Und da nahmen sie mich denn und prügelten mich durch.“

„Aber wofür denn, weswegen?“

„Wegen meiner Bildung. Als ob es wenig Gründe gäbe, warum die Menschen

einen durchprügeln können,“ schloß Maximoff bescheiden und lehrhaft

zugleich.

„Ach, genug davon, wie dumm das ist, ich will nichts mehr davon hören.

Ich dachte, es wäre was Lustiges,“ sagte plötzlich Gruschenka

mißgestimmt. Mitjä erschrak und hörte sofort auf zu lachen. Der lange

Pan erhob sich vom Stuhl und begann, die Hände auf dem Rücken, mit der

hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in solcher Gesellschaft

langweilt, durch das Zimmer zu spazieren, aus einer Ecke in die andere.

„Der stampft aber!“ bemerkte Gruschenka mit einem verächtlichen Blick

auf den Langen.

Mitjä wurde unruhig, und zudem bemerkte er noch, daß der Pan auf dem

Sofa gerade ihn gereizt anblickte.

„Pane,“ rief Mitjä ihm zu, „trinken wir, Pane! Und auch der andere Pan

soll trinken: Trinken wir, Panowe!“

Er stellte schnell drei Gläser zusammen und schenkte ein.

„Auf Polens Wohl, Panowe, ich trinke aufs Wohl Ihres Polen, meine

Herren, auf das Polenland!“ rief Mitjä laut.

„Bardso mi to milo, Pane“ (das ist mir sehr angenehm, mein Herr) „wirr

trinken mit Sie,“ sagte würdevoll und doch wohlgeneigt der Pan auf dem

Sofa und nahm sein Glas.

„Und auch der andere Pan, wie heißt der Kerl? – Heda, helleuchtender

Edelmann, nimm dein Glas!“ rief Mitjä sich umdrehend.

„Pan Wrublewskij,“ sagte der Pan auf dem Sofa.

Der Pan Wrublewskij trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, an den

Tisch und nahm stehend das Glas.

„Auf Polen, Panowe, Hurra!“ rief Mitjä mit erhobenem Glase.

Alle drei tranken sie die Gläser aus. Mitjä ergriff die Flasche und

füllte von neuem die drei Gläser.

„Jetzt auf Rußlands Wohl, Panowe, und trinken wir Brüderschaft!“

„Schenk auch uns ein,“ sagte Gruschenka, „auf Rußlands Wohl will auch

ich trinken.“

„Ich gleichfalls,“ sagte Kalganoff.

„Und auch ich-ich würde gern ... auf Rußland, unser Russéjuschka, unser

Mütterchen,“ sagte Maximoff kichernd.

„Alle, alle!“ rief Mitjä begeistert. „Heda, Wirt, noch Flaschen her!“

Es wurden von den sechs mitgenommenen noch drei hereingebracht. Mitjä

schenkte sofort ein.

„Auf Rußlands Wohl, Hurra!“ rief er stolz.

Alle tranken, außer den beiden Polen, und Gruschenka leerte ihr Glas auf

einen Zug. Von den Polen jedoch berührte keiner das Glas.

„Was soll denn das bedeuten, Panowe?“ schrie Mitjä. „Also so seid ihr?“

Da nahm Pan Wrublewskij sein Glas und sagte mit lautschallender Stimme:

„Auf Rußland in den Grenzen von siebzehnhundert und zweiundsipzick!“

„Oto bardso penkne!“ (So ist es gut!) rief sofort der andere Pan, und

beide leerten sie ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen.

„Dummes Pack!“ kam es plötzlich überzeugt aus Mitjä heraus.

„Pa – ne!!“ schrien sofort drohend die beiden Polen, wie Hähne auf Mitjä

losfahrend. Besonders brauste Pan Wrublewskij auf.

„Kann man denn niecht libben seine Land?“ schrie er drohend.

„Schweigt! Keinen Streit! Daß ihr mir hier keinen Streit beginnt,

verstanden!“ rief Gruschenka gebieterisch dazwischen, und sie stampfte

mit dem Fuß auf.

Ihr Gesicht hatte sich gerötet, ihre Augen glühten. Das kam von dem

soeben getrunkenen Glase. Mitjä erschrak maßlos.

„Panowe, Verzeihung! Es war meine Schuld, ich werde nicht mehr ...

Wrublewskij, Pan Wrublewskij, ich werde nicht mehr ...“

„Aber so schweig doch du wenigstens, und setz dich endlich!“ fuhr ihn

Gruschenka geärgert und heftig an.

Alle setzten sich, alle verstummten, alle blickten einander an.

„Meine Herren, ich trage die Schuld an allem!“ begann Mitjä, der von

Gruschenkas Worten nichts verstanden hatte, von neuem. „Warum nur sitzen

wir so? Was könnten wir beginnen ... damit es wieder lustig wird, wieder

lustig?“

„Ja, es ist wahr: es ist nichts weniger als lustig,“ meinte Kalganoff

träge mit brummig vorgeschobenen Lippen.

„Wie wäre es, wenn-wenn wir ein Spielchen machten wie vorhin? ...“

fragte Maximoff kichernd.

„Karten? Famos!“ griff Mitjä sofort auf. „Wenn nur die Panowe ...“

„Pusno, Pane!“ sagte gleichsam widerstrebend der Pan auf dem Sofa.

„Ja, eetwas pusno,“ meinte auch Pan Wrublewskij.

„Pusno? Was heißt das nun wieder?“ fragte Gruschenka.

„Das heißen spät, Pani, später Stunde,“ erläuterte der Pan auf dem Sofa.

„Ach! immer ist Ihnen alles zu spät, immer ist Ihnen nichts recht!“

Gruschenka war wütend. „Selbst sitzen Sie da, wie die verkörperte

Langeweile, und da sollen sich wohl die anderen Ihnen zur Gesellschaft

gleichfalls langweilen! Bevor du kamst, Mitjä, saßen sie dort ebenso

langweilig und stumpfsinnig und ärgerten sich über mich ...“

„Meine Göttin!“ unterbrach sie der Pan auf dem Sofa, „was Göttin sackt,

soll sein. Iech sehen serr gutt Ihr Ärger und so iech bien traurig.

Pane, iech bien fertig,“ sagte er darauf bereitwillig zu Mitjä.

„Schön, fang an, Pane,“ rief Mitjä, der aus seiner Tasche das Geld

herauszog und zwei Hundertrubelscheine vor sich auf den Tisch legte.

„Ich möchte viel an dich verspielen, Pan. Nimm die Karten, leg die Bank

auf. Du hältst die Bank!“

„Karten müssen sein von Wirt, Pane,“ sagte nachdrücklich und ernst der

kleine Pan.

„Das sein iemer beste Manier,“ meinte auch Pan Wrublewskij.

„Vom Wirt? Ah so, ich verstehe, gut, meinetwegen auch vom Wirt. – Ein

Spiel Karten, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä dem Wirt zu.

Trifon Borissytsch brachte ein neues Spiel, das noch nicht entsiegelt

war, und meldete Mitjä, daß die Mädchen sich schon versammelt hätten,

die Juden mit den Zimbeln gleichfalls bald kommen würden, der Wagen aber

aus der Stadt mit den übrigen Sachen noch nicht zu sehen sei. Mitjä

sprang sofort auf und eilte ins andere Zimmer, um dort Anordnungen zu

treffen. Es waren aber erst drei Mädchen gekommen, und auch die Marja

war noch nicht erschienen. Überhaupt wußte er nicht, warum er eigentlich

aufgestanden und hinausgelaufen war: er befahl nur, die Süßigkeiten aus

der Kiste hervorzuholen und sie unter die Mädchen zu verteilen.

