Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Betrunken, wie?“

„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“

„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber

genug, genug davon!“

„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“

„Ja, ich lade die Pistole.“

Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen

hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie

dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie

hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu

betrachten.

„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn

unruhig und besorgt beobachtete.

„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese

Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole

ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“

„Warum sollte ich sie denn betrachten?“

„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch

interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht ... Aber übrigens,

was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So,

fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch,

lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für

ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“

„Da ist Papier.“

„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und

Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei

Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die

Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten,

verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er

blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte

gedankenverloren.

„Gehen wir jetzt,“ sagte er.

„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht ... Sie wollen sich

diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen ...“ sagte Perchotin

unmutig.

„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß

dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein

heißes Licht ... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg

freizugeben?“

„Wie das, den Weg freizugeben?“

„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den

Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den

Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht

vorüber, ich aber ...“

„Sie aber?“

„Genug, gehen wir.“

„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“

Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach

Mokroje?“

„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung

genügen. Genug. Gehen wir!“

„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir

immer, ich weiß nicht warum, gefallen ... ich beunruhige mich

Ihretwegen.“

„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die

Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich

hatte ihn schon ganz vergessen.“

Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und

meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen,

Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde.

Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen

anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben.

„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In

meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre

auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen ... wenn ich es

erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es

in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es

vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen

versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So

werden Sie es doch nur verlieren!“

„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“

„Wozu soll ich dorthin fahren?“

„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das

Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich

trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“

„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war

gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“

„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff

trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten

aufgeben?“

„Nun, gib’s nur auf.“

Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor,

faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer

Handschrift stand darauf geschrieben:

„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein

Leben.“

„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort ...,“

murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte.

„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken

wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“

Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur

ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke.

Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber

waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort

alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere

Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte,

Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei

Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt,

der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte

doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch

mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte

sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig

erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen

ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte,

Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich

nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie

jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten

hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er

alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne

nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach

doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach

Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage

dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller

zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns

niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue

Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft

und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen)

getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige

Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem

Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte

man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges

Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre

etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze

„Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr

Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“.

Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der

Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die

Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging

auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits

„erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu

vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich.

„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt.

„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und

da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit

verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir

Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr

viel später ankommen?“

„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und

selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei

abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir,

Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen

sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein

noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen

Mantel trug er auf dem linken Arm.

„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“

„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne

halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“

Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine

Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin

fand es geboten, sich in die Sache einzumischen.

„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz

genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend

Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“

„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist

das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für

vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“

Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster

Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes

Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven

und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade,

Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort

eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika

abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei,

und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde

später als der Herr in Mokroje ankommen würden.

„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade

und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte

Mitjä noch eifrig hinzu.

„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend

Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin

geärgert.

Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte

sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es

endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware

eingepackt werden sollte.

„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das

mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos

bekommen hast!“

„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“

Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine

Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber

Mensch, ich liebe solche wie du.“

Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch,

der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ

sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im

selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde

noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität,

letzte Sendung ...“

„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“

stieß Perchotin geradezu wütend hervor.

„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich

habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er

plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“

„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich

... für Bauernkerle!“

„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine

Ordnung in mir, keine höhere Ordnung ... Aber ... das ist jetzt vorüber,

wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel,

wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal

Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“

„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze.

‚Heil dem Höchsten in der Welt,

Heil dem Höchsten auch in mir!‘

– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele

gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen ... Ich habe sie

selbst gedichtet ... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am

Bärtchen zog ...“

„Wie kommst du auf ihn?“

„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende,

alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“

„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“

„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe

das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist.

Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns

trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so

zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden

mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir

zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen

und seine Schöpfung, aber ... man muß ein scheußliches Insekt

vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben

verdirbt ... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres

als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine

Königin aller Königinnen!“

„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine

Königin.“

Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und

Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde

und er sie nicht loswerden könnte.

„Mischa ... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa,

Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den

goldlockigen Jüngling, der morgen ...“

„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte

ihn aufzuhalten.

„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“

„Ach nun!“

Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort.

„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein

Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut,

Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums

Herz, so schwer, Horatio ... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin

vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“

Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä.

„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen

Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen

Augen bemerkt hatte.

„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis

höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man

es ihr zurückbringen müssen.“

„Ich habe einmal ein ähnliches gesehen ... im Regiment ...“ sagte Mitjä

gedankenverloren, „nur hatte es sich die Hinterpfötchen gebrochen ...

Pjotr Iljitsch, ich wollte dich noch fragen, gut, daß es mir einfällt:

Hast du je in deinem Leben gestohlen – oder nie?“

„Was soll das?“

„Nein, ich frage dich nur so. Ich meine, aus der Tasche eines anderen

Menschen etwas Fremdes? Ich rede nicht von der Staatskasse, die wird

natürlich von allen gerupft und auch von dir, versteht sich ...“

„Geh zum Teufel.“

„Ich meine aber Fremdes: gleich aus der Tasche, aus dem Portemonnaie?“

„Von meiner Mutter habe ich einmal einen Zwanziger gestohlen, ich war

ein neunjähriger Knabe. Ich nahm ihn leise vom Tisch und verbarg ihn in

der Faust.“

„Nun, und?“

„Nun, nichts weiter. Drei Tage verwahrte ich ihn, dann schämte ich mich,

gestand es und gab ihn zurück.“

„Nun, und dann?“

„Das ist doch klar: ich wurde gedroschen. Aber wozu fragst du, hast du

etwa selbst gestohlen?“

„Hab’ gestohlen,“ sagte Mitjä mit einem verschmitzten Lächeln.

„Was hast du gestohlen?“

„Von meiner Mutter einen Zwanziger, ich war ein neunjähriger Knabe, nach

drei Tagen gab ich ihn zurück.“

Als er das gesagt hatte, erhob er sich plötzlich.

„Herr, wollen wir uns nicht beeilen?“ ertönte von der Tür Andreis

Stimme.

„Ist alles bereit? Gehen wir!“ Mitjä fuhr unmutig auf. „Noch das letzte

Wort und ... Dem Andrei einen Schnaps auf den Weg! Und auch ein Glas

Kognak für ihn außer dem Schnaps! Dieser Kasten (mit Pistolen) kommt

unter den Sitz. Leb wohl, Pjotr Iljitsch, denk nicht schlecht von mir!“

„Aber du kommst doch morgen zurück?“

„Unbedingt.“

„Werden der Herr vielleicht jetzt die kleine Nota begleichen?“ fragte

freundlich ein flink herbeigesprungener Kommis.

