eintritt in die Stadt als erster
Zeuge seiner ehemaligen Wehrhaftigkeit begrüßt.
Mehrere Jahre hatte der Bau gedauert, einige Male mußte er unterbrochen
werden. Jetzt stand er da, riesig und gewaltig, und das Ereignis der
Beendigung sollte durch ein Fest besonders gefeiert werden. Die untere
Halle, ein gewaltiger Rundraum, war mit Tannengrün festlich geschmückt.
Kerzenglanz erhellte den düsteren Raum und ließ einen Abglanz auf den
freudig erregten Gesichtern der Festteilnehmer.
Ein üppiges Festmahl, ohne das in jener genußfreudigen Zeit ein Fest
schwer denkbar war, leitete die Feier ein. Der Wein floß in Strömen,
und die fremden Gäste, die flandrischen Kaufleute, die vertreten waren,
konnten sich von der Freigebigkeit ihrer Wirte überzeugen. Auch das
Volk draußen, welches den Turm umlagerte, erhielt seinen Anteil, und
nach der Stärke des Jubels und freudigen Lärms zu urteilen, mußte es
gleichfalls befriedigt sein. Der Rat saß zu oberst an besonderer Tafel.
Die Reden, welche gewechselt wurden, galten der Wichtigkeit des neuen
Bauwerks und dem Mann, dessen Tatkraft es in erster Linie zu verdanken
war.
Achtermann, der im Mittelpunkte der Feier stand, ließ die vielen
Lobeserhebungen mit einem gewissen freudigen Gleichmut über sich
ergehen; er wußte, was er geschaffen und weshalb er es geschaffen. Das
neue Bollwerk bildete einen Markstein in der Befestigungskunst seiner
Stadt, der Stadt, die er liebte, weil sie seine Heimat war und ihn zu
Ehren und Ansehen gebracht hatte. Mit ihrer Wehrhaftigkeit, des war er
sich in all dem Trubel sehr wohl bewußt, erhöhte er aber nicht nur ihre
Sicherheit, sondern auch den Schutz des eigenen Besitzes, des Erbes der
Väter, das er gut verwaltet und vermehrt hatte, so daß er es seinerzeit
mit Stolz den Kindern überlassen konnte.
Je länger die Feier dauerte, desto größer wurde die Ungeduld der
Jugend, die den langatmigen und gewichtigen Reden der Alten nur
wenig Geschmack abzugewinnen wußte. Hier und da hatten sie sich zu
Gruppen zusammengefunden, liebreizende, weißgekleidete Jungfrauen und
hübsche Jünglinge, denen das grüne oder schwarze Samtjäckchen mit
den Längspuffen und den lang herabwallenden Ärmelschlitzen trefflich
zu Gesicht stand, wie der Degen, auf dessen goldenen Knauf sie die
Linke stützten. Alte Bekannte hatten sich gefunden, Johannes Hardt,
der mit der Tochter des Bürgermeisters lebhaft plauderte und von
Heinrichs Schwester Maria geneckt wurde, Venne Richerdes, die wie eine
Lichtgestalt aus dem Schatten der Seitenwand mit Heinrich Achtermann
heraustrat, gleichfalls in ein angelegentliches Gespräch versunken.
Langsam schreitend kamen sie durch die Halle auf die anderen zu. In
Marias Augen blitzte es schalkhaft auf, während die Tochter Karsten
Balders verstimmt zur Seite blickte. Ihr Herz schlug dem schlanken
Jünglinge entgegen, der an Vennes Seite in anmutiger, jugendlicher
Kraft daherschritt. Bitter stieg es in ihr auf, als sie die beredten
Blicke sah, mit denen Heinrich Achtermann auf die blühende Gestalt an
seiner Seite blickte: Warum blieb ihr versagt, was jener mühelos, wie
es schien, zufiel? -- Oder spielte sie nur die Spröde, um ihn um so
sicherer an sich zu ketten?
»Nun, Ihr Unzertrennlichen,« redete Maria sie mit liebenswürdigem Spott
an, »wollt Ihr uns auch einmal die Ehre schenken?«
Auf Vennes Stirn zeigte sich eine Falte des Unmutes. »Maria«, sagte sie
nur vorwurfsvoll.
»Nun ja, nur nicht gleich so empfindlich, Närrin«, fiel Maria ein.
»Ist's denn eine Beleidigung von mir oder eine Sünde von Euch, wenn
ich Euch nachsage, daß Ihr die letzten Male, da wir uns trafen, oft
zusammenhocktet?«
»Von mir ging das ›Zusammenhocken‹ sicher nicht aus«, erwiderte Venne
empfindlich.
»Die Jungfer Venne hat recht«, mischte sich da Heinrich Achtermann
ein. »Ihr kann niemand nachsagen, daß sie sich aufdrängt. Ich will
also reumütig alle Schuld auf mich nehmen; auch für heut bekenne ich
mich schuldig. Übrigens ist es kein Geheimnis, was wir verhandelten.
Ich möchte sogar Eure Hilfe in Anspruch nehmen, um ein unparteiliches
Urteil herbeizuführen.«
»Wir geloben feierlich, unbestechlich zu sein, selbst wenn es auf
unsere, der Frauen, Kosten geht«, erklärte Maria übermütig, ehe noch
die anderen ein Wort sagen konnten.
»Das ist gut,« entgegnete Heinrich Achtermann, »denn um sie handelte
es sich tatsächlich. Wir waren nämlich dabei, die hochwichtige Frage
zu lösen, ob wohl die hiesigen Jungfrauen den neuen französischen
Reigen, von dem Herr Dehard so begeistert sprach, nicht ebenso zierlich
aufführen möchten wie die Pariserinnen. Jungfer Venne bestreitet es;
ich plädiere dafür, daß sie es können.«
»Natürlich können wir es«, rief Maria und andere junge Mädchen, die
noch zu dem Kreise getreten waren. »Gebt uns nur einen richtigen
Tanzmeister, dann werden wir es jenen schon gleichtun. Von Venne aber
ist's eine Ketzerei, uns so herabzusetzen.«
»Ich bekenne mich schuldig,« rief sie lachend, »aber ich dachte dabei
nur an meine Ungeschicklichkeit.«
»Ungeschicklichkeit, hört ihr's?« drohte Maria mit verstelltem Zorn,
»ungeschickt sie, die uns immer voranschreitet im Reigen. Aber sie
bekennet sich schuldig, und auf Schuld gehört Sühne. Wer nennt die
Buße?«
»Einen Kuß«, rief der Chor. »Wem?« fragte eine andere. »Uns allen«,
hieß es von anderer Seite. »Nein, mir«, begehrte Achtermann kühn. »Also
ihm,« entschied Maria, »denn er hat die Beleidigung gehört.«
»Laß die Scherze«, sagte Venne unmutig. Aber Maria, welche die beiden
zusammenbringen wollte, bestand darauf, auch daß die Buße heute abend
noch gezahlt werden müsse. Da legte sich Heinrich selbst ins Mittel.
»Ich schlage vor, daß wir den Ausgang abwarten. Zum Langen Tanz wird es
sich zeigen können. Dann aber bestehe ich auf meinen Schein.«
»Ich für meinen Teil erlasse Euch die Strafe schon jetzt«, entgegnete
Venne spöttisch.
Die Tafel war aufgehoben; die Jugend forderte nun ihr Recht. Die
Paare traten zum Reigen an. Zunächst erschienen auch die Alten mit
auf dem Plan. Wie die Ehre des Abends es gebot, führte den Reigen der
regierende Bürgermeister, Karsten Balder. Ihm zur Seite schritt, der
Auszeichnung sich wohl bewußt, die Frau des besonders zu Ehrenden, des
Ratsherrn Achtermann.
Das stattliche Paar fesselte nach Gestalt wie Gewandung die
Aufmerksamkeit aller. Der strengen Kleiderordnung entsprechend,
deren Übertretung durch eine Puffe oder eine Verbrämung man streng
ahndete, durften nur diese vornehmsten der Frauen an sich zeigen, was
die Kleiderkünstler an Glanz und Pracht für die Umrahmung weiblicher
Schönheit oder Schwäche ersonnen. Gar stolz schritt die Patrizierin
einher, zierlich geführt von dem hochmögenden Partner. Die Linke hielt
den Überwurf, der auf der Unterseite blau abgefüttert war, zugleich mit
dem gleichfarbigen bauschigen Kleide gerafft empor, um ein Schreiten zu
gestatten. Goldene Sterne über das Ganze gesät, hoben sich leuchtend
von dem Untergrunde ab.
