Achtes Buch. Mitjä

I.

Kusjma Ssamssonoff

Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als

letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses

Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von

ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge.

In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen

Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte

kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am

Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte

ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf

seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in

diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um

sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer

dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich

war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen.

Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage

angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren

Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte.

Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig

geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam

und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin,

daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt

zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf

diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt,

ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte

er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen

Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und

doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz

stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen

Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es

denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht

verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen

sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor

Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen

werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus

Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon

getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling

im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte

ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre

ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen

von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter

sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des

Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den

sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht

beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch

Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen

wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem

Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens

bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit

Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese

Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht.

Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach

darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem

leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts

Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte,

mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach

fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht

glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald

tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses

„Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben

nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr

hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als

verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die

letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine

Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä

noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze

Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte –

wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm

Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler

nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier

allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich

auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem

entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen

werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas

Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn

fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick

den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich

und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm

plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte

dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der

Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen,

wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende

Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich

ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte,

weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein

neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“

Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und

wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach

jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen

eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr

viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu

verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese

Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird

wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er

unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte.

Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen

Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine

schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh

fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde

ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann? ... Mitjä wußte

übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es

nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche

bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch

nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte

sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor.

Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch

eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch

gleichfalls verhängnisvolle Sorge.

Wenn sie ihm nämlich sagte: „Ich bin dein, bringe mich fort von hier,“

wie sollte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Mittel dazu, das

Geld? Gerade in diesen Tagen waren seine Einkünfte, die aus den

Abzahlungen Fedor Pawlowitschs bestanden, und die er ununterbrochen im

Laufe so vieler Jahre erhalten hatte, völlig versiegt. Allerdings hatte

ja Gruschenka Geld, aber Mitjä war in dieser Hinsicht mehr als stolz.

Mit seinen eigenen Mitteln wollte er sie fortführen und das neue Leben

beginnen, nicht mit ihren. Er vermochte sich nicht einmal vorzustellen,

daß er von ihr Geld annehmen könnte, und litt bei dem Gedanken die

schrecklichsten Qualen. Über diesen wunden Punkt werde ich mich weiter

nicht verbreiten und ihn auch nicht weiter untersuchen; ich will nur

gesagt haben, welcher Art seine Seelenverfassung in diesen Tagen war.

Vielleicht kam sie, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von den Qualen

seiner geheimen Gewissensbisse um das entwendete Geld Katerina Iwanownas

her. In den Augen der einen bin ich schon ein Schuft, soll ich es auch

noch in den Augen der anderen werden? dachte er damals, wie er selbst

später gestand. „Ja, wenn Gruschenka das erfährt, so wird sie nichts von

einem solchen Schufte wissen wollen. Woher aber nun die Mittel nehmen,

wie sich dieses verhängnisvolle Geld verschaffen? Nichts wird

zustandekommen, alles werde ich verlieren, und einzig und allein darum,

weil ich kein Geld habe! Oh, Schmach!“

Ich muß hier vorgreifen: Das war es ja, daß er vielleicht wußte, wo

dieses Geld zu haben war, vielleicht sogar wußte, wo es lag!

Ausführlicheres darüber werde ich dieses Mal noch nicht sagen, das wird

sich später von selbst ergeben. Doch worin sein Hauptunglück bestand,

darüber will ich, wenn er sich auch der Ursache desselben nicht ganz

bewußt war, wenigstens meine Meinung äußern. Um diese irgendwo liegenden

Mittel nehmen zu können, um _das Recht zu haben_, sie zu nehmen, war es

unbedingt nötig, die Dreitausend Katerina Iwanowna zurückzuerstatten, –

„sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und mein neues Leben will

ich nicht als Schuft beginnen.“ Das waren Mitjäs Gefühle, und darum

beschloß er auch, wenn es sein müßte, die ganze Welt umzudrehen, doch

diese Dreitausend Katerina Iwanowna unter allen Umständen zurückzugeben,

was es auch koste. Den endgültigen Entschluß faßte er erst in den

letzten Stunden, nämlich nach seinem letzten Gespräch mit Aljoscha, am

Abend auf dem Wege zum Kloster, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna

beleidigt hatte. Mitjä hatte nach der Erzählung Aljoschas sofort

eingesehen, daß er wirklich als „Schuft“ gehandelt hatte, und befohlen,

Katerina Iwanowna zu sagen, daß er die Bezeichnung annehme, „wenn das

sie trösten könne“. Als er in dieser Nacht vom Bruder fortgegangen war,

hatte er sich in seiner Verzweiflung gesagt, daß es für ihn besser wäre,

„jemanden zu erschlagen, zu berauben, doch unbedingt die Schuld an Katjä

zu tilgen“. „Mag ich lieber vor dem Toten und Geplünderten als Mörder

und Dieb dastehen, und vor allen Menschen, – lieber will ich nach

Sibirien geschickt werden, als daß ich Katjä das Recht gebe, von mir zu

sagen, daß ich sie betrogen, ihr Geld gestohlen, und daß ich mit ihrem

Geld Gruschenka entführt und ein neues Leben begonnen habe! Das kann ich

nicht ertragen!“ So dachte Mitjä wutknirschend und glaubte, wie erwähnt,

nicht ohne Grund, daß es zu jener „Gehirnentzündung“ kommen werde.

Einstweilen aber kämpfte er noch ...

Sonderbar: schien es doch, daß ihm bei einem solchen Entschluß außer

Verzweiflung nichts anderes übrigblieb; denn wo sollte er plötzlich

dieses Geld hernehmen, ein Hungerleider wie er? Trotzdem aber glaubte

und hoffte er bis zum Schluß, hoffte er die ganze Zeit über, daß er

diese Dreitausend erhalten werde, daß sie, wenn nichts anders, ihm vom

Himmel in den Schoß fallen würden. So aber ergeht es allen, die, wie

Dmitrij Fedorowitsch, in ihrem Leben nur Geld verausgabt und ein durch

Erbschaft und ohne Mühe erhaltenes Geld verschwendet haben, davon aber,

wie man Geld verdient, sich überhaupt keine Vorstellung machen können.

Nachdem er Aljoscha damals verlassen hatte, waren ihm die

phantastischsten Gedanken wie ein Sturmwind durch den Kopf gezogen. So

kam es denn, daß er mit dem allerunglaublichsten Unternehmen anfing. Ja,

es kommt vor, daß solchen Leuten in solcher Lage die phantastischsten

Unternehmungen gerade die möglichsten scheinen. Er entschloß sich

plötzlich, zum Kaufmann Ssamssonoff, dem Protektor Gruschenkas, zu

gehen, und ihm einen Plan vorzulegen, um sich auf diese Weise sofort das

nötige Geld zu verschaffen. Den kommerziellen Wert seines Projektes

bezweifelte er nicht im mindesten. Was ihn peinlich beschäftigte, war

viel mehr die eine Frage: wie der alte Ssamssonoff diesen Schritt

aufnehmen werde, wenn er ihn nicht ausschließlich von der kommerziellen

Seite betrachten sollte. Mitjä kannte diesen Kaufmann nur dem Ansehen

nach: bekannt mit ihm war er nicht, noch nie hatte er mit ihm

gesprochen. In Mitjä jedoch hatte sich schon lange die Überzeugung

festgesetzt, daß dieser alte Wollüstling, dessen Stunden bereits gezählt

waren, nichts dagegen haben würde, wenn Gruschenka einen „zuverlässigen

Menschen“ heiraten wollte, ja, daß er sogar selbst wünschen werde, ihr

dazu zu verhelfen, besonders wenn sich eine so gute Gelegenheit bot.

