I.
Bei Gruschenka
Aljoscha ging in der Richtung nach der Kathedrale. Dort am Platz lag das
Haus der Kaufmannswitwe Morosoff. Gruschenka hatte nämlich am Morgen
Fenjä mit der dringenden Bitte zu ihm geschickt, heute noch bei ihr
vorzusprechen. Aljoscha hatte von Fenjä auf seine Fragen hin außerdem
erfahren, daß ihre Herrin seit gestern in ganz besonderer Aufregung sei.
In diesen zwei Monaten nach der Verhaftung Mitjäs war Aljoscha oft in
das Haus der Morosowa gegangen, sowohl aus eigenem Antriebe, als auch
mit Aufträgen von Mitjä. Am dritten Tage nach jenen Vorgängen in Mokroje
war Gruschenka erkrankt, und darauf hatte sie beinahe fünf Wochen lang
das Bett gehütet, und von diesen fünf Wochen war sie eine Woche lang
besinnungslos gewesen. Sie hatte sich inzwischen stark verändert: ihr
Gesicht war abgemagert und hatte in der Farbe noch immer einen etwas
gelblichen Ton, obgleich sie schon seit vierzehn Tagen wieder ausgehen
durfte. Aljoscha aber schien es, daß ihr Gesicht dadurch noch
anziehender wurde. Er liebte es, wenn er bei ihr eintrat, ihrem ersten
Blick zu begegnen. Es war, als drückte sich in ihrem Blick jetzt eine
gewisse Festigkeit und seelische Tiefe aus. Er verriet eine geistige
Umwandlung und eine gewisse ergebene, doch zugleich gütige und feste
Entschlossenheit. Auf der Stirn zwischen den Brauen zeichnete sich eine
kleine senkrechte Falte ab, die ihrem lieben Antlitz den Ausdruck in
sich gesammelter Nachdenklichkeit verlieh, wenn diese Nachdenklichkeit
auch zuweilen auf den ersten Blick etwas Schroffes, Strenges haben
konnte. Von der früheren Flatterhaftigkeit war auch nicht eine Spur
übriggeblieben. Auch wunderte sich Aljoscha darüber, daß trotz des
ganzen Unglücks, das sie getroffen hatte – sie, die Braut eines Mannes,
der fast im selben Augenblick verhaftet worden war, in dem sie sich
einander verlobt hatten –, daß sie trotz allem, was sie bereits
durchgemacht und was ihr noch bevorstand, nicht ihre jugendliche
Heiterkeit verlor. In ihren früher so stolzen Augen lag jetzt eine
gewisse Stille, obwohl ... obwohl in diesen Augen zuweilen ein gewisses
böses Feuer aufflammen konnte, wenn eine frühere Sorge sie wieder einmal
heimsuchte – eine Sorge, die in ihrem Herzen nicht erstorben, sondern
sich noch mächtig vergrößert hatte. Der Gegenstand dieser Sorge war
immer ein und derselbe: Katerina Iwanowna. Von ihr hatte Gruschenka
während der Krankheit fast ununterbrochen phantasiert. Aljoscha begriff
sehr wohl, daß sie Mitjäs wegen unglaublich eifersüchtig auf dessen
frühere Braut war, – selbst jetzt noch, obwohl Katerina Iwanowna ihn
kein einziges Mal während seiner Gefangenschaft besucht hatte, was ihr
zu jeder Zeit freigestanden hätte. Alles das machte Aljoscha seine
Aufgabe, sie zu trösten, nur noch schwieriger: denn nur ihm allein
vertraute sie alles an, und ihn allein fragte sie beständig um Rat, er
aber wußte oftmals wirklich nicht, was er ihr sagen sollte.
Besorgt trat er bei ihr ein. Sie war vor einer halben Stunde von Mitjä
aus dem Gefängnis zurückgekehrt, und allein schon aus der schnellen
Bewegung, wie sie von ihrem Lehnstuhl am Tisch aufsprang und ihm
entgegeneilte, konnte er ersehen, wie ungeduldig sie ihn erwartet haben
mußte. Auf dem Tisch lagen Spielkarten, die zu „Schafskopf“ ausgegeben
waren. Auf dem Lederdiwan an der anderen Seite des Tisches war ein Bett
aufgemacht, auf dem in Schlafrock und Nachtmütze, sichtlich krank und
geschwächt, doch trotzdem freundlich lächelnd, halb liegend – Herr
Maximoff saß. Dieses heimatlose, alte Kerlchen war damals, vor zwei
Monaten, zusammen mit Gruschenka aus Mokroje zurückgekehrt, und seit der
Zeit war er auch bei ihr geblieben. Als sie durch Regen und Schmutz
endlich bei ihr angekommen waren, hatte er sich durchnäßt und
eingeschüchtert auf diesen Diwan gesetzt und sie schweigend mit
schüchtern bittendem Lächeln angesehen. Gruschenka, die von Leid und von
dem Fieber der beginnenden Krankheit völlig zerschlagen war, hatte ihn
in der ersten halben Stunde vor lauter Anordnungen und Sorgen ganz
vergessen. Plötzlich hatte sie sich dann seiner wieder erinnert, sich zu
ihm gewandt und ihn einmal durchdringend angesehen: da hatte er in
seiner Verwirrung nichts anderes zu tun gewußt, als ganz verloren und
mitleiderregend zu lächeln. Gruschenka hatte Fenjä gerufen und für ihn
etwas zu essen bestellt. An jenem ganzen Tage war er ohne sich zu
rühren, mäuschenstill, auf demselben Platz sitzen geblieben, so daß
Fenjä, als es dunkel geworden war, ihre Herrin gefragt hatte:
„Wird er denn auch zur Nacht hier bleiben?“
„Ja, mach ihm auf dem Lederdiwan ein Bett auf,“ hatte Gruschenka gesagt.
Später erfuhr sie von ihm auf ihr Befragen, daß er „gerade jetzt“ nicht
wußte, wo er eigentlich bleiben sollte. „Herr Kalganoff, mein-mein
Wohltäter, hat mir direkt gesagt, daß er mich nicht mehr empfangen
könne, und er-er hat mir fünf Rubel geschenkt.“
„Nun, Gott mit dir, dann bleibe hier,“ entschied Gruschenka in ihrem
Kummer und lächelte ihm mitleidig zu. Dem Alten schnitt dieses Lächeln
wie ein Messer ins Herz, und seine Lippen erzitterten wie von
verhaltenen Tränen. Und so blieb der obdachlose Freischlucker bei
Gruschenka. Selbst während ihrer Krankheit verließ er sie nicht. Fenjä
und ihre Großmutter, die Gruschenkas Köchin war, schickten ihn nicht
fort, sondern gaben ihm täglich gut zu essen und machten ihm abends das
Bett auf dem Diwan auf. Späterhin gewöhnte sich Gruschenka an ihn, und
wenn sie von Mitjä zurückkehrte (den sie sofort täglich besuchte, sobald
sie sich nur, nach der Krankheit, hinauswagen durfte), setzte sie sich
immer zu Maximoff an den Tisch und begann dann, um den Kummer zu
verscheuchen, mit „Maximuschka“ über alle möglichen dummen Dinge zu
scherzen, nur um nicht an ihr Leid denken zu müssen. Bei der Gelegenheit
stellte es sich heraus, daß „Maximuschka“ auch kleine Geschichten zu
erzählen verstand, und so wurde er ihr zu guter Letzt ganz
unentbehrlich. Empfing sie doch außer Aljoscha, der nicht einmal an
jedem Tage kommen konnte, keinen Menschen. Ihr „Kaufmann“ lag zu der
Zeit schwerkrank danieder, er „ging hinüber“, wie man in der Stadt
sagte, und er starb auch bald darauf, – eine Woche nach der
Gerichtssitzung, die über Mitjäs Schicksal entschied. Eines Tages, drei
Wochen vor seinem Tode, ließ er in der Vorahnung seines nahen Endes
seine Söhne mit ihren Frauen und Kindern zu sich rufen und befahl ihnen,
bei ihm zu bleiben. Was aber Gruschenka betraf, so verbot er den
Dienstboten aufs strengste, sie noch zu ihm zu lassen, falls sie aber
käme, sollte man ihr sagen: „Er läßt sagen, Sie mögen lange in Freuden
leben und ihn ganz vergessen.“ Indessen schickte Gruschenka fast täglich
zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
„Endlich!“ rief sie freudig, als sie Aljoscha erblickte, warf die Karten
sofort hin und begrüßte ihn freundschaftlich. „Maximuschka hat mir die
ganze Zeit Angst gemacht, er behauptete, du würdest nicht kommen. Ach
Gott, wenn du wüßtest, wie nötig du mir bist. Setz dich hierher an den
Tisch. Nun, was soll ich bestellen? Kaffee?“
„Ja, meinetwegen,“ sagte Aljoscha und rückte mit dem Stuhl an den Tisch,
„ich habe guten Appetit.“
„Das freut mich; Fenjä, Fenjä, schnell Kaffee!“ rief Gruschenka. „Er
kocht schon lange und wartet nur auf dich. Fenjä, bring auch die kleinen
Pasteten, aber die ganz heißen! Nein, Aljoscha, ich muß dir doch noch
erzählen, was ich heute wegen dieser Pastetchen für ein Donnerwetter
über mich habe ergehen lassen müssen. Ich brachte ihm nämlich eine ganze
Portion davon ins Gefängnis, er aber, was glaubst du wohl, er stieß sie
mir zurück und aß sie nicht. Eines davon schleuderte er sogar auf den
Fußboden und zerstampfte es mit dem Fuß zu Brei. Darauf sagte ich ihm:
‚Ich werde sie beim Wächter lassen; wenn du sie dann nicht bis zum Abend
aufgegessen hast, so bedeutet das, daß du von deiner Bosheit satt
geworden bist!‘ und damit ging ich. Wir haben uns doch schon wieder
gezankt. Sobald ich nur hinkomme, zanken wir uns.“
Das alles sprudelte aus Gruschenka in einem Augenblick hervor. Maximoff
wurde sofort ängstlich, lächelte und schlug die Augen nieder.
