Iwan trat an den Tisch, ergriff bereits das Paket, um es aufzuwickeln,

doch plötzlich zog er seine Finger zurück, als hätte er etwas

Scheußliches, Furchtbares und Ekelhaftes berührt.

„Die Finger zittern Euch ja immer noch wie im Krampf,“ bemerkte

Ssmerdjäkoff und wickelte dann selbst, ohne sich zu beeilen, das

Papier auf. Im Umschlag lagen drei Pakete regenbogenfarbener

Hundertrubelscheine.

„Hier sind alle, die ganzen Dreitausend, Ihr braucht nicht nachzuzählen.

Nehmt es,“ forderte er Iwan auf, mit einem Kopfnicken auf das Geld

weisend. Iwan ließ sich auf den Stuhl sinken. Er war kreidebleich.

„Du hast mich erschreckt ... mit diesem Strumpf ...“ sagte er mit ganz

eigenartigem Lächeln.

„Habt Ihr es denn bis jetzt wirklich, wahrhaftig nicht gewußt?“ fragte

ihn Ssmerdjäkoff noch einmal.

„Nein, ich habe es nicht gewußt. Ich habe immer gedacht, Dmitrij sei es.

Bruder! Bruder! Ach!“ Er umklammerte plötzlich seinen Kopf mit beiden

Händen. „Hör, sage: Hast du ihn allein erschlagen? Ohne den Bruder oder

zusammen mit ihm?“

„Im ganzen nur mit _Euch_ zusammen; mit Euch zusammen habe ich ihn

erschlagen. Dmitrij Fedorowitsch aber sind ganz und gar unschuldig.“

„Gut, gut ... Von mir später. Warum zittere ich nur so? ... Ich kann

kaum die Worte aussprechen ...“

„Damals wart Ihr alleweil so kühn: ‚alles‘, sozusagen, ‚ist erlaubt‘,

jetzt aber sieh doch einer, wie erschrocken Ihr seid!“ stotterte

Ssmerdjäkoff verwundert. „Wollt Ihr nicht Limonade trinken, ich werde

sogleich bestellen. Selbige kann sehr erfrischen. Nur müßte man vorher

dies hier zudecken.“

Und er wies wieder mit einem Kopfnicken auf das Geld. Er bewegte sich

bereits, um aufzustehen, Marja Kondratjewna zu rufen und bei ihr die

Limonade zu bestellen, doch suchte er noch nach etwas, womit er das Geld

hätte zudecken können. Da er aber nichts fand, und das Taschentuch, das

er zu dem Zweck hervorzog, wieder ganz vollgeschnaubt war, so nahm er

vom Tisch jenes dicke gelbe Buch, das auf ihm lag, und bedeckte damit

das Geld. Mechanisch las Iwan Fedorowitsch den Titel: „Die Predigten

unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“.

„Ich will keine Limonade! Von mir später. Setz dich und sage, wie hast

du das gemacht? Sage alles ...“

„Es wäre besser, wenn Ihr den Mantel ablegtet, sonst werdet Ihr ja ganz

in Schweiß geraten.“

Iwan Fedorowitsch riß seinen Mantel ab, als wäre es ihm erst jetzt

eingefallen, daß er ihn noch anhatte, und warf ihn, ohne sich vom Stuhl

zu erheben, auf die Bank.

„Also sprich jetzt bitte, sage alles!“

Er schien ganz ruhig geworden zu sein. Er wartete mit der vollen

Überzeugung, daß Ssmerdjäkoff jetzt _alles_ sagen werde.

„Ihr meint, wie selbiges geschehen ist?“ fragte Ssmerdjäkoff

aufseufzend. „Auf die allernatürlichste Manier wurde es gemacht, auf

selbige Eure Worte hin ...“

„Von meinen Worten später,“ unterbrach ihn wieder Iwan, doch sprach er

die Worte bereits mit fester Stimme klar und deutlich aus, als wäre er

wieder ganz Herr seiner selbst. „Erzähle nur ausführlich, wie du es

gemacht hast. Alles nach der Reihenfolge. Vergiß nichts. Die

Einzelheiten sind die Hauptsache, vor allem vergiß nicht die

Einzelheiten. Also bitte.“

„Ihr fuhrt fort, und selbigen Tages fiel ich in den Keller ...“

„War es ein Anfall, oder stelltest du dich nur so an?“

„Versteht sich doch von selbst, daß ich mich dazumal nur so anstellte.

In allem habe ich mich nur so angestellt. Ich ging selbige Treppe ruhig

hinab, bis ganz nach unten und legte mich dann hin, und als ich lag, da

erst stieß ich selbiges Geheul aus. Und dann schlug ich um mich, bis man

mich hinaustrug.“

„Erlaub! Und auch später, am Tage nach dem Morde und die ganze Zeit im

Krankenhause hast du dich verstellt?“

„Nicht die Spur! Gleich am anderen Morgen, alsomit noch vor dem

Krankenhause, bekam ich einen echten Anfall, und der war so stark, wie

ich einen seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Zwei Tage lang war ich

ganz und gar bewußtlos.“

„Gut, gut. Fahre fort, erzähl weiter.“

„Man legte mich auf selbiges Bett hinter der Bretterwand. Das hatte ich

schon im voraus gewußt, daß man mich wiederum dorthin bringen werde,

denn Marfa Ignatjewna hat mich jedesmal, wenn ich krank war, dort hinter

selbige Bretterwand bringen lassen, um mich bei sich ganz in der Nähe zu

haben. Sie ist alleweil sehr gut zu mir gewesen, von meiner Geburt an.

In der Nacht stöhnte ich, aber nur leise. Ich erwartete Dmitrij

Fedorowitsch.“

„Wieso erwartetest du ihn? Wußtest du, daß er zu dir kommen werde?“

„Warum denn zu mir? Ich erwartete, daß sie ins Haus kommen würden, denn

es gab für mich überhaupt keinen Zweifel mehr daran, daß sie in selbiger

Nacht kommen würden, dieweil sie mich krank wußten und keinerlei

Nachrichten hatten. Also mußten sie zweifelsohne selber über den Zaun

klettern, um etwas, was es auch sei, anzurichten.“

„Wenn er aber nicht gekommen wäre?“

„Dann wäre auch nichts gewesen. Ohne sie hätte ich mich auch zu nichts

entschlossen.“

„Gut, gut ... sprich deutlicher, beeile dich nicht, aber die Hauptsache

– laß nichts aus!“

„Ich erwartete, daß sie Fedor Pawlowitsch totschlügen ... das stand für

mich alleweil fest ... sintemal ich sie schon so zubereitet hatte ... in

den letzten Tagen ... Und die Hauptsache – selbige Zeichen waren ihnen

bekannt geworden. Sie mußten alsomit bei ihrem Mißtrauen und Jähzorn,

die sich doch in jenen Tagen noch gewaltig aufgehäuft hatten, mittels

selbiger Zeichen ganz zweifelsohne in das Haus eindringen. Das war doch

klar. Und so erwartete ich sie ...“

„Erlaub!“ unterbrach Iwan wieder. „Wenn er ihn aber nun erschlagen

hätte, so hätte er doch das Geld genommen und wäre damit fortgegangen:

das hättest du dir doch sagen müssen? Was wäre dann noch für dich

übriggeblieben? Ich verstehe dich nicht.“

„Aber sie hätten doch selbiges Geld nie gefunden. Das hatte doch nur ich

ihnen so gesagt, daß das Geld unter dem Kissen sei. Das war ja gar nicht

wahr. Zuerst, seht mal, hatte es in der Schatulle gelegen, dann aber

hatte ich Fedor Pawlowitsch gesagt, da sie doch nur mir ganz allein von

der ganzen Menschheit vertrauten, daß es besser wäre, das Geld in die

Ecke hinter die Heiligenbilder zu tun, denn dort würde es niemand

suchen, besonders nicht, wenn einer Eile hat. Und so lag denn selbiges

Paket bei ihnen dort in der Ecke hinter den Heiligenbildern. Es unter

dem Kissen aufzubewahren, wäre aber doch ganz lächerlich gewesen. In der

Schatulle ist es doch wenigstens verschlossen. Hier aber glauben jetzt

alle, daß es unter dem Kissen gelegen hat. Man kann sich über die

Dummheit der Menschen alleweil nur wundern. Also wenn nun Dmitrij

Fedorowitsch selbigen Totschlag begangen hätten, so hätten sie doch

nichts gefunden und wären entweder eilig fortgelaufen, da doch jedes

Geräusch schrecken kann, oder sie wären arretiert worden. Alsomit hätte

ich dann immer noch, am nächsten Tage oder noch in selbiger Nacht, zu

den Heiligenbildern hinaufklettern und selbiges Geld nehmen und

fortbringen können, und alles wäre auf Dmitrij Fedorowitsch gefallen.

Darauf konnte ich immer hoffen.“

„Aber wenn er ihn nicht totgeschlagen, sondern nur durchgeprügelt

hätte?“

„Wenn sie ihn nicht totgeschlagen hätten, so hätte ich das Geld

selbstverständlich nicht zu nehmen gewagt, und alles wäre umsonst

gewesen. Aber ich hatte hinwiederum auch solche Berechnung, daß, wenn

sie ihn nur bis zur Bewußtlosigkeit schlagen, ich dann in der

Zwischenzeit doch das Geld fortnehme und nachher Fedor Pawlowitsch

einfach sage, daß Dmitrij Fedorowitsch und sonstig niemand das Geld

genommen haben.“

„Wart ... du hast mich ganz verwirrt. So hat ihn also doch Dmitrij

Fedorowitsch erschlagen, und du hast dann nur das Geld genommen?“

„Nein, nicht Dmitrij Fedorowitsch hat ihn erschlagen. Was! – ich könnte

Euch ja auch jetzt noch sagen, daß Dmitrij Fedorowitsch der Mörder sei

... aber ich will jetzt nicht vor Euch lügen, denn ... denn wenn Ihr

auch wirklich und wahrhaftig, wie ich selber sehe, bis jetzt noch nichts

verstanden und Euch nicht vor mir verstellt habt, um die offenbare

eigene Schuld auf mich zu wälzen, ganz unverschämt mir ins Gesicht, so

seid Ihr doch ganz allein an allem schuld, denn Ihr wußtet von selbigem

Morde und hattet mich ihn auszuführen beauftragt, selber aber verreistet

Ihr, wiewohl Ihr alles wußtet. Darum will ich denn heute abend Euch ins

Gesicht beweisen, daß hier der Hauptmörder nur Ihr allein seid, ich aber

am allerwenigsten der Mörder bin, wenn auch ich es bin, der erschlagen

hat. Der wahre aber und einzige rechtmäßige Mörder, das _seid Ihr_!“

„Warum, warum soll _ich_ der Mörder sein? O Gott!“ rief Iwan, der wieder

vergaß, daß er alles auf ihn Bezügliche bis zum Schluß der Unterhaltung

hatte hinausschieben wollen, ganz verzweifelt aus: „Du meinst das immer

noch wegen der Fahrt nach Tschermaschnjä? Halt, sage zuerst, wozu du

mein Einverständnis brauchtest, wenn du die Fahrt nach Tschermaschnjä

als Einverständnis angesehen hast? Wie wirst du das jetzt erklären?“

„Wenn ich erst einmal Eures Einverständnisses sicher war, so hätte ich

gewußt, ob Ihr wegen selbiger Dreitausend auch kein Geschrei erheben

würdet, wenn Ihr zurückkehrt – falls die Obrigkeit aus irgendeinem

Grunde mich statt Dmitrij Fedorowitsch verdächtigen oder auch nur für

ihren Helfershelfer halten sollte –, daß Ihr mich dann vor den anderen

sogar noch verteidigen würdet ... Und wenn Euch dann das rechtmäßige

Erbe zugefallen wäre, so hättet Ihr mich alsomit während des ganzen

folgenden Lebens belohnen können, sintemal Ihr doch nur durch mich das

Erbteil zu erhalten geruht hättet, denn wenn der Herr Agrafena

Alexandrowna geheiratet hätten, so hättet Ihr doch nichts als eine lange

Nase zu sehen bekommen.“

„Ah! So hattest du also die Absicht, mich auch fernerhin zu quälen, das

ganze Leben lang!“ sagte Iwan, innerlich knirschend vor Wut. „Was aber

dann, wenn ich nicht fortgefahren wäre und dich angezeigt hätte?“

„Was hättet Ihr denn dazumal anzeigen können? Daß ich Euch zugeredet

hätte, nach Tschermaschnjä zu fahren? Das ist doch nur dummes Gerede!

Und dann – Ihr wärt doch nach selbigem Gespräch entweder gefahren oder

geblieben. Wärt Ihr geblieben, so wäre auch nichts geschehen, dieweil

ich dann gewußt hätte, daß Ihr selbiges nicht wollt, und alsomit hätte

ich auch nichts getan. Wenn Ihr aber verreistet, so vergewissertet Ihr

mich auf selbige Weise dessen, daß Ihr vor Gericht nichts gegen mich

auszusagen wagen würdet und mir selbige Dreitausend schenkt. Und Ihr

hättet mir ja auch später nichts anhaben können, sintemal ich dann vor

Gericht alles gesagt hätte. Das heißt, nicht, daß ich der Dieb oder der

Mörder bin – das hätte ich nie gesagt –, sondern nur, daß Ihr selber mir

zum Mord und Diebstahl zugeredet hättet, ich aber bloß nicht

eingewilligt hätte. Seht Ihr jetzt, wozu ich dazumal Euer Einverständnis

brauchte! Damit Ihr keine Möglichkeit habt, mich mit etwas in die Enge

zu treiben, sintemal Ihr doch keinen einzigen Beweis vorführen könnt,

ich hingegen wieder die Möglichkeit bekäme, Euch alleweil festlegen zu

können: ich brauchte somit nur aufzudecken, wie sehr Ihr den Tod des

Vaters gewünscht habt, und da habt Ihr mein Wort: im Publikum hätten mir

alle geglaubt, Ihr aber hättet Euch dann Euer Leben lang schämen

müssen.“

„So habe ich denn, sagst du, so habe ich denn seinen Tod _gewünscht_?“

fragte Iwan wiederum erbleichend.