„Ach, ja, natürlich! Versteht sich!“

Und wieder zog er alle Scheine aus der Tasche heraus, nahm die obersten

drei regenbogenfarbenen und warf sie auf den Ladentisch. Dann eilte er

hinaus. Ihm folgte unter Bücklingen und mit guten Wünschen auf die Reise

das ganze Personal. Andrei räusperte sich und sprang auf seinen Platz.

Doch kaum wollte Dmitrij einsteigen, als plötzlich Fenjä auftauchte. Sie

kam atemlos herangelaufen, schlug die Hände flehend zusammen und stürzte

mit einem Schrei vor Mitjä auf die Knie nieder.

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, Täubchen, bringen Sie sie nicht um! Und

ich, ich habe Ihnen alles erzählt in der Angst! ... Und auch ihn bringen

Sie nicht um, das ist doch der Frühere, ihr Liebster! Er wird jetzt

Agrafena Alexandrowna heiraten, er ist doch nur deswegen aus Sibirien

zurückgekehrt ... Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, richten Sie nicht

fremdes Leben zugrunde!“

„Aha, das also ist es! Nun, da kann er ja was Schönes anrichten!“

brummte Perchotin vor sich hin. „Jetzt begreife ich ... jetzt hat alles

seine Erklärung ... Dmitrij Fedorowitsch, gib mir mal sofort die

Pistolen her, wenn du ein Mensch sein willst,“ rief er ihm laut zu,

„hörst du!“

„Die Pistolen? Wart, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs in den

Graben werfen,“ sagte Mitjä. „Fenjä, stehe auf, liege nicht so vor mir

auf den Knien. Niemanden wird Mitjä, dieser dumme Mensch, zugrunde

richten, hinfort niemanden mehr. Und noch eines, Fenjä,“ rief er ihr,

bereits einsteigend, zu, „ich habe dich vorhin gekränkt und habe dir weh

getan, verzeih es mir und vergib dem Bösewicht ... willst du es aber

nicht vergeben, nun dann meinetwegen auch nicht! Jetzt ist doch schon

alles einerlei! Fahr zu, Andrei, geschwind!“

Andrei zog die Leine an und knallte mit der Peitsche: Glocken und

Schellen ertönten.

„Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Dir die letzte Träne! ...“

„Er ist nicht betrunken und schwatzt doch wie im Delirium!“ dachte

Perchotin bei sich, als die Troika wie der Wind um die Ecke gebogen und

verschwunden war. Er hatte sich vorgenommen, so lange zu warten, bis man

die zweite Troika mit den übrigen Vorräten abgeschickt hätte, denn er

sagte sich, daß man bei der Gelegenheit wahrscheinlich tüchtig betrügen

wollte; doch plötzlich drehte er sich ärgerlich um und begab sich zu

seiner Billardpartie.

„Ein Esel, wenn auch sonst ein netter Junge ...“ brummte er unterwegs

vor sich hin. „Von einem gewissen Offizier, diesem Vormaligen der

Gruschenka, habe ich gehört. Nun, wenn er jetzt zurückgekehrt ist ...

Ach, die verfluchten Pistolen! Zum Teufel, was geht das schließlich mich

an, ich bin doch nicht seine Kindermagd! Mag er doch! Aber es wird ja

nichts geschehen. Hunde, die bellen, beißen nicht. Solche Leute trinken

und prügeln sich, prügeln sich und versöhnen sich. Sind denn das

Tatmenschen? Doch was war das mit dem ‚ich werde den Weg freigeben,

strafe mich für mein Leben‘? Ach was, Geschwätz. Er hat doch wahrlich

nicht wenig ähnliches Zeug geredet, wenn er betrunken war. Jetzt aber

war er wirklich nicht betrunken. ‚Mein Geist ist trunken‘ – schönen Stil

lieben die Schufte. Ach, was geht das mich an, bin doch nicht seine

Kindermagd. Und das Prügeln stets erstes Lebenselement! Sein ganzes

Gesicht war mit Blut besudelt. Und das ganze Taschentuch ... Pfui

Teufel, jetzt liegt es bei mir auf dem Fußboden ... Schweinerei!“

In der schlechtesten Gemütsverfassung erreichte er endlich das Gasthaus

„Zur Hauptstadt“ und begann sofort die Partie. Das Spiel zerstreute ihn.

Man begann darauf eine zweite Partie, und plötzlich ließ er im Gespräch

mit seinem Partner die Bemerkung fallen, daß Dmitrij Karamasoff wieder

Geld in Fülle besitze, etwa dreitausend Rubel, daß er es selbst gesehen

habe, und daß Mitjä wieder nach Mokroje zu einem Gelage mit Gruschenka

gefahren sei. Diese Nachricht wurde mit erstaunlicher Aufmerksamkeit

aufgenommen. Und alle sprachen sonderbarerweise vollkommen ernst

darüber, keineswegs scherzend oder gleichgültig. Sie unterbrachen sogar

das Spiel.

„Dreitausend? Woher hat er die denn plötzlich bekommen?“

Man begann ihn auszufragen. Daß Frau Chochlakoff ihm das Geld gegeben

habe, wurde stark bezweifelt.

„Oder hat er vielleicht den Alten beraubt?“

„Weiß der Teufel, dreitausend! Da muß irgend etwas nicht in Ordnung

sein.“

„Hat er sich denn nicht immer gerühmt, daß er den Vater erschlagen

werde, das haben wir doch alle gehört! Und gerade von dreitausend Rubeln

sprach er das letztemal ...“

Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und

knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt

hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich

beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte

Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber

Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter

spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen.

Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und

verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu

Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht

etwas Besonderes geschehen war.

„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn

mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem

Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was

geht das mich an!“

In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch

plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht

bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige

Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem

Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo

Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der

Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf:

er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles

schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf

einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der

Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und

zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die

ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte

er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte

er lauter, immer lauter.

VI.

„Ich fahre!“

Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje

waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß

er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien

Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel

flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und

vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und

„in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in

Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in

seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur

zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten,

– um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch

eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses

eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen

plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“,

nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher

neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und

vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch

für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein

feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber:

„Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe,

die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand

mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich

– warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich

dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will

ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst

wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles

zu Ende ...“

Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben,

wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm

unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken

entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und

wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich

aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren

ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten

Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte

keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies

kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig

seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes

Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die

Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie

er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen

werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn

quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz,

und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele

festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen

und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf

den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging

wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“,

und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an

sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er

wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von

ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn

sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten,

das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so

viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war,

in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle,

Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie

Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg

freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in

einem Anfall hysterischer Ekstase.

Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der

sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz,

als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“

an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä

entsetzt zu:

„Andrei! ... Aber wenn sie schon schlafen?“

Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an

diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht.

„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“

Mitjä runzelte finster die Stirn, ein krankhaftes Gefühl erfaßte ihn.

„Nein, wirklich, was dann, wenn er ankommt ... mit diesen Gefühlen ...

und sie schlafen bereits ... und auch sie schläft vielleicht gleichfalls

... im selben Hause ...?“ Ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf.

