„Folglich müssen Sie mit diesen achthundert anfänglich ungefähr

tausendfünfhundert Rubel gehabt haben?“

„Folglich,“ sagte Mitjä trocken.

„Wie kommt es aber, daß alle behaupten, Sie hätten viel mehr gehabt?“

„Mögen sie es doch behaupten.“

„Und Sie selbst haben es doch gleichfalls behauptet.“

„Ja, auch ich habe es behauptet.“

„Das werden wir noch kontrollieren ... beim Verhör der anderen Personen.

Ihres Geldes wegen beunruhigen Sie sich nicht, es wird, wie es sich

gehört, aufbewahrt werden und nach Beendigung des ganzen ... zu Ihrer

Verfügung stehen, wenn es sich erweist, oder vielmehr, wenn bewiesen

wird, daß Sie auf dasselbe unstreitiges Anrecht besitzen. Nun, und jetzt

...“

Der Untersuchungsrichter erhob sich und erklärte Mitjä mit fester

Stimme, daß er gezwungen und verpflichtet sei, eine genaue Untersuchung

und Besichtigung „sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen“

vorzunehmen ...

„Bitte, meine Herren, ich kann alle Taschen umkehren, wenn Sie wollen.“

Und er machte sich allen Ernstes daran, seine Taschen umzukehren.

„Nein, Sie werden sich entkleiden müssen.“

„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn

nicht auch so?“

„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider

ablegen müssen.“

„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer

Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem

Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“

„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und

nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges

Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus.

VI.

Der Staatsanwalt

Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig

in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten

Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij

Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so

„Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht

schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn

aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn

nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu

gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer

dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang,

um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur

Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen

Zweck“.

„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf;

doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem

Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste

und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung

sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein

bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten

sie.“

„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“

fragte er noch schärfer und gereizter.

„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der

Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien

dies Mitjä so.

Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt

eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten

sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren.

Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der

Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen

den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, –

offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein.

Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal

verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen

können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem

Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und

ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen

und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der

gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und

untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die

Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie

noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der

Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die

Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er

hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und

wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen

zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten

sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen,

Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten.

„Erlauben Sie!“ rief plötzlich Neljudoff, der Untersuchungsrichter, als

er den dunklen Rand an Mitjäs rechter Manschette bemerkte. „Erlauben

Sie, ist das, ist das etwa Blut?“

„Ja, Blut,“ sagte Mitjä kurz.

„Das heißt, was für ein Blut ist es? ... und warum ist der

Manschettenrand so umgebogen?“

Mitjä erzählte, wie die Manschette blutig geworden war, als er Grigorij

das Blut vom Gesicht abgewischt hatte, und wie er darauf beim

Händewaschen bei Perchotin auf den Gedanken gekommen war, den blutigen

Rand einfach umzubiegen, so gut es ging.

„Dann müssen wir auch Ihr Hemd nehmen, das ist sehr wichtig ... Es

gehört zu den Beweisstücken.“

Mitjä errötete und wurde wild.

„Soll ich denn nackend bleiben?“ schrie er.

„Beunruhigen Sie sich nicht ... wir werden dem schon irgendwie

abzuhelfen wissen, jetzt aber ziehen Sie bitte auch die Socken aus.“

„Sagen Sie das im Ernst?“ fragte Mitjä mit blitzenden Augen.

„Uns ist es nicht um Scherz zu tun!“ wies ihn der Untersuchungsrichter

streng zurück.

„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich

aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn

unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet

und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und

vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als

sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten,

ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter

nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von

allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch

den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe

ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war

ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch

die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen.

Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden

großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für

mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und

irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten

Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch

gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe.

„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“

„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“

„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an.

„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange,

bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie

wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“

Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis

der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter

fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald

nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern

zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge

ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße

baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen,

die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der

Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der

Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend.

„Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt

aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten

anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider

inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde.

Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz

anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam.

„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und

augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr

Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie

auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei

sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“

Mitjä geriet außer sich, als er das hörte.

„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine

eigenen!“

„Das ist unmöglich.“

„Geben Sie mir meine! – zum Teufel mit Kalganoff und seinen Kleidern,

und er selbst voran!“

Man mußte ihm lange zureden. Schließlich beruhigte er sich ein wenig.

Man erklärte ihm, daß seine Kleider, da sie mit Blut befleckt waren, als

Beweisstücke zurückbehalten werden mußten, daß man also nicht einmal das

Recht hätte, ihm seine Kleider wiederzugeben – „im Hinblick auf den

möglichen Ausgang der Sache“, was Mitjä denn auch zu guter Letzt

halbwegs einsah. Er verstummte finster und überwand sich allmählich so

weit, daß er sich ankleidete. Er bemerkte nur beim Anziehn der Kleider,

daß sie teurer waren als seine alten Kleider, und er sagte, daß er sich

nicht wolle „gnädig beschenken lassen“. Außerdem seien sie „beleidigend

eng“. „Soll ich etwa eine Vogelscheuche in ihnen spielen ... zu Ihrem

Ergötzen?“

Ihm wurde wieder zugeredet, daß es durchaus nicht so schlimm sei, daß er

auch hierin wieder übertreibe, daß Herr Kalganoff zwar von Wuchs ein

wenig größer sei, aber, wie gesagt, eben nur ein wenig, und daß

höchstens die Beinkleider vielleicht etwas zu lang wären. Der Rock aber

war in den Schultern tatsächlich zu eng.

„Teufel, man kann ihn ja kaum zuknöpfen,“ brummte Mitjä wütend. „Haben

Sie die Güte, und lassen Sie Herrn Kalganoff unverzüglich sagen, daß

nicht ich ihn um seine Kleider gebeten habe ... daß ich gegen meinen

Willen zur Vogelscheuche aufgeputzt werde.“

„Herr Kalganoff begreift das sehr gut und bedauert ... das heißt, nicht

seine Kleider bedauert er, sondern diesen ganzen Vorfall,“ sagte

Neljudoff, nachlässig die Worte brummend.

„Er kann sich selbst bedauern! – Nun, wohin jetzt? Oder soll ich immer

noch hier sitzen?“

Man bat ihn, wieder „in jenes Zimmer“ zu kommen. Mitjä trat finster vor

Ärger hinter dem Vorhange hervor und bemühte sich, niemanden anzusehen.

In den fremden Kleidern fühlte er sich wie beschimpft, sogar vor diesen

Bauern, vor dem Dorfschulzen und diesem Trifon Borissytsch, dessen

Gesicht flüchtig an der Tür auftauchte und verschwand. „Der wollte mich

wohl in den neuen Kleidern sehen,“ dachte Mitjä. Er setzte sich auf

seinen früheren Platz. Es kam ihm alles wie ein Albdruck, wie etwas ganz

Ungereimtes vor, und er glaubte einen Augenblick, den Verstand verloren

zu haben.

„Nun, was kommt jetzt? – Rutenhiebe sind ja das einzige, was gerade noch

fehlte ...,“ sagte er, innerlich wutknirschend, zum Staatsanwalt.

An den Untersuchungsrichter wollte er sich überhaupt nicht mehr wenden,

und er tat absichtlich, als hielte er es unter seiner Würde, mit ihm

noch zu sprechen. „Der Kerl hat meine Socken betrachtet, als wäre er

blind, und der Schuft hat noch absichtlich befohlen, die Socken

umzukehren, um allen zu zeigen, was für unsaubere Wäsche ich habe.“

„Jetzt werden wir wohl zum Verhör der Zeugen übergehen müssen,“ sagte

der Untersuchungsrichter, gleichsam als Antwort auf Mitjäs Frage.

„Ja,“ sagte der Staatsanwalt nachdenklich, als ob er gleichfalls sich

noch einiges überlegte.

„Wir haben alles getan, Dmitrij Fedorowitsch, was wir für Sie tun

konnten,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „nachdem wir aber bei

Ihnen auf eine so bestimmte Weigerung gestoßen sind, die Herkunft der

bei Ihnen befindlichen Summe zu erklären, so sehen wir uns in diesem

Augenblick ...“

„Was ist das für ein Stein?“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä, wie aus

tiefen Gedanken auffahrend, und er wies auf einen der großen Ringe, die

die rechte Hand Neljudoffs schmückten.

„Stein?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.

„Ja, dieser dort ... der Ring am Mittelfinger, mit den Adern, was ist

das für ein Stein?“ fragte Mitjä ganz absonderlich gereizt und

eigensinnig wie ein kleines Kind.

„Das ist ein Rauchtopas,“ sagte Neljudoff lächelnd, „wenn Sie ihn

besehen wollen, so werde ich ihn abnehmen ...“

„Nein, nein, nehmen Sie ihn nicht ab!“ schrie ihn Mitjä, der sich

plötzlich besonnen hatte und über sich selbst in Wut geriet, wild an.

„Nehmen Sie ihn nicht ab, es ist nicht nötig ... Teufel ... Meine

Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde

es vor Ihnen verheimlichen, wenn ich tatsächlich meinen Vater erschlagen

hätte? Glauben Sie, ich würde dann lügen, Winkelzüge machen und mich

verstecken? Nein, nie würde das Dmitrij Karamasoff tun, das würde er nie

ertragen, und wenn ich schuldig wäre, so, das schwöre ich Ihnen, würde

ich nicht bis zu Ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang gewartet haben, wie

ich es mir vorgenommen hatte, sondern hätte mich schon früher

vernichtet, ohne die Morgenröte zu erwarten! Das fühle ich. Oh, nicht in

zwanzig Jahren Leben habe ich so viel gelernt, wie ich in dieser einen

verfluchten Nacht gelernt habe! ... Und wäre ich denn so, so in dieser

Nacht gewesen, in diesem Augenblick jetzt hier auf dieser Stelle vor

Ihnen, – würde ich so sprechen, so mich bewegen, so Sie und die Welt

ansehen, wenn ich ein Vatermörder wäre ... während sogar der aus

Versehen begangene Todschlag Grigorijs mir diese ganze Nacht keine Ruhe

gegeben hat, – nicht etwa aus Angst, oh! nicht weil ich eine Strafe

gefürchtet hätte! Aber die Schmach! Und Sie verlangen, daß ich solchen

Spöttern wie Sie, die nichts sehen und nichts glauben, solchen blinden

Maulwürfen und Zynikern, auch noch diese neue Schändlichkeit, die ich

begangen habe, aufdecken und erzählen soll, daß ich noch diese neue

Schande aufdecken soll, selbst wenn mich das sofort von Ihrer

Anschuldigung befreien könnte? ... Lieber als Zwangsarbeiter nach

Sibirien! Wer die Tür zu meinem Vater geöffnet hat und durch diese Tür

eingetreten ist, der hat ihn auch erschlagen, der hat ihn auch

bestohlen! Wer das gewesen ist – ich weiß es nicht, und es quält mich,

daß ich es nicht weiß, ich weiß nur eines: _Dmitrij Karamasoff ist es

nicht gewesen_, das sage ich Ihnen! – Und das ist alles, was ich Ihnen

sagen kann, doch genug, genug, lassen Sie mich jetzt in Ruhe ...

