Aljoscha sah ihn nicht an, doch an einer kurzen Bewegung erriet Rakitin
sofort, daß er ihn gehört und verstanden hatte.
„Was ist denn mit dir passiert?“ fuhr er verwundert fort zu fragen.
Aber seine Verwunderung machte auf seinem Gesichte bald einem Lächeln
Platz, das immer spöttischer wurde.
„So hör doch, ich suche dich bereits seit zwei Stunden. Du warst dort
plötzlich verduftet. Aber was tust du denn hier? Was machst du für
heilige Dummheiten? Sieh mich doch wenigstens an ...“
Aljoscha erhob seinen Kopf, setzte sich auf und lehnte sich mit dem
Rücken an den Baumstamm. Er weinte nicht, doch sein Gesicht drückte
Leiden aus, und seinen Augen sah man die Erregung an, in der er sich
befand. Er sah übrigens nicht zu Rakitin auf, sondern blickte zur Seite.
„Hör mal, dein Gesicht hat sich ja ganz verändert. Von deiner berühmten
früheren Engelskeuschheit ist nichts mehr zu sehen. Hast dich wohl über
irgend jemanden geärgert, nicht? Hat man dich etwa gekränkt?“
„Laß mich!“ sagte Aljoscha plötzlich, vermied es aber, ihn anzusehen und
winkte nur müde mit der Hand ab.
„Oho, also so sind wir! Man fängt also schon wie die übrigen Sterblichen
an, anzuschnauzen. Und das soll ein Ebenbild der Engel sein! Nun,
Aljoschka, du hast mich aber in Erstaunen gesetzt, das laß dir gesagt
sein! Ich spreche jetzt aufrichtig. Schon lange wundere ich mich hier
über nichts mehr. Übrigens habe ich dich doch immer für einen gebildeten
Menschen gehalten ...“
Endlich sah ihn Aljoscha an, tat es aber so zerstreut, als ob er ihn gar
nicht verstanden hätte.
„Bist du denn wirklich darum so, weil dein Alter stinkt? Glaubtest du
denn im Ernst, daß er alte Wunder wieder auffrischen werde?“ fragte
Rakitin, in immer größere Verwunderung geratend.
„Ich glaubte, glaube, will glauben und werde glauben und was willst du
noch?“ fragte Aljoscha, gereizt auffahrend.
„Aber ganz und gar nichts, mein Täubchen. Pfui, Teufel, an diesen Rummel
glaubt ja selbst ein dreizehnjähriger Schuljunge nicht mehr. Übrigens,
Teufel ... Du hast dich also über deinen Gott geärgert, hast dich jetzt
empört? – Um eine Rangerhöhung seid ihr gekommen, habt keinen Orden zu
den Feiertagen gekriegt! Ach, ihr!“
Aljoscha sah Rakitin lange mit halbzugekniffenen Augen an, und plötzlich
blitzte etwas in seinen Augen auf ... es war aber nicht Wut über
Rakitin.
„Ich empöre mich nicht gegen meinen Gott, nur ‚will ich seine Welt nicht
annehmen‘,“ sagte Aljoscha mit einem verzerrten Lächeln.
„Wie willst du denn diese Welt nicht annehmen?“ Rakitin dachte ein wenig
über das Gesagte nach. „Was ist nun das wieder für ein Gallimatthias?“
Aljoscha schwieg.
„Na, genug von den Dummheiten, jetzt zur Sache: Hast du heute gegessen
oder nicht?“
„Ich weiß nicht ... ich glaube.“
„Du mußt dich unbedingt stärken, nach deinem Gesicht zu urteilen. Wenn
man dich ansieht, packt einen ja das wahre Mitleid. Du hast ja auch in
der Nacht nicht geschlafen; wie ich hörte, habt ihr da eine Sitzung
gehabt. Und darauf dieses ganze Drunter und Drüber und Gequack noch dazu
... Du wirst wohl höchstens ein Stückchen Hostie gekaut haben. Ich habe
bei mir in der Tasche ein Stück Wurst, habe sie mir in der Stadt, auf
dem Wege hierher, auf alle Fälle eingesteckt, aber du wirst wohl keine
Wurst ...“
„Gib sie her.“
„Ah! Also so bist du! Also schon ganz Aufruhr, Barrikaden! Nun, Bruder,
es gibt Sachen, die doch nicht so ganz zu verachten sind. Gehen wir zu
mir ... Ich möchte mir selbst ein Schnäpschen hinter die Binde gießen,
bin todmüde. Für Schnaps würdest du dich natürlich nicht entschließen
... oder würdest du nicht schließlich auch ein Gläschen trinken?“
„Gib auch Schnaps.“
„Sieh mal an! Das ist ja wunderbar, Bruder!“ Rakitin betrachtete ihn
neugierig. „Nun, so oder so, Schnaps und Wurst, das ist eine herrliche
Sache, das muß man nicht versäumen. Komm, gehen wir!“
Aljoscha erhob sich schweigend von der Erde und folgte Rakitin.
„Wenn das dein Bruder Wanitschka sehen würde, der würde sich wundern!
Übrigens, dein Brüderchen Iwan Fedorowitsch ist heute morgen nach Moskau
gefahren, weißt du das?“
„Ich weiß es,“ sagte Aljoscha teilnahmslos. Und plötzlich tauchte vor
seinem Geiste die Gestalt seines Bruders Dmitrij auf, aber es war nur
ein Auftauchen, und obgleich er sich dabei einer sehr eiligen Sache,
einer Sache, die keine Minute länger aufgeschoben werden durfte,
irgendeiner Schuld, einer furchtbaren Verpflichtung erinnerte, so machte
diese Erinnerung doch auf ihn durchaus keinen Eindruck, sie reichte
nicht bis in sein Herz und verflog im selben Augenblick wieder aus
seinem Gedächtnis. Später aber erinnerte sich Aljoscha deutlich dieses
Augenblicks.
„Dein Brüderchen Wanitschka hat sich über mich einmal geäußert, ich sei
‚ein untalentierter liberaler Sack‘. Auch du hast einmal nicht an dich
halten können und hast mir zu verstehen gegeben, daß ich ‚unehrlich‘ sei
... Schön! Ich werde aber jetzt einmal auch eure Begabung und
Ehrenhaftigkeit auf die Probe stellen.“ (Den Schluß murmelte Rakitin
leise vor sich hin.)
„Pfui Teufel, hör mal!“ sagte er wieder laut „gehen wir um das Kloster
herum und auf dem Fußpfad gerade zur Stadt ... Hm! Ich muß übrigens zur
Chochlakowa gehen. Stelle dir vor: Ich schrieb ihr alles, was sich bei
uns ereignet hatte, und sie antwortet mir mit einem Briefchen – diese
Dame liebt über alles, Briefchen zu schreiben –, daß sie von einem so
ehrenwerten Greise, wie der Staretz Sossima, nie _eine solche Handlung_
erwartet hätte! Sie hat tatsächlich ‚eine solche Handlung‘ geschrieben.
