Katerina Chochlakowa.“

„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt

gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“

Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf

begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer.

„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar

ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt

es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr

freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es

ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so

geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich

alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige

Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es

auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe

ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres

ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die

ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“

Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht

so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen

Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck

teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er

sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen

ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin,

angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein

könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“

Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu

bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste,

wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und

noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet

von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein

Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst

ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie

dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“

flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen

Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so

nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte

Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu

der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten

geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und

bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht

noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung

von den Brüdern Karamasoff abschließe.

II.

Der Alarm

Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein

verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war

vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er

bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und

zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu

vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne

sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm

speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man

sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr

verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine

ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich

besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig

gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so

doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig

ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von

englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische

Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist.

Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen

Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere

Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden.

Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als

„Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit

deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte.

Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon

überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide

heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie

keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere

männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas.

Was nun Michail Makarowitschs Beruf anbetraf, so war es in der Beziehung

nicht sonderlich gut mit seinen Kenntnissen bestellt, doch erfüllte er

schließlich seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Wenn man

aufrichtig sein soll, so war er als Mensch ziemlich ungebildet und als

Beamter um die Erwerbung einer klaren Vorstellung von den Grenzen seiner

administrativen Macht wenig besorgt. Gewisse Reformen der gegenwärtigen

Regierung konnte er immer noch nicht recht begreifen, oder er begriff

sie unter auffallenden Irrtümern. Doch geschah das weniger aus

Unbegabtheit als infolge einer recht ausgeprägten Sorglosigkeit, und da

er sich versicherte, nie die Zeit zu haben, hinter die Dinge zu kommen.

„Ich bin, meine Herren, mit Leib und Seele Soldat, und daher ist mir

alles Zivile etwas gegen den Strich,“ äußerte er über sein Beamtentum.

Selbst von den Prinzipien der letzten großen Reform, der Aufhebung der

Leibeigenschaft, hatte er sich noch immer keine feste und genaue

Vorstellung zu machen vermocht; doch vergrößerte er von Jahr zu Jahr,

und zwar unwillkürlich, und durch praktische Erfahrungen, sein

diesbezügliches Wissen, da er nämlich selbst Gutsbesitzer war. Perchotin

wußte, daß er bei ihm bestimmt wenigstens einen Gast antreffen werde –

nur wußte er natürlich nicht, wen. Währenddessen saßen bei Michail

Makarowitsch der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinskij, ein junger

Mann, der erst vor kurzem aus Petersburg zu uns gekommen war, und der

seine Studien an der Petersburger Universität glänzend beendet hatte.

Der Staatsanwalt jedoch, oder vielmehr der Stellvertreter des

Staatsanwalts, der aber bei uns allgemein nur der Staatsanwalt genannt

wurde, Hippolyt Kirillowitsch, war ein bemerkenswerter Mann, noch nicht

alt, etwa fünfunddreißig, neigte leider stark zur Schwindsucht, und war

sehr mager, wofür dann seine kinderlose Gattin um so korpulenter war. Es

hieß, daß er sehr eigensüchtig und ehrgeizig sei, doch war er, bei einem

tüchtigen Verstande, in der Seele ein guter Mensch. Ich glaube, das

ganze Unglück seines Charakters bestand darin, daß er von sich eine

etwas höhere Meinung hatte, als seine Begabung erlaubte. Das war wohl

auch der Grund, warum er immer irgendwie unruhig zu sein schien. Und

dazu hatte er noch einige höhere und sogar künstlerische Ansprüche, zum

Beispiel ein guter Psychologe zu sein, die menschliche Seele ganz

besonders gut zu kennen und die Gabe zu besitzen, den Verbrecher und

sein Verbrechen richtig zu erkennen und zu beurteilen. In bezug auf

diese Fähigkeiten war er reizbar und leicht beleidigt, hielt sich sofort

für im Dienst umgangen oder gar zurückgesetzt, und war immer überzeugt,

daß man ihn in den „höheren Sphären“ nicht zu schätzen wisse, und daß er

daselbst viele Feinde habe. In trüben Stunden versicherte er sogar, daß

er zur Advokatur übertreten werde. Da kam plötzlich der Kriminalprozeß

der Karamasoffs wegen des Vatermordes und rüttelte Hippolyt

Kirillowitsch auf. „Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt

werden wird,“ sagte er. Doch ich greife vor.

Im Nebenzimmer saß bei den jungen Damen auch unser junger

Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der erst vor zwei

Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später wunderte man sich

nicht wenig darüber, daß alle diese Amtspersonen sich „gerade am Abend

des Verbrechens im Hause der exekutiven Macht“ versammelt hatten.

Indessen hatte sich das in ganz natürlicher Weise so getroffen: Die Frau

Hippolyt Kirillowitschs, also des Staatsanwalts, litt schon den zweiten

Tag an Zahnschmerzen, und so mußte der Herr Staatsanwalt doch

irgendwohin vor ihrem Gestöhn flüchten. Der Kreisarzt jedoch konnte

allein schon seinem Wesen nach den Abend nicht anders verbringen als am

Kartentisch. Und Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte es sich schon vor

drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend zu Michail Makarowitsch zu

gehen, und zwar ganz zufällig, um hinterlistig die älteste Enkelin, Olga

Michailowna, zu erschrecken, ihr nämlich plötzlich zu sagen, daß er um

ihr „Geheimnis“ wisse: daß heute ihr Geburtstag sei, und daß sie dies

absichtlich verheimlicht habe, um nicht wieder die ganze Gesellschaft zu

einem Ball einladen zu müssen. Es war zu erwarten, daß man den Abend

lustig verbringen werde, da Scherze über ihr Alter, über das

„Geheimnis“, das er jetzt allen erzählen konnte, ihre vermutliche Angst

deswegen usw. usw. genügend Stoff zum Lachen abgeben konnten. Der

liebenswürdige junge Mann war in solchen Dingen ein großer Schlingel,

wie ihn unsere Damen lachend nannten, und was ihm sehr zu gefallen

schien. Übrigens war er gut erzogen, aus, guter Familie, hatte ein gutes

Auftreten und gute Manieren, und wenn er auch ein Lebemann war, so blieb

er doch ein innerlich unschuldiger und immer wohlerzogener, anständiger

junger Mann. Was sein Äußeres anbelangt, so war er ziemlich klein von

Wuchs und von schwächlichem, zartem Körperbau. An seinen schmalen und

bleichen Fingern glänzten stets ein paar große teure Ringe. Wenn er

seine Amtspflicht erfüllte, kam immer eine gewisse selbstbewußte Würde

über ihn, als hielte er seine Bedeutung und seine Pflicht für etwas

Heiliges. Besonders gut verstand er es, bei Verhören von Mördern und

anderen Verbrechern aus dem Volke, dieselben durch seine Fragen zu

verblüffen, und in ihnen, wenn auch nicht gerade Hochachtung für sich,

so doch etwas wie bewunderndes Erstaunen zu erwecken.

Als Perchotin beim Kreispolizeichef eintrat, blieb er ganz verdutzt

stehen: er sah sofort, daß man schon alles wissen mußte. Man hatte die

Karten im Stich gelassen, alle standen und berieten sich, und auch

Nikolai Parfenowitsch war von den Damen herbeigeeilt und sah ungemein

kampfbereit und entschlossen aus. Perchotin wurde mit der überraschenden

Mitteilung empfangen, daß der alte Fedor Pawlowitsch Karamasoff am

selben Abend in seinem Hause erschlagen worden war, erschlagen und

beraubt. Erfahren hatte man es vor ein paar Minuten auf folgende Weise:

Marfa Ignatjewna, die Frau des am Zaun von Mitjä verletzten Grigorij,

schlief nach der eingenommenen Medizin ungewöhnlich fest in ihrem Bett

und hätte wahrscheinlich bis zum Morgen so geschlafen – plötzlich aber

wachte sie auf: der epileptische Schrei Ssmerdjäkoffs, der bewußtlos im

Nebenzimmer gelegen hatte, war ihr durch Mark und Bein gefahren. Dieser

Schrei, mit dem gewöhnlich die epileptischen Anfälle begannen, machte

auf Marfa Ignatjewna stets einen so schrecklichen Eindruck, daß sie

davon fast krank wurde. Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt,

obgleich sie ihn doch oft genug gehört hatte. Halb besinnungslos sprang

sie auf und stürzte in das Nebenzimmer zu Ssmerdjäkoff. Doch dort war es

stockdunkel, und sie hörte nur, wie der Kranke unheimlich schnarchte und

um sich schlug. Da schrie auch Marfa Ignatjewna auf, und rief ihren

Mann, doch plötzlich fiel ihr ein, daß Grigorij, als sie aufgesprungen

war, nicht neben ihr gelegen hatte. Sie lief zurück zum Bett und

betastete es, doch das Bett war leer. „So ist er fortgegangen, – wohin?“

Sie lief hinaus auf die Treppe und rief einmal ängstlich seinen Namen.

Sie erhielt natürlich keine Antwort, aber es schien ihr, als hörte sie

durch die windstille Nacht irgendwoher, gleichsam fern aus dem Garten,

Gestöhn zu sich dringen. Sie horchte auf: da kam es wieder durch die

Nacht, und sie hörte deutlich, daß es aus dem Garten kam. „Heilige

Marie, das ist ja ganz wie damals die Lisaweta im Badehäuschen!“ dachte

sie erschrocken. Ängstlich stieg sie die Stufen hinab, und da erst

gewahrte sie, daß das Gartenpförtchen offen war. „Sicher ist er dort,

mein Lieber,“ dachte sie, und ging zum Pförtchen. Doch dort vernahm sie

plötzlich ganz deutlich, daß Grigorij sie rief: „Marfa, Marfa!“ mit

schwacher, angstvoller Stimme, die wie ein Gestöhn klang. „Großer Gott,

beschütz uns vor Unheil,“ flüsterte sie zitternd und eilte dann hin,

woher der Ruf kam, und fand ihren Grigorij. Nur fand sie ihn nicht am

Zaun, wo er niedergefallen war, sondern ungefähr zwanzig Schritt vom

Zaun entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, zu sich gekommen, zu

