Siebentes Buch. Aljoscha

I.

Der Verwesungsgeruch

Die Leiche des entschlafenen Staretz Sossima wurde zur Bestattung in der

vorgeschriebenen Weise hergerichtet. Die verstorbenen Mönche und

Einsiedler werden bekanntlich nicht gewaschen, denn es heißt im großen

Ritualbuch: „Wenn jemand von den Mönchen zum Herrn eingeht, so reibe der

dazu auserwählte Mönch den Körper des Entschlafenen mit warmem Wasser

ab, wobei er mit dem Schwamme (mit einem griechischen Schwamme) auf die

Stirn, auf die Brust, auf die Hände, Füße und Knie des Verstorbenen das

Zeichen des Kreuzes mache, und das sei alles.“ Beim Staretz Sossima

verrichtete diesen letzten Liebesdienst Pater Paissij eigenhändig. Nach

der Abreibung zog er ihm das Mönchsgewand an und legte ihm den

Priestermantel um, wozu er diesen, wie es die Vorschrift verlangt, etwas

einschnitt, um damit die Leiche kreuzweise umwickeln zu können. Über den

Kopf der Leiche zog er die Kapuze mit dem achtarmigen Kreuz. Doch wurde

die Kapuze offen gelassen und das Gesicht mit schwarzem Flor bedeckt. In

die Hände des Entschlafenen legte man ein Bild des Heilands. So wurde er

gegen Morgen in seinen Sarg gebettet, der schon lange für ihn bereit

gestanden hatte. Den Sarg beabsichtigte man aber den ganzen Tag in der

Zelle stehen zu lassen, in demselben ersten größeren Zimmer, in dem der

Verstorbene seine Gäste empfangen hatte. Da der Staretz ein höheres

Gelübde als die anderen Priestermönche abgelegt hatte, so mußten diese

wie auch die Priesterdiakonen an seinem Sarge nicht die Psalmen, sondern

die Evangelien lesen. Gleich nach der Seelenmesse begann Pater Jossiff

mit dem Lesen, da Pater Paissij den ganzen Tag und die ganze Nacht lesen

wollte. Vorläufig jedoch war er sowohl, wie der Vorsteher der

Einsiedelei, zu beschäftigt und mit anderem in Anspruch genommen. Es tat

sich nämlich, je länger desto mehr, unter den Klosterbrüdern und auch

unter den Weltlichen, die aus der Stadt in Scharen herbeiströmten, eine

außergewöhnliche, ja sogar unerhört „ungebührliche“ Aufregung und

ungeduldige Erwartung kund. Der Vorsteher und Pater Paissij taten alles,

um die erregten Gemüter zu beruhigen. Als es Tag wurde, kamen aus der

Stadt sogar Kranke, die noch andere Kranke herbeischleppten, besonders

ihre kranken Kinder, als hätten sie dazu gerade diesen Tod abgewartet.

Augenscheinlich hofften sie auf eine Heilkraft, die, wie sie glaubten,

nicht ausbleiben und sich vielleicht unverzüglich nach dem Verscheiden

des Staretz an seinem Sarge kundtun werde. Da sah man denn wieder

einmal, wie sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den entschlafenen

Staretz schon bei Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu

halten. Und es waren das durchaus nicht nur Leute aus dem einfachen

Volke, die mit ihren Kranken ankamen. Diese ungeheure Erwartung der

Gläubigen äußerte sich fast wie eine Forderung, und zwar so unverhohlen,

daß sie für Pater Paissij geradezu etwas Anstößiges hatte. Wohl hatte er

Ähnliches vorausgefühlt. Aber dieser Andrang übertraf denn doch seine

Erwartungen. Den aufgeregten Mönchen, denen er begegnete, sagte er daher

mit ernstem Tadel: „Die Erwartung eines höheren Ereignisses so

unverhohlen zu zeigen, ist eine Leichtfertigkeit, die höchstens bei

einem Weltlichen verzeihlich wäre, sich für uns aber nicht geziemt.“

Doch man hörte wenig auf ihn, was er selbst sehr gut merkte und sich

auch mit Unruhe im Herzen eingestand. Auch mußte er sich sagen, und es

wäre nicht recht, dies hier zu verheimlichen, daß er bei sich in der

Tiefe seines Herzens fast dasselbe erwartete, obschon er in der allzu

aufdringlichen Erwartung der anderen nichts als Leichtsinn sah. Einige

von den Gesichtern, die er in der Zelle erblickte, waren ihm ganz

besonders unangenehm; sie erweckten in ihm ein gewisses Vorgefühl und

peinliche Bedenken. So bemerkte er in der Zelle des Entschlafenen unter

den sich herbeidrängenden Klosterbrüdern geradezu mit einem seelischen

Widerwillen (worüber er sich selbst Vorwürfe machte) die Anwesenheit

Rakitins und des Mönches aus dem fernen Obdorskschen Kloster, der sich

immer noch bei ihnen aufhielt; alle beide schienen sie dem Pater

irgendwie verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die man

hätte verdächtigen können. Der Obdorsksche Mönch fiel unter den übrigen

Aufgeregten durch seine ganz besondere Geschäftigkeit auf: man konnte

ihn überall antreffen, und überall hatte er etwas zu fragen und zu

horchen, überall flüsterte er etwas mit geheimnisvoller Miene. Der

Ausdruck seines Gesichtes war ungeduldig, und er schien sehr ungehalten

darüber zu sein, daß das Erwartete noch immer nicht eintraf. Was aber

Rakitin anbelangt, so war er im besonderen Auftrage Frau Chochlakoffs so

früh in der Einsiedelei erschienen. Diese gute, doch leider

charakterschwache Dame, die in die Einsiedelei nicht zugelassen werden

konnte, war, als sie kaum erwacht und die Nachricht vom Tode des Staretz

vernommen hatte, von einer so unbezwingbaren Neugier ergriffen worden,

daß sie sofort Rakitin beauftragt hatte, an ihrer Stelle alles zu

beobachten und sie „brieflich sofort und in jeder halben Stunde von

allem zu unterrichten“. Sie hielt Rakitin für einen sehr

gottesfürchtigen und gläubigen jungen Mann – so gut verstand er es, mit

den Menschen umzugehen und sich jedem nach Wunsch anzupassen, wenn er

darin nur den kleinsten Vorteil für sich erblickte.