Verschicken Sie mich, köpfen Sie mich, aber nur reizen Sie mich nicht

mehr. Ich habe mein letztes Wort gesprochen. Rufen Sie Ihre Häscher.“

Mitjä hatte gesprochen, als wäre er fest entschlossen, nichts mehr zu

sagen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet, und

kaum war Mitjä verstummt, da sagte er mit der kältesten und ruhigsten

Miene, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge:

„Gerade in bezug auf diese offene Tür, an die Sie soeben erinnerten,

können wir Ihnen sehr zur rechten Zeit, nämlich gerade jetzt, eine

Aussage des alten Grigorij Wassiljewitsch mitteilen, die für uns wie für

Sie von großer Bedeutung ist. Der alte Diener, den Sie verletzt haben,

hat uns auf unsere Fragen hin mitgeteilt, und zwar auf das bestimmteste,

daß bereits in dem Augenblick, als er auf das Geräusch hin, das er, auf

der Treppe stehend, im Garten zu vernehmen geglaubt hatte, zum Pförtchen

gegangen und durch dieses offenstehende Pförtchen in den Garten

eingetreten war – daß ihm bereits damals, noch bevor er Sie in der

Dunkelheit laufen gesehen hatte, auf den ersten Blick nach links das

hellerleuchtete offene Fenster und _zu gleicher Zeit_ die viel näher zu

ihm liegende _offene_ Tür aufgefallen sei, dieselbe Tür, von der Sie

behaupten, daß sie während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes im Garten

geschlossen gewesen sei. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß

Grigorij Wassiljewitsch auf das bestimmteste überzeugt ist, Sie seien

aus dieser Tür herausgelaufen, obgleich er Sie natürlich nicht

herauslaufen gesehen hat, da Sie erst in einiger Entfernung, inmitten

des Gartens zum Zaun laufend, vor ihm aufgetaucht sind ...“

Mitjä war schon in der Mitte der Rede aufgesprungen.

„Unsinn!“ brüllte er plötzlich außer sich auf. „Das ist ein schändlicher

Betrug! Er konnte keine offene Tür sehen, denn sie war damals

geschlossen ... Er lügt!“

„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß er diese Aussage

nur infolge seiner festen Überzeugung gemacht hat. Er schwankt nicht, er

besteht darauf. Wir haben ihm die Frage mehrmals aufs schärfste

gestellt.“

„Ja, auch ich habe ihn mehreremal ausdrücklich danach gefragt,“

bestätigte eifrig der Untersuchungsrichter.

„Das ist nicht wahr, das ist aber doch nicht wahr! Das ist entweder eine

Verleumdung oder die Halluzination eines Verrückten,“ schrie Mitjä, „es

hat ihm einfach so geschienen, im Fieber von der Wunde, nach dem

Blutverlust, als er erwachte ... und so phantasiert er noch jetzt.“

„Schön, aber er hat ja die offene Tür nicht nach der Verletzung am Zaun,

als er später zu sich kam, sondern vorher, als er in den Garten trat,

gesehen.“

„Aber das kann nicht sein, das ist unmöglich! Das sagt er aus Haß gegen

mich, er will mich verleumden ... Er hat das nicht sehen können ... Ich

bin nicht durch die Tür gegangen ...“ beteuerte Mitjä atemlos.

Da wandte sich der Staatsanwalt zum Untersuchungsrichter und sagte ihm

bedeutsam:

„Zeigen Sie es.“

„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte jener, indem er ein großes

Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat auf den Tisch legte. Auf der

anderen Seite desselben waren noch drei rote Siegel zu sehen. Das Kuvert

aber war leer und an einer Seite aufgerissen.

Mitjä starrte es mit weit aufgerissenen Augen an.

„Das ... das wird wohl das Kuvert vom Vater sein,“ murmelte er, „–

dasselbe, in dem diese Dreitausend lagen ... und wenn die Aufschrift,

erlauben Sie: ‚und Küchelchen‘ ... da! – Dreitausend!“ schrie er auf,

„Dreitausend, sehen Sie hier?“

„Natürlich sehen wir es, aber das Geld haben wir nicht mehr im Kuvert

gefunden, es war leer und lag auf dem Fußboden, gleich vor dem Bett

hinter dem Schirm.“

Einige Sekunden lang stand Mitjä wie vom Schlage gerührt.

„Meine Herren, das ist Ssmerdjäkoff!“ schrie er plötzlich laut. „Der hat

ihn erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Nur er allein wußte es, wo

das Kuvert beim Vater versteckt war ... Er ist es gewesen, das ist jetzt

klar!“

„Aber auch Sie wußten doch um das Kuvert, und daß es unter dem

Kopfkissen lag.“

„Niemals habe ich das gewußt! Ich habe es doch niemals gesehen, erst

jetzt sehe ich es zum erstenmal. Ich hatte nur durch Ssmerdjäkoff davon

gehört ... Er allein wußte, wo der Vater das Kuvert versteckt hatte, ich

aber habe es überhaupt nicht gewußt ...“ rief Mitjä atemlos.

„Aber Sie haben es uns doch selbst vorhin gesagt, daß das Kuvert bei

Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen habe. Sie sagten

gerade unter dem Kopfkissen, folglich haben Sie doch gewußt, wo es

gelegen hat.“

„So haben wir es auch niedergeschrieben!“ bestätigte der

Untersuchungsrichter.

„Unsinn! Blödsinn! Ich habe durchaus nicht gewußt, daß es unter dem

Kopfkissen lag. Ja, vielleicht hat es dort überhaupt nicht gelegen ...

Ich habe es ganz aufs Geratewohl gesagt, daß es unter dem Kissen gewesen

sei ... Aber was sagt Ssmerdjäkoff? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen

hat? Was sagt Ssmerdjäkoff? Das ist das Wichtigste ... Ich habe es mir

einfach auf den Hals gelogen ... Ich habe es gelogen, ganz unüberlegt

habe ich es gesagt, daß es unter dem Kissen gelegen habe, und Sie

glauben jetzt ... Gott, Sie wissen doch, wie sich einem plötzlich etwas

von der Zunge reißt, ohne zu wollen, spricht man es aus, ganz von selbst

sagt es sich! Gewußt aber hat es nur Ssmerdjäkoff, nur Ssmerdjäkoff

allein und sonst niemand! ... Er hat auch mir gesagt, wo es lag! Aber

das ist er, er! Er hat es getan, ganz zweifellos hat er es getan; das

ist mir jetzt so klar wie das Sonnenlicht!“ rief außer sich Mitjä, der

verzweifelnd überzeugen wollte und zusammenhanglos sich wiederholte und

überstürzte. „So begreifen Sie doch, und verhaften Sie ihn, nur

schneller, schneller ... Er hat ihn erschlagen, als ich fortgelaufen war

und Grigorij bewußtlos am Boden lag, das ist doch jetzt klar ... Er hat

das Zeichen gegeben, und der Vater hat ihm die Tür aufgemacht ... Denn

nur er allein kannte die Zeichen, wie mein Vater glaubte, und ohne

Zeichen hätte mein Vater nie, nie die Tür aufgemacht ...“

„Sie vergessen aber wieder den einen Umstand,“ bemerkte mit derselben

ruhigen Zurückhaltung, doch diesmal bereits wie mit dem Anflug eines

Triumphgefühls der Staatsanwalt, „daß es überflüssig war, die Zeichen zu

geben, wenn die Tür schon offen stand, als Sie noch im Garten waren ...“

„Die Tür, die Tür ...“ murmelte Mitjä und starrte wortlos den

Staatsanwalt an; kraftlos sank er wieder auf den Stuhl.

Alle schwiegen.

„Ja, die Tür! ... Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich! Gott der

Herr ist gegen mich!“ rief Mitjä aus, mit sinnlos gewordenem Blick vor

sich hinstarrend.

„Nun sehen Sie,“ begann wichtig der Staatsanwalt, „Sie sehen doch jetzt

selbst ein, Dmitrij Fedorowitsch: einerseits haben wir diese Aussage

über die offene Tür, aus der Sie herausgelaufen sein müssen, – eine

Aussage, die sowohl uns wie Sie stutzig macht; und anderseits – Ihr

unbegreifliches, hartnäckiges und fast verzweifeltes Schweigen in

betreff der Herkunft des Geldes, das sich plötzlich in Ihren Händen

befindet, während Sie noch vor drei Stunden nach Ihrer eigenen Aussage

Ihre Pistolen versetzt haben, um wenigstens zehn Rubel zu bekommen! Nun

urteilen Sie im Hinblick auf diese Tatsache selbst: An was sollen wir

glauben, und an was uns halten? Und werfen Sie uns nicht vor, daß wir

‚kalte Zyniker und Spötter‘ seien, die nicht imstande sind, den edlen

Ausbrüchen Ihres Herzens zu glauben ... Versuchen Sie, sich in unsere

Lage zu versetzen und die Dinge von unserem Standpunkte aus zu

betrachten ...“

Mitjä befand sich in unbeschreiblicher Erregung, er war ganz bleich

geworden.

„Gut!“ rief er plötzlich, „ich werde Ihnen mein Geheimnis aufdecken, ich

werde Ihnen sagen, woher ich das Geld genommen habe! ... Ich werde meine

Schmach aufdecken, um nachher weder Sie noch mich anklagen zu müssen.“

„Glauben Sie mir, Dmitrij Fedorowitsch,“ fiel sofort mit fast freudig

gerührter Stimme Neljudoff ein, „daß jedes aufrichtige und volle

Bekenntnis Ihrerseits, das Sie jetzt beim ersten Verhör ablegen,

späterhin einen großen Einfluß auf Ihr Los und seine Wendung zum Guten

haben kann und sogar ...“

Doch der Staatsanwalt stieß ihn unbemerkt unter dem Tisch an, und so

konnte der andere noch rechtzeitig verstummen. Mitjä hatte übrigens gar

nicht gehört, was jener sprach.

VII.

Mitjäs großes Geheimnis

„Meine Herren,“ begann er immer noch in derselben Aufregung, „dieses

Geld ... ich will alles eingestehen ... dieses Geld gehörte mir.“

Beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter wurden sogar die Gesichter

länger: nicht das hatten sie erwartet.

„Wieso gehörte es Ihnen,“ stotterte Neljudoff, „da Sie doch noch um fünf

Uhr desselben Tages nach Ihrer eigenen Aussage ...“

„Ach, zum Teufel mit fünf Uhr desselben Tages und eigene Aussage, nicht

darum handelt es sich jetzt! Dieses Geld gehörte _mir, mir_, das heißt,

es war von mir gestohlen ... das heißt also, es war nicht mein Geld,

sondern gestohlenes, von mir gestohlenes Geld, und zwar waren es

tausendfünfhundert Rubel, die ich die ganze Zeit bei mir hatte ...“

„Aber von wo hatten Sie das Geld denn hergenommen?“

„Vom Halse, meine Herren, hatte ich es hergenommen, hier von diesem

Halse ... in ein Stück Zeug eingenäht, hing es an meinem Halse, schon

lange, einen Monat lang, ja, so lange habe ich es in Schmach und Schande

mit mir herumgetragen.“

„Aber von wem haben Sie es denn ... sich angeeignet?“

„Sie wollten wohl sagen: gestohlen? Sprechen Sie nur das Wort deutlich

aus. Denn für mich ist es ebensogut, als hätte ich es gestohlen. Wenn

Sie aber wollen, so habe ich es mir – angeeignet. Meiner Meinung nach

habe ich es gestohlen. Und gestern abend, da stahl ich es denn auch in

der Tat.“

„Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, Sie hätten das Geld schon

vor einem Monat ... erhalten!“

„Ja, aber nicht vom Vater, nicht von meinem Vater, beunruhigen Sie sich

nicht, nicht von meinem Vater habe ich es gestohlen, sondern von ihr.