„Zweifelsohne habt Ihr es, und mit Eurem Einverständnis habt Ihr mir

selbige Tat stillschweigend erlaubt.“

Ssmerdjäkoff blickte ihn fest an. Er war sehr schwach und sprach leise

und erschöpft, doch in seinem Inneren mußte etwas verborgen sein, das

ihn antrieb und in ihm fortbrannte. Offenbar hatte er eine bestimmte

Absicht – das fühlte Iwan.

„Fahre fort,“ sagte er, „erzähl weiter von jener Nacht.“

„Was ist denn da noch weiter zu erzählen? ... Und da liege ich denn so

und höre plötzlich, wie wenn der Herr einen Schrei ausgestoßen hätte.

Grigorij Wassiljewitsch war aber schon kurz vorher aufgestanden und

hinausgegangen, und da höre ich, wie Grigorij auf einmal schreit, und

dann ist wieder alles still, dunkel. Und so liege ich denn, warte, das

Herz klopft, kann es nicht mehr aushalten. Da stand ich denn schließlich

auf und ging, – sehe, rechts ist bei ihnen das Fenster nach dem Garten

weit auf, ich gehe noch ein paar Schritt weiter nach links, um zu

horchen, ob sie noch dort im Zimmer lebendig sind oder schon tot, und da

höre ich, wie der Herr sich hin und her bewegen und stöhnen, also noch

lebendig sind. Ach, denke ich! trat ans Fenster und rief den Herrn an:

Ich bin es, sozusagen. Sie aber fahren auf: ‚Er war hier, er war hier,

jetzt ist er fortgelaufen!‘ Also Dmitrij Fedorowitsch waren dagewesen.

‚Er hat Grigorij erschlagen!‘ – ‚Wo?‘ frage ich flüsternd. – ‚Dort, bei

der Zaunecke!‘ zeigen sie und flüstern selber gleichfalls. – ‚Wartet,‘

sage ich. So ging ich denn zu selbiger Ecke und stieß denn auch dort

beim Zaun auf den liegenden Grigorij Wassiljewitsch, der ganz

blutüberströmt und bewußtlos war. So mußte es denn wahr sein, dachte ich

sogleich bei mir, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren, und in

selbigem Moment beschloß ich auch, alles zu beenden, sintemal Grigorij

Wassiljewitsch, wenn er auch noch lebte, doch bewußtlos war und

vorläufig nichts sehen noch hören konnte. Nur eine Gefahr war dabei, daß

nämlich Marfa Ignatjewna inzwischen aufwachen könnte. Das fühlte ich

wohl in diesem Moment, nur hatte mich selbige Gier schon so erfaßt, daß

mir sogar der Atem wegblieb. Ich ging wieder zum Fenster des Herrn und

sagte: ‚Sie sind hier, Agrafena Alexandrowna sind gekommen, sie lassen

bitten, hereinkommen zu können.‘ Wie sie da am ganzen Körper

zusammenfuhren, rein wie ein Kind! ‚Wo hier? Wo?‘ fragen sie, stöhnen

nur noch vor Aufregung, selbst aber glauben sie noch nicht. – ‚Dort

steht sie,‘ sage ich, ‚macht nur die Tür auf!‘ – Da sehen sie mich an,

mir gerade ins Gesicht, ich stand draußen am Fensters, mein Gesicht war

beleuchtet; und sie glauben und glauben auch wieder nicht, zu öffnen

aber fürchten sie sich. ‚Jetzt fürchtet er sogar schon mich,‘ denke ich

bei mir. Und – wie lächerlich: da fällt mir plötzlich ein, selbige

Zeichen, die ‚Gruschenka ist gekommen‘ bedeuten, an den Fensterrahmen zu

klopfen, _vor ihren Augen_ selbiges zu klopfen. Den Worten schienen sie

nicht recht zu glauben, sobald ich aber selbige Zeichen geklopft hatte,

da glaubten sie sofort und liefen eilig hin, um die Tür aufzumachen. Und

sie machten auch auf. Ich wollte schon eintreten, sie aber stehen noch

vor, wollen mit dem Körper mir den Eingang versperren, wollen mich nicht

ganz hereinlassen. – ‚Wo ist sie? Wo ist sie?‘ fragen sie, blicken mich

an und zittern. Nun, denke ich, wenn er schon mich fürchtet – so ist es

schon schlimm genug. Und da wurden mir auch die Füße ganz schwach von

selbiger Angst, daß sie mich vielleicht nicht zu sich hereinlassen oder

um Hilfe rufen würden, oder Marfa Ignatjewna herbeigelaufen kommt, oder

sonstig was geschieht, ich weiß schon nicht mehr, ich stand wohl selber

ganz bleich vor ihnen. Da flüstere ich ihnen denn ganz leise zu: ‚Aber

dort selbentlich, dort unterm Fenster, wie, habt Ihr denn,‘ frage ich,

‚sie nicht gesehen?‘ – ‚Aber so bring sie doch her, bring du sie doch

her!‘ sagen sie. – ‚Aber sie fürchten sich doch gewaltig,‘ sage ich,

‚sie haben vom Geschrei Angst bekommen, sie haben sich hinterm Gebüsch

versteckt, geht, ruft sie,‘ sage ich, ‚selber aus dem Fenster.‘ Da

liefen sie denn zurück, traten ans Fenster, stellten das Licht aufs

Fensterbrett: – ‚Gruschenka,‘ rufen sie, ‚Gruschenka, bist du hier?‘

Selber rufen sie es, zum Fenster aber sich hinausbeugen, wollen sie

nicht, keinen Schritt wollen sie von mir fortgehen, alles von wegen

selbiger Angst, dieweil sie sich vor mir ganz gewaltig fürchteten, und

darum wagten sie nicht, von mir fortzugehen. – ‚Aber seht doch, da sind

ja Agrafena Alexandrowna,‘ sage ich, gehe zum Fenster und beuge mich

selber ganz hinaus, ‚da sind sie ja, dort hinterm Holunderbusch, sie

lachen Euch noch zu, seht Ihr denn wahrhaftig nicht?‘ Da glaubten sie

mir mit einemmal, erzitterten am ganzen Leibe – waren doch schon gar zu

gewaltig in sie verliebt. Und sie kamen ans Fenster und beugten sich

selber weit hinaus. Da ergriff ich denn selbigen Briefbeschwerer, Ihr

erinnert Euch seiner wohl noch, das ist doch ein Ding von drei Pfund,

holte aus und hieb ihnen von hinten gerade auf den Scheitel mit der

Ecke. Sie schrien nicht mal auf. Nur sanken sie plötzlich zusammen, ich

aber hieb zum zweiten- und drittenmal. Beim drittenmal fühlte ich, daß

ich durchgeschlagen hatte. Und da fielen sie plötzlich hin auf den

Rücken, das Gesicht nach oben, ganz von Blut überströmt. Ich betrachtete

mich darauf selber: ich war nicht mit Blut bespritzt. Ich wischte den

Briefbeschwerer ab, legte ihn wieder hin, stieg auf einen Stuhl und nahm

selbiges Geld, das hinter den Heiligenbildern lag, nahm das Geld aus dem

Umschlag heraus, den Umschlag aber warf ich vor das Bett auf den

Fußboden und daneben auch selbiges rosa Bändchen. Darauf ging ich in den

Garten, aber mir zitterten noch immer alle Glieder. Ich ging geradeswegs

zu selbigem Apfelbaum, in dessen Stamm die Höhlung ist, – Ihr kennt doch

selbige Höhlung, ich aber hatte sie mir schon lange gemerkt; in ihr lag

auch ein Lappen und Papier, die hatte ich auch schon lange vorbereitet.

Ich wickelte selbige Summe in das Papier und dann in das Zeug und

stopfte das Paket dann tief hinein. Dort hat es über zwei Wochen

gelegen, erst nach dem Krankenhause nahm ich es heraus, selbige Summe

meine ich. Nun, und darauf ging ich denn zurück und legte mich wieder in

mein Bett und denke so in meiner Angst: ‚Wenn nun Grigorij

Wassiljewitsch ganz totgeschlagen ist, so kann es verflucht gefährlich

werden, ist er aber nicht ganz totgeschlagen und kommt er wiederum zu

sich, so kommt alles wunderschön heraus, sintemal er dann bezeugen wird,

daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren und alsomit sowohl erschlagen

als auch das Geld geraubt haben.‘ Und da fing ich denn an vor lauter

Zweifel und Ungeduld zu stöhnen, um Marfa Ignatjewna aufzuwecken. Nun,

und endlich wachte sie denn auch auf und kam zu mir gelaufen, wie sie

aber sah, daß Grigorij Wassiljewitsch nicht da war, lief sie hinaus.

Darauf hörte ich denn, wie sie einmal laut aufschrie im Garten. Nun, und

dann ging es die ganze Nacht so weiter, ich aber war da schon ganz und

gar beruhigt.“

Ssmerdjäkoff hielt inne. Iwan hatte ihm die ganze Zeit wie im toten

Schweigen zugehört, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur einmal das Auge

von ihm abzuwenden. Ssmerdjäkoff dagegen hatte, während er sprach, nur

von Zeit zu Zeit flüchtig zu ihm hingesehen, sonst aber immer zur Seite

geblickt. Als er seine Erzählung beendet hatte, war er augenscheinlich

selbst sehr erregt. Er atmete schwer. Auf seinem Gesicht trat Schweiß

hervor. Doch war es unmöglich zu erraten, ob er nun Reue oder überhaupt

etwas empfand.

„Wart,“ sagte Iwan, der noch ein wenig zu überlegen schien, „– aber die

Tür? Wenn er die Tür erst für dich aufgemacht hat, wie hat dann Grigorij

sie schon vor dir offen gesehen? Grigorij war doch vor dir in den Garten

gegangen?“

Bemerkenswert ist, daß Iwan dieses mit der ruhigsten Stimme fragte,

sogar in einem ganz anderen, auffallend friedlichen Tone, so daß, wenn

in dem Augenblick jemand die Tür geöffnet und von der Schwelle sie

gesehen hätte, dieser unbedingt geglaubt haben würde, daß sie beide

vollkommen ruhig und friedlich über irgendeinen gewöhnlichen, wenn auch

vielleicht interessanten Gegenstand miteinander sprächen.

„Was Grigorij Wassiljewitsch da sagt, er hätte diese Tür offen gesehen,

so hat ihm das nur so geschienen,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttisch

verzogenem Lächeln. „Das ist ja doch, ich sage Euch, kein Mensch,

sondern sozusagen eine Abart von einem störrischen Wallach. Ohne so

etwas gesehen zu haben, es ist ihm ja nur so vorgekommen, besteht er

darauf, und den wird kein Mensch mehr davon abbringen. Das ist nun schon

so ein ganz besonderes Glück für uns beide, daß er sich so darauf

versessen hat, denn auf selbige Aussage hin wird man Dmitrij

Fedorowitsch zu guter Letzt doch ganz sicherlich verurteilen.“

„Höre,“ unterbrach ihn Iwan Fedorowitsch zerstreut, wie wenn sich seine

Gedanken wieder verwirrt hätten und er sich bemühte, irgend etwas zu

erfassen. „Höre ... ich wollte dich noch so vieles fragen, ich habe aber

vergessen ... Ich vergesse immer und verwirre mich ... Ja! Sag mir

wenigstens das eine: warum machtest du das Geldpaket noch im Zimmer auf,

und warum ließest du das Kuvert dort liegen? Warum brachtest du es nicht

so fort wie es war ...? Als du davon erzähltest, schien es mir, daß du

diese Handlung für selbstverständlich und sehr richtig hieltest ...

warum aber – das verstehe ich nicht ...“

„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde

getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise

ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch

selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen

zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht

wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er

erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld

nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist?

Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so

hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu

untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij

Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket

nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie

gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem

Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich

vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige

Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in

der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen

sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt

sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas

gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber

in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre

selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl

gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum

zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt

haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen

würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem

Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn

mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so

geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf

kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der

Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat

...“

„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen

können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder

sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an.

„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es

war doch alles schon voraus überlegt.“

„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan

Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als

ich dachte ...“

Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner

Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die

beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den

Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte

durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und

setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht

hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt

auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden.

„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich

nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht

tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott

sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch

ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch

gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so

schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich

überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht

getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen

vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen,

alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen

mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich

nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst

alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen

müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es

sein!“

Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem

glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde.

„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz

gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar

eher mitleidig.

„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht

mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“

Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach.

„Nichts wird von alledem geschehen, und Ihr werdet auch nicht hingehen,“

sagte er schließlich in einer Weise, als ob sein Ausspruch jeden Einwand

ausschließe.

„Du verstehst mich nicht recht!“ sagte Iwan Fedorowitsch vorwurfsvoll.