kriechen begonnen hatte, und so aus eigener Kraft, natürlich mit

Unterbrechungen und unter erneuter Besinnungslosigkeit, sich so weit

geschleppt hatte. Marfa Ignatjewna bemerkte sofort, daß sein Gesicht

blutüberströmt war, und sie begann laut zu schreien. Grigorij konnte nur

leise und zusammenhanglos stammeln: „Erschlagen ... hat den Vater

erschlagen ... was schreist du, dummes Weib ... lauf, ruf ...“ Doch

Marfa Ignatjewna schrie unentwegt, so laut sie konnte. Da bemerkte sie

aber, daß beim Herrn das Fenster offen und das Zimmer hell erleuchtet

war, und sie lief, Fedor Pawlowitsch laut zu Hilfe rufend, hin zum

Fenster. Als sie aber rufend in das Zimmer sah, erblickte sie etwas

Grauenvolles: der Herr lag lang ausgestreckt auf dem Fußboden,

regungslos. Sein heller Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust

waren von Blut überströmt. Das Licht auf dem Tisch beleuchtete grell die

roten Blutlachen und das starre Totengesicht der Leiche Fedor

Pawlowitschs. Im größten Entsetzen taumelte Marfa Ignatjewna vom Fenster

zurück und stürzte, so schnell sie konnte, aus dem Garten, riß den

Riegel der Pforte auf und lief in die Nebengasse zur Nachbarin, zu Marja

Kondratjewna. Dort klopfte sie wie wahnsinnig an die Fensterläden, bis

sie schließlich beide Frauen, die natürlich schon fest schliefen,

aufweckte und diese erschrocken ans Fenster gelaufen kamen. Marfa

Ignatjewna erzählte, so gut sie konnte, d. h. schreiend und heulend, das

Hauptsächliche und rief sie zu Hilfe. Es traf sich, daß auch Foma gerade

bei ihnen übernachtete. Er wurde im Augenblick aus dem Bett gezogen, und

so liefen denn alle drei zurück an den Ort des Verbrechens. Unterwegs

erinnerte sich Marja Kondratjewna, am Abend, ungefähr um neun Uhr, einen

lauten, durchdringenden Schrei gehört zu haben, und wie es ihr

geschienen hatte, war er aus dem Karamasoffschen Garten gekommen. Das

war derselbe Schrei gewesen, den Grigorij am Zaun ausgestoßen hatte,

bevor er von Dmitrij Fedorowitschs Schlage zu Boden gestürzt war – sein

Schrei: „Vatermörder!“

„Ich hörte nur einen Schrei, es muß ein Mensch geschrien haben, und dann

war wieder alles still,“ erzählte Marja Kondratjewna, während sie

hinliefen. Im Garten hoben sie alle drei Grigorij auf und trugen ihn mit

vereinten Kräften in die Leutewohnung. Sie machten sofort Licht, und da

sahen sie, daß Ssmerdjäkoff noch immer um sich schlug: von den Augen im

Krampf war nur das Weiße zu sehen, und Schaum stand ihm vor dem Munde.

Grigorijs Kopf wurde mit Wasser und Essig gewaschen. Er kam alsbald zu

sich, und seine erste Frage war: „Lebt der Herr noch, oder ist er tot?“

Da liefen denn die beiden Frauen und Foma zum Herrenhause, und erst

jetzt bemerkten sie, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür,

die aus dem Hause in den Garten führte, weit offen war, während der Herr

sich doch schon seit einer Woche an jedem Abend fest und sorgfältig

einzuschließen pflegte und sogar Grigorij strengstens verboten hatte,

was auch geschehen sollte, an die Tür oder das Fenster zu klopfen. Als

sie nun diese offene Tür sahen, wollte niemand zum Herrn hineingehen,

„damit man nicht am Ende noch uns für die Mörder hält.“ Als sie darauf

noch unentschlossen zu Grigorij zurückkehrten, befahl der sofort,

unverzüglich zum Polizeichef zu laufen. So machte sich denn Marja

Kondratjewna auf und lief zu Michail Makarowitsch, bei dem sie alle in

nicht geringe Aufregung versetzte. Perchotin erschien vielleicht nur

fünf Minuten später, so daß seine Aussagen nicht mehr vage Vermutungen

waren, sondern durch das Beweismaterial, das er vorbrachte, nur noch den

allgemeinen Verdacht, wer der Mörder sein konnte, verstärkten. Perchotin

selbst hatte sich bis zum letzten Augenblick noch immer geweigert, daran

zu glauben.

Man beschloß, energisch zu handeln. Der Gehilfe des Polizeimeisters

wurde sofort beauftragt, vier Zeugen für die Haussuchung und zur

Hilfeleistung aufzutreiben, und dann begab man sich zum Karamasoffschen

Hause, wo man nach allen vorschriftsmäßigen Regeln, die ich hier nicht

weiter erörtern will, den Tatbestand aufnahm. Der Kreisarzt, der als

junger Praktikant noch für Ausnahmefälle interessiert war, hatte

natürlich sofort gebeten, die Herren begleiten zu dürfen. Ich will hier

nur noch kurz bemerken, daß sie Fedor Pawlowitsch tot vorfanden, mit

eingeschlagenem Schädel. Womit aber war der Schädel eingeschlagen

worden? Am wahrscheinlichsten wohl mit derselben Waffe, mit der der

Mörder später auch Grigorij zu Boden gestreckt hatte. Man verhörte

Grigorij, dem inzwischen die nötige ärztliche Hilfe zuteil geworden war,

und erfuhr von ihm, in ziemlich zusammenhängender Rede, obwohl er nur

leise und mit Unterbrechungen sprechen konnte, was er gesehen hatte.

Daran begab man sich mit einer Laterne zum Zaun, begann dort zu suchen

und fand sogleich die Mörserkeule, die auf dem Gartenwege, auf der

sichtbarsten Stelle lag. Im Zimmer Fedor Pawlowitschs war keinerlei

verdächtige Unordnung zu bemerken, doch hinter dem „chinesischen“ Schirm

fand man vor dem Bett ein großes Kuvert von dickem Papier in

Kanzleiformat, mit der Aufschrift: „Ein kleines Geschenk für meinen

Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,“ und darunter war

gleichfalls von Fedor Pawlowitsch, wahrscheinlich etwas später, noch

hinzugefügt, „und Küchelchen“. Auf der anderen Seite des Kuverts waren

drei große Siegel von rotem Siegellack, doch das Kuvert war bereits

aufgerissen und leer: das Geld war herausgenommen. Auch fand man dort

noch auf dem Fußboden ein rosarotes Bändchen, mit dem das Kuvert

kreuzweis umbunden gewesen war. Von den Aussagen Perchotins machte auf

den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter besonders die eine

Mitteilung großen Eindruck: daß Dmitrij Fedorowitsch sich bestimmt am

Morgen erschießen werde, daß er es beschlossen, in seiner Gegenwart die

Pistole geladen, den Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt habe

usw., und daß Mitjä auf Perchotins Drohung, es jemandem anzuzeigen,

lächelnd geantwortet hatte: „Kommst zu spät, mein Lieber.“ Daraus ging

hervor, daß man sich so schnell als möglich nach Mokroje aufmachen

mußte, um den Verbrecher, noch bevor er seine Absicht verwirklichen

konnte, zu verhaften. „Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“

wiederholte der Staatsanwalt, der die ganze Zeit über sehr lebhaft war.

„Das ist so echt ihre Art, ich meine, die Art der Verbrecher seines

Schlages: morgen erschieße ich mich, vorher aber geh ich noch einmal

durch.“ Die Schilderung, wie Mitjä bei Plotnikoff Wein und Eßwaren

bestellt und mitgenommen hatte, brachte den Staatsanwalt nur noch mehr

auf. „Erinnern Sie sich noch, meine Herren, jenes jungen Burschen, der

den Kaufmann Oljssufjeff erschlagen hatte und für die geraubten

tausendfünfhundert Rubel sich frisieren ließ und sich gleichfalls, ohne

das Geld ordentlich zu verstecken, unverzüglich zu den Frauenzimmern

begab.“ Einstweilen aber ging es nicht an, sich sofort nach Mokroje

aufzumachen, da die Voruntersuchung im Hause Fedor Pawlowitschs, die

Verhöre und Formalitäten noch nicht beendet waren. Das nahm noch viel

Zeit in Anspruch, und so schickte man vorläufig Mawrikij Mawrikjewitsch

Schmerzoff, der am Tage vorher in die Stadt gekommen war, um sein

Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, nach Mokroje voraus. Er wurde

beauftragt, wenn er dort angekommen sei, den „Mörder“ ganz unauffällig,

„damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfe“, zu bewachen, bis die

anderen nachgekommen wären, und inzwischen auch den Dorfschulzen, den

Bauernamtmann und Zeugen aufzutreiben. Das tat denn auch Mawrikij

Mawrikjewitsch. Er blieb inkognito und weihte nur Trifon Borissytsch,

bei dem er schon oft abgestiegen war, und der ihn gut kannte, zum Teil

in sein Geheimnis ein. Das war kurz vorher geschehen, als Mitjä dem Wirt

in der Dunkelheit auf der kleinen Galerie begegnet war und in dessen

Reden wie im ganzen Verhalten zu ihm eine Veränderung wahrgenommen

hatte. So wußte weder Mitjä noch sonst jemand von den Gästen, daß er

bewacht wurde. Der Pistolenkasten war von Trifon Borissytsch bereits an

einem verschwiegenen Orte wohlweislich versteckt worden. Erst um fünf

Uhr morgens, also noch vor Tagesanbruch, kam die Obrigkeit, der

Kreispolizeichef, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in zwei

Wagen, jeder mit einer Troika bespannt, in Mokroje an. Der Doktor war in

der Stadt zurückgeblieben, da er am Morgen die Obduktion der Leiche des

Erschlagenen vornehmen wollte und ihn außerdem der Zustand des kranken

Dieners Ssmerdjäkoff außerordentlich interessierte.

„So heftigen und so lange andauernden Anfällen der Epilepsie, die sich

im Verlaufe von ganzen achtundvierzig Stunden ununterbrochen

wiederholen, begegnet man nur äußerst selten, das ist ein Fall, der der

Wissenschaft gehört,“ hatte er, ganz Interesse, seinen abfahrenden

Partnern gesagt, und die hatten ihn lachend beglückwünscht. Bei der

Gelegenheit hatten sich auch noch der Staatsanwalt sowie der

Untersuchungsrichter gemerkt, daß der Doktor in überzeugtem Tone noch

hinzugefügt hatte, Ssmerdjäkoff werde den Morgen nicht mehr erleben.

Nach dieser langen, doch unvermeidlichen Erklärung kehre ich wieder zu

dem Zeitpunkt meiner Erzählung zurück, wo ich sie im vorhergehenden

Buche unterbrochen habe.

III.

Der Gang der Seele durch die Hölle.

Das erste Purgatorium

So saß Mitjä und sah mit wildem Blick die Anwesenden die rings um ihn

standen, an, ohne zu verstehen, was man zu ihm sprach. Plötzlich stand

er auf, hob die Arme empor und rief laut:

„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem

Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen,

aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur

Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu

Füßen warf.

„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer

Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von

Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend

die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht,

ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich

gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld

trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“

„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du

schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit

der Faust drohend, der Polizeichef sie an.

Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt

umfaßte ihn sogar mit beiden Armen.

„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise

stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er

ihm zu.

„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste

auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz

unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“

„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf

den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in

den Tod!“

„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte

zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an

sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an

keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie

treffen!“

Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt

von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er

schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur

Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den

Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm

gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und

redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas

Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie

sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst

höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe

des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring

mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von

wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert,

wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen

schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus

irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für

seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen

können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des

Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –,

auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger

junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor

ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der

Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt

mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am

anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl

niedergelassen hatte.

