„Dieses Geld quälte ihn aber,“ fuhr Katjä krampfhaft sich beeilend fort,

„er wollte es mir wiedergeben, er wollte es, das ist wahr, aber er

brauchte das Geld für dieses Geschöpf. Und da hat er denn seinen Vater

erschlagen, das Geld aber hat er mir doch nicht wiedergegeben, sondern

ist zu ihr in jenes Dorf gefahren, wo man ihn ergriffen hat. Dort hat er

auch dieses Geld verpraßt, das er vom ermordeten Vater gestohlen hatte.

Und am Tage vor der Ermordung des Vaters hat er mir diesen Brief

geschrieben, er hat ihn in der Betrunkenheit geschrieben, das habe ich

sofort begriffen, hat ihn aus Wut geschrieben, denn er wußte, er wußte

zu genau, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er

den Mord ausführen sollte. Denn sonst hätte er ihn doch nicht

geschrieben! Er wußte doch, daß ich mich niemals an ihm rächen, noch ihn

zugrunde richten würde. Aber lesen Sie ihn, lesen Sie ihn aufmerksam,

bitte, so aufmerksam wie möglich, und Sie werden sehen, daß er im Brief

alles schon im voraus beschrieben hat: Wie er den Vater erschlagen wird,

und wo das Geld bei ihm liegt. Sehen Sie, bitte, lassen Sie nichts aus,

dort steht eine Phrase: ‚Ich werde ihn erschlagen, wenn nur Iwan

abreisen würde.‘ Folglich hat er schon im voraus alles bedacht, wie er

ihn umbringen könnte!“ Katerina Iwanowna wies schadenfroh und gehässig

auf diesen einen Satz hin. Oh, man sah es, daß sie sich in alle

Einzelheiten dieses verhängnisvollen Briefes hineingelesen und jedes

Wort in ihm studiert hatte. „Wenn er nicht betrunken gewesen wäre, so

hätte er ihn nicht geschrieben, doch lesen Sie nur, alles hat er in ihm

schon im voraus angegeben, alles, ganz genau, wie er es später auch

wirklich ausgeführt hat, das ist das ganze Programm!“

So brachte sie, außer sich, alle ihre Anklagen vor, und jetzt verachtete

sie bereits alle Folgen, die sich daraus ergeben mußten, obgleich sie

dieselben schon einen ganzen Monat vorausgesehen hatte. Denn schon lange

hatte sie, bebend vor Rachegefühlen, darüber nachgedacht, ob sie diesen

Brief nicht vor Gericht laut vorlesen sollte? Nun stürzte sie sich ohne

Bedenken „kopfüber hinab“. Der Brief wurde dann laut vorgelesen, vom

Sekretär, glaube ich, und machte einen erschütternden Eindruck. Man

wandte sich an Mitjä mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne.

„Es ist mein Brief, mein Brief!“ rief Mitjä aus. „Wenn ich nicht

betrunken gewesen wäre, so hätte ich ihn nicht geschrieben! ... Aus

vielen Gründen haben wir uns gegenseitig gehaßt, Katjä, aber ich schwöre

es, ich schwöre es, ich habe dich auch hassend geliebt, du aber hast

mich – niemals geliebt!“

Er fiel auf seinen Platz zurück und ballte die Hände in der

Verzweiflung. Der Staatsanwalt und der Verteidiger begannen ein

Kreuzverhör, hauptsächlich über die eine Frage, was sie dazu bewogen

hatte, dieses Dokument zu verschweigen und zuerst in einem ganz anderen

Sinne und Ton auszusagen.

„Ja, ja, ich habe alles gelogen, ich habe gegen meine Ehre und mein

Gewissen gelogen, aber ich wollte ihn retten, gerade darum wollte ich

das, weil er mich haßt und verachtet!“ rief Katjä wie eine Wahnsinnige

aus. „Oh, er hat mich tief verachtet, er hat mich immer verachtet, und,

wissen Sie, wissen Sie, – er hat mich von dem Augenblick an verachtet,

als ich ihm damals für das Geld zu Füßen fiel. Das habe ich wohl bemerkt

... Ich habe es damals sofort gefühlt, doch wollte ich es immer nicht

glauben. Wie oft habe ich in seinen Augen gelesen: ‚Immerhin bist du

damals selbst zu mir gekommen.‘ Oh, er hat es nie verstanden, nie hat er

verstanden, warum ich damals zu ihm gelaufen war, er ist nur fähig, mich

einer Niedrigkeit zu verdächtigen! Er beurteilt alle nach sich, er

denkt, daß alle so niedrig sind wie er,“ knirschte Katjä jähzornig und

schon ganz außer sich. „Heiraten aber wollte er mich nur darum, weil ich

die Erbschaft machte, nur darum, darum! Ich habe es immer gewußt, daß er

es nur darum wollte! Oh, dieses Tier! Er war überzeugt, daß ich dieser

Schande wegen ewig vor ihm zittern würde, und daß er mich darum ewig

verachten und über mich herrschen könnte – das war es, warum er mich

heiraten wollte! So ist es, so ist es! Ich versuchte, ihn mit meiner

Liebe zu besiegen, mit einer endlosen, grenzenlosen Liebe, sogar seinen

Verrat an mir wollte ich ertragen, doch er verstand das alles nicht,

nichts verstand er davon. Ja, kann er denn überhaupt etwas verstehen!

Das ist doch ein Ungeheuer, ein Auswurf der Menschheit! Diesen Brief

brachte man mir am folgenden Tage erst gegen Abend, und noch am Morgen,

am Morgen desselben Tages wollte ich ihm alles verzeihen, alles, sogar

seinen Treubruch!“

Der Vorsitzende und der Staatsanwalt beruhigten sie natürlich. Ich bin

überzeugt, es war ihnen selbst unangenehm, ihre Aufregung so auszunutzen

und diesen Bekenntnissen zuzuhören. Ich weiß noch, wie sie zu ihr

sagten: „Wir verstehen Sie, glauben Sie uns, wir fühlen Ihnen nach, wie

schwer es Ihnen sein muß,“ usw. usw., aber nichtsdestoweniger wurden

noch weitere Aussagen diesem hysterischen und wahnsinnigen Weibe

entlockt. Sie erzählte zuletzt mit außerordentlicher Klarheit – die sich

in solchen überspannten Augenblicken zuweilen, wenn auch nur

vorübergehend plötzlich einstellt –, daß Iwan Fedorowitsch in diesen

zwei Monaten darüber fast seinen Verstand verloren habe, wie er „dieses

Ungeheuers, diesen Mörder“, seinen Bruder, retten könnte.

„Er quälte sich maßlos,“ rief sie aus, „er wollte dessen Schuld

vermindern, indem er mir eingestand, er selbst hätte seinen Vater nicht

geliebt und vielleicht sogar seinen Tod gewünscht. Oh, er hat ein

tiefes, abgrundtiefes Gewissen! Und wie hat er sich mit diesem Gewissen

gequält! Er hat mir alles aufgedeckt, alles! Täglich kam er zu mir und

sprach mit mir darüber, wie mit seinem einzigen Freunde. Ich habe die

Ehre, sein einziger Freund zu sein!“ rief sie plötzlich aus, und ihre

Augen blitzten, als hätte sie jemanden herausgefordert. „Er ist zweimal

bei Ssmerdjäkoff gewesen. Eines Tages aber kam er zu mir und sagte: wenn

nicht der Bruder, sondern Ssmerdjäkoff den Vater erschlagen hat (denn

man hatte doch die Fabel verbreitet, Ssmerdjäkoff sei der Mörder), so

bin auch ich vielleicht schuld daran, denn Ssmerdjäkoff wußte, daß ich

den Vater nicht liebte, und kann sich daher eingebildet haben, auch ich

wünschte den Tod des Vaters. Da nahm ich diesen Brief und zeigte ihn

ihm, und er überzeugte sich, daß sein Bruder den Vater erschlagen hatte,

und das schien ihn ganz niederzuschmettern. Er konnte es nicht ertragen,

daß sein leiblicher Bruder – ein Vatermörder sein sollte! Noch vor einer

Woche bemerkte ich, daß er von allen diesen Qualen krank geworden war.

In den letzten Tagen, wenn er bei mir war, redete er irre. Ich sah es,

wie der Wahnsinn sich bei ihm vorbereitete. Er ging umher und

phantasierte, das hat man ihm sogar auf der Straße angesehen. Der

angereiste Doktor hat ihn vor drei Tagen auf meine Bitte hin untersucht

und mir darauf gesagt, daß er einem gefährlichen Nervenfieber

entgegengehe, und das alles durch ihn, durch dieses Ungeheuer! Gestern

aber hat er erfahren, daß Ssmerdjäkoff gestorben ist – und das hat ihn

so erschüttert, daß er wahnsinnig geworden ist ... und alles wegen

dieses Ungeheuers, alles, nur um dieses Ungeheuer zu retten!“

Oh, versteht sich, so sprechen und alles so bekennen, das kann man nur

einmal im Leben – vor dem Tode vielleicht, oder wenn man das Schafott

schon bestiegen hat. Doch auch Katjä befand sich in diesen Minuten in

einer ähnlichen Stimmung. Das war allerdings dieselbe Katjä, die damals

zu dem jungen Wüstling gegangen war, um ihren Vater zu retten, dieselbe

Katjä, die soeben noch vor dem ganzen Publikum stolz und keusch ihre

Mädchenehre zum Opfer gebracht und von der edelmütigen Handlung Mitjäs

erzählt hatte, einzig und allein, um das Schicksal, das ihn erwartete,

auch nur um ein geringes zu erleichtern. Und ebenso brachte sie sich

auch jetzt selbst zum Opfer, diesmal aber für einen anderen, und

vielleicht wurde sie sich erst in diesem Augenblick zum erstenmal dessen

bewußt, wie teuer ihr dieser andere war! Sie opferte sich aus Angst um

ihn, weil sie sich plötzlich einbildete, er hätte sich zugrunde

gerichtet, mit der Aussage, daß er der Mörder sei und nicht der Bruder,

– sie opferte sich, um ihn zu retten, seinen Namen, seinen Ruf! Indessen

war ein verhängnisvoller Zweifel aufgetaucht: hatte sie nun das über

Mitjä Ausgesagte erlogen – alles das über ihre früheren Beziehungen zu

ihm? Nein, nein, sie hatte ihn nicht etwa absichtlich verleumdet, als

sie ausrief, Mitjä verachte sie – wegen ihrer Verbeugung bis zur Erde!

Sie glaubte selbst daran, sie war fest davon überzeugt, vielleicht schon

von dem Augenblick ihrer Verbeugung an, daß der treuherzige Mitjä, der

sie anbetete, im Inneren über sie lache und sie verachte. Und nur aus

Stolz hatte sie sich damals mit ihm verlobt, in hysterischer und

plötzlich auflodernder Liebe, die jedoch mehr einem Hasse glich, als

einer Liebe. Oh, vielleicht hätte sich diese krampfhafte Liebe in eine

wirkliche, große Liebe verwandelt: Katjä hatte ja nichts so sehr als das

gewünscht! Doch jetzt hatte Mitjä sie bis in ihre tiefste Seele durch

seinen Treubruch beleidigt, ihre Seele aber verstand nicht, zu

verzeihen. Der Augenblick der Rache kam für sie so unerwartet, und

alles, was sich solange schon und so schmerzhaft in dem beleidigten

Mädchen angesammelt hatte, brach jetzt mit einemmal und ganz unerwartet

aus ihr hervor. Sie gab Mitjä preis, aber zugleich gab sie auch sich

selbst preis! Und versteht sich, kaum war ihr gelungen, endlich sich

auszusprechen, als die Spannung auch schon nachließ, und die Scham sie

überwältigte. Wieder bekam sie einen Anfall: sie fiel schluchzend und

aufschreiend hin. Man trug sie hinaus. In demselben Augenblick aber, als

man sie hinaustrug, stürzte Gruschenka mit einem Aufschrei zu Mitjä, so

unerwartet und so schnell, daß sie niemand mehr zurückhalten konnte.

„Mitjä!“ schrie sie, „Mitjä, sieh, jetzt hat dich deine Schlange

zugrunde gerichtet! Jetzt hat sie euch allen ihr wahres Gesicht

gezeigt!“ schrie sie zitternd vor Wut dem Gerichtshof zu.

Auf einen Wink des Vorsitzenden ergriff man sie, um sie aus dem Saal

hinauszuführen. Doch sie wollte sich nicht ergeben, sie schlug um sich

und wollte zu Mitjä stürzen. Und Mitjä sprang mit einem Schrei auf und

wollte gleichfalls zu ihr hin. Sie wurden beide überwältigt.

Ich denke, unsere Zuschauer, besonders die Damen, müssen befriedigt

gewesen sein: das Schauspiel war reichhaltig und aufregend genug.

Darauf, erinnere ich mich, trat der Moskauer Doktor ein. Ich glaube, der

Vorsitzende hatte schon früher den Gerichtsvollstrecker zu ihm

hinausgeschickt, damit Iwan Fedorowitsch Hilfe geleistet werde. Der

Doktor meldete dem Gericht, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber

gefährlich erkrankt sei und man ihn unverzüglich fortschaffen müsse. Auf

die Fragen des Staatsanwalts und des Verteidigers sagte er aus, daß der

Patient vor drei Tagen selbst zu ihm gekommen sei, und daß er ihm damals

den nahe bevorstehenden Ausbruch eines Nervenfiebers vorausgesagt habe,

doch habe der Patient nichts für sich tun wollen. „Er war schon damals

nicht mehr ganz bei gesunder Vernunft und gestand mir selbst, daß er

Halluzinationen habe, verschiedenen Personen, die schon gestorben seien,

auf der Straße begegne, und daß zu ihm jeden Abend der Satan zu Gaste

komme,“ schloß der Doktor. Nach diesem Bericht entfernte sich der

berühmte Arzt. Der Brief, den Katerina Iwanowna vorgezeigt hatte, kam zu

den übrigen Sachbeweisen. Nach einer kurzen Beratung beschloß der

Gerichtshof, die gerichtliche Verhandlung fortzuführen, die beiden

unerwarteten Aussagen Katerina Iwanownas und Iwan Fedorowitschs aber zu

Protokoll zu nehmen.

Ich werde den weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlungen nicht

ausführlich beschreiben, denn die Aussagen der übrigen Zeugen waren nur

Wiederholungen oder Bestätigungen der vorangegangenen, abgesehen von

einzelnen Merkwürdigkeiten. Doch, ich wiederhole es, alles Wichtige ist

in der Rede des Staatsanwalts, die ich jetzt sofort wiedergeben werde,

übersichtlich zusammengefaßt. Alle waren durch die letzte Katastrophe

erregt und wie elektrisiert und warteten mit brennender Ungeduld auf die

Lösung, auf die Auseinandersetzung der Parteien und auf das Urteil.

Fetjukowitsch war durch die Aussagen Katerina Iwanownas ersichtlich sehr

erschüttert. Um so mehr triumphierte der Staatsanwalt. Als die

Gerichtsverhandlung beendet war, wurde eine Unterbrechung der Sitzung

angesagt, dieselbe dauerte fast eine Stunde. Schließlich eröffnete der

Vorsitzende die Plaidoyers. Es war, glaube ich, gerade acht Uhr abends,

als unser Staatsanwalt, Hippolyt Kirillowitsch, seine Anklagerede

begann.

VI.

Die Rede des Staatsanwalts. Die Charakteristik

Als Hippolyt Kirillowitsch seine Rede begann, zitterte er am ganzen

Körper. Kalter, krankhafter Schweiß trat auf seiner Stirn und an den

Schläfen hervor, und er fühlte, wie ihn Frostschauer und Hitze

abwechselnd überkamen. So erzählte er später selbst. Er hielt diese Rede

für sein _Chef-dœuvre_, für das _Chef-d’œuvre_ seines ganzen Lebens.

Neun Monate darauf starb er an der galoppierenden Schwindsucht. So hatte

er denn so unrecht nicht, wenn er diese Rede mit dem letzten

Schwanengesang verglich, denn er fühlte schon damals sein Ende voraus.