„Und Andrei Branntwein, eine ganze Flasche Branntwein dem Andrei,“

befahl er eilig, „ich habe ihn gekränkt.“

Da berührte ihn jemand an der Schulter: es war Maximoff, der ihm

nachgelaufen war.

„Geben Sie mir fünf Rubel,“ bat er flüsternd, „ich würde gern auch

ein-ein Spielchen machen, hihi!“

„Famos, vorzüglich! Nehmen Sie zehn, hier!“

Mitjä zog wieder alle Scheine aus der Tasche und suchte zehn Rubel

hervor.

„Und wenn du das verlierst, so komm wieder, komm wieder ...“

„Gut, ich danke,“ flüsterte Maximoff freudig und lief zurück in den

Saal.

Auch Mitjä kehrte sofort zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich

hatte warten lassen. Die Polen hatten sich schon zurechtgesetzt und

entsiegelten das neue Spiel. Sie blickten bereits viel freundlicher

drein, fast konnte man sagen, wohlwollend. Der Pan auf dem Sofa hatte

eine neue Pfeife angeraucht und schickte sich an, die Karten zu mischen.

Auf seinem Gesichte drückte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus.

„Auf die Plätze, Panowe!“ kommandierte Pan Wrublewskij.

„Nein, ich werde nicht mehr spielen,“ erklärte Kalganoff, „ich habe

schon vorhin fünfzig Rubel an sie verspielt.“

„Der Pan war unglicklich, der Pan kann sein widder glicklich,“ bemerkte,

halb zu ihm gewandt, der Pan auf dem Sofa.

„Wie hoch spielen wir? _à discrétion?_“ fragte Mitjä eifrig.

„Serr woll, Pane, vielleicht hundert, zweihundert, wieviel Pan will

setzen.“

„Eine Million!“ rief Mitjä auflachend.

„Pan Hauptmann haben gehert von Pan Podwyssotzkij?“

„Von welchem Podwyssotzkij?“

„In Warschawa wird gehalten Bank _à discrétion_ von wer will. Kommt

herein Pan Podwyssotzkij, sieht er tausend Gulden und sackt: ‚_va

banque_‘. Banquier sackt zu ihm: ‚Pane Podwyssotzkij, setzen du Gold

oder setzen du auf Gónor (Ehre)?‘ – ‚Auf Gónor, Pane,‘ sackt

Podwyssotzkij. – ‚Serr gutt so, Pane.‘ – Der Banquier mischen taille,

Podwyssotzkij nimmt tausend Gulden. – ‚Wart, Pane,‘ sackt der Banquier,

nimmt Kasten heraus und gipt ein Millionn, ‚nimm, Pane, das ist dein

Recknung!‘ Bank war Millionn. – ‚Das ick nickt wußte,‘ sackt

Podwyssotzkij. – ‚Pane Podwyssotzkij,‘ sackt Banquier, ‚du hast setzen

auf Gónor, und wir setzen auf Gónor!‘ – Podwyssotzkij nahm Millionn.“

„Das ist nicht wahr,“ sagte Kalganoff.

„Pane Kalganoff, in addeligger Kompani wird nickt so gesprochen.“

„Das glaube ich, daß ein polnischer Spieler dir so eine Million hergeben

wird!“ rief Mitjä, aber er besann sich sofort: „Verzeih, Pane, bin

schuldig, bin schuldig, ja, er gibt sie heraus, selbstverständlich gibt

er sie heraus, eine Million, na Gónor, auf polnische Ehre! Sieh, wie gut

ich po polski spreche, ha – ha! Hier, ich setze zehn Rubel auf den

Buben.“

„Und ich setze ein Rubelchen aufs Dämchen, auf das nette kleine

Coeur-Dämchen, auf die kleine Panénotschka, hihi!“ kicherte Maximoff,

schob seine Karte vor, beugte sich dann plötzlich stark nach vorn und

bekreuzte sich heimlich und schnell unter dem Tisch. Mitjä gewann. Auch

das „Rubelchen“ gewann.

„Eine Ecke umgebogen!“ rief Mitjä.

„Und ich wieder ein Rubelchen, ein Simplum nach dem anderen, ganz

bisselchen,“ murmelte Maximoff, selig über das gewonnene „Rubelchen“.

„Geschlagen!“ rief Mitjä. „Verdoppele auf die Sieben!“

Er verlor wieder.

„Hören Sie auf,“ sagte plötzlich Kalganoff.

„Verdoppele, verdoppele!“ rief Mitjä, doch alles, was er verdoppelnd

setzte, verlor er. Die „Rubelchen“ dagegen gewannen.

„Verdoppele!“ rief Mitjä jähzornig.

„Habben zweihundert Rubel verspielt, Pane. Wollen Sie noch zweihundert

setzen?“ erkundigte sich der Pan auf dem Sofa.

„Wie, schon zweihundert verspielt? Dann also noch zweihundert! Die

ganzen zweihundert als Doublé!“ Und Mitjä zog sein Geld aus der Tasche

und warf zwei Hundertrubelscheine auf die Dame, als plötzlich Kalganoff

sie mit der Hand bedeckte.

„Genug!“ rief er mit seiner hellen Stimme.

„Was fällt Ihnen ein?“ Mitjä blickte ihn fragend an.

„Genug, ich will es nicht! Sie werden nicht mehr spielen.“

„Warum nicht?“

„Darum nicht. Spucken Sie aus und gehen Sie fort. Ich lasse es nicht

zu!“

Mitjä blickte ihn verwundert an.

„Laß es bleiben, Mitjä, er hat vielleicht ganz recht, und du hast doch

schon genug verloren,“ sagte Gruschenka, und ein sonderbarer Ton klang

in ihrer Stimme.

Beide Polen erhoben sich sofort mit tiefgekränkter Miene.

„Scherzest du, Pane?“ fragte der kleine Pan, mit strengem Blick

Kalganoff messend.

„Wie, Sie waggen so was macken?“ schrie auch Wrublewskij Kalganoff an.

„Ruhe! Un – ter – stehen Sie sich nicht, zu schreien!“ rief Gruschenka

zornig. „Ach ihr krähenden Truthähne!“

Mitjä blickte alle der Reihe nach an: es war etwas im Gesichte

Gruschenkas, das ihn betroffen machte ... Und plötzlich zuckte ihm wie

ein Blitz etwas ganz Neues durch den Kopf, – ein ganz absonderlicher,

neuer Gedanke.

„Pan Agrippina!“ begann der Kleine, rot vor Zorn, doch plötzlich trat

Mitjä an ihn heran und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter.

„Hochwohlgeborener, auf zwei Worte.“

„Was Sie wollen, Pane?“

„Dorthin, in jenes Zimmer, in das andere Gemach, will dir zwei Worte

sagen, wirst mit ihnen zufrieden sein.“

Der kleine Pan wunderte sich und blickte etwas ängstlich zu Mitjä auf.

Übrigens war er sofort einverstanden damit, nur stellte er die eine

Bedingung, daß auch Pan Wrublewskij mit ihm käme.

„Ah, der Leibwächter, nicht wahr? Meinetwegen, auch er ist dabei nötig.

Sogar unbedingt!“ rief Mitjä. „und jetzt vorwärts, Panowe!“

„Wohin, wohin wollt ihr?“ fragte Gruschenka erregt.

„Wir sind im Augenblick wieder hier,“ antwortete Mitjä.

