gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im
Flur bleiben und wie tot liegen. _Ici_, Pereswonn, _couche-toi_ und
stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein
eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen
Moment pfeife ich: ‚_ici_, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird
sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen,
rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles
richtig klappt, lassen Sie mich nur machen ...“
V.
An Iljuschas Bettchen
In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner
Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie
das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es
saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie
Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu
Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies
doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß
er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“
zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus
Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die
fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er
tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine
drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren
Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser
Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf
den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch
der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war.
Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß
Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen
werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten,
indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst
wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen,
wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen
scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa
zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine
anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber
war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber
Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise
abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt,
überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich
nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch
am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag
Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied
gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde
mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten,
irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte.
Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde,
war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte
gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund
nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff
nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da
war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm,
daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen
Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund,
der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja
nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“
Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke
unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen.
In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger
gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch
erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas
im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so
schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte.
Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde
geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte
sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den
Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er
nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort
die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es
ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus
diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung
herauszuhören.
Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen
lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen
oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er
gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute
nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater
sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich
krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte
sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft
erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem
„furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte,
bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in
dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder
nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber
fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von
ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit
konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und
beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte,
daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch
sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und
schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger,
und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die
anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese
Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die
Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur,
allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute
Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über
jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht
mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten,
so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie
sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den
kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch
der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu
erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar
mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und
vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen
Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein
Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste
fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und
war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch
ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es
sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse,
arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig
Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene
zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen,
wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina
Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen
Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen
Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen
bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und
der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“
ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf
Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen
zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus,
obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von
ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein
berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel
Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka,
sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird.
Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu
besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war.
Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete
es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte,
denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä
noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat,
standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas
Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der
Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die
Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft
worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha
umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er
einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern
einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er
da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch
alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die
Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen
hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und
krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und
streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das
kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber ... es war doch immer noch
nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt
hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen!
„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt
hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und
blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich
Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen
entgegen.
„Bitte ... gefälligst ... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd
hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch
gekommen.“
Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine
gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des
Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen
Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die
Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht
sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen
tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch
sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die
kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck.
„Da sieht man doch gleich, daß es ein gut erzogener junger Mann ist,“
sagte sie mit einem Kopfneigen, indem sie die Hände auseinanderführte,
„denn sonst, unsere übrigen Gäste, die kommen ja einer auf dem anderen
angeritten.“
„Wieso, Mamachen, wieso denn einer auf dem anderen, wie meinst du das?“
fragte zwar freundlich, aber doch etwas ängstlich und betreten der
Hauptmann seine Frau.
„So, sie kommen eben hereingeritten. Draußen im Flur setzt sich der eine
dem anderen auf die Schultern und kommt dann so in eine wohlerzogene
Familie hereingeritten, kreuzbeinig auf dem anderen. Was ist denn das
für ein Gast?“
„Aber wer denn das, Mamachen, wer ist denn so hereingekommen?“
„Dieser dort ist auf jenem hereingekommen und der andere auf jenem ...“
Doch Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Der Kranke erbleichte. Er
richtete sich in seinem Bettchen auf und sah Koljä unbeweglich ins
Gesicht. Der hatte seinen früheren, kleinen Freund schon seit zwei
Monaten nicht mehr gesehen und blieb daher bei seinem Anblick ganz
betroffen stehen: er hatte sich nicht denken können, daß er ein so
mageres und gelbes Gesichtchen, so brennende, übernatürlich große Augen,
so abgemagerte Händchen sehen werde. Mit trauriger Verwunderung bemerkte
er, daß Iljuscha tief und schnell atmete, und daß seine Lippen trocken
waren. Er trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte ganz
verwirrt:
„Nun, mein Freund ... wie geht es dir?“ Aber seine Stimme brach ihm
plötzlich ab, es fehlte ihm an Ungezwungenheit, in seinem Gesicht zuckte
etwas, seine Lippen bebten. Iljuscha lächelte ihm schmerzlich zu, konnte
aber kein Wort hervorbringen. Da hob Koljä plötzlich seine Hand und
strich Iljuscha über das Haar.