Der Tag war klar und hell, und von den anwesenden Pilgern versammelten

sich viele an den Gräbern der Einsiedelei, die am zahlreichsten in der

Nähe der Kirche lagen, aber auch sonst in der ganzen Einsiedelei

verstreut waren. Pater Paissij erinnerte sich plötzlich, als er durch

die Einsiedelei schritt, Aljoschas, und es fiel ihm auf, daß er ihn

schon lange, fast seit der Nacht, nicht mehr gesehen hatte. Kaum aber

hatte er an ihn gedacht, als er ihn auch schon in der entferntesten Ecke

der Einsiedelei, am Zaun, bemerkte, sitzend, auf dem Grabstein eines in

hohem Alter verstorbenen Mönches, der seiner Taten wegen weit bekannt

war. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei, das Gesicht dem Zaune

zugekehrt, als wolle er sich hinter dem Denkmal verbergen. Als Pater

Paissij sich ihm näherte, bemerkte er, daß Aljoscha sein Gesicht mit

beiden Händen bedeckt hielt und bitterlich weinte. Er zitterte vor

Schluchzen am ganzen Körper. Pater Paissij blieb eine Weile bei ihm

stehen.

„Genug, mein lieber Sohn, laß gut sein, mein Freund,“ sagte er

schließlich mitleidig zu ihm. „Warum tust du das? Freue dich und weine

nicht! Oder weißt du denn nicht, daß von allen Tagen dieser sein größter

Tag ist? Wo ist er denn jetzt, in diesem Augenblick? Vergegenwärtige es

dir nur!“

Aljoscha erhob sein Gesicht, das, wie bei einem kleinen Kinde, von den

Tränen ganz geschwollen war; doch ohne ein Wort hervorzubringen, wandte

er sich wieder um und bedeckte es von neuem mit seinen Händen.

„Nun, meinetwegen,“ sagte Pater Paissij nachdenklich, „meinetwegen,

weine denn, Christus hat dir diese Tränen geschickt. Diese Tränen der

Rührung dienen nur zur Erhöhung deiner Seele und zur Erheiterung deines

lieben Herzens,“ fügte er noch bei sich hinzu, als er Aljoscha verließ

und liebevoll an ihn dachte. Übrigens beeilte er sich, von ihm

fortzukommen, denn er fühlte, daß er sonst gleichfalls zu weinen

anfangen werde. Inzwischen verging die Zeit; die Feierlichkeiten und

Seelenmessen nahmen ordnungsgemäß ihren Fortgang. Pater Paissij traf

wieder Pater Jossiff am Sarge des Verstorbenen an und löste ihn jetzt im

Evangelienlesen ab. Es war aber noch nicht drei Uhr nachmittags

geworden, als sich etwas ereignete, was ich schon am Ende des vorigen

Buches erwähnt habe, etwas uns allen so Unerwartetes und das außerdem

noch so entgegengesetzt der allgemeinen Zuversicht war, daß, ich

wiederhole es, die ausführlichsten und albernsten Legenden von diesem

Ereignisse sich bis auf den heutigen Tag in bewundernswert frischer

Erinnerung, sowohl in unserer Stadt, als in der ganzen Umgegend,

erhalten haben. Ich füge hier noch einmal von mir persönlich hinzu, daß

es mir widerwärtig ist, dieses albernen, ärgerlichen und im Grunde

genommen leeren und selbstverständlichen Ereignisses Erwähnung zu tun,

und ich würde es bestimmt unterlassen, wenn es nicht auf die Seele und

das Herz des späteren Haupthelden meiner Erzählung, Aljoscha, in

gewisser Weise einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hätte. Dies

Ereignis führte gleichsam zu einem Bruch in seiner Seele, zu einem

Wendepunkt in seinem Leben, und es festigte seinen Geist, indem es ihn

zum erstenmal auf ein bewußtes Ziel hinwies.

