Die welschen Studenten nannten die beiden blonden Jünglinge insgemein
›+li gemini+‹, die Zwillinge. Halb war es Spott, halb Neid, der
aus diesem Beinamen erklang. Besser noch trafen es die Bologneser
Schönen, die den dritten, den braunlockigen Gottfried Kristaller, aus
dem Bistum Straßburg gebürtig, in ihren Scherz mit einschlossen und die
drei die ›Unzertrennlichen‹, ›+li inseparabili+‹, tauften. Hinter
dem vorgehaltenen Fächer, hinter dem wohlverwahrten Fenster klang
es immer wieder: ›+Li inseparabili+‹, wenn die drei Deutschen
auftauchten oder vorübergingen.
Seit geraumer Zeit schon weilten sie auf Bolognas Hoher Schule, um dem
Studium der Rechte obzuliegen, das hier nach wie vor seine vornehmste
Pflegestätte hatte. Der Älteste von ihnen, Johannes Hardt, war der
Semester vier hier, sein Vetter Heinrich Achtermann, gleich ihm in
der alten Kaiserstadt Goslar am Fuße des Harzes daheim, kam vor mehr
als Jahresfrist über die Alpen gezogen, und der dritte, Gottfried
Kristaller, hielt die Mitte zwischen ihnen, was die Zeit des Studiums
an der welschen Universität betraf.
Jetzt waren sie alle drei bereit, Bologna zu verlassen. Johannes
hatte sein Ziel erreicht, denn er war unlängst zum Doktor der Rechte
promoviert worden. Heinrich wollte mit ihm ziehen, weil es so geplant
war und weil ihm der Zweck seines Aufenthaltes im Auslande erreicht zu
sein schien, nämlich sich in der Welt umzusehen und sich dabei ein wenn
auch bescheidenes Maß von juristischen Kenntnissen anzueignen, das ihm
für die Ratsherrnstelle in Goslar, die ihm nach Geburt und Herkommen
sicher war, nicht schaden würde und ihm auch für seine demnächstige
Beschäftigung in dem umfangreichen Handelsgeschäfte seines Vaters, des
Rats- und Kaufherrn Heinrich Achtermann, nur förderlich sein konnte.
Und Gottfried endlich schied, weil er es ohne die Gesellen in Bologna
fürder nicht glaubte aushalten zu können.
Die Abreise war beschlossen, der Tag dazu festgesetzt, der die
Unzertrennlichen scheiden würde. Die beiden Goslarer wollten den
kürzesten Weg in die Heimat einschlagen, den über den Brenner, während
Gottfried Kristaller die Reise über Mailand und den Gotthardt wählte,
um so gleichfalls möglichst schnell nach Straßburg zu gelangen.
Das bessere Teil fiel dabei Heinrich und Johannes zu, denn ihnen
erblühte mit dem in Aussicht genommenen Wege das Glück, in anmutiger
Gesellschaft bis in die Heimat zusammenreisen zu können. Es waren die
Damen von Walldorf, des Feldobristen von Walldorf zu Braunschweig
Ehegemahl und seine liebreizende und lebensfrische Tochter Richenza.
Man lernte die Damen in dem gastlichen Hause des Professors von
Wendelin kennen, der am +Collegium germanicum+ der welschen
Universität die Rechte lehrte. Bologna genoß, wie schon angedeutet,
dermalen noch den Ruf, die berühmteste Rechtsschule der Welt in seinen
Mauern zu beherbergen, und die meisten Nationen, so auch das Deutsche
Reich, unterhielten dort Akademien, die der Universität angeschlossen
waren.
Professor Hieronymus von Wendelin weilte seit fast 30 Jahren als
berühmter Lehrer in Bologna, und zu seinen Füßen hatte Johannes seit
mehr als zwei Jahren gesessen.
Auch die Freunde verdankten, was sie an geistiger Nahrung dort
genossen, in vornehmster Weise Wendelin. Viel war das freilich bei
Gottfried Kristaller nicht, und noch weniger hatte sich Heinrich
Achtermann mit der trockenen Rechtswissenschaft den Magen verdorben.
Er war Studierens halber in Italien, in Bologna seinetwegen, aber
das Studium beschränkte sich nach seiner Ansicht nicht darauf, den
spröden Stoff des römischen und kirchlichen Rechts zu zergliedern,
wie es Wendelin und andere gelehrte Herren versuchten, sondern für
ihn schloß es auch das Studieren von Land und Leuten in sich, und
unter diesen wieder nahmen die Frauen sein Hauptaugenmerk in Anspruch,
die ~schönen~, wie sich versteht. Und so beharrlich schaute er
den liebreizenden Bologneserinnen in die glänzenden Augen, bis die
Besitzerinnen, was freilich nicht oft geschah, verwirrt die dunklen
Wimpern über die leuchtenden Sterne herabsenkten oder er erforscht
zu haben glaubte, was auf ihrem tiefsten Grunde an Geheimnissen und
Seelenregungen geschrieben stand.
Gottfried Kristaller, der leichtlebige, bewegliche Alemanne, suchte
es ihm darin gleichzutun. Was er an Wissen mit sich nahm, drückte ihn
gewiß nicht nieder; aber er hoffte, die Lücken in seinen Kenntnissen
daheim, in der gleichförmigen Ruhe des Vaterhauses bald ausfüllen zu
können. So ergab es sich, daß er und Heinrich Achtermann in Wahrheit
die Unzertrennlichen waren. Gemeinsam durchtollten sie die Nächte,
gemeinsam verübten sie ihre losen Streiche, von denen dieser oder
jener sie in nicht unbedenkliche Händel zu verwickeln drohte. Aber ihr
unverwüstlicher Frohsinn half ihnen über alle Schwierigkeiten hinweg,
und vor dem Freimut, mit dem sie ihre Sünden bekannten, glättete sich
auch die düsterste Stirn.
Nur selten eilten Heinrichs Gedanken in die ferne Heimat. Und was vor
ihm alsdann auftauchte an altmodischer Tracht und Sitte im Vaterhause,
vermochte ihn nicht lange zu fesseln. Er kehrte immer wieder schnell
in die Wirklichkeit zurück, die ihn lachend und schmeichelnd umgab.
Daheim lebte ihm der würdige Vater, immer und allerorts bestrebt,
seiner Stellung als Ratsherr und Patrizier nichts zu vergeben, ihn,
den Sohn und Erben, schon jetzt immer ermahnend, auf seinen künftigen
Rang Rücksicht zu nehmen. Dort waltete die Mutter, die in ähnlicher
Fürsorge an ihm arbeitete. Dort war alles auf die Form, auf den Anstand
zugeschnitten, hier aber umgab ihn das lachende, sorglose Leben der
Italiener, die in heiterer Ungebundenheit jeder Regung des Herzens
unverhüllt und ungeschmält Ausdruck verleihen durften. Wäre es nach ihm
allein gegangen, er hätte das sonnige Land noch länger zu seiner Heimat
erwählt.
Auch eine Schwester war ihm beschieden, nur wenig jünger als er und im
Wesen ihm nicht unähnlich. Aber die beiderseitige Lebhaftigkeit trug
nur dazu bei, daß sie sich nach Geschwisterart ständig in den Haaren
lagen, ohne daß eigentlich ernstliche Zerwürfnisse zwischen ihnen
vorkamen. Doch Heinrichs Bedürfnis, zu necken und zu hänseln, erregte
immer wieder den hellen Zorn des Schwesterleins, namentlich, wenn er es
sich einfallen ließ, in ihr Zimmer zu kommen, während Freundinnen zu
Besuch da waren. Drang er alsdann unbefugterweise ein, so konnte man
darauf wetten, daß sein Abzug zuletzt ein unfreiwilliger war, der unter
Schelten der Mädchen vor sich ging. Ihn aber focht das nicht weiter an,
und noch heute gedachte er mit Schmunzeln der mancherlei Szenen, die es
dabei gegeben hatte. Am lebhaftesten stand ihm die letzte vor Augen,
die sich kurz vor seiner Abreise abspielte. Und auch die Gestalt der
Freundin, um die es sich dabei handelte, war ihm in aller Lebendigkeit
gewärtig.
Ein eigenartiges Mädchen, diese Venne Richerdes, wie sie ihm in der
Erinnerung vorschwebte, lang aufgeschossen und noch ohne jede Rundung
in den Formen. Weshalb gerade diese ihm besonders vor Augen stand,
hätte er selbst nicht zu sagen vermocht. Vielleicht entwickelte sich
das junge Ding noch einmal zu einer annehmbaren Mädchengestalt. Vorab
aber fiel sie nur auf durch ihr sprödes, zurückhaltendes Wesen, das
nicht selten sich in schroffen Meinungsäußerungen gefiel, besonders
wenn sie mit seinesgleichen zusammengeriet.
Doch, eins hob sie aus dem Rahmen der übrigen hervor, das war die
unnachahmliche Haltung des Kopfes mit dem wundervollen Rund der Zöpfe,
die sich wie eine Krone um das Haupt legten, und dann das Spiel der
Augen. Diese Augen, in deren unergründlicher Tiefe jetzt verhaltene
Wehmut schlummerte, jetzt schalkhafte Teufelchen ihr Wesen zu treiben
schienen und die in Augenblicken der Erregung flimmernde Blitze zu
sprühen begannen. Ihm selbst war aus ihnen auch oft der Zornteufel
entgegengefahren, wenn er sich nach seiner Art mit irgendeiner ihrer
kleinen Eigenheiten beschäftigte. Selbst der Abschied von ihr verlief
als ein solches Gewitter. Ja, zum Abschiednehmen kam es eigentlich
gar nicht; denn als er sie am Tage vor seiner Abreise zufällig bei
der Schwester traf, trat die zornige Spannung in ihrem Gesicht von
Minute zu Minute deutlicher hervor. Die Schwester suchte ihn, wie so
oft schon, auf schickliche Weise, hinauszubugsieren; aber in seiner
behaglichen Dickfelligkeit pflanzte er sich nun erst recht breit in
einen Sessel. Als das Gespräch zwischen den beiden Mädchen einen
Augenblick stockte, suchte er es durch eine seiner gewöhnlichen
Neckereien wieder in Fluß zu bringen. Noch schwieg die kampfbereite
Venne, doch in ihren Augen wetterleuchtete es unheilverkündend, wie er
mit innerer Freude feststellte. Nun bedurfte es nur noch geringer Mühe:
hierhin einen kleinen Stich und dort einen Hieb, da war die Entladung
da. Noch ein Wort, und Venne sprang auf und eilte zur Tür, ohne ihn
eines Wortes zu würdigen; nur ein funkelnder Blick traf ihn dort noch,
vor dem er sich, wäre er weniger dickfellig gewesen, hätte verkriechen
sollen.
Der Erfolg verblüffte selbst ihn: Teufel auch, war das eine hitzige
Kröte! Und nun setzte noch das Schmälen und Schelten der Schwester ein,
daß er alle ihre Freundinnen weggraule. Es endigte zuletzt damit, daß
sie ihn wutentbrannt aus dem Zimmer jagte. Er ging in dem nicht sehr
behaglichen Gefühl, daß er vielleicht doch etwas zu weit gegangen sei,
und es tat ihm halbwegs leid, daß sein Abschied von diesem Mädchen, das
ihn durch ihre Eigenart immer wieder anzog, sich in so unfreundlicher
Weise vollzogen hatte und daß sie seiner vielleicht mit Groll gedenke;
denn Heinrich Achtermann war ein durchaus gutmütiger Gesell, dem es
nicht entfernt beikam, einem Menschen absichtlich Unrecht zuzufügen.
Heute freilich lächelte er in der Erinnerung an jene dramatische Szene:
Wetter noch einmal, hatte das Ding Temperament! -- Wie mochte sie sich
übrigens wohl inzwischen entwickelt haben? Ob sie seiner noch immer in
unauslöschlichem Groll gedachte! -- Da kehrten seine Gedanken in die
Umwelt zurück und fanden sogleich das Ziel seiner Sehnsucht und Wünsche
von heute, Richenza von Walldorf.
Ja, die wenigen Wochen ihres Aufenthaltes im Hause der Wendelins und
der rege Verkehr mit den Damen hatte genügt, um sein Herz lichterloh
für die schöne Tochter des Obristen brennen zu lassen. Vergessen waren
die liebreizenden Bologneserinnen, verdrängt von der lebensfrischen,
sprudelnden Nichte des Professors.
Sie war zur Zeit unbeschränkte Alleinherrscherin in seinem Herzen. Auch
die Freunde merkten seinen Gemütszustand und ließen es an harmlosen
Neckereien nicht fehlen. Daß die kluge Richenza allein die Verheerung
nicht erkannt hätte, die sie angerichtet, war kaum zu glauben. Sie
ließ sich die Huldigungen des stattlichen Jünglings gern gefallen.
Freilich besorgte sie nicht, daß er dauernd seinen Seelenfrieden an
sie verlieren werde; denn die gelegentlichen Äußerungen der Freunde
verrieten ihr, daß sie nicht die erste Rose sei, die er zu pflücken
begehre. Über ihre eigenen Gefühle war sie sich nicht ganz im klaren,
aber sie traute sich die Zurückhaltung zu, die gegebenenfalls, auch
während der engeren Berührung, wie sie die gemeinsame Heimreise
notwendig bringen mußte, eine Schranke festhalten würde, um ein allzu
ungestümes Werben zu verhindern. Jetzt sahen sie sich täglich, ja
die letzten Tage, seit die Studenten ihrer Verpflichtungen gegen
die Universität überhoben waren, mehrmals am Tage, nachmittags bei
gemeinsamen Spaziergängen, abends im Hause der Wendelins.
Ein besonderer Anlaß hatte die Walldorfschen Damen nach Italien
geführt. Daheim lag das Brüderlein an langem Siechtum darnieder.
Keine ärztliche Kunst konnte ihm Heilung bringen. Da riet der ihnen
befreundete Prior eines Klosters der frommen Mutter, sie solle eine
Wallfahrt nach Rom unternehmen, um den Segen des Papstes und die
mächtige Fürbitte der Heiligen zu gewinnen. Der Vater, der rauhe
Kriegsmann, murrte und sprach von pfäffischem Firlefanz, aber die
Mutter ließ sich nicht beirren und brach mit der Tochter auf.
Rom lag hinter ihnen, und ihre Herzen waren voll froher Hoffnung; denn
nicht nur hatten sie sich die Fürsprache im Himmel gesichert, sondern
sie brachten auch die Vorschriften eines berühmten Arztes mit, von
dessen Heilkunst sie in Rom erfuhren. Nach genauer Erkundigung über die
Art des Leidens gab er ihnen seinen ärztlichen Rat mit auf den Weg.
Angesichts der Beschwerden der Reise war es für die Damen eine große
Erleichterung, daß sie in den Wendelins Verwandte fanden, die ihnen
auf der Hin-, wie auf der Rückreise gern Gastfreundschaft erwiesen.
Dieser Aufenthalt bei dem berühmten Rechtsgelehrten, den sie, besonders
Richenza, bisher kaum mehr als dem Namen nach gekannt hatten, bot ihnen
nicht nur willkommene Rast, sondern zwischen der Tochter des Hauses,
der lieblichen Gisela, und Richenza war eine aufrichtige Freundschaft
und eine fast schwesterliche Liebe aufgeblüht.
Lag, als sie nach Rom wollten, noch die Sorge um den Sohn und
Bruder wie ein Druck auf ihnen, so gab sich Richenza jetzt mit der
ungebundenen Fröhlichkeit, die ein Grundzug ihres Wesens war. In den
jungen Deutschen, die im Hause Wendelin ein und aus gingen, fand sie
das willkommene Gegenstück zu ihrem eigenen Frohsinn, und Heinrich
Achtermann wie Gottfried Kristaller waren immer bereit, auf ihre
tausend Neckereien und Scherze einzugehen, während Johannes mehr zu der
stilleren Gisela stand.