Die Büste war durch ein goldenes Band wirkungsvoll abgegrenzt. Um den
weit ausladenden Halsausschnitt legte sich edles Geschmeide. Gleich
kostbare Ketten hingen von der weißen, mit Goldstreifen verzierten
Kappe herab, auf der ein goldener Bausch den stimmungsvollen Abschluß
bildete.
Der Bürgermeister war angetan mit einem schweren, dunkelverbrämten
Samtmantel, mit breitem, umgelegtem Kragen seltensten Pelzwerkes. Die
Linke hielt den weiten Mantel über der Brust verschränkt, indes die
Rechte, auf deren Zeigefinger ein gewaltiger Siegelring im Flimmer der
Kerze strahlte, die Dame zierlich geleitete.
Langsam und stattlich bewegten sie sich dahin im Reigen. In bedächtigen
Intervallen lud die Musik zum Schreiten, Sichneigen und Sichwenden,
langsam, viel zu langsam für die Ungeduld der Jugend, die in verbotenem
Übermut wohl das Kichern sich verbiß und sich heimlich stieß, in
abfälliger Kritik über dieses oder jenes Paar der Würdigen, deren
schlecht getragene Majestät der Bewegung ihre Lachlust reizte. Dann war
dem Brauch Genüge geschehen, und das Alter wie die Würde zogen sich
zurück zu der ihm besser anstehenden Art des Zuschauens. Die Herren
verschwanden auch wohl in einer Ecke, einen ungestörten Trunk zu tun
und in ernstem oder eifrigem Disput zu bereden, was ihnen am Herzen
lag; wieder andere hockten an herbeigeholten Tischen, auf denen das
Schachzabel aufgestellt wurde.
Die Reigen, welche die Jugend aufführte, waren die alten, schönen
Tänze unserer Altvordern, die der Persönlichkeit freien Spielraum
ließen, sich im Rhythmus auszugeben. Ein Sichneigen, Sichheben und
Drehen mit der Anmut und Geschmeidigkeit der Jugend, ein Sichfinden
und Sichmeiden, das die Gefühle der jungen Herzen in liebreizendster
Weise verkörperte. Die Stadtzinkenisten bliesen, die Geigen seufzten
und jubilierten in einem Atem, die Flöten tirilierten, als wollten sie
zerspringen vor Lust über so viel Jugend und Anmut, die sich zu ihren
Füßen im Saal im Rhythmus durcheinanderwand.
Immer höher stieg die Lust, immer kühner wurden die Blicke der
Jünglinge, hingebender die Bewegungen der Jungfräulein; Terpsichore
sank die Leier aus der Hand, Bacchus drohte die Herrschaft zu gewinnen,
da gab Karsten Balder das Zeichen zum Schluß des Festes. Ungestüm
bat und drängte die Jugend, man möge noch ein kleines verweilen; das
eigene Töchterchen Karsten Balders wurde zum Ansturm auf das väterliche
Herz vorgeschickt, aber der Angriff scheiterte an seinem Willen. Sein
unbeugsames »Nein« verhinderte, daß das schöne Fest wie so viele
seinesgleichen in jener Zeit wilden Genußlebens in eine Bacchanalie
ausartete.
Sittsam brach man auf; die kalte Nachtluft verscheuchte die losen
Geister, die im Saale die Vernunft zu unterjochen drohten. Die
Jungherren geleiteten ihre Damen, die unter züchtig gesenktem Blick
das Verlangen verbargen, das eben noch in ihnen aufgewallt war.
Ehrbar klangen die Worte, die Ohren der begleitenden Eltern von
der Wohlanständigkeit des Begleiters überzeugend. Ein geflüstertes
Wörtchen, ein leise gehauchter und verstohlen gewährter Wunsch entging
trotzdem ihrer Aufmerksamkeit.
Heinrich Achtermann schritt an der Seite Vennes. Der Vater war auf
eigenen Wunsch daheim geblieben bei der kranken Mutter, trotz des
Widerspruches Vennes. Sie sollte nicht um die Freuden der Jugend
betrogen werden, da sie schon mehr als ihre Freundinnen Entsagung üben
mußte durch die Pflege der geliebten Mutter.
An dem stillen Abend, den der Mann am Lager der Kranken verbrachte,
kam manches zur Sprache. Auch der Besuch des Ratsherrn Achtermann
wurde erörtert und sein Hinweis auf ein enges Band zwischen den beiden
Familien.
»Wir sollten dem Glück unserer Venne kein Hindernis in den Weg legen«,
meinte die Gattin. »Im Schoße des angesehenen Achtermanns ist sie
nach irdischer Voraussicht wohl aufgehoben, und wir können, wenn wir
abberufen werden, beruhigt die Augen schließen.«
Richerdes sah das wohl ein; auch gegen die Person des Bewerbers ließ
sich nichts Ernstliches einwenden, wäre nur nicht die Bedingung des
Ratsherrn gewesen. Auch hier riet die Frau zur Nachgiebigkeit. »Du
hast doch selbst in letzter Zeit nicht selten über die zunehmende
Unergiebigkeit der Grube geklagt. Wie nun, wenn zuletzt doch
Achtermann recht behielte mit einem gänzlichen Zusammenbruch unserer
Erwerbsquelle?«
»Aber Karsten Balder«, warf Richerdes ein.
»Ja, Karsten Balder ist der störende Flecken in dem Bilde«, gab sie
zu. »Aber sein Triumph, wenn er's so auffaßt, sollte uns doch nicht
blind machen gegen den eigenen Vorteil. Und wer weiß, ob wir ihm
nicht doch zuletzt unrecht tun. Ich habe in stillen Nächten wohl
darüber nachgesonnen. Wir können ihm keinen greifbaren Beweis seines
Übelwollens nachweisen, und der Argwohn ist zuletzt ein schlechter
Berater. Soll ich ehrlich sein, so weiß ich mich aus der früheren
Zeit keines Zuges zu entsinnen, der auf Arglist oder Hinterhältigkeit
hindeutet.«
»Daß er mich gern gemocht hat,« fügte sie mit einem errötenden
Lächeln hinzu, das ihr Gesicht seltsam verschönte, »ist doch keine
Todsünde, die ihm für immer vorbehalten bleiben müßte. Und über die
Enttäuschung wird ihm gewiß seine Stellung wie das Glück in der Familie
hinweggeholfen haben.«
»Nun gehst Du auch mit fliegender Fahne in des Feindes Lager über«,
klagte Richerdes mit einer scherzhaften Resignation. »Da werde ich mich
wohl auf eine ehrenvolle Kapitulation einrichten müssen. Nun wollen wir
aber das schwerwiegende Gespräch abbrechen, das dich gewiß erregt.
Ich will's beschlafen, Mathilde. Zuvor aber gib mir noch ein Weilchen
Urlaub für den Schreibtisch. Die stille Stunde gibt mir erwünschte
Muße, über Geschäftliches nachzusinnen. Bis dahin kehrt wohl auch Venne
zurück.«
Venne war in der Begleitung einer befreundeten Familie zu dem Fest
gegangen. Als man sich von ihr verabschiedet hatte, ging sie mit
Heinrich Achtermann allein auf der nachtstillen Straße dahin.
»Könnt Ihr mir nicht sagen, Jungfer Venne, was Ihr gegen mich habt?«
unterbrach Heinrich das anfängliche Schweigen. Dieses Mal war die Frage
in einem Tone gestellt, dem alle leichte Neckerei fernlag.
Venne hatte den ganzen Abend über auch unter den Wogen immer höher
gehender, jugendlicher Lust und Freude ihre herbe Sprödigkeit bewahrt,
trotz allen heißen Werbens von seiten Heinrich Achtermanns. Es war
ihre Natur, die Gefühle des Herzens in sich zu verschließen. Nur ein
flüchtiges Lächeln bei den Scherzen aus seinem oder fremdem Munde
huschte auch über ihre Züge. Hätte sie gewußt, wie entzückend dieses
Lächeln gerade ihr zu Gesicht stand und wäre sie eitel gewesen wie
manche ihrer Gefährtinnen, so hätte sie diesen freundlichen Schimmer
sich dauernd zu eigen gemacht.