Nach dem Hörensagen oder aus einigen Worten Gruschenkas entnahm er wohl,

daß der Alte für Gruschenka Fedor Pawlowitsch vorgezogen hätte.

Vielleicht werden viele Leser meiner Erzählung diese Hoffnung Mitjäs auf

eine solche Hilfe und die Absicht, die Braut gewissermaßen aus den

Händen ihres früheren Beschützers zu empfangen, sehr wenig feinfühlig

von Dmitrij Fedorowitsch finden. Ich kann dazu nur eines bemerken: daß

die Vergangenheit Gruschenkas von ihm als etwas ganz Abgetanes angesehen

wurde. Er sah auf diese Vergangenheit mit unendlichem Mitleid, und in

der Glut seiner Leidenschaft glaubte er, daß von dem Augenblick an, wenn

Gruschenka ihm sagen werde, daß sie ihn liebe und mit ihm gehen wolle,

sofort eine andere Gruschenka und er zusammen mit ihr gleichfalls ein

anderer Dmitrij Fedorowitsch sein würde, ohne alle Laster und nur noch

mit Tugenden begabt; beide würden sie einander alles vergeben und ihr

Leben ganz von neuem beginnen. Was aber Kusjma Ssamssonoff anbelangt, so

zählte er ihn zu den „verhängnisvollen“ Menschen in Gruschenkas früherem

verunglückten Leben, den sie indessen nie geliebt hatte, und der – und

dies war die Hauptsache – auch schon „Vergangenheit“ war, so daß er für

ihn überhaupt nicht mehr da zu sein schien. Und außerdem konnte ihn

Mitjä jetzt auch gar nicht mehr für einen Mann halten: wußte doch

jedermann in der Stadt, daß die Beziehungen dieser „Ruine“ zu Gruschenka

nur noch väterlicher Art und durchaus nicht mehr die von früher waren,

und zwar schon lange nicht mehr, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls

war von seiten Mitjäs viel Herzenseinfalt dabei, denn bei all seinen

Lastern war er doch ein gutmütiger Mensch. Infolge dieser Herzenseinfalt

war er denn auch unter anderem fest überzeugt, daß der alte Kusjma,

jetzt, da er sich vorbereitete, in die andere Welt abzugehen,

aufrichtige Reue wegen seiner Vergangenheit mit Gruschenka empfände, und

daß Gruschenka nun keinen besseren Gönner, noch zuverlässigeren Freund

haben könnte als gerade diesen harmlos gewordenen Alten.

Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem

Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn

Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war

ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und

Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden

verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester

von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei

seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer

zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und

eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock

seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß

seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden

und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben

laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock

bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische

Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper

angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit

kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln

zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der

kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in

ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre

Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe

im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße

konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher

sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half,

führte ihn dann ein- oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und

wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den

„Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte,

meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat,

ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich

ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er

nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur

Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle.

Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das

alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier

versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen

Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem

Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in

den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach

unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben.

Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von

außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher

Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen

langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten

sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht

vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als

furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu

haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den

Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte

meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der

Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des

Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden

Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt,

und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen.

Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser

Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien,

sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen

Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem

Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen

Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur

Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend,

würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er

auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war

in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in

Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt

geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend

verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan

an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer

ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er

die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie

zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken

Greises.

„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der

Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in

höflichem Tone.

Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich

aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich

überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an.

Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist,

unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht,

– gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser.

Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb

unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht

recht, wie er ihn anreden sollte.

„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl

schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor

Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner

leiblichen Mutter beraubt hat ... da ja die ganze Stadt davon spricht

... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen ...

Außerdem hätten Sie von Gruschenka ... pardon: von Agrafena Alexandrowna

... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna

...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten.

Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen,

sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter:

Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem

Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten

Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen

wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast

staatsmännischer Verstand ... er kennt Sie ... er hat Ihrer im besten

Sinne erwähnt ...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt

ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer

weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die

Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten

sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen

Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes

Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen

Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne ... „denn es sind doch

nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht

die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne

noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von

seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht

weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was

sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie

sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten! ...

Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts

mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich

geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier

verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.)

„Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch,

alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur

dreitausend Rubel geben ... Sie können dabei in keinem Falle etwas

verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können

statt dreitausend, sechs- bis siebentausend gewinnen ... Die Hauptsache

ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn

möglich sogar heute schon ... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da

... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle

Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben ... und

wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja

wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen ... Sie

würden mir die Dreitausend geben ... Denn welcher Kapitalist hier in der

Stadt könnte sich mit Ihnen messen? ... und Sie würden mich retten vor

... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen

... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu

gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie

wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das

ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da

man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch

zwei Köpfe ... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt

aus ... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und

der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt

jetzt in Ihren Händen ... drei Schicksale und zwei Lose ... Verzeihen

Sie, ich habe mich versprochen ... doch Sie verstehen schon ... ich sehe

es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben ... Wenn Sie

aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“

Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine

Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er

plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß

er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als

ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles

Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die

ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und

beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile

auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und

teilnahmlosesten Tone:

„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“

Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden.

„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend.

„Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“

„Entschuldigen Sie ...“

Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich

bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen.

„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam

der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine

Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich

damit wenden könnten ...“

„Mein Gott, wer ist das? ... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“

stotterte Mitjä.

„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er

ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch

verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä;

sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört

haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen

Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe

Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das

heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch

wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen

und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben,

so könnte er ...“

„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm,

gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man

verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument

mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä

lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet,

daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte.

„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä

aufgeregt hervor.

„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem

Kopfneigen.

„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich

zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege

sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber

ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das,

Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“

„Sehr wohl.“

Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln,

doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand

sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist

ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn.

„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist

ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte

sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben

raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu.

Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich

mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein

Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine

Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon

der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann

wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht

über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in

seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen:

entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit

Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über

ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später,

lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand

der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“

tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und

höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen.

Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses

„Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen

„wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um

derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für

irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in

dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und

fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er

verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut

auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä

hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem

Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht

der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle

man ihn lassen, geschweige denn ...

Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn

gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie

gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum

Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.

II.