Die Aussicht, mit den beiden Goslarern die Heimreise antreten zu
können, erfüllte Richenza mit heller Freude; denn auf die Dauer war
von der frommen Mutter und dem bewährten Diener, den sie mitgebracht
hatten, nicht allzuviel Kurzweil zu erwarten. Man beredete alle
Einzelheiten der Fahrt, und der Tag der Abreise stand fest, da wurden
ihre Pläne noch im letzten Augenblick über den Haufen geworfen.
Heinrich und Johannes wohnten in einem Hause der Karmelitergasse.
Die Verbindung mit der Heimat war während ihres Aufenthaltes in der
Fremde nicht allzu eng gewesen, ein Schreiben hin und her im Jahre oder
deren zwei, das erschien beiden Teilen ausreichend, um sich von dem
gegenseitigen Wohlergehen unterrichtet zu halten. Um so größer daher
das Staunen, als Heinrich Achtermann kurz vor der Abreise noch einen
Brief des Vaters ausgehändigt erhielt, der den letzten Teil seines
Weges, von Trient ab, sogar mit besonderem Boten befördert worden
war, da der Wagenzug der Kaufleute, die bis dahin den freundwilligen
Beförderer abgegeben hatten, linksab, ins Val Sugano, einbog, um nach
Venedig zu gelangen. Heinrich erbrach das Siegel voller Erregung, denn
er ahnte, daß in dem Briefe Ungewöhnliches stehen werde. Kaum hatte er
ihn durchflogen, da eilte er auch schon zu Johannes und pochte ungestüm
an das noch verschlossene Zimmer.
»Auf, Langschläfer, mach' auf!« Und als der drinnen etwas von
»Ruhestörer« murrte, rief er noch dringlicher: »Eile Dich, wichtige
Nachricht von daheim!«
Da öffnete Johannes, der erst notdürftig bekleidet war, die Tür, und
schon sprudelte ihm Heinrich die Neuigkeit entgegen.
»So lies doch, Mensch, lies doch«, drängte er, fuchtelte dabei aber
mit dem Schreiben umher. Ruhig nahm es ihm Johannes aus der Hand und
schickte sich an zu lesen, doch schon unterbrach ihn der Freund
wieder: »Denk' doch, unser ganzer Reiseplan ist über den Haufen
geworfen; nach Mailand sollen wir, über den Gotthardt, mit dem Ernesti
ziehen!«
Etwas unwillig wehrte ihn Johannes ab: »Soll ich nun lesen, oder willst
Du erzählen?«
Da ließ jener von ihm ab, konnte sich aber nicht enthalten, über dem
Lesen immer wieder einen kleinen Fluch oder ein erregtes »Was sagst
Du dazu?« einzuschalten. Johannes ließ sich indes nicht beirren,
sondern las den Brief mit aller Gründlichkeit, und als er am Ende
war, begann er noch einmal. Aber wiederum vermochte er nichts anderes
herauszudeuten, als was er schon zum ersten Male gelesen.
Also schrieb aber der Vater und Ratsherr Heinrich Achtermann zu Goslar
an seinen Sohn Heinrich:
»... demnach wir darauff gefaßt seyn undt erwarten, daß Deine
Rückkehr, viellieber Sohn, sich noch umb mehreres verzögern werde,
wasmaßen wir wünschen müssen, daß Du, ohngeachtet der größeren
Strapazen undt Fatiguen, von Bologna den Weg uber Mediolanum, welches
man jetzo heyßet Maylant, undt weyter uber den Sankt Gotthardtsperg
wählen mögest, weyl Du in obgemeldeter Statt zum Anfang octobris den
wohledlen undt wohlachtbaren Herrn Henricus Ernesti würst treffen, als
welcher, nähmlich Herr Henricus Ernesti, dem hohen Rahte der Statt
Goslar günstige Bottschaft von der römischen Curia, auch des Papstes
Heyligkeyt zu erlangen beauftraget undt gewillt ist.
Obzwar nun vorbemeldeter Herr Henricus Ernesti unß solche Bottschaft
+in persona+ zu uberbringen bereyt, auch gehalten ist, er unß
aber bittet, ihn vors erste davon zu befreyen, sintemalen er noch in
denen hollandtschen Stätten zu weylen obligieret sey, haben wir unß
dahin resolvieret, daß Du, viellieber Sohn, die obgemeldete Bottschaft
uns, +sigillo+ wohl verwahret, unversehret uberbringen mögest,
undt seyn wir gewärtig, daß Du Dich der hohen Ehre, so Dir damit
widerfähret, würst wohl gewachsen zeygen. Tun Dir auch zu wissen, daß
es des Herrn Doctor Rudolpfus Hardt, als des Vaters Deynes Freundes
undt Gesellen Johannes Hardt, Wille undt Befehl ist, selbiger möge Dir
das Geleyt geben auf der Reyse gen Maylant zum Herrn Henricus Ernesti.
Auch verhoffen wir, daß Ihr alle Fährlichkeyten der Fahrt möget wohl
bestehen undt bey unß in Gesundtheyt werdet eyntreffen ...« Also
schrieb der Ratsherr Achtermann an seinen Sohn Heinrich unter dem 25.
Juni des Jahres 1515.
Johannes rieb sich die Stirn: Das warf ihre Reisepläne allerdings
gründlich über den Haufen! Ihm selbst machte es ja schließlich nicht
viel aus, ob er einige Monate früher oder später in Goslar eintraf, und
da ihm Gelegenheit geboten wurde, das mächtige Handelszentrum Mailand
zu sehen, wie die Schweiz und den Rhein, so sagte ihm die Änderung
von Minute zu Minute mehr zu. Aber er verstand den Groll Heinrichs
ebensosehr, kam dieser doch um die Möglichkeit, mit seiner neuen
Herzenskönigin, der schönen Richenza, noch länger zusammenzusein.
Natürlich mußte auch Gottfried Kristaller sogleich von der veränderten
Lage unterrichtet werden! Sie fanden ihn beim Frühstück. Er gewann der
Sache sofort die beste Seite ab. »Aber das ist ja herrlich, prächtig,
ihr Leute«, rief er begeistert. »Da reisen wir ja zusammen, und ich
kann Euch unser altes, liebes Straßburg zeigen.«
»Du hast gut reden«, murrte Heinrich. »Dir mag es gelegen kommen, aber
mir verdirbt es die ganze Rechnung.«
»Ach ja, ich verstehe,« schaltete Gottfried gutmütig lachend ein, »Du
meinst, nun geht Dir das trauliche Zusammensein mit Richenza Walldorf
verloren. Herzliches Beileid! Aber ich schaffe Dir Ersatz in unsern
schönen Straßburgerinnen.«
»Geh mir mit Deinen Dummheiten. Was gehen mich Deine Straßburger
Gänschen an!« grollte er. »Oho,« zürnte da Gottfried, dem der Schelm im
Nacken saß, »das laß nur mein Schwesterlein hören! Gerade ihr wollte
ich Dich präsentieren, von den noch schöneren Bäschen und Freundinnen
ganz zu schweigen. Doch wenn Du nicht willst, so habe ich noch ein
anderes Lockmittel: Unsern Wein wirst Du nicht verschmähen, und der
wird Deine Lebensgeister schon wieder heben. Erst wird gehörig Rast
im alten Straßburg gehalten, und dann mögt Ihr zu Euren Hyperboräern
heimziehen. Mich friert jetzt schon, denke ich nur an Eure Eiswüsten da
oben im Norden!«
Da mischte sich Johannes ins Wort. »Nun gebt einmal Ruhe, Ihr
Streithähne, und laßt uns überlegen, was zunächst zu tun ist. Ich
meine, vor allem müssen wir die Walldorfschen Damen von der Neuigkeit
unterrichten.« Und das geschah denn auch.
Man war natürlich im Hause Wendelin nicht weniger überrascht, und
besonders Richenza tat unzufrieden, daß die schönen Pläne ins Wasser
fielen. Aber es zeigte sich doch, daß die Wunde, die ihrem Herzen
geschlagen war, nicht allzu tief ging. Während die Mutter noch klagte,
daß sie nun der angenehmen Begleitung und des Schutzes verlustig
gingen, fand Richenza schon wieder ein munteres Wort. »Ei, so müssen
wir uns also des Wiedersehens daheim getrösten, in Goslar oder in
Braunschweig. Und nun wollen wir nicht länger Kopfhänger sein«, schloß
sie herzhaft. »Die Tage schwinden schnell dahin, die uns noch bleiben.
›+Carpe diem+‹, heißt's nicht so, Ihr gelehrten Herren? Ich
hörte es immer vom Oheim in Braunschweig, wenn ihm die Schaffnerin
noch heimlich eine Flasche des guten Weines holen mußte, ohne daß es
die Gattin sah. Also ans Werk, das heißt: Was wollen wir heute noch
unternehmen?«
Die Auswahl war nicht groß in Bologna. Die dumpfen, glutheißen Straßen
der Stadt boten kaum des Abends Erholung, und die Elemente, welche sie
alsdann belebten, waren, wie andererorts, kein Anreiz für Damen. Es
blieben nur die Uferwaldungen am nahen Reno übrig, dessen schattige
Gänge man also am Spätnachmittage aufsuchen wollte. Der Fluß selbst
war, wie die meisten Wasserläufe, die der Apennin speist, jetzt zu
einem dünnen Rinnsal zusammengeschrumpft.
Der Schicklichkeit halber begleitete Donna Wendelin, die Mutter
Giselas, die Ausflügler, obwohl diese lieber unter sich gewesen wären.
Dem guten Gottfried fiel die Ehre zu, die Dame zu führen. Er machte
zuerst ein etwas sauersüßes Gesicht, doch er fand sich bald mit Anstand
in seine Würde, zumal er wußte, daß er den Freunden, mindestens
Heinrich Achtermann, einen Gefallen erwies. Auch war Frau von Wendelin
noch eine sehr hübsche Frau zu nennen, der man die erwachsene Tochter
nicht ansah. Gottfried spielte seine Rolle als galanter Ritter so
anmutig und war so unerschöpflich in seinen drolligen Einfällen, daß
Frau von Wendelin aus dem Lachen nicht herauskam.
Die beiden anderen Paare gingen bald langsamer, bald schneller
und beredeten, was ihnen am Herzen lag. Heinrichs Ungestüm drängte
immer wieder zu einem entscheidenden Wort, aber Richenza hielt ihn
mit ebensoviel Anmut wie Geschicklichkeit in Schranken. Als er dann
doch von seiner Liebe zu reden begann, unterbrach sie ihn schelmisch
lächelnd, wie wohl auch ihr bei seinen Worten ums Herz war.
»Ich bitte Euch, sprecht nicht weiter. Wir wollen den Tag nicht durch
so ernste Dinge belasten. Ihr seid mir gut, das will ich glauben,
wenngleich ...« -- Heinrich wollte beteuern, da fuhr sie heiter fort:
»Um Gottes willen, nur nicht auch noch einen schweren Eid bei dieser
schrecklichen Hitze; ich will's Euch glauben, auch unbeschworen. Doch
im Ernst, wir wollen jetzt vernünftig sein. Laßt erst einmal die Reise
zwischen unserer jungen Freundschaft liegen, dann mag's sich erweisen.
Übrigens wird auch mein Herr Vater noch ein Wort mitreden wollen,
ein gar gestrenger Herr!« -- Die Schelmin wußte, daß sie den Vater
bisher immer noch dahin brachte, wohin sie ihn haben wollte, und sie
verschwieg auch, daß just in diesem Augenblick das hübsche Gesicht
eines Vetters von daheim vor ihr auftauchte, der ihr seine Neigung mit
noch heißeren Worten kundgetan hatte, ohne daß sie auch darüber gerade
ungehalten gewesen wäre.
Seufzend ergab sich Heinrich in sein Schicksal und machte ein so
betrübtes Gesicht, daß die muntere Richenza hellauf lachte. »Um Gott,
nicht diese Leichenbittermiene. Ich verschwöre es ja nicht, Euch
später anzuhören, nur Geduld sollt Ihr haben. Vielleicht sehen wir uns
demnächst in Braunschweig wieder, und vielleicht müßt ihr mich dort im
edlen Wettbewerb mit andern zu erringen suchen, die auch mich garstige
Person ins Auge gefaßt haben. Ich freue mich schon jetzt auf die Rolle
der minniglichen Richterin über euch.« Das war wieder ganz der Schelm
Richenza, und nun fand sich auch Heinrich wieder.
Währenddessen gingen Gisela und Johannes miteinander. Ihr Gespräch floß
nicht so leicht dahin wie das der Übrigen. Namentlich Gisela wollte
bisweilen, wie es schien, das Wort versagen.
Sie waren in der langen Zeit, seit Johannes in Bologna weilte, in ein
fast kameradschaftliches Verhältnis zueinander gekommen. Als der junge
Student vor nunmehr mehr als zwei Jahren ankam, brachte er die Grüße
und Empfehlungen seines Vaters mit, der, jetzt ein gesuchter Arzt
in Goslar, einst mit dem Professor von Wendelin in Leipzig zusammen
studiert und Freundschaft gehalten hatte. Diese alte Bekanntschaft
öffnete Johannes sogleich das Haus der Wendelins, und er ging dort bald
wie ein Sohn ein und aus.
Die Studenten des +Collegium germanicum+ hielten gleich denen der
andern Nationen eng zusammen, und die Professoren, zumeist Deutsche,
wie Herr von Wendelin, stützten diesen Zusammenschluß dadurch, daß sie
die jungen Leute an sich zogen, blieb ihnen doch selbst die Verbindung
mit der alten Heimat erhalten.
Nicht alle die wilden Gesellen jener Zeit der Scholaren und Vaganten
vermochten sich im Zaum zu halten. Aber die Gutgearteten unter ihnen
und die aus gesitteten Familien waren doch froh, daß sich ihnen hier im
fernen Welschland ein Haus auftat, in dem deutsche Laute erklangen und
deutsche Art gepflegt wurde. Auch die rohen Elemente vergaßen selten
eine Wohltat, die ihnen von den Professoren erwiesen wurde. Und Herr
von Wendelin hatte sich in dieser Hinsicht in mehr als einem Herzen
ein Denkmal der Dankbarkeit gesetzt.
Von all diesem sprach Johannes heute zu Gisela, und aus seinen Worten
erklang eine aufrichtige, ehrliche Dankbarkeit, daß es ihr warm ums
Herz wurde bei so viel Anerkennung ihres geliebten Vaters. Und dann kam
Johannes auf sie selbst zu sprechen und ihre Freundschaft, und er gab
ihr seinen heißen Dank zu erkennen, daß sie ihn dieser Freundschaft
gewürdigt habe. Einem Impulse folgend, ergriff er ihre Hände und
sprach, während er sich zu ihr neigte: »Habt Dank für alles, was Ihr
mir erwiesen. Ich weiß nicht, wie ich die Trennung von Euch und Euren
lieben Eltern werde ertragen können. In meinem Herzen bleibt Ihr für
immer. Bewahrt auch mir ein freundliches Gedenken.«
Gisela war unter den Worten ihres Begleiters errötet und erblaßt. Sie
vermochte kein Wort zu sagen, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Da
kam ihrer Verwirrung Gottfried zu Hilfe, der sich gerade näherte. Sie
suchte sich zu fassen und zwang sich sogar ein Lächeln ab, als jener
eine launige Bemerkung fallen ließ. Dann schickte man sich zur Rückkehr
an.
* * * * *
Dies war nun der letzte Abend, den die jungen Deutschen in Bologna
verlebten. Er beschloß die schönen Tage, welche dem Abschiede
vorhergingen, und fand sie, wie begreiflich, im Hause der Wendelins.
Alle bemühten sich, den Scheidenden die Stunden so angenehm wie
möglich zu machen. Aber sie konnten es doch nicht verhindern, daß
ein Hauch leiser Wehmut über dem kleinen Kreise lag, je weiter die
Stunden vorrückten. Besonders Gisela zerdrückte mehr als einmal eine
stille Träne, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Dann glitt wohl
ein schneller, heimlicher Blick nach dem Platze, wo Johannes neben
der Mutter saß: Ach, er wußte ja nicht, wie ihm ihr junges Herz
entgegenschlug und wie schwer sie an dem Gedanken trug, ihn morgen
vielleicht für immer zu verlieren.