Eine gewisse Kühnheit, ein ganz unerwarteter verwegener Mut leuchtete

plötzlich aus seinem Gesicht. Nein, das war nicht mehr derselbe, der vor

einer Stunde eingetreten war. Er führte die Polen in das Zimmer rechts,

nicht in das große, in dem sich die Mädchen zum Chor versammelten und

der Tisch in aller Eile gedeckt wurde, sondern in das Schlafzimmer, in

dem Koffer, Truhen und zwei Betten mit je einem Berg von Kopfkissen in

Kattunbezügen standen. Hier brannte in der hinteren Ecke auf einem

kleinen ungestrichenen Tisch ein einziges Licht. Der kleine Pan und

Mitjä setzten sich an diesem Tisch einander gegenüber, und der lange Pan

Wrublewskij setzte sich neben sie, die Hände auf dem Rücken. Beide Polen

blickten streng, doch mit nicht zu verbergender Neugier drein.

„Mit was ich kann dinnen dem Pan?“ stotterte der Kleine.

„Mit folgendem, Pane, ich werde nicht viel sprechen: Hier hast du Geld“

– er zog seine Hundertrubelscheine heraus – „willst du dreitausend

Rubel, so nimm sie und fahre, wohin du willst.“

Der Pan blickte ihn forschend mit weit offenen Augen an, als wäre sein

Blick an Mitjäs Gesicht angewachsen.

„Dreitausend, Pane?“

„Dreitausend, Panowe, drei! Hör mich, Pane, ich sehe, daß du ein

vernünftiger Mensch bist. Nimm die Dreitausend und pack dich zum Teufel

und vergiß auch nicht, Wrublewskij mitzunehmen, hörst du? Aber sofort,

noch in dieser Minute, und zwar auf ewig, hörst du, Pane, auf ewig.

Durch diese Tür dort gehst du hinaus. Was hast du – einen Mantel, einen

Pelz? Ich werde ihn herbringen. Sofort wird dir eine Troika angespannt

und dann – do widsenja, Panowe, auf Nimmerwiedersehen. Nun?“

Mitjä zweifelte nicht an der Zusage. Im Gesicht des Pans zuckte es, als

wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte.

„Und das Geld, Pane?“

„Mit dem Gelde machen wir es so: fünfhundert Rubel sofort bar für die

Fahrt und als Handgeld und die zweitausendfünfhundert morgen in der

Stadt – bei meiner Ehre, ich hole sie, wenn nicht anders, unter der Erde

hervor!“ rief Mitjä.

Die Polen tauschten einen Blick. Der Gesichtsausdruck des Kleinen

veränderte sich zum schlimmeren.

„Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert, sofort blank und bar!“

bot Mitjä an, da er die Veränderung bemerkt hatte und etwas Ungünstiges

ahnte. „Was hast du, Pane? Glaubst du nicht? Ich kann dir doch nicht

sofort alle Dreitausend geben. Sonst gebe ich sie, und du kehrst

womöglich morgen schon zu ihr zurück ... Und ich habe augenblicklich

auch gar nicht so viel bei mir, sie liegen bei mir zu Haus in der

Stadt,“ stotterte Mitjä angstvoll, ohne sich dessen klar bewußt zu sein,

was er tat, da ihm der Mut mit jedem Worte immer mehr gesunken war. „Bei

Gott, sie liegen dort, wohl aufgehoben, in einem Kuvert ...“

In einer Sekunde veränderte sich das Gesicht des kleinen Pans: ein

Ausdruck unbeschreiblicher persönlicher Würde lag plötzlich darauf.

„Wohlen Sie niecht nooch eetwas?“ fragte er ironisch. „Pfä! Wirklich

pfä!“ Und er spuckte zur Seite.

Seinem Beispiel folgte sofort Pan Wrublewskij; er spuckte gleichfalls

aus.

„Du spuckst doch nur darum, Pane,“ sagte Mitjä wie ein Verzweifelter,

der einsieht, daß alles verloren ist, „nur darum, weil du von ihr noch

mehr zu bekommen hoffst! Schnapphähne seid ihr beide, das sage ich

euch!“

„Ich bien beleidickt bies auf letzte Grad!“ rief, rot wie ein Krebs, der

kleine Pan und ging schnell wie in heftigem Unwillen, und als wolle er

nichts mehr hören, hinaus aus dem Zimmer. Ihm folgte, schaukelnd auf den

langen Beinen, in hohen Schmierstiefeln Pan Wrublewskij. Nach ihnen

verließ, verwirrt und verdutzt, auch Mitjä das Zimmer. Er fürchtete

Gruschenka, denn er sagte sich, daß der Kleine wahrscheinlich sofort

alles erzählen werde. Und so war es auch. Der Pan trat in den Saal und

majestätisch auf Gruschenka zu, vor der er sich theatralisch aufstellte.

„Pani Agrippina, ich bien bis auf letzte Grad beleidickt!“ begann er,

doch Gruschenka schien plötzlich beim ersten polnischen Wort aus der

Haut zu fahren.

„Russisch, sprich russisch, daß du mir kein einziges polnisches Wort

mehr zu sagen wagst!“ schrie sie ihn an. „Du hast doch früher russisch

gesprochen, wie kannst du denn das in fünf Jahren verlernt haben!“

Sie wurde bleich vor Zorn.

„Pani Agrippina ...“

„Ich heiße Agrafena, Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will kein

Wort von dir hören!“

Der Pan keuchte und schwitzte vor Gónor und fuhr radebrechend und

aufgeblasen in russischer Sprache fort:

„Pani Agrafena, iech gekomen bien zu vergessen Altes und es zu

verzeihen, zu vergessen, was is gewesen von früher ...“

„Was zu vergessen? Was zu verzeihen? Mir zu verzeihen bist du

hergekommen?“ unterbrach ihn Gruschenka aufspringend.

„Wie gesagt, Pani, ich bien niecht kleinmütig, ich bien großmütig. Abber

ich warr in Erstaunen, zu sehen deine Liebhabber. Pan Mitjä hat mir

gegebben in ander Ziehmer Dreitausend, daß ich soll gehen weg, ich abber

habb gespuckt in Pan sein Physiognomie!“

„Was? Er hat dir für mich Geld gegeben?“ schrie Gruschenka krankhaft

auf. „Ist das wahr, Mitjä? Wie hast du es gewagt? Bin ich denn

käuflich?“

„Pane,“ schrie Mitjä den Kleinen an, „sie ist rein und ist mir heilig,

und niemals bin ich ihr Liebhaber gewesen! Das hast du gelogen ...“

„Unterstehe dich nicht, mich vor ihm zu verteidigen!“ rief Gruschenka

außer sich. „Nicht aus Tugend bin ich ehrlich gewesen, und nicht etwa,

weil ich Kusjma Ssamssonoff fürchtete, nein, um vor ihm stolz sein zu

können, um das Recht zu haben, ihn Schuft zu nennen, wenn ich ihn

wiedersehe! Ist es möglich, daß er von dir nicht das Geld angenommen

hat?“

„Er nahm es ja, nahm es doch!“ rief Mitjä auflachend. „Nur wollte er

sofort alle Dreitausend haben, und ich bot ihm nur Siebenhundert als

Handgeld an.“

„Aha, natürlich: er hat gehört, daß ich jetzt Geld habe, und so ist er

denn zur Trauung gekommen!“

„Pani Agrippina,“ schrie der Pan, „ich bien Ritter, bien Edelmann, kein

Laidack! Ich bien gekomen um dich heiraten, sehe abber neue Pani, niecht

alte von früher, sondern eine, was is eigensinig und schamlos!“

„So pack dich fort, dahin, woher du gekommen bist! Ich werde sofort

befehlen, daß man dich hinauswirft und dann fliegst du!“ keuchte

Gruschenka besinnungslos. „Ach, dumm, dumm war ich, fünf Jahre mich

deswegen zu quälen! Ach, nicht seinetwegen, nicht seinetwegen, nur aus

Wut auf mich, habe ich mich gemartert! Und das ist ja gar nicht er! Sah

er denn so aus? Das ist ja sein Vater, oder weiß Gott wer! Wo hast du

denn diese Perücke bestellt? Jener war ein Falke, du aber bist wie ein

alter Enterich ... jener lachte und sang mir Lieder vor ... Und ich,

ich! – fünf Jahre lang habe ich geweint, ich dummes, niedriges, ehrloses

Geschöpf, oh! ...“

Sie sank auf ihren Lehnstuhl zurück und vergrub das Gesicht in den

Händen.