Ljägawyj

So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde

zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei

Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem

früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine

alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm

sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen

Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte

ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit

über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach

Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie

gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld

war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner

Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte

ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch

Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine

Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele

seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu

ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem

er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er

nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise

konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „_am Tage vor

dem Ereignisse_ keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das

Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft

und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor

Zeugen.“

Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären,

warum ich es tue.

Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje,

vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese

Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so

zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was

wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade

heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht

gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten,

zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um

nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend

zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte

man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort

erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider

sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen.

Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen

Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern

achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu

Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit

seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand,

wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener

und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser

Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in

Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort

in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs,

ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“,

weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch

ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst

eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu

Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei.

Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen

Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen

mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch.

Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne,

verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach

überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet

ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich

weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als

Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner

Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen

Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der

Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“

nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch

Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke

man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn

sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt

nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert

und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt

habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab,

obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht

mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu

„Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen,

und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte

keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich,

schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war,

erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen

waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in

die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der

einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom

Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube,

und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war

stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar,

ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter

Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag

ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock

statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä

war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine

Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute

noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und

der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung.

Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn

kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief

Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich

jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden

an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn

aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh

war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich

an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.

„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen,

„er ist augenblicklich nicht imstande ...“

„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter.

„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr

die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“

„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte

wieder das Väterchen.

„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner

Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn

zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser

Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit

düsterer Miene da.

„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den

Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die

Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um

ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den

Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu

solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer

Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben

...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel

drein.

„Väterchen, ich werde mit dem Licht hierbleiben und werde einen

Augenblick zu erhaschen versuchen. Wenn er aufwacht, werde ich sofort

beginnen ... Das Licht werde ich dir bezahlen,“ sagte er zum Wächter

gewandt, „für das Nachtlogis gleichfalls, wirst noch an Dmitrij

Karamasoff denken. Was wird aber nun aus Ihnen, Väterchen, ich weiß

nicht, wo Sie bleiben sollen, wo Sie sich hinlegen könnten ...“

„Nein, ich gehe zu mir nach Haus. Ich werde auf seiner Stute

zurückreiten,“ sagte das Väterchen, auf den Wächter weisend. „Leben Sie

wohl, ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“

Und so geschah es denn auch. Der Pope ritt auf der kleinen Stute davon,

froh darüber, daß er sich endlich von der Sache losgemacht hatte. Doch

schüttelte er noch lange nachdenklich sein Haupt und dachte unruhig

darüber nach, ob es nicht besser wäre, morgen frühzeitig seinen Gönner

Fedor Pawlowitsch von diesem bemerkenswerten Fall zu benachrichtigen,

„denn ist die Stunde, in der er es erfährt, ungünstig, so kann er noch

wütend werden und seine Güte zu mir einschränken.“ Der Waldwächter

kratzte sich hinterm Ohr und ging schweigend in seine Kammer. Mitjä

setzte sich auf die Bank, um, wie er gesagt hatte, den Augenblick zu

erhaschen! Schwermut breitete sich wie Nebel über seine Seele; es war

eine tiefe, lähmende Schwermut! Und doch gaben ihm die Sorgen keine Ruh.

Er saß da und grübelte und konnte sich trotzdem nicht klar und schlüssig

werden. Das Licht brannte nieder; ein Heimchen zirpte hin und wieder,

und in dem geheizten Zimmer wurde es unerträglich beklemmend. Plötzlich

sah er einen Garten vor sich, einen Gang hinter dem Garten, im Hause des

Vaters öffnete sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür schlüpfte

Gruschenka ... Er sprang auf.

„Die Tragödie!“ sagte er zähneknirschend, mechanisch ging er zum

Schlafenden und betrachtete ihn. Es war ein hagerer, noch nicht alter

Bauer mit länglichem Gesicht, rötlichen Locken und einem langen, dünnen

roten Bart, in einem Kattunhemd und in schwarzer Weste, aus deren Tasche

die silberne Kette einer silbernen Uhr heraushing. Mitjä betrachtete

diesen Menschen mit unbeschreiblichem Haß, und es war ihm aus

irgendeinem Grunde besonders widerwärtig, daß er Locken hatte.

Hauptsächlich aber war für ihn beleidigend, daß er, Mitjä, jetzt hier

bei ihm stehend warten mußte, mit dieser unaufschiebbaren Angelegenheit,

dabei noch so viel opferte, so viel wagte und so gequält war, während

dieser Faulpelz, „von dem jetzt mein ganzes Schicksal abhängt,

schnarcht, als ob nichts wäre, als befände er sich auf einem anderen

Planeten. Oh, Ironie des Schicksals!“ rief Mitjä verzweifelt aus, verlor

plötzlich ganz den Kopf und stürzte sich wieder auf den Menschen, um ihn

zu wecken. In einer Art Raserei riß er ihn herum, stieß ihn, schlug ihn,

doch als er nach fünf Minuten nichts erreichte, kehrte er in kraftloser

Verzweiflung wieder auf seine Bank zurück und setzte sich wieder hin.

„Dumm, dumm ist es!“ murmelte er. „Und ... wie ist das alles ehrlos!“

fügte er plötzlich noch aus irgendeinem Grunde hinzu. Ihm tat der Kopf

entsetzlich weh: „Sollte ich es nicht ganz aufgeben? Fortfahren?“ dachte

er einen Augenblick. „Nein, ich bleibe lieber bis zum Morgen. Jetzt

bleibe ich erst recht! Wozu bin ich denn hergekommen? Ja, und wie soll

ich denn jetzt von hier fortkommen? Oh, ich Esel!“

Der Kopfschmerz wurde aber immer stärker. Unbeweglich saß er da, und

unversehens war er sitzend eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte er zwei

bis drei Stunden geschlafen. Als er erwachte, glaubte er, sein Kopf

müsse zerspringen, er hätte schreien mögen vor Schmerz. In seinen

Schläfen hämmerte das Blut, und in den Ohren summte es. Zuerst konnte er

noch lange nicht zu sich kommen: nicht begreifen, was mit ihm eigentlich

geschehen war. Endlich begriff er, daß im überheizten Zimmer ein

schrecklicher Dunst war, und daß er vielleicht hätte sterben können. Der

betrunkene Bauer aber lag und schnarchte wie zuvor; das Licht war

heruntergebrannt und drohte zu erlöschen. Mitjä stürzte wankend hinaus

in den Flur und in die Stube des Wächters. Der erwachte sofort, doch als

er hörte, daß in der anderen Stube Dunst sei, machte er sich zwar sofort

auf, um hinzugehen, nahm aber diese Tatsache mit sonderbarem Gleichmut

auf, was Mitjä äußerst erstaunte und beleidigte.

„Aber er ist vielleicht gestorben, gestorben, und was dann ... was

dann?“ schrie ihn Mitjä außer sich an.