Lassen Sie mich alles ruhig erzählen. Unterbrechen Sie mich nicht. Das

ist doch schwer ... Sehen Sie: ungefähr vor einem Monat rief, mich

Katerina Iwanowna Werchoffzewa zu sich, meine gewesene Braut ... Kennen

Sie sie?“

„Wie sollten wir nicht, natürlich.“

„Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie hat die edelste Seele, die edelste

aller edlen, doch haßt sie mich schon lange, lange ... und ich habe es

verdient, oh, und wie noch, wie verdient!“

„Katerina Iwanowna?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.

Auch der Staatsanwalt starrte ihn verwundert an.

„Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß

ich sie nenne. Ja, ich habe wohl gesehen, wie sehr sie mich haßt ...

schon lange, schon seit jenem ersten Tage, seit jener ersten Begegnung

dort in meiner Wohnung ... Doch genug, genug davon, Sie sind nicht

würdig, davon auch nur etwas zu wissen, und das ist auch gar nicht nötig

... Zur Sache gehört nur, daß sie mich vor ungefähr einem Monat zu sich

rief, mir dreitausend Rubel einhändigte, damit ich sie ihrer Schwester

und noch einer Verwandten nach Moskau schickte – als ob sie es nicht

selbst tun konnte! ... und ich ... das war gerade in jener

Schicksalsstunde meines Lebens, als ich ... nun, mit einem Wort, als ich

mich gerade in eine andere verliebt hatte, in _sie_, in _sie_, die jetzt

dort unten sitzt, Gruschenka ... Ich brachte sie damals hierher, nach

Mokroje, und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten

Dreitausend durch, das heißt also tausendfünfhundert Rubel, und die

andere Hälfte behielt ich zurück. Nun, und diese anderen

Tausendfünfhundert, die ich zurückbehalten hatte, trug ich an meinem

Halse, als Amulett ... Gestern abend aber habe ich das Geld vom Halse

abgerissen und habe es durchgebracht. Der Rest von achthundert Rubeln,

den Sie, Nikolai Parfenowitsch, jetzt an sich genommen haben, ist alles,

was von den Tausendfünfhundert noch übriggeblieben ist.“

„Erlauben Sie, wie denn das? Sie haben doch damals hier vor einem Monat

Dreitausend und nicht Tausendfünfhundert durchgebracht! Das wissen doch

alle!“

„So, wer weiß es denn? Wer hat das Geld gezählt? Wem habe ich es zu

zählen gegeben?“

„Aber hören Sie mal, Sie haben doch selbst allen gesagt, daß Sie runde

Dreitausend durchgebracht haben.“

„Das ist wahr, daß ich es allen gesagt habe, ich habe es sogar der

ganzen Stadt gesagt, und die ganze Stadt hat es nachgesprochen, und alle

glaubten es, und auch hier in Mokroje glaubt man, daß es Dreitausend

gewesen sind. Nur habe ich trotzdem nicht mehr als anderthalb Tausend

hier verpraßt und die anderen anderthalb Tausend in das Zeugstück

eingenäht. Sehen Sie, meine Herren, wie es war, woher ich dieses Geld

...“

„Das ... das ist ganz wunderbar ...“ stotterte Neljudoff.

„Gestatten Sie zu fragen,“ sagte schließlich der Staatsanwalt, „haben

Sie wenigstens irgend jemandem von diesem Umstande früher Mitteilung

gemacht ... das heißt, daß Sie die anderen anderthalb Tausend damals vor

einem Monat zurückbehalten hatten?“

„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“

„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem

einzigen Menschen gesagt haben?“

„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“

„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so

geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns

also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein

soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese

Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch

selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese

Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige

Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch

Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im

höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch

nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das

so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das

hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und

auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail

Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der

letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen

auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben,

daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum

nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen

Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von

tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß

Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach

hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis _dieses_

Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch

vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen

als das Geheimnis aufdecken würden ...“

Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen

Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel

davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne

Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen.

„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich

diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte

Mitjä mit fester Überzeugung.

„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist

denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn

Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die

Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß

Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen

nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte

abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es

uns sagen?“

„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief

Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und

diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit

habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“

„Das begreife ich nicht.“

„Dann wundere ich mich über Sie. Aber es ist wahr, ich werde mich

deutlicher erklären müssen; es ist vielleicht wirklich nicht ganz klar.

Hören Sie und passen Sie auf: Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die

mir, die meiner Ehre anvertraut waren, und ich bringe das ganze Geld in

einer Nacht durch und komme am nächsten Morgen zu ihr und sage: ‚Katjä,

ich bin schuldig, ich habe deine Dreitausend durchgebracht.‘ Nun, was,

ist das schön? Nein, das ist nicht schön, – es ist unehrlich und

schlecht, ich bin ein Tier oder ein Mensch, der sich sowenig bezwingen

kann, daß er tierisch wird, nicht wahr? Aber ich bin doch deswegen noch

kein Dieb? Doch kein bewußter Dieb, doch kein Dieb, der aus Berechnung

stiehlt, das müssen Sie mir doch zugeben! Ich habe das Geld

durchgebracht, aber ich habe es nicht gestohlen! Jetzt nehmen wir den

zweiten noch vorteilhafteren Fall. Geben Sie gut acht auf mich, ich

könnte womöglich wieder aus dem Konzept kommen. – Der Kopf geht mir

irgendwie ganz absonderlich rund. – Also der zweite Fall: ich verprasse

hier nur Anderthalbtausend, also die Hälfte. Am folgenden Tage gehe ich

zu ihr und bringe ihr die zweite Hälfte zurück: ‚Katjä, nimm diese

Hälfte von mir, dem Scheusal und leichtsinnigen Schufte, wieder zurück

und schicke sie selbst nach Moskau, denn die eine Hälfte habe ich in

dieser Nacht durchgebracht, also würde ich wahrscheinlich auch mit der

zweiten Hälfte dasselbe tun; nimm es, um mich davor zu bewahren.‘ Nun,

was wäre ich in diesem Falle? Natürlich alles mögliche, ein Tier und ein

leichtsinniger Mensch, aber immerhin doch kein Dieb, kein

ausgesprochener Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich bestimmt

nicht den Rest zurückgebracht, sondern auch ihn mir angeeignet haben. So

müßte sie sich doch sagen, daß ich, wenn ich den Rest so bald

zurückgebracht habe, dann auch das andere Geld, das durchgebrachte,

zurückbringen würde, daß ich mein Leben lang nur darauf bedacht sein

würde, dafür arbeiten würde – jedenfalls aber das Geld mir verschaffen

und ihr abgeben würde. So bin ich dann wohl ein Schuft, aber kein Dieb,

kein Dieb, sagen Sie, was Sie wollen, aber kein Dieb!“

„Nun ja, zugegeben, daß das ein gewisser Unterschied ist,“ sagte mit

kaltem Lächeln der Staatsanwalt, „so ist doch sonderbar, daß Sie darin

einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied sehen.“

„Ja, ich sehe darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied! Ein

Schuft kann jeder sein, und das ist auch, genau genommen, ein jeder. Ein

Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Ach, nun,

ich verstehe nicht, mich da, wie es sich gehört, mit allen Feinheiten

auszudrücken ... Ich meine, ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, ja,

das ist meine Überzeugung. So hören Sie denn: Ich trage das Geld einen

ganzen Monat mit mir herum, morgen aber kann ich mich entschließen, es

abzugeben, und dann bin ich kein Schuft mehr ... und da kann ich mich

nun nicht dazu entschließen, obwohl ich mir jeden Tag sage: ‚Entschließe

dich, entschließe dich, Schuft‘, und so kann ich mich einen ganzen Monat

lang nicht entschließen! Ist das nun schön, ist das, Ihrer Meinung nach,

nun etwa schön?“

„Nun ja, das ist allerdings nicht gerade schön, das begreife ich sehr

wohl, aber darüber streite ich auch nicht,“ sagte der Staatsanwalt,

diesmal wieder zurückhaltend. „Und überhaupt wollen wir jede Erörterung

über diese Feinheiten und Unterschiede vorläufig beiseite lassen, und,

wenn es Ihnen gefällig ist, zum Sachlichen übergehen. Das aber wäre,

wenn Sie uns jetzt erklären wollten, was Sie noch nicht getan haben,

obgleich von uns die Frage schon gestellt worden ist: Warum teilten Sie

zuerst das Geld, das heißt, warum wollten Sie die eine Hälfte der ganzen

Summe aufbewahren, wenn Sie die andere hier verzettelten? Wozu, speziell

zu welchem Zweck gedachten Sie diese anderen Anderthalbtausend zu

verwenden? Ich bestehe ganz besonders auf dieser Frage, Dmitrij

Fedorowitsch.“

„Ach, ja, in der Tat!“ rief Mitjä und schlug sich vor die Stirn.

„Verzeihen Sie, ich erschwere Ihnen nur das Verständnis und vergesse

ganz das Hauptsächliche zu erklären, sonst hätten Sie ja auch sofort

begriffen, denn in diesem Zweck, in diesem Zweck liegt ja gerade die

Schmach! Sehen Sie, hier kam immer der Alte dazwischen, der Verstorbene,

und belästigte immer Agrafena Alexandrowna, und ich war eifersüchtig, da

ich glaubte, daß sie zwischen mir und ihm schwankte. Und so dachte ich

denn jeden Tag: Was aber dann, wenn sie sich plötzlich entscheidet, wenn

sie müde wird, mich zu quälen und mir plötzlich sagt: ‚Dich liebe ich

und nicht ihn, bring mich sofort ans Ende der Welt,‘ und ich habe dann

nur zwei Zwanziger in der Tasche, was soll ich dann tun, womit sie

fortbringen? – Dann wäre ich doch verloren gewesen! Ich kannte sie doch

damals noch nicht und verstand sie auch nicht, ich glaubte, daß sie nur

Geld haben wollte, und daß sie mir meine Armut nicht verzeihen würde.

Und da zähle ich denn tückisch die Hälfte von den Dreitausend ab und

nähe sie kaltblütig mit der Nadel ein, nähe sie mit Berechnung ein, nähe

sie bei völliger Nüchternheit ein, und erst darauf, nachdem ich sie

eingenäht habe, fahre ich hinaus, um nun die andere Hälfte zu

verprassen! Das, meine Herren, das ist eine Gemeinheit! Haben Sie es

jetzt begriffen?“

Der Staatsanwalt lachte schallend auf und der Untersuchungsrichter

gleichfalls.

„Meiner Meinung nach ist das sogar sehr vernünftig und sittlich, daß Sie

sich gemäßigt und nicht alles durchgebracht haben,“ meinte immer noch

lachend der Untersuchungsrichter, „denn was ist denn schließlich dabei?“

„Das ist dabei, daß ich gestohlen habe, begreifen Sie das doch endlich!

O Gott, Sie entsetzen mich durch Ihren Mangel an Verständnis! Die ganze

Zeit, während der ich diese Tausendfünfhundert auf meiner Brust

eingenäht trug, sagte ich mir an jedem Tage und in jeder Stunde: ‚Du

bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‘ Deswegen wütete ich doch den ganzen

Monat, deswegen suchte ich doch Händel im Gasthaus, deswegen verprügelte

ich doch meinen Vater, weil ich mich als Dieb fühlte! Selbst dem

Aljoscha, meinem jüngsten Bruder, konnte ich mich nicht entschließen,

von diesen Tausendfünfhundert etwas zu sagen: dermaßen fühlte ich, daß

ich ein Schuft und ein Taschendieb war! Aber wissen Sie, meine Herren,

daß ich trotzdem die ganze Zeit, während der ich das Geld auf meiner

Brust trug, an jedem Tage und in jeder Stunde mir noch sagen konnte:

‚Nein, Dmitrij Karamasoff, du bist vielleicht doch kein Dieb.‘ Und warum

nicht? – ‚Weil du morgen hingehen und Katjä die Tausendfünfhundert

zurückgeben kannst!‘ Und erst gestern entschloß ich mich, dieses

eingenähte Geld von meinem Halse zu reißen, als ich von Fenjä zu

Perchotin ging, bis dahin hatte ich es nicht fertig gebracht. In

demselben Augenblick erst, in dem ich das tat, wurde ich endgültig ein

unbestreitbarer Dieb, fürs ganze Leben ein Dieb und ein ehrloser Mensch.