„Trinken Sie doch Wasser!“ wiederholte sanft, vielleicht schon zum

zehntenmal der Untersuchungsrichter.

„Ich habe getrunken, meine Herren ... aber ... nun, was, meine Herren,

erdrücken Sie mich, richten Sie mich hin, entscheiden Sie über mein

Geschick!“ rief Mitjä der ihn mit unheimlich starrem Blick aus weit

offenen Augen ansah.

„Also, Sie behaupten positiv, am Tode Ihres Vaters Fedor Pawlowitsch

Karamasoff unschuldig zu sein?“ fragte freundlich, doch nachdrücklich

der Untersuchungsrichter.

„Ja, ich bin unschuldig! Schuld bin ich an einem anderen Blute, am Blute

eines anderen alten Mannes, doch nicht am Blute meines Vaters. Und ich

bereue es! Ich habe den Alten erschlagen, erschlagen und niedergestreckt

... Doch schwer ist es, dieses Blutes wegen für ein anderes Blut

einstehen zu müssen, für ein furchtbares Blut, an dem ich unschuldig bin

... Es ist eine furchtbare Anklage, meine Herren ... als hätte man mich

mit einem Keulenschlag auf den Kopf getroffen! Aber wer hat denn den

Vater erschlagen, wer hat ihn erschlagen? Wer anders hat ihn denn

erschlagen können, wenn ich es nicht war? Da muß ein Wunder geschehen

sein, etwas Ungereimtes, etwas Unmögliches, Undenkbares! ...“

„Ja, das ist es nun, wer anders hätte ihn erschlagen können? ...“ begann

der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt (wir wollen ihn der

Kürze wegen so nennen, obgleich er nur der Stellvertreter des

Staatsanwalts war) wechselte mit ihm einen Blick und sagte dann zu Mitjä

gewandt:

„Sie beunruhigen sich diesmal ganz unnötigerweise wegen des Dieners

Grigorij Wassiljewitsch. Ich kann Ihnen mitteilen, daß er lebt; er ist

bald darauf wieder zu sich gekommen und wird trotz der schweren

Verletzung, die, nach seiner und jetzt auch nach Ihrer Aussage, _Sie_

ihm zugefügt haben, wahrscheinlich am Leben bleiben, oder vielmehr

bestimmt, wenigstens nach der Aussage des Arztes.“

„Er lebt? So ist er nicht erschlagen?“ schrie Mitjä wie wahnsinnig auf

und hob die Hände empor. Sein ganzes Gesicht strahlte. „Mein Herr und

mein Gott, ich danke Dir für das Wunder, das Du für mich, den Sünder und

Missetäter hast geschehen lassen, daß Du mein Gebet erhört hast! ... Ja,

ja, auf mein Gebet hin ist es geschehen – ich habe doch die ganze Nacht

gebetet!“

Und er bekreuzte sich dreimal. Er war ganz atemlos vor Freude.

„Nun und von diesem Grigorij haben wir die so wichtigen Aussagen gegen

Sie erhalten, daß ...“ wollte der Staatsanwalt fortfahren, doch Mitjä

sprang plötzlich vom Stuhl auf und unterbrach ihn:

„Auf einen Augenblick, meine Herren, um Gottes willen, nur auf eine

Minute; ich will nur schnell zu ihr laufen ...“

„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz

ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill

klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen

war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust

ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen

Stuhl.

„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu

sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das

die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein

Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine

Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd,

während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich

danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für

mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis –

der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im

Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein

leiblicher Vater zu mir! ...“

„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen.

„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä

von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das

Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln,

nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen

unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“

„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der

Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf.

Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er

sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien

sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und

seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter

unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war,

mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft

zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu

Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr

herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat,

hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so

hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße,

stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus

Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit

dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der

Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte

er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst

ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren.

Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging,

doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein

Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte.

Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff

hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft

geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar

zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht.

„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser

Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt

selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja

erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich

mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch

ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich

hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen,

bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das

heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige

Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem

Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich

ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein

schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das

doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir

werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich

weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort

erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“

Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen

aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.

„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie

erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der

Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber

gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte.

„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie

nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein

volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein,

warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an

Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten

zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für

mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, –

aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den

Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht

Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse,

das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ –

schreiben Sie – ‚so ist er – _unschuldig_!‘ Das ist Wahnsinn, das ist

vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden

sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden

noch über Ihren Verdacht lachen! ...“

„Beruhigen Sie sich, Dmitrij Fedorowitsch,“ – damit erinnerte ihn der

Untersuchungsrichter an seine Aufführung und wollte offenbar durch die

eigene Ruhe die Erregung des anderen besänftigen. „Bevor wir das Verhör

fortsetzen, würde ich, vorausgesetzt, daß Sie einwilligen zu antworten,

gerne nochmals von Ihnen die Bestätigung der Tatsache vernehmen wollen,

daß Sie den verstorbenen Fedor Pawlowitsch, wie es scheint, nicht

geliebt und mit ihm fortgesetzt Streit gehabt haben ... Wenigstens haben

Sie hier vor ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich mich nicht täusche,

selbst etwas Derartiges geäußert: daß Sie sogar die Absicht gehabt

hätten, ihn zu erschlagen. ‚Ich habe ihn nicht erschlagen, aber ich

wollte ihn erschlagen!‘ riefen Sie aus, soviel ich mich dessen

erinnere.“

„Ich soll das ausgerufen haben? Nun ja, das kann sehr wohl sein! Meine

Herren, allerdings, zum Unglück wollte ich ihn erschlagen, sogar

mehreremal habe ich es gewollt ... zum Unglück, leider!“

„Also, Sie wollten es. Würden Sie nicht auch bereit sein, uns zu

erklären, welches die Ursachen Ihres Hasses auf Ihren Vater waren?“

„Was ist da zu erklären, meine Herren!“ sagte Mitjä mit finsterem

Gesicht, zuckte mit der einen Schulter und senkte den Blick zu Boden.

„Ich habe doch meine Gefühle wahrlich nicht verborgen, die ganze Stadt

spricht ja davon, – alle Menschen im Gasthause haben es gehört. Noch vor

ein paar Tagen habe ich es im Kloster, in der Zelle des Staretz Sossima

erklärt ... Und am Abend desselben Tages habe ich den Vater noch

verprügelt und beinahe totgeprügelt, und dann noch geschworen,

wiederzukommen und ihn ganz zu erschlagen, und alles in Gegenwart von

Zeugen ... Oh, Zeugen gibt es zu Tausenden! Habe ich doch den ganzen

Monat zu allen davon gesprochen, alle sind Zeugen! ... Die Tatsache

liegt ja auf der Hand, die Tatsache spricht, schreit, aber – die

Gefühle, meine Herren, die Gefühle, um die es sich dabei handelt, die

sind etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren“ (Mitjäs Gesicht

verfinsterte sich), „ich glaube, daß Sie nicht berechtigt sind, mich

nach meinen Gefühlen zu fragen. Für Sie bin ich natürlich überführt, ich

begreife das sehr gut, aber das – das geht nur mich etwas an, das ist

meine Sache, meine innere, intime Angelegenheit, jedoch ... da ich auch

früher schon meine Gefühle nicht verheimlicht habe ... im Gasthause zum

Beispiel, und allen und jedem davon gesprochen habe, so ... so werde ich

auch jetzt kein Geheimnis daraus machen ... Sehen Sie, meine Herren, ich

begreife sehr gut, daß in diesem Falle schwere Beweise gegen mich

vorliegen: ich habe allen gesagt, daß ich ihn totschlagen werde, und

plötzlich ist er erschlagen: wer soll es nun getan haben, wenn nicht

ich? Ha – ha! Ich entschuldige Sie, meine Herren, ich entschuldige Sie

vollkommen. Bin ich doch selbst ganz betroffen, denn wer kann ihn

schließlich in diesem Falle erschlagen haben, wenn nicht ich? So verhält

es sich doch, nicht wahr? Wenn ich es nicht getan habe, wer dann, wer

dann? Meine Herren,“ rief er plötzlich unruhig, „ich will es wissen, ich

verlange von Ihnen, daß Sie mir sagen, meine Herren: Wo ist er

erschlagen worden? Wie erschlagen, womit und wie? Sagen Sie es mir!“

Sein fragender Blick ging zwischen dem Staatsanwalt und dem

Untersuchungsrichter hin und her.

„Wir fanden ihn auf dem Fußboden seines Schlafzimmers ausgestreckt auf

dem Rücken liegen. Die Schädeldecke war eingeschlagen,“ sagte der

Staatsanwalt.

„Grauenvoll!“ Mitjä fuhr plötzlich zusammen und bedeckte das Gesicht,

den Arm auf den Tisch stützend, mit der rechten Hand.

„Wir fahren also fort im Verhör,“ begann wieder der

Untersuchungsrichter. „Also: Was war die Ursache Ihres Hasses auf Fedor

Pawlowitsch? Ich glaube, Sie haben öffentlich gesagt, daß es Eifersucht

gewesen sei?“

„Nun ja, Eifersucht, und nicht nur Eifersucht allein.“

„Und Streit wegen Geld?“

„Nun ja, auch wegen Geld.“

„Und, wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich dabei um dreitausend

Rubel, die angeblich als ihr Erbteil Ihnen nicht ausgezahlt worden

seien?“

„Was für Dreitausend! Mehr, viel mehr!“ rief Mitjä auffahrend, „mehr als

sechs, mehr als zehn vielleicht. Ich habe es allen gesagt, überall

erzählt! Aber ich hatte schon beschlossen, nun, meinetwegen, mich mit

Dreitausend zufrieden zu geben. Diese Dreitausend hatte ich dermaßen

nötig, dermaßen ... so daß ich diese dreitausend Rubel, die er, das

wußte ich, unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereit hielt, einfach

als mein Geld betrachtete, das er von mir gestohlen hatte. Ja, meine

Herren, ich hielt es für mein Eigentum, für mein gestohlenes Eigentum

...“

Der Staatsanwalt tauschte mit dem Untersuchungsrichter einen bedeutsamen

Blick aus, und es gelang ihm noch, diesem einen kleinen Wink zu geben.

„Auf diesen Punkt werden wir noch später zurückkommen,“ bemerkte sofort

der Untersuchungsrichter, „vorläufig erlauben Sie nur, gerade das zu

notieren: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gleichsam als Ihr Eigentum

angesehen haben.“

„Schreiben Sie es nur auf, meine Herren, ich begreife ja sehr gut, daß

das wiederum ein Verdachtsmoment gegen mich ist. Aber ich fürchte keine

Verdachtsmomente und rede selbst wider mich. Hören Sie, ich selbst!

Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich, scheint es, für einen ganz

anderen Menschen, als ich bin,“ fügte er finster und traurig hinzu. „Mit

Ihnen spricht ein Edelmann, ein Mensch, der wirklich edel ist, das ist

das Wichtigste – das bitte ich nicht zu vergessen –, ein Mensch, der

eine Unmenge von Schändlichkeiten begangen hat, dessen Gesinnung aber

immer edel gewesen und geblieben ist. Ich meine, wenn man mich als

Menschen nimmt ... im tiefsten Inneren, nun, mit einem Wort ... Nein,

ich verstehe mich nicht auszudrücken ... gerade das hat mich mein ganzes

Leben lang gequält, daß ich mich nach dem Edlen gesehnt habe, sozusagen

ein Märtyrer des Edlen gewesen bin, ein Mensch, der das Edle mit der

Laterne gesucht hat, mit der Laterne des Diogenes, und doch habe ich

mein ganzes Leben lang nur Schändlichkeiten begangen, wie wir es ja alle

tun, meine Herren ... das heißt, nein, wie ich allein, meine Herren,

nicht wie wir alle, sondern wie ich allein, ich versprach mich, wie ich

allein, ich allein, meine Herren! ... Mein Kopf tut mir weh,“ sagte er

gequält, und seine Brauen zogen sich wie im Schmerz zusammen. „Sehen

Sie, meine Herren, mir gefiel sein Äußeres nicht, das Ehrlose an ihm,

seine Prahlereien, und daß er alles Heilige unter die Füße trat, sein

verhöhnender Spott und seine Gottlosigkeit, – scheußlich, scheußlich!

Aber jetzt, da er tot ist, denke ich anders.“

„Inwiefern anders?“

„Nicht anders, aber es tut mir leid, daß ich ihn so gehaßt habe.“

„Sie wollen wohl sagen, daß Sie Reue empfinden?“

„Nein, nicht gerade Reue, schreiben Sie das nicht auf. Ich bin selbst

nicht gut, meine Herren, ja, ich bin auch nicht gerade sehr schön, und

darum hatte ich gar kein Recht, ihn widerlich zu finden, das ist es! Das

können Sie meinetwegen aufschreiben.“

Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig.

Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade

in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man

hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr

weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in

dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der

gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die

Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war

bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche

Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte,

als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer

mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch

plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit

dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem

Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart

hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte

er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen.

Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur

einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller

Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich.

Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem

Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde.

Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er

zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem

Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an:

„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz

unschuldig! ...“

Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging

einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der

Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum

Staatsanwalt:

„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie

mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In

Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“

„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir

nichts dagegen einzuwenden.“

„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu

Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches

Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna

nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und

außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr,

und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie

beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie

dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du

dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du?

Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen.

Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne

die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu

dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein

sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr

sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh

mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber

schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt

christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die

keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij

Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“

Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas

Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen

ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm

auf.

„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er.

„Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke

Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig

sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte!

Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da

ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail

Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei

bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur

noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den

Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine

ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen

dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch

lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib

– das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen,

wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es

mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein

Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit

dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich,

der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin

ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem

abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir

sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten,

warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und

gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich

nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine

Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“

Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend,

schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche

Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr

zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß

das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu

fröhlich.

„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer

Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen

Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser

verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre

ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu

mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage

es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache!

Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein,

quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was

zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie

sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum

Teufel!“

Das Verhör begann von neuem.

IV.

Zweites Purgatorium

„Sie glauben nicht, Dmitrij Fedorowitsch, wie sehr Sie uns durch

Ihre Bereitwilligkeit ermutigen ...“ begann Neljudoff, der

Untersuchungsrichter, mit belebtem Gesicht und augenscheinlich angenehm

berührt, was man am Blick seiner großen, hellgrauen, etwas

hervorstehenden Augen sah, die übrigens sehr kurzsichtig waren, und von

denen er soeben die Brille abgenommen hatte. „Sie haben da eine

vollkommen richtige Bemerkung gemacht in betreff des beiderseitigen

Vertrauens, ohne das es bei Verhören von ähnlicher Wichtigkeit nun

einmal nicht geht, das heißt in Fällen, wenn der Verdächtigte

tatsächlich sich zu rechtfertigen hofft, wenigstens es versuchen will

und wahrscheinlich auch kann. Seien Sie überzeugt, daß wir alles tun

werden, was an uns liegt. Sie haben auch bereits Gelegenheit gehabt, zu

sehen, wie wir die Sache führen ... Sie stimmen mir doch bei, Hippolyt

Kirillowitsch?“ wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt.

„Oh, selbstverständlich,“ bestätigte der sofort, doch war der Ton seiner

Worte etwas trocken im Vergleich zur liebenswürdigen Rede des

Untersuchungsrichters.

Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen: Neljudoff, der, wie bereits

erwähnt, erst vor kurzem bei uns angekommen war, hatte gleich, schon

seit dem ersten Anfang seiner Tätigkeit in unserer Stadt, für unseren

Hippolyt Kirillowitsch eine außerordentliche Hochachtung empfunden und

war ihm von Herzen zugetan. Er war vielleicht der einzige Mensch, der

einwandlos an die ungewöhnlichen psychologischen und rednerischen

Begabungen unseres „zurückgesetzten“ Hippolyt Kirillowitsch glaubte, wie

er auch überzeugt war, daß man ihn bei der Beförderung übersehen hatte.

Er hatte von ihm schon in Petersburg gehört. Dafür war denn wiederum

Neljudoff der einzige Mensch in der ganzen Welt, den unser „beleidigter“

Staatsanwalt aufrichtig liebgewann. Auf dem Wege nach Mokroje hatten sie

sich schon über gewisse Punkte besprochen, und so begriff denn

Neljudoffs spitzfindiger Verstand sofort die Bedeutung jeden Winkes,

jeder Bewegung im Gesichte seines älteren Amtsgenossen: es genügte ihm

ein halbes Wort, ein Blick, ein Augenzwinkern.

„Meine Herren,“ fuhr Mitjä geschäftig auf, „überlassen Sie es ruhig mir,

alles zu erklären, ich werde alles sachgemäß darstellen, nur bitte ich

Sie, mich nicht mit dem Kleinzeug zu unterbrechen.“

„Das ist natürlich das Beste. Ich danke Ihnen. Doch bevor wir dazu

übergehen, bitte ich Sie, vorher nur noch eine Tatsache konstatieren zu

dürfen, da sie für uns von großer Wichtigkeit ist, nämlich in betreff

jener zehn Rubel, die Sie gestern abend, ungefähr um fünf Uhr, von Ihrem

Freunde Pjotr Iljitsch Perchotin geborgt haben, wofür Sie ihm Ihre

Pistolen als Pfand gaben.“

„Ja, ich hatte sie versetzt, meine Herren, für zehn Rubel versetzt, was

ist denn dabei? Und das ist alles. Als ich von der Fahrt in die Stadt

zurückgekehrt war, ging ich sofort zu ihm hin und versetzte sie.“

„Ah, Sie waren also ausgefahren? Sie hatten die Stadt verlassen?“

„Ja, ich war ausgefahren, über vierzig Werst war ich gefahren. Wie, und

Sie wußten das noch nicht, meine Herren?“

Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an.

„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der

systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen

getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel

frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und

wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“

„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut

auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen,

sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann

erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich

ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann

Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend

Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten

entschlossen, meine Herren ...“

„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn

höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe

nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“

„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne

Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und

nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht

einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“

Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität

eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten

Absichten hegt.

„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie

mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich

die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige

Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin

bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch

dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch:

Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm,

Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug.

Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht

zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen

sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch,

was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze

ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf

gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt

zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung

Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen

streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft

den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf

ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß

nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust

meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine

Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir

auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem

Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann

bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch

dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage,

buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu

Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei

heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu

schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren,

verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner,

die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch,

meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle

einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz

Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er

gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die

Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit

der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie

bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt,

das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre

ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern

fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst

Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha!

Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall

gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit

einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä

Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen

Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich!

Haha!“

Neljudoff hörte zu und lachte gleichfalls. Der Staatsanwalt lachte zwar

nicht, beobachtete jedoch Mitjä mit scharfem Blick ungeheuer aufmerksam,

als wollte er sich kein einziges Wort, nicht die geringste Bewegung oder

Veränderung seines Gesichtes entgehen lassen.

„So haben wir ja auch mit Ihnen zuerst angefangen,“ meinte Neljudoff

immer noch lachend, „wir haben an Sie keine einzige Frage von der Art

gestellt, wie: Wann sind Sie aufgestanden, was haben Sie gegessen, und

so weiter, sondern wir sind gleich auf das Wesentlichste übergegangen.“

„Ich weiß, ich weiß! Ich habe es wohl verstanden und verstehe es auch zu

schätzen, und noch mehr schätze ich es, daß Sie so gütig zu mir sind,

was Ihrer Gesinnung nur Ehre macht. Wir drei sind hier zusammengekommen,

drei Ehrenmänner, und so mag denn auch alles auf dem gegenseitigen

Zutrauen gebildeter Menschen beruhen, dreier Menschen derselben

Gesellschaftsklasse, die durch ihren Adel und ihre Ehre verbunden sind.

Jedenfalls erlauben Sie mir, Sie in dieser Stunde meines Lebens für

meine besten Freunde zu halten, gerade in dieser Stunde, da meine Ehre

so erniedrigt wird. Das verletzt Sie doch nicht, meine Herren, nicht

wahr?“

„Im Gegenteil, Dmitrij Fedorowitsch, Sie haben das alles so vortrefflich

ausgedrückt,“ stimmte ihm der Untersuchungsrichter ernst, doch

wohlwollend bei.

„Und die Nebensachen, alle diese spitzfindigen Fußangeln zum Teufel,“

rief Mitjä ganz Feuer und Flamme, „sonst kommt doch nur Unsinn heraus,

nicht wahr? ...“

„Ich billige vollkommen Ihren vernünftigen Vorschlag,“ unterbrach ihn

plötzlich der Staatsanwalt zu ihm gewandt, „indessen kann ich nicht von

meiner Frage ablassen. Es ist für uns von gar zu großer Wichtigkeit zu

wissen, wozu Sie diese Summe brauchten, warum gerade dreitausend Rubel?“

„Wozu ich sie brauchte? Nun, für dieses und jenes ... nun, sagen wir, um

eine Schuld zu bezahlen.“

„An wen zu bezahlen?“

„Das zu sagen, weigere ich mich, meine Herren! Sehen Sie, ich tue es

nicht etwa darum, weil ich es nicht sagen kann, oder es nicht wage und

mich fürchte, denn das ist doch nur eine Kleinigkeit, die zu erwähnen

sich nicht lohnt, sondern ich sage es deshalb nicht, weil es sich hier

um mein Prinzip handelt: das ist mein Privatleben, und ich erlaube

niemandem, sich in dasselbe einzumischen. Das ist mein Prinzip. Ihre

Frage hat mit der Sache nichts zu tun, und alles, was nicht zur Sache

gehört, ist meine Privatangelegenheit. Eine Schuld wollte ich abzahlen,

eine Ehrenschuld, doch an wen – das sage ich nicht!“

„Gestatten Sie, daß wir dies niederschreiben,“ sagte der Staatsanwalt.