Man öffnete die Tür, das Fenster, das Ofenrohr. Mitjä schleppte einen

Eimer voll Wasser aus dem Flur und befeuchtete sich den Kopf, und als er

darauf ein Handtuch gefunden hatte, steckte er es ins Wasser und legte

es dem Ljägawyj auf die Stirn. Der Wächter verhielt sich gleichgültig zu

allem, was geschah. Als er das Fenster geöffnet hatte, sagte er

mürrisch: „So, ist schon gut,“ und ging wieder fort. Er überließ Mitjä

eine Blechlaterne. Mitjä mühte sich noch eine halbe Stunde um den

Betrunkenen, machte ihm Kompressen um den Kopf und beabsichtigte im

Ernst, die ganze Nacht über nicht mehr zu schlafen, doch gequält und

ermüdet setzte er sich wieder auf eine Minute hin, um etwas aufzuatmen,

und im selben Augenblick fielen ihm auch schon die Augen zu: ganz

unbewußt streckte er sich auf der Bank aus und – schlief wie ein Toter.

Er erwachte sehr spät. Es war schon etwa neun Uhr morgens. Die Sonne

schien hell durch die beiden Fensterchen in die Stube. Der lockige Bauer

von gestern saß bereits angekleidet auf der Bank. Vor ihm stand ein

kochender Ssamowar und ein neuer Liter Branntwein. Der gestrige, alte

Liter war schon geleert und der neue Liter bis zur Hälfte ausgetrunken.

Mitjä sprang auf und bemerkte sofort, daß der verfluchte Bauer wieder

betrunken war, schwer betrunken. Er sah ihn eine Minute lang starr an.

Der Bauer betrachtete ihn gleichfalls schweigend mit einem schlauen

Blick und beleidigender Ruhe, wenn nicht gar mit verächtlichem Hochmut.

So schien es wenigstens Mitjä. Er stürzte auf ihn zu.

„Erlauben Sie, sehen Sie ... ich ... Sie werden wohl schon von dem

Buschwächter in der Stube drinnen gehört haben: ich bin der Leutnant

Dmitrij Karamasoff, der Sohn des alten Karamasoff, von dem Sie hier Wald

kaufen wollen.“

„Das lügst du,“ sagte bestimmt und ruhig der Bauer.

„Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fedor Pawlowitsch?“

„Gar keinen Fedor Pawlowitsch kenne ich,“ sagte der Bauer mit

schwerlallender Zunge.

„Aber den Wald, den Wald wollen Sie doch von ihm kaufen! Wachen Sie doch

auf, besinnen Sie sich doch! Das Väterchen, Pawel Iljinskij, hat mich

hergebracht ... Sie haben an Ssamssonoff geschrieben, und er hat mich zu

Ihnen geschickt ...“

Mitjä holte tief Atem.

„Du lügst!“ wiederholte Ljägawyj langsam, deutlich und mit steifer

Zunge. Mitjä fühlte, daß ihm die Füße kalt wurden.

„Erbarmen Sie sich, das ist doch kein Spaß! Sie haben vielleicht einen

Rausch ... Sie wissen vielleicht nicht was Sie sagen ... sonst ... sonst

verstehe ich nichts!“

„Du bist ein Färber!“

„Erbarmen Sie sich, ich bin doch Karamasoff, Dmitrij Karamasoff, ich

habe Ihnen einen Vorschlag zu machen ... einen vorteilhaften Vorschlag

... sehr vorteilhaft ... und gerade in betreff des Waldes ...“

Der Bauer strich sich wichtig den Bart.

„Nein, du hast die Lieferung übernommen, und bist als Schuft daraus

hervorgegangen. Ein Schuft bist du!“

„Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!“ Mitjä rang fast die Hände

vor Verzweiflung. Der Bauer strich sich immer noch den Bart, und

plötzlich kniff er listig die Augen zusammen.

„Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeige mir solch ein Gesetz,

nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu machen, hörst du! Ein Schuft

bist du, verstehst du, was ich dir sage?“

Mitjä wandte sich finster von ihm ab, und plötzlich war es ihm, als wenn

ihn „etwas vor die Stirn schlug,“ wie er sich selbst später ausdrückte.

„Plötzlich kam eine Erleuchtung über mich, ein Licht ging mir auf, und

ich verstand alles.“ Er stand und konnte nicht begreifen, wie er als

einsichtiger Mensch sich mit solch einer Dummheit hatte befassen, wie er

sich die ganze Zeit mit diesem Ljägawyj hatte abgeben können. „Und ich

habe ihm noch den Kopf gekühlt!“ ... „Betrunken ist der elende Kerl,

betrunken bis zum Delirium, und er wird noch eine ganze Woche trinken –

wie lange soll ich da warten? Wie aber, wenn Ssamssonoff mich

absichtlich hergeschickt hat? Wie, wenn sie ... Oh, mein Gott, was habe

ich getan! ...“

Der Bauer saß da, betrachtete ihn und schmunzelte. Unter anderen

Umständen hätte Mitjä diesen Dummkopf aus Wut vielleicht erschlagen; in

diesem Augenblick fühlte er sich aber so schwach wie ein Kind. Still

ging er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging zur

Stube hinaus. Den Buschwächter fand er in der anderen Stube nicht vor,

es war niemand da. Er nahm aus seiner Tasche Kleingeld, an fünfzig

Kopeken, und legte es auf den Tisch – für das Nachtlager, für das Licht

und „die Störung“. Als er aus der Hütte hinaustrat, sah er, daß

ringsherum nur Wald war und sonst nichts. Er ging aufs Geratewohl

weiter, ohne darüber nachzudenken, ob man nach rechts oder nach links

von der Hütte abbiegen mußte; gestern abend hatte er in der Eile nicht

auf den Weg geachtet. Er fühlte gegen niemanden Haß in seiner Seele,

nicht einmal Ssamssonoff konnte er hassen. Er schritt auf dem schmalen

Waldwege gedankenlos und wie verloren einher, „mit einer verlorenen

Idee“ und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wohin er ging. Ihn hätte

ein Kind überwältigen können, dermaßen müde war er plötzlich, sowohl

körperlich wie seelisch. Indessen fand er sich doch irgendwie aus dem

Walde heraus – plötzlich lagen vor ihm unabsehbare Strecken abgeernteter

kahler Felder. „Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!“ sagte

er vor sich hin und schritt weiter, immer weiter ...

Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem

Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg,

und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen

mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen.

Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte

Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er

einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden,

bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein

großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls

aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde

er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in

die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer

Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald

zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich

noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich

vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend

Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus.

„Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der

Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein

konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter

geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in

seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte

er zu Gruschenka.

III.

Die Goldgruben

Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und

Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie

erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus

Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu

ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht

wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere

ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma

Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen

mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm

sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach

Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie

wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen ... wenn sie

nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses

Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während

der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken

ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist.

Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt,

daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr

angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das

lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle

Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen

Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen.

Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich

nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem

Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von

Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten

gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch ... unbedingt!“ ging es ihm durch den

Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu

gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder

aufloderte.

Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“

hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die

ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur

zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat

„sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird

nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil,

man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller

Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es

mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die

sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger

fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird.

Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im

Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann

der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die

gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines

Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat

aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt –

obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war.

Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach

er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der

Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die

Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer

furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen

Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er

nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist,

und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt

fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an

einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu

erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn

wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch

morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue

eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist

diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden

muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht

versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig

sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in

irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie

nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die

sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser

Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine

Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich

die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und

Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten

Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau

etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene

„Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit

Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war,

begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu

verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten

Gewissensbisse.

So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen

Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld

verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen,

und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt

tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane,

überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch

zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch

nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er

sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur

Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von

dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der

bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an

den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu

zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der

verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse

usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich

sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte

bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte

nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine

Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte

sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu

gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen.

Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß

Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die

Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel

einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende

in den Händen hatte ... Doch ich greife vor.

Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn

eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank

war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft

des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und

mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach

Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als

ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs

beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt

für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig

begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt

hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und

beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan

Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“

Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber

wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie

dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst ... Die

Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den

„neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte,

und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine

Stunde für ihn zu opfern ... „In einer Stunde werde ich alles erfahren,

alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs,

erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort

wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von

Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“

Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete

seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja,

leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um

dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches

Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde.

Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch

ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner

Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz

anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal

gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber

so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz

vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen

war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange

schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war,

während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht

ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem

exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr

nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr

geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe

da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen

ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre

Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die

dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier

fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten

Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie

sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt

haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“

anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner

Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches

Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht

wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu

gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung

für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in

Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen

Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab

er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich,

als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein

Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu

mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann,

wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr

verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend

Rubel zu rauben – und weiter nichts“ ... es war halbacht Uhr, als er die

Türklingel zog.

Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden

lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort

empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei

sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des

Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß

sie ihn tatsächlich erwartet habe ...

„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte

doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie

sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen

Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war

überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“

„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt

und setzte sich etwas schwerfällig, „doch ... ich komme in einer sehr

wichtigen Angelegenheit ... die wichtigste aller wichtigsten ... das

heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich ...“

„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das

sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder –

haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich

um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina

Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir

kommen! Das war doch Mathematik!“

„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber

erlauben Sie – indessen, ich wollte ...“

„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich

bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin

ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima

gestorben ist?“

„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig

erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf.

„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor ...“

„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß

ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht

helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen

Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber ...“

„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie

können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was

Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich

habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch,

ich verfolge es und versuche, es zu begreifen ... Oh, glauben Sie mir,

ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch ...“

„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein

erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um

liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar

bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem

Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen

Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen ...

Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte ... Ich bin gekommen, gnädige

Frau ...“

„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt,

so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij

Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff

gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles

zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was

glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm

großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief

Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie

nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich

zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt

vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine

Zeit kostbar, ich habe Eile! ...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte,

daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus

Verzweiflung ... in der letzten Minute der Verzweiflung ... gekommen, um

Sie um Geld zu bitten ... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen,

unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau ...

Erlauben Sie, daß ich Ihnen ...“

„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand

ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im

voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie

haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben,

unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie

müssen mich vorher anhören!“

Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“

rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich

gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde,

vor der Pistole ... Meine ewige Dankbarkeit ...“

„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte

Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs

Begeisterung.

„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die

verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als

Garantie für diese Summe ... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen

von einer unermeßlichen Dankbarkeit ... Ich will Ihnen den Plan vor ...“

„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau

Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab.

„Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun.

Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu

Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht ... ich

weiß nicht ...“

„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her

gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht.

Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist

ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar

ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden

werden.“

„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte.

„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa,

daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann?

Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz

und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage,

nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat,

vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische

Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt ... _J’en ai assez._ ‚Genug!‘ wie

Turgenjeff sagt.“

„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig

...“

„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn

sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie

in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij

Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen.

Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie

zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns

zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden

große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen.

Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir

im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt

und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so

an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf,

Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“

„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch

wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß

Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau ... ich werde

mich vielleicht hinbegeben, vielleicht ... in Ihre Goldgruben ... und

werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu

reden ... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig ... Oh, Sie

würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon

... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu

verlieren, keine Stunde ...“

„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau

Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben

fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden,

antworten Sie mathematisch!“

„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon ... Ich fahre, wohin Sie

wollen, gnädige Frau ... jetzt aber ...“

„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und

eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen

Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim

Suchen sehr beeilte.

„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und

das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist

anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so

gesprächig wäre.“

„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte,

„hier, das war es, was ich suchte!“

Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von

denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt.

„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus

den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um

den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen

Unternehmungen zu segnen.“

Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer

Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und

schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust.

„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich

feierlich wieder auf ihren Platz.

„Gnädige Frau, ich bin so gerührt ... und ich weiß gar nicht, wie ich

danken soll ... für solche Gefühle, aber ... wenn Sie wüßten, wie teuer

mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir ... Oh,

gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu

mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen

alles zu sagen ... was Sie übrigens schon lange wissen ... Ich liebe ein

Wesen ... Ich bin Katjä untreu geworden ... Katerina Iwanowna wollte ich

sagen ... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch

habe ich mich in die andere verliebt ... in ein Wesen, das Sie,

Gnädigste, das Sie vielleicht verachten ... da Sie von ihr vielleicht

alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich

jetzt die dreitausend ...“

„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau

Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die

Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen,

lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so

finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das

wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit

Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage,

von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird

auferstehen ...“

„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das ...“ Dmitrij Fedorowitsch

legte fast schon flehend beide Hände zusammen.

„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig,

danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe

ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch.

Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der

Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter,

und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der

Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser

Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß

ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei

Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der

zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb:

‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘

unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu

schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort

‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern

können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine

unangenehme Erinnerung ... Ach, mein Gott, was haben Sie?“

„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer

Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau,

wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben

...“

„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne

Gefühle ... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden

Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie

sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit

mir zusammen zu freuen ...“

„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf ... „zum letzten Male

flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene

Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu

empfangen?“

„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Die versprochenen Dreitausend ... die Sie so großmütig waren ...“

„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei

mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä

erstarrte ...

„Wie haben Sie denn ... soeben ... äußerten Sie ... Sie sagten sogar,

daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären ...“

„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch.

Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch

von den Goldgruben ... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich

mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur

die Goldgruben.“

„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von

Sinnen aus.

„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich

habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit

meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von

Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei

mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so

würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld

borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen

Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen

keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die

Goldgruben, die Goldgruben ...“

„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus

aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in

die fernste Ecke des Empfangssalons.

Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus

dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er

ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf

die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er

spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war,

bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses

Schlagen auf die Brust und gerade auf _diese Stelle_ bedeutete, und was

er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine

Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten

hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein

Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er

nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina

Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf

der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis

zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin

erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine

letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke

Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht

weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines

Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er

tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und

plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt

war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen

hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung.

„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen,

Strolch!“

„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die

alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte.

„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz

veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor

den Augen sehn.“

„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei

ihm?“

„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen

hinübergehen ... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht

wiedererkennen.“

„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich

noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm

hin begleitet.“

„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen

und ging dann wieder fort.“

„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“

„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem

alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte

es sehr eilig.“

„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä.

„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon

jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu

Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä

saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als

plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte,

schrie sie auf vor Schreck.

„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist

sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr

plötzlich zu Füßen.

„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“

„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,

ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts ... Sie sind

doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen ...“

„Sie ist zurückgekommen! ...“

„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht

zurückgekommen!“

„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich

schließen, wo sie ist! ...“

Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig

davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu

danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte

Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem

Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa

nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand

schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule,

steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er.

„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus

und schlug die Hände zusammen.

IV.

In der Dunkelheit

Wohin eilte er?

„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie

geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der

ganze Betrug liegt doch auf der Hand ...“

Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf

stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er

laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig ... nicht

das geringste Geräusch ... sonst könnten sie es sofort sagen ... Marja

Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff

gleichfalls ... alle sind sie bestochen ... gekauft ...“ Und im

Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch

eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine

Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen

Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich

der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe

starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß.

Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar

war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm

bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war.

„Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß

warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls

gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in

die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes

zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich

oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen,

doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des

Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie

ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß

Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn

folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch

unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und

lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die

atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen

regte sich.

„... Und es flüstert nur die Stille ...“

Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn

auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin?

Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte,

ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der

Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig

weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden

seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten

Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe,

dichte Holunder- und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die

an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig

verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich

und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den

Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu

atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch

jemand meine Schritte gehört ... damit er sich dann beruhigt ... nur muß

ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese ...“

Er wartete etwa zwei Minuten lang, aber sein Herz schlug so heftig, daß

er nach Atem rang. „Nein, das Herzklopfen wird nicht vorübergehen,“

dachte er, „ich kann nicht länger warten.“ Er stand hinter einem Strauch

im Dunkeln, doch die andere Seite des Strauches war hell beleuchtet

durch den Lichtschein, der aus dem Fenster in den Garten fiel.

„Schneeballen, Mehlbeeren, wie rot sie sind!“ flüsterte er, ohne zu

wissen, warum, leise vor sich hin. Vorsichtig, mit schleichenden,

unhörbaren Schritten näherte er sich dem Fenster und hob sich auf die

Fußspitzen. Das ganze kleine Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs lag vor ihm

wie auf der Handfläche. Es war kein großes Zimmer und obendrein in der

ganzen Breite durch einen vielteiligen roten „chinesischen“ Bettschirm –

so nannte ihn Fedor Pawlowitsch – in zwei Hälften geteilt. „Der

Chinesische,“ zuckte es durch Mitjäs Gedanken, „und hinter dem

Bettschirm ist Gruschenka.“ Er betrachtete Fedor Pawlowitsch. Der hatte

einen neuen seidenen Schlafrock an – so hatte ihn Mitjä noch nie gesehen

– und um den Leib war er mit einer seidenen Schnur, an der seidene

Quasten hingen, gegürtet. Unter dem Kragen des Schlafrocks sah man die

feinste Wäsche von teurem holländischem Linnen, und vorne auf der Brust

war das Hemd mit goldenen Knöpfen geschlossen. Kopf und Stirn waren mit

demselben rotseidenen Tuch, in dem ihn am Morgen auch Aljoscha gesehen

hatte, umbunden. „Hat sich in Gala geworfen,“ dachte Mitjä. Fedor

Pawlowitsch stand in der Nähe des Fensters, augenscheinlich in Gedanken

versunken. Plötzlich hob er den Kopf, horchte ein wenig und trat, da er

nichts Verdächtiges gehört hatte, an den Tisch, goß sich ein halbes

Gläschen Kognak ein und kippte es. Darauf seufzte er tief, so daß sich

die ganze Brust hob, stand wieder eine kleine Weile nachdenklich auf

demselben Fleck, ging dann gleichsam zerstreut zum Pfeilerspiegel, schob

mit der rechten Hand ein wenig die rote Binde von der Stirn hinauf und

begann seine blauen Flecke und Beulen zu betrachten, die noch nicht

vergangen waren. „Er ist allein,“ dachte Mitjä, „nach allem zu urteilen

muß er allein sein.“ Fedor Pawlowitsch wandte sich vom Spiegel ab, und

plötzlich trat er zum Fenster; er blickte hinaus in den dunklen Garten.

Mitjä war sofort zurückgesprungen.

„Sie schläft bei ihm vielleicht schon – hinter dem chinesischen Schirm?“

Dieser Gedanke fuhr ihm wie ein Blitz durchs Herz. Da wandte sich Fedor

Pawlowitsch zurück und ging fort vom Fenster. „Nein, er hat durch das

Fenster nach ihr ausgeschaut, sie ist also nicht bei ihm! Warum sollte

er denn sonst ans Fenster treten und hinaussehen? ... Nein, die Ungeduld

verzehrt ihn ... und nur darum ist er ans Fenster getreten.“ Mitjä

schlich sich wieder zum Fenster und sah wieder hinein. Der Alte saß

schon am Tisch und war, wie es schien, sehr niedergeschlagen. Endlich

legte er beide Arme auf den Tisch und stützte den Kopf in die rechte

Hand, während die linke auf dem Tisch liegen blieb. Mitjä beobachtete

ihn gierig.

„Er ist allein, ganz allein,“ sagte er sich wieder. „Wenn sie bei ihm

wäre, würde er ein anderes Gesicht machen.“ Doch sonderbar: in seinem

Herzen erhob sich darob, daß sie nicht beim Alten war, ein ganz

unsinniger Ärger. „Nicht deswegen, weil sie nicht hier ist,“ sagte er

sich sofort als Antwort auf dieses Gefühl, kaum daß es ihm zum

Bewußtsein gekommen war, „sondern weil ich doch auf keine Weise genau

erfahren kann, ob sie hier ist oder nicht.“ Später erinnerte sich Mitjä,

daß seine Gedanken in diesen Minuten ungewöhnlich klar und deutlich

gewesen waren, daß er sich alles bis auf das letzte Tüpfelchen genau

überlegt hatte. Aber der Druck, der sich infolge der Ungewißheit, ob sie

nun da sei oder nicht, und infolge seiner Unentschlossenheit auf seine

Seele legte, vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und wurde

unerträglich. Und plötzlich entschloß er sich: er streckte die Hand aus

und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das „Zeichen“, das

zwischen dem Alten und Ssmerdjäkoff verabredet war: zuerst zweimal etwas

leiser und dann dreimal schneller tuck-tuck-tuck – das Zeichen, das

„Gruschenka ist gekommen“ bedeuten sollte. Der Alte fuhr zusammen, hob

den Kopf, sprang auf und stürzte zum Fenster. Mitjä hatte sich schon aus

dem Lichtschein in die Dunkelheit zurückgezogen. Fedor Pawlowitsch

öffnete geschwind das Fenster und steckte den Kopf heraus.

