Abende miteinander. Ich vernachlässigte sogar die Gesellschaft und
erschien nur mehr selten in ihr, zumal es auch aufhörte, Mode zu sein,
sich mit mir zu beschäftigen. Ich sage das nicht, um damit die
Gesellschaft zu verurteilen, denn man fuhr fort, mich zu lieben und
gegen mich freundlich zu sein, doch muß man nicht vergessen, wie sehr
die Mode die Gesellschaft beherrscht. An meinem geheimnisvollen Gast
aber hing ich schließlich mit Begeisterung, denn abgesehen von den
Genüssen, die mir die Unterhaltung mit ihm bereitete, fühlte ich, daß er
sich mit irgendeinem Gedanken trug und sich vielleicht zu irgendeiner
großen Tat vorbereitete – vielleicht gefiel es ihm, daß ich äußerlich
für sein Geheimnis keine Neugier bekundete, weder direkt noch indirekt
ihn danach fragte. Aber es schien mir, daß ihn selbst immer mehr und
mehr der Wunsch quälte, mir etwas anzuvertrauen. Es war schon ein ganzer
Monat vergangen, seitdem er mich besuchte: „Wissen Sie auch,“ fragte er
mich da, „daß man viel über uns in der Stadt spricht und sich darüber
wundert, daß ich Sie so oft besuche? Aber mögen sie, bald wird sich doch
alles offenbaren.“ Zuweilen überfiel ihn plötzlich eine außerordentliche
Aufregung, und dann stand er jedesmal auf und ging fort. Zuweilen
wiederum sah er mich lange und durchdringend an, und ich dachte schon:
„Jetzt wird er gleich etwas sagen –“ und plötzlich ging er dann auf
etwas ganz Gleichgültiges und Alltägliches über. Oft beklagte er sich
auch über Kopfschmerzen. Und einmal, ganz unerwartet kam es: als er
lange begeistert über etwas gesprochen hatte, erbleichte er plötzlich,
sein Gesicht verzerrte sich, und er starrte mich an.
„Was haben Sie,“ fragte ich erschrocken, „ist Ihnen schlecht?“ Er hatte
sich kurz vorher wieder über Kopfweh beklagt.
„Ich ... wissen Sie ... ich ... habe einen Menschen ermordet.“
Er sprach es aus und lächelte, selbst aber war er weiß wie Kreide. Warum
lächelt er? fuhr es mir durchs Herz, ohne das Gehörte noch ganz
begriffen zu haben. Und ich fühlte, wie auch ich erbleichte.
„Was sagen Sie da?“ rief ich ihm zu.
„Sehen Sie,“ antwortete er mir mit einem schwachen Lächeln, „wie schwer
mir wurde, das erste Wort zu sagen. Jetzt habe ich es getan und damit
den Weg betreten. Und nun möge es kommen!“
Lange wollte ich ihm nicht glauben, und nicht mit einem Male konnte ich
ihm alles glauben. Erst als er drei Tage nacheinander bei mir gewesen
war und mir alle Einzelheiten mitgeteilt hatte, glaubte ich es. Ich
hielt ihn für wahnsinnig, aber schließlich mußte ich mich doch von der
Tat überzeugen lassen, wenn auch mit großer Verwunderung und großem
Schmerz. Er hatte vor vierzehn Jahren ein furchtbares Verbrechen
begangen an einer jungen und schönen Frau, der Witwe eines
Gutsbesitzers, die in unserer Stadt ein eigenes Haus besaß, in das sie
gelegentlich einkehrte. Er fühlte zu ihr eine große unbezwingliche
Liebe, gestand ihr diese Liebe und wollte sie bereden, ihn zu heiraten.
Aber ihr Herz gehörte schon einem anderen, einem hohen und angesehenen
Offizier, der damals im Felde stand, und dessen baldige Ankunft sie
erwartete. Sie schlug daher seinen Antrag ab und bat ihn, sie nicht mehr
zu besuchen. Da war er, der alle Zimmer ihres Hauses gut kannte, in der
Nacht vom Garten aus und über das Dach, mit unerhörter Kaltblütigkeit
und alles aufs Spiel setzend, zu ihr eingedrungen. Ein so
außergewöhnliches Unternehmen, mit der größten Kaltblütigkeit
ausgeführt, gelingt ja fast immer. Durch das Dachfenster war er auf den
Boden des Hauses gelangt und über eine kleine Bodentreppe zu ihr in die
Wohnzimmer gedrungen: er hatte einmal bemerkt, daß die Tür dieser
kleinen Treppe durch die Nachlässigkeit der Dienstboten unverschlossen
geblieben war. Er hoffte auf diesen Zufall, und siehe da, es war so. Er
schlich sich durch die Wohnzimmer bis in ihr Schlafgemach, wo das
Lämpchen vor dem Heiligenbilde brannte. Und als ob es beabsichtigt
gewesen wäre, waren beide Stubenmädchen ohne Erlaubnis zu einem
Namensfeste in der Nachbarschaft fortgeschlichen. Die übrige
Dienerschaft schlief in der Gesindestube und in der Küche, die sich in
der unteren Etage befand. Beim Anblick der Schlafenden entbrannte in ihm
die Leidenschaft, und zu gleicher Zeit wurde sein Herz von einer
rachsüchtigen und eifersüchtigen Wut ergriffen, und wie ein
Besinnungsloser und Trunkener stürzte er sich auf sie und bohrte ihr das
Messer mitten ins Herz, so daß sie nicht einmal aufschreien konnte.
Darauf richtete er es mit der teuflischsten und verbrecherischsten
Berechnung so ein, daß der Verdacht auf die Dienerschaft fallen mußte.
Es widerte ihn nicht an, ihren Geldbeutel zu nehmen, ihre Kommode mit
den Schlüsseln, die er unter ihrem Kopfkissen fand, aufzuschließen und
ihr nur diejenigen Sachen zu entnehmen, die auch ein dummer Diener
genommen hätte, das heißt, die Wertpapiere ließ er liegen und nahm nur
das bare Geld, nahm einige schwer goldene Sachen, die anderen aber, die
zehnmal wertvolleren doch kleineren Schmuckgegenstände nahm er nicht.
Darauf nahm er sich noch etwas zum Andenken, aber davon später. Nachdem
das geschehen war, hatte er das Haus auf demselben Wege verlassen. Weder
am folgenden Tage, als sich die Nachricht vom Morde verbreitete, noch
jemals später, war es jemandem in den Sinn gekommen, den wirklichen
Mörder zu verdächtigen! Auch von seiner Liebe zu ihr wußte niemand, denn
er war immer verschlossen und wortkarg gewesen, und einen Freund, dem er
die Tat hätte mitteilen können, besaß er nicht. Man zählte ihn einfach
zu den Bekannten und nicht einmal zu den nahen Vertrauten der
Ermordeten, denn er hatte sie in den letzten Wochen gar nicht besucht.
Man verdächtigte vielmehr sofort ihren leibeigenen Diener Pjotr, und
alle Umstände schienen diesen Verdacht zu bestätigen. Der Diener hatte
gewußt, und die Verstorbene hatte es ihm nicht verheimlicht, daß sie
auch ihn unter der Anzahl Rekruten, die sie von ihren Leibeigenen zu
stellen hatte, in den Militärdienst zu schicken beabsichtigte. Zudem war
er unverheiratet und ein schlechter Charakter. Man hatte gehört, wie er
aus Wut und angetrunken in einer Kneipe gedroht hatte, sie zu
erschlagen. Zwei Tage vor ihrem Tode war er entlaufen und hatte sich in
der Stadt herumgetrieben. Am anderen Tage nach dem Morde fand man ihn
auf der Landstraße vor der Stadt steif betrunken liegen, mit dem Messer
in der Tasche, und dazu war noch seine rechte Handfläche mit Blut
befleckt. Er versicherte, daß er Nasenbluten gehabt hätte, aber man
glaubte es ihm nicht. Die Mägde gestanden ihre Schuld ein, daß sie auf
dem Feste gewesen wären, und daß die Treppentür bis zu ihrer Rückkehr
unverschlossen geblieben sei. Und eine Menge ähnlicher Anzeichen ergaben
sich noch, so daß man daraufhin den unschuldigen Diener hinter Schloß
und Riegel brachte. Doch siehe, schon nach einer Woche erkrankte er an
einem Nervenfieber und starb besinnungslos im Krankenhause. Und damit
endete die Sache. Man ergab sich dem Willen Gottes, und alle, das
Gericht wie die Obrigkeit, waren fest überzeugt, daß den Mord niemand
anders als der verstorbene Diener vollführt hätte – der aber war dem
Gericht Gottes überliefert worden!
Der geheimnisvolle Gast, der damals schon mein Freund geworden war,
sagte mir, daß er zu Anfang gar keine Gewissensbisse empfunden hätte.