„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, _nicht_ sage.

Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß

Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“

„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es

nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem

Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die

Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir

wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen,

wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt

ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die

Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen,

den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine

oder andere Aussage zu machen.“

„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä

etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun

ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“

Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser

bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz

ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles

abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch

aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das

mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in

gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde

selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie

auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch

nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn,

wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte

er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr

für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort

das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten,

und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache

ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er

schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen

hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch

von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der

dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in

die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein,

ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man

hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das

eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der

Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß

Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich

niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä

erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine

intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit

preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner

Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der

Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die

während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren,

verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem

ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe,

und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß

ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die

Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘

–.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken

und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung

seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch

nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über

diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der

Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen.

Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem

Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar

daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln,

um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen,

um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben

zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei

dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka

betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung

von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben

gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich

in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb

nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an

dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä

wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen,

wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der

Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das

neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne

Mörserkeule hervorzog.

„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä.

„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie

her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“

„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der

Untersuchungsrichter.

„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie

unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen

Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“

„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich

mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“

„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“

Und Mitjä erzählte, wie er sie bei Fenjä in der Küche ergriffen hatte

und dann hinausgelaufen war.

„Was beabsichtigten Sie damit zu tun, welches Ziel hatten Sie im Auge,

als Sie sich mit dieser Waffe versahen?“

„Welches Ziel? Überhaupt kein Ziel! Ich nahm sie und lief hinaus.“

„Aber warum nahmen Sie sie denn, wenn Sie kein Ziel im Auge hatten?“

In Mitjä brauste der Unwille auf. Starr blickte er dem „Milchbart“ in

die Augen und lächelte finster und boshaft. Der wahre Grund seiner Wut

war aber eigentlich der, daß er sich immer mehr dessen schämte, so

ausführlich und mit solchen Herzensergüssen „diesen Leuten“ von seiner

Eifersucht erzählt zu haben.

„Äh, ich spucke darauf!“ entfuhr es ihm plötzlich.

„Sie meinten? ...“

„Nun, um mich der Hunde zu erwehren ... in der Dunkelheit ... für alle

Fälle.“

„Haben Sie auch früher, wenn Sie in der Nacht hinausgingen, eine Waffe

mitgenommen, wenn Sie die Dunkelheit so fürchten?“

„Ach, zum Teufel, pfui! Meine Herren, mit Ihnen kann man wirklich nicht

reden!“ rief Mitjä über die Maßen gereizt und vor Wut hochrot im

Gesicht. Plötzlich wandte er sich zum Schreiber und schrie ihm mit einer

Stimme, die die Wut nur zu deutlich verriet, zu:

„Schreibe sofort ... sofort ... daß ich die Mörserkeule ergriffen habe,

‚um hinzulaufen und meinen Vater zu erschlagen, Fedor Pawlowitsch ...

durch einen Schlag auf den Schädel!‘ Nun, sind Sie jetzt zufrieden,

meine Herren? Hat jetzt Ihre liebe Seele Ruh?“ fragte er mit

herausforderndem Blick auf den Untersuchungsrichter und den

Staatsanwalt.

„Wir begreifen sehr gut, daß Sie diese Worte soeben in der Gereiztheit

und im Ärger über uns und unsere Fragen gesprochen haben, – über die

Fragen, die wir an Sie stellen, und die Sie für Fußangeln oder

lächerliche Hintergedanken halten, die aber in Wirklichkeit von großer

Wichtigkeit sind und nur zur Sache führen,“ gab der Staatsanwalt trocken

zur Antwort.

„Aber erbarmen Sie sich, meine Herren! Ja, ich habe eine Mörserkeule

ergriffen ... Nun, wozu nimmt man zuweilen, wenn man erregt ist,

irgendeinen Gegenstand in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm das

Ding und lief hinaus. Und das ist alles. Das ist doch wirklich ... Meine

Herren, _passons_, oder ich schwöre Ihnen, ich sage kein Wort mehr!“

Er setzte den Ellenbogen auf die Tischkante und stützte den Kopf in die

Hand. So saß er, halb abgewandt von ihnen und bemühte sich, zur Wand

blickend, das in ihm aufsteigende schlechte Gefühl niederzuringen. Er

wollte am liebsten sofort aufstehen und erklären, daß er kein Wort mehr

sagen werde, „bringen Sie mich meinetwegen aufs Schafott!“

„Meine Herren,“ sagte er plötzlich, nur mit Mühe sich bezwingend, „sehen

Sie, ich höre Sie fragen, und es kommt mir dabei vor, wie ... Wissen

Sie, ich habe zuweilen einen Traum, sehr oft sogar ... einen ganz

besonderen Traum ... Mir träumt, daß mich jemand verfolgt, irgend

jemand, vor dem ich mich entsetzlich fürchte, er verfolgt mich in der

Dunkelheit, in der Nacht, sucht mich, und ich verstecke mich vor ihm

hinter der Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich in ganz

erniedrigender Weise, und die Hauptsache ist, er weiß ganz genau, wo ich

mich vor ihm verstecke, aber er tut absichtlich, als wüßte er nicht, wo

ich bin, er verstellt sich, um mich länger zu quälen, um sich an meiner

Angst zu weiden ... Und so machen auch Sie es jetzt! Genau so!“

„Also solche Träume haben Sie?“ erkundigte sich der Staatsanwalt.

„Ja, solche Träume ... Aber wollen Sie das vielleicht nicht auch

niederschreiben?“ fragte Mitjä mit boshaft verzogenem Lächeln.

„Nein, das wollen wir nicht niederschreiben, aber immerhin haben Sie

doch interessante Träume.“

„Jetzt aber ist es kein Traum mehr! Das ist der Realismus, meine Herren,

der Realismus des Lebens! Ich bin der Wolf, Sie sind die Jäger, nun, so

hetzen Sie mich denn!“

„Sie haben ganz grundlos diesen Vergleich gemacht ...“ wollte der

Untersuchungsrichter mit außerordentlich sanfter Stimme beginnen, doch

Mitjä unterbrach ihn.

„Nein, nicht grundlos, meine Herren, nicht grundlos!“ Er brauste wieder

auf, doch hatte er durch den Ausbruch des plötzlichen Zornes sein Herz

erleichtert, und so wurde er jetzt mit jedem Wort wieder ruhiger und

gutmütiger. „Sie können einem Verbrecher oder Verurteilten, den Sie mit

Ihren Fragen foltern, meinetwegen nicht glauben, aber an dem

edelmütigsten Menschen, meine Herren, an dem edelsten Aufschwung der

Seele – das sage ich dreist! – nein! an dem dürfen Sie nicht zweifeln

... dazu haben Sie kein Recht ... aber –

‚Trage dein Leid, mein Herz,

Ergib dich und schweige!‘

Nun, was, – soll ich fortfahren?“ brach er finster ab.

„Bitte, haben Sie die Güte,“ antwortete der Untersuchungsrichter.

V.

Das dritte Purgatorium

Mitjä sprach zwar in rauhem Tone und mürrisch, doch bemühte er sich

augenscheinlich, nicht das geringste zu vergessen, vielmehr alles bis

ins kleinste wiederzugeben. Er erzählte, wie er über den Zaun in den

Garten des Vaters hinabgesprungen war, wie er sich zum Fenster

geschlichen, und was er dort gesehen hatte. Klar, bestimmt, als wolle er

jedes Wort prägen, sprach er von seinen Gefühlen, die ihn in jenen

Augenblicken im Garten erregt hatten, als er so krampfhaft erfahren

wollte, ob Gruschenka beim Vater war oder nicht. Doch sonderbar, sowohl

der Staatsanwalt wie der Untersuchungsrichter hörten ihm diesmal mit

einer auffallenden Zurückhaltung zu, blickten ihn trocken an und

stellten viel weniger Fragen. „Scheinen sich geärgert zu haben und

gekränkt zu sein,“ dachte Mitjä, „ach nun, hol sie der Teufel!“ Als er

erzählte, wie er sich entschlossen hatte, dem Vater das _Zeichen_ zu

geben, daß Gruschenka gekommen sei, um sich zu vergewissern, ob er

allein war, und wie der Alte das Fenster geöffnet hatte, da beachtete

keiner von den Juristen das Wort „Zeichen“, als ob sie überhaupt nicht

verstanden hätten, welche Bedeutung dieses Wort hatte, so daß es selbst

Mitjä auffiel. Als er dann schließlich zu dem Augenblick kam, wie er

beim Anblick des beleuchteten Profils seines Vaters den Haß in sich

auflodern gefühlt und die Mörserkeule aus der Tasche gerissen hatte, da

hielt er plötzlich wie absichtlich inne. Er saß und blickte zur Wand und

wußte, daß die anderen mit ihren Blicken gleichsam wie gebannt an ihm

hingen.

„Nun, und?“ fragte der Untersuchungsrichter, „Sie rissen die Waffe

heraus und ... was geschah darauf?“

„Was darauf geschah? Und darauf erschlug ich ihn – zielte genau auf den

Scheitel und schlug ihm den Schädel ein ... So muß es doch gewesen sein,

nach Ihrer Meinung, nicht wahr?“

Sein ganzer Zorn, der sich bereits besänftigt hatte, erhob sich im

Augenblick wieder mit überwältigender Macht.

„Ja, nach unserer Meinung,“ bestätigte der Untersuchungsrichter, „nun,

und nach Ihrer?“

Mitjä senkte den Blick und schwieg lange.

„Nach meiner Meinung, meine Herren, meiner Meinung nach war es so,“

sagte er leise. „Waren es jemandes Tränen, war es ein Gebet meiner

Mutter zu Gott, oder umschwebte mich ein lichter Geist in jenem

Augenblick – ich weiß es nicht, aber der Teufel war niedergerungen. Ich

stürzte fort vom Fenster und lief zum Zaun ... Mein Vater erschrak, denn

da erst bemerkte er mich: er schrie auf und sprang zurück vom Fenster, –

das weiß ich noch ganz genau. Ich aber lief durch den Garten zum Zaun

... und dort war es, wo Grigorij mich einholte und mich am Bein ergriff,

als ich schon auf dem Zaun saß ...“

Mitjä erhob endlich den Blick zu seinen Zuhörern. Es schien, daß diese

ihn mit der ruhigsten Aufmerksamkeit betrachteten. Da war es Mitjä, als

krampfte sich seine Seele vor Unwillen zusammen.

„Aber Sie, meine Herren, Sie machen sich ja jetzt nur lustig über mich!“

unterbrach er sich.

