I.
Der verhängnisvolle Tag
Am Tage nach den von mir wiedergegebenen Ereignissen wurde um zehn Uhr
morgens die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und die
Gerichtsverhandlung gegen Dmitrij Karamasoff nahm ihren Anfang.
Ich muß nun vorausschicken, daß es weit über meine Kräfte geht, alles,
was sich vor Gericht ereignet hat, ausführlich oder auch nur in der
richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Ich glaube, daß, wenn alles erzählt
und wie es sich gehört erläutert werden sollte, ein ganzes Buch, und
zwar ein umfangreiches, geschrieben werden müßte. Möge man es mir daher
nicht verübeln, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich
einen Eindruck gemacht hat, und wessen ich mich besonders erinnere.
Vielleicht habe ich Nebensächliches für Hauptsächliches gehalten und die
wesentlichsten Punkte ganz übersehen ... Übrigens, wie ich sehe, täte
ich besser, mich nicht weiter zu entschuldigen, sondern einfach mit der
Erzählung zu beginnen. Ich werde so erzählen, wie ich es verstehe, und
die Leser werden zum Schluß selbst einsehen, daß ich mein möglichstes
getan habe.
Doch will ich noch vorausschicken, bevor wir den Gerichtssaal betreten,
was mich an diesem Tage ganz besonders in Erstaunen gesetzt hat, und
eigentlich nicht nur mich allein, sondern, wie sich später gezeigt hat,
alle. Jeder wußte, daß sehr viele sich für diesen Prozeß interessierten,
daß alle mit Ungeduld gefragt und erwartet hatten, wann er endlich zur
Verhandlung kommen werde, daß man seit zwei Monaten in unserer
Gesellschaft viel über ihn gesprochen, die verschiedensten Vermutungen
geäußert, sich über ihn aufgeregt und ganz Unglaubliches
zusammenphantasiert hatte. Auch wußten alle, daß die Sache in ganz
Rußland bekannt und berühmt geworden war. Dennoch hatte man nicht
erwartet, daß sie so aufregend und in so hohem Maße erschütternd hätte
werden können. Zu dieser Gerichtsverhandlung waren nicht nur aus Städten
unseres Gouvernements, sondern auch aus anderen Städten Rußlands und
schließlich aus Moskau und aus Petersburg viele angekommen, am meisten
natürlich Juristen, aber es waren auch einige hohe Persönlichkeiten und
sogar Damen unter ihnen. Alle Billette waren vergriffen. Für die
höchststehenden, vornehmen und angesehenen Besucher unter diesen waren
besondere Plätze, gleich hinter dem Tisch, an dem die Richter saßen,
eingerichtet worden; dort sah man nun eine ganze Reihe Lehnstühle, in
denen würdige Personen der Sitzung beiwohnten, was bei uns früher nie
zugelassen worden war. Damen waren auffallend zahlreich zugegen, sowohl
Damen aus unserer Stadt, als fremde, – ich glaube, sie machten nicht
viel weniger als die Hälfte des gesamten Publikums aus. Allein der von
allen Seiten zugereisten Juristen gab es so viele, daß man nicht wußte,
wo man sie unterbringen sollte, da die Billette schon vor langer Zeit
erbeten, geradezu erfleht und restlos verteilt worden waren. Ich habe
selbst gesehen, wie man am Ende des Saales, hinter der Estrade, in aller
Eile eine besondere Einfriedigung herrichtete, in die dann alle diese
fremden Juristen hineingelassen wurden: und die hielten sich noch für
glücklich, daß sie wenigstens stehend zuhören konnten – denn die Stühle
waren, um Platz zu gewinnen, alle hinausgebracht worden. So stand denn
diese dichtgedrängte Schar buchstäblich Schulter an Schulter während der
ganzen Gerichtsverhandlung. Einige von den Damen, hauptsächlich von den
angereisten, erschienen auf dem Chor des Saales in eleganten Toiletten,
doch die Mehrzahl von ihnen hatte über dem Interesse für die Sache
selbst den Putz vergessen. In ihren Gesichtern las man fieberhafte,
fast krankhaft gesteigerte Neugier. Hier muß ich noch einer
charakteristischen Besonderheit dieser im Saal versammelten Gesellschaft
Erwähnung tun: sie bestand darin, daß – wie sich auch später durch
vielfache Beobachtungen bestätigt hat – fast alle Damen, oder wenigstens
die übergroße Mehrzahl von ihnen, für Mitjä und seine Freisprechung
Partei nahm. Vielleicht geschah das hauptsächlich darum, weil sich von
ihm die Vorstellung er sei ein Eroberer aller Weiberherzen, weit
verbreitet hatte. Man wußte, daß zwei Frauen, zwei Gegnerinnen,
erscheinen würden. Für die eine von ihnen, Katerina Iwanowna,
interessierte man sich allgemein und ganz besonders. Man erzählte sich
ungeheuer viel Außergewöhnliches über sie, hauptsächlich kursierten über
ihre leidenschaftliche Liebe zu Mitjä, trotz seines Verbrechens,
wahrhaft wundernehmende Geschichten, und nicht weniger sprach man von
ihrem Stolz (sie hatte in unserer Stadt so gut wie niemandem Visite
gemacht) und ihren „aristokratischen Verbindungen“. Man behauptete
sogar, sie beabsichtige, die Regierung um die Erlaubnis zu bitten, den
Verbrecher nach Sibirien begleiten zu dürfen, um sich mit ihm dort
irgendwo in den Erzgruben unter der Erde trauen zu lassen. Mit nicht
geringer Spannung wurde das Erscheinen Gruschenkas vor Gericht erwartet;
war sie doch die „Rivalin“ Katerina Iwanownas. Mit geradezu hysterischer
Neugier sah man der Begegnung der beiden entgegen – des stolzen
aristokratischen Mädchens und der „Hetäre“. Übrigens war Gruschenka
unseren Damen bekannter als Katerina Iwanowna. Man hatte sie, die
„Vernichterin Fedor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes“, auch
früher schon gesehen, und alle ohne Ausnahme wunderten sich darüber, wie
Vater und Sohn sich in eine solche „ganz gewöhnliche, eigentlich
überhaupt nicht hübsche russische Kleinbürgerin“ dermaßen hatten
verlieben können. Kurz, es war nicht wenig gesprochen worden. Ich weiß
sogar genau, daß es in unserer Stadt Mitjäs wegen zu mehreren ernsten
Zwistigkeiten zwischen Eheleuten gekommen war: viele Damen hatten sich
wegen der Verschiedenheit ihrer Auffassung dieser ganzen Angelegenheit
mit ihren Männern aufs tragischste überworfen, und daher ist es ja
schließlich nur zu begreiflich, daß die Männer dieser Damen – und es
waren ihrer nicht wenige –, als sie nun im Gerichtssaal erschienen,
gegen den Angeklagten nicht nur voreingenommen waren, sondern ihn in
ihrer Erbitterung sogar aufrichtig haßten. Überhaupt kann man sagen,
daß, im Gegensatz zum weiblichen Elemente, das ganze männliche gegen
Mitjä gestimmt war. Man sah ernste, mürrisch-finstere Gesichter, viele
waren sogar unverhohlen wütend, und das war noch obendrein die Mehrzahl.
Allerdings kommt hinzu, daß Mitjä während seines Aufenthaltes bei uns
viele Herren persönlich gekränkt oder geärgert oder womöglich
eifersüchtig gemacht hatte. Natürlich waren einige von den Anwesenden
sogar lustig gestimmt, und die standen denn auch dem Schicksal Mitjäs im
Grunde völlig teilnahmlos gegenüber; dafür aber hatten sie für den „Fall
an sich“ um so mehr Interesse. Alle waren lebhaft auf seinen Ausgang
gespannt, die Mehrzahl der Männer wünschte entschieden die Bestrafung
des Verbrechers, abgesehen vielleicht von den Juristen, denen es nicht
um die sittliche Seite der Sache zu tun war, sondern nur um die
sozusagen zeitgenössisch-juridische. Diese Herren regte denn auch am
meisten die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch auf. Sein Talent war
weit und breit bekannt, und es geschah diesmal nicht zum erstenmal, daß
er in die Provinz kam, um in einer so aufsehenerregenden
Kriminalverhandlung die Verteidigung zu übernehmen. Nach seiner
Verteidigung waren solche Prozesse immer in ganz Rußland berühmt
geworden und lange in der Erinnerung geblieben. Auch über unseren
Staatsanwalt Hippolyt Kirillowitsch und den Vorsitzenden des
Gerichtshofes war viel gesprochen worden. Man erzählte sich, daß
Hippolyt Kirillowitsch vor diesem „Zweikampf“ mit Fetjukowitsch zittere,
daß sie noch von Petersburg her alte Feinde seien, bereits seit dem
Anfang ihrer Laufbahn, daß unser eigenliebiger Hippolyt Kirillowitsch,
der sich beständig für zurückgesetzt und durch irgend jemanden schon
seit seiner Petersburger Zeit für beleidigt halte, da man sein Talent
nicht in gebührender Weise anzuerkennen wisse, sich sogar mit dem
Gedanken getragen habe, seiner etwas welk gewordenen Karriere durch den
„Fall Karamasoff“ wieder neues Leben einzuflößen, daß ihn aber
Fetjukowitschs Erscheinen erschreckt und entmutigt habe. Doch muß ich
hierzu bemerken, daß diese Beurteilung seines Charakters nicht ganz
zutreffend war. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu den Charakteren, die
der Mut vor der Gefahr verläßt, sondern im Gegenteil, er gehörte zu
denen, deren Eigenliebe nach Maß der Zunahme der Gefahr sich vergrößert,
und denen dann womöglich noch Schwingen wachsen. Überhaupt muß ich hier
bemerken, daß Hippolyt Kirillowitsch ein auffallend hitziger und
krankhaft empfindlicher Mensch war. In gar manche Sache hatte er seine
ganze Seele hineingelegt und sie geführt, als wenn von ihrer
Entscheidung sein ganzes Schicksal und all sein Hab und Gut abhinge.
Unter den Juristen wurde darüber ein wenig gelächelt, denn unser
Staatsanwalt hatte gerade durch diese seine Eigenschaft einen gewissen
Ruf erlangt, wenn auch gerade keinen sehr großen, so doch jedenfalls
einen weit größeren, als man es im Hinblick auf seine bescheidene
Stellung an unserem Gerichtshof hätte voraussetzen können. Am meisten
spöttelte man wohl über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner
Ansicht nach haben sich alle geirrt: unser Staatsanwalt war, als Mensch
und Charakter, wie mir wenigstens scheint, viel ernster, als viele von
ihm glaubten. Dieser kränkliche Mensch hatte nun einmal nicht
verstanden, sich eine Stellung zu schaffen; wahrscheinlich hatte er es
gleich zu Anfang seiner Laufbahn versäumt, und dabei war es denn auch
während des ganzen weiteren Lebens geblieben.
Was den Vorsitzenden betrifft, so läßt sich über ihn nicht viel mehr
sagen, als daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der seine Sache
und selbst die neuesten Ideen kannte. Zwar war er ziemlich ehrgeizig,
doch bekümmerte er sich nicht sonderlich um seine Karriere. Das
Hauptziel seines Lebens bestand darin, in jeder Beziehung wenigstens
einer von den ersten zu sein. Außerdem erfreute er sich guter
Verbindungen und besaß Vermögen. Den „Fall Karamasoff“ faßte er, wie
sich später zeigte, recht temperamentvoll auf, doch tat er es eigentlich
mehr im allgemeinen Sinne: ihn beschäftigte die Tatsache als solche,
ihre Klassifikation, die Auffassung derselben als Produkt unserer
sozialen Grundlagen, als Charakteristik des russischen Elements usw.
usw. Zum persönlichen Charakter der Sache, zur Tragödie, die in ihr lag,
wie auch zu den beteiligten Personen, angefangen vom Angeklagten,
verhielt er sich ziemlich gleichgültig und rein sachlich, wie es
vielleicht auch das einzig Richtige für ihn war – von seinem Standpunkte
aus.
Der große Saal war schon lange vor dem Erscheinen des Gerichtshofes
gepreßt voll. Dieser Gerichtssaal ist in unserer Stadt der schönste und
beste: er ist sehr groß, hat eine hohe Decke und gute Akustik. Rechts
von den Plätzen der Herren des Gerichtshofes, die erhöht standen, waren
ein Tisch und zwei Reihen Sessel für die Geschworenen; links der Platz
des Angeklagten und seines Verteidigers. Ungefähr in der Mitte des
Saales stand ein Tisch, auf dem die „Sachbeweise“ lagen: der
blutbefleckte weißseidene Schlafrock Fedor Pawlowitschs, die
verhängnisvolle Mörserkeule, mit der, wie man mit Bestimmtheit annahm,
der Mord vollführt worden war, Mitjäs Hemd mit der blutbefleckten
Manschette, sein Rock, der auf der Rückseite über der Tasche (in die
Mitjä damals sein blutdurchtränktes Taschentuch gesteckt hatte) große
Blutflecke aufwies, ferner dieses Taschentuch, das vom Blut inzwischen
ganz hart und gelb geworden war, die Pistole, die Mitjä bei Perchotin
geladen hatte, und die von Trifon Borissytsch in Mokroje heimlich
versteckt worden war, das Kuvert, in dem die für Gruschenka
bereitgehaltenen Dreitausend gelegen hatten, und das dünne rosa
Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch verschiedene andere
Gegenstände, deren ich mich nicht mehr erinnere. Und dann erst, in
einiger Entfernung von diesem Tisch, begannen die Plätze fürs Publikum;
doch noch vor diesen, also noch vor der Ballustrade, standen ein paar
Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die nach ihrem Verhör noch im Saale
bleiben sollten. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, der aus dem
Vorsitzenden, einem Beisitzer und einem Friedensrichter bestand.