„Schneller, Andrei, jage!“ schrie er außer sich.

„Aber es kann auch sein, daß sie sich noch nicht hingelegt haben,“

meinte Andrei nach einem Weilchen Nachdenken. „Timofei sagte, daß sich

ihrer dort viele versammelt haben ...“

„Auf der Poststation?“

„Nein, nicht dort; bei Plastunoffs, im Einkehrhaus, also sozusagen in

der Herberge, das wäre so eine freie Station für die Reisenden, ohne

Post.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber was sagst du da von vielen, die sich dort

versammelt hätten? Wie viele? Wer das?“ Mitjä war durch die unerwartete

Nachricht außergewöhnlich erregt.

„Timofei erzählte so. Alles Herren: aus der Stadt zwei, was für welche,

weiß ich nicht, aber sie sollen aus der Stadt sein und dann noch zwei

andere, angereiste, wie er sagte, und wer kann wissen, vielleicht noch

jemand, ich hab ihn nicht viel ausgefragt. Sie haben angefangen Karten

zu spielen, sagte er.“

„Karten?“

„So ist denn wohl möglich, daß sie noch nicht schlafen, wenn sie Karten

zu dreschen angefangen haben. Was wird es denn jetzt viel an der Zeit

sein, gut, wenn es elf ist.“

„Schneller, Andrei, so jage doch!“ schrie ihm Mitjä abermals zu.

„Nur möchte ich gern fragen, Herr,“ begann nach kurzem Schweigen Andrei,

„weiß nur bloß nicht, wie ich das machen soll, damit der Herr sich nicht

ärgert.“

„Was?“

„Vorhin fiel Fedossja Markowna vor dem Herrn auf die Knie und bat, ihre

Herrin und noch jemand nicht umzubringen ... So denk ich denn, ich

bringe ihn jetzt wohl hin ... Verzeiht, Herr, ich fragte nur so aus

Gewissensangst, vielleicht habe ich was Dummes gesagt.“

Mitjä faßte ihn plötzlich hinterrücks an den Schultern.

„Du bist doch ein Kutscher? Ein Kutscher, nicht wahr?“ fragte er erregt.

„Nun ja, wie man’s nimmt, eigentlich ein Fuhrmann ...“

„Weißt du nicht, daß man ausbiegen und anderen den Weg freigeben muß?

Oder glaubst du, daß man drauflosfahren muß, wenn auch die anderen dabei

in den Graben stürzen oder unter deine Räder kommen? Nein, Andrei,

überfahre niemanden! Man darf nicht Menschen überfahren, man darf den

Menschen nicht das Leben zerstören. Wenn du aber ein Leben zerstört

hast, so strafe dich selbst ... wenn du es verdorben hast, wenn du nur

jemandem das Leben verdorben hast – so richte dich und verschwinde!“

Diese Worte sprudelten wie im Krampf aus ihm hervor. Andrei wunderte

sich über den Herrn, setzte aber doch das Gespräch fort.

„Da hat der Herr ein wahres Wort gesagt: Das darf man nicht, einen

Menschen überfahren, auch quälen nicht, und wenn’s auch nur ein Vieh

ist, denn auch ein Vieh ist als Vieh von Gott geschaffen, selbst so ein

Pferd. Mancher aber jagt wie blind drauflos, und wenn’s dann halten

heißt, dann ist’s zu spät, er jagt dir schnurstracks ...“

„In die Hölle?“ fiel Mitjä ein und lachte darauf sein unerwartetes,

eigenartig kurzes Lachen. „Andrei, du goldene Seele, sag!“ Mitjä faßte

ihn wieder hinterrücks an den Schultern, „sag, wird Dmitrij Karamasoff

schnurstracks in die Hölle kommen oder nicht, was meinst du?“

„Das kann ich nicht wissen, Täubchen, das wird von Euch abhängen, denn

Ihr seid doch bei uns, wie ... Seht, Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz

geschlagen war und starb, da ging er vom Kreuz schnurstracks in die

Hölle und befreite alle Sünder, die sich dort quälten. Und da ächzte die

Hölle, weil, wie sie glaubte, hinfort niemand mehr hinkommen werde, also

keine Sünder mehr. Und da sagte der Herr zur Hölle: ‚Ächze nicht, Hölle,

denn es werden hinfort viele Reiche und Herrscher und Richter und

Mächtige und Würdenträger zu dir kommen, und du wirst hinfort wiederum

genau so gefüllt sein, wie du es von Ewigkeit warst, bis daß ich

wiederkomme.‘ Und das ist wahr, das hat der Herr genau so gesagt ...“

„Eine Volkslegende, prachtvoll! Zieh dem Linken eins über, Andrei!“

„Das ist schon so, Herr, für wen die Hölle bestimmt ist,“ – Andrei zog

dem Linken eins über – „der kommt hinein, und was für welche

hineinkommen, das hat der Herr damals der Hölle vorausgesagt. Aber Ihr

seid doch für mich wie ein klein Kindchen ... so kommt Ihr mir immer vor

... Und wenn der Herr auch jähzornig ist, das ist wohl wahr, so wird

doch Gott Euch für Euer gutes Herz vergeben.“

„Und du, vergibst du mir, Andrei?“

„Was habe ich Euch denn zu vergeben, Herr, Ihr habt mir doch nichts

Schlechtes getan.“

„Nein, für alle, für alle du allein, jetzt gleich, sofort, hier im

Wagen, auf der Fahrt, vergibst du mir für alle? Sprich, du Volksseele!“

„Ach Herr! Es wird einem ganz bange, Euch zu fahren. Eure Worte sind

heute ganz wunderlich ...“

Mitjä hörte nicht, was Andrei brummte. Er betete wie wahnsinnig und

flüsterte angstvoll vor sich hin.

„Vater unser, nimm mich in meiner ganzen Gottlosigkeit, aber richte mich

nicht! Ruf mich nicht vor deinen Richterstuhl, laß mich ohne Gericht

vorübergehn ... Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet.

Richte mich nicht, denn ich liebe Dich, Herr! Niedrig bin ich, aber ich

liebe Dich; schickst Du mich in die Hölle, so werde ich Dich auch dort

lieben, werde auch von dort zu Dir emporschreien, daß ich Dich ewig,

ewig liebe ... Doch laß auch mich zu Ende lieben ... jetzt hier zu Ende

lieben, nur noch fünf Stunden bis zum ersten warmen Strahl Deines Lichts

... Denn ich liebe die Königin meiner Seele! Ich liebe sie, und ich kann

nicht anders als sie lieben. Du siehst mich doch ganz, Du kennst mich

ganz, Du weißt doch, wie ich bin! Richte mich nicht, ich habe mich schon

gerichtet; ich werde vor ihr niederstürzen und sagen: Es war recht von

dir, daß du an mir vorübergingst ... Lebe wohl und vergiß dein Opfer,

beunruhige dich niemals meinetwegen!“

„Mokroje!“ rief Andrei und wies mit der Peitsche nach vorn.