In diese Rede legte er sein ganzes Herz hinein und alles, was er an

Verstand und Geist besaß. Zugleich bewies er damit ganz

unerwarteterweise, daß er nicht nur alle Gefühle eines guten

Staatsbürgers in sich getragen, sondern sich auch mit unseren

„verdammten“ Fragen – wenigstens insoweit sie an unseren armen Hippolyt

Kirillowitsch im Leben und in der Praxis herangetreten waren –

beschäftigt hatte. Doch den größten Eindruck machten seine Worte

dadurch, daß sie aufrichtig waren: er selbst war von der Schuld des

Angeklagten überzeugt. Nicht auf Befehl, nicht weil ihn seine Stellung

dazu zwang, klagte er ihn an. Nein, als er zur „Sühne“ aufrief, sah man

ihm an, daß ihn der Wunsch, „die Gesellschaft zu retten“, erbeben

machte. Selbst unser Damenpublikum, das doch schließlich Hippolyt

Kirillowitsch feindlich gesinnt war, gab zu, einen außerordentlichen

Eindruck davongetragen zu haben. Er begann mit einer schrillen,

fortwährend gleichsam abreißenden Stimme, doch bald erstarkte sie und

klang dann über den ganzen Saal hin, und so blieb sie bis zum Schluß der

Rede. Als er aber seine Rede beendet hatte, war er einer Ohnmacht nahe.

„Meine Herren Geschworenen,“ begann der Ankläger, „die Kunde von der

Tat, über die hier Gericht gehalten werden soll, ist wie Donnerschall

durch ganz Rußland gezogen. Aber worüber, fragt es sich, ist man denn so

erstaunt, weswegen braucht man sich denn so besonders zu entsetzen? Und

noch dazu wir, gerade wir? Wir sind doch so gewöhnt an alles! Aber

gerade darin liegt ja unser Entsetzen, daß solche dunkle Taten für uns

fast aufgehört haben, furchtbar zu sein! Das ist der Grund, warum man

sich entsetzen muß: daß wir uns an solche Taten schon gewöhnt haben –

und nicht wegen eines einzelnen Verbrechens des einen oder anderen

Individuums! Wo liegen nun die Gründe, die Ursachen unserer

Gleichgültigkeit, unseres lauwarmen Verhaltens zu solchen Taten, zu

solchen Kennzeichen der Zeit, die uns eine wahrlich nicht beneidenswerte

Zukunft ankünden? Liegen sie etwa in unserem Zynismus oder in der

frühzeitigen Erschöpfung des Geistes und der Vorstellungskraft unserer

noch so jungen, doch dafür so frühzeitig gebrechlich gewordenen

Gesellschaft? Oder liegen sie in unseren schwer erschütterten sittlichen

Grundlagen, oder schließlich darin, daß es diese sittlichen Grundlagen

vielleicht überhaupt nicht gibt? Ich will darüber nicht entscheiden,

doch nichtsdestoweniger sind diese Fragen qualvoll, und jeder Bürger muß

nicht nur, sondern ist sogar verpflichtet, unter ihnen zu leiden. Unsere

Presse ist ja allerdings noch etwas zaghaft, aber sie hat doch schon der

Gesellschaft gewisse Dienste geleistet, denn niemals hätten wir ohne sie

eine einigermaßen zutreffende Kenntnis erlangt von jenen Schrecken des

zügellosen Willens und der sittlichen Gesunkenheit, die sie

ununterbrochen in ihren Spalten Allen kundtut, – nicht nur den Wenigen,

die die Säle des neuen öffentlichen, uns von der gegenwärtigen Regierung

geschenkten Gerichts besuchen. Und was lesen wir jetzt fast täglich? Oh,

von Dingen, vor denen selbst diese uns jetzt vorliegende Tat erbleicht

und fast zu etwas ganz Gewöhnlichem wird. Doch das Wichtigste dabei ist,

daß die Mehrzahl unserer russischen, unserer nationalen Kriminalsachen

gerade von etwas ganz Allgemeinem Zeugnis ablegt, von einem gewissen

allgemeinen Übel, das mit uns verwachsen ist, und von dem uns zu heilen

sehr schwer ist, da es eben als allgemeines Übel auftritt. Da haben wir

einen jungen glänzenden Offizier aus der höheren Gesellschaft, der kaum

erst sein Leben und seine Laufbahn begonnen hat. Und dieser Aristokrat

geht hin und ermordet heimlich, gemein, ohne die geringsten

Gewissensskrupel, einen kleinen Beamten, der teilweise sein Wohltäter

gewesen war, ermordet auch dessen Dienstmagd, um sein Schulddokument und

mit diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen Beamten zu

rauben! ‚Das Sümmchen ist doch immerhin nicht zu verachten, es wird mir

schon bei meinen Lebemannvergnügungen zustatten kommen oder bei meiner

ferneren Laufbahn.‘ Und nachdem er sie beide erdrosselt hat, schiebt er

jeder Leiche noch ein Kissen unter den Kopf und macht sich dann davon.

Da haben wir einen jungen Helden, der mit Ehrenzeichen für Tapferkeit

behangen ist und räuberisch auf der Landstraße die Mutter seines

Anführers und Wohltäters ermordet. Indem er seine Helfershelfer zur

Mitwirkung überredet, gesteht er noch selbst, daß diese Frau ihn wie

einen leiblichen Sohn liebe und daher, wenn sie mit ihm reist, allen

seinen Ratschlägen folgen und keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen werde.

Mag das ein Ungeheuer sein – ich wage jetzt, in unserer Zeit, nicht mehr

zu sagen, daß jener ein vereinzelt dastehendes Ungeheuer sei. Ein

anderer wird vielleicht nicht ermorden, denkt und fühlt aber ganz so wie

jener, ist in seiner Seele ebenso verbrecherisch wie jener. In der

Stille, wenn er mit seinem Gewissen allein ist, fragt vielleicht auch er

sich: ‚Ja, was ist denn nun die Ehre, und ist Blut nicht nur ein

Vorurteil?‘ Vielleicht wird man von mir sagen, ich sei ein kranker, ein

hysterischer Mensch, ich verleumde und übertreibe maßlos, ich

phantasiere. Mag sein, schön ... Gott, ich wäre der erste, der sich

darüber freute, wie gern würde ich das alles sein wollen! Oh, glauben

Sie mir meinetwegen nicht, halten Sie mich für einen Kranken, aber

behalten Sie nur meine Worte: selbst wenn nur ein Zehntel, nur ein

Zwanzigstel meiner Worte wahr ist, – so ist es schon furchtbar! Sehen

Sie doch nur, meine Damen und Herren, sehen Sie doch nur, wie die

heranwachsende Jugend sich bei uns erschießt – und das geschieht ohne

die geringste Hamletfrage nach dem, was _dort_ sein wird, ohne das

geringste Anzeichen eines Vorhandenseins solcher Fragen, als wäre dieses

Kapitel über unseren Geist und über alles, was uns nach dem Grabe

erwartet, schon längst aus ihrer Natur getilgt, als wäre es schon längst

begraben und mit Sand zugeschüttet. Und nehmen Sie jetzt unsere

Sittenverderbnis, unsere Wollüstlinge. Fedor Pawlowitsch, das

unglückliche Opfer des vorliegenden Prozesses, ist ja im Vergleich mit

manchen von ihnen fast ein unschuldiges Kindlein, wir aber kannten ihn

doch alle, er – ‚lebte doch unter uns‘! ... Ja, mit der Psychologie des

russischen Verbrechens werden sich einmal vielleicht die

hervorragendsten Geister beschäftigen, sowohl unsere als die

europäischen, denn wahrlich, das Thema ist es wert. Doch diese Studien

werden erst später einmal gemacht werden, dereinst, wenn die Muße dazu

vorhanden und diese ganze tragische Abgeschmacktheit des gegenwärtigen

Augenblicks in einen entfernteren Hintergrund zurückgetreten ist, so daß

man sie klarer und leidenschaftsloser wird betrachten können, als z. B.

Leute, wie ich, dies zu tun vermögen. Jetzt jedoch sind wir entweder

entsetzt oder wir tun, als wenn wir entsetzt wären, im Grunde aber

kosten wir mit Hochgenuß das Schauspiel, wie eben Liebhaber starker,

exzentrischer Empfindungen, die in unseren zynisch-faulen Müßiggang

etwas Bewegung bringen, oder schließlich, wir scheuchen die Gespenster

wie kleine Kinder mit den Händen von uns fort und pressen den Kopf ins

Kissen, bis die furchtbare Erscheinung vergeht, um sie darauf sofort in

Heiterkeit und Spielen zu vergessen. Aber irgend einmal müssen doch auch

wir unser Leben nüchtern und denkend beginnen, auch wir müssen einmal

einen Blick auf uns, als auf eine Gesellschaft, werfen, auch wir müssen

doch wenigstens etwas über unser gesellschaftliches Leben nachdenken,

wir müssen uns doch etwas unter ihm denken oder auch nur mit dem

Nachdenken beginnen. Unser großer Schriftsteller[30] der vergangenen

Epoche ruft zum Schluß seines größten Werkes aus, wo er ganz Rußland mit

einer Troika, die zu einem unbekannten Ziele jagt, vergleicht: ‚Ach

Troika, wilde Troika, wer hat dich erdacht!‘ – und in stolzer

Begeisterung fügt er noch hinzu, daß vor der jagenden Troika alle Völker

ehrerbietig ausweichen werden. Schön, mag das so sein, mögen sie

ausweichen, ehrerbietig oder nicht, doch meinem sündigen Blick will

scheinen, daß der geniale Künstler diesen Schluß entweder in einem

Anfall kindlich unschuldiger Schönträumerei geschrieben hat oder einfach

aus Furcht vor der Zensur. Denn wenn man in seine Troika nur seine

Helden einspannen wollte, seine Ssobakewitschs, Nosdreffs und

Tschitschikoffs, so würde man mit diesen Trabern nicht weit kommen, wen

immer man auch als Lenker in den Schlitten setzen wollte! Und das sind

noch Traber von damals, die noch lange nicht an unsere jetzigen

heranreichen. Jetzt ist man gewandter ...“

Hier wurde die Rede Hippolyt Kirillowitschs durch Applaus unterbrochen.

Der Liberalismus in der Auslegung der Troika hatte gefallen. Zwar wurde

nur hier und da vereinzelt ein paarmal in die Hände geklatscht, so daß

selbst der Vorsitzende es nicht für nötig fand, sich mit der Drohung,

den Saal räumen zu lassen, an das Publikum zu wenden, und sich nur mit

einem strengen Blick auf die Ruhestörer begnügte. Doch für Hippolyt

Kirillowitsch war es eine Ermunterung: bis jetzt hatte man ihm noch

niemals applaudiert! So viele Jahre hatte man ihn nicht hören wollen,

und da war plötzlich die Möglichkeit gegeben, zu ganz Rußland zu

sprechen!

„In der Tat,“ fuhr er fort, „was ist nun diese Familie der Karamasoffs,

die plötzlich eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, sogar bis in die

fernsten Gegenden Rußlands? Vielleicht übertreibe ich, aber es will mir

scheinen, daß in dem Bilde dieser kleinen Familie einige allgemeine

Grundelemente unserer gegenwärtigen intelligenten Gesellschaft gleichsam

flüchtig festgehalten sind, – oh, nicht alle Elemente, und selbst die

flüchtig darin auftauchenden erscheinen nur in mikroskopischer Gestalt,

‚wie die Sonne in einem kleinen Tropfen Wassers‘, aber es spiegelt sich

doch etwas darin wieder, es spricht sich doch etwas darin aus. Nehmen

wir zuerst diesen unglücklichen, zügellosen und verderbten Alten, diesen

‚Familienvater‘, der ein so trauriges Ende gefunden hat. Von Geburt ist

er ein Edelmann; seine Laufbahn beginnt er als mittelloser junger Mann,

der bei gastfreundlichen Bekannten sein Leben fristet. Darauf erwischt

er durch die plötzliche, unerwartete Heirat ein kleines Kapital, nämlich

die Mitgift seiner Frau, und entpuppt sich als geriebener Geschäftsmann,

ist aber dabei ein schmeichlerischer Hausnarr mit einem Keim geistiger

Begabungen, die übrigens nicht schwach waren. Vor allem aber wird er ein

Wucherer. Mit den Jahren, d. h. mit dem Anwachsen des Kapitals,

wird er mutiger und stolzer. Die Unterwürfigkeit und das

Sicheinschmeichelnwollen verschwinden, es bleibt nur ein spöttischer,

boshafter Zyniker und Wollüstling in ihm übrig. Die geistige Seite ist

ganz und gar getilgt, die Lebensgier aber ist ungeheuerlich geworden.

Das ganze Leben reduziert sich für ihn darauf, daß er in ihm nichts

anderes mehr sieht und sucht als Lüstlingsgenüsse. Und sie lehrt er auch

seinen Kindern. Von irgendwelchen geistigen Vaterpflichten sehen wir

nichts. Er lacht über sie, läßt seine kleinen Kinder auf dem Hinterhof

erziehen und ist froh, wenn man kommt und sie ihm fortnimmt. Er vergißt

sie vollständig. Alle sittlichen oder vielmehr unsittlichen Grundsätze

des Alten laufen darauf hinaus: _après moi le déluge_. Er ist der Typ

alles dessen, was dem Begriffe, den wir von einem Staatsbürger haben,

entgegengesetzt ist, die ausgesprochenste Ausscheidung, die krasseste

und sogar feindlichste Absonderung von der Gesellschaft: ‚Mag

meinetwegen die ganze Welt in Flammen aufgehen, wenn nur ich es gut

habe.‘ Und er hat es gut, er ist vollkommen zufrieden, er will noch mit

Vergnügen so weiterleben, zwanzig Jahre, dreißig Jahre! Er betrügt

seinen leiblichen Sohn um dessen Geld, um das Erbteil seiner Mutter, und

mit diesem Gelde, das er dem Sohne nicht auszahlt, will er ihm, seinem

leiblichen Sohne, die Geliebte abspenstig machen! Nein, ich will die

Verteidigung des Angeklagten nicht dem hochtalentvollen Herrn

Verteidiger abtreten. Auch ich werde die Wahrheit sagen, auch ich

begreife, wie groß der Zorn gewesen sein muß, den der Vater im Herzen

seines Sohnes aufgehäuft hat. Doch genug, genug von diesem Vater, er hat

seine Strafe erhalten. Vergessen wir nur nicht, daß das ein Vater war,

und zwar einer von den zeitgenössischen Vätern. Oder betrüge ich

vielleicht die Gesellschaft, wenn ich sage, daß er einer von – sogar

vielen zeitgenössischen Vätern war? Leider nicht! Viele von den

zeitgenössischen Vätern drücken sich nur nicht so zynisch aus, wie jener

tat, denn sie sind wohlerzogener, gebildeter, im geheimsten Innern aber

huldigen sie fast alle – ‚derselben Philosophie‘. Doch schön, mag ich

ein Pessimist sein, meinetwegen. Wir sind doch schon übereingekommen,

daß Sie mir dies verzeihen werden. Wir können also im voraus abmachen:

Sie werden mir nicht glauben, und ich werde reden ... Doch abgesehen

davon, erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche, vielleicht werden Sie

einige meiner Worte behalten. Da haben wir nun die Kinder dieses Alten,

dieses Familienvaters: der eine ist vor uns auf der Anklagebank, von ihm

wird später die Rede sein; der anderen will ich nur flüchtig Erwähnung

tun. Von diesen anderen ist der ältere einer der zeitgenössischen jungen

Männer mit glänzender Bildung und einem recht starken Verstande, der

aber an nichts mehr glaubt, der schon vieles, gar zu vieles über Bord

geworfen und aus dem Leben ausgestrichen hat, ganz genau so, wie es auch

sein Vater getan. Wir alle haben ihn gehört, unsere Gesellschaft hat ihn

freundlich aufgenommen. Seine Meinungen hat er nicht verheimlicht, im

Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, weswegen ich denn auch jetzt wage,

ein wenig aufrichtig über ihn zu sprechen – doch natürlich nicht über

ihn als Privatperson, sondern nur über ihn als Familienglied der

Karamasoffs. Gestern endete hier, an der Peripherie der Stadt, durch

Selbstmord ein kränklicher Idiot, der gewesene Diener und vielleicht der

illegitime Sohn Fedor Pawlowitschs: Ssmerdjäkoff. Er hat mir in der

Voruntersuchung unter hysterischen Tränen erzählt, wie dieser junge

Karamasoff, Iwan Fedorowitsch, ihn durch seine geistige Haltlosigkeit

entsetzt habe: ‚Alles ist ihrer Meinung nach erlaubt,‘ sagte der Arme

zitternd, ‚alles, was es in der Welt nur gibt, und nichts darf hinfort

mehr verboten sein, – das haben sie mir die ganze Zeit über gesagt und

gelehrt.‘ Es scheint, daß der Idiot über dieser These endgültig den

Verstand verloren hat, obgleich natürlich auch seine Fallsucht und diese

ganz schreckliche Katastrophe, die über das Haus hereingebrochen ist,

das Ihrige zu seiner Geisteszerrüttung beigetragen haben werden.

