I.
Der Staretz Sossima und seine Gäste
Als Aljoscha mit Schmerz und Aufregung im Herzen die Zelle des Staretz
betrat, blieb er im ersten Augenblick vor Verwunderung stehen: statt
einen sterbenden Kranken vorzufinden, der vielleicht schon besinnungslos
war (wie er die ganze Zeit gefürchtet hatte), erblickte er ihn plötzlich
im Lehnstuhl sitzend, wenn auch anscheinend etwas erschöpft und schwach,
so doch jedenfalls mit frohem Antlitz, und umgeben von Gästen, mit denen
er eine ruhig heitere Unterhaltung führte. Übrigens war er erst eine
viertel Stunde vor Aljoschas Ankunft aufgestanden. Die Gäste hatten sich
schon früher in der Zelle versammelt und auf sein Erwachen gewartet,
denn Pater Paissij hatte ihnen gesagt, daß der Lehrer sich gewiß noch
erheben werde, um sich noch einmal mit allen, die seinem Herzen teuer
waren, auszusprechen, wie er dies selbst am Morgen gewünscht und
versprochen hatte. An dieses Versprechen, wie überhaupt an jedes Wort
des sterbenden Staretz glaubte Pater Paissij unerschütterlich, so daß er
sogar dann, wenn er ihn schon bewußtlos und sterbend gesehen und
gleichwohl sein Versprechen, noch einmal aufzustehen, gehabt hätte, ja
daß er dem Tode selbst nicht geglaubt, sondern immer noch erwartet haben
würde, der Sterbende werde sich erheben und sein Versprechen halten. Am
Morgen aber hatte ihm der Staretz vor dem Einschlafen gesagt: „Ich werde
nicht früher sterben, als bis ich noch einmal vorher, ihr Geliebten
meines Herzens, eure lieben Gesichter geschaut und vor euch meine Seele
ausgeschüttet habe.“ Die vier Mönche, die sich zu dieser letzten
Unterhaltung beim Staretz eingefunden hatten, waren seine Freunde, die
innig an ihm hingen: die beiden Priestermönche Pater Jossiff und Pater
Paissij und der Priestermönch Pater Michail. Es war das der _Vorsteher_
der Einsiedelei, eigentlich noch kein alter Mann, auch war er nicht
gerade sehr gelehrt, dafür aber ein fester Charakter mit schlichtem,
unerschütterlichem Glauben und von strengem Äußeren; sein Herz war von
tiefster Güte durchdrungen, die er jedoch äußerlich fast wie aus einem
gewissen Schamgefühl heraus zu verbergen suchte. Der vierte Gast war ein
kleines, altes, einfaches Mönchlein aus niedrigstem Bauernstande, Bruder
Anfim, der kaum lesen und schreiben konnte, still und schweigsam war,
selten mit jemandem sprach, der Demütigste aller Demütigen. Er hatte das
Aussehen eines Menschen, der durch etwas Großes und Schreckliches, für
seinen Geist Unfaßliches auf ewig erschreckt worden ist. Diesen
gleichsam vor Furcht bebenden Menschen liebte der Staretz Sossima sehr
und behandelte ihn stets mit außergewöhnlicher Hochachtung. Trotzdem
hatte Pater Anfim vielleicht in seinem ganzen Leben mit niemandem
weniger geredet als mit dem Staretz, obgleich er viele Jahre mit ihm
allein als Pilger durch das heilige Rußland gewandert war. Das aber war
schon vor langer Zeit gewesen, ungefähr vor vierzig Jahren, als der
Staretz Sossima erst seine Laufbahn als Mönch in einem armen, fast ganz
unbekannten Kostromaschen Kloster begonnen hatte. Bald darauf begleitete
ihn Pater Anfim auf seinen Wanderungen zum Sammeln von Opfergaben für
ihr armes Klosters. Sie alle, der Staretz wie seine Gäste, hatten sich
im zweiten Zimmer der Zelle versammelt, in dem auch das Bett stand.
Dieses Zimmer war, wie ich schon einmal erwähnte, sehr klein, so daß
alle vier (außer dem Novizen Porfirij, der die ganze Zeit über stand) um
den Lehnstuhl des Staretz auf den Stühlen, die aus dem ersten Zimmer
herbeigebracht waren, kaum Platz fanden. Draußen dunkelte es bereits,
und das Zimmer wurde nur durch die Lämpchen und Wachslichte vor den
Heiligenbildern erleuchtet. Als der Staretz Aljoscha erblickte, der beim
Eintreten an der Tür stehen geblieben war, lächelte er freudig und
streckte ihm die Hand entgegen.
„Sei gegrüßt, mein Stiller, sei gegrüßt, mein Lieber, da bist ja auch
du! Ich wußte doch, daß du kommen würdest.“
Aljoscha trat auf ihn zu, verbeugte sich vor ihm bis zur Erde und brach
in Tränen aus. Sein Herz wollte zerspringen; seine Seele erbebte, und am
liebsten hätte er laut aufgeschluchzt.
„Was tust du? warte noch mit dem Weinen,“ sagte der Staretz lächelnd und
legte ihm die rechte Hand auf den Scheitel, „siehe, ich sitze und
plaudere hier, vielleicht werde ich noch zwanzig Jahre leben, wie es mir
gestern die Gute, Liebe aus Wyschegorje, mit dem Töchterchen Lisaweta
auf dem Arme, gewünscht hat. Herr, segne sie und ihr Töchterchen
Lisaweta!“ (er bekreuzte sich). „Porfirij, hast du die Gabe dorthin
gebracht, wie ich es dir befahl?“ Ihm waren die sechzig Kopeken
eingefallen, die ihm seine opferfreudige Verehrerin mit der Bitte
übergeben hatte, sie „einer, die ärmer ist als ich“, zu spenden. Solche
Spenden, die man sich freiwillig auferlegt, müssen durchaus durch eigene
Arbeit erworben werden, um ein Bußopfer zu sein. Der Staretz hatte
Porfirij damit noch am selben Abend zu einer armen Bürgersfrau
geschickt, einer Witwe mit Kindern, die durch einen Brand alles verloren
hatte. Porfirij meldete sofort, daß er die Sache besorgt und das Geld,
wie er beauftragt war, „von einer unbekannten Wohltäterin“ überbracht
habe.
„Steh auf, mein Lieber,“ wandte sich der Staretz wieder zu Aljoscha,
„laß mich dich ansehen. Warst du bei den Deinen und sahst du deinen
Bruder?“
Aljoscha schien es sonderbar, daß er so bestimmt nur nach einem von
seinen Brüdern fragte – aber nach welchem? Folglich hatte er ihn gestern
wie auch heute nur um dieses Bruders willen fortgeschickt.
„Den einen der Brüder habe ich gesehen,“ antwortete Aljoscha.
„Ich meine den von gestern, den älteren, vor dem ich niederfiel.“
„Den habe ich gestern gesehen, heute aber konnte ich ihn nicht finden,“
sagte Aljoscha.
„Suche ihn eiligst auf, morgen gehe wieder hin, beeile dich, laß alles
andere bleiben und beeile dich. Vielleicht gelingt es dir noch, etwas
Schrecklichem vorzubeugen. Denn wisse: ich bin gestern wegen des großen
Leidens, das ihn in Zukunft erwartet, vor ihm niedergefallen.“
Er verstummte plötzlich und versank in Gedanken. Sonderbar waren seine
Worte. Der Pater Jossiff, der Zeuge des gestrigen Kniefalls gewesen war,
und der Pater Paissij tauschten einen Blick aus. Aljoscha aber konnte
nicht an sich halten:
„Mein Vater und mein Lehrer,“ stieß er in ungewöhnlicher Aufregung
hervor, „unklar sind mir Eure Worte ... Welch ein Leiden erwartet ihn?“
„Frage nicht. Mir schien gestern etwas Schreckliches ... In seinem Blick
konnte man sein ganzes Schicksal lesen. Nur ein Blick war es, und in
diesem Augenblick erschrak ich in meinem Herzen über das, was dieser
Mensch sich selbst bereitet. Ein- oder zweimal in meinem Leben habe ich
diesen Gesichtsausdruck gesehen ... einen Gesichtsausdruck, der das
ganze Schicksal dieser Menschen kennzeichnete, und wehe! das sie auch
ereilte. Ich habe dich zu ihm geschickt, Alexei, denn ich dachte, daß
das Bruderantlitz ihn retten könnte. Doch alles kommt vom Herrn, auch
alle unsere Geschicke. ‚Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht
stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele
Früchte.‘ Denke daran, mein Sohn. Dich aber, Alexei, habe ich oft in
Gedanken um deines Blickes willen gesegnet, damit du es weißt,“ sagte
der Staretz, und ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Oft
denke ich von dir: Du wirst wie ein Einsiedler aus diesen Mauern
hinausgehen in die Welt. Viele Gegner wirst du haben, aber selbst deine
Feinde werden dich lieben. Viel Leid wird dir das Leben bringen, doch
nur durch Leid wirst du glücklich sein, und nur um des Leidens willen
wirst du das Leben segnen, und du wirst auch andere zwingen, es zu
segnen – was das wichtigste ist. Siehe, das bist du. Meine Väter und
Lehrer,“ wandte er sich gerührt lächelnd an seine Freunde – „bis zu
dieser Stunde habe ich niemandem gesagt, auch ihm selbst nicht, warum
der Anblick dieses Jünglings mir so lieb war. Jetzt werde ich es sagen:
Sein Antlitz war mir eine Erinnerung und eine Prophezeiung. In der
Morgenröte meiner Tage, als ich noch ein ganz kleines Kind war, hatte
ich einen älteren Bruder; es war ein Jüngling, der mit siebzehn Jahren
starb. Später, als ich mein Leben begann, überzeugte ich mich immer
mehr, daß dieser Bruder in meinem Schicksal gleichsam ein Hinweis zu
etwas Höherem gewesen war, denn wäre er in meinem Leben nicht gewesen,
so wäre ich vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, die Mönchskutte zu
wählen und diesen Weg zu betreten, der mir jetzt so teuer ist. Diese
Erscheinung kreuzte in meiner Kindheit meinen Weg, und siehe, am Ende
meiner Tage tritt sie wie wiedererstanden aufs neue mir entgegen.