Sie ist also gleichfalls empört über ihn. Ach, ihr alle! Halt!“ rief er
wieder und blieb plötzlich stehen, packte Aljoscha an der Schulter und
hielt ihn auf: „Weißt du, Aljoscha,“ er sah ihm fragend in die Augen,
ganz unter dem Eindruck eines plötzlich in ihm auftauchenden Gedankens,
und obgleich er äußerlich lächelte, so fürchtete er sich doch, seinen
unerwarteten und neuen Gedanken laut auszusprechen, – so wenig wagte er,
an die für ihn wunderbare und unerwartete Stimmung Aljoschas zu glauben,
in der er ihn jetzt sah. „Aljoschka,“ sagte er endlich schüchtern und
vorsichtig. „Aljoschka, weißt du, wohin wir jetzt am besten gehen?“
„Mir ist es gleich ... wohin du willst.“
„Gehen wir zu Gruschenka, was? Kommst du?“ fragte Rakitin, fast zitternd
in erregter Erwartung.
„Gehen wir zu Gruschenka,“ antwortete sofort und ruhig Aljoscha.
Dieses ruhige und schnelle Einverständnis kam so unerwartet für Rakitin,
daß er fast zurückschrak.
„Nun ja, warum auch nicht!“ meinte er verdutzt, griff aber plötzlich
Aljoscha unter den Arm und zog ihn schnell mit sich fort, in großer
Angst, daß dieser seinen Entschluß ändern könnte. Sie gingen schweigend
zur Stadt. Rakitin fürchtete sich sogar, zu sprechen.
„Froh wird sie sein, riesig froh ...“ murmelte er, doch verstummte er
wieder.
Doch nicht nur, um Gruschenka eine Freude zu bereiten, führte er
Aljoscha zu ihr. Er war ein „gediegener“ Mensch, – ohne ein für ihn
vorteilhaftes Ziel unternahm er nichts. Hierbei verfolgte er nun einen
doppelten Zweck: erstens, sich zu rächen, – das heißt „die Schande des
Gerechten“ und „den Fall“ Aljoschas „vom Heiligen zum Sünder“ zu
erleben, worüber er sich schon im voraus freute. Und zweitens verfolgte
er ein für sich sehr vorteilhaftes, materielles Ziel, wovon später noch
die Rede sein wird.
„Also, solch ein Augenblick ist das,“ dachte er bei sich boshaft
frohlockend, „wollen wir ihn am Schopf fassen, diesen Augenblick, denn
er wird uns sehr gelegen kommen.“
III.
Das Zwiebelchen
Gruschenka wohnte in der belebtesten Gegend der Stadt, in der Nähe der
Kathedrale. Sie hatte bei einer Frau Morosoff, einer Kaufmannswitwe, auf
dem Hof ein kleineres hölzernes Nebenhaus gemietet. Das Haus, in dem
Frau Morosoff selbst wohnte, war ein großes zweistöckiges Steingebäude
und sah von außen eigentlich recht unschön aus. In ihm lebten, außer der
alten Besitzerin, noch deren zwei Nichten, die gleichfalls schon alte,
ledige Damen waren. Frau Morosoff hatte es nicht nötig, ihr Haus auf dem
Hofe zu vermieten, aber alle wußten, daß sie Gruschenka nur darum als
Mieterin aufgenommen hatte, um ihrem Verwandten, dem Kaufmann
Ssamssonoff – dem offiziellen Protektor Gruschenkas – einen Gefallen zu
erweisen. Man sagte damals, daß der eifersüchtige Alte seine „Favoritin“
nur aus dem einen Grunde bei der Morosowa untergebracht hätte, weil er
vor allem auf die scharfen Augen der Alten, die auf die Aufführung der
neuen Mieterin achtgeben sollten, gerechnet habe. Alsbald aber sah er
ein, daß die scharfen Augen ganz überflüssig waren, und auch die
Morosowa gab schließlich auf, Gruschenka mit einer Aufsicht zu
belästigen. Ja, es waren schon vier Jahre seit der Zeit vergangen, als
der Alte das schüchterne, bescheidene, bleiche und magere
achtzehnjährige Mädchen, das immer nachdenklich und traurig war, aus der
Gouvernementshauptstadt in dieses Haus gebracht hatte. Die
Lebensgeschichte des jungen Mädchens kannte man übrigens in unserer
Stadt nur wenig und ganz ungenau; in der letzten Zeit, und selbst dann,
als sich viele für diese „Schönheit“, zu der sich Agrafena Alexandrowna
in den vier Jahren entwickelt hatte, zu interessieren begannen, konnte
man noch immer nichts Genaues über sie erfahren. Es verbreitete sich nur
das Gerücht, daß das siebzehnjährige Mädchen, wie es hieß, von
irgendeinem Offizier verführt und sofort verlassen worden sei. Der
Offizier wäre fortgefahren und hätte darauf irgendwo eine andere
geheiratet. Kurz, Gruschenka war in Armut und Schande zurückgeblieben.
Auch sprach man darüber, daß Gruschenka vom Alten zwar aus armen
Verhältnissen gezogen wäre, trotzdem aber aus einer achtbaren Familie
stamme. Ihr Vater sei ein Diakon oder etwas in der Art gewesen. In
diesen vier Jahren war aus der empfindsamen, beleidigten und mageren
kleinen Waise eine stolze, prächtige russische Schönheit geworden, eine
Frau mit kühnem und entschlossenem, vielleicht frechem, doch jedenfalls
stolzem Charakter, ein Weib, das in Geldsachen sehr bewandert, dabei
geizig und vorsichtig war, und das verstanden hatte, rechtmäßig oder
unrechtmäßig – wie viele von ihr behaupteten –, ein kleines Kapital für
sich zusammenzuscharren. In einem aber stimmten alle überein: daß es
sehr schwierig war, sich Gruschenka zu nähern, und daß sich außer ihrem
Protektor, dem Alten, in diesen vier Jahren niemand rühmen konnte, ihre
Geneigtheit errungen zu haben. Das war Tatsache, denn diese Geneigtheit
zu erwerben, danach strebten nicht wenig Liebhaber, besonders in den
zwei letzten Jahren. Doch alle Versuche schlugen fehl, und einige von
den Unternehmungslustigen waren gezwungen, sich lächerlich und
schimpflich zurückzuziehen, infolge des unbesieglichen und hohnvollen
Widerstandes der charakterfesten jungen Person. Man wußte auch, daß
diese junge Person, besonders im letzten Jahr, sich auf das eingelassen
hatte, was man allgemein „Geschäfte“ nennt, und darin außerordentliche
Fähigkeiten bewies, so daß zu guter Letzt viele sie eine wahre Jüdin
nannten. Nicht nur, daß sie etwa Geld auf Prozente verliehen hätte, man
erzählte sich sogar, daß sie zum Beispiel in Gemeinschaft mit Fedor
Pawlowitsch Karamasoff seit einiger Zeit Wechsel zu Spottpreisen
aufkaufte, zu zehn für hundert, und dann beim Verkauf einen Rubel auf
zehn Kopeken verdiente. Der kranke Ssamssonoff, der im letzten Jahr des
Gebrauches seiner geschwollenen Beine gänzlich beraubt war – Witwer und
Tyrann seiner erwachsenen Söhne –, und der sicher einige hunderttausend
Rubel besaß, ein unerbittlicher und geiziger Mensch, verfiel vollständig
dem Einfluß seiner Schutzbefohlenen, die er anfangs „auf Fastenöl“, das
heißt ganz knapp, hatte halten wollen, wie die Spötter meinten. Doch
Gruschenka hatte verstanden, sich seiner Bevormundung zu entziehen,
indem sie dem Alten unbedingtes Vertrauen auf ihre Treue einflößte.