„Tut nichts!“ flüsterte er ihm leise zu, teils um ihn zu trösten, teils
... er wußte selbst nicht, warum er es sagte. Einen Augenblick schwiegen
sie wieder.
„Wie, du hast einen jungen Hund?“ fragte Koljä plötzlich im
gleichgültigsten Ton.
„Ja – a – a ...“ antwortete Iljuscha, mit tonloser leiser Stimme, als
wäre er außer Atem.
„Eine schwarze Nase hat er, das bedeutet, daß er zu den bösen, den
Kettenhunden gehört,“ sagte ernst und gewichtig Koljä, als ob es sich
nur um den Hund und die schwarze Nase handelte. In Wirklichkeit aber
bekämpfte er immer noch sein Gefühl, um nicht wie ein „Kleiner“ in
Tränen auszubrechen; er konnte sich noch immer nicht beherrschen. „Wenn
der groß wird, muß er an die Kette kommen, das weiß ich.“
„Er wird riesig groß werden!“ rief einer von den Knaben aus.
„Sicher!“
„Ein Bullenbeißer, der wird so groß wie ein Kalb,“ ertönten mehrere
Stimmen durcheinander.
„Wie ein Kalb, wie ein echtes Kalb!“ fuhr plötzlich der Hauptmann
dazwischen, „ich habe absichtlich einen so bösen ausgesucht, den
allerbösesten, auch seine Eltern sind groß und böse, ungefähr so hoch
vom Fußboden ... Setzen Sie sich hierher aufs Bett zu Iljuscha, oder
wenn nicht dorthin, dann hier auf die Truhe. Wir bitten ergebenst, unser
werter Gast ... langersehnter Gast ... Waren Sie mit Alexei Fedorowitsch
zusammen?“
Krassotkin setzte sich aufs Bettchen zu Iljuschas Füßen. Er hatte sich
unterwegs zurecht gelegt, womit er das Gespräch beginnen sollte, doch
hatte er jetzt ganz den Faden verloren.
„Nein ... ich bin mit Pereswonn ... Ich habe jetzt einen Hund,
Pereswonn. Ein slawischer Name. Er wartet dort ... wenn ich pfeife,
stürzt er sofort herein. Ich habe nämlich auch einen Hund,“ – er wandte
sich hastig zu Iljuscha – „erinnerst du dich noch Shutschkas, Freund?“
platzte er plötzlich mit der Frage heraus, die dem Kranken wie Feuer
durch Mark und Bein fuhr.
Iljuschas Gesichtchen verzog sich. Gequält sah er Koljä in die Augen.
Aljoscha, der an der Tür stand, runzelte die Stirn und wollte Koljä
abwinken, daß er nicht von Shutschka sprechen solle, aber der bemerkte
es nicht oder wollte es nicht bemerken.
„Wo ist ... Shutschka?“ fragte Iljuscha mit versagender Stimme.
„Nun, Bruder, dein Shutschka ist perdu! Der ist nicht mehr zu finden.“
Iljuscha schwieg, doch sah er noch einmal Koljä lange und unverwandt an.
Aljoscha erhaschte einen Blick von Koljä und winkte ihm aus allen
Kräften ab, der wandte sich aber wieder zurück und gab sich den
Anschein, als hätte er nichts bemerkt.
„Fortgelaufen ist er und umgekommen. Wie sollte er auch nicht nach einem
solchen Frühstück umkommen,“ sagte Koljä schneidend und unbarmherzig,
indessen schien ihm aber doch die Stimme nicht recht zu gehorchen.
„Dafür habe ich Pereswonn ... Ein altslawischer Name ... Ich habe ihn
mitgebracht, ich werde ihn dir zeigen ...“
„Ist nicht nötig!“ unterbrach ihn plötzlich Iljuschetschka.
