„Ich weiß. Hol mich der Teufel dafür, daß ich so einen Charakter habe.

Ich wurde eifersüchtig. Als sie fortging, bereute ich es und küßte sie.

Um Verzeihung bat ich nicht.“

„Warum hast du das nicht getan?“ fragte Aljoscha vorwurfsvoll.

Mitjä lachte plötzlich fast heiter auf.

„Gott behüte dich davor, du lieber Junge, daß du jemals wegen einer

Schuld das geliebte Weib um Verzeihung bittest! Besonders gilt das vom

geliebten Weibe, gerade vom geliebten Weibe, wie groß deine Schuld auch

vor ihr sein mag! Denn das Weib – das ist, Bruder, – weiß der Teufel,

was das ist, aber ich kenne sie doch gründlich, das weiß Gott! Versuche

einmal, deine Schuld einzugestehen, soundso, es war schlecht von mir,

verzeih, vergib – dann hagelt es Vorwürfe! Unter keiner Bedingung wird

sie einfach und sofort verzeihen, sie wird dich zum Lappen erniedrigen,

wird dir alles vorzählen, selbst das, was gar nicht gewesen ist, alles

wird sie wieder herauskratzen, nichts wird sie vergessen, wird noch

vieles von sich hinzufügen, und dann erst wird sie verzeihen. Und das

ist noch die beste, die beste von allen! Das letzte wird sie dir noch

abschaben und dann alles über dein armes Haupt schütten – so eine, sage

ich dir, so eine Lust am Menschenschinden steckt in ihnen, in allen ohne

Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die zu leben uns unmöglich ist! Sieh,

mein Täubchen, ich sage es dir aufrichtig und überzeugt: Jeder

anständige Mann muß sich unter dem Pantoffel eines Weibes befinden. Das

ist meine Überzeugung; das heißt, nicht Überzeugung, aber so mein

Gefühl. Der Mann muß großmütig sein, das aber besudelt keinen. Selbst

einen Helden erniedrigt das nicht, selbst einen Cäsar nicht! Nun, aber

um Verzeihung bitte du trotzdem niemals und um keinen Preis. Behalte

diese Lehre: die gibt dir dein Bruder Mitjä, der sich wegen der Weiber

zugrunde gerichtet hat. Nein, ich werde ihr lieber, ohne um Verzeihung

zu bitten, etwas recht Liebes tun. Ich bete sie an! Alexei, wenn sie vor

mir steht, überkommt es mich immer wie Andacht! Nur sieht sie das nicht.

Nein, es ist immer noch zu wenig Liebe für sie. Und wie sie mich quält!

Mit ihrer Liebe quält sie mich. Früher! Früher quälten mich nur ihre

Launen, das Infernale an ihr, jetzt aber habe ich ihre ganze Seele in

meine Seele aufgenommen und bin durch sie zum Menschen geworden! Wird

man uns auch trauen? Sonst sterbe ich vor Eifersucht. Jeden Tag sehe ich

denn auch ein neues Gespenst ... Was hat sie dir über mich gesagt?“

Aljoscha erzählte alles, was Gruschenka ihm gesagt hatte. Mitjä hörte

aufmerksam zu, fragte vieles zweimal und war schließlich zufrieden.

„So ärgert sie sich denn nicht darüber, daß ich eifersüchtig war?“

fragte er freudig. „Ein echtes Weib! – ‚Ich habe selbst ein grausames

Herz.‘ Ach, wie ich diese Menschen liebe, die solche Herzen haben! Aber

ich dulde nicht, daß man auf mich eifersüchtig ist, das erlaube ich

nicht! Werden uns streiten. Aber lieben – lieben werde ich sie

unendlich! Wird man uns auch trauen? Werden denn Zwangsarbeiter auch

getraut? Das ist die Frage. Ohne sie aber kann ich nicht leben ...“

Mitjä schritt finster auf und ab. Es war schon fast ganz dunkel im

Zimmer. Er wurde plötzlich eigentümlich unruhig und besorgt.

„Also ein Geheimnis, sagt sie, ein Geheimnis hätten wir? Also alle drei

sollen wir uns gegen sie verschworen haben, und ‚Katjka‘ soll

dahinterstecken? Nein, Freund Gruschenka, das ist es nicht. Hierin hast

du dich getäuscht, hast es so echt auf Frauenart getan! Aljoscha,

Liebling ... ich werde dir unser Geheimnis sagen ... einerlei, was draus

wird!“

Er blieb stehen, blickte sich nach allen Seiten um und trat dann schnell

dicht an Aljoscha, der nicht weit von ihm stand, heran und flüsterte ihm

mit geheimnisvoller Miene ganz leise zu, obgleich sie niemand hören

konnte: Der alte Wächter schlief in der Ecke auf der Bank, und bis zu

den wachestehenden Soldaten konnte kein Laut dringen.

„Ich werde dir unser ganzes Geheimnis aufdecken!“ flüsterte Mitjä eilig.

„Ich wollte es zuerst später tun, wenn das Urteil schon gesprochen ist,

denn wie könnte ich mich ohne deine Zustimmung zu etwas entschließen? Du

bist mir alles. Wenn ich auch sage, daß Iwan höher steht als wir, so

bist doch du mein Schutzgeist. Was du sagst, wird geschehen, das werde

ich tun. Vielleicht aber bist gerade du der höhere Mensch und nicht

Iwan. Sieh, hier handelt es sich um eine Gewissenssache, eine höhere

Gewissenssache, – ein Beschluß von solcher Wichtigkeit, daß ich selbst

nie damit zurechtkommen werde, und so habe ich es denn hinausgeschoben,

bis du entscheidest. Und außerdem ist es jetzt noch zu früh, man muß

zuerst das Urteil abwarten. Werde ich verurteilt, gut, dann entscheide

du. Jetzt aber entscheide noch nicht; ich werde dir sogleich alles

sagen, du wirst alles erfahren, aber du entscheide jetzt noch nicht.

Höre und schweige. Ich werde dir nicht alles ausführlich erklären, – ich

werde dir nur die Idee im großen ganzen aufdecken, ohne Details, – du

aber schweige. Keine Frage, keine Bewegung! Bist du damit einverstanden?

Aber deine Augen, Herrgott, wohin mit denen? Ich fürchte, daß deine

Augen das Urteil sprechen werden, selbst wenn du schweigst. Ich habe

Angst! Aljoscha, hör jetzt: Iwan schlägt mir vor, zu _entfliehen_. Die

Einzelheiten zum Teufel, die sage ich jetzt nicht, – alles ist

vorgesehen, es kann ganz ohne Hindernisse gemacht werden. Schweig,

entscheide noch nicht! Nach Amerika mit Gruscha! Ich kann doch ohne sie

nicht mehr leben! Nun, versteh, wenn man sie nun dort, in Sibirien,

nicht zu mir läßt? Werden denn Zwangsarbeiter getraut? Iwan sagt: Nein.

Aber was werde ich denn dort ohne Gruschenka allein unter der Erde mit

dem Hammer machen? Ich werde mir doch den Schädel mit diesem Hammer

einschlagen! Nun aber andererseits – das Gewissen? Dann bin ich doch vor

dem Leiden geflohen! Mir ward ein Fingerzeig Gottes – ich folgte ihm

nicht; mir ward ein Weg der Läuterung gezeigt – ich machte linksum

kehrt. Iwan sagt, daß man in Amerika ‚bei guten Vorsätzen‘ mehr Nutzen

bringen könne als unter der Erde. Aber wo wird dann noch unsere

unterirdische Hymne zu Gott emporgesungen werden? Was ist denn Amerika,

– das ist doch wieder eitle Sorge um Erwerb. Und es gibt auch viel

Schurken, denke ich, in Amerika. Und ich bin dann vor der Kreuzigung –

fortgelaufen! Ich sage das dir, Alexei, weil doch nur du allein das

verstehen kannst, außer dir aber niemand. Für die anderen sind das

Dummheiten, krankhafte Hirngespinste, alles das, was ich dir von der

unterirdischen Hymne gesagt habe. Man wird sagen, ich sei verrückt

geworden oder sei ein Esel. Aber ich bin nicht verrückt, ich bin weder

das eine noch das andere. Oh, auch Iwan begreift die Hymne, oh, er

begreift das alles vorzüglich, nur antwortet er mir darauf nicht, er

schweigt. Er glaubt nicht an die Hymne. Sprich nicht, sprich nicht, ich

sehe doch, was deine Augen sagen. Du hast ja schon entschieden!

Entscheide nicht, hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht, ich kann nicht

ohne Gruscha leben – wart bis das Urteil gesprochen ist!“

Mitjä sprach flehend, sprach wie ein Wahnsinniger. Er hielt Aljoscha mit

beiden Händen an den Schultern gepackt, hielt ihn wie mit Klammern fest,

und sein gleichsam entzündeter Blick hing flehend, bittend an den Augen

des Bruders.

„Werden denn Zwangsarbeiter getraut?“ wiederholte er zum drittenmal

angstvoll seine Frage.

Aljoschas Herz klopfte stark, und er hörte ihm in ungewöhnlicher

Spannung zu.

„Sag mir nur eines: Besteht Iwan sehr darauf?“ fragte er stockend. „Und

wer hat sich das zuerst ausgedacht?“

„Er, er hat es sich ausgedacht, er besteht darauf! Zuerst kam er

überhaupt nicht zu mir, und da plötzlich kam er, vor einer Woche

ungefähr, und begann gleich damit. Er besteht unglaublich hartnäckig

darauf. Er bittet nicht, sondern befiehlt. Er zweifelt nicht an meiner

Folgsamkeit, ungeachtet dessen, daß ich ihm, so wie jetzt dir, mein

ganzes Herz aufgedeckt und auch von der ‚Hymne‘ gesprochen habe. Er hat

mir alles genau erklärt, wie er es machen wird, er hat sich peinlich

orientiert, aber davon später. Geradezu krankhaft will er es. Die

Hauptsache ist dabei natürlich das Geld: zehntausend, sagt er, gibt er

für die Flucht, und zwanzigtausend für Amerika; für zehntausend, sagt

er, wird uns die Flucht ohne jede Schwierigkeit gelingen.“

„Und er hat befohlen, daß mir nichts davon gesagt werde?“ fragte

Aljoscha nochmals.

„Keinem Menschen ein Wort, vor allem aber dir nicht, dir unter keiner

Bedingung! Er fürchtet wahrscheinlich, daß du wie das Gewissen vor mir

stehen würdest. Sag es ihm nicht wieder, daß ich es dir mitgeteilt habe!

Sag es ihm bitte nicht!“

„Du hast recht,“ sagte Aljoscha, „man muß das Urteil des Gerichts

abwarten und dann entscheiden. Nach dem Gericht wirst du es selbst tun;

dann wirst du einen neuen Menschen in dir finden, der für dich

entscheiden wird.“

„Einen neuen Menschen oder einen Bernard, und der wird dann _à la_

Bernard entscheiden. Denn ich selbst bin, wie es scheint, ein

verächtlicher Bernard!“ sagte Mitjä mit bitterem Lächeln.

„Aber Mitjä, hast du denn gar keine Hoffnung mehr, dich morgen

rechtfertigen zu können? Wie ist das nur möglich?“

Mitjä zuckte mit den Achseln und schüttelte verneinend den Kopf.

„Aljoscha, mein Liebling, es ist Zeit, daß du gehst!“ sagte er plötzlich

eilig, als wollte er ihn schneller forthaben. „Der Aufseher hat schon

auf dem Hof gerufen, er wird gleich herkommen. Es ist spät. Wir wollen

doch die Ordnung nicht stören. Umarme mich rasch, küsse mich, segne

mich, Liebling, segne mich, damit ich das Kreuz morgen tragen kann ...“

Sie umarmten sich und küßten einander.

„Iwan aber,“ sagte Mitjä plötzlich, „schlägt mir wohl vor, mir zur

Flucht zu verhelfen, selbst aber glaubt er, daß ich den Vater erschlagen

habe!“

Ein gequältes, spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Hast du ihn gefragt, ob er es glaubt?“ fragte Aljoscha.

„Nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich wollte ihn fragen, aber

ich konnte es nicht, die Kraft reichte dazu nicht aus. Doch das bleibt

sich ja gleich, ich sehe es ja an den Augen. Nun, leb wohl!“

Noch einmal küßten sie sich eilig, und Aljoscha verließ bereits das

Zimmer, als ihn Mitjä plötzlich wieder zurückrief.

„Stell dich vor mich hin, sieh mich an.“

Und er erfaßte ihn wieder mit beiden Händen an den Schultern. Sein

Gesicht wurde unheimlich bleich, so daß es selbst in der matten

Dunkelheit entsetzlich anzusehen war. Die Lippen verzerrten sich, und

der Blick bohrte sich starr in Aljoschas Augen.