Selbstverständlich erschien sofort auch der Staatsanwalt. Der
Vorsitzende war ein wohlbeleibter, stämmiger Mann, dabei nicht einmal
mittelgroß, mit einem Hämorrhoidalgesichte, etwa fünfzig Jahre alt, mit
dunklem, erst leicht ergrautem Haar, das er ganz kurzgeschoren trug, und
mit einem roten Ordensbande (welch ein Orden daran hing, habe ich
vergessen). Der Staatsanwalt erschien mir – und nicht nur mir allein,
sondern allen – auffallend bleich, sein Gesicht war fast grün. Er schien
ganz plötzlich abgemagert zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht,
denn noch vor drei Tagen war ich ihm begegnet, und da hatte er wie
gewöhnlich ausgesehen. Der Vorsitzende begann mit der Frage an den
Gerichtsvollstrecker: „Sind alle Geschworenen erschienen? ...“ Aber ich
sehe schon, daß ich in dieser Weise nicht fortfahren kann, schon allein
deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört habe (manches
Schleierhafte habe ich versäumt, mir klarzumachen, vieles habe ich
vergessen oder mir nicht genau gemerkt), doch hauptsächlich darum nicht,
weil man sonst, wenn man alles genau wiedergeben wollte, wie ich schon
vorhin gesagt habe, so viel darüber zu schreiben hätte, wie es mir weder
Zeit noch Raum erlauben. Ich weiß von den ersten Vorgängen nur noch, daß
von den Geschworenen einer- und andererseits, d. h. durch den
Verteidiger und den Staatsanwalt, nur wenige ausgeschieden wurden. Der
zwölf Geschworenen selbst erinnere ich mich noch sehr gut: es waren das
vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und
Kleinbürger aus unserer Stadt. In unserer Gesellschaft hatten viele,
besonders Damen, schon lange vor der Gerichtssitzung nicht ohne einige
Verwunderung gefragt: „Ist es möglich, daß man eine psychologisch so
feine und komplizierte Sache irgendwelchen Beamten und gar Bauern zur
folgenschweren Entscheidung übergibt, und was werden denn diese Leute
davon verstehen?“ Es ist ja wahr, alle diese vier Beamten, die zu den
zwölf Geschworenen gehörten, waren schließlich kleine Leute von
niedrigem Range, Männer mit grauem Haar – nur einer von ihnen schien
etwas jünger zu sein –, die in unserer Gesellschaft wenig bekannt waren,
von geringem Gehalt ihr Leben fristeten, wahrscheinlich alte Frauen
hatten, die man niemandem zeigen kann, und dazu eine ganze Horde
vielleicht sogar barfüßiger Kinder, – Männer, für die es viel war, wenn
sie sich in ihren Mußestunden mit einer Partie Karten zerstreuen
konnten, und die – das versteht sich natürlich von selbst – noch nie ein
Buch gelesen hatten. Die beiden Kaufleute sahen allerdings sehr ehrbar
und gesetzt aus, doch waren sie eigentümlich schweigsam und unbeweglich;
der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug deutsche
Kleidung, der andere hatte einen grauen Bart, und auf seiner Brust hing
an einem roten Bande irgendeine Medaille. Von den Kleinbürgern und
Bauern lohnt sich natürlich überhaupt nicht zu reden. Unsere
Skotoprigonjewskschen Bauern sind nicht anders als alle Bauern, sie
mähen sogar. Zwei von ihnen waren gleichfalls in deutscher Kleidung
erschienen und sahen vielleicht gerade darum unsauberer und
unansehnlicher aus als die anderen vier in schlichten russischen Röcken.
So war es denn schließlich begreiflich, wenn viele sich bei ihrem
Anblick fragten – wie auch ich es tat –: „Was können denn die von einer
solchen Sache verstehen!“ Doch dessen ungeachtet, mußte man zugeben, daß
ihre Gesichter einen ganz sonderbar tiefen und fast drohenden Eindruck
machten. Sie sahen streng und finster aus.
Endlich kündigte der Vorsitzende laut den Gegenstand der Verhandlung an:
den Prozeß wegen Ermordung des verabschiedeten Titularrats Fedor
Pawlowitsch Karamasoff. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie er sich
damals ausdrückte. Dem Gerichtsvollstrecker wurde befohlen, den
Angeklagten hereinzuführen. Mitjä erschien. Alles verstummte im Saal,
man hätte eine Fliege summen gehört. Ich weiß nicht wie er auf die
anderen wirkte, auf mich aber machte er einen äußerst unangenehmen
Eindruck. Schuld war daran vor allem, daß er als ausgesprochener Stutzer
erschien, in einem nagelneuen Anzuge. Später habe ich erfahren, daß er
sich in Moskau bei seinem früheren Schneider, der noch sein Maß von den
früheren Anzügen besaß, die Kleider gerade zu diesem Tage bestellt
hatte. Er trug schwarze Glacéhandschuhe und die eleganteste Wäsche. Er
trat mit seinen langen Offiziersschritten ein, mit geradeaus
gerichtetem, bis zur Starrheit geradeaus gerichtetem Blick: so ging er
durch den Gang zwischen den Menschen hindurch und setzte sich mit der
furchtlosesten Miene auf seinen Platz. Gleich nach ihm erschien auch
sein Verteidiger, der berühmte Fetjukowitsch, und es war, als wenn ein
unterdrücktes Getöse durch den ganzen Saal rauschte. Er war ein langer,
hagerer Mann, mit langen dünnen Beinen, ungewöhnlich langen, bleichen,
dünnen Fingern, rasiertem Gesicht, bescheiden glattgekämmtem, ziemlich
kurzem Haar, und mit dünnen, hin und wieder sich halb wie zum Spott,
halb wie zum Lächeln krümmenden Lippen. Dem Aussehen nach mochte er etwa
vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht wäre vielleicht sogar angenehm
gewesen, wenn seine Augen, die an sich nicht groß und nicht
ausdrucksvoll waren, nicht so ungewöhnlich nahe, so nahe, wie es nur
selten vorkommt, nebeneinandergestanden hätten, so daß sie nur der dünne
schmale Knochen seiner länglichen dünnen Nase voneinander trennte. Mit
einem Wort, diese Physiognomie hatte etwas so ausgesprochen
Vogelartiges, daß sie einen geradezu frappierte. Er war in Frack und
weißer Krawatte. Ich erinnere mich noch der ersten, vom Vorsitzenden an
Mitjä gestellten Fragen nach seinem Namen, Stand usw. Mitjä antwortete
schroff, doch mit ganz unerwartet lauter Stimme, so daß der Vorsitzende
zuerst mit dem Kopf zurückzuckte und ihn einen Augenblick groß ansah.
Darauf wurden die Namen derjenigen Personen verlesen, die zur
Gerichtsverhandlung vorgeladen worden waren, der Zeugen und Experten.
Die Liste war lang; vier von den Zeugen waren nicht erschienen:
Miussoff, der schon in Paris weilte, doch seine Aussagen bereits in der
Voruntersuchung gemacht hatte; Frau Chochlakoff und Maximoff waren
krankheitshalber nicht erschienen, und Ssmerdjäkoff wegen plötzlichen
Todes, wovon eine polizeiliche Bescheinigung vorgewiesen wurde. Diese
Nachricht vom Tode Ssmerdjäkoffs rief eine starke Bewegung und erregtes
Geflüster hervor. Die Mehrzahl des Publikums wußte noch nichts von
seinem Selbstmorde. Was aber am meisten auffiel, das war – ein
unerwarteter Ausfall Mitjäs: kaum war die Mitteilung über Ssmerdjäkoff
verlesen worden, als er plötzlich von seinem Platze aus über den ganzen
Saal hin laut ausrief:
„Dem Hunde gebührt ein hündischer Tod!“
Ich erinnere mich noch deutlich, wie sein Verteidiger zu ihm stürzte,
und wie der Vorsitzende sich zu ihm wandte, mit der Drohung, zu strengen
Maßregeln zu greifen, wenn sich ein ähnlicher Ausfall noch einmal
wiederholen sollte. Abgerissen und mit ungeduldigem Kopfnicken sagte
Mitjä mehrmals halblaut zu seinem Verteidiger:
„Schon gut, schon gut, ich werde nicht mehr! Es ist mir nur so
entschlüpft! Ich werde nicht mehr! Schön, schön!“ sah aber dabei
keineswegs aus, als bereue er es.
Dieser kurze Zwischenfall diente natürlich nicht dazu, um die Meinung
der Geschworenen und des Publikums von ihm zu verbessern. Der Charakter
tat sich schon kund. Unter diesem Eindruck wurde vom Sekretär des
Gerichtshofes der Anklageakt verlesen.
Er war ziemlich kurz, doch nichtsdestoweniger klar und ausführlich. Es
waren nur die Hauptgründe angeführt, warum der und der des Verbrechens
angeklagt, warum er dem Gericht unterstellt worden sei usw. Ich muß
gestehen, daß diese Verlesung der Anklage einen starken Eindruck auf
mich machte. Der Sekretär hatte eine volle, tragende Stimme und las
vorzüglich. Diese ganze Tragödie erschien jetzt von neuem vor allen
versammelten Menschen in scharfen Umrissen, knapp zusammengefaßt und in
verhängnisvollem, unerbittlichem Lichte. Gleich nach der Verlesung
wandte sich der Vorsitzende zu Mitjä und fragte ihn mit lauter und
eindringlicher Stimme:
„Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig?“
Mitjä erhob sich plötzlich von seinem Platz:
„Ich bekenne mich schuldig der Trunksucht, der Ausschweifung,“ rief er
wieder mit einer unerwartet lauten Stimme, die diesmal fast zornig
klang, „der Faulheit und Schwelgerei. Gerade in dem Augenblick hatte ich
mir vorgenommen, auf ewig ein ehrenhafter Mensch zu werden, als der
Schicksalsschlag mich traf! Doch am Tode des alten Karamasoff, am Tode
meines Feindes und Vaters – bin ich unschuldig! Und auch an seiner
Beraubung – nein! Daran trage ich keine Schuld! Nochmals nein! – und ich
_kann_ daran auch keine Schuld tragen. Dmitrij Karamasoff kann wohl ein
Schuft sein, aber nie und nimmer ein Dieb!“
Nachdem er das hinausgeschrien hatte, setzte er sich wieder auf seinen
Platz, sichtbar am ganzen Körper zitternd. Der Vorsitzende wandte sich
von neuem mit der kurzen, doch ernsten Ermahnung an ihn, nur auf die
Fragen zu antworten und sich nicht zu leidenschaftlichen Ausrufen, die
nicht zur Sache gehörten, hinreißen zu lassen. Dann befahl er, mit der
gerichtlichen Verhandlung zu beginnen. Hierauf wurden sämtliche Zeugen
zur Vereidigung hereingeführt. Da sah ich sie denn alle. Übrigens: die
beiden Brüder des Angeklagten wurden unvereidigt zur Zeugnisablegung
zugelassen. Nach der Ermahnung des Geistlichen und des Vorsitzenden
wurden den Zeugen die Plätze angewiesen, nach Möglichkeit nicht dicht
nebeneinander. Und darauf begann man, sie einzeln aufzurufen.
II.
Die gefährlichen Zeugen
Ich weiß nicht, ob die Zeugen des Staatsanwalts und die des Verteidigers
vom Vorsitzenden in zwei Gruppen eingeteilt worden waren und in einer
gewissen, vorher bestimmten Reihenfolge aufgerufen wurden. Doch muß es
wohl so gewesen sein, denn die ersten Zeugen, die man verhörte, waren
die des Staatsanwalts. Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht
beabsichtige, das ganze Verhör Wort für Wort wiederzugeben. Zudem würde
eine solche Beschreibung ganz unnötig sein, da in der Anklage- wie in
der Verteidigungsrede des Staatsanwalts und des Verteidigers das ganze
Ergebnis aller abgegebenen Zeugnisse gleichsam in einen Punkt unter
greller und charakteristischer Beleuchtung zusammengefaßt wurden. Diese
beiden bemerkenswerten Reden habe ich wenigstens zum Teil vollständig
aufgeschrieben, um sie dann an gegebener Stelle anführen zu können,
sowie auch eine ganz außergewöhnliche und unerwartete Episode der
Verhandlung, die sich kurz vor den Plaidoyers abspielte und auf den
grausamen und verhängnisvollen Urteilsspruch einen großen Einfluß hatte.
Ich bemerke nur noch, daß es schon von den ersten Augenblicken der
Gerichtsverhandlung an allen auffiel, wie groß im vorliegenden Prozeß
die Wucht der Anklagen war, im Vergleich zu den Entlastungsbeweisen,
über die der Verteidiger verfügte. Das begriffen alle, als das Verhör in
diesem unheimlichen Saale begann, als die Tatsachen sich zu gruppieren
anfingen, und allmählich der ganze Schrecken dieser blutigen Tat so
deutlich vor unser Auge trat. Vielleicht wurde es schon nach den ersten
Augenblicken allen klar, daß die Sache ja ganz unbestreitbar war, und
überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen ließ, daß im Grunde genommen
irgendwelche Plaidoyers gar nicht mehr nötig waren, daß sie nur der Form
wegen gehalten werden mußten, der Angeklagte jedoch „schuldig,
unwiderruflich schuldig“ sei. Ich glaube sogar, daß alle Damen, die
ausnahmslos die Freisprechung dieses interessanten Verbrechers
wünschten, zu gleicher Zeit von seiner Schuld vollkommen überzeugt
waren. Ja, wie mir schien, würden sie sich sogar beleidigt gefühlt
haben, wenn man an seiner Schuld gezweifelt hätte, denn der Effekt
seiner Freisprechung hätte dann nicht so groß sein können. Daß man ihn
aber freisprechen werde, davon waren sie sonderbarerweise bis zum
letzten Augenblick fest überzeugt. „Schuldig ist er, das ist wahr, man
wird ihn aber aus Humanität freisprechen, auf Grund der neuen Ideen und
neuen Gefühle, die jetzt überall aufgekommen sind“ usw. usw. Darum waren
sie auch mit solcher Unruhe in der Erwartung dieser Freisprechung
herbeigeeilt. Die Männer wiederum interessierte am meisten der Kampf des
Staatsanwalts mit dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich
verwundert: „Was wird denn selbst ein solches Talent wie Fetjukowitsch,
aus einer so verlorenen Sache, aus einem so ausgeblasenen Ei, noch
machen können?“ Und man verfolgte mit angestrengter Aufmerksamkeit jeden
seiner Schachzüge. Doch Fetjukowitsch blieb allen bis zum Schluß – bis
zu seiner Rede – ein Rätsel. Erfahrenere Leute errieten denn auch, daß
er etwas aufzustellen beabsichtigte, daß er nach einem System vorging
und ein Ziel vor sich hatte, doch was für eines das war – das konnten
auch sie nicht sagen. Vor allem fielen seine Sicherheit und sein
Selbstvertrauen auf. Außerdem bemerkte man mit Genugtuung, daß er, trotz
seines kurzen Aufenthaltes in unserer Stadt – er war erst vor drei Tagen
angekommen – sich mit der Sache doch schon gründlich bekannt gemacht und
sie bis in alle Einzelheiten studiert hatte. Mit wahrer Wonne erzählte
man sich später, wie er alle Zeugen des Staatsanwalts „hineingelegt“
hatte, um sie nach Möglichkeit zu kompromittieren, und wie er ihren
hohen Sittlichkeitsansprüchen Fallen gestellt, um auf diese Weise auch
den Wert ihrer Aussagen zu untergraben. Übrigens behaupteten viele, daß
er damit sozusagen nur gespielt habe, um juristisch zu glänzen, und
damit keiner der Advokatenkniffe unbenutzt bliebe; war man doch
überzeugt, daß alle diese Kniffe ihm trotzdem keinen großen und
ausschlaggebenden Nutzen bringen konnten, und daß er selbst das wohl am
besten wußte. „Gewiß hat er irgend etwas im Hinterhalte bereit,
irgendeine Waffe, die er dann plötzlich im richtigen Augenblick
hervorziehen wird. Anfänglich aber spielt er noch und treibt nur
Mutwillen, da er ja seiner Sache sowieso sicher ist.“ Zum Beispiel, als
man den früheren „Kammerdiener“ Fedor Pawlowitschs, Grigorij
Wassiljewitsch, verhörte, und dieser die allerwichtigste Aussage in
betreff der offenen Tür machte, da begann der Verteidiger, als an ihn
die Reihe kam, den Zeugen zu verhören, dem Alten mit Fragen gehörig auf
den Leib zu rücken. Ich muß dazu bemerken, daß Grigorij Wassiljewitsch,
der sich weder durch das Gericht, noch durch die Anwesenheit des
zahlreichen ihm zuhörenden Publikums einschüchtern ließ, mit ruhiger,
fast überlegener Miene dastand. Seine Aussagen machte er mit einer
Sicherheit, als hätte er mit Marfa Ignatjewna geplaudert, allenfalls nur
ein wenig ehrerbietiger. Ihn aus dem Konzept zu bringen, war unmöglich.