Als man noch vor Tagesanbruch die zur Bestattung bereitete Leiche des

Staretz in den Sarg legte und ihn in das erste Zimmer, in dem er früher

empfangen hatte, brachte, da wurde unter den Anwesenden die Frage laut,

ob es nötig wäre, das Fenster des Zimmers zu öffnen? Diese Frage, die

irgend jemand nur beiläufig gestellt hatte, wurde nicht weiter beachtet

und blieb ohne Antwort. Wenn man sie auch allgemein gehört hatte, so war

sie höchstens von einigen der Anwesenden als Abgeschmacktheit bemerkt

worden, da allen die Voraussetzung, die Leiche dieses Entschlafenen

könne verwesen und ihr daher Verwesungsgeruch entströmen, eine Annahme

zu sein schien, die nur Bedauern, wenn nicht Spott verdiene. So blieb

die Frage unbeantwortet, da sie doch nur tadelnswerter Kleingläubigkeit

entsprungen sein konnte. Man erwartete durchaus das Gegenteil. Und

siehe, bald nach dem Mittag begann etwas, was von den Ein- und

Ausgehenden zuerst nur schweigend und für sich im stillen bemerkt wurde,

da jeder sich fürchtete, dem anderen seinen aufsteigenden Gedanken

mitzuteilen – etwas, das sich aber um drei Uhr nachmittags schon so

deutlich und unzweifelhaft bemerkbar machte, daß die Nachricht davon

sich im Augenblick durch die ganze Einsiedelei und unter allen Pilgern

und Gästen verbreitete und sogleich auch ins Kloster drang und die

Verwunderung aller Mönche hervorrief. In kurzer Zeit erreichte sie auch

die Stadt, wo sie alle, Gläubige wie Ungläubige, in höchste Aufregung

versetzte. Die Ungläubigen freute es, und was die Gläubigen anbelangt,

so fanden sich viele unter ihnen, die sich noch mehr darüber freuten als

die Ungläubigen, denn: „die Menschen lieben den Fall des Gerechten und

seine Schmach,“ wie der verstorbene Staretz mehr als einmal in seinen

Unterweisungen gesagt hatte. Die Sache war kurz folgende: In der kleinen

Zelle, in der der Tote aufgebahrt lag, begann sich mit der Zeit immer

mehr Verwesungsgeruch bemerkbar zu machen, zuerst natürlich nur sehr

wenig, doch um drei Uhr nachmittags war ein Zweifel nicht mehr möglich,

und dabei nahm der Geruch immer noch zu. Ein solches Ärgernis, wie es

sich jetzt auf so grobe Weise kundtat, war schon lange nicht mehr

vorgekommen, ja aus der ganzen Vergangenheit unseres Klosters konnte man

sich keines ähnlichen Falles erinnern. Die Folgen dieses Ereignisses

waren fast unglaublich. Später, nach vielen Jahren, konnten sich einige

unserer vernünftigeren Mönche, wenn sie sich dieses Tages bis in alle

Einzelheiten erinnerten, nicht genug darüber wundern, wie dieses

Ärgernis in solchem Maße hatte um sich greifen können. Denn auch früher

schon war es vorgekommen, daß den Leichen mancher Mönche, die einen

reinen und gerechten Lebenswandel geführt hatten und als gottesfürchtige

Startzen gestorben waren, trotzdem Verwesungsgeruch entströmt war, ohne

daß dadurch Ärger oder die geringste Aufregung hervorgerufen worden

wäre. Freilich hatte es in unserem Kloster auch einige gegeben, die in

hohem Alter verstorben waren, und von deren Leichen nach der

Überlieferung kein Verwesungsgeruch ausgegangen sei. Diese

Überlieferungen machten einen geradezu mysteriösen Eindruck auf die

Brüderschaft, und die Mönche bewahrten sie im Gedächtnis wie etwas

Herrliches und Wunderbares, wie die Verheißung eines noch größeren

Ruhmes, der in Zukunft aus den Gräbern dieser „Heiligen“ aufsteigen

werde, „wenn nach dem Willen Gottes die Zeit dazu kommt“. Besonders

lebendig war das Andenken an den Staretz Hiob, der erst mit

hundertundfünf Jahren gestorben und ein berühmter Glaubenseiferer, ein

großer Faster und Schweiger gewesen war. Er war schon zu Anfang dieses

Jahrhunderts gestorben, und sein Grab wurde mit besonderer und

außerordentlicher Hochachtung allen zum erstenmal ins Kloster gekommenen

Pilgern gezeigt, und geheimnisvoll wurde an ihm mancher großen Hoffnung

Erwähnung getan. Es war dies dasselbe Grab, auf dem Pater Paissij

Aljoscha sitzend angetroffen hatte. Wie an diesen an Altersschwäche

verstorbenen Startzen, war auch die Erinnerung an einen vor nicht

allzulanger Zeit verstorbenen Startzen, den großen Staretz Warssonofij,

noch lebendig, denselben, von dem der Staretz Sossima die Startzenwürde

übernommen hatte, und der noch bei Lebzeiten von allen das Kloster

besuchenden Pilgern für schwachsinnig gehalten worden war. Von diesen

beiden erhielt sich die Überlieferung, daß sie in ihren Särgen wie

Lebende gelegen hätten, daß sie ganz unverwest begraben worden wären,

und daß ihr Antlitz im Sarge geradezu geleuchtet habe. Manche wollten

sich sogar noch auf das bestimmteste erinnern, daß ihren Leichnamen

Wohlgeruch entströmt sei. Aber ungeachtet aller dieser Erinnerungen, ist

doch schwer, zu erklären, warum beim Sarge des Staretz Sossima eine so

alberne und boshafte Erregung sich kundtat. Was meine persönliche

Meinung anbelangt, so meine ich, daß hierbei die verschiedensten Gründe

und Ursachen zusammentrafen: wie zum Beispiel die eingewurzelte

Feindschaft gegen das Startzentum, als eine schädliche Neuerung, wie sie

im Kloster und in den Köpfen und Herzen vieler Mönche gehegt wurde. Dann

freilich war es hauptsächlich der Neid auf die Heiligkeit des

Entschlafenen, an die schon zu dessen Lebzeiten so fest geglaubt wurde,

daß es geradezu verboten schien, dagegen zu sprechen. Denn obgleich der

selige Staretz – nicht so sehr durch Wunder, als gerade durch Liebe – so

viele an sich gezogen und um sich eine ganze Welt von Liebe geschaffen

hatte, so hatte er sich nichtsdestoweniger, oder sogar gerade dadurch um

so mehr Neider und infolgedessen auch erbitterte Feinde, offene und

geheime, und nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den

Weltlichen geschaffen. Niemandem hatte er etwas Böses getan. Aber siehe

da, es hieß doch: „Warum wird er für heilig gehalten?“ Schon allein

diese eine Frage schuf, da sie immer von neuem wiederholt wurde, einen

ganzen Abgrund von unersättlicher Bosheit. Darum glaube ich, daß viele,

als sie von der Verwesung seines Körpers hörten und von der

Schnelligkeit, mit der sie eintrat – es war noch nicht ein Tag nach

seinem Verscheiden vergangen – sich unbändig freuten. Unter denen aber,

die dem Staretz ergeben waren und ihn bis dahin geachtet hatten, gab es

auch solche, die sich durch dieses Ereignis fast persönlich gekränkt und

beleidigt fühlten. Die Begebenheiten trugen sich folgendermaßen zu.