„Ihr werdet Euch gar zu sehr schämen, alles von Euch einzugestehn. Und

noch mehr als Ihr Euch schämen werdet, wird es unnütz sein, dieweil doch

ich sagen werde, daß ich Euch nichts von alledem oder auch nur etwas

Derartiges gesagt hätte, und daß Ihr entweder irgendeine Krankheit

hättet – wonach es ja auch ganz aussieht – oder aber daß Euch das

Brüderchen so leid täte, daß Ihr Euch für dasselbe opfern wolltet und

daher das alles gegen mich ausgedacht hättet, sintemal Ihr mich alleweil

nur für so viel wie eine Mücke gehalten habt, und nicht für einen

Menschen. Und wer wird Euch denn glauben, und habt Ihr denn auch nur

einen einzigen Beweis?“

„Hör mal, dieses Geld hast du mir doch jetzt gezeigt, um mich zu

überzeugen.“

Ssmerdjäkoff nahm das Buch der „Predigten unseres Issaak Ssirin“, das

das Geld bedeckte, und schob es beiseite.

„Dieses Geld nehmt an Euch und bringt es fort,“ sagte Ssmerdjäkoff, tief

Atem schöpfend.

„Selbstverständlich werde ich es fortbringen! Aber warum gibst du es

denn jetzt mir, wenn du dieses Geldes wegen erschlagen hast?“ Iwan

blickte ihn verwundert und fragend an.

„Jetzt brauch ich es überhaupt nicht mehr,“ sagte Ssmerdjäkoff mit

unsicherer Stimme und winkte müde mit der Hand ab. „Ich hatte früher

einmal so einen Gedanken ... daß ich mit selbiger Summe ein anderes

Leben anfangen könnte, in Moskau, oder noch besser, im Auslande ... das

war einmal so eine Idee. Hauptsächlich aber darum, weil doch ‚alles

erlaubt ist‘. Das habt Ihr mich dazumal ganz richtig gelehrt, und gut

habt Ihr es mir erklärt: denn wenn es keinen ewigen Gott gibt, so gibt

es überhaupt keine Tugend, und dann braucht man sie ja auch gar nicht.

Das habt Ihr vollkommen richtig bemerkt. Das habe auch ich eingesehen.“

„Mit eigenem Verstande?“ fragte Iwan mit verzogenem Lächeln.

„Dank Eurer Führung.“

„Und jetzt hast du also angefangen an Gott zu glauben, wenn du das Geld

zurückgibst?“

„Nein, das habe ich nicht angefangen,“ murmelte Ssmerdjäkoff.

„So, – warum gibst du es dann zurück?“

„Ach was ... genug davon ... das hat nichts damit zu tun ...“

Ssmerdjäkoff winkte wieder mit der Hand ab. „Ihr sagtet doch dazumal

selber alleweil, daß alles erlaubt sei, warum seid Ihr dann jetzig so

aufgeregt, Ihr selber, meine ich? Ihr wollt ja sogar hingehen und gegen

Euch selber aussagen ... Nur wird davon nichts geschehen! Ihr werdet

nichts gegen Euch aussagen!“ wiederholte Ssmerdjäkoff überzeugt und mit

fester Stimme.

„Du wirst es sehen!“ sagte Iwan.

„Das kann ja gar nicht geschehen. Klug seid Ihr sehr, Geld liebt Ihr

auch, das weiß ich. Achtung und Ehre liebt Ihr gleichfalls, denn Ihr

seid sehr stolz. Weiberschönheit liebt Ihr über alle Maßen, am meisten

aber doch, reich zu leben und vor niemandem den Hut ziehen zu müssen –

das liebt Ihr sogar am allermeisten. Ihr werdet doch nicht dumm sein und

Euer Leben auf alle Zeiten verpfuschen – solche Schande vor Gericht auf

Euch nehmen! Ihr seid am allermeisten wie Fedor Pawlowitsch, von allen

seinen Kindern seid Ihr ihm am ähnlichsten, ganz seine Seele habt Ihr.“

„Du bist nicht dumm,“ sagte Iwan gewissermaßen verwundert; plötzlich

schoß ihm das Blut glühend ins Gesicht. „Ich glaubte zuerst, du seiest

dumm ... du hast doch jetzt im Ernst gesprochen?“ fragte er, mit einem

ganz anderen Blick als bisher Ssmerdjäkoff betrachtend.

„Nur aus Eurem selbigen Stolz habt Ihr geglaubt, daß ich dumm sei. Nehmt

das Geld.“

Iwan nahm die drei Geldpakete und schob sie in die Tasche, ohne sie in

etwas einzuwickeln.

„Morgen werde ich es vorweisen, wenn wir vor Gericht sind.“

„Es wird Euch dort doch niemand glauben. Als ob Ihr jetzt nicht selber

Geld genug hättet, da habt Ihr eben aus dem eigenen Beutel selbige

Dreitausend mitgenommen, und weiter nichts.“

Iwan stand auf.

„Ich sage es dir nochmals, daß, wenn ich dich nicht totgeschlagen habe,

es nur geschehen ist, weil ich dich zu morgen noch nötig habe. Behalte

das, vergiß es nicht!“

„Nun was, erschlagt mich doch. Erschlagt mich jetzt gleich,“ sagte

Ssmerdjäkoff plötzlich in ganz eigentümlicher Weise, und der Blick, mit

dem er Iwan anblickte, war so sonderbar. „Ihr wagt ja nicht einmal das

zu tun,“ fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. „Nichts werdet Ihr mehr

wagen, Ihr, die Ihr früher so mutig und verwegen waret.“

„Auf morgen!“ Iwan schritt zur Tür.

„Wartet ... zeigt es mir noch einmal.“

Iwan zog das Geld aus der Tasche und zeigte es ihm. Ssmerdjäkoff blickte

es an – mehr denn zehn Sekunden lang.

„Nun, geht,“ sagte er, mit der Hand abwinkend. „Iwan Fedorowitsch!“ rief

er plötzlich, ihn noch einmal aufhaltend.

„Was willst du?“ Iwan wandte sich, bereits im Fortgehen begriffen, noch

einmal zu ihm zurück.

„Lebt wohl!“

„Auf morgen!“ rief wieder Iwan und verließ das Haus.

Das Schneetreiben hatte noch immer nicht nachgelassen. Das erste Stück

vom Hause ging er mit festen, sicheren Schritten, doch plötzlich war

ihm, als finge er zu wanken an. „Das muß etwas Physisches sein,“ meinte

er bei sich lächelnd. Es war ihm, als wenn jetzt geradezu eine große

Freude seine Seele ergriffen hätte. Er fühlte eine grenzenlose

Festigkeit in sich: die Zweifel und Ahnungen, die ihn in den letzten

langen Wochen so gefoltert hatten, waren überwunden. „Der Entschluß ist

gefaßt, und ich werde ihn nicht mehr ändern,“ dachte Iwan und fühlte

sich glücklich bei diesem Gedanken. In dem Augenblick stolperte er über

irgend etwas und wäre beinahe gefallen. Er blieb stehen und gewahrte

schließlich in der matten Dunkelheit vor seinen Füßen das von ihm

niedergeworfene betrunkene Bäuerlein. Es lag auf derselben Stelle, wo es

nach dem ihm versetzten Stoß hingefallen war. Regungslos und bewußtlos

lag es da. Der Schnee hatte ihm schon fast das ganze Gesicht verweht.

Iwan beugte sich plötzlich zu dem Liegenden nieder, erfaßte ihn und

wollte ihn sich auf den Rücken laden. Da erblickte er weiter rechts

Licht in einem Häuschen. Er ging hin, klopfte an den Fensterladen und

bat den Kleinbürger, den Besitzer des Häuschens, der ihm die Tür

aufmachte, ihm zu helfen, das Bäuerlein bis zur nächsten Wachtstube zu

bringen, wofür er ihm drei Rubel versprach. Der Kleinbürger kleidete

sich an und trat heraus. Ich werde nicht weiter ausführlich erzählen,

wie es Iwan Fedorowitsch gelang, sein Ziel zu erreichen, den Bauer in

der Wachtstube noch mit der Bedingung unterzubringen, daß sofort ein

Arzt zur Untersuchung herbeigerufen werde, wozu er wieder, ohne zu

zählen, Geld für die Ausgaben und „die Mühe“ gab. Ich will nur sagen,

daß die Sache eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Iwan Fedorowitsch war

aber sehr zufrieden. Seine Gedanken schweiften unermüdlich umher und

arbeiteten in ihm. „Wenn mein Entschluß für morgen nicht so fest gefaßt

wäre,“ dachte er bei sich, und der Gedanke machte ihn fast glücklich,

„würde ich mich nicht eine ganze Stunde lang mit diesem betrunkenen

Bauern abgegeben haben; ich wäre vorübergegangen und hätte darauf

gespuckt, daß er erfrieren könnte ... Wie gut ich mich aber beobachten

kann,“ dachte er gleich darauf mit noch größerer Zufriedenheit. „Und die

glaubten ja schon, daß ich wahnsinnig werden würde!“ Als er bei seiner

Wohnung anlangte, blieb er plötzlich vor der unerwarteten Frage, ob er

nicht sofort, unverzüglich zum Staatsanwalt gehen solle, um ihn sogleich

von allem zu benachrichtigen, auf der Straße stehen. Er entschied

jedoch, sich zum Hause wendend: „Morgen – alles zugleich!“ Doch

sonderbar: seine ganze freudige Stimmung und die gewisse erhebende

Selbstzufriedenheit hatten ihn wie mit einem Schlage verlassen. Als er

dann in sein Zimmer trat, war ihm, als wenn etwas Eisiges plötzlich sein

Herz berührt hätte, wie eine Erinnerung, oder richtiger, wie ein

Erinnertwerden an etwas Qualvolles und Ekelhaftes, das sich gerade in

diesem Zimmer befand, und zwar gerade jetzt, soeben, aber auch schon

früher dagewesen wäre. Er ließ sich erschöpft auf den Diwan nieder. Die

alte Dienstmagd brachte ihm den Ssamowar, er goß sich ein Glas Tee ein,

rührte es aber nicht an. Die Alte schickte er fort. Er stützte den Arm

auf die Seitenlehne des Diwans – ihn schwindelte. Er fühlte sich krank

und völlig kraftlos. Er wollte bereits in der Diwanecke einschlummern,

doch trieb ihn eine innere Unruhe wieder auf; er erhob sich und ging im

Zimmer auf und ab, um den Schlaf zu verscheuchen. Mitunter schien es

ihm, daß er phantasiere. Doch nicht seine Krankheit beschäftigte ihn. Er

setzte sich wieder hin; und da begann er zuweilen um sich zu blicken,

nicht ununterbrochen, sondern nur hin und wieder, doch je länger desto

schärfer, als ob er etwas zu erspähen suchte. Das tat er immer wieder.

Schließlich heftete sich sein spähender Blick aufmerksam auf einen

bestimmten Punkt. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen, und das

Blut stieg ihm vor Zorn ins Gesicht bis hinauf über die Stirn. Lange saß

er so auf seinem Platz, fest mit beiden Händen den Kopf stützend, doch

seine Augen spähten immer noch nach jenem einen Punkt, dorthin nach dem

Diwan, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Augenscheinlich mußte

dort etwas sein, das ihn reizte, irgendein Gegenstand vielleicht, der

ihn beunruhigte und quälte und doch anzog ...

IX.

Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb

Ich bin kein Arzt, und doch muß ich wenigstens einiges zur Erklärung

über die Natur der Krankheit Iwan Fedorowitschs sagen. Er befand sich an

diesem Abend kurz vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers, das sich schon

lange in seinem zerrütteten Nervensystem vorbereitet hatte, und dem er

nur infolge seiner hartnäckigen Widerstandskraft bis dahin noch nicht

erlegen war. Obwohl ich fast nichts von Medizin verstehe, wage ich doch

meine Vermutung auszusprechen, daß er vielleicht in der Tat durch

übermäßige Willensanspannung den Ausbruch der Krankheit hinausgeschoben

hatte, wahrscheinlich sogar in der Hoffnung, sie durch seinen bloßen

Willen ganz zu überwinden. Er wußte, daß er nicht gesund war, doch

empfand er einen heftigen Widerwillen bei dem Gedanken, in dieser Zeit

krank zu werden, gerade in den bevorstehenden schicksalsschweren Stunden

seines Lebens, da es hieß, Zeugnis abzulegen, kühn und entschlossen sein

Wort zu sagen und „sich vor sich selbst zu rechtfertigen“. Übrigens war

er auch schon einmal bei dem berühmten Moskauer Arzt gewesen, den

Katerina Iwanowna gerufen hatte. Derselbe hatte ihn aufmerksam angehört

und untersucht und darauf gesagt, daß er vielleicht sogar etwas wie –

eine Gehirnzerrüttung habe, und war schließlich durchaus nicht erstaunt

gewesen über ein gewisses Geständnis, das Iwan Fedorowitsch ihm, seinen

Widerwillen und Ekel niederringend, zu guter Letzt gemacht hatte.

„Halluzinationen sind bei Ihrem Zustande sehr leicht möglich,“ hatte der

Doktor gemeint, „obgleich man sie noch kontrollieren müßte ... Im

übrigen müssen Sie unbedingt sofort, ohne einen Augenblick zu verlieren,

mit einer ernsten Kur beginnen, denn sonst könnte es sehr schlimm

werden.“ Iwan Fedorowitsch hatte aber den vernünftigen Rat nicht

befolgt, hatte sich nicht hingelegt, und auch sonst nichts für seine

Gesundheit getan. „Noch kann ich gehen, folglich reichen noch die

Kräfte, falle ich hin – dann mag mich pflegen, wer Lust hat,“ dachte er.