„Worüber habt ihr euch denn diesmal gezankt?“ fragte Aljoscha.
„Ja, weißt du, das hätte ich mir nie gedacht, daß wir uns deswegen
zanken könnten! Denk dir nur, er war auf den ‚Früheren‘ eifersüchtig! –
‚Warum unterstützest du ihn?‘ fragte er mich, ‚du hast also jetzt
angefangen ihn zu unterstützen!‘ Immer muß er eifersüchtig sein, nein
wirklich, ohne Eifersucht geht es schon gar nicht! Ob er schläft oder
ißt – eifersüchtig ist er immer. Selbst auf Kusjma wurde er in der
vorigen Woche eifersüchtig.“
„Aber er wußte doch schon lange von dem ‚Früheren‘?“
„Na selbstverständlich wußte er davon! Vom ersten Tage an hat er es
gewußt! heute aber fällt es ihm plötzlich ein, darüber zu schimpfen. Man
schämt sich nur zu wiederholen, was er sagt, es ist gar zu blöd! So ein
Dummkopf! Als ich fortging, kam gerade Rakitka zu ihm. Vielleicht ist es
Rakitka, der ihn aufhetzt, wie? Was meinst du?“ fügte sie wie zerstreut
hinzu.
„Er liebt dich, das ist es, liebt dich sehr. Und dazu ist er jetzt sehr
gereizt!“
„Wie sollte er denn nicht gereizt sein, wenn sich morgen alles
entscheidet! Ich ging heute gerade in der Absicht hin, um ihm wegen
morgen ein Wort von mir aus zu sagen, denn glaub mir, Aljoscha, ich kann
noch gar nicht daran denken, was morgen sein wird! Du sagst, er sei
gereizt, und ich soll etwa nicht gereizt sein? Und er kommt jetzt mit
dem Polacken! So ein Dummkopf! Es fehlte nur, daß er noch auf
Maximuschka eifersüchtig wird.“
„Meine Frau hat sich meinetwegen auch immer mit Eifersucht geplagt,“
bemerkte vorsichtig Maximoff seinerseits.
„Ach du!“ – Gruschenka lachte unwillkürlich. „Auf wen war sie denn
deinetwegen eifersüchtig?“
„Auf die Stubenmädchen.“
„Ach, schweig, Maximuschka, ich bin heute nicht zum Lachen aufgelegt,
mich kann heute eher die Wut packen. Auf die Pastetchen spitz dich
lieber nicht, ich erlaube dir jetzt nicht davon zu essen, sie würden dir
schlecht bekommen. Und auch Likör bekommst du nicht. Da muß man nun auch
noch diesen pflegen! Wirklich, ganz als ob mein Haus eine Armenanstalt
wäre,“ sagte sie lachend.
„Ich-ich weiß, daß ich Ihre Wohltaten gar nicht verdient habe, daß ich
sie gar nicht wert bin,“ sagte Maximoff mit traurigem Stimmchen.
„Sie-Sie sollten lieber Ihre Wohltaten anderen zuteil werden lassen, die
es mehr verdient haben, die nötiger sind als ich.“
„Ach, Maximuschka, jeder ist nötig, und woran soll man denn erkennen,
wer nötiger ist? ... Wenn es doch diesen Polacken überhaupt nicht geben
würde! Jetzt ist es auch ihm eingefallen, krank zu werden. Ich war auch
bei ihm, Aljoscha. Jetzt werde ich ihm zum Trotz Pastetchen schicken,
ich hätte ihm nichts geschickt, da mir aber Mitjä so ungerechte Vorwürfe
gemacht hat, so schicke ich sie ihm jetzt erst recht, zum Trotz! ...
Ach, da kommt Fenjä mit einem Brief! Natürlich! Wußt ich’s doch! Wieder
von den Polacken, wieder betteln sie um Geld!“
Es war tatsächlich ein Brief von Pan Mussjälowitsch, ein sehr langes und
verschnörkeltes Schreiben, in dem er bat, ihm drei Rubel zu leihen. Dem
Briefe war noch ein anderer Zettel beigelegt: es war ein Revers mit der
Bescheinigung des Empfanges und der Verpflichtung, das Geld in drei
Monaten wiederzugeben – von beiden Panen unterschrieben. Solcher Briefe
mit Reversen hatte Gruschenka von ihrem „Früheren“ inzwischen eine Menge
erhalten. Das hatte gleich nach ihrer Krankheit begonnen, vor etwa zwei
Wochen. Sie wußte, daß beide während ihrer Krankheit gekommen waren, um
sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der erste Brief, den sie von ihm
erhalten hatte, war sehr lang gewesen: auf einem Bogen Postpapier
größten Formats geschrieben, mit einem riesengroßen Familiensiegel, im
Sinn ungemein dunkel gehalten, in ungeheuer hochtrabendem Stil, so daß
Gruschenka sich kaum bis zur Mitte des Briefes durchgearbeitet und ihn
dann fortgeworfen hatte, ohne von diesem ganzen kunstvollen Wortbau
etwas verstanden zu haben. Auch war es ihr doch damals nicht um die
Polen zu tun gewesen. Nach diesem ersten Brief war am anderen Tage ein
zweiter Brief gefolgt, mit der Bitte Pan Mussjälowitschs, ihm auf eine
ganz kurze Frist zweitausend Rubel zu leihen. Gruschenka hatte auch auf
diesen Brief nichts geantwortet. Darauf war eine ganze Reihe von Briefen
gefolgt, täglich je einer, alle gleich würdig und gedrechselt, nur daß
in ihnen die erbetene Summe, die stufenweise herabsank, schließlich bei
hundert anlangte, dann bei fünfundzwanzig, fünfzehn, zehn Rubel, und
eines Tages erhielt Gruschenka einen Brief, in dem sie um einen einzigen
Rubel gebeten wurde – wiederum unter Zusendung eines Reverses, den beide
unterschrieben hatten. Da hatten sie ihr leid getan, und sie hatte sich
plötzlich in der Dämmerung entschlossen, selbst zu ihnen zu gehen.
Sie hatte beide Polen in der größten Misere vorgefunden, ohne Essen,
ohne Holz, ohne Zigaretten und bei der Hauswirtin tief verschuldet. Die
zweihundertfünfzig Rubel, die sie in Mokroje gewonnen hatten, waren sehr
bald (und unbekannt wofür) draufgegangen. Indessen wurde sie zu ihrer
nicht geringen Verwunderung von beiden Panen fabelhaft aufgeblasen und
selbstbewußt empfangen, mit der größten Beobachtung der Etikette und mit
hochtrabenden Reden. Gruschenka hatte ihnen daraufhin nur ins Gesicht
gelacht und ihrem „Früheren“ zehn Rubel gegeben. Und gleich darauf war
sie zu Mitjä gegangen, dem sie den ganzen Vorfall lachend erzählt hatte,
und dieser hatte gleichfalls darüber gelacht. Doch seit dem Tage ließen
die stolzen Pane ihr keine Ruhe: täglich bombardierten sie sie mit
Briefen, die alle immer dieselbe verschnörkelte Bitte um Geld
enthielten, und sie schickte ihnen jedesmal ein paar Rubel. Und nun
plötzlich war es Mitjä eingefallen, deswegen eifersüchtig zu werden.
„Ich war so dumm, auf dem Wege zu Mitjä auf einen Augenblick zu ihm zu
gehen, denn er ist doch jetzt gleichfalls erkrankt, mein früherer Pan,“
begann Gruschenka wieder eilig und geschäftig, „und ich erzählte es
Mitjä lachend, um ihn zu zerstreuen: ‚Denk nur,‘ sagte ich, ‚mein Pole
wollte mir wieder auf der Gitarre vorspielen und die alten Lieder
singen, wahrscheinlich in der Hoffnung, das würde mich rühren und mich
bestimmen, ihn zu heiraten.‘ Und da springt Mitjä plötzlich wie rasend
auf, und das Schimpfen geht los ... Jetzt schicke ich aber zum Trotz den
Polen die Pastetchen! Fenjä, wen haben Sie da geschickt, wieder das
kleine Mädchen? Hier, gib ihr diese drei Rubel, und dann kannst du noch
so zehn Pastetchen in Papier einschlagen und mitschicken. Du aber,
Aljoscha, mußt unbedingt Mitjä erzählen, daß ich ihnen Pastetchen
geschickt habe.“
„Das werde ich bestimmt nicht tun,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Ach, du glaubst, daß er sich quält? Das hat er doch absichtlich getan,
nur um mich glauben zu machen, er sei eifersüchtig, ihm selbst aber ist
es doch ganz gleichgültig,“ sagte Gruschenka bitter.
„Wieso absichtlich getan?“ fragte Aljoscha.
„Das kannst du wohl wieder, trotz deines Verstandes – nicht verstehen,
Aljoschenka. Sieh, nicht das kränkt mich, daß er meinetwegen, da ich nun
einmal so eine bin, eifersüchtig ist. Es würde mich viel mehr kränken,
wenn er nicht eifersüchtig wäre. Ja, so bin ich. Nicht die Eifersucht
kränkt mich, ich bin ja auch ein hartherziger Mensch, und ich bin selbst
eifersüchtig. Mich kränkt nur, daß er mich überhaupt nicht liebt und
jetzt _absichtlich_ den Eifersüchtigen spielt, das ist es! Bin ich denn
etwa blind! Da fängt er jetzt plötzlich an, mir von jener, der Katjä zu
erzählen: dieses soll sie sein und wiederum jenes und dann noch was,
‚und sie hat sogar einen berühmten Arzt aus Moskau hergerufen, um mich
zu retten, hat auch den besten, den berühmtesten Advokaten verschrieben‘
... Daraus ersehe ich doch, daß er jetzt nur sie allein liebt, wenn er
sie so unverschämt in meiner Gegenwart lobt. Er weiß ja selbst ganz
genau, daß er sich mir gegenüber vergangen hat, und da will er nun die
ganze Schuld auf mich abwälzen. Dann heißt es: ‚Du hast zuerst mit dem
Polacken angefangen, folglich kann ich jetzt auch mit Katjka anfangen.‘
Ich kenne doch die Männer! Jetzt will er auf mich allein die ganze
Schuld wälzen. Absichtlich hat er diese Eifersuchtsszene gespielt.