Zuerst fragte ihn der Staatsanwalt über alle Einzelheiten der Familie
Karamasoff aus, wobei das Familienbild deutlich und grell hervortrat.
Man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig, treuherzig und unparteiisch
war. Bei aller Ehrerbietung, die er für seinen ermordeten Herrn
bewahrte, erklärte er doch, daß der Herr Mitjä gegenüber nicht recht
gehandelt und für die Erziehung der Kinder nicht pflichtmäßig gesorgt
habe. „Den kleinen Jungen hätten, wenn ich nicht dagewesen wäre, die
Läuse gefressen,“ fügte er noch hinzu, als er seine Erzählung über
Mitjäs Kinderjahre beendet hatte. „Auch hat der Vater den Sohn am Erbe
seiner leiblichen Mutter geschädigt.“ Auf die Frage des Staatsanwalts,
worauf er seine Aussage – daß der Vater seinen Sohn übervorteilt oder
„geschädigt“ habe – begründe, konnte Grigorij Wassiljewitsch zur
Verwunderung aller gar keine Belege angeben, doch bestand er
nichtsdestoweniger fest darauf, daß die Abrechnung mit dem Sohne eine
„unrichtige“ gewesen sei und der Vater diesem noch einige Tausend hätte
auszahlen müssen. Ich bemerke hier zur Sache, daß diese Frage, – ob
Fedor Pawlowitsch Mitjä wirklich nicht alles ausgezahlt hatte – vom
Staatsanwalt mit besonderer Beharrlichkeit auch an alle anderen Zeugen,
die er nur danach fragen konnte, gestellt wurde, Aljoscha und Iwan
Fedorowitsch nicht ausgenommen. Doch von keinem dieser Zeugen konnte er
eine genaue Aussage erhalten; alle bejahten sie die Tatsache, aber
keiner von ihnen konnte irgendeinen Beweis vorbringen. Die Schilderung
der Szene nach Tisch, als Dmitrij Fedorowitsch den Vater geschlagen und
ihm gedroht hatte, wiederzukommen und ihn dann einfach totzuschlagen,
machte einen niederschmetternden Eindruck auf das Publikum im Saal, um
so mehr, als der alte Diener sie ruhig und ohne überflüssige Worte in
seiner eigenartigen Sprache erzählte, so daß ihre Wiedergabe geradezu
schön und packend war. Über die Kränkung, die er durch Mitjä, der ihn
doch zu Boden geschlagen, erfahren hatte, bemerkte er nur, daß er sie
ihm längst verziehen habe. Über den verstorbenen Ssmerdjäkoff sagte er
nur aus, indem er sich bekreuzte, daß der arme zwar einige Fähigkeiten
besessen habe, dafür aber dumm, von der Krankheit „geknechtet“ und dazu
noch gottlos gewesen sei, und daß diese Gottlosigkeit ihn sowohl Fedor
Pawlowitsch als sein Sohn Iwan Fedorowitsch gelehrt hätten. Doch auf der
Ehrlichkeit Ssmerdjäkoffs bestand er fast mit Heftigkeit und erzählte
sofort, wie Ssmerdjäkoff seinerzeit das verlorene Geld des Herrn
gefunden und es sich nicht eingesteckt, sondern unverzüglich dem Herrn
übergeben hatte, und wie der Herr ihm dafür „zehn Rubel“ geschenkt und
seit der Zeit ihn in allem zu seinem Vertrauten gemacht habe. Doch blieb
er auf seiner Aussage in betreff der offenen Tür der Gartenfassade mit
seiner ganzen Hartnäckigkeit bestehen. Übrigens fragte man ihn so viel,
daß ich mich nicht aller Aussagen erinnern kann. Endlich kam die Reihe
an den Verteidiger, und der fragte ihn zuerst über das Geldpaket aus, in
dem sich die „gewissen“ dreitausend Rubel für eine „bestimmte Person“
befunden haben sollten. „Haben Sie dieses Paket gesehen, Sie, der Sie
als langjähriger Diener Ihrem Herrn so nahe standen?“ Grigorij
antwortete, daß er es nicht gesehen und von diesem Gelde nichts gehört
habe, „bis zu der Zeit, wo jetzt alle davon zu sprechen angefangen
haben“. Diese Frage nach dem Geldpaket stellte Fetjukowitsch an alle, an
die er sie als Zeugen nur stellen konnte, und zwar mit eben solcher
Hartnäckigkeit, wie der Staatsanwalt seine Frage nach der
Erbschaftsangelegenheit wiederholte, doch von allen erhielt er nur die
eine Antwort, daß niemand das Paket gesehen, jedoch ein jeder seit zwei
Monaten viel von ihm gehört habe. Die Hartnäckigkeit des Verteidigers in
dieser Frage hatten alle gleich von Anfang an bemerkt.
„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie mit der Frage wende,“ sagte
plötzlich und ganz unerwartet Fetjukowitsch, „woraus dieser Balsam
bestand, oder der sogenannte Kräuteraufguß, mit dem Sie an jenem Abend,
vor dem Schlafengehen, Ihr schmerzendes Kreuz eingerieben haben, in der
Hoffnung, sich damit zu kurieren?“
Grigorij sah stumpfsinnig den Fragenden an und brummte nach einigem
Schweigen:
„Salbei war drin.“
„Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht noch irgendeiner Zutat?“
„Wegerich war auch drin.“
„Und auch Pfeffer vielleicht?“ fragte interessiert Fetjukowitsch.
„Auch Pfeffer war dabei.“
„Und so weiter. Und alles das in Branntwein?“
„In Spiritus.“
Im Saale hörte man unterdrücktes Lachen.
„Nun, was will man mehr, also sogar in Spiritus! Und nachdem man Ihren
Rücken damit eingerieben hatte, tranken Sie den Rest der Flasche mit
einem gewissen heilbringenden Gebet, das nur Ihrer Frau bekannt ist,
aus, nicht wahr?“
„Ich habe es ausgetrunken.“
„Wieviel haben Sie denn ungefähr ausgetrunken? Ungefähr wieviel? Ein
Schnapsgläschen voll oder gar zwei?“
„Ein Wasserglas voll wird es gewesen sein.“
„Sogar ein Wasserglas voll? Vielleicht waren es auch anderthalb
Gläschen?“
Grigorij schwieg. Er schien etwas begriffen zu haben.
„Anderthalb Glas reinen Spiritus, – das ist gar nicht so übel, was
meinen Sie? Da kann man ja selbst die Tore des Paradieses offen sehen,
geschweige denn eine Tür, die in den Garten führt!“
Grigorij schwieg immer noch. Wieder hörte man unterdrücktes Lachen im
Saal. Der Vorsitzende schien etwas unruhig zu werden.
„Sind Sie sicher,“ drang Fetjukowitsch immer mehr in ihn ein, „daß Sie
in dieser Minute, als Sie die Tür zum Garten offen sahen, wach waren?
Oder schliefen Sie vielleicht?“
„Ich stand auf den Beinen.“
„Das ist noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht geschlafen haben.“
(Leises Gelächter im Saal.) „Hätten Sie zum Beispiel in dieser Minute
sagen können, wenn jemand Sie gefragt hätte, nun, zum Beispiel, in
welchem Jahr wir leben?“
„Das weiß ich nicht.“
„Im wievielten Jahre nach Christi Geburt leben wir denn jetzt, wissen
Sie das wirklich nicht?“
Grigorij stand da mit verdutztem Ausdruck im Gesicht und sah seinen
Quälgeist starr an. Sonderbar, er schien wirklich nicht zu wissen, in
welchem Jahr er lebte.
„Vielleicht wissen Sie aber, wieviel Finger Sie an den Händen haben?“
„Ich bin hier kein freier Mensch,“ sagte Grigorij plötzlich laut und
deutlich – „wenn die Obrigkeit beliebt, sich über mich lustig zu machen,
so muß ich es dulden.“
Fetjukowitsch war etwas verdutzt, und der Vorsitzende mischte sich
sofort ein und erinnerte den Verteidiger mit ein paar ernsten
Bemerkungen daran, daß er sachlichere Fragen zu stellen habe.
Fetjukowitsch hörte ihm aufmerksam zu, verbeugte sich dann würdevoll und
erklärte, mit seinen Fragen zu Ende zu sein. Indessen blieb im Publikum
wie auch bei den Geschworenen doch ein kleiner Zweifel an den Aussagen
eines Menschen bestehen, bei dem die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu
sein schien, daß er in einem gewissen Zustande während einer Kur die
Paradiesestore offen sah, und der außerdem nicht zu sagen wußte, in
welchem Jahre nach Christi Geburt er lebte; so hatte der Verteidiger
immerhin sein Ziel erreicht. Doch bevor Grigorij entlassen wurde,
ereignete sich noch eine kleine Episode. Der Vorsitzende wandte sich an
den Angeklagten mit der Frage, ob er nicht zu den gegebenen Aussagen
etwas zu bemerken habe?
„Ausgenommen die Behauptung von der Tür, hat er in allem die Wahrheit
gesprochen,“ sagte Mitjä mit lauter Stimme. „Ich danke ihm, daß er mir
die Läuse ausgekämmt hat, und daß er mir die Schläge verziehen hat,
dafür danke ich ihm gleichfalls. Der Alte ist sein Leben lang ehrlich
und dem Vater treu ergeben gewesen ... wie siebenhundert Pudel.“
„Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser,“ sagte, zu ihm gewandt,
streng der Vorsitzende.
„Ich bin kein Pudel,“ brummte Grigorij.
„Nun, dann bin ich der Pudel, ich!“ rief Mitjä sofort. „Wenn das
beleidigend ist, so nehme ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung:
ich war ein Tier und bin grausam zu ihm gewesen! Auch zu dem Äsop bin
ich grausam gewesen!“
„Zu welchem Äsop?“ fragte wieder streng der Vorsitzende.
„Nun, dann Narr ... zu dem Vater, zu Fedor Pawlowitsch ...“
Der Vorsitzende schärfte Mitjä nochmals und bedeutend strenger ein, daß
er in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein müsse.
„Sie schaden sich dadurch selbst in der Meinung Ihrer Richter.“
Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger beim Verhör des Zeugen Rakitin.
Ich bemerke, daß Rakitin einer der wichtigsten Zeugen war, auf die der
Staatsanwalt besonders rechnete. Es erwies sich, daß er alles wußte,
bewunderungswürdig viel wußte, überall war er gewesen, alles hatte er
gesehen, mit allen gesprochen. Die Lebensgeschichte Fedor Pawlowitschs
und aller Karamasoffs kannte er genau. Und dann: von dem Paket mit den
dreitausend Rubeln hatte er schon von Mitjä selbst gehört. Darauf wußte
er ausführlich von den Ausschreitungen Mitjäs im Gasthaus „Zur
Hauptstadt“ zu berichten, alle ihn kompromittierenden Worte und Gesten
gab er wieder, wie z. B. die Geschichte mit dem „Bastwisch“, dem
Hauptmann Ssnegireff. Doch über den wichtigsten Punkt, ob Fedor
Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut Mitjä noch etwas schuldig
geblieben war – konnte auch er nichts aussagen, er beschränkte sich nur
auf allgemeine Bemerkungen verächtlichen Charakters: „Wie kann man
wissen, wer von diesen unsinnigen Karamasoffs, die sich nicht einmal
selbst verstehen und begreifen können, dem anderen was schuldig
geblieben ist?“ Die ganze Tragödie des vorliegenden Verbrechens stellte
er dar als Produkt veralteter Sitten des Leibeigenschaftsregimes und des
in Unordnung untergehenden Rußland, das schwer unter dem Mangel
geeigneter Einrichtungen zu leiden habe. Kurz, er konnte einmal seine
Meinungen aussprechen, und das war für ihn die Hauptsache. Bei diesem
Prozeß zeichnete Rakitin sich zum erstenmal gewissermaßen aus. Auch
wußte der Staatsanwalt, daß Rakitin einen Artikel für eine Zeitung über
das Ereignis verfaßte, und zitierte in seiner Rede, wie wir später sehen
werden, sogar einige Gedanken aus diesem Artikel – folglich mußte er ihn
schon früher gelesen haben. Das Bild, das Rakitin von den Karamasoffs
entworfen hatte, war sehr düster und unterstützte verhängnisvoll die
Anklage. Überhaupt beeinflußte die Auslegung Rakitins das Publikum durch
die Unabhängigkeit seiner Gedanken und die Tüchtigkeit seiner Gesinnung.
Man hörte sogar zwei-, dreimal kurzen Applaus, besonders, als er von der
Leibeigenschaft und dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach.
Aber Rakitin machte als junger Mann doch einen kleinen Fehler, der vom
Verteidiger denn auch sofort ausgenutzt wurde. Als er auf gewisse Fragen
in betreff Gruschenkas antwortete, da erlaubte er sich, wahrscheinlich
hingerissen von seinem Erfolge, dessen er sich freilich nur zu bewußt
war, sowie von der Höhe der Standpunkte, zu denen er sich aufgeschwungen
hatte, – da erlaubte er sich über Agrafena Alexandrowna etwas
verächtliche Ausdrücke, wie z. B. „die Geliebte des Kaufmanns
Ssamssonoff“. Viel hätte er später darum gegeben, um dieses Wörtchen
rückgängig zu machen, denn an ihm wurde er sofort von Fetjukowitsch
gepackt. Das konnte natürlich nur geschehen, weil Rakitin nicht für
möglich gehalten hatte, daß Fetjukowitsch sich in dieser kurzen Frist
mit der Sache so bis in die intimsten Einzelheiten hatte bekannt machen
können.
„Gestatten Sie, daß ich mich erkundige,“ begann der Verteidiger mit dem
liebenswürdigsten und höflichsten Lächeln, als die Reihe an ihn kam, –
„Sie sind wohl derselbe Herr Rakitin, der die Broschüre, die von der
Eparchialobrigkeit veröffentlicht worden ist, ‚Das Leben des in Gott
entschlafenen Staretz Sossima‘ geschrieben hat, eine Broschüre voll
tiefer und religiöser Ideen, mit einer vorzüglichen und ehrerbietigen
Widmung an Se. Eminenz, die ich vor kurzem noch mit so großem Vergnügen
gelesen habe?“
„Ich hatte sie nicht für den Druck bestimmt ... man hat sie später
veröffentlicht,“ brummte Rakitin verdutzt und fast als schäme er sich.
„Oh, das ist vorzüglich! Ein Denker wie Sie kann und muß sogar zu jedem
öffentlichen Ereignisse in solcher Weise Stellung nehmen, in so
ergiebiger Weise, wie Sie es getan haben. Ihre Broschüre ist auf
Veranlassung Sr. Eminenz erschienen und hat großen Nutzen gebracht ...
Doch ich wollte Sie hauptsächlich fragen – Sie sagten soeben, daß Sie
mit Fräulein Sswetloff so gut bekannt wären ...“
Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum erstenmal Gruschenkas
Familiennamen.
„Ich kann nicht für alle meine Bekanntschaften verantworten ... Ich bin
ein junger Mann ... und wer kann denn für jeden einstehen, den er kennen
lernt!“
Rakitin errötete plötzlich.