Trotzdem hat dieser Idiot eine äußerst, äußerst interessante Bemerkung

gemacht, die auch einem klügeren Beobachter, als er sein konnte, Ehre

gemacht hätte, und eigentlich habe ich nur wegen dieser Bemerkung seiner

erwähnt. ‚Wenn es einen von den Söhnen gibt,‘ sagte er mir wortwörtlich,

‚der am meisten Fedor Pawlowitsch dem Charakter nach gleicht, so sind

gerade Sie es, Iwan Fedorowitsch.‘ Mit dieser Bemerkung breche ich die

begonnene Charakteristik ab, da ich eine Fortsetzung derselben nach dem

Gesagten für unzart halten würde. Oh, ich will keine weiteren Schlüsse

ziehen und seinem jungen Leben nur Unheil verkünden, wie ein

pessimistischer Unglücksrabe. Wir alle haben heute hier in diesem Saal

gesehen, daß noch eine unmittelbare Kraft der Wahrheit in seinem jungen

Herzen lebt, daß das Gefühl der Familienbande noch nicht durch Unglauben

erstickt ist, oder durch sittlichen Zynismus, den er mehr durch

Erbschaft erlangt haben mag als durch die eigene Gedankenverirrung. Und

nun der andere Sohn. Oh, das ist noch ein Jüngling, ein gottesfürchtiger

und demütiger, der, im Gegensatz zur finsteren, zerstörenden

Weltanschauung seines Bruders, sucht, sozusagen in den ‚Grundlagen des

Volkes‘ Fuß zu fassen, oder in dem, was bei uns mit diesem wohlweisen

Ausdruck in gewissen theoretischen Winkeln unserer denkenden Intelligenz

so genannt wird. Er, ja sehen Sie mal, er hat sich ans Kloster gehangen:

viel fehlte nicht, und er hätte sich scheren lassen, wäre Mönch

geworden. In ihm hat sich, wie mir scheinen will, gleichsam unbewußt

schon früh jene zaghafte Verzweiflung ausgedrückt, in der sich

heutzutage so viele in unserer Gesellschaft – da sie sich vor deren

Zynismus und Verderbnis fürchten und dieses ganze Übel der europäischen

Aufklärung zuschreiben – an den ‚Heimatboden‘, wie sie sagen,

anschmiegen. Das heißt also, daß sie sich in die mütterlichen Arme des

Heimatbodens flüchten. Sie sind wie Kinder, die von Gespenstern

geschreckt werden, und die es dann an der verdorrten Brust der

geschwächten Mutter schließlich nur noch danach verlangt, ruhig

einschlafen zu können und womöglich das ganze Leben zu verschlafen, nur

um nicht mehr die sie schreckenden Erscheinungen sehen zu müssen.

Meinerseits wünsche ich dem guten, begabten Jüngling das Beste, wünsche

ihm vor allem, daß seine jugendliche Seelenschönheit und sein Streben zu

dem sogenannten Volksboden sich fernerhin nicht, wie es so oft

geschieht, von der sittlichen Seite her in einen finsteren Mystizismus

und von der staatsbürgerlichen in einen stumpfen Chauvinismus verwandle,

– zwei Eigenschaften, die die Nation vielleicht mit noch größerem Unheil

bedrohen, als es selbst die frühe Zersetzung durch eine falsch

verstandene und umsonst erworbene europäische Aufklärung ist, an der

sein älterer Bruder leidet.“

Für den Chauvinismus und Mystizismus wurde wieder ein paarmal in die

Hände geklatscht. Hippolyt Kirillowitsch hatte sich natürlich hinreißen

lassen. Im Grunde hatte das alles wenig mit der Sache zu tun, ganz

abgesehen davon, daß es ziemlich unklar war. Doch der arme

schwindsüchtige und verbitterte Mensch wollte sich gar zu gern

wenigstens einmal im Leben aussprechen. Später meinte man bei uns, daß

er sich bei der Charakterisierung Iwan Fedorowitschs von einem sogar

unfeinen Gefühl habe leiten lassen, da jener ihn zwei- oder dreimal in

der Gesellschaft gelegentlich eines Disputs festgelegt hatte, und

Hippolyt Kirillowitsch in Erinnerung dessen die Gelegenheit benutzt

habe, um sich dafür zu rächen. Ich weiß nicht, ob man recht hatte, wenn

man das annahm. Jedenfalls war dies erst die Einleitung der Rede.

Späterhin sprach er sachlicher.

„Und nun ist da der dritte Sohn dieses zeitgenössischen Familienvaters,“

fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „er sitzt vor uns auf der Anklagebank.

Vor uns liegen seine Taten, sein Leben und sein Charakter: die Zeit kam

und alles rollte sich auf, alles wurde offenbar. Im Gegensatz zum

‚Europäismus‘ und dem ‚Volklichen‘ seiner Brüder, stellt er gleichsam

das unmittelbare Rußland dar, – oh, nicht das ganze, nicht das ganze,

und Gott bewahre uns davor, daß es das ganze sei! Und doch – hier ist

es, unser Rußland, hier fühlt und hört man unser Mütterchen. Oh, wir

sind ja so unmittelbar, wir sind zugleich gut und böse, in

wundernehmender Mischung, wir sind Verehrer Schillers und der

Aufklärung, und zu gleicher Zeit toben wir in Gasthäusern umher und

reißen unseren trunkenen Zechkumpanen die Bärte aus. Oh, wir pflegen

auch sonst gut und edel zu sein, nicht nur dann allein, wenn wir es

selbst gut haben. Im Gegenteil, wir lassen uns sogar leidenschaftlich –

gerade leidenschaftlich – für die edelsten Ideale begeistern, doch nur

unter der Bedingung, daß sie sich ohne unser Dazutun erreichen lassen,

daß sie von selbst vor uns auf den Tisch fallen, meinetwegen gleich vom

Himmel herab, und die Hauptsache: daß es umsonst, umsonst geschehe, daß

wir nichts dafür zu zahlen brauchen. Zu zahlen lieben wir ganz und gar

nicht, dafür aber lieben wir sehr, zu bekommen, – in jeder Beziehung.

Oh, gebt, gebt uns alle möglichen Lebensgüter – unbedingt alle

möglichen, unter dem tun wir es nicht – und vor allem, setzt unserem

Temperament nichts in den Weg, in keiner Beziehung, dann werden wir

beweisen, daß auch wir gut und edel sein können! Wir sind nicht

habsüchtig, o nein, aber einstweilen, gebt uns nur Geld, mehr, mehr, so

viel wie möglich Geld, und ihr werdet sehen, wie großmütig, mit welch

einer Verachtung für das verächtliche Metall, wir es in einer einzigen

Nacht, während eines zügellosen Gelages, um uns werfen werden. Gibt man

uns aber kein Geld, so werden wir zeigen, wie wir es uns zu verschaffen

wissen, wenn wir dies nur wollen! Doch davon wird noch später die Rede

sein; ich will die Reihenfolge nicht unterbrechen. Ganz zuerst sehen wir

einen armen, verlassenen Knaben ‚auf dem Hinterhof ohne Stiefelchen‘,

wie sich vorhin unser verehrter Mitbürger, leider ausländischer

Herkunft, ausdrückte. Ich sage nochmals, – ich trete niemandem die

Verteidigung des Angeklagten ab! Ich bin der Ankläger, ich will auch der

Verteidiger sein. Ja, auch wir sind Menschen, auch wir verstehen

nachzuempfinden, wie tief und schmerzlich sich ihm die ersten

Kindheitseindrücke im Vaterhause einprägen mußten, und wir verstehen nur

zu gut, wie diese dann auf seinen Charakter eingewirkt haben. Doch da

sehen wir den Knaben schon als Jüngling, als jungen Mann, als Offizier.

Für wilde Streiche und für die Herausforderung zum Duell wird er in eine

der fernen Grenzstädte unseres gesegneten Rußlands geschickt. Dort dient

er, dort lebt er wüst drauflos, und, versteht sich, – ein großes Schiff

braucht ein großes Fahrwasser. Wir brauchen Mittel, zuerst und vor allem

Mittel, und da kommt es denn nach langem Hin und Her zwischen ihm und

dem Vater zur Abmachung, daß ihm die letzten sechstausend Rubel von der

Erbschaft ausgezahlt werden sollen, dann aber auch nichts mehr. Er

erhält das Geld. Beachten Sie wohl: er stellt ein Dokument aus, und es

liegt außerdem noch ein Brief von ihm vor, in dem er sich von dem Rest

fast lossagt und mit diesen Sechstausend die Streitigkeiten mit dem

Vater wegen der Erbschaft abbricht. Darauf kommt es zu jener Begegnung

zwischen ihm und dem jungen Mädchen, dessen edlen Charakter wir alle

kennen. Oh, ich unterfange mich nicht, die Einzelheiten zu wiederholen,

wir haben sie ja soeben gehört: hierbei handelt es sich um Ehre, um

Selbstaufopferung, und ich übergehe das weitere. Die Gestalt des jungen

Mannes, der zwar leichtsinnig und verderbt ist, der sich aber trotzdem

vor dem wahren Edelmut, vor der höheren Idee beugt, trat außerordentlich

sympathisch vor unser geistiges Auge. Doch gleich darauf wurde uns in

diesem selben Saale ganz unerwartet die andere Seite gezeigt. Wiederum

wage ich nicht, mich auf Vermutungen oder Untersuchungen einzulassen,

warum das geschah. Dieselbe Dame, die ihn uns zuerst so sympathisch

geschildert hatte, sagt uns unter Tränen lange unterdrückten Unwillens,

daß er, gerade er der erste war, der sie wegen ihrer unvorsichtigen,

immerhin edelmütigen, immerhin großmütigen Handlung verachtete. Bei ihm,

bei dem Verlobten dieses Mädchens, erscheint früher als bei allen

anderen jenes spöttische Lächeln, daß sie nur von ihm allein nicht

ertragen konnte. Und als sie schon wußte, daß er ihr untreu geworden

war, im Herzen ihr schon die Treue gebrochen hatte, als sie schon wußte,

daß sie alles von ihm werde hinnehmen müssen, selbst seinen Treubruch –

bietet sie ihm absichtlich dreitausend Rubel an und gibt ihm dabei

deutlich, nur zu deutlich zu verstehen, daß sie ihm das Geld zur

Ausführung des Treubruchs anbietet! ‚Wirst du es annehmen, wirst du so

zynisch sein?‘ fragt sie stumm mit ihrem kritischen, prüfenden Blick. Er

sieht sie an, begreift ihren Gedanken vollkommen – er hat doch selbst

hier vor allen Anwesenden gestanden, daß er alles begriffen habe – und

eignet sich einwandlos diese Dreitausend an und verpraßt sie in zwei

Tagen mit seiner neuen Geliebten! Woran soll man jetzt glauben? Der

ersten Legende – dem Ausbruch hohen Edelmuts, der ihn die letzten

Mittel, die ihm noch zum Leben übrig geblieben sind, fortgeben und vor

der Tugend sich verbeugen läßt, oder der so widerlichen Kehrseite der

Medaille? Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei

Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall

ist es aber nicht so. Am wahrscheinlichsten ist, daß er das erstemal

aufrichtig edelmütig und das zweitemal aufrichtig niedrig gehandelt hat.

Warum? Weil wir eben weite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf

gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen

Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe

zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und

den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit.

Erinnern Sie sich, meine Herren, des glänzenden Gedankens, den vorhin

ein junger Beobachter aussprach, Herr Rakitin, der tief und eingreifend

das Wesen der ganzen Familie der Karamasoffs erfaßt hat: ‚Für diese

zügellosen, haltlosen Naturen ist die Empfindung der Niedrigkeit ihrer

Gesunkenheit ein ebenso großes Bedürfnis, wie die Empfindung des höheren

Edelmuts‘. – Und das ist wahr: gerade dieser widernatürlichen Mischung

bedürfen sie jederzeit, zu jeder Stunde. Zwei Abgründe, zwei Abgründe in

ein und demselben Augenblick, meine Damen und Herren, ohne diese

Gleichzeitigkeit sind wir unglücklich und unbefriedigt, ist unser Leben

nicht ausgefüllt. Wir sind weite Naturen, weit wie unser Mütterchen

Rußland, wir umfangen alles, wir leben uns mit allem ein! ... Übrigens,

meine Herren Geschworenen, wir sind jetzt auf diese Dreitausend zu

sprechen gekommen und so will ich bei der Gelegenheit etwas vorgreifen.

Können Sie glauben, meine Herren Geschworenen, daß er bei seinem

Charakter, damals, als er das Geld erhalten hatte, und dazu noch in

dieser Weise, für diese Schande, diese Schmach, diese tiefste

Erniedrigung, – können Sie glauben, daß er am selben Tage fähig gewesen

sei, wie er sagt, die Hälfte des Geldes in ein Zeug einzunähen und

darauf die Charakterfestigkeit zu haben, dieses Geld einen ganzen Monat

lang am Halse zu tragen, trotz aller Versuchungen und trotz seiner

fatalen Geldverlegenheit? Weder bei wüsten Gelagen im Gasthause, noch

selbst in den Stunden, als er die Stadt verlassen mußte, um sich von

Gott weiß was für Subjekten dieses notwendige Geld zu verschaffen, – um

die Geliebte endlich vor den Versuchungen seines Rivalen, seines alten

Vaters, in Sicherheit zu bringen – selbst in diesen Augenblicken will er

nicht gewagt haben, das eingenähte Geld anzurühren! Meine Herren, ist

das glaubwürdig – bei diesem Charakter? Meiner Meinung nach hätte er

schon allein aus dem einen Grunde, um die Geliebte vor den Versuchungen

des Alten zu beschützen, sein eingenähtes Geld herausnehmen und selbst

in der Stadt bleiben müssen, um sie unausgesetzt bewachen zu können, und

um dann, wenn sie ihm zusagt: ‚Ich bin dein‘, unverzüglich mit ihr

irgendwohin fortziehen zu können, fort aus diesen verhängnisvollen

Verhältnissen. Doch nein, er rührt seinen Talisman nicht an. Und aus

welchem Grunde will er dies nicht getan haben? Der erste Grund war, daß

er, wenn sie ihm gesagt hätte: ‚Ich bin dein, bring mich fort, wohin du

willst‘, daß er dann kein Geld zum Fortbringen gehabt hätte. Doch dieser

erste Grund trat, nach den Worten des Angeklagten, weit zurück vor dem

zweiten. ‚Solange,‘ sagt er, ‚so lange ich dieses Geld noch an meinem

Halse trage – bin ich ein Schuft, aber kein Dieb, denn ich kann dann

jederzeit zu meiner von mir beleidigten Braut gehen, kann die Hälfte der

betrügerisch von ihr angeeigneten Summe zurückgeben und immer noch

sagen: ‚Sieh, ich habe die Hälfte der Dreitausend durchgebracht und

damit bewiesen, daß ich ein schwacher und unsittlicher Mensch bin, und,

wenn du willst, sogar ein Schuft‘ (ich bediene mich der Worte des

Angeklagten selbst), ‚aber wenn ich auch ein Schuft bin, so bin ich doch

noch kein Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich dieses

übriggebliebene Geld, die Hälfte des Ganzen, nicht zurückgebracht,

sondern mir gleichfalls, wie die erste Hälfte, angeeignet haben.‘

Wahrlich – eine sonderbare Erklärung der Tatsache! Dieser Wildeste aller

Wilden, dieser Leidenschaftsmensch, der so schwach ist, daß er der

Versuchung, die dreitausend Rubel zu nehmen, trotz der ganzen für ihn

darin enthaltenen Schmach nicht hat widerstehen können, – dieser selbe

Mensch findet plötzlich so viel stoische Festigkeit in sich, daß er

dieses notwendige Geld einen ganzen Monat unangetastet mit sich

herumträgt! Stimmt das mit dem geschilderten Charakter auch nur ein

wenig überein? Nein, und ich erlaube mir darzustellen, wie der wirkliche

Dmitrij Karamasoff in solchem Falle gehandelt haben würde, selbst wenn

er sich wirklich zum Einnähen der Hälfte entschlossen hätte. Schon bei

der ersten Versuchung – sagen wir, um der Liebgewonnenen, mit der er

bereits die erste Hälfte verpraßt hat, irgendeine Freude zu bereiten –

also schon bei der ersten Versuchung hätte er zunächst, nehmen wir an,

nur hundert Rubel von dem eingenähten Gelde abgeteilt, denn: ‚Wozu muß

ich genau die Hälfte zurückbringen, warum genau tausendfünfhundert?

