I.
Koljä Krassotkin
Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und
dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas
trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind
durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den
Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt,
doch der Schneefall hat schon aufgehört.
Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen
Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr
saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der
Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben,
vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und
noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken
Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und
hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren
Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem
sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor
seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres
Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen
Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre
geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit
mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für
ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten,
erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und
herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin
unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle
Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die
Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren
Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und
hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht
anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten.
Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und
ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu
verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das
Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war
gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und
es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und
allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein
stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und
das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter
Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er
übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er
Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand,
und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr
bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr
verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion
und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger
als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der
ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr
ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz
besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen
„Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor
allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein
untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie
fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh,
schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie
nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer,
daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie,
in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So
etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von
ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm
nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war
nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte
seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie
er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele
Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank
aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen.
Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur
über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen
und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches
gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.
In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die
Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich
bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne,
halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in
der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf
der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen,
angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen
Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das
erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die
Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder
untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen
seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere
Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten
daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen
hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und
fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer
Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am
vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren
nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz
unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um
folgendes:
Koljä, der Jüngste unter ihnen, und daher von den anderen etwas
herablassend Behandelte, hatte aus knabenhaftem Ehrgeiz oder aus
unverzeihlicher Tollkühnheit vorgeschlagen, nachts, wenn der Elfuhrzug
käme, so lange zwischen den Schienen zu liegen, bis der Eilzug über ihn
hinweggegangen wäre. Allerdings waren verschiedene Versuche gemacht
worden, die ergeben hatten, daß man sehr wohl so zwischen den Schienen
liegen und sich an den Boden drücken konnte, ohne vom Zug berührt zu
werden, der dann in der größten Geschwindigkeit über einen hinwegsausen
werde. Trotzdem jedoch – besten Dank für das Liegen! Koljä aber
behauptete steif und fest, daß er sich hinlegen und liegen bleiben
werde. Er wurde zuerst ausgelacht, ein Prahlhänschen, ein Aufschneider
genannt, und durch diese Neckereien nur noch mehr zu seinem Vorhaben
gereizt. Das Entscheidendste dabei war, daß diese Fünfzehnjährigen schon
gar zu wichtig vor ihm taten und ihn zuerst als „Kleinen“ überhaupt
nicht in ihre „Clique“ hatten aufnehmen wollen, was ihm denn doch zu
sehr „an die Ehre“ ging. Und so ward beschlossen, am Abend aufzubrechen
und ungefähr auf eine Werst längs dem Eisenbahndamm weiterzugehen, um
dann bis elf den Zug, der dort von der Station aus bereits in Gang
gekommen sein würde, zu erwarten. Der Abend kam, man versammelte sich
und machte sich auf den Weg. Die Nacht brach an: es war eine mondlose,
nicht nur dunkle, sondern fast pechschwarze Nacht. Kurz vor elf legte
Koljä sich zwischen den Schienen hin. Die übrigen fünf, die die Wette
eingegangen waren, warteten zuerst mit beklommenem Herzen, zuletzt aber
in Angst und Reue unten am Bahndamm im Gebüsch. Endlich, – ein Pfiff und
fernes Rollen zeigten an, daß der Schnellzug die Station verließ. Da
tauchten auch schon in der Nacht zwei feurige Augen auf und fauchend
raste das Ungetüm heran. „Lauf Koljä! Lauf fort!“ schrien fünf
angsterstickte Stimmen aus dem Gebüsch. Es war aber schon zu spät: der
Zug war schon da und sauste vorüber. Die Jungen stürzten den Damm hinauf
zu Koljä: er lag regungslos zwischen den Schienen. Man rüttelte ihn,
rief ihn an, und versuchte ihn schließlich aufzuheben. Da stand er
plötzlich von selbst auf und ging schweigend den Bahndamm hinab. Unten
angelangt, erklärte er, daß er absichtlich unbeweglich liegen geblieben
sei, um ihnen Angst zu machen. Doch war das nicht ganz wahrheitsgetreu:
er hatte tatsächlich die Besinnung verloren, wie er später, nach langer
Zeit, seiner Mama gestand. So hatte er sich denn den Ruhm, ein
„Tollkühner“ zu sein, für alle Zeiten erworben. Er kehrte nur sehr
bleich zur Station zurück und erkrankte am Tage darauf an einem leichten
Nervenfieber, doch war er bald wieder ungemein lebhaft, lustig und
zufrieden. Der Streich wurde nicht gleich bekannt; erst als er wieder
zurückgekehrt war und wieder in die Schule ging, verbreitete sich die
tolle Geschichte, dank den beiden Gymnasiasten, die dabei gewesen waren,
unter den Schülern unseres Progymnasiums, bis sie schließlich auch der
Schulobrigkeit zu Ohren kam. Da aber stürzte Koljäs Mama hin zu den
Direktoren, um für ihren Sohn Verzeihung zu erflehen, und erreichte denn
auch, daß der sehr geachtete und einflußreiche Lehrer Dardaneloff für
ihren Jungen eintrat und ihn verteidigte, und daß man die Sache zu guter
Letzt auf sich beruhen ließ, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dieser
Dardaneloff, ein unverheirateter und noch nicht alter Mann, war nämlich
schon seit etlichen Jahren glühend in Frau Krassotkin verliebt und hatte
ihr auch schon einmal, vor etwa einem Jahr, in der ehrerbietigsten Weise
und halb vergehend vor Angst und Verlegenheit einen Heiratsantrag
gemacht; sie aber hatte ihn ohne weiteres abgewiesen, da sie eine
Wiederverheiratung als einen Verrat an ihrem Sohne empfunden hätte.
Trotzdem hatte Dardaneloff vielleicht doch das Recht, nach gewissen
Anzeichen zu schließen, daß er der hübschen Dame nicht unsympathisch
war. Der tolle Streich Koljäs schien nun das Eis gebrochen zu haben, und
ihm war für seine freundliche Verwendung eine leise Andeutung, daß er
hoffen könne, zuteil geworden, freilich nur eine sehr entfernte. Da aber
Dardaneloff, was Rücksichtnahme und Zartgefühl betraf, ein wahres
Phänomen war, so genügte das vollkommen, um ihn unendlich glücklich zu
machen. Den Knaben liebte er sehr, nur hielt er es für erniedrigend,
sich bei ihm einzuschmeicheln, daher verhielt er sich zu ihm in der
Klasse stets streng und anspruchsvoll. Und auch Koljä „hielt ihn sich in
respektvoller Entfernung“. Er bereitete sich zu den Stunden
ausgezeichnet vor, behauptete sich in der Klasse als zweiter Schüler,
war im Umgang mit ihm etwas trocken, und die ganze Klasse glaubte, daß
er in der allgemeinen Geschichte Dardaneloff sogar schlagen könne. Und
tatsächlich hatte Koljä ihm einmal die Frage gestellt: Wer hat Troja
gegründet? – worauf der Lehrer nur „im allgemeinen“ geantwortet hatte,
von den Bewegungen der verschiedenen Völker, von ihren Wanderungen und
Niederlassungen und Übersiedlungen, von der Tiefe der Zeiten, von den
Mythen und Dichtungen gesprochen: doch auf die Frage, wer, d. h. welche
Personen Troja gegründet hatten, darauf konnte er nicht antworten, und
im übrigen fand er die Frage müßig. Die Knaben waren überzeugt, daß
Dardaneloff einfach nicht wußte, wer Troja gegründet hatte. Koljä aber
hatte im Ssmaragdoff, der sich gleichfalls im Bücherschrank des Vaters
fand, alles Nähere über die Gründung Trojas nachgelesen. Schließlich
interessierte es alle Knaben, wer nun der eigentliche Gründer Trojas
war, Koljä Krassotkin aber deckte sein Geheimnis nicht auf, und so genoß
er denn allein den Ruhm des Wissens.