Absichtlich hat er es getan, das sage ich dir, nur werde ich ...“
Gruschenka sprach nicht aus, was sie würde ... Sie beugte den Kopf auf
den Arm, der auf dem Tisch lag, und weinte wie im Krampf.
„Dmitrij liebt Katerina Iwanowna nicht,“ sagte Aljoscha überzeugt.
„Nun, ob er sie liebt oder nicht liebt, das werde ich bald selbst
erfahren,“ sagte Gruschenka, in deren Stimme diesmal eine drohende Note
klang. Sie erhob wieder den Kopf, und ihr Gesicht war fast entstellt. Es
tat Aljoscha weh, zu sehen, wie ihr sanftes, ruhig-heiteres Gesicht
finster und böse geworden war.
„Sprechen wir nicht mehr von diesen Dummheiten!“ brach sie plötzlich ab.
„Habe ich dich doch nicht deswegen herbitten lassen. Aljoscha, Täubchen,
sag doch, was wird morgen sein, morgen? Das ist ja das einzige, was mich
quält! Nur mich allein quält das doch. Wenn ich euch alle ansehe, so muß
ich mir immer sagen, daß niemand außer mir daran denkt, daß es niemanden
von euch allen etwas angeht. Sag, denkst du wenigstens daran? Morgen
wird doch sein Urteil gesprochen! Erzähl mir, Aljoscha, wie geht es
eigentlich zu in einer Gerichtssitzung? Wie wird man denn richten? Es
ist doch der Diener, der erschlagen hat, der Diener Ssmerdjäkoff! Mein
Gott! Man wird ihn doch nicht statt des Dieners verurteilen? Und wird
denn niemand für ihn eintreten? Und den Diener haben sie wahrscheinlich
überhaupt noch nicht vernommen, was?“
„Man hat ihn sehr scharf verhört,“ sagte Aljoscha nachdenklich, „aber
sie scheinen alle übereingekommen zu sein, daß nicht er ihn erschlagen
habe. Ssmerdjäkoff ist noch immer krank. Er ist es seit jenem Tage, seit
dem epileptischen Anfall ... Er ist tatsächlich krank,“ fügte Aljoscha
nochmals hinzu.
„Gott, geh doch du wenigstens zu diesem Advokaten, Aljoscha, und erzähl
ihm alles unter vier Augen. Es heißt doch, er sei für dreitausend Rubel
aus Petersburg hergekommen.“
„Ja, wir drei haben es zusammen getan, Iwan, Katerina Iwanowna und ich;
den Doktor aber hat sie allein für zweitausend aus Moskau verschrieben.
Der Advokat Fetjukowitsch hätte wahrscheinlich mehr verlangt, da aber
dieser Prozeß in ganz Rußland bekannt geworden ist, da alle
Tageszeitungen und Zeitschriften davon sprechen, so hat er um des Ruhmes
willen eingewilligt, herzukommen, denn es ist ein gar zu berühmter Fall
geworden. Ich habe ihn gestern gesprochen.“
„Nun, und? Hast du ihm alles gesagt?“ fragte sofort Gruschenka erregt.
„Er hörte mich an und sagte nichts. Das heißt, er sagte nur, er habe
sich bereits eine bestimmte Meinung gebildet. Er versprach aber, meine
Aussagen zu berücksichtigen.“
„Wie das berücksichtigen? Ach, das sind ja doch nur Phrasen! Phrasen von
bezahlten Spitzbuben! Sie werden ihn mir nur noch ins Verderben stürzen!
Aber der Doktor, wozu hat sie denn den Doktor verschrieben?“
„Als Experten. Sie wollen beweisen, daß Dmitrij verrückt sei und im
Wahnsinn, also besinnungslos erschlagen habe.“ Aljoscha lächelte still
vor sich hin. „Nur ist Dmitrij damit nicht einverstanden, er wird es um
keinen Preis zugeben.“
„Ach, aber das ist doch wahr, wenn er ihn wirklich erschlagen hat!“ rief
Gruschenka lebhaft. „Er war ja damals gar nicht bei vollem Verstande, er
war ja wirklich wahnsinnig, und ich, ich Scheusal, ich allein war an
allem schuld! Nur ist es gar nicht wahr, daß er erschlagen hat, er hat
ihn doch gar nicht erschlagen! Und alle beschuldigen sie ihn, alle
sagen, er sei es gewesen. Sogar Fenjä hat so ausgesagt, daß schließlich
herauskommt, er habe es getan. Und die Aussagen der Kommis von
Plotnikoffs, und jener Beamte. Und dann haben noch alle im Gasthause
gehört, wie er gedroht hat! Alle, alle sind gegen ihn, und so schwatzen
sie jetzt und schnattern wie die Gänse.“
„Ja, die ungünstigen Aussagen haben sich unglaublich vermehrt,“ bemerkte
Aljoscha finster.
„Und Grigorij noch dazu, Grigorij Wassiljitsch! Der behauptet ja nach
wie vor, daß die Tür offen gewesen sei, behauptet es steif und fest und
ohne sich beirren zu lassen! Ich bin selbst einmal zu ihm gegangen, um
mit ihm zu sprechen. Er schimpft einen womöglich noch obendrein aus!“
„Ja, Grigorijs Aussage ist vielleicht die verhängnisvollste für
Dmitrij,“ meinte Aljoscha.
„Und was das betrifft, daß Mitjä verrückt sei, so ist er ja jetzt
wirklich etwas von der Art,“ sagte plötzlich Gruschenka mit einer ganz
besonders besorgten und geheimnisvollen Miene. „Weißt du, Aljoschenka,
ich wollte eigentlich schon lange mit dir darüber reden: ich gehe jeden
Tag zu ihm und muß mich immer mehr über ihn wundern. Sag du mir, was du
über ihn denkst: was meinst du, worüber redet er jetzt immer? Zuweilen
fängt er an zu sprechen und spricht, spricht – ich weiß nicht wovon, ich
denke schon, nun, das wird was sehr Kluges sein, das ist zu hoch für
mich, denke ich, bin wahrscheinlich zu dumm dazu. Nur spricht er jetzt
immer von einem ‚Kindichen‘, das heißt, von irgendeinem kleinen Kinde,
das er immer ‚Kindichen‘ nennt ... ‚Warum,‘ fragte er, ‚warum ist das
Kindichen arm? Für das Kindichen muß ich jetzt nach Sibirien gehn, ich
habe nicht erschlagen, aber ich muß nach Sibirien gehen!‘ Was das
bedeuten soll, was das für ein ‚Kindichen‘ ist, – davon habe ich keine
Ahnung! Mir rollten nur die Tränen über die Wangen, als er sprach, denn
er sagte das so eigenartig, er wollte wohl selbst weinen. Als er aber
sah, daß ich weinte, da küßte er mich plötzlich und bekreuzte mich mit
der rechten Hand. Was hat das zu bedeuten, Aljoscha, sag du mir, was ist
das für ein ‚Kindichen‘?“
„Rakitin hat sich jetzt angewöhnt, ihn zu besuchen,“ meinte Aljoscha
lächelnd, „übrigens ... das kann nicht von Rakitin herrühren. Ich war
gestern nicht bei Dmitrij, heute aber werde ich hingehen.“
„Nein, das ist nicht Rakitka, das ist sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der
ihn verwirrt, seitdem er zu ihm geht, das ist es, was ...“ Gruschenka
stockte plötzlich.
Aljoscha sah sie ganz verdutzt an.
„Wie, Iwan geht zu ihm? Ist er denn jemals bei ihm gewesen? Mitjä hat
mir doch selbst gesagt, daß Iwan noch kein einziges Mal bei ihm gewesen
sei.“
„Ach ... nun, das war wieder echt von mir! Ich habe mich versprochen!“
Gruschenka war etwas betreten, und sie errötete. „Wart, Aljoscha,
schweig, mag es denn auch so sein, habe ich mich einmal verraten, so
will ich lieber die ganze Wahrheit sagen: Iwan Fedorowitsch ist bis
jetzt nur zweimal bei Mitjä gewesen, das erstemal gleich nach seiner
Rückkunft aus Moskau – er kam doch damals sofort wieder zurück, ich war
noch nicht einmal gesund geworden. Und das zweitemal ist er vor einer
Woche bei ihm gewesen. Mitjä aber hat er befohlen, dir nichts davon zu
sagen, und überhaupt niemandem: es sollte ein Geheimnis bleiben.“
Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die
Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht.
„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er
langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir
gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen
stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht
mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er
vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser
Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“
„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben
ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß
sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä
sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so
heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf
schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in
die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß
ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich
kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“
„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“
„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist
eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz
heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du,
Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was
ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten
lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“
„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans
Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts
davon‘?“
„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten,
Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er
mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du
herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und
komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend
an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich
wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein
verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh,
Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“
„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir
nichts von dem Geheimnis gesagt.“
„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir
sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis,
sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht
gesagt.“
„Aber du, was vermutest du denn?“
„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich
vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch
Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist
jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin.
Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten.
Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben
sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch.
Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte
er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna
verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die
Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen,
schone mich nicht!“
„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna
verliebt, so denke ich wenigstens.“
„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie
ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er
auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu
können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu
verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich
werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ –
das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber
diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich
werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“
Und wieder weinte sie verzweifelt.
„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“
sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr
als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du
mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre
ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen
will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen
sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und
dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ...
glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich
glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon
bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob
es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es
mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“
Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha
sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das
war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen
können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine
Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er
noch vor dem Abend auszurichten hatte.
II.
Das kranke Füßchen
Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller
hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war
schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch,
ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch
die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein
reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt.
Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt
angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die
vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten
aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser
Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen
Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich
selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen
Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war
seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt
eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen
gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm
geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu
kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen
müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte.
Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien
mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen
erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei
ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte
sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie
sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in
einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir
und schien erregt zu sein.
„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine
ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie
waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder
zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen
wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei
Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon
später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später
darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine
Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner
Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode
kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch
dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen
Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon
später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch
eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir
vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die
Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte
erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie
einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die
Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm –
ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben
Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines
kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei
Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus
Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ...
Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen
Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich
wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu
untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte.
Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich
immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich
nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt
alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß
Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann
habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und
reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“
Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben
getrunken habe.
„Bei wem?“
„Bei Agrafena Alexandrowna.“
„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde
gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig
geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser
wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt,
was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie,
schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen,
daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß
... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird
mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie
wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden?
Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid
ablegen, nicht wahr?“
„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“
„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept.
Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach
Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so
schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind
Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin
müde. Diese Katjä – _cette charmante personne_, sie hat alle meine
Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien
folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der
nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das
bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses
Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber
millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir
ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚_liebe_ Freundin‘ Ihres
Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken
Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“
„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“
„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich
es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der
Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr
herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr
Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für
‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“
Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen
hatte, und zeigte ihm die Stelle.
Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein.
Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich
alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente
war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie
mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau
Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und
so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen
Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha
wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß
sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen
Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über
die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte
es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem
Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von
der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht
in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem
Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann
entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie
gewöhnlich betitelt: „_Aus Skotoprigonjewsk_[26] (so heißt nämlich unser
Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht).
_Zum Prozeß Karamasoff._“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über
Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen
genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter
allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses
und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan
habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und
für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien
verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit
langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den
sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits
Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie
ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten
hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien
entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber,
so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn
um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu
entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner
gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in
scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit
Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und
der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte,
faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück.
„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe
ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die
Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige
Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so
geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso
verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ...
Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund
Rakitin!“
„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört
...“
„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm
doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“
„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu
betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch
nicht gehört ...“
„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört
über mich?“
„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm
eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm
nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich
stehe mich nicht besonders mit ihm.“
„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts
mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an
der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon
vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“
(auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes,
schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich
vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen
wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater
... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich
rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm
beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin
schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund
Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere
mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser
leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! –
läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu
verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also
ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam
sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung
gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es
plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu
bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können.
Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr
Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist
doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt
ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter
kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr
unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene
Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen
fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde
unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu
verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein
zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie
vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin
aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch
obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann
schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim
Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so
schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte
auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie
mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer
versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann
nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen
Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette,
und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt,
und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das
er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in
Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch:
‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen,
Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘
oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das
Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie,
es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um
eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich.
Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr
geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail
Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm
sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes
hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr
Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt,
überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war,
obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, –
aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell
auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären
das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und,
wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen
urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen,
geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein
werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe
es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich
es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht
gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen
ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee
aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein
Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der
Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von
Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt
nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht
berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da
aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz
ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig
zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der
Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das
Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind
heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher
spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten
Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien
waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag
hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich
tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in
meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir,
ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll
ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht
entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder
soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber
hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich
in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf
erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm
sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne.
Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es
nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich
ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich
geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es
hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es
sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von
mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint
... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen
plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine
Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so
habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht
mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends
die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn
das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen,
hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es
hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist
schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich
eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“
„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch
rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte
Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften
Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen.
„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie,
was ist das, ein Affekt?“
„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst
nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was
Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“
„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“
„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes,
liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie
nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte
aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir
so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur
noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt
auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit
ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor
ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach,
nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten
durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein,
nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt
ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und
plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist
vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn
auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor
kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das
ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei
mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde,
an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im
Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld,
dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den
Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht
erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen
wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen
seinen Willen, erschlagen hat.“
„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha
etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr.
„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“
„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt.
„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem
Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann
aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug
Ihren Vater.“
„Aber warum, warum?“
„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er,
bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er
diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer
gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn
Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz
abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja
bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel
besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater
erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre
Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan
hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch,
ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er
wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst
geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen.
Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des
neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch
nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen,
daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann,
wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner
einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl
der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein
wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im
äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen
Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst
vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie
doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir
sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel
andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze,
plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und
erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle
verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle
Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei,
einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch
gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute
erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir
soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie
hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr
gekommen?“
„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte
Aljoscha, der sich entschlossen erhob.
„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade
die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen.
„Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue,
und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie
heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch,
Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem
kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich
ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und
denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich
habe nichts davon gewußt!“
„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht
wieder hin, sondern hörte stehend zu.
„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur
deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich
es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner
Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal,
um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor
nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so
trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine
Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel
Scherereien er auch ohnedem schon hat, _vous comprenez – toute cette
affaire et la mort terrible de votre papa_. Und da erfahre ich nun
plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir,
sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen,
hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich
aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es
mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber
lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir
vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch
gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen
Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr
vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und
fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich
nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am
dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser
Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich
verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie
ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so
plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen
jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz
ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese
Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und
denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht
und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du
kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die
Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan
Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne
meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert
sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der
Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist
doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde,
umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber
läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß
sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so
gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und
bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter
zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber
sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor.
Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie
gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte
Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu
erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her
und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich
sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder
ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich
habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und
dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr
Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin,
der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber
verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie
mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie,
Alexei Fedorowitsch?“
„Ich will zu Lise ...“
„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was
ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“
„Ich werde es nicht vergessen, wenn es nur angeht ... ich habe mich
schon so verspätet,“ stotterte Aljoscha, der eiligst verschwinden
wollte.
„Nein, bestimmt, bestimmt! Nicht ‚wenn es angeht‘, sonst sterbe ich!“
rief ihm Frau Chochlakoff nach, doch Aljoscha schloß bereits die Tür.
III.
Das Teufelchen
Als er bei Lisa eintrat, fand er sie halb liegend in dem Rollstuhl, in
dem man sie früher, als sie noch nicht wieder gehen konnte, gefahren
hatte. Sie rührte sich nicht, um ihm entgegenzutreten, aber ihr
durchdringender, gleichsam scharf und spitz gewordener Blick schien ihn
durchbohren zu wollen. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, und ihr
Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, daß sie sich in drei
Tagen dermaßen verändert hatte, sie schien geradezu abgemagert zu sein.
Sie reichte ihm nicht die Hand. Da trat er zu ihr und berührte selbst
ihre schmalen langen Fingerchen, die regungslos auf ihrem Kleide lagen,
und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber.
„Ich weiß, daß Sie keine Zeit haben, Sie wollen ins Gefängnis zu Ihrem
Bruder gehen,“ sagte Lisa scharf, „Mama aber hat Sie zwei Stunden lang
aufgehalten und Ihnen von mir und Julija erzählt.“
„Woher wissen Sie das?“ fragte Aljoscha.
„Ich habe gehorcht. Warum sehen Sie mich so an? Ich will horchen, und
ich horche, und es ist nichts Schlechtes dabei. Ich will mich durchaus
nicht entschuldigen.“
„Sie scheinen durch etwas mißgestimmt zu sein.“
„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich habe soeben noch zum
dreißigstenmal darüber nachgedacht, wie gut es ist, daß ich Ihnen
abgesagt habe und nicht Ihre Frau werde. Sie taugen nicht zum Ehemann.
Sie würden, wenn ich Sie heiratete, alles tun, was ich Ihnen sage. Wenn
ich Ihnen dann einen Zettel gebe, um ihn dem zu überbringen, in den ich
mich nach Ihnen verliebt habe, so würden Sie bestimmt hingehen und ihm
den Zettel abgeben und mir womöglich noch die Antwort überbringen. Sie
werden vierzig Jahre alt werden und immer noch so meine Liebesbriefe
überbringen.“
Sie lachte plötzlich auf.
„In Ihnen ist heute etwas Boshaftes und zugleich doch auch
Aufrichtiges,“ sagte Aljoscha, und lächelte ihr zu.
„Das Aufrichtige ist, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme. Und nicht nur
das, ich _will_ mich nicht einmal vor Ihnen schämen, gerade vor Ihnen
nicht. Aljoscha, sagen Sie, warum achte ich Sie nicht? Ich liebe Sie
sehr, aber ich kann Sie nicht achten. Wenn ich Sie achtete, so würde ich
doch nicht so ohne Scham mit Ihnen reden, das ist doch so?“
„Ja, das wäre so.“
„Aber glauben Sie auch, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme?“
„Nein, das glaube ich nicht.“
Lisa lachte wieder nervös auf. Sie sprach schnell und sich überhastend.
„Ich habe Ihrem Bruder Dmitrij Fedorowitsch Konfekt ins Gefängnis
geschickt. Aljoscha, wissen Sie auch, wie reizend Sie sind? Ich werde
Sie schrecklich lieben, und zwar deswegen, weil Sie mir so schnell
erlaubt haben, Sie nicht zu lieben.“
„Warum haben Sie mich heute zu sich gerufen, Lise?“
„Ich wollte Ihnen nur einen meiner Wünsche mitteilen, den ich jetzt
beständig habe. Ich will, daß mich jemand foltere, mich heiratete und
dann folterte, betröge, mich verließe und fortginge. Ich will nicht
glücklich sein!“
„Sie haben die Unordnung lieb gewonnen?“
„Ach ja, ich will vor allem Unordnung! Ich will immer unser Haus
anzünden. Ich stelle mir alles ganz genau vor: wie ich so heranschleiche
und heimlich anzünde, unbedingt heimlich, das ist sogar die Hauptsache.
Und alle kommen und löschen, das Haus aber brennt. Und ich weiß es, doch
ich schweige. Ach, Dummheiten! Und wie langweilig es ist!“
Sie machte eine Handbewegung, als wenn es sie anekelte.
„Sie leben im Überfluß,“ sagte Aljoscha leise.
„Ist denn in Armut zu leben, etwa besser?“
„Ja.“
„Das hat Ihnen Ihr verstorbener Staretz in den Kopf gesetzt. Es ist aber
nicht wahr. Nun gut, dann bin ich reich, und alle anderen sind arm; ich
werde Schokolade und Marzipan essen und Sahne trinken, den anderen aber
nichts davon geben. Ach, sprechen Sie nicht, sagen Sie nichts“ (sie
winkte ihm heftig mit der Hand ab, obgleich Aljoscha nicht einmal den
Mund aufgetan hatte), „Sie haben mir das alles schon früher gesagt, ich
kann es ja schon auswendig. Langweilig ist es. Wenn ich arm wäre, so
würde ich jemanden totschlagen, – aber auch wenn ich reich bin, werde
ich jemanden totschlagen – wozu so stillsitzen! Wissen Sie, ich will
Korn schneiden, Roggen will ich schneiden. Ich werde Sie heiraten, und
Sie werden Bauer werden, ein richtiger, echter Landbauer; dann kaufen
wir uns ein kleines Pferdchen, wollen Sie? Kennen Sie Petruscha
Kalganoff?“
„Ja.“
„Er geht die ganze Zeit umher und träumt. Er sagt, warum soll man in der
Wirklichkeit leben, besser ist träumen. Vorträumen kann man sich das
Schönste, leben aber ist langweilig. Er wird bald heiraten, er hat auch
mir seine Liebe gestanden. Verstehen Sie, Kreisel zu treiben?“
„Ja, ich glaube.“
„Sehen Sie, er ist ganz wie ein Kreisel: man stellt ihn hin, wickelt das
Peitschenende ums Füßchen, zieht dann die Geschichte los, und er dreht
sich, dreht sich, und man peitscht, peitscht, peitscht, damit er sich
immer weiter drehe. Ich werde ihn heiraten und ihn das ganze Leben lang
so treiben wie Kinder ihren Kreisel. Geniert es Sie nicht, bei mir zu
sitzen?“
„Nein.“
„Es ärgert Sie schrecklich, daß ich nicht von Heiligem mit Ihnen
spreche. Ich will nicht heilig sein. Sagen Sie, was geschieht mit einem
in jener anderen Welt, was wird dort für die ärgste Sünde mit uns getan?
Das müssen Sie doch ganz genau wissen.“
„Gott richtet,“ sagte Aljoscha, der sie aufmerksam beobachtete.
„Das ist gut, so will ich es auch haben. Ich würde hinkommen, und sie
alle würden mich dort verurteilen, und ich würde ihnen dann ins Gesicht
lachen. Ich will schrecklich gern etwas anzünden, Aljoscha, am liebsten
unser Haus, – Sie glauben es mir nicht?“
„Warum nicht? Es gibt sogar kleine Kinder, die noch nicht einmal zwölf
Jahre alt sind und doch denselben Wunsch haben. Und schließlich zünden
sie auch tatsächlich etwas an. Es ist eine Art Krankheit.“
„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, mögen das Kinder tun, davon
rede ich nicht.“
„Sie halten das Böse für gut. Das ist nur eine vorübergehende Krise, an
der vielleicht Ihre frühere Krankheit schuld ist.“
„Aha, Sie verachten mich also! Nein, ich will einfach nichts Gutes tun,
ich will nur Böses tun, und von Krankheit ist hier keine Spur.“
„Warum wollen Sie denn Böses tun?“
„Einfach damit nichts mehr übrigbleibt. Ach, wie schön das wäre, wenn
nichts mehr übrig bliebe! Wissen Sie, Aljoscha, ich nehme mir zuweilen
vor, schrecklich viel Böses zu tun und alles, was es nur Schlechtes
gibt, und ich werde es lange, lange ganz heimlich tun, und dann
plötzlich werden es alle erfahren. Alle werden sie mich umringen und mit
den Fingern auf mich weisen, ich aber werde sie alle ansehen. Das ist
sehr angenehm. Warum ist das so angenehm, Aljoscha?“
„So. Das Bedürfnis etwas Gutes zu vernichten oder auch, wie Sie sagen,
etwas anzuzünden. Das kommt gleichfalls vor.“
„Aber ich habe es doch nicht nur gesagt, ich werde es doch auch tun.“
„Das will ich glauben.“
„Ach, wie ich Sie dafür liebe, daß Sie gesagt haben: Das will ich
glauben. Und Sie lügen ja dabei nicht einmal! Vielleicht aber glauben
Sie, daß ich es Ihnen absichtlich nur so sage, um Sie zu necken?“
„Nein, das glaube ich nicht ... übrigens ist vielleicht auch dieses
Bedürfnis mit im Spiel.“
„Ein wenig, ja. Ich werde Sie nie belügen,“ sagte sie plötzlich, und in
ihren Augen begann ein arges, kleines Feuer zu glühen.
Was Aljoscha am meisten stutzig machte, das war ihr Ernst: nicht einmal
ein Schatten von Spott oder Scherz war auf ihrem Gesicht zu sehen, was
früher selbst in den „ernstesten“ Minuten nie der Fall gewesen war.
„Es gibt Augenblicke, in denen die Menschen das Verbrechen geradezu
lieben,“ sagte Aljoscha, in Gedanken versunken.
„Ja, ja! Sie haben meinen Gedanken ausgedrückt, ich wollte das selbst
sagen. Alle lieben es, und immer lieben sie es, immer, nicht nur in
‚Augenblicken‘. Wissen Sie, es ist, als ob sich alle einmal verabredet
hätten, in diesen Dingen immer zu lügen, und seit der Zeit lügen sie
auch wirklich alle. Alle sagen, sie haßten das Schlechte, im geheimen
aber lieben sie es doch alle, alle!“
„Lesen Sie immer noch schlechte Bücher?“
„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters
Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“
„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“
„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der
zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr.
Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen,
weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr
gut, und es gefällt ihnen sehr.“
„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“
„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich
sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der
es gefällt.“
„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich
hin.
„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie
sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie
niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen,
den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre
es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein
Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem
Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort
hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle
hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon
fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen
alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie
bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich
überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich
denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen
Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich
auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen
sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem
bleibt einem stehen!“
„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha.
„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie
nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein
und denselben Traum haben?“
„Warum denn nicht?“
„Aljoscha, ich sage Ihnen, das ist furchtbar wichtig!“ Lisa war ganz
unverhältnismäßig erregt und betroffen. „Nicht der Traum ist wichtig,
sondern das, daß zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum
gehabt haben. Sie sagen mir doch nie die Unwahrheit, bitte, lügen Sie
auch jetzt nicht: Ist das wirklich wahr? Sie machen sich doch nicht über
mich lustig?“
„Es ist vollkommen wahr, was ich Ihnen gesagt habe.“
Lisa war ganz betroffen und verstummte auf eine Weile.
„Aljoscha, kommen Sie öfter zu mir!“ sagte sie plötzlich geradezu
flehend.
„Ich werde immer, mein ganzes Leben lang werde ich zu Ihnen kommen,“
antwortete Aljoscha, und seine Stimme hatte, als er sein Versprechen
gab, einen festen, ernsten Klang.
„Ich kann doch nur Ihnen allein alles sagen,“ fuhr Lisa fort. „Nur mir
und Ihnen sage ich alles. Von anderen Menschen nur Ihnen allein in der
ganzen Welt. Und Ihnen sage ich es noch lieber als mir. Und ich schäme
mich gar nicht vor Ihnen, nicht ein bißchen. Aljoscha, warum schäme ich
mich nicht vor Ihnen? Aljoscha, ist es wahr, daß die Juden zu Ostern
kleine Christenkinder stehlen und dann schlachten?“
„Das weiß ich nicht.“
„Ich habe hier ein Buch, darin habe ich von einer Gerichtsverhandlung
gelesen: ein Jude hatte einem vierjährigen Knaben alle Fingerchen
abgeschnitten, von beiden Händchen, und dann hatte er ihn gekreuzigt,
einfach mit Nägeln an die Wand geschlagen. Vor Gericht aber hat er
gesagt, der Knabe sei _bald_ gestorben, ungefähr nach vier Stunden. Das
ist doch sehr ‚bald‘ – nicht wahr? Er sagt noch, der Kleine habe
gestöhnt, die ganze Zeit gestöhnt – er aber hat vor ihm gesessen und
sich daran ergötzt. Das muß sehr schön gewesen sein.“
„Schön?“
„Ja, schön. Ich stelle mir zuweilen vor, daß ich den Kleinen so
gekreuzigt hätte. Er hängt an der Wand, ich aber setze mich vor ihn hin
und esse Ananaskompott. Ich esse sehr gern Ananaskompott. Sie auch?“
Aljoscha blickte sie schweigend an. Ihr bleiches Gesicht verzerrte sich
plötzlich, und ihre Augen erglühten.
„Wissen Sie, als ich das von jenem Juden gelesen hatte, habe ich die
ganze Nacht geweint und gezittert. Ich stellte mir vor, wie der Knabe
schreit und stöhnt – vierjährige Kinder begreifen doch schon – ich aber
kann den Gedanken an das Kompott nicht loswerden. Am Morgen stand ich
auf und schickte einem gewissen Menschen einen Brief mit der Bitte,
_unbedingt_ zu mir zu kommen. Er kam, und ich erzählte ihm plötzlich von
diesem Knaben und dem Ananaskompott, erzählte ihm _alles, alles_, und
ich sagte ihm auch, das es ‚schön‘ sei. Da lachte er und sagte, es sei
tatsächlich schön. Darauf erhob er sich und ging fort. Er hatte hier im
ganzen nur fünf Minuten gesessen. Verachtete er mich, ja? Sagen Sie,
sagen Sie doch, Aljoscha, verachtete er mich, oder verachtete er mich
nicht?“ Sie saß steif aufgerichtet in ihrem Lehnstuhl, und ihre Augen
glühten.