„Ich verstehe, oh, ich verstehe nur zu gut!“ rief Fetjukowitsch aus, als
wäre er ganz konfus geworden, und als wolle er sich entschuldigen. „Sie
konnten ja wie jeder andere in Versuchung kommen, sich für eine junge
und schöne Frau, die bei sich die Blüte der hiesigen Jugend empfängt, zu
interessieren. Doch ... ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihnen – wie
z. B. mir – bekannt ist, daß die Sswetloff, als sie vor zwei Monaten
außerordentlich die Bekanntschaft des jüngsten Karamasoff, Alexei
Fedorowitsch, zu machen wünschte, Ihnen fünfundzwanzig Rubel versprochen
hat, falls Sie ihn in seiner Mönchskutte zu ihr führen würden? Das ist
bekanntlich am Abend jenes Tages geschehen, der mit der tragischen
Katastrophe, die der gegenwärtigen Verhandlung zugrunde liegt, endete.
Sie haben Alexei Karamasoff zu der Sswetloff hingeführt und – damals die
fünfundzwanzig Rubel Belohnung von ihr empfangen. Ich möchte nun von
Ihnen hören, ob es sich tatsächlich so verhält?“
„Das war nur ein Scherz ... Ich sehe nicht ein, wie dieser Scherz Sie
interessieren kann ... Ich habe sie nur im Scherz genommen ... um sie
ihr später wiederzugeben ...“
„Also, Sie haben sie doch genommen. Und Sie haben sie bis jetzt auch
noch nicht wiedergegeben ... oder sollten Sie sie ihr schon
zurückerstattet haben?“
„Das sind doch Lappalien“ ... murmelte Rakitin, „auf solche Fragen kann
ich entschieden nicht antworten ... Selbstverständlich werde ich sie ihr
zurückerstatten ...“
Der Vorsitzende wollte wieder eingreifen, doch der Verteidiger erklärte
sofort, daß er weiter keine Fragen an Herrn Rakitin zu stellen habe.
Rakitin verschwand etwas begossen von der Bildfläche. Jedenfalls war der
vorteilhafte Eindruck, den seine „liberale, aufgeklärte“ Rede samt
seinen „hohen Standpunkten“ gemacht hatte, etwas abgeschwächt worden,
und Fetjukowitsch, der ihn mit seinen Blicken begleitete, schien dem
Publikum sagen zu wollen: „Seht, das sind eure ehrenwerten und
hochanständigen Ankläger!“ Ich erinnere mich noch, daß auch dieser
Vorfall nicht ohne eine kleine Episode von seiten Mitjäs verlief: wütend
über den Ton, in dem Rakitin sich über Gruschenka geäußert hatte, rief
er plötzlich von seinem Platz aus: „Bernard!“ Als der Vorsitzende nach
dem Verhör Rakitins sich an den Angeklagten wandte: ob er seinerseits
etwas zu bemerken hätte, sagte Mitjä so laut, daß es schallte:
„Er hat mich noch im Gefängnis angepumpt! Ein verächtlicher Bernard und
Streber ist er, der an Gott überhaupt nicht glaubt und Se. Eminenz
einfach betrogen hat!“
‚Mitjä‘ wurde wegen seiner unerlaubten Ausdrücke natürlich wieder ein
Verweis zuteil, doch damit war Rakitin denn auch endgültig abgetan. Auch
mit den anderen Zeugen, mit dem Hauptmann Ssnegireff z. B., hatte der
Staatsanwalt kein Glück, dieses Mal aber aus einem ganz anderen Grunde.
Er erschien in ganz unordentlicher und schmutziger Kleidung, in
schmutzigen Stiefeln, und trotz aller Vorsicht und Umsicht der
„Experten“ war er völlig betrunken. Auf die Fragen nach den
Beleidigungen, die ihm von Mitjä zugefügt worden waren, antwortete er so
gut wie nichts.
„Gott mit ihm. Iljuschetschka hat mich gebeten, nichts zu sagen. Gott
wird es mir dort bezahlen ...“
„Wer hat Sie gebeten, nichts zu sagen? Von wem sprechen Sie?“
„Von Iljuschetschka, von meinem Söhnchen: ‚Papachen, Papachen, wie hat
er dich erniedrigt!‘ Das sagte er mir damals am großen Stein. Jetzt wird
er sterben ...“
Der Hauptmann schluchzte plötzlich auf und stürzte dem Vorsitzenden zu
Füßen. Man führte ihn so schnell wie möglich hinaus. Das Publikum
lachte. Der vom Staatsanwalt gewünschte Eindruck kam also nicht
zustande.
Der Verteidiger fuhr in seiner Taktik fort und setzte uns immer mehr
durch seine Kenntnis der kleinsten Einzelheiten in Erstaunen. So z. B.
machten die Aussagen Trifon Borissowitschs einen großen Eindruck und
waren für Mitjä natürlich außerordentlich ungünstig. Er zählte fast an
den Fingern her, daß Mitjä bei seiner ersten Fahrt nach Mokroje, einen
Monat vor der Katastrophe, nicht weniger als dreitausend Rubel
verausgabt hätte, „oder nur eine Kleinigkeit weniger“. „Wieviel hat er
nicht allein den Zigeunern hingeschmissen! Und unseren, _unseren_
Bauernkerlen hat er nicht etwa halbe Rubel auf die Straße geworfen,
sondern nicht weniger als zu Fünfundzwanzig-Rubelscheinen geschenkt,
weniger gab’s nicht. Und um wieviel sie ihn damals einfach bestohlen
haben! Wer aber stiehlt, der läßt seine Hand nicht da, wen soll man
jetzt beschuldigen, wenn der Herr es noch dazu freiwillig hingeworfen
hat! Denn bei uns sind die Bauern doch nur Räuber und Schurken, ihre
Seele hütet doch niemand. Und den Mädels, unseren Dorfmädels, wieviel
ist an die gegangen! Seit der Zeit sind sie alle bei uns reich geworden,
während sie früher in Armut lebten!“ Kurz, er zählte jede Einzelheit auf
und vergaß nichts auf die Rechnung zu setzen. Auf diese Weise wurde die
Annahme, daß Mitjä nur Tausendfünfhundert verausgabt und die andere
Hälfte zurückbehalten habe, einfach unglaubwürdig gemacht. „Ich habe sie
selbst gesehen, in seinen Händen habe ich sie gesehen, wie eine Kopeke,
so deutlich mit meinen eigenen Augen, wie sollte unsereiner denn das
nicht beurteilen können!“ rief Trifon Borissowitsch beinahe entrüstet
aus, da er mit aller Gewalt der „Obrigkeit“ gefällig sein wollte. Als
aber nun das Fragen auf den Verteidiger überging, machte der überhaupt
nicht den Versuch, diese Aussagen umzustoßen, sondern ging auf etwas
ganz anderes über, nämlich darauf, daß der Kutscher Timofei und der
Bauer Akim in Mokroje nach der ersten Prasserei, vor drei Monaten,
hundert Rubel im Flur auf dem Fußboden gefunden hatten, die Mitjä im
trunkenen Zustande verloren haben mußte. Sie hatten den Kassenschein
Trifon Borissowitsch übergeben, und der hatte jedem von ihnen einen
Rubel geschenkt. „Nun,“ fragte Fetjukowitsch, „haben Sie diese hundert
Rubel Herrn Karamasoff zurückerstattet oder nicht?“ Trifon Borissowitsch
redete hin und her, doch nach der Befragung der beiden Bauern bestätigte
er schließlich, daß er die gefundenen hundert Rubel in Empfang genommen,
fügte aber nun hinzu, daß er damals Dmitrij Fedorowitsch alles heilig
zurückgegeben habe, und beteuerte bei seiner Ehre, daß der Herr sehr
betrunken gewesen sei und sich daher wohl kaum dessen erinnern könne. Da
er aber bis zur Aussage der Zeugen die hundert Rubel verleugnet hatte,
so unterlag seine Versicherung, sie dem betrunkenen Mitjä zurückgegeben
zu haben, doch noch einigem Zweifel. Auf diese Weise mußte wieder einer
der gefährlichsten Zeugen, die der Staatsanwalt aufgestellt hatte, in
seinem Ruf beeinträchtigt, abtreten. Dasselbe ereignete sich auch mit
den Polen. Sie traten stolz und majestätisch auf, sagten laut, daß sie,
erstens, beide der „Krone dienten“, und daß „Pan Mitjä“ ihnen
Dreitausend angeboten habe, um ihre Ehre zu kaufen, und daß sie selbst
gesehen hätten, daß er viel Geld in den Händen gehabt. Pan
Mussjälowitsch mischte viel polnische Worte in seine Phrasen ein, und
als er bemerkte, daß ihn das in den Augen des Vorsitzenden gewissermaßen
hob, so wurde er noch aufgeblasener und drückte sich schließlich nur
noch auf Polnisch aus. Doch Fetjukowitsch fing auch sie in seinen
Netzen. Wie sehr auch der nochmals herbeigerufene Trifon Borissowitsch
Winkelzüge machte, so mußte er doch bekennen, daß das Spiel Karten vom
Pan Wrublewskij vertauscht worden war, und daß Pan Mussjälowitsch Karten
überschlagen hatte. Das bestätigte zudem Kalganoff, an den jetzt die
Reihe kam, und beide Pane mußten mit Schimpf und Schande und unter
allgemeinem Gelächter des Publikums abziehen.
Ebenso erging es fast allen gefährlichen Zeugen. Jeden von ihnen
verstand Fetjukowitsch moralisch zu vernichten und mit einer langen Nase
zu entlassen. Die Juristen waren entzückt, aber sie begriffen doch
nicht, was damit endgültig Großes erreicht werden konnte, denn, ich
wiederhole es, alle fühlten die Unwiderlegbarkeit der Schuld, die immer
tragischer und dunkler hervortrat. Doch aus der Ruhe und Sicherheit des
„großen Magus“ ersahen sie, daß er seiner Sache sicher war, und sie
warteten: denn nicht umsonst wird ein „solcher Mann“ aus Petersburg
herkommen – das ist nicht so einer, der mit einer „langen Nase“
zurückkehrt!
III.
Die ärztliche Expertise und die Geschichte von dem einen Pfund
Nüsse
Auch die ärztliche Expertise lautete wenig günstig für den Angeklagten.
Doch Fetjukowitsch schien auf dieselbe auch nicht sehr gerechnet zu
haben, wie sich in der Folge zeigte. Ursprünglich war sie nur deshalb
vorgenommen worden, weil Katerina Iwanowna darauf bestanden und zu dem
Zweck einen berühmten Arzt aus Moskau verschrieben hatte. Jedenfalls
konnte sie für die Verteidigung nicht ungünstig sein. Im übrigen wirkte
sie bei der Meinungsverschiedenheit der Ärzte sogar etwas erheiternd.
Als Experten erschienen: Der berühmte Doktor aus Moskau, unser Doktor
Herzenstube und schließlich noch unser junger Arzt Warwinskij. Die
beiden letzteren waren – auf Ersuchen des Staatsanwalts – auch als
Zeugen erschienen. Der erste, der in der Eigenschaft eines Experten
vernommen wurde, war Doktor Herzenstube. Das war ein ergrauter und
kahlköpfiger alter Herr von siebzig Jahren, ein Mann von starkem
Körperbau und mittlerem Wuchs. Bei uns in der Stadt wurde er von allen
sehr geachtet und geschätzt. Er war ein gewissenhafter Arzt, ein
ehrenwerter, prächtiger Mensch, irgendein Herrnhuter oder „Mährischer
Bruder“, ich weiß es nicht mehr ganz genau. Er lebte schon seit langer
Zeit bei uns und hielt sich außerordentlich würdig. Er war gut und
menschenfreundlich, behandelte arme Kranke und die Bauern unentgeltlich,
ging selbst in ihre Hütten und Hundelöcher und hinterließ ihnen noch
Geld für die Medizin. Doch bei alledem war er eigensinnig wie ein
Maulesel. Ihn von einer Idee abzubringen, die er sich einmal in den Kopf
gesetzt hatte, war unmöglich. Indessen war jetzt allen in der Stadt
bekannt geworden, daß der angereiste Doktor während seines zwei- bis
dreitägigen Aufenthalts sich einige recht beleidigende Bemerkungen in
betreff der Begabung Doktor Herzenstubes erlaubt hatte. Das war nämlich
so gekommen: viele in der Stadt hatten sich über die seltene Gelegenheit
gefreut und waren, ohne auf das Geld zu achten (der berühmte Arzt nahm
nicht weniger als fünfundzwanzig Rubel für die Visite), zu ihm gegangen,
um sich untersuchen zu lassen. Diese Kranken waren aber vorher von
Herzenstube behandelt worden, und der berühmte Arzt hatte nun dessen
Kenntnisse außerordentlich absprechend kritisiert. Zu guter Letzt hatte
er jeden Kranken, der bei ihm erschienen war, gefragt: „Wer hat denn an
Ihnen hier herumgepfuscht, etwa wieder Herzenstube? He – he!“ – was
Doktor Herzenstube natürlich alsbald erfahren hatte. Und so erschienen
alle drei Ärzte, einer nach dem anderen, zum Verhör. Doktor Herzenstube
erklärte natürlich geradeaus, daß man die geistige Abnormität des
Angeklagten sofort aus allem ersehen könne. Nachdem er seine Erwägungen
auseinandergesetzt hatte, die ich hier übergehe, fügte er hinzu, daß man
diese Abnormität nicht nur in den früheren Handlungen des Angeklagten
feststellen könne, sondern sogar jetzt, in dieser Minute, und als man
ihn bat, zu erklären, woraus er das in gegebenem Augenblick ersehe, da
wies der alte Doktor in seiner Gutmütigkeit ganz offen darauf hin, daß
der Angeklagte beim Eintritt in den Saal ein ganz ungewöhnliches und den
Umständen gar nicht angemessenes Aussehen gehabt habe. „Er schritt wie
ein Soldat, die Augen waren starr geradeaus gerichtet, während es doch
natürlicher gewesen wäre, daß er nach links geblickt hätte, wo im
Publikum so viel Damen sitzen, denn er ist doch ein großer Liebhaber des
schönen Geschlechts und hätte daher daran denken müssen, was die Damen
jetzt sagen würden,“ schloß der Alte seine Rede in seiner eigenartigen
Ausdrucksweise. Ich muß hinzufügen, daß er Russisch viel und gern
sprach, obgleich bei ihm jede Phrase auf deutsche Art geformt schien,
was ihn indessen nicht im geringsten genierte, denn er hatte die kleine
Schwäche, seine russische Sprache für mustergültig zu halten, „für
besser sogar, als die der Russen selbst“, und mit besonderer Vorliebe
zitierte er russische Sprichwörter, wobei er jedesmal hinzufügte, daß
die russischen Sprichwörter die besten und zutreffendsten der ganzen
Welt seien. Ich bemerke noch, daß er im Gespräch aus Zerstreutheit oft
die allergebräuchlichsten Ausdrücke vergessen konnte, die er vorzüglich
wußte, doch die ihm plötzlich nicht in den Sinn kamen. Dasselbe
passierte ihm übrigens auch, wenn er Deutsch sprach, und er griff dann
immer mit der Hand in die Luft, gerade vor seinem Gesicht, als wolle er
das verlorene Wörtchen erhaschen, und dann konnte ihn keiner dazu
bringen, in seiner Rede eher fortzufahren, als bis er das ihm entfallene
Wort gefunden hatte. Seine Bemerkung, daß der Angeklagte in normalem
Zustande auf die Damen hätte blicken müssen, rief im Publikum ein
lustiges Geflüster hervor. Alle unsere Damen hatten den Alten sehr gern,
denn sie wußten, daß er, der fromm und keusch war, nur deswegen nicht
geheiratet hatte, weil er zu hoch und ideal von den Frauen dachte, und
sie für entschieden höhere Wesen hielt. Darum erschien diese unerwartete
Bemerkung allen sehr sonderbar.