Die Mutter ahnte nicht, welche Verwirrung der junge Deutsche im Herzen
ihres Töchterchens angerichtet hatte. Sie unterhielt sich mit ihm über
die ferne Heimat ihres Gatten und sah sie durch den Mund des Freundes
neu, in begeisterter Schilderung vor sich erstehen. Aber immer mehr
senkten sich, von den Augenblicken angeregter Rede abgesehen, die
Schatten wehmutsvoller Trauer herab. Noch einmal suchte die fröhliche
Richenza die Stimmung zu retten mit einem Appell an die Jugend, wobei
sie ihre Freundin Gisela besonders ins Auge faßte.
»Euch ist wohl heute nachmittag der letzte Trost auf dem Reno
davongeschwommen, als wir an seinen Ufern uns ergingen. Laßt Euch
nicht an Seelenstärke von einem schwachen Mädchen, wie ich es bin,
übertreffen. Droht uns doch, meinem lieben Mütterlein, wie mir, in
gleicher Weise die Stunde des Abschieds von diesem gastlichsten aller
Häuser im Lande Italia. Ich aber habe mein Herz gewappnet gegen alle
Trübsal und helfe mir über die Wehmut des Augenblicks mit einem
herzhaften ›Auf Wiedersehen‹ hinweg.«
»Mach' es wie ich,« wandte sie sich nunmehr direkt an ihre Base, die
liebliche Gisela, deren Gesicht sich bei den Worten der Freundin noch
mehr mit Trauer überschattet hatte, »verhärte dein Herzlein, daß die
Herren nicht meinen, sie hätten uns bezwungen.«
Doch damit beschwor sie das Unheil erst recht herauf. Hatte sich
Gisela bis jetzt noch tapfer gehalten, so rannen ihr nunmehr die
Tränen unaufhörlich über die Wangen, und sie stürzte fluchtartig aus
dem Zimmer, um ihr Herzeleid den übrigen zu verbergen. Bestürzt sahen
diese ihr nach. Wohl hatten die Eltern bemerkt, daß eine Freundschaft
zwischen ihrem Töchterlein und dem jungen Deutschen sich entwickelte;
aber der unbefangene, fast kameradschaftliche Ton, in dem sie sich
äußerte, ließ sie nicht ahnen, daß die Herzensruhe ihres Lieblings
ernstlich gestört wurde. Nun schien dies dennoch der Fall.
Die Mutter wie Richenza eilten der Entflohenen nach. Der Vater blieb
allein zurück mit den jungen Freunden.
Auch die Männer blickten betroffen drein. Der Vater erkannte, daß sich
eben vor seinen Augen der Anfang eines Dramas abzuspielen begann,
dessen Ausgang im dunkeln lag. Aber bei der Gefühlstiefe, die er an
seinem Töchterchen als ein Erbteil seiner selbst zu jeder Zeit bezeugt
gesehen hatte, mußte er besorgen, daß ihr schwere Stunden bevorstanden.
Heinrich Achtermann und Gottfried Kristaller waren am meisten
überrascht. Daß die Tränen nicht ihnen galten, wußten sie genau. Ihre
eigenen Angelegenheiten hatten sie immer so sehr in Anspruch genommen,
daß sie auf Johannes und Gisela nicht sonderlich achtgaben. Nun zeigte
es sich, daß die arme Gisela, die ihnen um ihrer anspruchslosen
Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit willen ans Herz gewachsen
war, ein Kummer bedrückte, der sie nach ihrer Eigenart besonders
schwer treffen mußte. Sie schieden beide nur mit leichter Bürde auf
dem Herzen, wenn auch Heinrich im Augenblick meinte, ohne Richenza
nicht leben zu können. Doch ihm stand ja die Aussicht offen, sie in
Deutschland wiederzusehen, während für Gisela und Johannes morgen der
Abschied für immer bevorstand. Das tat ihm von Herzen leid.
Johannes durchzuckte ein Gefühl, halb des Schreckens, halb der Freude,
als Gisela davoneilte. Hatte er bisher eine Art schwesterlichen
Empfindens für sich bei ihr vorausgesetzt, so war er zuerst hieran
irre geworden, als sie vor einigen Tagen am Reno ihre Gedanken über
seine bevorstehende Abreise austauschten. Er sah ihre seltsame Erregung
und Verwirrung und war geneigt, sie als eine Äußerung nicht nur rein
freundschaftlicher Zuneigung zu deuten. Worüber er sich selbst nie
zuvor klar geworden, was er für sich nie zu erhoffen gewagt hätte,
das schien in ihrem Herzen Wurzel geschlagen zu haben. Damals schon
durchzuckte ihn der Gedanke, sie könne ihn lieben, sie wolle ihm
angehören, mit einem heißen Glücksgefühl. Jetzt fand er bestätigt, was
er nicht auszudenken gewagt hatte.
Dieses junge Menschenkind, über das eine gütige Fee alle Holdseligkeit
der Jugend ausgebreitet zu haben schien und das in seiner Brust
gleicherweise die edelsten Gefühle echter Weiblichkeit barg, war ihm
mehr als die Genossin frohseliger Jugendstunden, sie brachte ihm das
Geschenk einer ersten, keuschen, zarten Liebe dar. Aber zugleich
bestürmte ihn auch der Schmerz, daß er morgen schon verlieren sollte,
was er eben erst gewonnen hatte. Die Trauer griff ihm ans Herz, denn er
mußte sich bezwingen, um ihren Frieden nicht noch mehr zu stören, wie
er sich Zwang angetan hatte, seit er selbst erkannte, daß die Liebe zu
dem holdseligen Geschöpf seine Brust durchzittere.
Inzwischen waren die Mutter und Richenza um Gisela bemüht. Da sie
argwöhnte, daß der junge Deutsche ihre Tochter durch seine Schuld um
ihre Herzensruhe gebracht habe, wallte zuerst der Unmut gegen jenen in
ihr auf. Aber beim ersten Wort, welches sie in dieser Hinsicht fallen
ließ, warf sich Gisela sofort zum Verteidiger des heimlich Geliebten
auf.
»Er ist gewiß ganz unschuldig an der Sache, die Schuld habe ich dummes
Mädchen allein. Weshalb wußte ich meine Gefühle nicht besser zu
verbergen. Nun habe ich zu dem Schmerz auch noch den Spott, denn die
Freunde werden sich gewiß über mich einfältiges Ding lustig machen.«
»Das werden sie nicht tun,« fiel ihr Richenza ins Wort, »dazu sind sie
viel zu ehrlich und anständig. Und Dein Johannes im besonderen, so darf
ich ihn hier doch wohl nennen, denkt zuletzt daran; denn ich müßte eine
schlechte Beobachterin sein, wenn nicht auch ihm der Abschied von Dir
recht naheginge.«
Gisela wehrte unter Tränen lächelnd ab, doch die Freundin ließ sich
nicht beirren. »Ich weiß, was ich weiß. Übrigens kann ich ihn ja
erforschen, wenn Du es wünschest.« Erschrocken wehrte Gisela ab,
während tiefe Röte ihr Gesicht überflutete.
»Daß Du Dich nicht unterstehst! Ich müßte mich ja zu Tode schämen;
denn gewiß würde er glauben, Du handeltest in meinem Auftrage, um ihn
auszuforschen.«
Richenza versprach zu schweigen. »Nun aber auch wieder ein fröhliches
Gesicht aufgesteckt, daß die Herren sich nicht einbilden, Du habest um
sie Dein Tränenkrüglein gefüllt. Ich weiß zudem noch einen Trost für
Dein Leid. Es muß ja morgen nicht für immer geschieden sein. Wenn die
Eltern es erlauben, besuchst Du uns daheim in Braunschweig. Der Weg zu
uns ist nicht weiter als von uns zu Euch, und Du siehst, ich bin heil
hier angelangt und hoffe, auch unversehrt wieder im alten Braunschweig
einzutreffen. Von da nach Goslar ist's ein Katzensprung. Wollt Ihr
also, so gibt es im nächsten Jahr ein frohes Wiedersehn bei uns
daheim.«
Gisela lächelte schwermütig zu den Zukunftsplänen der Base. »Du glaubst
ja selbst nicht, daß der Plan gelingen wird.«
»Das tue ich allerdings; es hängt nur von Dir und Deinen Eltern ab,
ob und wann er in Erfüllung gehen soll. Ihr seht doch an mir und der
lieben Mutter, daß auch ein Frauenzimmer den Weg über die Alpen wagen
kann. Außerdem wirst Du immer reiche Gesellschaft finden, denn die
Straße über den Brenner ist so begangen, daß jede Gefahr ausgeschlossen
ist. Wenn Dich also nicht jedes Murmeltierchen schreckt, das ein
Steinchen zum Herabrollen bringt, so mach' Dich getrost auf die Reise.
An Kurzweil wird's Dir bei uns nicht fehlen. Nun aber laßt uns wieder
zu den Herren hineingehen, daß sie nicht auf falsche Gedanken geraten.«
Auch die Mutter trieb dazu. Ihr Herz war von mehr Sorge erfüllt, als
sie zu erkennen gab; denn sie kannte ihr Kind zu genau, um nicht zu
wissen, daß die Wunde zu tief ging, um ohne ernsten Schaden geheilt
werden zu können.
Im Zimmer ergriff Richenza sogleich wieder das Wort und suchte die
Situation zu klären.
»Das sind die dummen Schwächen, unter denen wir Frauenzimmer leiden.
Kaum freut man sich einmal wirklich, ist auch gleich so eine Migräne
da, die uns bis zu Tränen niederzwingt. Aber, Herr Oheim, wir haben
indes schon ein Plänchen ausgeheckt, das unsere Gisela heilen wird.
Sie muß einmal heraus aus eurer Tropenluft hierzulande. Erlaubt, daß
sie uns besuche daheim im lieben Braunschweig, wo ja auch Eure Wiege
stand. Dann mögen Euch ihre roten Wänglein bei der Rückkehr verraten,
daß wir gute Pflege gegeben haben; und was dabei noch für Euch, Herr
Oheim, abfällt an lebendigen Erinnerungen an Eure liebe Heimatstadt,
das nehmt als gern gegebene Draufgabe. Also entscheidet Euch kurzerhand
und gebt die Erlaubnis. Ist's nicht für sogleich, so schenkt uns die
Gisela für das kommende Jahr. Und wenn es die Herren Studiosi und
Doctores gelüstet, uns zu besuchen, so wissen die Herren, daß es von
Goslar nur ein Ritt von wenigen Stunden ist. Herr Kristaller muß sich
allerdings schon von seinem fernen Straßburg herbemühen, will er, daß
der lustige Kreis von Bologna in Braunschweig aufs neue erstehen soll.«
Der Vater war überrascht und suchte nach Einwendungen. Aber da er die
leuchtenden Augen seines Lieblings während der Worte Richenzas sah,
hielt er mit lauten Bedenken zurück und hoffte, daß die Zeit ihn der
Notwendigkeit überheben werde, die endgültige Zustimmung zu erteilen.
Doch nun legte sich auch Johannes für den Plan ins Zeug. Das war ja
die Erfüllung einer Hoffnung, die er selbst gar nicht zu hegen gewagt
hätte. Und den vereinten Anstrengungen gelang es, die endgültige Zusage
zu erhalten. Er ahnte nicht, daß die Ausführung unter viel trüberen
Umständen wirklich erfolgen sollte.
Die Stunde des Abschieds war gekommen. Als Johannes sich über die
Hand Giselas neigte, flüsterte er ihr zu: »Ich weiß, daß wir uns
wiedersehen; das macht mir den Abschied leichter. Bewahrt mir bis dahin
ein Plätzchen in Eurem Herzen.«
Ein lichtes Rot der Freude überflog das Gesichtchen Giselas, und eine
reizende Verwirrung ließ sie noch lieblicher erscheinen. Aufs neue
füllten Tränen ihre Augen, aber es waren Tränen seligen Glücks. Dann
schloß sich hinter den Freunden das Tor des alten Palazzo Faba, in dem
der Professor wohnte.
Als am andern Morgen die Glocken von San Giacomo Maggiore die Frühmette
einläuteten, traten Johannes und Heinrich, wie auch Gottfried, aus
ihrer Wohnung und bestiegen die schon bereitgehaltenen Pferde, denen
ihre Felleisen, das einzige Reisegepäck, welches sie persönlich mit
sich führten, sorgsam aufgeschnallt waren.
Das Tor wurde gerade von dem halbverschlafenen Wächter geöffnet, als
sie die Stadt auf dem Wege verließen, der als die uralte Via Aemilia
vor dem Apennin entlang führt und nur jeweils in den Städten, die
sie durchkreuzt, sich eine Abweichung von der schnurgeraden Richtung
gefallen lassen muß, in der sie als ein endloses, weißes Band sich
dahinzieht. Mit ihnen ging noch ein Mönchlein aus der Stadt, das dort
wohl übernachtet hatte und nun in sein Kloster zurückkehren wollte. Es
hielt indes nur kurze Zeit Schritt mit den rüstig ausgreifenden Rossen,
und sie waren allein. Noch lag der Schatten des frühen Morgens mit
seiner Kühle auf der Straße, und ein Frösteln überflog ihre Glieder.
Aber munter ging es weiter.
»Du sinnst wohl noch über den Abschied von der lieblichen Gisela nach?«
unterbrach Gottfried das Schweigen. Doch Johannes verspürte keine
Neigung auf den scherzhaften Ton einzugehen. »Laß die Geschichte; Du
tust mir weh mit dieser Art davon zu sprechen.« Da brach Gottfried das
Gespräch ab, und sie ritten schweigend fürbaß. Auch Heinrich Achtermann
zog wider seine sonstige Gewohnheit mürrisch und wortkarg dahin.
Noch war nichts Lebendes auf der Straße zu sehen. Doch jetzt blitzte
es im Morgennebel vor ihnen, und trapp, trapp, trapp kam es zu ihnen
heran. Es waren Speerreiter des Podesta von Bologna, die ein paar
armselige Lumpen mit sich führten. Auf einer nächtlichen Streife im
Banngebiet der Stadt auf frischer Tat ertappt, trabten sie jetzt
trübselig hinter den Pferden drein, an deren Schweif sie kurzerhand
gebunden waren. Auch andere Frühaufsteher tauchten bald auf der Straße
auf, Landleute, die ihr Geschäft in die Stadt führte, Bauern mit
Ochsenkarren, welche Getreide und sonstige Früchte den Kaufleuten in
Bologna bringen wollten, junge, rüstige Dirnen und alte Weiber, die
Melonen und andere Früchte heimischen Fleißes am selben Ziel in Geld
umzusetzen hofften.
Inzwischen war die Sonne hervorgebrochen und übergoß Land und Straße
mit ihren wärmenden Strahlen.
Langes Schweigen war wider die Natur des lebhaften Gottfried.
»Wißt ihr übrigens, daß wir in unserm Stumpfsinn auf
geschichtsschwangerem Boden dahinreiten? Hier erklang schon vor
anderthalbtausend Jahren der eherne Tritt römischer Legionen, die auf
Eroberung auszogen, und wieder um ein beträchtliches später zogen in
umgekehrter Richtung die Gewappneten der deutschen Kaiser sie entlang,
um in das Land Italia einzudringen?«
Die lachende Septembersonne verscheuchte auch die Grübeleien, in die
Johannes versunken war, und die jugendliche Hoffnungsfreudigkeit siegte
über die Zweifel, die sich ihm aufgedrängt hatten: Es würde doch alles
gut werden, wie er es selbst gestern Gisela gesagt hatte. Und er konnte
auf den fröhlichen Ton des Freundes eingehen.