Tausendvierhundert werden doch ganz dasselbe tun, denn, nicht wahr, dann

kann ich doch immer noch sagen: Ich bin vielleicht ein Schuft, aber ich

bin kein Dieb, da ich doch immerhin tausendvierhundert Rubel

zurückgebracht habe, ein Dieb dagegen alles behalten und nichts

zurückbringen würde!‘ Darauf wird er nach einiger Zeit wieder das

Säckchen auftrennen und einen zweiten Hundertrubelschein herausnehmen,

darauf einen dritten, darauf einen vierten und so weiter, bis er

spätestens zu Ende des Monats den vorletzten Schein dem Säckchen

entnommen hat, denn, nicht wahr, selbst wenn ich nur noch hundert Rubel

zurückbringe, kommt es doch immer noch auf dasselbe hinaus: ‚Ein

Schuft bin ich, aber ich bin kein Dieb, denn wenn ich auch

zweitausendneunhundert Rubel durchgebracht habe, so bringe ich doch

wenigstens das letzte Hundert zurück, ein Dieb aber würde das nicht

tun.‘ Und schließlich, wenn er auch dieses vorletzte Hundert

durchgebracht hätte, würde er das letzte betrachtet und sich gesagt

haben: ‚Weiß Gott, es lohnt sich ja wahrlich nicht, diesen lumpigen

Hundertrubelschein noch zurückzubringen! Ach was! – gehen wir auch damit

noch mal durch!‘ So würde der wirkliche Dmitrij Karamasoff gehandelt

haben, derjenige, den wir kennen! Die Fabel jedoch von dem Säckchen mit

dem eingenähten Gelde – steht in solchem Widerspruch zu der

Wirklichkeit, wie man ihn größer sich nicht gut denken könnte. Alles

könnte man sich schließlich noch vorstellen, das aber nicht. Doch davon

wird noch später die Rede sein.“

Darauf führte Hippolyt Kirillowitsch der Reihe nach alles an, was der

gerichtlichen Untersuchung über die Vermögensstreitigkeiten zwischen

Vater und Sohn bekannt geworden war, und nachdem er nochmals darauf

hingewiesen hatte, daß man aus den vorhandenen Daten unmöglich ersehen

könne, wer in dieser Angelegenheit den anderen übervorteilt habe, kam

Hippolyt Kirillowitsch, bei Erwähnung der bei Mitjä zur „fixen Idee“

gewordenen Dreitausend, auch auf die medizinische Expertise zu sprechen.

VII.

Der Überblick

„Die Expertise der Ärzte hat sich bemüht, uns zu beweisen, daß der

Angeklagte nicht bei vollem Verstande und von einer fixen Idee besessen

gewesen sei. Ich behaupte aber, daß er durchaus bei vollem Verstande

war, und gerade das halte ich für das Schlimme in diesem Falle, denn

wäre er nicht bei vollem Verstande gewesen, so würde er vielleicht viel

klüger gehandelt haben. Was jedoch die Aussage betrifft, daß er von

einer fixen Idee besessen gewesen sei, so würde ich mich damit in einem

Punkte einverstanden erklären, nämlich in dem, auf den auch die

Expertise hinweist, – in der Auffassung, die der Angeklagte von diesen

Dreitausend hatte, die der Vater ihm noch schulden sollte.

Nichtsdestoweniger kann man vielleicht einen unvergleichlich

näherliegenden Gesichtspunkt finden, als es der ist, den Angeklagten als

zum Irrsinn neigend sich vorzustellen, wenn man sich die andauernde

Aufgebrachtheit des Angeklagten dieses Geldes wegen erklären will.

Meinerseits stimme ich vollkommen überein mit der Meinung des jungen

Arztes, der sich dahin äußerte, daß der Angeklagte sich voller und

normaler Verstandeskraft erfreue und immer erfreut habe, im übrigen aber

nur gereizt und erbittert gewesen sei. Und das ist das Wichtigste: Nicht

die Dreitausend, nicht diese Summe an sich war der Gegenstand, der Grund

der heftigen und andauernden Erbitterung des Angeklagten gegen seinen

Vater, hier gab es noch eine andere, eine besondere Ursache, die seinen

Zorn erregte. Das war – die Eifersucht!“

Nun begann Hippolyt Kirillowitsch äußerst weitläufig und umständlich das

Bild der ganzen verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für

Gruschenka aufzurollen. Er begann mit jenem Tage, an dem Mitjä sich zu

dieser „jungen Person“ begeben hatte, um sie „durchzuprügeln“ – „ich

drücke mich mit den Worten des Angeklagten aus,“ fügte er zur Erklärung

hinzu –, „doch statt sie durchzuprügeln, ließ er sich zu ihren Füßen

nieder – das ist der Anfang dieser Liebe. In derselben Zeit hat auch der

Alte, der Vater des Angeklagten, auf dieselbe Person sein Auge geworfen.

Das ist nun freilich ein etwas sonderbares Zusammentreffen, denn beide

Herzen entbrennen zu gleicher Zeit, während beide diese Person auch

früher schon gesehen und gekannt hatten, plötzlich aber entbrennen sie

in der unbändigsten, wie gesagt, _Karamasoffschen_ Leidenschaft. Und

andererseits haben wir ihre eigene Aussage: ‚Ich machte mich über beide

lustig.‘ Ja, sie wollte sich sowohl über den einen als über den anderen

lustig machen: Früher hatte sie so etwas nicht gewollt, plötzlich aber

fällt ihr diese Idee ein, – und es endet damit, daß beide besiegt ihr zu

Füßen fallen. Der Alte, der das Geld wie seinen Gott verehrte, setzt

sofort dreitausend Rubel aus, um sie zu verleiten, ihn in seinem Hause

zu besuchen, ist aber bald so weit, daß er sich glücklich schätzen

würde, ihr seinen Namen und seinen ganzen Wohlstand zu Füßen zu legen,

wenn sie nur einwilligte, seine rechtmäßige Frau zu werden. Dafür haben

wir die sichersten Beweise. Was nun den Angeklagten betrifft, so liegt

ja seine Tragödie auf der Hand. Ja, so wirkte das ‚Spiel‘ der jungen

Person. Dem unglücklichen jungen Mann wurde von seiner Zauberin nicht

einmal Hoffnung gemacht, denn Hoffnung, wirkliche Hoffnung ward ihm erst

im letzten, allerletzten Augenblick zuteil, als er, vor seiner

Peinigerin auf den Knien liegend, seine schon von dem Blute des Vaters

und Rivalen befleckten Hände zu ihr emporstreckte: genau in dieser

Stellung wurde er verhaftet. ‚Mich, mich, schickt mich zusammen mit ihm

zu den Zwangsarbeitern, ich habe ihn so weit gebracht, mich trifft von

allen die größte Schuld!‘ rief diese Frau in aufrichtiger Reue und

Verzweiflung aus, als er verhaftet wurde. Der talentvolle junge Mann,

der unseren Prozeß beschrieben hat – derselbe Herr Rakitin, von dem ich

heute schon einmal gesprochen habe –, schildert in wenigen knappen und

charakteristischen Worten den Charakter dieser tragischen Heldin

folgendermaßen: ‚Früh erlebte Enttäuschungen, der frühzeitige Betrug und

Fall, der Treubruch des Verführers und Verlobten, der sie verließ, dann

die Armut, die Ausstoßung aus ihrer ehrenwerten Familie, und schließlich

die Protektion eines reichen Alten, den sie übrigens auch jetzt noch für

ihren Wohltäter hält. Das junge Herz, das ursprünglich viel Gutes in

sich barg, lernte gar zu bald Zorn und Verachtung kennen. So bildete

sich auch ihr Charakter danach aus: sie fing an zu berechnen, ein

Kapital zusammenzusparen, sie wurde spöttisch und rachsüchtig der

Gesellschaft gegenüber.‘ Nach dieser Charakteristik wird es begreiflich,

daß sie sich über den einen wie über den anderen nur in boshaftem Spiel

lustig machte und sie zum besten hatte. Also in diesem Monat

hoffnungsloser Liebe, sittlichen Sinkens, des Verrats an seiner Braut,

der Aneignung fremden Geldes, das seiner Ehre anvertraut war, – in

diesem Monat wird der Angeklagte außerdem noch aufs Äußerste gebracht,

bis zur Raserei, bis zu völligem ‚Außer-sich-sein‘ durch die ewige

Eifersucht! Und den Anlaß zu dieser Eifersucht gibt wer? – Der eigene

Vater! Und das Wichtigste: Dieser selbe Vater lockt den Gegenstand der

Liebe seines Sohnes mit denselben dreitausend Rubeln an, die der Sohn

für sein Erbteil hält, das Erbe seiner Mutter, das der Alte ihm von

Rechts wegen noch auszuzahlen hätte. Ja, ich gebe zu, daß so etwas

schwer zu ertragen sein muß! Da konnte sich bei ihm allerdings eine

‚fixe Idee‘ bilden. Doch nicht um dieses Geld handelte es sich, sondern

darum, daß an diesem Gelde mit so ekelhaftem Zynismus sein Glück

zerschellen mußte!“

Hierauf ging Hippolyt Kirillowitsch, an der Hand von Tatsachen, auf die

Schilderung über, wie in dem Angeklagten der Gedanke an den Vatermord

entstanden und allmählich gereift war.

„Zuerst schreien wir nur in den Gasthäusern, daß wir den Vater

erschlagen würden, – und das tun wir den ganzen Monat. Oh, wir lieben

es, unter Menschen zu leben und diesen Menschen unverzüglich alles,

selbst unsere teuflischsten Gedanken, mitzuteilen, wir teilen eben gern

mit anderen, und wir verlangen – aus unbekannten Gründen –, daß diese

Menschen uns auf der Stelle ihre vollste Sympathie entgegenbringen, auf

unsere Sorgen und Aufregungen sofort eingehen, uns in allem beistimmen,

und unserem Temperament nichts entgegensetzen.“ (Es folgte die Erzählung

der Szene mit dem Hauptmann Ssnegireff.) „Fast alle, die den Angeklagten

im letzten Monat gesehen und gehört haben, sagen, sie hätten schließlich

gefühlt, daß es in diesem Falle nicht nur beim Schreien und Drohen

bleiben würde, und daß bei einem solchen Temperament und einer solchen

Wut das Wort sich sehr leicht in Tat umsetzen könnte.“ Hierauf sprach

Hippolyt Kirillowitsch von der Familienversammlung im Kloster, dem

Gespräch Mitjäs mit Aljoscha im Nachbargarten und von der schmachvollen

Szene im Vaterhause, als der Angeklagte den bei Tisch sitzenden Vater

geradezu überfallen hatte. „Es fällt mir natürlich nicht ein, zu

behaupten,“ fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „daß der Angeklagte vor

dieser Szene schon wohlüberlegt beschlossen habe, den Vater einfach

durch dessen Ermordung beiseite zu schaffen. Ich sage nur, daß dieser

Gedanke dem Angeklagten nichtsdestoweniger schon mehr als einmal

gekommen war, und er ihn bewußt überdacht hatte – zur Bestätigung dessen

haben wir Tatsachen, Zeugen und das eigene Eingeständnis des

Angeklagten. Ich muß gestehen, meine Herren Geschworenen,“ schaltete

Hippolyt Kirillowitsch hier ein, „daß ich noch bis heute nicht sicher

war, ob man den Angeklagten beschuldigen könne, das sich ihm, ich möchte

sagen, von selbst aufdrängende Verbrechen vorher bewußt überlegt und

vorgenommen zu haben. Ich war nur fest überzeugt, daß seine Gedanken

sich mehr als einmal mit dieser bevorstehenden, unvermeidlichen

Katastrophe, die er doch kommen sah, beschäftigt hatten, daß er den Mord

vielleicht auch nur in Betracht gezogen, nur als Möglichkeit, ohne dabei

den Tag und das Nähere der Ausführung zu bestimmen oder sich zu

überlegen. Ja, der Meinung war ich, – aber nur bis heute, bis von

Fräulein Werchoffzeff dieses neue Dokument dem Gericht unterbreitet

wurde. Meine Herren Geschworenen, Sie haben ja selbst ihren Ausruf

gehört: ‚Das ist der Plan, das ist das Programm der Ausführung des

Mordes!‘ – mit diesen Worten bezeichnete sie den ‚trunkenen‘ Brief des

unglücklichen Angeklagten. In der Tat, dieser Brief beweist, daß die Tat

nach einem ‚Programm‘ und vor allem mit _Vorbedacht_ geschehen ist. Er

ist zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben worden, – und so haben wir

jetzt den unantastbaren Beweis dafür, daß der Angeklagte achtundvierzig

Stunden vor der Ausführung seines ungeheuerlichen Vorsatzes schwört, daß

er, wenn er am nächsten Tage das Geld sich nicht anderswoher verschaffen

könne, den Vater erschlagen werde, um von ihm das Geld zu nehmen, das

unter dem Kissen in einem Kuvert liegt, ‚wenn nur Iwan abreisen würde.‘

Hören Sie es wohl: ‚Wenn nur Iwan abreisen würde!‘ Folglich ist schon

alles überlegt, sind alle Umstände erwogen, und – alles ist dann so

geschehen, wie er geschrieben hat! Da ist doch jeder Zweifel an der

Vorbedachtheit ausgeschlossen, das Verbrechen ist mit der Absicht, das

Geld zu rauben, begangen worden, das ist doch schwarz auf weiß

geschrieben und unterschrieben! Der Angeklagte leugnet es nicht, daß er

den Brief geschrieben hat. Man wird vielleicht sagen: Er hat ihn

sicherlich in betrunkenem Zustande geschrieben. Aber das will ja nichts

sagen, das macht den Brief sogar noch um so wichtiger: Er hat im

trunkenen Zustande geschrieben, was er in nüchternem sich vorgenommen

hat; wäre es nicht im nüchternen Zustande vorgefaßt worden, so hätte er

es auch in der Betrunkenheit nicht geschrieben. Man wird vielleicht auch

noch einwenden: Warum aber hat er dann seine Absicht nicht verheimlicht,

warum hat er sie überall ausgeschrien? Wer sich zu so etwas mit

_Vorbedacht_ entschließt, der schweigt darüber und verbirgt die Absicht.