Da kam nun dieser Eisenbahnstreich dazwischen, und Koljäs Verhalten zur
Mutter erfuhr eine Veränderung. Als Anna Fedorowna (so hieß Frau
Krassotkin) von der „Heldentat“ ihres Sohnes erfuhr, fiel sie beinahe in
Ohnmacht vor Angst, obgleich doch keinerlei Gefahr mehr vorhanden war.
Sie bekam die heftigsten nervösen Anfälle, die mit Unterbrechungen
mehrere Tage lang andauerten, so daß Koljä ernstlich erschrak und ihr
sein heiliges Ehrenwort gab, nie mehr ähnliche Tollkühnheiten zu
begehen. Er schwur es ihr auf den Knien vor dem Heiligenbilde, schwur es
beim Andenken seines Vaters, wie es seine Mama verlangte, wobei der
„männliche, erwachsene“ Koljä wie ein sechsjähriger Knabe vor lauter
„Gefühl“ weinte, und Mutter und Sohn sich in den Armen lagen und bis zum
Abend schluchzten. Am nächsten Morgen war Koljä ebenso „gefühllos“, wie
früher, nur wurde er von da an schweigsamer, bescheidener, strenger und
nachdenklicher. Das hinderte freilich nicht, daß er nach anderthalb
Monaten wieder einen Streich spielte, durch den sein Name sogar unserem
Friedensrichter bekannt wurde. Doch davon später. Die Mutter fuhr fort
zu zittern und sich zu quälen, und Dardaneloff schöpfte, im Verhältnis
wie ihre Angst wuchs, immer mehr Hoffnung.
Ich muß noch bemerken, daß Koljä in dieser Hinsicht seinen Lehrer sehr
gut verstand und sogar ganz durchschaute und ihn, versteht sich, wegen
dieser seiner „Gefühlsduseleien“ tief verachtete. Früher hatte er einmal
die Unzartheit gehabt, diese Verachtung seiner Mama zu verstehen zu
geben, und er hatte außerdem noch angedeutet, daß er sehr wohl wisse,
welche Absichten Dardaneloff hege. Aber nach jenen schrecklichen
nervösen Anfällen der Mutter änderte er sich auch in dieser Beziehung.
Er erlaubte sich hinfort keine einzige Anspielung mehr und äußerte sich
über Dardaneloff der Mutter gegenüber stets sehr achtungsvoll, was die
feinfühlige Anna Fedorowna sofort mit grenzenloser Dankbarkeit in ihrem
Herzen empfand, – dafür aber selbst bei der leisesten Erwähnung
Dardaneloffs, etwa im Gespräch mit einem unbefangenen Gast, wenn Koljä
dabei war, wie eine Rose erglühte. Koljä dagegen schaute dann mit
krauser Stirn zum Fenster hinaus, oder er betrachtete umständlich und
äußerst interessiert seine Stiefelspitzen, oder er rief barsch seinen
„Pereswonn“ heran, ein langhaariges, zottiges und häßliches Hundevieh,
das er vor einem Monat irgendwo „aufgegabelt“ und nach Haus „bugsiert“
hatte, nun im Hause wie ein großes Geheimnis hütete und keinem einzigen
seiner Kameraden zeigte. Er tyrannisierte den armen Köter ganz
entsetzlich, drillte ihn unermüdlich, bis er ihm alle möglichen Künste
„eingefuchst“ hatte, und brachte es schließlich so weit, daß der arme
Hund jedesmal heulte, wenn er in die Schule ging, und wenn er wieder
zurückkehrte, vor Freude „rappeldoll“ wurde, winselte, sich auf den
Rücken warf, alle Stückchen vormachte und wie besessen an ihm
hinaufsprang – und das alles nicht auf Befehl, sondern aus bloßem
Überschwang seiner Begeisterung und seines dankbaren Hundeherzens.
Ich habe übrigens zu erwähnen vergessen, daß Koljä Krassotkin derselbe
Knabe war, der von Iljuscha, dem Sohn des verabschiedeten Hauptmanns
Ssnegireff, in der Schule mit dem Federmesser in den Oberschenkel
gestochen worden war, als die Schüler jenen, seines Vaters wegen,
„Bastwisch“ geneckt hatten.
II.
Die Gören
Also an jenem frostigen Novembersonntagmorgen, an dem der scharfe
Winterwind den trockenen Schnee durch die Straßen fegte, saß Koljä
Krassotkin ganz allein zu Hause. Es hatte schon elf geschlagen, und er
mußte in einer „äußerst wichtigen und positiv unaufschiebbaren
Angelegenheit ausgehen“ – und da sah er sich nun gezwungen, als einziger
Beschützer zu Hause zu sitzen, denn es hatte sich so gemacht, daß alle
älteren Bewohner des Hauses wegen eines sehr sonderbaren und gewiß
höchst seltenen Vorfalles fortgegangen waren. Im Hause der Frau
Krassotkin wohnte nämlich in der zweiten, kleinen Wohnung, die nur aus
zwei Wohnzimmern bestand und von der Wohnung Frau Krassotkins durch
einen Korridor getrennt war, die Frau eines Doktors mit ihren zwei
kleinen Kindern zur Miete. Diese Doktorsfrau war mit Anna Fedorowna in
gleichem Alter und hatte sich herzlich mit ihr angefreundet; der Doktor
aber war schon vor etwa einem Jahr verreist, zuerst nach Orenburg und
dann nach Taschkent, und hatte nun seit einem halben Jahre nichts mehr
von sich hören lassen, so daß seine Frau sich blind geweint hätte, wenn
nicht die Freundschaft mit Anna Fedorowna ihr Trost und Stütze gewesen
wäre. Nun, und da mußte es denn zur Krönung aller Schicksalsschläge noch
geschehen, daß Katerina, die einzige Magd der „Doktorin“, in der letzten
Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag ihrer Herrin zu deren Verblüffung
mitteilte, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Morgen
niederkommen werde. Wie es möglich gewesen war, daß niemand früher etwas
davon gemerkt hatte, blieb allen ein Rätsel. Die erschrockene, arme Frau
überlegte sich die schwierige Sache und beschloß darauf, ihre Magd,
solange es noch Zeit war, zur Hebamme in eine für solche Fälle
eingerichtete Anstalt zu bringen. Da sie mit ihrer Magd sehr zufrieden
war und diese um keinen Preis verlieren wollte, so führte sie ihren
Vorsatz auch unverzüglich aus und blieb außerdem noch vorläufig bei ihr.
Darauf, am Sonntagmorgen, wurde auch Frau Krassotkin um ihre gütige
Fürsprache und Protektion gebeten, da sie in diesem Falle bei gewissen
Personen irgend etwas erbitten konnte. So kam es denn, daß beide Damen
nicht zu Hause waren, und da auch Frau Krassotkins Magd, Agafja, auf den
Markt gegangen war, mußte Koljä zeitweilig als Beschützer und Wächter
der kleinen „Knirpse“ zu Hause bleiben. Diese „Knirpse“ waren die beiden
Gören der Frau Doktor, ein Knabe und ein Mädel. Das Haus zu bewachen,
fürchtete sich Koljä nicht, und zudem war ja noch Pereswonn bei ihm, der
aber auf Befehl seines Herrn im Vorzimmer unter der Bank „tot“ liegen
mußte, und der gerade deswegen jedesmal, wenn Koljä auf der „Runde durch
die Zimmer“ an ihm vorüberkam, mit bittendem Blick ihn ansah und zweimal
mit der Rute kräftig auf den Fußboden schlug. Leider aber hörte er noch
immer nicht den rufenden Pfiff des Herrn. Koljä warf nur einen drohenden
Blick auf den armen Köter, und sofort stellte sich dieser gehorsam
wieder „tot“. Dafür aber waren es die beiden Gören, die sogenannten
„Knirpse“, die ihn beunruhigten. Auf den Vorfall mit Katerina blickte er
selbstverständlich mit der tiefsten Verachtung herab, die verwaisten
„Knirpse“ dagegen liebte er sehr. Er hatte ihnen ein Kinderbuch zur
Zerstreuung gebracht, denn Nastjä, das ältere, achtjährige Mädchen,
konnte schon lesen, und der jüngere „Knirps“, der siebenjährige Kostjä,
hörte „furchtbar gern“ zu, wenn Nastjä ihm vorlas. Koljä Krassotkin
hätte sie nun allerdings noch viel unterhaltsamer zerstreuen können, zum
Beispiel mit Pferdchen- oder Soldaten- oder Versteckspielen. Das war
früher auch schon mehr als einmal geschehen, so daß sich das Gerücht,
Krassotkin spiele zu Hause mit den Kindern der Mieterin Pferdchen, und
ahme im Springen, Galoppieren und Kopfneigen kunstvoll die Allüren des
Deichselpferdes der Troika nach, sogar in der Schule verbreitet hatte.