Wunderbar ist es, meine Väter und Lehrer, daß Alexei, auch wenn er dem
Antlitze nach ihm weniger ähnlich wäre, geistig ihm doch so gleicht, daß
ich ihn oft für jenen Jüngling, für meinen Bruder gehalten habe, der am
Ende meiner Tage mir geheimnisvoll erschienen ist, zur Erinnerung und
zur Erleuchtung. Ich habe mich selbst oft über diesen meinen Gedanken
gewundert. Merke es dir, Porfirij,“ wandte er sich an den bedienenden
Novizen. „Oft sah ich auf deinem Gesicht Unmut darüber, daß ich Alexei
mehr liebte als dich. Jetzt weißt du, warum das geschah, doch liebe ich
auch dich. Wisse, ich war oft betrübt, daß du darüber grolltest. Euch
aber, liebe Gäste, will ich von diesem Jüngling, meinem Bruder erzählen,
denn seine Erscheinung war in meinem Leben die teuerste, die
prophetischste und die ergreifendste. Mein Herz ist von Rührung
ergriffen, und mir ist, als durchlebte ich in dieser Minute nochmals
mein ganzes Leben ...“
* * * * *
Hier muß ich bemerken, daß dieses Gespräch des Staretz mit seinen
Gästen, am letzten Tage seines Lebens, später von seinen Anhängern
aufgeschrieben und aufbewahrt worden ist. Alexei Fedorowitsch Karamasoff
schrieb es einige Tage nach dem Tode des Staretz aus dem Gedächtnis
nieder. Ob er nun bloß das letzte Gespräch von damals aufgeschrieben
oder einiges aus den früheren Erzählungen seines Lehrers noch
hinzugefügt hat, das kann ich nicht feststellen. In der Niederschrift
zieht sich das Gespräch des Staretz ununterbrochen hin, als ob er sein
Leben den Freunden in der Form einer Erzählung wiedergegeben hätte,
während es sich doch in Wirklichkeit ohne Zweifel anders verhalten hat.
Die Unterhaltung an diesem Abend war eine allgemeine gewesen; denn wenn
auch die Gäste ihren Meister nur wenig unterbrachen, so mischten sie
sich doch zuweilen in das Gespräch ein, teilten auch ihre Meinungen und
Erlebnisse mit, abgesehen davon, daß der Staretz ununterbrochen seine
Erzählung gar nicht hätte zu Ende führen können, da er viel zu erschöpft
war, die Stimme ihm versagte und er sich von Zeit zu Zeit aufs Bett
legen mußte, um sich zu erholen, während die Gäste ihren Platz nicht
verließen. Ein- oder zweimal wurde die Unterhaltung durch Lesen des
Evangeliums unterbrochen. Pater Paissij las vor. Bemerkenswert ist auch
noch, daß niemand von ihnen ahnte, wie nahe sein Ende war – daß er noch
in dieser Nacht sterben werde. Er hatte an diesem letzten Abend seines
Lebens nach einem tiefen Nachmittagsschlaf neue Kräfte geschöpft, die
ihn während des langen Gespräches mit seinen Freunden aufrecht
erhielten. Doch waren es, wie sich erwies, seine letzten Kräfte gewesen
... Aber davon später. Jetzt will ich nur mitteilen, daß ich mich hier
bei der Erzählung des Staretz auf die Niederschrift Alexei Fedorowitsch
Karamasoffs beschränke, ohne auf alle Einzelheiten der Unterhaltung mit
seinen Gästen einzugehen. So ist sie übersichtlicher und nicht so
ermüdend, obgleich, ich wiederhole es, Aljoscha sie nicht wörtlich
wiedergegeben hat.
II.
Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen
Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt
nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff.
Biographische Aufzeichnungen
a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima
Inniggeliebte Väter und Lehrer. Ich wurde hoch im Norden, in einem
entfernten Gouvernement, geboren, in der Stadt W. Mein Vater war
Edelmann, doch weder von hohem Adel, noch von hohem Rang. Er starb, als
ich zwei Jahre alt war, und ich erinnere mich seiner nicht. Er
hinterließ meiner Mutter ein nicht sehr großes Wohnhaus und ein Kapital,
das für sie und ihre Kinder zum Leben ausreichte. Sie hatte nur uns
beide: mich, Sinowij, und meinen älteren Bruder Markell. Er war acht
Jahre älter als ich, war reizbar und heftig, doch nichtsdestoweniger gut
und zartfühlend, verschlossen, besonders zu Hause, sowohl gegen mich,
gegen meine Mutter und gegen die Dienstboten. Im Gymnasium war er ein
guter Schüler, aber mit seinen Mitschülern verstand er sich nicht,
obgleich er mit ihnen auch nicht gerade in Feindschaft lebte, wie die
Mutter behauptete. Ein halbes Jahr vor seinem Tode, als er schon
siebzehn Jahre alt war, ging er häufig zu einem einsamen Menschen, der,
aus Moskau als politischer Verbrecher verbannt, in unserer Stadt lebte.
Dieser Verbannte war kein geringer Gelehrter und ein berühmter Philosoph
der Universität. Warum er Markell liebte und ihn bei sich empfing, weiß
ich nicht. Jedenfalls verbrachte Markell bei ihm alle Abende. Den ganzen
Winter hindurch besuchte er ihn, bis man schließlich den Verbannten auf
dessen Bitte an die Petersburger Universität berief, denn er hatte gute
Protektion. Die großen Fasten begannen, aber Markell weigerte sich, zu
fasten, und er machte sich über das Fasten nur lustig: „Das ist doch
nichts als Unsinn, denn es gibt ja gar keinen Gott,“ sagte er. Meine
Mutter und die Dienstboten waren darüber entsetzt, und auch ich war es;
wenn ich auch erst neun Jahre alt war, so erschrak ich doch sehr, als
ich diese Worte hörte. Unsere vier Dienstboten waren als Leibeigene und
alle auf den Namen eines uns bekannten Gutsbesitzers gekauft.[20] Ich
erinnere mich noch, wie Mütterchen eine von diesen vier, die Köchin
Afimja, ein hinkendes, ältliches Weib, für sechzig Rubel verkaufte und
an ihrer Stelle eine Freie annahm. In der sechsten Woche der Fasten
wurde mein Bruder krank. Er war schon immer kränklich gewesen, hatte
eine schwache Brust, war zart gebaut und neigte zur Schwindsucht; klein
von Wuchs war er gerade nicht, aber schmal und schwächlich; sein Gesicht
dagegen war wohlgebildet. Wahrscheinlich hatte er sich erkältet. Der
Doktor kam und flüsterte bald darauf meinem Mütterchen zu, daß es die
Schwindsucht sei und er den Frühling wohl nicht überleben werde. Die
Mutter weinte, bat aber schüchtern den Bruder – um ihn nicht zu
erschrecken –, er möge durch Fasten und Kirchenbesuch sich zum Abendmahl
vorbereiten, denn damals konnte er noch ausgehen. Als er das hörte,
wurde er zornig und lästerte das Gotteshaus, indessen dachte er doch
nach: Er erriet sofort, daß er gefährlich krank war, und daß die Mutter
ihn nur darum bat, zum Abendmahl zu gehen, weil er noch bei Kräften war.
Übrigens wußte er selbst schon lange, daß er krank war, schon ein Jahr
vorher hatte er einmal bei Tisch mir und der Mutter kaltblütig gesagt:
„Ich bin unter euch gar nicht wie ein Bewohner dieser Erde, vielleicht
werde ich schon im nächsten Jahre nicht mehr leben,“ ganz als ob er
seinen Tod prophezeit hätte. Es vergingen zwei, drei Tage, und die
Passionswoche begann. Und siehe, der Bruder ging vom Dienstagmorgen an
zur Beichte. „Ich tue es nur deinetwegen, Mütterchen, nur um dich zu
erfreuen und zu beruhigen,“ sagte er zu ihr. Die Mutter weinte vor
Freude und vor Leid: „Nah muß sein Ende sein, wenn sich in ihm eine
solche Umwandlung vollzogen hat,“ sagte sie. Aber nicht lange mehr
konnte er in die Kirche gehen, so daß die Beichte und das Abendmahl im
Hause vollzogen werden mußten. Es kamen heitere und klare Tage, voll
Licht und Duft; es waren späte Ostern. In den Nächten schlief er
schlecht und hustete – ich erinnere mich dessen noch –, am Morgen aber
kleidete er sich immer an und setzte sich in einen weichen Lehnstuhl. So
sehe ich ihn noch jetzt vor mir: still sitzt er da und lächelt, zwar ist
er krank, aber sein Blick ist strahlend. Seelisch hatte er sich ganz
verändert – eine wunderbare Veränderung hatte sich in ihm vollzogen!
Seine alte Kinderfrau trat einmal zu ihm ins Zimmer und sagte: „Erlaube,
mein Täubchen, daß ich auch bei dir das Lämpchen vor dem Heiligenbilde
anzünde.“ Früher erlaubte er es nicht und hatte das Lämpchen sogar
ausgelöscht. „Zünde an, meine Liebe, zünde es an. Ein Ungeheuer war ich,
als ich es dir verbot. Du zündest das Lämpchen an und betest zu Gott,
und ich freue mich über dich und bete gleichfalls. Folglich beten wir
beide zu einem Gott.“ Sonderbar schienen uns diese Worte; die Mutter
ging in ihr Zimmer und weinte immerfort, nur wenn sie zu ihm kam,
wischte sie sich die Augen ab und machte ein frohes Gesicht.