Dieser Alte (jetzt ist er schon lange tot) war ein großer Geschäftsmann
und gleichfalls ein bemerkenswerter Charakter. Er war geizig und
hartherzig wie ein Kieselstein, und obgleich Gruschenka auf ihn einen
großen Einfluß ausübte, so daß er ohne sie kaum noch leben konnte (was
besonders in den zwei letzten Jahren der Fall war), so ließ er ihr doch
nicht ein größeres Kapital zuschreiben, und selbst wenn sie ihm gedroht
hätte, ihn zu verlassen, so wäre er unerbittlich geblieben. Dafür hatte
er ihr aber ein kleines Kapital angewiesen, über dessen geringe Höhe man
später sehr erstaunt war. „Du bist ein Weib, das nicht auf den Kopf
gefallen ist,“ soll er zu ihr gesagt haben, nachdem er ihr an
achttausend Rubel geschenkt hatte, „verdiene selbst damit, doch wisse,
daß du außer deinem jährlichen Unterhalt bis zu meinem Tode nichts mehr
bekommst, auch in meinem Testament werde ich dir nichts vermachen.“ So
hielt er denn sein Wort. Als er starb, hinterließ er alles seinen
Söhnen, die er sein ganzes Leben lang mit Weib und Kind auf einer Stufe
mit den Dienstboten bei sich gehalten hatte; Gruschenka war nicht einmal
im Testament erwähnt. Alles das wurde erst in der Folge bekannt. Mit
Ratschlägen dagegen, wie Gruschenka mit ihrem Kapital zu verfahren habe,
kargte er nicht, und er half ihr sogar bei den „Geschäften“. Als Fedor
Pawlowitsch Karamasoff, der anfangs nur aus Gründen eines gelegentlichen
„Geschäfts“ mit Gruschenka zusammengetroffen war, sich sterblich in sie
verliebte und ihretwegen fast kindisch wurde, da lachte der alte
Ssamssonoff, der sich schon in den letzten Lebensstadien befand,
herzlich darüber. Bemerkenswert ist noch, daß Gruschenka zu ihrem Alten
während der ganzen Dauer ihres Verhältnisses vollkommen und von ganzem
Herzen aufrichtig war, und zwar war sie das auf der ganzen Welt nur ihm
gegenüber. Als aber in der letzten Zeit auch Dimitrij Fedorowitsch mit
seiner Liebe auftauchte, da lachte der Alte nicht mehr. Im Gegenteil, er
riet Gruschenka ernst und streng: „Wenn du einen von beiden wählst, so
wähle den Alten, aber nur mit der Bedingung, daß der alte Schuft dich
unfehlbar heiratet und dir im voraus einiges Kapital verschreibt. Doch
mit dem Leutnant lasse dich nicht ein, daraus wird nichts.“ Das war der
Rat, den der alte Wollüstling Gruschenka gegeben hatte. Er fühlte schon
damals seinen nahen Tod voraus, und ein paar Monate nach diesem Gespräch
starb er denn auch. Ich will hier noch bemerken, daß bei uns in der
Stadt damals viele von der ungeheuerlichen Nebenbuhlerschaft der
Karamasoffs, Vater und Sohn, wußten, deren Gegenstand Gruschenka war,
aber ihre wirkliche Beziehung zu beiden, zum Vater wie zum Sohne,
verstand wohl kaum jemand. Sogar die beiden Dienstmädchen Gruschenkas
sagten später (nach der Katastrophe, von der weiterhin die Rede sein
wird) vor Gericht aus, daß Agrafena Alexandrowna Dimitrij Fedorowitsch
nur aus Furcht empfangen habe, weil er ihr gedroht hätte, sie zu töten.
Sie hielt zwei Dienstmädchen: eine alte, kranke und harthörige Köchin,
die bereits bei ihren Eltern gedient hatte, und deren Enkelin, ein
munteres Mädchen von zwanzig Jahren, das ihr Stubenmädchen war.
Gruschenka lebte sehr sparsam, und auch ihre Wohnung war durchaus nicht
reich ausgestattet. Sie bewohnte nur drei Zimmer, die von der
Hausbesitzerin mit alten Möbeln, Fasson der zwanziger Jahre,
eingerichtet waren.
Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, war es draußen schon fast
dunkel, doch war trotzdem in den Zimmern noch nicht Licht gemacht.
Gruschenka lag in ihrem Empfangszimmer auf einem großen, plumpen Diwan,
der mit bereits abgenutztem und hier und da durchlöchertem Leder
überzogen war. Unter ihrem Kopf hatte sie zwei weiße Daunenkissen, die
sie von ihrem Bett genommen haben mochte. Sie lag auf dem Rücken und
hatte beide Hände unter den Kopf geschoben. Gekleidet war sie, als wenn
sie Besuch erwartet hätte: sie trug ein schwarzes Seidenkleid, im Haar
hatte sie einen duftigen Spitzentuff, der ihr vorzüglich stand, und um
die Schultern hatte sie sich einen kostbaren Spitzenschal geschlungen,
der vorne mit einer schweren Goldbrosche zugesteckt war. Mit bleichem
Gesicht und heißen Lippen lag sie da und schien ungeduldig jemanden zu
erwarten; ihre rechte Fußspitze klopfte nervös an die Seitenlehne des
Diwans. Rakitins und Aljoschas Eintritt rief im Hause eine kleine
Aufregung hervor: Sie hörten schon im Vorzimmer, wie Gruschenka schnell
vom Diwan aufsprang und erschrocken laut fragte: „Wer ist da?“ Das
Stubenmädchen empfing die Gäste und rief sofort ihrer Herrin zu:
„Nichts, nichts! Das ist nicht er, das sind andere!“
„Was ist mit ihr?“ murmelte Rakitin und führte Aljoscha an der Hand ins
Gastzimmer.