Da ertönte plötzlich im Nebenzimmer links der Chorgesang der endlich

versammelten Dorfmädchen – es war ein lustiges Tanzlied.

„Das ist aber ein Sodom!“ brüllte plötzlich Pan Wrublewskij ziemlich

akzentfrei. „Wirt, schmeiß die Unverschämten hinaus!“

„Was hast du hier zu schreien? Willst du wohl das Maul halten!“ wandte

sich der Wirt mit ganz unerklärlicher Unhöflichkeit an Wrublewskij.

„Rindvieh!“ brüllte der ihn an.

„Rindvieh? Darf ich fragen, mit was für Karten du gespielt hast? Ich gab

dir mein neues Spiel, du aber hast es versteckt! Mit falschen Karten

spielst du! Und für falsche Karten kann ich dich jederzeit nach Sibirien

transportieren lassen, weißt du das auch, denn das ist ebensogut wie

falsches Papiergeld ...“

Und zum Sofa tretend, schob er die Hand zwischen die Lehne und das

Polster und zog von dort ein neues Spiel Karten hervor.

„Das sind meine Karten, sehen Sie, meine Herrschaften, ganz neu, noch

unentsiegelt!“ Er erhob die Hand, so daß alle das Kartenpaket sehen

konnten. „Ich hab doch von der Tür aus gesehen, wie er meine Karten

dorthin stopfte und seine Karten dafür herausnahm. Ein Spitzbube bist

du, aber kein Pan!“

„Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal eine falsche Karte

aufschlug!“ rief Kalganoff dazwischen.

„Diese Schande, so eine Schmach!“ stieß Gruschenka, vor Scham errötend,

hervor. „Gott, so einer!“

„Und ich ahnte es!“ rief Mitjä.

Doch kaum hatte er es ausgerufen, als Pan Wrublewskij wütend und

verwirrt sich zu Gruschenka wandte, und mit der Faust drohend, sie

anschrie:

„Dirne!“

Noch aber war sein Schimpfwort nicht verhallt, als Mitjä ihn schon mit

beiden Armen ergriffen und aufgehoben hatte und ihn im Augenblick

hinaustrug, in dasselbe Zimmer, in dem sie vorher gesprochen hatten.

„Ich habe ihn auf den Fußboden hingelegt!“ rief er, sofort wieder

eintretend, von der Tür aus, noch atemlos von der Aufregung. „Die

Kanaille läßt es sich noch einfallen, zu schlagen ... aber keine Bange,

der kommt von dort nicht wieder! ...“ Er schloß den einen Türflügel und

rief, den anderen Türflügel noch weit offen haltend, dem kleinen Pan zu:

„Hochwohlgeborener, ist es nicht gefällig, gleichfalls hier einzutreten?

Pschepróscham! Wirr bitten untertänickst!“

„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch,“ rief klagend Trifon Borissytsch, „so

nehmt ihnen doch Euer Geld ab, was Ihr verloren habt! Das ist doch

ebensogut wie von Euch gestohlen!“

„Nein, ich will ihnen meine fünfzig Rubel nicht wieder abnehmen,“ sagte

Kalganoff.

„Und auch ich will meine Zweihundert nicht wiedernehmen,“ rief Mitjä,

„werde es auf keinen Fall tun, mag er sie zum Trost behalten.“

„Ja, ja, so ist es recht, Mitjä, ein feiner Kerl bist du!“ rief

Gruschenka sofort, – ein merklich schadenfroher Ton klang in ihrem

Beifallsruf.

Der kleine Pan begab sich, puterrot vor Wut, doch ohne ein Atom von

seiner Würde zu verlieren, bereits zur Tür, als er plötzlich stehen

blieb und sich zu Gruschenka zurückwandte:

„Pani,“ sagte er, „wenn du wohlen komen miet miech, kom, wen niecht –

lebb woll!“

Und wichtig, fauchend vor Wut und Aufgeblasenheit, trat er durch die

Tür. Das war ein Mann von Charakter. Trotz allem, was geschehen war,

hatte er doch noch nicht die Hoffnung verloren, daß sie mit ihm gehen

werde, – so hoch schätzte er sich selbst. Mitjä aber schlug krachend die

Tür hinter ihm zu.

„Schließen Sie sie ein,“ sagte Kalganoff.

Doch da kreischte schon das Schloß: Die Pane hatten sich von innen

eingeschlossen.

„Herrlich!“ rief boshaft und unbarmherzig Gruschenka. „Herrlich! Dorthin

gehören sie!“

VIII.

Rausch

Es begann eine Orgie, ein Fest über die ganze Erde hinweg! Gruschenka

war die erste, die nach Wein rief: „Trinken will ich, betrunken will ich

sein, oh, ganz betrunken, so wie damals, weißt du noch, Mitjä, weißt du,

als wir uns hier anfreundeten!“ Mitjä selbst war wie im Fieber, und er

„ahnte sein Glück“. Übrigens wurde er von Gruschenka immer wieder

fortgeschickt: „Geh, sei lustig, sag ihnen, daß sie tanzen sollen, damit

sich alle freuen, auch Hund und Katze, wie im Volkslied, alles, alles,

wie damals, wie damals!“

Und Mitjä stürzte fort, um alles so anzuordnen, wie sie wollte. Der Chor

hatte sich im Nebenzimmer versammelt, denn das blaue Zimmer, in dem man

saß, war zu klein dazu, da es durch einen Kattunvorhang in zwei Hälften

geteilt war. In der zweiten Hälfte stand ein riesengroßes Bett mit

weichen Daunenkissen und einem ganzen Berg von Kopfkissen in

Kattunbezügen. Solche Betten gab es in jedem der vier Gastzimmer.