Warum? Weil ich zusammen mit diesem Zeuge, in dem das Geld eingenäht

war, auch meinen Vorsatz zerriß, zu Katjä zu gehen und ihr zu sagen:

‚Ich bin ein leichtsinniger Schuft, aber kein Dieb!‘ Begreifen Sie es

jetzt, begreifen Sie es?“

„Warum entschlossen Sie sich denn gerade gestern abend dazu?“ fragte der

Untersuchungsrichter.

„Warum? Lächerlich, das noch zu fragen! – Weil ich mich zum Tode

verurteilt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich um fünf Uhr morgens

hier in Mokroje bei Sonnenaufgang zu erschießen. ‚Es ist doch einerlei,‘

dachte ich, ‚ob ich als Schuft oder als Ehrenmann sterbe!‘ Aber nein,

das ist doch nicht einerlei, wie sich erwiesen hat! Werden Sie mir

glauben, meine Herren, nicht das quälte mich heute nacht am meisten, daß

ich den alten Diener erschlagen hatte und mir Sibirien drohte – und noch

dazu wann? in demselben Augenblick, nachdem sie mir gesagt hatte, daß

sie mich liebe, nachdem sich der Himmel wieder über mir aufgetan! Oh,

das quälte wohl auch, aber doch nicht so ... doch nicht so, wie dieses

verfluchte Bewußtsein, daß ich von meinem Halse _doch_ dieses verfluchte

Geld abgerissen und verschleudert hatte, daß ich – endgültig ein Dieb

war! Oh, meine Herren, ich sage es Ihnen nochmals mit meinem Herzblut:

Viel habe ich in dieser Nacht erkannt! Ich erkannte, daß als Schuft

nicht nur zu leben unmöglich ist, sondern daß man als Schuft nicht

einmal sterben kann ... Nein, meine Herren, sterben muß man ehrenhaft!

...“

Mitjä war sehr bleich. Er sah erschöpft und gemartert aus, obschon er

aufs äußerste erregt war.

„Ich fange an, Sie zu begreifen, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte langsam,

mit weicher, fast mitleidiger Stimme der Staatsanwalt. „Aber alles das,

verzeihen Sie, sind meiner Meinung nach nur Nerven ... sind Ihre

angegriffenen Nerven und weiter nichts. Warum sind Sie denn, um sich von

diesen Qualen zu befreien, und anstatt sich einen ganzen Monat damit

weiterzuquälen, mit den tausendfünfhundert Rubeln nicht zu jener Dame

gegangen, die sie Ihnen zuerst eingehändigt hatte? um ihr das Geld

zurückzugeben und dann, nachdem Sie sich mit ihr ausgesprochen hätten,

ihr alles zu erklären? und um schließlich, angesichts Ihrer damaligen

Lage, die Sie uns doch so verzweifelt geschildert haben, ein anderes

Arrangement zu versuchen, eines, das sich einem ganz von selbst

aufdrängt ... nämlich – nach dem edelmütigen Bekenntnis aller Ihrer

Fehler ... kurz, warum hätten Sie nicht die Summe, die Sie für Ihre

Ausgaben nötig hatten, von ihr erbitten sollen? – eine Summe, die sie

angesichts Ihrer Verzweiflung in ihrer großen Herzensgüte Ihnen bestimmt

nicht verweigert haben würde, besonders wenn Sie dafür ein Dokument

ausgestellt hätten oder sagen wir, selbst wenn Sie jene Rechte auf Ihr

Eigentum, die Sie dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff

angeboten haben, auf sie übertragen hätten? Sie halten doch diese Rechte

noch bis auf den heutigen Tag für so viel wert?“

Mitjä schoß das Blut ins Gesicht.

„Ist das möglich, daß Sie mich wirklich für einen solchen Schuft halten?

Sie haben das doch nicht im Ernst gesagt, das kann doch nicht sein!“

rief er empört aus, und er blickte dem Staatsanwalt in die Augen, als

könnte er nicht an das glauben, was er von ihm gehört hatte.

„Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe ... Warum glauben

Sie, daß es nicht im Ernst gemeint sein könnte?“ fragte der Staatsanwalt

seinerseits verwundert.

„Oh, wie gemein das gewesen wäre! Meine Herren, wissen Sie auch, wie Sie

mich quälen! Aber, es sei drum, ich werde Ihnen alles sagen, ich werde

Ihnen meine ganze Gemeinheit eingestehen ... ich tue es, um gerade Sie

dadurch zu beschämen, und Sie werden sich selbst wundern, bis zu welch

einer Niedrigkeit die menschlichen Gefühle in Ihren Kombinationen sinken

können. So hören Sie denn, daß auch ich daran gedacht habe, an genau

dasselbe, was Sie soeben aussprachen, Herr Staatsanwalt! Ja, meine

Herren, auch ich habe diesen Gedanken gehabt in diesem letzten Monat, so

daß ich mich fast schon entschloß, zu Katjä zu gehen, ja, dermaßen

gemein war ich! Doch zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen

und auf Grund dieses Verrates, zur Ausführung dieses Verrates, für die

bevorstehenden Ausgaben dieses Verrates, von ihr, ihr selbst, von Katjä,

das Geld zu bitten – zu bitten, hören Sie, zu bitten! – und dann sie

sofort zu verlassen und mit der anderen fortzufahren, mit ihrer

Gegnerin, die sie haßt, und durch die sie beleidigt worden ist, und wie

noch beleidigt, – Sie sind verrückt geworden, Herr Staatsanwalt!“

„Verrückt oder nicht verrückt, aber, es ist wahr, ich bedachte im

Augenblick nicht ... daß hierbei die weibliche Eifersucht in Frage kam

... wenn wirklich von Eifersucht die Rede sein konnte, wie Sie behaupten

... das heißt, es konnte sich hierbei allerdings um etwas Derartiges

handeln,“ meinte der Staatsanwalt lächelnd.

„Das aber wäre doch eine solche Gemeinheit gewesen!“ – Mitjä schlug fast

rasend vor Zorn mit der Faust krachend auf den Tisch – „das hätte denn

doch dermaßen gestunken, daß, daß ... ich weiß nicht, wie ich das nennen

soll! Und wissen Sie auch, daß sie imstande gewesen wäre, mir dieses

Geld tatsächlich zu geben, sie hätte es getan, hätte es sogar bestimmt

getan, aus Rache hätte sie es gegeben, zur Stillung ihres Rachedurstes,

aus Verachtung zu mir hätte sie es gegeben. Denn auch sie ist eine

infernale Seele, ein Weib, das mächtigen Zornes fähig ist! Ich aber

würde das Geld angenommen haben, oh, ich würde es genommen haben, und

dann würde ich mein ganzes Leben lang ... o Gott! Verzeihen Sie, meine

Herren, ich schreie ja nur deswegen so, weil ich diesen Gedanken noch

vor kurzem tatsächlich gehabt habe, vor drei Tagen noch, als ich mich

mit dem Ljägawyj herumplagte, und dann noch gestern, ja, noch gestern,

den ganzen Tag gestern, ich weiß noch ganz genau, die ganze Zeit gestern

bis zu jenem Vorfall ...“

„Bis zu welchem Vorfall?“ griff der Untersuchungsrichter sofort auf,

doch Mitjä überhörte die Frage.

„Ich habe Ihnen ein furchtbares Bekenntnis abgelegt,“ sagte er finster.

„So schätzen Sie es doch, meine Herren. Nein, das wäre zu wenig, zu

wenig, zu wenig ist es, das nur zu schätzen, – heilig halten sollen Sie

es! ... Wenn Sie es aber nicht tun, wenn auch das an Ihren Seelen

vorübergeht, ohne sie zu berühren, dann ... dann achten Sie mich ja

überhaupt nicht, meine Herren, das sage ich Ihnen, und ich ... ich werde

vergehen vor Schande, daß ich es solchen Menschen bekannt habe, wie Sie

sind! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe ja schon, daß Sie mir

nicht glauben, ich sehe es, ich sehe es! Wie, auch das wollen Sie

niederschreiben?“ rief er plötzlich angstvoll.

„Ja, das, was Sie soeben geäußert haben,“ sagte der

Untersuchungsrichter, der ihn verwundert betrachtete, „daß Sie bis zum

letzten Augenblick noch daran gedacht haben, zu Fräulein Werchoffzeff zu

gehen, um sie um diese Summe zu bitten ... Glauben Sie mir, das ist eine

Aussage von großer Wichtigkeit für uns, Dmitrij Fedorowitsch, über

diesen ganzen Vorfall ... und besonders für Sie, besonders für Sie.“

„Haben Sie Erbarmen, meine Herren!“ rief Mitjä, der in der Verzweiflung

die Hände erhob, „schreiben Sie doch wenigstens das nicht auf, so

schämen Sie sich doch wenigstens diesmal! Ich habe mein Herz vor Ihnen

in zwei Hälften gerissen, und Sie benutzen das, um mit ihren Fingern an

der Rißstelle in beiden Hälften herumzubohren ... O Gott!“

In der Verzweiflung senkte er seinen Kopf und verbarg sein Gesicht in

den Händen.

„Regen Sie sich nicht so auf, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte der

Staatsanwalt, „es wird Ihnen alles, was niedergeschrieben ist,

vorgelesen werden, und das, womit Sie nicht einverstanden sind, können

Sie dann nach ihrem Wunsch ändern. Jetzt aber will ich noch einmal meine

Frage wiederholen, zum drittenmal: Haben Sie denn wirklich niemandem,

keiner einzigen lebenden Seele etwas von diesem eingenähten Gelde

gesagt? Ich muß Ihnen gestehen, daß es kaum möglich ist, sich das

vorzustellen.“

„Niemandem, niemandem! Ich habe es Ihnen doch schon gesagt! Wenn Sie mir

nicht glauben, so haben Sie ja nichts begriffen! Dann – lassen Sie mich

aber auch in Ruhe.“

„Wie Sie wünschen. Aber dieser Punkt muß sich noch aufklären, und wir

haben ja schließlich auch noch viel Zeit vor uns, um ihn aufzuklären.

Nur bedenken Sie selbst: Wir haben vielleicht zehn, zwanzig, dreißig

Zeugen, die aussagen, daß Sie, Sie selbst gesagt und sogar ausgeschrien

haben, Sie hätten Dreitausend und nicht anderthalb Tausend

verschleudert, und auch gestern, als Sie plötzlich im Besitze des vielen

Geldes waren, haben Sie gleichfalls gesagt, daß Sie wiederum dreitausend

Rubel mitgebracht hätten ...“

„Ach, nicht zehn, sondern hundert, Hunderte von Zeugen haben Sie,

zweihundert, dreihundert Menschen haben das gehört, tausend Menschen!“

rief Mitjä.