Das ist wahr, aber er schrie ja nur dann, als er noch keine Pläne und

_bestimmten_ Absichten hatte, und nur der Wunsch vorhanden war und die

Absicht erst heranreifte. Später spricht er schon weniger davon. An

jenem Abend, an dem dieser Brief geschrieben wurde, nachdem er sich im

Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ angetrunken hatte, ist er ganz gegen seine

Gewohnheit schweigsam gewesen, hat nicht Billard gespielt, hat allein

und sichtlich zurückgezogen gesessen, fast mit niemandem gesprochen und

nur einen hiesigen Kommis von seinem Platze vertrieben, doch hat er das

fast unbewußt getan, wahrscheinlich nur aus Gewohnheit an Händeln, ohne

die er, wenn er ins Gasthaus eintrat, nun einmal nicht auskommen konnte.

In der Tat, erst an jenem Abend hat er vielleicht den Entschluß gefaßt,

und so mag er sich denn wahrscheinlich unter anderem auch gesagt haben,

daß er schon gar zu offenherzig in der ganzen Stadt ausgesprochen, gar

zu unvorsichtig über seinen Vater Verfängliches geäußert habe, daß seine

eigenen Worte sehr wohl den Täter vermuten ließen, wenn er jetzt die

Absicht wirklich ausführte. Aber was tun? Die Worte waren gesprochen:

Diese Tatsache konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und dann – hat

schon früher der krumme Weg herausgeführt, so wird er es auch jetzt tun!

Wir verließen uns auf unseren guten Stern, meine Herren! Ich muß noch

zugeben, daß er viel getan hat, um diese Lösung zu vermeiden, daß er

sich sehr angestrengt hat, sich das Geld auf eine andere Weise zu

verschaffen. ‚Morgen werde ich jeden Menschen um dreitausend Rubel

angehen,‘ schreibt er in seiner eigenartigen Sprache, ‚geben aber die

Menschen sie mir nicht, so fließt Blut.‘ In der Betrunkenheit ist es

geschrieben, in nüchternem Zustande ist es dann so, wie es geschrieben

war, ausgeführt worden.“

Hier begann Hippolyt Kirillowitsch die ausführliche Schilderung aller

vergeblichen Versuche Mitjäs, sich das Geld zu verschaffen, um das

Verbrechen umgehen zu können. Er schilderte seinen Gang zu Ssamssonoff,

die Fahrt zu Ljägawyj – alles nach dem Protokoll. „Müde, verspottet,

hungrig kehrte er wieder zurück,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „nachdem

er auch noch seine Uhr verkauft hat (während er dabei tausendfünfhundert

Rubel bei sich gehabt haben will!), gequält von der Eifersucht wegen des

in der Stadt zurückgebliebenen geliebten Weibes, dabei noch mit der

Angst im Herzen, daß sie in seiner Abwesenheit vielleicht zu Fedor

Pawlowitsch gehen könnte oder vielleicht schon gegangen ist, – in diesem

Zustande kommt er in die Stadt zurück. Doch Gott sei Dank! Sie ist nicht

bei Fedor Pawlowitsch gewesen. Er begleitet sie zum Kaufmann

Ssamssonoff. (Auffallend ist, daß er auf Ssamssonoff nicht eifersüchtig

ist, was in diesem Falle eine äußerst charakteristische psychologische

Eigentümlichkeit zu sein scheint.) Darauf eilt er auf den

Beobachtungsposten an der ‚Hinterstraße‘. Dort erfährt er, daß

Ssmerdjäkoff einen epileptischen Anfall gehabt hat, und daß auch

Grigorij krank ist. Das Feld ist also frei und die ‚Zeichen‘ kennt er –

welche Versuchung! Nichtsdestoweniger sträubt er sich noch gegen das

Verbrechen: er begibt sich zu einer hochgeachteten Dame, die sich

augenblicklich vorübergehend hier aufhält, zu Frau Chochlakoff. Diese

Dame, die ihn schon seit längerer Zeit beobachtet und bemitleidet hat,

gibt ihm einen äußerst vernünftigen Rat: dieses ganze wüste Leben, diese

monströse Liebe und das Herumtreiben in den Gasthäusern aufzugeben und

nach Sibirien in die Goldgruben zu fahren: ‚Dort ist das Arbeitsfeld für

Ihre tobenden Kräfte, die Sie hier so unnütz vergeuden, dorthin gehören

Sie mit Ihrem romantischen, abenteuerlustigen Charakter!‘ sagt sie ihm.“

Nachdem Hippolyt Kirillowitsch dann noch den Ausgang des Gespräches mit

Frau Chochlakoff wiedergegeben hatte, und auch auf jenen Augenblick zu

sprechen gekommen war, wie der Angeklagte auf dem Großen Platz erfahren,

daß Agrafena Alexandrowna nur eine kurze Zeit bei Herrn Ssamssonoff

geblieben sei, beschrieb er, wie der Unglückliche, bei seinen gereizten

Nerven und seiner Eifersucht, nach dieser Nachricht – die ihm den Betrug

der Geliebten so gut wie bestätigte – außer sich geraten sein mußte.

Ferner lenkte er noch die Aufmerksamkeit auf einen verhängnisvollen

Zufall: „Hätte die Stubenmagd Fenjä ihm gesagt, daß ihre Herrin in

Mokroje bei dem ‚Früheren‘ und ‚Alleinberechtigten‘ war – so wäre das

Unglück nicht geschehen. Sie aber wußte im Schreck und in der Angst

nichts anderes zu sagen, als nur zu schwören und ihn einer Sache zu

versichern, die er besser wußte, so daß für ihn die Lüge, und folglich

auch der Betrug, vollständig bestätigt schienen. Und wenn er diese

Stubenmagd dafür nicht auf der Stelle erschlagen hat, so hat sie das nur

dem Umstande zu danken, daß er sofort besinnungslos Hals über Kopf

fortstürzte – der Geliebten nach! Jetzt ist hier aber noch eine sehr

auffallende Tatsache zu beachten: Wie außer sich er auch war, er verfiel

dabei doch noch darauf, die messingne Mörserkeule mitzunehmen. Warum

nahm er gerade die Mörserkeule, warum suchte er nicht irgendeinen

anderen Gegenstand, warum nicht eine Waffe? Ich glaube, wenn wir uns

einen ganzen Monat mit einer gewissen Absicht getragen, und uns alle

Eventualitäten vorgestellt, alles erwogen und uns auf alles vorbereitet

haben, so ist es sehr erklärlich, warum wir uns selbst in dieser

Erregung zu helfen wissen und eine Mörserkeule sofort als Waffe

erkennen, denn daß man auch mit so etwas einen Menschen erschlagen kann,

das haben wir ja schon einen ganzen Monat bedacht. Darum hat er denn

auch sofort den Wert dieser Mörserkeule im Augenblick, ohne

nachzudenken, trotz seiner Erregung, sehr zu schätzen gewußt. So kann

ich denn wohl sagen, daß der Angeklagte die Mörserkeule nicht unbewußt,

nicht ohne eine gewisse Absicht ergriffen hat. Und da ist er nun im

väterlichen Garten ... Zeugen sind nicht zu befürchten, tiefe Nacht,

Finsternis – und Eifersucht! Der Argwohn, daß sie hier ist, bei ihm, bei

seinem Rivalen, in seinen Armen, und in diesem Augenblick mit ihm

zusammen über ihn selbst womöglich noch lacht – raubt ihm den Atem. Und

nicht nur der Argwohn – wo kann jetzt noch von Argwohn die Rede sein!

Der Betrug liegt doch auf der Hand, jeder Zweifel ist doch

ausgeschlossen: Sie ist bei ihm, dort in jenem Zimmer, aus dessen

Fenster der Lichtschein in den Garten fällt, sie liegt dort – bei ihm –

hinter dem Bettschirm. Und da schleicht sich der Unglückliche zum

Fenster, blickt ehrerbietig durch die Scheiben hinein und schickt sich

sittsam drein, weil nun einmal nichts mehr daran zu ändern ist, geht

vielmehr vernünftig fort, um sich vom Unheil zu entfernen, und damit

nicht gar etwas Gefährliches und Unsittliches geschehe! – Davon will man

uns überzeugen, uns, die wir doch den Charakter des Angeklagten kennen,

die wir doch begreifen, in welch einer Gemütsverfassung er sich befand,

und vor allen Dingen, nachdem wir wissen, daß ihm Zeichen bekannt waren,

mittels welcher er ohne weiteres die Tür sich aufmachen lassen und ins

Haus eintreten konnte!“ Hier, bei Gelegenheit der Zeichen, verließ

Hippolyt Kirillowitsch vorübergehend die Anklage und kam auf

Ssmerdjäkoff zu sprechen, um die Verdächtigung Ssmerdjäkoffs ein für

allemal auszuschalten. Er sprach sehr sachlich darüber, und man begriff

sofort, daß er trotz seiner ganzen Verachtung, die er dieser Vermutung

gegenüber zur Schau trug, dieselbe doch für wichtig genug hielt.

VIII.

Über Ssmerdjäkoff

„Zuerst will ich fragen: wie ist dieser Verdacht überhaupt aufgekommen?“

begann Hippolyt Kirillowitsch. „Der erste, der gesagt hat, Ssmerdjäkoff

sei der Mörder, war kein anderer als der Angeklagte selbst, der die

Verdächtigung im Augenblick seiner Verhaftung hinausgeschrien hat,

einstweilen aber, bis zur gegenwärtigen Stunde, noch keinen einzigen

Beweis für sie oder auch nur eine mehr oder weniger wahrscheinliche

Begründung seines Verdachtes hat angeben können. Außerdem wird dieser

Verdacht nur noch von drei anderen Personen geteilt: von den beiden

Brüdern des Angeklagten und von Agrafena Alexandrowna Sswetlowa. Und von

diesen drei hat Iwan Fedorowitsch Karamasoff seinen diesbezüglichen

Verdacht erst heute in augenscheinlich krankhaftem Zustande geäußert und

zweifellos in einem Augenblick geistiger Anormalität, wahrscheinlich in

hohem Fieber. Nun wissen wir aber aufs bestimmteste, daß er während

dieser letzten zwei Monate durchaus der entgegengesetzten Ansicht

gewesen ist, und das hat er schon allein dadurch bewiesen, daß er uns in

dieser Beziehung nicht einmal zu widersprechen versuchte. Doch darauf

werden wir noch besonders zu sprechen kommen. Der jüngste Bruder des

Angeklagten hat uns vorhin selbst gesagt, daß er keinerlei Beweise zur

Bekräftigung seiner Beschuldigung Ssmerdjäkoffs habe, sondern lediglich

nach den Worten des Angeklagten, ‚und dem Ausdruck seines Gesichts‘ zu

dieser Ansicht gekommen sei. Ja, diese erdrückende Aussage ist sogar

zweimal von seinem Bruder gemacht worden. Und die Aussage der Verlobten

des Angeklagten ist vielleicht noch erdrückender: ‚Was der Angeklagte

Ihnen sagt, daran glauben Sie, das ist kein Mensch, der lügen kann!‘ Und

das sind alle vorhandenen Aussagen gegen Ssmerdjäkoff, die zudem noch

von drei Personen gemacht werden, die nur zu sehr für das Schicksal des

Angeklagten besorgt sind. Trotzdem aber ist die Verdächtigung

Ssmerdjäkoffs sehr verbreitet, und sie ist es sogar jetzt noch. Wie ist

es möglich, daran zu glauben? Wie stellt man sie sich vor?“

Hippolyt Kirillowitsch hielt es für nötig, zuerst den Charakter

Ssmerdjäkoffs, „der sich wahrscheinlich in einem Anfall krankhafter

Angst oder in völligem Irrsinn das Leben genommen hat,“ leicht zu

skizzieren. Er schilderte ihn als schwachsinnigen Menschen, der sich

nach höherer Bildung sehnte, und den philosophische Ideen, die für

seinen Verstand zu hoch waren, gänzlich verwirrt hätten – „desgleichen

auch gewisse zeitgenössische Auffassungen von Schuld und Pflicht, die

ihm überflüssigerweise beigebracht worden waren – praktisch durch das

Leben seines verstorbenen Herrn und vielleicht sogar Vaters, an dem von

Schuld- und Pflichtgefühlen nichts zu sehen war, und theoretisch durch

verschiedene eigenartige philosophische Gespräche mit dem ältesten Sohn

aus der zweiten Ehe seines Herrn, mit Iwan Fedorowitsch, dem diese Art

Zerstreuung offenbar Vergnügen bereitet hatte – vielleicht auch um die

Langeweile zu vertreiben, oder aber aus dem Bedürfnis heraus, andere zu

verspotten, und dem daher diese Art Philosophieunterricht die gewünschte

Befriedigung geboten zu haben schien. Ssmerdjäkoff hat mir ausführlich

seinen Seelenzustand in den letzten Tagen vor der Katastrophe

geschildert,“ bemerkte Hippolyt Kirillowitsch beiläufig, „wir besitzen

überdies noch die Aussagen des Angeklagten selbst, seines Bruders und

sogar des Dieners Grigorij, also dreier Menschen, die ihn sehr gut

gekannt haben. Hinzu kommt, daß Ssmerdjäkoff, der mit der Fallsucht

belastet war, ‚furchtsam wie ein Huhn‘ gewesen sein soll. ‚Er fiel vor

mir nieder und küßte meine Stiefel,‘ sagte uns der Angeklagte beim

ersten Verhör, als er noch nicht vermutete, daß eine solche Aussage für

ihn selbst nachteilig sein würde, – ‚das ist ein krankes Huhn, das die

Fallsucht hat,‘ lautete sein zweiter Ausspruch über den Diener, in

seiner charakteristischen Sprache ausgedrückt. Und diesen Menschen

erwählt nun der Angeklagte – wie er selbst ausgesagt hat – zu seinem

Vertrauten und schüchtert ihn dermaßen ein, daß jener zu guter Letzt

einwilligte, für ihn zu spionieren und ihm alles zu hinterbringen. In

dieser Eigenschaft eines Hausspions verrät er seinen Herrn und teilt dem

Angeklagten sowohl von dem Vorhandensein des Geldpakets, wie von den

verabredeten Zeichen alles Nähere mit. Warum hätte er das auch nicht tun

sollen! ‚Sie wollten mich erschlagen, das sah ich dazumal ganz genau,

und sie hätten mich auch erschlagen,‘ sagte er beim Verhör, und er

zitterte sogar vor uns am ganzen Körper, obgleich doch sein Quälgeist

schon verhaftet war und ihm folglich nichts mehr antun konnte. ‚Sie

verdächtigen mich alleweil, daß ich was verheimlichte, und so bin ich

denn von wegen meiner gewaltigen Angst vor ihnen immer von selbst zu

ihnen geeilt, um ihnen jedes Geheimnis aufzudecken und sie alsomit von

meiner Unschuld zu überzeugen, damit sie mich noch lebendig zur Buße

entließen.‘ Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie aufgeschrieben

und behalten. ‚Und wenn sie mich anschrien, wie selbiges oft vorkam, so

fiel ich hinwiederum zitternd auf die Knie vor ihnen.‘ Da nun

Ssmerdjäkoff von Natur ein selten ehrlicher Mensch war, und daher seines

Herrn volles Vertrauen genoß, so kann man annehmen, daß der unglückliche

Mensch sich nicht wenig wegen seines Verrats an seinem Herrn, den er als

seinen Wohltäter liebte, gequält hat. Epileptiker, die schwer unter

ihrer Krankheit zu leiden haben, sollen, nach dem Ausspruch der

bedeutendsten Psychiater, immer geneigt sein zu fortwährender und

natürlich krankhafter Selbstanklage. Sie quälen sich wegen ihrer

‚Schuld‘ in irgend etwas und vor irgend jemandem, sie quälen sich mit

Gewissensbissen, häufig ohne jede Veranlassung, sie übertreiben alles

und denken sich sogar ganze Verbrechen aus, die sie begangen hätten. Und

solch ein Geschöpf wird nun in der Tat schuldig, wird es aus lauter

Angst nach allen Einschüchterungen, und hintergeht seinen Herrn.