Venne war nicht kühl im Inneren, wie man ihr nachsagte und Heinrich
Achtermann es den ganzen Abend empfunden hatte; sie verbarg nur unter
dem Mantel jungfräulicher, spröder Ablehnung das warme Gefühl, um
es vor fremden Blicken nicht zu entweihen. Auch in ihr pulste das
Blut der Jugend, und sie hätte kein Weib sein müssen, wenn ihr nicht
die offen zur Schau gestellte Huldigung des stattlichen, schönen
Ratsherrensohnes geschmeichelt hätte. Und noch mehr regte sich in ihrem
Herzen für den hübschen Gesellen, als sie sich jetzt noch selbst in
ihrem Herzen zugestehen mochte. Sie standen vor ihrer Haustür. Die
Frage Heinrichs zwang zu einer Antwort, und so wappnete sie sich mit
doppelt kühler Zurückhaltung gegen eine unvorsichtige Äußerung.
»Ihr fragt kühn und begehrt viel zu wissen, Junker Achtermann«,
suchte sie ihn zurückzuweisen. »Ließ ich mir irgendeine Unhöflichkeit
zuschulden kommen, so wäre mir's leid.«
»Nein, daß muß Euch der Neid lassen, Jungfer Venne, darin laßt Ihr es
nicht an Euch fehlen. Aber mir wäre es lieber, Ihr vergäßet Euch ein
wenig und legtet einmal für einen Augenblick diese stolze Höflichkeit
ab, wenigstens mir gegenüber.«
»Und weshalb soll ich gerade Euch gegenüber mich bezwingen und von
meiner Art lassen?« -- Kaum war die Frage dem Munde entflohen, als
sie ihre Worte auch gern zurückgenommen hätte, denn sie mußten den
Gefragten dazu bringen, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
»Weshalb fragt Ihr? Weil Ihr in meinem Herzen wohnt als die Göttin, der
ich diene, die ich anbete. Ahnt Ihr nicht, wie es in mir aussieht, wie
mein erster und mein letzter Gedanke Euch gilt?«
Venne unterbrach ihn. Um nicht schwach zu werden, nahm sie zum Spott
ihre Zuflucht: »Die wievielte bin ich, der Ihr Eure Neigung gesteht?«
»Venne,« erwiderte er mit nachdrücklichem Ernst, den die Leidenschaft
durchzitterte, »höhnt mich nicht noch, wollt Ihr mich nicht zur
Verzweiflung treiben. Wahr ist es, ich tändelte hier und da und
tauschte zärtliche Worte ohne tieferes Gefühl. Ihr seht, ich mache
mich nicht besser, als ich bin. Aber laßt mir auch Gerechtigkeit
widerfahren; ich bin zuletzt nicht schlechter als meine Freunde
und Altersgenossen. Was ich bisher trieb, war jugendlicher
Gefühlsüberschwang, leichte Tändelei. Bei Euch aber ist es anderes.
Glaubt es mir, glaube mir, Venne Richerdes, Du hast es in der Hand,
mich selig zu machen für immer oder mich zu verderben. Trage die
Verantwortung dafür, wenn Du kannst, stelle mich auf die Probe, prüfe,
aber weise mich nicht für immer zurück.«
In Venne quoll es heiß empor unter der Glut seiner Worte; ein Gefühl
von Glückseligkeit durchschauerte sie. Es zog sie zu ihm. War das
die große, große Liebe, von der die Dichter sangen? Weich wurde ihr
Blick und senkte sich in seine Augen. Heinrich hatte ihre beiden Hände
ergriffen. Leidenschaftlich erregt beugte er sich vor. Venne schloß
die Augen, wie ein seliger Schwindel überflog es sie. Da ließ sich ein
Geräusch im Hause hören. Sie entzog ihm ihre Hände und bat ihn: »Geht,
daß man uns nicht sieht.«
Leise öffnete sie die Tür, mit einem traurigen Blick wandte sich
Heinrich Achtermann ab. Da traf ein Flüsterton sein Ohr: »Geht, ich
warte, daß Ihr die Probe besteht!« und mit einem leisen Kichern huschte
sie ins Haus.
Heinrich Achtermann zog beglückt von dannen. Um die Probe war ihm nicht
bang. Übers Jahr, so hoffte er, war Venne sein geliebtes Weib.
Im Schefferschen Hause am St.-Ägidien-Platz herrschte weiter drückende
Sorge über dem kleinen Kreise, denn noch vermochte auch der Arzt nicht
zu sagen, wie die schwere Verwundung Erdwins verlaufen würde. Die Lunge
war durch den Schuß gestreift, und die dicke Winterluft bereitete dem
schwer Atmenden große Pein. Langsam nur gewann er unter der liebevollen
Pflege von Mutter und Schwester die verlorenen Kräfte wieder. Tiefe
Blässe lag auf dem eingefallenen, einst so blühenden Gesicht.
Der alte Arzt war mit dem Erfolge seiner Kur nicht zufrieden und
behauptete, es müsse noch etwas anderes, Seelisches sein, das die
Heilung verzögere. Aber er erhielt auf seine Andeutung keine Antwort,
denn den alten, ehrenfesten Handwerker mutete es, mochte er auch auf
die Erfüllung seines Lieblingsplanes betreffs der Heirat mit der
Nachbarstochter verzichten, wie ein ihm persönlich angetaner Schimpf
an, daß im Herzen seines Sohnes ein hergelaufenes Mädchen, die Tochter
einer fahrenden Frau, sich eingenistet habe.
Die Mutter wurde unter einem inneren Zwiespalt hin und her gezerrt. Im
Herzen stand sie auf der Seite ihres Mannes; auch sie konnte sich von
dem übererbten Vorurteil nicht frei machen, obwohl Monikas bescheidenes
Wesen und der Liebreiz ihrer Erscheinung ihren Eindruck auf sie nicht
verfehlten. Auf der anderen Seite jammerte sie der Zustand des Sohnes,
der sich in Sehnsucht nach Monika verzehrte. Lange verbiß er den
Schmerz, aber zuletzt brach er sich doch in herben Worten Bahn.
Von der Schwester hatte er vernommen, daß die Geliebte schon am ersten
Tage dagewesen sei. Was die Schwester ihm nicht sagte, die Abweisung
durch die Eltern, verriet ihm die Verlegenheit der Mutter, so oft er
das Gespräch auf sie brachte, sowie des Vaters verschlossenes Gesicht.
Wo Monika mit der Mutter Immecke lebte und wie sie hausten, konnte
ihm wieder die Schwester berichten, die sie ohne Vorwissen der Eltern
in der Badeleber Straße besucht hatte. Sie brachte die Grüße der
Frauen mit und ihre herzlichen Wünsche, aber sie konnte den Anblick
der Geliebten nicht ersetzen. Immer tiefer fraß sich die Sehnsucht in
sein Herz, und größer wurde der Groll gegen die, welche ihm sein Glück
vorenthielten. Zuletzt brach's sich über die Lippen Bahn der Mutter
gegenüber.
»Eure Pflege ist zu nichts nutze. Laßt mich lieber schnell sterben,
als daß ich mich langsam zu Tode quäle. Ich liebe Monika und lasse
nicht von ihr. Glaubt doch nicht, daß Ihr mit Eurem Pfahlbürgerstolz
trennen könntet, was in jahrelanger, ehrlicher Freundschaft und Liebe
zusammengewachsen ist. Wollt Ihr sie weiter von mir getrennt halten, so
laßt mich lieber aus dem Hause schaffen zu mitleidigen Menschen, auch
auf die Gefahr hin, daß ich dabei mir den Tod hole. So ertrage ich's
nimmer lange.«
Da griff der Mutter die Angst ans Herz, und sie versprach, mit dem
Vater zu reden.