Gruschenka setzte sich an die Tür, wohin Mitjä ihren Lehnstuhl für sie

gebracht hatte: so hatte sie auch „damals“ gesessen und dem Tanz

zugesehen. Von den Mädchen waren wieder dieselben gekommen; keine

einzige fehlte. Die jüdischen Musikanten waren mit Geigen, Zithern und

Zimbeln gleichfalls angelangt, und schließlich kam auch die erwartete

Fuhre mit den übrigen Vorräten und Weinen an. Mitjä war sehr in Anspruch

genommen. Im vorderen Zimmer hatten sich noch andere Zuschauer

versammelt, Weiber und Männer, die sich, als die Mädchen zum Chorgesang

aufgetrieben worden waren, gleichfalls erhoben hatten, da sie sich

wieder einmal eine ähnlich märchenhafte Bewirtung, wie sie ihnen vor

einem Monat zuteil geworden war, versprachen. Mitjä begrüßte und umarmte

die Bekannten, erinnerte sich der Gesichter, entkorkte Flaschen und

schenkte allen ein, die sich ihm näherten. Der Champagner schmeckte

eigentlich nur den Mädchen gut, die Männer zogen ihm Rum und Kognak vor,

und besonders heißen Punsch. Auf Mitjäs Befehl wurde für alle Mädchen

Schokolade gekocht; drei Ssamoware kochten die ganze Nacht Wasser für

Tee und Punsch, damit alle sich bewirten konnten. Mit einem Wort, es

begann etwas ungeheuer Sinnloses, doch Mitjä schien gerade in seinem

Elemente zu sein, und je sinnloser alles wurde, desto mehr belebte sich

sein ganzes Wesen. Hätte ihn jemand von den Bauern um Geld gebeten, so

würde er sofort seine ganze Barschaft hervorgezogen und nach links und

rechts, ohne zu bedenken, die Geldscheine hingegeben haben. Das war denn

auch wahrscheinlich der Grund, warum Trifon Borissytsch, der, wie es

schien, bereits jeden Gedanken an Schlaf in dieser Nacht aufgegeben

hatte, Mitjä auf keinen Augenblick verließ, sich immer in seiner Nähe zu

schaffen machte, und so auf seine Art Mitjäs Interessen bewachte. Er

hatte nur ein einziges Glas Punsch getrunken, war also noch vollständig

nüchtern, und so trat er denn, wenn er es für nötig fand, an Mitjä heran

und beredete ihn, hielt ihn auf, ließ es nicht zu, daß er den Bauern

„wie damals“ Zigarren und Rheinwein gab, und – um Gottes willen! – erst

recht kein Geld, und war sehr ungehalten darüber, daß diese Dorfmädchen

Liköre tranken und teure Süßigkeiten aßen. „Das ist doch nichts als die

reine Verlaustheit, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte er unwillig. „Ich werde

jeder von ihnen Fußtritte geben, und befehlen, sich das noch zur Ehre

anzurechnen, – derart ist das Pack!“ Mitjä erinnerte ihn noch einmal an

Andrei und befahl, ihm Punsch zu geben. „Ich habe ihn vorhin gekränkt,“

wiederholte er mit weicher und gerührter Stimme. Kalganoff wollte zuerst

von Wein nichts wissen, und auch der Gesang gefiel ihm anfangs nicht,

doch als er noch zwei Glas Champagner getrunken hatte, wurde auch er

ungewöhnlich munter und guter Laune, schritt im Zimmer auf und ab,

lachte, lobte alles und jedes, die Lieder sowohl wie die jüdische

Musikkapelle. Maximoff, der selig und betrunken war, verließ ihn nicht

auf einen Schritt. Gruschenka, die gleichfalls schon einen kleinen

Rausch hatte, machte Mitjä auf Kalganoff aufmerksam: „Wie reizend er

ist, was für ein prächtiger Junge!“ Und Mitjä trat sofort entzückt zu

Kalganoff und küßte sein junges Knabengesicht und küßte darauf auch noch

seinen treuen Begleiter Maximoff. Oh, er ahnte vieles: zwar hatte sie

ihm noch nichts gesagt, was zu Hoffnungen berechtigte, und

augenscheinlich bezwang sie sich sogar absichtlich, um ihm noch nichts

zu sagen; nur hin und wieder fing er ihren spähenden und heißen Blick

auf. Schließlich erfaßte sie plötzlich fest seine Hand und zog ihn zu

sich nieder. Das war, als sie im Lehnstuhl an der Tür saß.

„Wie konntest du nur so eintreten, als du vorhin ankamst, sag? Wie

konntest du so eintreten! ... Ich erschrak so maßlos. Wie konntest du

mich ihm nur abtreten? Sag, wolltest du das wirklich?“

„Ich wollte deinem Glück nicht im Wege sein,“ sagte Mitjä selig. Sie

wußte es auch, ohne daß er es ihr sagte.

„Nun geh ... sei lustig.“ Damit schickte sie ihn wieder fort. „So sei

doch nicht traurig, ich werde dich wieder rufen.“

Und er ging abermals fort, sie aber hörte von neuem dem Gesang zu, doch

ihr Blick folgte ihm unverwandt, wo er auch war oder ging, und nach

einer Viertelstunde rief sie ihn wieder zu sich, und wieder eilte er

selig zu ihr hin.

„So, setz dich jetzt her zu mir, erzähl mir, wie du gestern erfahren

hast, daß ich hierhergefahren war. Von wem erfuhrst du es ganz zuerst?“

Und Mitjä erzählte alles, erzählte zusammenhanglos, zerstreut, erregt

und sehr eigentümlich, verstummte mehrmals ganz plötzlich und zog

finster die Brauen zusammen.

„Was hast du, warum runzelst du die Stirn?“ fragte sie.

„Nichts ... ich habe dort einen Kranken zurückgelassen. Wenn er wieder

gesund wird, wenn ich wüßte, daß er gesund wird, oh, zehn Jahre meines

Lebens würde ich dafür geben!“

„Nun, Gott mit ihm, wenn er krank ist. Und du wolltest dich wirklich

morgen erschießen, du dummer Junge, und warum nur? Weißt du, gerade

solche Unbesonnene, wie du, liebe ich,“ flüsterte sie mit etwas schwerer

Zunge. „So würdest du für mich alles tun? Sag? Und wolltest du dich,

kleiner Dummkopf, tatsächlich deswegen erschießen? Nein, weißt du, wart

damit noch ein wenig, morgen werde ich dir vielleicht etwas Schönes

sagen ... nicht heute, nein, morgen. Du aber würdest es wohl gern schon

heute hören? Nein, heute will ich nicht ... Nun geh, geh jetzt, freue

dich.“

Einmal aber rief sie ihn ganz erschrocken und besorgt zu sich.

„Was hast du? Ich sehe es, daß dich etwas bedrückt. Nein, leugne nicht,

ich sehe es, ich kenne dich,“ sagte sie und blickte ihn aufmerksam mit

unbeweglich offenen Augen an. „Du küßt dort wohl die Bauern ab und

lachst, aber ich sehe trotzdem dieses Etwas. Nein, amüsiere dich lieber,

denn ich freue mich, und so sollst du dich gleichfalls freuen ... Einen

von denen, die hier sind, habe ich lieb, rat mal, wer das ist? ... Ach,

sieh doch: mein Herzensjunge ist eingeschlafen, er hat wohl zu viel

getrunken, der Kleine.“

Sie meinte Kalganoff. Der war auf dem Sofa mittlerweile eingenickt. Doch

war er nicht vom Weine allein eingeschlafen, sondern er war traurig

geworden, oder, wie er sich ausdrückte: es war ihm „langweilig“

geworden. Die Lieder der Dorfmädchen hatten ihn zum Schluß stark

herabgestimmt, da sie, in Zusammenwirkung mit den genossenen Getränken,

in ein für ihn gar zu Zügelloses und Unzüchtiges ausarteten. Und nicht

minder die Tänze: zwei von den Mädels hatten sich als Bären verkleidet,

und Stepanida, ein anderes Mädel, ging mit einem Stock voran und spielte

den Bärenführer, der die beiden „zeigte“. „Munterer, Maria,“ rief sie,

„oder sonst kriegst du Prügel, hier, mit diesem Stock!“ Schließlich

purzelten die Bären irgendwie in ganz besonders unanständiger Weise zu

Boden, was lautes Gelächter des versammelten, dichtgedrängten Publikums

von Männern und Weibern hervorrief. – „Nun, nun, laßt sie doch, laßt sie

doch sich amüsieren,“ hatte Gruschenka mit seligem Gesichtsausdruck

gesagt, „haben sie auch einmal eine Gelegenheit, sich zu freuen, warum

sollen sie es denn nicht tun? Nein, laßt sie, laßt sie, laßt sie sich

ihres Lebens freuen.“ Kalganoff aber hatte dreingeschaut, als hätte er

sich mit irgend etwas beschmutzt. „Nichts als eine Schweinerei, diese

ganzen Volksgeschichten,“ hatte er gemeint und sich zum Sofa

zurückgezogen. „Das sollen ihre Frühlingsspiele sein, wenn sie die Sonne

die ganze Nacht über hüten!“ Besonders mißfallen hatte ihm ein Liedchen

mit einer munteren Tanzweise, das davon erzählte, wie der Herr ausfährt

und die Mädchen „probiert“:

Der Herr fuhr aus, die Mädchen zu erproben,

Ob sie lieben oder nicht?