„Nun sehen Sie, alle, alle sagen dasselbe. Und dieses Wort ‚_alle_‘ hat

doch etwas zu bedeuten.“

„Nichts hat es zu bedeuten, denn ich habe nur so geschwatzt, und mir

haben es die anderen einfach nachgeschwatzt.“

„Aber wozu hatten Sie denn nötig, so zu schwatzen, wie Sie sagen?“

„Das mag der Teufel wissen, wozu. Um zu prahlen, vielleicht ... so ...

‚Seht, wieviel Geld ich verschwendet habe‘ ... Vielleicht auch, um

dieses eingenähte Geld zu vergessen ... ja, ja, gerade das war es,

deshalb! ... Teufel ... zum wievielten Male fragen Sie mich das? Nun,

ich habe Unsinn geschwatzt und damit abgemacht, hatte einmal gesagt

dreitausend, und dann wollte ich nicht mehr was anderes sagen. Weshalb

schwatzt denn der Mensch zuweilen Unsinn?“

„Das ist sehr schwer zu entscheiden, Dmitrij Fedorowitsch, weshalb der

Mensch zuweilen Unsinn schwatzt,“ sagte der Staatsanwalt eindringlich.

„Aber sagen Sie, war dieses Amulett, wie Sie es nennen, das Sie am Halse

trugen, groß?“

„Nein, nicht groß.“

„Wie groß etwa?“

„Wenn Sie einen Hundertrubelschein einmal zusammenfalten, so haben Sie

die Größe.“

„Wäre es nicht besser, Sie zeigten mir dieses zerrissene Zeug? Sie

müssen es doch noch irgendwo bei sich haben.“

„Äh, Teufel ... welche Dummheiten ... ich weiß nicht, wo es ist.“

„Aber erlauben Sie, einstweilen: Wo und wann haben Sie es denn von Ihrem

Halse abgenommen? Sie sind doch, wie Sie selbst aussagen, nicht nach

Hause gegangen?“

„Als ich von Fenjä fortging, auf dem Wege zu Perchotin, unterwegs riß

ich es ab und nahm das Geld heraus.“

„In der Dunkelheit?“

„Wozu braucht man denn dabei ein Licht? Ich habe das mit dem Finger in

einem Augenblick getan.“

„Ohne Schere, auf der Straße?“

„Auf dem Großen Platz, glaube ich; wozu eine Schere? Es war ein altes

Stück Zeug, das sofort durchriß.“

„Und wohin legten Sie es dann?“

„Dort, wo ich es durchriß, warf ich es auch fort.“

„Auf welcher Stelle?“

„Auf dem Großen Platz, habe ich Ihnen doch schon gesagt, Herrgott, auf

dem Großen Platz! Der Teufel weiß, wo es gerade war. Was haben Sie nur

davon?“

„Das ist sehr wichtig, Dmitrij Fedorowitsch: es handelt sich um

Sachbeweise zu Ihren Gunsten, wie können Sie das nur nicht einsehen? Wer

hat Ihnen denn vor einem Monat geholfen, die Sache einzunähen?“

„Niemand hat mir geholfen, ich habe selbst genäht.“

„Verstehen Sie denn zu nähen?“

„Jeder Soldat muß zu nähen verstehen – was ist denn dabei zu verstehen!“

„Wo haben Sie denn das Material hergenommen, ich meine das Zeug, in das

Sie es eingenäht haben?“

„Sie wollen sich wohl lustig machen?“

„Durchaus nicht, wir sind zu nichts weniger als zum Lachen aufgelegt,

Dmitrij Fedorowitsch.“

„Ich weiß nicht mehr, wo ich den Lappen hernahm, irgendwoher habe ich

ihn jedenfalls genommen.“

„Wie sonderbar, daß Sie sich gerade dessen nicht entsinnen.“

„Aber bei Gott, ich weiß es nicht mehr, es ist möglich, daß ich irgend

etwas von der Wäsche zerrissen habe.“

„Das ist sehr interessant: dann könnte man in Ihrer Wohnung dieses

Wäschestück finden, von dem Sie das Stück abgerissen haben. Was war es

denn für ein Zeug, Leinwand oder Baumwolle?“

„Der Teufel weiß, was es war. Warten Sie ... Ich, ich glaube ... ich

habe es von nichts abgerissen. Es war Kattun ... Ich hatte es, glaube

ich, in die Haube meiner Hauswirtin eingenäht.“

„In die Hau–be der Hauswirtin?“

„Ja, ich hatte mir diese Haube eingesackt.“

„Wie das – eingesackt?“

„Sehen Sie, ich habe tatsächlich, jetzt fällt es mir wieder ein, einmal

irgendwie diese Haube genommen, um irgend was abzuwischen, vielleicht

war es nur irgendein Staub, den ich abwischen wollte. Ich nahm das Ding

eben an mich, denn es war doch ein Ding, das zu nichts taugte, und dann

trieb sich der Fetzen dort bei mir herum, und da waren nun plötzlich

diese Tausendfünfhundert, und ich wußte nicht, in was ich sie einnähen

sollte ... Nun glaube ich, daß ich gerade diesen Lappen dazu nahm. Ein

altes weißes Leinenstück, oder wie diese Zeuge da heißen, eines, das

schon tausendmal gewaschen war.“

„Und Sie erinnern sich dessen ganz genau, Sie wissen es bestimmt?“

„Ich weiß nicht, wie bestimmt. Ich glaube, daß es dieselbe Haube war.

Ach, nun, zum Teufel damit.“

„In dem Falle könnte sich Ihre Hauswirtin vielleicht erinnern, daß ihr

diese Sache damals abhanden gekommen ist?“

„Ach wo, sie hat es überhaupt nicht bemerkt. Ein alter Fetzen, sage ich

Ihnen doch, ein ganz altes Ding, das keine halbe Kopeke wert war.“

„Und woher nahmen Sie die Nadel und den Faden?“

„Ich breche ab, ich will nicht mehr. Genug darüber!“ sagte Mitjä, dem

die Geduld riß.

„Und gleichfalls sonderbar ist, daß Sie sich so gar nicht mehr erinnern

können, auf welcher Stelle des Großen Platzes Sie dieses Futteral

fortgeworfen haben.“

„So lassen Sie doch heute den ganzen Platz fegen, vielleicht finden Sie

es dann,“ sagte Mitjä, kurz auflachend. „Genug, meine Herren, genug,“

sagte er mit müdgequälter Stimme. „Ich sehe es doch klar: Sie glauben

mir nicht! Nichts glauben Sie mir, nicht für eine Kopeke. Aber es ist

das meine Schuld und nicht Ihre, ich hätte nicht so dumm von Vertrauen

reden sollen. Warum, warum habe ich mich mit der Aufdeckung meines

Geheimnisses beschmutzt! Und Sie, meine Herren, Sie lachen doch nur

darüber, das sehe ich ja an Ihren Augen. Sie sind es, Staatsanwalt, der

mich dazu gebracht hat! Singen Sie sich jetzt einen Siegeshymnus, wenn

Sie es können ... Oh, seid verflucht, ihr Folterknechte!“

Sein Kopf sank herab, und er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der

Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen beide. Nach einer

Minute erhob er wieder den Kopf und blickte sie wie sinnlos an. Sein

Gesicht drückte jetzt unabwendbare, unfaßbare, erdrückende Verzweiflung

aus, und es war, als wäre er gleichsam in sich selbst verstummt, während

er auf dem Stuhle saß und sich nicht mehr fühlte. Indessen mußte die

Sache beendet werden: man mußte unverzüglich zum Verhör der Zeugen

übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens. Die Lichter hatte man schon

längst ausgelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganoff, die während der

ganzen Zeit des Verhörs ein- und ausgegangen waren, verließen diesmal

wieder das Zimmer. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen

gleichfalls sehr abgespannt aus. Der Morgen war trübe; es regnete wie

aus Eimern, und der ganze Himmel war gleichmäßig grau. Mitjä blickte

gedankenlos zu den Fenstern.

„Darf ich einmal zum Fenster hinaussehen?“ fragte er plötzlich den

Untersuchungsrichter.

„Oh, gewiß, soviel Sie wollen,“ antwortete jener.

Mitjä erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die

kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die

schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues

Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man

die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien,

durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und ärmer geworden

waren. Mitjä erinnerte sich des „goldlockigen Phöbus“, und wie er sich

bei seinem ersten Morgenstrahl hatte erschießen wollen. „Nun was, an

einem solchen Morgen wäre es ja schließlich noch besser gewesen,“ dachte

er mit einem bitteren Lächeln. Und plötzlich, mit einem wuchtigen

Fausthieb von oben nach unten durch die Luft, wandte er sich vom Fenster

zu den „Folterknechten“ zurück:

„Meine Herren!“ rief er, „ich sehe ja, daß ich verloren bin. Aber sie?

Sagen Sie mir, meine Herren, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was mit

ihr geschehen wird? Es ist doch nicht möglich, daß auch sie meinetwegen

ins Unglück gestürzt wird? Sie ist doch unschuldig, sie war doch gestern

nicht bei voller Besinnung, als sie schrie, daß sie an allem die Schuld

trage. An nichts, an nichts trägt sie eine Schuld! Es hat mich diese

ganze Nacht gequält, als ich hier vor Ihnen saß ... Geht es nicht an,

können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr tun werden?“

„In der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein, Dmitrij

Fedorowitsch,“ sagte sofort mit sichtlicher Eilfertigkeit der

Staatsanwalt, „wir haben bis jetzt keinerlei Ursache, die Dame, von der

Sie reden, auch nur im geringsten sonderlich zu beunruhigen. Im weiteren

Verlaufe der Sache wird sich, hoffe ich, gleichfalls erweisen ... Im

Gegenteil, wir werden in der Beziehung alles tun, was in unserer Macht

steht. Sie können vollkommen ruhig sein.“

„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich wußte es, wußte, daß Sie ehrenhafte

und gerechte Menschen sind, abgesehen von allem ... Sie haben mir eine

Last vom Herzen genommen ... Nun, was werden wir denn jetzt machen? Ich

bin bereit.“

„Ja, man wird sich beeilen müssen. Wir müssen sofort zum Verhör der

Zeugen übergehen. Das muß natürlich in Ihrer Gegenwart geschehen, und

darum ...“

„Sollte man nicht vorher etwas genießen, eine Tasse Tee zum Beispiel?“

unterbrach ihn Neljudoff, „wir dürften sie uns doch wohl verdient

haben?“

Man beschloß, falls unten der Tee bereit wäre – was man sicher annehmen

konnte, da Michail Makarowitsch hinausgegangen war – vorläufig nur ein

Glas zu trinken und im Verhör fortzufahren, „unbedingt fortzufahren“,

das „Frühstück“ jedoch noch hinauszuschieben, bis zu einer freieren

Stunde. Der Tee war fertig und wurde ihnen im Augenblick gebracht. Mitjä

dankte zuerst für den Tee, den ihm der Untersuchungsrichter freundlich

anbot, dann aber bat er selbst darum und trank das Glas gierig aus. Er

sah seltsam übermüdet aus. Was konnte ihm, hätte man meinen sollen,

diesem Recken mit seiner bekannten Körperkraft, ein Trinkgelage und eine

durchschwärmte Nacht, selbst eine wie diese, unter den stärksten

seelischen Erschütterungen, ausmachen? Er selbst aber fühlte, daß er

sich kaum auf dem Stuhle halten konnte, und daß von Zeit zu Zeit sich

alle Gegenstände vor seinen Augen drehten. „Es fehlt nur noch ein wenig,

und ich fange an zu phantasieren,“ dachte er bei sich.

VIII.

Die Aussagen der Zeugen.