„Wie kommen Sie darauf?“ fragte der Untersuchungsrichter.

„Weil Sie mir kein Wort davon glauben, darum! Ich begreife doch, daß das

der Hauptpunkt ist, zu dem ich gekommen bin: mein Vater liegt jetzt dort

mit eingeschlagenem Schädel, und ich, – nachdem ich so tragisch

geschildert habe, wie ich ihn erschlagen wollte und schon die

Mörserkeule herausriß, – ich laufe plötzlich fort vom Fenster ... Das

ist doch eine Dichtung! In Versen sogar! Da kann man jedes Wort dem

braven Jungen glauben! Haha! Spötter sind Sie, meine Herren!“

Und er drehte sich mit dem ganzen Körper auf dem Stuhl herum, so daß der

Stuhl in den Fugen krachte.

„Aber haben Sie vielleicht bemerkt,“ fragte plötzlich der Staatsanwalt,

als ob er Mitjäs Aufregung weiter gar nicht beachtete, „haben Sie es

nicht zufällig bemerkt, als Sie vom Fenster zum Zaun liefen: war die

Tür, die am anderen Ende der Gartenfassade des Hauses liegt, offen oder

geschlossen?“

„Nein, sie war nicht offen.“

„Nicht?“

„Sie war sogar verschlossen, und wer konnte sie denn öffnen? Warten Sie,

– die Tür!“ rief er plötzlich, gleichsam sich besinnend und fast

zusammenzuckend, „– haben Sie die Tür denn etwa offen vorgefunden?“

„Ja, offen.“

„Aber wer hat sie denn öffnen können, wenn Sie es nicht selbst getan

haben?“ fragte Mitjä höchst verwundert.

„Die Tür stand weit offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos

durch diese Tür eingedrungen, und nachdem er ihn ermordet hatte, wieder

durch dieselbe Tür hinausgegangen,“ sagte langsam und deutlich der

Staatsanwalt, indem er jede Silbe gleichsam einzeln aussprach. „Das ist

uns vollkommen klar. Der Mord ist ganz augenscheinlich im Zimmer verübt

worden, und _nicht durch das Fenster_, was vollkommen deutlich aus der

Lokalinspektion hervorgeht, aus der Lage des Körpers und aus allem. Über

diesen Punkt kann kein Zweifel bestehen.“

Mitjä war unglaublich betroffen.

„Aber das ist doch unmöglich, meine Herren!“ rief er ganz aus der

Fassung gebracht, „ich ... ich bin nicht hineingegangen ... ich,

bestimmt, ich versichere Sie, die Tür war die ganze Zeit, während der

ich im Garten war, und als ich aus dem Garten hinauslief, verschlossen.

Ich stand nur unter dem Fenster, und das war alles, alles ... Ich

erinnere mich dessen haarscharf bis zum letzten Augenblick. Und selbst

wenn ich mich nicht genau erinnern würde, so weiß ich doch genau, daß

das unmöglich ist, denn die _Zeichen_ waren doch nur mir, Ssmerdjäkoff

und ihm, dem Toten, bekannt, und ohne diese Zeichen hätte er niemandem

auf der Welt die Tür aufgemacht.“

„Zeichen? Was sind denn das für Zeichen?“ fragte sogleich mit gieriger,

fast krampfhafter Neugier der Staatsanwalt. Er hatte plötzlich seine

ganze gemessene Zurückhaltung verloren.

Er fragte, als wenn er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er

witterte eine wichtige Tatsache, die ihm noch unbekannt war, und sofort

empfand er auch die größte Angst, Mitjä könnte sie ihm vielleicht nicht

ganz aufdecken wollen.

„Ah – ah, und Sie wußten das nicht einmal?“ fragte Mitjä und blinzelte

ihm mit mokantem Lächeln spöttisch boshaft zu. „Wenn ich das nun nicht

sage? Von wem soll man das dann erfahren? Von diesen Zeichen wußten doch

nur der Verstorbene, ich und Ssmerdjäkoff, das sind alle, die was davon

wußten, – und noch der Himmel wußte es, aber der wird es Ihnen doch

nicht sagen. Und doch – wie interessant ist dieses Pünktchen! Weiß der

Teufel, was man noch alles darauf gründen könnte, ha – ha! Beruhigen Sie

sich, meine Herren, ich werde es Ihnen sagen. Sie denken sich da sonst

wieder Dummheiten zusammen. Überhaupt, Sie wissen gar nicht, mit wem Sie

zu tun haben! Sie, meine Herren, haben es mit einem Angeklagten zu tun,

der freiwillig gegen sich selbst aussagt, der zu seinem eigenen Nachteil

aussagt! Ja, das ist so, denn ich bin ein Mensch von Ehre, Sie aber –

sind es nicht!“

Der Staatsanwalt schluckte wortlos alle Pillen hinunter, er zitterte nur

vor Ungeduld, diese neue Tatsache zu erfahren. Mitjä erzählte

umständlich von den Zeichen und setzte alles genau auseinander, was

damit irgendwie in Verbindung stand. Er sagte, daß Fedor Pawlowitsch sie

sich für Ssmerdjäkoff ausgedacht hatte, er erklärte ihnen, was das erste

Zeichen bedeuten sollte, klopfte sogar die Zeichen auf dem Tisch vor,

und auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob denn auch er, Mitjä, an

das Fenster des Vaters das Zeichen „Gruschenka ist gekommen“, geklopft

habe, antwortete er mit fester Stimme, daß er geradeso geklopft habe, so

nämlich: tuck-tuck ... tuck-tuck-tuck, – was bedeutete: „Gruschenka ist

gekommen“.

„So, jetzt denken Sie sich was Schönes zusammen!“ brach Mitjä kurz ab

und wandte sich wieder mit unverhohlener Verachtung von ihnen ab.

„Und um diese Zeichen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der

Diener Ssmerdjäkoff? Und sonst niemand?“ erkundigte sich noch einmal der

Untersuchungsrichter.

„Ja, der Diener Ssmerdjäkoff und dann noch der Himmel. Schreiben Sie

auch den Himmel auf; das wird nicht überflüssig sein; und auch Ihnen

wird Gott noch zustatten kommen.“

Natürlich begann wieder das Schreiben, doch als man damit fertig war,

fragte der Staatsanwalt unvermittelt, als ob ihm ganz plötzlich ein

neuer Gedanke gekommen wäre:

„Aber wenn um diese Zeichen auch Ssmerdjäkoff gewußt hat und Sie auf das

bestimmteste jede Schuld am Tode Ihres Vaters von sich weisen, so fragt

sich doch, ob nicht er durch das verabredete Zeichen Ihren Vater

veranlaßt hat, ihm die Tür aufzumachen und dann also ... ob nicht

Ssmerdjäkoff den Mord verübt hat?“

Mitjä blickte mit unsäglich spöttischem, doch zu gleicher Zeit auch

sprühend haßerfülltem Blick dem Staatsanwalt in die Augen. Lange und

wortlos sah er ihn so an, bis schließlich der Staatsanwalt zu blinzeln

begann.

„Da haben Sie wieder den Fuchs gefangen!“ sagte Mitjä, endlich das

Schweigen brechend, „und dem schlauen Tier den Schwanz eingeklemmt,

haha! Ich durchschaue Sie vortrefflich, Herr Staatsanwalt. Sie glaubten

wohl, daß ich sofort aufspringen und mich an das klammern werde, was Sie

mir vorgesagt haben, daß ich sofort losschreien werde: ‚Ah, richtig,

Ssmerdjäkoff, das ist der Mörder!‘ Gestehen Sie nur, daß Sie gerade

etwas in der Art erwartet haben, gestehen Sie es, dann werde ich

fortfahren.“

Doch der Staatsanwalt gestand nichts. Er schwieg und wartete.

„Sie haben sich verrechnet, ich werde nicht Ssmerdjäkoff beschuldigen!“

sagte Mitjä.

„Und Sie verdächtigen ihn nicht einmal?“

„Verdächtigen Sie ihn denn?“

„Auch dieser Verdacht ist geäußert worden.“

Mitjä blickte stumpf zu Boden.

„Meine Herren, Scherz beiseite,“ sagte er düster. „Hören Sie mich: Ganz

zuerst, ja bereits in dem Augenblick, als ich von dort“ – er wies auf

die Portiere – „hervorgestürzt war und Sie alle hier erblickte, zuckte

mir schon dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Ssmerdjäkoff!‘ dachte ich

sofort. Darauf saß ich hier am Tisch und schrie, daß ich unschuldig bin

an diesem Blut, und bei mir denke ich die ganze Zeit: ‚Ssmerdjäkoff,

bestimmt Ssmerdjäkoff!‘ Und meine Seele konnte diesen Ssmerdjäkoff nicht

loswerden. Und schließlich jetzt ... dachte ich plötzlich gleichfalls

‚Ssmerdjäkoff‘, aber nur einen Augenblick, gleich darauf dachte ich:

‚Nein, nicht Ssmerdjäkoff!‘ Das ist keine Tat für ihn, meine Herren!“

„Haben Sie auch keinen Verdacht an einen anderen Menschen?“ fragte

vorsichtig der Untersuchungsrichter.

„Ich weiß nicht, wer oder was ... ob die Hand des Himmels oder des

Teufels ihn erschlagen hat, aber ... jedenfalls nicht Ssmerdjäkoff!“

sagte Mitjä bestimmt.

„Aber warum behaupten Sie denn so überzeugt und so nachdrücklich, daß er

es nicht sei?“

„Nach meiner Überzeugung, nach dem Eindruck, den er auf mich gemacht

hat. Weil Ssmerdjäkoff einer der niedrigsten Menschen und ein

furchtbarer Feigling ist. Oh, der ist nicht nur ein Feigling, der ist

die Quintessenz aller Feigheiten in der Welt zusammengenommen, die jetzt

in Menschengestalt auf zwei Beinen geht. Er ist von einem Huhn geboren

... Wenn er mit mir sprach, so zitterte er vor Angst, ich könnte ihn

erschlagen, während ich ihn doch mit keinem Finger anrührte, nicht

einmal die Hand erhob. Er fiel vor mir auf die Knie nieder und weinte, –

er hat mir sogar einmal diese selben Stiefel geküßt, buchstäblich geküßt

und mich angefleht, ihn ‚nicht zu ängstigen‘. Hören Sie, ‚nicht zu

ängstigen‘ – was ist das für ein Wort? Ich habe ihn sogar beschenkt. Das

ist ein kränkliches Huhn, das außerdem noch die Fallsucht hat, ein

Mensch mit einem schwachen Verstande, einer, den jeder achtjährige Knabe

verprügeln kann. Ist denn das überhaupt ein Mensch? Nein, Ssmerdjäkoff

kann es nicht gewesen sein, meine Herren. Und auch aus Geld macht er

sich nichts, er wollte nicht einmal was für seine Dienste von mir

annehmen ... Und warum hätte er ihn denn erschlagen sollen? Er ist doch

vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das auch?“

„Wir haben von diesem Gerücht gehört. Aber auch Sie haben doch gesagt,

daß Sie Ihren Vater erschlagen wollten.“

„Ah, Sie werfen einen Stein in meinen Garten, wie man zu sagen pflegt,

damit ich es nicht vergesse! Ein schmachvoller, gemeiner Stein ist es,

meine Herren! Ich aber fürchte mich nicht! Meine Herren, ich verstehe

nicht, wie Sie, Sie mir das ins Gesicht sagen können! Das ist niedrig

von Ihnen, niedrig, weil ich selbst Ihnen gesagt habe, daß ich ihn nicht

nur erschlagen wollte, sondern sogar erschlagen konnte, und ich habe

noch freiwillig gestanden, daß ich ihn beinahe auch wirklich erschlagen

hätte! Aber ich habe ihn doch nicht erschlagen! Davor hat mich doch mein

Schutzengel bewahrt! – das ist es, was Sie noch nicht bedacht haben ...