Im bleichen Dunkel der Sternennacht hoben sich vor ihnen schwarze,

kleine Häusermassen aus der Erde empor; stellenweise lagen sie dichter,

stellenweise verstreuter. Das Dorf Mokroje zählte etwa zweitausend

Einwohner. Zu dieser Stunde lag es schon in tiefem Schlaf, nur hier und

da blitzten noch ein paar bescheidene Lichter durch die Nacht.

„Jage, jage, Andrei, _ich_ komme angefahren!“ rief Mitjä wie im Fieber.

„Sie schlafen noch nicht!“ sagte Andrei, und wies mit der Peitsche auf

das Plastunoffsche Haus, das gleich bei der Einfahrt ins Dorf lag, und

dessen sechs Fenster, die auf die Straße sahen, hell erleuchtet waren.

„Sie schlafen nicht!“ griff Mitjä jubelnd auf. „Jage, Andrei,

galoppiere, fahre donnernd vor! Damit sie hören, wer angefahren kommt!

Ich! Ich komme angefahren!“ rief Mitjä atemlos, außer sich.

Andrei setzte seine dampfende, abgejagte Troika in Galopp und jagte

tatsächlich donnernd zur Vorfahrt. Mitjä sprang vom Wagen. Der Hauswirt

war schon im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, doch hatte er plötzlich

von ferne das Wagenrollen vernommen und war daher neugierig auf die

Treppe hinausgetreten, um zu sehen, wer zu so später Stunde so wild

daher jagte.

„Trifon Borissytsch, bist du es?“ fragte Mitjä.

Trifon Borissytsch beugte sich vor, blickte angestrengt durch das Dunkel

und eilte dann geschwind in unterwürfigem Entzücken die Treppe hinab,

dem Gaste entgegen.

„Väterchen, Dmitrij Fedorowitsch! Seid Ihr es wirklich, den wir sehen?“

Dieser Trifon Borissytsch war ein starkgebauter und gesunder Mann,

mittelgroß, mit einem etwas dicken Gesicht, das gewöhnlich eine strenge

und wichtige Miene annahm, besonders im Verkehr mit den Mokrojaner

Bauern, doch dafür die Fähigkeit besaß, den Ausdruck ganz unverhofft

schnell in das Gegenteil zu verwandeln, sobald Trifon Borissytsch einen

Verdienst witterte. Gekleidet war er stets auf russische Bauernart: er

trug ein russisches Hemd mit seitlichem Schluß und ein ärmelloses Wams.

Er besaß bereits ein bedeutendes Kapital, doch hatte er noch viel höhere

Ziele im Sinn. Ungefähr die Hälfte der Mokrojaner Bauern schuldete ihm.

Er aber ließ von ihnen auf Grund ihrer Schulden, von denen sie sich nie

befreien konnten, sein Land, das er von Gutsbesitzern pachtete oder auch

kaufte, unentgeltlich bearbeiten. Er war Witwer und hatte vier

erwachsene Töchter; die eine von ihnen war schon Witwe, lebte daher mit

ihren zwei kleinen Kindern, seinen Enkeln, bei ihm, und arbeitete für

ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter hatte einen kleinen

Beamten, irgendeinen aufgedienten Schreiber geheiratet, und in einem der

Zimmer des Absteigequartiers hing unter den Familienbildern auch die

Miniaturphotographie dieses Beamten in Uniform und mit Achselklappen.

Die beiden jüngeren Töchter zogen sich zu Kirchenfesten, oder wenn sie

zu Besuch gingen, hellblaue oder hellgrüne Kleider an, die nach

französischer Mode genäht waren: Kleider mit langen Schleppen und

gerafften Taillen und Röcken. Doch das hinderte nicht, daß sie am

nächsten Morgen wie auch an Werktagen beim ersten Hahnenschrei

aufstanden, mit Birkenbesen die Zimmer ausfegten, das Waschwasser

hinaustrugen und die Betten machten. Trifon Borissytsch aber liebte es

noch trotz der bereits erworbenen Tausende von leutseligen Gästen ein

Überflüssiges zu nehmen, und da er von Dmitrij Fedorowitsch vor kaum

einem Monat zwei-, wenn nicht ganze dreihundert Rubel verdient hatte, so

begrüßte er ihn natürlich hocherfreut, – glaubte er doch schon in der

Art, wie der Gast angefahren kam, eine Gewähr für guten Verdienst zu

sehen.

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, können wir Euch wieder beherbergen?“

„Halt, Trifon Borissytsch,“ begann Mitjä, „zuerst die Hauptsache: Wo ist

sie?“

„Agrafena Alexandrowna?“ Der Wirt verstand ihn sofort und blickte ihm

scharf ins Gesicht. „Ja, auch sie ist hier ... sitzt mit ...“

„Mit wem, mit wem?“

„Es sind Durchreisende ... Der eine ist Beamter, wahrscheinlich ein

Pole, nach der Sprache zu urteilen, und er hat auch die Pferde nach ihr

geschickt. Und der andere, der mit ihm ist, ist sein Freund oder sein

Reisebegleiter, wer kann das wissen; sind in Zivil ...“

„Nun, und leben sie flott, auf großem Fuß – reiche Leute?“

„Ach wo! ganz kleine Leute, Dmitrij Fedorowitsch.“

„Kleine? Und die anderen?“

„Die sind aus der Stadt, nur zwei Herren ... Sie sind aus Tschernaja

zurückgekommen und vorläufig hiergeblieben. Der eine, der junge, muß

wohl ein Verwandter von Herrn Miussoff sein, nur habe ich seinen Namen

vergessen ... und den anderen werdet Ihr wohl auch kennen: der

Gutsbesitzer Maximoff, er sagt, er sei ins Kloster gefahren, jetzt aber

fährt er mit diesem Verwandten von Herrn Miussoff ...“

„Und das ist die ganze Gesellschaft?“

„Die ganze.“

„Halt, Trifon Borissytsch, sage jetzt das Wichtigste: Was macht sie, wie

ist sie?“

„Ja, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt mit ihnen.“

„Ist sie fröhlich? Lacht sie?“

„Nein, sie scheint nicht gerade sehr fröhlich zu sein ... Sitzt sogar

ganz gelangweilt, wie es scheint. Hat dem jungen Herrn das Haar gekämmt

...“

„Dem Polen, dem Offizier?“

„Nein, das ist doch kein junger Herr und doch auch gar kein Offizier;