Der berühmte Moskauer Arzt erklärte seinerseits schneidend und bestimmt,
daß er den geistigen Zustand des Angeklagten für unnormal halte – „sogar
im höchsten Grade“. Er sprach viel und klug über den „Affekt“ und die
„Manie“ und wies darauf hin, daß, nach allen Angaben zu schließen, der
Angeklagte sich schon einige Tage vor der Katastrophe zweifellos im
Affekt befunden habe, und wenn er die Tat vollführt haben sollte, so sei
das, wenn auch nicht unbewußt, so doch unfreiwillig geschehen, da er
keine Kraft mehr gehabt habe, gegen seine sittlich krankhaften
Neigungen, die ihn beherrschten, anzukämpfen. Doch außer dem Affekt
konstatierte der Doktor auch Manie, die seiner Meinung nach darauf
hinwies, daß er schon auf dem Wege zu vollkommenem Wahnsinn gewesen sei.
Ich gebe die Aussagen des Doktors mit meinen Worten wieder; er drückte
sich in seiner fachmännischen Sprache sehr gelehrt aus. „Alle seine
Handlungen stehen im Widerspruch zur Logik und dem gesunden
Menschenverstande,“ fuhr er fort. „Ich will schon von alledem nichts
sagen, was ich nicht gesehen habe, das heißt, vom Verbrechen selbst und
von dieser ganzen Katastrophe, doch vor drei Tagen fiel mir im Gespräch
mit ihm sein sonderbarer, unbeweglicher Blick auf, sein unerwartetes
Lachen, wenn es gar nicht am Platz war, seine ewige unverständliche
Gereiztheit, seltsame Worte, wie: ‚Bernard‘, ‚Ethik‘ und andere, die gar
nicht angebracht waren.“ Vor allem aber sah der Doktor darin eine Manie,
daß der Angeklagte ganz besonders gereizt sei, „wenn man von den
dreitausend Rubeln spricht, um die er sich betrogen glaubt, während er
von allen seinen anderen Fehlschlägen und erlittenen Kränkungen ganz
harmlos sprechen kann“. Endlich sei er, nach den eingezogenen
Erkundigungen, auch früher schon jedesmal, wenn man von diesen
Dreitausend gesprochen hatte, außer sich geraten, „während man doch
weiß, daß er uneigennützig und kein Egoist ist“. „Was aber die Ansicht
meines gelehrten Kollegen betrifft,“ fügte der Doktor noch ironisch
hinzu, nachdem er seine Rede beendet hatte, „daß der Angeklagte, als er
in den Saal trat, durchaus zu den Damen und nicht gerade vor sich hin
hätte blicken müssen, so sage ich nur, daß, abgesehen von der
Scherzhaftigkeit dieser Ansicht, diese außerdem noch absolut falsch ist:
denn, obgleich ich darin vollkommen mit ihm übereinstimme, daß der
Angeklagte, als er hier in diesen Saal eintrat, in dem über sein
Geschick entschieden wird, nicht starr vor sich hinsehen sollte, was
durchaus ein Zeichen seines unnormalen seelischen Zustandes im gegebenen
Augenblick ist, so behaupte ich doch zu gleicher Zeit, daß er nicht nach
links zu den Damen, sondern nach rechts hätte sehen sollen, zu seinem
Verteidiger, auf dessen Hilfe er jetzt seine ganze Hoffnung setzt, und
von dessen Verteidigung sein ganzes Geschick abhängt.“ Diese seine
Meinung sprach der Doktor sehr bestimmt und nachdrücklich aus. Doch
wirkten die Behauptungen beider gelehrten Experten durch ihren
Widerspruch ein wenig komisch, besonders noch nach der unerwarteten
Folgerung des Arztes Warwinskij, der als Dritter befragt wurde. Seiner
Meinung nach befand sich der Angeklagte jetzt wie früher in ganz
normalem Zustande, und wenn er auch vor seiner Verhaftung
außerordentlich nervös und erregt gewesen sein mochte, es könne das doch
auf die alleraugenscheinlichsten Ursachen zurückgeführt werden, wie z.
B. Eifersucht, Zorn, die fortwährende Betrunkenheit usw. Doch dieser
nervöse Zustand brauchte absolut keinen besonderen „Affekt“ in sich zu
schließen, von dem soeben die Rede gewesen war. Und was das anbelangt,
ob der Angeklagte nach links oder nach rechts hätte sehen sollen, als er
in den Saal trat, so mußte der Angeklagte, nach seiner „bescheidenen
Meinung“, geradeaus sehen, wie er es auch getan, denn geradeaus vor ihm
saßen ja der Vorsitzende und die Gerichtspersonen, von denen jetzt sein
ganzes Geschick abhing, so daß er, „indem er geradeaus sah, damit
bewiesen hat, wie normal der Zustand seines Geistes im gegebenen
Augenblick ist“, schloß mit einigem Feuer der junge Arzt seine
„bescheidene“ Aussage.
„Bravo, Doktor!“ rief Mitjä von seinem Platz aus, „genau so war es!“
Mitjä wurde natürlich wieder zum Schweigen gebracht, aber die Meinung
des jungen Arztes hatte die ausschlaggebende Wirkung auf das Gericht und
auch auf das Publikum, denn, wie sich nachher zeigte, waren alle mit ihm
einverstanden. Übrigens sagte Doktor Herzenstube, der auch als Zeuge
vernommen wurde, ganz unerwartet und ganz plötzlich noch etwas zugunsten
Mitjäs aus. Als alter Einwohner unserer Stadt, der schon lange die
Familie Karamasoff kannte, machte er sehr interessante Aussagen zur
Entlastung Mitjäs und darauf fügte er, als wäre ihm plötzlich wieder
etwas eingefallen, hinzu:
„Indessen konnte dem armen jungen Manne ein besseres Geschick zuteil
werden, denn er hatte ein gutes Herz als Kind, wie auch noch später, ich
weiß es genau. Ein russisches Sprichwort lautet: ‚Wenn jemand Verstand
hat, so ist es gut, wenn aber ein kluger Mensch zu ihm zum Besuch kommt,
so ist es noch besser, denn dann werden es zwei kluge Menschen sein und
nicht nur einer ...‘“
„‚Ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser,‘“ unterbrach ihn
ungeduldig der Staatsanwalt, der die Gewohnheit des guten Alten kannte,
langsam, gedehnt und umständlich zu reden, ohne sich darüber aufzuregen,
daß er andere warten ließ, der, im Gegenteil, selbst sehr von seinem
schwerfälligen, fröhlich-selbstzufriedenen Humor eingenommen war. Der
gute Alte sprach gern viel und gut.
„Oh, ja, ja, das habe ich ja auch gesagt,“ griff der Alte beharrlich
auf, „ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser, dasselbe Sprichwort
habe ich ja auch gesagt. Doch zu ihm ist niemand mit einem Verstande
gekommen, und den seinen hat er selbst herausgelassen ... Wie sagt man
das? Dieses Wort – wohin er seinen Verstand ... ich habe es vergessen,“
stotterte er und griff wieder vor seinem Gesicht mit der Hand danach,
„ach, ja, spazieren.“
„Spazieren?“
„Nun, ja, spazieren, das habe ich ja auch gesagt. Sein Verstand ist ihm
spazieren gegangen und dabei in ein so tiefes Loch gefallen, daß er sich
vollständig verloren hat. Doch nichtsdestoweniger war er ein guter und
gefühlvoller Junge, oh, ich erinnere mich seiner sehr wohl, wie er noch
ganz klein war, von seinem Vater auf den Hinterhof hinausgeworfen, und
wie er da ohne Stiefelchen umherlief, und wie die kleinen Höschen an
einem Knopf hingen ...“
Eine gefühlvolle und innige Note klang in der Stimme des guten Alten.
Fetjukowitsch horchte auf, als hoffe er, sich an etwas anklammern zu
können.
„Ja, ja, ich selbst war damals noch ein junger Mensch ... Ich ... nun
ja, ich war damals fünfundvierzig Jahre alt, ich war vor kurzem hier
angekommen, und mir tat der Junge leid, und ich fragte mich: Sollte ich
ihm nicht ein Pfund ... Nun, ja, ein Pfund ... Ich habe vergessen, wie
man das sagt ... Pfund von dem, was die Kinder sehr lieben, wie sagt man
das, – ach nun, wie ist doch das Wort ...“ (er griff wieder mit der Hand
danach) „sie wachsen an Bäumen, man sammelt sie und schenkt sie allen
Kindern ...“
„Äpfel?“
„O nein, nein, nein! Ein Pfund, ein Pfund ... Äpfel kauft man nicht
pfundweise ... nein, sie sind alle klein, und man bekommt viele auf ein
Pfund, man legt sie in den Mund und – krach! ...“
„Nüsse?“
„Nun, ja, Nüsse, das habe ich ja auch gesagt,“ bekräftigte der Doktor
gelassen, als hätte er das Wort nie im Leben gesucht, „und ich brachte
ihm ein Pfund Nüsse, denn dem Jungen hatte noch niemals jemand ein Pfund
Nüsse gebracht, und ich hob meinen Finger auf und sagte ihm auf Deutsch:
‚Junge! Gott der Vater,‘ er lachte und sagte: ‚Gott der Vater.‘ – ‚Gott
der Sohn.‘ Er lachte noch mehr und stammelte: ‚Gott der Sohn.‘ – ‚Gott
der Heilige Geist.‘ Er lachte wieder und wiederholte, so gut er konnte:
‚Gott der Hei-Heilige Geist.‘ Ich ging fort, und nach drei Tagen, wie
ich an ihm vorübergehe, ruft er mir zu: ‚Onkel! Gott der Vater, Gott der
Sohn ...‘ – doch Gott den Heiligen Geist hatte er vergessen, ich sagte
es ihm wieder vor, und er sprach es brav nach, und er tat mir wieder
sehr leid. Dann brachte man ihn fort, und ich sah ihn nicht mehr. Und
siehe, es vergingen dreiundzwanzig Jahre. Eines Morgens sitze ich in
meinem Kabinett, schon mit weißem Haar, und plötzlich tritt ein
blühender, junger Mann bei mir ein, den ich niemals wiedererkannt hätte,
doch er hob den Finger und sagte lachend auf Deutsch: ‚Gott der Vater,
Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist! Ich bin soeben angekommen und
habe Sie aufgesucht, um Ihnen für das Pfund Nüsse zu danken, denn Sie
allein haben mir ein Pfund Nüsse geschenkt.‘ Ich dachte dann an meine
eigene glückliche Jugend im Elternhause und an diesen armen, kleinen
Jungen ohne Stiefelchen auf dem Hof, und mein Herz drehte sich in mir
um, und ich sagte zu ihm: ‚Du guter junger Mann, du hast dieses Pfund
Nüsse nicht vergessen, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe.‘
Und ich umarmte und segnete ihn. Und ich weinte. Er lachte, doch weinte
er eigentlich gleichfalls, denn der Russe lacht manchmal dann, wenn er
weinen will. Er weinte, ich habe es gesehen. Jetzt aber, wie traurig!
...“
„Und auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich, du
gottesfürchtiger Mann!“ rief ihm plötzlich Mitjä von seinem Platze aus
zu.
Auch diese Anekdote machte auf das Publikum einen freundlichen Eindruck.
Doch das Hauptereignis zugunsten Mitjäs waren die Aussagen Katerina
Iwanownas, die ich sofort wiedergeben werde. Und überhaupt, als die
Reihe an die Entlastungszeugen kam, das heißt, an die vom Verteidiger
gestellten Zeugen, da schien das Glück Mitjä zu lächeln, und was ganz
besonders bemerkenswert war: – dies kam selbst dem Verteidiger ganz
unerwartet. Doch vor Katerina Iwanowna wurde noch Aljoscha verhört, der
sich plötzlich einer Tatsache erinnerte, die wirklich ein wichtiges
Zeugnis gegen den Hauptpunkt der Beschuldigung sein konnte.
IV.
Das Glück lächelt Mitjä
Es geschah das sogar für Aljoscha ganz unerwartet. Er wurde unvereidigt
vernommen, und ich erinnere mich, daß man sich allerseits, von den
ersten Worten des Verhörs an, außerordentlich zartfühlend und
sympathisch zu ihm verhielt. Da sah man deutlich, welch eines guten
Rufes er sich erfreute! Aljoscha drückte sich bescheiden und
zurückhaltend aus, doch aus allen seinen Aussagen brach sein heißes
Mitgefühl hervor und seine ganze Liebe, die er für den unglücklichen
Bruder empfand. In Beantwortung einer ihm vorgelegten Frage zeichnete er
den Charakter seines Bruders als den eines vielleicht unbändigen und von
Leidenschaften beherrschten Menschen, der andererseits wiederum edel,
stolz und hochherzig sei, und der zu jedem Opfer bereit wäre, wenn man
es von ihm verlangen würde. Er gab übrigens zu, daß der Bruder in den
letzten Tagen aus Leidenschaft zu Gruschenka und als Gegner des Vaters
in einer unerträglichen Lage gewesen war. Doch mit Unwillen wies er die
Annahme zurück, der Bruder hätte am Vater einen Raubmord verübt,
obgleich er zugeben mußte, daß diese Dreitausend bei Mitjä zu einer
fixen Idee geworden waren, daß er sie durch Betrug des Vaters von seinem
Erbe entwendet glaubte: während Mitjä sonst nicht im mindesten
eigennützig war, so habe er von diesen Dreitausend doch nicht reden
können, ohne dabei in Wut zu geraten. Über die Gegnerschaft zweier
„Personen“, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte – damit meinte er
Gruschenka und Katjä –, antwortete er ausweichend, und auf einige Fragen
verweigerte er jede Antwort.
„Hat Ihr Bruder Ihnen gesagt, daß er seinen Vater zu erschlagen
beabsichtige?“ fragte der Staatsanwalt. „Sie brauchen darauf nicht zu
antworten, wenn Sie es für nötig befinden,“ fügte er hinzu.
„Direkt hat er es mir nicht gesagt,“ antwortete Aljoscha.
„Wie dann? Etwa indirekt?“
„Er sprach einmal von seinem persönlichen Haß gegen den Vater, und daß
er fürchte ... in einem Augenblick ... daß er in einem Augenblick
äußersten Widerwillens ... ihn vielleicht sogar erschlagen könnte.“
„Und als Sie das hörten, glaubten Sie ihm?“
„Ich fürchte mich zu sagen, daß ich ihm glaubte. Ich war aber immer fest
überzeugt, daß ein höheres Gefühl ihn in der verhängnisvollen Minute
davor bewahren werde, wie es ja auch in der Tat geschehen ist, denn
_nicht er_ hat meinen Vater erschlagen,“ schloß Aljoscha mit fester,
durch den ganzen Saal laut schallender Stimme.