„Das Kindichen“

Es begann nun das Verhör der Zeugen. Ich werde jedoch meine Erzählung

nicht mehr mit derselben Ausführlichkeit fortsetzen, wie ich bisher

getan habe. So werde ich denn auch übergehen, wie Neljudoff, der

Untersuchungsrichter, einem jeden vortretenden Zeugen zuerst

einschärfte, daß er nach Wahrheit und Gewissen auszusagen habe und

späterhin seine Aussage unter dem Eide werde bekräftigen müssen. Wie man

schließlich von jedem Zeugen verlangte, daß er das Protokoll seiner

Aussagen unterschrieb usw., usw. Ich will hier nur noch bemerken, daß

der Hauptpunkt, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Zeugen gelenkt

wurde, immer diese Frage nach der Höhe der Geldsumme war: waren es

zuerst dreitausend oder anderthalbtausend Rubel gewesen, die Dmitrij

Fedorowitsch hier in Mokroje vor einem Monat ausgegeben hatte, und ob es

abermals drei oder nur anderthalb Tausend gewesen waren, mit denen er

jetzt gekommen war. Es zeigte sich leider, daß alle Aussagen gegen Mitjä

waren, alle ohne Ausnahme, ja einige von den Zeugen brachten noch neue

Tatsachen vor, die Mitjäs Aussage fast verblüffend widerlegten. Als

erster wurde Trifon Borissytsch verhört. Er trat ohne die geringste

Scheu an den Tisch, mit einer Miene, die strengen und ernsten Unwillen

gegen den Angeklagten ausdrückte, was ihm zweifellos den Anschein eines

wahrheitsliebenden, sich selbst achtenden Mannes verlieh. Er sprach

wenig, zurückhaltend, wartete die Fragen ab, antwortete genau und

wohlbedacht. In der bestimmtesten Weise und ohne zu zweifeln sagte er

aus, daß Mitjä vor einem Monat unmöglich weniger als dreitausend Rubel

verausgabt haben könne, „was hier gleichfalls alle Bauern bezeugen

können“, da sie es außerdem noch mit eigenen Ohren von „Mitrij

Fedorowitsch“ mehrmals gehört hätten. „Wieviel Geld hat er nicht den

Zigeunern hingeworfen,“ sagte Trifon Borissytsch unwillig. „Die haben ja

allein an die tausend gefressen, da sei einer unbesorgt!“

„Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben,“ bemerkte

Mitjä finster, „nur habe ich es damals nicht gezählt, da ich betrunken

war, schade darum ...“

Mitjä saß, seitdem man die Zeugen verhörte, an der einen Seite des

Tisches, mit dem Rücken zum Vorhang. Er hörte finster zu und sah traurig

und müde aus, als wollte er sagen: „Ach, sagt aus, was ihr wollt, mir

ist jetzt alles gleich!“

„Mehr als tausend haben diese Kanaillen geschluckt, Mitrij

Fedorowitsch,“ behauptete Trifon Borissytsch überzeugt. „Ihr warft doch

blindlings, und das Lumpenpack hatte man bloß aufzupflücken. Das ist

doch kein Menschenvolk, das sind doch nur Spitzbuben und Pferdediebe;

jetzt sind sie von hier fortgejagt, sonst würden sie vielleicht selber

aussagen, wieviel sie von Euch bekommen haben. Und ich habe doch selber

dazumal das Geld in Euren Händen gesehen, – gezählt hab ich es ja nicht,

das stimmt, Ihr habt es mir ja nicht zu zählen gegeben, – aber so nach

dem Augenmaß kann ich wohl sagen, daß es ein dicker Batzen war, viel

mehr als tausendfünfhundert ... was, tausendfünfhundert! Auch wir haben

Geld gesehen und wissen, was Geld ist, können daher auch beurteilen ...“

In bezug auf die gestrige Summe sagte Trifon Borissytsch sofort aus, daß

Dmitrij Fedorowitsch „ihm selber“, gleich nachdem er aus dem Wagen

gestiegen war, gesagt habe, daß er Dreitausend mitgebracht.

„Wirklich, Trifon Borissytsch?“ sagte Mitjä, „habe ich wirklich so rund

herausgesagt, daß ich Dreitausend mitgebracht hätte?“

„Jawohl habt Ihr das gesagt, Mitrij Fedorowitsch. In Andreis Gegenwart

habt Ihr es sogar gesagt. Andrei ist auch jetzt noch hier, ist noch

nicht fortgefahren, laßt ihn doch reinrufen. Und dort in der großen

Stube rieft Ihr, als Ihr dem Chor soviel gabt, daß Ihr jetzt auch noch

das sechste Tausend hierlassen wolltet, – mit den übrigen, das heißt

zusammengerechnet, muß das wohl so zu verstehen sein. Stepan und Ssemjon

haben’s mit eigenen Ohren gehört und auch Herr Pjotr Fomitsch Kalganoff,

der dazumal akkurat neben Euch stand, wird es vielleicht behalten haben

...“

Die Aussage von dem sechsten Tausend machte einen ganz besonderen

Eindruck auf die Juristen. Die neue Redaktion gefiel: drei und drei

macht zusammen sechs, das bedeutet also, daß es damals dreitausend waren

und auch jetzt dreitausend, da wären denn die ganzen sechstausend, – das

ist doch klar.

Man befragte unverzüglich alle, die Trifon Borissytsch als Ohrenzeugen

angegeben hatte, den Stepan und den Ssemjon und Andrei, und dann auch

Pjotr Fomitsch Kalganoff. Die beiden Bauern und der Kutscher Andrei

bestätigten die Aussage Trifon Borissytschs, ohne zu schwanken. Außerdem

wurde noch nach den Äußerungen Andreis sorgfältig alles

niedergeschrieben, was der von seinem Gespräch mit Mitjä zu erzählen

wußte: „Wohin also werde ich, Dmitrij Fedorowitsch, kommen; in den

Himmel oder in die Hölle, und wird man mir dort in jener Welt verzeihen

oder nicht?“ Der „Psychologe“ Hippolyt Kirillowitsch hörte das mit einem

feinen Lächeln an und empfahl zum Schluß auch diese Aussage – darüber,

wohin Dmitrij Fedorowitsch kommen werde – zu dem Tatsachenmaterial

hinzuzufügen.

Kalganoff, den man hatte rufen lassen, trat mit einem mürrischen und

eigensinnigen Ausdruck ein und sprach mit dem Staatsanwalt und dem

Untersuchungsrichter in einer Weise, als sähe er sie zum erstenmal im

Leben, während er doch mit ihnen täglich bei Bekannten zusammengetroffen

war. Er begann damit, daß er „nichts davon wisse und auch nichts wissen

wolle“. Doch das von dem sechsten Tausend hatte auch er gehört, und er

bestätigte, daß er in dem Augenblick neben Mitjä gestanden. Auf die

Frage, wieviel Geld Mitjä in der Hand gehabt hätte, sagte er mürrisch:

„Ich weiß nicht wieviel.“ Daß die Polen beim Kartenspiel betrogen

hatten, bestätigte er gleichfalls. Auch erklärte er auf die wiederholten

Fragen, daß nach der Einsperrung der beiden Polen Mitjä in der Gunst

Agrafena Alexandrownas gestiegen sei, und daß sie gesagt habe, sie liebe

ihn. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich nur zurückhaltend und

sehr achtungsvoll, als wäre sie eine Dame der besten Gesellschaft; er

erlaubte sich kein einziges Mal, sie einfach „Gruschenka“ zu nennen.

Trotz des unverhohlenen Widerwillens, mit dem Kalganoff antwortete,

befragte ihn der Staatsanwalt unbarmherzig lange, und so erfuhr er denn

erst durch ihn die Details dessen, was sozusagen den „Roman“ Mitjäs in

dieser Nacht ausmachte. Mitjä unterbrach Kalganoff kein einziges Mal.

Endlich wurde der arme Jüngling entlassen, und er entfernte sich sofort

mit unverhohlener Wut.

Darauf wurden die Polen befragt. Sie waren in ihrem Zimmer zu Bett

gegangen, doch hatte ihre Ruhe nicht lange gedauert, und geschlafen

hatten sie eigentlich überhaupt nicht. Als die Autoritäten angekommen

waren, hatten sie sich schnell wieder angekleidet und sorgfältig

Toilette gemacht, da sie sich sagten, daß man sie gleichfalls bestimmt

vernehmen werde. Sie traten würdevoll ein, doch sah man ihnen nur zu

deutlich an, daß ihr Herz nicht auf der Höhe war. Der „Kommandierende“,

d. h. der kleine Pan, war, wie sich herausstellte, ein verabschiedeter

Beamter der zwölften Rangklasse, der in Sibirien als Viehdoktor gedient

hatte und Mussjälowitsch hieß. Pan Wrublewskij jedoch stellte sich vor

als „freipraktizierender Dentist“, was wir sonst gewöhnlich „Zahnarzt“

nennen. Beide wandten sich mit ihren Antworten immer an Michail

Makarowitsch, obgleich der sie nichts fragte und weiterhin am Fenster

stand, den sie aber wegen seiner Uniform als Polizeichef für die

Hauptperson hielten und nach jedem Wort „Pane Obrist“ nannten. Erst nach

mehreren Fragen und den wiederholten Hinweisen Michail Makarowitschs

errieten sie endlich, daß sie sich mit ihren Antworten nur an Neljudoff,

den Untersuchungsrichter zu wenden hatten. Bei der Gelegenheit zeigte

sich, daß sie sogar sehr richtig Russisch sprechen konnten, abgesehen

von der Aussprache einzelner Worte. Pan Mussjälowitsch begann auch von

seinen Beziehungen zu Gruschenka, den früheren wie den gegenwärtigen,

stolz und glühend zu erzählen, so daß Mitjä sofort außer sich geriet und

schrie, so einem „Schuft“ erlaube er nicht, in seiner Gegenwart so zu

sprechen! Worauf Pan Mussjälowitsch die Herrn Richter sofort auf das

Wort „Schuft“ aufmerksam machte und sie bat, diese Beleidigung ins

Protokoll aufzunehmen. Mitjä brauste auf vor Wut.

„Ja, ein Schuft, ein Schuft ist er! Schreiben Sie es nur auf und

schreiben Sie noch hinzu, daß ich trotzdem sage, daß er ein Schuft ist!“

schrie er zornig.