Kaum hatte sich der Verwesungsgeruch bemerkbar gemacht, so konnte man

schon am Mienenspiel der Mönche, die in die Zelle des Entschlafenen

eintraten, erkennen, warum sie kamen. Sie traten ein, blieben eine Weile

stehen, und beeilten sich dann, so schnell als möglich den anderen, der

draußen wartenden Menge, die Nachricht zu bestätigen. Die einen von den

Wartenden wiegten kummervoll das Haupt, andere aber konnten ihre

Genugtuung nicht mehr verbergen, und die Schadenfreude sprach

triumphierend aus ihren boshaften Blicken. Und niemand rügte sie,

niemand wollte ein gutes Wort für den Toten einlegen, was doch sonderbar

war, denn dem entschlafenen Staretz war immerhin über die Hälfte der

Klosterbrüderschaft ergeben gewesen. Die Vorsehung aber schien selbst zu

wollen, daß die Minderheit die Oberhand behielt. In kurzer Zeit

erschienen in der Zelle auch weltliche Spione, die Gebildeten, die

Klostergäste. Das einfache Volk ging nicht hinein, wenn es auch an der

Pforte der Einsiedelei in ganzen Scharen gedrängt stand. Wahr ist, daß

nach drei Uhr nachmittags, als die ärgerliche Nachricht sich schon

verbreitet hatte, der Besuch der weltlichen Gäste sehr zunahm. Viele von

den Weltlichen, die an diesem Tage vielleicht gar nicht erschienen wären

und sogar überhaupt nicht die Absicht gehabt hatten, ins Kloster zu

fahren, waren jetzt aus Neugier gekommen; unter ihnen befanden sich auch

einige Persönlichkeiten von höherem Range. Übrigens wurde äußerlich der

Anstand noch nicht verletzt, und Pater Paissij fuhr fort, mit strengem

Gesicht und lauter Stimme fest und vernehmlich die Evangelien zu lesen,

obgleich er schon lange die Unruhe um sich bemerkt hatte. Und

schließlich drangen die Stimmen auch bis zu seinen Ohren, zuerst nur

leise, doch allmählich immer vernehmlicher und kühner: „Da sieht man,

daß das Urteil Gottes anders ist als das Urteil der Menschen!“ hörte er

plötzlich neben sich sagen; ein Weltlicher, ein städtischer Beamter,

hatte diese Worte ausgesprochen, ein schon älterer Mann, der sehr

gottesfürchtig war und nun laut das wiederholte, was die Mönche sich

untereinander schon seit Stunden zugeflüstert hatten. Das Schlimme aber

war, daß sich in diesen Worten allmählich fast ein Triumph kundtat. Bald

darauf wurde die mühsam bewahrte Haltung durchbrochen, und es schien

sogar, daß alle sich geradezu berechtigt fühlten, sie zu durchbrechen.

„Wie kommt das nur,“ sagten einige von den Mönchen, anfänglich noch

bedauernd, „sein Körper war doch nicht fleischig und fett, er war doch

so hager, nur Haut und Knochen, wo kann da der Geruch herkommen?“ –

„Also kann das nur ein Fingerzeig Gottes sein ...“ fügten eilig andere

hinzu, und ihre Meinung wurde sofort widerspruchslos angenommen. Man

wies besonders darauf hin, daß der Leichengeruch bei einem gewöhnlichen

und sündigen Sterblichen sich erst viel später hätte einstellen müssen,

wenigstens nicht mit einer dermaßen auffallenden Schnelligkeit, im

äußersten Falle nach vierundzwanzig Stunden. „Dieser ist aber der Natur

zuvorgekommen, folglich kann es nichts anderes sein als ein Fingerzeig

Gottes. Ja, ja, ein Hinweis Gottes ist es!“ Diese Auslegung machte einen

großen Eindruck. Der bescheidene Pater Jossiff, der Liebling des

Verstorbenen, wandte sich an etliche der Rädelsführer mit der

Behauptung, daß es nicht überall so wäre, und daß es in der

Rechtgläubigkeit ein solches Dogma gar nicht gäbe, wonach die Leichen

der Gerechten nicht verwesen dürften, und daß das nur ein Vorurteil sei,

da man an den allerrechtgläubigsten Orten, auf dem Athos zum Beispiel,

an dem Verwesungsgeruch der Gerechten gar keinen Anstoß nähme und das

Nichtverwesen der Leichen durchaus nicht das Hauptmerkmal der

Verherrlichung der Geretteten sei, sondern die Farbe ihrer Knochen,

nachdem die Leichen schon viele Jahre in der Erde gelegen hätten. „Wenn

dann die Knochen gelb wie Wachs sind, so ist das das Zeichen, daß Gott

den Entschlafenen verherrlicht hat; wenn sie aber nicht gelb sind,

sondern schwarz, so bedeutet es, daß Gott ihn solchen Ruhmes nicht für

würdig gefunden. So ist es auf dem Athos, an diesem großen Ort, wo die

Rechtgläubigkeit sich von alters her unerschütterlich in der

leuchtendsten Reinheit erhalten hat,“ schloß Pater Jossiff. Doch die

Rede des frommen Paters machte gar keinen Eindruck; sie rief sogar

spöttischen Widerspruch hervor: „Das ist alles nur Gelehrsamkeit und

Neuerung, das lohnt sich gar nicht anzuhören,“ behaupteten die Mönche

unter sich. „Bei uns ist alles nach dem Alten; als ob es heutzutage noch

nicht genug Neuerungen gäbe! Soll man denn alles nachahmen?“ fügten

andere hinzu. „Wir haben nicht weniger Heilige gehabt als sie. Die

sitzen dort und haben unter dem Türkenjoch alles vergessen. Bei denen

ist die Rechtgläubigkeit schon längst getrübt, sie haben nicht einmal

mehr Glocken,“ meinten die Spötter. Pater Jossiff entfernte sich

betrübt, um so mehr, als er selbst auch nur halb an seine Worte glaubte.

Mit Schrecken aber bemerkte er, daß eine immer mächtigere Bewegung um

sich griff und sogar der Ungehorsam sein Haupt erhob. Wie Pater Jossiff

verstummten allmählich auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und

siehe, bald waren alle, die den verstorbenen Staretz geliebt hatten und

in frommem Gehorsam der Forderung des Startzentums gefolgt waren, maßlos

erschrocken, und wenn sie sich begegneten, wagten sie kaum, einander

anzublicken. Dagegen erhoben die Feinde des Startzentums stolz ihre

Häupter: „Vom verstorbenen Staretz Warssonofij ist nicht nur kein

Verwesungsgeruch ausgegangen, ihm ist sogar Wohlgeruch entströmt,“

sagten sie schadenfroh und fast triumphierend, „denn er hat nicht nur

dem Startzentum gedient, sondern war selbst ein Gerechter.“ Die Folge

davon war, daß sie den jüngst Verstorbenen zu verurteilen und zu

beschuldigen anfingen: „Er hat nicht richtig gelehrt; er lehrte, daß das

Leben eine große Freude und nicht eine Demütigung in Tränen sei,“ sagten

einige von den Unintelligenteren. „Er glaubte nach der neuen Mode, und

materielles Feuer in der Hölle erkannte er nicht an,“ fügten andere noch

Unverständigere hinzu. „Im Fasten war er nicht streng, er erlaubte sich

Süßigkeiten, den Tee trank er gerne mit Kirschenmus, die Damen schickten

ihm alles zu. Darf denn ein Einsiedler Tee trinken?“ hörte man einige

neidische Stimmen ausrufen. „Stolz aufgebläht saß er da,“ bemerkten

immer erbitterter die Schadenfrohen, „für einen Heiligen hielt er sich,

man warf sich vor ihm auf die Knie, und er nahm das als etwas

Selbstverständliches hin.“ „Das Sakrament der Beichte hat er

mißbraucht,“ tuschelten in boshaftem Geflüster die heftigsten Gegner des

Startzentums, und das waren die ältesten und in ihrem Gottesdienst

strengsten Mönche, aufrichtige Faster und große Schweiger, die zu

Lebzeiten des Staretz geschwiegen hatten, jetzt aber plötzlich ihren

Mund auftaten, was ganz besonders gefährlich war, da ihre Worte einen

starken Einfluß auf die jüngeren, in ihren Anschauungen noch nicht

gefestigten Mönche hatten. Sehr eifrig horchte der Obdorsksche Gast, der

Mönch vom heiligen Silvester, auf alles, was man sprach, indem er tief

aufseufzte und den Kopf hin und her wiegte: „Pater Ferapont hat gestern

gerecht geurteilt, wie ich sehe,“ dachte er bei sich. Und siehe, da

erschien Pater Ferapont plötzlich in eigener Person, um eine noch

größere Verwirrung zu verursachen.