So saß er denn jetzt in seinem Zimmer, wußte beinahe selbst, daß er im

Fieber phantasierte, und blickte, wie ich schon vorhin sagte,

angestrengt zur anderen Wand, als fixiere er dort einen Gegenstand auf

dem Diwan. Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen

war, das mag Gott wissen, denn als Iwan Fedorowitsch nach der Rückkehr

von Ssmerdjäkoff das Zimmer betreten hatte, war niemand in demselben

gewesen. Es war das irgendein Herr, oder richtiger, ein russischer

Gentleman von der bekannten Sorte, jedenfalls kein sehr junger Mann

mehr, einer „_qui frisait la cinquantaine_“, wie die Franzosen sagen,

mit dunklem, ziemlich langem, dichtem, nur stellenweise leicht ergrautem

Haar und keilförmig geschnittenem, gleichfalls etwas grau untermischtem

Bart. Gekleidet war er in einen kurzen, augenscheinlich vom besten

Schneider gearbeiteten, aber jetzt schon ziemlich abgetragenen braunen

Rock, in ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet

sein mochte und somit bereits ganz aus der Mode gekommen war, so daß

diese Art Röcke von tonangebenden Herren seit etwa zwei Jahren nicht

mehr getragen wurden. Die Wäsche, die lange Krawatte in der Art einer

Schärpe, kurz, alles war so, wie es eben elegant gekleidete Gentlemen

trugen, doch war die Wäsche, wenn man sie etwas näher betrachtete, schon

ein wenig schmutzig und die breite Krawatte recht abgenutzt. Die

karierten Hosen saßen tadellos, waren aber wiederum zu hell und

irgendwie zu eng, jedenfalls trug man schon lange viel weitere, und

ebenso war auch der weiße, weiche Filzhut, den der Gast denn doch etwas

gar zu unsaisonmäßig mitgeschleppt hatte, nicht mehr zeitgemäß. Mit

einem Wort, das Äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei

äußerst knappem Taschengelde. Man konnte glauben, daß der Gentleman

jener Klasse von arbeitsscheuen Gutsherren angehörte, die zur Zeit der

Leibeigenschaft ein faules Leben geführt hatten. Offenbar hatte er etwas

mehr von der Welt gesehen und sich in guter Gesellschaft bewegt, hatte

früher einmal Verbindungen gehabt und hielt sie vielleicht auch jetzt

noch aufrecht, war aber allmählich durch seine Verarmung nach den

flotten Jugendjahren und schließlich nach der Aufhebung der

Leibeigenschaft zu einer Art von Schmarotzer „guten Tones“

herabgesunken, der sich als ewiger Gast bei alten Bekannten herumtreibt,

die ihn dann seines verträglichen Charakters wegen freundlich bei sich

leben lassen. Außerdem war er immerhin ein, nun ja, ein anständiger

Mensch, den man sogar in der besten Gesellschaft an seinen Tisch setzen

konnte, wenn auch, versteht sich, auf einen bescheidenen Platz. Solche

Schmarotzer oder Gentlemen mit erträglichem Charakter, die zu erzählen

verstehen und zu einer Partie Karten sich gut verwenden lassen (dagegen

eine ausgesprochene Abneigung für jede Art von Aufträgen, mit denen man

sie belästigen will, empfinden), sind gewöhnlich alleinstehende

Menschen, Junggesellen oder Witwer, die mitunter sogar Kinder haben,

doch werden diese Kinder dann immer irgendwo fern von ihnen erzogen,

gewöhnlich bei irgendwelchen Tanten, deren aber der Gentleman in höherer

Gesellschaft fast nie Erwähnung tut, gleichsam als schäme er sich dieser

Verwandtschaft. Seiner Kinder entwöhnt er sich mit der Zeit fast ganz,

wenn er auch noch hin und wieder, etwa zu seinem Namenstage und zu

Weihnachten, Gratulationsbriefe von ihnen erhält und zuweilen sie sogar

beantwortet. Die Physiognomie dieses unerwarteten Gastes war nicht

gerade gutmütig, aber wiederum harmonisch und jedenfalls – je nach den

Umständen – zu jedem liebenswürdigen Ausdruck bereit. Eine Uhr hatte er

nicht bei sich, dafür aber trug er eine Schildpattlorgnette an einem

schwarzen Bande. Den Mittelfinger der rechten Hand schmückte ein

massiver goldener Ring mit einem billigen Opal. Iwan Fedorowitsch

schwieg aus Wut und nahm sich vor, überhaupt nicht zu sprechen. Der Gast

wartete und saß genau so, wie ein Krippenreiter sitzen würde, der soeben

aus dem oberen Stock, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hat, zum Tee

hinabgestiegen ist, um dem Hausherrn bei Tisch Gesellschaft zu leisten,

vorläufig aber noch rücksichtsvoll schweigt – da der Hausherr

beschäftigt ist oder über irgend etwas mit gerunzelter Stirn nachdenkt,

– jedoch zu gleicher Zeit zu jedem liebenswürdigen Gespräche bereit ist,

sobald nur der Hausherr damit beginnen will. Plötzlich aber drückte sich

in seinem Gesicht eine gewisse Besorgnis aus.

„Hör mal,“ sagte er hastig zu Iwan Fedorowitsch, „entschuldige, wenn ich

störe, aber ich will dich ja nur daran erinnern: Du gingst doch zu

Ssmerdjäkoff, um ihn über Katerina Iwanowna auszufragen, und nun bist du

doch fortgegangen, ohne das Gewünschte erfahren zu haben, du hast es

wohl vergessen ...“

„Ach, ja, richtig!“ entschlüpfte es Iwan, und die Sorge verfinsterte

sein Gesicht. „Ja, ich vergaß es ... Übrigens ist das jetzt

gleichgültig, ich habe doch alles auf morgen hinausgeschoben,“ murmelte

er vor sich hin. „Du aber laß dir gesagt sein,“ wandte er sich plötzlich

gereizt auffahrend an den Gast, „– ich hätte mich dessen soeben ganz von

selbst erinnern müssen, denn gerade das bedrückte mir das Herz! Warum

mischst du dich so vorwitzig ein? So könnte ich dir ja glauben, daß du

mich darauf gebracht hast, und nicht, daß ich selbst darauf verfallen

bin!“

„So glaub’s doch nicht, wenn du’s nicht willst,“ schlug der Gentleman,

leise auflachend, freundlich vor. „Was ist denn das für ein Glaube, den

man erzwingt? Zudem helfen doch in Glaubensdingen Beweise überhaupt

nicht, besonders keine materiellen. Thomas glaubte nicht darum, weil er

den auferstandenen Christus sah, sondern weil er schon früher zu glauben

gewünscht hatte. Da haben wir jetzt zum Beispiel die Spiritisten ... ich

habe sie sehr gern ... denk nur, sie sind überzeugt, daß sie dem Glauben

nützen, weil die Teufel ihnen aus jener Welt ihre Hörner zeigen. ‚Das

ist doch schon ein materieller Beweis dafür, daß es jene Welt gibt,‘

heißt es. Jene Welt und materielle Beweise – oje, oje! Und schließlich,

selbst wenn der Teufel bewiesen ist, so ist doch noch längst nicht

gesagt, daß damit auch Gott bewiesen ist! Ich will in die idealistische

Gesellschaft eintreten, werde dort bei ihnen Opposition machen, das

heißt sozusagen: ‚Bin Realist, aber kein Materialist‘, he–he!“

„Höre,“ sagte Iwan Fedorowitsch und erhob sich plötzlich von seinem

Platz. „... Ich bin jetzt ganz wie ... es scheint mir, daß ich

phantasiere ... selbstverständlich tue ich es ... im Fieber ... du

kannst dort reden was du willst, mir ist alles gleich! Du wirst mich

heute nicht mehr so in Wut bringen, wie das vorige Mal. Nur schäme ich

mich irgendeiner ... Ich will im Zimmer umhergehen ... Zuweilen sehe ich

dich nicht, und dann höre ich auch nicht einmal deine Stimme, ganz wie

das vorige Mal, aber ich errate immer irgendwie, was du da brummst, denn

_du bist ich, ich, ich selbst rede und nicht du_! Nur weiß ich nicht, ob

ich das vorige Mal schlief, oder ob ich dich im Wachen sah? Ach was, ich

werde das Handtuch mit kaltem Wasser anfeuchten und mir auf die Stirn

legen, vielleicht vergehst du dann ...“

Iwan Fedorowitsch ging in die Ecke, nahm ein Handtuch, tat, wie er

gesagt hatte, und begann dann mit dem nassen Handtuch um den Kopf im

Zimmer auf und ab zu schreiten.

„Es gefällt mir, daß wir uns so ohne weiteres auf Du und Du stellen,“

begann wieder der Gast.

„Dummkopf!“ Iwan lachte. „Soll ich etwa anfangen zu dir ‚Sie‘ zu sagen?

Ich bin jetzt bei guter Laune, nur in der Schläfe fühle ich noch einen

Schmerz ... und im Oberkopf ... Aber philosophiere bitte nicht, wie das

vorige Mal. Wenn du dich von hier nicht fortpacken kannst, so schwatz

wenigstens etwas Amüsanteres. Kram doch deine Klatschgeschichten heraus,

du bist doch ein Schmarotzer, da wärst du ja beim Klatschen in deinem

Element. Daß man so einen Albdruck nicht loswerden kann, das ist doch

wirklich ...! Aber ich fürchte dich nicht, ich werde dich überwinden!

Man wird mich _nicht_ in die Irrenanstalt bringen!“

„_C’est charmant_: ‚Schmarotzer‘. Ja, ich bin gerade in meiner Art, was

ich bin. Was bin ich denn sonst auf der Erde, wenn nicht ein

Schmarotzer? Übrigens – bei der Gelegenheit: Ich höre dich und, offen

gestanden, ich wundere mich ein wenig: Bei Gott, es scheint, daß du

allmählich anfängst, mich für ein Etwas, für etwas in der Tat

Vorhandenes zu halten, und nicht nur für deine bloße Phantasie, wie du

das vorige Mal hartnäckig behauptetest ...“

„Keinen Augenblick akzeptiere ich dich als reale Wahrheit,“ schrie Iwan

zornig und wild. „Lüge bist du, meine Krankheit bist du, du bist nichts

als ein Fiebergespinst! Nur weiß ich nicht, womit ich dich vernichten

könnte ... Ich sehe schon, man wird sich eine Zeitlang quälen müssen. Du

bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens

nur _eines Teiles_ meines Ich ... meiner Gedanken und Gefühle, aber nur

der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du

mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir

abzugeben ...“

„Erlaube, erlaube, ich werde dich sofort überführen: Vorhin, bei der

Straßenlaterne, als du plötzlich Aljoscha anfuhrst und schriest: ‚Das

hast du _durch ihn_ erfahren! Woher weißt du, daß _er_ zu mir kommt?‘

Damit meintest du doch mich. Folglich glaubtest du doch eine kleine

Sekunde lang, glaubtest du also doch, daß ich wirklich bin,“ sagte der

Gentleman mit weichem Lachen.

„Ja, das war eine Schwäche der Natur ... Ich weiß nicht, schlief ich das

vorige Mal, oder ging ich umher? Vielleicht sah ich dich damals nur im

Traum und gar nicht in Wirklichkeit ...“

„Aber warum warst du denn vorhin so unfreundlich zu ihm, zu Aljoscha,

meine ich? Er ist doch ein lieber Junge; ich bin vor ihm noch wegen des

Staretz Sossima schuldig.“

„Schweig! Kein Wort von Aljoscha! Wie wagst du es überhaupt, du Lakai!“

Iwan Fedorowitsch lachte wieder.

„Du schimpfst und lachst dabei, – das ist ein gutes Zeichen. Übrigens

bist du heute viel liebenswürdiger zu mir als das vorige Mal, aber ich

begreife ja auch, woher das kommt: Dieser große Entschluß ...“

„Schweig von dem Entschluß!“ schrie ihn Iwan zornig an.

„Ich verstehe, verstehe schon. _C’est noble, c’est charmant._ Du gehst

morgen hin, um deinen Bruder zu verteidigen, und opferst dich selbst ...

_C’est chevaleresque_ ...“

„Schweig! – oder ich gebe dir einen Fußtritt!“

„Zum Teil wird mich das freuen, denn mein Zweck wäre dann erreicht:

Gibst du mir einen Fußtritt, so glaubst du folglich an meine Realität,

denn einem Fiebergespinst verabreicht man doch keine Fußtritte. Aber

weißt du, Scherz beiseite: Mir kann’s ja schließlich egal sein, schimpf

nur zu, wenn du Lust hast, aber es ist doch immer besser, etwas

höflicher zu sein, wäre es auch nur mir gegenüber. Denn sonst:

‚Dummkopf‘ und ‚Lakai‘ – nun, sag doch selbst, was sind denn das für

Worte?“

„Indem ich dich schimpfe – schimpfe ich mich selbst!“ sagte Iwan und

lachte wieder kurz auf. „Du bist ich, ich selbst, bloß mit einer anderen

Fratze. Du sprichst genau das, was ich schon bei mir denke ... und bist

überhaupt nicht imstande, mir etwas Neues zu sagen!“

„Wenn meine Worte mit deinen Gedanken übereinstimmen, so gereicht mir

das natürlich nur zur Ehre,“ antwortete der Gentleman zuvorkommend und

doch mit persönlicher Würde.

„Bloß nimmst du immer nur meine schlechten Gedanken, und vor allem – die

dummen. Dumm und gemein bist du. Furchtbar dumm bist du. Nein, ich kann

dich nicht ertragen! Was soll ich tun, was soll ich tun?“ murmelte Iwan

wutknirschend.