»Da kennst Du unsern guten Magister Sutor schlecht -- den schlichten
›Schuster‹ vertrug seine Gelehrsamkeit schlecht, und wenn er uns einmal
aus Unachtsamkeit oder Bosheit über die Lippen glitt, saß uns der Bakel
schon auf dem Buckel. -- Er hat uns haarklein den Weg gezeigt, den der
große Cäsar mit seinen Heeren nahm, und die Tuben der Legionen des
Varus hörten wir schon erklingen, wenn sie noch diesseits der Alpen,
meinetwegen auf der alten Via Aemilia, ertönten, auf der wir jetzt
selbst dahintraben. Ich wollte nur, ich hätte gleich ihnen erst die
Alpen überschritten und zöge dem alten Goslar zu.«
Unterdes war die Sonne höher und höher gestiegen und sandte ihre
Strahlen mit einer Glut auf die Reisenden herab, daß ihr Gespräch
wieder versiegte. Auf den Feldern arbeiteten Bauern mit ihrem
Ochsengespann, vor ihnen lag das weiße, schattenlose Band der Straße,
auf der sich kaum ein Lebewesen zeigte, denn alles floh vor der
sengenden Hitze.
Die Freunde hatten sich als Ziel des Tages Parma gesetzt; aber als
sie Modena, etwa halbwegs zwischen Bologna und Parma, gegen Mittag
erreichten, fühlten sie doch, daß sie gut täten, den Pferden, wie
sich selbst nicht noch eine gleich große Wegstrecke zuzumuten, und
sie blieben dort bis zum nächsten Morgen. Nach zwei weiteren, gleich
ermüdenden Tagereisen trafen sie in Piacenza, der alten Brückenstadt am
Po, ein, wo ihre letzte Raststätte vor Mailand sein sollte.
In Piacenza erfuhren sie in der Herberge von deutschen Landsleuten, die
von Genua angekommen waren, daß der Kaufherr Ernesti tags zuvor hier
eingetroffen, aber schon nach Mailand vorausgeeilt sei, weil er dort
noch Geschäfte zu erledigen habe.
Unterwegs schon hatte Gottfried nach diesem Ernesti gefragt, aber
Heinrich wie Johannes vermochten ihm keinen Aufschluß über den
seltsamen Mann zu geben, der als einfacher Kaufmann mit den Mächtigsten
der Erde verhandelte, wie es sonst nur die Aufgabe kaiserlicher
Ambassaden war. Wohl hatten sie in Goslar den Namen des Mannes
aussprechen hören, doch nach Art der Jugend kümmerten sie sich wenig
um Dinge, die sie und ihre Jahre nicht berührten. Beide, besonders
Heinrich, fesselten viel mehr, da sie noch in der Münsterschule
zu Goslar saßen und unter dem Joch des gestrengen Magisters Sutor
seufzten, die Spiele mit den Altersgenossen und die Reigen mit den
hübschen Goslarer Bürgermädchen, besonders der Lange Tanz, ein Reigen
aus alter Zeit, welcher der Sage nach die immerwährenden Kämpfe
zwischen den einheimischen Sachsen und den zugewanderten fränkischen
Bergleuten beendet hatte. Alljährlich zur Fastnachtszeit fand er statt,
und selbst ein hochweiser und gestrenger Rat sah dem lustigen Treiben
wohlgefällig zu, das sich vor seinen Augen abspielte in dem anmutigen
Schreiten und Sichneigen und Hüpfen lieblicher Jungfräulein und
kühnstolzer Jünglinge, die jene geleiteten.
Man konnte also die Wißbegier des Freundes hinsichtlich Ernestis nicht
befriedigen. Auch das, was die mitreisenden Kaufleute nächsten Tages
auf der Reise von Piacenza nach Mailand über ihn zu sagen wußten,
ließ noch vieles an diesem Manne im dunklen. Daß er ein seltsamer
Mensch sei, erhellte zur Genüge aus ihren Worten, aber auch, daß er
weltbefahren und über das gewöhnliche Maß hinaus angesehen und mächtig
sein müsse, blieb demnach nicht zweifelhaft. Seine Beziehungen reichten
von Italien bis Frankreich, und er war in den Handelsplätzen der
Niederlande gleich bekannt wie in der berühmten Stadt Nowgorod am
Ilmensee im fernen Reiche der reußischen Zaren.
Daß Ernesti in besonders wichtiger Mission vom Rate der Stadt Goslar
zur Päpstlichen Kurie in Rom entsandt worden war, wußten sie aus dem
Briefe von daheim. Heinrich ließ darüber den Kaufleuten gegenüber
nichts verlauten, da er nicht wußte, ob das der Sache dienlich war, und
Johannes schwieg ebenso selbstverständlich. Die Kaufherren erzählten,
daß Ernesti als Heimweg von Rom nicht den Weg über die Abruzzen
gewählt habe, wiewohl dieser der kürzere war, sondern in einem kleinen
Küstenklipper nach Genua gefahren sei, um dort im Dogenpalast noch
etwas zu erledigen. -- Fürwahr, ein seltsamer, geheimnisvoller Mann,
dieser Ernesti, dachte auch Johannes, dessen Gedanken sich allmählich
mehr und mehr mit ihm beschäftigten, dem die Sache seiner Vaterstadt
anvertraut war und mit dem ihn das Leben wahrscheinlich auch künftig
noch mehr als einmal zusammenbringen würde, wenn er erst, wozu seine
Studien den Weg bereitet hatten und was sein Vater sehnlich wünschte,
im Rate der Stadt Goslar Sitz und Stimme hätte.
Der Wagenzug war durch ein Hindernis ins Stocken geraten. Während die
Knechte unter der Aufsicht der Kaufherren noch mit der Beseitigung des
Hindernisses beschäftigt waren, ritt Johannes mit den Freunden langsam
voraus. Noch klangen in seinen Ohren die Worte der Mitreisenden über
Ernesti wieder, aber seine Gedanken blieben an der alten, wehrhaften
Stadt am Harz haften, die jenen gesandt hatte und durch ihn selbst von
dem Ausfalle des Auftrages Kunde erhalten würde. Wie mochte es dort
aussehen, was die Freunde und Gespielinnen treiben, von denen er nun
schon manches Jahr fern weilte; denn auch vor den Jahren, die er in
Bologna verlebte, sah ihn die Heimat nur selten, wenn er in den Ferien
von der Universität Wittenberg zu Besuch kam. Die seltenen Briefe
der Eltern gaben nur unvollkommen Auskunft über das, was gerade ihn
interessierte.
* * * * *
Sollte Heinrich die Wahrheit sagen, so war er von Ernesti enttäuscht,
als er ihn zum ersten Male im »Leuen« zu Mailand sah, und Johannes
schien dieselben Empfindungen zu haben. Der Fremde entsprach in seinem
Äußern durchaus nicht der Gestalt, die der junge Goslarer sich von
ihm gebildet hatte. Ein Mann von der Bedeutung Ernestis müsse, so
glaubte jener, neben der ragenden, gebietenden Größe, dem kühnen,
entschlossenen Gesicht, auch in Wort und Ton die Macht zum Ausdruck
bringen, die ihm eigne. Und nun trat ihm ein Mensch entgegen, der von
alledem wenig oder gar nichts an sich trug. Schon am Abend der Ankunft
in Mailand bekamen sie ihn zu Gesicht. Ein etwas mürrischer, wie es
schien, sehr verschlossener Mann kam herein. Von Gestalt war er nicht
mehr als mittelgroß; in dem fast alltäglichen Gesichte verriet nur das
Spiel der beweglichen, ein wenig stechenden Augen den Reichtum der
Gedanken, die sich hinter der hohen, kahlen Stirn bergen und kreuzen
mochten.
Ernesti wandte sich alsbald mit einigen freundlichen, gleichgültigen
Worten an die jungen Leute. Auf den Hauptzweck ihres Zusammentreffens
hier ging er nur mit einer kurzen Bemerkung ein.
»Es tut mir leid, daß ihr die Beschwerden der Reise in höherem Maße
auf euch nehmen müßt, als ohne den euch gewordenen Auftrag nötig wäre.
Aber ich selbst kann die Botschaft an den Rat eurer Vaterstadt nicht
persönlich überbringen, und sie verlangt eine zuverlässige Hand. Ich
bin überzeugt, daß er keine besseren Boten hätte finden können, und ihr
werdet euch des Vertrauens würdig erzeigen, das der Hochmögende Rat
euch bei eurer Jugend bezeugt. In Köln werde ich euch das Schriftstück
aushändigen. Ich hoffe, daß man in Goslar mit dem Inhalte wohl
zufrieden sein wird. Von Köln ab habt ihr Gelegenheit, mit einem Zuge
flandrischer Kaufleute, die nach Goslar wollen, um euer berühmtes
Kupfer zu holen, die Weiterreise fortzusetzen.«
Das hieß mit anderen Worten, sie, Heinrich und Johannes, durften das
wichtige Schriftstück unter den Augen und dem Schutz anderer tragen,
von dem Inhalte erfuhren sie nichts. Einen Augenblick wollte etwas wie
Unmut in Heinrich aufsteigen, aber schnell überwand er die Anwandlung,
zumal in diesem Augenblick sein Freund Gottfried die Runde an seinem
Tische mit einem Scherze zu lustigem Gelächter verleitete.
Am frühen Morgen des nächsten Tages ging die Reise nordwärts bis an
das Südufer des Langen Sees, den man in einem der plumpen Schiffe
hinauffuhr. Hier trat den Reisenden zuerst wieder die Majestät der
Alpen vor Augen, namentlich im nördlichen Teil des Sees, wo die
Felsenberge in jähem Absturz den engen See fast erdrücken durch
ihre Wucht. Aus der Ferne dräute in ernstem Weiß der schimmernde
Monte Leone, der nach dieser Seite hin die Vorhut bildet der noch
gewaltigeren Monte-Rosa-Gruppe und all der anderen Riesen der Walliser
Berge. In Locarno herrschte noch die fast sommerliche Glut des
italienischen Frühherbstes. An der Straße ungeschützt die Palmen.
Aus den laubdunklen Weingehegen lockten die schwellenden Trauben:
»Nimm mich, nimm mich!« Doch die Reisenden hatten nicht Zeit, die
Herrlichkeiten zu genießen, die ihnen das lachende Seegestade darbot.
Noch einmal wurden die Warenballen auf plumpe Karren geladen.
Aber das immer enger werdende Tessintal, in welchem die Fahrzeuge
dahinrumpelten, setzte dieser Art von Beförderung bald ein Ende. Bis
Biasca mühten sich die Zugtiere noch ab, die Wagen auf der holperigen,
oft von tiefen Schründen durchsetzten Straße, die doch keine solche
war, dahinzuzerren. Dann mußte man endgültig zu den Saumtieren seine
Zuflucht nehmen.
Auch die menschlichen Siedlungen blieben immer mehr zurück und
verschwanden von der Wegseite. Hatten bis dahin die Augen an den auf
jähem Felsen wie ein Adlerhorst gebauten Schlössern und Burgen und den
einsamen Kirchlein, die in gleich trutziger Lage von dem frommen Sinn
des Erbauers zeugten, sich geweidet, so wurde nunmehr der Weg nur noch
von kahlen Felsen begleitet, die in grausigem Absturz das enge Tal zu
begraben drohten. Hier und da gab ein schmales Seitental den Einblick
in eine gleich furchtbare Einsamkeit frei. Nur einmal noch traf das
Auge der Reisenden auf menschliche Wesen, unweit Airolo, wo das wilde
Val Tremola, das ›Tal des Zitterns‹, den Weg freigibt zum Aufstieg auf
den St. Gotthardt. Es war ein Bild, das Johannes lange nicht vergessen
konnte: Unter dem lärmenden Zuruf der welschen Treiber kletterten die
Saumrosse das Tal empor. Da hockten am Wegesrande einige zerlumpte
Gestalten, unter ihnen ein Mädchen von madonnenhafter Schönheit. Die
Gesichter mehrerer von ihnen waren mit Lappen maskenartig verhüllt,
nur die schwarzen Augen funkelten durch Löcher, welche in jene Lappen
geschnitten waren. Von dem Rauschen des Gebirgsflusses halbverschlungen
klang ihr klägliches »+prego, prego+« Johannes entgegen, der ein
wenig der Karawane vorausritt. Doch schon eilten die welschen Treiber
mit drohend geschwungenen Knütteln herbei und verscheuchten die Ärmsten
in das nahe Seitental, aus dem sie gekommen sind und in dem sie, fernab
von allen anderen menschlichen Wesen, sich vor ihren Mitmenschen
bergen und einsam dem Tode entgegensiechen mochten. Ehe Johannes dazu
gekommen war, ihnen eine Gabe zuzuwerfen, waren sie schon ein Ende zur
Seite gewichen. »+Leprosi, Leprosi+«, heulten die Treiber noch
immer, als ob es gälte, wilde Bestien zu verscheuchen. Die Aussätzigen
hasteten weiter; aber Johannes fing noch einen Blick des schönen
Mädchens auf, so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er den Gedanken
an das erschütternde Bild den ganzen Tag nicht los wurde. Er sah an
ihrer Stelle Gisela, verlassen, verfolgt, dem Elend preisgegeben, und
tiefstes Mitleid durchschnitt ihm das Herz.
Über die Paßhöhe, das Urserntal hinab auf der Nordseite, wo die junge
Reuß ihre Kinderstube hat und längs des Saumpfades gischtet und tobt,
und dann stetig ihr folgend, stieg man hinab bis dahin, wo in der
Talsohle das flammende Rot der Edelkastanien das große Sterben in der
Natur ankündete. Über den Vierwaldstätter See brachte sie eine der
großen, sturm- und wettererprobten Nauen gen Luzern, und weiter ging
die Fahrt bis an den grünen Rhein, den man bei der alten Handelsstadt
Basel zuerst zu Gesicht bekam, aber nicht überschritt; denn die Fahrt
ging ins Elsaß hinein, geradewegs auf das alte Straßburg zu.
Gottfried Kristaller hatte recht prophezeit, als er in Bologna verhieß,
Freund Heinrich werde über den schönen Augen der Straßburgerinnen den
alten Schmerz vergessen. Im lustigen Geplauder mit Gottfrieds Schwester
und ihren Freundinnen schwand der letzte Unmut aus seinem Herzen. Der
neue Tag fand ihn schon völlig eingebürgert in der neuen Umgebung, und
als man am Morgen des dritten Tages von dannen zog, war der Abschied
so warm und lebhaft, als ob eine alte Freundschaft ihre erste Trennung
erfahre. Johannes hielt die Hand Gottfrieds lange in der seinen. Er
war kein Mann überschwenglicher Gefühlsäußerungen, aber wer seine
Freundschaft erworben hatte, der konnte für immer auf ihn zählen, und
Gottfried war ihm ein Freund geworden in Bologna trotz aller äußeren
und inneren Verschiedenheiten.
Nun ging die Fahrt zu Schiff den Rhein hinab im breiten Graben der
Oberrheinischen Tiefebene mit seiner melancholischen Weite. Sie
bot wenig Kurzweil; denn die Reihen der Kaufleute war in Luzern
wie in Basel und Straßburg bedenklich gelichtet worden, und die
übriggebliebenen, die vom Niederrhein und aus Westfalen, hatten mit
ihren eigenen Angelegenheiten so viel zu tun, daß sie sich um die
beiden Goslarer wenig kümmerten. Um so mehr war es anzuerkennen, daß
Herr Ernesti sich ihnen mehr zuwandte als bisher. Er hatte die drei
Gesellen auf der Reise von Mailand her im Auge behalten und sie nach
ihrer Eigenart zu bewerten Gelegenheit gehabt. So war es ihm nicht
zweifelhaft, daß der Stetigere, Zuverlässigere Johannes Hardt sei. An
ihn waren daher auch im Anfang zumeist seine Worte gerichtet. Heinrich
Achtermann war darob nicht böse; denn der Gesprächsstoff nahm ihn, der
gewohnt war, in seiner Umwelt zu leben, nicht immer gefangen. So kam
es, daß sich zwischen dem berühmten Kaufherrn und Agenten und Johannes
ein Verhältnis anbahnte, das mit jedem Tage freundschaftlicher wurde.