Wie ich schon früher erwähnt habe, verließ er nur selten seine kleine

hölzerne Zelle im Bienengarten, ja er erschien sogar oft lange Zeit

nicht einmal in der Kirche zum Gottesdienst, was man jedoch ihm, als

einem Schwachsinnigen, nicht weiter nachtrug. Und schließlich wäre das

auch nicht gut angegangen. Denn einem so großen Faster und Schweiger

gegenüber, der Tag und Nacht betete (und oft auf den Knien liegend

einschlief), wäre es geradezu kleinlich gewesen, die Einhaltung der

Regeln, die für die übrigen vorgeschrieben waren, zu verlangen, wenn er

sie nicht selbst einhalten wollte. „Er ist heiliger als wir alle und

vollführt Schwereres, als die Regel verlangt,“ sagten dann die Mönche,

„und wenn er nicht in die Kirche geht, so bedeutet das, daß er selbst

besser weiß, wann er dahin zu gehen hat, er hat seine eigene Regel.“ Um

die Möglichkeit solcher Unwillensäußerungen von seiten der Mönche zu

vermeiden, hatte man Pater Ferapont denn auch ganz in Ruhe gelassen. Der

Staretz Sossima liebte, wie allen bekannt war, den Pater Ferapont nicht

sehr. Nun war die Nachricht, „daß das Urteil Gottes nicht dasselbe sei

wie das der Menschen“, und daß dieses sogar „der Natur zuvorgekommen“

wäre, auch bis zu Pater Feraponts Zelle gedrungen. Es ist anzunehmen,

daß der erste, der ihm diese Nachricht überbracht hatte, der Obdorsksche

Mönch gewesen war, der ihn noch gestern besucht und tief erschüttert

verlassen hatte. Ich muß auch noch erwähnen, daß Pater Paissij, der laut

und vernehmlich am Sarge die Evangelien las, und daher nichts hören und

sehen konnte von dem, was außerhalb der Zelle vor sich ging, in seinem

Herzen doch das Hauptsächlichste richtig ahnte, da er seine Umgebung

durch und durch kannte. Er war keineswegs aus der Fassung gebracht,

sondern erwartete alles, was noch kommen werde, vollkommen furchtlos,

wenn er auch dabei keinen Augenblick aufhörte, gespannt die Entwicklung

der Aufregung zu verfolgen. Plötzlich vernahm er vom Vorzimmer her einen

außergewöhnlichen Lärm, ungebührlich, anstößig in dieser ernsten Stunde.

Die Zellentür wurde geräuschvoll aufgestoßen, und auf der Schwelle

erschien – Pater Ferapont. Hinter ihm her drängten sich unten an der

Treppe, wie man aus der Zelle deutlich sehen konnte, viele ihn

begleitende Mönche, unter denen sich auch Weltliche befanden. Sie traten

indessen nicht ein und wagten auch nicht, auf die Treppe zu steigen; sie

erwarteten nur, was Pater Ferapont sagen und tun werde. Ungeachtet ihrer

Vermessenheit, fühlten sie doch mit einem gewissen Schrecken, daß dieser

große Schweiger nicht umsonst gekommen war. Als Pater Ferapont auf der

Schwelle erschien, erhob er seine beiden Hände: und da lugten hinter

seinem rechten Arm die scharfen und neugierigen Äuglein des Obdorskschen

Gastes hervor, der allein aus überwältigender Neugier Pater Ferapont auf

die Treppe gefolgt war. Die anderen waren schon beim Geräusch der

wuchtig geöffneten Tür zurückgeschreckt und drängten sich nun, von

plötzlicher Angst ergriffen, noch mehr zurück. Pater Ferapont hielt die

Hände empor, und plötzlich brüllte er laut:

„Austreibend werde ich dich austreiben!“ und sofort begann er, sich nach

allen vier Seiten wendend, zu den Wänden und vier Ecken des Zimmers das

Kreuzeszeichen zu machen. Diese Handlung Pater Feraponts verstanden

alle, die ihn begleiteten, denn sie wußten, daß er immer so tat, wohin

er auch kam, und daß er sich auch nicht früher hinsetzte, noch ein Wort

sagte, bevor er die unreine Macht ausgetrieben hatte.

„Weiche Satan, weiche hinaus!“ wiederholte er bei jedem Kreuzeszeichen.

„Austreibend, treibe ich dich hinaus!“ brüllte er von neuem. Er war in

seiner groben Mönchskutte und mit einem Strick umgürtet. Aus dem

sackleinenen Hemde blickte seine mit grauen Haaren bewachsene Brust

hervor. Er war barfüßig. Sobald er seine Hände erhob, rasselten und

klirrten die schrecklichen Ketten, die er unter der Kutte trug. Pater

Paissij unterbrach das Lesen, trat auf ihn zu und stellte sich in

Erwartung vor ihn hin.

„Warum bist du gekommen, ehrenwerter Pater? Warum verletzest du den

Anstand? Warum bringst du die fromme Herde in Verwirrung?“ fragte er und

blickte ihn streng an.