Der brave Meister Scheffer war höchst ungehalten über die Zumutung
seiner Lebensgefährtin, er solle die hergelaufene Dirne in seinem Hause
aufnehmen. Immer wieder wies er darauf hin, daß es Landstreichervolk
sei, dem sie die Tür öffnen wolle. Aber sie blieb fest, aus Angst um
das Leben des Sohnes, und sie erreichte endlich, daß er, wenn auch
ingrimmig und grollend, seine Zustimmung gab. »Aber mich laßt aus dem
Spiele«, entschied er unerbittlich. »Ich will mit der Narretei nichts
zu tun haben und gehe aus dem Hause, wenn das Mädchen kommt.«
Monika kam. Meister Scheffer sah unbeobachtet durch ein Guckfenster,
das auf der hofwärts gelegenen Werkstatt den Überblick über die
Vorgänge auf der Hausdiele gestattete. Das Mädchen war nicht
übel, sein Auftreten bescheiden, und ohne den Groll im Herzen und
die Voreingenommenheit hätte er zuletzt wohl die eigenen Wünsche
zurückgestellt; aber der Gedanke, was die in gleich strengen
Anschauungen aufgewachsenen Nachbarn und Gildebrüder dazu sagen würden,
verscheuchte die weiche Regung, und er verließ durch die Hoftür das
Haus.
Das Wiedersehen zwischen Monika und Erdwin gestaltete sich
erschütternd, obwohl die Schwester sie auf das Aussehen des Kranken
vorbereitet und sie dringend gebeten hatte, jeden Gefühlsausbruch zu
meiden. Als sie in das Zimmer trat und das bleiche Gesicht auf dem
Lager sah, das sich von den bunten Kissen doppelt gespenstig abhob,
sank sie mit einem Wehelaut am Lager des Geliebten nieder.
»Mein Erdwin, mein Einziger«, war alles, was sie unter verhaltenem
Schluchzen hervorbringen konnte. Ein glückliches Lächeln huschte über
das Gesicht des Kranken, und er reichte ihr die abgezehrte Hand, die
sie mit Küssen bedeckte. Auch der Schwester rannen die Zähren über die
Wange, und selbst die Mutter wischte sich mit einem Zipfel der Schürze
die feucht gewordenen Augen. Sie sprachen nur wenig miteinander, aber
die Blicke sagten den anderen, wie tief die Liebe im eigenen Herzen
wurzele.
Die Mutter trieb zuletzt zum Aufbruch, aus Sorge, die Aufregung möchte
dem Kranken schaden. Monika mußte versprechen, bald wiederzukommen.
»Gern,« sagte sie mit einem rührenden Lächeln, »wenn Deine Eltern es
gestatten.«
Die Mutter war schon halb gewonnen und wiederholte auch ihrerseits die
Einladung. Als der Vater heimkam, erzählte sie ihm von dem Wiedersehen
und riet ihm dringend zur Nachgiebigkeit, aber noch blieb er
halsstarrig und verstockt; es mußten noch andere Bundesgenossen kommen,
um ihn gefügig zu machen.
Es waren einmal Heinrich Achtermann und Johannes Hardt, die des
Fahrtgesellen nicht vergaßen.
Johannes fand Beschäftigung im Schreibzimmer des Oheims, der Pleban
an der St.-Jakobskirche und +Notarius publicus+ war. Er hoffte,
demnächst in die Kanzlei des Rates einzutreten. Die erfolgreichen
Studien wie der wichtige Dienst, den er der Stadt geleistet hatte,
waren eine Empfehlung, die ihm den Weg zu dem vom Vater gewünschten
Ziele bahnten. Er vergaß über den eigenen Plänen und Hoffnungen den
treuen Reisegefährten und Jugendfreund nicht. Wenn sich die Gelegenheit
bot, sprach er bei Scheffers vor und verbrachte ein Stündchen am Bette
des Verletzten. So war er über den Zwist wohl unterrichtet, und er, der
Monika selbst und ihre uneigennützige, selbstlose Liebe werten konnte,
half, wo er konnte, den Gegensatz auszugleichen.
Neben der Angst um die Wiederherstellung, dem Gram um die Verirrung,
wie Meister Scheffer die Liebe des Sohnes zur Tochter der Immecke
Rosenhagen immer noch nannte, war es auch die Sorge um seine Zukunft,
wenn er gesundet sei. Daß Erdwin für das Handwerk nicht in Frage
kam, stand zu befürchten. Aber was sollte werden? Sollte er wieder
hinaus in das wilde Leben, zu dem ihm nunmehr auch die körperlichen
Vorbedingungen fehlten?
Johannes suchte die Eltern über diesen Punkt zu beruhigen. Wozu seine
Bescheidenheit in eigener Sache nie ausgereicht hätte, das tat er
für den Freund gern und freimütig. Er war schon beim Rate vorstellig
geworden, man möge für den Verletzten, wenn er wiederhergestellt sei,
eine Verwendung im Dienste der Stadt vorsehen.
Heinrich Achtermann hatte schon am Tage nach dem Überfall bei den
Scheffers vorgesprochen und mit herzlicher Teilnahme von der Schwere
der Verletzung gehört. Sein Mitleid galt nicht nur dem unerschrockenen
Helfer in der Not, sondern es rang hier ein Menschenkind mit dem Tode,
das ihm als lieber Jugendgespiele und Genosse tausend lustiger Streiche
besonders ans Herz gewachsen war. Der gutmütige und weichherzige
Heinrich sah keinen Abstand zwischen dem Sohn des Schuhmachers und
sich, dem Abkömmling eines alten Patriziergeschlechtes. Er war daher
bedacht, dem Kranken alle Hilfe zu verschaffen, die der Reichtum der
Eltern gestattete, und immer wieder wanderten Körbe mit stärkenden
Mitteln in das Haus am Ägidienplatz. Als sich die ersten Anzeichen der
Genesung einstellten, lag er dem Vater in den Ohren, dieser möge darauf
bedacht sein, für die Zukunft Erdwin Scheffers zu sorgen.
Es hätte des lebhaften Mahnens gar nicht bedurft, denn auch der
Ratsherr war dem Burschen wohlgewogen, der seinem Einzigen so mannhaft
zur Seite gestanden hatte. So konnte es nicht fehlen, daß auch der
hochmögende Rat diesem Ansturm von verschiedenen Seiten ein geneigtes
Ohr lieh.
Der regierende Bürgermeister, Karsten Balder, der überzeugt war, daß
man die Rettung des kostbaren Schriftstücks nicht zuletzt dem Mut
und der Umsicht Erdwin Scheffers verdanke, sprach selbst im Hause
des Meisters vor und teilte dem matt Aufhorchenden die Belobigung
und günstige Gesinnung des Rates mit. Aber trotz allem kam man nicht
weiter. Wohl hatte sich der Kranke inzwischen so weit erholt, daß er,
auf den Stock gestützt, vorsichtig im Hause umherwandeln konnte. Indes
das Rot der Gesundheit wollte noch immer nicht in die blassen Wangen
zurückkehren, und der alte Lebensmut fehlte nicht minder.
Monika litt noch mehr unter der gedrückten Stimmung. Trotz aller
liebevollen Zärtlichkeit der Schwester Erdwins, obwohl auch die Mutter
allmählich den Widerstand schwinden ließ und sie freundlich begrüßte,
wenn sie, was nur selten geschah, kam, trug sie dennoch schwer an dem
Gefühl, daß sie im Hause des Geliebten nur geduldet sei.
Die eigene Mutter litt mit ihr unter diesem schiefen Verhältnis, und
sie, die tatkräftige und entschlossene Frau, die durch einen langen und
ehrbaren Lebenswandel inmitten des rauhen und lockeren Kriegslebens
reichlich gesühnt hatte, was ihr etwa ihr eigenes Gewissen an
jugendlichem Leichtsinn vorwerfen konnte, trug doppelt schwer an der
Lage, die sie zur Rolle des untätig wartenden Zuschauers verurteilte.
Sie sah, daß das Gesichtchen Monikas täglich schmaler und blasser
wurde. Sie hörte nachts, wenn sie schlaflos auf ihrem Pfühle lag, die
Seufzer des geliebten Kindes. Das hielt sie nicht länger aus.