„Gruschenka, bist Du es? Wo bist Du denn?“ fragte er mit gerader

bebender Stimme in freudig-ängstlichem Flüstertone. „Sag doch, wo Du

bist, mein Herzblatt, mein Engelchen, wo bist Du denn?“ Vor Erregung

klappte seine Stimme über.

„Er ist allein!“ sagte sich Mitjä – jetzt erst war er wirklich

überzeugt.

„Wo bist Du nur?“ fragte wieder der Alte und steckte den Kopf noch

weiter zum Fenster hinaus, so daß auch die Schultern mit aus dem Fenster

ragten, und blickte sich nach allen Seiten, nach links und rechts um.

„So komm doch her, mein Engelchen, ich habe auch ein Geschenkchen für

dich bereit, komm nur, ich werde es dir zeigen!“

„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä.

„Aber wo bist Du nur? ... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde

sofort aufmachen ...“

Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser

nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre

unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre

Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich

nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende

Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung

lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch

die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in

Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der

Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich

diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube,

wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen

hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du

den Vater erschlagen wirst?“

„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt,

„vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch.

Ich fürchte, daß mir _sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich

sein wird_. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen

schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher

Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich

nicht beherrschen können.“

Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher,

als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner

Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule

aus der Tasche hervor ...

* * * * *

„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der

Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte

Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte,

angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken

geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben

und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken

gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann

noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank,

von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun

aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann

sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort

einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach,

stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er

Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in

einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom

Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna

rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij

und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein

wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz

und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er

das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen

hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur

einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend

und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte.

Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte

er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört ... als er aber

nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und

das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus.

„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und

plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im

Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit

ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den

Garten.

„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle

Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm

aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter

als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen

einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte ...

Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was

er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der

Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf,

stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf

dem Zaune Sitzenden.

Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er,

„der Unmensch, der Vatermörder!“

„Vatermörder!“ schrie der Alte, und der Schrei hallte durch die lautlose

Nacht über die ganze Umgegend hin. Doch das war auch alles, was er noch

schreien konnte: plötzlich stürzte er, schwer getroffen, zusammen. Mitjä

sprang wieder in den Garten hinab und beugte sich über den am Boden

Liegenden. Die messingne Mörserkeule, die er noch in der Hand hatte,

warf er mechanisch zur Seite in das Gras. Sie fiel etwa zwei Schritt von

Grigorij hin, doch nicht ins Gras, sondern auf den Weg, gerade auf die

sichtbarste Stelle. Er untersuchte hastig den Liegenden. Der Kopf des

Alten war ganz von Blut überströmt. Mitjä befühlte den Kopf von allen

Seiten. Er erinnerte sich später deutlich, daß er sich in dieser Minute

unbedingt hatte „vollkommen überzeugen“ wollen, was mit dem Alten

geschehen war: ob er ihm den Schädel eingeschlagen oder ihn durch den

Schlag auf den Scheitel nur betäubt hatte. Aber das Blut strömte,

strömte unaufhörlich und benetzte wie ein warmer Strom Mitjäs bebende

Finger. Er erinnerte sich später auch noch, daß ihm eingefallen war,

sein reines Taschentuch, das er vor dem Gang zu Frau Chochlakoff zu sich

gesteckt hatte, aus der Rocktasche hervorzuziehen, um damit

sinnloserweise das Blut von der Stirn und dem Gesicht des Alten

abzuwischen. Aber auch das Taschentuch war im Augenblick von Blut

durchtränkt.

„Gott, warum habe ich das getan?“ sagte sich Mitjä, wie aus einem Traum

erwachend. „Wenn ich ihm schon den Schädel eingeschlagen habe, wie soll

ich mich dann überzeugen ... Ach, ist denn jetzt nicht alles einerlei!“

fügte er plötzlich hoffnungslos hinzu, „– habe ich ihn erschlagen, dann

habe ich ihn erschlagen ... Bist mir in den Weg gekommen, Alter, so

liege denn!“ sagte er laut vor sich hin, und plötzlich stürzte er wieder

zum Zaun, sprang hinab in die Nebenstraße und lief fort. Das

blutdurchtränkte Taschentuch hielt er noch zusammengeballt in der

rechten Faust, und so steckte er es beim Laufen in die hintere

Rocktasche. Er lief, so schnell er konnte, und einige wenige Fußgänger

erinnerten sich später, in dieser Nacht einen wie wahnsinnig laufenden

Menschen gesehen zu haben. Er stürzte zum Hause der Morosowa, wo

Gruschenka wohnte.

Fenjä war inzwischen, oder vielmehr gleich nach seinem Fortgange, zum

Oberhofknecht Nasar Iwanowitsch gelaufen und hatte ihn zitternd

angefleht, den „Hauptmann um Christi willen weder heute noch morgen

hereinzulassen“. Nasar Iwanowitsch hatte sie ruhig angehört und

versprochen, ihre Bitte zu erfüllen, doch war er bald drauf zur Herrin

gerufen worden, und so hatte er seinen Neffen, einen Burschen von etwa

zwanzig Jahren, der erst vor kurzem vom Lande eingetroffen war, auf dem

Hof zurückgelassen, hatte aber vergessen, ihm etwas von Fenjäs Bitte in

betreff Karamasoffs zu sagen. Als Mitjä das Hoftor erreicht hatte,

klopfte er heftig. Der Bursche erkannte ihn sofort: Mitjä hatte ihm

schon des öfteren ein gutes Trinkgeld gegeben. Er riß sofort die Tür auf

und beeilte sich, lächelnd zu melden, daß Agrafena Alexandrowna nicht zu

Haus sei.

„Wo ist sie denn, Prochor?“ fragte Mitjä und blieb stehen.

„Sie ist doch vorhin fortgefahren, so vor zwei guten Stunden, nach

Mokroje, mit Timofei, dem Kutscher, der Herr kennen ihn wohl.“

„Fortgefahren? Warum?“ schrie Mitjä.

„Das kann ich nicht wissen, zu einem Offizier, heißt es, der hat sie

rufen lassen und auch die Pferde von dort nachgeschickt ...“

Mitjä ließ ihn stehen und lief wie ein Halbwahnsinniger zu Fenjä.

V.

Der plötzliche Entschluß

Sie saß mit ihrer Großmutter in der Küche, beide wollten sie gerade

schlafen gehen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie die

Küchentür wieder nicht verriegelt.

Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der

Kehle.

„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer

sich.

Beide Weiber schrien auf.