Wohl litt er sehr, aber nur, weil er das geliebte Weib ermordet hatte,
weil sie jetzt nicht mehr lebte, weil er, indem er sie getötet, auch
seine Liebe getötet hatte, während die Leidenschaft in seinem Blut noch
fortbrannte. An das unschuldig vergossene Blut, an den Mord habe er
damals gar nicht gedacht. Der Gedanke, daß sein Opfer die Gattin eines
anderen hätte werden können, schien ihm so unmöglich, und daher war er
vor seinem Gewissen vollständig überzeugt, daß er anders gar nicht hätte
handeln können. Am Anfang quälte ihn ein wenig die Gefangennahme des
Dieners, aber dessen Krankheit und Tod beruhigten ihn wieder. Glaubte er
doch, daß dieser Tod nicht etwa durch den Schreck oder die Angst erfolgt
war, sondern infolge einer Erkältung, die er sich an den Tagen, als er
betrunken die ganze Nacht über auf feuchter Erde gelegen, zugezogen
hatte. Die gestohlenen Sachen und das Geld beunruhigten ihn gleichfalls
nicht, denn den Diebstahl hatte er ja nur zur Ablenkung des Verdachts
vollführt. Die gestohlene Summe war unbedeutend, und bald darauf
gab er diese Summe und noch viel mehr zur Errichtung einer
Wohltätigkeitsanstalt in unserer Stadt. Das hatte er alles nur getan, um
sein Gewissen über den Diebstahl zu beruhigen – und bemerkenswert ist,
daß dies tatsächlich ihn auf lange Zeit beruhigte: wenigstens beteuerte
er es mir. Er selbst stürzte sich damals in eine große geschäftliche
Tätigkeit, übernahm schwierige und mühevolle Aufträge, die ihn zwei
Jahre lang ganz in Anspruch nahmen, und da er einen starken Charakter
hatte, so vergaß er das Vorgefallene ganz; wenn es ihm aber einfiel, so
bemühte er sich einfach, nicht daran zu denken. Er tat viel für die
Armen, und für unsere Stadt. Auch in den Residenzen, Moskau und
Petersburg, zeichnete er sich durch seine Wohltätigkeit aus und wurde
daher zum Vorstand von Wohltätigkeitsvereinen gewählt. Aber schließlich
erlag er doch den vielen Qualen, die fast über seine Kräfte gingen. Da
gefiel ihm ein reizendes und kluges Mädchen, und er heiratete sie bald
darauf in der Hoffnung, daß das Eheleben ihn seine Qual vergessen machen
werde, und daß auf diesem neuen Wege, in eifriger Pflichterfüllung gegen
seine Frau und seine Kinder, seine alten Erinnerungen verblassen würden.
Aber gerade das Gegenteil seiner Erwartungen traf ein. Schon im ersten
Monat seiner Ehe quälte ihn ununterbrochen der Gedanke: „Meine Frau
liebt mich – wenn sie es aber wüßte!“ – Als sie sich zum erstenmal guter
Hoffnung fühlte und es ihm mitteilte, da wurde alles in ihm aufgewühlt:
„Einem Kinde habe ich das Leben gegeben, und einem anderen Menschen habe
ich es genommen.“ Es kamen die Kinder: „Wie wage ich es, sie zu lieben,
sie zu erziehen und sie zu belehren, wie kann ich ihnen von Tugend
reden: ich, der ich doch Blut vergossen habe.“ Die Kinder wuchsen
prächtig heran, er wollte sie liebkosen, aber – „ich konnte nicht in
ihre hellen unschuldigen Augen sehen, ich war dessen nicht würdig.“ So
quälte ihn grausam und bitter das Blut des unschuldig erschlagenen
Opfers, das vernichtete, junge Leben. Ihr Blut schrie nach Rache.
Schreckliche Träume verfolgten ihn. Aber sein starkes Herz ertrug
standhaft die Qualen. „Ich sühne vielleicht meine Schuld durch meine
geheimen Qualen.“ Aber auch diese Hoffnung war vergebens: je länger,
desto qualvoller wurden seine Leiden. In der Gesellschaft wurde er wegen
seines wohltätigen Wirkens hoch geehrt, obgleich ihn alle wegen seines
strengen und düsteren Charakters fürchteten. Je mehr sie ihn jedoch
achteten, desto unerträglicher wurde es ihm. Er gestand mir, daß er sich
habe töten wollen. Doch gleichzeitig tauchte in ihm eine Idee auf, eine
Idee, die er zuerst für unmöglich und wahnsinnig hielt, die sich aber
zuletzt so in seinem Herzen festsetzte, daß er sich von ihr nicht mehr
losreißen konnte. Er gedachte plötzlich hinauszugehen und vor allem Volk
zu erklären, daß er einen Menschen ermordet habe. Drei Jahre lang trug
er sich mit dieser Idee, in den verschiedensten Arten tauchte sie in ihm
auf. Schließlich wurde es bei ihm zur festen Überzeugung, daß seine
Seele erst dann, wenn er sein Verbrechen eingestanden haben würde,
Heilung und auf immer Ruhe finden werde. Trotz dieser Überzeugung aber
empfand er in seiner Seele einen Schrecken bei der Frage, wie das
Geständnis auszuführen sei? Da ereignete sich zufällig meine
Duellgeschichte. „Dank Ihrem Beispiel,“ sagte er, „habe ich mich jetzt
dazu entschlossen.“
Ich blickte ihn an.
„Ist es möglich?“ sagte ich fast erschrocken und schlug die Hände
zusammen, „dieser geringe Vorfall hätte Sie zu solch einem Entschluß
gebracht?“
„Meinen Entschluß trage ich bereits seit drei Jahren mit mir herum,“
antwortete er mir. „Ihre Tat hat ihm den letzten Anstoß gegeben.
Angesichts Ihres Beispiels habe ich mir schon bittere Vorwürfe gemacht,
ich habe Sie beneidet,“ sagte er zu mir, und seine Stimme klang hart.
„Man wird Ihnen nicht glauben,“ bemerkte ich, „vierzehn Jahre sind
seitdem vergangen.“
„Ich habe Beweise, schlagende Beweise. Ich werde sie vorweisen.“
Ich brach in Tränen aus und küßte ihn.
„Über eines entscheiden Sie nur, über eines!“ rief er (ganz als ob jetzt
alles nur von mir abhing): „Meine Frau, meine Kinder! Meine Frau stirbt
vielleicht vor Kummer, und die Kinder, wenn sie auch den Adel und das
Vermögen nicht verlieren, so bleiben sie doch auf ewig die Kinder eines
gestempelten Sträflings. Und das Andenken, welch ein Andenken
hinterlasse ich in ihren Herzen?“
Ich schwieg.
„Und sich von ihnen trennen, sie auf immer verlassen? Auf immer, auf
immer!“
Ich saß da und wußte keine Antwort. Ich murmelte nur ein Gebet vor mich
hin.
„Was sagen Sie?“ Er sah mich fragend an.
„Gehen Sie,“ antwortete ich, „und sagen Sie es den Leuten. Alles
vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt bestehen. Ihre Kinder werden
heranwachsen und begreifen, wieviel Hochherzigkeit in Ihrem großen
Entschlusse gelegen hat.“
Er verließ mich damals, scheinbar ganz entschlossen. Aber länger als
zwei Wochen kam er dann wieder jeden Abend zu mir, und immer noch konnte
er sich nicht dazu entschließen. Das ermüdete mein Herz. Eines Abends
aber kam er und sagte:
„Ich weiß –, daß für mich sofort das Paradies anbrechen wird, sobald ich
es gestanden habe. Vierzehn Jahre habe ich in der Hölle gelebt. Ich will
das enden. Ich will das Leiden jetzt freiwillig auf mich nehmen und
anfangen zu leben. Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der
Welt, eine Rückkehr gibt es aber nicht mehr. Jetzt wage ich weder meinen
Nächsten, noch selbst meine Kinder zu lieben. Mein Gott, vielleicht
werden die Kinder einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat,
und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Macht, sondern in der
Wahrheit.“
„Alle werden Ihre Tat begreifen,“ sagte ich zu ihm, „wenn nicht sofort,
so doch später, denn Sie haben dann der Wahrheit gedient, der höheren
Wahrheit, nicht der irdischen ...“
Und wieder ging er fort, als ob er sich darüber beruhigt hätte, und doch
kam er am nächsten Tage bleich und erbittert wieder und sagte spöttisch:
„Jedesmal, wenn ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich fragend an: ‚Also
wieder nicht?‘ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Nicht so
leicht ist es, wie es Ihnen scheint. Ich werde es vielleicht überhaupt
nicht tun. Sie werden mich doch nicht anzeigen, wie?“
Ich aber, oh, nicht, daß ich gewagt hätte, ihn fragend anzusehen, – ich
wagte überhaupt nicht, ihn anzusehen! Ich war bis zur Erschöpfung
gequält, und meine Seele war voller Tränen. Die Nächte verbrachte ich
schlaflos.