Außerdem ahnte Ssmerdjäkoff, daß aus den Szenen, die sich vor seinen

Augen abspielten, nichts Gutes hervorgehen werde. Als der zweite Sohn

Fedor Pawlowitschs, Iwan Fedorowitsch, kurz vor der Katastrophe nach

Moskau abreiste, hat Ssmerdjäkoff ihn flehentlich gebeten, nicht zu

verreisen, hat aber in seiner Ängstlichkeit nicht gewagt, ihm alle seine

Befürchtungen klar und kategorisch mitzuteilen. Er hat sich mit

Anspielungen begnügt, doch diese Anspielungen sind nicht verstanden

worden. Ich muß hierzu noch bemerken, daß er in Iwan Fedorowitsch

gewissermaßen seinen Verteidiger erblickte, gleichsam eine Garantie

dafür, daß, solange derselbe im Hause blieb, kein Unglück geschehen

würde. Erinnern Sie sich nur des einen Ausspruchs im ‚trunkenen‘ Brief

Dmitrij Karamasoffs: ‚ich werde ihn totschlagen, wenn nur Iwan abreisen

würde.‘ Folglich hat die Anwesenheit Iwan Fedorowitschs allen gleichsam

eine Garantie für die Ruhe und Ordnung im Hause geschienen. Da aber

fährt dieser fort nach Moskau, und Ssmerdjäkoff fällt – noch war keine

Stunde seit seiner Abfahrt vergangen – in einem epileptischen Anfall in

den Keller. Das aber ist durchaus erklärlich. Hier muß noch erwähnt

werden, daß Ssmerdjäkoff, besonders in den letzten Tagen vor der

Katastrophe, in denen er durch Furcht und Verzweiflung sowieso schon

niedergedrückt gewesen ist, die Möglichkeit eines baldigen Anfalls sehr

stark empfunden hat, da ein solcher sich meistens in Augenblicken

seelischer Anspannung oder Erschütterung einzustellen pflegt. Tag und

Stunde dieser Anfälle kann man natürlich nicht im voraus wissen, dafür

aber kann jeder Epileptiker sehr wohl fühlen, ob er zu einem Anfall

disponiert ist. Das wird auch von den Ärzten bestätigt. Und nun, kaum

hat Iwan Fedorowitsch das Vaterhaus und die Stadt verlassen, als

Ssmerdjäkoff, unter dem Eindruck seiner ‚Verwaistheit‘ und

Schutzlosigkeit in einer häuslichen Angelegenheit in den Keller geht,

und während er die Treppe hinabsteigt, bei sich denkt: ‚Werde ich nun

einen Anfall bekommen, oder werde ich nicht, was aber dann, wenn ich ihn

jetzt gleich bekomme?‘ Und gerade infolge dieser Stimmung, dieses

Zweifels und dieser angstvollen Frage, packt ihn denn auch der

Kehlkrampf, der dem Anfall stets vorangeht, und im selben Augenblick

fliegt er besinnungslos die Treppe hinab und fällt auf den Boden des

Kellers hin. Und nun will man gerade in diesem natürlichen

Zusammentreffen eine Verdachtsmöglichkeit sehen, einen Hinweis darauf,

daß er sich _absichtlich_ krank gestellt habe! Nehmen wir an, er hat es

absichtlich getan, so erhebt sich doch sofort die Frage: warum und wozu

denn eigentlich? Aus welcher Berechnung, zu welchem Zweck? Von der

medizinischen Wissenschaft will ich weiter nicht reden. Die

Wissenschaft, kann man sagen, _lügt_, die Wissenschaft täuscht sich, und

andere, die Ärzte haben es nicht verstanden, Echtheit von Verstellung zu

unterscheiden, – schön, schön, aber antworten Sie mir einstweilen auf

die eine Frage: wozu hätte er sich verstellen sollen? Etwa um – nachdem

er den Mord geplant hat – durch einen Anfall schon vorher die allgemeine

Aufmerksamkeit im Hause auf sich zu lenken? Sehen Sie, meine Herren

Geschworenen, im Hause Fedor Pawlowitschs waren in der Mordnacht im

ganzen nur fünf Menschen: erstens, Fedor Pawlowitsch – aber er hat sich

doch nicht selbst erschlagen, das ist ja nur zu offenbar; zweitens, sein

Diener Grigorij, aber der ist ja selbst beinahe totgeschlagen worden;

drittens, die Frau Grigorijs, die Dienerin Marfa Ignatjewna, – sie sich

als Mörderin ihres Herrn vorzustellen, wäre geradezu eine Schande. So

bleiben folglich nur noch zwei übrig, die in Frage kämen: der Angeklagte

und Ssmerdjäkoff. Da aber der Angeklagte versichert, nicht er habe

erschlagen, so muß es folglich Ssmerdjäkoff getan haben, eine andere

Lösung der Frage gibt es nicht, denn ein anderer Mörder läßt sich nicht

auftreiben: wie man auch suchen wollte, es ist kein anderer da, auf den

auch nur der leiseste Verdacht fallen könnte. Daraus, daraus also ist

diese ‚schlaue‘ und erdrückende Beschuldigung des unglücklichen Idioten,

der gestern seinem Leben ein Ende gemacht hat, entstanden, daraus also,

beachten Sie das wohl, meine Herren Geschworenen, nur daraus! Nur aus

dem einen, dem einzigen Grunde, weil man keinen anderen finden kann!

Gäbe es nur einen Schatten von einem Verdacht auf irgendeinen anderen,

einen sechsten, so würde – davon bin ich überzeugt – selbst der

Angeklagte sich geschämt haben, einen Verdacht gegen Ssmerdjäkoff auch

nur auszusprechen, denn Ssmerdjäkoff dieses Mordes zu beschuldigen, ist

einfach absurd!

„Meine Herren Geschworenen, lassen wir einmal die Psychologie beiseite,

lassen wir auch die medizinische Wissenschaft und selbst die Logik

beiseite, wenden wir uns nur den Tatsachen zu, einzig und allein den

Tatsachen, und sehen wir jetzt einmal, was uns diese Tatsachen sagen.

Also: Ssmerdjäkoff ist der Mörder, und es fragt sich nur, wie er den

Mord begangen hat. Allein oder zusammen mit dem Angeklagten? Untersuchen

wir zunächst den ersten Fall, daß Ssmerdjäkoff allein den Mord

ausgeführt hat. Wenn er ihn erschlug, so tat er das doch

selbstverständlich aus einem bestimmten Grunde, zu einem besonderen

Zweck, um einen gewissen Vorteil zu erreichen. Da nun aber bei ihm kein

Schatten von ähnlichen Motiven, wie sie der Angeklagte hatte,

mitsprechen konnte, als da sind, Eifersucht, Haß usw. usw., hätte

Ssmerdjäkoff zweifellos nur des Geldes wegen erschlagen können, um sich

diese dreitausend Rubel anzueignen, von denen er wußte, daß der Herr sie

ins Kuvert und das Kuvert unter das Kissen gelegt hatte, da er in dem

betreffenden Augenblick zugegen gewesen war. Und nun, nachdem er den

Mordplan entworfen hat, teilt er unaufgefordert einem anderen Menschen –

der zudem noch im höchsten Grade bei der ganzen Sache interessiert ist,

nämlich dem Angeklagten – alles Nähere über das Geld und die Zeichen

mit: wo das Geld liegt, was auf dem Geldpaket geschrieben steht, womit

es zugebunden ist, und teilt ihm vor allen Dingen, vor allen Dingen die

‚Zeichen‘ mit, mittels deren man ins Haus zum Herrn eindringen kann. Wie

nun, tat er es speziell, um sich anzugeben? Oder um sich einen

Konkurrenten zu schaffen, den es vielleicht gleichfalls gelüsten könnte,

hinzugehen und das Geld _sich_ anzueignen? Aber, wird man einwenden, er

hat es ihm doch nur aus Furcht mitgeteilt. Wie denn das? Ein Mensch, der

sich nicht gescheut hat, eine so tierische Tat auszudenken und später

auch auszuführen, – teilt solche Nachrichten mit, die in der ganzen Welt

nur ihm allein bekannt sind, und die, wenn _er_ sie nicht verrät, kein

einziger Mensch in der ganzen Welt je erraten würde? Nein, wie feig der

Mensch auch gewesen sein mag, wenn er selbst einen Mord geplant hätte,

so hätte er doch niemals etwas auch nur entfernt Verdächtiges gesagt, am

wenigsten natürlich etwas von den Zeichen und dem Geldpaket, oder gar,

daß er wüßte, wo es liegt! Das hieße doch, sich im voraus ausliefern. Er

hätte sich vielleicht absichtlich etwas anderes ausgedacht, hätte etwas

anderes vorgelogen, wenn von ihm nun einmal durchaus Nachrichten

verlangt wurden – das aber hätte er unter allen Umständen verschwiegen.

Im Gegenteil – ich wiederhole es – wenn er wenigstens von dem Gelde

geschwiegen, dann aber gemordet und das Geld sich angeeignet hätte, so

hätte natürlich niemand ihn beschuldigen können, wenigstens nicht des

Raubmordes, da außer ihm doch niemand das Geld gesehen hatte und niemand

außer ihm auch nur wußte, daß es in dieser Weise bereitgehalten wurde.

Und selbst wenn man ihn beschuldigt hätte, so wäre er doch immerhin

nicht des Raubmordes angeklagt worden, man hätte selbstverständlich

geglaubt, er habe es aus irgendeinem anderen, unbekannten Beweggrunde

getan. Da nun aber niemand an ihm vorher etwas von solchen eventuellen

Beweggründen bemerkt hat, dafür aber alle wußten, daß sein Herr ihn

liebte und ihm volles Vertrauen schenkte, so wäre der Verdacht auf jeden

anderen eher als auf ihn gefallen, ganz zuerst aber auf denjenigen, bei

dem man diese Beweggründe sogar sehr voraussetzen konnte, der sogar

selbst überall geschrien hat, daß er diese Motive habe, der sie nicht

verheimlicht, sondern allen und jedem aufgedeckt hat. Mit einem Wort,

man hätte den Sohn des Erschlagenen verdächtigt, Dmitrij Fedorowitsch.

Ssmerdjäkoff wäre der Mörder und Dieb gewesen, den Sohn aber hätte man

angeklagt, – ich denke, das wäre für den Mörder Ssmerdjäkoff denn doch

ganz vorteilhaft gewesen? Nun, und diesem Sohne Dmitrij Fedorowitsch

teilt Ssmerdjäkoff, indem er den Mord plant, alles Nähere über das Geld

und die Zeichen mit, – wie logisch, wie klar das ist!!

Es kommt der Tag, an dem Ssmerdjäkoff seinen Plan ausführen will, und er

bekommt einen epileptischen Anfall, d. h. er spielt einen Anfall vor.

Warum, wozu tut er das? Nun, versteht sich, erstens, damit der Diener

Grigorij, der eine Kur vorzunehmen gedenkt, sein Vorhaben aufschiebe und

das Haus bewache. Zweitens natürlich zu dem Zweck, damit der Herr, der

dann wüßte, daß er nicht bewacht wurde, und aus Angst, der gefürchtete

Sohn könnte kommen, sein Mißtrauen und seine Vorsicht verdoppele. Und

schließlich – und das ist natürlich der Hauptgrund – damit man ihn,

Ssmerdjäkoff, unverzüglich aus seiner Stube neben der Küche, wo er sonst

ganz allein schlief, und wohin ein besonderer Eingang führte, in die

andere Hälfte, ganz ans andere Ende des Hauses bringe, in Grigorijs und

Marfas Zimmer, um dort bei ihnen hinter dem Verschlage hingelegt zu

werden, drei Schritt von ihrem Bett, wie das immer geschehen ist, wenn

er einen Anfall hatte, sowohl auf Fedor Pawlowitschs Anordnung wie auf

Marfa Ignatjewnas Wunsch. Und dann höchstwahrscheinlich deswegen, damit

er dort hinter dem Bretterverschlage in möglichst natürlicher Weise den

Kranken spielen, stöhnen, d. h. also sie die ganze Nacht immer wieder

aufwecken könne – wie es nach Grigorijs und Marfas Aussagen auch

geschehen ist. Und alles das, alles das nur zu dem einen Zweck: um

bequemer plötzlich aufstehen und dann den Herrn erschlagen zu können!

Aber, wird man vielleicht einwenden, er hat sich gerade deswegen krank

gestellt, damit man ihn, den Kranken, nicht verdächtige, dem Angeklagten

aber hat er alles Nähere über das Geld und die Zeichen gesagt, um diesen

zu verlocken, hinzugehen und totzuschlagen, um dann, sehen Sie mal, wenn

jener schon totgeschlagen hat – und mit dem Gelde fortgegangen ist –

höchstwahrscheinlich nach einigem Spektakel und Gepolter, das womöglich

noch Zeugen herbeirufen könnte – um dann aufzustehen, hinzugehen und –

ja was nun noch zu machen? Ganz einfach, um eben noch einmal den Herrn

totzuschlagen und das schon fortgetragene Geld nochmals fortzutragen.

Meine Herren, Sie lachen? Ich muß gestehen, daß ich mich schäme, solche

Voraussetzungen machen zu müssen, indessen ist es gerade das, was der

Angeklagte behauptet: ‚Nach mir, als ich aus dem Hause schon

hinausgegangen war, Grigorij niedergeschlagen und viel Lärm gemacht

hatte, ist er hingegangen und hat den Mord wie den Raub ausgeführt.‘

Hierauf läßt sich natürlich vieles erwidern. Schon allein die eine

Frage, auf die ich weiter nicht eingehen will, wie Ssmerdjäkoff

gleichsam an den Fingern hätte voraus berechnen und somit vorauswissen

können, daß der gereizte und zum Äußersten gebrachte Sohn einzig und

allein zu dem Zweck in den Garten kommen würde, um ehrfürchtig durch das

Fenster ins Zimmer zu blicken, und (obgleich er die Zeichen in der Hand

hat!) sehr sittsam sich wieder zurückzuziehen, und um ihm, dem Diener

Ssmerdjäkoff, seine Beute zu überlassen! Meine Herren Geschworenen, ich

stelle jetzt nachdrücklich die Frage: Wann war der Augenblick, in dem

Ssmerdjäkoff das Verbrechen beging? Geben Sie mir diesen Augenblick an,

denn ohne diese Angabe kann man ihn nicht beschuldigen.

Vielleicht aber war der Anfall echt? Der Kranke wachte plötzlich auf,

hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um

und sagte sich: Ach was, ich werde mal hingehen und den Herrn

erschlagen! Woher aber konnte er wissen, was inzwischen geschehen war,

er hatte doch bis dahin bewußtlos im Bett gelegen? Ich glaube, meine

Herren, daß es auch für Phantasien eine Grenze gibt.