Immecke Rosenhagen hatte das Fähnlein des erschlagenen Hauptmanns über
den Rhein und weiter bis Goslar begleitet. Sie war des unruhvollen
Kriegslebens mit seinen Bildern wilden Blutvergießens und roher Sitten
müde. Sie wollte ihre Ruhe haben auf ihre alten Tage, vor allem aber
sollte ihre Monika eine Heimat haben. Daß dies Goslar sein müsse, kam
ihr zunächst nicht in den Sinn. Aber ausruhen wollte sie hier von der
Mühsal des Marsches. Wohin sie alsdann ihren Stab setzen würde, war ihr
selbst noch verschlossen. In die Heimat, nach Salzwedel, zog sie nichts
Besonderes. Die Eltern waren längst tot, nähere Verwandte lebten ihr
dort nicht. Und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie dieses
nicht zur Rückkehr dorthin verlocken können. Denn was ihr die Tage in
Goslar verleidete, würde sie dort in der Beschränktheit der kleinen
Stadt, wo man ihre etwas abenteuerliche Jugendgeschichte kannte,
doppelt treffen.
Immecke war entschlossen, Goslar zu verlassen, denn sie wollte
nicht länger untätig zuschauen, daß ihr Herzblatt sich abhärmte und
dahinschwand. Doch als sie Monika gegenüber eine Andeutung dieser Art
fallen ließ, traf sie auf einen so entschlossenen Widerstand, wie sie
ihn von der schüchternen Tochter nie erwartet hätte.
»Ich weiche keinen Schritt von hier, ehe Erdwin nicht gänzlich
hergestellt ist, und trifft ihn das Schlimmste, so soll sein Grab von
meinen Tränen genetzt werden.«
»Nun, dann weiß ich auch, was ich zu tun habe«, antwortete die Mutter
ebenso entschlossen. »Ich gehe selbst zu dem verdrehten und in seinem
Bürgerstolz überspannten Scheffer und halte ihm seine Sünden vor.«
Monika erschrak und bat die Mutter, davon abzusehen, aber alle Einrede
war vergeblich.
Die Rosenhagens wohnten bei einer Witwe in der Badeleber Straße; von
dort machte sich Immecke an einem der nächsten Tage auf den Weg nach
St. Ägidien. Sie wollte zunächst im guten mit dem Scheffer reden, war
aber entschlossen, die Sache zu irgendeinem Ende zu bringen, und dann
sollte, scheiterte ihr Versuch, sie kein längerer Einspruch Monikas vom
Aufbruch von Goslar fernhalten.
Es öffnete ihr die Schwester Erdwins, die sie von einem Besuch in
der Badeleber Straße her kannte. Die Mutter wurde gerufen und mit
ihr bekannt gemacht. Dann gingen sie zu Erdwin hinein. Es war das
erstemal, daß Immecke ihn seit dem Tage von Riechenberg wiedersah. Auch
sie erschrak, als sie ihn erblickte, obschon das Schlimmste längst
überstanden war.
»Armer Schelm, wie haben sie Dir mitgespielt, aber nun heißt es
schnellstens gesund werden, ich will das Meinige dazu beitragen und mit
dem Vater sprechen.«
Erdwin stimmte lebhaft zu, die Mutter widerriet ängstlich, doch Immecke
war entschlossen: »Ruft ihn also.« Aber die Mutter warnte, Erdwin der
Aufregung auszusetzen.
»Gut, so suchen wir den Löwen in seiner Höhle auf«, sagte sie resolut
und ließ sich von der Frau den Weg zur Werkstatt zeigen, wo Meister
Scheffer wütend auf das Leder losklopfte, als solle es für alle
Widerwärtigkeiten büßen, die ihm widerfuhren.
Sie klopfte, und ehe noch der Meister »Herein« gerufen hatte, stand sie
schon im Zimmer. »Guten Tag, Meister Scheffer.« Er tat sehr erstaunt,
aber sie hatte mit ihrem scharfen Auge wohl das Gesicht gesehen, das
sich vorhin bei ihrem Kommen an das Guckfenster preßte, und da die
Frau einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, durfte sie annehmen,
daß er den Besuch kenne.
»Wir kennen uns durch unsere Kinder,« ging sie auf die Sache los, »und
ihretwegen komme ich.«
Meister Scheffer fühlte sich höchst unbehaglich unter dem scharfen,
prüfenden Blick der Frau, die da so mir nichts, dir nichts bei ihm
eindrang. Er hüstelte verlegen und suchte an ihr vorbeizublicken, als
suche er nach einem Bundesgenossen. Aber Immecke Rosenhagen kannte ihre
Leute und ließ ihn nicht aus den Augen.
»Meister Scheffer, ich bin zu Euch gekommen, um von Euch zu hören, was
Ihr gegen mich und mein Kind habt. Daß ich sie Euch nicht aufdrängen
will, brauche ich nicht zu sagen. Indes, ich will nicht länger zusehen,
wie zwei Menschenkinder, die mir beide lieb sind, an Eurem Starrsinn
zugrunde gehen. So oder so will ich Klarheit schaffen.«
»Ihr kommt einem arg grob«, meinte er ausweichend. »Was ich für Gründe
habe? Nun, es wären ihrer mehrere. Wir kennen uns zu wenig, und Ihr
seid nicht von hier.«
»Ist das alles, so ist das kein Grund, Eure Zustimmung zu versagen.
Oder ist es bei Euch verboten, durch frisches Blut von draußen Eure
Stockfischigkeit zu bessern? Mir scheint das sogar sehr vonnöten, wie
Ihr selbst beweist«, fuhr sie in ihrer derben Offenheit fort.
»Nun ja, das mag sein, aber es wäre da noch so manches ...«
»Und unter dem ›Manchen‹ ist eines für Euch die Hauptsache, gesteht
es nur ruhig zu. Wer nicht seßhaft, gilt in Euren Augen als fahrendes
Volk, und ich im besonderen bin Euch wohl gar verdächtig wegen der
Herkunft meines Kindes. Seid unbesorgt, sie ist im Ehebett geboren so
gut wie Eure eigenen. Und hegt Ihr Zweifel, so lest hier den Trauschein
des ehrenwerten Feldkaplans Carolus Wintinger.«
»Ja, ich sehe schon, da ist alles in Ordnung«, ächzte Meister Scheffer.
»Aber da wäre doch noch, ich meine, es gilt doch auch die eigene
Reputation; da sind zum Exempel die Nachbarn, was sollten sie, was
werden sie ...« Schneidend lachend fiel ihm Immecke ins Wort, indes die
Stirn sich vor Zorn rötete.
»Da wäre doch noch, da ist zum Exempel,« höhnte sie, »da ist das
Marketenderweib, das sich erdreistet, vor Euch zu treten und den
vermessenen Gedanken zu haben, als wäre sie, als könnte sie ... Pfui
Teufel der Wohlanständigkeit, die ihr Genüge darin findet, braven
Leuten die Ehre zu kürzen. Aber nun beruhigt Euch, jetzt will ich
nicht. Macht's mit Euch und Eurem Gott ab, wenn Euer Sohn darüber
zugrunde geht. Doch über eines will ich Euch noch beruhigen. Ihr hättet
Eurer Ehre nichts vergeben mit meiner Monika. Mir haben mehr vornehme
Herren die Hand gedrückt und dankbar geküßt, als Euch vielleicht zu
Gesicht gekommen sind.
Was wißt Ihr hier in Eurem satten Behagen von dem Leben und Nöten
draußen, den Nöten Eurer eigenen Kinder, die hinauslaufen, weil Ihr
ihnen die Enge hier zu unerträglich macht.
Euer eigener Sohn rannte so davon vor Euch, Meister Pechdraht, weil Ihr
bange waret, sein Horizont möchte den eigenen überschreiten, könnte
über die Sicht Eurer Türme hinausreichen. So lief er davon wie so
mancher gute, deutsche, ehrliche Knabe, der in die Fremde ging, um auf
welschem Schlachtfelde für welsche Fürsten sein Herzblut zu
verspritzen.
Ich habe sie gelehrt, daß es ein Vaterland gibt, ein Deutschland, dem
unsere Kraft gehören müsse, ich habe ihnen diese Sehnsucht in das Herz
gepflanzt. Ich habe sie in die Arme genommen, wenn das Heimweh sie
packte und schüttelte, ich habe ihre Wunden verbunden, die welsche
Waffen ihnen geschlagen; ich habe ihnen die Augen zugedrückt und sie in
welscher Erde betten helfen wie die Mutter ihr Kind, ich, die Deutsche
den Deutschen. Das ist die Marketenderin Immecke Rosenhagen vom
Regiment Holzendorf. Und nun lebt wohl, unsere Wege scheiden sich.«
Sie war draußen, ehe sich der gute Meister Scheffer von seiner
Bestürzung und Beschämung erholt hatte. Die Haustür flog zu, daß die
Glocke ängstlich wimmerte. Grimmig lächelnd schritt Immecke dahin, der
Badeleber Straße zu. Nun war es zu Ende, und nun hieß es, einen Strich
unter die letzte Vergangenheit machen, für sich und für Monika.