„Ich komme soeben,“ fuhr er fort, „von meiner Frau. Begreifen Sie das,
was einem eine Frau ist? Als ich fortging, riefen die Kinder mir nach:
‚Adieu, Papa, komme bald wieder, wir wollen dann zusammen unsere
Kinderbücher lesen.‘ Nein, das verstehen Sie nicht! Fremdes Leid macht
nicht gescheit.“
Seine Augen blitzten, seine Lippen zitterten. Plötzlich schlug er mit
der Faust auf den Tisch, daß alle Sachen darauf klirrten, – diese
Heftigkeit sah ich an ihm zum erstenmal.
„Ja, ist es denn nötig?“ schrie er auf, „ist es denn nötig? Niemand ist
doch meinetwegen verurteilt worden, niemand meinetwegen in die
Zwangsarbeit verschickt worden! Der Diener starb an einer Krankheit. Für
das vergossene Blut aber bin ich durch meine eigenen Marter und Qualen
übergenug gestraft worden. Und man wird es mir ja überhaupt nicht
glauben, trotz aller Beweise! Ist es denn nötig, daß ich es tue, ist es
denn nötig? Für das vergossene Blut bin ich bereit, mich mein ganzes
Leben lang zu quälen, wenn ich nur meine Frau und meine Kinder nicht
vernichte. Ist es denn gerecht, sie zu zerschmettern? Irren wir uns da
nicht? Wo ist denn da die Wahrheit? Und werden die Menschen diese
Wahrheit verstehen und anerkennen, sie schätzen und ehren?“
„Großer Gott!“ dachte ich bei mir, „an die Achtung der Menschen denkt er
in solch einer Minute!“ So leid tat er mir damals, daß ich wohl sein Los
hätte teilen mögen, um es ihm zu erleichtern. Ich sah, daß er wie rasend
war, und ich erschrak, als ich nicht nur mit dem Verstande allein
begriff, sondern auch mit ganzer Seele fühlte, was solch ein Entschluß
kostet.
„Entscheiden Sie über mein Geschick!“ sagte er plötzlich zu mir.
„Gehen Sie hin und gestehen Sie,“ flüsterte ich ihm zu. Meine Stimme
versagte mir fast, doch flüsterte ich es ihm mit Bestimmtheit zu. Ich
nahm vom Tisch das Evangelium in russischer Übersetzung und zeigte ihm
Johannes, Kapitel XII, Vers 24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn
das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein,
stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.“ Diesen Vers hatte ich kurz
vor seinem Eintritt gelesen.
Er las ihn: „Das ist wahr,“ sagte er, aber er lächelte bitter. „Ja,“
sagte er, nachdem er lange geschwiegen hatte, „es ist unheimlich, was
man in diesem Buche findet. Es ist aber leicht, diese Sprüche anderen
vorzulesen. Und wer hat das geschrieben, doch nicht etwa Menschen?“
„Der Heilige Geist,“ sagte ich.
„Sie haben gut reden,“ sagte er und lächelte haßerfüllt. Ich nahm wieder
das Buch, schlug es an einer anderen Stelle auf und zeigte ihm Ebräer,
Kapitel X, Vers 31. Er las:
„Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“
Er las es und schleuderte das Buch von sich. Er zitterte am ganzen
Körper.
„Ein schrecklicher Vers,“ sagte er. „Wahrlich, Sie haben ihn gut
ausgesucht!“ Er erhob sich vom Stuhl: „Nun,“ sagte er, „leben Sie wohl,
vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen – im Paradiese werden
wir uns wiedersehen. Schon vierzehn Jahre sind es also, daß ich in die
Hände des lebendigen Gottes gefallen bin, das kann ich wahrlich von
diesen vierzehn Jahren sagen! Morgen werde ich diese Hände bitten, daß
sie mich freigeben.“
Ich wollte ihn umarmen und küssen, aber ich wagte es nicht, so verzerrt
war sein Gesicht; es wurde mir schwer, ihn anzusehen. Er ging hinaus.
„Mein Gott,“ dachte ich, „wohin geht dieser Mensch!“ Ich warf mich auf
die Knie hin vor das Muttergottesbild und betete. Es verging wohl eine
halbe Stunde, als ich mich endlich mit Tränen in den Augen vom Gebet
erhob; es war schon spät abends, gegen Mitternacht. Plötzlich sah ich,
wie die Tür sich wieder öffnete und er eintrat. Ich war erstaunt.
„Wo sind Sie gewesen?“ fragte ich ihn.
„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen ... mein
Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe,
erlauben Sie mir, mich zu setzen ...“
Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich
setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend
an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich.
„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir
gekommen bin. Hörst du, behalte es!“
Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich.
Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag
darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht
ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage
pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab
es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen,
stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein
Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen
Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den
Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in
alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide
ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“
– damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf
breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise
seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt
hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von
sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse
genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch
und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht
seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen,
aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben
war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an
sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang
aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah
darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand
wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und
Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen
Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch
seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die
Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten:
denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam
man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig
erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser
Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr
Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich
später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der
Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der
Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher
erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei
ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren
zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin
untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte
niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn
ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte
man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es,
der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war,
so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares
Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben
gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen
gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten
sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich
schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade
Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine
Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ
man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu
verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht
nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach,
gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war
freudig und gerührt.
„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu
sprechen, warum kamst du nicht?“
Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte.
„Gott erbarmt sich meiner und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich
sterbe, aber Freude und Friede fühle ich jetzt nach so viel Jahren zum
erstenmal in meinem Herzen. Sofort erschloß sich in meiner Seele das
Paradies, sobald ich’s nur ausgeführt hatte! Jetzt wage ich wieder,
meine Kinder zu lieben und zu liebkosen. Man glaubt mir nicht, weder
meine Frau noch meine Richter. Meine Kinder werden mir niemals glauben.
Darin sehe ich Gottes Gnade zu meinen Kindern. Ich sterbe und mein Name
bleibt für sie unbefleckt. Und ich fühle schon im voraus den ewigen
Gott, und mein Herz freut sich wie im Paradiese ... Ich habe meine
Schuldigkeit getan ...“
Er konnte nicht weiter sprechen, er atmete schwer, heiß drückte er mir
die Hand, und mit glänzenden Augen sah er mich an. Doch lange konnten
wir nicht zusammen bleiben; seine Frau kam immer wieder ins Zimmer, um
nach uns zu sehen. Doch konnte er mir noch zuflüstern:
„Erinnerst du dich, wie ich das letztemal zu dir kam, um Mitternacht?
Ich befahl dir, das zu behalten. Weißt du, warum ich wieder bei dir
eintrat? Ich wollte dich erschlagen!“
Ich schrak zusammen.
„Ich kam – damals – von dir. In der Dunkelheit wanderte ich durch die
Straßen und kämpfte mit mir. Und plötzlich haßte ich dich so sehr, daß
mein Herz es kaum ertragen konnte. ‚Jetzt,‘ dachte ich, ‚ist er der
einzige, der es weiß und mein Richter ist, und jetzt kann ich gar nicht
mehr meiner Strafe entgehen.‘ Nicht, daß ich fürchtete, du würdest mich
verraten, daran habe ich mit keinem Gedanken gedacht, aber ich sagte
mir: ‚Wie werde ich ihm noch in die Augen sehen können, wenn ich es
nicht morgen tue?‘ Und wenn du auch am Ende der Welt wärest, es wäre mir
einerlei, so lebtest du doch, und der Gedanke, daß du lebst und alles
weißt und mich verurteilst, dieser Gedanke wäre mir unerträglich
gewesen. Ich haßte dich, als wärest du der Grund zu allem, und als
wärest du an allem schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, denn ich
wußte, auf deinem Tisch lag dein Dolch. Ich setzte mich und bat dich,
dich gleichfalls zu setzen, und ich überlegte es mir noch eine Minute
lang. Wenn ich dich aber getötet hätte, so wäre ich dieses Mordes wegen
zugrunde gegangen, selbst wenn ich von meinem früheren Verbrechen nichts
gesagt hätte. Doch daran dachte ich nicht und wollte ich auch in dieser
Minute nicht denken. Ich haßte dich und wollte mich für alles an dir
rächen. Aber Gott besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß
du dem Tode nie näher gewesen bist.“
Nach einer Woche starb er. Seinem Sarge folgte die ganze Stadt. Der
Oberpriester hielt eine gefühlvolle Rede. Nach seinem Tode aber wandte
sich die ganze Stadt gegen mich, man trieb es sogar so weit, daß man
mich nicht mehr empfing. Einige wiederum, und zuerst waren es eben nur
einige, später aber wurden es mehr und mehr, fingen an, seinen Aussagen
zu glauben; sie kamen zu mir und fragten mich mit großer Neugier und
Freude: der Mensch freut sich doch so über den Fall des Gerechten und
dessen Schande. Ich aber schwieg und verließ bald darauf die Stadt. Nach
fünf Monaten fand mich Gott für würdig, den einzigen festen und
wunderbaren Weg zu betreten, und ich segnete den Fingerzeig, der mich
auf diesen Weg gewiesen hatte. Doch seiner gedenke ich fortwährend, und
ich schließe ihn bis auf den heutigen Tag in meine Gebete ein.