„Mütterchen, weine nicht, mein Liebes,“ sagte er gar manches Mal, „ich
lebe ja noch lange mit euch, kann mich noch mit euch freuen, sieh, welch
eine Freude ist doch das Leben!“ – „Ach, mein Lieber, was ist denn das
für eine Freude für dich, wenn du die ganze Nacht im Fieber liegst und
hustest, daß dir die Brust zerspringt.“ – „Mama,“ antwortete er ihr,
„weine nicht, das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im
Paradiese, wir wollen es nur nicht erkennen; wenn wir es aber erkennen
könnten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“ Und alle wunderten
sich über seine Worte, so sonderbar und bestimmt sprach er sie aus; und
sie weinten alle vor Rührung. Auch Bekannte kamen zu uns. „Meine
Lieben,“ sagte er zu ihnen, „meine Teuren, wodurch habe ich verdient,
daß Sie mich lieben, warum lieben Sie mich denn, und warum habe ich das
früher nicht gewußt und geschätzt?“ Den Dienstboten sagte er, wenn sie
zu ihm kamen: „Meine Lieben, meine Guten, warum bedient ihr mich, bin
ich es denn wert, daß man mich bedient? Wenn Gott sich meiner erbarmte
und mich leben ließe, so würde ich selbst euch dienen, denn ein jeder
soll dem anderen dienen.“ Als Mütterchen dies hörte, schüttelte sie den
Kopf und sagte: „Das kommt von deiner Krankheit, daß du so sprichst!“ –
„Mama, du meine Freude, gewiß muß es Diener und Herren geben, möge ich
aber auch einmal der Diener meiner Diener sein und ihnen dienen, wie sie
mir. Ja, und ich sage dir, Mütterchen, jeder von uns ist in allem vor
allen schuldig, und ich bin es mehr als alle anderen.“ Die Mutter
lächelte darüber, weinte und lächelte: „Nun, weshalb solltest du denn
von allen am meisten schuldig sein? Da gibt es Mörder und Räuber, worin
kannst du denn so gesündigt haben, daß du dich mehr als alle anderen
beschuldigst?“ – „Mütterchen, du mein leibliches Mütterchen, mein
eigenes Herzblut (liebe, ganz ungewohnte Worte sagte er damals), meine
Liebe, meine Freudige, ich sage dir, in Wahrheit ist ein jeder in allem
und vor allen schuldig. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll,
aber ich fühle es, fühle es bis zur Qual. Wie haben wir nur so leben und
uns kränken können und es nicht gewußt?“ So erhob er sich jeden Morgen
immer freudiger und immer mehr von Liebe überwältigt und verklärt. Wenn
der Doktor kam, Doktor Eisenschmidt, ein Deutscher, scherzte er mit ihm:
„Nun, Doktor, werde ich noch einen Tag auf der Welt erleben?“ – „Nicht
nur einen Tag, noch viele Tage werden Sie leben,“ antwortete ihm manches
Mal der Doktor, „und Monate und Jahre werden Sie noch leben.“ – „Wozu
denn noch Monate und Jahre!“ rief er aus. „Wozu da die Tage zählen. Dem
Menschen genügt ja ein einziger Tag, um das ganze Glück zu erfahren.
Meine Lieben, warum streiten wir uns, warum tun wir wichtig voreinander,
warum vergeben wir nicht einander? – Gehen wir lieber gradeswegs in den
Garten, lustwandeln wir und freuen wir uns, lieben wir einander und
lobpreisen wir unser Leben! ...“ „Ihr Sohn ist nicht von dieser Welt,“
sagte der Doktor zur Mutter, wenn die ihn zur Tür begleitete, „durch die
Krankheit verfällt er in Phantasien.“ Die Fenster seines Zimmers gingen
auf den Garten hinaus; der Garten war schattig, voll alter Bäume, und an
den Bäumen sproßten Frühlingsknospen, und die ersten Vögel zwitscherten
und sangen vor seinem Fenster. Er freute sich über sie, und plötzlich
begann er auch, sie um Verzeihung zu bitten: „Gottes Vöglein, selige
Vöglein, vergebt auch ihr, daß ich auch euch gegenüber gesündigt habe.“
Das nun konnte niemand mehr von uns verstehen; er aber weinte vor
Freude: „Ja,“ sagte er, „so groß war der Ruhm Gottes um mich her: Vögel,
Bäume, Wiesen und Himmel, nur ich allein lebte in Sünde und schändete
alles, weil ich die Schönheit der Welt und den Ruhm des Herrn nicht
beachtete.“ „Zu viel Sünden nimmst du auf dich,“ sagte oft weinend die
Mutter. „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er ihr darauf, „ich weine ja
nicht vor Kummer; vor Freude weine ich. Ich selbst will vor ihnen
schuldig sein. Alles das kann ich dir nicht erklären, denn ich weiß
nicht, wie ich sie lieben soll. Möge ich doch schuldig sein vor allen,
dafür aber wird man mir vergeben, siehe, und das ist ein Paradies. Bin
ich denn jetzt nicht im Paradiese?“
Und was gäbe es nicht noch alles zu berichten von ihm! und auszulegen!
Ich erinnere mich noch, daß ich einmal ganz allein bei ihm war. Es war
zur Abendstunde, die Sonne beleuchtete mit letzten schrägen Strahlen das
ganze Zimmer. Als er mich erblickte, winkte er mich zu sich heran. Und
ich ging zu ihm; er aber faßte mich mit beiden Händen an den Schultern,
sah mir mit rührender Liebe ins Gesicht, sagte nichts, sah mich nur
minutenlang an: „Nun,“ sagte er dann, „gehe jetzt, spiele und lebe für
mich!“ Ich ging damals hinaus, um zu spielen, aber im späteren Leben
dachte ich oft mit Tränen daran, wie er mir befohlen hatte, für ihn zu
leben. Viele solcher wunderbaren und schönen Worte, die uns damals
unverständlich blieben, hat er noch gesprochen. Er starb in der dritten
Woche nach Ostern bei voller Besinnung, obgleich er schon aufgehört
hatte, zu sprechen, doch bis zum letzten Augenblick veränderte er sich
nicht: freudig strahlten seine Augen, mit seinen Blicken suchte er uns,
lachte er uns zu, und rief er uns. In der Stadt sprach man viel über
seinen Tod. Das alles erschütterte mich damals nicht allzu tief,
obgleich ich sehr weinte, als man ihn beerdigte. Ich war ja jung, ein
Kind war ich noch, aber in meinem Herzen blieb die Erinnerung daran
zurück. Es mußte erst die Zeit kommen, da sie auferstehen und Antwort
geben sollte. Und so geschah es denn auch.
b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz Sossima
So waren wir denn allein, meine Mutter und ich. Bald kamen gute Bekannte
mit ihrem Rat zu uns: „Ihnen ist nur ein Sohn verblieben,“ sagten sie zu
meiner Mutter, „arm sind Sie nicht, Sie haben ein gewisses Vermögen,
warum sollten Sie nicht Ihren Sohn nach Petersburg schicken, damit er,
da er aus guter Familie ist, dort seine Karriere mache?“ Und sie
beredeten meine Mutter, mich nach Petersburg in die Kadettenschule zu
bringen, damit ich später in die Kaiserliche Garde eintreten könnte.
Meine Mutter konnte sich zuerst nicht recht dazu entschließen: wie
sollte sie sich von dem letzten und einzigen Sohne trennen? Indessen
entschloß sie sich endlich doch dazu, wenn auch unter vielen Tränen,
aber sie glaubte dadurch mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach
Petersburg, und ich wurde in die Kadettenschule aufgenommen. Ich sollte
meine Mutter nicht mehr wiedersehen, denn nach drei Jahren starb sie;
die ganzen drei Jahre hat sie nur um ihre beiden Söhne getrauert. Aus
meinem Elternhaus habe ich die allerteuersten Erinnerungen, denn keine
Erinnerung ist dem Menschen so teuer, als die der ersten Kindheit in
seinem Elternhause, und das ist fast immer so, wenn in der Familie nur
etwas Liebe und Einigkeit herrscht. Ja, selbst aus der schrecklichsten
Familie kann man die teuersten Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele
selbst fähig ist, das Wertvolle zu finden. Zu den Erinnerungen aus
meinem Vaterhause gehören auch die Erinnerungen an die biblischen
Geschichten, die ich, obwohl ich noch ein kleines Kind war, sehr zu
hören liebte. Ich besaß damals eine Biblische Geschichte mit schönen
Bildern und mit dem Titel: „Hundertundvier biblische Geschichten aus dem
Alten und Neuen Testament“. Und aus diesem Buch lernte ich das Lesen.
Und noch jetzt steht sie hier auf meinem Bücherbrett, und ich bewahre
sie als teures Andenken auf. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt
hatte, noch vor meinem achten Jahre, hatte ich ein geistiges Erlebnis.
Meine Mutter brachte mich allein (ich weiß nicht, wo mein Bruder damals
war) am Montag der Karwoche zum Abendmahl in die Kirche. Der Tag war
hell, und ich erinnere mich noch jetzt, als ob ich es vor mir sähe, wie
der Weihrauch aus dem Räucherfaß leise aufstieg, von oben aber aus den
schmalen Fenstern der Kuppel über uns das Licht Gottes sich ergoß, und
wie der emporsteigende Weihrauch sich mit den Sonnenstrahlen vermischte.