„Wessentwillen ich gekommen bin? Wen fragst du? Wie glaubst du?“ schrie

Pater Ferapont, der sich wie ein Einfältiger gebärdete. „Um hier eure

Gäste, die unflätigen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, daß sich hier ohne

mich viele angesammelt haben. Mit einem Birkenquast will ich sie

ausfegen!“

„Unreines willst du austreiben, selbst aber dienst du vielleicht dem

Unreinen,“ sagte unerschrocken Pater Paissij. „Und wer kann von sich

sagen, daß er ‚heilig‘ sei, etwa du, Vater?“

„Aas bin ich, aber kein Heiliger! In den Lehnstuhl setze ich mich nicht,

und ich lasse mir nicht Verbeugungen machen wie einem Götzen!“ donnerte

Pater Ferapont. „Heutzutage richten die Menschen den heiligen Glauben

zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger dort“ – dabei wandte er sich

zur Menge und wies auf den Sarg – „hat die Teufel nicht anerkannt. Nur

Abführmittel gab er gegen die Teufel. Die aber haben sich bei euch

vermehrt, wie die Spinnen in den Ecken. Er selbst stinkt jetzt. Darin

sehen wir einen großen Fingerzeig Gottes!“

Es war in der Tat einmal zu Lebzeiten des Staretz Sossima vorgekommen,

daß einem Mönche die unreine Macht zuerst im Traume und später auch im

Wachen erschienen war. Als er das voll Entsetzen dem Staretz mitgeteilt

hatte, da war ihm von diesem ununterbrochenes Gebet und verstärktes

Fasten angeraten worden. Als aber auch das nicht helfen wollte, da hatte

der Staretz gesagt, er solle das Fasten und Beten nicht aufgeben, doch

außerdem noch eine gewisse Arznei zu sich nehmen. Das hatte bei sehr

vielen Ärgernis erregt, und sie hatten untereinander viel darüber

gesprochen und die Köpfe geschüttelt, am meisten von ihnen aber war

Pater Ferapont, dem einige der Tadler eiligst die in diesem besonderen

Falle „außergewöhnliche“ Anordnung des Staretz mitgeteilt hatten,

ungehalten gewesen.

„Weiche von hier, Vater!“ sagte befehlend Pater Paissij. „Nicht Menschen

können darüber urteilen, nur Gott kann es tun. Vielleicht ist das ein

Hinweis, den weder du, noch ich, noch sonst jemand zu begreifen imstande

ist. Gehe fort von hier und bringe die Herde nicht in Verwirrung!“

wiederholte er mit fester Stimme.

„Das Fasten hat er nicht eingehalten, das dem Range eines Einsiedlers

zukommt, deshalb ist uns dieser ‚Hinweis‘ geworden. Das ist klar und es

zu verheimlichen ist Sünde!“ Der aus Rand und Band geratene Fanatiker

konnte sich noch immer nicht beruhigen. „Mit Konfekt hat er sich

verführen lassen, die Damen haben es ihm in ihren Taschen mitgebracht,

süßen Tee hat er geschlürft, seinen Bauch hat er vergöttert, hat ihn mit

Süßigkeiten angefüllt, wie seinen Geist mit anmaßenden Gedanken ...

Darum hat er den Schimpf erlitten ...“

„Leichtfertig sind deine Worte, Vater!“ sagte mit erhobener Stimme Pater

Paissij. „Ich bewundere dein Fasten und deinen Glaubenskampf, doch

leichtfertig sind deine Worte, wie ein Jüngling redest du, der in der

Welt noch unselbständig ist und von jungem Verstande. Gehe fort von

hier, Vater, ich befehle es dir!“ rief drohend zum Schluß Pater Paissij.

„Ich gehe schon!“ murmelte Pater Ferapont einigermaßen verwirrt, doch

seine Wut verließ ihn nicht. „Gelehrte seid ihr! Mit eurem hohen

Verstande erhebt ihr euch über meine Nichtigkeit. Ich kam hierher mit

geringen Kenntnissen, doch jetzt habe ich alles vergessen, was ich

gewußt habe, Gott selbst hat mich Geringen vor eurer Gelehrtheit

beschützt ...“

Pater Paissij stand festentschlossen dicht vor ihm. Pater Ferapont

schwieg, und plötzlich wurde er traurig, stützte die eine Wange in die

Hand, betrachtete den Sarg des entschlafenen Staretz und sagte in

singendem Tone:

„Über ihm wird man morgen ‚Helfer und Beschützer‘ singen, den schönsten

Kanon, über mir aber, wenn ich krepiere, nur ‚Welche Lebenswonne‘, das

kleine Verslein!“ sagte er wehmütig und mit Tränen in den Augen.

„Hoffärtig und aufgeblasen sind sie, das ist hier ein leerer Ort!“

schrie er plötzlich wieder wie wahnsinnig und winkte mit der Hand ab,

kehrte sich um und schritt schnell die Stufen der Treppe hinab. Die

unten wartende Menge wich zurück; einige folgten ihm, andere zögerten

noch, denn die Tür der Zelle stand offen. Pater Paissij war Pater

Ferapont auf die Treppe gefolgt und sah ihm nach. Der besessene Greis

konnte sich noch immer nicht beruhigen: Kaum war er zwanzig Schritte

gegangen, als er sich plötzlich zur Seite, zur untergehenden Sonne

wandte, beide Hände erhob und, als ob man ihn niedergemäht hätte, mit

großem Geschrei zur Erde niederfiel:

„Mein Gott hat gesiegt! Christus hat gesiegt über die untergehende

Sonne!“ schrie er wie rasend, erhob die Hände zur Sonne, fiel mit dem

Gesicht auf die Erde und weinte mit lauter Stimme wie ein kleines Kind.

Er bebte am ganzen Körper und breitete seine Hände über die Erde aus.

Alles stürzte zu ihm, Ausrufe wurden laut, lautes Weinen ihm zur Antwort

... Ekstase ergriff alle.

„Seht, wer der Heilige ist! Seht, wer der Gerechte ist!“ ließen sich

jetzt bereits ohne jegliche Scheu Stimmen vernehmen. „Seht, wer Staretz

sein sollte!“ fügten noch andere erbost hinzu.