„Mein Freund, ich will immerhin Gentleman sein und auch als

solcher genommen werden,“ begann der Gast in einem Anfall echt

schmarotzerhaften, schon im voraus nachgebenden und gutmütigen

Ehrgeizes. „Ich bin arm, aber ... das heißt, ich will nicht sagen, daß

ich gerade sehr ehrenhaft sei, aber ... es ist doch in der Gesellschaft

gewöhnlich als Axiom angenommen, daß ich ein gefallener Engel sei. Aber,

bei Gott, ich kann mir noch immer nicht recht vorstellen, auf welche

Weise ich einmal ein Engel hätte sein können. Wenn ich es aber wirklich

einmal gewesen sein sollte, so muß das jedenfalls schon so lange her

sein, daß es, denke ich, keine Sünde sein kann, wenn ich es vergessen

habe. Jetzt ist es mir nur um den Ruf eines anständigen Menschen zu tun,

und ich lebe, wie es gerade kommt, indem ich mich bemühe, angenehm zu

sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – oh, man hat mich in vielen

Dingen unglaublich verleumdet! Hier, hienieden, wenn ich zeitweilig

wieder einmal zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin, als ob es nun

auch was Wirkliches wäre, und das ist es gerade, was mir am meisten

gefällt. Denn ich selbst leide doch auch, ganz so wie du, unter dem

Phantastischen, und darum liebe ich euren irdischen Realismus. Hier bei

euch ist alles bezeichnet, alles ist festgesetzt, hier gibt es Formeln,

hier gibt es Geometrie, bei uns aber sind immer nur irgendwelche

unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich umher und sinne. Ich liebe das

Sinnen. Und zudem werde ich hier auf Erden abergläubisch, – bitte lach

nicht: Gerade das gefällt mir, daß ich abergläubisch werde. Ich nehme

hier alle eure Angewohnheiten an: es macht mir Spaß, in die öffentliche

Badstube zu gehen – kannst du dir das vorstellen? – und ich liebe es,

mit Kaufleuten und Popen Schwitzbäder zu nehmen. Meine einzige

Schwärmerei ist, mich zu verkörpern – aber endgültig und unwiderruflich

– in irgendeine dicke, sieben Pud schwere Kaufmannsfrau und an alles zu

glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist – in die Kirche zu gehen und

dort von ganzem und reinem Herzen einem Heiligen ein Licht stellen zu

können. Bei Gott, so ist es. Dann hätten meine Leiden ein Ende. Ach,

richtig, und dann habe ich noch an etwas Gefallen gefunden, das ist:

mich hier bei euch zu kurieren. Im Frühling herrschten die Pocken, da

ging ich denn ins Findelhaus und ließ mich gegen die Pocken impfen, –

nein, wenn du wüßtest, wie zufrieden ich an jenem Tage war! Ich spendete

sogar zehn Rubel für unsere malträtierten slawischen Brüder! ... Aber du

hörst mir ja gar nicht zu. Weißt du, du bist heute gar nicht wie sonst.“

Der Gentleman verstummte für eine Weile. „Ich weiß, du bist gestern zu

jenem Doktor gegangen ... nun, wie steht es mit deiner Gesundheit? Was

hat dir der Doktor denn gesagt?“

„Schafskopf!“ schnitt Iwan kurz ab.

„Dafür bist du doch so klug. Willst du wieder schimpfen? Ich habe ja

nicht gerade aus Teilnahme gefragt, sondern nur so. Meinetwegen,

brauchst ja weiter nicht zu antworten. Jetzt kommt wieder die schöne

Jahreszeit, in der das Rheuma zu zwicken anfängt ...“

„Schafskopf,“ sagte Iwan nochmals.

„Das ist wohl alles, scheint es, was du zu sagen weißt. Ich aber holte

mir im vorigen Jahr so einen Rheumatismus, daß ich noch jetzt an ihn

zurückdenken muß.“

„Kann denn der Teufel auch Rheumatismus haben?“

„Warum denn nicht, wenn ich mich zuweilen verkörpere. Verkörpere ich

mich, so muß ich auch alle Folgen auf mich nehmen. _Satanas sum et nihil

humani a me alienum puto._“

„Wie, was? _Satanas sum et nihil humani_ ... das ist nicht dumm für

einen Teufel!“

„Freut mich, daß ich es dir endlich recht gemacht habe.“

„Aber das hast du ja gar nicht von mir genommen!“ – Iwan blieb ganz

betroffen stehen. – „Das ist mir niemals in den Kopf gekommen, das habe

ich nie gehört oder gedacht ... Das ist sonderbar ...“

„_C’est du nouveau, n’est-ce pas?_ Diesmal will ich ehrlich sein und es

dir erklären. Also höre: Im Traum, und besonders, wenn man Albdrücken

hat, nun, sagen wir, sei es infolge eines verdorbenen Magens oder sonst

aus einem Grunde, sieht der Mensch zuweilen dermaßen künstlerische

Träume, so komplizierte und reale Wirklichkeit, solche Ereignisse oder

sogar eine ganze Welt von Ereignissen, die mit dermaßen feinen Intrigen

und unerwarteten Details verknüpft sind, angefangen von unseren höchsten

Erscheinungen bis zum letzten Hemdknopf, daß, ich schwöre dir, selbst

Ljeff Tolstoj es nicht fertigbrächte, sich so etwas auszudenken. Und

dabei sind es durchaus nicht nur Schriftsteller, die solche Träume

sehen, zuweilen sind es sogar die simpelsten Leute, Beamte, Popen ... In

dieser Beziehung gilt es, noch manches Rätsel zu lösen. Ein Minister

gestand mir sogar schlankweg, daß alle seine besten Ideen ihm während

des Schlafes kämen. Nun, und so ist es denn auch jetzt. Wenn ich auch

nur deine Halluzination bin, so rede ich doch, wie es auch unterm

Albdruck vorkommt, mitunter ganz originelles Zeug. Ich sage sogar Dinge,

die dir bis jetzt noch nicht in den Kopf gekommen sind, somit sind es

denn nicht deine Gedanken, die ich ausspreche, während ich doch nur dein

Alb bin und weiter nichts.“

„Du lügst. Dein Ziel ist gerade, mich zu überzeugen, daß du etwas

Selbständiges bist und nicht mein Alb, und da bestätigst du nun selbst,

daß du ein Traum bist!“

„Mein Freund, heute habe ich eine besondere Methode gewählt, ich werde

sie dir später erklären. Wart, wo blieb ich denn eigentlich stehen,

wovon sprach ich doch? Ach so! Also ich hatte mich damals erkältet, nur

war das nicht bei euch, sondern noch dort ...“

„Wo dort? Sag, wirst du noch lange bei mir bleiben, kannst du nicht

fortgehen?“ rief Iwan verzweifelt aus.

Er gab das Gehen auf, setzte sich wieder auf den gegenüberstehenden

Diwan, stützte die Arme auf den Tisch und preßte die Fäuste an die

Schläfen. Das nasse Handtuch hatte er sich schon vom Kopf gerissen und

gereizt fortgeschleudert: es hatte natürlich nicht geholfen.

„Deine Nerven sind zerrüttet,“ bemerkte der Gentleman in

unterhaltend-nonchalanter, doch vollkommen freundschaftlicher Weise, „du

ärgerst dich sogar deswegen über mich, weil ich mich habe erkälten

können. Indessen geschah es auf die natürlichste Weise. Ich eilte damals

gerade zu einer diplomatischen Soiree bei einer höheren Petersburger

Dame, die Frau Minister werden wollte. Nun, versteht sich: Frack, weiße

Binde, Handschuhe, und dabei befand ich mich noch Gott weiß wo. Kurz, um

auf die Erde zu gelangen, stand mir noch bevor, den Raum zu durchfliegen

... das ist natürlich nur ein Augenblick, aber ... braucht doch selbst

ein Lichtstrahl von der Sonne bis zur Erde ganze acht Minuten, und da

nun, stell dir vor, im Frack und in ausgeschnittener Weste! Allerdings

können Geister nicht erfrieren, aber da ich mich nun schon einmal

verkörpert hatte, so ... Mit einem Wort, man ist zuweilen leichtsinnig,

und ich schoß ab. Aber dort im Weltenraum, in diesem Äther oder Wasser,

wenn du willst, – ‚und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser

über der Feste‘ und so weiter – dort herrscht doch solch eine Kälte ...

das heißt, was sag ich, Kälte! – das kann man doch überhaupt nicht mehr

Kälte nennen – stell dir vor: hundertfünfzig Grad unter Null! Du kennst

doch den bekannten Scherz der Dorfmädel: Bei dreißig Grad Kälte fordern

sie einen Neuling auf, mit der Zunge über ein Beil zu fahren, die friert

natürlich sofort an, und der Tölpel reißt sich die ganze Haut von der

Zunge ab. Aber das ist doch bloß bei dreißig Grad, und nun denk dir

hundertundfünfzig! Da brauchte man ja nur einen Finger ans Beil zu

legen, und, ich denke, er wäre – wie nie gewesen ... wenn ein Beil nur

dorthin gelangen könnte ...“

„Kann denn ein Beil dorthin gelangen?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz

gedankenlos in der Zerstreutheit.

Er spannte seine ganze Kraft an, um seinen Fiebertraum nicht für

Wirklichkeit zu halten und nicht endgültig in Wahnsinn zu verfallen.

„Ein Beil?“ fragte der Gast verwundert.

„Nun ja, was würde dort mit einem Beil geschehen?“ bestand Iwan

Fedorowitsch eigensinnig und gereizt auf seiner Frage.

„Was mit einem Beil im Weltenraum geschehen würde? _Quelle idée!_ Wenn

es irgendwohin weiter fortgeriete, so, denke ich, würde es alsbald

anfangen, etwa in der Gestalt eines Trabanten um die Erde zu kreisen,

ohne selbst zu wissen, warum. Die Astronomen würden den Auf- und

Untergang des Beiles genau feststellen und alles Weitere berechnen. Man

würde es in den Kalender eintragen, und das wäre schließlich alles.“

„Du bist dumm, ganz furchtbar dumm!“ sagte Iwan widerwillig. „Sei doch

wenigstens etwas klüger, wenn du faselst, sonst werde ich nicht mehr

zuhören. Du willst mich durch Realismus besiegen, willst mich

überzeugen, daß du bist. Ich aber will nicht glauben, daß du bist! Und

ich werde es auch nicht!“

„Aber ich fasele doch gar nicht, das ist doch alles wahr. Leider pflegt

die Wahrheit immer etwas wenig geistreich zu sein. Du erwartest, wie ich

sehe, entschieden etwas Großes und vielleicht sogar Wundervolles von

mir. Das ist sehr schade, denn ich gebe doch nur das, was ich kann ...“

„Philosophiere nicht, Esel!“

„Wo ist denn da Philosophie, wenn meine ganze rechte Seite wie gelähmt

war und ich nur noch krächzend ach und weh stöhnen konnte! War natürlich

bei der ganzen Medizin: die Krankheit festzustellen, verstehen sie

vorzüglich, den ganzen Prozeß erzählen sie dir wie an den Fingern her,

schön, aber kurieren – das gibt’s nicht. Da stieß ich bei der

Gelegenheit auch auf so einen von den begeisterten Studenten. Der sagte

mir: ‚Wenn Sie auch sterben werden, so werden Sie dafür doch ganz genau

wissen, an welcher Krankheit Sie, im Grunde genommen, gestorben sind!‘

Und dann noch Ihre neue Angewohnheit, zu Spezialisten zu schicken: ‚Wir

stellen nur die Diagnose,‘ heißt es, ‚aber fahren Sie doch zu dem und

dem Spezialisten, der wird Sie dann schon kurieren.‘ Der frühere Doktor,

der alle Krankheiten kurierte, ist heutzutage ganz und gar verschwunden,

aber ganz, sag ich dir, jetzt gibt’s nur noch Spezialisten, die

fortwährend in den Zeitungen annoncieren. Nehmen wir an: Deine Nase ist

krank. Schön, man schickt dich nach Paris; dort, heißt es, ist ein

europäischer Spezialist, der nur Nasen kuriert. Du kommst nach Paris, er

untersucht deine Nase: ‚Ich kann Ihnen,‘ sagt er, ‚nur das rechte

Nasenloch kurieren, denn die linken Nasenlöcher kuriere ich nicht, das

ist nicht meine Spezialität, aber fahren Sie doch, wenn ich mit Ihnen

fertig bin, nach Wien, dort wird Ihnen ein besonderer Spezialist das

linke Nasenloch kurieren.‘ Was tun? Ich griff zu den Volksmitteln. Ein

alter deutscher Doktor riet mir, mich in der Badstube oben auf der

Schwitzbank mit Honig und Salz abzureiben. Ich ging natürlich, allein

schon, um ein überflüssiges Mal in die Badstube zu kommen, oder

richtiger, einzig und allein darum, schmierte mich vom Nacken bis zum

Hacken kräftig ein, aber von Nutzen – keine Spur. In meiner Verzweiflung

schrieb ich an den Grafen Mattei nach Mailand, der schickte mir ein Buch

und Tropfen, – Gott mit ihm. Und stell dir vor: Hoffs Malzextrakt half

schließlich! Ich kaufte ihn ganz zufällig, halb aus Versehen, trank

anderthalb Glas, und weg war alles, wie mit der Hand, ich hätte sofort

tanzen können. Ich beschloß sogleich, ihm meinen Dank durch die Zeitung

zu übermitteln. Jawohl: das Gefühl der Dankbarkeit war in mir zu Wort

gekommen. Und nun, was glaubst du wohl, daraus entstand wiederum eine

neue Geschichte: In keiner einzigen Redaktion wollte man meine

‚Danksagung‘ annehmen! ‚Es würde sich doch zu rückständig ausnehmen,‘

hieß es, ‚niemand wird daran glauben, _le diable n’existe point_. Lassen

Sie es doch anonym drucken.‘ Nun, dachte ich, was ist denn das für ein

Dank, wenn er anonym gesagt wird? Ich scherzte noch mit dem

Büropersonal: ‚Nur an Gott glauben,‘ sagte ich, ‚ist in unserem

Jahrhundert zu rückständig, ich aber bin doch der Teufel, an mich kann

man doch –!‘ ‚Sehr wohl,‘ sagten sie, ‚wer glaubt denn nicht an den

Teufel, aber es geht trotzdem nicht, es könnte der Richtung schaden.

Oder, es sei denn, daß wir es als Scherz brächten?‘ Nun, als Scherz,

dachte ich, wird es nicht geistreich sein. So ist es denn nicht gedruckt

worden. Und wirst du’s mir glauben, das liegt mir noch immer auf dem

Herzen. Selbst meine besten Gefühle, wie zum Beispiel die Dankbarkeit,

sind mir formell verboten, und zwar einzig und allein wegen meiner

sozialen Stellung.“

„Fängst du schon wieder mit deiner Philosophie an?“ Iwan knirschte

innerlich vor Haß.

„Gott bewahre mich davor! Aber es geht doch nicht, man muß sich doch

zuweilen auch ein bißchen beklagen dürfen. Ich bin arg verleumdet

worden. Da sagst du mir nun in jedem Augenblick, ich sei dumm. Daran

erkennt man sofort, daß du noch ein junger Mann bist. Mein Freund, es

kommt nicht immer nur auf den Verstand an. Ich habe von Natur ein gutes

Herz und heiteres Gemüt, – ‚ich habe ja doch auch schon etliche

Vaudevilles ...‘[28] Du scheinst mich ja entschieden für einen

altgewordenen Chlestakoff[29] zu halten, indessen ist mein Schicksal ein

viel ernsteres. Durch irgendeine zeitweilige Bestimmung, die mir

eigentlich bis jetzt noch nicht recht in den Schädel will, bin ich dazu

bestimmt, zu ‚verneinen‘, während ich doch aufrichtig gut und zur

Verneinung total unbegabt bin. ‚Nein, geh mal und verneine,‘ heißt es

da, ‚ohne Verneinung gibt’s keine Kritik. Was aber wäre denn das für

eine Zeitung, in der es keine kritische Abteilung gäbe? Ohne Kritik gäbe

es nichts als „Hosianna“. Fürs Leben aber ist „Hosianna“ allein zu

wenig, dieses „Hosianna“ muß vorher unbedingt durch den Schmelzofen der

Zweifel gegangen sein,‘ nun, und so weiter in dem Tone. Übrigens mische

ich mich in diese ganze Sache nicht hinein, denn, schließlich, was

geht’s mich an: nicht ich habe geschaffen, folglich trage auch nicht ich

die Verantwortung. Na ja, da hat man denn also den Sündenbock

ausgesucht, ihn gezwungen, in der ‚kritischen Abteilung‘ zu schreiben,

und so gab’s dann Leben. Wir begreifen diese Komödie: Ich, zum Beispiel,

verlange für mich einfach und geradezu Vernichtung. ‚Nein, du sollst

leben,‘ heißt es da, ‚denn ohne dich würde es nichts geben. Wenn alles

auf der Welt vernünftig wäre, so würde nichts geschehen. Ohne dich würde

sich nichts ereignen, es ist aber nötig, daß es Ereignisse gibt.‘ Und so

verbeiße ich denn meinen Ärger und diene, damit es Ereignisse gibt, und

schaffe auf Befehl Unvernünftiges. Die Menschen aber –, die nehmen, und

dazu noch bei ihrem unstreitigen Verstande, diese ganze Komödie für

etwas Ernsthaftes! Darin besteht denn auch ihre Tragödie. Nun, und sie

leiden natürlich, aber ... immerhin leben sie doch dafür, leben sie

realiter, und nicht nur in der Phantasie! Denn gerade das Leiden – das

ist ja das Leben. Was würde es ohne Leiden für Freuden geben, wo bliebe

da die Befriedigung? Alles würde sich in ein endloses Gebet verwandeln.

Zwar wäre das heilig, dafür aber auf die Dauer doch recht langweilig,

denke ich. Nun, und ich? Ich leide, aber ich lebe doch nicht. Ich bin

das _X_ in einer unbestimmten Gleichung. Ich bin irgendein Phantom des

Lebens, das alle Enden und Anfänge verloren, und schließlich sogar

selbst vergessen hat, wie es sich nennen soll. Du lachst ... nein, du

lachst nicht, du ärgerst dich schon wieder. Du ärgerst dich fortwährend,

du verlangst immer nur Kluges, ich aber kann dir nur sagen, daß ich

dieses ganze Weltenraumleben, alle Titel und Ehren hergeben würde, nur

um mich in die Seele einer sieben Pud schweren Kaufmannsfrau verkörpern

und Gott Lichte stellen zu können.“

„Also auch du glaubst nicht mehr an Gott?“ fragte Iwan mit gehässigem

Lachen.

„Das heißt, wie soll ich dir sagen, wenn du nur im Ernst ...“

„Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“ schrie Iwan plötzlich wie in

tierischer Wut auf.

„Ah, so fragst du im Ernst? Mein Lieber, bei Gott, ich weiß es nicht.

Sieh, da habe ich ein großes Wort ausgesprochen.“

„Du weißt es nicht und siehst doch Gott? Nein, du bist nicht ein Ding

für dich, du bist – _ich_, du bist _ich_ und sonst nichts! Schmutz bist

du, nichts als meine Phantasie bist du!“

„Das heißt, wenn du willst, bin ich mit dir ganz derselben ...

Philosophie, – das wäre der richtige Ausdruck, und auch im übrigen das

Richtige und Gerechte. _Je pense donc je suis_, das weiß ich bestimmt,

und was das übrige um mich herum betrifft, alle diese Welten, Gott, und

sogar der Teufel selbst, – das alles ist für mich nicht bewiesen: ob es

an und für sich, sozusagen selbständig besteht, oder einzig und allein

meine Emanation ist, die folgerichtige Entwicklung meines _Ich_, das

zeitweilig und individuell existiert ... mit einem Wort: ich breche

lieber kurz ab, denn es scheint, daß du sogleich aufspringen und mich

prügeln willst.“

„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan

krankhaft gequält.

„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu

unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine

Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch

nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns

sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer

Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun,

da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der

Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das

‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der

Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie

begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor

allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie

bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen!

Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser

‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem

Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei

uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren

Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure.

Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus

purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und

euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese.

Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und

Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen

Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte _directement_ in

Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht

vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten.

‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde

ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh

mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich

gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn

zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu

durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst

wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das

Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“

„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser

Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt.

„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies

und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die

geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn.

Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer

Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die

‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie

überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen

Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben

... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu

noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden

kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere

Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und

legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip

werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und

mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei

Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den

Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“

„Auf was legte er sich denn dort hin?“

„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich

hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“

„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er

hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt

noch?“

„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang,

da stand er plötzlich auf und ging.“

„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf –

schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um

sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt

denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion

Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“

„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier

bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon

längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“

„Wie das – angekommen? Wo hat er denn die Billion Jahre hergenommen?“

„Du denkst nun wieder an unsere jetzige Erde! Aber diese Erde hat sich

doch vielleicht selbst schon billionenmal wiederholt. Nun, sie hat sich

eben ausgelebt, ist vereist, ist gesprungen, auseinandergeplatzt, in

kleine Stücke zersprengt, hat sich in ihre Grundelemente zerlegt, dann

ward wieder ‚eine Feste zwischen den Wassern‘, und so weiter, dann

wieder ein Komet, wieder eine Sonne, aus der Sonne wieder eine Erde, –

aber diese Entwicklung hat sich doch vielleicht schon unzählige Mal

wiederholt, und immer genau in ein und derselben Form, alles bis aufs

Tüpfelchen genau so wie es war. Eine Langweile, sag ich dir, die

geradezu kränkend unanständig ist ...“

„Schön, schön, aber was geschah dann, als er ankam?“

„Tja, kaum hatte sich ihm das Paradies erschlossen, kaum war er

eingetreten, – versteh: noch war er keine zwei Sekunden im Paradiese

gewesen ... nach der Uhr berechnet, nach der Uhr (obgleich seine Uhr,

meiner Meinung nach, in seiner Tasche sich inzwischen schon in ihre

Grundelemente hätte auflösen müssen) – also, wie gesagt, er war noch

keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen, als er schon ausrief, daß man

für diese zwei Sekunden nicht nur eine Quadrillion, sondern

quadrillionmal eine Quadrillion Kilometer gehen könne, auch wenn man

diese womöglich noch in die quadrillionste Potenz erhöbe! Mit einem

Wort, er sang sein ‚Hosianna‘, verstand aber darin nicht maßzuhalten, so

daß dort einige von etwas edlerer Gesinnungsart ihm in der ersten Zeit

nicht einmal die Hand reichen wollten. Der war ihnen denn doch gar zu

eifrig zu den Konservativen übergegangen. Eine russische Natur. Wie

gesagt: eine Legende. Als was gekauft, als das verkauft. Das also wäre

noch so ein Beispiel von den bei uns verbreiteten Begriffen über diese

Dinge.“

„Jetzt habe ich dich gefangen!“ rief Iwan plötzlich mit geradezu

kindlicher Freude aus, als hätte er sich endlich einer bestimmten Sache

erinnert. „Diese Anekdote von den Quadrillion Jahren, – die habe ich mir

selbst ausgedacht! Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich war noch im

Gymnasium ... ich hatte damals diese Anekdote verfaßt und erzählte sie

darauf einem Mitschüler, Korowkin hieß er, das war in Moskau ... Diese

Anekdote ist so charakteristisch, daß ein anderer Autor ganz

ausgeschlossen ist! Ich hatte sie nur fast vergessen ... aber jetzt habe

ich mich ihrer unbewußt wieder erinnert, – sie ist mir ganz von selbst

wieder eingefallen, ich selbst habe mich ihrer erinnert, und nicht du

hast sie mir erzählt! Wie man sich eben zuweilen einer Sache unbewußt

erinnert, wie einem plötzlich tausend Dinge einfallen, selbst wenn man

zum Schafott geführt wird ... sie ist mir im Traum wieder eingefallen.

Und dieser Traum bist du! Ja, nichts als ein Traum bist du, du

existierst überhaupt nicht!“

Der Gentleman lachte:

„Gerade die Heftigkeit, mit der du mich ablehnst, sagt mir, daß du

trotzdem an mich glaubst.“

„Nicht im geringsten! Kein Hundertstel glaube ich!“

„Aber ein Tausendstel doch. Die homöopathischen Bruchteile sind ja

vielleicht gerade die stärksten. Gestehe nur, daß du, nun, sagen wir,

ein Zehntausendstel doch glaubst ...“

„Keinen Augenblick!“ fuhr Iwan jähzornig auf. „Übrigens ... wünschte

ich, an dich zu glauben!“ fügte er plötzlich sonderbar hinzu.

„Aha – a! Das ist mir mal ein Eingeständnis! Aber ich bin gutmütig, ich

werde dir auch hierbei helfen. Also höre: Ich habe dich gefangen, nicht

du mich! Ich habe dir absichtlich deine eigene Anekdote erzählt, die du

so gut wie vergessen hattest, damit du jeglichen Glauben an mich

verlörest.“

„Du lügst! Der Zweck deines Erscheinens ist, mich zu überzeugen ... daß

du bist.“

„Stimmt. Aber das Schwanken, das Zweifeln, die Unruhe, der Kampf des

Glaubens mit dem Unglauben, – das ist doch für einen gewissenhaften

Menschen, wie du zum Beispiel, mitunter eine solche Qual, daß er sich

lieber erhängt. Gerade weil ich weiß, daß du ein Körnchen Glauben an

mich hast, tröpfelte ich dir jetzt eine gehörige Portion Unglauben ein,

indem ich dir diese Anekdote erzählte. Ich lenke dich jetzt zwischen

Glauben und Unglauben abwechselnd hin und her, und verfolge dabei

natürlich meinen besonderen Zweck. Wie gesagt: eine neue Methode. Denn

sobald du endgültig jeden Glauben an mich verloren haben wirst, wirst du

sofort anfangen mir ins Gesicht zu versichern, daß ich kein Traum sei,

sondern wirklich existiere. Ich kenne dich doch. Und dann werde ich eben

mein Ziel erreichen. Mein Ziel aber ist ein edles. Ich werde nur ein

winziges Körnchen Glauben in dich werfen, und daraus wird eine Eiche

erwachsen, – und noch dazu solch eine Eiche, daß du, mit diesem Baume in

der Brust, dich noch zu den Einsiedlern und den makellosen Jungfrauen

wirst gesellen wollen, denn im geheimen willst du das, sogar sehr. Wirst

noch Heuschrecken essen und dich in die Wüste schleppen!“

„Ah! So mühst du Folterknecht dich um mein Seelenheil?“

„Man muß doch wenigstens irgend einmal auch ein gutes Werk tun. Aber

ärgern tust du dich – hü! Das tust du wahrlich, wie ich sehe.“

„Narr! ... Doch sag’: hast du schon einmal auch solche versucht, die nur

von Heuschrecken leben, siebzehn Jahre lang in der Wüste beten, mit Moos

bewachsen?“

„Mein Täubchen, das ist ja das einzige, was ich bis jetzt getan habe!

Die ganze Erde und alle Welten vergißt du, sag ich dir, wenn du dich

einmal an einen solchen geheftet hast! Ein solcher Brillant ist denn

doch gar zu kostbar. Eine einzige solche Seele ist mitunter ein ganzes

Sternbild wert! – wir haben doch unsere eigene Arithmetik. So ein Sieg

ist dann auch etwas teuer! Stehen doch einige von ihnen in ihrer

Entwicklung, bei Gott, nicht unter dir, wenn du mir das auch nicht

glauben wirst. Solche Abgründe von Glauben und Unglauben können sie in

ein und demselben Augenblick erfassen, daß, Hand aufs Herz, man zuweilen

meint, es fehlte nur noch ein Härchen, und der Mensch fliegt hinab –

‚kopfüber mit den Beinen in die Höh‘, wie der Schauspieler Gorbunoff

sagt.“

„Nun, und? Bist mit langer Nase abgezogen?“

„_Mon ami_,“ bemerkte der Gast belehrend, „mit einer langen Nase

abzuziehen, ist mitunter immerhin besser, als ganz ohne Nase, wie noch

vor kurzem ein kranker Marquis, den wahrscheinlich ein Spezialist

behandelt hatte, in der Beichte seinem Geistesvater, einem Jesuiten,

gestand. Ich war zugegen – ganz allerliebst, sag ich dir! ‚Pater,‘ ruft

er, ‚gebt mir meine Nase wieder!‘ und schlägt sich vor die Brust. –

‚Mein Sohn,‘ antwortet der alte Fuchs salbungsvoll, ‚alles geschieht

nach den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung, und großes Leid

zieht zuweilen einen großen, wenn auch uns Menschen zuerst unsichtbaren

Vorteil nach sich. Wenn ein strenges Geschick Sie Ihrer Nase beraubt

hat, so ergibt sich daraus für Sie wenigstens der Vorteil, daß Ihnen

hinfort niemand mehr wird sagen können, Sie seien mit einer langen Nase

abgezogen.‘ – ‚Heiliger Pater, das ist kein Trost!‘ ruft der

verzweifelte Marquis, ‚ich würde im Gegenteil überglücklich sein, mein

ganzes Leben lang jeden Tag mit einer langen Nase abzuziehen, wenn sie

nur an der richtigen Stelle säße.‘ – ‚Mein Sohn,‘ sagt der Pater

seufzend, ‚man darf nicht alle Erdengüter zugleich verlangen, das wäre

schon Murren wider die Vorsehung, die Sie selbst hierbei nicht vergessen

hat: denn wenn Sie so zum Herrn emporschreien, wie Sie es soeben getan

haben, daß Sie mit Freuden bereit wären, Ihr ganzes Leben lang mit

langer Nase abzuziehen, so hat die Vorsehung mittelbar auch diesen Ihren

Wunsch schon im voraus erfüllt: denn indem Sie Ihre Nase verloren, zogen

Sie doch gewissermaßen mit einer langen Nase ab ...‘“

„Pfui, wie dumm!“

„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir,

das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß

ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall

machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach

Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich

nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ...

Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste

Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen

Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so

eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren.

Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit

– daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater

durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter,

sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta

Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich

das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚_Ah, mon père_,‘

antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚_Ça lui fait tant de

plaisir et à moi si peu de peine!_‘ Nun, kannst du dir solch eine

Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der

Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die

leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und

wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder

zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er

bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein

Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die

Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon

wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich

nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“

„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht

loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen

seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll!

Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“

„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht

‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir

uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du

ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht

irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten

Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt

vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen

Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu

einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir

steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so

verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin

zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum

Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im

Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne

auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du

hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich

gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne

anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und

immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich

erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand

betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem

Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets

nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich

dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in

der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute

wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel

einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen

Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die

‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von

dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich

schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor

einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon

drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen

... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch

empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste

Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen

Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich

im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es

würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis

würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus

Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung

gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu

bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch,

mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn

nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht

ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt

den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten,

denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf

mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses

Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich,

daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein

‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige

Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit,

versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen

Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja,

daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion

abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle

ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist:

Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel

Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen

verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem

man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat!

Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich

zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt

ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht,

welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“

„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in

meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande

durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das

trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“

„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein

mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel

zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus?

Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton _à la_ Heine, wie, du

findest das nicht?“

„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen

solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“

„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen

Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und

Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der

Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“

„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“

unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham.

„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst

du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“

„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“

„Wen, mich willst du totschlagen? Nein, erlaub schon, daß ich mich

ausspreche. Deswegen bin ich ja überhaupt gekommen, um mir dieses

Vergnügen zu bereiten. Oh, ich liebe über alles die lodernden

Gedankenillusionen meiner stolzen, jungen, vor Lebensdurst bebenden

Freunde! ‚Dort gibt es neue Menschen,‘ dachtest du noch im vorigen

Frühling, als du dich hierher aufmachtest, ‚sie beabsichtigen alles zu

zerstören und wieder bei der Menschenfresserei zu beginnen. Die Toren,

warum haben sie _mich_ nicht gefragt! Wozu da so mühevoll zerstören! Das

ist ja völlig überflüssig! Man brauchte doch nur einfach die Gottidee in

der Menschheit zu vernichten, und alles würde nach Wunsch gehen! Das ist

es, das allein ist es, womit man beginnen muß. Diese Blinden aber, die

verstehen ja überhaupt nichts. Hat die Menschheit sich erst einmal ganz

und gar, das heißt, ausnahmslos von Gott losgesagt (und ich glaube

daran, daß diese Periode, als Parallele zu den geologischen Perioden,

eintreten wird), so wird die frühere Weltanschauung, und vor allem die

ganze frühere Sittlichkeit – ohne jede Menschenfresserei ganz von selbst

fallen und dem Neuen Platz machen. Die Menschen werden sich zusammentun,

um alles aus dem Leben zu ziehen, was daraus nur zu ziehen ist, doch

unbedingt einzig und allein zum Zweck des Glückes und der Freude bloß

hier in dieser Welt. Der Geist des Menschen wird sich in göttlichem,

titanischem Stolz erheben, und dann wird der Menschgott erstehen. Indem

er allstündlich und dann bereits grenzenlos die Natur durch seinen

Willen und durch die Wissenschaft besiegt, wird er auf diese Weise

allstündlich eine so hohe Befriedigung empfinden, daß sie ihm alle

früheren Hoffnungen auf die himmlischen Befriedigungen ersetzen wird.

Ein jeder wird wissen, daß er ganz und gar, daß er restlos sterblich

ist, daß es keine Auferstehung gibt, und er wird den Tod stolz und ruhig

wie ein Gott hinnehmen. Schon allein aus Stolz wird er einsehen, daß er

nicht darüber zu murren hat, daß das Leben nur einen Augenblick währt,

und er wird seinen Bruder lieben ohne die Bedingung der Gegenliebe. Die

Liebe wird nur während des Lebensaugenblicks andauern, dafür aber wird

das Bewußtsein ihrer Kürze ihr Feuer um ebensoviel verstärken, als es

früher in der Hoffnung auf die endlose Liebe im Jenseits verdünnt wurde‘

... nun und so weiter in der Art. Ganz allerliebst!“

Iwan saß, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und blickte zu

Boden, doch allmählich fing er an, am ganzen Körper zu zittern. Die

Stimme fuhr fort.

„Die Frage besteht jetzt also nur darin, dachte mein junger Denker: ob

es möglich ist, daß eine solche Periode jemals anbricht, oder ob das

ausgeschlossen ist. Wenn sie anbricht, so ist alles gelöst, und die

Menschheit wird sich endgültig einrichten. Da dies aber, im Hinblick auf

die in der Menschheit eingewurzelte Dummheit, vielleicht noch, nun ja,

ganze tausend Jahre zum Durchdringen erfordern wird, so ist einem jeden,

der schon jetzt die Wahrheit erkennt, im Grunde gestattet, sich völlig

nach eigenem Gutdünken einzurichten, also nach neuen Grundsätzen. In

diesem Sinne ist ihm ‚alles erlaubt‘. Und damit noch nicht genug: Selbst

wenn diese Periode niemals anbrechen sollte, so ist doch, da es ja Gott

und Unsterblichkeit sowieso nicht gibt, diesem neuen Menschen vollkommen

erlaubt, Menschgott zu werden, wenn auch nur er allein in der ganzen

Welt es wird. Und der kann sich dann in diesem neuen Range, versteht

sich, mit leichtem Herzen über jede sittliche Schranke des früheren

Knechtmenschen hinwegsetzen, wenn es nötig sein sollte. Für einen Gott

gibt es kein Gesetz! Wohin Gott sich stellt – dort ist der Platz schon

Gottes. Wohin ich mich stellen werde, dort wird sofort der erste Platz

sein ... ‚Alles ist erlaubt‘ und damit – Punktum! Das alles ist ja sehr

nett; nur fragt es sich, sollte man meinen, wozu er, wenn er nun einmal

gaunern will, – wozu er da noch die Sanktion der Wahrheit haben will? –

Aber so ist ja unser zeitgenössischer Russe: Ohne Sanktion kann er sich

nicht einmal zu Schurkereien entschließen, dermaßen hat er die Wahrheit

liebgewonnen ...“

Der Gast ließ sich offenbar immer mehr durch seine Schönrednerei

fortreißen, jedenfalls erhob er die Stimme immer lauter und begann

sogar, spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; er konnte aber seine

Rede nicht zu Ende sprechen: Iwan ergriff plötzlich wutbebend das Glas

vom Tisch und schleuderte es auf den Redner.

„_Ah, mais c’est bête enfin!_“ rief jener aus, indem er vom Diwan

aufsprang und mit den Fingern die Teespritzer von seinem Rock abknipste.

„Da ist ihm Luthers Tintenfaß eingefallen! Selbst hält er mich für einen

Traum und wirft dabei mit Teegläsern nach mir! Das ist ja Weiberart!

Also hab ich richtig vermutet, daß du dich nur so anstelltest, als

hieltest du dir die Ohren zu, in Wirklichkeit aber zuhörtest ...“

Ein starkes und beharrliches Klopfen an den Fensterrahmen wurde

plötzlich von draußen her hörbar. Iwan Fedorowitsch sprang vom Diwan

auf.

„Hörst du, mach lieber auf,“ rief der Gast aus, „das ist dein Bruder,

Aljoscha, mit der allerunerwartetsten und wichtigsten Nachricht, dafür

bürge ich dir!“

„Schweig, Betrüger, ich wußte früher als du, daß es Aljoscha ist, ich

habe ihn vorausgefühlt und ... selbstverständlich kommt er nicht umsonst

... ich weiß, daß er mit einer ‚Nachricht‘ kommt!“ rief Iwan wie außer

sich, wie rasend.

„So mach doch auf, mach auf! Draußen tobt der Schneesturm, er aber ist

doch dein Bruder. _Monsieur, sait-il aussi le temps qu’il fait? C’est à

ne pas mettre un chien dehors_ ...“

Das Klopfen dauerte fort. Iwan wollte schon zum Fenster stürzen, doch

plötzlich war ihm, als wären seine Füße und Arme gefesselt. Er strengte

sich aus allen Kräften an, wie um seine Fesseln zu zerreißen, aber

vergeblich. Das Klopfen an den Fensterrahmen wurde immer stärker und

lauter. Endlich: plötzlich zerrissen die Fesseln, und Iwan Fedorowitsch

sprang auf vom Diwan. Er blickte sich wild im Zimmer um. Die beiden

Lichter waren fast schon ganz heruntergebrannt, das Glas, mit dem er

soeben nach seinem Gast geworfen hatte, stand vor ihm auf dem Tisch, und

auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand saß – niemand. Das Klopfen

an den Fensterrahmen dauerte zwar noch fort, aber es war doch lange

nicht so laut, wie es ihm kurz vorher im Traume geschienen hatte. Im

Gegenteil, es wurde sogar sehr vorsichtig geklopft.

„Das war kein Traum! Nein, ich schwöre es, das war kein Traum, das war,

das war doch Wirklichkeit!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. Darauf schritt

er zum Fenster und öffnete es.

„Aljoscha, ich habe dir doch verboten, zu mir zu kommen!“ rief er

wutbebend dem Bruder zu. „Sage in zwei Worten: was willst du? In zwei

Worten, verstanden?“

„Vor einer Stunde hat Ssmerdjäkoff sich erhängt,“ antwortete Aljoscha

von draußen.

„Geh zur Treppe, ich werde dir sofort aufmachen,“ sagte Iwan und ging

zur Eingangstür, um Aljoscha hereinzulassen.

X.

„Das hat Er gesagt!“

Als Aljoscha eingetreten war, teilte er Iwan Fedorowitsch mit, daß vor

etwas mehr als einer Stunde Marja Kondratjewna atemlos bei ihm

erschienen sei, mit der Nachricht, daß Ssmerdjäkoff sich das Leben

genommen habe. „Ich ging hinein, um den Ssamowar abzuräumen, er aber

hängt an der Wand am Nagel.“ Auf Aljoschas Frage, ob sie es schon der

Polizei gemeldet habe, habe sie geantwortet: „Nein, noch nicht,

niemandem, ich lief sofort los, ganz zuerst hierher zu Ihnen, zu Ihnen

ganz zuerst, und ich lief so schnell ich konnte.“ Sie sei wie halb

wahnsinnig gewesen, erzählte Aljoscha, und habe gezittert wie ein

Espenblatt. Als Aljoscha mit ihr zusammen hingeeilt war, in die Hütte am

Rande der Stadt, da hatte Ssmerdjäkoff immer noch an der Wand gehangen.

Auf dem Tisch habe ein Zettel gelegen, auf den er geschrieben hatte:

„Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um niemanden zu

beschuldigen.“ Aljoscha hatte den Zettel genau so auf dem Tische

zurückgelassen, wie er ihn gefunden hatte, und war dann geradeswegs zum

Polizeichef gegangen, um ihn vom Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, –

„und von ihm kam ich sofort zu dir,“ schloß Aljoscha, der aufmerksam

Iwan ins Gesicht blickte. Und die ganze Zeit, während der er erzählt

hatte, hatte er keinen Blick von ihm abgewandt, als hätte ihn etwas,

vielleicht ein gewisser Ausdruck im Gesicht des Bruders, betroffen

gemacht.

„Bruder,“ rief Aljoscha plötzlich ganz erschrocken, „du bist bestimmt

schwer krank! Du stehst da und siehst aus, als wenn du überhaupt nicht

verstündest, was ich spreche.“

„Das ist gut, daß du gekommen bist,“ sagte Iwan, wie in Gedanken

versunken, und als hätte er Aljoschas Ausruf gar nicht gehört. „Aber ich

wußte ja, daß er sich erhängt hat.“

„Durch wen?“

„Ich weiß nicht, durch wen. Aber ich wußte es. Wußte ich es? Ja, er

hatte es mir gesagt. Vor kurzem noch sagte er es mir ...“

Iwan stand mitten im Zimmers, und sein Blick haftete am Boden: er sprach

immer noch wie in Gedanken versunken.

„Welcher er?“ fragte Aljoscha und sah sich unwillkürlich um.

„Er ist entwischt.“

Iwan erhob den Kopf und lächelte still.

„Du hast ihn erschreckt, du Taube du. Du bist ein ‚reiner Cherub‘.

Dmitrij nennt dich einen Cherub. Cherub ... Der Donnerschrei des

Entzückens der Seraphim! Was ist ein Seraph? Vielleicht ein ganzes

Sternbild. Vielleicht ist dieses ganze Sternbild aber auch nichts weiter

als irgendein chemisches Molekül ... Gibt es ein Sternbild des Löwen und

der Sonne, weißt du – das vielleicht?“

„Bruder, setz dich!“ sagte Aljoscha angstvoll. „Um Gottes willen, setz

dich auf den Diwan. Du redest irre, leg dich hierher aufs Kissen, sieh

so. Willst du nicht, daß ich dir ein feuchtes Handtuch um den Kopf lege?

Vielleicht würde es dir davon besser werden?“

„Gib es her, es muß hier auf dem Stuhl liegen, ich warf es vorhin fort.“

„Hier ist es nicht. Aber beunruhige dich nicht, ich weiß schon, wo es

hängt, da ist es,“ sagte Aljoscha, der in der anderen Ecke des Zimmers

auf dem Toilettentisch ein reines, noch zusammengefaltetes, noch nicht

benutztes Handtuch fand.

Iwan sah das Handtuch sonderbar an; seine Besinnung schien im Augenblick

zurückzukehren.

„Wart!“ Er erhob sich. „Ich habe doch vorhin, vor etwa einer Stunde,

dieses selbe Handtuch von dort, von demselben Platz genommen, mit Wasser

angefeuchtet und mir um den Kopf gelegt, und dann habe ich es hierher

auf den Stuhl geworfen ... wie kann es jetzt trocken sein? Ein anderes

war nicht da.“

„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha.

„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die

Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“

„Bald wird es zwölf sein.“

„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er

war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest,

warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe

auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum!

Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ...

aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie

sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe

ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist

unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf

und begann wieder auf und ab zu schreiten.

„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange.

„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist

er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich

damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur

ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen,

von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er

ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner

Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst

sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen,

wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ...

Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm,

willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den

Ssamowar anmachen lassen. _C’est à ne pas mettre un chien dehors_ ...“

Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser,

beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch

um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn.

„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr

gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie.

Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die

fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen

aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht

Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie!

Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der

Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha,

daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit

nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht

nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß

Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“

„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte

Aljoscha.

„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht.

Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich

liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er

aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige,

alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘,

er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist

unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau,

tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte

mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und

damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich

betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich

selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt

du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu,

„ich wünschte, daß _er_ wirklich er wäre und nicht ich!“

„Er hat dich müdgequält,“ sagte Aljoscha, der den Bruder voll Mitleid

ansah.

„Geneckt hat er mich! Und weißt du, geschickt hat er es getan,

unglaublich geschickt. ‚Das Gewissen! Was ist das Gewissen? Ich mache es

selbst. Warum aber quäle ich mich dann? Aus Gewohnheit. Aus universaler

menschlicher Gewohnheit, die den Menschen seit mehr als siebentausend

Jahren im Blute sitzt. So laßt uns doch endlich uns davon entwöhnen und

seien wir Götter.‘ – Das hat _er_ gesagt, das hat _er_ gesagt!“

„Und nicht du? Nicht du?“ rief Aljoscha unwillkürlich aus und blickte

dem Bruder hell in die Augen. „Nun, dann laß ihn, vergiß ihn, versuch,

ihn ganz zu vergessen! Mag er alles mit sich fortnehmen, was du jetzt

verfluchst, mag er dann nie mehr wiederkommen!“

„Ja, aber er ist boshaft. Verspottet hat er mich, Aljoscha. Frechheiten

hat er sich mir gegenüber erlaubt!“ sagte Iwan, gleichsam zuckend unter

dem Schmerz der Kränkung. „Doch er hat mich verleumdet, in vielem hat er

mich verleumdet. Mir ins Gesicht log er über mich, – über mich, mir ins

Gesicht! ‚Oh, du gehst jetzt hin und wirst eine Heldentat der Tugend

vollführen, du wirst erklären, daß du den Vater erschlagen hast, daß der

Lakai auf dein Geheiß den Vater erschlagen habe‘ ...“

„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, „besinne dich: nicht du hast ihn

erschlagen. Das ist nicht wahr, was du sagst!“

„Das sagt er, er, und er weiß das. ‚Du gehst hin und wirst eine

Heldentat der Tugend ausführen, glaubst aber dabei gar nicht an die

Tugend – das ist es, was dich erbost und quält, deswegen bist du auch so

rachsüchtig.‘ – Das hat _er_ mir über mich gesagt, er aber weiß, was er

sagt ...“

„Das sagst du, aber nicht er!“ rief Aljoscha bekümmert dazwischen. „Und

du sprichst im Fieber, im Wahnsinn, du quälst dich!“

„Nein, er weiß, was er sagt. Aus Stolz sagt er, aus Stolz wirst du

hingehen, du wirst dich hinstellen und sagen: ‚_Ich_ bin es, der ihn

erschlagen hat! Warum windet ihr euch vor Entsetzen? Ihr lügt! Ich

verachte eure Meinung, verachte euer Grauen!‘ – Das sagt er von mir, und

plötzlich fügt er hinzu: ‚Aber weißt du, im geheimen willst du, daß sie

dich dafür loben: ein Verbrecher ist er, ein Mörder, aber was für

hochherzige Gefühle er hat, er wollte seinen Bruder retten, und da ging

er hin und bekannte sich als den Schuldigen!‘ Doch dies, Aljoscha, dies

ist eine so gemeine Lüge, sag ich dir!“ schrie Iwan plötzlich aus sich

heraus, und seine Augen glühten drohend. „Ich will nicht, daß diese

Leibeigenen mich loben! Das hat er gelogen, Aljoscha, das hat er

gelogen, das schwöre ich dir! Dafür warf ich ihm dieses Glas in die

Fratze, und es zerschlug an seinem Gebiß ...“

„Wanjä, beruhige dich, höre auf!“ flehte Aljoscha angstvoll.

„Nein, er versteht es, einen zu foltern, grausam ist er!“ fuhr Iwan

fort, ohne auf Aljoscha zu hören. „Ich habe es immer geahnt, warum er

kommt. ‚Nun gut,‘ sagt er, ‚du gehst aus Stolz, aber es war doch immer

noch die Hoffnung vorhanden, daß Ssmerdjäkoff überführt und als

Zwangsarbeiter verschickt und Mitjä freigesprochen wird, und daß man

dich nur _moralisch_ verurteilt – (hörst du, Aljoscha, bei diesem Worte

lachte er!) – die anderen aber werden dich trotzdem loben. Nun aber ist

Ssmerdjäkoff gestorben, hat sich erhängt, wer wird jetzt noch von den

Richtern dir allein aufs Wort hin glauben? Aber du gehst doch, du gehst

ja hin, du wirst ja sowieso hingehen, du hast doch beschlossen

hinzugehen. Aber sag doch, warum und wozu gehst du denn nach alledem

eigentlich noch hin?‘ Furchtbar ist das, Aljoscha, solche Fragen kann

ich nicht ertragen, Aljoscha! Wer wagt es, mir solche Fragen

vorzulegen?“

„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, fast vergehend vor Angst, doch immer

noch in der Hoffnung, Iwan zur Vernunft zu bringen, „wie konnte er dir

denn von Ssmerdjäkoffs Selbstmord Mitteilung machen, wenn noch niemand

etwas davon wußte? Und es war ja doch noch viel zu wenig Zeit vergangen,

als daß es jemand schon hätte wissen können ...“

„Er hat aber davon gesprochen, er sagte es mir,“ behauptete Iwan kurz,

ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen. „Wenn du willst, hat er

überhaupt nur davon gesprochen. ‚Ich will nicht sagen, wenn du an die

Tugend glaubtest,‘ sagte er, ‚wenn du dir sagtest: so mag man mir nicht

glauben, ich gehe aus Überzeugung, aus Prinzip. Aber du bist doch ein

Schwein, wie Fedor Pawlowitsch, was ist dir Tugend? Wozu also schleppst

du dich hin, wenn dein Opfer zu nichts nütze ist? Ganz einfach, weil du

selbst nicht weißt: warum und wozu! Oh, viel würdest du darum geben,

wenn du wüßtest, wozu du gehst! Und du glaubst, du habest dich schon

entschlossen? Du hast dich also noch nicht entschlossen? Ich sage dir:

Du wirst die ganze Nacht sitzen und dich fragen: soll ich oder soll ich

nicht? Aber du wirst trotzdem gehen, und du weißt, daß du gehen wirst,

weißt selbst, daß – zu was du dich auch entschließen solltest – die

Entscheidung nicht mehr von dir abhängt. Du wirst gehen, weil du nicht

wagen wirst, nicht zu gehen. Warum du es nicht wagen wirst – das errate

nun selbst, da hast du jetzt ein Rätsel!‘ Er stand auf und ging. Du

kamst, er aber ging fort. Aljoscha, er nannte mich einen Feigling! _Le

mot de l’énigme_ –: daß ich ein Feigling bin! ‚Denn wahrlich, anders

sind jene Adler geartet, die sich über die Erde erheben und

emporschwingen können!‘ Das fügte er noch hinzu, das hat er noch

hinzugefügt! Und Ssmerdjäkoff hat dasselbe gesagt! ... Man muß ihn

totschlagen! Katjä verachtet mich, das sehe ich schon seit einem ganzen

Monat, und auch Lisa wird anfangen, mich zu verachten! ‚Du gehst, damit

man dich lobe,‘ – das ist eine tierische Lüge! Und du verachtest mich

gleichfalls, Aljoscha. Jetzt hasse ich dich wieder! Und den Auswurf

hasse ich, den Auswurf, den Auswurf, das Ungeheuer!! Ich will das

Scheusal nicht retten, mag es dort in Sibirien unter der Erde verfaulen!

Er singt die Hymne! Oh, morgen werde ich hingehn, werde mich vor sie

stellen und ihnen allen in die Augen speien!“

Außer sich sprang er auf, schleuderte das Handtuch fort und begann von

neuem auf und ab zu gehen. Aljoscha fielen seine Worte ein, die er kurz

vorher gesagt hatte: „Als ob ich im Wachen schliefe ... Ich gehe,

spreche und sehe, dabei aber schlafe ich.“ Genau so geschah es auch

jetzt: er ging, sah und sprach, als wenn er im Wachen schlief. Aljoscha

verließ ihn nicht. Ihm kam wohl der Gedanke, zum Arzt zu laufen und

diesen herzubringen, aber er wagte nicht, den Bruder allein zu lassen.

Iwan schien allmählich die Besinnung zu verlieren. Er sprach

ununterbrochen weiter, doch seine Rede war schon ganz zusammenhanglos.

Zuletzt konnte er die Worte nur mit Mühe und nur noch undeutlich

aussprechen, und plötzlich wankte er stark. Doch Aljoscha gelang es, ihn

noch zur rechten Zeit zu stützen. Iwan ließ sich zum Bett führen,

Aljoscha entkleidete ihn, so gut es ging, und deckte ihn zu. Darauf saß

er noch etwa zwei Stunden lang am Bett und wachte. Der Kranke schlief

fest, regungslos, und atmete leise und gleichmäßig. Da nahm Aljoscha ein

Kissen und legte sich in den Kleidern auf den Diwan hin. Vor dem

Einschlafen betete er noch für Mitjä und für Iwan. Jetzt wurde ihm auch

Iwans Krankheit klar: „Die Qualen eines stolzen Entschlusses, ein tiefes

Gewissen!“ Der Gott, an den er nicht glaubte, und seine Wahrheit hatten

das Herz bewältigt, das sich noch immer nicht hatte ergeben wollen.

„Ja,“ ging es Aljoscha durch den Sinn, als sein Kopf schon auf dem

Kissen lag, „da Ssmerdjäkoff jetzt tot ist, wird niemand mehr dieser

Aussage Iwans glauben; aber er wird hingehen und so aussagen!“ Aljoscha

lächelte still: „Gott wird siegen!“ dachte er. „Entweder wird er im

Licht der Wahrheit auferstehen oder ... im Haß untergehen, und sich

dabei an sich selbst und an allen dafür rächen, daß er dem gedient hat,

woran er nicht glaubt,“ fügte Aljoscha bitter und schmerzlich hinzu und

betete nochmals für Iwan.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 34 / 40 题