„Nein, nein, du mußt ihn durchaus sehen ... Er wird dich zerstreuen. Ich
habe ihn absichtlich hergebracht ... er ist ebenso langhaarig wie jener
... Erlauben Sie, gnädige Frau, meinen Hund hereinzurufen?“ wandte er
sich plötzlich an Frau Ssnegireff in großer Aufregung.
„Nicht, nicht!“ rief Iljuscha mit trauriger Stimme aus. Vorwurfsvoll
blickten seine Augen.
„Würden Sie vielleicht ...“ der Hauptmann stürzte von der Kiste, auf der
er an der Wand gesessen hatte, vor. „Sie würden vielleicht ... zu einer
anderen Zeit ...“ stotterte er, aber Koljä, der auf dem Seinen bestand,
ließ sich nicht mehr aufhalten und rief Ssmuroff zu: „Ssmuroff, öffne
die Tür!“ und wie der sie geöffnet hatte, pfiff er einmal kurz dem
Hunde, und Pereswonn stürzte ins Zimmer.
„Hopp, Pereswonn, mach den Diener, den Diener!“ schrie Koljä, erhob sich
und zog den Hund, der auf den Hinterbeinen aufrecht stand, an Iljuschas
Bett heran. Da ereignete sich aber etwas ganz Unerwartetes: Iljuscha
zuckte zusammen und beugte sich mit dem ganzen Körper vor, beugte sich
über Pereswonn und sah ihn wie erstarrt an:
„Das ist ja ... Shutschka!“ rief er plötzlich mit vor Freude und Leid
zitterndem Stimmchen aus.
„Und was glaubtest du denn?“ rief Krassotkin mit lauter Stimme, beugte
sich zum Hunde nieder, ergriff ihn und hob ihn zu Iljuscha aufs Bett.
„Sieh, Freund, sieh, dieses Auge fehlt, und hier das linke Ohr ist
eingerissen, genau die Merkmale, die du mir angegeben hast. Nach diesen
Merkmalen habe ich ihn denn auch gefunden. Gleich damals, so schnell wie
möglich. Er gehörte ja niemandem, er war ja herrenlos!“ erklärte er,
sich an den Hauptmann, an seine Frau, an Aljoscha wendend, und dann fuhr
er wieder zu Iljuscha fort, – „er war bei Fedotoffs auf dem Hinterhof,
er hoffte wohl da was abzukriegen, die fütterten ihn aber nicht, ein
Landstreicher ist er ja, einer aus dem Dorf ... So habe ich ihn
aufgefunden ... Siehst du, Freund, er hat damals dein Stück nicht
hinuntergeschluckt. Denn wenn er es verschluckt hätte, dann wäre er ja
doch sicher krepiert, sicherlich! Er muß es folglich zur rechten Zeit
noch ausgespien haben, denn er lebt ja noch. Du hast es nur nicht
bemerkt, wie er es ausspie. Ausgespien hat er es, die Stecknadel wird
aber seine Zunge gestochen haben, darum hat er denn auch so gewinselt.
Und du dachtest, daß er es ganz hinuntergeschluckt hätte. Er wird ja
schon furchtbar gewinselt haben, das glaube ich, denn bei Hunden ist die
Haut im Maule sehr zart ... zarter als beim Menschen, viel zarter!“
bestand Koljä eifrig darauf, mit heißem und vor Begeisterung strahlendem
Gesicht.
Iljuscha konnte kein Wort hervorbringen. Er starrte mit seinen großen
und erschrocken aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und bleich wie
ein Handtuch Koljä an. Wenn der harmlose Krassotkin nur gewußt hätte,
wie gefährlich eine solche Aufregung auf die Gesundheit des kranken
Knaben wirken mußte, so hätte er sich niemals zu einem solchen Stückchen
entschlossen, wie er es jetzt aufführte. Doch von allen Anwesenden im
Zimmer verstand dies nur Aljoscha. Der Hauptmann dagegen verwandelte
sich ganz und gar in einen kleinen Knaben.