„Er will kein Staretz sein ... er selbst erkennt sie nicht an ... wird

dieser verfluchten Neuerung nicht dienen ... ihre Dummheiten wird er

nicht nachahmen,“ riefen wieder andere Stimmen, und wie weit das noch

gegangen wäre, ist schwer zu sagen, wenn nicht gerade in diesem

Augenblick die große Glocke angefangen hätte, zum Gottesdienst zu

läuten. Da begannen alle sich zu bekreuzen. Auch Pater Ferapont erhob

sich, bekreuzte sich und ging dann, ohne sich umzusehen und immer noch

vor sich hinmurmelnd, in seine Zelle. Ihm folgten einige Mönche, doch

waren es nur wenige; die Mehrzahl ging auseinander oder eilte zum

Gottesdienst. Pater Paissij übergab den Lesedienst an Pater Jossiff und

ging hinunter. Das ekstatische Geschrei des Fanatikers konnte ihn nicht

wankend machen, aber sein Herz war betrübt, und er grämte sich um irgend

etwas, – dessen ward er sich selbst bewußt. Er blieb plötzlich

stehen und fragte sich: „Woher diese Trauer bis zur völligen

Niedergeschlagenheit?“ und mit Erstaunen erkannte er, daß diese

plötzliche Trauer von einem ganz kleinen und besonderen Zufall

herrührte. Er hatte in der Menge, die sich am Eingang der Zelle drängte,

unter den übrigen Erregten, auch Aljoscha bemerkt, und er erinnerte

sich, daß er sofort bei seinem Anblick einen Stich im Herzen gefühlt

hatte. „Ja ist denn dieser Jüngling wirklich meinem Herzen so wert,“

fragte er sich ganz verwundert. In demselben Augenblick ging Aljoscha an

ihm vorüber, als eilte er irgendwohin, doch ging er nicht in der

Richtung zur Kirche. Ihre Blicke begegneten sich. Aljoscha aber wandte

schnell seine Augen ab und blickte zu Boden. An seiner Miene erkannte

Pater Paissij sofort, daß für den Jüngling der Augenblick einer großen

Umwandlung gekommen war.

„Hast auch du dich hinreißen lassen?“ rief Pater Paissij aus, „ist es

möglich, daß auch du zu den Kleingläubigen gehörst?“ fügte er traurig

hinzu.

Aljoscha blieb stehen, sah unsicher und unbestimmt Pater Paissij an,

wandte aber schnell seine Augen von ihm ab und senkte den Blick wieder

zu Boden. Er stand halb abgewandt, ohne sich zum Fragenden umzuwenden.

Pater Paissij beobachtete ihn aufmerksam.

„Wohin eilst du?“ fragte er ihn wieder. „Es wird zur Messe geläutet.“

Aljoscha gab keine Antwort.

„Oder willst du das Kloster verlassen, ohne um Erlaubnis und ohne um den

Segen zu bitten?“

Aljoscha lächelte plötzlich verzerrt und warf einen sonderbaren, sehr

sonderbaren Blick dem fragenden Pater zu, dem er von seinem verstorbenen

Lenker, dem früheren Beherrscher seiner Seele und seines Geistes, von

seinem inniggeliebten Staretz, anvertraut worden war. Und ohne Antwort,

wie vorhin, winkte er nur mit der Hand ab, als ob er sich um eine

Ehrerbietung nicht mehr kümmern wollte, und verließ mit schnellen

Schritten die Einsiedelei durch das Eingangstor.

„Wirst noch zurückkehren!“ murmelte leise Pater Paissij vor sich hin und

blickte ihm in kummervoller Verwunderung nach.

II.

Solch ein Augenblick

Pater Paissij irrte sich nicht, wenn er annahm, daß sein „lieber Junge“

wiederkehren werde, und vielleicht hatte er, wenn auch nicht ganz, so

doch scharfsinnig genug Aljoschas Seelenstimmung erraten. Ich muß aber

gestehen, daß es mir nichtsdestoweniger schwer wird, die Ursache dieser

sonderbaren augenblicklichen Seelenstimmung des jungen und von mir so

inniggeliebten Helden meines Romanes zu erklären. Auf die traurige Frage

Pater Paissijs: „Solltest auch du zu den Kleingläubigen gehören?“ kann

ich jedoch mit Bestimmtheit für Aljoscha antworten: Nein, er gehörte

nicht zu den Kleingläubigen. Nein, hier war sicher das Gegenteil der

Fall: seine ganze Verwirrung kam daher, daß er nur zu sehr glaubte. Eine

große Verwirrung war es aber, und alles, was sich ereignete, war so

quälend für ihn, daß er sogar nach langer Zeit diesen kummervollen Tag

für einen der schwersten und verhängnisvollsten Tage seines Lebens

hielt. Wenn man aber fragen wollte: „Sollte wirklich sein ganzer Kummer

und seine Seelenunruhe davon herrühren, daß der Leichnam seines Staretz,

statt sofort unmittelbare Heilkraft zu offenbaren, im Gegenteil, so früh

in Verwesung übergegangen war,“ so antworte ich ohne zu zögern: Ja, so

ist es in der Tat gewesen. Nur möchte ich den Leser bitten, nicht gleich

über den reinen Sinn meines Jünglings zu lachen. Ich habe nicht die

Absicht, seinen einfältigen Glauben durch sein jugendliches Alter zu

entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich tue gerade das Entgegengesetzte

und versichere hiermit, daß ich für ihn aufrichtige Hochachtung

empfinde. Zweifellos wäre mancher andere Jüngling, der schon verstanden

hätte, mit Vorsicht solche Herzenseindrücke zu empfangen, der verstanden

hätte, nicht heiß, sondern nur lau zu lieben – wenn auch mit richtigem,

so doch für sein Alter gar zu reiflich überlegendem und daher billigem

Verstande –, solch ein Jüngling, sage ich, wäre dem entgangen, was mit

meinem Jüngling geschah. Nur ist, meiner Meinung nach, in manchen Fällen

denn doch achtbarer, sich so hinreißen zu lassen (denn wenn es auch

unvernünftig ist, so geschieht es doch nur aus übergroßer Liebe), als

sich überhaupt nicht hinreißen zu lassen. Und das besonders noch im

Jünglingsalter! ... Denn hoffnungslos und billig ist der Geist eines

beständig überlegenden Jünglings, – das ist meine Meinung. „Aber,“ rufen

da vielleicht die vernünftigen Leute aus, „es kann doch nicht ein jeder

Jüngling an solche Vorurteile glauben, und Ihr Jüngling kann doch kein

Vorbild für andere sein.“ Darauf kann ich nur erwidern: Ja, mein

Jüngling gehörte nicht zu den Kleingläubigen, er glaubte heilig und

unerschütterlich, und dennoch werde ich nicht für ihn um Entschuldigung

bitten.