Doch den Mädchen scheint es, daß man den Herrn nicht lieben könne, es

hieß:

Der Herr, der wird mich schlagen,

Und ich kann mich dann plagen.

Darauf fährt der Zigeuner aus, doch auch ihn konnte man nicht lieben,

denn:

Ach, der liebt nicht mich,

Der liebt ja nur das Stehlen,

Und ich kann mich dann grämen.

Und so fuhren viele vorüber, selbst ein Soldat; doch der wurde mit

Verachtung zurückgewiesen:

Der wird nur den Ranzen tragen

und ich ...

Hier folgte ein gar zu derber Vers, der aber vollkommen offenherzig

vorgesungen wurde und beim angeheiterten Publikum geradezu Furore

machte. Schließlich endete es mit dem Kaufmann:

Da fuhr denn auch der Kaufmann aus

Die Mädchen zu probieren,

Ob sie lieben oder nicht?

Und da zeigte es sich, daß man ihn sogar sehr liebte, denn:

Der Kaufmann wird hübsch Handel treiben,

Und ich kann dann die Herrin bleiben.

Kalganoff war darob ganz böse geworden:

„Das ist ja ein vollkommen modernes Lied,“ hatte er laut und unwillig

gesagt, „wer dichtet ihnen denn solche Lieder? Es fehlte noch, daß die

Eisenbahnaktionäre und die Juden herumziehen, die Mädchen zu probieren:

die würden alle besiegen.“ Und fast gekränkt hatte er gesagt, daß er

sich langweile, und hatte sich auf das Sofa gesetzt, wo er dann

eingeschlafen war. Sein reizendes Gesicht war etwas bleich geworden, und

der Kopf war an das Kissen der Sofalehne zurückgesunken.

„Sieh doch, wie reizend er ist,“ sagte Gruschenka, als sie Mitjä zu ihm

geführt hatte. „Ich habe ihm vorhin das Köpfchen gestreichelt. Wie

Flachs ist sein Haar, und so dicht ...“

Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Kalganoff

schlug sofort die Augen auf und blickte sie an, erhob sich und fragte

mit der besorgtesten Miene: „Wo ist Maximoff?“

„Hör doch, was seine erste Sorge ist!“ sagte Gruschenka lachend. „So

sitz doch ein Weilchen mit mir. Mitjä, such ihm seinen Maximoff auf.“

Da zeigte sich, daß Maximoff jetzt die Mädchen auf keinen Augenblick

mehr verließ, nur hin und wieder lief er zum Tisch, um ein Gläschen

Likör zu trinken, und Schokolade hatte er schon tassenweise getrunken.

Sein Gesicht war rot, die Nase blaurot, und die Augen waren feucht

geworden und blickten süßlich-selig drein. Er kam sofort herbeigelaufen

und meldete, daß er sogleich nach einem „besonderen Motivchen“ die

Sabotière tanzen werde.

„Man hat mich doch, als ich-ich noch klein war, in diesen französischen

Tänzchen unterrichtet ...“

„Nun geh, geh mit ihm, Mitjä, ich werde von hier aus zusehen, wie er

dort tanzt.“

„Nein, auch ich, auch ich will ihn tanzen sehen,“ rief Kalganoff, womit

er in der allernaivsten Weise Gruschenkas Einladung, neben ihr zu

sitzen, verschmähte. Und so begaben sich denn alle hin, um zuzusehen.

Maximoff führte tatsächlich seinen Tanz aus, doch außer Mitjä konnte er

niemanden so recht entzücken. Der ganze Tanz bestand in Hopsern, wobei

die Füße zur Seite geworfen wurden, so daß die Stiefelsohlen nach oben

kamen, und bei jedem Sprung schlug Maximoff mit der flachen Hand auf die

Sohle. Kalganoff gefiel der Tanz gar nicht, Mitjä aber umarmte den

Tänzer vor Entzücken.

„Bravo, großartig! Nun, bist du müde, was? Willst du etwas? Ein Bonbon,

wie? Oder willst du eine Zigarette?“

„Ein Zigarettchen, bitte.“

„Willst du nicht auch trinken?“

„Ich habe hier Likörchen ... Aber haben Sie nicht noch etwas

Schokoladenkonfekt?“

„Auf dem Tisch ist doch eine ganze Fuhre, nimm was du willst, du

Taubenseele!“

„Nein, ich will – will eines mit Vanille ... etwas Besonderes für alte

Menschen ... hi – hi!“

„Nein, mein Freund, so etwas Besonderes gibt es nicht.“

„Hören Sie!“ sagte plötzlich der Alte, ganz zu Mitjäs Ohr gebeugt, „dies

eine Mädel, die Marjuschka, hi – hi! Könnt ich nicht, wenn’s-wenn’s

möglich wäre, ihre Bekanntschaft machen, dank Ihrer Güte ...“

„Oho, sieh mal einer, was dir in den Sinn gekommen ist! Nein, Freund, du

faselst ...“

„Ich-ich tue doch niemandem was Schlechtes,“ flüsterte Maximoff

wehmütig.

„Nun gut, gut. Aber Freund, das geht nicht, hier wird nur gesungen und

getanzt ... übrigens – hol’s der Teufel! Wart ... Trink vorläufig, iß,

zerstreue dich. Brauchst du Geld?“

„Später vielleicht ein bißchen,“ meinte Maximoff schmunzelnd.

„Gut, gut ...“

Mitjä brannte der Kopf. Er ging hinaus in den Flur und trat auf die

obere kleine Galerie, die auch auf dem Hof einen Teil des ganzen

Gebäudes umgab. Die frische Luft belebte ihn. Er stand in der Dunkelheit

an die Wand gelehnt, in einer Ecke, und plötzlich faßte er sich mit

beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken sammelten sich

schnell, seine Empfindungen vereinigten sich zu einer einzigen

Vorstellung, und alles wurde ihm klar. Eine furchtbare, grausige

Erleuchtung war’s! „Wenn ich mich schon erschieße, wann soll es denn

geschehen, wenn nicht jetzt?“ zuckte es ihm durch den Kopf. „Einfach den

Pistolenkasten herbringen und hier, gerade hier in dieser schmutzigen,

dunklen Ecke mit allem ein Ende machen.“ Eine ganze Minute lang war er

unentschlossen. Vorhin, als er hergejagt war, hatte hinter ihm die

Schande gestanden, begangener Diebstahl und dieses Blut, oh, dieses

Blut! ... Doch da war ihm leichter zumut gewesen, oh, viel leichter!