„Shutschka! Also das ist Shutschka?“ rief er mit seliger Stimme.
„Iljuschetschka, das ist ja Shutschka, dein Shutschka! Mamachen, das ist
ja Shutschka!“ Er fing beinahe an zu weinen.
„Und ich habe das nicht erraten können!“ rief Ssmuroff bekümmert. „Das
ist wieder ganz Krassotkin! Ich sagte ja, daß er ihn finden wird, und da
hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“
„Da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ wiederholte ein anderer
freudig.
„Feiner Kerl, Krassotkin!“ rief ein Dritter.
„Feiner Kerl, feiner Kerl!“ riefen die Jungen jetzt alle und wollten
schon applaudieren.
„Wartet, wartet!“ versuchte Krassotkin sie zu überschreien, „ich werde
euch erzählen, wie es geschah! Die Sache war nämlich so und nicht
anders! Ich habe ihn aufgesucht, zu mir gebracht, versteckt und einfach
eingeschlossen und ihn bis auf den letzten Tag niemand gezeigt. Nur
Ssmuroff allein sah ihn vor zwei Wochen, aber ich versicherte ihm, daß
es Pereswonn sei, und so hat er ihn nicht erkannt. In der Zwischenzeit
brachte ich ihm aber alle diese Stückchen bei; seht nur, seht nur, was
er alles kann! Ich habe ihn das alles gelehrt, um ihn dir, Freund, so
gut abgerichtet zu bringen. Sieh nur, Freund, wie dein Shutschka jetzt
ist! Habt ihr hier nicht ein Stückchen Fleisch, er wird euch gleich ein
Stückchen vormachen, daß ihr vor Lachen umfallt. – Fleisch, ein
Stückchen, ist hier wirklich keines zu haben?“
Der Hauptmann stürzte durch den Flur in die Stube der Wirtsleute, wo man
das Essen kochte. Koljä aber beeilte sich, um nicht seine teure Zeit zu
verlieren, Pereswonn den Befehl zu geben: „Stirb!“ Der drehte sich
plötzlich auf den Rücken um, streckte alle Viere in die Luft und lag
unbeweglich. Die Jungen lachten, Iljuscha sah mit seinem traurigen
Lächeln auf den Hund, doch am meisten von allen gefiel es dem
„Mamachen“, daß Pereswonn gestorben war. Sie lachte von Herzen darüber
und rief dem Hunde schmeichelnd zu:
„Pereswonn, Pereswonn!“
„Er wird sich nicht erheben, er wird sich nicht erheben!“ rief Koljä
überzeugt und stolz, „wenn auch die ganze Welt ihn rufen würde. Ich aber
brauche ihn nur einmal zu rufen, und sofort wird er aufspringen! _Ici_,
Pereswonn!“
Der Hund sprang auf, sprang an ihm empor und heulte vor Freude. Der
Hauptmann kam mit einem gekochten Stück Rindfleisch herbeigestürzt.
„Ist es nicht zu heiß?“ fragte geschäftig und vorsorglich Koljä, der das
Stück an sich nahm. „Nein, es ist nicht heiß, Hunde lieben ja sonst
nichts Heißes. Sehen Sie alle ... Iljuschetschka, sieh, so sieh doch,
Freund, warum siehst du nicht? Ich habe ihn ihm gebracht, und nun will
er nicht sehen!“
Das neue Kunststück bestand darin, daß dem unbeweglich dastehenden Hunde
das Stück Fleisch gerade auf die Nase gelegt wurde. Das arme Tier mußte
mit dem Stück Fleisch auf der Nase unbeweglich dastehen, wie sein Herr
ihm befohlen hatte. Doch Pereswonn hatte nur eine kleine Minute lang
auszuhalten.
„Pill!“ rief Koljä, und das Stück flog im Nu von der Schnauze ins Maul.
Das Publikum drückte natürlich begeistert seine Verwunderung darüber
aus.