Sehen Sie: wenn ich auch vorhin sagte (vielleicht etwas zu voreilig),

daß ich jene Stimmung meines Jünglings weder erklären, noch

entschuldigen oder rechtfertigen werde, so sehe ich jetzt doch ein, daß

einige Erläuterungen zum Verständnis meiner weiteren Erzählung unbedingt

erforderlich sind. Hier handelte es sich nicht um Wunder. Nicht um eine

Erwartung von Wundern, die in ihrer Ungeduld leichtfertig gewesen wäre,

handelte es sich dabei. Auch nicht für den Triumph seiner Überzeugung

verlangte Aljoscha Wunder (das war erst recht nicht der Fall) oder etwa

für den Sieg einer vorgefaßten Idee über eine andere, – o nein, auch das

war es nicht. Nein, über allem anderen und an erster Stelle stand für

ihn die Person, nur die Person seines geliebten Staretz, die Person des

Gerechten, die er mit solcher Vergötterung liebte und ehrte. Das war es

gerade, daß die ganze Liebe, die sein junges und reines Herz zu „Jedem

und Allem“ während des ganzen vergangenen Jahres gehegt, sich fast nur

auf diesen einen Menschen bezogen hatte, auf seinen entschlafenen und

über alles geliebten Staretz. Dieses Wesen hatte so lange als

unbestreitbares Ideal vor ihm gestanden, daß alle seine jungen Kräfte

und alle seine Bestrebungen sich ausschließlich nur diesem Ideal

zuwandten und er in manchen Minuten sogar „Alles und Jedes“ vergaß.

Später erinnerte er sich noch, daß er an diesem schweren Tage selbst

seinen Bruder Dmitrij, um den er sich noch am Abend vorher so gesorgt,

ganz vergessen hatte; und so vergaß er auch, dem Vater Iljuschas die

zweihundert Rubel zu überbringen, wie er es noch am Abend vorher

begeistert beschlossen hatte. Und nicht um Wunder war es ihm zu tun,

sondern nur um „die höhere Gerechtigkeit“, die seinem Glauben nach

verletzt worden war. Ja, das war es, was so grausam sein Herz verwundet

hatte. Und was war denn dabei so wunderlich, daß diese „Gerechtigkeit“

in ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, zur Erwartung eines Wunders

wurde, das unverzüglich von dem irdischen Staube seines vergötterten

Staretz ausgehen werde? Das erwarteten doch alle im Kloster, selbst die,

vor deren großem Verstande Aljoscha sich beugte, wie zum Beispiel Pater

Paissij. Und so war es denn auch mit Aljoscha: ohne weiter durch

irgendwelche Zweifel beunruhigt zu werden, nahmen seine Erwartungen

dieselbe Form an, die die Erwartungen aller anderen hatten. Und lange

schon hatte sich diese Erwartung in seinem Herzen zur vollen Überzeugung

entwickelt, – lebte er doch schon ein ganzes Jahr lang im Kloster, in

der unmittelbaren Nähe des Staretz. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit

erwartete er und nicht Wunder! Und siehe da – der, welcher nach seiner

Zuversicht von allen auf der Welt am meisten erhöht werden sollte,

derselbe erntete jetzt, statt ihm gebührender Ehre, nur Schmach und

Spott! Warum? Wer hatte gerichtet? Wer konnte so richten? – Das waren

die Fragen, die sein unerfahrenes und naives Herz quälten. Er konnte es

nicht, ohne gekränkt zu sein, und nicht ohne Erbitterung ertragen, daß

der Gerechteste aller Gerechten der lächerlichen und boshaften

Verspottung durch eine so leichtfertige und weit unter ihm stehende

Menge preisgegeben war. Nun, und mögen sich auch keine Wunder ereignen,

möge das Erwartete sich auch nicht gleich verwirklichen – aber warum

diese Unehre, dieser Schimpf, warum diese sofortige Verwesung, „die der

Natur sogar zuvorgekommen ist,“ wie die boshaften Mönche sagten? Warum

dieser „Fingerzeig Gottes“, auf den sie zusammen mit Pater Ferapont im

Triumph hinwiesen, und warum glaubten sie, daß sie das Recht hätten, so

zu urteilen? Wo blieb denn die Vorsehung und ihr Fingerzeig? Warum hält

sie sich „im notwendigsten Augenblick“ verborgen, geradezu als wenn sie

sich selbst den blinden und tauben und unbarmherzigen Naturgesetzen

unterordnen wollte, dachte Aljoscha.

Das war es, warum sein Herz blutete, und wie ich schon sagte, handelte

es sich für ihn zuerst um den über alles geliebten Menschen, um die

Person des Staretz, die jetzt beschimpft und entehrt worden war! Mag

dieser Kummer meines Jünglings leichtfertig und unverständig gewesen

sein, doch wiederhole ich zum drittenmal: Ich bin froh, daß er in solch

einer Minute nicht zu verständig war, denn der Verstand kommt schon mit

der Zeit bei jedem nicht gar zu dummen Menschen; doch wenn in einer so

außergewöhnlichen Minute im Herzen eines Jünglings sich keine Liebe

erweist, wann soll sie dann kommen? Bei der Gelegenheit will ich noch

eine sonderbare Erscheinung nicht verschweigen, die an diesem für

Aljoscha verhängnisvollen und verwirrenden Tage in seinem Kopfe

auftauchte. Dieses neue, sich kundgebende _Etwas_ bestand in einigen

quälenden Eindrücken, die in der Erinnerung an sein gestriges Gespräch

mit Iwan in ihm auftauchten. Und das noch gerade jetzt! Oh, nicht daß

sie die Grundlagen seines Glaubens in seiner Seele wanken gemacht

hätten! Er liebte seinen Gott und glaubte unerschütterlich an ihn, wenn

er sich auch jetzt gegen seinen Urteilsspruch aufgelehnt hatte. Doch

immerhin war in seiner Seele eine trübe und quälende Erinnerung an das

Gespräch mit seinem Bruder zurückgeblieben, und plötzlich stieg sie

wieder in seiner Seele auf und nahm ihn allmählich mehr und mehr

gefangen.

Als es zu dämmern begann, bemerkte Rakitin, der durch das Wäldchen der

Einsiedelei auf das Kloster zuging, Aljoscha unter einem Baum liegend:

er lag mit dem Gesicht zur Erde, unbeweglich und wie schlafend. Rakitin

trat zu ihm und rief ihn an.

„Du hier, Alexei? Ja, ist es denn mit dir ...“ rief er verwundert aus,

doch stockte er mitten im Satz.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 22 / 40 题