Als die Tochter sie ins Zimmer treten sah, wußte sie schon, wie
der Besuch verlaufen war. Sie brauchte gar nicht zu fragen, die
Mutter begann sogleich zu erzählen. Und sie schloß mit der barschen
Aufforderung: »So, nun ist's Schluß. Ich habe das Meinige getan. Nun
hat das Herz zu schweigen, und die Vernunft tritt an seine Stelle.«
Monika war so verschüchtert, daß sie vorab keine Silbe zu antworten
wagte. Aber in der Nacht brach der Kummer sich Bahn, erst in einem
stillen Schluchzen, daß die Schultern erbebten, und dann, als die
Mutter sie ansprach, in lautem Weinen, so daß Immecke ihr doch ein
gutes, tröstendes Wort sagen mußte. Auch am anderen Tage stand indes
ihr Entschluß noch fest, Goslar zu verlassen. Denn: ein rascher,
fester Schnitt ist besser als ein langsames Sich-dahin-quälen, dachte
sie. Einen Augenblick kam ihr auch wohl der Gedanke, das alte Handwerk
wiederaufzunehmen; aber davon ging sie bald wieder ab, wenn sie Monikas
sich erinnerte. Da wurde sie in ihrem Vorhaben schwankend gemacht durch
Heinrich Achtermann, der bei Scheffers von Immeckes Besuch und ihrem
Mißerfolg gehört hatte. Er ging zu den Frauen und machte ihnen einen
Vorschlag, der sie in Goslar festhalten sollte.
»Ich habe gehört, daß der >Goldene Adler< an der Gudemannstraße
zum Verkauf stehe. Es ist eine gutgehende, achtbare Herberge, die
ihren Mann ernährt. Wie ich Euch kenne, wäret Ihr wohl imstande, ihr
vorzustehen. Ihr könnt Euch ja einen Schaffner halten. Wie Ihr es mit
der Anzahlung halten wollt, weiß ich nicht, aber vielleicht ist da auch
manches zu machen durch Bürgschaft, die Euch von meinem Vater nicht
fehlen würde.«
»Da seid ohne Sorge,« entgegnete Immecke, »ich bin nicht mittellos. Ich
habe einen guten Spargroschen, ehrlich verdientes Geld, das anzunehmen
sich kein Goslarer Bürger zu bedenken braucht. Auf jeden Fall danke
ich Euch für Euren guten Willen. Ich will mir's überlegen und Euch
Nachricht geben.«
* * * * *
Die Einbürgerung ortsfremder Personen, für welche die neue Zeit aus
parteipolitischen Gründen heraus alle Schwierigkeiten zu beseitigen
bestrebt ist, konnte früher nur schwer erreicht werden, und Immecke
Rosenhagen hätte mit ihnen nicht weniger, ja, vielleicht sogar noch
mehr zu kämpfen gehabt, als sie sich entschloß, den Vorschlag Johannes
Hardts anzunehmen.
Wer das Bürgerrecht einer Stadt wie Goslar erhielt, gewann damit einen
Kranz von Rechten auch wirtschaftlicher Natur, die eine Auslese der
Zuwandernden als sehr berechtigt erscheinen lassen mußte, abgesehen
davon, daß man in jener unruhigen Zeit, die schon in der Masse der
eigenen Bürger Keime gärender Ungeduld und Mißstimmung auf vielen
Gebieten barg, sich hütete, noch fremde Schößlinge, deren Wesen nicht
genug zu erkennen war, in den eigenen Garten zu pflanzen. Der Nachweis
dieser »Würdigkeit« ist ein Erfordernis, das sich bis in unsere Tage
in der Stadt Goslar erhalten hat und beispielsweise heute noch von neu
anzustellenden Beamten verlangt wird.
Diese »Würdigkeit« hatte also auch Immecke Rosenhagen zu erbringen, und
sie konnte das in einer Weise, die sich für sie zu einer glänzenden
Genugtuung gestalten sollte. Als sie zum Rathaus beordert wurde, mußte
sie sich dort zunächst einem Verhör in der Kanzlei unterziehen, das
durchaus nicht nach ihrem Geschmack war. Der Schreiber behandelte sie
mit einer ausgesprochenen Nichtachtung, und als sie dann selbst auf
sich aufmerksam machte, versuchte man sie in ein förmliches Kreuzverhör
zu nehmen. Aber da kannten sie Immecke Rosenhagen!
»Euch Schreibersleute scheint die Neugier arg zu plagen, aber
befriedigt sie an einem anderen Objekt als bei mir. Ich habe Besseres
zu tun, als müßige Leute zu unterhalten. Ich will zum Bürgermeister
Karsten Balder, und wenn Ihr den Weg nicht wißt, suche ich ihn mir
selber.«
Das war eine im Rathause geradezu unerhörte Art des Auftretens, noch
dazu von einem Frauenzimmer. Aber sie hatte durchschlagende Wirkung;
man wies sie zum Regierenden. Dort brachte sie unwillig sogleich ihre
Ansicht über diese Art von Behandlung vor, so daß auch Karsten Balder
sie erstaunt anblickte.
»Ich soll also meine ›Würdigkeit‹ nachweisen,« hub sie dann an, »ich
denke, das soll heißen, ob ich nicht gestohlen oder betrogen oder sonst
eine Missetat auf dem Gewissen habe. Dieses hier wird Euch hoffentlich
darüber beruhigen.«
Damit überreichte sie ihm zwei Schreiben, eines von dem Feldobristen
von Walsrode im Regiment Holzendorf und das andere von dem
Generallieutenant und Befehlshaber der gesamten deutschen Knechte in
burgundischen Diensten, Herrn Friedrich von Uslar.
Beide bestätigten, daß Immecke Rosenhagen, Marketenderin im Regiment
Holzendorf, nicht nur ein braves, ehrliches und tapferes Frauenzimmer
sei, sondern sich auch besondere Verdienste um das Wohl und Wehe der
deutschen Knechte erworben und ihnen allzeit hilfreich zur Seite
gestanden habe. Sie verdiene höchste Achtung, und ihr Lebenswandel sei
ein untadeliger.
Karsten Balder durchlas die Schreiben, dann trat er auf Immecke zu und
reichte ihr die Hand:
»Immecke Rosenhagen, was die Herren hier von Euch schreiben, ehrt Euch
mehr, als viele Eures Geschlechtes von sich sagen können. Ihr seid
herzlich willkommen in Goslar. Ich wollte, wir hätten mehrere Eurer Art
in unseren Mauern. Mit diesem Handschlag begrüße ich Euch als Bürgerin
von Goslar. Nehmt es zugleich als einen Ausgleich für die kleine Unbill
von vorhin, für die Ihr ja aber selbst gleich Buße auferlegt habt«,
schloß er lächelnd.
Freimütig blickte ihm Immecke in die Augen. »Ich danke Euch, Herr
Bürgermeister Karsten Balder, und ich hoffe, Ihr werdet Euer Wohlwollen
nicht zu bereuen haben.«
So wurde die Marketenderin Immecke Rosenhagen Bürgerin der Freien
Reichsstadt Goslar und Besitzerin des ›Goldenen Adlers‹ in der
Gudemannstraße. Und es erweist sich noch, daß sie dem Bürgermeister
Karsten Balder nicht zuviel versprach.
Über die Berge des Harzes hielt der Winter noch seine eisenharte Faust
ausgestreckt, obwohl der Februar zu Ende war. Wohl brausten hin und
wieder die Stürme des herannahenden Frühlings durch den düsteren Tann
und nahmen den ragenden Waldbäumen die ungeduldig getragene Schneelast
ab, aber der nächste Tag verdarb, was sein Vorgänger gutzumachen
versuchte, und die gleichmäßige, weiße Kappe deckte wieder Wipfel und
Strauch. Im Dickicht lagerte das abgemagerte Wild, dem der Weg zu den
kärglichen Äsungsplätzen durch die hartgefrorene Eiskruste versperrt
war. Und manch edler Geweihte lag mitsamt den Gefährtinnen im Wundbett,
weil der nagende Hunger sie auf die Nahrungssuche getrieben und die
Läufe beim Durchschreiten der Schneekruste von dieser aufgerissen
waren.