Neljudoff ließ es wohl ins Protokoll eintragen, bewies aber bei diesem

unangenehmen Zwischenfall die lobenswerteste Sachlichkeit und ein gutes

Verständnis für die Leitung des Verhörs: nach einer strengen, kurzen

Ermahnung Mitjäs brach er selbst sofort alle weiteren Fragen, die mehr

die romanhafte Seite der Sache betrafen, ab und ging zum „Wesentlichen“

über. „Wesentlich“ war besonders eine Aussage der Pane, die bei den

Juristen ein ungewöhnliches Interesse erweckte: die Mitteilung nämlich,

daß Mitjä dem Pan Mussjälowitsch in jenem kleinen Zimmer dreitausend

Rubel Abstandsgeld angeboten hatte mit dem Vorschlag: „siebenhundert

sofort bar und die anderen zweitausenddreihundert morgen früh in der

Stadt“, wobei er sein Ehrenwort gegeben hatte, daß das Geld morgen zur

Stelle sein werde, da er es im Augenblick nicht bei sich hätte, das Geld

aber in der Stadt liege. Mitjä bemerkte zuerst in der Hitze, daß er es

nicht so gesagt habe: er werde ihnen das Geld morgen bestimmt in der

Stadt geben. Doch auch Pan Wrublewskij bestätigte die Aussage des

kleinen Pans. Da gestand Mitjä denn nach kurzem Nachdenken mürrisch ein,

daß es wahrscheinlich so gewesen sein werde, wie die Polen sagten, daß

er in jenem Augenblick erregt gewesen sei und vielleicht auch so gesagt

habe. Der Staatsanwalt klammerte sich gleichsam an diese Aussage: jetzt

war es für ihn klar (und so legte man es in der Folge auch aus), daß die

Hälfte oder ein Teil der Dreitausend, die Mitjä so plötzlich in die

Hände bekommen hatte, von ihm irgendwo in der Stadt versteckt sein

mußte, vielleicht auch hier in Mokroje, wodurch jener allerdings

bedenkliche Punkt seine Erklärung fand, daß man bei ihm nur achthundert

Rubel vorgefunden hatte, – ein Umstand, der bis jetzt, wenn auch nur ein

einziger und ziemlich belangloser, aber immerhin doch ein gewisser

Beweis zu Mitjäs Gunsten gewesen war. Und nun stürzte auch dieser

einzige Beweis zu seinen Gunsten ein. Auf die Frage des Staatsanwalts:

wo er denn diese zweitausenddreihundert Rubel hergenommen hätte, um sie

dem Pan zu geben, wenn er doch selbst behauptete, daß er im ganzen nur

noch tausendfünfhundert besessen habe, und auf was hin er das sogar mit

seinem Ehrenwort habe bekräftigen können, antwortete Mitjä ruhig und

fest, daß er dem „Polacken“ morgen nicht Geld, sondern die formelle

Übertragung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnjä habe anbieten

wollen, wie er sie auch dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff

angeboten hätte. Der Staatsanwalt freilich lächelte über diese „Naivität

der Ausflucht“.

„Und Sie glauben, er wäre darauf eingegangen, diese ‚Rechte‘ an Stelle

der baren zweitausenddreihundert Rubel anzunehmen?“

„Selbstverständlich wäre er darauf eingegangen,“ sagte Mitjä auffahrend.

„Ich bitte Sie, hierbei sind doch nicht nur zwei, sondern vier, sechs,

sogar zehntausend herauszuschlagen! Er hätte sofort seine kleinen

Winkeladvokaten beauftragt, Polacken und Juden, und hätte nicht nur

dreitausend, sondern ganz Tschermaschnjä herausgeschlagen!“

Die Aussagen Pan Mussjälowitschs wurden natürlich gleichfalls

ausführlichst niedergeschrieben. Damit sahen sich die Polen entlassen.

Daß sie beim Kartenspiel betrogen hatten, wurde fast gar nicht erwähnt.

Neljudoff war ihnen gar zu dankbar und wollte sie daher nicht weiter mit

Fragen belästigen, um so weniger, als das alles nur ein dummer Streit in

der Trunkenheit gewesen sein konnte. Als ob es wenig Dummheiten in

dieser Nacht gegeben hätte! ... So behielten denn die Polen die

zweihundertfünfzig Rubel in der Tasche.

Darauf wurde nach dem alten Maximoff geschickt. Er erschien sehr

zaghaft, näherte sich mit kleinen Schritten und sah dabei gehörig

zerzaust und recht niedergeschlagen aus. Die ganze Zeit hatte er unten

bei Gruschenka mäuschenstill gesessen und eine Miene gemacht, „als ob

sofort Tränlein aus seinen Äuglein tröpfeln würden,“ wie später Michail

Makarowitsch sagte, „und dann hätte er sie natürlich hübsch artig mit

seinem blaukarierten Schnupftuch abgewischt“. Jedenfalls hatte

Gruschenka ihn noch getröstet. Das alte Kerlchen bekannte sofort dem

Untersuchungsrichter, daß er schuldig sei, da er von Dmitrij

Fedorowitsch „zehn Rubel genommen habe, um-um-um ... ich bin doch ein

ganz armer Mensch!“ und daß er bereit sei, sie ihm zurückzugeben ... Auf

die direkte Frage Neljudoffs, „ob er nicht wisse, wieviel Geld Dmitrij

Fedorowitsch in der Hand gehabt hatte, als er von ihm die zehn Rubel

erhielt,“ antwortete Maximoff mit voller Überzeugung: „Zwanzigtausend.“

„Haben Sie früher einmal zwanzigtausend Rubel, in einer Hand gehalten,

gesehen?“ fragte der Untersuchungsrichter lächelnd.

„Wie-wie denn nicht! Ich habe es genau gesehen, nur-nur waren es nicht

zwanzigtausend, sondern sie-sie-sieben, als nämlich meine Frau mein

Gütchen verpfändete. Sie ließ mich aber das Geld nur von weitem sehen.

Es war ein-ein dickes Päckchen, alles Regenbogen. Und auch Dmitrij

Fedorowitsch hatte nur Hundertrubelscheine ...“

Er wurde bald entlassen. Schließlich kam die Reihe auch an Gruschenka.

Die Juristen fürchteten offenbar den Eindruck, den ihr Erscheinen auf

Dmitrij Fedorowitsch machen konnte, und Neljudoff murmelte sogar ein

paar Worte zu Mitjä, um ihn vorzubereiten und ein wenig zu ermahnen,

worauf Mitjä nur stumm den Kopf senkte, womit er zu verstehen gab, daß

er „keine Szene machen werde“. Michail Makarowitsch führte sie in höchst

eigener Person ins Zimmer. Sie trat mit strengem, fast finsterem

Gesichtsausdruck ein, äußerlich schien sie ganz ruhig zu sein. Sie

setzte sich leise auf den ihr angewiesenen Stuhl gegenüber Nikolai

Parfenowitsch Neljudoff, dem Untersuchungsrichter. Sie war sehr bleich,

und wie es schien, fand sie es kalt, denn sie hüllte sich fröstelnd in

ihren prachtvollen schwarzen Schal ein. Es waren die ersten

Fieberschauer einer Erkältung – der Anfang der Grippe, an der sie nach

dieser Nacht lange Zeit schwer krank zu Bett lag. Ihr strenges Aussehen,

ihr gerader und ernster Blick und das ruhige Auftreten machten auf alle

einen vorzüglichen Eindruck. Nikolai Parfenowitsch Neljudoff war

eigentlich sofort „ganz hin“. Er gestand später selbst, wenn er irgendwo

von der Begebenheit erzählte, daß er erst da zum erstenmal gesehen habe,

„wie schön dieses Weib“ sei, denn vorher hätte er sie wohl flüchtig

gesehen, aber doch immer nur für „etwas von der Art einer

Kreisstadthetäre gehalten“. „Sie hat Manieren, wie eine Dame der besten

Gesellschaft,“ beteuerte er einmal in der Begeisterung und zufällig

gerade in einer Damengesellschaft. Man hörte ihn mit dem größten

Unwillen an und nannte ihn dafür hinfort einen „verdorbenen Schlingel“,

womit er sehr zufrieden war. Als Gruschenka ins Zimmer trat, streifte

sie Mitjä nur einmal ganz flüchtig mit dem Blick, und diese Ruhe

beruhigte dann auch ihn, der ihr zuerst erregt entgegengesehen hatte.

Nach den ersten notwendigen Fragen und Vorbemerkungen stellte Nikolai

Parfenowitsch, zwar etwas stotternd und betreten, aber doch mit voller

Beibehaltung der größten Höflichkeit und Ernsthaftigkeit, folgende

Frage: In welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant a. D. Dmitrij

Fedorowitsch Karamasoff gestanden habe, worauf sie still und fest

antwortete:

„Er war mein Bekannter, als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat

empfangen.“

Auf die weiteren, interessiert gestellten Fragen erklärte sie mit voller

Aufrichtigkeit, daß er ihr wohl in manchen „Stunden“ gefallen, sie ihn

aber nicht geliebt, sondern nur „aus dummer Bosheit“ zum besten gehabt

habe, ganz wie sie es auch mit jenem „Alten“ getan hätte. Sie sagte, sie

habe gesehen, wie Mitjä auf Fedor Pawlowitsch und auf alle Welt

eifersüchtig gewesen sei, doch das hätte sie nur amüsiert. Zu Fedor

Pawlowitsch zu gehen, daran habe sie überhaupt nicht gedacht, da sie

sich über ihn nur lustig gemacht habe. „In diesem ganzen Monat war es

mir nicht um sie zu tun; ich erwartete einen anderen Menschen, der

ankommen sollte, um seine Schuld an mir wieder gutzumachen ... Nur

glaube ich,“ schloß sie plötzlich, „daß dieses Sie weiter nicht zu

interessieren braucht, und ich Ihnen darüber nichts zu sagen habe, denn

das dürfte doch nur meine persönliche Angelegenheit sein.“

Nikolai Parfenowitsch gehorchte sofort; er ließ sofort alle

„romantischen“ Punkte beiseite und ging unverzüglich zum „Ernsten“ über,

das heißt also zu jener Frage der dreitausend Rubel. Gruschenka

bestätigte, daß von Mitjä vor einem Monat in Mokroje tatsächlich

dreitausend Rubel verschleudert worden seien, und wenn sie selbst auch

das Geld nicht gezählt habe, so hätte sie doch von Dmitrij Fedorowitsch

gehört, daß es so viel gewesen sei.

„Hat er es Ihnen unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart anderer, oder

haben Sie nur gehört, wie er es anderen gesagt hat?“ erkundigte sich

sofort der Staatsanwalt.

Gruschenka erklärte darauf, daß er es sowohl in Gegenwart anderer, als

auch zu anderen gesagt, daß sie es aber auch unter vier Augen von ihm

gehört habe.

„Haben Sie es einmal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?“

erkundigte sich wieder der Staatsanwalt, und er erfuhr, daß sie es

mehrmals gehört hatte.

Hippolyt Kirillytsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Aus dem

weiteren Verhör ergab sich ferner noch, daß Gruschenka gleichfalls

gewußt hatte, woher dieses Geld stammte, – daß es Dmitrij Fedorowitsch

von Katerina Iwanowna gegeben worden war.

„Aber haben Sie nicht wenigstens einmal gehört, daß hier vor einem Monat

nicht dreitausend, sondern weniger verschleudert worden sei, und daß

Dmitrij Fedorowitsch von den Dreitausend die ganze Hälfte für sich

aufbewahrt habe?“

„Nein, davon habe ich niemals etwas gehört,“ sagte Gruschenka.

Weiterhin erfuhren die Juristen von ihr noch, daß Mitjä ihr im ganzen

letzten Monat häufig gesagt hatte, daß er kein Geld habe. „Er hoffte

aber immer, von seinem Vater welches zu erhalten,“ schloß Gruschenka.

„Aber hat er nicht einmal in Ihrer Gegenwart gesagt ... oder vielleicht

flüchtig irgendwie angedeutet,“ fiel sofort Neljudoff ein, „daß er

eventuell seinen Vater erschlagen wolle?“

„Ach, leider hat er es gesagt!“ sagte Gruschenka aufseufzend.

„Einmal oder des öfteren?“

„Des öfteren hat er es gesagt, doch immer nur dann, wenn er aufgebracht

oder zornig war.“

„Und haben Sie geglaubt, daß er es ausführen werde?“

„Nein, niemals habe ich das geglaubt!“ antwortete sie mit fester Stimme.

„Ich habe immer auf seine edle Gesinnung gehofft.“

„Meine Herren, erlauben Sie mir,“ rief plötzlich Mitjä dazwischen,

„erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart nur ein Wort zu Agrafena

Alexandrowna sage?“

„Sprechen Sie,“ – Neljudoff erlaubte es ihm.