Diesem gegenüber ließ Ernesti seine sonstige Zurückhaltung fallen und
sprach mit ihm über seine Reisen und Erfahrungen.
Auch den Mitreisenden fiel der enge Verkehr zwischen den beiden
auf, und sie gaben wohl gelegentlich ihrer Verwunderung Ausdruck.
»Euer Freund muß es ja dem Ernesti angetan haben, daß er so gegen
seine Gewohnheit redselig wird. Was besprechen denn die beiden nur
immer?« Heinrich bemerkte wohl, daß unbefriedigte Neugier aus ihren
Worten klang, und er gab nur eine allgemeine Antwort: »Das weiß ich
ebensowenig wie Ihr, denn Ihr seht ja, daß ich mich wenig daran
beteilige. Der Stoff ist mir zu langweilig.«
Aber das änderte sich doch, als sich das Gespräch mehr und mehr
Goslar zuwandte. Ernesti selbst regte diesen Gegenstand immer wieder
an, und so konnte sich Heinrich nicht enthalten, etwas neugierig und
ungeschickt zu fragen:
»Weshalb verfiel der Rat von Goslar gerade auf Euch mit der wichtigen
Sendung nach Rom? Ich sollte meinen, es hätte sich doch auch unter den
Bürgern der Stadt jemand finden lassen, der sich der Aufgabe unterzogen
hätte?«
»Daß er jemand gefunden hätte, bezweifle ich nicht«, erwiderte Ernesti
mit einem leichten Lächeln. »Ob er aber auch Erfolg gehabt hätte, ist
eine andere Sache. Euer Rat wird sicher gewußt haben, weshalb er mich
wählte und nicht einen anderen. In Rom ist es mit dem Reden nicht
allein getan. Man muß zugleich alle Sinne angespannt halten, um nicht
ins Hintertreffen zu geraten. Das unscheinbarste Wort will auf seinen
besonderen Wert hin gedeutet, die harmloseste Miene auf ihre versteckte
Bedeutung hin geprüft und beobachtet sein. Ich bin im Verkehr mit
den Großen der Erde, wie Euch die Schwätzer und Neider unter meinen
Gefährten gewiß schon zugeraunt haben, nicht gerade unbeholfen; aber
über jeden kleinsten Erfolg, den ich im Lateran davontrage, bin ich
doppelt froh, und erkenne ich nachher, daß er nicht zu teuer erkauft,
um ein Mehrfaches. Bei dem Auftrage, den ich für Goslar auszurichten
hatte, will mir das scheinen, und ich gestehe Euch, daß mich das
besonders freut.«
»So gestattet auch mir eine Frage, Herr Ernesti«, fügte Johannes hinzu.
»Weshalb nehmt Ihr an Goslar dieses besondere Interesse? Soviel ich
weiß, verbinden Euch doch nicht besondere Bande mit meiner
Heimatstadt!«
»Gewiß,« entgegnete Ernesti, »ich verstehe Eure Verwunderung.
Vielleicht raunte man Euch auch zu, ich täte es um des blanken Goldes
willen.« Johannes wehrte ab, doch jener fuhr unbeirrt fort: »Ihr
braucht weder Euch noch jene zu verteidigen; denn natürlich erhalte ich
von Eurem Rat eine angemessene Entschädigung, wenn auch in anderer Art,
als Euch vorschwebt. Derartige kostspielige und nicht ungefährliche
Aufträge übernimmt ein guter Kaufmann und Familienvater nicht um
bloßen Gotteslohn. Aber ich würde mich doch bedacht haben, nach Rom zu
reisen, wenn ich nicht für Goslar ein absonderliches Interesse hegte.
Ihr seid schon zu lange von Goslar fort und seitdem nicht oft wieder
dort gewesen, um über meine Beziehungen zu Goslar unterrichtet zu sein.
Ich bin in der Tat nicht selten dagewesen, auch als Ihr selbst noch
dort weiltet; aber die Größe der Stadt -- Ihr werdet Euch inzwischen
ja selbst überzeugt haben, daß Goslar zu den ganz großen gehört -- und
Eure jugendliche Unbefangenheit hat mich Euch wohl verborgen gehalten.
Ich komme gern nach Goslar und bedauere, daß es mir nicht vergönnt ist,
die römische Botschaft persönlich zu überbringen; es wäre mir eine
besondere Freude gewesen. Weshalb ich gern bei Euch weilte und weile?
-- Nun, einmal sind es verwandtschaftliche Beziehungen, die mich mit
Goslar verbinden. Meine Vorfahren lebten bis auf den Großvater in Eurer
Stadt. Das Geschlecht der von Ildehusen, das in der Geschichte Goslars
nicht unrühmlich bekannt ist, gab uns den Ursprung, und wir haben mehr
als einen Bürgermeister und Ratsmann gestellt, die am Aufbau Eurer
mächtigen Vaterstadt mithalfen. Den Großvater verschlug das Schicksal
nach der Stadt Soest am alten Hellweg. Übrigens haben wir noch heute
nicht alle Beziehungen zu Goslar verloren. Mir lebt dort ein Vetter
Richerdes, bei dem ich, weile ich im Harz, gern absteige.«
»Ist das etwa der ehemalige Ratsherr oder Sechsmanne Richerdes von
der Gundemannstraße?« fragte Heinrich lebhaft. »Ganz recht«, lautete
die Antwort. »Ei, so kennt Ihr ja auch die Venne Richerdes, meines
Schwesterleins liebste Gespielin.« -- »Und vielleicht auch Euch selbst
nicht zuwider«, fiel ihm Ernesti lächelnd ins Wort. »Freilich kenne
ich sie, ist's doch mein liebes Niftel, das ich selbst aus der Taufe
gehoben habe, und über dessen prächtiges Gedeihen ich mich freue, wann
immer ich sie sehe.«
»Da wundere ich mich nur um so mehr, daß ich Euch nie sah; freilich
Euer Name fiel wohl auch aus dem Munde der Venne, aber ich gab des
nicht acht.«
»Also liegt die Schuld immer wieder bei Euch; denn ich pflege nicht den
Unsichtbaren zu spielen, wenn ich in Goslar bin. Doch Ihr hattet wohl
Wichtigeres zu tun, als Euch um den fremden Mann zu kümmern. Und -- Ihr
seid mir noch die Antwort schuldig -- was haltet Ihr selbst von der
Venne?«
»Als ich Goslar verließ, verhieß sie, mit der Zeit vielleicht ein
schönes Mädchen zu werden. Ich habe sie oft bei uns gesehen, und als
Kinder haben wir auch bei ihnen, besonders in ihrem schönen Wallgarten,
unsere Spiele getrieben. Ich fürchte nur, daß ich bei ihr nicht in
dem Rufe unbedingter Ritterlichkeit stehe; denn wir Knaben waren arge
Rangen, und die Mädchen, auch Venne, haben unser Ungestüm oft zu büßen
gehabt. Von dem Abschied vollends wage ich gar nicht zu sprechen. Soll
also Eure Frage ergründen, ob ich bei ihr in besonderer Gunst stehe, so
kann ich das nur mit allem Vorbehalt zusagen.«
»Gut reserviert«, lobt der andere. »Ich sehe, Ihr habt Eure Studien
nicht umsonst erledigt und werdet dermaleinst es verstehen, knifflige
Fallen zu meiden. Auf jeden Fall darf ich Euch aber, da Ihr Goslar
eher erreichen werdet als ich, bitten, den Richerdes meine Grüße
auszurichten. Vielleicht nimmt Euch dann mein Niftel ob dieses
Liebesdienstes wieder ganz zu Gnaden an.«
Dann kehrte man wieder zu ernsteren Dingen zurück. »Ihr fragtet mich
nach dem Inhalt des Schreibens der römischen Kurie an den Rat zu
Goslar. Glaubt mir, Ihr jungen Freunde, es ist nicht Geheimniskrämerei,
die mir den Mund verschließt. Aber ich habe den Auftrag, Euch die
Botschaft verschlossen zu übergeben, und ich weiß, daß es zu Eurem
Besten ist, wenn Ihr ohne Kenntnis von dem Inhalte seid. Es sind
überall Späher, auch um uns herum, und ein unvorsichtiges Wort könnte
den ganzen Erfolg meiner Reise in Frage stellen; denn an der Auswirkung
ist nicht Goslar allein interessiert.
Ihr seid stolz auf die machtvolle Stellung eurer Stadt, mit Recht.
Doch so viel werdet Ihr trotz Eurer Jugend auch schon gehört und
gesehen haben, daß Goslars Glanz und Vormachtstellung mit dem Silber
und Kupfer des Rammelsberges steht und fällt und daß als zweite
unerläßliche Vorbedingung für ein weiteres Blühen Eures Gemeinwesens
der ungestörte Besitz und die Nutzung der gewaltigen Forsten, welche
Goslar umgeben, ist. Von dem ersteren, der Bedeutung des Bergwerks
werdet Ihr in Köln aufs neue einen Beweis erhalten, wenn Ihr mit den
flandrischen Kaufleuten zusammentrefft. Sie sind auf dem Wege zu Euch,
um das ›+keuvre de Gosselaire+‹, das goslarsche Kupfer, zu holen,
um es in den Kupferschlägereien zu Dinant und in den anderen Städten
Flanderns und der Niederlande zu verwenden. Und kämet Ihr nach London
oder gen Nowgorod im Reußenlande, so würdet Ihr dort den Namen ›Goslar‹
und ›goslarsches Silber oder Kupfer‹ mit derselben Geläufigkeit und
Häufigkeit nennen hören. Euer Reichtum und Eure Macht sind aller Welt
bekannt, es kennen ihn aber auch Eure Feinde und Neider, die Ihr zum
Teil nicht weit zu suchen habt.
Es muß Eurem Rat nachgerühmt werden, daß er schon frühzeitig die Lage
erkannt und danach zu handeln bestrebt gewesen ist. Schon unter König
Wenzel, vor mehr als hundert Jahren, verstand es Goslar, sich eine
Reihe von Gnadenbriefen zu verschaffen, welche der Stadt den Genuß
ihrer Rechte auf Berg und Forst sicherten. Indes, wie Ihr wissen
werdet, haben auch die Braunschweiger Herzöge verbriefte Rechte und
Privilegien auf Berghoheit und den Zehnten. Zur Zeit sind diese Rechte
nach dem Rate von Goslar verpfändet, und die ewige Geldnot der Herzöge
hinderte sie bis jetzt, den Pfandschilling zu erstatten, aber laßt
sie nur zu Atem kommen und den Appetit sich regen, dann wird sich's
bald ändern. Ich fürchte, ich fürchte, die Anzeichen dazu sind schon
wahrzunehmen.
Damals, als die Braunschweiger das Geld nahmen, wäre es ein leichtes
gewesen, ihnen ihre Rechte um ein billiges abzukaufen, statt sie
in Pfand zu nehmen; denn damals stand es schlecht um den Bergbau:
Wassereinbrüche, deren man nicht Herr werden konnte, leere Erzgänge
ließen das Ganze als wertlos erscheinen in den Augen Uneingeweihter.
Damals war es Zeit zum Zugriff, damals mußte Goslar das Ganze an sich
bringen, statt Pfandschillinge zu nehmen und eine Gewerkschaft zu
gründen mit Bürgern und fremden Herren. Nun rächt sich die Versäumnis
nach jeder Richtung hin.
Ihr habt einmal einen großen Mann gehabt, der die Aufgabe Eurer Stadt
richtig erkannte. Hermann Werenberg hieß er und war Stadtkanzler; Ihr
werdet seinen Namen gehört haben. Glaubt mir, er war einer der ganz
Großen in der Geschichte Eurer Stadt. Was Goslar heute ist, verdankt
es in erster Linie diesem Manne. Er bewies eine Staatskunst, die ihn
auch befähigt hätte, ein größeres Staatswesen, als es Eure kleine
Stadtrepublik ist, auf die Höhe irdischer Macht zu bringen und dort
zu erhalten. Daß er dabei, wieder nach Art der wirklich Großen, alle
Mittel nutzte, um die Gerechtsame auf Berg und Forst in den Besitz der
Stadt zu bringen, wird ihm nur der kleine Geist als Schuld anrechnen.
Die Bahn war frei, aber Werenbergs Leben ward ein Ziel gesetzt, ehe der
Erfolg im ganzen Umfange gesichert war. Er starb, und seine Nachfolger
verstanden nicht, das Erworbene festzuhalten und auszubauen. Sie
hätten die geldhungrigen Herzöge von Braunschweig abfinden, die
Gewerken, unter denen das Kloster Walkenried und das reiche Domstift
Simon und Juda in Goslar selbst zu nennen sind, aufkaufen sollen, ehe
das Bergwerk wieder das wurde, was es war und jetzt ist: eine ungeheure
Goldgrube für den, der es besitzt. Jetzt ist's zu spät, will mir
scheinen. Niemand wird noch seine Rechte an die Schatzkammer aufgeben
wollen, zu der er einen Schlüssel in der Hand hat, weder Kloster, noch
Fürst, noch Bürger; denn auch diese sitzen unter den Gewerken noch
heute. Es mag von geringem Sinn für das Wohl des Ganzen zeugen, daß sie
sich sperren, ihre Rechte in die Hand des Rates zu geben, aber es ist
so. Mein eigener Vetter, der Sechsmanne Richerdes, zählt ja auch zu
ihnen.
Es ist zu spät, sage ich; denn wenn schon die eigenen Bürger nicht von
Euch veranlaßt werden können, ihren Eigennutz hinter das gemeine Wohl
zu stellen, so habt Ihr von den Fürsten erst recht nichts Gutes zu
erwarten. Wenn mich die Anzeichen nicht trügen, rüstet man im Schlosse
zu Wolfenbüttel bereits zu entscheidenden Schritten. Den Pfandschilling
aufzubringen, wird ihnen nicht schwer fallen, denn es sitzen der
Geldgeber genug in deutschen Landen, die auf ein so gutes Unterpfand
hin gern helfen werden. Dann hat Goslars Schicksalsstunde geschlagen.«
Die Gesichter der Zuhörer verdüsterten sich unter den Worten Ernestis
sorgenvoll. So hatten sie allerdings das Geschick der Heimat nicht
gewertet, und so schien es auch niemand daheim einzuschätzen, alles war
auf Freude und Stolz an der Blüte eingestellt.
»Ich sehe,« fuhr der andere fort, »daß Ihr bekümmert seid; aber es
tut nicht gut, mit verbundenen Augen in das Leben einzutreten. Doch
ich will Euch auch nicht ohne Trost lassen. Wie sehr und weshalb ich
an Goslar hänge, ist Euch bekannt, und was ich tun kann, um das Unheil
abzuwenden, wird geschehen. Mein Einfluß reicht weit, wie Ihr selbst
schon gemerkt habt. Holte ich Hilfe aus Rom für Euch, so werde ich auch
in der Nähe nützen können. Der Himmel hat dafür gesorgt, daß auch der
Stolz der Herzöge nicht zu sehr ins Kraut schießt. Ihre liebe Stadt
Braunschweig macht ihnen viel zu schaffen und wird, faßt man es richtig
an, Euch von größtem Nutzen sein. Aber in einem könnt Ihr, das sage ich
noch einmal, Euch nur allein helfen, das sind die Zustände in Goslar
selbst.
Will man sich des Besitzes einer Sache ungestört erfreuen, so darf
sie nicht der Gegenstand des Neides anderer sein, wie ich Euch
schon sagte. Man muß sie im Urteil der Neidlustigen als minder
begehrenswert hinzustellen verstehen oder die Zeitläufte benutzen,
um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Beides haben die Goslarer
vormals nicht versäumt. Als die große Bewegung der Kreuzzüge die Massen
durchzitterte und aller Augen nach dem Morgenlande gerichtet waren,
hat Goslar seine Position Schritt um Schritt verstärkt. Als dann die
öffentliche Meinung vom Bergwerke als einer verlorenen Sache sprach,
brachten sie die Gerechtsame des Berges an sich. Sehr schön, aber die
Nachfahren haben nicht zu nutzen verstanden, was die Väter schufen.