Der Staatsanwalt fuhr zusammen wie ein Streitroß, das ein
Trompetensignal hört.
„Seien Sie überzeugt, daß ich an die vollkommene Aufrichtigkeit Ihrer
Überzeugung glaube, ohne dieselbe zu der Liebe, die Sie für Ihren
unglücklichen Bruder empfinden, in Beziehung zu bringen. Die eigenartige
Anschauung, die Sie von dieser ganzen Tragödie, die sich in Ihrer
Familie abgespielt hat, haben, ist uns schon aus dem ersten Verhör
bekannt. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß sie im höchsten Grade
persönlich ist und allen übrigen Zeugenaussagen widerspricht. Darum
halte ich es auch für nötig, Sie mit allem Nachdruck zu fragen, was Ihre
Gedanken darauf gebracht hat, und wodurch Sie eigentlich von der
Unschuld Ihres Bruders überzeugt worden sind, und warum Sie an die
Schuld der anderen Person glauben, auf die Sie schon früher hingewiesen
haben?“
„Beim ersten Verhör habe ich nur auf die Fragen geantwortet,“ sagte
Aljoscha ruhig und leise, „ich habe nicht ohne weiteres Anklage gegen
Ssmerdjäkoff erhoben.“
„Aber Sie haben doch auf ihn hingewiesen.“
„Ich habe dies auf Grund der Aussage meines Bruders Dmitrij getan. Man
erzählte mir noch vor meinem Verhör, was sich bei der Verhaftung meines
Bruders zugetragen hatte, und daß er auf Ssmerdjäkoff gewiesen hätte.
Ich glaube unerschütterlich daran, daß mein Bruder unschuldig ist. Und
wenn nicht er den Vater erschlagen hat, so hat ...“
„So hat es Ssmerdjäkoff getan? ... Warum aber gerade Ssmerdjäkoff? Und
warum sind Sie denn so von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt?“
„Ich kann nicht anders, als meinem Bruder glauben. Ich weiß, daß er mich
nicht belügen wird. Ich habe es an seinem Gesicht gesehen, daß er mich
nicht belügt.“
„Nur am Gesicht? Ist das Ihr einziger Beweis?“
„Mehr Beweise habe ich nicht.“
„Und bei der Beschuldigung Ssmerdjäkoffs haben Sie auch nicht den
geringsten Beweis, außer den Worten Ihres Bruders und seinem
Gesichtsausdruck?“
„Nein, ich habe keinen anderen Beweis.“
Damit brach der Staatsanwalt seine Fragen an ihn ab. Die Aussagen
Aljoschas waren für das Publikum eine große Enttäuschung. Über
Ssmerdjäkoff hatte man bei uns schon vor der Gerichtssitzung viel
gesprochen, der eine hatte dieses gehört, der andere jenes. Und von
Aljoscha hatte man gesagt, daß er irgendwelche außergewöhnliche Beweise
in der Hand habe, zugunsten des Bruders und für die Schuld des Dieners,
und siehe da, – nichts, gar keine Beweise hatte er, außer der sittlichen
Überzeugung, die doch schließlich so verständlich war, bei dem
leiblichen Bruder des Angeklagten.
Darauf kam Fetjukowitsch an die Reihe. Auf die Frage: wann der
Angeklagte ihm, Aljoscha, von seinem Haß gegen den Vater gesprochen und
davon, daß er ihn töten könnte, und ob er das kurz vor der Katastrophe
getan, etwa beim letzten Zusammentreffen usw. ... zuckte Aljoscha
plötzlich zusammen, als ob er sich im Augenblick einer Sache erinnert
hätte.
„Ich erinnere mich jetzt eines Umstandes, den ich ganz vergessen hatte
... damals war er mir unklar, jetzt aber ...“
Und Aljoscha erzählte, hingerissen von dem Gedanken, der ihm so
plötzlich gekommen war, wie Mitjä beim letzten Zusammentreffen, am
Abend, auf dem Wege zum Kloster, dort bei der einsamen Weide, sich auf
die Brust geschlagen, „hoch oben auf die Brust“, und dabei einigemal
wiederholt hatte, daß er noch die Möglichkeit habe, seine Ehre wieder
herzustellen, daß er die Mittel dazu hier auf seiner Brust hätte, „sieh
hier, hier auf meiner Brust“ ... „Ich glaubte damals,“ fuhr Aljoscha
fort, „daß er, indem er auf seine Brust schlug, von seinem Herzen
sprach, davon, daß er aus seinem Herzen die Kräfte schöpfen werde, die
große Schande, die er nicht einmal mir zu sagen wagte, von sich
abzuwälzen. Ich muß gestehen, ich dachte damals, er spräche vom Vater,
und daß er vor der Schande zurückschrecke, zum Vater zu gehen und ihm
irgend etwas anzutun, während er, als er damals auf seine Brust schlug,
wahrscheinlich auf irgend etwas hinweisen wollte. Ich erinnere mich
jetzt, daß mir damals der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß das Herz ja
doch gar nicht auf der rechten Seite und doch viel niedriger liege; er
aber schlug sich ganz hoch auf die Brust, fast unter dem Halse und wies
immer auf diese eine Stelle hin. Mein Gedanke erschien mir dumm, doch
er hat damals wahrscheinlich gerade auf das Geld, auf die
tausendfünfhundert Rubel an seinem Halse hingewiesen! ...“
„So war es!“ rief plötzlich Mitjä, vom Platze aufspringend, dazwischen.
„So war es, Aljoscha, genau so, ich schlug damals mit der Faust auf die
Brust, auf das Geldsäckchen!“
Fetjukowitsch stürzte sofort eilig zu ihm hin, bat ihn, sich zu
beruhigen, und dann klammerte er sich unverzüglich mit seinen Fragen an
Aljoscha. Aljoscha war selbst aufs äußerste erregt und sprach lebhaft
seine Überzeugung aus, daß die „Schande“ aller Wahrscheinlichkeit nach
darin bestanden habe, daß er diese tausendfünfhundert Rubel bei sich
trug, statt sie Katerina Iwanowna, als die Hälfte seiner Schuld,
zurückzugeben, daß er sich doch nicht entschließen konnte, es zu tun und
das Geld zur Entführung Gruschenkas benutzen werde, wenn diese
einwilligte ...
„So muß es gewesen sein, genau so,“ rief Aljoscha in großer Erregung
aus. „Mein Bruder sagte mir damals, die Hälfte, die Hälfte der Schande –
er rief mehreremal aus: ‚Die Hälfte!‘ – Die hätte er sofort von sich
abwälzen können, doch wußte er im voraus, daß er nicht die Kraft haben
werde, es zu tun!“
„Und Sie wissen genau, Sie erinnern sich ganz deutlich dessen, daß er
sich gerade an der Stelle auf die Brust geschlagen hat?“ fragte ihn
Fetjukowitsch gespannt.
„Klar und deutlich, denn ich dachte bei mir in dem Augenblick: warum
schlägt er sich so hoch auf die Brust, das Herz liegt doch viel
niedriger. Und gleich darauf erschien ich mir so dumm, weil ich an so
etwas in diesem Augenblick denken konnte ... ich erinnere mich dessen
ganz genau ... so dumm ... Daher ist mir soeben auch alles wieder
eingefallen. Aber wie habe ich das nur vergessen können! Er wies ja nur
deswegen auf diese Stelle hin, weil er damit sagen wollte, daß er die
Möglichkeit hatte, tausendfünfhundert Rubel, die Hälfte der Schuld,
zurückzugeben! Bei der Verhaftung in Mokroje aber hat er ausgerufen –
ich weiß es, man hat es mir erzählt –, daß er es für die schmachvollste
Tat seines ganzen Lebens halte, daß er diese Hälfte (gerade die Hälfte)
der Schuld Katerina Iwanowna nicht abgegeben hat, um in ihren Augen kein
Dieb zu sein, daß er sich nicht hat entschließen können, sie
zurückzugeben, und lieber in ihren Augen ein Dieb geblieben ist! Ach,
wie hat er sich gequält, wie hat er sich dieser Schuld wegen gequält!“
rief Aljoscha traurig aus.
Natürlich mischte sich der Staatsanwalt sofort in die Sache ein. Er bat
Aljoscha, noch einmal zu beschreiben, wie sich das alles zugetragen
hatte, und bestand auf der Frage: ob der Angeklagte, als er sich auf die
Brust schlug, damit auf irgend etwas habe hinweisen wollen, oder ob er
sich einfach mit der Faust auf die Brust geschlagen habe?
„Nicht nur mit der Faust!“ rief Aljoscha erregt aus, „sondern mit den
Fingern hat er auf diese Stelle hingewiesen, ganz hoch ... Wie habe ich
das nur bis zu diesem Augenblick so ganz vergessen können!“
Der Vorsitzende wandte sich an Mitjä mit der Frage, was er in betreff
dieser Aussage zu bemerken wünsche. Mitjä bestätigte, daß alles sich so
verhalten habe, daß er auf die Tausendfünfhundert hingewiesen, die er
auf seiner Brust getragen, und daß es die größte Schande für ihn gewesen
sei, „eine Schande, von der ich mich nicht lossagen kann, die
schmählichste Handlung meines ganzen Lebens: es lag in meiner Macht, das
Geld zurückzugeben, und ich habe es doch nicht getan! Ich wollte lieber
in ihren Augen ein Dieb sein. Die größte Schmach bestand aber darin, daß
ich wußte, was geschehen würde: daß ich das Geld nicht zurückgeben
werde! Du hast recht, Aljoscha! Ich danke dir, Aljoscha!“
Damit war das Verhör Aljoschas beendet. Wichtig und bezeichnend war
gerade der Umstand, daß sich ein Anhalt gefunden hatte, oder wenigstens
ein ganz geringer Beweis, oder auch nur ein Schatten von einem Beweise,
der immerhin andeutete, daß es das Säckchen mit den Tausendfünfhundert
tatsächlich gegeben haben konnte und der Angeklagte bei der
Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte, daß die anderthalb
Tausend „_ihm gehörten_“. Aljoscha freute sich sehr; sein Gesicht war
vor Freude ganz gerötet, und als er sich auf den ihm zugewiesenen Platz
setzte, wiederholte er noch für sich: „Wie habe ich es nur vergessen
können, wie habe ich’s nur vergessen können! Und wie ist es mir nur
plötzlich wieder eingefallen!“
Darauf begann das Verhör Katerina Iwanownas. Kaum war sie erschienen,
als im Saal etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Damen griffen zu
ihren Lorgnons und Operngläsern, die Herren bewegten sich, einige
erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können. Alle
behaupteten später, daß Mitjä plötzlich „bleich wie ein Tuch“ geworden
sei, als sie eingetreten war. Sie war ganz in Schwarz gekleidet,
bescheiden und fast schüchtern näherte sie sich dem ihr zugewiesenen
Platz. Ihrem Gesicht konnte man die Aufregung nicht ansehen, aber in
ihrem dunklen, umflorten Blick drückte sich Entschlossenheit aus. Später
behaupteten viele, sie sei in diesem Augenblick außerordentlich schön
gewesen. Sie sprach leise, aber deutlich, so daß man sie im ganzen Saale
hören konnte. Sie drückte sich vollkommen ruhig aus, wenigstens gab sie
sich den Anschein der größten Ruhe. Der Vorsitzende stellte seine Fragen
sehr vorsichtig und außerordentlich ehrerbietig an sie, als fürchte er
„gewisse Saiten“ zu berühren, als ehre er ihr großes Unglück. Doch
Katerina Iwanowna erklärte selbst auf die ihr gestellten Fragen schon
nach den ersten Worten, daß sie die Braut des Angeklagten gewesen sei
„bis zu der Zeit, als er mich verließ“, fügte sie leise hinzu. Als man
sie nach den Dreitausend fragte, die sie Mitjä übergeben hatte, damit er
das Geld durch die Post an ihre Verwandten befördere, antwortete sie
entschlossen: „Ich habe ihm das Geld nicht gegeben, damit er es gleich
auf die Post bringe: ich wußte damals, daß er Geld brauchte ... gerade
zu der Zeit ... Ich gab ihm diese Dreitausend unter der Bedingung, daß
er sie _im Laufe des Monats_ abschicke ... Er hat sich ganz
unnötigerweise wegen dieser Schuld so gequält ...“
Ich werde hier nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben,
sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen.
„Ich war fest überzeugt, daß er die Dreitausend sofort ersetzen werde,
so wie er das Geld von seinem Vater erhielt,“ fuhr sie fort, als Antwort
auf die Fragen. „Ich bin von seiner Uneigennützigkeit, wie von seiner
Ehrenhaftigkeit ... von seiner großen Ehrenhaftigkeit ... in Geldsachen,
stets überzeugt gewesen. Er hoffte, vom Vater noch dreitausend Rubel zu
erhalten, er hat mir oft davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem
Vater entzweit war, und ich war und bin auch noch jetzt der festen
Überzeugung, daß er vom Vater übervorteilt worden ist. Ich erinnere mich
nicht, je eine Drohung gegen den Vater von ihm vernommen zu haben. In
meiner Gegenwart hat er wenigstens nie etwas Ähnliches geäußert. Wenn er
damals zu mir gekommen wäre, so hätte ich ihn sofort wegen der
Dreitausend beruhigt, die er mir schuldete, doch er kam nicht mehr zu
mir ... und ich selbst ... war in einer solchen Lage, daß ich ihn nicht
zu mir rufen konnte ... Und ich hatte auch gar kein Recht, die
Rückerstattung dieser Schuld zu beanspruchen,“ fügte sie plötzlich
hinzu, und in ihrer Stimme lag eine gereizte Entschlossenheit. „Er
selbst hat mir einmal eine viel größere Gefälligkeit in einer Geldsache
erwiesen, und ich hatte damals den Betrag, der viel größer als
Dreitausend war, angenommen, ohne zu wissen, ob ich jemals imstande sein
werde, ihm meine Schuld abzuzahlen ...“
Im Ton ihrer Stimme lag etwas Herausforderndes.
„Das war wohl nicht jetzt, sondern schon zu Anfang Ihrer Bekanntschaft?“
griff Fetjukowitsch vorsichtig auf, da er sofort etwas für Mitjä
Günstiges vermutete.
Hier muß ich bemerken, daß er, obgleich er zum Teil auch von Katerina
Iwanowna aus Petersburg berufen worden war, doch nichts von diesem ihrem
Erlebnis und den ihr von Mitjä in jener Garnisonstadt geliehenen
fünftausend Rubel wußte, und ebensowenig etwas vom „Fußfall“. Sie hatte
ihm nichts davon gesagt. Und ich glaube, man kann fast mit Sicherheit
annehmen, daß sie selbst bis zur letzten Minute nicht gewußt hat, ob sie
von dieser „Begegnung“ vor Gericht erzählen würde oder nicht, und daß
sie es dann nur auf eine plötzliche Eingebung hin doch tat.