Eine heilige Empfindung durchschauerte mich, und zum erstenmal nahm ich
bewußt das Wort Gottes in mich auf. Ein Knabe mit einem großen Buche
trat in die Mitte der Kirche vor, so groß war das Buch, daß er es, wie
mir schien, nur mit Mühe tragen konnte. Er legte es aufs Pult nieder,
schlug es auf und fing zu lesen an, und plötzlich begriff ich etwas
davon, und ich begriff zum erstenmal in meinem Leben, daß in der Kirche
gelesen wurde. „Es war ein Mann im Lande Uz, der war sehr
gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, viele Kamele und Schafe,
und seine Kinder lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu
Gott für sie, auf daß sie nicht sündigten in ihrem Frohsinn. Da trat
eines Tages zusammen mit den Engeln auch der Böse vor den Thron des
Herrn, und er sagte zum Herrn, er habe alles Land durchzogen, über und
unter der Erde. Und Gott der Herr fragte ihn: Hast du auch meinen Knecht
Hiob gesehen? Und Gott rühmte sich vor dem Satanas seines großen treuen
Dieners. Da lachte der Böse über die Worte Gottes und sprach: „Übergib
ihn mir, und du wirst sehen, daß dein treuer Knecht murren und deinen
Namen verfluchen wird.“ Und da übergab Gott seinen Gerechten, seinen
geliebten treuen Diener dem Teufel, und der Teufel ging hin und
vernichtete seine Kinder, seine Herden und seinen ganzen Reichtum, wie
mit einem Donnerschlag Gottes. Da zerriß Hiob seine Kleider und warf
sich hin zur Erde und rief: „Nackt bin ich hervorgegangen aus meiner
Mutter Leibe, nackt fahre ich wieder dahin, der Herr hat es gegeben, der
Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in
alle Ewigkeit!“
Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir meine Tränen, denn meine ganze
Kindheit steht wieder auf in mir, und ich atme wieder, wie ich damals
mit meiner kleinen Kinderbrust atmete, und ich fühle wie damals
Erstaunen, Rührung und Freude. Und die Kamele beschäftigten meine
Phantasie, und der Satan, der so zu Gott sprach, und Gott, der seinen
Knecht dem Unglück überlieferte, und der Knecht, der da ausrief: „Nackt
hast Du mich geschaffen, nackt sterbe ich, Dein Name, o Herr, sei
gelobt!“ und darauf der leise und süße Kirchengesang: „Erhöre mein
Gebet,“ und der aufsteigende Thymianrauch aus dem Weihrauchfasse des
Priesters, und dann das Gebet auf den Knien. Seit der Zeit – und noch
gestern las ich sie – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen
lesen. Wieviel Großes, Geheimnisvolles und Unbegreifliches liegt darin!
Später hörte ich stolze Worte von Spöttern und Lästerern darüber: „Wie
konnte Gott seinen Lieblingsknecht dem Teufel ausliefern, ihm seine
Kinder nehmen, ihn mit Krankheit und Wunden schlagen, so daß er mit
Scherben den Eiter aus seinen Wunden und Beulen herausbringen mußte, und
warum und wozu? Um sich etwa vor dem Satan rühmen zu können: „Sieh, was
er um meinetwillen leiden kann!“ Aber das Große in ihm bleibt uns ein
Geheimnis, das vergängliche Irdische und die ewige Wahrheit kreuzen sich
hier. Die ewige Gerechtigkeit steht über dem irdischen Recht. Hier ist
es der Schöpfer, der in den ersten Tagen seiner Schöpfung nach jedem
Tagewerk sagt: „Es ist gut, was ich geschaffen habe“ der Schöpfer, der
Hiob sieht, und dieses sein Geschöpf lobt. Und Hiob, Gott lobend, dient
nicht nur ihm, sondern er dient auch der ganzen Schöpfung Gottes, von
Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, denn das war
doch seine Bestimmung. Mein Gott, was für ein Buch das ist, und welche
Weisheit es enthält! Welche Wunder enthält die Heilige Schrift, und
welche Kraft ist in ihr den Menschen gegeben! Welche Auslegung der Welt
und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist gezeigt
und erwiesen bis in die Ewigkeit aller Zeiten. Und welch gelöste und
offenbarte Geheimnisse: und Gott richtet Hiob wieder auf, schenkte ihm
wieder Reichtum, und es vergehen viele Jahre, und er hat wieder neue
Kinder, andere Kinder, die er liebt. Mein Gott: „Wie konnte er,“ sollte
man meinen, „diese neuen lieben und die anderen, die ersten, vergessen?
Wie konnte er, wenn er an sie dachte, vollkommen glücklich sein mit den
neuen, wie lieb er diese auch haben mochte?“ Und doch ist es möglich,
ist es möglich: der alte Kummer – das große Geheimnis des Menschenlebens
– verwandelt sich allmählich in eine stille, freudige Rührung; an Stelle
des jungen, kochenden Blutes tritt die Ruhe demütigen klaren Alters. Ich
preise den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz jubelt ihm wie
früher zu, und doch liebe ich jetzt mehr ihren Untergang, ihre langen
schrägen Strahlen mit ihren stillen, versöhnenden, rührenden
Erinnerungen, mit den lieben Bildern aus meinem ganzen langen und
gesegneten Leben – und über alledem schwebt die friedenspendende,
allvergebende Gerechtigkeit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß
und fühle es, doch fühle ich auch mit jedem sich neigenden Tage, wie
mein Leben dieser Erde mit einem neuen, unendlichen, unbekannten, aber
schon neu heraufkommenden Leben zusammenfließt, dessen Vorgefühl meine
zitternde, bebende Seele mit Entzücken erfüllt. Mein Geist leuchtet, und
mein Herz weint vor Freude ... Meine Freunde und Lehrer, hörte ich nicht
des öfteren und jetzt in der letzten Zeit mehr denn früher, wie bei uns
die Priester des Herrn, und besonders die vom Lande, sich überall mit
Tränen über ihren geringen Unterhalt und ihre geringe Stellung beklagen;
gerade heraus sagen sie (ich habe es selbst gelesen), daß sie nicht mehr
imstande wären, dem Volke die Schrift auszulegen, denn ihr Unterhalt
wäre so gering, und wenn die Lutheraner oder andere Ketzer ihnen die
Herde abtrünnig machten, so möchten sie es nur tun, sie hätten keine
Kraft mehr, sie aufzuhalten. „Herr!“ denke ich, „möge Gott ihnen doch
ein besseres Gehalt geben“ (denn gerecht sind ihre Klagen), aber in
Wahrheit sage ich: Wenn jemand daran schuld ist, so sind zur Hälfte wir
es selbst! Denn möge er recht haben, daß er dazu keine Zeit mehr finden
kann, da er arbeiten muß und ihn Notdurft peinigt – doch nicht die ganze
Zeit braucht er zu arbeiten, eine Stunde in der Woche wird er Zeit
finden, um an Gott zu denken. Und doch nicht das ganze runde Jahr über
hat er zu arbeiten! Möge er einmal in der Woche bei sich die Kinder zur
Abendstunde versammeln – und wenn das die Eltern hören, so kommen auch
die Eltern mit. Auch keine besonderen Gebäude hat man dazu nötig, nein,
einfach in deine Stube nimm sie; fürchte dich nicht, sie werden deine
Stube nicht verunreinigen, nur auf eine Stunde versammeln sie sich ja in
ihr. Schlage die Heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, ohne hohe
Worte und ohne Hochmut und Überhebung, bescheiden und von Herzen
kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen,
weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um
dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist, zu erklären;
beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das
rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und
Rebekka; davon, wie Jakob zu Laban ging und im Traume Gott sah und mit
ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen
tiefen Eindruck machen. Lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie
die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, den
späteren großen Seher und Propheten, in die Sklaverei verkauften, dem
Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten, und
zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie
darauf die Brüder nach Ägypten fuhren, um Brot einzukaufen, und Joseph,
der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte,
beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe
euch, und liebend quäle ich euch.“ Denn sein ganzes Leben hatte er
ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim
Brunnen den Händlern verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint
und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklaven in ein fremdes
Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren
wiedersieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in
seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr
ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen
ausbricht; nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend
und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin
Joseph, euer Bruder!“ Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute,
als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Ägypten sei, wie
er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb und bei
seinem Tode das große Wort aussprach, das während seines ganzen Lebens
in seinem Herzen geruht hatte: daß aus seinem Stamme, aus dem Stamme
Juda, der Erlöser und der Friedensfürst der Welt kommen werde! Meine
Väter und Lehrer, verzeiht mir und ärgert euch nicht, daß ich darüber
wie ein Kind rede, was ihr schon lange wißt, und was ihr selbst
hundertmal vollkommener zu lehren wüßtet. Nur aus Begeisterung rede ich
dieses, und vergebt mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! So
möge auch er, der Priester des Herrn, weinen, und er wird sehen, wie die
Herzen der Zuhörer ihm darauf antworten werden. Es genügt ein winziges
Samenkorn, das er in die Seele des einfachen Mannes legt, und es wird
nicht sterben, sondern in seiner Seele durch das ganze Leben hindurch
fortwirken; es wird wie ein heller Punkt, wie eine große Erinnerung
inmitten der Finsternis und des Abschaumes seiner Sünden stehen bleiben.