‚Ja, aber,‘ werden scharfsinnige Leute sagen, ‚wenn nun beide im

Einverständnis waren, wenn beide den Mord gemeinsam begangen und das

Geld geteilt haben, nun, was dann?‘

Ja, das ist allerdings eine wichtige Frage, und – die Hauptsache! – wir

haben sofort schwerwiegende Verdachtsgründe, die darauf hinzuweisen

scheinen. Der eine erschlägt und nimmt alle Mühen auf sich, der andere

aber, der Helfershelfer, liegt auf der Seite und spielt einen

epileptischen Anfall vor – um vorher in allen Argwohn zu erwecken,

Argwohn im Herrn und Argwohn in Grigorij. Es wäre ungemein interessant

zu erfahren, aus welchen Gründen beide Spießgesellen sich einen so

verrückten Plan ausgedacht hätten. Doch vielleicht war es durchaus keine

aktive Mitwirkung von seiten Ssmerdjäkoffs, sondern sozusagen nur eine

passive, duldende: vielleicht hatte der eingeschüchterte Ssmerdjäkoff

nur eingewilligt, nichts zu tun, um den Mord zu verhindern. Und so hat

er denn, in der Voraussicht, daß man ihn schon allein deswegen bestrafen

würde, daß er nicht angegeben, nicht geschrien, sich dem Morde nicht

widersetzt hat, von Dmitrij Karamasoff im voraus die Erlaubnis

ausgebeten, während dieser ganzen Zeit anscheinend in einem

epileptischen Anfall liegen zu dürfen –: ‚Du morde dann soviel du

willst, ich bleibe aus dem Spiel.‘ In diesem Falle hätte aber Dmitrij

Karamasoff sich doch sagen müssen, daß ein solcher Anfall Ssmerdjäkoffs

im Hause eine gewisse Unruhe, Unsicherheit und folglich größere Vorsicht

veranlassen werde, und so wäre er denn selbstverständlich auf eine

derartige Abmachung nicht eingegangen. Doch nehmen wir selbst an, daß er

darauf eingegangen ist. Dann aber käme es doch wieder darauf hinaus, daß

Dmitrij Karamasoff der Mörder, der direkte Mörder und Anstifter ist,

Ssmerdjäkoff dagegen nur ein passiver Teilnehmer und selbst nicht einmal

das, sondern nur ein Hehler, der den Mord aus Angst und wider Willen

zugelassen hat. Diesen Unterschied hätte doch das Gericht ohne weiteres

eingesehen. Was aber sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, so

wälzt er schon die _ganze_ Schuld auf Ssmerdjäkoff, auf ihn _allein_.

Nicht der Teilhaberschaft mit sich beschuldigt er ihn, sondern ihn

allein beschuldigt er: ‚Er hat es allein getan, er hat gemordet und

geraubt, seiner Hände Tat ist es!‘ Was sind das nun für Spießgesellen,

von denen der eine sofort den anderen hineinlegen will? So etwas ist

doch noch nie dagewesen! Und dabei nicht zu vergessen, was für ein

Risiko das für Karamasoff gewesen wäre: er ist der Hauptmörder, jener

aber nicht, jener ist nur der Hehler, der während der Tat hinter dem

Bretterverschlage krank im Bett gelegen hat. Und nun will der Mörder

alles auf den Hehler abwälzen! Da müßte er sich doch sagen, daß der

andere sich ärgern und schon allein um der Selbsterhaltung willen gar

bald die ganze Wahrheit aufdecken könnte. ‚Wir haben es zusammen getan,

nur habe nicht ich erschlagen, sondern er, ich habe nur aus Angst den

Mord zugelassen.‘ Ssmerdjäkoff hätte sich dann doch sagen müssen, daß

das Gericht den Unterschied zwischen dieser und jener Schuld sehr wohl

einsehen und folglich auch einen Unterschied in der Strafe machen werde;

daß man ihn zwar gleichfalls verurteilen werde, aber immerhin zu einer

unvergleichlich geringeren Strafe als den Hauptmörder, der alles auf ihn

allein abwälzen will. In diesem Falle hätte also Ssmerdjäkoff

unwillkürlich seine geringere Schuld eingestanden und folglich auch den

Haupttäter angegeben. Das aber ist nicht geschehen. Ssmerdjäkoff hat

nicht die leiseste Andeutung gemacht, die auf eine derartige Abmachung

schließen ließe, ungeachtet dessen, daß der Mörder immer wieder

hartnäckig ihn allein beschuldigt und auf ihn als den einzigen Mörder

hingewiesen hat. Ja, Ssmerdjäkoff hat beim Verhör selbst angegeben, daß

er, Ssmerdjäkoff, _er selbst_ dem Angeklagten von dem Gelde und den

Zeichen Mitteilung gemacht hat, und jener ohne ihn nichts von alledem

erfahren hätte. Wäre er nun wirklich sein Helfershelfer und schuldig

gewesen, hätte er dann gleichfalls so offen gesagt, daß er so etwas dem

Angeklagten mitgeteilt hat? Im Gegenteil, er hätte vieles zu

verschweigen und die Tatsachen zu entstellen gesucht. Er aber hat nichts

entstellt, nichts verheimlicht. So kann nur ein Unschuldiger handeln,

der nicht zu fürchten braucht, daß man ihn der Teilhaberschaft

beschuldigen könnte. Nun hat er sich gestern, wohl in einem Augenblick

krankhafter Melancholie, wahrscheinlich infolge seiner starken Anfälle

und dieser ganzen Katastrophe – nun hat er sich gestern Nacht erhängt.

Das einzige, was er hinterlassen hat, ist ein Zettel mit den kurzen

Worten in seinem eigenartigen Stil: ‚Ich vertilge mich aus eigenem

Wunsch und Willen, um alsomit niemanden zu beschuldigen.‘ Nun, was hätte

es ihm in dem Augenblick ausgemacht, noch hinzuzufügen: der Mörder bin

ich und nicht Karamasoff? Er aber hat das nicht hinzugefügt. Ist nun

glaubwürdig, daß sein Gewissen, das zu dem einen ausgereicht hat, zu dem

anderen nicht ausreichte?

Und weiter: plötzlich wird hierher in diesen Saal Geld gebracht, eine

Summe von genau dreitausend Rubel. ‚Das sind dieselben Dreitausend, die

in jenem Kuvert, das dort auf dem Tische bei den Sachbeweisen liegt, von

Fedor Pawlowitsch geraubt worden sind, ich habe sie gestern von

Ssmerdjäkoff erhalten.‘ Sie, meine Herren Geschworenen, Sie erinnern

sich wohl noch des betrübenden Bildes von vorhin. Ich werde die

Einzelheiten hier nicht wieder auffrischen, ich erlaube mir nur ein paar

Einwendungen gegen seine Behauptung zu machen, nur ein paar unbedeutende

– denn diese würden, eben weil sie unbedeutend sind, nicht einem jeden

einfallen, und außerdem vergessen sie sich leicht. Nehmen wir zunächst

einmal an: Ssmerdjäkoff hat gestern, von Gewissensbissen gequält, das

Geld herausgegeben und sich darauf erhängt. (Denn ohne Gewissensbisse

hätte er das Geld nicht herausgegeben.) Selbstverständlich hat er erst

gestern Abend Iwan Karamasoff zum erstenmal seine Schuld eingestanden,

wie dieser ja auch vorhin selbst erklärte. Warum hätte er anderenfalls

bis jetzt darüber geschwiegen? Also Ssmerdjäkoff hat eingestanden –

warum aber hat er denn auf dem hinterlassenen Zettel uns nicht die ganze

Wahrheit enthüllt, da er doch wußte, daß am nächsten Tage der unschuldig

Angeklagte vielleicht verurteilt werden würde? Dieses Geld allein ist

doch noch kein Beweis. Mir und noch zwei anderen Personen hier in diesem

Saal ist zum Beispiel ganz zufällig vor einer Woche eine gewisse

Tatsache bekannt geworden, nämlich, daß Iwan Fedorowitsch Karamasoff

zwei fünfprozentige Bankbillette, jedes von fünftausend Rubel, zusammen

folglich zehntausend Rubel, in die Gouvernementsstadt geschickt hat, um

sie dort einwechseln zu lassen. Ich führe das nur an, um damit zu sagen,

daß ein jeder sich Geld zu einem bestimmten Tage verschaffen kann, und

daß man, wenn man genau dreitausend Rubel herbringt, damit noch nicht

ausschlaggebend beweist, daß dieses Geld dasselbe Geld ist, das einmal

in dem und dem Kasten oder Kuvert gelegen hat. Und dann, wie denn das –

Iwan Karamasoff bleibt, nachdem er eine so wichtige Nachricht von dem

wirklichen Mörder erhalten hat, ruhig zu Haus? Warum hat er es in dem

Falle nicht unverzüglich mitgeteilt? Warum hat er alles bis auf den

nächsten Tag hinausgeschoben? Ich glaube mich berechtigt, meine

Vermutung über diese Frage auszusprechen: schon vor einer Woche hat er

ihm Nahestehenden und auch dem Doktor gestanden, daß er Visionen sehe,

daß er Gestorbenen zu begegnen glaube – kurz, am Vorabend des Ausbruchs

der Krankheit, wahrscheinlich des Wahnsinns, erfährt er plötzlich den

Tod Ssmerdjäkoffs, und er denkt sich sofort folgendes: ‚Der Mann ist

jetzt tot, da kann man die Schuld auf ihn schieben, und auf diese Weise

werde ich den Bruder retten. Geld aber habe ich selbst genug: ich werde

davon Dreitausend nehmen und sagen, daß Ssmerdjäkoff sie mir vor dem

Tode übergeben habe.‘ Sie werden sagen, es sei unehrenhaft, auch nur

gegen einen Toten falsch auszusagen, es sei unehrenhaft, zu lügen, und

wenn es auch zur Rettung des Bruders geschehe und sei folglich von Iwan

Fedorowitsch nicht anzunehmen. Schön. Wie aber, wenn er unbewußt gelogen

hat, wenn er selbst glaubt, daß es so gewesen ist, gerade nachdem er

durch die Nachricht von dem Tode jenes Dieners in seinem Verstande

endgültig gestört worden war? Sie haben ja die Szene vorhin gesehen, Sie

haben gesehen, in welchem Zustande dieser Mensch sich befand. Wohl stand

er aufrecht da und sprach, wo aber war sein Verstand? Und gleich nach

dieser Aussage des irre Redenden folgte die Vorweisung des Dokuments,

des Briefes, den der Angeklagte an Fräulein Werchoffzeff zwei Tage vor

dem Morde geschrieben hat, mit einem so ausführlichen Programm des

Verbrechens. Wozu suchen wir nun noch nach einem anderen Programm und

anderen Verfassern? Die Tat ist ja Wort für Wort nach _diesem_ Programm

geschehen, und zwar hat sie kein anderer ausgeführt als einzig und

allein der Verfasser desselben. Ja, meine Herren Geschworenen, ‚es ist

geschehen, wie es dort geschrieben steht!‘ Nein, er ist nicht

ehrerbietig und ängstlich von dem Fenster fortgelaufen, und dazu noch in

der festen Überzeugung, daß die Geliebte dort bei ihm ist! Nein, das

widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit, das ist absurd. Er ist

eingedrungen und hat der Sache ein Ende gemacht. Wahrscheinlich hat er

in der Gereiztheit erschlagen, in auflodernder Wut, sobald er den

Gegenstand seines Hasses, seinen Nebenbuhler erblickte. Und nachdem er

ihn erschlagen hatte, was vielleicht mit einem einzigen Hieb seiner

Hand, seiner mit der Mörserkeule bewaffneten Hand geschehen sein kann,

und nachdem er sich dann nach einer genauen Untersuchung überzeugt

hatte, daß sie nicht im Hause war, hat er natürlich nicht vergessen, die

Hand unter das Kissen zu schieben und das Geld hervorzuziehen, dessen

Umschlag jetzt hier unter den Sachbeweisstücken auf dem Tisch liegt. Ich

sage das nur, um Sie auf einen, meiner Ansicht nach äußerst

charakteristischen Umstand aufmerksam zu machen. Wäre der Täter ein

geübter Mörder gewesen oder einer, der nur um des Geldes willen

erschlagen hätte, – würde der dann das Kuvert so auf dem Fußboden liegen

gelassen haben, so unbesonnen, so auffallend ein paar Schritt von der

Leiche, wo es später gefunden wurde? Wenn nun Ssmerdjäkoff der Mörder um

des Geldes willen gewesen wäre, – so hätte er doch das ganze Paket

mitgenommen und fortgebracht und sich nicht zuerst noch die Mühe

gegeben, das Paket neben der Leiche seines Opfers zu entsiegeln, da er

ja genau wußte, daß gerade in diesem Kuvert das Geld war – hatte doch

Fedor Pawlowitsch in seiner Gegenwart das Geld hineingeschoben und das

Kuvert versiegelt. Hätte er aber das Paket mit dem Kuvert fortgebracht,

so würde doch jetzt niemand sagen können, ob ein Raub stattgefunden habe

oder nicht? Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, hätte Ssmerdjäkoff

das Kuvert auf dem Fußboden liegen gelassen? Nein, so konnte nur ein

Mörder handeln, der übermäßig aufgeregt war und daher nicht mehr

überlegte, ein Mörder, der kein Dieb war, der bis dahin noch niemals

gestohlen hatte, und der auch dieses Geld nicht wie ein Dieb ‚stiehlt‘,

sondern wie einer, der _sein Eigentum, das von ihm gestohlen worden ist,

dem Diebe wieder abnimmt_, – denn das war die Auffassung, die Dmitrij

Karamasoff von diesen Dreitausend hatte, und die bei ihm zur ‚fixen

Idee‘ geworden war. Und nun, nachdem er das Paket gefunden hat, das er

früher nie gesehen, reißt er sofort den Umschlag auf, um sich zu

vergewissern, sich zu überzeugen, ob auch wirklich das Geld darin ist,

und dann läuft er, mit dem Gelde in der Tasche, aus dem Hause, ohne auch

nur daran zu denken, daß er das Kuvert dort liegen gelassen hat, das

verhängnisvollste Beweisstück gegen sich. Und das nur deshalb, weil

Karamasoff – und nicht Ssmerdjäkoff – nicht mehr nachdenken, nicht mehr

überlegen konnte! Wie sollte er das auch? Er läuft fort, er hört den

Schrei des ihm nachlaufenden Dieners, der Diener erfaßt ihn, hält ihn

fest und – fällt nieder, getroffen von der messingnen Mörserkeule. Der

Angeklagte springt vom Zaun ‚aus Mitleid‘ zu ihm herab. Stellen Sie sich

das vor, meine Herren, er versichert uns plötzlich, daß er damals aus

Mitleid herabgesprungen sei, um nachzusehen, ob er ihm nicht helfen

könne. Nun frage ich Sie, war der Augenblick etwa danach beschaffen, daß

ein solches Mitleid wahrscheinlich ist? Nein, er sprang nur zu dem einen

Zweck herab: um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines

Verbrechens tot ist oder noch lebt. Jedes andere Gefühl, jeder andere

Beweggrund wäre unnatürlich! Und beachten Sie es wohl: er müht sich

ernstlich um Grigorij, er wischt ihm das Blut ab, und nachdem er sich

von dessen Leblosigkeit überzeugt zu haben glaubt, läuft er, ganz mit

Blut besudelt, wie sinnlos wieder in das Haus des geliebten Weibes. Wie,

hat er denn nicht daran gedacht, daß er blutig war und man ihn sofort

verhaften könnte? Aber der Angeklagte versichert uns selbst, daß er das

Blut überhaupt nicht bemerkt oder wenigstens nicht weiter beachtet habe.

Und das ist sehr glaubwürdig, das ist sogar sehr möglich, denn so pflegt

es ja meistens in solchen Augenblicken mit Verbrechern zu sein. In dem

einen – höllische Berechnung, im anderen – überhaupt keine

Überlegungskraft. Er aber dachte in jenem Augenblick nur an eines: wo

war _sie_? Das mußte er so schnell wie möglich erfahren, und so läuft er

denn wieder in ihre Wohnung und erfährt dort die unerwartetste,

niederschmetternde Nachricht: sie ist nach Mokroje zu ihrem ‚Früheren,

Alleinberechtigten‘ gefahren!“

IX.

Der Schluß der Rede des Staatsanwalts. Der Gipfel der

Psychologie. Die jagende Troika

Hippolyt Kirillowitsch hatte augenscheinlich eine bestimmte aufbauende

Methode der Auslegung gewählt, wie das ja schließlich alle nervösen

Redner zu tun pflegen, die absichtlich einen streng abgezirkelten Rahmen

suchen, um sich nicht zu früh hinreißen zu lassen. Hippolyt

Kirillowitsch kam also nun auf den „Früheren und Alleinberechtigten“ zu

sprechen, was er sehr ausführlich tat, und bei welcher Gelegenheit er

noch einige in ihrer Art recht interessante Gedanken aussprach. „Dmitrij

Karamasoff,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „der auf jeden bis zur Raserei

eifersüchtig gewesen war, ergibt sich vor dem ‚Früheren und

Alleinberechtigten‘ widerspruchslos und fast in einem Augenblick seinem

Schicksal. Das ist um so sonderbarer, als er früher dieser neuen Gefahr,

die ihm in der Gestalt des unerwarteten Rivalen drohte, fast überhaupt

keine Beachtung geschenkt hat. Er hatte immer geglaubt, daß es bis dahin

noch weit sei, so weit ... Karamasoff aber lebt nur im Augenblick, in

der Gegenwart. Wahrscheinlich hielt er ihn sogar für eine Fiktion.