nein, dem jungen Herrn, dem Verwandten von Herrn Miussoff ... nur habe

ich vergessen, wie er heißt ...“

„Kalganoff?“

„Richtig! Herr Kalganoff!“

„Gut, ich werde schon selbst sehen. Spielen sie Karten?“

„Haben gespielt und dann aufgehört, haben schon Tee getrunken, und der

Beamte hat Liköre verlangt.“

„Halt, Trifon Borissytsch, ich werde schon alles selbst sehen, aber

jetzt zurück zur Hauptsache: sind keine Zigeuner hier?“

„Von Zigeunern ist jetzt nichts zu hören, Dmitrij Fedorowitsch, die

Obrigkeit hat sie vertrieben, aber es gibt hier ein paar Juden, die

spielen auf Zimbeln und Geigen, nicht weit von hier, in

Roshdestwenskoje, man könnte sofort nachschicken, wenn’s beliebt. Sie

würden sofort kommen.“

„Nachschicken, unbedingt nachschicken!“ rief Mitjä belebt. „Und auch die

Mädchen zum Chor, wie damals, die Marja unbedingt, auch Stepanida,

Arina. Zweihundert Rubel für den Chor!“

„Ach, für solches Geld kann ich dir, Väterchen, das ganze Dorf

auftreiben, wenn sie auch jetzt schon alle schnarchen. Aber sind sie

denn das wert, Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, diese Bauern und

Dorfmädels? Für so ein gemeines Pack so viel Geld hinzuschleudern! Unser

Bauer und teure Zigarren rauchen, Gott, was versteht er denn davon! Du

aber, Väterchen, hast ihnen von der besten Sorte gegeben! Er stinkt ja

nur, der Räuber! Und die Mädels, das sind doch alles Lausefratzen! Ich

werde für dich, Väterchen, meine eigenen Töchter unentgeltlich

aufwecken, von so viel Geld gar nicht zu reden, sie sind nur gerade

schlafen gegangen, aber ich werde sie schon mit einem Rippenstoß

wachkriegen und singen machen! Ach, Väterchen, hast die Bauernkerle mit

Champagner traktiert – wo soll das hin!“

Trifon Borissytschs Bedauern war etwas überflüssig: er hatte damals

eigenhändig sechs Flaschen Champagner im Keller versteckt und unter dem

Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben und in der Faust behalten.

„Trifon Borissytsch, ich habe hier doch etwas mehr als tausend Rubel

durchgebracht, weißt du noch?“

„Väterchen, natürlich! haben vielleicht ganze Dreitausend hier in

Mokroje gelassen!“

„Nun, so wisse denn, daß ich auch jetzt dasselbe tun werde, siehst du?“

Und damit zog er wieder das ganze Paket Geldscheine aus der Hosentasche

und hielt sie dem Wirt unter die Nase.

„Jetzt höre mich und mach die Ohren auf: nach einer Stunde kommt der

Wein an, die Delikatessen, Pasteten, Süßigkeiten – alles sofort nach

oben. Diese Kiste, die hier im Wagen ist, gleichfalls sofort nach oben,

aufbrechen und den Champagner sofort in Eis hereinbringen ... Aber vor

allem den Chor, die Mädels, die Marja unbedingt ...“

Er wandte sich zum Wagen zurück und zog unter dem Sitz den

Pistolenkasten hervor.

„Hier, Andrei, die Abrechnung! Hier, fünfzehn Rubel für die Fahrt und

hier fünfzig Rubel Trinkgeld ... für deine Bereitwilligkeit, für deine

Liebe ... Gedenke des Herrn Karamasoff!“

„Habe Angst, Herr!“ sagte Andrei schwankend, „für fünf Rubel Trinkgeld

besten Dank, aber mehr nehm’ ich nicht, Trifon Borissytsch ist Zeuge.

Verzeiht, Herr, mein dummes Wort ...“

„Was fürchtest du?“ Mitjä maß ihn mit dem Blick. „Nun, hol dich der

Teufel, wenn’s so ...“ und er warf ihm die fünf Rubel zu. „Jetzt, Trifon

Borissytsch, führ mich so leise hinein, daß ich sie vorher alle sehen

kann, ohne dabei von ihnen gesehen zu werden. Wo sind sie denn, im

blauen Zimmer?“

Trifon Borissytsch warf einen etwas furchtsamen Blick auf Mitjä, tat

aber sofort gehorsam, wie ihm geheißen war: vorsichtig führte er ihn in

den Flur, ging dann allein in das große erste Zimmer, das neben dem

blauen Zimmer, in dem die Gäste saßen, lag, und brachte das Licht

hinaus. Darauf führte er Mitjä leise hinein und brachte ihn in die

dunkelste Ecke, von wo aus er ungehindert die Gäste, ohne selbst gesehen

zu werden, betrachten konnte. Doch Mitjä stand dort nicht lange und

konnte auch fast überhaupt nichts sehen: er erblickte sie – sein Herz

begann zu klopfen, und vor seinen Augen flimmerte es. Sie saß an einer

Seite des Tisches in einem Lehnstuhl, und neben ihr, auf dem Sofa, saß

der nette, noch ganz junge Kalganoff; sie hatte seine Hand erfaßt und

lachte, wie es schien. Kalganoff aber, der sie gar nicht ansah, sprach

laut und fast ärgerlich zu Maximoff, der Gruschenka am Tisch gegenüber

saß. Maximoff wiederum lachte herzlich. Auf dem Sofa saß außerdem noch

_er_ und neben ihm, auf einem Stuhl, mehr an der Wand, ein anderer

Unbekannter. Jener auf dem Sofa saß in auffallend ungenierter Pose und

rauchte eine Pfeife; es schien Mitjä, daß es ein untersetztes Männchen

von nicht hohem Wuchse war, der ein breites Gesicht hatte und sich über

irgend etwas ärgerte – mehr konnten seine flimmernden Augen nicht

unterscheiden. Sein Freund jedoch, der andere Unbekannte, schien von

ungewöhnlich hohem Wuchs zu sein. Das war alles, was er sah. Er rang

nach Atem. Er hatte noch keine ganze Minute gestanden, als er seinen

Pistolenkasten auf die Kommode stellte und sich zu der Gesellschaft ins

blaue Zimmer begab – eiskalt am ganzen Körper und fast besinnungslos.

„Ach!“ rief Gruschenka erschrocken aus; sie war die erste, die ihn

bemerkte.

VII.

Der Erste und Unbestrittene

Mitjä trat mit seinen großen, strammen Offiziersschritten sofort bis

dicht an den Tisch heran.