„Und sind Sie wirklich, sind Sie wirklich nur darum die ganze Zeit nicht
gekommen, weil Sie den Hund dressieren wollten?“ rief Aljoscha
vorwurfsvoll aus.
„Gerade darum!“ gestand Koljä gutmütig ein. „Ich wollte ihn in seinem
Glanze zeigen.“
„Pereswonn! Pereswonn!“ rief Iljuscha dem Hunde schmeichelnd zu und
schnippte mit seinen abgemagerten Fingerchen, wie man es zu tun pflegt,
wenn man einen Hund zu sich heranlocken will.
„Was rufst du ihn! Er soll sofort zu dir ins Bett springen. _Ici_,
Pereswonn!“ Koljä schlug mit der flachen Hand aufs Bett.
Und Pereswonn flog wie ein Pfeil aufs Bett zu Iljuscha. Dieser umarmte
seinen Kopf mit beiden Armen, und Pereswonn leckte ihm sofort die Wange.
Iljuschetschka preßte ihn an sich und versteckte sein Gesicht vor den
anderen im langhaarigen Fell des Hundes.
„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Hauptmann.
Koljä setzte sich wieder auf das Bett zu Iljuscha.
„Iljuscha, ich kann dir noch etwas zeigen. Ich habe dir die kleine
Kanone gebracht. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von dieser kleinen
Kanone erzählte, und du ausriefst: ‚Ach, wenn ich sie doch auch sehen
könnte!‘ Nun, jetzt habe ich sie dir gebracht.“
Koljä zog aus seiner Büchertasche die kleine Kanone hervor, die er auch
schon den Knirpsen gezeigt hatte. Er beeilte sich sehr dabei, weil er
selbst so glücklich war: Zu einer anderen Zeit würde er gewartet haben,
bis der effektvolle Eindruck, den soeben Pereswonn gemacht hatte, etwas
nachgelassen hätte, jetzt aber beeilte er sich, denn: „Wenn sie das so
glücklich macht, so gebe ich ihnen noch mehr Glück!“ dachte er, selbst
ganz trunken vor Seligkeit.
„Dieses Ding habe ich schon lange beim Beamten Morosoff gesehen, und
jetzt habe ich es ihm abgenommen, – für dich, Freund, für dich! Das Ding
stand bei ihm so da, ohne daß er sich etwas aus ihm machte. Er hatte es
vom Bruder bekommen. Ich habe es gegen ein Buch aus Papas Schrank: ‚Der
Verwandte Mohammeds oder die heilende Dummheit‘, eingetauscht. Hundert
Jahre alt ist das Buch, in Moskau ist es erschienen, als es noch keine
Zensur gab. Morosoff ist aber ein Liebhaber solcher Sachen. Er dankte
mir noch ...“
Koljä hielt die kleine Kanone hoch, damit alle sie sehen konnten.
Iljuscha richtete sich im Bett auf und betrachtete, den rechten Arm um
den Hals Pereswonns geschlungen, ganz entzückt das Spielzeug. Doch der
Effekt erreichte den höchsten Grad, als Koljä erklärte, daß er auch
Pulver bei sich habe, und daß man sofort aus ihr schießen könne, wenn
nur die Damen nichts dagegen hätten. „Mamachen“ verlangte natürlich, man
möge ihr das Spielzeug näher zu betrachten geben, was sofort erfüllt
wurde. Die kleine Kanone auf den blanken Rädern gefiel ihr ungeheuer,
und sie rollte sie auf ihren Knien hin und her. Auf die Frage, ob sie zu
schießen erlaube, gab sie sofort ihre Einwilligung, ohne übrigens zu
begreifen, um was es sich handelte. Koljä zeigte das Pulver und das
Schrot. Der Hauptmann übernahm, als früherer Offizier, das Laden und
schüttete nur eine ganz kleine Portion Pulver in die Kanone; das Schrot
bat er für ein anderes Mal aufzubewahren. Die Kanone wurde auf den
Fußboden gestellt und auf eine leere Wand gerichtet, darauf stopfte man
ins Zündloch drei kleine Pulverkörner und zündete sie mit einem
Streichhölzchen an. Es erfolgte ein glänzender Schuß. „Mamachen“ zuckte
zusammen, lachte aber sogleich auf vor Freude. Die Knaben hatten mit
stummem Entzücken zugeschaut, doch am seligsten von allen war der
Hauptmann: Das mußte doch seinem Iljuscha Freude bereiten! Koljä nahm
die Kanone und schenkte sie unverzüglich Iljuscha, zusammen mit dem
Pulver und Schrot.