Das Raubzeug fand an ihnen willkommene Beute. Und dennoch war auch bei
diesen Schmalhans Küchenmeister. Nicht einmal ein Mäuslein lief dem
leise durch den Wald schliefenden Fuchs in den Weg. Das Eichkätzchen
saß ihm unerreichbar im warmen Kobel, und der Häslein gab es auch in
guten Zeiten nur wenige im wilden, rauhen Gebirge.
Meister Reinekes größerer Bruder, der Wolf, stieg in die Ebene herab
und fiel an, was ihm in den Weg kam. Bis in die Landwehr drangen sie
vor, und, was seit Menschengedenken nicht vorgekommen, einmal verirrte
sich sogar einer von diesen frechen Gesellen durch ein Mauerpförtchen,
das über Mittag ein Viertelstündchen offen gestanden hatte, in die
Stadt. Dort fielen die Hunde ihn wütend an, und er büßte sein Leben
unter ihren Bissen ein trotz wilder Gegenwehr. Er war ein lebendiges
Zeichen dafür, wie groß auch die Not unter dem Getier des Waldes sein
mußte.
Mit Sorgen sah der Jäger den Folgen dieses unbarmherzigen Winters
entgegen. Mit Sorgen blickte aber auch der Hausherr auf den ständig
sich mindernden Vorrat an Spaltholz, das der nimmersatte Kamin mit
gefräßiger Eile verlangte, wollte man nicht zähneklappernd im eigenen
Hause sich der Kälte überliefern. Schlimm für die Armen, die ansonst
auch im Winter ihren Bedarf an Leseholz sich im Walde sammeln konnten.
Schlimm für alle, welche ihr Beruf aus der Stadt heraustrieb, wie
die Erz- und Hüttenleute, welche im Granetal und anderen waldreichen
Flußtälern die Erzroste bedienten. Es gab keine Möglichkeit, in den
tiefverschneiten Forsten das nötige Holz zu fällen und zur Talsohle zu
schaffen. Sie alle froren unfreiwillig schon seit Monaten, und der
Hunger bleckte grimmig durch die kleinen Fensterscheiben ihrer Hütten.
Am Rammelsberge wurde der Grubenbetrieb notdürftig aufrechterhalten,
denn seitdem das Pulver aufgekommen war, kam man immer mehr von dem
uralten Brauch ab, das Erzgestein, welches abgebaut werden sollte,
durch Feuer zu rösten und mürbe zu machen für den Angriff mit Spitzhaue
und Brechstange. Aber das gewonnene Erz konnte nicht verhüttet werden
und lag als lohnzehrendes, totes Material in Halden vor dem Berge.
Nur ein Teil der Menschen, die unter dem harten Joche des Winters
litten, gewann ihm Freuden ab und wünschte, daß er noch länger sein
Regiment ausübe: die Kleinen. Wenn sie der strengen Zucht des Magisters
oder Schulmeisters entschlüpft waren, wenn sie der Aufsicht und den
Mahnungen der Mutter auf einen Augenblick entwischen konnten, ertönte
ihr Geschrei und Jubel auf der Straße. Wo immer ein Hang sich senkte,
wo eine gefrorene Pfütze blinkte, da sausten sie auf den flachkufigen
Bretterschlitten, auf umgekehrten Schemeln herab oder glitten auf des
Schusters Rappen über die blanke Fläche in endlosem Kreislauf, einer
den anderen anfeuernd und überschreiend. Mochte ein strenger und
wohlweiser Rat, dessen Verbote sonst immer Beachtung fanden, noch so
oft Erlasse gegen das Schlittern und Schlittenfahren in den Straßen
geben, die Stadtweibel ihnen nachspüren, die Rangen lachten ihrer aus
sicherer Entfernung und verschwanden nur um die Ecke, um an anderer
Stelle das gesetzwidrige Spiel wiederaufzunehmen.
In den Häusern der Bürger war man des hartnäckigen Gesellen gleichfalls
überdrüssig, nicht nur, weil der Holzvorrat zu Ende ging und die
Erwerbsquellen vor den Toren für manche versiegt waren, auch die Jugend
sehnte sein Ende herbei. Der Winter brachte zwar für das gesellige
Leben in der reichen Stadt manche Gelegenheit, einander zu sehen und
zu sprechen, neben dem Verkehr in den Familien, aber nachdem die
Hauptfeier, das Festmahl des neugewählten Bürgermeisters, der mit dem
andern im Amte verbleibenden für das nächste Jahr regieren sollte,
begangen war, hatte der Winter für die Jugend, die flügge gewordene,
seine Reize verloren, und sie harrte ungeduldig ~ihres~ Festes,
des ›Langen Tanzes‹.
Er ging in seinen Anfängen bis in den Anfang des vierzehnten
Jahrhunderts zurück und wurde um die Fastnacht gefeiert.
In gewöhnlichen Jahren war er der Vorbote des Lenzes, auch in Goslar.
Heuer freilich sah es trübe aus, da der alte Griesgram Winter immer
noch sein hartes Zepter schwang.
So gab er dieses Jahr auch nur ein klägliches Abbild der sonst dabei
herrschenden Lust und Freude, denn die Kälte war just an dem Tage,
auf den er fiel, grimmig. Die Jünglinge mochten ihr noch standhalten
in warmgefütterten Wämsen, die Mägdelein aber scheuten die Teilnahme;
denn welches Jungfräulein besitzt so viel Aufopferungsfreudigkeit, ein
blaugefrorenes Näslein der Spottlust der männlichen Jugend auszusetzen.
Gegen die Kälte konnte man sich auch schützen durch ein wärmendes
Kolett, das, um die Schultern gelegt, den zarten Hals und die Brust
schützte. Aber sollte man so das Geschmeide verdecken, das bestimmt
war, die Schönheit der Trägerin zu heben. Und die duftigen Gewänder,
die man sonst unter dem warmen Hauch der Frühlingssonne schon anzulegen
wagen durfte, sie schieden für dieses Mal gänzlich aus.
Nur das geringere Volk, das nicht so empfindlich gegen die Unbilden der
Witterung war, ließ sich sein Recht nicht nehmen. An der Spitze gingen
die jungen Bergleute. Mit Zithern, Geigen und anderen Instrumenten
zogen sie musizierend durch die Stadt, aber gar oft setzte einer der
Musikanten aus, um die klamm gewordenen Hände zu wärmen. Auch die
Lieder klangen dünn durch die harte Winterluft. Natürlich fehlte das
alte Spottlied nicht, das auf die von Kaiser Karl +IV.+ vollzogene
Verpfändung Goslars an Graf Günther von Schwarzburg Bezug hatte:
»Kaiser Karolus hochgeboren,
Der Goslar hät vom Rike einst verloren,
Der Rammelsbereg hät einen silbernen Fot,
Darummen tragen wir einen frischen Moht.
Mit düssen hübschen Jünferlein
Maken wir von Tannen ein Krenzelein
Wents thaun andern Jahre,
Sau tanzen wir mit twei Paare.
Wie wilt woll darup denken,
Wie wilt öhn dat wieder schenken.«
Da die Töchter und Söhne der vornehmen Bürger sich vom ›Langen Tanz‹
dieses Mal fernhielten, konnte auch der Streitfall zwischen Venne
Richerdes und Heinrich Achtermann nicht entschieden werden; aber man
hoffte, das Versäumte zum Maienfest nachzuholen.
* * * * *
Auch die Ostgänger aus Flandern waren dieses Mal durch den langen
Winter in Goslar festgehalten worden, sobald jedoch der erste
Lenzeshauch Wege und Stege von der winterlichen Sperre befreite, zogen
sie davon. Während aber in der Ebene schon die Boten des Frühlings
Einzug gehalten hatten, zeigten die Berge im Hintergrunde noch Reste
des winterlichen Schmuckes. Der Tann ragte düster starr gen Himmel,
der Frühlingswind wehte ungehemmt durch das kahle Geäst der Eichen im
Gosetal.