Nein, niemals werde ich diese Augenblicke meines Lebens vergessen
können. Sie erzählte, sie erzählte _alles_, diese ganze Episode, wie
auch Mitjä sie Aljoscha anvertraut hatte, auch von der „Verbeugung bis
zur Erde“! Und auch davon, was sie dazu veranlaßt hatte, auch von ihrem
Vater sprach sie, von ihrem Erscheinen bei Mitjä, doch mit keinem Wort
und mit keiner Bemerkung wies sie darauf hin, daß Mitjä ihrer Schwester
gesagt hatte: „Schicken Sie Katerina Iwanowna zu mir, ich werde ihr dann
das Geld geben.“ Großmütig verschwieg sie das, und sie schämte sich
nicht, es so darzustellen, als sei sie selbst aus eigenem Antriebe ...
zu diesem jungen Offizier gelaufen ... in der Hoffnung, daß ... daß sie
das Geld von ihm erhalten würde. Das war geradezu erschütternd. Mir
wurde kalt und heiß, als ich es hörte, und der ganze Saal lag in
Totenstille, jedes Wort wurde aufgefangen. Das war etwas Beispielloses.
Von einem so selbstbewußten, alles verachtenden, stolzen Mädchen, wie
sie es war, hätte man kaum eine solche Aufrichtigkeit, ein solches Opfer
und eine solche Selbstvernichtung erwarten können. Und weshalb und für
wen? Um ihren Verräter und Beleidiger zu retten, um irgend etwas, wenn
auch nur etwas zu seiner Rettung beizutragen, um zu seinen Gunsten
wenigstens einen guten Eindruck hervorzubringen! Und in der Tat: das
Bild des Offiziers, der seine letzten fünftausend Rubel hingibt, –
alles, was ihm für sein ganzes Leben noch geblieben ist – und sich
ehrerbietig vor dem unschuldigen jungen Mädchen verneigt, erschien sehr
sympathisch und verführerisch vor aller Augen. Doch ... mein Herz zog
sich schmerzhaft zusammen! Ich fühlte, was daraus entstehen würde (und
was ja auch daraus entstanden ist) – welch ein Klatsch! Welche
Verleumdungen! Mit boshaftem Lächeln sprach man alsbald in der ganzen
Stadt, daß die Erzählung vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu gewesen
sei, besonders an der Stelle nicht, wo der Offizier angeblich das junge
Mädchen „mit einer tiefen ehrerbietigen Verbeugung“ entläßt. Man machte
Anspielungen darauf, daß da wohl etwas „ausgelassen“ worden war. „Und
selbst, wenn dabei auch nichts ausgelassen, wenn es auch in Wahrheit
alles so gewesen ist,“ sagten unsere geachtetsten Damen, „so bleibt es
immer noch zweifelhaft, ob es für das junge Mädchen wohlanständig war,
so zu handeln, selbst wenn es dadurch den Vater rettete.“ Hatte nun
Katerina Iwanowna bei ihrem Verstande, ihrem Scharfblick, wirklich nicht
vorausgesehen und gefühlt, daß man so sprechen würde? Natürlich hatte
sie das vorausgewußt, und doch hatte sie sich entschlossen, alles zu
sagen! Versteht sich, diese schmutzigen Zweifel an der Wahrheit der
Erzählung kamen erst später auf. Im ersten Augenblick waren alle
erschüttert. Die Herren des Gerichtshofes hörten Katerina Iwanowna mit
einem fast andächtigen, fast verschämten Schweigen zu. Der Staatsanwalt
erlaubte sich keine einzige weitere Frage über dieses Thema.
Fetjukowitsch verneigte sich tief vor ihr. Oh, er triumphierte beinahe.
Viel war gewonnen: ein Mensch, der in edler Aufwallung seine letzten
fünftausend Rubel hingibt, und ein Mensch, der seinen Vater in der Nacht
erschlägt, um von ihm dreitausend Rubel zu stehlen – waren einigermaßen
unvereinbar in einer Person. Wenigstens konnte er jetzt den Raub
leugnen. Die „Sache“ stand jetzt in einem ganz neuen Lichte. Etwas wie
Sympathie für Mitjä hatte sich verbreitet. Mitjä selbst aber – so
erzählte man sich später –, habe sich ein- oder zweimal von seinem
Platze erhoben, war dann wieder auf die Bank zurückgefallen und hatte
mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Als sie geendet hatte, das weiß
ich noch, da rief er plötzlich, ihr beide Hände entgegenstreckend, mit
schluchzender Stimme aus:
„Katjä, warum hast du mich zugrunde gerichtet!“
Und er schluchzte laut auf, beherrschte sich aber sofort wieder und rief
mit fester Stimme:
„Jetzt bin ich verurteilt!“
Darauf blieb er wie erstarrt sitzen, kreuzte die Arme über der Brust und
biß die Zähne zusammen. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich
auf einen Stuhl, den man ihr anwies. Sie war bleich und saß mit
niedergeschlagenen Augen da. Diejenigen, die in ihrer Nähe gesessen
hatten, erzählten später, sie habe lange noch wie im Fieber gezittert.
Nach ihr erschien Gruschenka zum Verhör.
Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die sich ganz plötzlich entlud
und durch die Mitjäs Sache verloren, sein Leben eigentlich erst zugrunde
gerichtet wurde. Denn ich bin überzeugt, und alle Juristen haben es
nachher gleichfalls ausgesprochen, daß man, wenn dieser Zwischenfall
sich nicht ereignet hätte, wenigstens mildernde Umstände zugunsten des
Angeklagten angenommen hätte. Doch davon später. Jetzt noch zwei Worte
über Gruschenka.
Auch sie erschien ganz in Schwarz gekleidet; um die Schultern trug sie
ihren wundervollen schwarzen Schal. In ihrer leichten, unhörbaren, etwas
wiegenden Gangart, wie sie sonst nur volleren Frauen eigen ist, näherte
sie sich der Ballustrade. Sie sah weder nach links noch nach rechts,
sondern blickte unverwandt auf den Vorsitzenden. Meiner Meinung nach war
sie sehr schön in diesem Augenblick und durchaus nicht zu bleich, wie
die Damen später behaupteten. Man sagte auch, sie hätte ein böses
Gesicht gemacht. Ich denke nur, daß sie sehr gereizt war und als sehr
schwer empfand, allen diesen verächtlich-neugierigen Blicken unseres
skandalgierigen Publikums ausgesetzt zu sein. Sie hatte einen stolzen
Charakter, der keine Verachtung ertragen konnte, einen von denen, die,
wenn sie Verachtung argwöhnen, sofort in Zorn aufflammen und eine
Gegenwehr suchen. Natürlich war dabei viel Schüchternheit und innere
Scham wegen dieser Schüchternheit, so daß es schließlich kein Wunder
war, wenn ihre Aussagen ungleich, bald zornig, verächtlich und zuweilen
gezwungen grob waren, bald wieder von Herzen kommende Worte, aufrichtige
Selbstverurteilung und Selbstbeschuldigung durchklangen. Manchmal sprach
sie so, als wenn sie sich in einen Abgrund stürzen wollte: „Einerlei,
was dabei herauskommt, aber ich sage es doch ...“ In bezug auf ihre
Bekanntschaft mit Fedor Pawlowitsch bemerkte sie nur kurz abweisend:
„Das sind alles Dummheiten, bin ich denn schuld daran, daß er sich mir
aufdrängte?“ Nach einer Minute aber fügte sie hinzu: „Ich bin an allem
schuld, ich lachte über den einen und den anderen, über den Alten, wie
auch über – diesen ... und ich habe sie beide bis dahin gebracht.
Meinetwegen ist alles geschehen!“ Als man auf Ssamssonoff zu sprechen
kam, sagte sie barsch und herausfordernd: „Das geht niemanden etwas an!
Er war mein Wohltäter, er hat mich aufgenommen, als meine Verwandten
mich aus dem Hause jagten.“ Der Vorsitzende machte sie sehr höflich
darauf aufmerksam, daß sie nur auf die Fragen zu antworten habe, ohne
sich in unnützen Ausführlichkeiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und
ihre Augen blitzten auf.
Das Geldpaket hatte sie nicht gesehen, sondern nur durch den „Mörder“
gehört, daß Fedor Pawlowitsch ein Paket mit dreitausend Rubeln bei sich
liegen habe. „Aber das sind ja alles nur Dummheiten, ich habe darüber
nur gelacht und wäre nie zu ihm gegangen.“
„Wen meinten Sie soeben mit dem ‚Mörder‘?“ erkundigte sich sofort der
Staatsanwalt.
„Ich meinte den Diener, den Ssmerdjäkoff meinte ich, der seinen Herrn
erschlagen und gestern sich selbst erhängt hat.“
Natürlich fragte man sie sofort, welche Gründe sie zu einer so
entschiedenen Anschuldigung besitze, doch konnte auch sie keinen
einzigen stichhaltigen Grund anführen.
„Das hat Dmitrij Fedorowitsch mir selbst gesagt, und ihm können Sie
glauben. Seine Braut hat ihn zugrunde gerichtet, so ist es, an allem ist
nur sie allein schuld,“ sagte Gruschenka zitternd vor Eifersucht und mit
gereizter Stimme.
Man erkundigte sich sofort, auf wen sie denn jetzt wieder anspielte.
„Auf das Fräulein dort, auf diese Katerina Iwanowna, auf wen denn sonst!
Sie hat mich damals zu sich eingeladen, hat mich mit Schokolade
traktiert, um sich bei mir einzuschmeicheln. Kein Schamgefühl hat sie,
das ist es ...“
Da aber wies sie der Vorsitzende streng zurück, mit der Bitte, sich in
ihren Ausdrücken zu mäßigen. Ihr eifersüchtiges Herz brannte aber schon
gar zu heiß, sie würde es selbst dann gesagt haben, wenn dieser Ausfall
sie mit Tod und Verderben bedroht hätte.
„Bei der Verhaftung des Angeklagten in Mokroje,“ begann sofort der
Staatsanwalt, „haben Sie, als Sie ins Zimmer stürzten, ausgerufen: ‚Ich
bin an allem schuld, ich gehe mit ihm zusammen in den Tod!‘ Folglich
waren Sie in diesem Augenblick überzeugt, daß er den Vater ermordet
hatte?“
„Ich erinnere mich meiner Empfindungen, die ich damals hatte, nicht mehr
genau,“ antwortete Gruschenka. „Alle schrien damals, er habe den Vater
erschlagen, und ich begriff sofort, daß ich daran schuld war, daß er ihn
nur meinetwegen erschlagen haben konnte. Als er mir aber darauf sagte,
daß er unschuldig sei, da glaubte ich ihm sofort, glaube es auch jetzt
noch und werde es immer glauben: dieser Mensch ist nicht fähig, zu
lügen.“
Fetjukowitsch fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem auch über
Rakitin und die fünfundzwanzig Rubel aus, die sie ihm versprochen hatte,
wenn er Alexei Fedorowitsch Karamasoff zu ihr brächte.
„Was ist denn dabei Wunderbares, daß er das Geld nahm!“ sagte Gruschenka
verächtlich lächelnd, „er ist doch immer zu mir gekommen, um mich
anzubetteln, manchmal habe ich ihm an dreißig Rubel im Monat gegeben,
und eigentlich war es nur Verschwendung, denn für Essen und Trinken
hatte er selbst Geld genug.“
„Aus welchem Grunde waren Sie denn so freigebig zu Herrn Rakitin?“ griff
Fetjukowitsch auf, ungeachtet dessen, daß der Vorsitzende wieder eine
unruhige Bewegung machte.
„Er ist doch mein Vetter. Seine Mutter und meine Mutter waren leibliche
Schwestern. Er hat mich nur immer gebeten, ich solle es niemandem hier
sagen, er schämt sich ja meiner so sehr!“
Dieses neue Faktum kam allen ganz unerwartet, niemand hatte etwas davon
gewußt, weder im Kloster, noch in der Stadt, sogar Mitjä nicht
ausgenommen. Man erzählte sich später, daß Rakitin auf seinem Stuhle vor
Scham feuerrot geworden sei. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in
den Saal erfahren, daß Rakitin gegen Mitjä ausgesagt hatte, und war
deshalb wütend auf ihn. Die ganze Rede des Herrn Rakitin, seine ganze
edle Gesinnung, alle seine Bemerkungen über die Leibeigenschaft, über
die staatliche Unordnung Rußlands – alles war jetzt vernichtet!
Fetjukowitsch war sehr zufrieden. Überhaupt fragte man Gruschenka nicht
allzulange, und sie konnte ja auch nichts Neues mehr mitteilen. Im
Publikum hinterließ sie einen sehr unangenehmen Eindruck. Hunderte
verächtlicher Blicke waren auf sie gerichtet, als sie sich nach
beendetem Verhör ziemlich weit von Katerina Iwanowna auf ihren Stuhl
niederließ. Mitjä hatte die ganze Zeit, während der sie verhört worden
war, geschwiegen und zu Boden gestarrt, als wäre er versteinert.
Da erschien als Zeuge Iwan Fedorowitsch.
V.
Die Katastrophe
Er war schon vor Aljoscha aufgerufen worden, doch der
Gerichtsvollstrecker hatte dem Vorsitzenden gemeldet, daß der Zeuge
infolge plötzlichen Unwohlseins nicht sofort erscheinen könne, sobald er
sich aber besser fühle, bereit sein werde, seine Aussagen zu machen. Das
war übrigens von niemandem gehört worden, erst später wurde es erzählt.
Sein Erscheinen wurde im ersten Augenblick fast gar nicht bemerkt: Die
Hauptzeugen, besonders die beiden Gegnerinnen, waren schon verhört
worden, die Neugier war vorläufig befriedigt. Im Publikum verspürte man
sogar eine leichte Ermüdung. Nur einige Zeugen sollten noch vernommen
werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Besonderes mehr
aussagen konnten, da doch alles schon ausgesagt worden war. Die Zeit
aber rückte vor. Iwan Fedorowitsch näherte sich ganz absonderlich
langsam, ohne jemanden anzusehen, den Kopf gesenkt, als dächte er
stirnrunzelnd über etwas nach. Er war tadellos gekleidet, doch sein
Gesicht machte, wenigstens auf mich, einen krankhaften Eindruck: es war
etwas gleichsam Überirdisches in diesem Gesicht, etwas, das dem Gesichte
eines sterbenden Menschen ähnlich sah. Seine Augen waren trübe. Da blieb
er stehen, erhob seinen Blick und ließ ihn langsam über den ganzen Saal
gleiten. Ich sah, wie Aljoscha plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und
angstvoll ein „Ach!“ hervorstieß. Ich erinnere mich dessen noch ganz
genau. Doch nur wenige bemerkten es.
Der Vorsitzende erinnerte ihn zuerst daran, daß er ein unvereidigter
Zeuge sei, daß er nach Belieben aussagen oder schweigen könne, doch
dafür jedes Wort auf Treu und Gewissen sagen müsse usw. usw. Iwan
Fedorowitsch hörte ihm zu und sah ihn mit seinem trüben Blick schweigend
an. Plötzlich aber begann sein Gesicht sich allmählich zu verändern, auf
seinen Lippen erschien ein Lächeln, und als der Vorsitzende vor
Verwunderung zu sprechen aufhörte, da lachte er auch schon laut auf.
„Nun, und was noch?“ fragte er mit lauter Stimme.
Im Saale wurde es totenstill, man schien gleichsam etwas ... etwas
vorauszufühlen!
Der Vorsitzende wurde unruhig.