Damals hatte er doch mit allem abgeschlossen; er hatte sie verloren,

hatte sie abgetreten, sie war für ihn verschwunden, untergegangen, – oh,

da war es leichter gewesen, das Todesurteil an sich zu vollziehen.

Wenigstens war es ihm unbedingt notwendig, ganz unvermeidlich

erschienen, denn wozu dann noch leben, hatte er sich gefragt? Jetzt

aber! War es denn jetzt dasselbe wie damals? Jetzt war doch schon ein

Schrecknis, ein Gespenst beseitigt: der „Erste“, ihr Alleinberechtigter,

dieser fatale Mensch war verschwunden. Das große Schreckgespenst war so

klein geworden, so lächerlich: man hatte es im Nebenzimmer hinter Schloß

und Riegel einfach eingesperrt. Und niemals wird es mehr ängstigen! Sie

schämt sich seiner, und in ihren Augen hat er klar gelesen, wen sie

jetzt liebt. Ach, jetzt nur leben, leben! Und da – gerade jetzt nicht

leben können! Oh, verflucht! „Gott, erwecke den Toten am Zaun! Gott,

mein Gott, laß diesen furchtbaren Kelch an mir vorübergehen! Hast Du

doch Wunder getan, und an ebenso großen Sündern wie ich! Aber wie, wenn

der Alte lebt? Oh, dann werde ich die Schande der anderen Schmach

vernichten, ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten, alles

zurückgeben, aus der Erde hervorkratzen ... Es wird keine Spur mehr von

der Schande übrigbleiben, außer in meinem Herzen, und dort wird sie bis

in alle Ewigkeit brennen! Aber nein, nein, das sind ja unmögliche,

kleinmütige Träume! Oh, Fluch!“

Und doch war es ihm, als fühlte er einen hellen Hoffnungsstrahl durch

das Dunkel leuchten. Er riß sich plötzlich los von der Ecke und stürzte

in die Zimmer zu ihr, wieder zu ihr, seiner Königin! „Ist denn eine

Stunde, eine Minute ihrer Liebe nicht das ganze Leben wert, wenn auch in

Qualen der Schmach und Schande?“ Diese wilde Frage machte sein Herz

klopfen. „Zu ihr, zu ihr allein, sie sehen, sie hören und an nichts

denken, alles andere vergessen, und wenn auch nur diese eine Nacht –

eine Stunde, einen Augenblick lang!“ Kurz vor der Tür zum Flur, noch auf

der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissytsch zusammen. Der kam

ihm finster und besorgt vor und schien ihn zu suchen.

„Was ist – Borissytsch, suchst du mich?“

„Nein, nicht Euch,“ sagte der Wirt etwas erschrocken, wie es Mitjä

schien. „Warum sollte ich Euch suchen? Aber ... wo wart Ihr denn?“

„Warum bist du plötzlich so mißgestimmt? Ärgerst du dich etwa? Wart,

bald kannst du schlafen gehn ... Wie spät ist es denn eigentlich schon?“

„Es wird drei sein, vielleicht aber auch schon vier.“

„Dann machen wir ein Ende damit, dann ist es genug!“

„Aber ich bitte, es hat doch nichts zu sagen. Solange es Euch beliebt,

Herr ...“

„Was hat der Kerl?“ fuhr es Mitjä durch den Sinn, und er trat eilig in

das Zimmer, in dem die Mädchen tanzten. Doch Gruschenka war nicht da. Im

blauen Zimmer war sie gleichfalls nicht zu sehen; nur Kalganoff allein

schlummerte auf dem Sofa. Mitjä blickte hinter den Vorhang – dort war

sie. In der Ecke saß sie auf einer Truhe, hatte sich mit den Armen und

dem Kopf auf das daneben stehende Bett gestützt und weinte, war dabei

aus allen Kräften bemüht, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es niemand

höre. Als sie Mitjä bemerkte, streckte sie ihm die Hand entgegen, und

als er zu ihr stürzte, preßte sie seine Finger wie im Krampf.

„Mitjä, Mitjä, ich habe ihn doch geliebt!“ raunte sie ihm qualvoll zu,

„so geliebt, diese ganzen fünf Jahre, die ganze, ganze Zeit. Sag, habe

ich _ihn_ oder habe ich nur meinen Haß geliebt? Nein, _ihn_! Ach, _ihn_!

Ich lüge doch, wenn ich sage, daß ich meinen Haß und nicht ihn geliebt

habe! Mitjä, ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt, und er war

damals so freundlich zu mir, so lustig und sang mir Lieder vor ... Oder

sollte es mir, dem dummen Kinde, damals nur so geschienen haben? ...

Jetzt aber, o Gott! – das ist ja gar nicht er, gar nicht derselbe! Und

auch das Gesicht ist ein ganz anderes, ich erkannte ihn zuerst nicht

einmal. Als ich mit Timofei herfuhr, dachte ich die ganze Zeit, die

ganze Zeit: ‚Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich ihm sagen,

wie werden wir uns in die Augen blicken können? ...‘ Meine Seele wollte

vergehen. Und da komme ich hier an und er – ach, als hätte er mir

Spülicht übergegossen! Redet wie ein Schulmeister, alles so pedantisch,

wichtig, aufgeblasen, empfängt mich so unnahbar, daß ich ganz verdutzt

war. Ich wußte kein Wort zu sagen. Anfangs glaubte ich, daß er sich vor

diesem anderen, seinem langen Polen, schämt. Ich saß, betrachtete sie

beide und dachte: Warum verstehe ich denn plötzlich nicht mehr mit ihm

zu sprechen? Weißt du, das hat seine Frau aus ihm gemacht, dieselbe,

wegen der er mich damals verließ, und die er dann heiratete ... Sie, sie

hat ihn dort so umgemodelt. Mitjä, diese Schande, diese Schande ertrage

ich nicht! Mitjä, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme, Mitjä, für mein

ganzes Leben! Verflucht seien diese ganzen fünf Jahre, verflucht!“ Und

sie brach wieder in Tränen aus und schluchzte, doch Mitjäs Hand ließ sie

nicht mehr los, sie hielt sie krampfhaft fest.

„Mitjä, Liebling, wart, geh nicht fort, ich habe dir etwas zu sagen,“

raunte sie ihm plötzlich, das Gesicht zu ihm erhebend, zu. „Höre, sage

du mir, wen ich liebe? Ich habe hier von allen nur einen lieb. Wer mag

nun das wohl sein? Sieh, das sollst du mir sagen.“ Auf ihrem von den

Tränen geschwollenen Gesicht erschien ein Lächeln, und ihre Augen

glänzten im Halbdunkel. „Es kam vorhin ein Falke her, und als ich ihn

erblickte, da rief mir das Herz zu: ‚Wie dumm du bist, sieh, den dort,

den allein liebst du!‘ – so flüsterte mir im Augenblick das Herz zu. Du

tratest ein, und alles erleuchtetest du, – du! ‚Aber was fürchtet er?‘

fragte ich mich. Denn du fürchtetest dich doch, nicht wahr, du konntest

ja kaum sprechen. ‚Er kann doch nicht diesen ... diesen fürchten,‘

dachte ich, – kannst du dich denn überhaupt vor jemandem fürchten?

‚Nein, _mich_ fürchtet er, _mich_, nur mich allein!‘ dachte ich. So hat

dir also Fenjä erzählt, wie ich Aljoscha durch das Fenster zugerufen

habe, daß ich Mitjenka im ganzen ein Stündchen geliebt hätte und nun

fortführe, um einen anderen zu ... lieben? Mitjä, ach Mitjä, wie konnte

ich dummes Geschöpf glauben, daß ich nach dir noch einen anderen lieben

könnte! Verzeihst du mir, Mitjä? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du

mich? Liebst du mich?“

Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitjä

blickte ihr stumm vor Entzücken in die leuchtenden Augen, in das

Gesicht, auf ihre lächelnden Lippen, und plötzlich riß er sie in seine

Arme, preßte sie wie mit Klammern an sich und küßte sie, küßte sie.

„Und verzeihst du mir, daß ich dich gequält habe? Ich habe euch alle

doch nur aus Haß, wegen meiner Liebe zu ihm, so gequält. Ich habe doch

den Alten absichtlich, aus Bosheit um den Verstand gebracht ... Weißt du

noch, wie du einmal bei mir trankst und darauf das Glas zerschlugst? Das

habe ich nicht vergessen, und so habe ich heute gleichfalls mein Glas

zerschlagen. Ich trank auf mein ‚niedriges Herz‘! Mitjä, mein lichter

Falke, warum küßt du mich nicht? Hast mich nur einmal geküßt und bist

dann erstarrt, hörst du ... Wozu mich anhören! Küß mich, küß mich

stärker, so, so. Liebt man, dann soll man auch lieben! Ich werde jetzt

deine Sklavin sein, mein ganzes Leben lang deine Sklavin! Süß ist es,

Sklavin zu sein! ... Küß mich! Schlage mich, quäle mich, tu mir etwas an

... Ach, wirklich, du solltest mich foltern ... Nein! nicht! ... wart,

später, so will ich nicht ...“ – Und sie stieß ihn plötzlich zurück.

„Geh fort, Mitjä, ich werde jetzt Wein trinken, ich will mich antrinken,

ich will betrunken tanzen, ich will, ich will!“

Sie riß sich von ihm los und lief fort. Mitjä folgte ihr wie im Traum.

„Meinetwegen, meinetwegen ... was jetzt auch geschehen mag, – für eine

Minute gebe ich die ganze Welt hin,“ fuhr es ihm wirr durch den Kopf.

Gruschenka leerte auf einen Zug noch ein ganzes Glas Champagner. Sie

setzte sich in den Lehnstuhl, auf ihren alten Platz und lächelte selig!

Ihre Wangen glühten, die Lippen schienen zu brennen, über ihre Augen

legte sich ein matter Schimmer, und der Blick blinkte verführerisch.

Selbst Kalganoff schien ihn zu spüren, und er trat an sie heran.

„Hast du es gefühlt, mein Herzensjunge, wie ich dich vorhin küßte, als

du schliefst?“ fragte sie ihn mit etwas schwerer Zunge. „Betrunken bin

ich jetzt, siehst du ... Und du nicht? Aber warum trinkt Mitjä nicht?

Warum trinkst du nicht, Mitjä? Sieh, ich habe schon getrunken, du aber

trinkst nicht ...“

„Ich bin ja schon betrunken! Auch so schon trunken ... trunken von dir,

jetzt aber will ich es auch noch vom Weine werden.“

Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar –

erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war

er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er

wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich

vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und

tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges,

unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum,

„ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte

sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu ... Sie aber wurde

ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein

Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder

machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte

nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten

belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr

die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum

Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen

Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor:

„Schweinchen macht chruchru, chruchru,

Kälbchen macht mumu, mumu,

Entlein macht quaqua, quaqua,

Gänschen macht gaga, gaga.

Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren,

Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren,

Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“

„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch

arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten! ... Weißt du, Mitjä, ich werde ins

Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen.

Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt ... Ja ... Heute

aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch

getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn

dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen

Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen,

‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung

bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so.

‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen

nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä,

laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut,

alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir

auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut

sind wir, schlecht und gut ... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt

alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut?

Ich bin doch gut – bin sehr gut ... Nun, darum also: Warum bin ich so

gut?“

So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter

Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem

Lehnstuhl und wankte.

„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib

du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht

sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie

sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze ... wie schön und gut ich

tanze ... wie?“

Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes

Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am

Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz

werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und

bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz

anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte,

ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter

ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos

sang:

Kleine Hexe, schlanke Beinchen,

Weiche Hüften, Ringelschweinchen!

Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn

zurück.

„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen

... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen ... Warum hast

du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie

zusehen, wie ich tanze ...“

Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den

Fäusten bei den Panen anzuklopfen.

„He, ihr ... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch

rufen.“

„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen.

„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist

du, verstanden!“

„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu

machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel

getrunken hatte.

„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht,

daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht

ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein

Bonbon.“

„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn

nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz.

Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten

...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich

halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich –

wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um.

„Bin schwach ...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten

Stimme, „verzeiht, bin zu schwach ... ich kann nicht ... es war meine

Schuld ...“

Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten

hin eine Verbeugung.

„Meine Schuld ... Verzeiht ...“

„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die

schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen.

„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen.

„Mitjä, bring mich fort ... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka

erschöpft.

Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die

Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt

werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue

Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest

im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä

legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im

Kuß an ihren Lippen festgesogen.

„Rühr mich nicht an ...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme.

„Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin ... Ich habe gesagt, daß

ich dein bin, aber du rühr mich nicht an ... schone mich, bitte ...

Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist

es hier ...“

„Ich gehorche! ... Mit keinem Gedanken ... Ich bete dich an ...“

murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“

Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder.

„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte

Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein ... von nun an

wird es ehrenhaft sein ... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir

wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut ... Bring mich fort, bring

mich weit fort, hörst du ... Ich will nicht hier ... nein, weit fort,

weit ...“

„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe

dich fort, fortfliehen werden wir ... Oh, mein ganzes Leben gebe ich

sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte! ...“

„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert.

„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst,

daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe

von Katjä Geld gestohlen.“

„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr,

nimm von mir ... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein.

Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen ... Wir sind die

rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und

die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde

aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha

hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu

sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum

Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir

fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe ... Sie

jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht

mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen ... Werde

ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen ...“

„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben,

ewig ...“

„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch

nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ...

wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im

Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am

Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die

Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“

Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der

Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie

plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust.

Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es

auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an

Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille

eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.

„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief

und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die

Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe

ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich

umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror,

und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee

schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der

Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie

wundervoll ...“

„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.

Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie

gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht,

sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz

eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte

Verwunderung aus, fast Schreck.

„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“

Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang

sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu

sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.

„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch

bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.

Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das

ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor

kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein

plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen.

Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große,

wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden

Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei,

Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“,

saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das

war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert

von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und

dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen

Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war

der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei

uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij

Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber

diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch

zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür

Kalganoff und Trifon Borissytsch ...

„Meine Herren ... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch

plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst

gewesen, laut, mit der ganzen Stimme:

„Ich be – grei – fe!“

Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor

und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch

gewissermaßen ziemlich eilig:

„Wir haben an Sie ... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa ...

Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse

Erklärungen bitten.“

„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut! ...

Ich begreife!“

Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger

gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand.

„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das

Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte

plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an.

Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper.

„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann.

„Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht

wirklich nicht so! ... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen.

Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so ...“

„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“

schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit

einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters ... Wahnsinn,

Wahnsinn!“

„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal

Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der

stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich

gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“

Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu

Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:

„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt

sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet

zu haben ...“

Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts

wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff

sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der

Anwesenden zum anderen.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 26 / 40 题