Krassotkin aber war gelungen, sich voll Stolz zu verteidigen, indem er
den Mitschülern seinen Standpunkt klarlegte: mit Altersgenossen, d. h.
also mit Dreizehnjährigen, wäre es seiner Meinung nach allerdings eine
Schmach, „in unserem Jahrhundert“ noch Pferdchen zu spielen, er aber tue
es nur für die „kleinen Knirpse“, da er sie sehr gern habe, und im
übrigen habe niemand das Recht, von ihm über seine Gefühle Rechenschaft
zu fordern. Dafür wurde er denn auch von den beiden Kleinen geradezu
vergöttert. Diesmal aber war ihm nicht nach Spielchen zu Sinn. Er war
mit einer äußerst wichtigen persönlichen Angelegenheit beschäftigt: ihm
stand, wie es schien, etwas fast Geheimnisvolles bevor. Inzwischen aber
verging die Zeit, und Agafja, mit der die Gören sehr gut allein hätten
bleiben können, wollte immer noch nicht vom Markt zurückkehren. Er war
schon mehrmals über den Flur gegangen und hatte die Tür zur Wohnung der
Frau Doktor geöffnet und besorgt die Kleinen betrachtet, die auf seinen
Befehl artig vor dem Kinderbuch saßen und ihm jedesmal, wenn er die Tür
aufmachte, mit ganzem Mund entgegen lächelten, in der Erwartung, daß er
diesmal ganz sicherlich eintreten und Ihnen etwas Schönes und Lustiges
vormachen werde. Koljä aber war sichtlich mit anderem beschäftigt und
kam nicht herein. Da schlug es elf, und er beschloß endgültig, auf diese
„verdammte Agafja“ nicht mehr länger als zehn Minuten zu warten, wenn
sie aber selbst dann noch nicht gekommen wäre, einfach fortzugehen, –
versteht sich, wenn ihm die „Knirpse“ vorher das Wort gegeben hatten,
daß sie ohne ihn nicht Angst bekommen, nicht unartig sein und nicht
weinen würden. Mit diesen Gedanken zog er seinen kleinen wattierten
Wintermantel mit dem Kottikkragen an, hing sein Büchertäschchen über die
Schulter und ging, trotz der wiederholten Bitten seiner Mama, „bei
dieser Kälte nicht ohne Galoschen auszugehen,“ in bloßen Stiefeln und
nur mit einem verächtlichen Blick auf seine Galoschen, zur Tür hinaus.
Als Pereswonn ihn nach dem Mantel greifen sah, fing er sofort an,
stärker mit der Rute auf den Boden zu schlagen, reckte nervös den Hals
immer wieder wie suchend ihm entgegen und machte bereits quiekende
Versuche zu einem klagenden Geheul. Koljä aber beschloß, als er diese
Erregung seines Köters bemerkte, den gegebenen Befehl noch nicht
aufzuheben, „da man ihn an Disziplin gewöhnen muß“, und erst als er die
Flurtür öffnete, pfiff er. Pereswonn fuhr auf wie toll und sprang
geradezu außer sich vor Freude zu seinem jungen Tyrannen. Koljä schritt
über den Flur und öffnete die Tür zu den Knirpsen. Die saßen wie früher
am Tischchen, lasen aber nicht mehr, sondern stritten sich. Diese beiden
Kinder stritten häufig miteinander über verschiedene ungelöste
Lebensprobleme, nur war es immer Nastjä, das ältere Mädchen, die den
Sieg davon trug; dafür ging denn Kostjä jedesmal, wenn er mit ihr nicht
übereinstimmen konnte, zu Koljä Krassotkin, um an ihn als an die letzte
Instanz zu appellieren, und wie der dann entschied, so blieb es auch, da
er für beide Teile absolute Autorität war. Diesmal schien ihm der Streit
der „Knirpse“ etwas interessanter, und so blieb er an der Tür noch ein
Weilchen stehen, um der Debatte zuzuhören. Die Kinder hatten natürlich
sofort bemerkt, daß er wieder eingetreten war, und so setzten sie ihren
Streit noch lebhafter fort.
„Niemals, niemals werde ich glauben, daß die Ammen die kleinen Kinder im
Gemüsegarten zwischen den Kohlbeeten finden,“ beteuerte Nastjä, ganz
Feuer und Flamme. „Jetzt ist doch schon Winter, und Kohlbeete gibt es
überhaupt nicht mehr, wo soll nun die Amme das Töchterchen für Katerina
hernehmen?“
„Da haben wir’s!“ dachte Koljä bei sich.
„Oder sieh, es kann doch auch so sein: die Ammen finden sie irgendwo,
bringen sie aber nur denen, die verheiratet sind.“
Klein Kostjä blickte das Schwesterchen aufmerksam an, hörte tiefsinnig
zu und überlegte.
„Wie dumm du bist, Nastjä,“ sagte er schließlich überzeugt, ohne sich
aber dabei aufzuregen, „was kann denn Katerina für ein Kind haben, wenn
sie keinen Mann hat?“
Nastjä fuhr sofort auf:
„Ach, du verstehst mich nicht,“ sagte sie gereizt, „vielleicht hat sie
einen Mann gehabt, nur sitzt er jetzt im Gefängnis, und da hat sie nun
ein Kind bekommen.“
„Ja, aber hat sie denn einen Mann im Gefängnis?“ erkundigte sich wichtig
der positive Kostjä.
„Oder nein,“ unterbrach ihn Nastjä ungestüm, indem sie ihre erste
Hypothese völlig vergaß, „einen Mann hat sie nicht, da hast du recht,
sie will aber gern einen Mann haben, und da hat sie angefangen zu
denken, wie sie einen Mann bekommen würde, und hat immer daran gedacht,
so lange daran gedacht, bis sie nun nicht einen Mann, dafür aber ein
Kindchen bekommen hat.“
„Nun, das ist was anderes,“ meinte Kostjä bekehrt, „du hast das aber
früher nicht gesagt, wie sollte ich es da wissen!“
„Hört mal, ihr Gören,“ unterbrach Koljä Krassotkin eintretend die
Unterhaltung, „ihr seid ja, wie ich sehe, gefährliches Gewächs.“
„Und auch Pereswonn ist mit Ihnen gekommen?“ erkundigte sich selig
lächelnd klein Kostjä und bemühte sich, mit seinen kleinen Fingern wie
Erwachsene zu schnippen, um auf diese Weise Pereswonn heranzulocken.