„Agrafena Alexandrowna,“ sagte, sich vom Stuhl erhebend, Mitjä, „glaube

Gott und mir: An dem Blute meines gestern erschlagenen Vaters bin ich

_nicht_ schuldig, ich bin unschuldig daran!“

Und nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl.

Gruschenka erhob sich, wandte sich zur Ecke, in der das Heiligenbild

hing, und bekreuzte sich andächtig.

„Gelobt seist Du, mein Herr und Gott!“ sagte sie mit ganzer Inbrunst und

tief erschütterter Stimme. Und ohne sich zu setzen, wandte sie sich

darauf zu Neljudoff und fügte noch laut hinzu: „Was er soeben gesagt

hat, daran glauben Sie! Ich kenne ihn: Unwahres schwatzen kann er, wenn

es sich um einen Scherz oder seinen Eigensinn handelt, doch wenn es sich

um eine Gewissenssache handelt, so wird er nie lügen. Dann wird er stets

die Wahrheit sagen, und daran glauben Sie!“

„Hab Dank dafür, Agrafena Alexandrowna, du hast mich wieder

aufgerichtet,“ sagte Mitjä mit unsicherer Stimme.

Auf die Frage nach dem gestrigen Gelde sagte sie, daß sie nicht wüßte,

wieviel es gewesen sei, dafür aber gehört habe, wie er zu anderen gesagt

hatte, daß er wieder mit Dreitausend angekommen sei. Und was die

Herkunft des Geldes betrifft, so habe er ihr allein unter vier Augen

gesagt, daß er es von Katerina Iwanowna „gestohlen“ hätte, und sie habe

ihm darauf geantwortet, daß es nicht „gestohlen“ sei, und daß er ihr

morgen das Geld zurückgeben müsse. Auf die wiederholte Frage des

Staatsanwalts, von welchem Gelde er gesagt hätte, daß es „gestohlen“ sei

– von dem gestrigen oder den anderen Dreitausend vor einem Monat –

erklärte sie, daß er es von jenem anderen vor einem Monat gesagt, daß

wenigstens sie ihn so verstanden habe.

Endlich wurde auch Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfenowitsch

Neljudoff noch dienstbeflissen mitteilte, daß sie, falls sie es

wünschte, ungehindert jeden Augenblick in die Stadt zurückkehren könne,

und daß er, falls er seinerseits irgendwie gefällig sein könnte, zum

Beispiel hinsichtlich der Pferde, oder, zum Beispiel, falls sie einen

Begleiter wünschte, ... seinerseits, wie gesagt, mit dem größten

Vergnügen ...

„Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ihn Gruschenka,

mit einer leichten Verneigung des Kopfes, „ich werde mit dem kleinen

alten Herrn, dem Gutsbesitzer, zurückkehren, ich werde ihn in die Stadt

bringen, doch vorläufig möchte ich, wenn Sie es gestatten, hier

abwarten, was mit Dmitrij Fedorowitsch geschehen wird.“

Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft

geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam

ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je

länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn

diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich

war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen

Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in

die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich

bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen

sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es

war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer

Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen,

in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und

regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der

Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er

die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden

Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber

noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen

Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind

schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es

starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen

Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die

Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben

sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter.

Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie

scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig,

ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes

Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen

Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es

streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen,

die vor Kälte ganz blau sind.

„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem

Wagen an ihnen vorüberfliegt.

„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das

Kindichen weint.“

Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt:

„das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der

Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge.

„Aber warum weint es?“ fragte Mitjä ungeduldig weiter, als wenn er zu

dumm wäre, um es zu begreifen. „Warum sind seine Ärmchen bloß, warum

wird es nicht eingewickelt?“

„Das Kindichen hat’s kalt, die Kleiderchen sind dünn und feucht, und da

wärmen sie das Körperchen nicht mehr.“

„Aber warum ist das so? Warum?“ fragt immer drängender der dumme Mitjä.

„Weil sie doch arm sind, abgebrannt, Brot haben sie kein Stückchen mehr;

sie bitten für den abgebrannten Ort.“

„Nein, nein,“ ruft Mitjä, als verstehe er noch immer nicht, „aber so sag

mir doch: Warum stehen so die abgebrannten Mütter, warum sind sie arm,

warum ist das Kindichen arm, warum ist die Steppe so nackt, warum

umarmen sie sich nicht, warum küssen sie sich nicht, warum singen sie

nicht fröhliche Lieder, warum sind sie so schwarz geworden von dem

schwarzen Elend, warum wird das Kindichen nicht genährt?“

Und er fühlt, daß er sinnlos und unvernünftig fragt, aber er hatte

unbedingt geradeso fragen wollen, und er glaubt, daß er auch geradeso

habe fragen müssen. Und er fühlt noch, daß sich in seinem Herzen eine

noch nie empfundene Rührung erhebt, daß er weinen möchte, daß er für

alle etwas tun will, auf daß das Kindichen nicht mehr weine, auf daß

auch die schwarze verhärmte Mutter des Kindichens nicht mehr weine, auf

daß von diesem Augenblicke an niemand mehr eine Träne vergieße, und daß

er sofort, unverzüglich so etwas tun will, ohne Aufschub oder Verzug,

ohne Rücksicht oder Bedenken, mit der ganzen Karamasoffschen zügellosen

Leidenschaft.

„Und ich bin bei dir, jetzt verlasse ich dich nie mehr, das ganze Leben

lang gehe ich mit dir,“ ertönen neben ihm Gruschenkas liebeatmende,

inbrünstige Worte.

Und da entbrennt sein ganzes Herz und strebt zu etwas Lichtem, Lichtem,

und leben will er, leben, auf einem Wege will er gehen, gehen zu dem

neuen ihm winkenden Lichte, nur schneller, schneller, jetzt gleich,

sofort!

„Was? Wohin?“ ruft er aus, schlägt die Augen auf und setzt sich auf

seine Truhe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache, und lächelt verklärt.

Vor ihm stand, etwas zu ihm herabgebeugt, Nikolai Parfenowitsch

Neljudoff und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und dann zu

unterzeichnen.

Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch

länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn

plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm

geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da

hatte er kein Kissen gesehen.

„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute

Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und

einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott

was für eine große Wohltat erwiesen.

Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht

hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai

Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze

Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er

alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten.

„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine

Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen,

freudeverklärten Gesicht.

IX.

Wie Mitjä fortgeführt wurde

Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch

mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, –

daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der

Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des

und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben

(alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht

dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last

gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner

Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und

die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der

Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des

Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit

zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in

das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung

zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts

einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von

diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich

in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen.

Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern.

„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin

bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig

bleibt.“

Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise,

daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens,

der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen

werde ...

„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle

Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren,

alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen

wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das

jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste

Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens

habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu

bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten

begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein

Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer

Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden.

Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat

der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual

der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden,

und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt

vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir

gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum

letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die

Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe,

sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch

tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen

kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im

voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und

dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie

es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh,

es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich

Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal

noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten

Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den

Menschen will ich Abschied nehmen ...“

Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus,

doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm

stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück

und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr

zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken.

„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff

etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin

natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu

Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft,

Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen

sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir

sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir

alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der

sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise

beherrschen läßt ...“

Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der

Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä

zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“

ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu

führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar

Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht

selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache

gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf?

„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich _sie_ noch einmal

sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä.

„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht

nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“

„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“

Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen,

wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig

befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä.

„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit

dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken

sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“

Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten

plötzlich herab.

„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe

auch dich ins Unglück stürze.“

Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er

wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen

ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika

dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij

Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen

Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch

irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung;

jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So

forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen

einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein

und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes

Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg

die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber,

Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an.

„Lebt wohl, Ihr Gottesmenschen!“ rief ihnen Mitjä vom Wagen zu.

„Vergib auch du uns, Väterchen,“ hörte man zwei, drei Stimmen den Gruß

erwidern.

„Nun, auch du leb wohl, Trifon Borissytsch!“

Doch Trifon Borissytsch wandte sich nicht einmal nach ihm um, vielleicht

weil er gar zu beschäftigt war. Er schrie gleichfalls und gab

verschiedene Befehle, denn der zweite Wagen, in dem zwei Gerichtsdiener

Mawrikij Mawrikjewitsch und Mitjä begleiten sollten, war noch nicht ganz

zur Abfahrt bereit. Der Fuhrknecht, der sie fahren sollte, zog vorläufig

noch langsam seinen Kittel an und redete wortreich darüber, daß nicht

er, sondern Akim an der Reihe sei, zu fahren. Akim aber war nicht zur

Stelle; da lief man denn, um den Akim zu suchen; der Bauer bestand aber

auf dem Seinen und bat, daß man warten solle.

„Ach, Mawrikij Mawrikjewitsch, dieses Bauernpack ist doch bei uns ganz

ohne jedes Schamgefühl!“ rief Trifon Borissytsch kummervoll. Und zu dem

Fuhrknecht: „Dir hat Akim noch vorgestern einen Fünfundzwanziger

gegeben, und du hast ihn versoffen, jetzt aber reißt du wieder das Maul

bis an die Ohren. Ich wundere mich nur tagaus, tagein über Ihre Güte,

Mawrikij Mawrikjewitsch, hat doch dieses Lumpenpack so was nicht mal von

weitem verdient. Ich weiß, was ich sage!“

„Aber wozu brauchen wir denn noch eine zweite Troika?“ mischte sich da

Mitjä in die Angelegenheit ein. „Fahren wir nur ruhig in einer, Mawrikij

Mawrikjewitsch, ich werde ja nicht rebellieren, nicht von dir

fortlaufen, wozu also die Bedeckung?“

„Bitte, gefälligst zu begreifen, mein Herr, daß Sie nicht so zu mir zu

reden haben, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Ich verbitte mir

Ihr Du und desgleichen Ihre Ratschläge, die Sie für bessere

Gelegenheiten aufsparen können ...“ schrie plötzlich, wild aus sich

herausfahrend, Mawrikij Mawrikjewitsch Mitjä an, – als hätte er sich

über die Gelegenheit gefreut, seine Galle an ihm auslassen zu können.

Mitjä schwieg. Das Blut war ihm heiß ins Gesicht gestiegen. Nach einem

Augenblick fror ihn plötzlich sehr. Der Regen hatte aufgehört, doch der

trübe Himmel war ganz von Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies

ihm gerade ins Gesicht. „Sollte das etwa ein Fieberschauer sein?“ dachte

Mitjä, der sich in den Schultern schüttelte. Endlich stieg auch Mawrikij

Mawrikjewitsch ein, setzte sich gewichtig und breit hin, wobei er – als

bemerke er es überhaupt nicht – Mitjä gehörig an die andere Seitenlehne

preßte. Freilich war er nicht bei guter Laune, und der ihm zuteil

gewordene Auftrag behagte ihm sehr wenig.

„Leb wohl, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä nochmals zurück, und er

fühlte selbst, daß er es nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Bosheit,

gegen seinen Willen gerufen hatte.

Doch Trifon Borissytsch stand stolz auf seiner Treppe, hielt die Hände

auf dem Rücken und sah Mitjä ohne mit der Wimper zu zucken an; er

blickte streng und geärgert und antwortete auf Mitjäs Gruß kein Wort.

„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte

plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher

aufgetaucht war.

Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne

Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und

einmal zu drücken.

„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie

vergessen!“ rief er ihm heiß zu.

Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen.

Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt.

Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke,

vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so

und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht

ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld

überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu

urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer

Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich

will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das

Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer

wieder aus.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 29 / 40 题