Gruschenka stand immer noch ganz erschrocken am Diwan. Eine schwere
Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich und fiel auf ihre rechte
Schulter herab, aber sie beachtete es nicht und steckte sie auch nicht
eher auf, bevor sie sich vergewissert hatte, wer die Gäste waren.
„Ach, das bist du, Rakitka? Wie du mich erschreckt hast. Aber mit wem
kommst du denn da? Wer ist das? Herrgott, sieh, wen du da mitgebracht
hast!“ rief sie aus, als sie Aljoscha bemerkte.
„Befiehl mal, daß man Licht macht!“ sagte Rakitin in dem nachlässigen
Tone eines intimen Bekannten, der sich das Recht herausnehmen kann, im
Hause Anordnungen zu treffen.
„Licht ... natürlich, Licht ... Fenjä, bring ihm ein Licht ... Nun, du
hast also Zeit gefunden, ihn herzubringen!“ rief sie wieder aus und
nickte Aljoscha zu. Darauf wandte sie sich zum Spiegel und brachte
schnell mit beiden Händen ihre Haarflechte in Ordnung.
Sie schien aber unzufrieden zu sein.
„Paßt es dir etwa nicht?“ fragte Rakitin sofort beleidigt.
„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich
sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha,
mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter
Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich,
Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe
ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn
dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu
meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm
Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu
ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein:
er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher
ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort
bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze
nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur
hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach,
ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich
irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“
„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen
aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein
wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“
„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge
herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst
kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha,
heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“
Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein
schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche.
„Warum fürchtest du denn gerade heute Mitjenka?“ erkundigte sich
Rakitin. „Du bist doch, scheint es, sonst nicht ängstlich von Natur. Er
tanzt ja sowieso nach deiner Pfeife.“
„Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine goldene, kleine
Nachricht, so daß Mitjenka jetzt hier ganz überflüssig ist. Außerdem hat
er es mir ja gar nicht geglaubt, daß ich bei Kusjma Kusjmitsch bleiben
werde. Das fühle ich. Wahrscheinlich sitzt er jetzt bei Fedor
Pawlowitsch an der Hinterstraße im Nachbargarten, um mir aufzulauern.
Nun, wenn er sich dort festgesetzt hat, um so besser, dann wird er nicht
hierher kommen. Mitjä hat mich ja selbst hinbegleitet zu Kusjma
Kusjmitsch; ich sagte ihm, daß ich bis Mitternacht bei ihm bleiben
werde, und daß er durchaus um Mitternacht kommen solle, um mich
abzuholen. Er ging fort, ich saß ungefähr zehn Minuten beim Alten, dann
kehrte ich schnell wieder zurück. Ach, wie ich lief, und wie ich mich
fürchtete, ihm zu begegnen!“
„Und jetzt hast du dich aufgeputzt! Sieh mal an, was hast du denn da für
ein feines Ding im Haar?“
„Wie du neugierig bist, Rakitka! Ich sage dir ja, ich erwarte so eine
gewisse kleine Nachricht. Kommt diese kleine Nachricht, so springe ich
auf und fliege davon, daß ihr mich hier kaum gesehen haben werdet.
Siehst du, darum habe ich mich aufgeputzt, um dann gleich bereit zu
sein.“
„Und wohin willst du dann fliegen?“
„Wenn du viel weißt, wirst du schnell alt.“
„Na, sieh mal an! Du bist ja ganz aus dem Häuschen vor Freude ... Habe
dich noch niemals so gesehen. Hast dich ja angekleidet wie zum Ball,“
sagte Rakitin, sie kritisch betrachtend.
„Als ob du was von Bällen verständest.“
„Und du etwa?“
„Ich habe mir doch einmal einen Ball angesehen, vor drei Jahren, als
Kusjma Kusjmitsch seinen Sohn verheiratete. Ich saß auf der Empore und
sah zu. Ach, Rakitka, aber soll ich mich etwa mit Dir unterhalten, wenn
solch ein Prinz hier steht! Sieh, das ist ein Gast! Aljoscha, mein
Täubchen, wenn ich dich ansehe, so kann ich’s nicht glauben ...
Herrgott, wie bist denn du hergekommen! Offen gestanden, ich hätte es
nicht erwartet, nicht geahnt, und früher niemals daran geglaubt, daß du
kommen könntest. Wenn es nicht in solch einer Minute wäre, so wäre ich
außer mir vor Freude! Setze dich hier auf den Diwan, hierher, so, du
mein zarter, goldener Neumond! Ich kann es noch gar nicht fassen ... Ach
du, Rakitka, wenn du ihn doch gestern oder vorgestern gebracht hättest!
... Aber ich freue mich auch heute. Vielleicht ist es auch besser jetzt,
in solch einer Minute ...“
Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in
freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht,
wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber
gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine
fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut ... Bis zum gestrigen Tage
hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste
Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres
boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen,
und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen
anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch
von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen
doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit
gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die
Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen
... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch,
ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt.
„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie
wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich
weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu
sagen wissen.“
„Was, _du_ solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin
lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn
herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“
„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein
Anderes – – ... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu
mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest
du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du,
Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich
dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der
Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse,
Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka,
fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen.
„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte
Rakitin.
„Was für eine Rangerhöhung?“
„Sein Staretz stinkt.“
„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl
wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha,
laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf
und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte
sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder
froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich,
auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde
sofort abspringen.“
Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl
ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr
nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor
sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von
seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner
Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten
auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre,
sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich
gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder
Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch
unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem
Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“
Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher
beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in
seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am
meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß
und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und
besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so
empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche
Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn
hauptsächlich in Erstaunen setzte.
„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal
lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit,
wie du selbst am besten weißt!“
„Du hast recht, ich bin dir jetzt welchen schuldig. Ich habe ihm doch
Champagner für den Fall versprochen, daß er dich zu mir brächte. Na, mal
los, holen wir den Champagner, ich werde mittrinken! Fenjä, Fenjä, bring
den Champagner, die Flasche, die Mitjä hier gelassen hat, schnell! Wenn
ich auch geizig bin, die Flasche gebe ich doch, aber nicht deinetwegen,
Rakitka, du bist bloß ein Giftpilz, er aber ist ein Prinz! Und wenn auch
meine Seele jetzt nicht dazu aufgelegt ist, einerlei, ich trinke mit
euch, auch ich möchte einmal ausgelassen sein!“
„Was ist denn das für ein Augenblick, und was für eine ‚Nachricht‘
erwartest du denn, wenn man fragen darf, oder ist das ein Geheimnis?“
Rakitin brachte das Gespräch wieder darauf zurück und gab sich dabei aus
allen Kräften den Anschein, als bemerke er die Nasenstüber nicht, die
ihm Gruschenka verabfolgte.