„Also hört mal, ich habe ein ernstes Wort mit euch zu reden,“ hub
Krassotkin gewichtig an. „Ihr könntet mir nämlich einen großen Gefallen
erweisen. Agafja hat sich natürlich ein Bein gebrochen, das steht fest,
sonst wüßte ich wirklich nicht, warum sie sich dermaßen verspätet. Ich
aber muß in einer äußerst wichtigen Angelegenheit ausgehen, ich kann die
Sache unmöglich noch weiter hinausschieben. Werdet ihr mich nun gehen
lassen oder nicht?“
Die Kinder blickten sich gegenseitig besorgt an, ihre lächelnden
Gesichter verwandelten sich in unruhig fragende. Übrigens begriffen sie
noch nicht ganz, was man von ihnen verlangte.
„Werdet ihr nicht unartig sein in meiner Abwesenheit? Nicht auf den
Schrank klettern und euch die Beine brechen? Nicht Angst bekommen und
losweinen, wenn ihr allein seid?“
In den Gesichtern der Kinder drückte sich tiefes Herzeleid aus.
„Ich könnte euch dafür ein nettes Dingelchen zeigen, eine kleine
messingne Kanone, aus der man mit wirklichem Pulver schießen kann.“
Die Gesichter der Kinder erhellten sich augenblicklich.
„Zei – eigen Sie uns bitte das Kanonchen,“ bat selig klein Kostjä.
Koljä Krassotkin fuhr mit der Hand in seine Büchertasche, entnahm ihr
eine kleine bronzefarbene Kanone und stellte sie auf den Tisch.
„Das glaub ich, zei – ei – eigen Sie! Seht, sie rollt auf Rädern“ – er
rollte die Kanone über den Tisch – „und auch schießen kann man aus ihr.
Mit Schrot laden und schießen.“
„U – und schießt sie auch tot?“
„Alle schießt sie tot, nur muß man vorher zielen.“
Und Krassotkin erklärte ihnen, wohin man das Pulver schütten, wohin man
das Schrotkorn stecken mußte; er zeigte ihnen ein kleines Loch, das
sogenannte Zündloch, wo man das Pulver anzündete, und erzählte darauf,
daß die Lafette nach dem Schuß zurückweiche. Die Kinder hörten mit
runden Augen und fabelhaftem Interesse zu. Am meisten frappierte sie,
wie es wohl kam, daß die Lafette nach dem Schuß zurückrollte.
„Aber haben Sie auch Pulver?“ erkundigte sich Nastjä.
„Versteht sich.“
„Oh, dann zeigen Sie uns, bitte, auch das Pulver,“ bat Nastjä gedehnt
mit einschmeichelndem Kinderlächeln.
Koljä Krassotkin fuhr wieder mit der Hand in die Büchertasche und
entnahm ihr eine kleine Flasche, in der tatsächlich etwas „wirkliches“
Schießpulver war. In einer kleinen Papierdüte hatte er noch ein paar
Schrotkörner. Er schüttete sich sogar etwas von dem Schießpulver auf die
Handfläche.
„Seht, nur darf hier kein Feuer in der Nähe sein, sonst entzündet es
sich und sprengt uns alle in die Luft,“ warnte Koljä und erreichte damit
einen noch größeren Effekt.
Die Kinder betrachteten das Pulver geradezu mit andächtiger Furcht, die
das Vergnügen natürlich noch erhöhte. Klein Kostjä interessierte sich
besonders für das Schrot.
„Schrot aber brennt nicht?“ erkundigte er sich.
„Nein, Schrot brennt nicht.“
„Schenken Sie mir etwas Schrot,“ bat er mit zärtlich-schüchterner
Stimme.
„Meinetwegen, Schrot kannst du ein wenig bekommen, da nimm, nur zeige es
deiner Mama nicht früher, als bis ich wieder zurückgekommen bin, sonst
denkt sie, daß es Pulver sei und fällt in Ohnmacht vor Schreck oder gibt
euch Ruten.“
„Mama schlägt uns niemals mit Ruten,“ bemerkte sofort Nastjä.
„Ich weiß, ich sagte es auch nur so. Eure Mama aber sollt ihr niemals
betrügen, nur dieses eine Mal ... wie gesagt, nur bis ich wiederkomme.
Also, kann ich nun fortgehen? Werdet ihr nicht ohne mich Angst bekommen?
Werdet ihr nicht weinen, wenn ich euch allein lasse?“
„Doch, wir wer – den wo – o – ohl wei – nen,“ kam es langsam und klagend
aus klein Kostjä heraus, dessen Gesicht bereits Anstalten machte, sich
zum Weinen zu verziehen.
„Ja, wir werden bestimmt weinen, bestimmt!“ beteuerte auch Nastjä etwas
ängstlich.
„Ach, Kinder, Kinder, wie gefährlich sind doch eure Jahre! ... Nun,
nichts zu machen, ihr Küchel, man wird, weiß Gott wie lange, bei euch
sitzen müssen. Zeit aber, Zeit habe ich keinen Augenblick zu verlieren!“
„A – ber werden Sie auch Pereswonn wie tot liegen lassen?“ fragte klein
Kostjä halb bittend, halb neugierig.
„Ja, was ist zu machen, man wird Pereswonn vorführen müssen. _Ici_,
Pereswonn!“
Und Koljä begann zu befehlen und ließ den Hund alle Stückchen vormachen,
die er konnte. Pereswonn war ein zottiger, mittelgroßer Hofköter, dessen
Fell in ganz absonderlichen graulila Farben schimmerte. Er war einäugig,
das rechte Auge fehlte ihm, und das linke Ohr war eingeschnitten, so daß
es zwei Spitzen hatte. Er winselte und sprang herum, ging auf den
Hinterfüßen, saß, warf sich auf den Rücken, alle vier Pfoten in die Luft
und lag in dieser Stellung regungslos, „wie tot“. Gerade während dieser
letzten Kunstleistung öffnete sich die Tür, und Agafja, Frau Krassotkins
Küchenmagd, trat mit dem überladenen Marktkorb am Arm ins Zimmer. Es war
das ein vierzigjähriges, pockennarbiges Frauenzimmer. Sie blieb auf der
Schwelle stehen und betrachtete den Hund. Koljä unterbrach übrigens
seine Vorstellung nicht eher, wie sehnsüchtig er Agafja auch erwartet
hatte, als bis Pereswonn die festgesetzte Zeit auf dem Rücken gelegen
hatte: dann erst pfiff er ihm. Der Hund sprang sofort wie außer sich auf
und bellte und wußte sich nicht zu lassen vor Freude darüber, daß er
seine Pflicht erfüllt hatte.
„Sieh mal einer an, was das für’n Hund is!“ meinte Agafja wohlwollend.
„Warum aber bist denn du Vertreterin des Weiblichen so spät
zurückgekommen?“ fragte Koljä streng.
„Vertreterin des Weiblichen, – da hör doch einer man bloß! So’n kleiner
Pilz, so’n Naseweis!“
„Naseweis?“
„Was denn sonst? Was geht’s denn deine Nase an, ob ich zu spät oder zu
früh komme? Wenn ich zu spät komme, dann komme ich nun eben zu spät,
dann heißt dies, daß es so richtig ist, daß ich zu spät komme, dann habe
ich eben zu spät kommen müssen,“ brummte Agafja, die sich am Ofen zu tun
machte, doch war sie weder böse noch unzufrieden, sondern im Gegenteil,
sogar sehr zufrieden, als hätte es sie gefreut, mit dem kleinen
Herrensohn mal ein bissel knurren zu können.