Und es ist nicht nötig, nicht nötig, alles zu erläutern und zu erklären;
je einfacher ihr es sagt, desto besser versteht er es. Oder glaubt ihr,
daß der einfache Mann etwa nichts davon verstehen könne? Versucht es
doch, lest ihm die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen
Esther oder die wunderbare Erzählung vom Propheten Jonas im Bauche des
Walfisches vor. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn,
vorzugsweise nach dem Evangelium Lucas (so habe ich es gemacht) und dann
aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (gerade das, durchaus
das). Und schließlich aus den heiligen Legenden, wenn auch nur die
Lebensgeschichte Alexeis des Gottesknechtes und der Ägyptischen Mutter
Maria, die groß ist unter den Großen, die freudige große Dulderin,
Gottseherin und Kreuzesträgerin – und ihr werdet sein Herz mit diesen
einfachen Erzählungen durchdringen. Nur auf eine Stunde in der Woche,
trotz des geringen Gehaltes, nur auf eine kleine Stunde ruft sie zu
euch. Und jeder, der so tut, wird selbst erfahren, daß unser Volk gut
und dankbar ist und ihm hundertfältig danken wird; der Sorgfalt und der
gütigen Worte des Priesters wird es gedenken und aus Dankbarkeit wird es
ihm freiwillig auf seinem Acker Hilfe leisten, und auch im Hause wird es
ihm helfen und wird ihm mehr Achtung zollen als früher – und siehe, da
wäre ihm denn auch schon sein Gehalt erhöht. Die Sache ist so schlicht
und einfach, daß man sich manchmal geradezu scheut, sie auszusprechen,
denn die Leute lachen darüber, und dennoch ist sie so wahr! Wer an Gott
nicht glaubt, glaubt auch nicht an ein Gottesvolk. Wer aber an ein
Gottesvolk glaubt, der wird auch sein Allerheiligstes erschauen, auch
wenn er bis dahin nicht daran geglaubt hat. Nur das Volk und seine
aufsteigende geistige Kraft kann die Atheisten, die sich von der
heimatlichen Erde losgelöst haben, wieder zu ihr zurückführen. Und was
ist das Wort Christi ohne Beispiel? Ohne Gottes Wort geht das Volk
unter, denn seine Seele dürstet nach dem Wort und nach der Empfängnis
alles Schönen. In meiner Jugend, es ist schon lange her, vor vierzig
Jahren, durchwanderte ich mit dem Pater Anfim ganz Rußland, um fürs
Kloster Almosen zu sammeln, und wir nächtigten mit Fischern zusammen am
Ufer eines großen schiffbaren Flusses. Zu uns setzte sich ein
wohlgestalteter Jüngling, dem Aussehen nach ein Bauer von achtzehn
Jahren; er hatte sich beeilt, an Ort und Stelle zu sein, um am nächsten
Morgen die Kaufmannsbarke stromhin an der Leine zu schleppen. Ich sah,
daß er mit guten, klaren Augen in die Welt schaute. Die Nacht war hell,
ruhig und warm, eine Julinacht; vom breiten Strome erhob sich der Nebel
und erfrischte uns; von Zeit zu Zeit plätscherte ein Fisch, die Vögel
waren verstummt, alles war ruhig und erhaben, als betete die Natur zu
Gott. Nur wir beide, dieser Jüngling und ich, schliefen nicht, sondern
sprachen von der Schönheit und dem großen Geheimnis dieser Gotteswelt.
Jedes Hälmchen, jeder Käfer, die Ameise und die goldene Biene, alle
kennen sie zum Verwundern ihren Weg, ohne Vernunft zu besitzen, und
zeugen von dem Geheimnis Gottes, indem sie es ununterbrochen selbst
erfüllen. Auch das Herz des lieben Jünglings war entzündet. Er vertraute
mir an, daß er den Wald liebe und die Vögel des Waldes. Er war
Vogelfänger, kannte ihren Ruf und verstand es selbst, sie anzulocken.
„Besseres als den Wald kenne ich nicht,“ sagte er, „ja, und alles ist
gut.“ – „Wahrlich,“ antwortete ich ihm, „alles ist gut und vollkommen,
denn alles ist Wahrheit. Siehe, sage ich zu ihm, das Pferd, dieses große
Tier, das dem Menschen am nächsten steht, oder den Stier, der ihn
ernährt und für ihn arbeitet, wie er ernst und nachdenklich aussieht!
Betrachte seine Augen: welche Demut, welche Anhänglichkeit an den
Menschen, der ihn oft unbarmherzig schlägt, welch eine Gutmütigkeit,
welch eine Zutraulichkeit und welche Schönheit liegt in diesem Blick des
Tieres! Rührend ist es zu wissen, daß sie keine Sünde begehen, denn
alles ist vollkommen, und alles außer den Menschen ist sündlos, und
Christus ist mit ihnen eher als mit uns.“ „Ja, haben sie denn auch
Christus?“ fragte der Jüngling. – „Wie könnte es anders sein,“ sagte ich
zu ihm, „denn für alle ist das Wort, die ganze Schöpfung und jegliches
Geschöpf. Jedes Blättchen strebt zum Wort, preist Gott und weint zu
Christo, sich selbst unbewußt, allein schon durch das Geheimnis seines
sündenlosen Daseins. Siehe,“ sagte ich zu ihm, „im Walde haust der
schreckliche Bär, der grausam und wild und doch ganz schuldlos ist.“ Und
ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der
im Walde in einer kleinen Zelle sein Leben fristete, und der große
Heilige ging furchtlos zu ihm hinaus und gab ihm ein Stück Brot: „Gehe
hin, Christus sei mit dir,“ sagte er zu ihm, und das grimme Tier war
sanft und gehorsam und tat ihm nichts zuleide. Es rührte den Jüngling,
daß er ihm nichts zuleide getan hatte, und daß auch Christus mit ihm
wäre. „Ach, wie ist das schön, und wie ist doch alles Göttliche gut und
wunderbar!“ Er saß da und dachte tief und glücklich nach. Ich sah, daß
er es begriffen hatte. Er schlief neben mir ein; leicht und sündlos war
sein Schlaf. Herr, segne die Jugend! Und ich betete daselbst für ihn,
bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen.
c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den Knaben- und Jugendjahren
seines weltlichen Lebens. Das Duell.
In der Kadettenanstalt zu Petersburg blieb ich fast acht Jahre, und in
der neuen Umgebung traten viele meiner Kindheitseindrücke zurück, doch
habe ich sie selbst dort nie ganz vergessen. Zum Ersatz dafür nahm ich
so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen in mich auf, daß ich
mich alsbald in ein wildes, grausames und albernes Wesen verwandelt
hatte. Die Formen der Höflichkeit und des weltlichen Umgangs eignete ich
mir zusammen mit der französischen Sprache an, die Soldaten aber, die
uns in der Anstalt bedienten, wurden von meinen Kameraden nicht höher
als das Vieh geachtet, und auch von mir nicht. Ich mißachtete sie
vielleicht sogar am meisten von allen anderen Kameraden, denn ich war
der Empfänglichste von ihnen. Als wir als Offiziere die Anstalt
verließen, waren wir bereit, für die sogenannte Ehre unseres Regiments
unser Blut zu vergießen; die wahre Ehre aber kannte niemand von uns, und
wenn sie uns jemand erklärt hätte, so würden wir sie verlacht haben. Man
prahlte mit Liederlichkeit, Trunkenheit und Wildheit. Ich kann nicht
sagen, daß alle diese jungen Leute schlecht gewesen wären, nein, sie
waren gut, aber sie führten sich nur schlecht auf, und von ihnen allen
führte ich mich am schlechtesten auf. Die Hauptsache war, daß ich Geld
hatte, und so lebte ich denn nur fürs Vergnügen, stürmte mit vollen
Segeln ins Leben hinein, ohne meine jugendlichen Begierden zu zügeln.