„Ach, warum soll das ein Geheimnis sein, du weißt es doch schon,“ sagte
Gruschenka unwillig und drehte ihren Kopf zu Rakitin zurück, wobei sie
sich ein wenig von Aljoscha abwandte, doch blieb sie auf seinen Knien
sitzen und hielt seinen Hals immer noch umschlungen: „Mein Offizier ist
da, mein Offizier kommt!“
„Ich weiß, daß er kommt, aber ist er denn schon hier?“
„In Mokroje ist er; von dort aus wird er mir einen reitenden Boten
schicken. Er hat mir geschrieben, vorhin erhielt ich den Brief. Ich
sitze jetzt hier und erwarte den Boten.“
„Also das ist’s! Warum aber in Mokroje?“
„Das zu erzählen wäre zu weitläufig, und außerdem genügt das für dich.“
„Und ... und, der Mitjenka, der ... o weh! Weiß er das, oder weiß er es
nicht?“
„Ob er’s weiß? Nichts weiß er! Wenn er es wüßte, so würde er mich
totschlagen. Aber jetzt fürchte ich nichts mehr, nichts, auch sein
Messer nicht. Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht mehr an Dmitrij
Fedorowitsch: Er hat mir das Herz müd gequält. Und ich möchte an all das
nicht mehr denken. Hier, an Aljoschetschka will ich denken,
Aljoschetschka will ich ansehen ... Ja, lache nur über mich, mein
Täubchen, freue dich über meine Dummheit, über meine Freude lache nur!
Er lächelt, er lächelt! Wie freundlich er mich ansieht! Weißt du,
Aljoscha, ich dachte immer, daß du wegen vorgestern ... wegen des
Fräuleins ... mir böse bist. Ich war ein Scheusal, ich weiß ... Aber es
ist doch gut so, wie es gekommen ist. Und schlecht war es, und gut war
es,“ sagte Gruschenka nachdenklich lächelnd, und ein harter Zug erschien
plötzlich trotz des Lächelns auf ihrem Gesicht. „Mitjä sagte mir, daß
sie geschrien habe: ‚Peitschen sollte man sie!‘ Ich hatte sie gar zu
sehr beleidigt. Sie rief mich zu sich, wollte mich besiegen, mit ihrer
Schokolade verführen ... Nein, es ist doch gut so, wie es gekommen ist,“
sagte sie nochmals und lächelte wieder. „Aber ich fürchte immer noch,
daß du böse ...“
„Ja, das ist wahr,“ wandte sich Rakitin in ernster Verwunderung an
Aljoscha. „Sie fürchtet dich, Aljoscha, dich Küchel!“
„Für dich ist er ein Küchel, Rakitka, weil du kein Gewissen hast! Ich
aber liebe ihn mit meiner ganzen Seele! Glaubst du mir, Aljoscha, daß
ich dich mit meiner ganzen Seele liebe?“
„Ach, du schamloses Geschöpf! Sie macht dir eine Liebeserklärung,
Aljoscha.“
„Und wenn es so wäre, was ist denn dabei, daß ich ihn liebe?“
„Und dein Offizier? Und die goldene Nachricht aus Mokroje?“
„Das ist etwas für sich, und das hier ist auch etwas für sich.“
„Sieh mal, das ist wieder einmal echte Weiberlogik!“
„Ärgere mich nicht, Rakitka,“ fiel Gruschenka ihm heftig ins Wort, „das
ist etwas ganz anderes. Aljoscha liebe ich auf eine andere Art. Es ist
wahr, Aljoscha, früher dachte ich auch mit einem häßlichen Gedanken an
dich. Ich bin ja ein niedriges Geschöpf, ein wildes Geschöpf bin ich,
aber zuweilen habe ich doch auf dich wie auf mein Gewissen gesehen.
Immer habe ich gedacht: Wie muß so einer, wie du, mich schlechtes
Geschöpf verachten! Noch vorgestern dachte ich es, als ich von dem
Fräulein nach Hause kam. Ich habe schon so lange an dich gedacht,
Aljoscha, und Mitjä weiß es, ich habe ihm alles gesagt. Mitjä versteht
das sehr gut. Glaub mir, Aljoscha, ein anderes Mal, wenn ich dich
ansehe, so schäme ich mich, so vergehe ich vor Scham ... Und seit wann
ich an dich zu denken angefangen habe, weiß ich nicht einmal, ich
erinnere mich dessen nicht mehr ...“
Fenjä trat ein und stellte einen Untersetzer mit drei gefüllten
Champagnergläsern und einer aufgekorkten Champagnerflasche auf den
Tisch.
„Der Champagner ist da!“ meldete Rakitin. „Hör mal, du bist ja heute so
erregt, daß du, wenn du ein Glas getrunken hast, womöglich noch zu
tanzen anfangen wirst.“
„Pfui, Schweinerei,“ rief er aus, als er den Champagner näher
betrachtete; „Die Alte hat die Flasche in der Küche aufgekorkt und den
Pfropfen nicht wieder aufgesetzt ... außerdem ist er warm. Nun,
meinetwegen, ich trinke ihn auch so.“
Er schenkte sich ein, stürzte ein Glas hinunter und goß sich ein zweites
ein.
„Champagner bekommt man nicht alle Tage,“ sagte er und leckte sich die
Lippen –, „nun, Aljoscha, nimm ein Glas und zeige, was du kannst. Worauf
sollen wir trinken? Auf das Paradies? Nimm ein Glas, Gruscha, trink auch
du aufs Paradies!“
„Warum willst du denn aufs Paradies trinken?“
Sie nahm ein Glas, auch Aljoscha nahm das seinige, trank aber keinen
Schluck und stellte es wieder zurück.
„Nein, es ist besser, ich trinke nicht,“ sagte er leise lächelnd.
„So hast du nur geprahlt!“ rief sofort Rakitin höhnisch lachend.
„Wenn er nicht trinkt, so will auch ich nicht trinken,“ sagte
Gruschenka, „und ich will auch gar nicht ... Trink du allein, Rakitka,
die ganze Flasche schenke ich dir. Wenn Aljoscha trinkt, dann werde auch
ich trinken, sonst aber nicht.“
„Sind das aber Kälberzärtlichkeiten!“ schimpfte Rakitin voll Hohn.