„Sie ... fühlen sich vielleicht noch nicht ganz wohl?“ fragte er
unsicher und suchte mit den Augen den Gerichtsvollstrecker.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Ew. Exzellenz, ich fühle mich ganz wohl und
kann Ihnen etwas sehr Interessantes mitteilen,“ antwortete ihm Iwan
Fedorowitsch plötzlich völlig ruhig und ehrerbietig.
„Sie haben also eine besondere Mitteilung zu machen?“ fragte der
Vorsitzende immer noch etwas mißtrauisch.
Iwan Fedorowitsch sah wieder zu Boden, zögerte einige Sekunden lang,
erhob aber dann seinen Kopf und sagte gleichsam etwas stockend:
„Nein ... ich habe nichts ... Ich habe nichts Besonderes.“
Darauf wurden ihm Fragen vorgelegt. Er antwortete ersichtlich ungern,
gezwungen, kurz, sogar mit offenbarem Widerwillen, der sich bei ihm mit
jedem Wort noch zu steigern schien – obgleich er übrigens noch ganz
verständig antwortete. Auf viele Fragen erklärte er, von den Dingen
nicht unterrichtet zu sein. Auch von den Abrechnungen des Vaters mit
Dmitrij Fedorowitsch wußte er nichts. „Ich habe mich nicht damit
beschäftigt,“ sagte er kurz. Drohungen des Angeklagten gegen den Vater
hatte er gehört. Vom Geldpaket hatte er durch Ssmerdjäkoff erfahren ...
„Alles ein und dasselbe,“ unterbrach er sich plötzlich, ersichtlich ganz
erschöpft, „ich habe dem Gericht nichts Besonderes mitzuteilen.“
„Ich sehe, daß Sie sich nicht wohl fühlen und begreife Ihre Gefühle
...,“ bemerkte der Vorsitzende, und er wollte sich schon an die Parteien
wenden, an den Staatsanwalt und den Verteidiger, mit der Aufforderung,
wenn sie es für nötig hielten, an ihn Fragen zu stellen usw. ... als
plötzlich Iwan Fedorowitsch mit erschöpfter Stimme sich an ihn wandte:
„Ew. Exzellenz, entlassen Sie mich, bitte, ich fühle mich sehr krank.“
Und mit diesen Worten, ohne die Erlaubnis abzuwarten, wandte er sich
plötzlich um und wollte schon aus dem Saal gehen. Kaum aber hatte er
einige Schritte gemacht, da blieb er stehen, als hätte er sich plötzlich
bedacht, lächelte still und kehrte auf denselben Platz zurück, wo er
soeben noch gestanden hatte.
„Ich bin, Ew. Exzellenz, wie jenes Bauernmädchen ... das da singt ...
Sie kennen es ... wie war es doch: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich
nicht – so s-pring ich nicht!‘ Man lockt sie mit dem Sarafan oder mit
dem blauen Brautrock, damit sie hineinspringe und man sie binde und zur
Trauung führe, sie aber sagt: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich nicht
– so s-pring ich nicht ...‘ Das ist so ein Brauch bei einem unserer
Volksstämme ...“
„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Vorsitzende streng.
„Sehen Sie hier ...“ Iwan Fedorowitsch zog plötzlich ein Geldpaket
hervor, „da ist das Geld ... dasselbe, das in dem Kuvert dort gelegen
hat“ (er wies auf den Tisch mit den Sachbeweisen), „und um dessentwillen
man den Vater erschlagen hat. Wohin soll ich es tun? Herr
Gerichtsvollstrecker, übergeben Sie es.“
Der Gerichtsvollstrecker nahm das Paket in Empfang und übergab es dem
Vorsitzenden.
„Auf welche Weise sind Sie in den Besitz dieses Geldes gelangt ... wenn
das wirklich dasselbe Geld ist?“ fragte ihn der Vorsitzende verwundert.
„Ich habe es von Ssmerdjäkoff, vom Mörder, erhalten, gestern ... Ich bin
bei ihm gewesen, kurz bevor er sich erhängt hat. _Er_ hat den Vater
erschlagen und nicht mein Bruder. Er hat ihn erschlagen, ich aber habe
ihn zu töten gelehrt ... Wer wünscht denn nicht den Tod des Vaters? ...“
„Sind Sie bei Verstande oder nicht?“ entfuhr es unwillkürlich dem
Vorsitzenden.
„Das ist es ja, daß ich bei Verstande bin ... bei gemeinem Verstande,
genau so, wie auch Sie und wie alle diese ... Visagen!“ sagte Iwan,
indem er sich plötzlich an das ganze Publikum wandte. „Man hat den Vater
erschlagen, und plötzlich tun sie alle, als hätte es sie erschreckt!“
rief er knirschend vor Wut und in jähzorniger Verachtung aus. „Der
Freund verstellt sich vor dem Freunde! Die Lügner!! Alle wünschen den
Tod des Vaters. Das eine Geschmeiß verschlingt das andere Geschmeiß ...
Gäbe es keinen Vatermord – so würden Sie sich alle ärgern und sofort
wütend auseinandergehen ... Schauspieler! ‚Brot und Schauspiele!‘
Übrigens, auch ich bin gut! Haben Sie hier Wasser, geben Sie mir zu
trinken, um Christi willen!“ Er faßte sich plötzlich an den Kopf.
Der Gerichtsvollstrecker näherte sich ihm sofort. Aljoscha sprang auf
und rief angstvoll: „Er ist krank, glauben Sie ihm nicht, er ist
wahnsinnig!“ Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und sah starr
vor Schreck Iwan Fedorowitsch an. Auch Mitjä war aufgesprungen, sah ihn
mit wildem, bangem Lächeln an und hörte ihm gierig zu.
„Beruhigen Sie sich, ich bin nicht wahnsinnig, ich bin nur der Mörder!“
begann Iwan wiederum. „Von einem Mörder kann man keine schönen Reden
verlangen“ ... fügte er plötzlich sinnlos hinzu und lächelte verzerrt.
Der Staatsanwalt beugte sich ersichtlich aufgeregt zum Vorsitzenden. Die
Glieder des Gerichtshofes flüsterten erregt und besorgt untereinander.
Fetjukowitsch spitzte die Ohren. Der ganze Saal erstarb in fieberhafter
Spannung. Der Vorsitzende schien sich plötzlich zu besinnen.
„Zeuge, Ihre Worte sind unverständlich, und hier an diesem Ort
unmöglich. Beruhigen Sie sich, wenn Sie können, und erzählen Sie dann
... wenn Sie wirklich etwas zu erzählen haben. Womit können Sie dieses
Eingeständnis bezeugen ... wenn Sie nur nicht phantasieren?“
„Das ist es ja, daß ich keine Zeugen habe. Der Hund Ssmerdjäkoff wird
aus dem Jenseits keine Beweise schicken ... im Paket. Sie wollen immer
nur Pakete haben, und das eine sollte doch genügen. Nein, ich habe keine
Zeugen ... Außer dem einen vielleicht ...“ fügte er – mit einem
nachdenklichen Lächeln hinzu.
„Wer ist Ihr Zeuge?“
„Mit einem Schwanz, Ew. Exzellenz, das aber würde hier formwidrig sein!
_Le diable n’existe point!_ Schenken Sie ihm keine Aufmerksamkeit, er
ist ja nur ein ganz elender kleiner Teufel,“ fügte Iwan gleichsam
zutraulich hinzu und hörte plötzlich auf zu lachen. „Sicherlich hat er
sich hier irgendwo versteckt, sehen Sie dort unter dem Tisch mit den
Sachbeweisen! Wo sollte er denn sonst sitzen, wenn nicht dort? Sehen
Sie, hören Sie mich an: Ich sagte ihm: ich will nicht schweigen, er aber
redet von der geologischen Umwälzung ... Dummheiten! Nun, befreien Sie
doch das Ungeheuer! ... Er hat eine Hymne gesungen, und das tut er, weil
es ihm leicht ist! ... Was geht es mich an, ob die betrunkene Kanaille
grölt ‚Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,‘ ich aber würde für zwei
Sekunden Freude eine Quadrillion Quadrillionen geben! Sie kennen mich ja
nicht! Oh, wie ist das alles dumm bei Ihnen! So nehmen Sie mich doch
jetzt statt seiner! Zu irgend etwas bin ich doch hergekommen ... Warum,
warum ist alles, was ist, so dumm, so dumm? ...“
Und er begann wieder langsam und wie tiefsinnig sich im Saal umzusehen.
Doch jetzt war alles schon in heller Aufregung. Aljoscha sprang von
seinem Platz auf und wollte zu ihm stürzen, doch da hatte der
Gerichtsvollstrecker Iwan Fedorowitsch bereits am Arme gefaßt.
„Was soll denn das bedeuten?“ schrie ihn dieser an und blickte dem
Gerichtsvollstrecker starr ins Gesicht, – und plötzlich packte er ihn
jähzornig an den Schultern und schleuderte ihn zu Boden.
Doch da eilte schon die Polizeiwache herbei und ergriff ihn. Er aber
stieß plötzlich einen rasenden Schrei aus. Und die ganze Zeit, während
der man ihn bändigte und forttrug, schrie er laut unzusammenhängende
Worte.
Es erhob sich ein allgemeiner Tumult. Ich erinnere mich nicht mehr genau
aller weiteren Vorgänge, ich war selbst zu aufgeregt, um alles zu
verfolgen. Ich weiß nur, daß, als alle sich einigermaßen beruhigt und
begriffen hatten, um was es sich handelte, der Gerichtsvollstrecker
einen Verweis erhielt, obgleich er dem Gerichtshof aufs bestimmteste
versicherte, der Zeuge sei die ganze Zeit über gesund gewesen; der
Doktor habe ihn untersucht, als ihm vor einer Stunde etwas schlecht
geworden war, vor seinem Eintritt in den Saal habe er aber ganz
vernünftig und zusammenhängend gesprochen, so daß etwas Derartiges
vorauszusehen unmöglich gewesen wäre; und er fügte noch hinzu, daß der
Zeuge selbst sogar darauf bestanden habe, die Aussage zu machen. Doch
kaum fing man an, sich zu beruhigen und zu besinnen, als sich schon eine
neue Szene abspielte: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall.
Sie weinte und schluchzte laut, wollte aber nicht fortgehen: sie bat und
flehte, man solle sie nicht hinausbringen, und plötzlich rief sie dem
Vorsitzenden zu:
„Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, sofort ... sofort! ... Hier ist das
Papier, der Brief ... nehmen sie ihn, lesen sie ihn, schneller,
schneller! Das ist der Brief dieses Ungeheuers, dort, dieses, dieses!“
und sie wies auf Mitjä. „Er hat den Vater erschlagen, Sie werden es
sofort sehen, er schreibt mir, wie er den Vater erschlagen würde! Der
andere aber ist krank, schwer krank und im Delirium! Ich habe es schon
vor drei Tagen bemerkt, daß er wahnsinnig ist!“
So schrie sie außer sich. Der Gerichtsvollstrecker nahm ihr das Papier
ab, das er dann dem Vorsitzenden überreichte, sie aber fiel auf ihren
Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte
konvulsivisch und zitterte am ganzen Körper, bemühte sich aber aus aller
Kraft, jeden Laut zu unterdrücken, wahrscheinlich aus Furcht, daß man
sie sonst aus dem Saale bringen würde. Das Papier, das sie übergeben
hatte, war derselbe Brief, den Mitjä im Gasthaus „Zur Hauptstadt“
geschrieben, und den Iwan Fedorowitsch den „mathematischen“ Beweis der
Schuld Mitjäs genannt hatte. Und wehe, dieser Brief wurde denn auch als
mathematisch klarer Beweis anerkannt! Wenn dieser Brief nicht gewesen
wäre, so wäre Mitjä nicht zugrunde gerichtet worden, oder wenigstens
wäre das nicht in so furchtbarer Weise geschehen! Ich wiederhole, es war
schwer, alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt noch erscheint mir
das alles wie ein Chaos. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende das neue
Dokument darauf dem Gericht übergeben, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger
und den Geschworenen. Ich erinnere mich nur noch, wie man die Zeugin zu
befragen anfing. Auf die Frage, ob sie sich beruhigt habe, die der
Vorsitzende sehr höflich und geradezu mitfühlend an sie stellte, rief
Katerina Iwanowna eifrig aus:
„Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin durchaus imstande, Ihnen zu
antworten,“ fügte sie hinzu, augenscheinlich in großer Angst, daß man
sie aus irgendeinem Grunde nicht anhören werde.
Man bat sie, alles ausführlich zu erklären, was das für ein Brief sei,
und unter welchen Umständen sie ihn erhalten habe.
„Ich habe ihn kurz vor seinem Verbrechen erhalten, geschrieben hat er
ihn zwei Tage vorher, im Gasthaus ... Sehen Sie die Rückseite, er ist
auf eine Rechnung geschrieben!“ rief sie atemlos. „Er haßte mich in dem
Augenblick, weil er selbst eine gemeine Handlung begangen hatte, und
diesem verworfenen Geschöpf nachlief ... und vor allem, weil er mir
diese Dreitausend schuldete ... Oh, diese Dreitausend kränkten ihn, weil
er sich ihretwegen so erniedrigt hatte! Mit diesen Dreitausend verhielt
es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier
Wochen vor der Ermordung seines Vaters kam er eines Morgens zu mir. Ich
wußte, daß er Geld nötig hatte, und wußte auch, wozu – gerade, gerade
dazu, um dieses Geschöpf verführen und mit ihr entfliehen zu können. Ich
wußte damals, daß er mir untreu geworden war und mich verlassen wollte,
und ich, ich selbst, gab ihm das Geld dazu, gab es ihm unter dem
Vorwande, es meiner Schwester nach Moskau zu schicken, – und als ich es
ihm übergab, sah ich ihm ins Gesicht und sagte ihm, er möge es absenden,
wann er, wann er es wolle, ‚wenn auch erst nach einem Monat‘. Wie,
sollte er wirklich nicht verstanden haben, daß ich ihm gerade ins
Gesicht sagte: ‚Du hast Geld nötig, um mit jenem Geschöpf an mir zum
Verräter zu werden, so nimm hier das Geld dazu, ich gebe es dir selbst,
nimm es, wenn du so ehrlos bist, daß du es nehmen kannst!‘ Ich wollte
ihn prüfen! Und was glauben Sie? Er nahm es, er nahm das Geld und ging
davon! Und noch in derselben Nacht hatte er es mit diesem Geschöpf
verschleudert, dort, in einer Nacht ... Doch er fühlte es, fühlte es nur
zu gut, daß ich alles wußte, ich versichere Sie, er fühlte auch, daß ich
ihn mit dem Gelde nur hatte prüfen wollen: wird er so ehrlos sein, daß
er es von mir annimmt, oder nicht? Ich hatte ihm in die Augen gesehen,
und er hatte mir in die Augen gesehen und alles verstanden, alles
verstanden, und er behielt es doch, behielt es doch, das Geld, und ging
zu ihr!“
„Du hast recht, Katjä!“ rief plötzlich Mitjä laut. „Ich sah dir in die
Augen und begriff, daß du mich ehrlos machen wolltest, und nahm trotzdem
dein Geld! Verachten Sie den Schurken, meine Herren, verachten Sie ihn
alle, ich habe es verdient!“
„Angeklagter,“ schrie der Vorsitzende wütend, „noch ein Wort – und ich
gebe den Befehl, Sie hinauszuführen!“