„Hör mal, leichtsinniges Frauenzimmer,“ begann Krassotkin, sich von
seinem Platz erhebend, „kannst du mir schwören bei allem, was es
Heiliges hier in dieser Welt gibt und außerdem womöglich bei noch etwas,
daß du während meiner Abwesenheit die beiden Gören nicht aus dem Auge
lassen wirst? Ich muß ausgehen.“
„Warum soll ich dir denn schwören?“ fragte Agafja gutgelaunt. „Ich werd
schon sowieso auf die Knirpse aufpassen.“
„Nein, du mußt es mir bei deiner Seelen Seligkeit schwören. Sonst gehe
ich nicht fort.“
„Dann nicht. Was geht’s mich an? Sitz zu Hause, wenn du willst. Draußen
ist es auch schon kalt.“
„Hört mal, ihr Knirpse,“ wandte sich Koljä an die Kleinen, „Agafja wird
bei euch bleiben, bis ich zurückkehre, oder bis eure Mama wiederkommt,
denn auch für sie wäre es Zeit. Außerdem wird Agafja euch etwas zu essen
geben. Das wirst du doch, Agafja?“
„Schon möglich.“
„Dann also auf Wiedersehen, ihr beide, ich verlasse euch mit ruhigem
Herzen. Du aber, Alte,“ sagte er halblaut und mit männlichem Ernst, als
er an Agafja vorüberging, „du wirst ihnen, hoffe ich, nicht wieder eure
üblichen Weiberdummheiten über die Katerina vorlügen, mußt doch ihr
junges Alter berücksichtigen. – _Ici_, Pereswonn!“
„Nu, Gott mit dir,“ brummte Agafja, diesmal aber etwas ärgerlich. „Da
sieh einer an, so’n Wicht! Müßte selber noch was überkriegen für solche
Worte.“
III.
Die Schüler
Koljä hörte sie nicht mehr. Endlich also konnte er gehen, Gott sei Dank!
Als er hinaustrat, warf er einen spähenden Blick ringsum, zuckte einmal
vor Kälte mit den Schultern, dachte: „Hm, scharfer Frost!“ und schritt
die Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, in die er rechts einbog,
um auf den Marktplatz zu gelangen. Als er am letzten Hause vor dem Platz
angelangt war, blieb er an der Hofpforte stehen, zog eine kleine Pfeife
aus der Tasche und pfiff aus Leibeskräften, als wolle er ein
verabredetes Zeichen geben. Er brauchte nicht lange zu warten: im
Augenblick öffnete sich das Hinterpförtchen, und ein rotwangiger, etwa
elfjähriger Junge schlüpfte geschwind auf die Straße. Er war gleichfalls
in ein warmes, sauberes, elegantes Mäntelchen gekleidet. Das war der
kleine Ssmuroff, ein Schüler der Vorbereitungsklasse, während Koljä
Krassotkin schon in der Sexta saß, der Sohn eines wohlhabenden Beamten,
dem die Eltern allem Anscheine nach verboten hatten, mit dem
„tollkühnen“ Krassotkin zu verkehren. Diesmal war er denn auch offenbar
heimlich davongeschlichen. Dieser Knabe war derselbe, der, wie der Leser
sich vielleicht noch erinnern wird, zusammen mit anderen Schülern vor
etwa zwei Monaten mit Steinen nach Iljuscha geworfen und darauf Alexei
Karamasoff noch einiges über den ausgestoßenen Jungen jenseits des
Grabens erzählt hatte.
„Ich habe dich jetzt genau eine Stunde lang erwartet, Krassotkin,“ sagte
mit strenger Miene der kleine Ssmuroff, während sie beide dem
Marktplatze zuschritten.
„Ich habe mich verspätet,“ antwortete Krassotkin würdevoll. „Es gibt
Umstände. Wird man dich nicht durchbläuen, wenn man erfährt, daß du mit
mir gehst?“
„Ach, so hör doch auf, als ob ich noch durchgebläut würde! Kommt auch
Pereswonn mit?“
„Ja, auch Pereswonn.“
„Und du wirst ihn auch dorthin mitnehmen?“
„Ja, auch dorthin.“
„Ach, wenn’s doch Shutschka wäre!“
„Das ist unmöglich. Shutschka gibt es nicht mehr. Shutschka ist in der
Finsternis des Unbekannten verschwunden.“
„Ach, aber ginge es nicht so ...“ – der kleine Ssmuroff blieb unter dem
Eindruck des Gedankens mitten auf der Straße stehen – „Iljuscha sagt
doch, daß Shutschka auch so zottig und grau gewesen sei, – könnte man da
nicht sagen, daß Pereswonn jener selbe Shutschka sei, vielleicht wird er
es auch glauben?“
„Mein Junge, scheue die Lüge, das wäre Punkt eins; selbst dann, wenn es
sich um einen guten Zweck handelt, Punkt zwei. Vor allem aber will ich
hoffen, daß du dort nichts von meinem Besuch hast verlauten lassen.“
„Gott behüte, ich verstehe doch, um was es sich dabei handelt. Aber auch
mit Pereswonn kann man ihn nicht trösten,“ meinte Ssmuroff seufzend.
„Weißt du, sein Vater, der Hauptmann, der sogenannte Bastwisch, sagte
uns, daß er ihm heute ein junges Hündchen bringen werde, einen echten
kleinen Bullenbeißer mit einem schwarzen Schnäuzchen. Er hofft Iljuscha
damit zu trösten, nur weiß ich nicht, ob es ihm gelingen wird.“
„Wie steht es denn mit ihm, mit Iljuscha, meine ich?“
„Ach, schlecht, sehr schlecht! Ich glaube, er hat die Schwindsucht. Er
ist sonst vollkommen bei Besinnung, aber er atmet so schwer, so
beängstigend. Vor ein paar Tagen bat er, man solle ihn im Zimmer etwas
gehen lassen; man zog ihm seine Stiefelchen an, und er ging, fiel aber
schon nach den ersten Schritten hin. ‚Ach,‘ sagte er, ‚ich habe dir doch
gesagt, Papa, das ist nur von den schlechten Stiefeln gekommen, in ihnen
war es auch früher unbequem zu gehen.‘ Er glaubte, er sei wegen der
Stiefel gefallen, aber es war doch nur aus Schwäche. Er wird keine Woche
mehr leben. Doktor Herzenstube kommt häufig hin. Jetzt sind sie wieder
reich, haben viel Geld.“
„Diese Banditen!“
„Wer das?“
„Diese Ärzte und das ganze medizinische Pack, im allgemeinen gesprochen
... und im einzelnen, versteht sich, noch mehr. Ich verneine die
Medizin. Eine total unnütze Einrichtung. Übrigens werde ich das alles
noch eingehender untersuchen. Aber was sind denn das für
Sentimentalitäten, die ihr da eingeführt habt? Die ganze Klasse scheint
sich ja täglich bei ihm zu versammeln?“
„Gar nicht! Es gehen bloß zehn von uns täglich hin, jeden Tag.“
„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei
spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes
verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit
kleinen Jungen.“
„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt
selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“
„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem,
meine Handlungen zu analysieren.“
„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht,
daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“
fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte.
„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das
mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei
Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und
überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm
auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“
„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir
fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen
mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine
Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so
weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du,
er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß
ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber
er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann
gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen.
Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt
du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem
trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt
hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“
„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange
seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen,
stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn
gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen
gilt.“
Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff
blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht
einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos
interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien
Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes
Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen
war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen
über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel
angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie
gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot,
Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns
höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es
bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung
vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links
ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden
zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um
sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen.
„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich
Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn
sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“
„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“
„Das heißt, durchaus nicht lächerlich, das war eine falsche Bemerkung
von dir. In der Natur gibt es nichts Lächerliches, obwohl manches dem
Menschen mit seinen Vorurteilen auch lächerlich erscheinen mag. Wenn
Hunde denken und kritisieren könnten, so würden sie in den sozialen
Beziehungen der Menschen, ihrer Herren, ebensoviel, wenn nicht noch
mehr, für sie Lächerliches finden, – sogar sehr viel mehr. Ich
wiederhole das nur darum, weil ich fest überzeugt bin, daß es bei uns
tatsächlich noch viel mehr Dummheiten gibt. Das ist, nebenbei bemerkt,
ein Ausspruch von Rakitin, ein sehr bemerkenswerter sogar. Ich bin
Sozialist, Ssmuroff.“
„Was ist das?“ fragte Ssmuroff naiv.