„Aljoscha, sage du mir die volle Wahrheit, sage wie Gott dem Herrn:

Glaubst du, daß ich der Mörder bin oder glaubst du es nicht? Du, du, ob

du es glaubst oder nicht glaubst? Die Wahrheit sage! – Lüge nicht!“

schrie er plötzlich laut in seiner Verzweiflung auf.

Aljoscha war es, als wankte er auf den Füßen unter dem Druck der Hände

des Bruders, und über sein Herz, das fühlte er, glitt etwas Scharfes,

Spitzes ...

„Was ... was tust du, laß gut sein, genug ...“ stammelte er wie

geistesabwesend.

„Die Wahrheit, die Wahrheit! Lüge nicht!“

„Keine Sekunde lang ... habe ich geglaubt, daß du der Mörder wärest!“

stieß Aljoscha mit schwankender Stimme fast atemlos hervor, und er erhob

die rechte Hand, als wolle er Gott zum Zeugen für seine Worte aufrufen.

Wie Seligkeit breitete es sich über Mitjäs bleiches Gesicht.

„Ich danke dir ...“ sagte er langsam, als wenn er nach einer Ohnmacht

aufatmete. „Du hast mich von den Toten auferweckt ... Wirst du es mir

glauben: – bis zu diesem Augenblick habe ich mich gefürchtet, dich zu

fragen, dich, dich! – denk nur, Liebling, dich! ... Nun, geh jetzt, geh!

Gestärkt hast du mich für morgen, Gott segne dich dafür! Nun, geh ...

und liebe Iwan!“ rang es sich noch als letztes Wort aus Mitjä heraus.

Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein

solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst

zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so

bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid

in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt,

nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn

und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält

war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe

Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu

Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn

nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt

hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je.

V.

„Nicht du, nicht du!“

Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina

Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen,

dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina

Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er

sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr,

als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten

geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische,

laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben

ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen

Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna.

„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl.

Du gehst zu ihr?“

„Ja.“

„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie

noch mehr erregen.“

„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna

hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen

Sie von ihm?“

„Ja, ich war bei ihm.“

„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie

bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie

unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“

In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan

Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder

hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha.

„Sie hat gehorcht!“ brummte er angehalten leise vor sich hin, Aljoscha

aber hörte es doch.

„Sie gestatten, daß ich im Mantel bleibe,“ sagte er, als er in den Salon

eintrat. „Ich bin nur auf eine Minute zurückgekommen, ich werde mich

nicht setzen.“

„Setzen Sie sich, Alexei Fedorowitsch,“ forderte Katerina Iwanowna auf,

obgleich sie selbst gleichfalls stehen blieb. Sie hatte sich in der

Zwischenzeit wenig verändert, nur ihre dunklen Augen glühten und

schienen zu drohen. Aljoscha erinnerte sich später, daß sie an jenem

Abend außerordentlich schön gewesen sein mußte.

„Was läßt er mir sagen?“

„Nur das eine,“ sagte Aljoscha und blickte ihr offen ins Gesicht: „daß

er Sie bittet, sich zu schonen und morgen vor Gericht nichts von ...“

(er stockte ein wenig) „... von dem zu sagen ... was früher zwischen

Ihnen vorgefallen ist ... in der Zeit Ihrer ersten Bekanntschaft ... in

jener Zeit ...“

„Ah so, Sie meinen die Verbeugung ... damals ... für das Geld!“ griff

sie sofort auf und lachte stolz. „Wie, fürchtet er für sich oder für

mich – hm? Er hat also gesagt, ich solle ‚schonen‘ – aber wen denn

schonen? Ihn oder mich? Sagen Sie es doch, Alexei Fedorowitsch.“

Aljoscha blickte sie forschend an, bemüht, sie zu verstehen.

„Sowohl sich selbst wie auch ihn,“ sagte er leise.

„So so!“ bemerkte sie eigentümlich boshaft, und plötzlich errötete sie

heiß.

„Sie kennen mich noch nicht, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie drohend, „–

aber auch ich kenne mich noch nicht ganz. Vielleicht werden Sie mich

morgen nach dem Zeugenverhör mit den Füßen zerstampfen wollen.“

„Sie werden auf Treu und Gewissen aussagen,“ erwiderte Aljoscha, „und

außer der Ehrlichkeit ist nichts nötig.“

„Ein Weib ist häufig unehrlich,“ sagte sie mit zusammengebissenen

Zähnen. „Noch vor einer Stunde glaubte ich, daß es mir schrecklich wäre,

dieses Ungeheuer zu berühren ... als wäre er ein Scheusal ... und doch,

doch ist er noch ein Mensch für mich! Ja hat er denn überhaupt

erschlagen? Hat denn er es getan?“ rief sie plötzlich, fast außer sich

geratend, indem sie sich hastig zu Iwan Fedorowitsch wandte.

Aljoscha begriff sofort, daß sie dieselbe Frage vielleicht noch vor zwei

Minuten an Iwan gestellt hatte, und nicht zum erstens, sondern zum

hundertstenmal, und daß sein Bruder deswegen fortgegangen war.

„Ich war bei Ssmerdjäkoff ...,“ fuhr sie fort, Iwan starr ins Gesicht

blickend. „_Du_ bist es, _du_, der mich davon überzeugt hat, daß Mitjä

der Mörder sei! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“

Iwan lächelte. Es war aber, als hätte er seine ganze Kraft dazu nötig,

um dieses Lächeln zustande zu bringen. Aljoscha war bei dem unerwarteten

_Du_ zusammengezuckt. Solche Beziehungen zwischen den beiden hatte er

nicht ahnen können.

„Ich denke, jetzt dürfte es genügen,“ sagte Iwan kurz. „Ich gehe. Morgen

werde ich wiederkommen.“ Und damit verließ er sofort das Zimmer und ging

hinaus.

Katerina Iwanowna ergriff krampfhaft Aljoschas Hände. Es lag etwas

Befehlendes in ihren Worten, in ihren Bewegungen.

„Gehen Sie ihm nach! Holen Sie ihn ein! Verlassen Sie ihn keinen

Augenblick,“ flüsterte sie ihm fieberhaft erregt zu. „Er ist wahnsinnig!

Wie, – Sie wissen es noch nicht, daß er wahnsinnig ist? Er hat Fieber,

Nervenfieber! Mir hat es der Doktor gesagt, gehen Sie, laufen Sie ihm

nach ...“

Aljoscha verließ sie sofort und eilte seinem Bruder nach. Iwan

Fedorowitsch war kaum fünfzig Schritt gegangen. Er blieb plötzlich

stehen und wandte sich heftig zurück, als er sah, daß Aljoscha ihm

nachlief.

„Was willst du?“ stieß er rauh hervor. „Sie hat dir befohlen, mir

nachzulaufen, weil ich verrückt sei. Ich kenne das auswendig,“ fügte er

gereizt hinzu.

„Darin täuscht sie sich natürlich, aber in einem hat sie recht: Du bist

wirklich krank,“ sagte Aljoscha. „Ich habe soeben dein Gesicht bei ihr

gesehen: Du siehst sehr krank aus, Iwan, und du bist es auch.“

Iwan ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Aljoscha folgte ihm.

„Weißt du vielleicht, Alexei Fedorowitsch, wie das ist, wenn man

verrückt wird?“ fragte nach einer Weile Iwan mit einer ganz anderen,

leisen, gar nicht mehr gereizten Stimme, aus der plötzlich die

treuherzigste Neugier hervorklang.

„Nein, das weiß ich nicht; ich nehme an, daß es sehr verschiedene Arten

von Wahnsinn gibt.“

„Kann man aber auch an sich selbst beobachten, wie man verrückt wird?“

„Ich glaube, daß man sich selbst in dem Falle nicht mehr gut beobachten

kann.“ Aljoscha wunderte sich.

Iwan schwieg eine Weile.

„Wenn du mit mir sprechen willst, so habe die Güte und ändere das

Thema,“ sagte er plötzlich.

„Hier, um es nicht zu vergessen, ich habe diesen Brief für dich,“ sagte

Aljoscha schüchtern, indem er den Brief Lisas aus der Tasche zog und ihn

dem Bruder reichte. Sie näherten sich gerade einer Laterne. Iwan

erkannte sofort die Handschrift.

„Ah, das ist von jenem Teufelchen!“ sagte er boshaft auflachend, und

plötzlich, ohne das Kuvert aufzubrechen, zerriß er den ganzen Brief und

warf die Stücke in den Wind. Die kleinen Papierstücke flatterten umher.

„Noch keine sechzehn Jahre, glaube ich, und schon bietet sie sich an!“

sagte er verächtlich und schritt weiter.

„Wieso bietet sie sich an, wie meinst du das?“ fragte Aljoscha erstaunt.

„Man weiß doch, wie verderbte Frauen sich anbieten.“

„Was fällt dir ein, Iwan, was redest du? Das ist doch ein Kind, du

beleidigst ein Kind!“ verteidigte sie Aljoscha eifrig und traurig

zugleich. „Sie ist krank, sogar sehr krank, sie ist vielleicht

gleichfalls dem Wahnsinn nahe ... Ich konnte unmöglich dir den Brief

nicht geben ... Ich, ich wollte von dir noch etwas Näheres hören ... um

sie retten zu können.“

„Du wirst nichts von mir hören. Wenn sie noch ein Kind ist, so bin ich

nicht ihre Amme. Schweig, Aljoscha. Sprich nicht mehr davon. An die

denke ich überhaupt nicht.“

Sie schwiegen wieder.

„Jetzt wird sie die ganze Nacht zur Gottesmutter beten, damit diese sie

erleuchte, wie sie morgen vor Gericht aussagen soll,“ sagte Iwan wieder

ganz plötzlich und boshaft.

„Du ... du sprichst von Katerina Iwanowna?“

„Ja. Soll sie als Mitjenkas Retterin oder Verderberin erscheinen! Auf

daß ihre Seele erleuchtet werde, – darum wird sie beten. Sie weiß selbst

noch nicht, was sie tun soll; sie scheint noch nicht Zeit genug gehabt

zu haben, um sich vorzubereiten. Auch sie hält mich für ihre Kinderfrau

und will, daß ich ihr eiapopeia singe.“

„Katerina Iwanowna liebt dich, Bruder,“ sagte Aljoscha, den ein

trauriges Gefühl ergriffen hatte.

„Möglich. Nur begehre ich sie nicht.“

„Sie leidet. Warum sagst du ihr dann ... zuweilen ... solche Worte, daß

sie hoffen kann?“ Ein schüchterner Vorwurf lag in Aljoschas Stimme. „Ich

weiß doch, daß du ihr Hoffnung gemacht hast ... verzeih, daß ich so

spreche,“ fügte er ängstlich hinzu.

„Ich kann hierbei nicht so handeln, wie ich müßte: Kann nicht brechen

und ihr offen alles sagen!“ sprach Iwan gereizt. „Ich muß abwarten, bis

das Urteil über den Mörder gesprochen ist. Wenn ich jetzt mit ihr

bräche, so würde sie aus Rache morgen vor Gericht dieses ... Scheusal

seinem Schicksal überantworten, denn sie haßt ihn, und sie weiß es, daß

sie ihn haßt. Hier ist doch alles Lüge, Lüge auf Lüge aufgebaut! Jetzt

aber, das heißt, solange ich nicht mit ihr gebrochen habe, hofft sie

immer noch und wird daher jenes Ungeheuer nicht verderben, da sie weiß,

wie ich ihn herausziehen will. Wenn doch endlich dieses verdammte Urteil

gesprochen wäre!“

Die Worte „Mörder“ und „Ungeheuer“ machten einen schmerzlichen Eindruck

auf Aljoscha.

„Aber was hat denn Mitjä von ihr zu fürchten?“ fragte er, bemüht, zu

verstehen, was Iwan meinte. „Was kann sie denn so besonders

Verhängnisvolles aussagen, woraufhin er verurteilt werden könnte?“

„Das weißt du noch nicht. Sie hat ein Dokument in Händen, Mitjä hat es

selbst geschrieben, das mathematisch klar beweist, daß er Fedor

Pawlowitsch, unseren Vater, erschlagen hat.“

„Das ist unmöglich!“ rief Aljoscha aus.

„Wieso unmöglich? Ich habe es selbst gelesen.“

„Ein solches Dokument kann es unmöglich geben!“ wiederholte Aljoscha

erregt im Eifer. „So etwas kann es nicht geben, denn nicht er ist der

Mörder. Nicht er hat den Vater erschlagen, nicht er!“

Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen.

„Wer ist dann, deiner Meinung nach, der Mörder?“ fragte er kalt, und es

klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage.

„Du weißt es selbst, wer,“ antwortete Aljoscha leise und ruhig in seiner

Überzeugung.

„Wer? Meinst du etwa die Fabel von dem irrsinnigen Idioten, dem

Epileptiker? Meinst du Ssmerdjäkoff?“

Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte.

„Du weißt es selbst, wer,“ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte

kaum atmen.

„Aber wer denn, wer?“ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze

Zurückhaltung war plötzlich verschwunden.

„Ich weiß nur das eine,“ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen,

gleichsam betäubten Flüsterton: „– _nicht du_ hast den Vater

erschlagen.“

„‚Nicht du!‘ Was heißt das, nicht du?“ Iwan stand wie erstarrt vor

seinem Bruder.

„Nicht du hast den Vater erschlagen, _nicht du, nicht du_!“ wiederholte

Aljoscha fest.

Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.

„Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im

Fieber?“ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches,

verzerrtes Lächeln.

Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie

standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.

„Nein, Iwan, du hast dir selbst mehrmals gesagt, daß du der Mörder

seiest.“

„Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es

gesagt?“ stotterte Iwan mit abirrendem Blick.

„Du hast es dir mehr als einmal gesagt, wenn du in diesen schrecklichen

zwei Monaten allein warst,“ fuhr Aljoscha wieder leise und deutlich

fort. Er sprach aber schon, als wenn er nicht mehr bei voller Besinnung

wäre, als wenn es nicht sein Wille wäre, der ihn sprechen ließ, sondern,

als gehorche er einem fremden Befehle, vielleicht fast gegen seinen

Willen. „Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder

kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen, da

irrst du dich, nicht du bist der Mörder, hörst du mich, _nicht du_! Mich

hat Gott gesandt, dir das zu sagen.“

Beide schwiegen sie. Lange dauerte dieses Schweigen. Sie standen und

blickten sich noch immer in die Augen. Beide waren sie bleich. Plötzlich

überlief Iwan ein Zittern, und er packte Aljoscha krampfhaft an der

Schulter.

„Du bist bei mir gewesen!“ stieß er in wutknirschendem Geflüster hervor.

„Du bist bei mir gewesen, nachts, als er zu mir kam ... Gestehe es ...

Hast du ihn gesehen, hast du ihn gesehen?“

„Von wem redest du ... von Mitjä?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Ach, nicht von ihm rede ich, zum Teufel mit diesem Scheusal!“ keuchte

Iwan außer sich. „Weißt du denn, daß er zu mir kommt? Wie hast du das

erfahren, sprich!“

„Welcher ‚er‘? Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ stotterte Aljoscha

erschrocken.

„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann

nicht sein, daß du es nicht weißt ...“

Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien

nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln

bog seine Lippen.

„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es

dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich.

Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚_nicht du_‘! Hörst du,

fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte

zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang

hassen solltest ...“

Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu

haben.

„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum

erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider

wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und

das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche

ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier

an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der

Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch

einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“

Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich

noch einmal umzusehen.

„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir

ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“

Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der

Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis

dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch

er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan

Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen

Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor

Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in

einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich

weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung

gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden

Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine

fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr

abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch

wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in

seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern.

Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er

sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er

nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon

den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder

sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich

stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder

fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa

zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter

schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit

Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere

Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe

geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr

früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die

beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen

wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor

Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war

plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte.

VI.

Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff

Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr

aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal

hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn,

ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser

zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff

eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen,

daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst

am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen,

so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte

schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser

Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte,

wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von

ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie

gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach

Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan

Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan

war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich

nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst

mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das

Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den

Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf

Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den

Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den

Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der

Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er

sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich

diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste

gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan

wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch

ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder

Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er

auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch

dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die

sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch

unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur

Unwillen hervor.

Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis

besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs

Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt.

Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä

war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen,

hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und

sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend

Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte.

„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre

ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“

Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht,

und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach

er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er

stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder

vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz

die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in

betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der

Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis

diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten

Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm

plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn

zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er

war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen

war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen.

Schon auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit im Waggon an

Ssmerdjäkoff und sein letztes Gespräch mit ihm am Abend vor seiner

Abreise gedacht. Vieles hatte ihn beunruhigt, vieles war ihm verdächtig

erschienen. Als er aber darauf vom Untersuchungsrichter verhört worden

war, hatte er vorläufig nichts von diesem Gespräch gesagt. Er hatte das

noch hinausgeschoben, um unter Umständen nach der Unterredung mit

Ssmerdjäkoff darauf zu sprechen zu kommen. Ssmerdjäkoff befand sich

damals im Stadtkrankenhause. Doktor Herzenstube und auch der Kreisarzt

Warwinskij, den Iwan Fedorowitsch im Krankenhause antraf, antworteten

ihm auf seine wiederholten Fragen auf das bestimmteste, daß die Echtheit

der Ssmerdjäkoffschen Epilepsieanfälle nicht dem geringsten Zweifel

unterliege, und sie wunderten sich nur über die sonderbare Frage: „hat

er nicht am Tage der Katastrophe den Anfall simuliert?“ Sie gaben ihm zu

verstehen, daß dieser Anfall sogar ein ganz außergewöhnlicher gewesen

sei, mehrere Tage lang angedauert und sich immer noch wiederholt habe,

so daß sogar das Leben des Patienten entschieden in Gefahr gewesen sei,

und daß man erst jetzt, nach den ergriffenen Maßregeln, sagen könne, daß

der Kranke am Leben bleiben werde, – „obgleich sehr möglich ist,“ fügte

Doktor Herzenstube noch bedächtig hinzu, „daß seine Vernunft teilweise

zerrüttet bleibt, wenn auch nicht fürs ganze Leben, so doch ziemlich

lange.“ Aber auf die ungeduldige Frage Iwan Fedorowitschs: „Dann ist er

also augenblicklich verrückt?“ wurde ihm die Antwort zuteil, daß man so

etwas im vollen Sinne des Wortes nicht sagen könne, daß sich aber

bereits gewisse Anormalitäten konstatieren ließen. Iwan Fedorowitsch

beschloß, sich selbst davon zu überzeugen, was das für Anormalitäten

wären. Im Krankenhause wurde er ohne weiteres zugelassen. Ssmerdjäkoff

befand sich in einem Zimmer für nur zwei Personen und lag da auf einem

harten Krankenhausbett. Daselbst befand sich noch ein anderes Bett, das

ein städtischer Kleinbürger einnahm, ein gelähmter, alter Mann, der von

der Wassersucht ganz geschwollen war und keine zwei Tage mehr leben

konnte – die Unterredung konnte er nicht stören. Ssmerdjäkoff lächelte

zweideutig, als er Iwan Fedorowitsch erblickte, in der ersten Sekunde

schien er sogar etwas erschrocken zu sein. Wenigstens schien es Iwan

Fedorowitsch so. Doch das war vielleicht nur eine Sekunde lang der Fall,

während der ganzen übrigen Zeit überraschte ihn Ssmerdjäkoff geradezu

durch seine Ruhe. Schon beim ersten Blick auf ihn überzeugte sich Iwan

Fedorowitsch, daß er tatsächlich krank war: man sah es ihm an, daß er

schwach war; er sprach langsam und schien gleichsam nur mit Mühe die

Zunge zu bewegen; er war sehr abgemagert und im Gesicht ganz gelb.

Während der Unterredung, die etwa zwanzig Minuten dauerte, klagte er

über Kopfschmerz und Gliederreißen. Sein trockenes, an Kastraten

erinnerndes Gesicht schien ganz klein geworden zu sein; die früher

peinlich gebürsteten Schläfenhaare waren struppig und borstig, und statt

des kunstvoll aufgedrehten Haarbüschels über dem Scheitel, starrte nur

ein einziges mageres Strähnlein empor. Aber sein zugekniffenes linkes

Auge, das beständig zu zwinkern schien, als wolle es einen Wink geben,

verriet sofort den früheren Ssmerdjäkoff. „Mit einem klugen Menschen ist

auch das Reden ein Genuß,“ fiel es Iwan Fedorowitsch beim Anblick dieses

linken Auges ein. Er setzte sich am Fußende des Lagers auf eine kleine

Holzbank. Ssmerdjäkoff bewegte seinen Körper mit leidender Miene auf dem

Bett, begann aber nicht als erster zu sprechen: er schwieg, und auch

sonst blickte er drein, als errege der Besuch nicht sehr seine Neugier.

„Kannst du mit mir sprechen?“ fragte Iwan Fedorowitsch, „ich werde dich

nicht gar zu sehr ermüden.“

„Das kann ich sehr wohl,“ sagte Ssmerdjäkoff gleichsam kauend und mit

müder Stimme. „Geruhtet Ihr schon vor langer Zeit anzukommen?“ fügte er

nach einer Weile gnädig hinzu, als wolle er dem verlegen gewordenen

Besucher helfen, über das Peinliche hinwegzukommen.

„Nein, erst heute ... um den Brei, den ihr hier eingerührt habt,

auszulöffeln.“

Ssmerdjäkoff seufzte.

„Warum seufzt du, du wußtest es doch?“ fuhr ihn Iwan Fedorowitsch zornig

an.

Ssmerdjäkoff schwieg hartnäckig.

„Wie hätte man’s denn nicht wissen sollen? Das war doch im voraus klar

zu sehen. Wie aber konnte man ahnen, daß es auf selbige Manier kommen

würde!“

„Was kommen würde? Du, mach keine Finten, das sage ich dir! Du hast es

doch vorausgesagt, daß du beim Hinabsteigen in den Keller einen Anfall

bekommen würdest? Gerade ‚in den Keller‘ hast du gesagt.“

„Habt Ihr das im Verhör schon ausgesagt?“ fragte Ssmerdjäkoff ruhig mit

scheinbar nur halbem Interesse.

Iwan Fedorowitsch ärgerte sich plötzlich und geriet in Wut.

„Nein, noch habe ich nichts davon gesagt, aber ich werde es bestimmt

tun. Du wirst mir, mein Lieber, noch vieles sofort erklären müssen, und

wisse, daß ich nicht mit mir zu spielen erlaube!“

„Von wegen wessen sollte ich denn selbiges tun wollen, wenn ich doch

meine ganze Hoffnung nur auf Euch, wie auf Gott den Herrn selber,

gesetzt habe!“ sagte Ssmerdjäkoff gleichmäßig ruhig, indem er nur auf

einen Augenblick die Äuglein schloß.

„Erstens,“ begann Iwan Fedorowitsch und rückte ihm näher, „ich weiß, daß

man bei der Fallsucht nicht voraussagen kann, daß man dann und dann

einen Anfall haben wird. Ich habe mich erkundigt, mach also keine Faxen.

Tag und Stunde kann man nie voraussagen. Wie nun konntest du mir damals

Tag, Stunde und auch noch das mit dem Keller voraussagen? Wie konntest

du im voraus wissen, daß du im Anfall gerade in diesen Keller

hinabstürzen würdest, – wenn du später den Anfall nicht absichtlich

vorgespielt haben willst?“

„In selbigen Keller hatte ich sowieso mannigfach zu gehen, sogar

mehrmals am Tage,“ sagte Ssmerdjäkoff, indem er die Worte langsam in die

Länge zog. „Akkurat so bin ich auch vor einem Jahr vom Hausboden

herabgeflogen. Und was das Vorhersagen angeht, so ist es ganz richtig,

daß man nicht Tag und Stunde voraussagen kann, aber ein Vorgefühl kann

man doch alleweil voraushaben.“

„Du aber hast ja sogar die Stunde richtig vorausgesagt!“

„Was meine selbige Krankheit anbetrifft, so wär’s doch am besten, Ihr

erkundigt Euch, Herr, bei den hiesigen Doktoren, ob es ein echter Anfall

war oder ein unechter, dieweil ich Euch über selbige Frage nichts mehr

zu sagen habe.“

„Aber der Keller? Wie hast du denn den Keller vorausgewußt?“

„Was Ihr doch alleweil an diesem Keller habt! Wie ich damals so in den

Keller hinabstieg, war ich in Angst und Zweifel befangen. Wie sollte ich

auch selbiges nicht sein, sintemal ich doch Eurer beraubt war und auf

niemandes in der ganzen Welt weder Schutz noch Schirm mehr bauen konnte.

Und wie ich so in selbigen Keller hinabsteige, denke ich akkurat: ‚Jetzt

wird er gleich kommen – selbigen Anfall meine ich, – was: Werde ich

hinunterfallen oder nicht?‘ Und grad von selbiger Angst packte mich im

Moment jene unvermeidliche Zange an den Hals, welche die Ärzte Spasmus

nennen ... und so flog ich denn kopfüber. Das alles und desgleichen auch

das ganze Gespräch am Vorabend mit Euch am Hoftor, wie ich Euch meine

Angst mannigfach erklärte, und auch selbiges vom Keller, – das alles

habe ich dem Herrn Doktor Herzenstube und dem Untersuchungsrichter

Nikolai Parfenowitsch Neljudoff ganz genau erklärt, und das ist alles

aufgeschrieben worden. Und was der hiesige Doktor ist, Herr Warwinskij,

so hat er es den Herren erklärt, daß der Anfall auch genau so gekommen

sein muß – also mit von meinem selbigen Gedanken: ‚werde ich nun

hinabfallen oder nicht?‘ Und da hatte mich denn der Anfall erfaßt. So

hat man es auch aufgeschrieben, daß es akkurat so hat geschehen müssen,

alsomit dieweil ich so gedacht habe und von selbiger großen Angst.“

Nachdem Ssmerdjäkoff langsam seine Rede zu Ende gezogen hatte, holte er,

scheinbar unter der Erschöpfung schwer leidend, tief Atem.

„So hast du das schon dem Untersuchungsrichter gesagt?“ fragte Iwan

Fedorowitsch etwas verdutzt. Er hatte ihn gerade damit schrecken wollen,

daß er von ihrem Gespräch am Vorabend Mitteilung machen werde, und nun

erfuhr er plötzlich, daß jener schon selbst alles mitgeteilt hatte.

„Was habe ich denn zu fürchten? Mögen sie doch die ganze wahrhaftige

Wahrheit aufschreiben,“ sagte Ssmerdjäkoff fest und ruhig.

„Und auch unser Gespräch am Hoftor hast du Wort für Wort wiedergegeben?“

„N–nein, n–nicht gerade Wort für Wort.“

„Und daß du einen Anfall vorzuspielen verstehst, wie du dich damals

dessen vor mir rühmtest, gleichfalls nicht?“

„Nein, das habe ich alsomit gleichfalls nicht gesagt.“

„Jetzt sage du mir, warum du damals wolltest, daß ich nach

Tschermaschnjä führe?“

„Dieweil ich fürchtete, daß Ihr nach Moskau fahren würdet, nach

Tschermaschnjä aber war es doch alleweil näher.“

„Du lügst, du selbst hast mich noch gebeten, fortzufahren: ‚Fahrt doch,‘

sagtest du, ‚fahrt doch von der Sünde fort‘!“

„Dies habe ich damals einzig und allein von wegen meiner Freundschaft

und herzlichen Ergebenheit gesagt, dieweil ich doch selbiges Unglück im

Hause ahnte, alsomit geschah es denn aus Mitleid mit Euch. Nur hatte ich

alleweil mit mir selber noch mehr Mitleid. Und so sagte ich denn: Fahrt

fort von der Sünde – damit Ihr hinwiederum auf selbige Manier begreift,

daß es im Hause sonst was geben wird und Ihr hierbliebet, um den Vater

zu beschützen.“

„So hättest du es doch deutlich sagen sollen, Schafskopf!“ brauste Iwan

Fedorowitsch plötzlich auf.

„Wie wäre es denn deutlicher noch möglich gewesen? Nur die Angst allein

sprach in mir, und dann hättet Ihr auch darüber ungehalten sein können.

Ich konnte wohl, wie sich von selbst versteht, befürchten, daß Dmitrij

Fedorowitsch einen Skandal machen werde, um sich selbiges Geld, wenn

nicht anders, so per Gewalt zu verschaffen, da sie doch jene Dreitausend

für gerade so gut wie ihr eigenes Kapital hielten, aber wer konnte denn

wissen, daß es mit solchem Mord und Totschlag endigen würde? Ich dachte

alleweil, sie würden selbiges Geld, das beim Herrn unter der Matratze in

einem versiegelten Kuvert lag, nur wegnehmen, sie aber haben nun noch

obendrein erschlagen. Wo solltet denn auch Ihr das vorauswissen können,

Herr?“

„Du sagst also, daß ich es nicht vorauswissen konnte,“ – Iwan

Fedorowitsch überlegte, er strengte sich an, hinter den Sinn der Worte

Ssmerdjäkoffs zu kommen – „wie hätte ich es dann aus deinen

widersprechenden Andeutungen erraten sollen, und mich auf Grund

derselben entschließen können, hierzubleiben? Was faselst du da?“

„Ihr hättet selbiges schon allein daraus erraten können, daß ich Euch

riet, nach Tschermaschnjä, anstatt nach Moskau zu fahren.“

„Wieso hätte ich es daraus erraten können?“

„Ihr hättet es Euch sehr wohl schon allein aus selbigem Grunde sagen

können, daß ich, wenn ich Euch von Moskau auf Tschermaschnjä ablenken

wollte, es alsomit bedeutete, daß ich Eure Gegenwart hier möglichst in

der Nähe wissen wollte, sintemal Moskau weit ist, Dmitrij Fedorowitsch

dahingegen, wenn sie Euch immerhin in der Nähe wissen, nicht so sehr

ermutigt sein würden. Und auch mich hättet Ihr im Fall von irgend etwas

schneller verteidigen können, dieweil es von Tschermaschnjä näher ist.

In selbigem Gedanken habe ich Euch dann auch auf Grigorij

Wassiljewitschs Krankheit aufmerksam gemacht und desgleichen auch auf

meine mannigfachen Befürchtungen von wegen der Fallsucht. Und dieweil

ich Euch auch von selbigen Zeichen erzählte, mittels welcher man zum

alten Herrn eindringen konnte, da sie daraufhin ohne weiteres aufgemacht

hätten, und daß selbige Zeichen auch Dmitrij Fedorowitsch durch mich

bekannt geworden waren, glaubte ich, daß Ihr dann selber alsomit erraten

würdet, daß Dmitrij Fedorowitsch was anstellen könnten, und Ihr dann

nicht etwa nur nach Tschermaschnjä, sondern überhaupt nicht verreisen

würdet.“

„Der Kerl spricht ja auffallend logisch, wenn er auch seine Worte nur so

kaut,“ dachte Iwan Fedorowitsch bei sich. „Von was für einer Zerrüttung

der Vernunft spricht denn Herzenstube?“

Und Iwan Fedorowitsch brauste auf: „Überlisten willst du mich, Teufel

du!“ Er ärgerte sich maßlos.

„Und ich muß hinwiederum gestehen, ich dachte, daß Ihr alles erraten

hättet,“ erwiderte Ssmerdjäkoff mit der offenherzigsten Miene.

„Wenn ich es erraten hätte, dann wäre ich doch hiergeblieben!“ rief Iwan

Fedorowitsch wieder heftig auffahrend.

„Nun ja, ich aber dachte, daß Ihr, dieweil Ihr alles erraten hättet, so

schnell als möglich von der Sünde fortreistet, einzig um alsomit nur

irgendwohin von ihr wegzukommen und sich in der Angst zu retten.“

„Du glaubtest, daß alle so feige sind wie du?“

„Verzeiht, ich glaubte, daß auch Ihr so seid, wie auch ich bin.“

„Natürlich, ich hätte es erraten sollen,“ sagte Iwan erregt, „und ich

erriet ja schließlich auch, daß von dir irgend etwas Verfluchtes zu

erwarten war ... Nur lügst du, wieder lügst du!“ rief er aufgebracht –

ihm war etwas eingefallen – „weißt du noch, wie du an den Wagen

herantratst und sagtest: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden

ein Genuß.‘ Also freutest du dich darüber, daß ich fortfuhr, denn sonst

hättest du doch nicht meinen Entschluß gelobt!“

Ssmerdjäkoff seufzte und seufzte dann noch einmal. In sein Gesicht

schien plötzlich etwas Farbe gekommen zu sein.

„Wenn ich froh war,“ sagte er mit etwas knappem Atem, „so war ich

selbiges nur deswegen, weil Ihr eingewilligt hattet, wenigstens nicht

nach Moskau, sondern nur nach Tschermaschnjä zu fahren; das war aber

doch immerhin näher. Nur habe ich Euch selbige Worte nicht wie ein Lob

gesagt, sondern vorwürfig. Das habt Ihr nur, wie’s scheint, nicht

begriffen.“

„Wieso ‚vorwürfig‘ – was willst du damit sagen?“

„Daß Ihr, wiewohl Ihr alles vorausfühltet, dennoch Euren leiblichen

Vater verlassen und uns allesamt nicht beschützen wolltet, dieweil man

mich doch von wegen selbiger Dreitausend immer hineinziehen konnte,

sozusagen, daß ich sie gestohlen hätte.“

„Der Teufel hole dich!“ fluchte wieder Iwan. „Halt! Hast du auch das von

diesen Zeichen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt

mitgeteilt?“

„Alles, wie es war, habe ich mitgeteilt.“

Iwan Fedorowitsch wunderte sich wieder über ihn.

„Wenn ich mir damals irgendwelche Gedanken machte, so geschah das einzig

in bezug auf dich. Daß Dmitrij Fedorowitsch jemanden erschlagen könnte,

das wußte ich, daß er aber stehlen würde – das habe ich keinen

Augenblick geglaubt ... Dich aber hielt ich zu jeder Gemeinheit fähig.

Du sagtest mir doch selbst, daß du einen epileptischen Anfall

vortäuschen könntest – wozu sagtest du mir das?“

„Nur von wegen meiner Treuherzigkeit. Und ich habe noch nie in meinem

Leben einen Anfall mit Absicht gemacht oder, wie Ihr sagt, vorgetäuscht;

ich sagte selbiges nur so selbentlich, ich wollte dummerweise damit

großtun. Ich hatte Euch damals gar zu lieb gewonnen, und so sprach ich

denn mit Euch in ganzer Aufrichtigkeit.“

„Mein Bruder aber beschuldigt gerade dich sowohl des Mordes, wie des

Diebstahls.“

„Was bleibt ihnen denn sonst übrig?“ Ssmerdjäkoff lächelte bitter. „Aber

wer wird ihnen denn glauben nach allen Beweisen? Grigorij Wassiljewitsch

hat doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Tür offen war, was ist da

jetzt noch zu wollen! Aber was, Gott mit ihnen! Sie zittern doch für die

eigene Haut ...“

Er verstummte und lag eine Weile ganz still. Plötzlich fügte er, als

hätte er sich ein wenig bedacht, noch hinzu:

„Wenn man’s so nimmt, ist ja noch eines dabei zu bedenken: Dmitrij

Fedorowitsch wollen alleweil die Schuld auf mich abwälzen, – das habe

ich auch schon mannigfach gehört; aber wenn Ihr schon bloß das eine

selbst bedenkt, selbiges, daß ich ein Meister sei im Vorspielen eines

solchen Anfalles, so sagt doch selbst, ob ich Euch dies gesagt hätte,

wenn ich in Wahrheit so eine Absicht in betreff Eures Vaters gehabt

hätte? Wenn man schon einmal so eine Absicht hat, wer wird dann noch so

dumm sein und selber so etwas aussprechen, womit man ihn doch später mit

Leichtigkeit hineinlegen kann – und das dann noch dem leiblichen Sohne,

erbarmt Euch! Ist denn das wahrscheinlich? Das ist doch, nach jeder

Wahrscheinlichkeit, nie und nimmer möglich. Dieses Gespräch hört jetzt

keine lebende Seele, außer der Vorsehung, aber wenn Ihr selbiges dem

Staatsanwalt oder dem Untersuchungsrichter mitteilen wolltet, so könntet

Ihr mich auf diese Manier gewaltig verteidigen: Denn was ist denn das

für ein Räuber und Mörder, der noch kurz vorher so gutmütig offenherzig

ist? Das wird man, denke ich, wohl ohne mannigfache Schwierigkeiten

begreifen.“

„Hör mal,“ unterbrach Iwan Fedorowitsch, nicht wenig verdutzt durch die

letzten klaren Worte Ssmerdjäkoffs, und indem er sich erhob, „ich

verdächtige dich durchaus nicht, ich finde es sogar lächerlich, dich zu

beschuldigen ... im Gegenteil, ich danke dir, daß du mich beruhigt hast.

Ich gehe jetzt, aber ich werde wiederkommen. Also auf Wiedersehen und

werde bald gesund. Brauchst du vielleicht irgend etwas?“

„Danke ergebenst. Marfa Ignatjewna vergißt mich nicht und besorgt mir

alles, wenn ich wessen bedarf, wie sie immer in ihrer Güte tut. Und gute

Menschen besuchen mich alleweil.“

„Dann auf Wiedersehen. Ich werde übrigens davon, daß du die Anfälle

simulieren kannst, nichts sagen ... und auch dir rate ich, darüber zu

schweigen,“ fügte Iwan Fedorowitsch plötzlich aus irgendeinem Grunde

noch hinzu.

„Das verstehe ich sehr gut. Und wenn Ihr das nicht sagen wollt, so werde

auch ich unser ganzes Gespräch dazumal am Hoftor nicht vermelden ...“

Iwan Fedorowitsch verließ bei diesen Worten bereits das Zimmer, und erst

nachdem er schon ein Stück durch den Korridor gegangen war, wurde er

sich plötzlich bewußt, daß sich in diesen letzten Worten Ssmerdjäkoffs

wieder jener beleidigende Sinn einer uneingestandenen Mitwisserschaft

verbarg. Schon wollte er umkehren, aber da verflog der Gedanke auch

schon; er murmelte nur „Dummheiten!“ vor sich hin und verließ mit

schnellen Schritten das Krankenhaus. Die Hauptsache war, daß er sich

tatsächlich beruhigt fühlte, und zwar beruhigte ihn ausschließlich der

eine Umstand, daß er sich überzeugt hatte, nicht Ssmerdjäkoff, sondern

sein Bruder Mitjä sei der Schuldige, obgleich man meinen sollte, daß

diese Überzeugung das Gegenteil bewirkt haben müßte. Warum das aber mit

ihm so war, das wollte er im Augenblick nicht weiter untersuchen, er

empfand sogar Ekel bei dem Gedanken, wieder in seinem Inneren wühlen und

über seine Gefühle nachgrübeln zu müssen. Es war ihm, als wolle er

irgend etwas schneller vergessen. In den darauf folgenden Tagen

überzeugte er sich endgültig von der Schuld des Bruders, nachdem er sich

von allen erdrückenden Beweisen und Zeugenaussagen eingehender hatte

unterrichten lassen. Es lagen allerdings Aussagen vor, die geradezu

niederschmetternd waren, so zum Beispiel die von Fenjä und deren

Großmutter. Von den Aussagen Perchotins, der Plotnikoffschen Kommis, der

Zeugen aus Mokroje gar nicht zu reden. Das Erdrückendste waren die

kleinen unumstößlichen Tatsachen. Die Mitteilung von den geheimen

Zeichen traf die Juristen fast im selben Maße, wie Grigorijs Aussage in

betreff der offenen Tür. Marfa Ignatjewna behauptete auf Iwan

Fedorowitschs Frage, daß Ssmerdjäkoff die ganze Nacht hinter der dünnen

Bretterwand in ihrem Zimmer, ungefähr nur drei Schritt von ihrem Bett

entfernt, gelegen hätte, und daß sie, wenn sie auch sonst fest

geschlafen habe, doch mehrmals durch sein fortwährendes Gestöhn

aufgewacht sei: „Die ganze Zeit hat er gestöhnt, die ganze Zeit,“ schloß

sie überzeugt. Als Iwan Fedorowitsch Doktor Herzenstube seine

Beobachtung mitteilte, nämlich, daß Ssmerdjäkoff ihm durchaus nicht

irgendwie schwachsinnig erscheine, sondern nur körperlich angegriffen,

rief er bei dem alten Deutschen nur ein feines Lächeln hervor. „Aber

wissen Sie auch, womit er sich jetzt ganz besonders beschäftigt?“ fragte

er Iwan Fedorowitsch lächelnd, „französische Vokabeln lernt er

auswendig! Unter seinem Kopfkissen liegt ein Heft, in dem französische

Worte mit russischen Buchstaben geschrieben sind, he – he – he!“ So gab

denn Iwan Fedorowitsch schließlich alle seine Zweifel auf. An seinen

Bruder Dmitrij konnte er nicht mehr ohne Ekel denken. Nur eines blieb

immerhin sonderbar, daß Aljoscha trotz allem fortfuhr, so hartnäckig

darauf zu bestehen, daß nicht Mitjä erschlagen habe, sondern „aller

Wahrscheinlichkeit nach“ – Ssmerdjäkoff. Iwan fühlte, daß Aljoschas

Meinung ihm immer sehr wertvoll war, und daß er sie hoch einschätzte –

darum wunderte er sich jetzt noch mehr über ihn. Sonderbar war

gleichfalls, daß Aljoscha nie mit ihm über Mitjä ein Gespräch

angeknüpft, sondern immer nur auf seine Fragen geantwortet hatte. Das

war ihm sogar sehr aufgefallen. Übrigens wurde er in jener Zeit noch

durch etwas anderes von diesen Dingen abgelenkt. Als er aus Moskau

zurückgekehrt war, hatte er sich gleich vom ersten Tage an mit allen

Fibern seiner brennenden, sinnlosen Leidenschaft für Katerina Iwanowna

ergeben. Es ist hier nicht der Ort, von dieser neuen Leidenschaft Iwan

Fedorowitschs, die sich durch sein ganzes späteres Leben zog, zu

erzählen. Das alles könnte zum Vorwurf einer neuen Erzählung, eines

zweiten Romans dienen, den ich – ich weiß noch nicht recht – auch

vielleicht einmal schreiben werde. Doch kann ich auch jetzt nicht ganz

darüber schweigen. Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß er, als er

nachts mit Aljoscha von Katerina Iwanowna nach Haus ging und diesem

sagte: „Ich begehre sie aber nicht,“ ganz einfach die nackte Unwahrheit

sagte. Er liebte sie sinnlos, doch ist auch wahr, daß er sie zuweilen

dermaßen haßte, daß er sie sogar hätte töten können. Es kreuzten sich

hierbei viele Gefühle. Katerina Iwanowna klammerte sich jetzt nach all

den überstandenen Erschütterungen, die ihr Mitjäs Verhaftung, der

Verdacht, der auf ihm lag usw. verursacht hatten, an Iwan Fedorowitsch,

wie an ihren einzigen Retter. Sie war gekränkt, erniedrigt, aufs

äußerste beleidigt in ihren Gefühlen. Und da kehrte nun derjenige

zurück, der sie früher so geliebt hatte, – oh, das wußte sie nur zu gut,

– der Mensch, dessen Herz und Verstand sie immer hoch über sich selbst

gestellt hatte. Aber ihre strenge Gesinnung ließ nicht zu, daß sie sich

ganz als Opfer hingab, ungeachtet der ganzen Karamasoffschen Zügel- und

Grenzenlosigkeit der Wünsche des Geliebten und des ganzen berauschenden

Zaubers, den er auf sie ausübte. Zu gleicher Zeit aber quälte sie sich

beständig mit der Reue darüber, daß sie Mitjä „verraten“ hatte, und in

den erregten Augenblicken, wenn sie mit Iwan heftig stritt (und das kam

häufig vor), sagte sie ihm rücksichtslos, was sie quälte. Das nun war

es, was Iwan an jenem Abend im Gespräch mit Aljoscha „Lüge auf Lüge“

genannt hatte. Hierbei war allerdings vieles nur Lüge, und zwar war es

dies, was Iwan Fedorowitsch am meisten reizte und aufbrachte ... doch

davon später. Kurz, er vergaß auf diese Weise Ssmerdjäkoff für eine

Zeitlang fast ganz. Doch siehe, es waren kaum zwei Wochen nach seinem

ersten Besuch bei Ssmerdjäkoff vergangen, als ihn wieder alle diese

sonderbaren Gedanken zu quälen begannen. Es genügt wohl, wenn ich sage,

daß sich ihm immer wieder die Frage aufdrängte, die er nicht abschütteln

konnte: warum er sich damals – in jener letzten Nacht vor seiner Abreise

nach Moskau – leise wie ein Dieb zur Treppe geschlichen und gehorcht

hatte, was der Vater dort unten treiben mochte? Das war es, was er sich

immer wieder fragte. Und warum hatte er sich später immer nur mit Ekel

vor sich selbst dieses Augenblicks erinnert, warum war ihm unterwegs am

Morgen so schwer ums Herz gewesen, und warum hatte er, als er bei der

Einfahrt in Moskau im Morgengrauen wie aus einem Traum erwacht war, sich

gesagt: „Ein Schuft bin ich!“ Und jetzt hatte er sich auf dem Wege zu

ihr eingestanden, daß er über diesen quälenden Gedanken selbst Katerina

Iwanowna womöglich noch vergessen könnte, so unablässig quälten sie ihn!

Und gerade, als er sich das gesagt hatte, war ihm Aljoscha auf der

Straße begegnet. Er hatte ihn sofort angerufen und die sonderbare Frage

an ihn gestellt:

„Erinnerst du dich noch dessen, wie ich damals, als Dmitrij nach Tisch

plötzlich hereingestürzt war und den Vater verprügelt hatte, – wie ich

dir auf dem Hofe sagte, daß ich das ‚Recht zu wünschen‘ für mich

behielte, ... sag, dachtest du damals, daß ich den Tod des Vaters

wünschte?“

„Ich dachte es,“ hatte Aljoscha leise geantwortet.

„So war es übrigens auch, es war dabei nichts zu erraten. Aber dachtest

du damals nicht auch, daß ich besonders wünschte, ‚daß das eine

Geschmeiß das andere Geschmeiß verschlinge‘, das heißt, daß gerade

Dmitrij den Vater erschlage, und zwar je schneller, desto besser ... und

daß ich sogar nicht einmal abgeneigt wäre, es selbst zu begünstigen?“

Aljoscha war ein wenig erbleicht und hatte stumm in die Augen des

Bruders geblickt.

„So sag doch!“ hatte Iwan ungeduldig ausgerufen. „Ich will um alles in

der Welt wissen, was du damals dachtest. Ich will die Wahrheit, die

Wahrheit!“

Er hatte schwer geatmet und schon im voraus mit einer gewissen

Feindseligkeit Aljoscha angeblickt.

„Vergib mir, ich habe auch das damals gedacht,“ hatte Aljoscha kaum

hörbar gemurmelt und war darauf verstummt, ohne auch nur einen einzigen

„mildernden Umstand“ hinzuzufügen.

„Danke!“ hatte Iwan kurz hingeworfen und war, indem er Aljoscha stehen

ließ, schnellen Schrittes weitergegangen.

Seit jenem Augenblick hatte es Aljoscha geschienen, daß Iwan ihn nicht

mehr liebte und sich absichtlich von ihm entfernte, so daß er selbst

alsbald aufhörte, zu ihm zu gehen. Gleich nach jener Begegnung aber war

Iwan Fedorowitsch plötzlich kurz entschlossen vom Wege abgebogen und

hatte sich geradeswegs wiederum zu Ssmerdjäkoff begeben.

VII.

Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff

Ssmerdjäkoff hatte inzwischen das Krankenhaus schon verlassen. Iwan

Fedorowitsch wußte, wo er wohnte: in jenem kleinen, aus rohen Balken

gezimmerten, schief gewordenen, alten Häuschen, das nur aus zwei

kleinen, durch einen Flur getrennten Zimmern bestand. In dem einen

Zimmer hatte sich Marja Kondratjewna mit ihrer Mutter eingerichtet, und

im anderen wohnte jetzt Ssmerdjäkoff ganz allein. Unter welchen

Bedingungen er dort lebte, ob er ihnen etwas dafür zahlte, oder ob er

ihnen nichts zahlte, das mag Gott wissen. Später vermutete man, daß er

sich in der Eigenschaft als Marja Kondratjewnas Bräutigam bei ihnen

niedergelassen hatte und vorläufig unentgeltlich dort wohnte. Die Mutter

wie die Tochter verehrten ihn grenzenlos und hielten ihn, wenigstens im

Vergleich zu sich selbst, für ein höheres Wesen.

Iwan Fedorowitsch klopfte an die Tür. Als ihm aufgemacht wurde, sah er

sich zuerst in einem kleinen, schmalen Flur, aus dem er auf Marja

Kondratjewnas Weisung geradezu in die „gute Stube“ eintrat, die von

Ssmerdjäkoff eingenommen wurde. In dieser „guten Stube“ befand sich ein

großer Kachelofen, der stark geheizt war. Die Wände schmückten

himmelblaue Tapeten, allerdings ganz zerrissene, und hinter ihnen und in

den Rissen krabbelte eine erschreckende Menge großer wie kleiner

Schaben, so daß man im Zimmer ein unaufhörliches, eintöniges,

schließlich einschläferndes Rascheln hörte. Eingerichtet war das Zimmer

selbst für eine Bauernstube ganz erbärmlich: zwei Bänke an den Wänden,

zwei Stühle neben dem Tisch. Der Tisch aber war, wenn auch aus einfachen

Brettern gezimmert, so doch mit einer rosagemusterten Tischdecke

bedeckt. Vor jedem der zwei kleinen Fenster stand je ein Blumentopf mit

Geranien. In der Ecke hing ein Schrein mit Heiligenbildern. Auf dem

Tisch standen ein kleiner, messingner, stark mit Beulen bedeckter

Ssamowar und ein Teebrett mit zwei Tassen. Ssmerdjäkoff hatte schon

seinen Tee getrunken, und der Ssamowar war erloschen ... Er selbst saß

auf der einen Bank am Tisch, saß über ein Heft gebeugt und malte mit der

Feder irgendwelche Buchstaben. Ein kleines Tintenfaß stand vor ihm auf

dem Tisch, desgleichen ein einfacher Metalleuchter, in dem eine

Stearinkerze stak. Iwan Fedorowitsch sagte sich sofort nach dem ersten

Blick auf Ssmerdjäkoff, daß jener sich vollkommen erholt hatte. Sein

Gesicht war frischer, voller, die Locke über der Stirn war sorgfältig

aufgedreht, und die Schläfenhaare waren glatt angekämmt. Er saß in einem

bunten wattierten Schlafrock, der aber schon recht alt zu sein schien

und ziemlich zerrissen war. Auf der Nase hatte er eine Brille, die Iwan

Fedorowitsch früher nie bei ihm gesehen hatte. Dieser eine nichtssagende

Umstand verdoppelte geradezu Iwan Fedorowitschs Gereiztheit. „Solch ein

Tier, und da sitzt es nun noch mit einer Brille auf der Nase!“ dachte er

wütend. Ssmerdjäkoff erhob langsam seinen Kopf und blickte aufmerksam

durch die Brille den Eintretenden an; darauf nahm er die Brille ab und

erhob sich von der Bank, tat es aber nichts weniger als ehrerbietig, tat

es sogar mit einer gewissen Faulheit, als wenn er nur die

unumgänglichste Höflichkeit beobachten wollte, ohne die es nun einmal

leider nicht geht. Iwan Fedorowitsch erkannte dies sofort. Vor allem

fiel ihm Ssmerdjäkoffs Blick auf, der entschieden feindlich, jedenfalls

nichts weniger als willkommenheißend und sogar hochmütig war. Er schien

förmlich auszusprechen: „Warum schleppst du dich denn wieder her, wir

haben doch dazumal alles erledigt, was willst du denn jetzt noch?“

Iwan Fedorowitsch konnte sich kaum beherrschen.

„Heiß ist es hier bei dir,“ sagte er, noch an der Tür stehend, und riß

den Mantel auf.

„Nehmt ihn ab,“ erlaubte gnädig Ssmerdjäkoff.

Iwan Fedorowitsch zog den Mantel aus und warf ihn auf die andere Bank,

ergriff mit etwas zitternden Händen einen Stuhl, schob ihn mit einem

Ruck an den Tisch und setzte sich. Ssmerdjäkoff war es gelungen, sich

bereits _früher_ als Iwan wieder zu setzen.

„Vor allen Dingen – sind wir allein?“ fragte Iwan Fedorowitsch streng

und heftig. „Kann man uns nicht im anderen Zimmer hören?“

„Niemand wird was hören. Habt ja selber gesehen, daß ein Flur zwischen

ist.“

„Hör mal, mein Lieber: was war es, was du damals faseltest, als ich dich

im Krankenhause verließ? Was kautest du da von –: wenn ich nicht

aussagen würde, daß du ein Meister im Vortäuschen von epileptischen

Anfällen wärst, so würdest auch du dem Untersuchungsrichter unser ganzes

Gespräch, das wir am Vorabend beim Hoftor hatten, gar nicht mitteilen?

Was meintest du mit diesem ‚unser _ganzes_ Gespräch‘? Drohtest du mir

etwa? Was hast du damit sagen wollen? Daß ich mich mit dir verbündet

hätte oder verabredet, und dich etwa jetzt fürchten könnte?“

Iwan Fedorowitsch sprach es fast jähzornig; er gab dabei mit Absicht

deutlich zu verstehen, daß er jeden Winkelzug verachtete sowie jedes

vorsichtige Heranschleichen, vielmehr mit offenen Karten spielen wollte.

In Ssmerdjäkoffs Augen blitzte es boshaft auf, und das linke kleine

Äuglein zwinkerte wieder, als wollte es prompt zur Antwort geben: „Also

offene Karten willst du? – schön, soll geschehen, so offen wie du nur

willst.“

„Was ich dazumal mit selbigem meinte und aussprach, war, daß Ihr sehr

wohl diesen Mord voraussaht und dennoch abreistet, alsomit Euren

leiblichen Vater wohlweislich opfertet und Euch selber fortbegabt, damit

die Menschen nicht was Schlechtes von Euren Gefühlen dächten, vielleicht

aber auch noch von manchem übrigen. – Selbiges war es, was ich dazumal

der Obrigkeit nicht zu sagen Euch versprach.“

Ssmerdjäkoff sprach es zwar langsam und hatte sich augenscheinlich ganz

in der Gewalt, doch in seiner Stimme lag jetzt bereits etwas Festes und

Sicheres, Boshaftes und frech Herausforderndes. Geradezu unverschämt

fixierte er Iwan Fedorowitsch, so daß es diesem einen Moment vor den

Augen flimmerte.

„Wie? Was? Bist du verrückt geworden oder noch bei Sinnen?“

„Vollkommen alleweil bei Sinnen.“

„Aber wie sollte ich denn das wissen, daß er ermordet werden würde?“

schrie plötzlich Iwan Fedorowitsch ihn an, indem er heftig mit der Faust

auf den Tisch schlug. „Und was heißt das: ‚vielleicht aber auch noch von

manchem übrigen‘? – sprich, Schurke!“

Ssmerdjäkoff schwieg und fuhr fort, immer mit demselben frechen Blick

Iwan Fedorowitsch zu fixieren.

„Sprich, du stinkender Hund, von was für ‚manchem übrigen‘?“ schrie

dieser laut.

„Mit selbigem manchem übrigen meinte ich soeben, daß Ihr dazumal selber

sehr den Tod Eures Vaters wünschtet.“

Iwan Fedorowitsch sprang auf und schlug ihn aus aller Kraft auf die

Schulter, so daß Ssmerdjäkoff an die Wand zurückprallte. In einem

Augenblick war sein ganzes Gesicht von Tränen überströmt, und er sagte

nur: „Schämt Euch, Herr, einen schwachen Menschen so zu schlagen!“

worauf er seine Augen mit seinem baumwollenen, blaukarierten, gänzlich

vollgeschnaubten Schnupftuch bedeckte und sich in stilles Weinen

versenkte. Das dauerte eine gute Weile an.

„Genug jetzt! Hör auf!“ befahl schließlich Iwan Fedorowitsch barsch und

setzte sich wieder auf den Stuhl. „Bring mich nicht um meine letzte

Geduld.“

Ssmerdjäkoff nahm endlich seinen vollgeschnaubten Lappen von den Augen.

Jeder Zug seines runzlichen Gesichts drückte die soeben erlittene

Kränkung aus.

„So hast du Schurke damals geglaubt, daß ich zusammen mit Dmitrij

Fedorowitsch meinen Vater erschlagen wollte?“

„Eure Gedanken konnte ich dazumal nicht wissen,“ sagte Ssmerdjäkoff

gekränkt, „und somit hielt ich Euch auf, als Ihr durch das Fußpförtchen

eintreten wolltet, um Euch über selbigen Punkt zu erforschen.“

„Was zu erforschen? Wie?“

„Um doch diesen selbigen Umstand zu erforschen: wollt Ihr nun, oder

wollt Ihr nicht, daß Euer Vater bald erschlagen würde.“

Was Iwan Fedorowitsch am meisten empörte, war dieser hartnäckig

beibehaltene freche Ton, den Ssmerdjäkoff auf einmal angenommen hatte

und nicht mehr verändern zu wollen schien.

„Du bist es, der ihn erschlagen hat!“ rief Iwan plötzlich auffahrend.

Ssmerdjäkoff lächelte verächtlich.

„Daß nicht ich es getan habe, das wißt Ihr doch selber ganz genau. Und

ich glaubte, daß mit einem klugen Menschen sich gar nicht mehr darüber

noch zu reden lohnt.“

„Aber warum, sag, warum war damals in dir ein solcher Verdacht auf mich

aufgetaucht?“

„Wie ich Euch schon mannigfach gesagt habe, einzig von wegen meiner

Angst. War ich doch dazumal in so einer Verfassung, daß ich in der Angst

alle beargwöhnte. Aus selbigem Grunde beschloß ich dann, desgleichen

auch Euch zu erforschen, dieweil wenn auch Ihr dasselbige wie Euer

Bruder Dmitrij wünscht, dachte ich, so weiß ich, daß ich alsomit

verloren bin, daß die Sache so gut wie geschehen ist, und ich mit eins

wie eine Fliege untergehe.“

„Hör mal, vor zwei Wochen sprachst du anders.“

„Ich habe aber vor zwei Wochen im Hospital ganz genau dasselbe gemeint.

Bloß glaubte ich alleweil, daß Ihr auch ohne überflüssige Wörter

verstehen würdet und ein offenes Gespräch selber nicht wünschtet, wie

eben ein sehr kluger Mensch.“

„Sieh mal einer an! Aber antworte, antworte, ich bestehe darauf!

Wodurch, sage, wodurch habe ich damals in deiner gemeinen Seele einen so

niedrigen Verdacht erwecken können?“

„Totschlagen – so hättet Ihr das selber auf keine Manier getan, und Ihr

hättet es auch nicht gewollt. Aber wollen, daß ihn ein anderer

totschlage – so wolltet Ihr dies sogar sehr.“

„Und wie ruhig, wie ruhig er es noch sagt! Aber warum hätte ich denn das

wünschen sollen, zu welch einer Teufelei hätte ich das nötig gehabt?“

„Wie denn so, zu was nötig? Aber die Erbschaft?“ griff Ssmerdjäkoff

geradezu giftig auf, und seinen Augen sah man die Rachelust an. „Dann

hättet Ihr doch, wie jeder Eurer Brüder, etwa vierzigtausend Rubel auf

einen Ruck bekommen, vielleicht noch viel mehr; hätte aber Fedor

Pawlowitsch selbige Dame geheiratet, so hättet Ihr mitsamt Euren Brüdern

nicht einen einzigen Rubel gesehen, dieweil Agrafena Alexandrowna die

ganzen Kapitalien sofort nach der Trauung auf ihren Namen hätte

verschreiben lassen, sintemal sie äußerst wenig dumm sind. Und war es

denn dazumal weit von der Trauung? Nur ein Härchen: selbige Dame hätten

bloß gebraucht, so mit dem kleinen Fingerchen vor Fedor Pawlowitsch zu

machen, und sie wären ihr noch im selbigen Moment mit heraushängender

Zunge in die Kirche nachgelaufen.“

Iwan Fedorowitsch wurde es zur Folterqual, sich zu beherrschen.

„Gut,“ sagte er endlich, „wie du siehst, bin ich nicht aufgesprungen,

habe ich dich nicht geprügelt, nicht dich totgeschlagen. Sprich weiter:

Also deiner Meinung nach hatte ich meinen Bruder Dmitrij dazu bestimmt,

auf ihn also hätte ich gerechnet?“

„Wie solltet Ihr denn nicht auf Dmitrij Fedorowitsch rechnen? Dieweil

wenn sie den Vater erschlagen, gehen sie aller Adelsrechte verlustig,

aller Titel und alles Besitzes und werden nach Sibirien verschickt.

Alsomit wäre dann auch ihr Teil nach dem Tode des Vaters Euch und Eurem

Brüderchen Alexei Fedorowitsch zugefallen, also grad zur Hälfte, alsomit

hättet Ihr dann nicht nur vierzig-, sondern gleich sechzigtausend Rubel

geerbt. Wie solltet Ihr nun da nicht alleweil auf Euren Bruder Dmitrij

Fedorowitsch rechnen!“

„Nun, weiß Gott, ich erdulde viel von dir! Höre, du verächtliches

Subjekt: selbst wenn ich damals auf irgend jemanden gerechnet hätte, so

wäre das allenfalls auf dich gewesen, nicht aber auf Dmitrij, und ich

schwöre dir, ich ahnte sogar eine Niedertracht von dir ... damals ...

ich erinnere mich noch vorzüglich meines Eindrucks!“

„Selbiges habe auch ich eine Sekunde lang gedacht, nämlich daß Ihr auf

mich rechnetet,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttischem Lächeln, „so daß Ihr

durch selbiges dazumal noch mehr Unrecht tatet, denn wenn Ihr solch

einen Argwohn auf mich hattet und zu gleicher Zeit doch verreistet, so

war es doch alsomit geradezu, als wolltet Ihr mir sagen: Du kannst den

Vater erschlagen, ich fahre fort, um dich nicht daran zu verhindern.“

„Hund! Das hast du nur so aufgefaßt!“

„Und das kam alles nur durch dieses Tschermaschnjä. Erbarmt Euch! Immer

wieder bat Euch Euer Vater, nach Tschermaschnjä zu fahren, Ihr aber

weigertet Euch, das Haus auf die paar Tage zu verlassen und selbige

Bitte zu erfüllen. Und plötzlich, einzig auf mein dummes Wort hin, seid

Ihr einverstanden, hinzufahren! Und was hattet Ihr nur dazumal für einen

Grund, darauf einzugehen, nach Tschermaschnjä zu fahren? Wenn Ihr also

nicht nach Moskau, sondern ganz grundlos nur auf mein eines Wort hin

nach Tschermaschnjä fuhrt, so hieß das doch, daß Ihr etwas von mir

erwartetet.“

„Nein, ich schwöre es, nein!“ schrie Iwan wutknirschend.

„Wie denn nicht? Sonst wär’s doch ganz und gar nicht angegangen, daß

Ihr, als Sohn Eures Vaters, mich nicht auf der Stelle auf selbige

hiesige Polizeiwacht gebracht oder mich durchgepeitscht hättet ... oder

wenigstens ohne mir ein paar Maulschellen zu langen. Ihr aber gingt

noch, ganz umgekehrt, ohne auch nur eine Spur von Wut, sofort hin und

tatet nach meinem dummen Wort, akkurat, was ich gesagt hatte, und fuhrt

auch richtig fort, was doch ganz ungereimt war, wenn Ihr selbigen

Verdacht auf mich hattet, und es alsomit Eure Pflicht war, hierzubleiben

und das Leben Eures Vaters hinfort zu beschützen ... Wie sollte ich nun

da nicht selbiges denken?“

Iwan saß mit finsterer Stirn da, die Fäuste wie im Krampf auf die Knie

gestützt.

„Ja, schade, daß ich dir keine Ohrfeigen gab!“ Er lächelte bitter. „Dich

auf die Polizei zu bringen, ging leider nicht an: es hätte mir niemand

geglaubt, und ich hätte doch nichts beweisen können. Was aber die

Ohrfeigen betrifft ... ach, schade, daß ich damals nicht darauf

verfallen bin! Wenn sie auch verboten sind, so hätte ich doch mit

Vergnügen deine Fratze zu Brei geschlagen.“

Ssmerdjäkoff betrachtete ihn fast mit Hochgenuß.

„Im sonstigen gewöhnlichen Leben,“ hub er plötzlich in demselben

selbstzufrieden-doktrinären Tone an, in dem er schon einmal, am Tisch

Fedor Pawlowitschs stehend, mit Grigorij Wassiljewitsch über den Glauben

gestritten und ihn zum besten gehabt hatte, „im sonstigen gewöhnlichen

Leben sind Maulschellen heutigentags ganz und gar durchs Gesetz

verboten, und so hat alle Welt aufgehört, zu schlagen, was aber die

Ausnahmefälle des Lebens angeht, so kann man alleweil sagen, daß man

nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt, und selbst wenn man die

französische Republik nimmt, überall ganz genau so fortfährt, alleweil

zu schinden, wie zu Adams und Evas Zeiten, und selbiges wird auch nie

auf Erden aufhören, Ihr aber habt dazumal selbst nicht einmal in so

einem Ausnahmefall zu schlagen gewagt.“

„Wozu lernst du denn jetzt französische Vokabeln?“ fragte Iwan, indem er

mit einem Kopfnicken auf das Heft wies.

„Warum sollte ich sie denn nicht lernen, um auf selbige Manier meine

Bildung zu erhöhen, wenn ich denke, daß auch ich in jenen glücklichen

Ländern Europas vielleicht mal sein werde?“

„Höre jetzt, Teufel, was ich dir sage!“ wandte sich plötzlich Iwan

Fedorowitsch mit drohendem Blick und zitternd vor Wut an ihn. „Ich

fürchte deine Anschuldigungen nicht! Sage ihnen was du willst über mich.

Und wenn ich dich nicht hier auf der Stelle totgeschlagen habe, so

geschah das einzig darum, weil ich dich für den Mörder halte und dich

noch vor die Schranken bringen will. Ich werde dich schon entlarven!“

„Meiner Meinung nach aber tut Ihr besser, wenn Ihr schweigt. Sintemal,

was könnt Ihr denn gegen mich in meiner Unschuld aussagen, und wer wird

Euch was glauben? Und wenn Ihr anfangt, werdet Ihr nur das erreichen,

daß auch ich dann alles sage; denn wie sollte ich mich nicht selber

verteidigen?“

„Du glaubst wohl, daß ich dich jetzt fürchte?“

„Mögen auch die Richter meinen selbigen Worten, die ich Euch hier soeben

gesagt habe, nicht glauben, so wird man ihnen doch um so mehr im

Publikum glauben, und da werdet Ihr Euch schämen müssen.“

„Das soll wohl wieder heißen: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das

Reden ein Genuß?‘ – wie?“ fragte Iwan Fedorowitsch, innerlich

wutknirschend.

„Da habt Ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ihr werdet doch

alsomit als kluger Mensch nicht Dummheiten machen.“

Iwan Fedorowitsch erhob sich. Er fühlte, wie er am ganzen Körper vor

verhaltener Wut zitterte. Er zog seinen Mantel an und verließ, ohne

Ssmerdjäkoff noch ein Wort zu sagen, ohne auch nur noch einen Blick auf

ihn zu werfen, eilig die Stube. Die kühle Abendluft erfrischte ihn. Es

war heller Mondschein. Gedanken und Gefühle wogten in ihm, und doch

hatte er die Empfindung, als hielten sie ihn wie unter einem Alb

gefangen. „Soll ich unverzüglich hingehen und Ssmerdjäkoff anzeigen? Was

aber soll ich denn sagen? Er bleibt trotz allem unschuldig. Er wird dann

nur noch mich beschuldigen. Ja, in der Tat, warum wollte ich denn damals

nach Tschermaschnjä fahren? Warum, warum nur?“ fragte sich Iwan

Fedorowitsch. „Ja, natürlich, ich erwartete etwas, und er hat recht ...“

Und wieder erinnerte er sich zum tausendstenmal, wie er in der letzten

Nacht im Vaterhause zur Treppe geschlichen war und gelauscht hatte; doch

diese Erinnerung bereitete ihm jetzt solche Folterpein, daß er stehen

blieb, als wäre er von einem Speer durchbohrt worden. „Ja, ich erwartete

es damals, das ist wahr! Ich wollte, ja, ja, ich wünschte, daß dieser

Mord geschehe! Wie, habe ich wirklich diesen Mord gewollt? – habe ich

ihn gewollt? Ssmerdjäkoff muß totgeschlagen werden! ... Wenn ich jetzt

nicht wage, Ssmerdjäkoff zu erschlagen, so lohnt sich ja überhaupt nicht

mehr, weiter zu leben! ...“

Iwan Fedorowitsch ging darauf, ohne bei sich zu Hause vorzusprechen,

geradeswegs zu Katerina Iwanowna und erschreckte sie maßlos: Er war wie

trunken, war wie ein Irrsinniger. Er erzählte ihr sein ganzes Gespräch

mit Ssmerdjäkoff, er bemühte sich, kein Wort zu vergessen. Er konnte

sich nicht beruhigen, wie sehr sie ihm auch zuredete; er ging im Zimmer

umher und sprach so sonderbar, oft ganz zusammenhanglos und in

abgerissenen, nicht zu Ende gesprochenen Sätzen. Endlich setzte er sich,

stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen.

Und plötzlich murmelte er einen sonderbaren Aphorismus:

„Wenn nicht Dmitrij erschlagen hat, sondern Ssmerdjäkoff, so bin ich

natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn zur Ausführung

seiner Absicht angeregt ... ich habe die Ausführung begünstigt ... Habe

ich ihn dazu angeregt? – ich weiß es noch nicht. Wenn aber er erschlagen

hat und nicht Dmitrij, so bin natürlich auch ich ein Mörder.“

Als Katerina Iwanowna das gehört hatte, erhob sie sich schweigend von

ihrem Platz, ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine auf ihm stehende

Schatulle und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor Iwan Fedorowitsch

auf den Tisch legte. (Dieser Zettel war jenes Dokument, von dem Iwan

Aljoscha als von einem „mathematischen Beweise“ dessen, daß Dmitrij den

Vater erschlagen habe, gesprochen hatte.) Es war das ein Brief, den

Mitjä in der Trunkenheit geschrieben – am selben Abend, nachdem er am

Kreuzwege vor dem Kloster mit Aljoscha zusammengetroffen war. Kurz

vorher war es bei Katerina Iwanowna in Aljoschas Gegenwart zu jener

Szene gekommen, in der Gruschenka sie so unverzeihlich beleidigt hatte.

Mitjä war nach der Trennung von Aljoscha zu Gruschenka geeilt; ob er sie

gesehen hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls aber war er sehr spät im

Gasthaus „Zur Hauptstadt“ erschienen, wo er sich dann gehörig

angetrunken hatte. Darauf hatte er Feder und Papier verlangt und diesen

für ihn verhängnisvollen Brief geschrieben. Es war ein schwärmerischer,

wortreicher und zusammenhangloser Gefühlserguß, gerade so ein echtes

Werk der Trunkenheit. Der Brief erinnerte etwa an die Rede eines

Betrunkenen, der, nach Hause gekommen, seiner Frau oder sonst einem

Hausgenossen eifrig erzählt, wie man ihn soeben beleidigt habe, was für

ein Schuft sein Beleidiger sei, was er selbst dagegen für ein prächtiger

Mensch sei, und wie er jenem Schufte heimzahlen werde – alles das

unglaublich wortreich und mit Eifer vorgetragen, mit Faustschlägen auf

den Tisch und unter trunkenen Tränen. Das Papier, auf dem Mitjä

geschrieben hatte, war ein schmutziges Stück gewöhnlichen Schreibpapiers

schlechter Qualität, auf dessen Rückseite eine Rechnung stand. Der

trunkenen Beredsamkeit hatte das Schreibfeld augenscheinlich nicht

genügt, denn Mitjä hatte nicht nur alle Ränder und Ecken beschrieben,

sondern die letzten Zeilen sogar noch quer über das bereits Geschriebene

gesetzt. Der Brief lautete wie folgt:

„Verhängnisvolle Katjä! Morgen werde ich mir das Geld verschaffen

und Dir Deine Dreitausend zurückerstatten. Dann leb wohl, – Du

großen Zornes fähiges Weib! Doch leb wohl dann auch meine Liebe!

Machen wir ein Ende damit! Morgen werde ich von allen Menschen mir

das Geld zu verschaffen suchen, bekomme ich es aber nicht von den

Menschen, so – das schwöre ich Dir! – werde ich zum Vater gehn und

ihm den Schädel einschlagen und es von ihm unter dem Kissen

hervorholen, wenn nur Iwan abreisen würde. Ich werde nach Sibirien

zu den Zwangsarbeitern gehen, aber die Dreitausend werde ich Dir

zurückgeben. Du aber leb wohl. Ich verneige mich vor Dir bis zur

Erde, denn vor Dir stehe ich als Schuft da. Vergib mir, Katjä. Nein,

vergib mir lieber nicht: dann wird sowohl mir als auch Dir leichter

sein! Lieber Zwangsarbeit als Deine Liebe, denn ich liebe eine

andere. Du aber hast sie heute nur zu gut erkannt, wie solltest Du

da noch vergeben können!? Ich werde ihn totschlagen, der mich

bestohlen hat! Ich gehe fort von Euch allen, gehe weit fort in den

Osten, um von niemandem mehr etwas zu wissen. Auch von _ihr_ nicht,

denn nicht Du allein bist eine Märtyrerin, auch sie ist eine. Leb

wohl!

P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle

ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die

klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich

töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen,

und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so

bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter

dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich

werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh

nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird

nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich

selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine

stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu

müssen.

PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl!

PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen!

Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir

aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich!

Dein Sklave und Dein Feind

D. Karamasoff.“

Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war

überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff.

Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt

in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren,

unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an

Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan

niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen

den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche

Annahme nicht zuließen.

Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit

Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar

Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser

Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu

verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog

weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal

davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem

Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser

junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte

sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats

aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er

hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau

verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung

angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten

sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt.

Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt

hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die

zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan

geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener

bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha,

von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie

noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs

Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die

ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan,

obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu

gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser

Rückfälle Katjäs haßte, sondern _einzig und allein deshalb, weil er den

Vater erschlagen hatte_! Das fühlte er, und das wußte er.

Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu

Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er

hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte

er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem

Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus

der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde

in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs

zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den

Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben

werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein

von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen.

Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte

ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich

gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die

Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu

opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern

noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht

nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er

sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine

Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch

davon später ...

... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner

Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen,

plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu

Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn

überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich

eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart

ausgerufen hatte: „_Du_ bist es, _du_, der mich überzeugt hat, daß er

der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese

Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn

erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im

Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen

gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart

sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war.

Im Gegenteil, _sie_ hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders

überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld

bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff

gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also

war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte

Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem

Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte

hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges

erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu

Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte

er bei sich.

VIII.

Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff

Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer,

trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag

geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte.

Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind

wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In

jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar

keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich

und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne

das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll

klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es

zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem

Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein

kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und

schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem

Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen:

„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27]

Will nicht warten hier auf ihn ...“

Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu

schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder

nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht

an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach

einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn

unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust

niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage

ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an

ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig

mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn

zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die

hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und

verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte

sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird

erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff.

Im Flur flüsterte ihm Marja Kondratjewna zu, daß Pawel Fedorowitsch

(Ssmerdjäkoff) sehr krank sei, daß er nicht nur zu Bett liege, sondern

geradezu wie nicht bei vollem Verstande zu sein scheine und sogar den

Tee habe er fortzuräumen befohlen, da er keine Lust habe zu trinken.

„Was, tobt er denn etwa?“ fragte Iwan Fedorowitsch grob.

„Ach wo! Ganz mäuschenstill ist er, nur sprechen Sie bitte nicht lange

mit ihm,“ bat Marja Kondratjewna.

Iwan Fedorowitsch öffnete die Tür und trat in die Stube.

Geheizt war sie ebenso stark, wie das vorige Mal, aber es war in ihr

sonst einiges verändert worden. Die eine Bank war hinausgeschafft, und

an ihrer Stelle stand ein großer alter Lederdiwan, auf dem ein Bett mit

ziemlich reinen weißen Kissen aufgeschlagen war. Auf diesem Bett saß

Ssmerdjäkoff im selben alten Schlafrock. Der Tisch war vor den Diwan

gerückt, so daß es jetzt im Zimmer sehr eng war. Auf dem Tisch lag ein

dickes Buch in gelbem Umschlag, doch Ssmerdjäkoff las nicht in ihm, er

saß auf dem Bett und tat, wie es schien, nichts. Mit langem, stummem

Blick empfing er Iwan Fedorowitsch, ohne sich anscheinend auch nur im

geringsten über dessen Erscheinen zu wundern. Er hatte sich sehr

verändert, das Gesicht war mager und gelb geworden. Die Augen waren

geradezu eingefallen, und die unteren Lider hatten bräunlich-bläuliche

Schatten.

„Du scheinst ja tatsächlich krank zu sein?“ sagte Iwan Fedorowitsch, als

er eingetreten war, und blieb stehen. „Ich werde dich nicht lange

belästigen, ich bleibe im Mantel. Nur – wo kann man sich denn hier

setzen?“

Er trat an das andere Ende des Tisches, schob einen Stuhl heran und

setzte sich.

„Warum siehst du mich so an, warum schweigst du? ... Ich bin nur mit

einer einzigen Frage gekommen und, ich schwöre es, ich werde nicht eher

fortgehen, als bis du mir geantwortet hast. Ist Fräulein Werchoffzeff

bei dir gewesen?“

Ssmerdjäkoff schwieg lange, betrachtete ihn nur still die ganze Zeit,

doch plötzlich winkte er mit der Hand ab und wandte das Gesicht fort zur

Seite.

„Was hast du?“ fragte Iwan hart.

„Nichts.“

„Was heißt das?“

„Nun ja, sie ist hier gewesen, was geht das Euch an? Laßt mich in Ruh.“

„Nein, ich werde dich nicht in Ruh lassen! Du sagst es mir sofort, wann

sie hier war!“

„Ich hab sogar vergessen, an sie auch nur zu denken,“ sagte Ssmerdjäkoff

mit einem verächtlichen Lächeln. Und plötzlich wandte er wieder das

Gesicht zu Iwan Fedorowitsch und blickte ihn mit einem so haßerfüllten

Blicke an, als wäre er vor lauter Haß bereits irrsinnig geworden. Es war

derselbe Blick, mit dem er ihn auch während seines zweiten Besuches vor

einem Monat sekundenlang angesehen hatte.

„Wie seht Ihr denn selber aus, warum seid Ihr denn so abgemagert?“

fragte er boshaft.

„Was geht dich meine Gesundheit an, antworte darauf, wonach du gefragt

wirst!“

„Aber warum sind denn Eure Augen so gelb geworden, das Weiße vom

Augapfel ist ja ganz gelb. Quält Ihr Euch denn so gewaltig?“

Er lächelte verächtlich und brach dann in lautes Lachen aus.

„Hör, ich habe dir gesagt, daß ich nicht ohne Antwort fortgehen werde!“

rief Iwan maßlos gereizt.

„Was drängt Ihr Euch mir auf? Was quält Ihr mich eigentlich?“ fragte

Ssmerdjäkoff mit leidendem Ton in der Stimme.

„Ach, Teufel, was gehst du mich an! Beantworte meine Frage, und ich gehe

sofort.“

„Ich hab Euch nichts zu antworten.“ Ssmerdjäkoff senkte den Blick zu

Boden.

„Sei versichert, daß ich dich zwingen werde, zu antworten,“ sagte Iwan.

„Was kommt Ihr mir alleweil auf den Hals!?“ fragte Ssmerdjäkoff und

blickte ihn wieder an, doch lag nicht nur Verachtung, sondern geradezu

Ekel vor ihm in seinem Blick. „Wohl weil morgen die Gerichtssitzung ist?

Aber man wird Euch doch wegen selbiges nichts tun, dessen könnt Ihr

versichert sein! Geht nach Haus und legt Euch ruhig schlafen. Ihr

braucht ja nichts zu fürchten.“

„Ich verstehe dich nicht ... warum sollte ich mich vor morgen fürchten?“

fragte Iwan verwundert, und plötzlich überkam ihm tatsächlich eine

sonderbare Angst, die ihn wieder wie ein Kältegefühl erfaßte.

Ssmerdjäkoff maß ihn mit dem Blick.

„Ihr ver – steht mich nicht?“ fragte er gedehnt und vorwurfsvoll. „Was

doch ein kluger Mensch davon haben kann, so eine Komödie aus sich selber

zu machen!“

Iwan blickte ihn stumm an. Schon allein dieser ganz unerwartet

hochmütige Ton, den dieser, sein früherer Lakei, jetzt plötzlich ihm

gegenüber anzuschlagen wagte! ... In solchem Tone hatte er selbst das

vorige Mal noch nicht zu sprechen gewagt.

„Ich sage Euch doch, Ihr habt nichts zu fürchten. Ich werde nichts gegen

Euch aussagen, und es liegt auch gar keine Verdächtigung vor ... Da sieh

doch einer, wie seine Hände zittern. Von wegen was gehn Euch denn die

Finger so? Geht nach Haus, _nicht Ihr habt ihn erschlagen_.“

Iwan fuhr zusammen, ihm fielen Aljoschas Worte ein.

„Ich weiß, daß nicht ich ...“ stotterte er.

„Ihr – wißt – es?“ griff sofort Ssmerdjäkoff gedehnt auf.

Iwan sprang auf und erfaßte ihn an der Schulter.

„Sag alles, ekelhafte Amphibie du! Sprich alles aus! Gestehe!“

Ssmerdjäkoff war nicht im mindesten erschrocken. Er blickte nur in

sinnlosem Haß Iwan in die Augen; sein Blick schien sich geradezu in ihn

hineinzubohren.

„Dann also habt doch Ihr ihn erschlagen, wenn’s so ist,“ flüsterte er

ihm plötzlich wie in überwältigendem Haß leise zu.

Iwan sank auf den Stuhl zurück, als hätte er sich besonnen. Ein böses

Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Du redest immer noch von dem vorigen Mal? Auch das vorige Mal sprachst

du schon ...“

„Auch das vorige Mal begrifft Ihr alles, als Ihr vor mir standet, und

Ihr begreift ja auch jetzt alles.“

„Ich begreife nur, daß du verrückt bist.“

„Er wird es wahrhaftig nicht überdrüssig! Wir sitzen doch Auge in Auge,

wozu da, sollte man meinen, einander Sand in die Augen streuen wollen

und Komödie spielen? Oder wollt Ihr noch immer alles auf mich allein

abwälzen, und das noch mir ins Gesicht? _Ihr_ habt ihn erschlagen, _Ihr_

seid der Hauptmörder, ich aber bin nur Euer Handlanger gewesen, Euer

getreuer Diener, und nur auf Euren Wunsch habe ich die Sache

ausgeführt.“

„Ausgeführt? Ja, hast du ihn denn erschlagen?“

Kälte überlief Iwan. Es war ihm, als ob in seinem Hirn etwas erschüttert

wurde, und er erzitterte am ganzen Körper wie von einem Frostschauer. Da

erst blickte ihn auch Ssmerdjäkoff verwundert an: Wahrscheinlich machte

ihn schließlich doch die Echtheit des Schreckens, den er an Iwan

bemerkte, stutzig.

„Ja, habt Ihr denn wahrhaftig nichts davon gewußt?“ stotterte er

ungläubig, indem er ihn mit verzogenem Lächeln anblickte.

Iwan sah ihn immer noch unverwandt an, es war, als ob ihm die Stimme

abhanden gekommen wäre.

„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,

Will nicht warten hier auf ihn ...“

klang es plötzlich in seinen Ohren.

„Weißt du was: Ich fürchte, daß du ein Traum bist, daß du als Gespenst

hier vor mir sitzt,“ stammelte er.

„Hier ist keinerlei Gespenst, außer uns beiden, und dann ist hier noch

ein gewisser Dritter. Zweifelsohne ist er jetzt hier, selbiger Dritte,

zwischen uns beiden ist er.“

„Wer er? Wer ist hier noch? Welch ein Dritter?“ fragte Iwan Fedorowitsch

erschrocken, indem er sich hastig umsah und mit den Augen jemanden in

allen Ecken zu suchen begann.

„Dieser Dritte – das ist Gott, selbige Vorsehung meine ich, hier ist sie

jetzt neben uns; nur sucht sie nicht, Ihr werdet sie nicht finden.“

„Das hast du gelogen, daß _du_ ihn erschlagen hättest!“ rief Iwan

plötzlich wie rasend aus. „Du bist entweder irrsinnig, oder du willst

mich nur reizen und dich über mich lustig machen, wie das vorige Mal!“

Ssmerdjäkoff beobachtete ihn immer noch ohne die geringste Furcht,

beobachtete ihn und verfolgte jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck

geradezu gierig. Er konnte noch immer nicht von seiner Ungläubigkeit

lassen, er glaubte immer noch, daß Iwan „alles wisse“ und sich nur

verstelle, um „alles auf ihn allein abzuwälzen“ und ohne sich auch nur

zu schämen, ihm das noch ins Gesicht zu sagen.

„Wartet mal,“ sagte er schließlich mit schwacher Stimme. Er zog langsam

seinen linken Fuß unter dem Tisch hervor und machte sich daran, die Hose

aufzukrempeln. Der Fuß stak in einem Pantoffel und einem langen weißen

Strumpf. Ohne sich zu beeilen, band er die Hosenbänder los und schob

dann seine Finger tief in den Strumpf hinein. Iwan Fedorowitsch sah ihn

an – und plötzlich fuhr er wie in konvulsivischem Schreck zusammen.

„Er ist irrsinnig!“ stieß er keuchend hervor, und aufspringend prallte

er zurück an die Wand, an die er sich wie in sinnlosem Entsetzen

kerzengerade andrückte, mit starrem Blick auf Ssmerdjäkoff. Dieser

jedoch ließ sich keineswegs verwirren, er fuhr ruhig fort, im Strumpfe

zu suchen, als bemühe er sich immer noch, mit den Fingern etwas in ihm

zu erfassen und herauszuziehen. Endlich hatte er es gefaßt, und nun

begann er zu ziehen. Iwan Fedorowitsch sah, daß es irgendwelche Papiere

sein mußten oder ein ganzes Paket Papiere. Ssmerdjäkoff zog es hervor

und legte es auf den Tisch.

„Hier,“ sagte er, und seine Stimme klang geradezu sanft.

„Was?“ fragte Iwan zitternd.

„Wollt Ihr nicht selber nachsehen,“ sagte ebenso sanft Ssmerdjäkoff.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 33 / 40 题