Jetzt ist's umgekehrt wie ehedem: Der Nachbar sieht dem Nächsten auf
den Bissen, die Großen beneiden die Größten, und der Kleinen Begehr
steht nach dem, worauf die Großen überlaut und unvorsichtig als ihr
Eigen pochen.
Erst waren es die Gilden. Nachdem sich Gevatter Schneider und
Handschuhmacher durch das Aufblühen der Stadt den Beutel gefüllt
hatten, kam ihnen auch der Machtkitzel, und sie wollten mitregieren,
ob sie es auch nicht verstanden. Nun regieren sie mit, daß es Gott
erbarme. Und schon regt sich's abermalen machtlüstern und beutegierig.
Was dem Handwerker gelang, ließ auch die Masse des gemeinen Volkes
nicht ruhen. Kommt sie zur Macht, dann gnade Gott Euch Goslarern,
wie allen denen, wo die Plebs ihr Haupt siegreich erhebt. +Videant
consules!+ -- der Rat mag sehen, daß er Herr der Lage bleibt. Reicht
er der unvernünftigen Masse den kleinen Finger, so ist es um die ganze
Hand geschehen. Mit dem Volke ist es wie mit den Kindern: Was das Kind
hat, dünkt ihm nichts, sieht es in anderer Hand etwas, das es selbst
nicht besitzt. Man gebe ihm, worauf es vernünftigerweise ein Recht hat,
sonst ein hartes ›Nein‹. Euch fehlt ein Werenberg. Der würde wissen,
was den Kindern, will heißen der Masse, frommt und was man ihnen geben
darf, ohne daß sie sich den Magen überladen und das Gemeinwohl zu
Schaden kommt.«
Das Schiff bog in den Rheingau ein. In der Ferne tauchten die Kuppeln
und Türme des heiligen Mainz auf, übergossen von dem goldigen Glast der
Abendsonne. Johannes stand an die Verschanzung gelehnt und nahm das
glänzende Bild in sich auf, das mählich aus den Fluten des Rheins, wie
es schien, aufstieg. Bald legte das Fahrzeug an, und das geschäftige
Leben, das mit der Ankunft eines jeden Schiffes verbunden ist, riß die
Reisenden auseinander.
Wieder hatte sich die Zahl der Kaufleute gelichtet. Dafür fand sich
allerlei anderes Volk ein, Niedere wie Vornehme. Auch ein paar
Domherren waren darunter, die nach Köln wollten. Ernesti stand im
Gespräch mit ihnen.
»Ihr seht,« flüsterte einer der alten Bekannten Heinrich zu, »Euer
Gönner hält es allerorten und immer mit dem Krummstab. Möchte wohl
wissen, was er alles an geheimen Gängen hinter sich hat, die wenigen
Stunden, die wir in Mainz waren und während wir uns einen ehrlichen
Trunk gönnten.«
Eine Antwort wurde nicht erwartet, und Heinrich hätte sie auch nicht
gefunden, denn ein abfälliges Wort über den Mann zu sagen, der ihnen so
viel gegeben hatte, wäre ihm als schwarzer Undank vorgekommen. Übrigens
kam Ernesti in gewisser Weise selbst darauf zurück; er hatte wohl
gesehen, daß man über ihn sprach.
»Ich hatte mit der Erzbischöflichen Kurie zu tun, in nicht unwichtigen
Fragen, wie Ihr Euch denken mögt. Mancher meint vielleicht, es sei
mir bei den vielerlei politischen Dingen, die durch mich Erledigung
oder Förderung finden, um das blanke Gold zu tun; ich lasse ihn reden,
wie seine Mitschwätzer. Eins aber sei Euch beiden als Erinnerung an
Mainz mit auf den Weg gegeben, und das sei die dritte und letzte der
langatmigen Mahnungen, die ich Euch gab: Verderbt es in Goslar nicht
ernstlich mit der Kirche.
Wir leben in einer unruhvollen Zeit: Kampfstimmung überall, wohin Ihr
blickt, und nicht nur auf dem Gebiete weltlicher Machtkonflikte, auch
die Kirche, die Religion ist davon betroffen, und es sind dunkle Kräfte
am Werk, um ihre Grundpfeiler zu stürzen. Ich bin ein treuer Sohn der
Kirche. Das hindert mich nicht, die ernsten Schäden zu erkennen, die
ihr anhaften und wie böse Geschwüre an ihrer besten Kraft zehren. Das
Schisma, die Spaltung in der Nachfolge Petri, hat den Boden bereitet,
auf dem Blasphemie und Abtrünnigkeit ihre giftigen Blüten treiben
können; die Völlerei und Zuchtlosigkeit in den Klöstern und unter dem
Klerus haben gleicherweise dabei mitgeholfen. So finden die falschen
Apostel gläubige Ohren, wo immer sie ihr Unkraut unter die Menge
werfen. Auch in Niedersachsen blüht ihr Weizen, wie ich höre. Doch die
Kirche ist zu fest gegründet, als daß sie nicht der Widerwärtigkeiten
und Widerspenstigen Herr werden wird. Denn ihre Sache ist gut, und der
Brunnen nur verunreinigt, der die ewigen Heilswahrheiten birgt. Aber
nicht der Eifer des Zeloten und nicht der unreine Mund des Hetzers wird
die Gesundung bringen, sondern die stetige, von echter Frömmigkeit
und Liebe zur Mutter Kirche getragene Sorge, daß das Gefäß nicht
zertrümmert werde, das so kostbaren Inhalt birgt. Die Kirche wird über
alle Fährlichkeiten hinwegschreiten, weil sie siegen muß. Dann aber
wehe denen, durch die Ärgernis gekommen ist; wehe auch den Städten, die
als ungehorsame Töchter sich erwiesen, ihr Unglück ist besiegelt!
Auch bei Euch in Goslar werden die Schwarmgeister am Werke sein. Störet
ihre Arbeit, wo und wie Ihr könnt; es ist zum Frommen der Stadt. Ihr
habt der Feinde und Neider schon genug, ladet Euch nicht auch noch die
Abgunst der Kirche auf; Ihr würdet sie nicht tragen können.«
»Ich fürchte, daß Ihr nur zu recht habt mit allem, was Ihr betreffs
unserer Stadt sagtet«, antwortete Johannes dem Vielerfahrenen. »Sicher
trefft Ihr ins Schwarze mit der Vermutung, daß Goslar selbst zuletzt
den Schaden wird zu bezahlen haben. Die Klöster daheim, vornehmlich das
reiche und mächtige Domstift, sind der Stadt schon sehr gram, weil der
Rat manche ihrer Privilegien kürzte. Das Sankt-Jürgen-Kloster, wie die
Chorherren des Petersstiftes liegen dem Bischof von Hildesheim seit
langem in den Ohren ob angeblicher Mißachtung und Verletzung ihrer
Rechte und respektwidriger Verunglimpfung durch die Bürger. Der Bischof
selbst ist uns gram wegen unseres Verhaltens in der Stiftsfehde, die
Euch bekannt sein wird. Fänden alle diese Mißgünstigen sich zusammen,
diese offenen und geheimen Gegner, und einigten sie sich mit den
Herzögen, die uns jetzt schon zwicken und zwacken, wo sie können, so
wäre der Anfang vom Ende gekommen. Eure Mahnungen treffen also keine
tauben Ohren. Auch der Vater sprach wohl schon mit mir über diese
Dinge. Wir werden tun, was unsere Jugend zu leisten vermag, davon seid
überzeugt, wie auch von der Aufrichtigkeit unseres Dankes für Euren
freundlichen und weisen Rat.«
Kalte Oktoberstürme brausten das Tal des Rheins entlang und drängten
die Wellen zuhauf, als wollten sie umkehren von dem Wege, den der
ihnen innewohnende Drang nach dem Meere vorschrieb. Die Wälder an
den Berghängen wurden des letzten Blättchens beraubt, das ihnen noch
geblieben war von dem sommerlichen Festgewande; alles wies auf Tod
und Sterben und Ruhe in der Natur. Langsam glitt das Schiff zu Tal.
Man hoffte, vor Einbruch der Nacht noch in Köln zu sein; aber fast
schien es, als solle man noch eine Nacht auf dem unwirtlichen Flusse
verbringen. Da gab endlich eine letzte Biegung den Blick auf die alte
Stadt mit ihren unzähligen Türmen und Zinnen frei. Sankt Severin, Sankt
Georg, Sankt Maria im Kapitol, Sankt Gereon, so tauchten sie aus dem
Grau des Abendhimmels auf, überragt von dem gewaltigen Bau des Doms,
der mit den ungefügen Stümpfen seiner Türme wie ein gefesselter Riese
die Hände gen Himmel hob.
Dann kam der Abschied von Ernesti. Wie hatte sich das Verhältnis zu dem
fremden Manne seit der Abreise von Straßburg geändert! -- Der ernste,
zurückhaltende Mann war ihnen nahegerückt, als sei es ein lieber
Verwandter. In schier väterlicher Weise hatte er die Jünglinge an die
Hand genommen und in die Tiefen des politischen Lebens blicken lassen,
die ihnen ohne diese Hilfe gewiß erst viel später und mit schmerzlichen
Erfahrungen sich erschlossen hätten. Sie bereuten es nicht, den Umweg
über den Gotthardt gemacht zu haben. Der Händedruck, der den Abschied
besiegelte, trennte Freunde. Sorglich vermittelte Ernesti noch die
Bekanntschaft mit dem Führer der flandrischen Händler, mit denen
Heinrich und Johannes in die Heimat reisen sollten.
»+Bella gerant alii; tu, felix Austria, nube!+«
Kriege laß die andern führen; du, glückliches Österreich, freie!
Ein gewaltiges Gebäude war durch die Heiratspolitik der Habsburger
im 15. Jahrhundert aufgeführt worden, das noch ungeheuerlicher wurde
durch die Entdeckung Amerikas. Die Krone von fünfzehn Ländern ließ der
alternde Kaiser Maximilian, der ›Letzte Ritter‹, für die Häupter seiner
Enkel Karl und Ferdinand zurück. Doch in diesem Hause wohnte nicht
Glück und Eintracht beieinander, sondern Unfriede und Haß wucherten
überall wie üppige Giftblumen. Die Kirche war auf dem besten Wege, den
Rest ihres Ansehens zu verlieren. Sie trug selbst die Schuld daran,
aber es kam damit einer der Grundpfeiler aller bestehenden Ordnung ins
Wanken. Daß durch diese Ordnung der Dinge sich alles in eine völlige
Unordnung verkehrt hatte, war nur zu einem kleinen Teile der Kirche
als Schuld beizumessen. Ein Teil der Deutschen fühlte sich bei diesem
Zustande durchaus wohl, die Masse aber war in Elend versunken und
suchte sich, dem Ertrinkenden gleich, durch gewaltsame Anstrengungen
das Leben zu erhalten.
Im Gegensatz zu Westeuropa war in Deutschland eine Vielzahl von
kleinen Machtzentren entstanden. Der Fürstentümer, Grafschaften und
Herrschaften war Legion, nicht zu rechnen die Freien Reichsstädte,
die hinter ihren trutzigen Mauern und festen Toren ungestört ihrem
Handel und Wandel nachgingen, Reichtum und Macht aufhäuften und sich
um Kaiser und Reich, um Fürsten und Große nur kümmerten, wenn es ihre
Belange forderten. Alle diese waren sich, die Großen wie die Kleinen,
in einem gleich: in dem Bestreben nämlich, die eigene Machtfülle zu
mehren, um die eigene Person mit Schimmer und Glanz zu umgeben.
In den Städten lag die Herrschaft mit der Sicherheit des Erbes in
der Hand weniger Familien. Der Handwerker, in zielstrebigen Gilden
vereinigt, hatte Zeit gehabt, Kisten und Kasten zu füllen. Nun waren
sie auf dem Wege, auch die Ratssessel einzunehmen, getrieben von
eigenem Ehrgeiz und vielleicht auch auf das Drängen des Ehegesponses
und der Töchter, die so der strengen Kleiderordnung entgehen zu können
hofften und demnächst ein Fältel mehr am Gewande, eine Pelzverbrämung
mehr am winterdichten Mantel dem Neide der Nachbarinnen preisgeben
durften.
Neben ihnen und unter ihnen, in den lichtlosen Hinterhäusern, in den
dumpfigen Hütten, die an die Stadtmauer sich schmiegten, wie die
Küchlein an die Henne, das städtische Proletariat, das von den Brosamen
seiner glücklichen Mitbürger lebte und die staunende, bewundernde
Masse abgeben durfte bei dem Gepränge des Rates, bei den Schauzügen
der Gilden. In ihr gor und glomm es, und es bedurfte nur des Funkens,
um die Flammen des Aufruhrs emporlodern zu lassen. Auf dem Lande aber,
unter der Botmäßigkeit des Herrn, ob Graf oder schlichter Edelmann,
seufzte der hörige Bauer in unerträglicher Frone, der geringsten
persönlichen Freiheit beraubt für sich, für Frau, Tochter und Sohn.
War der Herr vernünftig und zugänglich, so ließ er seinen Leibeigenen
wenigstens so viel vom sauer Erworbenen, daß die Arbeitslust und
Körperkraft nicht zu schnell sich abnutzte. Viele aber, sehr viele der
Gebieter sahen in ihren Bauern und deren Angehörigen nur das Material,
um ein bequemes Leben zu führen und der Wollust nach ihrem Belieben
bei ihren Töchtern die Zügel schießen zu lassen. Und allen endlich
lieferte er mit seinem Leibe das Rüstzeug, wenn es galt, Fehde und
Streitigkeiten mit anderen im Kampfe Mann gegen Mann auszutragen.
Der Druck war unerträglich, und der Gegendruck aus der Masse der
Unterdrückten machte sich immer mehr wahrnehmbar; es gor und brodelte
unter ihnen und schuf sich Luft nach oben in schrecklichen Taten der
Verzweiflung, die wie die Blasen aus dem trüben Schlamm des Morastes
aufstiegen und doch zuletzt wirkungslos zerplatzten. Der ›Arme Konrad‹,
der ›Bundschuh‹ sind die Namensprägungen, unter denen sich die Bauern
zusammenschlossen. Ihr verworrener Zorn griff die verrottete Kirche
an, er stürmte an gegen die Gewalthaber jeglicher Art, er traf die
Städter, wo er sie treffen konnte. Die Organisation der Bauern war
eine wirre, unklare. Neben der großen Masse zogen sie in zahllosen
Einzelhaufen durch das Land. Sie fanden sich zusammen, wie der Wolf
sich zum Wolf gesellt, um gemeinsam auf Beute auszuziehen. Wen sie
trafen, den schlugen sie nieder und bemächtigten sich seines Besitzes,
und wer es konnte, der schlug sie tot wie tolle Hunde. Die Sicherheit
im Lande, auf den Straßen war wieder einmal im deutschen Lande geringer
denn je, und sie wurde noch verringert durch die adligen Schnapphähne,
die bei der Aufteilung der Machtbelange unter ihre mächtigeren und
einflußreicheren Standesgenossen übergangen waren. Sie lebten von der
Hand in den Mund und hungerten und lungerten auf ihren zerfallenen
Raubnestern, bis der Turmwärtel oder Spione das Herannahen einer Beute
meldeten. Dann stiegen sie hinab, lauerten den Ankommenden auf, suchten
die Beute zu erhaschen, schlugen, erschlugen oder wurden erschlagen.
Das größte Risiko bei dieser Art adliger oder bäuerlicher Wegeaufsicht
trugen die Städter, wenn sie ihre festen Mauern verließen, um mit
gefüllter Geldkatze im Osten oder Süden, im Norden oder Westen
einzukaufen, oder wenn sie mit den erworbenen Warenballen oder
Gewürzsäcken heimkehrten. Wer nicht reisen mußte, hockte daheim hinter
dem Ofen; wen aber die Notwendigkeit veranlaßte, den Schutz der
Stadtmauer aufzugeben, der sah sich nach genügendem Schutz um, damit er
der Gefahr begegnen könne.