Aber eines ist wunderbar: ich las damals mit vielem Vergnügen Bücher,
nur die Bibel habe ich nie aufgeschlagen, doch trennte ich mich niemals
von ihr, ich führte sie überall mit mir: wahrlich, ich bewahrte dieses
Buch auf, ohne zu wissen für welchen Tag, für welche Stunde, welchen
Monat oder welches Jahr. So war ich schon seit vier Jahren Leutnant, als
ich in der Stadt K. ankam, wohin unser Regiment verlegt worden war. Die
Gesellschaft dieser Stadt war sehr lustig, gastfrei und reich. Man
empfing mich überall äußerst liebenswürdig, denn ich war sehr lebhaft,
und man hielt mich obendrein für reich, was in dieser Welt nicht wenig
zu bedeuten hat. Da ereignete sich aber etwas, was den Anfang zu allem
übrigen bildete. Ich verliebte mich in ein junges und schönes Mädchen,
die Tochter geachteter Eltern; sie war klug und hatte einen edlen
Charakter. Es war eine angesehene Familie, die Vermögen hatte und nicht
geringen Einfluß besaß; ich wurde freundlich und zuvorkommend in ihrem
Hause aufgenommen. Auch schien mir, daß das junge Mädchen mir
wohlgeneigt war – und mein Herz flammte auf. Später kam ich zu der
Überzeugung, daß ich sie gar nicht so sehr geliebt hatte, sondern nur
ihren hohen Verstand und ihren Charakter verehrte, wie es auch nicht
anders sein konnte. Meine Eigenliebe verhinderte aber, daß ich damals um
ihre Hand anhielt; ich konnte mich nur schwer von meinem liederlichen
und freien Junggesellenleben in so jungen Jahren trennen, besonders da
ich zum Überfluß selbst Geld besaß. Indessen machte ich ihr aber
Andeutungen. Auf jeden Fall schob ich einen entscheidenden Schritt noch
hinaus. Da erhielt ich eine Abkommandierung auf zwei Monate in einen
anderen Kreis. Als ich wieder zurückkehrte, erfuhr ich, daß das junge
Mädchen sich mit einem reichen Gutsherrn aus der Nachbarschaft
verheiratet hatte, einem jungen, wenn auch mir an Jahren überlegenen
Mann, der obendrein zu reichen Familien in Petersburg Verbindungen
hatte, was mir fehlte, und dazu ein sehr liebenswürdiger und gebildeter
Mann war, während ich fast gar keine Bildung besaß. Ich war so betroffen
von dieser unerwarteten Tatsache, daß ich fast meine Sinne verlor. Die
Hauptsache bestand aber darin, daß, wie ich erfuhr, der junge
Gutsbesitzer schon lange mit ihr verlobt gewesen war – ich selbst war
ihm mehrere Male in ihrem Hause begegnet. So blind war ich also von
meinen Vorzügen überzeugt gewesen, daß ich nichts von alledem bemerkt
hatte! Das war es, was mich jetzt vor allem beleidigte. Wie, alle hatten
es gewußt, nur ich allein hatte nichts davon gewußt? Eine schreckliche
Wut packte mich. Ich errötete vor Scham, wenn ich daran dachte, wie oft
es meinerseits fast zu einem Liebesgeständnis gekommen war, und da sie
mich weder unterbrochen, noch gewarnt hatte, so hatte sie sich also,
dachte ich bei mir, nur über mich lustig gemacht. Später freilich
gestand ich mir ein, als ich mir alles klar ins Gedächtnis
zurückgerufen, daß sie keineswegs über mich gelacht hatte, sondern stets
bemüht gewesen war, solche Gespräche scherzend abzubrechen und auf
anderes überzugehen. Doch damals hatte ich nicht die nötige Ruhe, um mir
das einzugestehen: alles brannte in mir vor Rachedurst. Mit Verwunderung
denke ich noch jetzt daran zurück. Diese Rachsucht und mein Zorn waren
für mich selbst bis zum äußersten schwer zu ertragen, weil ich, als ein
lebhafter und leichter Charakter, niemals lange auf irgend jemanden böse
sein konnte. Damals aber nährte ich sie künstlich und stachelte sie in
mir auf, bis ich schließlich widerlich und albern wurde. Ich wartete nun
darauf, und es gelang mir auch, meinen „Gegner“ einmal in einer
zahlreichen Gesellschaft, bei einem ganz nebensächlichen Anlasse, zu
beleidigen. Ich verlachte eine seiner Meinungsäußerungen über eine
damals wichtige Begebenheit, und wie viele behaupteten, soll es mir
tatsächlich gelungen sein, ihn gewandt und geistreich zu verspotten. Ich
zwang ihn zu einer Erklärung, und dabei verhielt ich mich so grob zu
ihm, daß er meine Herausforderung sofort annahm, ungeachtet des großen
Abstandes zwischen mir und ihm, da ich jünger und viel niedriger im
Range war als er. Hernach erfuhr ich denn, daß er aus Eifersucht auf
mich meine Herausforderung zum Duell sofort angenommen hatte. Er war
auch früher schon, als er noch verlobt war, auf mich eifersüchtig
gewesen, und so dachte er: „Wenn sie erfährt, daß ich eine Beleidigung
von ihm ertragen habe, ohne ihn zum Duell herauszufordern, so wird sie
mich verachten und ihre Liebe zu mir wird erkalten.“ Einen Sekundanten
hatte ich bald zur Stelle, einen Kameraden, einen Leutnant unseres
Regiments. Obgleich damals Duelle streng bestraft wurden, so waren sie
doch bei dem Militär geradezu Mode, – bis zu solch einem Wahnsinn können
sich manchmal Vorurteile festsetzen. Es war Ende Juni, unser Rendezvous
war auf den nächsten Tag um sieben Uhr morgens außerhalb des Städtchens
festgesetzt worden. Da ereignete sich in Wahrheit etwas Verhängnisvolles
mit mir. Am Abend, als ich angetrunken und wütend nach Hause
zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug
ihm mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, so daß er blutete. Er diente
schon lange bei mir, und es war auch schon früher vorgekommen, daß ich
ihn geschlagen hatte, aber niemals noch hatte ich es mit einer so
tierischen Roheit getan. Und glaubt es mir, meine Lieben, vierzig Jahre
sind seitdem vergangen, aber noch jetzt denke ich mit Qual und Scham
daran zurück. Ich legte mich schlafen und schlief drei Stunden. Als ich
aufwachte, fing es gerade an zu tagen. Ich erhob mich sofort, denn ich
wollte nicht mehr schlafen, ging ans Fenster, öffnete es – und lehnte
mich zum Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf, es war warm und
wundervoll, die Vögel zwitscherten. Warum, dachte ich, empfinde ich in
meiner Seele etwas Schmutziges und Niedriges? Etwa deshalb, weil ich im
Begriff war, Blut zu vergießen? Nein, denke ich, das ist es nicht.
Vielleicht, weil ich den Tod fürchte und fürchte erschossen zu werden?
Nein, das ist es auch nicht, das ist es erst recht nicht ... Und
plötzlich wußte ich, um was es sich handelte: ich hatte gestern abend
Afanassij geschlagen! Plötzlich sehe ich alles vor mir, als ob die Szene
sich von neuem wiederholte: er steht vor mir, und ich schlage ihn mit
voller Kraft ins Gesicht, er aber hält seine Hände an den Hosennähten,
den Kopf gerade, die Augen, wie in der Front, geradeaus gerichtet. Bei
jedem Schlage fährt er zusammen, und doch wagt er nicht, zum Schutze
seine Hände zu erheben – und ich lasse mich so gehen und schlage einen
anderen Menschen. Wie mit spitzen Nadeln stach es in mein Herz. Mir
schwindelte. Die Sonne aber leuchtete so hell, die Blättchen blitzten
feucht vom Tau, und die Vögel, die Vögel lobten Gott ... Ich bedeckte
mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und schluchzte laut
auf. Da erinnerte ich mich denn der Worte meines Bruders Markell, die er
vor seinem Tode zu den Dienstboten gesagt hatte: „Ihr, meine Lieben,
Teuren, warum dient ihr mir, und warum liebt ihr mich? Bin ich dessen
wert, daß ihr mir dient?“ „Ja, bin ich denn dessen wert?“ ging es mir
durch den Kopf. In der Tat, wodurch bin ich wert, daß ein anderer
Mensch, so einer, wie ich es bin, das Ebenbild Gottes – daß er mir
dient? Und zum erstenmal in meinem Leben ging mir diese Frage durch den
Sinn ...
„Mütterchen, mein eigenes liebes Herzblut, in Wahrheit ist jeder vor
allen schuldig, nur wissen es die Menschen nicht, wenn sie es aber
wüßten, so würde sofort das Paradies auf Erden sein.“ „Herrgott, wie
sollte das nicht wahr sein,“ denke ich und weine, „wahrlich, ich bin von
allen Menschen auf der Welt der Schuldigste und Schlechteste!“ Und vor
mir tauchte die ganze Wahrheit auf mit ihrem ganzen Licht. Was war ich
im Begriff zu tun? Einen guten, klugen, edlen Menschen zu töten, der mir
gegenüber keine Schuld hatte, und seine Frau auf ewig ihres Glückes zu
berauben und sie zu quälen und gleichfalls zu vernichten! So lag ich auf
dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt, und ich gewahrte nicht, wie
die Zeit verging. Plötzlich tritt mein Kamerad, der Leutnant, der mein
Sekundant sein sollte, mit dem Pistolenkasten unterm Arm, bei mir ein:
„Gut,“ sagte er, „daß du schon angekleidet bist, es ist Zeit zum
Aufbruch.“ Ich fuhr auf und konnte mich gar nicht fassen. Wir traten
hinaus, um in den Wagen einzusteigen. „Warte hier einen Augenblick,“
sagte ich zu ihm, „ich laufe nur auf einen Moment hinein, habe mein
Portemonnaie vergessen.“ Und ich lief in die Wohnung zurück, geradeswegs
in die Kammer Afanassijs: „Afanassij,“ sage ich, „ich habe dich gestern
zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe es mir.“ Er fuhr zusammen, als
hätte ich ihn erschreckt, er sieht mich erstaunt an – und ich sah, daß
das zu wenig war, und plötzlich fiel ich, so wie ich war, in Uniform und
Epauletten, vor ihm hin und mit der Stirn berührte ich die Erde: „Vergib
mir!“ sagte ich. Da erstarrte er einfach: „Euer Wohlgeboren, Väterchen,
Herr, was tun Sie ... bin ich es denn wert!“ und er brach in Tränen aus;
gerade wie ich es getan hatte, bedeckte nun auch er mit beiden Händen
sein Gesicht, wandte sich ab zum Fenster, und sein Körper wurde vom
Weinen erschüttert. Ich lief hinaus zu meinem Kameraden, stieg in den
Wagen und schrie dem Kutscher zu: „Fort!“ „Ich habe einen Sieger
gesehen,“ rief ich meinem Kameraden zu „siehst du, hier steht er vor
dir.“ Ein solches Entzücken hatte mich gepackt, ich lachte während der
ganzen Fahrt und sprach und sprach, ich weiß nicht mehr, was ich sprach.