„Sagen Sie mir,“ fragte Aljoscha erregt, „haben Sie ihn selbst gerufen,
diesen Menschen?“
„Ja, ich selbst.“
„Sie haben ihm einen Brief geschrieben?“
„Ja, einen Brief.“
„Nur um ihn das zu fragen, das von dem Kinde?“
„Nein, durchaus nicht deshalb, durchaus nicht. Als er aber eintrat,
fragte ich ihn sofort, wie er das fände. Er antwortete, lachte,
verbeugte sich und ging.“
„Dieser Mensch hat sich ehrenhaft Ihnen gegenüber benommen,“ sagte
Aljoscha halblaut.
„Aber er hat mich verachtet? Sich über mich lustig gemacht?“
„Nein, denn er glaubt vielleicht selbst an das Ananaskompott. Er ist
jetzt gleichfalls sehr krank, Lise.“
„Ja, er glaubt daran!“ Lisas Augen blitzten auf.
„Er verachtet niemanden,“ fuhr Aljoscha fort. „Nur glaubt er auch
niemandem. Wem er aber nicht glaubt, den, versteht sich, den verachtet
er auch.“
„Dann also auch mich? auch mich?“
„Auch Sie.“
„Das ist gut,“ sagte Lisa gleichsam knirschend. „Als er lachte und
hinausging, da empfand ich zum erstenmal, daß es schön ist, verachtet zu
werden. Und auch der Knabe mit den abgeschnittenen Fingern ist schön,
und auch verachtet zu sein, ist schön ...“
Sie blickte Aljoscha starr in die Augen und lachte, lachte boshaft – wie
in auflodernder Bosheit.
„Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich wünschte ... Aljoscha, retten Sie
mich!“ Sie sprang plötzlich auf von ihrem Rollstuhl, stürzte zu ihm und
umklammerte ihn krampfhaft. „Retten Sie mich!“ entrang es sich ihr
flehend und fast wie ein Gestöhn. „Kann ich denn auch nur einem einzigen
Menschen in der Welt alles so sagen, wie ich es Ihnen gesagt habe? Ich
habe doch die Wahrheit, die ganze, ganze Wahrheit gesagt! Ich werde mir
das Leben nehmen, mich widert alles an! Ich will nicht leben, es ist
alles ekelhaft! Alles, alles ist mir ekelhaft! Aljoscha, warum lieben
Sie mich denn gar nicht, warum, warum lieben Sie mich nicht!“ schloß sie
ganz verzweifelt.
„Doch, ich liebe dich!“ verteidigte sich Aljoscha erregt, und in seinen
Worten klang ein heißer Ton.
„Werden Sie aber auch über mich weinen, werden Sie?“
„Bestimmt!“
„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle,
mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne
auch nur _einen einzigen Menschen_ auszunehmen, jawohl, alle _ohne
Ausnahme_! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, _nie–man–den_! Im
Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen,
zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen.
„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz
erschrocken.
„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie,
hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch
endlich!“
Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch
unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein
kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er
ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er
las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und
warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus.
„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich,
am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich
nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“
Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb.
Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur
Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von
ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich
Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den
Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen
ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden
vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam
und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und
betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen
und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre
Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin:
„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“
IV.
Die Hymne und das Geheimnis
Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann
schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha
wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde.
Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall
in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch
nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu
überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden
diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend
abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern
regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in
dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens
wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka,
Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen
unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten
lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje
angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt
erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar:
obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn,
seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel
nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war
vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch
Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller
Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha
betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte,
aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge
immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen
Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des
Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem
alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im
allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte
der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich
geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl
er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der
Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine
unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die
apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster
gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken
mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen
stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der
Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um
trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten
sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein
jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen,
wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er
gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum,
der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er
fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie
laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend
etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war
Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn
nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum
seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte,
runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie
suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines
großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre.
Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen.
„Wenn ich nur nichts von meinen Sachen vergesse,“ brummte er vor sich
hin – einzig um etwas zu sagen.
„Gib nur acht, daß du von fremden Sachen nichts vergißt,“ witzelte Mitjä
und lachte über seine Bemerkung.
Rakitin war sofort beleidigt.
„Das empfiehl lieber deinen Karamasoffs, deinen
Leibeigenschaftspartisanen, aber nicht Rakitin!“ rief er aufbrausend vor
Wut.
„Was fehlt dir? Ich habe doch nur gescherzt ... Pfui Teufel! So sind sie
ja alle,“ sagte er darauf zu Aljoscha, indem er mit dem Kopf noch zur
Seite auf Rakitin wies, der sich schnell entfernte; „er hat die ganze
Zeit hier gesessen, gelacht und ist fröhlich gewesen, und dann plötzlich
das reine _Noli me tangere_! Dir hat er nicht einmal mit dem Kopf
zugenickt. Habt ihr euch beide denn ganz überworfen? Warum kommst du
heute so spät? Ich habe dich vom Morgen an nicht etwa nur erwartet, ich
habe mich geradezu nach dir gesehnt, wie, wie, ich weiß nicht wie! Nun,
macht nichts. Wir können es ja jetzt nachholen.“
„Warum besucht er dich jetzt so oft? Hast du dich mit ihm etwa
angefreundet?“ fragte Aljoscha, indem er gleichfalls mit dem Kopf auf
die Tür wies, durch die Rakitin hinausgegangen war.
„Ich mich mit diesem Michail angefreundet? Nein, mein Lieber ... Dieses
Schwein! Er hält mich für einen ... Schuft. Scherz verstehen diese Leute
gleichfalls nicht – das ist das Charakteristischste. Niemals wird diese
Sorte Menschen Scherz verstehen. Trocken sind ihre Seelen, trocken und
flach und platt, ganz wie mir damals die Gefängniswände erschienen, als
ich hergefahren wurde und zum erstenmal diese Mauern sah. Aber er ist
nicht dumm, durchaus nicht dumm. Nun, Alexei, mein Kopf ist jetzt
verloren!“
Er setzte sich auf die Bank und zog Aljoscha neben sich nieder.
„Ja, morgen wird das Urteil gesprochen. Aber hast du denn wirklich so
alle Hoffnung verloren, Mitjä?“ fragte Aljoscha schüchtern und
mitleidig.
„Wieso, wie meinst du das?“ Mitjä blickte ihn seltsam unbestimmt an. „Ah
so, du sprichst vom Gericht! Na, zum Teufel damit! Wir haben beide bis
jetzt nur über Dummheiten gesprochen, immer nur von diesem Gericht, über
das Wichtigste aber habe ich geschwiegen, wenn ich mit dir zusammen war.
Ja, morgen wird man über mich zu Gericht sitzen, nur habe ich nicht in
der Beziehung gesagt, daß mein Kopf verloren sei. Nicht mein Kopf ist
verloren, sondern das, was im Kopf war, das ist verloren. Warum siehst
du mich so kritisch an?“
„Wovon redest du, Mitjä?“
„Ideen, Ideen, das ist es! Ethik! Was ist das eigentlich für ein
Gewächs, die Ethik?“
„Ethik?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ja, das ist wohl irgendeine Wissenschaft, aber was für eine ist es nun
eigentlich?“
„Ja, es gibt eine solche Wissenschaft ... nur ... ich muß gestehen, ich
kann es dir nicht so ganz erklären, was für eine das ist.“
„Rakitin weiß es. Der Schuft weiß ziemlich viel ... ach nun, hol ihn der
Teufel! Mönch wird er jedenfalls nicht werden. Er spitzt sich auf
Petersburg. Dort, sagt er, will er Kritiken schreiben, und zwar mit
einer edlen Tendenz. Nun was, meinen Segen hat er, wird vielleicht noch
nützlich sein und sich eine Karriere bauen. Oh, was das Karrieremachen
betrifft, darin sind diese Leute Meister! Zum Teufel mit der Ethik. Ich
aber bin verloren, Alexei, _ich_! – begreifst du das, du Kind Gottes!
Ich liebe dich am meisten von allen in der Welt. Wenn ich dich sehe,
weitet sich mein Herz, begreifst du das? Was hat es dort für einen Karl
Bernard gegeben?“
„Karl Bernard?“ fragte Aljoscha wiederum verwundert.
„Nein, nicht Karl, wart, wie hieß doch das Vieh? – Ach, richtig,
_Claude_ Bernard. Was ist nun das jetzt wieder? Chemie etwa, nicht?“
„Das ist wahrscheinlich ein Gelehrter,“ meinte Aljoscha, „nur muß ich
wieder gestehen, daß ich dir auch von ihm nicht viel sagen kann. Ich
habe nur den Namen gehört, ich weiß, daß es ein Gelehrter ist, was für
einer aber, das weiß ich nicht.“
„Na, dann hol ihn der Teufel, auch ich weiß es nicht,“ schimpfte Mitjä.
„Höchstwahrscheinlich ist’s irgendein Gauner und weiter nichts – wie sie
es ja alle sind. Rakitin wird sich schon durchfressen. Rakitin wird
selbst durch Spalten, durch die kein Floh durch kann, auch noch
durchkriechen. Das ist gleichfalls so ein Bernard. Ach, diese Bernards!
Weiß Gott, die vermehren sich wahrlich wie Kaninchen!“
„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst.
„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel
schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, –
hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen
Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die
Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und
das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem
leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der
Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann
sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich
hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht
fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß
unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs
sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind
Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch
kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so
gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: _de Geschmackibus non est
disputandum_. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt
mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte.
„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch
vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha.
„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um
Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“
„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“
„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt
dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es
gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche
Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu
zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf
irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu
zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern,
da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist,
aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick
Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das
heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild
oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der
Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so
ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum,
weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin,
das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern
ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer
übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer
Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es
mir doch leid um Gott!“
„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha.
„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja,
die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite
treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh!
den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste
Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich
fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken
hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich
doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn
jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne
Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles
erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch
nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun,
ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun,
du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im
Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht!
Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ...
jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt
er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier
einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich
habe sie, hier, hier sind sie.“
Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und
las:
„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu
erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der
ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“
„Begreifst du was davon?“
„Nein,“ sagte Aljoscha. Er beobachtete interessiert seinen Bruder und
hörte ihm aufmerksam zu.
„Ich auch nicht. Dunkel ist es und unklar, dafür aber klug. ‚Alle
schreiben jetzt so,‘ sagt er, ‚das Milieu hat sich bereits
herausgebildet ...‘ Das ist es ja, sie fürchten, daß die Kollegen den
Stil nicht klug genug finden könnten. Auch Gedichte schreibt das Schwein
... Denk doch nur, er hat Frau Chochlakoffs Füßchen besungen, hahaha!“
„Ich weiß, ich habe davon gehört,“ sagte Aljoscha.
„Ja? Und auch das Gedicht?“
„Nein, das Gedicht selbst habe ich nicht gehört.“
„Ich habe es hier, wart, ich werde es dir vorlesen. Du weißt noch nicht
alles, ich habe es dir nicht erzählt, das ist ja eine ganze Geschichte.
Der Spitzbube! Denk dir, vor drei Wochen war’s, da läßt er sich
plötzlich einfallen, mich zu foppen: ‚Da bist du nun wegen lumpiger
Dreitausend _perdu_,‘ sagt er, ‚ich aber werde mir Hundertfünfzigtausend
verschaffen, werde hier eine kleine Witwe heiraten und mir dann in
Petersburg ein Haus kaufen, ein großes von Stein.‘ Und er erzählt mir,
daß er der Chochlakowa den Hof macht, die aber, sagt er, die von
Kindheit an keinen Verstand gehabt hat, hätte ihn mit vierzig Jahren
vollends verloren. ‚Sie ist fabelhaft sentimental,‘ sagt er, ‚das wird
mir aber zustatten kommen. Werde sie heiraten, nach Petersburg mitnehmen
und dort eine Zeitung herausgeben.‘ Und dabei wässert ihm der Mund in so
gemeiner Lüsternheit, – doch nicht nach der Chochlakowa, sondern nach
den Hundertfünfzigtausend. Und täglich kam er her und beteuerte, es
ginge famos; sie ergibt sich, sagt er, strahlt vor Freude. Und da wird
er plötzlich vor die Tür gesetzt! Perchotin hat ihn aus dem Sattel
gehoben! Das hat er großartig gemacht! Ich würde diese kleine Witwe am
liebsten zehnmal kräftig dafür abküssen, daß sie ihn vor die Tür gesetzt
hat! Er war gerade kurz vorher bei mir gewesen, um mir dieses Gedicht
vorzulesen. ‚Zum erstenmal besudle ich meine Hände,‘ sagte er, ‚schreibe
Gedichte – um sie zu bezaubern, das heißt also, zu einem nützlichen
Zweck. Habe ich erst der Gans das Kapital abgenommen, so kann ich später
damit großen sozialen Nutzen bringen.‘ Dieses Pack hat doch für jede
Gemeinheit eine ‚soziale‘ Rechtfertigung! ‚Und doch habe ich,‘ sagt er,
‚besser als dein Puschkin gedichtet, denn ich habe es fertig gebracht,
in einem närrischen Gedicht ein soziales Malheur auszudrücken.‘ Was er
da von Puschkin sagt, das verstehe ich schließlich. Es ist ja wahr. Ein
begabter Mensch, der dabei nur Weiberfüßchen besungen hat! Wie aber
Rakitin auf sein Gedicht stolz war! Eine Eigenliebe haben die Kerls! So
etwas Dünkelhaftes findet man nicht leicht. ‚Zur Heilung des kranken
Füßchens meines Objekts‘ – das hat er sich als Überschrift ausgedacht!
Nichts zu sagen, ein kühner Mann! Hör jetzt:
Es war einmal ein kleiner Fuß,
Der eines Tags erkrankte;
Die Ärzte kamen tagtäglich ins Haus,
Doch der Fuß es ihnen nicht dankte,
– Denn er wurde nicht gesund.
Doch wie dem nun auch sein mag,
Ich will deswegen nicht trauern.
Mir tut es nur leid ums Köpfchen,
Den Fuß mag Puschkin bedauern,
– Denn er wurde nicht gesund.
Das Köpfchen fing grad an zu verstehen,
Da kam das Füßchen und störte.
Ach! mag es doch wieder gehen,
Damit das Köpfchen mich hörte!
– Denn es wäre sonst gar zu dumm ...
Ein Schwein ist der Kerl, ein geborenes Schwein, aber er hat sich dabei
doch ganz flott ausgedrückt. Und er hat sogar den Kummer über das
schwache Köpfchen hineingeflochten, und seine ganze ‚soziale‘ Sehnsucht,
nach Petersburg zu kommen, liegt in diesem ‚Ach!‘ Wie er aber wütend
war, Herrgott! daß sie ihn vor die Tür gesetzt hatte! Er knirschte
selbst hier noch vor Wut!“
„Er hat sich auch schon gerächt,“ sagte Aljoscha. „Er hat einen Bericht
an die ‚Gerüchte‘ geschickt, in dem er über sie herzieht.“
Und Aljoscha erzählte ihm kurz von der Nachricht aus dem Petersburger
Blatt.
„Das kann allerdings nur Rakitin getan haben!“ sagte Mitjä finster,
nachdem er unruhig zugehört hatte, und er biß nervös die Unterlippe.
„Das ist wieder echt Rakitin! Diese Korrespondenzen ... ich weiß ...
wieviel Schändlichkeiten geschrieben worden sind ... über Gruscha zum
Beispiel ... Und auch über sie, über Katjä ... Hm!“
Er erhob sich und schritt besorgt im Zimmer auf und ab.
„Mitjä, ich kann heute nicht lange bei dir bleiben,“ sagte Aljoscha nach
kurzem Schweigen. „Morgen ist ein unheimlich großer Tag für dich: Gottes
Gericht wird sich über dir vollziehen ... und du sprichst heute, anstatt
Ernstes zu reden, weiß Gott, wovon ... Das, das wundert mich ...“
„Nein, wundere dich nicht,“ unterbrach ihn Mitjä erregt. „Was soll ich
denn immer wieder von diesem stinkenden Hunde reden? Haben wir denn noch
immer nicht genug über den Mörder gesprochen? Ich will nichts mehr von
ihm hören, von dieser Ausgeburt der Idiotin. Gott wird ihn totschlagen,
das wirst du sehen, schweig!“
Anfangs trat er dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn.
Seine Augen brannten.
„Rakitin würde das nicht verstehen,“ fuhr er fort, als ob ihn
Begeisterung erfaßt hätte, „du aber, du wirst alles verstehen. Deswegen
habe ich mich auch nach dir gesehnt. Sieh, ich wollte dir schon lange
hier zwischen diesen nackten Wänden vieles sagen, aber ich habe bis
jetzt doch das Wichtigste verschwiegen: Es war mir immer, wenn ich davon
anfangen wollte, als wäre die Zeit dazu noch nicht gekommen. So habe ich
unbewußt bis zur letzten Stunde gewartet, um vor dir meine Seele
aufzutun. Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen
Menschen in mir entdeckt, ein neuer Mensch ist in mir auferstanden!
Dieser Mensch war immer in mir verborgen, doch es wäre mir nie zum
Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug, wenn Gott nicht dieses
Gewitter geschickt hätte. Unheimlich ist das Leben! Aber was liegt
daran, daß ich zwanzig Jahre lang dort in sibirischen Erzgruben mit dem
Hammer klopfen werde, – das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte
etwas ganz anderes, und das ist meine einzige große Angst: ich fürchte
und bange, daß mich der in mir auferstandene Mensch nur ja nicht wieder
verläßt! Man kann auch dort in den Erzgruben unter der Erde neben sich
in genau solch einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz
finden, und man kann ihm dort näher treten, denn auch dort kann man
leben, lieben und leiden. In diesem Zwangsarbeiter kann man doch das
erfrorene Herz wieder beleben, jahrelang kann man ihn pflegen, und
einmal wird man die Seele aus der dunklen Höhle zum Licht emporziehen,
und dann wird er bereits ein veredelter Mensch sein, ein Mensch mit der
Anschauung eines Märtyrers. Ja, so kann man Engel auferstehen machen und
Helden wieder beleben! Und ihrer gibt es doch so viele dort unter der
Erde, Hunderte, und wir alle haben schuld an ihnen! Warum träumte mir
damals vom ‚Kindichen‘, warum gerade in jener Stunde? ‚Warum ist das
Kindichen arm?‘ Das war in jenem Augenblick eine Prophezeiung! Für das
‚Kindichen‘ gehe ich hin. Denn alle sind für alle schuldig. Überall gibt
es solche ‚Kindichen‘, denn es gibt ja kleine und große Kinder. Alle
sind solch ein ‚Kindichen‘. Und so gehe ich denn für alle, denn irgend
jemand muß doch für alle gehen! Ich habe meinen Vater nicht erschlagen,
aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf mich! Das alles ist mir erst
hier aufgegangen ... hier zwischen den nackten Wänden. Ihrer aber gibt
es doch viele, zu Hunderten sind sie dort unter der Erde, und alle haben
sie eine Haue in der Hand. O ja, ich weiß, wir werden in Ketten sein,
und wir werden keinen freien Willen haben, doch dann, in unserem großen
Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die
es dem Menschen unmöglich ist, zu leben, ebensowenig wie Gott ohne sie
sein kann, denn Gott gibt die Freude, das ist sein großes Privilegium
... Gott, mein Gott, erweiche den Menschen im Gebet! Wie werde ich denn
dort unter der Erde ohne Gott leben? Rakitin lügt: Wenn man Gott von der
Erde vertreibt, so werden wir ihn dort unter der Erde willkommen heißen!
Für einen unterirdischen Zwangsarbeiter ist es unmöglich, ohne Gott
auszukommen, unmöglicher als für einen Nichtzwangsarbeiter. Und dann
werden wir, wir unterirdischen Sträflinge dort in den Schachten
Sibiriens, aus dem Eingeweide der Erde eine tragische Hymne unserem
Gotte singen, unter der Erde hervor unserem Gotte, bei dem die Freude
ist! Ach, es lebe Gott, und es lebe deine Freude! – Ich liebe dich,
Gott!“
Die Worte stürzten Mitjä fast atemlos über die Lippen. Er war bleich,
seine Lippen zuckten, und aus seinen Augen rollten Tränen herab.
„Nein, das Leben ist groß, groß ist das Leben und voll und mächtig ist
es! Leben ist auch unter der Erde!“ begann er wieder in seiner
Begeisterung. „Du kannst dir nicht einmal denken, Alexei, wie ich jetzt
leben will, wie, wie ich lechze nach Leben und Erkennen, welch ein
Verlangen danach sich gerade hier zwischen diesen nackten Wänden in mir
erhoben hat! Rakitin begreift das nicht, er will nur ein Haus bauen und
dann Wohnungen vermieten. Ich aber habe dich erwartet, um dir zu sagen
... Und was ist denn das Leiden? Ich fürchte es nicht, und wenn es auch
unermeßlich sein sollte. Jetzt fürchte ich es nicht, früher fürchtete
ich es. Weißt du, ich, ich werde morgen vielleicht gar nicht antworten
vor Gericht ... Ich glaube, ich habe jetzt so viel von dieser Kraft in
mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles
Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend
Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber
ich bin! Und wenn ich auch angeschmiedet bin, so lebe ich doch, so sehe
ich doch die Sonne, oder wenn ich sie auch nicht sehe, so weiß ich doch,
daß sie ist! Wissen aber, daß die Sonne ist, – das ist schon ein ganzes
Leben. Aljoscha, du mein Cherub, mich quälen verschiedene Philosophien,
der Teufel hole sie! Bruder Iwan ...“
„Was? was wolltest du sagen von Iwan?“ fragte Aljoscha hastig, doch
Mitjä überhörte die Frage ganz.
„Sieh, früher wußte ich nichts von allen diesen Zweifeln, aber es war
doch schon alles in mir. Vielleicht war das der einzige Grund, weil
diese unbewußten Ideen in mir tobten, warum ich trank und mich
herumschlug und ins Leben stürmte. Um sie in mir zum Schweigen zu
bringen, um sie zu beruhigen, zu ersticken, darum tobte ich. Iwan ist
nicht wie Rakitin, er trägt eine große Idee. Iwan ist eine Sphinx und
schweigt, er schweigt immer und zu allem. Mich aber quält Gott. Nur Gott
quält mich. Was aber dann, wenn Er nicht ist? Was dann, wenn Rakitin
recht hat, daß das nur eine künstliche Idee in der Menschheit ist? Dann,
wenn Er nicht ist, dann ist der Mensch der Herr der Erde. Großartig! Wie
aber wird er denn tugendhaft sein ohne Gott? Das ist die Frage! Über
diese Frage komme ich nicht hinweg. Denn wen wird er dann noch lieben,
dieser Mensch ohne Gott? Wem wird er dann noch dankbar sein, wem wird er
dann noch eine Hymne singen? Rakitin lacht darüber. Er sagt, man könne
die Menschheit auch ohne Gott lieben. Nun, dieser Rotzbub kann
schließlich vieles behaupten. Nein, das verstehe ich nicht. Rakitin hat
leicht, zu leben. ‚Du,‘ sagte er mir heute, ‚bemühe dich lieber um die
Vermehrung der bürgerlichen Rechte der Menschen oder meinetwegen auch
nur darum, daß der Preis des Rindfleisches nicht steige; damit wirst du
der Menschheit einfacher und unmittelbarer eine Liebe erweisen als mit
Philosophien.‘ Da wurde ich wütend. ‚Du aber,‘ sagte ich ihm, ‚wirst
ohne Gott selbst noch den Preis des Rindfleisches erhöhen, wenn das nur
in deiner Macht steht, wirst womöglich einen Rubel auf jede Kopeke
aufschlagen.‘ Er ärgerte sich. Denn was ist Tugend? Beantworte du mir
diese Frage, Alexei. Ich habe _eine_ Tugend, und der Chinese hat eine
andere – folglich: ein relatives Ding. Oder nicht? Oder nicht relativ?
Hm, eine hinterlistige Frage! Lach nicht, wenn ich dir sage, daß ich
ihretwegen zwei Nächte nicht geschlafen habe. Ich wundere mich jetzt nur
noch über eines: Wie die Menschen so leben können und niemals darüber
nachdenken. Wie beschäftigt sie alle sind! Iwan hat keinen Gott. Er hat
eine Idee. Das ist zu hoch für mich. Aber er schweigt. Ich glaube, er
ist Freimaurer. Ich habe ihn gefragt – er schweigt. Ich wollte aus
seinem Brunnen einen Schluck Wasser trinken – er schweigt. Nur ein
einziges Mal sagte er ein Wort.“
„Was sagte er?“ fragte Aljoscha gierig.
„Ich sagte ihm: Dann ist also alles erlaubt, wenn es so ist? Er runzelte
die Stirn. ‚Fedor Pawlowitsch, unser Vater,‘ sagte er, ‚war zwar ein
Schwein, aber er dachte doch vollkommen richtig.‘ Sieh, was er zu sagen
fertig brachte. Und das war alles, was er darauf zu erwidern geruhte.
Mehr habe ich nicht von ihm gehört. Das ist denn doch sauberer als
Rakitin.“
„Ja,“ bestätigte Aljoscha bitter. „Wann war er bei dir?“
„Davon später, jetzt noch von etwas anderem. Über Iwan habe ich dir bis
jetzt fast nichts gesagt. Ich habe es immer bis zur letzten Stunde
hinausgeschoben. Wenn hier diese Sache ein Ende hat und mein Urteil
gesprochen ist, dann werde ich dir etwas erzählen, alles werde ich dir
dann erzählen. Hier gibt es so einen besonderen Punkt ... Und du wirst
mein Richter sein in dieser Frage. Jetzt aber beginn lieber gar nicht
davon, jetzt sei still ... Da sprichst du nun von morgen, vom Gericht,
aber wirst du’s mir glauben, ich weiß nichts von alledem.“
„Hast du mit dem Advokaten gesprochen?“
„Ach was, Advokat! Ich habe ihm von allem gesprochen. Ein geriebener
Schurke ist er, ein großstädtischer. Auch so ein Claude Bernard! Nur
glaubt er mir nicht für eine halbe zerbrochene Kopeke. Er glaubt, daß
ich erschlagen habe, denk dir nur, – ich weiß schon, was er glaubt, da
sei du unbesorgt. ‚Warum sind Sie denn,‘ fragte ich ihn, ‚gekommen, mich
zu verteidigen, wenn Sie mich für schuldig halten?‘ Nun, zum Henker mit
der Bande. Auch einen Doktor hat man verschrieben, will mich für
verrückt erklären. Das erlaube ich nicht! Katerina Iwanowna will ‚ihre
Pflicht und Schuldigkeit‘ bis zum Schluß erfüllen. Bißchen gewaltsam!“
(Mitjä lächelte bitter.) „Die Katze! Ein grausames Herz! Sie weiß, daß
ich damals in Mokroje von ihr gesagt habe, sie sei ein Weib, das
‚gewaltigen Zornes fähig ist‘! Das hat man ihr wiedererzählt. Ja, die
Aussagen gegen mich haben sich vermehrt wie Sand am Meer! Grigorij
besteht auf der offenen Tür. Grigorij ist ein ehrlicher Mensch, aber er
ist ein Dummkopf. Viele Menschen sind nur darum ehrlich, weil sie dumm
sind. Das ist ein Ausspruch von Rakitin. Grigorij ist mein Feind. Von
manch einem kann man sagen, daß es vorteilhafter ist, ihn zum Feinde als
zum Freunde zu haben. Das ist in bezug auf Katerina Iwanowna gesagt. Ich
fürchte, oh! nichts fürchte ich so, als daß sie morgen von jener
Verbeugung bis zur Erde nach den Viertausendfünfhundert erzählen wird!
Bis zum Schluß wird sie mir heimzahlen, bis auf den letzten Tropfen! Ich
will aber ihr Opfer nicht! Beschämen werden sie mich vor Gericht! Sie
wollen, daß ich vor Scham vergehe! Wie werde ich es aushalten? Geh zu
ihr, Aljoscha, bitt sie, daß sie es nicht vor Gericht sage, nur dieses
eine nicht! Oder geht das nicht? Ach, Teufel, einerlei, ich werde es
eben aushalten! Sie tut mir nicht leid. Sie will es ja selbst. Nicht
umsonst leidet der Dieb Qualen. Ich, Alexei, ich werde meine Rede
halten.“ (Er lächelte wieder bitter vor sich hin.) „Nur ... nur Gruscha,
Gruscha, o Gott! Warum hat sie denn diese Qual jetzt auf sich genommen?“
rief er plötzlich mit Tränen in den Augen. „Gruscha tötet mich, der
Gedanke an sie tötet mich, tötet mich! Sie war heute bei mir ...“
„Sie hat es mir erzählt. Du hast Sie heute sehr gekränkt.“