* * * * *
Auf dem Deutzer Ufer des Rheins lagerte und lungerte an einem der
letzten Oktobertage des Jahres 1515 ein bunter Haufen kriegerischer
Gestalten. Sie lagen und standen umher, wie es ihnen einfiel. Alle
blickten nach dem gegenüberliegenden Köln, da, wo das Frankentor gegen
den Strom zu den Austritt aus der Stadt freigab. Es waren deutsche
Knechte, die in Frankreich abgelohnt wurden, nachdem der Herzog von
Burgund mit dem jungen König Ludwig +XII.+ einen Vergleich
geschlossen hatte. Der Obrist konnte den rückständigen Sold nicht
zahlen, dieweil der Burgunder die Zahlung weigerte, nun er die fremden
Söldner nicht mehr gebrauchte. Die Truppe meuterte, der Hauptmann, der
zu vermitteln suchte, wurde erschlagen. Dann waren sie gegen Osten zu
gezogen, marodierend und schatzend, wo sie es konnten und wo sie es
wagen durften. In den Städten ließ man sie nicht ein; es waren zu wilde
Gäste, denen die eigenen Stadtsoldaten nicht gewachsen gewesen wären.
Auch das erzbischöfliche Köln hielt ihnen die Tore verschlossen. Sie
wurden unter geeigneter Bedeckung um die Stadt geleitet an den Rhein.
Dort überließ man sie sich, nachdem man unter gegenseitigem Grüßen, wie
»Pfaffenknecht« oder »Meuterer«, voneinander Abschied genommen hatte.
Von den Bastionen spähten die Stadtsoldaten mit brennender Lunte zu
ihnen herab, um einen Annäherungsversuch unfreundlich zurückzuweisen.
Der Fährmann mit seinen Knechten war seitens der Stadt gedungen, sie
unentgeltlich an das andere Ufer überzusetzen; so hoffte man, bald den
großen Strom zwischen der Stadt und den wilden Gesellen als schützenden
Wall zu haben.
Vielleicht aber hätten die fremden Gäste sich doch nicht so mit der
Überfahrt beeilt, wenn ihnen nicht ein besonderes Angebot die Sache
annehmbar gemacht hätte.
In Köln weilten zur Zeit die flandrischen und wallonischen Kaufherren
aus Gent, Antwerpen, Brügge, Dinant, und wo immer sonst das Kupfer
des alten Rammelsberges Verwendung finden mochte. Sie kamen mit
gespickten Geldkatzen und kostbaren Warenballen, um im Tausch für sie
das wertvolle Metall einzuhandeln oder die Erzeugnisse ihres eigenen
Gewerbfleißes zuvor in den Städten Westfalens und des Niedersächsischen
Kreises in Geld umzusetzen und dann mit dem Verdienten in Goslar das
Gewünschte zu erwerben. Ihre Gesichter wurden besorgter, je mehr sie
sich den Grenzen Deutschlands näherten; denn was sie über die Zustände
im Reiche hörten, mußte sie mit den größten Bedenken hinsichtlich
ihrer Person wie ihres Eigentums erfüllen. Sie zogen zwar unter dem
reisigen Geleit einer Anzahl Gewappneter dahin, aber diese boten
allenfalls Schutz gegen die landesübliche Unsicherheit einzelner Trupps
von Wegelagerern und adligen Strauchdieben. Im Kampfe mit großen Haufen
verzweifelter und verwilderter Bauern mußten sie erdrückt werden.
Da kam einer der Wagenknechte, der, vor der Stadt sich ergehend, den
seltsamen Zug der Landsknechte gesehen und von ihrem Wegziel gehört
hatte, auf den guten Gedanken, dem Herrn diese wagemutigen Gesellen
als Geleit für den Weg vorzuschlagen. Sein Vorschlag fand Anklang,
wenn auch mancher der Kaufleute abriet, sich der wilden Soldateska
anzuvertrauen. Ein Versuch sollte wenigstens gemacht werden. So
wurde ein Unterhändler zu ihnen geschickt. Was er berichtete, klang
vertrauenerweckender, als man erwartet und gehofft hatte. Die meisten
Leute wollten nach Niedersachsen, woher sie stammten. Sie waren des
Kriegslebens müde und sehnten sich nach Ruhe, wenigstens zur Zeit.
Die Bewaffnung sei gut, der Webel, der die Führung habe, besitze
Gewalt über die Leute, und die Soldaten selbst machten keinen allzu
schlechten Eindruck. Gegen ein gutes Handgeld und entsprechende
Ablohnung nach Erfüllung des Auftrages seien sie bereit, den Schutz
des Zuges zu übernehmen, mit der Einschränkung allerdings, daß es dem
einzelnen freistehe, abzuschwenken, wenn die Heimat erreicht sei. Da
indes die meisten, wie erwähnt, aus den braunschweigischen Ländern und
noch darüber hinaus waren, so blieb bis in die Nähe von Goslar ein
wirkungsvolles Geleit gesichert. Das Handgeld war ausgezahlt, und die
Knechte warteten ihrer Schützlinge.
Unter ihnen waren auch einige Blessierte und Schwerverletzte. Im
Hintergrunde hielt der Wagen der Marketenderin, eines kräftigen
Frauenzimmers. Immecke Rosenhagen hieß sie und stammte aus Salzwedel.
Den Eltern war sie vor nunmehr manchem Jahre davongelaufen mit einem
Gesellen des Vaters, der aus dem Stolz des eingeborenen Gildemeisters
heraus sich dagegen sträubte, die einzige Tochter einem zugereisten
Fremden zur Frau zu geben. Der Geliebte griff zur Hellebarde, sie
bestieg das Wägelchen, in welchem sie allerlei Trink- und Eßbares für
das Fähnlein mitführte. Übrigens hatte die beiden ein schnellbereiter
Feldkaplan in christlicher Ehe zu Mann und Frau gemacht. Des
Mägdeleins, das ihrer Liebe entsprossen, konnte sich der Vater nicht
allzulange erfreuen; eine Stückkugel zerriß ihm vor den Wällen von
Maastricht die Brust.
Immecke und ihr Töchterlein Monika blieben dem Regiment treu und zogen
mit ihm von einem Kriegsschauplatz zum andern. Wo immer die Kartaunen
rasaunten und die Hakenbüchsen krachten, hielt ihr Wägelchen in der
Nähe. Manchen Verwundeten hatte sie gepflegt, manchem Sterbenden
die brechenden Augen zugedrückt. Und es war rührend, wie das rauhe
Soldatenvolk diese Treue vergalt. Wehe dem, der sich gegen Immecke oder
ihre Monika vergangen hätte. Die Mutter hatte zwar selbst einen allzeit
schlagfertigen Mund, um sich etwaiger Ungebührlichkeiten zu erwehren;
aber dazu wurde ihr kaum Gelegenheit gegeben; sie war Respektsperson im
ganzen Regiment und besonders des Fähnleins des Hauptmanns Hennecke,
unter dem ihr seliger Mann gedient hatte und dem sie sich infolgedessen
auch zugeschrieben erachtete. Selbst der Spitz, der unter dem Wagen
daherlief, war in diesen Schutz eingeschlossen.
Immecke Rosenhagen gab mehr als einmal die Schlichterin bei bösen
Händeln ab, wie sie Würfelspiel, Trunkenheit oder die Dirnen des
Trosses wohl hervorriefen. Hätte sich eins dieser losen Weiber einmal
unehrbietig gegen Immecke oder ihr Töchterlein benommen, es wäre
ihm teuer zu stehen gekommen. Die Meuterei, bei welcher der wackere
Hauptmann Hennecke das Leben eingebüßt hatte, verzieh sie ihren
Kindern, wie sie ihre Soldaten zu nennen pflegte, lange nicht. Zwar war
der tödliche Streich nicht von einem Angehörigen des eigenen Fähnleins
geführt worden. Indes die Leute auch des Hauptmanns Hennecke hatten
sich an dem Aufruhr beteiligt. Sie selbst war zur Zeit der Tat auf
Einkauf fortgewesen und hörte erst bei der Rückkehr von dem Tumult.
Die Tat war geschehen, und den guten Hennecke rief niemand mehr ins
Leben zurück. Aber den Knechten seines Fähnleins wurde von Immecke eine
Predigt darob gehalten, die sie lange nicht vergaßen.
»Ihr wollt ehrliche, deutsche Knechte sein? Eidbrüchige Schufte seid
Ihr, die mit Mordbuben gemeinsame Sache machen, wenn sie die paar ihnen
zustehenden Gulden nicht sogleich erhalten. Kann der Herr Obrist dafür,
wenn ihm der welsche Fürst das gegebene Versprechen nicht hält? Hat
der Hauptmann nicht allezeit wie ein rechter Vater für Euch gesorgt?
Nun liegt er erschlagen vor Euch, und daheim warten Frau und Kind
vergeblich auf die Wiederkehr. Pfui über Euch!«
Die Knechte krauten sich verlegen hinter dem Ohr und schlichen beschämt
zur Seite. Seit dem Tage hatte Immecke sie noch fester in der Hand.
Sie war die eigentliche Führerin auf dem Marsche in die Heimat, wenn
auch der Weibel die äußere Leitung beibehielt. Alle waren kriegsmüde,
die Soldaten wie die Marketenderin. Wo sie ihr Haupt niederlegen würde,
wußte Immecke noch nicht. Aber sie wollte ihrer Monika eine Heimat
geben.
Vor dem Wagen, auf dem sie hantierte, standen einige Knechte und
leerten den Becher mit Branntwein, der ihnen die Morgensuppe ersetzen
mußte.
»Nun geht's zur Mutter, Immecke«, rief ihr Klaus Bolte zu, der in
Osterode am Harz zu Hause war.
»Na, die wird sich recht freuen, wenn Du mit Deiner zerhackten Visage
vor ihr auftauchst. Sieh nur zu, daß wenigstens die Nase wieder etwas
ins Gerade gerückt wird, sonst läuft selbst der Kater mit Grauen
davon.«
»Schadet nichts, Mutter Immecke«, erwiderte Klaus ungerührt. »Freuen
wird sie sich doch, denn zuletzt ist doch noch manches an dem Kerl
geblieben, was sich sehen lassen kann. Wird für den verlorenen Sohn
kein Kalb geschlachtet, so doch hoffentlich ein tüchtiges Stück
Schinken aus dem Rauchfange geholt. Und der Vater soll's nicht zu arg
machen. Dem Stöcklein sind wir mit der Zeit entwachsen; könnte uns
ansonst gleich wieder die Klinke in die Hand drücken. Neugierig bin ich
nur, wie wohl das Schwesterchen ausschaut, das ich vor Jahren als ein
kleines Hutzelchen verließ. Muß etwa so alt sein wie Eure Monika. Ob
sie freilich auch so schier und blank dareinschaut wie diese, weiß ich
nicht.«
Da lief ein Schmunzeln über Immeckes Gesicht, und sie reichte Klaus
Bolte einen Becher Branntwein. »Da, nimm's und trink's auf ihr Wohl, so
verkühlst Du Dir den Magen nicht in diesem Schandwetter. Ansonst die
Mutter Dich mit Kamillentee zurechtpäppeln muß, statt des Schlegels
vom geschlachteten Kalbe.« Klaus lachte über das ganze Gesicht und
setzte den Becher an die ewig durstigen Lippen.
Währenddessen war die Tochter, von der die Rede war, um einen
Schwerblessierten beschäftigt, der mit noch zwei anderen auf einem
Beiwagen im Stroh lag. Ihm war bei dem letzten Treffen das linke
Bein zerschmettert, und die Säge des Feldschers hatte ihm nur einen
armseligen Stumpf davon übriggelassen.
»Nun, wie geht's mit der Wunde, habt Ihr noch arge Schmerzen?« fragte
das Mädchen mitleidig, während sie ihm das Strohkissen zurechtrückte,
daß er bequemer sitze.
»Wie soll's anders sein,« murrte der alte Doppelsöldner, »natürlich
zwickt's noch höllisch; aber das ist's nicht, was mich niederdrückt.
Die Aussicht, den Bettelmann künftig zu spielen, als Lump hinter einer
Hecke zu verrecken, das ist es, was einen ehrlichen Kriegsmann wurmt
und auffrißt! Man hätte mich verbluten lassen und mit dem, was von mir
da hinten bei Nanzig blieb, beiroden sollen!«
»Pfui doch, der garstigen Rede«, sagte Monika, während sie begütigend
über das struppige Haar strich. »Dankt vielmehr Eurem Gott, daß er Euch
das Leben ließ. Der wird auch weiter für Euch sorgen. Ihr habt doch
noch Leute zu Hause, die für Euch sorgen werden.«
Der alte Veteran blickte gerührt zu ihr auf. »Du bist doch unser
Engelein, Monika! Hast recht, so ganz verlassen bin ich nicht. Noch
lebt mir das alte Mütterlein daheim; die freut sich, bringt ihm der
Sohn auch statt güldener Ketten und anderer Schätze, die er auszog zu
erwerben, nur ein Stelzbein mit. Und der Bruder, der das väterliche
Anwesen erbte und bewirtschaftet, war auch keiner der Schlechtesten.
Ist die Frau, die er inzwischen heimführte, von ähnlicher Gesinnung, so
mag auch bei ihnen ein Plätzchen hinter dem Ofen für mich bereit sein,
und den Kindswärtel kann ich zur Not auch noch spielen. Sag's nur der
Mutter nicht, in welcher Laune Du mich getroffen, sonst setzt es noch
ein Donnerwetter von ihr. Du weißt ja, wie sie ist.«
Immecke war derweil mit einem andern ins Gespräch geraten, der eine
Binde über dem linken Auge trug.
»Wohl bekomm's, Erdwin Scheffer«, wünschte sie dem Einäugigen zugleich
mit dem Becher, den sie ihm reichte. »Nun, freust Du Dich, daß wir
glücklich über den Rhein sind? Jetzt geht's mit Macht der Heimat zu.
Die Eltern werden sich freuen, wenn sie Dich wiederhaben.«
Ein verbissenes Lachen war die Antwort.
»Natürlich, die werden alle Türen bekränzen, wenn der Hansdampf
in allen Gassen flügellahm wiederkehrt, der ihnen ausriß, weil es
ihm daheim zu wohl war und weil er ihren gutgemeinten Plänen nicht
gehorsamen wollte. Und die Freunde erst und die Jüngferlein, wie werden
die sich um mich reißen, den Krüppel.«
»Laß die Mutter aus dem Spiel bei Deinem gottlosen Reden«, widerriet
Immecke ernst und nachdrücklich. »Was weißt Du, was eine Mutter für ihr
Kind im Herzen trägt.«
Sie kam nicht weiter mit ihrer Ermahnung, denn in diesem Augenblick
begann am jenseitigen Ufer vor sich zu gehen, worauf alles schon
wartete. Das Frankentor öffnete sich und ließ die Karren und Wagen
der flandrischen Kaufleute heraus. Sie rumpelten nacheinander das
abgeflachte Steinufer zur Fähre herab, die sie übersetzen sollte.
Man sah, wie die Pferde unruhig aufstiegen, als sie das schwankende
Gerüst betreten sollten. Dann kam die erste Last über den Strom und
landete nach langer Zeit am Deutzer Ufer. Einmal nach dem andern fuhr
der Fährmann mit seinen Knechten herüber und zurück, denn der Zug war
lang, und die Fähre trug nicht mehr als zwei Gefährte zugleich. Es ging
schon auf den Nachmittag, als der letzte Wagen den Uferrand bei Deutz
heraufrollte.
Manches derbe Scherzwort fiel bei den Kriegsknechten über das Bild, das
sich vor ihnen abspielte.
»Was mögen wohl die Ballen und Kisten an Kostbarkeiten bergen?« meinte
neugierig lüstern Abel Wüstemann aus Zerbst. »Das kann Dir gleich
sein«, fiel ihm Immecke ins Wort. »Für Dich ist's jedenfalls nicht
bestimmt. Laß also Deine Gedanken und Finger davon, das rate ich Dir.«
»Nun, nun, man wird doch noch seinen Mund auftun dürfen«, brummte der
also Gemaßregelte.