„Das ist, wenn alle gleich sind, alle sind dann einer Meinung, es gibt
keine Ehen, und die Religion und alle Gesetze sind dann so, wie es jedem
beliebt, nun und so weiter alles übrige. Du bist noch nicht reif dazu,
für dich ist das noch zu früh ... Aber es ist heut doch gehörig kalt.“
„Ja. Zwölf Grad. Papa sah vorhin nach dem Thermometer.“
„Hast du nicht bemerkt, Ssmuroff, daß es mitten im Winter, selbst wenn
es fünfzehn oder achtzehn Grad sind, gar nicht so kalt ist, wie zum
Beispiel jetzt, zu Anfang des Winters bei zwölf, wenn die Kälte ganz
plötzlich einsetzt und noch wenig Schnee gefallen ist? Das bedeutet, daß
die Menschen sich noch nicht an die Kälte gewöhnt haben. Bei den
Menschen kommt alles auf Gewohnheit an. Selbst in den staatlichen und
politischen Beziehungen. Gewohnheit ist bei ihnen die erste und größte
Triebfeder. Sieh doch, was das für ein komischer Kauz ist!“
Koljä wies auf einen langen Bauer im Pelz, der neben seiner Fuhre stand
und vor Kälte die behandschuhten Hände zusammenschlug. Sein langer
blonder Bart, der sein sympathisches Gesicht umrahmte, war vom Frost
ganz bereift.
„Dieser Bauer hat einen ganz bereiften Bart!“ sagte Koljä laut, als er
an ihm vorüberging.
„Viele haben heute einen bereiften Bart,“ sagte ruhig und wohlbedacht
der Bauer.
„So reiz ihn doch nicht,“ bat Ssmuroff leise Krassotkin.
„Macht nichts, er wird sich nicht ärgern, er ist ein braver Mann. – Leb
wohl, Matwei.“
„Leb wohl.“
„Heißt du denn Matwei?“
„Jawohl. Wußtest du es nicht?“
„Nein, ich sagte es aufs Geratewohl.“
„Nun sieh mal! Bist wohl noch Schulbub?“
„Natürlich.“
„Nun was, wirst du auch gedroschen?“
„Nicht gerade, daß – aber es kommt vor.“
„Aber dann auch feste?“
„Ohne dem geht’s nicht.“
„Ja ja!“ Der Bauer seufzte von ganzem Herzen auf.
„Leb wohl, Matwei.“
„Leb wohl, bist ’n guter Bursch, jawohl.“
Die beiden Jungen gingen weiter.
„Das war ein guter Kerl,“ sagte Koljä zu Ssmuroff. „Ich rede gern mit
dem einfachen Volke. Es freut mich immer, wenn ich ihm Gerechtigkeit
widerfahren lassen kann.“
„Warum aber hast du ihm vorgelogen, daß wir in der Schule gedroschen
würden?“ fragte Ssmuroff.
„Man mußte ihn doch beruhigen!“
„Wieso?“
„Sieh mal, Ssmuroff, ich mag es nicht, nochmals gefragt zu werden, wenn
man mich nicht nach dem ersten Wort verstanden hat. Manches läßt sich
überhaupt nicht erklären. Er glaubt, daß jeder Schüler gedroschen wird,
und seiner Meinung nach muß das auch so sein: Was ist denn das für ein
Schüler, der nicht seine Portion Wichse kriegt? denkt er bei sich. Und
nun soll ich ihm plötzlich sagen, daß es bei uns nie Prügel gibt! Damit
würde ich ihn doch tief betrüben. Übrigens kannst du das noch nicht
verstehen. Wer mit dem Volk reden will, der muß vorher das Reden
erlernen.“
„Nur mach diesmal, bitte, keine Geschichten, sonst kommt wieder so ein
Skandal heraus, wie damals mit der Gans.“
„Hast du denn etwa Angst?“
„Lach nicht, Koljä, bei Gott, ich habe Angst. Mein Vater würde furchtbar
böse werden. Man hat mir streng verboten, mit dir zu verkehren.“
„Beunruhige dich nicht, diesmal wird nichts geschehen. Guten Morgen,
Natascha,“ rief er einer der Marktweiber unter einem Schutzdach zu.
„Was bin ich für eine Natascha, Marja heiß ich,“ rief die Händlerin, ein
noch junges Weib, mit hoher Fistelstimme fast schreiend zur Antwort.
„Das ist gut, daß du Marja heißt, leb wohl!“
„Ach, du Galgenstrick, bist noch keine Elle lang, nicht mal auf der Erde
zu bemerken und bist doch schon wie die anderen!“
„Habe keine Zeit, keine Zeit für dich, nächsten Sonntag kannst du es mir
erzählen,“ rief Koljä, heftig mit der Hand abwinkend, als hätte sie mit
ihm angebändelt und nicht er mit ihr.
„Was soll ich dir denn nächsten Sonntag erzählen? Hast selber angefangen
und nicht ich, du Frechling,“ schrie Marja aufgebracht, „eine tüchtige
Tracht Prügel hast du verdient, wir kennen dich dummen Jungen schon von
früher!“
Unter den benachbarten Händlerinnen erhob sich ein Lachen, als plötzlich
aus dem Bogengang der nächsten Handlung ein aufgebrachter Bursche, dem
Aussehen nach ein Kleinkrämer, hervorstürzte und Koljä wütend mit der
Faust drohte. Es war das kein städtischer Händler, sondern einer von den
„Jahrmarktsleuten“, ein noch junger Mann in einem langschößigen blauen
Bauernkittel und einer Mütze mit ledernem Schirm auf dem Kopf. Sein
Gesicht war lang, blaß und pockennarbig. Er befand sich in geradezu
unsinniger Erregung und konnte zuerst kaum ein Wort hervorbringen, er
drohte immer nur mit der Faust.
„Ich kenne dich!“ rief er endlich, „ich kenne dich!“
Koljä sah ihn scharf an. Er konnte sich nicht recht entsinnen, was er
diesem Menschen angetan, oder wo er ihn getroffen hatte. Das war aber
schließlich nicht wunderlich, da er ja so unzählige Händel auf der
Straße gehabt hatte.
„Du kennst mich?“ fragte er ihn ironisch.
„Ich kenne dich, ich kenne dich!“ wiederholte immer wieder der dumme
Bursche.
„Nun, um so besser für dich. Ich habe keine Zeit, leb wohl!“
„Was, du wirst noch frech?“ schrie der andere auffahrend. „Du wirst
obendrein noch frech? Ich kenne dich! So ein freches Luder, wie du eins
bist, gibt’s ja kein zweites!“
„Das, Freund, ist jetzt nicht deine Sache, ob ich frech bin oder nicht,“
sagte Koljä von oben herab, blieb stehen und blickte ihn wieder scharf
an.
„Wieso denn nicht meine Sache?“
„Sehr einfach: weil sie es nicht ist.“
„So – o? Wessen denn sonst, wenn nicht meine? Wen soll es denn sonst was
angehen?“
„Das, mein Freund, geht jetzt nur Trifon Nikititsch an, aber nicht
dich.“
„Was für einen Trifon Nikititsch?“ fragte in dummer Verwunderung, doch
immer noch sehr aufgebracht, der Bursche und starrte Koljä
verständnislos an. Koljä maß ihn mit dem Blick.
„Bist du zur Himmelfahrt gegangen?“ fragte er ihn plötzlich streng.