„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde

gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit

steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum

Offizier gefahren.“

„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä.

„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie

vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“

stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur

konnte.

Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt

hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter,

doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen

hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles

Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um

diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie

sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch

jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie

zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu

sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein

Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der

Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut

besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen

Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht

nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war,

starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch

stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu

wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder.

Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern

gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm

alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von

ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles

erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen

Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich

alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat,

bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an

ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß

er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er

damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es

ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm

stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in

ihm ein Gefühl wie Kälte hervor.

Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach

leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz

als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und

gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung

unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine

blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher

Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie

sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen.

Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch

Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen,

sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein.

Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich

von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden

hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch

das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht

vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als

Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen

erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder

vergangen war:

„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie

sind ja ganz blutig!“

„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und

vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank

wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der

Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von

einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und

lächelte nachdenklich.

„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf

seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im

Leid der einzige ihm nahestehende Mensch.

Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände.

„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren

Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen

worden! Aber ... Fenjä ... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an,

als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen

nach schrecklich aussieht, aber ... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn

die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann ... dann wird Mitjä Karamasoff über

diesen hohen Zaun springen ... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich

meine, nun, tut nichts ... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann

alles begreifen ... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde

mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen ...

Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so

vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka ... Sie

nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“

Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen

erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen

getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. –

Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen

Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt

hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause

seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger

Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu

spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen.

Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte,

fragte er ihn erschrocken:

„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“

„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld

gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe

es sehr eilig.“

Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte

sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen

Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der

Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und

einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt

die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der

Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß

Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei,

wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte.

Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er

hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das

man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es

gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht

zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei

recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf

bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei,

besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der

Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs

Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus:

„Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa

betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase,

war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen:

konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte,

wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei

doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte

sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken

jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter

zu sein.“ –

„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte

Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete.

„Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie

Sie aussehen!“

Er ergriff ihn am Ellenbogen und zog ihn vor den Spiegel. Als Mitjä sein

mit Blut besudeltes Gesicht erblickte, fuhr er zusammen und runzelte

zornig die Stirn.

„Ach zum Teufel! Das fehlte gerade noch,“ stieß er brummend hervor,

legte schnell das Geld aus der rechten Hand in die linke und griff mit

der rechten hastig nach dem Taschentuch in der hinteren Rocktasche. Aber

das Tuch war ganz blutdurchtränkt: kein einziger weißer Fleck war zu

sehen, und es war nicht nur trocken geworden, sondern war buchstäblich

hart getrocknet und wollte sich daher nicht auseinanderfalten lassen.

Mitjä schleuderte es wütend fort.

„Hol’s der Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen hier ... zum

Abwischen?“

„So haben Sie sich nicht verletzt? Aber wo haben Sie sich denn so mit

Blut besudelt? Wollen Sie sich nicht lieber waschen, ach,

selbstverständlich, kommen Sie, hier ist der Waschtisch.“

„Waschen? Ja, das ist gut ... nur wohin soll ich denn das tun?“ Und er

hielt in einer ganz sonderbaren Hilflosigkeit Perchotin die Geldscheine

hin und blickte ihn dabei so fragend an, als müßte jener bestimmen,

wohin er sein Geld legen sollte.

„Das Geld? Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf

den Tisch; es wird schon nicht verloren gehn.“

„In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut. ... Nein, sehen Sie mal,

das ist doch alles Unsinn!“ sagte er plötzlich laut, gleichsam aus der

Zerstreutheit erwachend. „Sehen Sie: wir wollen zuerst diese Sache

erledigen, ich meine die Pistolen, Sie geben sie mir zurück, und hier

ist Ihr Geld ... denn ich habe sie sehr nötig ... und Zeit – Zeit habe

ich keinen Augenblick. –“ Damit nahm er den obersten Hundertrubelschein

und hielt ihn Perchotin hin.

„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie

nicht kleineres Geld?“

„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er

schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den

Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur

solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an.

„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten

Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr

Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He,

Mischa!“ rief er in das Vorzimmer.

„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn

mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich

zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij

Karamasoff sofort hinkommen wird ... Doch hör, hör, daß sie Champagner,

sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach

Mokroje fuhr ... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich

plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa,

aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten,

geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie

da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals ...

Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen,

Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von

Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen,

Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit

dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel ... Nun, und auch jetzt

soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur

Mischa ... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu

Perchotin gewandt.

„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört

und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie

hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“

„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa,

ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst ... Wenn du es

nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber

... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und

Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war ... Sie

wissen schon, wie es damals war!“

„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig.

„Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld

wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen

dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen ... Geben

Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine

fliegen!“

Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem

Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und

starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und

die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und

Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte.

„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz.

„Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche ...

So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half

ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf.

„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“

„Das ... das kommt nicht vom Rock ... Nur ein wenig hier am Ärmel ...

und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche

durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und

da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu

rührender Vertrauensseligkeit.

Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu.

„Das sind ja schöne Geschichten! ... Sie haben wohl eine Prügelei

gehabt?“ brummte er.

Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser

über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein.

(Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl

ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu

reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute

mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von

Charakter nichts weniger als schüchtern war.

„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben;

so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der

Schläfe, beim Ohr ... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin

fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels

ist mit Blut – ...“

„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den

Hemdärmelaufschlag zu betrachten.

„So wechseln Sie die Wäsche.“

„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde ...“ fuhr Mitjä, der sich schon

Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit

derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach

so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen ... So, sehen

Sie, nicht wahr?“

„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit

jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem

Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“

fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt

... oder am Ende gar totgeschlagen?“

„Unsinn!“ sagte Mitjä.

„Wieso Unsinn?“

„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd.

„Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“

„Erdrückt? Eine Alte?“

„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins

Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre.

„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten ... Haben Sie jemanden

totgeschlagen?“

„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten

uns ... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein

dummer Alter ... aber er hat mir verziehen ... jetzt hat er mir bestimmt

schon verziehen ... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht

verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur,

wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel

mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich

nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab.

„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit

fremden Menschen anzubinden ... wie Sie auch damals wegen solcher

Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten ... zuerst eine Prügelei und

dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen

Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“

„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich

würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber

ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum

Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er

erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken.

„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt ... dort, da liegt es ja.

Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um,

als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um

sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja

Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“

„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die

Hosentasche.

„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben

geerbt?“

„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig.

„Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach

Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend

vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen,

dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“

„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von

ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“

Perchotin blickte ihn ungläubig an.

„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig

junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel

emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie

sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen

Sie sich mal!“

„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht ... wenn Sie so sagen, dann wird sie

sie Ihnen wohl gegeben haben ... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das

Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei

... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“

„Nach Mokroje.“

„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“

„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er

dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä.

„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im

Kleister.“

„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich

rede von des Weibes Herz:

‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft,

Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘

Sämtliche Werke 9-10 · 第 24 / 40 题