„Dabei sitzest du noch auf seinen Knien! Er hat wenigstens einen Kummer,
was aber hast du? Er revoltiert gegen seinen Gott, er wollte sogar schon
Wurst essen ...“
„Wieso?“
„Sein Staretz ist doch heute gestorben, Staretz Sossima, der Heilige!“
„Der Staretz Sossima ist gestorben?“ fragte Gruschenka betroffen,
„Herrgott, und ich wußte es nicht!“ Sie bekreuzte sich andächtig. „Gott,
und was tue ich ... ich ... ich sitze auf seinen Knien!“ fuhr sie
plötzlich erschrocken auf. Sofort sprang sie von seinen Knien herab und
setzte sich auf den Diwan.
Aljoscha sah sie lange und erstaunt an: In seinem Gesicht schien etwas
aufzuleuchten.
„Rakitin,“ sagte er plötzlich mit lauter und fester Stimme, „spotte
nicht, daß ich mich gegen meinen Gott empöre. Ich möchte gegen dich
keinen Groll hegen, darum sei auch du besser. Ich habe einen Schatz
verloren, wie du nie einen besessen hast, und du kannst darum auch nicht
über mich urteilen. Sieh lieber einmal her auf sie: Hast du bemerkt, wie
sie mich geschont hat? Ich kam hierher und dachte, eine böse Seele zu
finden –, und es zog mich hierher, weil ich selbst schlecht und böse
war. Statt dessen habe ich eine aufrichtige Schwester ... eine liebende
Seele gefunden ... Sie hat mich gleich geschont ... Agrafena
Alexandrowna, ich spreche von dir. Du hast meine Seele wieder
aufgerichtet.“
Aljoschas Lippen bebten, und sein Atem stockte. Er hielt inne.
„Das wäre ja beinahe, als ob sie dich gerettet hätte!“ Rakitin lachte
boshaft auf. „Dabei wollte sie dich doch verschlingen, weißt du denn das
nicht?“
„Schweig, Rakitka!“ Gruschenka sprang plötzlich auf, „schweigt alle
beide! Jetzt werde ich alles sagen: Du, Aljoscha, schweige, denn bei
deinen Worten packt mich die Scham, weil ich schlecht und nicht gut bin
–, siehst du, so ist’s! Und du, Rakitka, schweig, denn du lügst ja doch
nur. Ich hatte einmal, das ist wahr, den schlechten Gedanken, ihn zu
verschlingen, wie du sagst, aber jetzt lügst du, jetzt ist das nicht
mehr der Fall ... Und daß ich jetzt von dir kein Wort mehr höre,
Rakitka!“
Gruschenka sagte es in außergewöhnlicher Erregung.
„Ihr seid beide nicht recht gescheit!“ schimpfte Rakitin, der bald sie,
bald Aljoscha verwundert ansah. „Ihr habt ja vollständig den Verstand
verloren! Ich bin, wie’s scheint, hier in ein Irrenhaus geraten. Es wird
nicht mehr lange dauern, und ihr werdet zu weinen anfangen!“
„Ja, ich werde weinen, werde weinen!“ sagte Gruschenka. „Er hat mich
seine Schwester genannt, und das werde ich ihm nie vergessen! Aber sieh,
Rakitka, wenn ich auch schlecht bin, so habe ich doch vielleicht ein
Zwiebelchen gegeben!“
„Was für ein Zwiebelchen? – Pfui Teufel, sie sind ja faktisch
übergeschnappt!“
Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich
gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden
alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie
das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr
feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im
Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl
aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem
Egoismus.
„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie
wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein
Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen,
dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine
Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von
meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte
einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte
hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn
die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr
Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen
guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas
ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem
Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin
gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe
Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu
ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so
möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so
soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr
das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen,
ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und
zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen
Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie,
damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse,
sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich
allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und
nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine
Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt
dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging
davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort
auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor
Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir
sage ich etwas anderes: Ich habe _in meinem ganzen Leben_ nur ein
Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich
vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut,
ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich
mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich
habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka
keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen
habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging
mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach
ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein.
„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht
wenig verdutzt.
„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht
abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den
Schein zu.
„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht,
seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die
Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“
„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht
für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und
schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“
„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut
zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche,
schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet,
diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon
erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch
für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen,
ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu
deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt
aber tat er sich keinen Zwang mehr an.
„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt
ihr beide denn für mich getan?“
„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie
Aljoscha liebt.“
„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit
so prahlst?“
Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme
klang schon eine hysterische Note.
„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich
_Du_ zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese
Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du
bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die
lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf
ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich
verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es,
daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt
du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du
wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir
vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich
auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er
verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es
überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte.
Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn
einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt
ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena
Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen
Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns
getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich
– dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich
hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich,
die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein
Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und
erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich
bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich
Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen
Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein
mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief
die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er
lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur
einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber
heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der
Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig
daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde
es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie
ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß
ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich
lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz
vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und
schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor
ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes
Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können.
Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen
zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein
Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an
Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was
von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege
ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett
und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn
schon, ich werde ihn schon ...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt
alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir
sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief
erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich
wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke
ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich
krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig
fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich
niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder
werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich
selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor
fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende,
Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä
habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka,
du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich
lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein
Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen
vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen
vorgestern nicht böse sein soll! ... Niemand auf der ganzen Welt weiß,
was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen! ...
Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen ...“
Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich
halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den
Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich
von seinem Platz und ging zu Rakitin.
„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden,
sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von
der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger
sein.“
Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte
seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn
Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen.
Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte.
„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn
auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit
haßerfülltem Lächeln.
„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom
Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit
unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen,
sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr?
Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen,
meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat
nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein
aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint!
Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm
alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein,
wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so
bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr
erhalten ... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir ... Hast du auch
früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein,
du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon
längst alles verstanden ... auch die andere Beleidigte würde ihr
vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt ... und
sie wird es erfahren ... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen
... man muß sie schonen ... in ihrer Seele könnte ein Schatz ...“
Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut
verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche
Rede erwartet.
„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie
verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement
in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen.
Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem
gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte.
„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an
den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin,
„wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber
jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben
mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze
dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins
Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen
Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag
hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz:
Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt
ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm
vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“
„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich.
„Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie
ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und
warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war
grausam in diesem Augenblick.
„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie
drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht
hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit
meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner
fünfjährigen Qual liebgewonnen ... Vielleicht liebe ich nur mein Leid,
meine Kränkung, und liebe _ihn_ überhaupt nicht!“
„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin.
„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir
die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch
eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen ... Ja, und vielleicht
auch er nicht ...“
„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin.
„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht!
Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser
Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen
soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen:
‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als
siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich
mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich
jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter
Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu
diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem
Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn
ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine
Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer
und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu
niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt
hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin
zu sein! ... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht
wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde
ich es tun, reizt mich nur nicht ... ihn aber werde ich fortjagen, dem
will ich ... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“
Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht
beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in
die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von
seinem Platz:
„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins
Kloster einlassen.“
Gruschenka sprang sofort auf.