„Meine Herren,“ begann er laut, doch hielt er beinahe bei jedem Worte

inne, „ich ... ich – oh nichts! Fürchten Sie nichts!“ rief er, sich

plötzlich zu Gruschenka wendend, die sich im Lehnstuhl ängstlich zu

Kalganoff bog, dessen Hand sie krampfhaft umklammerte. „Ich ... ich bin

gleichfalls ... auf der Durchreise. Ich bleibe nur bis zum Morgen. Meine

Herren, gestatten Sie einem vorüberfahrenden Reisenden ... mit Ihnen die

Zeit bis zum ... Morgen zu verbringen? Nur bis zum Morgen, zum

letztenmal in diesem Zimmer mit Ihnen zusammen?“

Die letzten Worte sprach er zum wohlbeleibten Männlein mit der Pfeife

gewandt. Dieser setzte würdig seine Pfeife ab und sagte streng:

„Pane,[21] wir sein hier privatim. Hier befienden sich aber noch merrere

ander Ziemer ...“

„Ach, das sind Sie, Dmitrij Fedorowitsch, das ist ja herrlich!“ rief

plötzlich Kalganoff dazwischen. „So setzen Sie sich doch her zu uns,

guten Tag!“

„Guten Abend, teurer Mensch ... Sie sind unschätzbar! Ich habe Sie immer

gern gehabt ...“ erwiderte Mitjä freudig und streckte ihm sofort die

Hand entgegen.

„Au, wie stark Sie drücken! Sie haben mir beinahe alle Finger

zerbrochen,“ sagte Kalganoff lachend.

„So drückt er einem immer die Hand,“ griff fröhlich, doch noch mit etwas

schüchternem Lächeln Gruschenka auf. Sie hatte sich, wie es schien,

inzwischen überzeugt, daß Mitjä nicht Händel suchte, und blickte ihn mit

großer Teilnahme, wenn auch immer noch mit einer gewissen Unruhe,

aufmerksam an. Es fiel ihr etwas Neues an ihm auf, das sie noch nie

bemerkt hatte, und das sie jetzt gerader ängstigte – hätte sie doch auch

nie von ihm erwartet; daß er in einem solchen Augenblick so hereintreten

und so sprechen werde.

„Guten Abend,“ sagte bescheiden und süßlich von links her der

Gutsbesitzer Maximoff. Mitjä wandte sich sofort eilig zu ihm.

„Ach, ich hatte ganz vergessen, daß auch Sie hier sind, verzeihen Sie!“

Er schüttelte ihm die Hand. „Es freut mich sehr, daß Sie gleichfalls

hier sind. – Meine Herren, ich ...“ (Er wandte sich von neuem zu dem Pan

mit der Pfeife, da er ihn für die Hauptperson hielt) „Ich bin hergeeilt

... Ich wollte den letzten Tag und die letzte Stunde hier in diesem

Zimmer verbringen, in diesem Zimmer ... wo ich schon einmal meine Göttin

angebetet habe! Verzeihung, Pane!“ rief er erregt, als wüßte er selbst

kaum, was er sagte. „Ich bin hergeeilt und habe mir geschworen ... oh,

fürchten Sie nichts, es ist meine letzte Nacht! Trinken wir, Pane, zum

Friedensschluß! Der Wein wird sofort gebracht ... Hier, damit bin ich

gekommen.“ – Er zog plötzlich sein ganzes Geld hervor. – „Erlauben Sie,

Pane! Ich will Musik, Fröhlichkeit, Lachen haben, alles wie früher ...

Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und

verschwinden und vergehen! Meines Freudentages will ich in meiner

letzten Nacht gedenken! ...“

Er glaubte zu ersticken. Ach, vieles, vieles wollte er sagen, doch es

kamen fast nur abgerissene, sonderbare Ausrufe aus ihm heraus. Der Pan

blickte unbeweglich ihn, seinen Packen Kassenscheine, Gruschenka, und

nochmals ihn an und war ersichtlich vor den Kopf gestoßen.

„Wenn erlaubt meine Kruléwa ...“ begann er, doch Gruschenka unterbrach

ihn sofort.

„Was ist das: Kruléwa! Soll das etwa Königin bedeuten? Wie lächerlich

sich doch diese Leute mit ihrem Sprechen machen! Setz dich, Mitjä, wovon

redest du, was wolltest du sagen? Bitte, schrecke mich nicht. Du wirst

mich doch nicht ängstigen? Wenn du es nicht tust, werde ich mich sehr

darüber freuen, daß du gekommen bist ...“

„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend.

„– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht

dazwischen treten! ...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle,

und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder

und brach in Schluchzen aus ... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und

umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie

krampfhaft an sein Herz pressen wollte.

„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka

vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu

sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu

schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum

weinst du denn? _Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch

wahrlich kein Grund dazu vorhanden!_“ fügte sie plötzlich rätselhaft

hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend.

„Ich ... ich weine nicht ... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte

er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht

sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich

unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen.

„Nun, nun, schsch! – lach nicht so ... Aber sei fröhlich, nun, sei doch

fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du

gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich

will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu

allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich

will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz

einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu.

„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr

galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte

er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit

der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes

über seine Lippen.

„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in

Lachen aus.

„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka

nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst! ... Daß

du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken,

Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst

gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig ... Oder bist du gekommen,

um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld

ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“

Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten

hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren,

hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den

Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß

er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm

lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein.

„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und

stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk

aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein

ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast

tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen

geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt

und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man

sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man

wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles

vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit

einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen

unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend

ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich

hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich

dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine

sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch

die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er

die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas

aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der

auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze

Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä

gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche

Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit

auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen

Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“

überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß

und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd

die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der

Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine

Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren

Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der

Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso

flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der

Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein

Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen

das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er

hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede

Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch

nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen

Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er

glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu

sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu

vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas

hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine

Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam

erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm,

warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen.

„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte

da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick

verstanden.

Mitjä wandte seinen Blick sofort Kalganoff zu und dann sogleich zur

Seite zum Gutsbesitzer Maximoff.

„Gefaselt?“ fragte er mit seinem kurzen, gehackten Lachen, als wäre er

über irgend etwas sehr erfreut. „Ha – ha!“

„Ja. Stellen Sie sich vor, er behauptet, daß in den zwanziger Jahren

unsere ganze Kavallerie Polinnen geheiratet habe. Das ist doch der

unglaublichste Unsinn, habe ich nicht recht?“

„Polinnen?“ fragte Mitjä, der bereits in ausgesprochener Begeisterung

war.

Kalganoff begriff sehr gut Mitjäs Beziehungen zu Gruschenka, erriet auch

ihr Verhältnis zum Pan, aber das Ganze interessierte ihn nicht

sonderlich, vielleicht sogar überhaupt nicht; ihn interessierte am

meisten Maximoff. Er war ganz zufällig mit ihm hergekommen und den

beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal begegnet. Gruschenka jedoch

kannte er schon von früher: er war sogar einmal mit einem seiner Freunde

bei ihr gewesen. Damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier aber war sie

sehr nett zu ihm: vor Mitjäs Ankunft hatte sie ihm sogar den Kopf

gestreichelt, doch hatte er sich dazu sehr gleichgültig verhalten. Er

war ein noch ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren, stets nach der

Mode gekleidet, hatte ein nettes, zartes Gesicht und prächtiges,

dunkelblondes, dichtes Haar. In diesem Gesichtchen lagen wundervolle,

hellblaue Augen, mit einem klugen, zuweilen sogar über seine Jahre

hinaus tiefen Ausdruck, obgleich der junge Mann manches Mal ganz wie ein

Kind blicken und reden konnte, was ihn aber, ungeachtet dessen, daß er

es selbst sehr wohl wußte, nicht im geringsten genierte. Überhaupt war

er sehr eigenartig, sogar eigensinnig, wenn auch immer freundlich.

Zuweilen lag in seinem Gesichtsausdruck etwas Starres und Hartnäckiges:

er blickte einen an, hörte einem zu, schien aber dabei ganz mit seinen

eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Bald wurde er gleichgültig und

träge, bald wiederum regte er sich wegen einer scheinbar ganz

bedeutungslosen Sache mehr als nötig auf.

„Denken Sie sich, ich führe diesen Menschen schon vier Tage lang mit mir

herum,“ fuhr er fort, die Worte gleichsam aus Trägheit in die Länge

ziehend, doch tat er es nicht mit einer unangenehmen Geziertheit,

sondern ganz natürlich, „... seit jenem Tage, als wir im Kloster waren –

Sie wissen doch noch –, und Ihr Bruder ihn aus dem Wagen hinausstieß und

er zurückflog. Damals interessierte er mich gerade durch diesen Umstand,

und ich nahm ihn aufs Gut mit, aber er lügt die ganze Zeit, so daß man

sich wirklich für ihn schämen muß. Ich bringe ihn jetzt zurück ...“

„Pan habben Pani polska[22] garr niecht gesenn, err sackt was garr

niecht kann sein,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Maximoff. Er

sprach das Russische ganz gut, wenigstens viel besser, als er sich

anstellte, sprach aber die russischen Worte, wenn er sie überhaupt

gebrauchte, stets mit möglichst hartem polnischen Akzent aus.

„Aber ... ich – ich war doch selbst mit einer polnischen Pani

verheiratet!“ verteidigte sich Maximoff stotternd.

„Aber haben Sie denn etwa in der Kavallerie gedient? Sie sagten es doch

von unserer Kavallerie! Sind Sie denn je Kavallerist gewesen?“ mischte

sich sofort Kalganoff ein.

„Ha – ha, natürlich, ist er denn ein Kavallerist?“ fragte lachend Mitjä,

der gierig zuhörte und seinen fragenden Blick sofort jedem zuwandte, der

zu sprechen begann, als hätte er Gott weiß was von jedem zu hören

erwartet.

„Nein, sehen Sie mal,“ sagte Maximoff, sich zu ihm wendend, „ich – ich

rede nicht davon, daß diese kleinen Panénki ... niedlich sind ... wenn

sie mit unseren Ulanen Masurka tanzen ... und wenn sie abgetanzt hat, so

springt sie ihm sofort auf die Knie, wie ein Kätzchen ... ein weißes ...

und der – der Pan-oijez und die Pani-matka sehen’s und erlauben’s ...

jawohl, und erlauben’s ... und der Ulan geht morgen ansprechen ...

jawohl ... und hält um ihre Hand an, hi – hi!“ Und Maximoff kicherte.

„Pan laidak!“ brummte plötzlich der lange Pan auf dem Stuhl, und schlug

das eine lange Bein über das andere lange. Mitjä fiel der riesige

Schmierstiefel mit der dicken und schmutzigen Sohle besonders auf.

Überhaupt waren beide Pane recht schmierig gekleidet.

„Warum soll er denn ein Strolch sein? Warum schimpft er?“ fragte

Gruschenka sofort ärgerlich.

„Pani Agrippina, Pan hat in Pollen nur gesenn Bauermätchen, niecht

vornemme Pani,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Gruschenka.

„Das ist sicker!“ meinte der lange Pan verächtlich.

„Das fehlt noch! So lassen Sie ihn doch sprechen! Warum stören Sie die

Menschen beim Reden? Mit Ihnen ist es wenigstens nicht langweilig,“

sagte Gruschenka bissig.

„Ick större niecht, Pani,“ bemerkte bedeutsam der Pan auf dem Sofa mit

einem langen Blick auf Gruschenka, verstummte wichtig und begann dann

wieder an seiner Pfeife zu saugen.

„Aber nein, nein, der Pan hat ja ganz recht bemerkt, daß er keine

Polinnen kennt!“ fiel wieder erregt Kalganoff ein, als hätte es sich um

weiß Gott was für eine wichtige Sache gehandelt. „Er ist ja überhaupt

nicht in Polen gewesen, wie kann er dann über Polen sprechen? Sie haben

doch nicht in Polen geheiratet, nicht wahr?“

„N – nein, im-im Smolenskschen Gouvernement. Nur hatte der Ulan sie

schon früher von dort mi-mi-mitgebracht, meine Frau, meine zukünftige,

mitsamt der Pani-matka und der Tante und noch einer Verwandten mit einem

erwachsenen Sohn, da-da-das aber war wirklich aus Polen, aus-aus Polen

... und er trat sie mir ab. Das war ein Leutnant, ein-ein sehr hübscher

junger Mann. Zuerst hatte er sie selbst heiraten wollen, aber dann

heiratete er sie doch nicht, denn es hatte sich inzwischen erwiesen, daß

sie lahm war ...“

„Dann haben Sie eine Lahme geheiratet?“ fragte Kalganoff lachend.

„Eine Lahme. Das-das hatten sie mir beide verheimlicht und mich so ein

bißchen betrogen. Ich-ich dachte, daß sie nur hüpfte ... sie hüpfte

immer und ich dachte, daß sie vor lauter Freude ...“

„Vor Freude darüber, daß Sie sie heiraten wollten?“ schrie fast vor

Lachen Kalganoff mit seiner hellen Kinderstimme.

„Jawohl, vor Freude. Doch da kam es heraus, daß sie es aus einem-einem

ganz anderen Grunde tat. Später, als wir getraut waren, gestand sie mir

alles gleich nach der Trauung, am-am selben Abend, und bat sehr

gefühlvoll um Verzeihung; über eine Pfütze, sagte sie, sei sie in jungen

Jahren gesprungen und habe sich dabei das Füßchen beschädigt, hi – hi!“

Kalganoff lachte sein jubelndes Kinderlachen und sank vor Lachen ganz

zurück an die Lehne des Sofas. Da lachte auch Gruschenka, durch sein

Lachen angesteckt. Mitjä schien den Gipfel des Glücks erreicht zu haben.