Und darum ist es niedrig, niedrig von Ihnen! Hören Sie, Herr

Staatsanwalt: _Ich habe ihn nicht erschlagen!_“

Er atmete schwer. Noch war er während des ganzen Verhörs kein einziges

Mal so erregt gewesen.

„Aber was hat er Ihnen denn gesagt, der Ssmerdjäkoff?“ fragte er

plötzlich auffahrend, nach einem kurzen Schweigen. „Darf ich Sie danach

fragen?“

„Durchaus. Sie können uns alles fragen, was den Tatbestand betrifft,“

antwortete der Staatsanwalt mit kalter und strenger Miene, „und wir

sind, ich wiederhole es, sogar verpflichtet, auf jede Ihrer Fragen

einzugehen. Wir fanden den Diener Ssmerdjäkoff, nach dem Sie sich

erkundigen, bewußtlos vor, in einem sehr starken Epilepsieanfall, der

sich vielleicht zum zehntenmal wiederholte. Der Arzt, der mit uns

gekommen war und den Kranken untersuchte, sagte uns, daß er

wahrscheinlich nicht mehr bis zum Morgen leben wird.“

„Nun, dann hat der Teufel den Vater erschlagen!“ entfuhr es Mitjä

plötzlich, als hätte er sich sogar bis zu diesem letzten Augenblick noch

immer zweifelnd gefragt: „Ist es Ssmerdjäkoff oder nicht Ssmerdjäkoff?“

„Darauf werden wir noch später zurückkommen,“ entschied der

Untersuchungsrichter, „würden Sie jetzt nicht Ihre Aussagen fortsetzen

wollen.“

Mitjä bat, sich einen Augenblick erholen zu dürfen. Das wurde ihm

höflich erlaubt. Nachdem er eine Weile still vor sich hingesonnen hatte,

fuhr er fort. Es wurde ihm aber augenscheinlich schwer. Er war

abgequält, beleidigt und moralisch erschüttert. Zudem begann der

Staatsanwalt – jetzt bereits ganz absichtlich – ihn durch immerwährende

„dumme“ Fragen nach den „geringfügigsten Nebensachen“ zu reizen. Kaum

hatte Mitjä erzählt, wie er, auf dem Zaune sitzend, Grigorij mit der

Mörserkeule auf den Kopf geschlagen hatte, da er von diesem am linken

Bein festgehalten worden war, als ihn der Staatsanwalt auch schon

unterbrach und ihn bat, genauer zu beschreiben, wie er auf dem Zaun

gesessen hatte. Mitjä wunderte sich darüber.

„Herrgott, ich saß oben auf dem Zaun, rittlings, wie man eben auf einem

Zaune sitzt: das eine Bein hier, das andere dort ...“

„Und die Mörserkeule?“

„Die Mörserkeule hatte ich in der Hand.“

„Nicht in der Tasche? Erinnern Sie sich dessen so genau? Holten Sie weit

aus zum Schlage?“

„Wahrscheinlich, aber warum fragen Sie das?“

„Würden Sie vielleicht die Güte haben, sich so auf den Stuhl zu setzen,

wie Sie damals auf dem Zaun saßen, und uns das anschaulich vorzumachen,

wie Sie ausholten, nach welcher Seite hin, und wie Sie geschlagen

haben?“

„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ fragte Mitjä, und er maß

den Staatsanwalt mit stolzem Blick von oben bis unten. Doch der zuckte

mit keiner Wimper.

Mitjä wandte sich brüsk um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und

holte mit der Hand wie zum Schlage aus.

„So habe ich geschlagen! So! Was wollen Sie jetzt noch?“

„Ich danke Ihnen. Würden Sie sich jetzt vielleicht die Mühe nehmen, uns

genau zu erklären: Warum Sie eigentlich nochmals hinabsprangen, zu

welchem Zweck, welch eine Absicht hatten Sie, als Sie es taten?“

„Nun, Teufel ... ich sprang einfach zum verletzten Alten hinab ... Ich

weiß nicht, wozu!“

„Während Sie so erregt waren? – und auf der Flucht?“

„Ja, ich war erregt und auf der Flucht.“

„Wollten Sie ihm helfen?“

„Was helfen! ... Ja, vielleicht auch helfen, ich weiß es nicht mehr.“

„Ohne zu wissen, was Sie taten? Das heißt, Sie waren wohl etwas ...

gewissermaßen besinnungslos?“

„Oh, nein, durchaus nicht, ich erinnere mich des Vorganges ganz genau,

bis aufs letzte. Ich sprang in den Garten zurück, um zu sehen, was ich

angerichtet hatte, und ich wischte ihm das Blut mit meinem Taschentuch

ab.“

„Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Sie hofften den Verletzten ins Leben

zurückzurufen?“

„Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffte. Ich wollte mich einfach nur

überzeugen, ob er noch lebte oder nicht.“

„Aha, Sie wollten sich also überzeugen. Nun, und überzeugten Sie sich?“

„Ich bin kein Arzt, ich konnte nicht feststellen, ob er tot war oder

noch lebte. Ich lief fort im Glauben, daß ich ihn erschlagen hätte – und

da ist er nun wieder zu sich gekommen!?“

„Vorzüglich, ich danke Ihnen,“ schloß der Staatsanwalt. „Das war alles,

was ich wissen wollte. Bitte, fahren Sie fort.“

Armer Mitjä! Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, zu sagen –

obgleich er sich dessen sehr wohl erinnerte –, daß er aus Mitleid

hinabgesprungen war, daß er sogar beim Anblick des vermeintlich

Erschlagenen traurig vor sich hingemurmelt hatte: „Bist mir in den Weg

gekommen, armer Alter, nun, so liege denn.“ Daher schloß der

Staatsanwalt aus seinen Aussagen, daß Mitjä „in jenem Augenblick und

trotz seiner Aufregung“ nur zu dem einen Zweck hinabgesprungen war, um

sich zu überzeugen, ob der _einzige_ Zeuge seines Verbrechens lebte oder

tot war. Wie groß mußte folglich die Entschlossenheit, Kaltblütigkeit

und Überlegungskraft dieses Menschen selbst in „solch einem Augenblick“

gewesen sein usw. usw. Der Staatsanwalt war sehr zufrieden. Er hatte

einen nervösen Menschen „durch Kleinigkeiten so weit gereizt, daß der

sich doch noch versprochen hatte“.

Mitjä fuhr gepeinigt zu erzählen fort. Er wurde aber alsbald wieder

unterbrochen; diesmal vom Untersuchungsrichter.

„Wie konnten Sie zur Magd Fedossja Markowna in die Küche gehen, da Sie

doch blutbefleckte Hände hatten?“

„Aber ich wußte es doch gar nicht, ich hatte es ja gar nicht bemerkt,

daß ich blutig war!“ sagte Mitjä.

„Diese Aussage ist sehr glaubwürdig, das kommt sehr oft in solchen

Fällen vor,“ sagte der Staatsanwalt mit einem Blick auf den

Untersuchungsrichter.

„Tatsächlich, ich hatte es überhaupt nicht bemerkt, da haben Sie ganz

recht, Herr Staatsanwalt,“ bestätigte Mitjä nochmals.

Darauf folgte die Erzählung von seinem plötzlichen Entschluß, sich zu

„beseitigen“ und „die Glücklichen ungestört an sich vorübergehen zu

lassen“. Doch konnte er nicht mehr, wie kurz vorher, von der „Königin

seiner Seele“ erzählen und sein Herz aufdecken. Es wäre ihm zu peinvoll,

zu qualvoll und zuwider gewesen, davon vor diesen kalten Menschen zu

reden, die sich „wie Wanzen an mir festgesogen haben“. Und darum

antwortete er auf die wiederholte Frage nur kurz und schroff:

„Nun, ich beschloß einfach, mich zu erschießen. Wozu sollte ich noch

leben? – Diese Frage stellte sich ganz von selbst. Ihr ... Derjenige,

dem ihre erste Liebe gehört hatte, ihr Beleidiger war mit seiner Liebe

zurückgekehrt, um nach fünf Jahren das Vergangene wieder gutzumachen und

um sie zu heiraten. Nun und da begriff ich, daß für mich alles verloren

war ... Und hinter mir lag dieses Blut, das Blut Grigorijs ... Wozu da

noch leben? Nun, und so ging ich denn zu Perchotin, um die versetzten

Pistolen auszulösen, um sie zu laden und mir bei Sonnenaufgang eine

Kugel vor den Kopf zu schießen ...“

„Und in der Nacht noch ein tolles Gelage?“

„Ja, ein tolles Gelage. Ach zum Teufel, kommen Sie schneller zu einem

Schluß, meine Herren. Erschießen wollte ich mich unbedingt ... hier,

nicht weit, ungefähr um fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche lag schon

der Zettel bereit ... den hatte ich bei Perchotin geschrieben, als die

Pistole geladen war. Hier ist das Ding, lesen Sie. Nicht Ihnen erzähle

ich das!“ fügte er plötzlich verächtlich hinzu. Er hatte das Papier aus

der Westentasche hervorgezogen und auf den Tisch geworfen. Die Juristen

lasen interessiert, was er am Abend vorher geschrieben hatte. Der Zettel

wurde, wie es sich gehört, ins Protokoll aufgenommen.