„Zu was für einer Himmelfahrt? Warum, wieso? Nein, ich bin nicht
gegangen,“ antwortete noch verdutzter der Bursche.
„Kennst du Ssabanejeff?“ fuhr Koljä noch strenger fort zu fragen.
„Was für einen Ssabanejeff? Nein, ich kenne ihn nicht.“
„Nun, dann hol dich der Teufel, wenn du selbst ihn nicht kennst!“ brach
Koljä plötzlich ab und ging, plötzlich nach rechts abschwenkend, seines
Weges, als hätte er es verachtet, mit einem solchen Tölpel noch weiter
zu reden, der nicht einmal Ssabanejeff kannte.
„Warte, he, du! Bleib doch stehen! Welch einen Ssabanejeff meinst du?“
rief ihm, halb sich besinnend, der Bursche in noch größerer Erregung
nach. „Was sagte er eigentlich?“ fragte er plötzlich die Marktweiber,
indem er sie dumm anglotzte.
Die Weiber lachten.
„Ein kluger Schlingel,“ meinte eine von ihnen.
„Was für einen Ssabanejeff? Wen meinte er damit?“ fragte immer noch
erregt und völlig vor den Kopf gestoßen der Bursche.
„Ach, das wird wohl der Ssabanejeff sein, der bei Kusjmitscheffs einmal
diente, ja, den wird er damit gemeint haben!“ sagte schließlich eines
der Weiber.
Der Bursche blickte sie groß an.
„Bei Kusj–mi–tscheffs?“ fragte ein anderes Marktweib, „aber der hieß
doch nie und nimmer Trifon? Der hieß doch Kusjma, der Bengel aber sagte
doch Trifon Nikititsch, da hast du’s nun, wie soll denn das derselbigte
sein?“
„Ach was, das ist weder Trifon noch Ssabanejeff, das ist Tschishoff,“
mischte sich ein drittes Weib ein, das bis dahin geschwiegen und ernst
zugehört hatte. „Der hieß man aber Alexei Iwanowitsch. Tschishoff mit
Familiennamen und sonstig Alexei Iwanowitsch.“
„Jawohl ich weiß es selber auch ganz genau, das kann doch niemand nicht
anders sein als Tschishoff,“ bestätigte eifrig ein viertes Weib.
Der betölpelte Bursche blickte verständnislos bald die eine, bald die
andere an.
„Warum aber hat er denn gefragt, ihr guten Leute, sagt mir doch
wenigstens, warum er mich das gefragt hat!“ rief er schließlich halb
verzweifelt aus. „‚Kennst du Ssabanejeff?‘ Der Teufel kann nun wissen,
was das für’n Ssabanejeff ist!“
„So nimm doch Vernunft an, Mensch, und hör, was man dir sagt: Nicht
Ssabanejeff meint er, sondern Tschishoff, Alexei Iwanowitsch Tschishoff,
hast’s nu verstanden?“ schrie ihm eifrig eines der Weiber zu.
„Was Teufel für’n Tschishoff? Nu, sag doch, mach doch das Maul uff, wenn
du’s weißt! Nu, was für einer?“
„Na, wen denn sonstig, wenn nicht den langen mit der roten Nase, der im
Sommer hier auf dem Markt saß?“
„Aber, was Teufel geht mich denn dieser Tschishoff an, sagt mir doch
wenigstens das, ihr guten Leute, was?“
„Ja, das weiß ich doch auch nicht, ich meine ja man bloß.“
„Wer kann denn wissen, was er dich angeht,“ meinte eine andere, „das
mußt du selber wissen, wenn du darüber so’n Geschrei erhebst. Der Bub
hat’s doch dir gesagt, nicht uns, du dummer Mensch. Oder kennst du ihn
denn wirklich selber nicht?“
„Wen?“
„Nun, den Tschishoff doch, den selbigten, sollte ich meinen!“
„Ach, der Teufel hole den Tschishoff und dich noch dazu! Durchbläuen
werde ich ihn, den Hund! Er hat sich über mich was lustig gemacht!“
„Was, den Tschishoff willst du durchbläuen? Da sieh dich man vor, daß du
nicht selber ’ne Tracht abkriegst! Dumm bist du genug dazu.“
„Nicht den Tschishoff, doch nicht den Tschishoff, du giftiges Weibsbild,
– den Frechling, diesen Bengel, werde ich durchbläuen! Der soll nur
sehen, der kommt mir jetzt gerade recht! Also zum besten will er mich
haben, nasführen will er mich, wart nur, ich werd dir Mores lehren!“
Die Weiber lachten. Koljä schritt schon längst mit siegesbewußter Miene
davon. Ssmuroff ging neben ihm und blickte sich noch ein paarmal nach
der schreienden Gruppe um. Er war gleichfalls lustig gestimmt, trotz
seiner Furcht, Koljä könnte wieder eine „Geschichte“ machen und diesmal
auch ihn „hereinbringen“.
„Nach was für einem Ssabanejeff fragtest du ihn?“ erkundigte er sich bei
Koljä, obgleich er die Antwort schon ahnte.
„Wie soll ich’s denn wissen, nach welch einem? Jetzt haben sie was,
worüber sie bis zum Abend schreien können. Ich versetze den Dummköpfen
in allen Gesellschaftsschichten gern einen geistigen Nasenstüber. Da
steht der Kerl immer noch wie ein Ochs am Berge. Merk dir eines, man
sagt: ‚Es gibt nichts Dümmeres als einen dummen Franzosen,‘ aber weißt
du, auch die russische Physiognomie kann sich sehen lassen. Nun, sag
doch selbst, ist es diesem Bauern dort nicht aufs Gesicht geschrieben,
daß er dumm ist, da, diesen Bauern da, meine ich, wie?“.
„Laß ihn, Koljä, gehen wir vorüber.“
„Um nichts in der Welt werde ich so vorübergehen, ich bin jetzt gerade
gut dazu aufgelegt. Heda! Guten Tag, Bauer!“
Es war ein kräftiger, älterer Bauer, der langsam an ihnen vorüberging.
Er hatte ein rundes, einfaches Gesicht und einen leicht ergrauten Bart.
Auf den Gruß hin erhob er den gesenkten Kopf und blickte den forschen
Schulbuben an. Wahrscheinlich hatte er schon etwas getrunken.
„Nun, guten Tag, wenn du nicht scherzest,“ gab der Bauer langsam zur
Antwort.
„Und wenn ich scherze?“ fragte Koljä lachend.
„Wenn du aber scherzest, dann nur zu, Gott mit dir. Das tut nichts, das
kann man. Scherzen kann man immer.“
„Verzeih, Freund, ich habe in der Tat gescherzt.“
„Nun, macht nichts, Gott wird dir verzeihen.“
„Aber verzeihst auch du mir?“
„Von ganzem Herzen, Kleinerchen. Geh mal nur vorwärts.“
„Ei sieh mal, wie du bist! Du bist ja, weiß Gott, ein kluger Mann.“
„Klüger als du gewiß,“ antwortete der Bauer mit derselben würdigen Ruhe.
„Wirklich?“ Koljä war etwas verdutzt.
„Verlaß dich drauf.“
„Übrigens kannst du recht haben.“
„Das will ich meinen.“
„Leb wohl, Bauer.“
„Leb wohl.“
„Die Bauern sind sehr verschieden,“ sagte Koljä zu Ssmuroff, als sie
weitergingen, nach einigem Schweigen. „Woher wußte ich nur, daß ich auf
einen Klugen stoßen würde? Ich bin immer bereit, im Volke Klugheit
anzuerkennen.“
Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben
beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur
Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie
etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä
plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und
Karamasoff zu ihm herauszuschicken.
„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu.