Er sieht mich an: „Nun, Bruder,“ sagte er zu mir, „du bist ein ganzer
Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.“ So kamen wir am Orte an. Die
anderen waren schon dort und erwarteten uns. Man stellte uns auf zwölf
Schritt Distanz. Er hatte den ersten Schuß. Ich stand vor ihm, fröhlich,
gerade mit dem Gesicht zu ihm, unbeweglich, Auge in Auge, sah ihn
liebevoll an, und ich wußte, was ich tat. Er schoß ab, die Kugel
schrammte ein wenig meine Wange und streifte mein Ohr. „Gott sei Dank,“
rief ich, „Sie haben keinen Menschen getötet!“ erhob meine Pistole,
kehrte mich zurück und warf sie mit einem Bogen in den Wald: „Dahin,“
rief ich – „gehörst du!“ Darauf wandte ich mich an meinen Gegner:
„Geehrter Herr,“ sagte ich, „verzeihen Sie mir dummen, jungen Menschen,
daß ich Sie absichtlich beleidigt habe, und Sie durch mich jetzt
gezwungen waren, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als
Sie und vielleicht sogar noch mehr. Berichten Sie das, bitte, der Dame,
die Sie vor allen anderen Menschen auf der Welt am meisten achten.“ Kaum
hatte ich das gesagt – so schrien sie alle drei. „Aber ich bitte Sie,“
sagte mein Gegner sehr geärgert, „wenn Sie nicht schießen wollen, wozu
haben Sie uns denn hierher bemüht?“ – „Gestern war ich noch dumm, heute
aber bin ich schon klüger,“ antwortete ich ihm lächelnd. „Was Sie von
gestern sagen, glaube ich Ihnen, was Sie aber von heute sagen, so weiß
ich noch nicht, ob ich Ihrer Meinung beistimmen kann.“ – „Bravo,“ rief
ich aus und klatschte in die Hände, „auch darin bin ich mit Ihnen
einverstanden, habe es verdient!“ – „Werden Sie schießen, mein Herr,
oder nicht?“ – „Ich werde nicht schießen,“ antwortete ich, „aber wenn
Sie wollen, so schießen Sie noch einmal, nur besser wäre es für Sie,
nicht zu schießen.“ Die Sekundanten riefen, besonders der meinige: „Wie
können Sie das Regiment so beschimpfen, daß Sie vor dem Schuß stehend um
Verzeihung bitten? Wenn ich das gewußt hätte!“ Da stand ich nun vor
ihnen; ich lachte aber nicht mehr: „Meine Herren,“ sagte ich, „ist es
denn wirklich so erstaunlich in unserer Zeit, einen Menschen zu treffen,
der seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?“ –
„Aber doch nicht vor dem Schuß!“ schrie wieder mein Sekundant. – „Das
ist es ja,“ antwortete ich ihm, „das ist ja freilich sehr wunderlich,
ich hätte gleich meine Entschuldigung machen sollen, als wir
hierherkamen, noch vor Ihrem Schuß, und Sie nicht zu einer so großen und
todbringenden Sünde zwingen sollen, aber wir haben uns in der Welt so
sinnlos eingerichtet, daß mir anders zu handeln unmöglich war, ich mußte
erst Ihren Schuß auf zwölf Schritt Distanz aushalten, um Ihnen allen
meine Meinung darüber sagen zu können. Hätte ich es aber vor dem Schuß,
als wir hier zusammentrafen, gesagt, so hätten Sie einfach geurteilt:
Dieser Feigling, die Pistole hat ihm Angst gemacht! Meine Herren,“ rief
ich plötzlich von ganzem Herzen aus, „sehen Sie um sich, auf diese
Götterwelt: Der Himmel ist klar und die Luft ist rein, wie zart ist das
Gras, wie schön und sündlos ist die Natur, nur wir, nur wir allein sind
gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben ein Paradies ist –
wenn wir es nur verstehen wollten, so würde die Erde in ihrer ganzen
Schönheit zum Paradiese, und wir würden einander umarmen und vor Freude
weinen ...“ Ich wollte noch weiter fortfahren, konnte aber nicht, der
Atem ging mir aus, so selig, so jugendlich war mir zumute, das Herz
voller Glück, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht empfunden hatte.
„Alles das ist sehr vernünftig und ehrenwert,“ sagte mein Gegner „und
jedenfalls sind Sie ein origineller Mensch ...“ „Lachen Sie nur, später
werden auch Sie mich loben,“ rief ich ihm lachend zu. – „Ich bin bereit,
Sie schon jetzt zu loben, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche,
denn es scheint, daß Sie wirklich ein aufrichtiger Mensch sind.“ –
„Nein,“ sagte ich, „jetzt ist das nicht nötig, später, wenn ich besser
sein und Ihre Achtung verdient haben werde, dann reichen Sie mir Ihre
Hand.“ Wir kehrten nach Haus zurück; mein Sekundant schimpfte mich
während der ganzen Fahrt tüchtig aus, ich aber – küßte ihn. Sofort
erfuhren es alle meine Kameraden und versammelten sich noch am selben
Tage, um über mich Gericht zu halten: „Er hat das Regiment beschimpft,
er soll seinen Abschied einreichen!“ Einige verteidigten mich und
meinten: „Den Schuß hat er doch abgewartet.“ – „Ja, aber die anderen
Schüsse hat er eben gefürchtet und daher um Verzeihung gebeten.“ –
„Aber, wenn er die Schüsse gefürchtet hätte,“ erwiderten die
Verteidiger, „so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um
Verzeihung gebeten, er aber warf sie geladen in den Wald! Nein, dem
liegt etwas anderes zugrunde, etwas Originelleres.“ Ich hörte ihnen zu;
mir war so heiter zumut, wenn ich sie so anschaute: „Meine lieben
Freunde und Kameraden, sorgen Sie sich nicht um meinen Abschied; ich
habe ihn schon eingereicht, heute morgen, und sobald ich ihn erhalte,
gehe ich sofort ins Kloster – darum habe ich es getan.“ Als ich das kaum
ausgesprochen hatte, lachten alle bis auf den Letzten laut auf: „Ja,
wenn du uns das nur gleich mitgeteilt hättest, so wäre uns ja alles klar
geworden, einen Mönch kann man doch nicht verurteilen!“ Sie lachten und
hörten gar nicht auf damit, aber nicht spöttisch, sondern freundlich und
heiter lachten sie. Und alle liebten sie mich plötzlich, sogar meine
heftigsten Ankläger, und den ganzen Monat, solange ich meinen Abschied
noch nicht erhalten hatte, trugen sie mich fast auf den Händen: „Ach, du
Mönch,“ sagten sie. Und jeder hatte für mich ein freundliches Wort. Sie
beredeten mich und bedauerten mich sogar: „Was machst du aus dir?“ –
„Nein,“ sagten sie, „er ist tapfer, er hat den Schuß nicht gefürchtet
und auch selbst hätte er geschossen, ihm hatte aber die Nacht vorher
geträumt, daß er Mönch werden sollte, und daher ist alles gekommen.“
Dasselbe geschah mit mir auch in der Gesellschaft. Früher hatte man mich
nicht sonderlich beachtet, obgleich man mich überall freundlich
empfangen hatte, jetzt aber kannten mich alle und luden mich täglich zu
sich ein: sie lachten dabei über mich, aber sie liebten mich. Ich muß
noch bemerken, daß, obwohl allgemein in der Gesellschaft und öffentlich
über das Duell gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache geflissentlich
übersah; da mein Gegner ein naher Verwandter unseres Generals war, und
da die Sache so günstig und ohne alles Blutvergießen verlaufen war, ganz
wie ein Scherz, und da ich zudem meinen Abschied eingereicht hatte, so
faßte man denn auch wirklich die ganze Sache nur als Scherz auf. Ich
sprach daher ganz offen über die Sache, ungeachtet ihres Gelächters,
denn ich wußte, ihr Lachen war nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses
Gespräch war an den Abenden besonders beliebt; in der Damengesellschaft
hörte man mir gerne zu, und die Damen forderten auch ihre Männer auf,
mir zuzuhören. „Wie ist denn das möglich, daß ich allen gegenüber
schuldig bin?“ fragte mich ein jeder und lachte mir ins Gesicht, „wie
soll ich denn zum Beispiel Ihnen gegenüber schuldig sein?“ – „Ja, wie
sollten Sie das wohl wissen,“ antwortete ich ihnen, „da die ganze Welt
schon seit langem einen anderen Weg eingeschlagen hat, und die Lüge als
Wahrheit anerkannt ist, und daher auch ein jeder vom anderen solche Lüge
verlangt. Einmal im Leben habe ich aufrichtig gehandelt, und da
erscheine ich nun Ihnen allen als Geistesschwacher: obgleich Sie lieb zu
mir sind, so lachen Sie doch alle über mich.“ – „Wie sollte man Sie, so
wie Sie sind, nicht lieben?“ sagte laut die Hausfrau und lächelte mir
zu. Es war bei ihr eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Und
plötzlich sehe ich, löst sich aus der Gesellschaft eine Dame und tritt
auf mich zu. Es war dieselbe junge Dame, um derentwillen es zum Duell
gekommen war, und die ich mir noch vor kurzer Zeit als Braut zugedacht
hatte. Ich hatte es nicht bemerkt, daß auch sie sich im Salon befand.
Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand: „Erlauben Sie, bitte,
Ihnen zu sagen, daß ich nicht über Sie lache, im Gegenteil, mit Tränen
in den Augen danke ich Ihnen, und ich drücke Ihnen meine Hochachtung
aus, die ich für Sie wegen Ihrer Tat empfinde.“ Da kam auch ihr Mann auf
mich zu, reichte mir die Hand, und die ganze Gesellschaft umringte mich
und drückte mir somit ihr Mitgefühl aus. Es fehlte nicht viel, so hätten
sie mich alle umarmt. Mir war sehr froh zumute. Damals fiel mir aber
besonders ein Herr auf, ein älterer Herr, der auch zu mir herangetreten
war, den ich wohl dem Namen nach kannte, doch mit dem ich noch nie ein
Wort gewechselt hatte.
d) Der geheimnisvolle Gast
Schon seit langer Zeit nahm er in unserer Stadt eine angesehene Stellung
ein; er wurde von allen geachtet, war reich und als wohltätig bekannt.
Er hatte ein ansehnliches Kapital dem Krankenhause wie dem Waisenhause
übergeben und tat im geheimen viel Gutes, was erst später, nach seinem
Tode, bekannt wurde. Er zählte ungefähr fünfzig Jahre, hatte ein
strenges Aussehen und war sehr wortkarg; mit seiner jungen Frau, von der
er drei unmündige Kinder hatte, war er seit zehn Jahren verheiratet.
Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Tür sich
öffnete und dieser Herr bei mir eintrat. Ich muß hierbei bemerken, daß
ich nicht mehr in meiner früheren Wohnung lebte; als ich den Abschied
eingereicht hatte, nahm ich mir eine Wohnung mit Bedienung bei einer
alten Dame, einer Beamtenwitwe. Der Umzug in diese Wohnung war nur darum
geschehen, weil ich Afanassij noch am selben Tage, gleich nach dem
Duell, in die Kompagnie zurückschickte, denn ich schämte mich nach dem
Vorgefallenen, ihm in die Augen zu sehen, – so sehr ist ein weltlich
erzogener Mensch verbildet, daß er sich sogar einer gerechten Tat
schämen kann.
„Ich habe Ihnen schon einigemal und in verschiedenen Häusern mit großem
Anteil zugehört,“ sprach der bei mir eintretende Herr, „so daß ich
wünschte, endlich mit Ihnen persönlich bekannt zu werden, um mich noch
eingehender mit Ihnen zu unterhalten. Können Sie mir diesen großen
Gefallen erweisen?“ – „Mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir
zu einer ganz besonderen Ehre an,“ antwortete ich ihm darauf, selbst
aber erschrak ich, solch einen Eindruck hatte das auf mich gemacht. Denn
wie gern man mich auch angehört und wie sehr man mir allgemeine
Anteilnahme gezeigt hatte, so war doch noch niemand mit solchem Ernst
und aus innerer Überzeugung an mich herangetreten. Dieser aber kam sogar
zu mir in die Wohnung. Er setzte sich. „Ich erkenne eine große
Charakterstärke in Ihnen,“ fuhr er fort, „denn Sie haben sich nicht
gefürchtet, der Wahrheit zu dienen, und das noch in einer Sache, in der
Sie riskierten, die Verachtung aller auf sich zu ziehen.“ – „Ihr Lob
scheint mir etwas zu groß,“ sagte ich zu ihm. – „Nein, durchaus nicht,“
antwortete er mir, „glauben Sie, solch eine Handlung zu begehen, ist
viel schwerer, als Sie denken. Damit haben Sie mich in Erstaunen
gesetzt, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Beschreiben Sie mir,
bitte, wenn meine Neugier Sie nicht verletzt, was Sie in diesem Moment
empfanden, als Sie sich entschlossen, bei dem Duell um Entschuldigung zu
bitten, wenn Sie sich dessen noch erinnern können. Halten Sie meine
Frage nicht für leichtfertig, denn wenn ich Ihnen solch eine Frage
stelle, so habe ich dabei einen geheimen Zweck, den ich in der Folge
Ihnen mitteilen werde, wenn es Gott gefallen sollte, uns einander noch
näher zu führen.“
Die ganze Zeit, während der er sprach, sah ich ihm gerade in die Augen,
und plötzlich fühlte ich zu ihm ein unbegrenztes Vertrauen, und
gleichfalls empfand ich auch meinerseits eine ganz ungewöhnliche
Neugier, denn ich fühlte, daß er in seiner Seele ein ungewöhnliches
Geheimnis barg.
„Sie fragen mich, was ich in jener Minute empfand, als ich meinen Gegner
um Verzeihung bat? Ich werde Ihnen besser alles das von Anfang an
erzählen, was ich einem anderen nicht erzählen würde.“ Und ich erzählte
ihm, was sich mit mir und Afanassij zugetragen, und wie ich mich vor ihm
zur Erde niedergeworfen hatte. „Aus alledem können Sie ersehen,“ schloß
ich meine Erzählung, „daß es mir schon während des Duells leichter
zumute war, da ich ja meinen Weg bereits betreten hatte: jawohl, deshalb
war auch alles Weitere gar nicht mehr schwer, sondern leicht und
freudvoll für mich.“
Er hatte mich angehört und sah mich freundlich an: „Das alles,“ sagte
er, „interessiert mich außerordentlich, und ich werde noch öfter zu
Ihnen kommen.“ Seit der Zeit kam er denn auch jeden Abend zu mir, und
wir hätten uns gewiß sehr befreundet, wenn er mir nur von sich etwas
erzählt hätte. Er erzählte aber von sich kein Wort, sondern fragte immer
nur mich aus. Ungeachtet dessen hatte ich ihn sehr lieb gewonnen; ich
schilderte ihm alle meine Empfindungen und dachte bei mir: Was gehen
mich schließlich seine Geheimnisse an, ich sehe ja ohnedem, daß er ein
rechtschaffener Mensch ist. Dazu ist er ein so ernster Mensch, viel
älter als ich, und doch kommt er zu mir, einem Jüngling, ohne sich an
meinem Alter zu stoßen. Und viel Nützliches lernte ich aus den
Gesprächen mit ihm, denn er war ein sehr intelligenter Mensch. „Daß das
Leben ein Paradies ist,“ sagte er einmal zu mir, „darüber habe ich schon
lange nachgedacht,“ und plötzlich fügte er hinzu: „Das ist es ja, woran
ich eigentlich immer denke.“ Darauf sah er mich an und lächelte: „Ich
bin mehr als Sie davon überzeugt,“ sagte er, „Sie werden später
erfahren, warum.“ Als ich das hörte, dachte ich bei mir: Sicher will er
mir was anvertrauen. „Das Paradies ist in jedem von uns verborgen, auch
in mir verbirgt es sich jetzt und wenn ich will, wird es morgen in
Wirklichkeit in mir erstehen und dann für mein ganzes Leben andauern.“
Ich betrachtete ihn: gerührt und geheimnisvoll sah er mich an, als ob er
eine Antwort von mir erwartete. „Was das anbelangt,“ fuhr er fort, „daß
jeder Mensch vor allen und in allem schuldig ist, abgesehen von seinen
eigenen Sünden, so haben Sie darüber ganz richtig geurteilt, und es ist
zu verwundern, wie Sie diesen Gedanken in seinem ganzen Umfange erfaßt
haben. Wahrlich, es ist so: daß, sobald nur die Menschen diesen Gedanken
begriffen haben werden, das Himmelreich nicht nur in der Vorstellung,
sondern in Wirklichkeit beginnen wird.“ – „Aber wann,“ rief ich voll
Leid aus, „wann wird das geschehen und wird das überhaupt je geschehen
können? Wird das nicht immer nur ein Traum bleiben?“ – „Sehen Sie, da
haben Sie schon keinen Glauben daran, Sie prophezeien es nur, aber
selbst glauben Sie nicht daran. Ich sage Ihnen, daß dieser Traum, wie
Sie es nennen, in Erfüllung gehen wird, glauben Sie es mir. Aber es wird
noch nicht so bald geschehen, denn jeder Vorgang vollzieht sich nach
seinem Gesetz. Dieser Vorgang ist ein seelischer, ein psychologischer.
Um die Welt zu etwas Neuem umzugestalten, ist erforderlich, daß auch die
Menschen sich umgestalten und einen anderen Weg betreten. Keine
Brüderschaft kann früher sein, als bis tatsächlich ein jeder dem anderen
ein Bruder geworden ist. Durch keine Wissenschaft und durch keine
äußeren Hilfsmittel werden die Menschen lernen, ihre Rechte und ihre
Güter zu verteilen, ohne sich gegenseitig zu kränken. Immer wird Alles
für Jeden zu wenig sein, immer werden sie murren, sich gegenseitig
beneiden und zu vertilgen suchen. Sie fragen, wann das andere sein wird?
Es _wird_ sein, aber zuerst muß die Periode der menschlichen Absonderung
und Isolierung überwunden werden.“ – „Welcher Isolierung?“ fragte ich
ihn. – „Derselben, die jetzt überall herrscht, besonders in unserem
Jahrhundert. Noch ist nicht alles dazu reif, noch ist die Zeit nicht
gekommen. Jeder strebt jetzt danach, seine Person abzusondern, ein jeder
möchte in sich selbst die Fülle des Lebens erfahren, indessen ergibt
sich aus all seinen Anstrengungen nicht die Fülle des Lebens, sondern
vollständiger Selbstmord, statt Selbstbestimmung eben: vollständige
Isolierung. Alle sondern sich in unserem Jahrhundert zu Einzelexistenzen
ab; jeder isoliert sich in seiner Höhle, jeder entfernt sich vom
anderen, verbirgt sich und verbirgt, was er hat, und es endet damit, daß
er die Menschen abstößt und die Menschen ihn abstoßen. Er scharrt sich
ein Kapital zusammen und denkt: „Wie stark bin ich jetzt, jetzt bin ich
gesichert,“ und der Unsinnige weiß nicht einmal, daß er, je mehr er
ansammelt, desto mehr in eine selbstmörderische Ohnmacht verfällt. Denn
er hat sich daran gewöhnt, nur auf sich selbst zu hoffen, und er hat
sich als Isolierter vom Ganzen abgetrennt, er hat seine Seele gelehrt,
nicht an die Hilfe der Menschen zu glauben, weder an die der Menschen,
noch an die der Menschheit, und er zittert nur davor, daß er sein Geld
und die durch dasselbe erworbenen Rechte verlieren könnte. Der
Menschengeist will allgemein heutzutage nicht einsehen, daß die wahre
Sicherheit des Individuums nicht in seiner persönlichen isolierten Kraft
besteht, sondern im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Menschen. Aber
gewiß wird es so sein, und die Stunde wird kommen, wo diese furchtbare
Isolierung aufhören wird, und man wird plötzlich begreifen, wie
unnatürlich es gewesen ist, sich voneinander abzusondern. Und der Geist
der Zeit wird ein anderer sein, und man wird an ihm erkennen, wie lange
man in der Finsternis gelebt hat, ohne das Licht zu erblicken. Dann wird
auch das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen ... Bis zu der
Zeit aber muß dieses Zeichen behütet werden, und wenn es auch nicht
anders geht, so muß doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein Mensch durch
sein Beispiel die Seele aus dieser Isolierung befreien und ihr den Weg
zur allgemeinen Bruderliebe zeigen, und wenn er auch damit sich dem
aussetzt, daß er als Geistesschwacher verschrien wird – wenn nur der
große Gedanke nicht stirbt!“