„Ist es möglich, daß du schon fortgehn willst, Aljoscha!“ fragte sie in
trauriger Bestürzung: „Was hast du jetzt aus mir gemacht? Du hast alles
in mir wachgerufen, hast mein Herz zerrissen und nun – wieder diese
Nacht, in der ich allein bleiben muß!“
„Er kann doch nicht bei dir nächtigen? Doch wenn du es willst –
meinetwegen! Ich werde dann allein fortgehen,“ witzelte Rakitin wieder
in seiner häßlichen Weise.
„Schweig, du böse Seele,“ schrie Gruschenka wütend, „niemals hast du mir
solche Worte gesagt, wie Aljoscha sie heute zu mir gesprochen hat!“
„Was hat er dir denn gesagt?“ erkundigte sich Rakitin gereizt.
„Ich weiß nicht mehr was, ich kann dir nicht sagen, was er mir gesagt
hat, aber mein Herz hat es gefühlt, er hat mir mein Herz um- und
umgekehrt ... Er hat mit mir als erster und einziger Mitleid gehabt,
siehst du, das ist es! Warum bist du, mein Schutzengel, nicht früher zu
mir gekommen!“ Sie fiel wie außer sich vor ihm auf die Knie nieder. „Ich
habe mein ganzes Leben lang solch einen wie dich erwartet, gerade daß so
einer wie du kommen und mir alles verzeihen werde! Und ich habe
geglaubt, daß irgend jemand auch mich lieben wird, mich Schlechte, und
nicht nur um den Preis meiner Schande ...“
„Was habe ich dir denn Gutes getan?“ fragte Aljoscha gerührt lächelnd,
beugte sich zu ihr nieder und erfaßte ihre beiden Hände: „Nur ein
Zwiebelchen habe ich dir gegeben, nur ein kleines Zwiebelchen, und nur
das, nur, nur das! ...“
Und als er das gesagt hatte, rollten ihm selbst die Tränen über die
Wangen. In diesem Augenblick hörte man im Flur ein Geräusch: jemand trat
ins Vorzimmer ein; Gruschenka sprang auf vor Schreck. Fenjä stürzte mit
Lärm und Geschrei ins Zimmer.
„Herrin, Täubchen, der Bote ist angekommen!“ rief sie freudig. „Ein
Wagen aus Mokroje ist gekommen, Timofeij mit einer Troika, sofort werden
die Pferde gewechselt ... Ein Brief, ein Brief, hier ist der Brief!“
Sie hielt den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der
Luft. Gruschenka riß ihr den Brief aus der Hand und trat zum Licht. Es
war nur ein Zettelchen, einige Zeilen; in einem Augenblick hatte sie es
gelesen.
„Er ruft mich!“ sagte sie erbleichend, und ihr Gesicht verzerrte sich zu
einem schmerzlichen Lächeln, „er pfeift! Nun, kriech heran, Hündchen!“
Doch nur einen Augenblick stand sie unentschlossen da; plötzlich stieg
ihr das Blut in die Wangen, und ihre Augen flackerten auf.
„Ich gehe!“ rief sie plötzlich aus. „Meine fünf Jahre! Lebt wohl! Leb
wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden ... Fort mit euch, fort,
alle, damit ich euch nicht mehr sehe! ... Gruschenka beginnt ihren Flug
ins neue Leben ... Auch du, Rakitka, gedenke meiner im guten. Vielleicht
gehe ich in den Tod! Ich bin ja wie betrunken!“
Sie verließ sie plötzlich und lief in ihr Schlafzimmer.
„Nun, jetzt hat sie keine Zeit mehr für uns,“ brummte Rakitin. „Gehen
wir, sonst beginnt womöglich wieder dieses Weibergeschrei. Diese
hysterischen Tränen sind mir schon zum Ekel geworden ...“
Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Wagen:
man spannte die Pferde aus, machte sich geschäftig am Wagen zu tun, eine
Laterne wurde hin und her getragen. Durch das offene Hoftor wurden
gerade die neuen drei Pferde gebracht. Kaum aber waren Aljoscha und
Rakitin auf die Treppe hinausgetreten, als sich Gruschenkas
Schlafzimmerfenster öffnete, und sie mit heller Stimme Aljoscha
nachrief:
„Aljoschetschka, grüße deinen Bruder Mitjenka, und bitte ihn, daß er
meiner nicht im bösen gedenke. Thu’s mit diesen Worten: ‚Ein Schuft hat
Gruschenka bekommen, und nicht du hast sie bekommen, der Edelste von
allen!‘ Ja, und füge auch noch hinzu, daß ihn Gruschenka ein Stündchen
lang geliebt hat, im ganzen vielleicht ein Stündchen lang geliebt – und
daß er sich dieses Stündchen sein ganzes Leben lang erinnern soll, so
habe Gruschenka gesagt ... sein ganzes Leben lang! ...“
Ihre Stimme ging in Schluchzen über. Das Fenster wurde zugeschlagen.
„Hm, hm!“ brummte Rakitin und lachte dann laut auf. – „Deinem Bruder
Mitjenka hat sie den Todesstoß versetzt, und jetzt befiehlt sie ihm noch
dazu, sein ganzes Leben lang daran zu denken! Ist das aber eine Bestie!“
Aljoscha antwortete nichts darauf. Es war, als ob er es gar nicht gehört
hätte. Er ging schnell neben Rakitin her, wie wenn er Eile hatte. Er war
in tiefes Nachdenken versunken und ging ganz mechanisch. Rakitin fühlte
plötzlich einen fast körperlichen Schmerz in seinem Innern, als wenn an
ihm eine frische Wunde berührt worden wäre. Er hatte etwas ganz anderes
vorhin erwartet, als er Aljoscha zu Gruschenka führte; und nun hatte
sich dieses so ganz Unerwartete ereignet. Nein, nicht das hatte er
gewünscht!
„Ihr Offizier ist ein Pole,“ sagte er schließlich, da er nicht mehr an
sich halten konnte, „und jetzt ist er nicht einmal mehr Offizier,
sondern bloß ein Zollbeamter, hat in Sibirien gedient, irgendwo dort an
der chinesischen Grenze. Ein jämmerliches, kränkliches Kerlchen scheint
es zu sein. Hat seine Stelle verloren, sagt man ... Er hat gehört, daß
Gruschenka ein Kapital haben soll, nun, und da ist er denn
zurückgekehrt. Das ist das ganze Wunder.“
Aljoscha schien wieder nicht zuzuhören. Rakitin fuhr fort:
„Nun, was, hast du eine Sünderin bekehrt?“ fragte er boshaft lachend.