»Besser ist's schon, Du befolgst meinen Rat und behältst Deine Gedanken
für Dich; wir kennen uns doch von Arras her, wo ich Dich durch ein
gutes Wort vor dem Profosen rettete, als Du ein wenig von des Nächsten
Gut an Dich gebracht hattest. Ein zweites Mal wird Dir meine Fürsprache
fehlen. Wir wollen als ehrliche Leute in die Heimat ziehen.« Da schlich
er beschämt zur Seite.
Verdrossen glitt der Blick Erdwin Scheffers über das Treiben am
Strande. Unschlüssig stand er da über seine Hellebarde gebeugt, in
seiner Lässigkeit doch die Kraft verratend, die in seiner schlanken,
sehnigen Gestalt gefesselt stak. Das hübsche Gesicht wurde nicht einmal
durch die schwarze Binde merklich entstellt. Die Hand glitt verloren
durch das Bärtchen, welches die Lippen zierte. Monikas Blick folgte dem
Abseitsstehenden. Sie wischte sich verstohlen die Augen, die ihr feucht
geworden waren im Gedanken an sein Unglück; was war aus dem lustigen
Gesellen geworden, der zu ständiger Kurzweil früher geneigt war. Ihr
selbst kaum bewußt, schlug ihm ihr junges, unschuldiges Herz entgegen.
Erdwins Gedanken weilten indes weitab von ihr und vom Rhein. Die Berge
des Harzes stiegen vor ihm auf und die Stadt mit den vielen Türmen,
aus der er in trotzigem Übermut und Groll entwichen war. Wie mochte
es jetzt daheim aussehen, was die Mutter sagen und der Vater denken,
dessen starrer Sinn ihn beim eigenen Handwerk festhalten wollte, um
ihn durch die Hand der Nachbarstochter noch unlöslicher mit der Heimat
zu verbinden? Denn er kannte den unruhigen Sinn des Sohnes, der in die
Ferne strebte und in unklarer jugendlicher Abenteurerlust jenseits der
Berge die blaue Blume zu pflücken hoffte, von der die Mär erzählte.
Erdwin hatte längst eingesehen, daß diese Blume im Lande Nirgendwo
blühe und daß der ehrsame, gestrenge Vater zuletzt doch das Richtige
mit ihm im Sinn hatte. Aber Trotz und Scham hielten ihn davon ab, als
reuiger Sohn zurückzukehren, und auch die Aussicht, doch noch das
Opfer der väterlichen Heiratspläne zu werden. Die breithüftige Maria
Hellvogt, die man ihm zugedacht hatte, mit den guten, blauen Augen im
rundlich-dummen Gesicht, konnte ihn auch heute noch nicht locken, zumal
wenn er sie mit der zierlichen Monika verglich, die ihm in den Jahren
der gemeinsamen Kriegsfahrt mehr als ein guter Kamerad geworden war.
Nun kehrte er als ein Schiffbrüchiger heim, und er mußte vorliebnehmen,
was ihm von der Eltern Gnade übrigblieb, wenn sie ihm nicht gar ganz
die Tür verschlossen.
Ingrimmig stampfte er mit der Waffe auf; da fiel sein Blick auf
einen der Männer, die ihre Rosse von der Fähre die Uferböschung
hinaufführten: Wenn's nicht gar so närrisch wäre, sollte man meinen,
das sei ein alter Bekannter von daheim. Noch einmal sah er hin und noch
einmal. Wahrhaftig, kein Zweifel, das war ja der Heinrich Achtermann,
des Ratsherrn Sohn, und der da neben ihm, war das nicht Johannes Hardt
von der Poppenbergstraße? Und schon klang es auch von seinen Lippen:
»Heinrich Achtermann, Johannes, Herr Johannes Hardt, bist Du es, seid
Ihr es wirklich?«
Hallo, wer rief hier, in der Fremde, ihren Namen? Heinrich blickte sich
erstaunt um.
Die Freude, einen Bekannten aus der alten Heimat, einen Jugendgespielen
unvermutet zu sehen, überwog bei Erdwin jedes andere Gefühl. Eilig trat
er näher. »Bei Gott, das nenn' ich eine Freude in all der Trübsal«,
sprudelte er hastig hervor. »Aber sagt, erkennt Ihr mich denn immer
noch nicht, den Erdwin Scheffer von Sankt Ägidien, mit dem Ihr so oft
in des Nachbars Garten auf Raub gezogen und der ebensooft vom Vater
den Buckel zerbleut bekam, weil er dem Stadtweibel eine Nase gedreht
oder die Zöpfe der dummen Mädel aneinander festgebunden hatte, daß sie
zeterten und schrien, als sei der Habicht unter die Hühner gestoßen?«
Nun erkannten auch sie den Jugendgespielen, und die Freude war nicht
minder groß. Das gab ein Fragen hin und her. Über die Heimat wußten sie
freilich beide wenig Neues; im Vordergrunde standen die Erlebnisse in
der Fremde.
»Was hast Du denn mit dem Auge?« fragte Johannes.
»Das ist das traurigste Kapitel aus meiner Irrfahrt. Es ist dahin, und
nicht einmal im ehrlichen Kampfe vor dem Feinde verloren, sondern
ein eidbrüchiger Schuft stieß mir sein Messer hinein, als ich einen
ehrlichen Mann, unsern Hauptmann, aus den Krallen der meuterischen
Knechte befreien wollte. Er hat zwar seine Tat mit dem Leben gebüßt,
denn die Kameraden schlugen ihm gleich danach den Schädel ein, aber ich
bin ein Krüppel fürs Leben und weiß noch nicht, wie ich es trage und
vor die Eltern treten soll, denen ich im aufgeblähten Stolz vor mehr
als fünf Jahren davonrannte.«
Man sprach ihm gut zu, und die düstere Falte auf der Stirn glättete
sich allmählich unter dem lebhaften Austausch von gemeinsamen
Erinnerungen und dem »Weißt Du noch?« »Besinnst Du Dich?« Niemand aber
war froher als das wackere Paar am Marketenderwagen, als sie sahen, daß
ihr Liebling wieder etwas frohmütiger dreinblickte, und Monika rechnete
es dem Heimatsgenossen als besonderes Verdienst an, daß ihm dies
gelungen war.
Der Zug der Kaufleute hatte das Bergische Land durchquert und war
in die Soester Börde hinabgestiegen, vorbei an mehr als einem der
Raubnester, die über den tiefen Taleinschnitt am Felsen klebten wie das
Nest der Mauerschwalbe. Manch begehrlicher Blick eilte ihnen von da
oben entgegen und geleitete sie im Vorbeiziehen, aber man wagte sich
nicht an die Fremden heran, die wie ein kleiner Heereszug stattlich und
sicher dahinzogen. Es waren der Kaufleute gar viele, die aus Flandern
und Frankreich solchergestalt ins Reich zogen, denn manche von ihnen
zogen noch über Goslar hinaus bis Leipzig, um dort auf den großen
Märkten, den Vorläufern der heutigen Messe, den Warenaustausch bis
nach dem fernen Osten hin zu vermitteln. Gemeinlich fand nur einmal im
Jahre ein solcher Zug aus dem Westen her statt. In Goslar hielt man
sich monatelang auf und handelte dort wie in Braunschweig und anderen
Städten der Nachbarschaft, bis die Ostgänger wieder zurück waren und
man nun mit dem begehrten Kupfer und anderen Schätzen die Rückreise
antreten konnte.
In Goslar pflegten die Fremden bei ihren Geschäftsfreunden abzusteigen,
während die Knechte und Handlungsgehilfen in den Herbergen Unterkunft
fanden. Manche engen Beziehungen waren so entstanden zwischen Goslarer
Familien und Häusern in Brabant oder Nordfrankreich. Fäden liefen hin
und her, die nicht leicht zerrissen. Der bedächtige Kaufmann vertraute
seine Sachen nicht gern fremden Händen an, und erst wenn das Alter zu
sehr drückte oder der Sohn und Nachfolger Gewähr bot, daß die Geschäfte
mit gleicher Gewissenhaftigkeit erledigt werden würden, trat der Alte
zurück und überließ der jungen Kraft die Beschwerden der Reise. So
kam es, daß Heinrich und Johannes Hardt auch Bekannte unter ihnen
antrafen. Da war der weißhaarige Herr Jan Uytersprot aus Brügge, der
beim Nachbar Borchardt abzusteigen pflegte und sich so gern mit den
Kindern beschäftigte. Noch heute rechnete es ihm Heinrich hoch an, daß
er sein Versprechen, ihm einen richtigen Bogen mit Köcher aus Brabant
mitzubringen, getreulich gehalten hatte. Und Herr Gérard Dietvorst aus
Dinant und Felix Vandepere aus Löwen und noch andere, sie alle tauchten
vor ihm mit bekannten Gesichtern auf. Er selbst mußte sich freilich
ihnen erst wieder in Erinnerung bringen, denn seit der Kindheit war
manches Jahr dahingerauscht, und den aufwachsenden und in die Fremde
ziehenden Jüngling hatten sie aus dem Gesicht verloren. Von seinem
Auftrage war natürlich nicht die Rede, und ihre Geschäfte nahmen sie
mehr in Anspruch als der Gedanke, wie die jungen Goslarer hier in ihren
Zug kamen.
In Soest fand Heinrich Achtermann Gelegenheit, die Grüße des Vaters im
Hause Ernestis zu bestellen und sich zu überzeugen, welches geschäftige
Leben in der alten Hansestadt pulsierte. Ernestis Wohnwesen stellte mit
seinen Höfen, Speichern und Stallungen eine Handelsburg für sich dar.
Der Mann mußte ein ganz Großer unter seinen Berufsgenossen sein!
An der Weser gab es unerwünschten Aufenthalt, denn die Brücke bei
Höxter war wieder einmal abgetragen oder davongeschwemmt. Argwöhnisch
schielte man sich von beiden Ufern an: hier die kurmainzischen Mönche
von Corvey mit den erzbischöflichen Knechten in der Stadt, drüben die
Mannen des braunschweigischen Vogts. Also galt es, noch einmal auf der
Fähre den Fluß zu überqueren.
In Köln hatte sich dem Zuge auch ein Händler Hans Römer aus Helmstedt
angeschlossen, der die günstige Gelegenheit zur Heimreise benutzen
wollte. Seine Gewandtheit und seine Kenntnis des Flämischen wie des
Französischen machte ihn zu einem willkommenen Begleiter für diesen
und jenen der Kaufleute, denen das Deutsch etwas polterig vom Munde
floß. Dabei war er am Rhein mit Land und Leuten ebenso vertraut wie in
Westfalen, und seine Beweglichkeit half manchen Zusammenstoß mit den
Landesbewohnern wie mit Behörden vermeiden. An Heinrich und Johannes
schien er einen besonderen Gefallen gefunden zu haben. Wo es nur
anging, hielt er sich in ihrer Nähe auf und verstand es auch meistens,
in derselben Herberge mit unterzuschlüpfen. Johannes vergalt diese
Freundlichkeit nicht mit gleichem Entgegenkommen. Es lag etwas im Wesen
des Mannes, was ihn abstieß; war es der unsichere Blick der ewig auf
der Wanderung befindlichen Augen oder die aufdringliche Zutraulichkeit;
er wußte es selbst nicht. Heinrich war weniger mißtrauisch. Seine
Vertrauensseligkeit hatte bisher noch keinen groben Stoß im Leben
erlitten. Einmal wurde allerdings auch sein Argwohn rege, als er
den Helmstedter im Morgengrauen, da alles noch schlief, bei seinen
Habseligkeiten fand. Römer war um eine Ausrede nicht verlegen, als
Heinrich ihn fragte, was er an seinen Sachen zu tun habe. Es lag
natürlich ein Versehen vor, das sich aus dem unsicheren Licht erklärte,
und tatsächlich befand sich das Bündel des Mannes dicht dabei, so daß
ein Irrtum möglich war.
Der Argwohn erhielt aber neue Nahrung durch eine Mitteilung Erdwin
Scheffers, dem es Monika Rosenhagen sagte. Sie hatte Römer mehrere Male
im geheimen Gespräch mit einigen Landsknechten gesehen und dabei auch
den Namen »Achtermann« deutlich vernommen. Da jener Wüstemann dabei
gewesen war, dem die Mutter eine unreine Hand nachsagte, so nahmen sie
an, daß irgendein Schelmenstück geplant werde. Man konnte aber zunächst
nichts weiter tun, als die Augen offen halten. Und das taten Monika mit
ihrer Mutter wie Erdwin Scheffer und Johannes Hardt seitdem noch mehr
als Heinrich selbst.
Die Zahl der Landsknechte verringerte sich inzwischen mählich, aber
stetig in dem Maße, wie die Heimat des einzelnen näher kam. Als man
sich dem Harz zuwandte, waren es nur noch ihrer dreißig. Man mußte
der wilden Schar nachrühmen, daß sie ihre Aufgabe auf der langen
Reise redlich erfüllt hatte. Freilich hatten die Kaufleute tüchtig in
den Beutel greifen müssen, aber die Vorsicht lohnte sich doch, und
man konnte hoffen, die Mehrkosten wiedereinzubringen, sei es durch
vorteilhafte Einkäufe in Goslar oder durch Aufschlag auf die Waren
daheim. Ein Jauchzen rang sich von den Lippen Heinrichs, als die Berge
des Harzes jenseits Gandersheim in der Ferne aufblauten.
»Die Heimat, Kinder, die Heimat winkt uns«, rief er den Gesellen zu,
die in seiner Nähe gingen.
»Für Dich ja, aber für mich?« erwiderte Erdwin traurig. »Auch für Dich,
guter Erdwin«, redete Johannes ihm tröstend zu. »Auch für Dich wird
sich noch alles zum besten wenden. Jetzt freue dich mit uns, daß wir
dem alten, lieben Goslar näher kommen.«
Man kam durch Ildehausen, wo ehedem Ernestis Ahnen hausten. Vor ihnen
erhoben sich die Berge in immer machtvollerer Fülle, und dann zogen
sie in das kleine Städtchen Seesen ein, das die letzte Raststätte vor
Goslar sein sollte.
In Seesen verließen noch einige Landsknechte die Gesellschaft. Da man
aber dem Ziel nahe war und die unsicheren Gebiete hinter sich wußte,
glaubte man das Endstück der Reise unter dem Schutze der eigenen
Bewaffneten und des Restes der Soldaten wohl zurücklegen zu können.
In diesem Städtchen verschwand auch Römer, und man trauerte dem
unleidlichen Gesellen nicht nach. Erdwin Scheffer war noch immer nicht
ganz beruhigt. »Ich kann mir nicht denken, daß der Kerl irgendeinen
Plan hegte und nun ohne weiteres auf die Ausführung verzichtet, ohne
den ernstlichen Versuch zu seiner Ausführung unternommen zu haben.«
Aber Heinrich, wie jetzt auch Johannes, waren guten Mutes, und man
verließ anderen Morgens die kleine Stadt. Sie hofften, schon in den
frühen Stunden des Nachmittags in Goslar einzutreffen; doch ein
Radbruch beim Neuen Kruge gab unliebsamen Aufenthalt, und es sanken
schon die frühen Schatten des Novembertages herab, als man sich den
Goslarer Bergen näherte.
Der Vogt des festen Hauses in Langelsheim, das den Braunschweigern
gehörte, gab mürrischen Dank auf den Gruß, den man ihm bot.
»Wie seine Herren«, sagte Heinrich lachend, dessen frohe Ungeduld mit
jedem Schritt wuchs. Vor ihnen verließen ein paar Bewaffnete den Ort,
wahrscheinlich Knechte des Herzogs, die mit Botschaft nach Langelsheim
gekommen waren oder solche mit sich nahmen. Sie ritten, daß die Funken
stoben. »Die haben es eilig, daß sie unsere Gesellschaft meiden«, rief
Erdwin hinter ihnen her.