„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit.
„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber
mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind.
Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie
ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde
unruhig.
„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir,
dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm
geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum
Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden ...“
„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht
Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen
anfangen.
„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha.
„Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit
bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein
würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab.
„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone
aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten
Verbeugung dem Mamachen.
Die weinte fast vor Rührung.
„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“
sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren
Knien hin- und herzurollen.
„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder
zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus.
„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“
sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend.
„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir
machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig
Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles
zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig
daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“
„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei
kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha.
„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß
übrigens nicht ...“
„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein.
„Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet
wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so ...“
„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem
steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte
ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse,
wenn man die aber durchs Fell reibt ... Übrigens, Sie wissen es besser,
ich weiß es nicht ... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen
durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an
Iljuscha.
„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit
unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört.
„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter
seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du
uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort
durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim
Gymnasialdirektor über mich zu beschweren ... Jetzt darf sein Sohn nicht
mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch
Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich
sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles
von der Eisenbahnaffäre.“
„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der
Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn
wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn
nicht furchtbar?“
Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln.
„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur
diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu
Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich
gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und
fiel immer wieder aus dem Ton.
„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und
über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie
war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom
Richter verurteilt worden?“
„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man
wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt.
„Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse
angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke
ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt
Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich
ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die
Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa
zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es
gern, mit dem Volke ... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich
zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“
„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der
offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich.
„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder
aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu
beschönigen, das ist _sine qua_ ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der
Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich
denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht
mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt
er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus
dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den
Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du
sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den
Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den
Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn
abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach
vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir
brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig
an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der
Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich
nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals
wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem
Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt
das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es
der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen.
Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ –
‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun,
versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde
gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich
kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der
ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn,
alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers,
die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile
das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen
also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf
diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf
kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der
Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler
einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß
man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber
weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich
bin ganz unschuldig, _er_ hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze
Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß
ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben
und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff
lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt
hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor
anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu
machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht
getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist
dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat
dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘
Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich
eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du,
Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von
Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen
Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die
Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:
Es ging die Nachricht von Mund zu Mund:
‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘
Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ...
und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen.
Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit
Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat
natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“
„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein
gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf
seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte
ihm gar zu sehr gefallen.
„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema
auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon
gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir
damals erzählt ...“
„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch
Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre,
aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“
Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.
„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese
Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.
Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen,
doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war
und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber
hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich
ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte
er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich
verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem
Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich ...“
„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und
brach stolz ab.
„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz
unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen
hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr
nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff.
Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der
Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun
eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem
interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu
erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä
niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem
beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen
Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle
gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor
verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer
gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es
gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus
leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte.
Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt,
was er schon lange hatte sagen wollen.
„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am
Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich
natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war
plötzlich ein Mißton gekommen.
„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge
laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er
auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn
man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn
gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller
Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher
Kaltblütigkeit auf den Kleinen.
„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen.
„Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind
sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein
hingelegt, wie?“
Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er
schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht
so schnell.
„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation,
reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das
eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich
diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte
ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig
hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt.
„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast
entsetzt.
„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die
Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter
nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den
Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu
Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier
fürchtete.
Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor
vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei
geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung
geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild.
„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist
doch absolut nichts anderes als Blödsinn ... Sie scheinen wieder nicht
mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“
„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln.