III.
Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima
e) Einiges über den russischen Mönch und seine Bedeutung
Meine Väter und Lehrer, was ist ein Mönch? In unseren Tagen wird das
Wort in der aufgeklärten Welt von einigen mit Spott, von anderen sogar
als Schimpfwort gebraucht. Und leider, es ist nur zu wahr, es gibt unter
den Mönchen viele Müßiggänger, Tagediebe, Wollüstlinge und gewöhnliche
Landstreicher. Auf diese weisen die gebildeten weltlichen Leute hin:
„Ihr seid Faulenzer und unnütze Glieder der Gesellschaft,“ sagen sie,
„ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!“ Indessen gibt
es doch so viele unter den Mönchen, die fromm und demütig sind, die die
Einsamkeit suchen, und die nach Stille und Gebet verlangt. Auf diese
weist man nicht hin, sondern übergeht sie mit Schweigen. Wie sehr aber
werden sie sich wundern, wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser
Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung
Rußlands ausgehen wird. Denn in Wahrheit werden sie sich in der Stille
vorbereitet haben „auf den Tag und die Stunde, auf den Monat und auf das
Jahr“. Das Vorbild Christi bewahren sie herrlich und unverfälscht in
seiner göttlichen Reinheit und Wahrheit dort in ihrer Einsamkeit auf, so
wie es uns von unseren alten Kirchenvätern, Aposteln und Märtyrern
überliefert worden ist, und wenn es nötig werden wird, so werden sie es
der weltlichen, zusammenstürzenden Wahrheit entgegenstellen. Das ist ein
großer Gedanke. Im Osten wird dieses Licht aufgehen.
So denke ich über den Mönch, und sollte das wirklich falsch, sollte das
wirklich anmaßend sein? Seht auf die Weltlichen und auf alle, die sich
über das Gottesvolk erheben, ist in ihnen nicht die Wahrheit Gottes
verloren gegangen? Sie haben die Wissenschaft und in der Wissenschaft
nur das, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt, die höhere
erhabenere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig geleugnet
und wird mit einer gewissen Genugtuung und sogar mit Haß ganz und gar
abgeschafft. Besonders in letzterer Zeit hat die Welt die Freiheit
proklamiert, aber was sehen wir in ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei
und Selbstmord! Denn die Welt sagt: „Hast du Bedürfnisse, so befriedige
sie, denn du hast dieselben Rechte wie die Reichen und Vornehmen.
Fürchte dich nicht, sie zu befriedigen, sondern vermehre und steigere
sie noch.“ Das ist die gegenwärtige Lehre der Welt. Darin sieht man
jetzt die Freiheit. Und was ergibt sich aus diesem Recht auf die
Vergrößerung der Bedürfnisse? Bei den Reichen die Isolierung und der
geistige und seelische Selbstmord. Bei den Armen dagegen – Haß und
Totschlag, denn die Ansprüche wurden ihnen allerdings gegeben, doch die
Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse wurden ihnen nicht angewiesen.
Man versichert, daß die Welt sich immer mehr vereinheitlichen und zu
einer brüderlichen Gemeinschaft ausbilden werde dadurch, daß die
Entfernung jetzt abgekürzt ist und der Gedanke durch die Luft vermittelt
wird. Oh, glaubt nicht an diese Einheit der Menschen! Wenn man die
Freiheit als Unbeschränktheit und schnelle Befriedigung seiner Wünsche
auffaßt, so verdirbt man seine Natur, denn man ruft in sich eine Menge
sinnloser und dummer Wünsche und Gewohnheiten hervor, und die
alleralbernsten Einfälle. Man lebt nur, um sich gegenseitig zu beneiden,
zur Befriedigung der Wollust und des Hochmuts. Diners, Ausfahrten,
Equipagen, Auszeichnungen, Sklaven, Diener, Untergebene zu haben, wird
zu einem so unumgänglichen Bedürfnis, daß man sogar sein Leben, seine
Ehre, seine Menschenliebe opfert, nur um dieses Bedürfnis zu
befriedigen, und man nimmt sich womöglich das Leben, wenn man das nicht
mehr tun kann. Auch bei denjenigen, die nicht reich sind, sieht man
dasselbe. Die Armen aber betäuben ihre unbefriedigten Wünsche und ihren
Neid mit Branntwein. Es wird aber noch dahin kommen, daß diese sich,
statt an Branntwein, an Blut betrinken werden. Jetzt frage ich euch: Ist
denn solch ein Mensch frei? Ich kannte einen „Kämpfer für die Idee“, der
mir selbst erzählte, daß er, als man ihm im Gefängnis den Tabak entzog,
dermaßen durch diese Entbehrung gequält worden sei, daß er, wenn er
gekonnt hätte, hingegangen wäre, um seine Idee „für Tabak“ zu verkaufen.
Solch einer also „geht für die Menschheit kämpfen“. Wie weit geht er
damit, und wozu ist er fähig? Vielleicht noch zu einer raschen Tat, denn
Ausdauer wird er nie haben. Und ist das nicht merkwürdig, wie sie, statt
in Freiheit zu kommen, in Sklaverei verfallen, und statt der Bruderliebe
und der Einigung der Menschheit zu dienen, geraten sie im Gegenteil nur,
wie in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast dies schon behauptete, in
Vereinsamung und Isolierung. Daher stirbt in der Welt das Bewußtsein,
daß man im Dienste der Menschheit steht, vollständig aus. Der
Vorstellung von Brüderlichkeit und innerer Zusammengehörigkeit der
Menschen begegnet man in Wahrheit nur mit Spott, denn wie sollen sie von
ihren Gewohnheiten lassen? Wohin will so ein Unfreier mit all seinen
unzähligen Bedürfnissen, die er sich selbst ausgedacht hat? Nur in die
Isolierung führt es ihn! Und was hat er mit dem Ganzen zu schaffen?
Erreicht haben sie damit nichts anderes, als daß sie an Besitz wohl
reicher, an Freude aber ärmer geworden sind.
Etwas anderes ist es mit der Laufbahn des Mönches. Über den Gehorsam,
über Fasten und Gebet lacht man, während gerade in ihnen der Weg zur
wirklichen und wahrhaften Freiheit zu finden ist. Ich vernichte in mir
die überflüssigen und unnötigen Bedürfnisse, meinen selbstherrlichen und
stolzen Willen geißle ich und bezwinge ich durch Gehorsam, und erreiche
mit Gottes Hilfe die Freiheit des Geistes und mit ihr die
Geistesfreudigkeit! Wer von ihnen wird fähiger sein, einer großen Idee
zu dienen – der isolierte Reiche oder der von jeglicher Tyrannei seiner
Gewohnheiten und seines Besitzes Befreite? Dem Mönche macht man seine
Vereinsamung zum Vorwurf: „Du rettest dich in das Kloster, vergißt aber
dabei, brüderlich deinem Mitmenschen zu dienen.“ Sehen wir doch zu, wer
mehr Bruderliebe betätigt. Die Isolierung ist nicht bei uns, sondern bei
ihnen, nur sehen sie das nicht ein. Von uns aber sind (und das schon von
alters her) diejenigen gekommen, die für das Volk gewirkt haben, warum
sollte es auch jetzt nicht solche unter uns geben? Unsere demütigen
Faster und großen Schweiger werden sich erheben und große Taten
vollführen. Vom Volke wird Rußlands Rettung kommen. Das russische
Kloster war von jeher mit dem Volke. Wenn das Volk abgesondert lebt, so
leben auch wir in der Absonderung. Das Volk glaubt auf unsere Weise, und
eine ungläubige Kraft, sei sie noch so aufrichtigen Herzens und genialen
Geistes, kann bei uns in Rußland nichts erreichen. Behaltet das. Das
Volk, wenn es dem Atheisten begegnet, wird ihn bewältigen und wird sich
als einiges rechtgläubiges Rußland gegen ihn aufrichten. Bewahrt das
Volk und bewahrt sein Herz, in der Stille erzieht es. Das wäre die
Aufgabe unseres Mönches, denn sein Volk ist das Gottträger-Volk.
f) Einiges über Herren und Diener: Kann es zwischen Herr und Diener
eine geistige Bruderschaft geben?
Mein Gott, wer kann sagen, daß es im Volke keine Sünde gäbe! Die Flamme
der Vernichtung und des Verderbens vergrößert sich sichtbar und
stündlich. Auch ins Volk dringt die Isolierung: Wucherer und
Freischlucker treten auf, der Händler und Kaufmann will immer mehr
geehrt sein, bemüht sich, den Gebildeten zu spielen, ohne Bildung zu
besitzen, und vernachlässigt darum mit Absicht die alten Volksbräuche
und schämt sich des Glaubens seiner Väter. Er fährt zu Fürsten zum
Besuch und ist dabei doch nichts anderes als ein verdorbener Bauer. Das
Volk hat sich der Trunksucht ergeben: es ist durch sie wie angefault und
kann sich nicht mehr davon losreißen. Wieviel Grausamkeit sehen wir
oftmals im Verhalten des Mannes zu seiner Familie, seiner Frau und sogar
den Kindern gegenüber: alles das kommt von der Trunksucht. In den
Fabriken habe ich neunjährige Kinder gesehen, schwächlich, abgezehrt,
gekrümmt und schon verdorben. Stickige Räume, das Getöse der Maschinen
und den ganzen Gottestag über Arbeit, häßliche, unanständige Reden und
Branntwein, Branntwein! Ist es denn das, was die Seele eines so kleinen
Kindes bedarf? Es hat Sonne nötig und Spiele und in allem ein gutes
Beispiel und Liebe, wenn auch nur ein Tröpfchen Liebe zu ihm. Auf daß es
geschehe, Mönche, auf daß die Quälerei der Kinder aufhöre, erhebt euch
schneller und predigt dagegen. Gott wird Rußland retten, denn wenn das
Volk auch verdorben ist und sich von der Schande und Sünde nicht
losmachen kann, so weiß der Einfache doch, daß Gott seine Sünde
verflucht, und daß er schlecht handelt, wenn er sündigt. So daß unser
Volk trotz allem unerschütterlich an die Wahrheit glaubt, Gott anbetet
und über seine Sünden weint. Nicht so aber ist es bei den Höheren. Die
wollen sich nach der Wissenschaft und nach ihrem eigenen Verstande, doch
vor allem ohne Christus, hier auf Erden einrichten und behaupten daher,
es gäbe kein Verbrechen, es gäbe keine Sünde. Und in ihrer Art haben sie
auch recht: wenn es keinen Gott gibt, wie kann es dann ein Verbrechen
geben? In Europa erhebt sich schon das Volk gegen die Reichen, und ihre
Rädelsführer predigen die Gewalt und das Blutvergießen und behaupten,
daß ihr Zorn ein gerechter sei. Doch verflucht sei ihr Zorn, denn er ist
grausam, d. h. ohne Barmherzigkeit. Rußland aber wird Gott der Herr
erretten, wie er es schon oft errettet hat. Aus dem Volk wird die
Rettung kommen, aus seinem Glauben und seiner Demut. Meine Väter und
Lehrer, bewahret den Glauben des Volkes, denn er ist kein leerer Traum:
mein ganzes Leben lang bin ich von seiner Größe, von seiner herrlichen
und aufrichtigen Würde ergriffen gewesen. Ich habe es selbst gesehen und
habe gestaunt, ich kann es bezeugen trotz der Finsternis und des
ärmlichen und unansehnlichen Aussehens unseres Volkes. Es ist nicht
kriechend trotz seiner zwei Jahrhunderte langen Sklaverei, die es unter
den Tataren durchgemacht hat. Frei ist sein Äußeres und sein Betragen,
frei ist es, ohne einen dabei zu beleidigen. Und nie ist unser Volk
rachsüchtig und nie neidisch. „Du bist bedeutend, bist reich, bist klug
und talentvoll – möge Gott dich segnen. Ich achte dich, doch wisse, daß
auch ich ein Mensch bin. Darin, daß ich dich neidlos achte, darin
besteht meine eigene Menschenwürde vor dir.“ In Wahrheit ist es so, denn
wenn sie sich auch nicht so auszudrücken verstehen, so handeln sie doch
danach, ich selbst habe es gesehen, ich selbst habe es erfahren, und
glaubet mir: je ärmer und niedriger unser russischer Mann ist, um so
eher ist in ihm diese herrliche Wahrhaftigkeit zu finden. Die Reichen
von ihnen, die Wucherer und Schmarotzer, sind auch schon verdorben, und
vieles, vieles ist von unserer Unachtsamkeit und Nachlässigkeit
gekommen. Aber Gott wird seine Kinder erretten, denn groß ist Rußland in
seiner Demut. Ich träume von unserer Zukunft, und schon sehe ich sie
emporsteigen. Und es wird so sein, daß unser verderbtester Reicher sich
seines Reichtums vor dem Armen schämen wird, und der Arme wird seine
Demut verstehen und wird ihm mit Freuden den Vorrang lassen, der ihm
zukommt, und seine edle Scham mit Wohlwollen vergelten. Glaubet mir, so
wird es enden; darauf geht es hinaus. Die Gleichheit besteht in der
menschlichen, geistigen Würde, und das wird man nur bei uns verstehen.
Wenn es Brüder gibt, dann wird es auch eine Brüderschaft geben, früher
aber werden sie nie miteinander teilen. Das Vorbild Christi bewahren
wir, und es wird wieder wie ein kostbares Juwel der ganzen Welt leuchten
... Und also geschehe es!
Meine Väter und Lehrer, ich erlebte einmal etwas sehr Rührendes. Auf
meiner Wanderschaft traf ich in der Gouvernementsstadt K. meinen
früheren Burschen Afanassij, den ich seit der Zeit, ungefähr seit acht
Jahren, als wir auseinander gegangen waren, nicht wieder gesehen hatte.
Er sah mich zufällig in einem Kaufhause, erkannte mich und stürzte auf
mich zu. Mein Gott, wie lief er herbei, und wie freute er sich:
„Väterchen, Herr sind Sie denn das wirklich? Täuschen mich nicht meine
Augen?“ Er führte mich zu sich. Er hatte schon den Dienst verlassen, war
verheiratet und hatte zwei Kinderchen. Er lebte mit seiner Frau von
einem kleinen Kramladen, den sie im Kaufhause besaßen. Das Zimmerchen,
in das er mich führte, war ärmlich, aber sauber und hell. Er nötigte
mich, Platz zu nehmen, stellte den Ssamowar auf, schickte nach seiner
Frau, ganz als ob es für ihn ein Feiertag wäre, daß ich zu ihm gekommen
war. Er führte mir seine Kinder zu: „Segne sie, Väterchen,“ bat er. –
„Kommt es mir einfachem demütigem Menschen denn zu, andere zu segnen,“
antwortete ich ihm, „ich werde zu Gott für sie beten. Auch für dich,
Afanassij Pawlowitsch, bete ich; seit jenem Tage bete ich täglich für
dich zu Gott, denn durch dich ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.“
Und ich erklärte ihm das, so gut ich konnte. Wie war dem Menschen wohl
zumute: er konnte immer noch nicht fassen, daß ich, der ich jetzt vor
ihm in solch einer Gestalt und Kleidung stand, sein früherer Herr und
sein junger Leutnant war. – Er fing sogar zu weinen an. „Warum weinst
du,“ fragte ich ihn, „du unvergeßlicher Mensch, freuen sollte sich deine
Seele über mich, mein Lieber, denn freudig und hell ist mein Weg.“ Viel
sprach er nicht, aber er seufzte und schüttelte wehmütig den Kopf. „Wo
ist denn Ihr Reichtum geblieben?“ Ich antwortete ihm: „Habe ihn dem
Kloster gegeben, wir leben dort alle in Gemeinschaft.“ Nach dem Tee
verabschiedete ich mich von ihnen, und plötzlich brachte er mir fünfzig
Kopeken fürs Kloster, und was sehe ich, andere fünfzig Kopeken steckte
er mir noch heimlich in die Hand und beeilte sich dabei zu sagen: „Das
ist für Sie, den sonderbaren Wanderer, es kommt Ihnen vielleicht
zustatten, Väterchen.“ Ich nahm das Geld, verbeugte mich vor ihm und vor
seiner Frau und ging erfreut davon. Auf dem Wege dachte ich noch: „Jetzt
werden wir beide, er bei sich und ich unterwegs, seufzen und lächeln, in
der Freude des Herzens den Kopf wiegen, daran denkend, wie Gott uns
zusammengeführt hat.“ Seit der Zeit habe ich ihn nicht wieder gesehen.
Ich war sein Herr, er war mein Diener gewesen, nun aber, nachdem wir uns
fromm und in Liebe geküßt hatten, hatte sich in uns die große
Menschenvereinigung vollzogen. Ich habe viel darüber nachgedacht und
jetzt frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, daß diese große
Einigung voll Herzenseinfalt sich einmal überall in unserem Rußland
vollziehen könnte? Ich glaube daran, daß sie sich vollziehen wird, und
daß die Zeit schon vor der Tür steht.
Über die Diener füge ich aber noch folgendes hinzu: Früher in meiner
Jugend ärgerte ich mich viel über sie: die Köchin hatte zu heiß
angerichtet oder der Bursche die Kleider nicht genügend rein gebürstet.
Aber plötzlich leuchtete der Gedanke meines lieben Bruders in mir auf,
den ich in meiner Kindheit oftmals von ihm aussprechen gehört hatte:
„Bin ich wert, daß ein anderer mich bedient, und habe ich das Recht, ihn
wegen seiner Armut und Unwissenheit schlecht zu behandeln?“ Ich war
erstaunt damals, wie die allereinfachsten und klarsten Gedanken uns so
spät in den Sinn kommen. Ohne Diener kann die Welt nicht auskommen, aber
du sollst so handeln, daß dein Diener freier im Geiste ist, als er wäre,
wenn er nicht dein Diener sein würde. Und warum soll ich nicht meinem
Diener ein Diener sein, und zwar so, daß er fühlt, daß ich es ohne
jeglichen Stolz oder Hochmut meinerseits bin – und ohne in ihm Mißtrauen
zu erwecken? Warum soll ich zu meinem Diener nicht sein wie zu einem
Verwandten, und warum soll ich ihn nicht ganz in meine Familie aufnehmen
und mich dessen freuen? Das ist auch jetzt schon ausführbar und würde
zur Grundlage der großen zukünftigen Einigung der Menschen dienen, in
der der Mensch sich keine Diener suchen und nicht mehr wünschen wird,
seinesgleichen sich dienstbar zu machen, wie er jetzt tut, sondern im
Gegenteil, aus allen Kräften wünschen wird, allen ein Diener nach dem
Evangelium zu werden. Und ist das wirklich nur ein Traum, daß der Mensch
schließlich seine Freude in Fortschritten der Erleuchtung und
Mildtätigkeit finden wird und nicht an den grausamen Freuden der
Üppigkeit, Unzucht, Hoffart, Prahlerei und in der Überhebung des einen
über den anderen? Ich glaube fest daran, daß diese Zeit nicht mehr fern
ist. Man wird wohl lachend fragen: wann wird denn diese Zeit kommen, und
wird sie dann auch diesem Traume ähnlich sein? Ich aber denke, daß wir
mit dem Vorbild Christi diese große Tat vollführen werden. Wieviel Ideen
gibt es doch auf der Erde und in der Geschichte der Menschheit, die noch
vor zehn Jahren undenkbar waren, und die doch plötzlich auftauchten, als
für sie die geheimnisvolle Stunde geschlagen hatte, und die sich dann
über die ganze Erde verbreiteten. So wird es auch bei uns sein, unser
Volk wird die Welt erleuchten, und die ganze Welt wird sagen: „Der
Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Und die
Spötter sollte man fragen: Wenn das bei uns nur Träume sein sollen, wie
werdet ihr dann euer Gebäude nur mit eurem Verstande und ohne Christus
aufbauen? An ihre Versicherung, daß auch sie auf ihrem Wege schließlich
zur Einigung der Menschheit gelangen werden, glauben in Wahrheit nur die
Einfältigsten unter ihnen, und über diese Einfältigkeit kann man sich
wirklich nur wundern, denn wahrlich ihre phantastischen Träume bauen
sich auf keiner einzigen Tatsache auf. Sie denken alles ohne Christum
gerecht aufzubauen, aber sie werden damit enden, daß sie die Welt mit
Blut überschwemmen, denn Blut schreit nach Blut, und das Schwert wird
nur durch das Schwert vergehen. Und wenn die Verheißung Christi nicht
wäre, so würden sie sich auf Erden gegenseitig bis auf die zwei letzten
Menschen vertilgen. Auch diese letzten Zwei würden nicht verstehen, sich
in ihrem Stolze zu bändigen, so daß der Letzte den Vorletzten vernichten
würde und zuletzt sich selbst. So würde es geschehen, wenn die Welt
nicht durch die Verheißung Christi um der Frommen und Demütigen willen
erhalten bliebe. Damals nach dem Duell, sprach ich, noch in der
Offiziersuniform, in der Gesellschaft einmal über diese Frage, und ich
erinnere mich, alle waren sie erstaunt über mich: „Was, sollen wir
unsere Dienstboten auf das Sofa setzen und ihnen den Tee reichen?“ Ich
gab ihnen aber zur Antwort: „Warum denn nicht, und wenn es auch nur ein
einziges Mal geschieht?“ Sie lachten darüber. Ihre Frage war
leichtsinnig, und meine Antwort war unklar, aber ich denke, etwas Wahres
war doch in ihr enthalten.
g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung mit anderen Welten
Jüngling, vergiß nicht das Gebet. Jedesmal, wenn dein Gebet aufrichtig
ist, taucht eine neue Empfindung in dir auf und mit ihr ein neuer
Gedanke, den du früher nicht gekannt hast; er wird dich von neuem
stärken, und du wirst begreifen, daß Gebet Erziehung ist. Vergiß auch
nicht, jeden Tag und so oft du nur kannst, also zu beten: „Herr, erbarme
dich aller, die vor dich hintreten.“ Denn in jeder Stunde und in jedem
Augenblick verlassen Tausende von Menschen ihr Leben auf dieser Erde,
und ihre Seelen treten vor Gott – und viele von ihnen scheiden einsam
von dieser Erde, von niemand gekannt, in Kummer und Trauer, daß sich
niemand um sie bekümmert, ja, nicht einmal gewußt hat, ob sie gelebt
haben oder nicht. Und siehe, vom anderen Ende der Welt erhebt sich dein
Gebet zu dem Herrn und bittet um die Seelenruhe des Verlassenen,
obgleich du ihn nicht kanntest und er nicht dich. Wie wird es aber
seiner Seele sein, wenn er in dem Augenblick, da er in Furcht vor Gott
steht, fühlt, daß auch für ihn jemand betet, und daß auf der Erde ein
menschliches Wesen lebt, das auch ihn lieb hat? Ja, und auch Gott wird
milde auf euch beide schauen, denn hast selbst du mit ihm Mitleid, um
wieviel mehr wird er Mitleid haben, der so unendlich viel mildtätiger
und mitleidiger ist als du? Und er wird ihm vielleicht um deinetwillen
vergeben. Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück,
liebet den Menschen auch in seiner Sünde, denn das ist das Ebenbild der
göttlichen Liebe und das Höchste der Liebe. Liebet die ganze Schöpfung
Gottes, das ganze All, wie jedes Sandkörnchen. Jedes Blättchen, jeden
Strahl Gottes liebet. Liebet die Tiere, liebet jegliches Gewächs und
jegliches Ding. Wenn du jedes Ding lieben wirst, so wird sich dir das
Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren. Ist dir dies offenbar
geworden, so wirst du jeden Tag immer mehr und mehr die Wahrheit
erkennen. Und schließlich wirst du die ganze Welt mit allumfassender
Liebe umspannen. Liebet die Tiere, denn Gott hat ihnen den Urgrund des
Denkens und harmlose Freudigkeit verliehen. Stört sie nicht, quält sie
nicht, nehmet ihnen nicht die Freude, handelt dem Gedanken Gottes nicht
zuwider. Der Mensch überhebe sich nicht den Tieren gegenüber, sie sind
sündlos, du aber, Mensch, mit deiner Größe, du versetzest mit deinem
Erscheinen die Erde in Fäulnis und läßt Spuren der Verwesung hinter dir,
und leider tut das fast jeder von uns! Besonders liebet aber die Kinder,
denn sie sind sündlos wie Engel. Sie leben zu unserer Freude, zur
Reinigung unserer Herzen als Hinweis und Beispiel für uns. Wehe dem, der
ein Kind kränkt. Mich lehrte der Pater Anfim die Kinder lieben; er ist
gut und schweigsam. Auf unserer Wanderschaft kaufte er ihnen für die
wenigen Kopeken, die man ihm schenkte, Pfefferkuchen und Zuckerwerk; er
konnte an ihnen nicht vorübergehen, ohne daß sein Herz erbebte. So ist
der Mensch. Vor gar manchem Gedanken bleibt man im Zweifel befangen
stehen, besonders wenn man die Sünden der Menschen sieht, und man fragt
sich: „Soll man es mit Gewalt anfassen oder mit demütiger Liebe?“
Entscheide dich immer für „demütige Liebe.“ Wenn du dich ein für allemal
dazu entschlossen hast, so wirst du die ganze Welt bezwingen. Die
„demütige Liebe“ ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte
Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht. Jeden Tag, jede Stunde und jede
Minute gib acht auf dich, damit dein Antlitz rein sei. Wenn du böse mit
einem schlechten Wort und haßerfüllter Seele an einem Kinde vorbeigehst,
das du vielleicht nicht einmal beachtet hast, und es sieht dein
häßliches und verzerrtes Antlitz – siehe, so prägt es sich in sein
schutzloses Herzchen ein. Du weißt es nicht einmal und hast doch
Schlechtes in sein Herz gesät, und der schlechte Same wird aufgehen, und
das alles nur, weil du in der Gegenwart des Kindes nicht auf dich acht
gegeben hast, und weil du keine umsichtige und tatkräftige Liebe in
deinem Herzen hegtest. Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, man
muß verstehen, sie zu erwerben; das aber ist sehr schwer – man muß sie
teuer erkaufen durch lange andauernde Arbeit, denn nicht zufällig und
auf einen Augenblick muß man lieben, sondern fortwährend und ewig.
Zufällig kann jeder lieben, sogar der Bösewicht kann zufällig lieben.
Mein Bruder bat die Vöglein um Verzeihung. Das scheint einem sinnlos,
und doch tat er recht, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und
berührt sich. An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung, und
am anderen Ende der Welt hallt sie wider. Mag es sinnlos sein, die
Vöglein um Verzeihung zu bitten, doch den Vögeln, den Kindern, ja, allen
Tieren wäre es leichter in deiner Nähe, wenn du selbst besser und
begeisterter wärest, und wenn auch nur um ein wenig mehr als sonst.
Alles ist wie ein Ozean, sage ich euch. Wärest du besser, so würdest du
auch zu den Vöglein beten, in Begeisterung und Verzückung, gequält von
deiner allumfassenden Liebe, und du würdest bitten, daß sie dir deine
Sünde verzeihen. Halte fest deine Begeisterung, wie sinnlos sie den
Menschen auch scheine.
Meine Freunde, bittet Gott um Fröhlichkeit, seid fröhlich wie die
Kinder, wie die Vögel des Himmels. Und die Sünde der Menschen soll euch
nicht bekümmern in eurer Tätigkeit, und fürchtet euch nicht, daß sie
euch an der Vollendung eurer Tat hindern könnte, saget nicht: „Stark ist
die Sünde, stark ist die Ehrlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung,
wir stehen allein und sind machtlos, die schlechten Einflüsse werden uns
verderben und uns an der Vollendung unseres guten Werkes hindern.“ Laßt
solch eine Verzagtheit fern von euch sein, meine Kinder! Dafür gibt es
nur eine Rettung. Mache dich selbst für die Sünden der Menschen
verantwortlich. Ja, mein Freund, es ist in Wahrheit so, wenn du dich nur
aufrichtig für alle und alles verantwortlich machst, so wirst du auch
einsehen, daß es in der Tat so ist, daß du allen gegenüber für alle
schuldig bist. Wenn du aber deine Faulheit und deine Ohnmacht den
Menschen zur Last legst, so wirst du in satanischen Hochmut verfallen
und wider Gott murren. Vom satanischen Hochmut denke ich folgendes: Es
ist schwer, ihn hier auf Erden immer zu erkennen, darum können wir ihm
so leicht verfallen, selbst wenn wir meinen, groß und gut zu handeln.
Ja, viele der stärksten Regungen und Gefühle unserer Natur können wir,
solange wir auf Erden sind, nicht durchschauen und erkennen, aber lasse
dich nicht verführen zu denken, daß das zu deiner Rechtfertigung dienen
könnte, denn der ewige Richter fragt dich nicht nach dem, was du nicht
erreichen, sondern nach dem, was du erreichen konntest. Du wirst dich
noch selbst davon überzeugen, wenn du das berücksichtigst, und du wirst
alles richtig erkennen und mit niemandem mehr hadern. Wahrlich wir irren
auf der Erde herum, und wenn wir das Vorbild Christi nicht hätten, so
würden wir uns gänzlich verirren und schließlich umkommen wie das
Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf der Erde ist uns
verborgen, dafür ist uns aber das geheimnisvolle Bewußtsein der
lebendigen Bande mit einer anderen Welt verliehen, mit einer höheren und
erhabeneren Welt, denn unsere Gedanken und Gefühle hier auf Erden
wurzeln in anderen Welten. Darum behaupten auch die Philosophen, daß man
das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht erkennen könne. Gott nahm die
Samen, die er auf unsere Erde säte, aus anderen Welten, und es erwuchs
ihm sein Garten, und alles ist aufgegangen, was aufgehen konnte, und
alles, was wahrhaft lebendig ist, ist nur durch das Bewußtsein der
Berührung mit den anderen geheimnisvollen Welten lebendig; wenn sich
dieses Gefühl abschwächt, oder wenn es abstirbt, so stirbt auch das
Lebendige in dir. Dann wirst du auch dem Leben gegenüber gleichgültig
und kannst es sogar hassen. Also denke ich.
h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom Glauben bis ans
Ende
Vergiß vor allem nicht, daß du niemandes Richter sein kannst. Es kann
niemand auf Erden eher ein Richter eines Verbrechers sein, als bis er
eingesehen hat, daß er genau solch ein Verbrecher ist wie dieser, der
vor ihm steht, und daß er am Verbrechen des vor ihm Stehenden mehr als
Alle schuld ist. Wenn er das erkannt hat, dann erst kann er Richter
sein. Wie unsinnig das auch scheinen mag, so ist es doch die einzige
Wahrheit. Denn wäre ich selbst gerecht, so stünde vielleicht vor mir
kein Verbrecher. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden
und des von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen,
so tue es, ohne zu zögern, und leide für ihn; ihn selbst aber entlasse
ohne jegliche Vorwürfe. Und wenn das Gesetz dich selbst zum Richter über
ihn bestimmt, so sollst du in diesem Sinne wirken, denn er wird
fortgehen und sich viel bitterer noch verurteilen, als das Gericht es
vermocht hätte. Geht er aber deiner Güte unempfindlich fort und lacht er
über dich, so ärgere dich nicht darüber, denn das bedeutet nur, daß
seine Zeit noch nicht gekommen ist. Und sollte sie auch nie für ihn
kommen, so ist es gleichgültig. Wenn nicht er, so wird ein anderer
erkennen und erleiden und wird sich selbst verurteilen und beschuldigen,
und so wird dem Recht Genüge getan werden. Glaube daran, glaube
unverbrüchlich daran, denn gerade hierin liegt die ganze Zuversicht und
der ganze Glaube der Heiligen.
Wirke unermüdlich. Wenn du in der Nacht aus dem Schlafe erwachst und dir
sagen mußt: „Ich habe nicht getan, was ich hätte tun sollen,“ so erhebe
dich sofort und tue es. Wenn dich böse und gefühllose Menschen umgeben
und über dich lachen und dich nicht hören wollen, so falle vor ihnen
nieder und bitte sie um Vergebung, denn du bist in Wahrheit selbst
schuld daran, daß sie dich nicht anhören wollen. Wenn du aber mit den
Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in
Demut, ohne je deine Hoffnung zu verlieren. Wenn aber alle dich
verlassen und mit Gewalt dich von sich stoßen und dich von allem
ausschließen, so falle zur Erde nieder und küsse die Erde, netze sie mit
deinen Tränen, und die Erde wird aus deinen Tränen Frucht bringen,
obgleich dich niemand gesehen noch gehört hat in deiner Einsamkeit.
Glaube bis ans Ende, und wenn es auch sein sollte, daß alle sich vom
Glauben abwendeten und nur du allein treu bliebest, so bringe auch dann
deine Opfer und lobe Gott. Und wenn sich dann noch einer wie du zu dir
gesellt – siehe, dann ist bei euch die ganze Welt, die Welt der
lebendigen Liebe: umarmt euch beide in Begeisterung und lobet Gott,
denn, wäre es auch nur in euch beiden, so hat sich doch die Wahrheit
Gottes bewährt.
Wenn du selbst sündigst und zu Tode betrübt bist wegen deiner Sünden,
oder wenn du plötzlich in Sünde verfällst, so freue dich über den
anderen, über den Gerechten, freue dich, daß, während du sündigtest, er
gerecht blieb.
Wenn die Bosheit der Menschen dich bis zum Unmut und unerträglichen
Kummer aufreizt, so daß in dir der Wunsch sich erhebt, Rache an den
Bösewichtern zu nehmen, so fürchte dich am meisten vor diesem Gefühl,
gehe sofort und suche dir Qualen, als wenn du allein an der Bosheit der
Menschen schuldig wärest. Nimm die Qualen auf dich und erleide sie, und
dein Herz wird sich beruhigen, und du wirst verstehen, daß du selbst
schuld hast, denn du hättest als einziger Reiner den Bösewichtern
leuchten können, und du hast nicht geleuchtet. Wenn du aber hättest
leuchten können, so hättest du mit deinem Licht anderen den Weg
erleuchtet, und derjenige, der die böse Tat vollführt hat, hätte sie in
deinem Lichte unterlassen. Und selbst, wenn du ihnen geleuchtet hättest,
und wenn du siehst, daß du die Menschen mit deinem Licht nicht retten
kannst, so verzweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube
daran, daß es sie, wenn nicht jetzt, so doch später retten wird. Wenn
aber auch sie nicht gerettet werden, so werden es ihre Kinder, denn dein
Licht stirbt nicht, wenn auch du schon gestorben bist. Der Gerechte geht
dahin, doch sein Licht bleibt. Sie bekehren sich ja immer erst nach dem
Tode des Bekehrers. Das Menschengeschlecht erkennt seine Propheten nicht
an und läßt sie umkommen, aber seine Märtyrer liebt es und diejenigen,
die seinetwegen gepeinigt wurden. Du arbeitest für das Ganze, du
schaffst für das Kommende. Lohn suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn
hier auf Erden groß: diese Freudigkeit im Geiste erlangt nur der
Gerechte. Fürchte nicht den Vornehmen und nicht den Mächtigen, und sei
immer ein Weiser und Begeisterter.
Halte Maß und halte die Frist ein und lerne erkennen. Wenn du allein
bleibst, so bete. Liebe die Erde und bedecke sie mit deinen Küssen.
Küsse die Erde unermüdlich, liebe unersättlich, liebe alle und liebe
alles, suche die Begeisterung und die Ekstase der Liebe. Benetze die
Erde mit deinen Tränen der Freude und liebe diese deine Tränen. Und
halte diese deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk
Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten.
i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer.
Eine mystische Betrachtung
Meine Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der
Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag. Nur einmal wird im
unendlichen Sein, außerhalb von Zeit und Raum, einem geistigen Wesen mit
seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit verliehen, sich zu sagen:
„Ich bin, und ich liebe.“ Einmal, nur einmal war ihm der Augenblick
tätiger, lebendiger Liebe und dazu ein Leben hier auf Erden gegeben
worden, und mit ihm Zeit und Gelegenheit. Dieses glückliche Wesen aber
wies diese unschätzbare Gabe von sich, schätzte sie nicht, liebte nicht,
spottete der Liebe und blieb gefühllos. Nachdem dieses Wesen gefühllos
von der Erde geschieden war, schaute es Abrahams Schoß und redete mit
Abraham, wie uns das Gleichnis vom Reichen und von Lazarus lehrt, und
schaute das Paradies und konnte zum Herrn eingehen. Da fing es den
Abgeschiedenen zu quälen an, daß er zum Herrn kommt, ohne geliebt zu
haben, und mit denen zusammen treffen muß, die er zu lieben verschmäht
hatte. Denn nun sah er klar und sagte zu sich selbst: „Jetzt habe ich
die Erkenntnis, aber wie es mich auch dürstet zu lieben, ich kann meine
Liebe jetzt doch nicht mehr betätigen, kann ihr kein Opfer mehr bringen,
denn mein Erdenleben ist nun zu Ende, und Abraham wird nicht kommen, um
auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers (das wäre die Verleihung
des früheren tätigen Erdenlebens) die Flamme meines Liebesdurstes zu
kühlen, in der ich jetzt brenne, nachdem ich auf Erden zu lieben
verschmäht hatte. Zeit und Leben gibt es jetzt nicht mehr. Froh wäre
ich, mein Leben für andere hinzugeben, aber auch das kann ich ja nicht
mehr, denn vorüber ist dieses Leben, das ich der Liebe hätte zum Opfer
bringen können, und jetzt liegt ein Abgrund zwischen jenem Leben und
diesem Sein.“ Man spricht vom Höllenfeuer im materiellen Sinne; ich will
dieses Mysterium nicht erforschen und fürchte mich davor, aber wenn es
wirklich eine materielle Flamme geben sollte, so könnte man sich in
Wahrheit darüber freuen, denn ich denke daß eine physische Qual doch auf
einen Augenblick die viel schrecklichere geistige Qual vergessen macht.
Und die Menschen von dieser seelischen Qual zu erlösen, das ist
unmöglich, denn es ist keine äußere, sondern eine innere Qual. Und wenn
es möglich wäre, sie ihnen zu nehmen, so, denke ich, würden sie nur noch
bitterer leiden. Denn wenn die Gerechten aus dem Paradiese beim Anblick
ihrer Qualen ihnen auch verzeihen und sie in ihrer unendlichen Liebe zu
sich nehmen würden, so würden sie damit ihre Qualen nur vergrößern und
die Flamme ihres Durstes nach tätiger Liebe, die ihnen nicht mehr
möglich ist, nur noch anfachen. In der Schüchternheit meines Herzens
denke ich indessen, daß gerade das Bewußtsein dieser Unmöglichkeit ihnen
schließlich zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der
Gerechten, ohne sie erwidern zu können, annehmen müssen, werden sie in
ihrer Demut und Ergebung ein Abbild der tätigen Liebe, die sie auf der
Erde verschmäht haben, oder eine ihr ähnliche Betätigung finden ... Ich
bedaure es, meine Brüder und Freunde, daß ich mich darüber nicht klarer
auszudrücken vermag, aber wehe denen, die auf Erden sich selbst
vernichteten, wehe den Selbstmördern! Ich denke, unglücklicher als diese
kann keiner mehr werden. Uns wird verboten, für sie zu beten, und die
Kirche wendet sich öffentlich von ihnen ab. Ich aber denke im Geheimen
meiner Seele, daß man auch für sie beten kann. Um der Liebe willen wird
Christus nicht zürnen. Für diese habe ich innerlich mein ganzes Leben
lang gebetet, das vertraue ich euch an, meine Väter und Lehrer, und noch
jetzt bete ich für sie jeden Tag.
Oh, in der Hölle gibt es auch solche, die stolz und grausam gelebt
haben, trotz ihrer Erkenntnis der ganzen Wahrheit; sie sind furchtbar,
die sich ganz und gar und auf immer dem Satan ergeben haben, und seinem
stolzen Geiste. Für diese ist die Hölle etwas Freiwilliges und
Unersättliches; sie sind aus eigenem freien Willen Märtyrer, und sie
verfluchen sich selbst, indem sie Gott und das Leben verfluchen. Sie
nähren sich von ihrem böswilligen Hochmut, wie ein Verhungernder in der
Wüste sein Blut aus dem eigenen Körper aussaugt. Sie sind unersättlich
bis in alle Ewigkeit. Sie weisen die Vergebung Gottes zurück und fluchen
Gott, der sie ruft. Den lebendigen Gott können sie nicht ohne Haß
erkennen, und sie verlangen, daß man das Leben Gottes vernichte, daß
Gott sich selbst und seine ganze Schöpfung vernichte. Und sie werden
ewig im Feuer ihres Zornes schmachten und nach Tod und Nichtsein
verlangen. Doch nie wird der Tod ihnen Erlösung bringen.
Hier endigt die Handschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs. Ich
wiederhole, daß sie nicht vollständig, sondern nur bruchstückartig ist.
Die lebensgeschichtlichen Nachrichten umfassen nur die erste Jugend des
Staretz. Seine Bekenntnisse und Meinungen sind wohl zu einem Ganzen
zusammengestellt, doch sind sie zu ganz verschiedenen Zeiten und bei
verschiedenen Anlässen ausgesprochen worden. Alles, was der Staretz in
seinen letzten Stunden geredet hat, ist nicht Wort für Wort
wiedergegeben. Man erhält nur einen Begriff von Geist und Art seiner
Unterhaltung, der sich aus dem Zusammenhange mit seinen früheren
Gesprächen, die in der Handschrift Alexei Fedorowitschs angegeben sind,
ganz von selbst ergibt. Der Tod des Staretz kam in der Tat ganz
unerwartet. Wenn auch alle, die an jenem Abend versammelt waren, wußten,
daß sein Tod nahe war, so hatten sie doch keineswegs erwartet, daß er so
plötzlich eintreten werde. Im Gegenteil, seine Freunde waren, wie ich
schon vorhin bemerkte, überzeugt, da sie ihn in dieser Nacht so munter
und gesprächig sahen, daß sein Gesundheitszustand sich gebessert habe,
und wäre es auf kurze Zeit. Wie sie später mit Verwunderung berichteten,
hatten sie noch fünf Minuten vorher sein nahes Ende nicht geahnt. Doch
plötzlich fühlte er, sagten sie, einen starken Schmerz in der Brust: er
erbleichte und preßte seine Hand aufs Herz. Alle erhoben sich von ihren
Plätzen und drängten sich zu ihm heran; er aber, obgleich er litt, sah
sie noch alle mit einem Lächeln an, ließ sich vom Sessel auf den
Fußboden gleiten und kniete nieder; darauf beugte er sein Haupt bis auf
die Erde, breitete die Arme aus, und als hätte er in freudiger
Begeisterung die Erde geküßt und dazu gebetet, wie er selbst gelehrt
hatte, so ging sein Geist ruhig und freudig in die Ewigkeit ein. Die
Nachricht von seinem Tode verbreitete sich sofort in der Einsiedelei und
gelangte auch ins Kloster. Diejenigen, die ihm am nächsten gestanden,
und diejenigen, denen es ihrem Range nach zukam, kleideten die Leiche
nach altem Brauch. Die ganze Brüderschaft versammelte sich darauf in der
Hauptkirche. Und schon vor Tagesanbruch hatte sich das Gerücht vom Tode
des Staretz auch in der Stadt verbreitet. Schon am Morgen sprach die
ganze Stadt vom Ereignis, und eine Menge Menschen strömte hin zum
Kloster. Aber davon will ich im nächsten Buche erzählen, jetzt jedoch
möchte ich nur im voraus erwähnen, daß noch nicht ein Tag vergangen war,
als sich etwas ganz Unerwartetes ereignete, etwas, das im Kloster wie in
der Stadt einen so sonderbaren Eindruck hinterließ, daß man selbst jetzt
noch, nach so vielen Jahren, in unserem Städtchen eine außerordentlich
lebhafte Erinnerung an diesen für viele so aufregenden Tag bewahrt.