„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort
mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn
das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“
„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen
lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab
(ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“
anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem
Befehl nachzukommen.
IV.
Shutschka
Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete
Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen
Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine
Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die
kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer
überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar
Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam
zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei
Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte,
war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn
auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen
durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen
selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich
dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie
jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht
vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so
klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und
trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so
dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein
scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu
freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen,
denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken
... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –! ...“
So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen
Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am
meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr
das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu
Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an
der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit
der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen,
wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam,
was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht
anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht
nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem
Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten
dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die
Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal,
dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze
guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das
reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem
Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte.
„Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter,
wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht
denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele
erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die
Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und
auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem
wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete.
Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte
sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich
wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der
Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der
Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und
trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen
Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er
sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren
Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille
und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer
gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher.
Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt.
Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen.
„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“
„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls
freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon
lange auf die Gelegenheit gewartet ... ich habe viel von Ihnen gehört
...“ sagte Koljä etwas außer Atem.
„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen
gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“
„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“
„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“
„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff,
daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig
empört.
„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn
er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb
Sie ihm gewesen sind ... früher ... vor jenem Messerstich Außerdem gibt
es noch andere Gründe, die ... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“
„Ja. Mein Pereswonn.“
„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in
die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“
„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es
gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff,
ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich
nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen,
um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir
hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling
trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie
die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt.
Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der
Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt
sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die
Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn
noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte
Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die
Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum
neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich
nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich
verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das
schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe
ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge
auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange
aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu
verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah
sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber
schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte
jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald
auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den
Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen.
Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man
darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu
noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein
Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit
basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner
Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das
nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie,
Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern
angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation
einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich
sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug,
von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens
zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse
Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber,
wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten,
und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er
ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und
plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr
übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf!
Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu
widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen,
die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich
seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu
erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm.
Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so
machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen
Menschen aus ihm zu machen ... nun, und so weiter ... Sie verstehen mich
natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist
niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal
nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus
einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine
Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze
Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres
verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff,
zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas
ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch
Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu
kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem
Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen
gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und
so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben
zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er
war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den
Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich
kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich
sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu
heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im
Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend
fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt.
Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte
herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er
immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also
Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich
wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich
denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich
verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in
Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige,
schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich
werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig
breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch
überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben
Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen
hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir
Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft
überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen
gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng
war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf,
am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich
‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei
Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin,
daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann
wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war
meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff
angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin,
daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln
vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen
rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun,
den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu
zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder
ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem
Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie,
wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem
Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging
es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen
denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir
jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal
furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen
die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die
Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah
ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals
gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem
Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick
– und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber
erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick
gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und
stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich
rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer,
Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem
Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank
für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht
zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das
Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht
und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht
erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon
zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine
etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine
Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie
begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun,
jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er
darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich
meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das
ist nun die ganze Geschichte ... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht
habe ...“
„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher
von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon
längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen
Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von
Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und
haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein
Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie,
er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich
bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe,
dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht
abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm
zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er
vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie
gehofft.“
„Aber warum denn gerade auf mich? Warum sollte denn gerade ich Shutschka
finden?“ fragte Koljä mit auffallender Wißbegier. „Warum hofften Sie
nicht auf einen anderen?“
„Ja, es hieß, daß Sie den Hund krampfhaft suchten, und wenn Sie ihn
gefunden hätten, zu Iljuscha bringen würden. Ssmuroff ließ einmal etwas
in der Art verlauten. Wir bemühen uns vor allem, ihn zu überzeugen, daß
der Hund lebt, daß wir ihn irgendwo gesehen hätten. Die Knaben brachten
ihm ein lebendiges Häschen mit, er sah es aber nur einmal an, lächelte
kaum und bat, es wieder aufs Feld zu bringen und freizulassen. Dies
taten wir denn auch. Und soeben kehrte sein Vater zurück und brachte ihm
einen ganz kleinen Bullenbeißer mit, er hatte ihn sich irgendwoher
verschafft. Er hoffte, ihn damit zu trösten, aber es kam, glaube ich,
umgekehrt heraus, denn Iljuscha wurde nur noch trauriger ...“
„Aber sagen Sie mir noch eines, Karamasoff: dieser Vater, was ist der
eigentlich? Ich kenne ihn, aber was ist er im Grunde ... Ihrer Meinung
nach – ein Narr, ein Bajazzo?“
„O nein. Es gibt Menschen, die das Leben in Tiefe empfinden, zu gleicher
Zeit aber wie von der Welt unter die Füße getreten sind. Das
Possentreiben ist bei ihnen wie eine boshafte Ironie denen gegenüber,
welchen sie infolge ihrer eingefleischten Schüchternheit nicht die
Wahrheit ins Gesicht zu sagen sich erdreisten können. Glauben Sie mir,
Krassotkin, solches Narrenspielen ist zuweilen sehr tragisch. Für ihn
gibt es jetzt außer Iljuscha nichts mehr auf der Welt. Iljuscha ist für
ihn die ganze Welt. Wenn Iljuscha nun stirbt, wird er entweder
geisteskrank werden oder sich das Leben nehmen. Davon bin ich so gut wie
überzeugt, nachdem ich ihn jetzt wieder gesehen habe.“
„Ich verstehe Sie, Karamasoff, ich sehe, Sie kennen den Menschen gut,“
sagte Koljä ernst.
„Als ich aber vorhin den Hund bei Ihnen sah, dachte ich, daß es
Shutschka sei, den Sie mitgebracht haben, und freute mich für Iljuscha.“
„Warten Sie, Karamasoff, vielleicht werden wir Shutschka noch finden ...
Das hier ist mein Pereswonn. Ich werde ihn später ins Zimmer
hineinlassen und mit ihm Iljuscha vielleicht mehr zerstreuen, als mit
einem echten Bullenbeißer. Warten Sie, Karamasoff, Sie werden sofort
etwas erfahren ... Ach, mein Gott, da halte ich Sie, ohne mir dabei
etwas zu denken, hier im Freien solange auf!“ unterbrach sich Koljä
plötzlich ganz erschrocken. „Sie stehen im leichten Rock bei dieser
Kälte, und ich denke nicht einmal daran! Sehen Sie, sehen Sie, was für
ein Egoist ich bin! Oh, wir sind alle riesige Egoisten, Karamasoff!“
„Beruhigen Sie sich, es ist allerdings kalt, aber ich erkälte mich nicht
so leicht. Doch gehen wir jetzt. Bei der Gelegenheit: Wie heißen Sie?
Ich weiß: Koljä, aber wie weiter?“
„Nikolai, Nikolai Iwanow Krassotkin, oder, wie man im Bureaustil sagt:
Sohn des Iwan Krassotkin,“ sagte Koljä und lachte – weiß Gott, worüber.
Doch plötzlich fügte er hinzu:
„Ich hasse natürlich meinen Namen Nikolai.“
„Warum denn das?“
„Er ist so trivial, so beamtenmäßig ...“
„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha.
„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß
Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag
das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es
nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können.
Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar
noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde ... Und dann ... man
verleumdet mich ... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern
der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt
habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan
hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß
dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere
Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den
Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich
nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn
über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen,
das sage ich Ihnen!“
„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre
denn dabei?“
„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen! ... Sie werden z. B. doch
nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“
„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte
Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im
Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt,
zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz
dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber
Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten,
– das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der
jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden
diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater.
Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort
Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind.
Aber das ist ja doch nur natürlich.“
„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn
groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen
außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus
komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung
setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht
anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja,
ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum
Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme.
„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm
die Hand drückte.
Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß
jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden
verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“.
„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen,
Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte
er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur
gekommen.“
„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre
Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“