„Und die Hände zu waschen fiel Ihnen noch immer nicht ein, selbst als

Sie bei Herrn Perchotin eintraten? So fürchteten Sie also keinen

Verdacht?“

„Was für einen Verdacht? Verdacht – oder nicht, das war mir ganz egal

... ich hatte doch schon beschlossen, nach Mokroje zu fahren und mich

hier bei Sonnenaufgang zu erschießen, und niemand hätte vorher was

erfahren oder mich daran hindern können. Denn wenn nicht dieser Zufall

mit dem Vater dazwischen gekommen wäre, so hätten Sie doch nicht so bald

von dem Vorgefallenen erfahren, und wären dann natürlich auch nicht

hergekommen. Oh, das hat der Teufel getan, der Teufel hat den Vater

erschlagen, durch den Teufel haben auch Sie es so schnell erfahren! Wie

sind Sie nur so schnell hergekommen? Das ist doch wahrlich kaum

glaublich!“

„Herr Perchotin hat uns mitgeteilt, daß Sie, als Sie bei ihm eingetreten

sind, in der Hand ... in der blutigen Hand Ihr Geld gehalten haben ...

ein ganzes Paket Hundertrubelscheine – und das hat der Knabe, der bei

ihm aufwartet, gleichfalls gesehen.“

„Ja, so war es, ich erinnere mich dessen.“

„Jetzt gilt es, hier noch eine kleine Frage zu erledigen. Können Sie uns

vielleicht mitteilen,“ begann äußerst milde der Untersuchungsrichter,

„wo Sie plötzlich soviel Geld hergenommen hatten, da doch aus dem

Tatbestand und aus der Zeitberechnung klar hervorgeht, daß Sie von

Fedossja Markowna direkt zu Herrn Perchotin gegangen sind, sich also

nicht vorher in Ihre Wohnung begeben haben?“

Der Staatsanwalt runzelte ein wenig die Stirn über die so auf die Spitze

getriebene Frage, aber er unterbrach Neljudoff nicht.

„Nein, ich bin allerdings nicht nach Haus gegangen,“ antwortete Mitjä

offenbar sehr ruhig, doch hielt er den Blick zu Boden gesenkt.

„In diesem Fall erlauben Sie wohl,“ fuhr Neljudoff gleichsam

näherschleichend fort, „meine Frage zu wiederholen: Woher nahmen Sie

plötzlich eine so große Summe, wenn Sie, nach Ihrer eigenen Aussage,

noch um fünf Uhr ...“

„Wenn ich um fünf Uhr noch kein Geld hatte und für zehn Rubel die

Pistolen bei Perchotin versetzte, dann Frau Chochlakoff um dreitausend

Rubel anborgen wollte und von der nichts bekam, und so weiter die ganze

Litanei,“ unterbrach Mitjä gereizt. „Ja, sehen Sie mal, meine Herren, um

fünf Uhr keine zehn Rubel, und da plötzlich Tausende in den Fingern, –

verdächtig, wie? Wissen Sie, meine Herren, Sie zittern ja jetzt alle

beide vor Angst, ‚er könnte am Ende nicht sagen, wo er das Geld

hergenommen hat, und was dann?‘ Ja, so ist es auch, meine Herren: Ich

sage es nicht, Sie haben es erraten, Sie werden es nicht erfahren,“

sagte Mitjä entschlossen und bestimmt.

Die Juristen schwiegen beide eine Weile.

„Sie sehen doch ein, Herr Karamasoff, daß das zu erfahren für uns von

großer Wichtigkeit ist,“ sagte schließlich ruhig und bescheiden der

Untersuchungsrichter.

„Ich sehe dies vollkommen ein, aber ich sage es trotzdem nicht.“

Da mischte sich auch der Staatsanwalt hinein und erinnerte wieder daran,

daß der Angeklagte zwar nicht zu antworten brauchte, wenn er das für

sich für vorteilhafter hielt usw., doch hinsichtlich des Schadens, den

sich der Angeklagte durch das Verschweigen seiner Geldquelle zufüge, und

besonders noch, da es sich dabei um eine Frage von solcher Wichtigkeit

handelte, so ...

„Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug, ich habe den Sermon

schon gehört!“ unterbrach Mitjä wieder ungeduldig. „Ich begreife selbst

sehr gut, von welcher Wichtigkeit diese Frage ist, daß es der Hauptpunkt

ist, aber ich sage es trotzdem nicht!“

„Uns kann es ja schließlich gleichgültig sein, das ist nicht unsere

Sache, sondern Ihre, und Sie schaden sich dadurch nur,“ bemerkte der

Untersuchungsrichter etwas gereizt.

„Scherz beiseite, meine Herren, sehen Sie: –“ Mitjä erhob den Blick und

sah sie beide fest an. „Ich hab es schon gleich zu Anfang vorausgefühlt,

daß wir gerade in diesem Punkt mit den Köpfen aneinanderprallen würden.

Als ich meine Aussagen begann, lag alles andere noch neblig in weiter

Ferne, alles wogte noch verschwommen durcheinander, und ich war sogar so

naiv, daß ich mit dem Vorschlag, ‚uns gegenseitig volles Vertrauen zu

schenken‘ begann. Jetzt sehe ich ein, daß von Vertrauen hier überhaupt

nicht die Rede sein kann, denn wir mußten doch einmal auf diesen

verfluchten Punkt stoßen. Nun, und jetzt sind wir auch glücklich da

angelangt! Es geht nicht, und das genügt. Übrigens, ich mache Ihnen

keine Vorwürfe, Sie können mir nicht aufs Wort glauben, das begreife ich

doch!“

Er verstummte. Sein Gesicht war düster.

„Aber könnten Sie nicht, ohne im geringsten Ihren Entschluß, das

Hauptsächlichste zu verschweigen, aufzugeben, könnten Sie uns nicht

trotzdem wenigstens einen kleinen Wink geben oder andeuten, welcher Art

die Gründe sind, die Sie zu einer so gefährlichen, für Sie gefährlichen

Verheimlichung eines so wichtigen Punktes bewegen?“

Ein trauriges und gleichsam nachdenkliches Lächeln erschien auf Mitjäs

Lippen.

„Ich bin sogar viel gütiger, als Sie von mir glauben, meine Herren. Ich

werde Ihnen sagen, warum ich es nicht tun kann, und werde Ihnen auch den

gewünschten Wink geben, obgleich Sie das eigentlich gar nicht wert sind.

Hören Sie, meine Herren, ich verschweige es darum, weil darin eine

Schmach für mich liegt. Jawohl, in der Antwort auf die Frage: Woher ich

dieses Geld genommen habe, liegt für mich eine Schmach, mit der man

selbst die Ermordung und Beraubung meines Vaters nicht vergleichen

könnte – wenn ich ihn erschlagen und beraubt hätte. Das ist der Grund,

warum ich es nicht sagen kann. Wegen der Schande kann ich es nicht. Wie,

meine Herren, Sie wollen auch das niederschreiben?“

„Ja, das muß aufgeschrieben werden,“ sagte der Untersuchungsrichter.

„Das sollten Sie lieber nicht tun, meine Herren, das von der ‚Schmach‘.

Das habe ich Ihnen doch nur aus Anständigkeit gesagt, ich hätte es nicht

zu sagen gebraucht, ich habe es Ihnen sozusagen geschenkt. Und Sie

wollen das gleich schwarz auf weiß niederschreiben! – Ach nun, schreiben

Sie, schreiben Sie, was Sie wollen,“ brach er verächtlich und gereizt

ab, „– ich fürchte Sie nicht und ... bleibe stolz vor Ihnen!“

„Und würden Sie nicht auch sagen, welcher Art diese Schmach wäre?“

fragte wieder freundlich der Untersuchungsrichter.

Der Staatsanwalt runzelte geärgert die Stirn.

„Nein, _c’est fini_, geben Sie sich weiter keine Mühe. Und wozu sich

besudeln? Hab mich schon sowieso an Ihnen besudelt. Sie sind es nicht

wert, weder Sie noch sonst jemand ... Genug davon, meine Herren, ich

sage nichts mehr.“

Es war gar zu bestimmt gesagt. Der Untersuchungsrichter gab es auf,

weiter in ihn zu dringen, doch da sah er am Blick des Staatsanwalts, daß

dieser die Hoffnung noch nicht verloren hatte.

„Aber können Sie nicht wenigstens das eine angeben: Wie groß war die

Summe, die Sie in der Hand hielten, als Sie bei Herrn Perchotin

eintraten, wieviel Rubel waren es?“

„Nein, das will ich nicht angeben.“

„Herrn Perchotin haben Sie, glaube ich, gesagt, daß es dreitausend

gewesen seien, die Sie angeblich von Frau Chochlakoff erhalten hätten.“

„Es ist möglich, daß ich ihm das gesagt habe. Aber genug, meine Herren,

ich sage nicht, wieviel es waren.“

„Dann haben Sie wohl die Güte, zu erzählen, wie Sie hierher nach Mokroje

gefahren sind, und alles, was Sie nach der Ankunft hier getan haben.“

„Ach Gott, fragen Sie das doch hier die Leute. Aber, übrigens, ich kann

es ja meinetwegen auch selbst erzählen.“

Er erzählte trocken, flüchtig. Von seiner Liebe sprach er kein Wort.

Dafür aber erzählte er, wie er den Entschluß, sich zu erschießen,

aufgegeben hatte, „infolge der veränderten Lage der Dinge“. Er erzählte,

ohne zu begründen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Und auch die

Juristen unterbrachen ihn nicht mehr; es waren das für sie

augenscheinlich Nebensachen, die sie weniger interessierten.

„Das werden wir noch alles nachprüfen, da wir darauf beim Verhör der

Zeugen zurückkommen müssen; dasselbe wird selbstverständlich in Ihrer

Gegenwart stattfinden,“ sagte der Untersuchungsrichter und schloß damit

das Verhör. „Jetzt aber werden Sie vielleicht so freundlich sein, alles

hierher auf den Tisch zu legen, was Sie bei sich haben, und vor allem

das ganze Geld, welches sich augenblicklich in Ihrem Besitze befindet.“

„Das Geld, meine Herren? Bitte, ich verstehe, daß das notwendig ist. Es

wundert mich, daß Sie nicht schon früher Ihre Neugier zu befriedigen

versucht haben. Allerdings, ich saß ja unter Ihren Augen, wäre ja auch

nicht fortgegangen. Nun, hier ist es, mein ganzes Geld, zählen Sie mal

nach, nehmen Sie. So, – das ist alles, glaube ich.“

Er durchsuchte seine sämtlichen Taschen und zog alles hervor, was er an

Geldstücken fand, selbst das Kleingeld. In seiner Westentasche fand er

noch zwei Zwanziger. Man zählte das Geld, und es zeigte sich, daß es nur

achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren.

„Und das ist alles?“ fragte der Untersuchungsrichter.

„Alles.“

„Sie sagten soeben, als Sie Ihre Aussagen machten, daß Sie in der

Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff dreihundert Rubel bezahlt haben.

Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, für die Fahrt zwanzig,

hier haben Sie zweihundert verspielt, dann ...“

Der Untersuchungsrichter rechnete alles zusammen, was Mitjä noch

außerdem bezahlt hatte, und Mitjä half ihm dabei bereitwillig. Jeder

Kopeke erinnerte man sich, und alles wurde aufgeschrieben. Darauf

rechnete der Untersuchungsrichter oberflächlich die Zahlen zusammen.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 28 / 40 题