Doch mählich regte sich's auch hier im Harzwalde. Überall rieselten
die Bächlein des Schmelzwassers geschäftig zu Tal. Wo die Sonne
lockte, wagte wohl ein Hälmlein sein duftiges Grün zu zeigen, hob ein
Buschwindröschen das zierliche Glöckchen, um es zum Frühlingsgeläut zu
stimmen. Die Meise hüpfte geschäftig durch das Gezweige des einsamen
Tanns. Das Eichkätzchen verließ sein Winterquartier, fand, daß es recht
mager geworden sei durch das lange Fasten. Es rasselte muckernd vom
Stamm herab, um zu sehen, ob nicht ein Tannenzapfen übriggeblieben,
um den nagenden Hunger zu stillen. Und wieder über ein kleines, da
steckten die Tannen und Fichten grüne Spitzen auf und rote Kerzen zu
Tausenden: Nun war der Lenz auch hier zur Macht und Herrschaft
gekommen.
Maiengrün, Maienduft, welch unnennbarer Zauber umschließt das Wort.
In den Tälern zu Rudeln vereint, im düsteren Tannenforst einzeln sich
zum Lichte durchbrechend, grüßen die Birken von den Hängen mit ihrem
ersten duftenden, hellgrünen Laub. Lenzesboten, sie sind's auch heute
noch im winterharten Harz. Erst wenn die grünen Buschen und Bäume die
Straßen und Häuser schmückten, ist dem Harzer das Bewußtsein ins Herz
gepflanzt, daß der Frühling wirklich eingezogen ist.
In Goslar schickte man sich an, das Fest der Maienkönigin zu begehen.
Draußen vor dem Tore, aber im Schutze der Landwehr, erhoben sich
lustige Zelte, mit Maien geschmückt und mit Teppichen behängt; von
ihrer Spitze flatterten lustig die schwarzgelben Wimpel.
Am Nachmittage zog die Jugend aus, die Mägdelein im duftigen
Sommergewande. Die Jünglinge in prächtigen, enganliegenden Seidenwams,
das Federbarett kühnlich auf dem Haupte, boten zwar der strahlenden
Sonne ein willkommenes Objekt, aber kühn und zuversichtlich schritten
sie an der Seite ihrer Dame einher. Lustig ließen die Stadtmusikanten
ihre Weisen erklingen. Auf dem Plan vor dem Rufzentore sollte sich's
entscheiden, wem heuer die Krone der Anmut und Schönheit zuerkannt
werden würde.
Die Alten, die Väter namentlich, zogen sich auf dem Festplatze
alsogleich in die Zelte zurück, in das eigene, das des Nachbarn oder in
die, welche zur öffentlichen Bewirtung der Gäste harrten. Die Jugend
aber bewies, nach Geschlechtern getrennt und im bunten Durcheinander
der Jünglinge und Mägdelein, daß der lange Winter die Geschmeidigkeit
der Glieder und die Anmut der Bewegung nicht hatte ertöten können.
Die Reigen lösten einander ab, und auch der neue französische
Tanz wurde von einem kleinen auserlesenen Kreise vorgeführt. Ein
durchreisender Tanzmeister aus Paris war in Goslar angehalten worden
und hatte sein Bestes getan, um die Pariser Grazie auch im rauhen
Deutschland nicht ins Gegenteil verkehren zu lassen. Durfte man seinem
Urteil glauben, so tanzte die Goslarer Jugend dieses zierliche Menuett,
das, aus dem schönen Poitou stammend, in Paris eine veredelte Gestalt
erhalten hatte, trotz einem Pariser und einer Pariserin.
Heinrich Achtermann war der Partner Vennes. Voller Entzücken hingen
seine Augen an ihr, die die verkörperte Lieblichkeit und Grazie
schien. Bei den Reprisen fand sich auch wohl Gelegenheit, ihr ein Wort
zuzuflüstern. Noch hielt sie ihn in Schranken mit einem unmerklichen,
aber unwilligen Schütteln des Kopfes oder leicht gerunzelter Stirn;
aber je höher die Wogen der Freude und Lust gingen, desto wärmer wurde
auch ihr ums Herz, und ein schneller, froher Blick streifte ihrerseits
den Gesellen.
Als der Tanz zu Ende war, brach lauter Jubel los, und die umstehenden
Bürger beteiligten sich ebenfalls wacker an dem Beifall.
»Ein hübsches Paar, unsere Kinder,« flüsterte der Ratsherr Achtermann
dem Bergherrn Richerdes zu. »Wie geschaffen füreinander. Und zum
Sichfinden scheint es bei den beiden auch nicht mehr weit zu sein.
Sollen wir abwiegeln oder helfen, Nachbar?«
»Es schlüge den Tatsachen ins Gesicht, wollte ich Euch widersprechen,
Ratsherr, und dazu bin ich als Vater nicht bescheiden genug. Gewiß,
ein stattliches Paar, und was das andere anbetrifft, so wird unsere
Zustimmung den beiden sicher nicht ungelegen kommen. Aber da ist noch
manches zu reden.«
»Gewiß,« fiel ihm Achtermann in die Rede, »doch ich hoffe, daß sich's
ausgleichen läßt.«
»Nachbar,« sagte darauf Richerdes nicht ohne Ernst, »die Aufnahme
meiner Tochter in Eurem Hause ehrt mich. Aber auf eins laßt mich mit
allem Nachdruck hinweisen. Ihr seid reich, ich demgegenüber kaum
wohlhabend. Ich will nicht, daß meiner einzigen Tochter später aus
diesem Mißverhältnis Ärger erwächst. Könnt Ihr mir das versprechen, so
mag die Sache ihren Lauf haben.«
»Ihr sprecht wie ein Mann, Richerdes, das ehrt Euch. Aber Ihr schickt
Eure Tochter ja nicht mit leeren Händen. Wäre Venne arm, so würde
ich aus demselben Grunde der Heirat widerraten; denn ist es schon
bedenklich, wenn ein reiches Mädchen einen armen Schlucker freit, so
taugt es niemalen und nimmer, wenn die Braut als Jungfer Habenichts
einem reichen Mann die Hand reicht. Darüber seid also beruhigt. Könntet
Ihr mich nur auch in diesem Augenblick befriedigen betreffs Eurer
Gruben.«
»Ich habe mir auch die Sache inzwischen durch den Kopf gehen lassen«,
sagte Richerdes, »und finde, daß Ihr vielleicht nicht unrecht habt.
Doch da ist noch manches Beding zu erfüllen.«
»Das ist vortrefflich, Nachbar, das freut mich,« antwortete Achtermann,
»das Weitere überlaßt nur mir. Sind wir über die Hauptsache im reinen,
werden wir über Kleinigkeiten nicht stolpern. Nun aber kommt, hier ist
unsere Arbeit getan. Wir wollen dem einen wie dem anderen einen edlen
Trunk weihen. Seid mein Gast, Schwäher.«
Sie traten in das Zelt Achtermanns ein, und bald saßen sie hinter dem
Becher mit funkelndem Wein und pflegten freundschaftliche Zwiesprache.
Auf dem Platze gingen die Reigen zu Ende. Noch war die Königin des
Festes zu küren. Es gab kein langes Beraten unter den Richtern, wem sie
den Preis zuerkennen sollten.
»Venne Richerdes ist die Schönste, Venne Richerdes soll Maienkönigin
sein!«
Ein Jubel ohnegleichen erhob sich bei diesem Urteilsspruch. Freudig
umdrängten sie die Freundinnen. Nur wenige standen mit einer Regung
des Neides beiseite. Zu ihnen gehörte auch Alheid Karsten, die Tochter
des Bürgermeisters. Nicht neidete sie Venne, daß sie die Schönste sein
sollte; auch sie hätte ihr den Preis zuerkannt. Aber alles vereinte
sich, um jene begehrenswert zu machen in den Augen der Männer, und
dieses Lob heute trug noch mehr dazu bei, den von ihr heimlich
Geliebten, Heinrich Achtermann, an sie zu ketten.
In lieblicher Verwirrung hielt Venne dem Ansturm der Jünglinge und
Freundinnen stand. Heinrich Achtermann trat als letzter zu ihr heran.
»Nun, Königin, seid Ihr zufrieden? Die Herrscherin seid Ihr im Reiche
der Schönheit, die Gebieterin im Bereiche der Grazie und Anmut. Nun
werdet Ihr's glauben müssen, und nun begehre ich mein Recht.«