„Eine Verirrte auf den Weg der Wahrheit geführt? Die sieben Teufel
ausgetrieben etwa? Da haben sich ja eure erwarteten Wunder erfüllt!“
„Hör auf, Rakitin,“ unterbrach ihn Aljoscha gequält.
„Jetzt verachtest du mich wohl wegen der fünfundzwanzig Rubel? Habe
sozusagen den Freund verkauft ... Du bist aber doch nicht Christus, und
ich nicht Judas ...“
„Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon ganz vergessen,“
sagte Aljoscha, „du hast mich jetzt selbst daran erinnert ...“
Da aber wurde Rakitin grob vor Wut.
„Hol euch alle und einen jeden der Teufel!“ brüllte er. „Zum Teufel,
warum habe ich mich mit dir abgegeben! Möchte dich von Stund an nicht
mehr kennen! Geh allein ins Kloster, dorthin gehörst du!“
Und er kehrte sich auf dem Hacken um und bog in eine andere Straße ein.
Aljoscha blieb in der Dunkelheit allein stehen. Er trat aus der Stadt
hinaus und ging übers Feld auf das Kloster zu.
IV.
Die Hochzeit zu Kana in Galiläa
Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei
anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte
schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem
für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und
trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater
Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen
Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von
den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem,
jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte
wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal
auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und
fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe,
unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die
eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im
Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht
einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen
teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen
das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge
wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem
Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen,
und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch
noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte
Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor
kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm
keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald
aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von
Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und
verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob
sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer
mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein
Gebet an, denn er wollte danken und lieben ... Doch kaum hatte er das
Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes
über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es
unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber
den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf.
„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater
Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren
auch auf die Hochzeit geladen ...“
„Hochzeit? Was ist das ... eine Hochzeit ...,“ ging es wie ferner
Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf
ein Fest gefahren ... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es
nicht ... Das war nur ein verzweifeltes Wort ..., solche Worte muß man
durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele ... Ohne sie
wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen ... Rakitin bog in
eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken ... er
wird immer in eine Nebenstraße gehen ... Aber der Weg ... der Weg ist
doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des
Weges ... Wie? ... Was liest er?“
„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie
haben keinen Wein ...“ hörte Aljoscha ihn lesen.
„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe
diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder ... Ach, dieses
Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der
Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur
Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre
Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe
ich am häufigsten von ihm gehört ... Ohne Freude kann man nicht leben,
sagt Mitjä ... ja, Mitjä ... Alles, was aufrichtig und schön ist, das
ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt
...“
„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine
Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den
Dienern: Was er euch sagt, das tut ...“
„Das tut ... Freude, Freude für die armen Menschen ...
Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an
Wein gebrach ... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und
an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich
nur denken kann ... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen
großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen
seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die
einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen,
aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen
hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er
mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt) ... Ja, er ist
doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den
Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat
es auf ihre Bitte hin getan ... Ach so, er liest wieder ...“
„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie
füllten sie bis zum Rande.
Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister.
Und sie brachten es.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und
wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das
Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam.
Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie
trunken sind, alsdann den schlechteren; du aber hast den guten Wein bis
zuletzt behalten ...“ las Pater Paissij.
„Aber was ist das, was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer? ...
Ach, ja, es ist doch Hochzeit, Hochzeit ... ja ... Sieh, da sind die
Gäste, dort sitzt ja das junge Paar und zu beiden Seiten die fröhlichen
Gäste ... Wo ist der Speisemeister? Wer aber ist das? Wer? Wieder wird
das Zimmer größer ... Wer erhebt sich dort am großen Tisch? Wie ... Auch
er ist hier? Aber er ist doch im Sarge ... Aber er ist es, er ist hier,
... er steht auf, er hat mich gesehen, er kommt hierher ... Herrgott!
...“
Ja, zu ihm, zu ihm kam er, der hagere kleine Alte, mit den feinen
Runzeln im Gesicht, freudig und verklärt lächelnd. Der Sarg ist nicht
mehr da, und er ist im selben Gewande, in dem er noch gestern unter
ihnen gesessen hatte, als die Gäste zu ihm gekommen waren. Das Antlitz
ist freudig, die Augen glänzen.
„Wie ist denn das möglich? – er ist also auch auf dem Feste, ist auch
zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen? ...“
„Ja, mein lieber Sohn, auch ich bin eingeladen und berufen,“ ertönte
hinter ihm eine leise Stimme. „Warum hast du dich hierher zurückgezogen,
so daß man dich nicht sehen kann ... komme auch du zu uns.“
Das ist seine Stimme, die Stimme des Staretz Sossima ... Ja, und wie
soll es sie denn nicht sein, da er es ist, der da ruft? Der Staretz
reichte Aljoscha die Hand, und der erhob sich von den Knien.
„Freuen wir uns,“ fuhr der kleine hagere Greis fort, „trinken wir neuen
Wein, den Wein neuer, großer Freude, siehst du, wieviel Gäste hier sind?
Sieh, hier ist der Bräutigam und hier die Braut, und hier ist der
hochweise Speisemeister, der den neuen Wein kostete. Warum wunderst du
dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gegeben und sieh, jetzt bin ich
hier. Und viele hier haben nur ein Zwiebelchen gegeben, nur ein kleines,
einziges ... Und wie steht es mit dir, du mein stiller, bescheidener
Jüngling? Hast du heute verstanden, das Zwiebelchen einer armen
Hungernden zu geben? Beginne, mein Lieber, beginne dein Werk, mein
Bescheidener! ... Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?“
„Ich fürchte mich ... ich wage nicht, hinzusehen ...“ flüsterte
Aljoscha.
„Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in
Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe,
und Er freut sich mit uns, Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die
Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und
ununterbrochen ruft Er neue herbei, und so geht es bis in die Ewigkeit.
Neuen Wein trägt man auch uns auf, siehst du, wie man die Gefäße trägt
...“
Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit
unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner
Seele ... Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte ...
Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige,
gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was
gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf
den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der
Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an
den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch
merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete
ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß
mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe
Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge
ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der
Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine
Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch
hin, er erwartete noch einen Laut ... Doch plötzlich wandte Aljoscha
sich um und verließ die Zelle.
Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den
Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum
und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die
Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis
zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen
der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht
umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale
hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen
Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen
entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des
Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der
Gestirne berühre ... Aljoscha stand und schaute empor ... und plötzlich,
als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde
nieder.
Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber
nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen:
und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen
Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu
lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen
und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum
weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne,
die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte
sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen
zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine
ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte
allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich,
sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“
erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer
deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und
Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, –
wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein
ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er
noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter
Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich
plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung.
Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen
Augenblick vergessen ... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele
heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte ...
Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines
verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“.