„Wissen Sie, wissen Sie, jetzt hat er einmal die Wahrheit gesagt!“ rief

Kalganoff Mitjä zu. „Und wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen,

– das war seine erste Frau, seine zweite Frau aber hat ihn verlassen und

lebt auch jetzt noch, wissen Sie das schon?“

„Ist’s möglich?“ fragte Mitjä erstaunt und wandte sich hastig zu

Maximoff. Auf seinem Gesicht drückte sich maßlose Verwunderung aus.

„Jawohl, sie verließ mich, ich-ich habe diese Unannehmlichkeit gehabt,“

bestätigte Maximoff bescheiden. „Mit einem Mßjö. Aber die Hauptsache:

sie hatte sich vorher mein ganzes Gütchen auf ihren Namen verschreiben

lassen. Du, sagte sie, bist ein gebildeter Mensch, du wirst auch so dein

Brot finden. Und damit saß ich denn. Mir sagte einmal ein ehrenwerter

Erzbischof: ‚Deine erste Frau war lahm, deine zweite war aber gar zu

leichtfüßig,‘ hihi!“

„Hören Sie doch, hören Sie doch!“ fuhr Kalganoff auf, „wenn er auch lügt

– und er lügt viel –, so lügt er doch nur, um andere zu erheitern: das

ist doch nicht niedrig, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe ihn zuweilen.

Er ist ein niedriger Mensch, aber er ist so natürlich, nicht? Was meinen

Sie? Andere sind niedrig aus Berechnung, um daraus irgendeinen Nutzen zu

ziehen, er aber tut es ganz aufrichtig, von Herzen, von Natur. Denken

Sie sich, so behauptet er zum Beispiel – wir haben uns gestern die ganze

Zeit unterwegs darüber gestritten –, er behauptet, Gogol hätte in seinen

‚Toten Seelen‘ über ihn geschrieben. Wissen Sie noch, dort kommt auch

ein Gutsbesitzer Maximoff vor, den Nosdreff durchgeprügelt hat, weswegen

dieser dann vor Gericht kommt: ‚Wegen persönlicher Beleidigung des

Gutsbesitzers Maximoff in betrunkenem Zustande,‘ – nun, Sie wissen doch!

Und was glauben Sie wohl, denken Sie sich, er behauptet nun, daß er das

gewesen sei, daß man _ihn_ durchgedroschen habe! Nun, sagen Sie doch

selbst, ist denn das überhaupt möglich? Tschitschikoff[23] fuhr

spätestens in den zwanziger Jahren, zu Anfang der zwanziger Jahre umher,

so daß die Jahre überhaupt nicht stimmen können. Wie konnte man ihn also

damals durchpeitschen! Das ist doch ganz ausgeschlossen, ganz unmöglich!

Nicht?“

Es war schwer zu sagen, warum sich Kalganoff so aufregte, jedenfalls tat

er es aufrichtig. Mitjä teilte sein Interesse von ganzem Herzen.

„Nun, wenn man ihn aber gleichfalls durchgeprügelt hat!“ rief er

lachend.

„Nicht gerade, daß ich-ich durchgeprügelt worden wäre, sondern nur so

...“ versuchte Maximoff einzuwenden.

„Wieso nur so? Da heißt es doch entweder oder?“

„Ktura godsina, Pane?“ (Wieviel Uhr ist es?) fragte mit gelangweilter

Miene der Pan mit der Pfeife den Pan auf dem Stuhl.

Der zuckte mit den Achseln; sie besaßen beide keine Uhr.

„Was soll das wieder heißen?“ fuhr Gruschenka sofort auf. „Lassen Sie

doch wenigstens andere reden! Wenn Sie sich langweilen, so sollen sich

die anderen wahrscheinlich mitlangweilen!“ Sie schien absichtlich Streit

mit ihnen zu suchen.

Es war das erstemal, daß dies Mitjä flüchtig auffiel. Doch nun

antwortete der Pan mit sichtlicher Gereiztheit:

„Pani, iech habbe niechts gesackt dagegen, keine Wort.“

„Ach, schon gut, du aber erzähl weiter,“ rief Gruschenka Maximoff zu.

„Warum seid ihr denn alle verstummt?“

„Hier-hierbei ist nichts zu erzählen, denn es-es sind doch nur

Dummheiten,“ griff eilfertig Maximoff auf, – sichtlich sehr zu erzählen

bereit, doch anstandshalber etwas geziert – „und Gogol hat doch alles

nur allegorisch gemeint, und so sind auch alle Familiennamen

allegorisch. Nosdreff hieß doch gar nicht Nosdreff, sondern Nossoff, und

Kuwschinnikoff ist ganz unkenntlich, denn er hieß Schkwornjeff. Nur

Fenardi hieß tatsächlich Fenardi, bloß war er kein Italiener, sondern

ein Russe, Petroff hieß er, und Mamsell Fenardi war sehr nett, die

Beinchen in Trikot, reizende Beinchen, und das Röckchen war so kurz und

ganz mit Pailetten benäht, und sie drehte sich auf der Fußspitze, nur

dauerte das nicht vier Stunden, sondern nur vier Minuten ... und sie

bestrickte alle ...“

„Aber weswegen gab es denn die Prügel, warum wurdest du denn

durchgeprügelt?“ schrie ihn lachend Kalganoff an.

„Wegen Piron,“ antwortete Maximoff.

„Wegen Piron? Wer ist denn das?“ fragte Mitjä in seliger Stimmung.

„Das ist ein bekannter französischer Schriftsteller, Piron. Wir zechten

alle, es – es war eine große Gesellschaft, wir tranken Wein. Zur

Jahrmarktszeit. Sie hatten mich dazu eingeladen, und ich begann zuerst

mit Epigrammen: ‚Bist du es, Boileau? Welch lächerlich Gewand!‘ Boileau

aber antwortet, er begebe sich auf einen Maskenball, das heißt, er geht

in eine Badstube, hi – hi, und da bezogen sie es auf sich. Ich aber

sagte schnell ein anderes, das allen Gebildeten gut bekannt ist, ein

etwas scharfes:

‚Ein Faun bin ich und Du bist Sappho,

Die Dichterin, die hehre,

Doch fandst Du leider noch immer nicht,

Den geraden Weg zum Meere.‘

Doch sie ärgerten sich darüber noch mehr und fingen an, mich deswegen

auf höchst unanständige Weise zu schimpfen, ich aber wollte es wieder

gutmachen und erzählte zu meinem Pech, um meine Aktien zu verbessern,

eine sehr gebildete Anekdote von Piron, wie man ihn in die _Académie

Française_ nicht hat aufnehmen wollen, und wie er daraufhin für seinen

Grabstein ein Epitaphium geschrieben hat:

‚_Ci-gît Piron qui ne fut rien_

_Pas même un académicien._‘

Sämtliche Werke 9-10 · 第 25 / 40 题