Nachdem er aber mit seinem kranken Herzen in einem Nu begriffen hatte,

daß die Geliebte vielleicht gerade deswegen diesen neuen Rivalen

verheimlicht, deswegen auch ihn noch vor ein paar Stunden betrogen hat,

weil dieser neuaufgetauchte Gegner nichts weniger als Phantasie und

Fiktion, sondern für sie alles war, alles, ihre ganze Lebenshoffnung –

nachdem er das im Augenblick begriffen hatte, ergab er sich. Meine

Herren Geschworenen, dieses in der Seele des Angeklagten plötzlich

hervortretende Gefühl kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen ...

Man sollte meinen, daß er unter keinen Umständen dazu fähig gewesen

wäre: doch da machte es sich plötzlich geltend in dem unabweisbaren

Bedürfnis nach Wahrheit, in der Achtung vor der Frau, in der Anerkennung

der Rechte ihres Herzens. Und das wann? – Im Augenblick, da er um

ihretwillen seine Hände mit dem Blute seines Vaters befleckt hatte! Wahr

ist ja auch wieder, daß das vergossene Blut in diesem Augenblick schon

nach Rache schrie, denn er, der seine Seele und sein ganzes Erdenleben

in jenem Augenblick bereits ins Unglück gestürzt hatte, er mußte sich

doch in jenem Augenblick unwillkürlich fragen, was er _jetzt_ war, was

er _jetzt_ noch für sie bedeuten konnte – für sie, die er mehr als seine

Seele liebt –, im Vergleich zu jenem Früheren, der reuevoll zu diesem

Weibe, das von ihm einmal zugrunde gerichtet worden war, mit neuer

Liebe, ehrenhaften Anträgen und dem Gelöbnis, ein neues und nun

glückliches Leben zu beginnen, zurückgekehrt war. Er aber, der

Unglückliche, was konnte er ihr _jetzt_ geben, was ihr noch anbieten?

Karamasoff begriff alles in einem Augenblick, er begriff, daß sein

Verbrechen ihm alle Wege versperrt hatte, und daß er jetzt ein so gut

wie zum Tode verurteilter Verbrecher war, nicht aber ein Mensch, der

noch ein Leben vor sich hat! Dieser Gedanke hat ihn sofort

niedergedrückt und vernichtet. Und so bleibt er denn sofort auf einem

verzweifelten Plane stehen, der ihm bei seinem Karamasoffschen Charakter

nicht anders denn als einziger und fataler Ausweg aus seiner

schrecklichen Lage erscheinen kann. Dieser Ausweg ist: der Selbstmord.

Er läuft nach seinen Pistolen, die er beim Beamten Perchotin versetzt

hat, und zu gleicher Zeit reißt er unterwegs, beim Laufen, sein ganzes

Geld, um dessentwillen er seine Hände in Blut getaucht hat, aus der

Tasche heraus. Oh, Geld braucht er jetzt mehr als alles andere:

Karamasoff stirbt, Karamasoff erschießt sich, und das soll man behalten!

Nicht umsonst sind wir eine poetische Natur, nicht umsonst haben wir

unser Leben verlebt, als wäre es ein Licht, das man von beiden Enden

zugleich brennen lassen kann. ‚Zu ihr, zu ihr – und dort, oh! dort werde

ich ein Fest geben, ein Fest über die ganze Erde hin, wie es noch keines

gegeben hat, damit man es behalte und sich noch lange davon erzähle.

Mitten im wilden Geschrei, bei irrsinnigen Zigeunerliedern und -tänzen

will ich auf ihr Wohl den Becher erheben, will ich das Wohl des

vergötterten Weibes ausbringen, einen Glückwunsch zu ihrem neuen Glück,

und dann – dann falle ich vor ihr nieder und zerschmettere mir vor ihren

Füßen den Schädel und richte mich hin für mein Leben! Dann wird sie

zuweilen an Mitjä Karamasoff denken, dann wird sie sehen, wie Mitjä sie

geliebt hat, oh! und leid wird es ihr um Mitjä tun!‘ Darin liegt viel

Dramatik, viel romantische Begeisterung, viel wilde Karamasoffsche

Zügellosigkeit und viel Karamasoffscher Gefühlstaumel – und dann noch

_etwas anderes_, meine Herren Geschworenen, noch etwas, das in der Seele

schreit, das unermüdlich im Gehirne klopft und sein Herz tödlich

vergiftet. Dieses _etwas_ – das ist das Gewissen, meine Herren

Geschworenen, das ist das Gericht des Gewissens, das ist des Gewissens

unablässiges Nagen! Doch die Pistole wird alles aussöhnen, die Pistole

ist der einzige Ausweg, einen anderen gibt es nicht! Dort aber ... Ich

weiß nicht, ob Karamasoff in jenem Augenblick auch daran gedacht hat,

‚was dort sein wird‘, und ob Karamasoff überhaupt wie Hamlet darüber

nachdenken kann? Nein, meine Herren Geschworenen, dort gibt es Hamlets,

bei uns aber vorläufig noch Karamasoffs!“

Hierauf rollte Hippolyt Kirillowitsch bis in alle Einzelheiten das Bild

der von Mitjä getroffenen Anstalten auf, die Szene bei Perchotin, dann

bei Plotnikoffs in der Kolonialwarenhandlung und später mit Andrei.

Hippolyt Kirillowitsch führte eine Menge Worte, Aussprüche, Gesten an,

die alle von Zeugen bestätigt worden waren – und das Bild wirkte

unglaublich auf die Überzeugung der Hörer. Am meisten wirkte die

Geschlossenheit der Tatsachen. Die Schuld dieses fast besinnungslos

hastenden, sich überhaupt nicht mehr in acht nehmenden Menschen trat so

deutlich hervor, daß jeder Zweifel vollkommen ausgeschlossen schien.

„Wozu sollte er sich auch noch in acht nehmen,“ fragte Hippolyt

Kirillowitsch, „zwei- oder dreimal hat er ja seine Schuld beinahe schon

ganz eingestanden, hat sie jedenfalls angedeutet, nur ohne dabei die

Sätze zu Ende zu sprechen.“ (Hier folgten die Aussagen der Zeugen.) „Und

dem Andrei, der ihn nach Mokroje fuhr, hat er unterwegs sogar zugerufen:

‚Weißt du auch, daß du einen Mörder fährst!‘ Ganz aussprechen konnte er

sich aber doch nicht: zuerst mußte man noch nach Mokroje kommen, und

dort erst konnte das Poem beendet werden. Was aber erwartet dort den

Unglücklichen? Fast von dem ersten Augenblicke an sieht er und begreift

er schließlich vollkommen, daß sein ‚unbestrittener‘ Nebenbuhler

durchaus nicht mehr so fest im Sattel sitzt, und daß man von ihm einen

Glückwunsch zu dem neuen Glück überhaupt nicht wünscht. Aber Sie kennen

ja die Tatsachen aus der gerichtlichen Untersuchung. Der Triumph

Karamasoffs über seinen Rivalen wird immer augenscheinlicher, wird

unzweifelhaft, und da – oh, da erhebt sich in seiner Seele eine ganz

neue Qual, und zwar die allerschrecklichste von allen, die seine Seele

je durchlebt hat und jemals durchleben wird! Man kann in diesem Falle

wahrlich sagen, meine Herren Geschworenen,“ rief Hippolyt Kirillowitsch

aus, „daß die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz –

vollständigere Rache geübt haben, als jedes andere irdische Gericht sie

üben könnte! Und nicht nur das: das Gericht und die irdische Strafe

erleichtern sogar die Strafe der Natur, sie sind für die Seele des

Verbrechers eine Linderung, sie sind ihr unentbehrlich: sie sind die

einzige Rettung vor der Verzweiflung. Ich kann mir das Entsetzen und die

seelischen Leiden Karamasoffs nicht einmal vorstellen, die er durchlebt

hat, als er sehen und begreifen mußte, daß sie ihn liebt, daß sie

seinetwegen ihren ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ zurückweist, daß sie

ihn, ihn, ‚Mitjä‘, zu sich ruft, und mit ihm ein erneutes Leben beginnen

will, daß sie ihm das ganze Erdenglück zeigt – und zwar wann? In einem

Augenblick, da für ihn schon alles beendet und nichts mehr möglich ist!

Bei der Gelegenheit will ich hier eine für uns sehr wichtige Bemerkung

zur Erklärung des wahren Wesens der damaligen Lage des Angeklagten

machen. Dieses Weib, diese Geliebte war bis zu diesem letzten

Augenblick, bis zu diesem Augenblick der Verhaftung ein für ihn

unerreichbares Glück gewesen, ein leidenschaftlich gewünschtes und

ersehntes, doch unerreichbares Wesen. Aber warum, warum erschießt er

sich nicht sofort, warum schiebt er die Ausführung seiner Absicht

hinaus, warum vergißt er sogar, wo seine Pistole liegt? Weil ihn sein

leidenschaftlicher Liebesdurst und die Hoffnung, ihn schon dort, dort

schon stillen zu können, noch zurückhalten. Im Lärm des Festes sieht er

nur seine Geliebte, die gleichfalls mit ihm trinkt, die ihm schöner und

verführerischer denn je erscheint, – er geht keinen Schritt von ihr

fort, er kann sich nicht sattsehen an ihr, er vergeht vor ihr. Dieser

leidenschaftliche Durst konnte für eine Weile nicht nur die Angst vor

der Verhaftung, sondern selbst die Gewissensbisse verscheuchen! Nur für

eine Weile, oh, nur für einen Augenblick! Ich stelle mir den damaligen

Seelenzustand des Verbrechers in der zweifellos sklavischen Unterordnung

unter drei Elemente vor. Erstens: sein trunkener Zustand, das Toben und

der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, der Gesang der Lieder, und sie, sie,

die vom Weine gerötet ist, die gleichfalls singt und tanzt, die trunken

ist und ihm zulächelt! Zweitens: der entfernte ermutigende Gedanke

daran, daß die Schicksalsentscheidung noch weit, weit vor ihm liegt,

oder wenigstens nicht gerade ganz nahe ist – höchstens am anderen Tage,

erst am nächsten Morgen könnte man kommen und ihn festnehmen. Folglich

bleiben einem immer noch ein paar Stunden bis dahin, das aber ist viel,

unglaublich viel! In ein paar Stunden kann man sich vieles ausdenken.

Ich nehme an, daß es ihm ebenso erging, wie es einem Verbrecher ergeht,

der zum Schafott oder zum Galgen geführt wird: noch hat er eine lange,

lange Straße zu durchfahren, und das noch dazu im Schritt, an den

Tausenden des gaffenden Volkes vorüber, darauf wird man in eine andere

Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der

furchtbare Platz! Ich glaube, dem auf dem Schinderkarren sitzenden

Verurteilten muß zu Anfang seiner Fahrt zum Richtplatz unbedingt

scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt. Aber siehe

da, die Häuser gehen zurück, der Karren zieht an ihnen vorüber – aber

das hat noch nichts zu sagen, oh, bis zur Wegbiegung ist es ja noch so

weit, er blickt immer noch ganz munter nach rechts und nach links und

auf das teilnahmslos neugierige Volk, das mit den Blicken starr an ihm

hängt, und es scheint ihm immer noch, daß er ebenso ein Mensch ist wie

diese anderen. Da aber kommt schon die Biegung in die andere Straße, oh!

das hat noch nichts, nichts zu sagen, es liegt noch eine ganze Straße

vor einem. Und wieviel Häuser auch schon zurückbleiben mögen, er wird

immer noch denken: ‚Es sind ja immer noch viele Häuser vor mir.‘ Und so

geht es weiter bis zum Schluß, bis zum Platz. So ist es auch mit

Karamasoff gewesen, denke ich. ‚Noch hat man dort zu nichts Zeit gehabt,

und Mokroje ist immerhin nicht so nah, noch wird man sich etwas

ausdenken können, oh, noch habe ich Zeit genug, um mir einen

Verteidigungsplan auszudenken, um zu überlegen, wie ich mich da

herausziehen soll, jetzt aber, jetzt – oh, wie wunderschön sie jetzt

ist!‘ Dunkel und unheimlich ist es in seiner Seele, aber es gelingt ihm

doch noch, die Hälfte von seinem Gelde irgendwo zu verstecken – anders

kann ich mir nicht erklären, wo die übrigen Tausendfünfhundert von den

Dreitausend, die er vom Vater unter dem Kissen genommen hat, geblieben

sind. Er ist ja nicht zum erstenmal in Mokroje, er hat dort einmal schon

zwei Tage lang gepraßt. Das alte große hölzerne Haus ist ihm gut

bekannt, er kennt alle Galerien, alle Scheunen und Schuppen. Ich bin

nämlich überzeugt, daß die eine Hälfte des Geldes damals irgendwo

untergebracht worden ist, und zwar gerade in diesem Hause, kurz vor der

Verhaftung, und wahrscheinlich in einer Spalte, in einer Ritze, unter

irgendeinem verfaulten Balken, in einer Ecke vielleicht oder gar unter

dem Dach. Wozu, fragen Sie? Wie, wozu? Die Katastrophe kann jeden

Augenblick hereinbrechen, sofort! Wir haben es uns zwar noch nicht

überlegt, wie wir ihr entgegentreten sollen, und wir haben ja auch noch

keine Zeit dazu, und es klopft in unserem Hirn, und zu ihr, zu _ihr_

zieht es uns! Nun, das Geld aber – Geld kann man in jeder Lage brauchen.

Ein Mensch mit Geld ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen

eine solche Überlegungskraft in einem solchen Augenblick unnatürlich?

Aber er selbst beteuert doch, daß er vor einem Monat in einem ebenso

aufregenden und schicksalsschweren Augenblick von Dreitausend die Hälfte

abgezählt und in ein Stück Zeug eingenäht habe, und wenn das auch nicht

wahr ist, was wir sogleich beweisen werden, so ist diese Idee doch

Karamasoff bekannt, und folglich hat er sie irgend einmal schon erwogen.

Und als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, daß er vor einem

Monat anderthalb Tausend in das Säckchen (das niemals existiert hat),

eingenäht habe, da hatte er sich diese Geschichte vom Säckchen

vielleicht erst im selben Augenblick ausgedacht, und vielleicht gerade

darum, weil ihm zwei Stunden vorher bei der Abteilung der Hälfte des

Geldes derselbe Gedanke gekommen war, er aber infolge einer glücklichen

Eingebung dann doch vorgezogen hatte, das Geld dort irgendwo im Hause zu

verstecken, wenigstens bis zum Morgen, als es bei sich zu behalten. Zwei

Abgründe, meine Herren Geschworenen! Sie erinnern sich doch noch, daß

Karamasoff beide Abgründe zu erfassen vermag, und beide zu gleicher

Zeit! Wir haben in jenem Hause überall nach dem Gelde gesucht, aber wir

haben nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort,

vielleicht ist es schon am Tage nach der Verhaftung verschwunden und

befindet sich noch jetzt irgendwie im Besitze des Angeklagten.

Jedenfalls ist er neben ihr verhaftet worden, vor ihr kniend: sie lag

auf dem Bett, er hatte zu ihr seine Hände emporgestreckt und hatte in

jenem Augenblick dermaßen alles andere vergessen, daß er nicht einmal

die Ankunft der Obrigkeit und ihren Eintritt ins Zimmer hörte. Er hatte

noch nichts zur Antwort vorbereitet. Er wurde sozusagen in seinem

eigenen Bewußtsein völlig überrascht.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 36 / 40 题