„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber
wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige
Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in
Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die
Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch
langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch
sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen
aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe,
daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff.
Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab.
„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam
zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme.
„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein
anderer Knabe laut.
„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste
in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka.
„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen,
obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man
es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu
absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut,
dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den
Klassizismus und diese ganze Gemeinheit ... Sind Sie nicht mit mir
einverstanden, Karamasoff?“
„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und
lächelte wieder.
„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen
übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker
Latein – sondern ... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt,
d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und
wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt.
Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“
„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir
etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich
Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer
Kolbassnikoff in der Quinta gesagt ...“
„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die
die ganze Zeit geschwiegen hatte.
An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der
den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals
über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine
feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte
die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig,
einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief
seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab.
„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig
Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der
Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“
Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung
im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem
Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz
verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu
haben.
„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“
brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den
Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit
Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die
Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche
verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor
ihm das Rückgrat krumm.
„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl,
bei uns, zu denen Sie ...“
„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff –
sind Sie das?“
„Ja, ich!“
„Ah!“
Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf
dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der
allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und
der Professor nahm die Mütze ab.
„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig.
VI.
Frühe Entwicklung
„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig.
„Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht
auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“
„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“
antwortete Aljoscha niedergeschlagen.
„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich
ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon
lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so
traurigen Umständen getroffen haben ...“
Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war
wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte
ihm die Hand.
„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu
verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein
Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker
sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die
Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen,
wie die Ihrige, ist es ja immer so.“
„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig
verwundert.
„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“
„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“
„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine
Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ...
zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn
es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch
hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.
Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt
denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“
aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä
ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.
„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten
Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch
auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie?
Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit
geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen
Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)
„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre,
zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig
geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich,
wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren
Menschen spräche.
Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über
Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ,
über diese Frage zu entscheiden.
„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.
„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte ... Ich habe nur
‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung ... in einer ganz
alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung ...“ („Schon
wieder, schon wieder!“)
„Und haben Sie ihn auch verstanden?“
„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht
verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten
vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und
Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä
verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein
unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den
geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.
„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon
Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“
Koljä fühlte sich tief verletzt.
„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“
sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und
zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat.
Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht,
wie alt ich bin. Nicht wahr?“
„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung
das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es
nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha
ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.
„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen
doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen
dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu
erhalten! Nicht wahr?“
„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand
eingeredet!“ rief Aljoscha aus.
„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so
etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst
... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war
eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in
unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären
anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“
„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf
sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme
allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn
Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij,
wie man erzählt, gesagt ...“
„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht
geschrieben.“
„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man.
Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“
„Haben Sie Belinskij gelesen?“
„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik
über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt:
warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“
„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das
schon ... verstehen?“
„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu
halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens
glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin.
Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von
Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der
Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen
ist und gehorchen muß. _Les femmes tricotent_, wie Napoleon gesagt hat,“
fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich
vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel
finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach
Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum
nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen
kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In
dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“
„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika
aufgefordert?“
„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es
ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie,
keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe
durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen
und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.
‚Das vergißt man nicht so leicht,
Das Haus an jener Hängebrücke!‘
Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie?
Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was
aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein
einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt
nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein
Herz zuckte zusammen.)
„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir
etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn
alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie,
haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen
doch von Tatjana?“
„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich
bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei
hören. Warum fragten Sie?“
„Nur so.“
„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte
Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als
wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne
Umschweife darauf zu antworten.“
„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber
weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die
Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von
diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“
„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“
unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr
argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein
argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß
Sie ...“
„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen,
worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers,
eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige
lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler
die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine
Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert
zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel,
das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“
„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte
fröhlich auf. „Das ist ja _superbissimo_! Bravo, Deutscher! Aber dem
Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was
meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend,
das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen
Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und
Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor
den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo,
Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut,
mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber
man muß sie doch unterkriegen ...“
„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen
ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich
mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn
zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der
Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht
untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese
Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich
beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher
gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf!
Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen
ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen.
Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden
Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das
wird Sie besser als alles andere erziehen.“
„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich
nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine
Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er
Sie vergeblich erwartete!“
„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es
geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher
gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich
mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich
mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich
bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben
worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß
auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen
Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich
verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich
Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe
Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“
„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe
haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als
ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief
deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als
tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und
später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht
gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie
mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung
hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem
Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht
aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht,
ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es
doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude
anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber
bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese
Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief
unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle
über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich
bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“
„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.
„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter.
Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“
„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht
daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten
lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten
Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen
und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so
jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen
Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch
Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In
diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in
die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“
fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln,
wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä,
sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur
soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
„Selbst wenn alle so sind?“
„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht
so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben
Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar
Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage?
Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der
Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie
auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“
„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig,
einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt
hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen
herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht
haben? Vorhin sagten Sie es.“
„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht
... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das
nichts.“
„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe
einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam
geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was
meinen Sie?“
„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es
nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.
„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich
jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und
Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück
in diesem Lachen.
„Warum soll ich mich denn schämen?“
„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“
„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend
und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich
mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar
ein wenig verwirrt.
„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze
und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen!
Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.
Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.
„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch
sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.
„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles
voraus wissen!“
„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“
„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch
nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen,
daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit
einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir
nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden.
Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt:
‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden
gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe
auseinandergehen!‘“
„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“
Aljoscha lachte fröhlich auf.
„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und
dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah!
da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch,
was er für ein Gesicht macht!“
VII.
Iljuscha
Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und
die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er
sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen
Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an.
Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die
Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem
Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien,
Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode
Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und
völlige Verständnislosigkeit.
„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er
und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung
breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein
starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen
armen Jungen noch hätte abändern können.
„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in
nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der
Professor.
„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“
„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte
jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.
„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt
ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts
kann ihn mehr retten?“
„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in
– dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum
Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... _so–fort und ohne zu säumen_ (die
Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng,
sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach
Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden,
kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel –
leicht gesche – hen ...“
„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht
begreifen.
„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.
Der Professor sah ihn an.
„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren
der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf
die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“
„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den
Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den
Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine
Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann _so–fort_
nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier
geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da
... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“
„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann
wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten
Holzwände des Flurs hin.
„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha
– be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre
Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber
... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“
„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht
beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors
auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter
Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit
Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst
eingestand, „um ihn zu beleidigen“.
„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä
erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als
ob der ihm Rechenschaft geben müsse.
„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie
sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.
„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name
bedeutete.
„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr
Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“
„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.
„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten
Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er
Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er
noch ungehaltener.
„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an
und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.
„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief
Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „_Ici_,
Pereswonn!“
„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf
ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.
„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai
Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies
auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“
Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein.
Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie
versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging
zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich
weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm
in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an
Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem
Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.
„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher
Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide
zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so
stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.
Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und
Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.
„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.
„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund
... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der
Hauptmann mühsam hervor.
„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ...
Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide
aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des
Vaters verbarg.
„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen
guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten
aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“
„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und
geradezu barsch Krassotkin.
„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu
meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen
Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich
dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich
euch erwarten ... Papa, Papa!“
Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise
in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als
sie die anderen weinen sah.
„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite
sich aus der Umarmung Iljuschas:
„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte
er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird
sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu
dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde
dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen,
jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu
heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“
Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem
Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.
„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er
schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.
„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher
gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu
weinen.
In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß
sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der
eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend
vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft:
„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es
in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen,
„wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich ...“
Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos
sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen
seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund,
wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man
sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus.
„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha
schneidend und wütend zu.
„Am Abend komme ich bestimmt.“
„Was sagte er da von Jerusalem? ... Was sollte das bedeuten?“
„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt,
wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich
...“
„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! _Ici_, Pereswonn!“ rief er
barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus.