in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse
zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht,
und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit
Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen
wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer
entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende
ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“
„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha.
„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber
ich will es dir nun einmal erzählen.“
V.
„Der Großinquisitor“
„Natürlich geht es auch hier nicht ohne Vorrede ab, ich meine, ohne ein
literarisches Vorwort, – hol’s der Kuckuck!“ begann Iwan lachend, „und
schließlich, was bin ich denn für ein Dichter! ... Also – die Handlung
spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert, damals aber – dir muß das
übrigens schon aus der Schule bekannt sein –, damals war es allgemein
gebräuchlich, die himmlischen Mächte in poetischen Darstellungen auf die
Erde zu bringen. Von Dante will ich nicht weiter reden. In Frankreich
waren es die Schreiber der Gerichtshöfe, die Passionsbrüderschaften und
in den Klöstern die Mönche, die ganze Vorstellungen gaben, in denen auf
der Szene die Madonna, Engel, Heilige, Christus und selbst Gott
dargestellt wurden. Damals war das alles naiv gemeint. In Victor Hugos
_Notre Dame de Paris_ wird unter Ludwig XI., zur Feier der Geburt des
Dauphins, in Paris, im Saale des Hotel de Ville, unentgeltlich dem Volke
eine erbauliche Vorstellung gegeben, unter dem Titel: ‚_Le bon jugement
de la très sainte et gracieuse Vierge Marie_‘, in der sie persönlich
erscheint und ihr _bon jugement_ verkündet. Auch bei uns in Moskau
wurden früher, vor Peter, eben solche dramatische Aufführungen
veranstaltet, vornehmlich nach Stoffen aus dem Alten Testament. Und so
gab es denn auch damals, als diese dramatischen Aufführungen so beliebt
waren, überall solche Geschichten, sogenannte ‚Poeme‘ und ‚Gedichte‘, in
denen je nach Bedarf Heilige, Engel und womöglich alle himmlischen
Mächte mitwirkten. In unseren Klöstern wurden diese Werke vielfach
übersetzt und abgeschrieben, oder man verfaßte ganz neue – und weißt du
auch, wann bereits? Zur Zeit des Tatarenjochs![17] Es gibt zum Beispiel
ein Klosterpoem – natürlich aus dem Griechischen: ‚Der Gang der Mutter
Gottes durch die Hölle‘, von einer Kühnheit der Phantasie, die der
danteschen wirklich nicht nachsteht. Die Mutter Gottes steigt hinab in
die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie ‚durch die Qualen‘. Sie
sieht jeden Sünder in seiner Pein. Unter anderem gibt es dort auch eine
äußerst bemerkenswerte Kategorie von Sündern in einem brennenden See:
diejenigen, welche in diesem See bereits so weit versunken sind, daß sie
nicht mehr herausschwimmen können, von denen heißt es, daß ‚Gott sie
bereits vergäße‘ – es ist ein Ausdruck von ungewöhnlicher Tiefe und
Kraft. Und siehe, die erschütterte Mutter Gottes fällt weinend vor dem
Throne des Höchsten nieder und bittet ihn um Vergebung für alle, die sie
dort in der Hölle gesehen hat, für alle ohne Ausnahme. Ihr Gespräch mit
Gott ist ungemein interessant. Sie fleht; sie hört nicht auf zu flehen;
und wie Gott auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes weist und
sie fragt: ‚Wie soll ich seinen Peinigern vergeben?‘ – da befiehlt sie
allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln mit ihr
zusammen niederzuknien und um die Begnadigung aller ohne Ausnahme zu
flehen. Es endet damit, daß sie von Gott die Einstellung der Qualen in
jedem Jahr vom Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erbittet, und da ertönt
aus der Hölle der Dank und der Lobgesang der Sünder, die laut zu ihm
rufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, da du also gerichtet hast.‘ Von der Art
wäre nun auch mein Poem gewesen, wenn ich es in jener Zeit verfaßt
hätte. Bei mir erscheint auf der Szene Er. Allerdings spricht Er kein
Wort, Er erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind seit
Seinem ersten Erscheinen vergangen, seit der Zeit, da Er den Menschen
versprach, wiederzukommen und sein Reich auf Erden zu errichten,
fünfzehn Jahrhunderte seit der Zeit, da Er, wie sein Jünger uns
berichtet, zu uns sagte, als Er noch unter ihnen wandelte: ‚Wahrlich,
ich komme bald. Von jenem Tage aber und der Stunde weiß nicht einmal der
Sohn, nur mein himmlischer Vater weiß es.‘ Doch die Menschheit erwartet
Ihn in demselben Glauben und mit derselben Sehnsucht wie früher. Was
sage ich! – in noch größerem Glauben erwartet sie Ihn, denn fünfzehn
Jahrhunderte sind schon seit der Zeit vergangen, da der Himmel dem
Menschen ein Unterpfand gab ...
‚Was das Herz dir saget, daran glaube:
Der Himmel gibt kein Unterpfand den Menschen.‘
Es ist wahr, es gab damals viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare
Heilungen vollbrachten, und zu manchen frommen Einsiedlern stieg die
Himmelskönigin herab, wie wir aus vielen Lebensgeschichten wissen. Doch
auch der Teufel schlief nicht: und siehe, in der Menschheit erhoben sich
Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Und da verbreitete sich im
Norden, in Deutschland, eine furchtbare neue Ketzerei. Ein großer Stern,
‚ähnlich einer Leuchte – das heißt also, der Kirche – fiel in die
Quellen der Wasser, und siehe, das Wasser ward bitter‘. Die Sekten
begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Aber um so glühender
glauben die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschen steigen nach wie
vor zu Ihm empor, man erwartet Ihn, man liebt Ihn, man hofft auf Ihn,
wie früher ... Und siehe, so viele Jahrhunderte haben die Menschen in
feurigem Glauben zu Ihm gebetet und Ihn angerufen: ‚Unser Herr und Gott,
erscheine uns!‘ daß Er in Seinem unermeßlichen Mitleid zu den Flehenden
herabsteigen will. War Er doch auch schon vordem herabgestiegen und zu
gar manchen Gerechten, Märtyrern und heiligen Einsiedlern gegangen, wie
wir es aus deren Lebensgeschichte wissen. Tjutscheff hat, vollkommen
überzeugt, daß es so war, folgenden Vers geschrieben:
‚Unter der Last des dreiendigen Kreuzes,
Inmitten der beiden verdammten Schächer,
Ging Christ der König, wie ein Verbrecher,
Der die Erde segnete.‘
Was natürlich auch so war, das sage ich dir von mir aus. Und siehe, Er
will in seiner Barmherzigkeit wenigstens auf einen Augenblick zum Volke
hinabsteigen, zu dem sich quälenden, dem leidenden, schmutzig-sündigen,
doch kindlich Ihn liebenden Volke. Die Handlung spielt bei mir in
Spanien, in Sevilla, zur Zeit der schrecklichsten Inquisition, als zum
Ruhme Gottes täglich Scheiterhaufen auf zum Himmel flammten, und endlos,
bei flackerndem Fackelschein,
‚In mächtigen, grausigen Zügen
Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘
Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung
zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird:
plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur
auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo
die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut
lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in
derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten
dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er
erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am
Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden,
Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen
Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor,
auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer _ad majorem gloriam Dei_
verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe,
– sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des
Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht
zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um
Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen
mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe
brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen
aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor
Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet
sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung
Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein
Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an:
‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt
wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint
und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm
Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt
sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann
kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale
von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen
weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote
siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind.
Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft
man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem
Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die
Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu
Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie
ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg
wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid
blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚__Talitha
kumi__‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge,
setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um
sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge
gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und
– siehe da, da geht ... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der
greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast
neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht
ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen
tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete
Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht
er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke
erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen
übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe
Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen
Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor
dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der
Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht,
und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen
Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand
aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist
seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das
Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der
Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt
sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen
Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht
stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges,
dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und
schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe,
atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von
Lorbeer- und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht
öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der
Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die
Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und
blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar
näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn:
„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell
hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß
nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht,
zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden
ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen,
uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein
wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du
Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich
richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen
verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat,
wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen
hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das?
Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne
aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem
Gefangenen abzuwenden.“
„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd
Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach
uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein
unmögliches _qui pro quo_?“
„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser
zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts
Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also _qui pro quo_,
mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich
erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat
vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der
Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie?
Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die
Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder
auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann
es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es _qui pro quo_ oder
uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der
Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das
laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“
„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein
Wort?“
„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan
wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das
Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat.
Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen
Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du
hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim
Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht
mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie
sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften
ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines
der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘
fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die
eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu
dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die
Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden
warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die
Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen,
und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb
Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte:
„Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien
Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem
Lächeln hinzu ... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel
gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm
abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen.
Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch
jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es
gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst
mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese
Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben
uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig
uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch
Du wolltest, war es diese Freiheit? ...‘“
„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm
ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“
„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im
Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt
haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die
Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die
Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der
Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber
Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du
littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest
der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man
die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum
Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du
bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und
zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen,
dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen,
uns zu stören?‘“
„Was bedeutet das: ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und
Fingerzeigen‘?“ fragte Aljoscha.
„Dieser Punkt ist der wichtigste, über den mußt Du den Alten sich
aussprechen lassen,“ sagte Iwan. „Und der Alte fuhr fort zu Ihm:
„‚Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und
des Nichtseins, der große Geist sprach zu Dir in der Wüste. Und wie die
Schriften uns überliefern, hat er Dich _versucht_. War das so? Und wäre
es möglich, etwas Wahreres zu sagen als das, was er Dir in seinen drei
Fragen vorlegte, und was Du verwarfst, und was in den Schriften
„Versuchungen“ genannt wird? Doch ich sage Dir, wenn jemals auf Erden
ein wirkliches, ein nie wieder dagewesenes, wahrlich gewittermäßiges
Wunder sich begeben hat, so war es dasjenige an jenem Tage, am Tage
dieser drei Versuchungen! Gerade in der Erscheinung dieser drei Fragen
bestand das Wunder. Wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, nur zur
Probe und zum Beispiel, daß diese drei Fragen des furchtbaren Geistes
aus den Büchern spurlos verschwänden, und daß man sie also von neuem
erdenken und formen müßte, um sie wieder in die Schriften einzutragen,
und zu dem Zweck alle Weisen der Erde, Herrscher, Priester, Gelehrte,
Philosophen, Dichter versammelte und zu ihnen sagte: Löst die Aufgabe,
erdenkt und formt drei Fragen, doch solche, die nicht nur der Größe
dieses Ereignisses gleichkommen, sondern die noch außerdem in drei
Worten, nur in drei menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte
der Welt und der Menschheit ausdrücken – was meinst Du wohl, könnte die
ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint etwas ersinnen, das
an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen, die Dir der mächtige und
kluge Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt hat, auch nur annähernd
ähnlich wäre? Schon allein an diesen Fragen, an dem Wunder ihrer
sichtbaren Gestaltung, begreift der Mensch, daß er es nicht mit einem
menschlichen fließenden Verstande zu tun hat, sondern mit einem ewigen
und absoluten Geist. Denn wahrlich, in diesen drei Fragen ist die ganze
weitere Menschengeschichte gleichsam in ein einziges Ganzes
zusammengefaßt und vorhergesagt, und sind kundgetan drei Dinge, in denen
alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur
zusammentreffen. Damals konnte man das noch nicht wissen, denn das
Zukünftige war unbekannt. Jetzt aber, da anderthalb Jahrtausende
vergangen sind, sehen wir, daß in diesen drei Fragen alles dermaßen
richtig erraten und vorausgesagt ist, daß sich nichts weder zu ihnen
hinzufügen noch von ihnen abstreichen läßt.‘
„‚Entscheide selbst, wer damals recht hatte: Du oder jener, der Dich
damals befragte? Erinnere Dich der ersten Frage. Ihr Sinn, wenn auch
nicht ihr Wortlaut war folgender: „Du willst in die Welt gehen und gehst
mit leeren Händen, mit irgendeiner Freiheitsverheißung, die sie in ihrer
Einfalt und angeborenen Stumpfheit nicht einmal begreifen können, vor
der sie sich fürchten, und die sie schreckt, – denn für den Menschen und
die menschliche Gemeinschaft hat es niemals und nirgends etwas
Unerträglicheres gegeben als die Freiheit! Siehst Du dort jene Steine in
dieser nackten, verdorrten Wüste? Verwandle sie in Brote, und die
Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, wie eine edelmütige und
gehorsame Herde, wenn sie auch ewig zittern wird vor Furcht, Du könntest
Deine Hand zurückziehen, und Deine Brote hätten dann ein Ende.“ Du aber
wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben, und Du verschmähtest
den Vorschlag, denn was ist das für eine Freiheit, dachtest Du, wenn der
Gehorsam mit Broten erkauft wird? Und Deine Antwort war: „Der Mensch
lebt nicht von Brot allein ...“ Aber weißt Du auch, daß im Namen dieses
Erdenbrotes der Erdgeist sich gegen Dich erheben, mit Dir kämpfen und
Dich besiegen wird, und alle ihm folgen und ausrufen werden: „Wer
gleicht ihm wohl? er gab uns das Feuer vom Himmel!“ Weißt Du auch, daß,
wenn Jahre, Jahrhunderte vergangen sind, die Menschheit durch den Mund
ihrer Weisheit und Wissenschaft verkünden wird, daß es Verbrechen
überhaupt nicht gibt, und folglich auch keine Sünde, dafür aber
Hungrige. „Sättige sie zuerst, dann kannst Du von ihnen Tugenden
verlangen!“ werden sie auf ihre Fahne schreiben, die sie gegen Dich
erheben, und durch die Dein Tempel stürzen wird. An der Stelle Deines
Tempels wird sich ein neues Gebäude erheben, wird der furchtbare
babylonische Turm gebaut werden, und obgleich auch der, ganz wie der
frühere, nicht vollendet werden wird, so hättest Du doch diesen neuen
Turm vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre abkürzen
können, – denn zu wem sonst, wenn nicht zu uns, sollen sie kommen,
nachdem sie sich tausend Jahre lang mit ihrem Turme abgequält haben! Sie
werden uns dann wieder unter der Erde hervorsuchen, uns, die in den
Katakomben sich Verbergenden – denn man wird uns wieder verfolgen und
martern –, sie werden uns finden und uns anflehen: „Sättigt uns, denn
die, so uns das Feuer des Himmels versprachen, haben es uns nicht
gegeben.“ Und dann werden wir ihren Turm auch vollenden, denn vollenden
wird derjenige, der den Hunger stillt, den Hunger aber stillen werden
nur wir, in Deinem Namen, und wir werden lügen, daß es in Deinem Namen
geschehe. Oh, niemals, niemals werden sie aus eigener Kraft ihren Hunger
stillen können! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie
frei bleiben, und so wird es denn damit enden, daß sie ihre Freiheit uns
zu Füßen legen und sagen werden; „Knechtet uns, aber macht uns satt.“
Sie werden schließlich begreifen, daß Freiheit zusammen mit genügend
Brot nicht für jeden erreichbar ist, denn niemals, niemals werden sie
verstehen, untereinander zu teilen! Desgleichen werden sie sich
überzeugen, daß sie auch niemals werden frei sein können, denn sie sind
kraftlos, lasterhaft, niedrig, und sind Empörer! Du versprachst ihnen
himmlisches Brot, ich aber frage Dich nochmals: Kann sich dieses Brot in
den Augen des schwachen, ewig verderbten und ewig undankbaren
Menschengeschlechts mit irdischem Brote messen? Und wenn Dir um des
himmlischen Brotes willen Tausende und Zehntausende nachfolgen, was soll
dann mit den Millionen und Milliarden von Wesen geschehen, die nicht die
Kraft haben, das Erdenbrot um des Himmelsbrotes willen zu verachten?
Oder sind dir nur die Zehntausende der Großen und Starken teuer, die
übrigen Millionen aber, die unzählig sind wie der Sand am Meer, die
Schwachen, doch Dich Liebenden, sollen die dann nur zum Material für die
Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie
sind lasterhaft und sind Empörer, aber zum Schluß werden sie gehorsam
werden. Sie werden sich über uns wundern und uns für Götter halten, weil
wir, die wir uns an ihre Spitze stellen, eingewilligt haben, die
Freiheit zu ertragen, diese Freiheit, die ihnen solche Furcht einflößt,
und weil wir einwilligen, über sie zu herrschen, – ja so furchtbar wird
es ihnen zum Schluß werden, frei zu sein! Wir aber werden sagen, wir
gehorchten _Dir_ und herrschten nur in _Deinem_ Namen. Wir werden sie
wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns einlassen. Und
in diesem Betruge wird unser Leiden bestehen, denn wir werden lügen
müssen. Das war es, was diese erste Frage der Wüste bedeutete, und was
Du im Namen der Freiheit, die Du über alles stelltest, verschmähtest.
Währenddessen aber lag in der Frage das große Geheimnis dieser Welt.
Hättest Du die „Brote“ angenommen, so hättest Du die Menschen von ihrer
ewigen Seelenangst erlöst, denn du hättest diese eine Frage, die
wichtigste jedes einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit, die so
sehnsüchtig nach Antwort verlangt, beantwortet, – die Frage: „was sollen
wir anbeten?“ Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Sorge für den
Menschen, als, wenn er frei bleibt, etwas zu finden, vor dem er sich
beugen kann. Doch sucht der Mensch sich nur vor so etwas zu beugen, das
bereits keinem Zweifel an seine Anbetungswürdigkeit unterworfen ist, auf
daß alle Menschen sofort gleichfalls bereit seien, dasselbe gemeinsam
anzubeten. Denn die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe besteht nicht nur
darin, etwas zu finden, was dieser oder jener anbeten kann, sondern
unbedingt so etwas, das alle sofort gleichfalls anbeten wollen,
unbedingt _alle zusammen_! Gerade dieses Bedürfnis der _gemeinsamen_
Anbetung ist seit Anfang der Zeiten die größte Qual des Menschen
gewesen, ob wir ihn als einzelnes Wesen oder als ganze Rasse nehmen. Um
der gemeinsamen Anbetung willen haben sich die Menschen gegenseitig in
grausamen Kämpfen zerfleischt. Sie schufen Götter und riefen einander
zu: „Verlaßt eure Götter und kommt, um die unsrigen anzubeten, oder Tod
und Verderben euch und euren Göttern!“ Und also wird es sein bis zum
Ende der Welt, selbst dann, wenn aus der Welt die Götter verschwinden:
gleichviel, dann wird man sich vor Götzen niederwerfen. Du kanntest
dieses Geheimnis der menschlichen Natur, Du konntest es unmöglich nicht
kennen, doch Du verschmähtest das einzige Positive, das Dir
vorgeschlagen wurde, um alle zu zwingen, sich widerspruchslos vor Dir zu
beugen: das irdische Brot, und Du verschmähtest es um der Freiheit und
des himmlischen Brotes willen. So siehe doch, was Du weiter getan hast.
Und wieder alles im Namen der Freiheit! Ich sage Dir, der Mensch kennt
keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst
schnell jenes Geschenk der Freiheit, mit dem er als unglückliches
Geschöpf geboren wird, übergeben kann. Doch die Freiheit der Menschen
erobert nur der, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote wurde Dir eine
unbestreitbare Macht angeboten: gibst Du Brot, so wird sich der Mensch
vor Dir beugen, denn es gibt nichts Positiveres als Brot; wenn aber zu
gleicher Zeit irgendein anderer hinter Deinem Rücken sein Gewissen
erobert – oh, dann wird er selbst Dein Brot verlassen und jenem folgen,
der sein Gewissen umstrickt. Darin hattest Du recht. Denn das Geheimnis
des menschlichen Seins liegt nicht in dem bloßen Leben, sondern im Zweck
des Lebens. Ohne eine feste Vorstellung zu haben, wozu er leben soll,
wird der Mensch nie einwilligen, zu leben, und er wird sich eher
vernichten, als daß er auf Erden leben bliebe – selbst dann, wenn auch
um ihn herum Brote in Fülle wären. Das ist nun einmal so. Aber was ergab
sich aus Deiner Weigerung? Anstatt die Freiheit der Menschen unter Deine
Herrschaft zu beugen, hast Du sie ihnen noch vergrößert! Oder hattest Du
vergessen, daß Ruhe und selbst der Tod dem Menschen lieber sind als
freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Es gibt nichts
Verführerisches für den Menschen als die Freiheit seines Gewissens, doch
gibt es auch nichts Quälenderes für ihn. Und siehe, anstatt fester
Grundlagen zur Beruhigung des menschlichen Gewissens, ein für allemal –
wähltest Du alles, was es Ungewöhnliches, Rätselhaftes und Unbestimmtes
gibt, nahmst Du alles, was über die Kräfte der Menschen ging und
handeltest daher, als ob Du sie überhaupt nicht geliebt hättest. Wer
aber war es, der das tat? Der, der gekommen war, Sein Leben für sie
hinzugeben! Anstatt Dir die menschliche Freiheit zu unterwerfen, hast Du
sie noch vergrößert, hast Du sie vervielfacht und hast mit ihren Qualen
das Seelenreich des Menschen auf ewig belastet. Dich gelüstete nach
freier Liebe des Menschen, auf daß er Dir frei folge, bezaubert und
gebannt durch Dich. Statt nach dem festen alten Gesetz, sollte der
Mensch hinfort mit freiem Herzen selbst entscheiden, was Gut und was
Böse ist, wobei er nur Dein Vorbild als einzige Richtschnur vor sich
hatte. Aber hast Du wirklich nicht daran gedacht, daß er schließlich
doch auch Dein Vorbild und Deine Wahrheit verwerfen und sie bestreiten
wird, wenn man ihn mit einer so furchtbaren Last, wie der Freiheit der
Wahl, bedrückt? Die Menschen werden ausrufen, daß die Wahrheit nicht in
Dir sei, denn es war unmöglich, sie in größerer Verwirrung und Qual
zurückzulassen, als Du es getan hast, da Du ihnen soviel Sorgen und
unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast Du selbst den
Grund zum Sturze Deiner Herrschaft gelegt, und so beschuldige denn auch
niemanden außer Dir. Was aber wurde Dir angeboten? Es gibt drei Mächte,
es sind die einzigen drei Mächte auf Erden, die das Gewissen dieser
kraftlosen Empörer zu ihrem Glück auf ewig besiegen und bannen können, –
das sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du verwarfst das
eine, wie das andere und auch das dritte, und zeigtest dies deutlich im
Beispiel. Als der furchtbare und wissende Geist Dich auf die Zinne des
Tempels führte und zu Dir sprach: „Wenn Du wissen willst, ob Du Gottes
Sohn bist, so stürze Dich hinab, denn es ist gesagt von Ihm, daß Engel
Ihn auffangen und tragen würden, damit Er seinen Fuß an keinen Stein
stoße: Du wirst dann erfahren, ob Du Gottes Sohn bist, und wirst dann
beweisen, wie groß Dein Glaube an Deinen Vater ist“. Du aber wiesest die
Versuchung von Dir, Du unterlagst ihr nicht und stürztest Dich nicht
hinab. Oh, natürlich, Du handeltest stolz und mächtig wie ein Gott, aber
sind denn die Menschen, sind denn diese schwachen Geschöpfe mit den
Empörerinstinkten, – sind denn das Götter? Oh, Du wußtest gar wohl, daß
Du, wenn Du nur einen Schritt getan hättest, nur eine Bewegung, um Dich
hinabzustürzen, Du sofort Gott versucht und Deinen ganzen Glauben an ihn
verloren hättest und an der Erde zerschellt wärest, an derselben Erde,
die zu retten Du gekommen warst, und der kluge Geist, der Dich
versuchte, hätte seine Freude daran gehabt. Ich aber frage Dich
nochmals: Gibt es denn viele solcher wie Du? Und hast Du wirklich nur
einen Augenblick glauben können, daß auch die Menschen einer ähnlichen
Versuchung widerstehen würden? Ist denn die Natur des Menschen so
geschaffen, daß er das Wunder zurückweisen und selbst in so furchtbaren
Lebensaugenblicken, in den Augenblicken seiner fundamentalen,
schrecklichsten und quälendsten Seelenfragen, mit der freien
Entscheidung seines Herzens auskommen könnte? Oh, Du wußtest, daß Deine
Tat in den Schriften aufbewahrt werden würde, und daß sie die letzte
Tiefe der Zeiten und die letzten Grenzen der Erde erreichen wird, und Du
hofftest, daß der Mensch, wenn er Dir folgt, mit Gott bleiben und des
Wunders nicht bedürfen werde. Doch Du wußtest nicht, daß der Mensch,
sobald er das Wunder verwirft, sofort auch Gott verwirft, denn der
Mensch sucht nicht so sehr Gott, als er Wunder sucht. Und da der Mensch
nicht die Kraft hat, ohne Wunder auszukommen, so wird er sich neue
Wunder schaffen, bereits selbst ausgedachte Wunder, und wird das Wunder
der Zauberer, die Hexerei alter Weiber anbeten, wenn er auch hundertmal
Empörer, Ketzer und ein Gottloser ist. Du stiegst nicht herab vom
Kreuze, als man Dir mit Spott und Hohn zurief: „Steige herab vom Kreuze,
und wir werden glauben, daß Du Gottes Sohn bist“. Du aber stiegst nicht
herab, weil Du wiederum den Menschen nicht durch ein Wunder zum Sklaven
machen wolltest, weil Dich nach freier und nicht nach durch Wunder
erzwungener Liebe verlangte. Dich dürstete nach freier Liebe, nicht nach
knechtischem Entzücken vor der Macht, die ihm ein für allemal Furcht
eingeflößt hat. Aber auch hierin hast Du die Menschen gar zu hoch
eingeschätzt, denn Sklaven sind sie, das sage ich Dir, wenn sie auch als
Empörer geschaffen sind. Blicke um Dich und urteile selbst: Da sind nun
anderthalb Jahrtausende vergangen, gehe hin und sieh sie Dir an: Wen
hast Du bis zu Dir emporgehoben? Ich schwöre Dir, der Mensch ist
schwächer und niedriger geschaffen, als Du von ihm geglaubt hast. Wie
soll er denn dasselbe erfüllen, was Du erfüllt hast? kann er das
überhaupt? Da Du ihn so hoch einschätztest, handeltest Du, als ob Du
kein Mitleid mehr mit ihm gehabt hättest, denn Du verlangtest gar zu
viel von ihm, – und wer war es, der das tat? Derselbe, der ihn mehr als
sich selbst liebte! Hättest Du ihn weniger geachtet, so hättest Du auch
weniger von ihm verlangt, das aber wäre der Liebe näher gekommen, denn
seine Bürde wäre leichter gewesen. Er ist schwach und gemein. Was will
es besagen, daß er sich jetzt allerorten gegen unsere Macht empört und
auf seine Empörung stolz ist? Das ist der Stolz eines Kindes, eines
unreifen Schulknaben. Das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse
empört und den Lehrer hinausgejagt haben. Aber auch der Triumph der
Schulkinder wird ein Ende haben, und er wird ihnen teuer zu stehen
kommen. Sie werden die Tempel einäschern und die Erde mit Blut
überschwemmen. Und die dummen Kinder werden schließlich ahnen, daß sie
doch nur kraftlose Empörer sind, die ihre eigene Empörung nicht ertragen
können. Sie werden sich unter dummen Tränen gestehen, daß derjenige,
welcher sie als Empörer geschaffen hat, zweifellos sich über sie hat
lustig machen wollen. Sie werden sich das in Verzweiflung sagen, und
ihre Worte werden eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher
machen wird, denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung,
und zu guter Letzt straft sie sich selbst dafür. Also ist nichts als
Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du
soviel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in der
Allegorie seiner Vision, er hätte alle gesehen, die in der ersten
Auferstehung auferstehen würden, und es seien je zwölftausend aus jedem
Stamm gewesen. Doch wenn es ihrer nur so wenige waren, so waren auch sie
gewissermaßen nicht Menschen, sondern Heilige, sondern Götter. Sie haben
Dein Kreuz erduldet, sie haben jahrzehntelang hungrige, nackte Wüste
ertragen, sich nur von Heuschrecken und Wurzeln genährt, – und, versteht
sich, Du kannst nun stolz auf diese Kinder der Freiheit, der Freiheit in
der Liebe und der Freiheit im großen Opfer um Deines Namens willen,
hinweisen. Vergiß aber nicht, daß ihrer im ganzen nur wenige Tausende
waren, und noch dazu – Götter! Wo aber sind die übrigen? Worin besteht
die Schuld der übrigen schwachen Menschen, daß sie nicht dasselbe haben
ertragen können, was die Starken ertragen haben? Worin liegt die Schuld
der schwachen Seele, daß es über ihre Kräfte geht, so furchtbare
Geschenke anzunehmen? Kamst Du denn wirklich nur zu den Auserwählten und
für die Auserwählten? Wenn das wahr ist, so ist es ein Geheimnis, das
nicht wir durchschauen können. Wenn es aber ein Geheimnis ist, so waren
auch wir im Recht, das Geheimnis zu verkünden und sie zu lehren, daß
nicht die freie Entscheidung ihrer Herzen und nicht die Liebe wichtig
ist, sondern eben das Geheimnis, dem sie blind gehorchen müssen, und sei
es auch gegen ihr Gewissen. Und so haben wir getan. Wir haben Deine Tat
verbessert und sie auf dem _Wunder_, dem _Geheimnis_ und der _Autorität_
aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde
geführt wurden, und daß von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare
Geschenk, das ihnen soviel Qual gebracht hatte, genommen wurde. Waren
wir im Recht, als wir so lehrten und handelten? Sprich! Haben wir denn
nicht die Menschheit geliebt, da wir so bescheiden ihre Kraftlosigkeit
erkannten, liebevoll die Bürde des Menschen erleichterten und seiner
schwachen Natur sogar die Sünden erließen? Warum nun bist Du gekommen,
uns zu stören? Und warum blickst Du mich so stumm und tief mit Deinen
stillen Augen an? Sei zornig. Ich will Deine Liebe nicht, denn ich
selbst liebe Dich nicht. Und was sollte ich wohl vor Dir verbergen? Oder
weiß ich nicht, mit wem ich rede? Was ich Dir zu sagen habe, ist Dir
schon bekannt, das lese ich in Deinen Augen. Und sollte ich etwa unser
Geheimnis vor Dir verbergen? Vielleicht willst Du es gerade von meinen
Lippen vernehmen? So höre denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit
_ihm_, das ist unser Geheimnis! Schon lange sind wir nicht mit Dir,
sondern mit _ihm_, schon seit acht Jahrhunderten. Es sind nun acht
Jahrhunderte her, da wir von _ihm_ das nahmen, was Du unwillig von Dir
wiesest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Erdenreiche
zeigte: Wir nahmen von ihm Rom und das Schwert der Cäsaren, und wir
erklärten, daß nur wir allein die Herren dieser Welt seien, die einzigen
Herrscher der Erde, wenn wir auch unser Werk bis jetzt noch nicht
vollendet haben. Doch wessen Schuld ist das? Oh, unser Werk ist bis
jetzt nur im Anfangsstadium, immerhin ist es schon begonnen worden.
Lange noch wird man auf die Vollendung des Werkes warten müssen, und
viel wird die Erde inzwischen leiden, doch wir werden unser Ziel
erreichen und werden Cäsaren sein, und dann werden wir an das universale
Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du auch damals schon das
Schwert der Cäsaren nehmen können. Warum verwarfst Du diese letzte Gabe?
Hättest Du diesen dritten Ratschlag des mächtigen Geistes angenommen, so
hättest Du alles geschaffen, was der Mensch auf Erden sucht: hättest ihm
gegeben, vor wem er sich beugen, wem er sein Gewissen einhändigen kann,
und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen,
einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen könnten. Denn das Bedürfnis nach
der universalen Vereinigung ist die dritte und letzte Qual der Menschen.
In der Gesamtheit hat die Menschheit immer danach gestrebt, sich
unbedingt welteinheitlich einzurichten. Viel große Völker mit großer
Geschichte hat es gegeben, doch je höher diese Völker standen, um so
unglücklicher waren sie, denn um so stärker erkannten oder empfanden sie
die Notwendigkeit der allweltlichen Vereinigung der Menschen. Große
Eroberer, die Timur und die Dschingis-Chan, zogen wie Wetterwolken mit
Wirbelsturm über die Erde, in dem Bestreben, die Welt zu erobern, und
auch sie drückten, wenn auch unbewußt, dasselbe mächtige Bedürfnis der
Menschheit nach der allgemeinen und weltumfassenden Vereinigung aus.
Hättest Du das Schwert und den Purpur des Herrschers genommen, so
hättest Du die Weltherrschaft begründet und der Welt den Frieden
gegeben. Denn wahrlich, wer sollte wohl sonst über die Menschen
herrschen, wenn nicht diejenigen, in deren Händen ihr Gewissen und ihre
Brote sind? Und so nahmen wir das Schwert der Cäsaren, da wir es aber
nahmen, verwarfen wir natürlich Dich und folgten _ihm_. Oh, es werden
noch Jahrhunderte des Unfugs ihres freien Verstandes, ihrer Wissenschaft
und der Menschenfresserei vergehen – denn wenn sie ihren babylonischen
Turm ohne uns beginnen, werden sie mit der Menschenfresserei enden. Dann
aber wird das Tier zu uns herankriechen, und es wird uns die Füße
lecken, und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen netzen. Und wir
werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, und auf ihm wird
geschrieben stehen: „Geheimnis!“ Doch dann erst, dann erst wird für die
Menschen die Herrschaft der Ruhe und des Glücks beginnen. Du bist stolz
auf Deine Auserwählten, doch Du hast eben nur Auserwählte, wir aber
werden Allen Ruhe geben. Und das ist noch nicht alles, o nein: wie viele
von diesen Auserwählten, von den Starken, die Auserwählte hätten werden
können, ermüdeten schließlich in der Erwartung Deiner, und brachten und
bringen die Kraft ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein
anderes Ackerfeld und endigen damit, daß sie gegen Dich, gerade gegen
Dich ihre _freie_ Fahne erheben. Doch Du selbst hast diese Fahne
erhoben. Bei uns jedoch werden Alle glücklich sein, und sie werden sich
weder empören noch sich gegenseitig vernichten, wie sie es in Deiner
Freiheit allerorten tun. Oh, wir werden sie überzeugen, daß sie bloß
dann frei sein werden, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu unseren
Gunsten lossagen und sich uns unterwerfen. Nun sage: Werden wir recht
haben, oder wird das gelogen sein? Nein, sie werden sich selbst
überzeugen, daß wir recht haben, denn sie werden sich erinnern, bis zu
welchem Entsetzen in Sklaverei und Verwirrung sie Deine Freiheit
gebracht hat. Die Freiheit, der freie Geist und die Wissenschaft werden
sie in so dunkle Klüfte und Abgründe führen und vor solche Wunder und
undurchdringliche Geheimnisse stellen, daß die einen von ihnen, die
Ununterwürfigen doch Wilden, sich selbst vernichten werden, die
Ununterwürfigen doch Schwachen dagegen sich gegenseitig vernichten, und
die übrigen, die Dritten, die Kraftlosen und Unglücklichen zu uns
herankriechen und zu unseren Füßen aufstöhnen werden: „Ja, ihr hattet
recht, ihr allein besaßt Sein Geheimnis, und wir kehren zu euch zurück
... rettet uns vor uns selbst“. Wenn sie von uns Brote erhalten, werden
sie natürlich erkennen, daß wir nur ihre Brote, die von ihren eigenen
Händen geschaffenen Brote von ihnen nehmen, um sie wiederum unter ihnen
zu verteilen, also ihnen ohne jedes Wunder Brot geben. Sie werden sehen,
daß wir nicht Steine zu Broten machen – doch wahrlich, mehr noch als
über das Brot werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren
Händen erhalten! Denn nur zu gut werden sie sich erinnern, daß früher,
ohne uns, sich selbst die Brote, die sie schufen, in ihren Händen bloß
in Steine verwandelten, daß aber, als sie zu uns zurückkehrten, selbst
die Steine in ihren Händen zu Broten wurden. Nur zu gut, nur zu gut
werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal zu
unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden sie
unglücklich sein. Wer hat am meisten zu diesem Unverständnis
beigetragen? Sprich! Wer hat die Herde zerstückt und sie auf unbekannten
Wegen versprengt? Doch die Herde wird sich wieder zusammenfinden und
sich von neuem unterwerfen, und dann für immer, für immer. Dann werden
wir ihnen ein stilles, bescheidenes Glück geben, das Glück kraftarmer
Kreaturen, als die sie geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich
überzeugen, daß sie gar kein Recht haben, stolz zu sein. Du hast sie
emporgehoben und damit gelehrt, stolz zu sein. Wir aber werden ihnen
beweisen, daß sie kraftarm, daß sie nur armselige Kinder sind, doch daß
das Kinderglück süßer als jedes andere ist. Sie werden schüchtern werden
und werden zu uns aufblicken und sich in Angst an uns schmiegen wie die
Küken an die Bruthenne. Sie werden uns entsetzt anstaunen und werden
stolz darauf sein, daß wir so mächtig und so klug sind, und daß wir eine
so wilde, tausendmillionenköpfige Herde beruhigt haben. Entkräftigt
werden sie vor unserem Zorne zittern, ihr Geist wird kleinmütig, ihre
Augen werden tränenreich werden wie die Augen der Kinder und Weiber,
doch ebenso leicht wie zu Tränen, werden sie auf unseren Wink zu
Frohsinn und Heiterkeit, zu heller Lustigkeit und glücklichen
Kinderliedern übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten, doch in
den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Spiel
gestalten, mit Gesängen, Chören und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden
ihnen sogar die Sünden vergeben – sie sind doch schwach und kraftlos –
und sie werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen zu sündigen
erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß jede Sünde ausgekauft werden kann,
wenn sie nur mit unserer Erlaubnis begangen worden ist; die Erlaubnis
aber zum Sündigen geben wir ihnen nur darum, weil wir sie lieben, und
die Strafe für diese Sünden nehmen wir meinetwegen auf uns. Wir werden
sie auch in der Tat auf uns nehmen, sie aber werden uns dafür vergöttern
wie ihre Wohltäter, die vor Gott ihre Sünden tragen. Und sie werden vor
uns keinerlei Geheimnisse haben. Wir werden ihnen erlauben oder
verbieten mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder
nicht zu haben – immer je nach ihrem Gehorsam –, und sie werden sich uns
freudig und fröhlich unterwerfen. Selbst die quälendsten Geheimnisse
ihres Gewissens, – alles, alles werden sie zu uns tragen, und wir werden
ihnen verzeihen, und sie werden mit Freuden unserer Entscheidung
glauben, denn sie wird sie von der großen Sorge und den furchtbaren
gegenwärtigen Qualen einer persönlichen und freien Entscheidung erlösen.
Und alle werden glücklich sein, alle Millionen Wesen, außer den
Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das
Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Es wird Tausende von
Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Märtyrer, die
den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still
werden sie sterben, still werden sie verlöschen in Deinem Namen und
hinter dem Grabe nur den Tod finden. Doch wir werden das Geheimnis
bewahren und werden die Menschen zu ihrem Glück durch himmlische und
ewige Belohnung anlocken. Denn selbst wenn es dort, in jener Welt, ein
Etwas geben sollte, so wird es doch, versteht sich, nicht für solche wie
sie sein. Man redet und prophezeit, daß Du kommen und von neuem siegen
werdest, daß Du mit Deinen Auserwählten, Deinen Stolzen und Mächtigen
kommen wirst. Wir aber werden dann sagen, daß sie nur sich selbst, wir
aber alle gerettet haben. Man sagt, daß die Buhlerin, die auf dem Tiere
sitzt und in ihren Händen das _Geheimnis_ hält, beschimpft werden wird,
daß die Kraftarmen sich wieder empören, den Purpur der großen Buhlerin
zerreißen und ihren „scheußlichen“ Leib entblößen werden. Dann aber
werde ich mich erheben und, zu Dir gewandt, auf die Tausende von
Millionen glücklicher Kinder, die die Sünde nicht gekannt haben,
hinweisen. Und wir, die ihre Sünden auf uns genommen haben, um sie
glücklich zu machen, wir werden dann vor Dich hintreten und Dir sagen:
„Verurteile uns, wenn Du es kannst und wagst“. Wisse, daß ich keine
Furcht vor Dir habe. Wisse, daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich
mich einst von Heuschrecken und Wurzeln nährte, daß auch ich die
Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete, und auch
ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl
der Mächtigen und Starken, mit dem lechzenden Wunsch, „die Zahl zu
ergänzen“. Doch ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen.
Ich kehrte zurück und gesellte mich zur Schar derer, die _Deine Tat
verbessern_. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den
Demütigen, zum Glücke derselben. Was ich Dir sage, wird also geschehen,
es wird alles in Erfüllung gehen, und unser Reich wird erstehen. Und ich
sage Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die
auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das
Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, daß
Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat
oder gibt, der am meisten den Scheiterhaufen verdient hat, so bist Du
es, Du! Morgen noch werde ich Dich verbrennen. _Dixi_‘!“
Iwan hielt inne. Seine Worte hatten ihn mit sich fortgerissen, und er
war fast in Begeisterung geraten. Als er aber geendet hatte, lächelte er
plötzlich wieder.
Aljoscha hatte ihm schweigend zugehört, doch zum Schluß hin, offenbar
nicht wenig erregt, mehrmals den Bruder unterbrechen wollen, sich aber
jedesmal bezwungen. Als nun Iwan plötzlich verstummte, fiel er sofort
ein, – heftig und hastig, wie ein Mensch, der sich lange hat
zurückhalten müssen:
„Aber ... das ist doch absurd!“ stieß er hervor, und errötete. „Dein
Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung ... wie du es gewollt hast.
Und wer wird dir das von der Freiheit glauben? Muß man sie denn _so, so_
auffassen? Ist denn das die Auffassung der Rechtgläubigkeit? ... Das ist
Rom, und nicht einmal ganz Rom, das ist nicht wahr, – das sind die
Schlechtesten des Katholizismus, das sind Inquisitoren, Jesuiten! ...
Und solch einen phantastischen Menschen, wie es dein Inquisitor ist,
gibt es überhaupt nicht. Was sind das für Sünden der Menschen, die sie
auf sich nehmen? Was sind das für Träger des Geheimnisses, die da
irgendeinen Fluch zum Glücke der Menschen auf sich genommen haben? Wer
hat jemals so etwas gesehen? Wir kennen die Jesuiten, wir wissen, was
dahintersteckt ... Aber sind sie denn das, als was du sie schilderst? –
Nicht die Spur! – Sie sind einfach die römische Armee für das
zukünftige, allesvereinende Weltreich mit dem Imperator, dem römischen
Kirchenoberhaupt an der Spitze ... das ist ihr Ideal, aber ohne alle
Geheimnisse und erhabenes Leid ... Der allergewöhnlichste Wunsch nach
Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung ... in der Art eines
zukünftigen Leibeigenschaftsrechtes, damit sie sozusagen Gutsbesitzer
werden können. Das ist alles, was sie wollen. Sie glauben vielleicht
überhaupt nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als
Phantasie ...“
„Aber wart, wart doch,“ sagte Iwan lachend, „sieh mal, wie du dich
ereiferst! Phantasie, sagst du, schön! Natürlich ist’s Phantasie.
Einstweilen aber erlaube: Glaubst du wirklich, daß diese ganze
katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte – Mittelalter und so
weiter – tatsächlich nichts anderes gewesen ist als das Verlangen nach
Macht, nur um der schmutzigen Erdengüter willen? Hat dich das nicht
vielleicht Pater Paissij gelehrt?“
„O nein, nein, im Gegenteil, Pater Paissij sprach einmal sogar ein wenig
in deinem Sinne ... übrigens es war doch nicht dasselbe,
selbstverständlich nicht ganz dasselbe,“ verbesserte sich Aljoscha.
„Das ist immerhin eine kostbare Nachricht, trotz deines
‚selbstverständlich nicht ganz dasselbe‘. Ich frage dich ausdrücklich,
warum du annimmst, daß Jesuiten und Inquisitoren sich nur zum Erwerb
niedriger materieller Güter verbündet haben. Warum glaubst du, daß es
unter ihnen keinen einzigen Gequälten gibt, der von großem Leid und von
der Liebe zur Menschheit gepeinigt wird? Sieh: nimm an, daß sich unter
allen diesen, die lediglich materielle, schmutzige Güter wollen, nur ein
Einziger fände, nur ein Einziger wie mein greiser Inquisitor, der in der
Wüste von Gewürm und Wurzeln gelebt hat, gegen sich gewütet hat und vor
Verzweiflung außer sich geraten ist, im Kampf gegen sein Fleisch, um
frei zu werden und vollkommen zu sein, der aber sein ganzes Leben die
Menschheit geliebt hat, und der plötzlich erkennt und sich überzeugt,
daß es keine große sittliche Glückseligkeit sein kann, die
Vollkommenheit des Willens zu erreichen und zu gleicher Zeit einsehen zu
müssen, daß die Millionen der übrigen Gottesgeschöpfe bloß zum Spott
Geschaffene bleiben, daß sie niemals die Kraft haben werden, sich mit
ihrer Freiheit zurechtzufinden, daß aus den armseligen Empörern niemals
Riesen zur Vollendung des Turmes hervorgehen werden, daß nicht für
solche Gänse der große Idealist von seiner Harmonie geträumt hat. Da er
aber alles das begriffen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den ...
klugen Leuten an. Glaubst du wirklich, daß das niemals hat geschehen
können?“
„Wem schloß er sich an, welchen klugen Leuten?“ griff Aljoscha sofort
heftig, fast zornig das Wort auf. „Kein einziger von ihnen besitzt da so
eine besondere Klugheit und überhaupt nichts von heiligen Geheimnissen
... Es sei denn höchstens ihre Gottlosigkeit, die wäre noch allenfalls
ihr ganzes Geheimnis. Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, sieh, das
ist sein ganzes Geheimnis!“
„Nun ja! Endlich hast du es erraten. Es ist allerdings so; sein ganzes
Geheimnis liegt tatsächlich nur darin. Aber ist denn das keine Qual,
sagen wir, für einen Menschen wie er, der sein ganzes Leben daran
gesetzt hatte, durch die Wüste ein Auserwählter zu werden, und der sich
von seiner Liebe zur Menschheit doch nicht heilen konnte? An seinem
Lebensabend überzeugt er sich, daß nur die Ratschläge des großen
furchtbaren Geistes das Leben der kraftarmen Empörer, dieser
unvollkommenen, zum Spott geschaffenen Probewesen wenigstens
einigermaßen erträglich machen könnten. Und siehe, nachdem er sich davon
überzeugt hat, sieht er ein, daß man nach der Weisung dieses klugen
Geistes, des furchtbaren Geistes der Zerstörung und des Todes vorgehen
muß – daß man Lüge und Betrug annehmen und die Menschen bereits
wissentlich in Tod und Verderben treiben muß, wobei es aber heißt, sie
auf dem ganzen Wege betrügen, damit diese armseligen Blinden nicht
merken, wohin sie geführt werden, und sich wenigstens auf dem Wege für
glücklich halten. Und vergiß nicht, daß der Betrug im Namen desjenigen
geschieht, an dessen Idealgestalt der Greis sein Leben lang so
leidenschaftlich geglaubt hat! Meinst du, daß das kein Unglück sei? Und
wenn es auch nur einen einzigen solchen gäbe, an der Spitze dieses
ganzen Heeres, ‚das nur um des Besitzes schmutziger Güter willen nach
Macht verlangt‘, – genügte dann wirklich nicht ein einziger solcher zur
... Tragödie? Oh, ich sage dir, es genügte, daß ein einziger solcher an
der Spitze stände, auf daß die Idee, die Rom mit allen seinen Herren und
Jesuiten solange leitet, die höhere Idee Roms, endlich zum Ausdruck
käme. Ich sage dir ganz offen: Ich bin fest überzeugt, daß das der
einzige Mensch wäre, der unter denen, die an der Spitze der Bewegung
stehen, nie ermüden würde. Wer weiß, vielleicht hat es unter den
römischen Kirchenoberhäuptern auch solche gegeben. Und wer weiß,
vielleicht lebt dieser verfluchte Greis, der so starrsinnig und
eigenartig die Menschheit liebt, auch jetzt in einer ganzen Schar vieler
ebensolcher einzelner Greise – lebt durchaus nicht zufällig, sondern aus
Übereinstimmung, in einem geheimen Bunde, der schon vor langer Zeit zur
Wahrung des Geheimnisses, zu seiner Beschützung vor den unglücklichen
und kraftarmen Menschen zu dem Zweck gegründet ist, diese Menschen
glücklich zu machen. Das gibt es unbedingt. Es muß so sein. Wenn ich
mich nicht täusche, haben auch die Freimaurer etwas von der Art dieses
Geheimnisses in ihrer Grundidee, und ich glaube sogar, daß sie nur
deswegen von den Katholiken so gehaßt werden, weil diese in ihnen
Konkurrenten sehen: die Teilung der Einheit ihrer katholischen Idee
wittern – während es doch eine einzige Herde unter einem einzigen Hirten
werden soll ... Übrigens habe ich, wenn ich meinen Gedanken verteidige,
den Anschein eines Autors, der deine Kritik nicht ertragen kann. Genug
davon.“
„Du bist wahrscheinlich selbst Freimaurer!“ stieß plötzlich Aljoscha
hervor. „Du glaubst nicht an Gott,“ fügte er darauf traurig und bedrückt
hinzu. Zugleich schien ihm, daß der Bruder ihn etwas spöttisch
betrachtete.
„Aber womit endigt denn deine Tragödie?“ fragte er, den Blick zu Boden
gesenkt. „Oder ist sie schon aus?“
„Den Schluß hatte ich mir eigentlich so gedacht: Nachdem der Inquisitor
verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang auf das, was der Gefangene
ihm antworten wird. Sein Schweigen lastet schwer auf ihm. Er hatte
gesehen, wie der Gefangene ihn anhörte, und wie tief und still Er ihm in
die Augen blickte, offenbar ohne etwas entgegnen zu wollen. Der Greis
aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres,
Furchtbares. Doch siehe, Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt
ihn leise auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine
ganze Antwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und
siehe, da zuckt etwas an den Mundwinkeln des großen, greisen
Inquisitors: er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und
sagt zu Ihm: ‚Geh und komme nie wieder ... komme überhaupt nicht mehr
... niemals, niemals!‘ Und er läßt Ihn hinaus auf die ‚dunklen,
schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“
„Und der Alte?“
„Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren
Idee.“
„Und auch du mit ihm, auch du?“
Iwan lachte auf.
„Aber das ist doch Unsinn, Aljoscha, das ist doch nur das sinnlose Poem
eines einfältigen Studenten, der nie in seinem Leben auch nur zwei Verse
hat schreiben können. Warum bist du denn so traurig? Oder glaubst du
vielleicht gar, daß ich etwa gleich zu ihnen fahren will, zu den
Jesuiten, um mich der Schar anzuschließen, die Sein Werk verbessert? O
Gott! – was geht das mich an? Ich habe dir doch gesagt: Nur bis zum
dreißigsten Jahre, und dann – den Becher fortgeschleudert!“
„Und die krausen, klebrigen Frühlingsblätter, und die teuren Gräber, und
der hohe, blaue Himmel, und die Geliebte? Wie willst du denn leben,
womit wirst du sie denn lieben?“ fragte Aljoscha traurig. „Ist denn das
möglich, mit solch einer Hölle in der Brust und in den Gedanken, – ist
denn das möglich? Nein, du fährst gerade hin, um dich ihnen
anzuschließen ... wenn aber nicht, so wirst du dich selbst töten, denn
du wirst es nicht länger aushalten!“
„Es gibt eine Kraft, die alles aushält!“ sagte Iwan halblaut mit kaltem
Lächeln.
„Was ist das für eine Kraft?“
„Die Karamasoffsche ... die Kraft der Karamasoffschen Gemeinheit.“
„Heißt das – in Ausschweifung untergehen, die Seele in Sittenverderbnis
erwürgen, ja? heißt es das?“
„Meinetwegen auch das ... aber nur bis zum dreißigsten Jahre werde ich
es ... vielleicht noch ... vermeiden, dann aber ...“
„Wie das vermeiden? Auf welche Weise vermeiden? Wodurch willst du dem
entgehen? Mit deinen Anschauungen ist das unmöglich.“
„Wiederum auf Karamasoffsche Weise.“
„Ah! – ‚alles ist erlaubt‘? Nicht? Das ist’s doch – alles ist erlaubt?“
Iwans Gesicht verfinsterte sich, und er wurde plötzlich seltsam bleich.
„Du hast es also richtig nicht vergessen – das gestern gefallene Wort,
das Miussoff so kränkte ... und das Dmitrij so naiv und auffallend
wiederholte?“ fragte er mit einem verzogenen Lächeln. „Ja, meinetwegen:
‚alles ist erlaubt‘ – wenn das Wort einmal gesagt ist. Ich nehme es
nicht zurück. Mitjäs Redaktion war übrigens gar nicht so übel.“
Aljoscha blickte ihn schweigend an.
„Aljoscha, ich glaubte, wenn ich fortfahre, auf der ganzen Welt
wenigstens dich zu haben,“ sagte Iwan plötzlich mit ganz unerwartetem,
tiefem Gefühl, „aber jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein
Platz für mich ist, mein lieber Mönch du! Von der Formel: ‚alles ist
erlaubt‘ sage ich mich nicht los, nun, und deswegen sagst du dich von
mir los, ist es nicht so, ja?“
Aljoscha stand auf, trat zu ihm und küßte ihn stumm und leise auf den
Mund.
„Das ist literarischer Diebstahl!“ rief nach dem Kuß Iwan, der plötzlich
ganz begeistert zu sein schien. „Das hast du aus meinem Poem gestohlen!
Aber ... habe Dank. – Komm, gehen wir, Aljoscha, es ist Zeit für mich
wie für dich.“
Sie gingen hinaus, doch unten an der Treppe blieben sie stehen.
„Hör, Aljoscha,“ sagte Iwan mit fester Stimme, „ich werde die klebrigen
Frühlingsblätter nur in der Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir,
daß du hier irgendwo bist, und daß ich das Leben noch leben will. Genügt
dir das? Wenn du willst, kannst du das für eine Liebeserklärung nehmen.
Jetzt aber – geh du nach rechts und ich nach links. Es ist genug
geredet, hörst du? Das heißt, ich meine, falls ich morgen nicht abreisen
sollte – ich werde aber wahrscheinlich bestimmt fahren – und wir uns
noch irgendwie treffen sollten, so bitte ich, mit mir über alle diese
Themata kein Wort mehr zu reden. Ich bitte dich ausdrücklich darum. Und
auch über Dmitrij, darum bitte ich dich besonders, rede kein Wort mehr,
sprich mir nie mehr von ihm,“ fügte er plötzlich gereizt hinzu. „Ich
denke, wir haben uns darüber nichts mehr zu sagen, nicht wahr? Und jetzt
werde ich dir auch meinerseits ein Versprechen dafür geben: Wenn ich um
das dreißigste Jahr herum den ‚Becher fortschleudern‘ will, so werde ich
kommen und dich, wo du auch sein solltest, doch noch einmal aufsuchen,
um noch einmal mit dir zu reden ... und wär’s auch aus Amerika, das
wisse. Ich werde mit bestimmter Absicht kommen. Es wird auch sehr
unterhaltsam sein, dich dann wiederzusehen, wie du sein wirst. Das
Versprechen ist doch genügend feierlich? Wir nehmen vielleicht wirklich
auf sieben oder auf zehn Jahre Abschied voneinander. Nun, geh jetzt zu
deinem Pater Seraphicus, er liegt ja im Sterben. Stirbt er in deiner
Abwesenheit, so wirst du dich womöglich noch über mich ärgern, daß ich
dich solange aufgehalten habe. Also auf Wiedersehen. Weißt du, küsse
mich noch einmal. So. Und nun geh ...“
Iwan wandte sich brüsk um und ging seinen Weg, ohne sich noch nach dem
Bruder umzukehren.
„So ging auch Dmitrij gestern abend von mir fort,“ dachte Aljoscha, „nur
geschah es doch in einer ganz anderen Weise ...“ Diese sonderbare kleine
Beobachtung schoß wie ein Pfeil durch Aljoschas traurigen Sinn und
verlor sich in einem sorgenvollen, die Gedanken lähmenden Gefühl. Er
wartete noch ein wenig und blickte dem Bruder nach. Da fiel ihm
plötzlich auf, daß sein Bruder Iwan gleichsam schaukelnd, schwankend
ging, und daß seine rechte Schulter, von hinten gesehen, scheinbar
niedriger als die linke war. Das hatte Aljoscha sonst nie bemerkt. Doch
plötzlich drehte auch er sich um und eilte fast laufend zum Kloster. Es
dämmerte bereits stark, und Aljoscha fühlte, wie sich mit der wachsenden
Dunkelheit Angst in seinem Herzen erhob. Es war etwas Neues in ihm, das
wuchs und wuchs, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Es hatte
sich wieder ein Wind erhoben, und in den Kronen der uralten Kiefern
rauschte es schaurig, als er durch den Wald zur Einsiedelei schritt.
„‚Pater Seraphicus‘ – diesen Namen hat er von irgendwo hergenommen,
woher aber?“ dachte Aljoscha flüchtig. „Iwan, armer Iwan! Und wann werde
ich dich jetzt wiedersehen? ... Da ist die Einsiedelei, Herrgott! Ja,
ja, er, Pater Seraphicus wird mich retten ... vor ihm! ... wird mich auf
ewig erlösen!“
In seinem späteren Leben erinnerte er sich noch oft dieses Abends, und
jedesmal fragte er sich verwundert, wie er nach seiner Trennung von Iwan
so vollständig Dmitrij hatte vergessen können, obgleich er ihn doch am
Vormittag, nur wenige Stunden vorher, unbedingt aufzusuchen beschlossen
hatte, selbst wenn er dann nicht mehr zur Nacht ins Kloster
zurückgekommen wäre.
VI.
Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch
Iwan Fedorowitsch ging, als er sich von Aljoscha getrennt hatte, nach
Hause zu Fedor Pawlowitsch. Aber sonderbar – ihn überfiel plötzlich eine
qualvolle Seelenangst, die mit jedem Schritt, mit dem er sich dem
Vaterhause näherte, wuchs und wuchs und immer unerträglicher wurde. Doch
nicht die Seelenangst an sich war sonderbar, sondern das, daß Iwan
Fedorowitsch sich auf keine Weise zu erklären vermochte, was die
eigentliche Ursache derselben sein konnte. Es war auch früher nicht
selten vorgekommen, daß ihn solche Stimmungen plötzlich überfallen
hatten, und so wäre es weiter nicht auffallend gewesen, daß diese – ich
möchte sagen – Schwermut in einem Augenblick wiederkam, als er gerade
mit allem, was ihm hier teuer war, gebrochen hatte und als er sich
anschickte, kurz zur Seite abzubiegen und einen neuen, ihm ganz
unbekannten Weg zu betreten und wieder allein ins Leben zu gehen – ein
einsamer suchender Wanderer mit großen Hoffnungen, doch ohne zu wissen,
auf was er hoffte, der viel, gar zu viel vom Leben erwartete, doch der
selbst nicht bestimmen konnte, worin seine großen Hoffnungen und seine
zehrenden Wünsche bestanden. Und doch quälte ihn in diesem Augenblick,
obwohl die Angst des Neuen und Unbewußten auf seiner Seele lag, etwas
ganz anderes. „Oder sollte es nicht wieder der Ekel vor dem Vaterhause
sein?“ dachte Iwan! „Das wäre möglich, das könnte es sein. Wenn ich auch
heute zum letztenmal über diese verhaßte Schwelle trete, so ist es doch
deswegen nicht weniger ... Aber nein, auch das ist es nicht. Oder sollte
es vielleicht der Abschied von Aljoscha sein, und das Gespräch mit ihm?“
Das konnte es allerdings sein, ein Gefühl wie: „So viele Jahre habe ich
geschwiegen, mit keinem Menschen zu sprechen geruht, und nun plötzlich
habe ich so viel dummes Zeug geschwatzt.“ Es konnte jugendlicher
Unwille, jugendliche Unerfahrenheit und jugendlicher Ehrgeiz sein, Ärger
darüber, daß er nicht verstanden hatte, sich auszudrücken, dazu in einem
Augenblick, da Aljoscha ihm zuhörte, Aljoscha, auf den sein Herz
zweifellos große Hoffnungen setzte. Gewiß war es teilweise auch das, was
ihn bedrückte, dieses Gefühl mußte sogar unbedingt in ihm nagen, aber
auch das war noch nicht alles, auch das nicht. „Eine Schwermut bis zur
Übelkeit,“ sagte er sich, „bin aber unfähig, mir zu erklären, was ich
will. Das einzige wäre – nicht mehr zu denken!“
Doch trotz des Versuches, „nicht zu denken“, verließ ihn die Angst
nicht. Das Ärgerlichste an ihr war, daß sie ganz zufällig, völlig
äußerlich zu sein schien. Das fühlte er qualvoll. Ein Wesen oder ein
Gegenstand oder so etwas Unerklärliches stand irgendwo in seiner Nähe
oder lebte hier irgendwo: wie zuweilen etwas vor dem Auge flimmert und
man sich lange, sei es bei der Arbeit oder während eines hitzigen
Gespräches, dessen nicht bewußt wird, obgleich es einen unbewußt die
ganze Zeit ärgert, reizt und sogar quält, bis man sich schließlich
besinnt und den Gegenstand beseitigt, zuweilen irgendein leeres, dummes
Ding, ein Tuch, das auf dem Fußboden liegt, oder ein Buch, das nicht in
den Schrank gestellt ist, oder etwas Ähnliches. So, in der schlechtesten
und gereiztesten Stimmung näherte sich Iwan Fedorowitsch dem Vaterhause,
als er plötzlich, etwa fünfzehn Schritt von der Hofpforte, aufblickend,
erriet, was ihn so gequält und erregt hatte.
Auf der Bank am Hoftor saß, um sich an der kühlen Abendluft zu
erfrischen, der Diener Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch begriff in
derselben Sekunde, als er ihn erblickte, daß dieser Diener Ssmerdjäkoff
in seiner Seele gesessen hatte, und daß gerade diesen Menschen seine
Seele nicht ertragen konnte. Schon vorhin, bei der Erzählung Aljoschas
von seiner Begegnung mit Ssmerdjäkoff im Nachbargarten, hatte etwas
Finsteres und Widerwärtiges sich ihm ins Herz gebohrt und sofort seine
Wut entfacht. Während des folgenden Gespräches hatte er dann
Ssmerdjäkoff auf eine Weile vergessen. Trotzdem war der Gedanke an
diesen Diener in seiner Seele geblieben, und kaum hatte er sich von
Aljoscha getrennt und den Weg zum Vaterhause eingeschlagen, da war auch
die vergessene Empfindung wieder über ihn gekommen. „Kann mich denn
dieser elende Kerl wirklich dermaßen beunruhigen!“ dachte er und heiß
überströmte ihm die Wut.
Doch diese Wut hatte noch einen besonderen Grund. Ihm war dieser Mensch
in der letzten Zeit tatsächlich verhaßt geworden, besonders in den
letzten Tagen. Es war ihm sogar aufgefallen, wie sich sein Haß auf
diesen Diener immer noch vergrößert hatte. Vielleicht vergrößerte sich
dieser Haß gerade deswegen so überwältigend, weil er zu Anfang sich ganz
anders zu ihm verhalten hatte. Damals, d. h. kurz nachdem er bei uns
angekommen war, hatte Iwan Fedorowitsch sich plötzlich ganz besonders
für diesen Ssmerdjäkoff interessiert und ihn sogar sehr originell
gefunden. Er hatte ihn selbst daran gewöhnt, mit ihm zuweilen ein
Gespräch anzuknüpfen, sich aber stets über seine gewisse Einfalt, oder
vielleicht nicht so sehr Einfalt als innere Unruhe gewundert, ohne dabei
zu begreifen, was „diesen Weltbeschauer“ so unaufhörlich und unablässig
beunruhigen konnte. Sie sprachen über Philosophisches, sprachen über
alles Mögliche – unter anderem auch darüber, wie es am ersten Tage hatte
Tag sein können, da die Sonne, der Mond und die Sterne doch erst am
vierten Tage geschaffen worden waren, kurz, wie man das alles zu
verstehen hätte. Aber Iwan Fedorowitsch überzeugte sich gar bald, daß es
Ssmerdjäkoff dabei gar nicht um Sonne, Mond und Sterne zu tun war, daß
Sonne, Mond und Sterne, wenn sie auch einen relativ interessanten
Gesprächsstoff abgaben, für Ssmerdjäkoff vielmehr nebensächliche Dinge
waren, und daß er mit diesen Gesprächen etwas ganz anderes bezwecken
wollte. Wie dem aber nun auch sein mochte, jedenfalls begann sich
allmählich bei jeder Gelegenheit eine grenzenlose Eigenliebe in
Ssmerdjäkoffs Worten zu äußern. Obendrein war dies eine Eigenliebe, die
sich gekränkt und erniedrigt glaubte. Das mißfiel Iwan Fedorowitsch
sehr. Und damit hatte dann sein Haß angefangen. Späterhin waren die
Familienszenen dazwischen gekommen, die ganze Geschichte mit Gruschenka
und die Zänkereien zwischen Dmitrij und dem Vater. Sie hatten auch
darüber gesprochen, doch obwohl Ssmerdjäkoff über diese Angelegenheiten
stets sehr erregt sprach, war es doch unmöglich, festzustellen, was er
dabei eigentlich selbst wünschte oder zu wem er hielt. Ja, über die
Unlogik und den Widerspruch mancher seiner Wünsche, die er zuweilen ganz
wie aus Versehen aussprach, und die alle gleich unklar waren, mußte man
sich geradezu wundern. Ssmerdjäkoff stellte seine Fragen immer halbwegs
und indirekt, dachte sie sich augenscheinlich schon früher aus, wozu er
das aber tat, – das erklärte er nicht. Gewöhnlich verstummte er mitten
in seinem interessiertesten Gespräch, oder er ging plötzlich auf ein
ganz anderes Thema über. Doch vor allem anderen, was Iwan Fedorowitsch
ärgerte und in ihm schließlich einen so großen Widerwillen hervorrief,
war es eine gewisse widerliche und besondere Familiarität, die sich der
Diener ihm gegenüber, je länger desto unverschämter, herausnahm. Oh,
versteht sich, nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein! Im
Gegenteil, er war immer ungewöhnlich ehrerbietig, aber es hatte sich mit
der Zeit so gemacht, daß Ssmerdjäkoff, Gott weiß warum, sich für
solidarisch mit Iwan Fedorowitsch zu halten begann, in einem Tone
redete, als ob zwischen ihnen beiden etwas Verabredetes wäre, etwas
Geheimes, das irgend einmal von beiden angedeutet, wenn auch nicht
ausgesprochen worden wäre, das aber nur ihnen allein bekannt war, von
den anderen um sie herumkriechenden Sterblichen dagegen überhaupt nicht
begriffen werden konnte. Doch wurde sich Iwan Fedorowitsch noch lange
nicht klar über den wahren Grund seines wachsenden Widerwillens, und
erst in der letzten Zeit erriet er endlich, um was es sich dabei
handelte.
Mit einer ekelhaften Empfindung wollte er jetzt stumm und ohne
Ssmerdjäkoff anzublicken an ihm vorüber durch die Fußpforte eintreten,
als sich Ssmerdjäkoff plötzlich langsam von der Bank erhob, – und schon
allein an dieser Bewegung erriet Iwan Fedorowitsch sofort, daß jener ein
besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan blickte ihn an und blieb
stehen, und eben das, daß er so plötzlich stehen geblieben und nicht
vorübergegangen war, wie er noch vor einer Sekunde beabsichtigt hatte,
machte ihn erzittern vor Wut. Zornig und angeekelt blickte er in
Ssmerdjäkoffs blutarmes Gesicht, das der Physiognomie eines
verschnittenen Sektierers nicht unähnlich war, trotz der kunstvoll mit
dem Kamm bearbeiteten Haare und des kleinen aufgedrehten Lockenbüschels.
Sein linkes, etwas zugekniffenes kleines Auge zwinkerte und lächelte,
ganz als ob es sagen wollte: „Warum willst du vorübergehn? Du wirst ja
doch nicht vorübergehn, du siehst doch selbst ein, daß wir beide, wir
zwei Klugen, etwas zu besprechen haben.“ Iwan Fedorowitsch erzitterte.
„Fort, Hund, was habe ich mit dir zu schaffen, Rüpel!“ schwebte es Iwan
auf den Lippen, doch zu seiner größten Verwunderung sprach er etwas ganz
anderes aus:
„Schläft der Vater noch, oder ist er schon aufgestanden?“ fragte er mit
leiser und fast freundlicher Stimme, und ebenso unerwartet für sich
selbst, setzte er sich plötzlich auf die Bank. Auf einen Augenblick
überkam ihn geradezu Angst, und dieser plötzlichen Angst erinnerte er
sich noch später. Ssmerdjäkoff stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken,
und blickte ihn voll Selbstvertrauen fast streng an.
„Geruhen noch zu schlafen,“ antwortete er langsam, ohne sich im
geringsten zu beeilen, und mit dieser Langsamkeit schien er gleichsam
ausdrücken zu wollen: „Hast selbst angefangen zu sprechen, nicht ich.“ –
„Nur wundere ich mich alleweil über Euch, Herr,“ fügte er nach kurzem
Schweigen hinzu, schlug geradezu geziert die Augen nieder, setzte den
rechten Fuß vor und spielte mit der Spitze des spiegelblank geputzten
Stiefels.
„So, und warum wunderst du dich denn über mich?“ stieß Iwan Fedorowitsch
schroff und rauh hervor, obgleich er sich aus allen Kräften bezwang,
denn er hatte plötzlich mit Ekel begriffen, daß er die größte Neugier
für das, was der Diener sagen werde, empfand und auf keinen Fall
fortgehen werde, ohne sie befriedigt zu haben.
„Warum fahrt Ihr, Herr, nicht nach Tschermaschnjä?“ fragte Ssmerdjäkoff,
der plötzlich wieder aufsah und familiär lächelte. – Sein linkes, etwas
zugekniffenes Auge aber schien zu sagen: „Und worüber ich lächle, mußt
du selbst begreifen, wenn du ein kluger Mensch bist.“
„Warum soll ich denn nach Tschermaschnjä fahren?“ fragte Iwan
Fedorowitsch verwundert.
Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile.
„Sogar der Herr Fedor Pawlowitsch haben Euch so drum gebeten,“ sagte er
schließlich langsam und als ob er selbst seine gegebene Antwort nicht
schätzte, – also ungefähr: „Mache es mit einem nebensächlichen Grunde
ab, nur um etwas zu sagen“ –.
„Äh, Teufel, sprich deutlicher, was willst du?“ schrie ihn Iwan
Fedorowitsch zornig an, von der Sanftmut zur Grobheit übergehend.
Ssmerdjäkoff setzte den rechten Fuß neben den linken, richtete sich
etwas strammer auf, fuhr aber fort, ihn mit derselben Ruhe und mit
demselben Lächeln anzublicken.
„Wesentliches habe ich nichts zu sagen ... ich meinte nur so beiläufig
...“
Wieder trat Schweigen ein. Sie schwiegen etwa eine Minute lang. Iwan
Fedorowitsch wußte, daß er sofort geärgert aufstehen und fortgehen
müßte, Ssmerdjäkoff aber stand vor ihm, als ob er wartete und dachte:
„Ich will jetzt nur sehen, ob du dich ärgerst oder nicht.“ Wenigstens
schien es Iwan Fedorowitsch so. Er machte eine Bewegung, um aufzustehen.
Darauf hatte aber Ssmerdjäkoff nur gelauert.
„Ganz schrecklich ist meine Lage, Herr, ich weiß gar nicht, wie ich mir
helfen soll,“ sagte er sofort, doch sprach er bereits fest und deutlich,
und beim letzten Worte seufzte er auf. Iwan Fedorowitsch blieb sitzen.
„Beide sind sie ganz kindisch geworden, ganz wie die allerkleinsten
Kinder,“ fuhr Ssmerdjäkoff fort. „Ich rede von dem alten Herrn und
Dmitrij Fedorowitsch. Der alte Herr werden jetzt aufstehen, und von
selbigem Augenblick an geht dann das Fragen los: ‚Ist sie noch nicht
gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‘ – Und das geht dann so weiter
bis Mitternacht und noch weiter. Und wenn Agrafena Alexandrowna[18]
nicht gekommen sind, sintemal sie wohl wahrscheinlich überhaupt niemals
zu kommen gedenken, so werden der Herr morgen früh wieder anfangen:
‚Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann wird
sie kommen?‘ – Ganz als ob das meine Schuld ist, sozusagen. Und
hinwiederum andererseits kommen, sobald es dunkler wird, oder auch schon
früher, Dmitrij Fedorowitsch mit der Flinte in die Nachbarschaft: ‚Paß
auf, Kanaille,‘ sagen sie, ‚wenn du sie durchläßt und mich nicht
benachrichtigst, falls sie gekommen ist, so bist du der erste, den ich
totschieße‘. Und ist die Nacht vergangen, so fangen auch Dmitrij
Fedorowitsch, ganz wie der alte Herr, mich qualvoll zu quälen an: ‚Warum
ist sie nicht gekommen, wird sie sich bald sehen lassen‘? – Ganz als ob
es hinwiederum auch vor ihnen meine Schuld wäre, daß ihre Dame nicht
gekommen ist. Und derartig ärgern sie sich alleweil, und mit jeder
Stunde, und mit jedem Tage wird ihre Wut immer noch gewaltiger, so daß
ich mitunter schon daran denke, mir vor lauter Angst das Leben zu
nehmen. Ich, Herr, ich kann mich nicht auf solche Menschen verlassen.“
„Warum hast du dich darauf eingelassen? Warum hast du Dmitrij
Fedorowitsch alles hinterbracht?“ fragte Iwan Fedorowitsch gereizt.
„Aber wie sollte ich denn nicht? Und ich hab mich auch gar nicht
hineingemischt, wenn ich die volle Wahrheit sagen soll. Ich habe vom
ersten Anfang an alleweil geschwiegen, dieweil ich nicht wagte, zu
antworten, Dmitrij Fedorowitsch aber haben mich ungefragt gezwungen, ihr
Diener zu sein, und jetzt kennen sie für mich nur ein Wort: ‚Schlage
dich platt, Kanaille, mausetot, wenn du sie hineinläßt!‘ Ich bin sicher,
Herr, daß ich morgen einen langen Anfall haben werde.“
„Was für einen langen Anfall?“
„So einen langen Anfall, einen ungewöhnlich langen. Mehrere Stunden oder
einen ganzen Tag und noch einen anderen Tag womöglich. Einmal hatte ich
ihn drei Tage lang, dieweil ich damals vom Wäscheboden gefallen war. Es
hört auf – fängt aber wieder an. Ich konnte an all diesen drei Tagen
nicht zu klarer Besinnung kommen. Fedor Pawlowitsch schickten nach
Herzenstube, dem hiesigen Arzt, der legte mir Eis auf die Schläfen und
gebrauchte noch ein anderes dummes Mittel ... Ich hätte davon sterben
können.“
„Soviel ich weiß, kann man bei dieser Krankheit nicht voraussagen, daß
man dann und dann einen Anfall bekommen wird. Wie kannst du also sagen,
daß du morgen einen haben wirst?“ erkundigte sich mit ganz besonderer
und gereizter Neugier Iwan Fedorowitsch.
„Das stimmt genau, daß man es nicht vorauswissen kann.“
„Und zudem hattest du ihn damals nur darum, weil du vom Boden gefallen
warst.“
„Auf den Boden gehe ich jeden Tag, ich kann alsomit auch morgen von der
Bodentreppe herabfallen. Oder wenn nicht von dort, dann kann ich ja auch
in den Keller hinabfallen, dieweil ich auch in den Keller täglich von
wegen der Wirtschaft gehen muß.“
Iwan Fedorowitsch blickte ihn lange scharf an.
„Du faselst, wie ich sehe, und ich verstehe dich wohl nicht recht,“
sagte er halblaut, doch drohend, „willst du dich morgen etwa verstellen
und drei Tage lang einen Anfall vorspielen? Wie?“
Ssmerdjäkoff, der zu Boden sah und wieder mit der Stiefelspitze des
rechten Fußes spielte, stellte sich nun auf den rechten Fuß und schob
statt seiner den linken Fuß vor, erhob den Kopf und sagte lächelnd:
„Selbst wenn ich dieses Stückchen machen könnte, also mich verstellen,
dieweil es für einen geübten Menschen gar nicht schwer ist, so bin ich
doch vollauf berechtigt, selbiges Mittel zur Rettung meines Lebens vom
Tode zu gebrauchen, dieweil wenn ich krank bin und Agrafena Alexandrowna
zum alten Herrn kommen, Dmitrij Fedorowitsch dann doch nicht von einem
kranken Menschen fragen können: ‚Warum hast du es mir nicht gesagt?‘ Sie
werden sich von selbst schämen, dann noch einen kranken Menschen das zu
fragen.“
„Äh, Teufel!“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch mit wutentstelltem
Gesicht an. „Was zitterst du immer um dein Leben! Du weißt doch, daß
diese Drohungen Dmitrij Fedorowitschs nichts zu bedeuten haben, nur
leere Worte sind! Dich wird er nicht totschlagen, da sei du unbesorgt!
Totschlagen wird er, aber nicht dich!“
„Wie eine Fliege, und zwar mich vor allen anderen. Aber mehr als das
fürchte ich noch das Weitere: daß man mich dann sozusagen für ihren
Helfershelfer hält, wenn sie was ganz Verrücktes mit ihrem Vater getan
haben.“
„Warum soll man denn dich für seinen Helfershelfer halten?“
„Dieweil ich ihnen selbige Zeichen als großes Geheimnis mitgeteilt
habe.“
„Was für Zeichen? Wem mitgeteilt? Zum Teufel, so sprich deutlicher!“
„Ich muß wirklich gestehen, daß ich hier ein Geheimnis habe mit dem
alten Herrn,“ sagte Ssmerdjäkoff langsam in pedantischer Ruhe. „Wie Ihr
selbst zu wissen geruht – wenn Ihr nur geruht, es zu wissen – hat sich
der Herr seit einigen Tagen zur Gewohnheit gemacht, zur Nacht oder sogar
schon am Abend von innewendig die Türen alleweil zuzuschließen. Ihr
geruhtet, Euch in letzter Zeit immer früh nach oben zurückzuziehen, und
gestern geruhtet Ihr, überhaupt nicht auszugehen, und alsomit könnt Ihr
auch wohlmöglich überhaupt nicht wissen, wie akkurat und besorgt der
alte Herr sich jetzt zur Nacht einschließen. Und selbst wenn Grigorij
Wassiljewitsch kommt, so machen sie nur höchstens dann noch auf, wenn
sie ihn vorher gut an der Stimme erkannt haben. Aber Grigorij
Wassiljewitsch kommt nicht, denn ich bediene sie jetzt ganz allein in
ihren Zimmern, – so haben sie es selbst bestimmt seit dem Momente, da
sie diesen Einfall mit Agrafena Alexandrowna haben, zur Nacht aber
entferne auch ich mich aus dem großen Hause, dieweil selbiges ihre eigne
Anordnung ist, und dann muß ich bis Mitternacht aufpassen, herumgehn auf
dem Hof und warten, ob sie kommen, dieweil der Herr sie schon seit
mehreren Tagen wie wahnsinnig erwarten. Denken aber tun sie dabei so:
‚Sie,‘ sagt der Herr, ‚fürchtet ihn‘, – also den Dmitrij Fedorowitsch,
den sie immer Mitjka nennen, ‚und darum wird sie etwas später durch die
Hinterstraßen zu mir kommen; du aber‘, sagen sie zu mir, ‚mußt sie bis
Mitternacht und noch drüber hinaus erwarten. Und wenn sie kommt, so komm
schnell zur Gartentür gelaufen und klopf an die Tür oder an das Fenster
vom Garten aus, die ersten zwei Male etwas leiser, sieh so: Eins-zwei,
und dann gleich darauf dreimal etwas schneller: Tuck-tuck-tuck. Dann‘,
sagen sie, ‚werde ich sofort wissen, daß sie gekommen ist, und dir leise
die Tür aufmachen.‘ Und dann haben sie mir noch ein anderes Zeichen für
den Fall mitgeteilt, wenn etwas Besonderes geschehen sollte, zuerst
zweimal schnell: Tuck-tuck, und dann, nach einer kleinen Weile, noch
einmal viel stärker: _Tuck_. Dann, sagen sie, würden sie sofort
begreifen, daß etwas Besonderes geschehen ist, und daß ich sie sprechen
muß, und werden mir gleichfalls aufmachen. Und ich werde dann eintreten
und melden. Das alles für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht
selbst kommen können und irgendeine Nachricht schicken. Und dann können
auch Dmitrij Fedorowitsch kommen, also muß ich auch dann
benachrichtigen, daß sie in der Nähe sind. Der alte Herr fürchten sich
gewaltig vor Dmitrij Fedorowitsch, so daß ich selbst dann, wenn Agrafena
Alexandrowna gekommen sind und sie sich mit ihr eingeschlossen haben,
Dmitrij Fedorowitsch aber mittlerweile irgendwo in der Nähe auftauchen,
daß ich auch dann sofort melden muß, nach selbigem zweiten Zeichen, also
dreimal geklopft. So bedeutet denn das erste Zeichen, fünfmal geklopft:
‚Sie ist gekommen‘, und das zweite Zeichen, dreimal geklopft – ‚dringend
nötig‘. So haben sie selber es mir mannigfach vorgemacht und angezeigt
und buchstäblich so erklärt. Und da nun in der ganzen Welt nur ich und
sie von diesen Zeichen wissen, so werden sie ohne jede Bedenklichkeit
und ohne zu fragen oder anzurufen, aufmachen, denn auch laut zu rufen
haben sie gewaltige Angst. Und selbige Zeichen sind nun auch dem jungen
Herrn Dmitrij Fedorowitsch bekannt geworden.“
„Wieso, wodurch bekannt geworden? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie
konntest du es wagen!“
„Nur von wegen meiner gewaltigen Angst. Und wie hätte ich denn
hinwiederum wagen können, ihnen selbiges zu verheimlichen? Dmitrij
Fedorowitsch drohen mir jeden lieben Tag: ‚Du betrügst mich‘, sagen sie,
‚du verheimlichst etwas! Ich werde dich zu Brei schlagen, werde dir
beide Beine ausreißen!‘ Und da machte ich ihnen denn Mitteilung von
selbigen geheimen Zeichen, damit sie wenigstens meine treue Ergebenheit
sehen und sich alsomit vergewissern, daß ich sie nicht betrüge und alles
gehorsamst vermelde.“
„Wenn du glaubst, daß er die Kenntnis dieser Zeichen benutzen will, um
hineinzukommen, so mußt du doppelt acht geben, hörst du, und ihn auf
keinen Fall hereinlassen!“
„Wenn ich aber selber einen Anfall habe, wie soll ich sie dann nicht
hereinlassen, selbst wenn ich mich erdreisten könnte, sie nicht
hereinzulassen, da ich doch weiß, wie verzweifelt sie sind?“
„Zum Teufel, warum bist du so überzeugt, daß du einen Anfall bekommen
wirst? Machst du dich etwa über mich lustig?“
„Wie sollte ich wohl wagen, über Euch zu lachen, und ist denn einem nach
Lachen zumut, wenn man solche Angst hat? Ich fühle es voraus, daß ich
einen Anfall bekommen werde, habe solch ein Vorgefühl, von bloßer Angst
werde ich ihn bekommen.“
„Äh, Teufel! Wenn du krank bist, wird Grigorij wachen. Bereite ihn
darauf vor, der wird dich schon gut ersetzen.“
„Von den Zeichen darf ich Grigorij Wassiljewitsch ohne ausdrücklichen
Befehl des Herrn unter keinen Umständen etwas sagen. Und was Ihr sagt:
von mich ersetzen, so hat er sich akkurat heute erkältet, und Marfa
Ignatjewna will ihn alsomit morgen gewaltig kurieren. Sie haben es
vorhin beide besprochen. Und dieses Kurieren ist sehr knifflich: Marfa
Ignatjewna hat solch einen Salzbranntweinaufguß mit Kräutern, deren
sämtliche Wirkungen sie kennt, und mit dieser Geschichte wird Grigorij
Wassiljewitsch dreimal im Jahr kuriert, wenn er nämlich kreuzlahm wird.
Dann nehmen sie ein grobes Handtuch, tunken es in diesen Kräuteraufguß,
und dann reibt Marfa Ignatjewna eine halbe Stunde lang Grigorijs Rücken,
so daß selbiger ganz rot wird und anschwillt. Und darauf gibt sie ihm
den Rest mit einem gewissen Gebet zu trinken, aber nicht alles, etwas
behält sie noch für sich zurück, das sie dann selber austrinkt. Und
alsomit legen sich beide schlafen und schlafen lange und gewaltig fest.
Und am nächsten Morgen ist Grigorij Wassiljewitsch immer gesund, Marfa
Ignatjewna aber hat immer nachher Kopfschmerzen. Alsomit wird Grigorij
Wassiljewitsch morgen, wenn Marfa Ignatjewna ihr Vorhaben ausführt,
nichts hören, und so kann denn auch von einem Dmitrij Fedorowitsch nicht
Einlassen gar keine Rede sein. Schlafen wird er.“
„Welch ein Blödsinn!“ schrie ihn Iwan Fedorowitsch zornig an. „Das
trifft ja alles wie absichtlich zusammen: Du bewußtlos nach dem
epileptischen Anfall und Grigorij und Marfa in festem Schlaf! – Oder
steckst du vielleicht dahinter, daß sich alles so vorzüglich trifft?“,
stieß er plötzlich kurz hervor und zog drohend die Brauen zusammen.
„Wie soll ich dahinter stecken ... und wozu sollte ich das zu tun
versuchen, wenn doch hier alles nur von Dmitrij Fedorowitsch abhängt und
von ihren Absichten ... Wollen sie was anstiften, so wird es alsomit
auch geschehen, wenn hinwiederum nicht, so werde doch ich nicht
absichtlich sie herrufen, um sie zu ihrem Erzeuger hineinzuschicken.“
„Aber warum soll er denn zum Vater kommen, und dazu noch heimlich, wenn
Agrafena Alexandrowna, wie du selbst sagst, überhaupt nicht kommen
wird?“ fuhr Iwan Fedorowitsch, bleich vor Wut, fort. „Du sagst doch
selbst, daß sie nicht zu ihm kommen will, und auch ich war die ganze
Zeit über, die ich hier verbracht habe, überzeugt, daß der Alte nur
phantasiert, und daß dieses Geschöpf nie zu ihm kommen wird. Warum nun
soll sich Dmitrij mittels dieser Zeichen zum Alten hineinschleichen
wollen? Sprich! Ich will deine Gedanken wissen!“
„Ihr geruht doch selber zu wissen, warum sie kommen werden, wozu hier
meine Gedanken? Können sie doch schon aus Wut allein kommen oder auch
aus Argwohn, beispielsweise, wenn ich krank bin. Dann wissen sie, daß
ich nicht aufpassen kann, und werden vielleicht wie gestern in die
Zimmer laufen, um sich alsomit zu vergewissern, ob ihre Dame nicht
irgendwie von ihnen unbemerkt gekommen ist. Auch wissen sie ganz genau,
daß der Herr ein großes Kuvert bereit liegen haben, und daß da drin
dreitausend Rubel sind, und daß der Herr das Kuvert mit drei großen
Siegeln verlackt und mit einem Bändchen kreuzweise umbunden und
eigenhändig draufgeschrieben haben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie
zu mir kommen will‘, und daß sie darauf nach drei Tagen noch hinzugefügt
haben ‚und Küchelchen‘. Das aber ist es nun, was gefährlich werden
kann.“
„Blödsinn!“ stieß Iwan Fedorowitsch wutbebend hervor. „Dmitrij wird
nicht Geld rauben gehn und dabei noch den Vater erschlagen. Er hätte ihn
vielleicht gestern ihretwegen aus besinnungsloser Eifersucht erschlagen
können, aber Geld stehlen – das tut ein Dmitrij Fedorowitsch nicht!“
„Sie brauchen aber jetzt Geld, brauchen es ganz gewaltig! Ihr wißt ja
nicht einmal, wie nötig sie es haben,“ erklärte ungewöhnlich ruhig und
auffallend deutlich Ssmerdjäkoff. „Und selbige Dreitausend halten sie
noch dazu für ihr Geld, und so haben sie selber mir sogar mannigfach
erklärt; ‚Diese Dreitausend ist er mir so gut wie schuldig‘, haben sie
zu mir gesagt. Und zu alledem bedenkt doch selbst, Herr, daß Agrafena
Alexandrowna, wenn sie nur wollen, den Herrn zwingen werden, sie zu
heiraten, den alten Herrn Fedor Pawlowitsch, das ist doch so wie es ist,
muß man sagen, die reinste abgekochte Wahrheit, wenn sie nur selber
wollen, und es kann doch sein, daß sie wirklich wollen werden. Ich sag
doch nur so selbentlich, daß sie nicht kommen werden, sie aber wollen
vielleicht noch viel mehr als Dreitausend, sie wollen vielleicht
geradeswegs Gnädige werden. Ich selber weiß, daß der Kaufmann
Ssamssonoff ihr in aller Aufrichtigkeit gesagt hat, das wäre sogar
äußerst wenig dumm, und daß sie darauf gelacht haben. Und sie sind
gleichfalls eine Dame, die äußerst wenig dumm sind. Einen Habenichts,
wie es doch Dmitrij Fedorowitsch sind, kann ihr nicht passen zu
heiraten. Wenn man alsomit jetzt bedenkt, Herr, daß dann weder für
Dmitrij Fedorowitsch, noch selbst für Euch, Herr, mitsamt Euerm
Brüderchen Alexei Fedorowitsch so gut wie nichts nach dem Tode des
Vaters verbleiben wird, kein einziger runder Rubel, dieweil Agrafena
Alexandrowna sie nur deswegen heiraten werden, um alles für sich
verschreiben zu lassen, alles, was es nur an Kapitalien gibt, so bedenkt
doch selbst, wie es ist. Stirbt aber der alte Herr jetzt, da doch noch
nichts davon geschehen ist, so kriegt jeder von Ihnen sofort blank und
bar, wie man sagt, mindestens seine Vierzigtausend sicher, sogar Dmitrij
Fedorowitsch, der ihnen jetzt so gewaltig verhaßt ist, da sie ein
Testament noch nicht gemacht haben ... Und das alles weiß Dmitrij
Fedorowitsch wie dreimal drei.“
Es war, als ob sich in Iwan Fedorowitschs Gesicht etwas verzerrte. Er
zitterte am ganzen Körper. Und plötzlich stieg ihm dunkelrot das Blut
ins Gesicht.
„Warum also rätst du mir daraufhin, nach Tschermaschnjä zu fahren?“
unterbrach er Ssmerdjäkoff. „Was wolltest du damit sagen? Du siehst
doch, was geschehen wird, wenn ich fahre!“
Iwan Fedorowitsch atmete schwer.
„Das ist vollkommen richtig,“ sagte wohlüberlegt, leise und
überzeugungsvoll Ssmerdjäkoff, der nicht aufhörte, Iwan Fedorowitsch
aufmerksam und unverwandt zu beobachten.
„Wieso vollkommen richtig?“ fragte, nur mit Mühe sich bezwingend, Iwan
Fedorowitsch, und seine Augen blickten drohend.
„Ich meinte selbiges nur, weil ich Mitleid hatte mit Euch, Herr. An
Eurer Stelle würde ich das alles hier liegen lassen, wie es ist, und
fortgehen ... das ist doch besser, als bei solch einer Geschichte dabei
sitzen ...“ antwortete Ssmerdjäkoff, indem er scheinbar mit der größten
Offenheit in die unheimlich drohenden Augen Iwan Fedorowitschs blickte.
Beide schwiegen eine Weile.
„Du bist, glaube ich, ein riesengroßer Idiot und außerdem, versteht
sich, der gemeinste Schurke!“ sagte Iwan Fedorowitsch langsam und erhob
sich von der Bank.
Er wollte darauf durch das Fußpförtchen auf den Hof gehen, doch
plötzlich blieb er stehen und wandte sich um zu Ssmerdjäkoff. Es geschah
etwas Sonderbares: Plötzlich, wie im Krampf, hatte Iwan Fedorowitsch die
Zähne zusammengepreßt und die Fäuste geballt und – noch einen
Augenblick, und er hätte sich auf Ssmerdjäkoff gestürzt. Der aber, der
es sofort bemerkt hatte, fuhr zusammen und bog erschrocken den
Oberkörper zurück. Doch der Augenblick verging glücklich für
Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch wandte sich schweigend, als ob er
plötzlich in Zweifeln befangen wäre, zur Pforte.
„Ich werde morgen nach Moskau fahren, wenn es dich interessiert, –
morgen in der Früh, – das ist alles!“ sagte er plötzlich boshaft, laut
und langsam, und als er es gesagt hatte, fragte er sich verwundert, was
ihn veranlaßt haben mochte, Ssmerdjäkoff das zu sagen, und auch später
noch stellte er sich oftmals diese Frage.
„Das ist auch das allerbeste,“ griff Ssmerdjäkoff sofort auf, ganz, als
hätte er nur darauf gewartet, „und wäre es nur, daß man Euch in Moskau
mit dem Telegraphen beunruhigen und zurückrufen könnte, in irgend so
einem besonderen Fall.“
Iwan Fedorowitsch blieb wieder stehen und wandte sich von neuem brüsk zu
Ssmerdjäkoff zurück. Doch mit dem schien etwas Sonderbares geschehen zu
sein: seine ganze Familiarität und Nachlässigkeit waren mit einemmal
verschwunden; sein ganzes Gesicht drückte ungewöhnliche Aufmerksamkeit
und Erwartung aus – doch war es diesmal zaghafte, furchtsame,
knechtische Erwartung. „Wirst du nicht noch etwas sagen, nicht noch
etwas hinzufügen?“ fragte förmlich sein unverwandter, sich an Iwan
Fedorowitsch gleichsam festsaugender Blick.
„Und aus Tschermaschnjä würde man mich etwa nicht zurückrufen ... in
irgend so einem besonderen Fall?“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch
an, ohne selbst zu wissen, warum er so die Stimme erhob.
„Auch aus Tschermaschnjä würde man ... beunruhigen ...“ murmelte
Ssmerdjäkoff fast flüsternd, und als hätte er sich ganz verloren, doch
fuhr er dabei unverwandt fort, aufmerksam, ungeheuer aufmerksam Iwan
Fedorowitsch gerade in die Augen zu blicken.
„Nur ist Moskau weiter und Tschermaschnjä näher, so tut es dir wohl um
das verfahrene Geld leid, nicht? wenn du mir nach Tschermaschnjä zu
fahren zuredest, oder tue ich dir etwa leid, weil ich dann einen so
großen Umweg mache?“
„Genau so ...“ murmelte Ssmerdjäkoff, widerlich lächelnd, mit fast
tonloser Stimme – und wieder war er angespannt bereit, sofort
rechtzeitig zurückzuspringen.
Doch zu Ssmerdjäkoffs höchster Verwunderung ging Iwan Fedorowitsch
auflachend zur Pforte und trat, immer noch lachend, durch sie ein. Wer
aber sein Gesicht gesehen hätte, der würde sich bestimmt gesagt haben,
daß er nicht etwa lachte, weil ihm froh zumut war. Und auch ihm selbst
wäre es unmöglich gewesen, zu erklären, was damals, in jener Minute mit
ihm geschehen war. Bewegte er sich und ging er doch, als ob sich seine
Glieder krampften.
VII.
„Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Vergnügen“
Und wie er ging, so sprach er auch. Als er in den Saal trat und dort den
Vater erblickte, rief er ihm sofort, heftig mit der Hand abwinkend, zu:
„Ich gehe zu mir nach oben, komme nicht zu Ihnen, auf Wiedersehen!“ Und
damit ging er vorüber, bemüht, den Vater nicht anzusehen. Möglich, daß
der Alte ihm in diesem Augenblick gar zu widerlich war. Doch diese
zeremonielose Kundgebung des feindlichen Gefühls verblüffte selbst Fedor
Pawlowitsch. Der Alte schien ihm tatsächlich etwas sagen zu wollen und
ihm zu diesem Zweck in den Saal entgegengekommen zu sein. Als er jedoch
diesen unliebenswürdigen Gruß hörte, blieb er schweigend stehen und
blickte nur spöttisch dem Sohne so lange nach, bis der auf der Treppe
zum oberen Stock verschwunden war.
„Was fehlt ihm?“ fragte er hastig den gleich nach Iwan Fedorowitsch
eingetretenen Ssmerdjäkoff.
„Scheinen sich über was zu ärgern, wer kann aus ihnen klug werden?“
brummte der ausweichend.
„Na, dann zum Teufel mit ihm! Mag er sich doch ärgern, wenn es ihm
Vergnügen macht. Gib den Tee her und mach dann, daß du fortkommst, fix.
Was gibt es Neues?“
Und es begannen dieselben Fragen, über die sich Ssmerdjäkoff soeben bei
Iwan Fedorowitsch beklagt hatte, d. h. Fragen, die sich alle auf den
erwarteten Besuch bezogen. Nach einer halben Stunde wurde das Haus
sorgfältig verschlossen, und der verrückte Alte spazierte allein durch
die Zimmer, – in zitternder Erwartung, daß sofort, im Augenblick, die
fünf verabredeten Schläge ertönen würden. Von Zeit zu Zeit blickte er
durch die Fenster hinaus, doch sah er dort nichts außer der Nacht.
Es war schon sehr spät, aber Iwan Fedorowitsch schlief noch immer nicht.
Die Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Spät erst legte er sich in dieser
Nacht zu Bett, erst nach zwei Uhr morgens. Doch will ich nicht
unternehmen, den ganzen Gang seiner Gedanken wiederzugeben, es ist auch
noch nicht an der Zeit, in diese Seele einzudringen. Und selbst wenn ich
jetzt versuchen wollte, seinen Zustand zu schildern, so fiele es mir
doch sehr schwer, da es nicht Gedanken waren, die ihn quälten, es war
vielmehr etwas Unbestimmbares und vor allen Dingen etwas ihn maßlos
Erregendes, was ihn peinigte. Es war ihm, als hätte er jeden Halt
verloren. Auch quälten ihn verschiedene sonderbare und ganz unerwartete
Wünsche, z. B.: kurz nach Mitternacht wandelte ihn plötzlich
unwiderstehlich die Lust an, in das Nebengebäude auf den Hof zu gehen
und Ssmerdjäkoff durchzuprügeln. Doch hätte man ihn gefragt, warum er
das wollte, so wäre er bestimmt nicht imstande gewesen, auch nur einen
einzigen Grund genau anzugeben, außer vielleicht den einen, daß dieser
Diener ihm so verhaßt geworden war wie der größte Beleidiger, den man
sich in der Welt denken könnte. Und andererseits wurde seine Seele in
dieser Nacht nicht nur einmal von einer ganz unerklärlichen und
erniedrigenden Zaghaftigkeit ergriffen, die ihn immer wieder ganz
plötzlich überfiel, und von der er – das fühlte er – geradezu auch alle
körperliche Kraft verlor. Sein Kopf tat ihm weh, und vor seinen Augen
flimmerte es. Etwas Verhaßtes lag beklemmend auf seiner Seele, ganz als
hätte er sich vorgenommen, sich an jemandem zu rächen. Er begann sogar,
Aljoscha zu hassen, wenn er an sein Gespräch mit ihm dachte, und er
haßte in manchen Minuten qualvoll auch sich selbst. An Katerina Iwanowna
vergaß er beinahe zu denken, worüber er sich nicht wenig wunderte, um so
mehr, als er am Morgen, wie er sich noch sehr gut erinnerte – da er so
stolz bei Chochlakoffs gesagt hatte, daß er am nächsten Tage auf immer
verreisen werde – sich selbst im geheimsten Innern gesagt hatte: „Das
ist ja Unsinn, du wirst ja doch nicht fahren, und es wird dir durchaus
nicht so leicht sein, dich von allem hier loszureißen, wie du jetzt
prahlend sagst.“ Wenn Iwan Fedorowitsch später an diese Nacht
zurückdachte, so war für ihn die unangenehmste Erinnerung, daß er sich
plötzlich vom Diwan erhoben und leise, als hätte er furchtbare Angst,
daß man ihn hören könnte, die Tür zur Treppe geöffnet hatte, um
hinunterzulauschen, wie dort unten in den großen Räumen Fedor
Pawlowitsch umherging. Lange hatte er so gestanden und gehorcht, ganze
fünf Minuten lang, in einer sonderbaren Erwartung mit zurückgehaltenem
Atem und klopfendem Herzen, doch warum er das tat, warum er horchen
ging, – das wußte er in dem Augenblick selbst nicht. Diese seine
Handlung nannte er später „abscheulich“, und in der verborgensten Tiefe
seines Herzens hielt er sie für die niedrigste Tat seines Lebens. Gegen
den Vater empfand er aber in diesen Minuten nicht den geringsten Haß,
nur interessierte es ihn aus einem unbekannten Grunde über die Maßen,
wie der Alte dort unten umherging, und was er wohl denken und tun
möchte. Er stellte sich vor, wie der Vater in die dunklen Fenster
blickte und plötzlich mitten im Zimmer stehen blieb und wartete,
wartete, – ob nicht jemand klopfte. Zweimal ging Iwan Fedorowitsch zu
diesem Zweck zur Treppe. Als aber alles still wurde, und Fedor
Pawlowitsch sich hingelegt hatte, ungefähr um zwei Uhr morgens, da
kleidete auch Iwan Fedorowitsch sich aus, um zu Bett zu gehen – mit dem
Wunsch, bald einzuschlafen, da er sich nach allen Qualen unerträglich
müde fühlte. Und so war es auch. Er schlief ganz plötzlich fest ein,
schlief die ganze Nacht traumlos und erwachte früh am Morgen, ungefähr
um sieben Uhr, als es schon hell war.
Als er die Augen aufschlug, fühlte er zu seiner Verwunderung einen ganz
ungewöhnlichen Zustrom von Energie. Er erhob sich schnell, kleidete sich
an, zog darauf seinen Koffer hervor und begann, ohne Zeit zu vertrödeln,
selbst seine Sachen zu packen. Die Wäsche war gerade am Tage zuvor von
der Wäscherin gebracht worden, und Iwan Fedorowitsch lächelte sogar bei
dem Gedanken, wie alles sich traf und nichts seine plötzliche Abreise
aufhielt. Plötzlich konnte man die Abreise sehr wohl nennen, denn wenn
er auch Katerina Iwanowna, Aljoscha und später Ssmerdjäkoff gesagt
hatte, daß er am nächsten Tage fortfahren werde, so hatte er doch am
Abend – dessen erinnerte er sich genau – beim Schlafengehen kein
einziges Mal an die Abreise gedacht, und noch viel weniger, daß er am
Morgen, ohne sich zu bedenken, als erstes eigenhändig seinen Koffer
packen werde. Endlich war alles fertig, sowohl der Koffer, wie die
Reisetasche. Es war schon neun Uhr, als Marfa Ignatjewna wie gewöhnlich
kam, um zu fragen, wo der junge Herr den Tee trinken würde, bei sich
oben oder unten im Saal. Iwan Fedorowitsch ging diesmal nach unten; er
sah geradezu heiter aus, wenn auch an ihm, in seinen Worten und
Bewegungen, etwas Nervöses, eine gewisse Hast auffiel. Er begrüßte
freundlich den Vater, erkundigte sich sogar nach dessen Befinden, und
plötzlich, ohne die ganze Antwort des Vaters abzuwarten, teilte er mit,
daß er in einer Stunde nach Moskau abfahren werde – und zwar auf immer –
und daher bäte, die Pferde anspannen zu lassen. Der Alte vernahm diese
unerwartete Mitteilung ohne das geringste Zeichen von Verwunderung,
vergaß sogar höchst unhöflicherweise die Abfahrt des Sohnes zu bedauern
– statt dessen belebte er sich gleich darauf ungemein, da ihm im
Zusammenhang damit eine dringende eigene Angelegenheit eingefallen war.
„Ach du! Sieh mal einer an, wie du bist! Hast gestern kein Wort davon
gesagt ... nun, einerlei, aber weißt du was, mein Liebster, tu mir den
Gefallen, Wanjä, und fahr noch vorher nach Tschermaschnjä! Du brauchst
doch von der Station, von Wolowje, nur nach links abzubiegen, im ganzen
lumpige zwölf Werst, und du bist da!“
„Unmöglich, das kann ich nicht: Bis zur Eisenbahn sind achtzig Werst,
und der Zug nach Moskau verläßt die Station um Punkt sieben abends –
komme also knapp hin.“
„Nun, dann kommst du morgen oder übermorgen hin, ’s ist doch wahrhaftig
egal! Heute aber fahr nach Tschermaschnjä! Ist es denn viel, um was ich
dich bitte, und du beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht gebunden
wäre, würde ich schon längst hingerutscht sein, denn die Sache drängt,
sag ich dir, und ist wirklich nicht so ohne, ich aber habe jetzt hier
... mit einem Wort, die Zeit erlaubt es nicht ... Sieh, ich habe dort
meinen Wald in zwei Distrikten, in Begitschewo und in Djätschkinoje.
Maßloffs, Vater und Sohn, Kaufleute, bieten mir für das Abholzen nur
achttausend Rubel; im vorigen Jahr aber bot ein Aufkäufer zwölftausend,
es war aber kein Hiesiger, das ist der Haken! Denn die Hiesigen haben
keine Abnahme, und die beiden Maßloffs wuchern mit Hunderttausenden! Was
sie anbieten, das muß man auch nehmen, denn von den Hiesigen wagt
niemand, sie zu überbieten und ihnen was vor der Nase wegzufangen. Nun
aber erhielt ich am vorigen Donnerstag von dem Popen Iljinskij einen
Brief, in dem er mir mitteilte, daß Gorstkin hingekommen sei, – das ist
gleichfalls ein Aufkäufer, ich kenne ihn, nur ist das Wertvolle an der
Sache das, daß er kein Hiesiger ist, sondern aus Pogreboje, das heißt
also so viel, daß er die Maßloffs, Vater und Sohn, alle beide nicht
fürchtet, da er, wie gesagt, kein Hiesiger ist. Elftausend hat er
gesagt, würde er für das Abholzen geben, begreifst du jetzt? Hier aber
wird er, wie der Pope schrieb, nur eine Woche bleiben. Wenn du nun
hinfahren würdest, könntest du mit ihm die ganze Angelegenheit abmachen
...“
„Schreiben Sie doch dem Popen, der kann es ja gleichfalls abmachen.“
„Aber der versteht doch so etwas nicht, das ist es ja! Dieser
Gottesknecht hat ja keine Augen! Sonst ist er ein goldener Mensch, würde
ihm ohne zu zögern sofort Zwanzigtauseud ohne Quittung zum Aufbewahren
einhändigen, aber zu sehen versteht er nicht, wirklich als ob er gar
kein Mensch wäre! Jede lahme Krähe macht ihm ein X für ein U vor. Dabei
ist er ein gelehrter Mensch! Dieser Gorstkin aber ist dem Ansehen nach
ein Bauer, geht in blauem Wams herum, nur ist er dem Charakter nach ein
vollendeter Schuft, das ist ja unser gemeinsamer Jammer! Der Kerl lügt,
das ist das Verflixte! Mitunter lügt er dir Dinge vor, daß du dich nur
wundern kannst, warum er es tut. Vor drei Jahren log er mir vor, daß
seine Frau gestorben sei und er schon eine andere geheiratet habe, und
dabei war davon keine Silbe wahr, denk dir nur! Seine Frau lebte damals
unverändert weiter, lebt auch heutigen Tages noch und prügelt ihn alle
drei Tage einmal. So handelt es sich denn jetzt darum, zu erfahren, ob
er wirklich die Wahrheit sagt, daß er kaufen und Elftausend geben will.“
„So werde auch ich nichts ausrichten können, ich habe auch keine Augen.“
„Halt, mein Sohn, wart, du wirst schon dazu taugen, ich werde dir alle
Zeichen sagen, von Gorstkin, denn, weißt Du, ich habe schon lange mit
ihm zu tun. Sieh: Man muß bei ihm immer auf den Bart sehn. Er hat so’n
kleines, gerupftes, rotblondes Bärtchen. Wenn nun dieses Bärtchen
zittert, er sich aber beim Sprechen ärgert – dann ist’s gut, dann redet
er die Wahrheit, will ein Geschäft machen. Streichelt er aber das
Bärtchen mit der linken Hand und lächelt er dabei, – nun, dann will er
begaunern, dann macht er Finten. In die Augen sieh ihm niemals, aus
denen wird kein Teufel klug, dunkel ist das Wasser, wie gesagt, ein
Erzspitzbube, – sieh nur auf den Bart. Er nennt sich Gorstkin, heißt
aber gar nicht Gorstkin, sondern Ljägawyj,[19] aber rede ihn nicht so
an, sonst fühlt er sich sofort beleidigt. Wenn du also mit ihm
gesprochen hast und siehst, daß er es ernst meint, so schreibe mir
sofort. Schreibe nur: ‚Der Kerl lügt nicht‘. Das genügt. Nur mußt du auf
elftausend bestehen, wenn es aber nicht anders geht, so kannst du noch
ein Tausend ablassen, mehr aber unter keiner Bedingung. Denk nur: Acht
und elf – das ist ein Unterschied von dreitausend. Diese Dreitausend
habe ich so gut wie gefunden, denn so bald läuft einem kein neuer Käufer
in die Finger, Geld aber habe ich grad bis zum Halsabschneiden nötig.
Wenn du mir dann schreibst, daß die Sache ernst ist, so werde ich von
hier schnell hinfahren, hier irgendwie die Zeit noch dazu
herausquetschen. Was aber hat es für einen Zweck, überhaupt hinzufahren,
wenn sich schließlich alles nur als Hirngespinst des Popen erweisen
kann? Nun, fährst du?“
„Ich habe wirklich keine Zeit, ersparen Sie es mir ...“
„Ach du, aber so tu mir doch den Gefallen, werde es dir nicht vergessen!
Herzlos seid ihr alle samt und sonders, das ist das Ganze, was
dahintersteckt! Was macht es dir denn aus, ob du einen oder zwei Tage
früher ankommst? Wohin fährst du denn jetzt? – nach Venedig? Nun, in
diesen zwei Tagen wird dein Venedig nicht versinken. Ich würde sonst
Aljoscha schicken, aber was versteht denn Aljoschka von solchen Dingen?
Ich bitte einzig und allein dich darum, weil ich weiß, daß du ein kluger
Mensch bist. Das sehe ich doch, wie soll ich denn das nicht sehen? Zwar
handelst du nicht mit Wald, aber du hast ein gutes Auge. Hier heißt es
ja bloß sehen; meint es der Kerl ernst oder faselt er wieder mal? Ich
sage dir, sieh auf den Bart: Zittert das Bärtchen, so ist’s gut, dann
meint er’s ernst.“
„Sie wollen also _à tout prix_, daß ich dahin, in dieses verfluchte Nest
fahre, nach Tschermaschnjä?“ fragte Iwan Fedorowitsch zornig und
lächelte boshaft.
Fedor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht
bemerken, beachtete aber sofort das Lächeln.
„Du fährst also, wirst hinfahren? Wart, dann schreib ich schnell noch ’n
paar Zeilen, die du mitnehmen kannst.“
„Ich weiß nicht, ob ich hinfahren werde, ich weiß es noch nicht; werde
mich unterwegs entscheiden.“
„Ach was, unterwegs, entscheide dich jetzt! Nun, mein Täubchen,
entscheide dich, du fährst doch? Wenn du mit ihm gesprochen hast, so
schreibe mir nur zwei Zeilen und gib den Zettel dem Popen ab, er wird
ihn mir sofort rüberschicken. Und dann fahr wohin du willst, schieb
meinetwegen ab nach Venezien. Zurück zur Station kann dich der Pope mit
seinen Pferden fahren ...“
Der Alte war entzückt; im Augenblick hatte er das Zettelchen bekritzelt,
dann bestellte er die Pferde, bestellte auch einen Imbiß, Kognak. Wenn
der Alte sich über irgend etwas freute, so wurde er sofort sehr
gesprächig und mitteilsam, diesmal aber schien er sich zu bezwingen.
Dmitrij Fedorowitsch zum Beispiel erwähnte er mit keinem Wort. Die
bevorstehende Trennung selbst, vom zweiten Sohn, rührte ihn nicht im
geringsten. Er schien sogar nicht einmal recht zu wissen, wovon er
sprechen sollte, was Iwan Fedorowitsch sehr wohl bemerkte. „Muß ihm doch
genügend lästig geworden sein,“ dachte er bei sich.
Erst als der Alte den Sohn auf die Treppe hinausbegleitete, wurde er
etwas rührselig und bekundete sogar die Absicht, ihn zu küssen. Doch
Iwan Fedorowitsch streckte ihm schnell die Hand zum Abschied entgegen,
sichtlich bemüht, etwaige Liebesergüsse zu vermeiden, was der Alte denn
auch sofort begriff, und weshalb er den Kuß unterließ.
„Nun, fahr mit Gott, mit Gott!“ rief er ihm von der Treppe zu. „Wirst
doch noch einmal im Leben wieder herkommen, nicht? Na, komm nur, werde
mich freuen. Nun, Gott mit dir!“
Iwan Fedorowitsch stieg in den Wagen.
„Nun, leb wohl, Iwan, schimpf nicht zu sehr über mich!“ rief ihm der
Vater noch zum letztenmal nach.
Die Dienerschaft hatte sich zum Abschied gleichfalls eingefunden:
Ssmerdjäkoff, Marfa und Grigorij. Iwan Fedorowitsch schenkte jedem von
ihnen zehn Rubel. Als er sich schon in den Wagen gesetzt hatte, trat
noch Ssmerdjäkoff an den Schlag, um den Fußteppich zu ordnen.
„Siehst du ... ich fahre nach Tschermaschnjä ...“ kam es plötzlich ganz
von selbst über Iwan Fedorowitschs Lippen, für ihn jedenfalls ebenso
unerwartet, wie am Tage vorher bei der Hofpforte die Mitteilung, daß er
nach Moskau fahren werde – doch diesmal stieß er es mit einem sonderbar
nervösen Lachen hervor. Dieses Lachens und dieser Worte erinnerte er
sich später noch oft.
„Alsomit haben denn die Leute recht, wenn sie sagen, mit klugen Menschen
sei auch das Reden ein Vergnügen,“ antwortete Ssmerdjäkoff mit fester
Stimme, und sein Blick schien Iwan Fedorowitsch durchdringen zu wollen.
Die Pferde zogen an, und der Wagen rollte davon. Die Seele Iwan
Fedorowitschs war traurig, doch gierig blickte er ins Land, auf die
Felder und Hügel und Bäume, und auf einen Zug wilder Gänse, die hoch,
hoch über ihm am klaren Himmel nach Süden zogen. Und plötzlich wurde ihm
so wohl zumut. Er versuchte, mit dem Kutscher ein Gespräch zu beginnen,
und wartete schon neugierig, was der antworten werde, doch nach einer
Minute wurde er sich bewußt, daß die ganze Antwort ihm entgangen war –
daß er dem Kutscher überhaupt nicht zugehört hatte. Er verstummte, und
auch so war es schön: die Luft war so rein und klar und frisch, der
Himmel so hoch und hell. Er sah vor sich die Gestalten Aljoschas und
Katerina Iwanownas, aber er lächelte still, winkte ihnen leise ab, und
die Schemen verschwanden.
„Auch ihre Zeit wird kommen,“ dachte er.
Die erste Station erreichten sie ziemlich bald, wechselten dort die
Pferde und fuhren dann weiter nach Wolowje.
„Warum ist es ein Vergnügen, mit einem klugen Menschen zu reden, was hat
er damit sagen wollen?“ fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, und der
Atem blieb ihm stehen. „Und warum sagte ich ihm, daß ich nach
Tschermaschnjä fahre?“
Nach einiger Zeit kamen sie in Wolowje an. Iwan Fedorowitsch stieg aus,
und alsbald umringten ihn die Fuhrleute. Er befahl Postpferde
anzuspannen und vereinbarte dann auch sofort den Preis für die zwölf
Werst bis nach Tschermaschnjä. Er ging ins Stationsgebäude, drehte sich
dort einmal um, warf auch einen Blick auf die Stationshalterin, und
plötzlich ging er wieder zurück zur Vorfahrt.
„Nicht nötig nach Tschermaschnjä! Ich fahre nicht hin. Werde ich aber
nicht zu spät zur Eisenbahn kommen? Der Zug geht um sieben ab.“
„Wird noch grade gehn. Befehlen der Herr anzuspannen?“
„Ja, sofort. Wird nicht jemand von euch morgen in die Stadt fahren?“
„Wie denn nicht? Mitrij wird bestimmt hinkommen.“
„Kannst du mir nicht einen Dienst erweisen, Mitrij? Geh’ zu meinem
Vater, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff, und sage ihm, daß ich nicht nach
Tschermaschnjä gefahren bin. Kannst du das tun?“
„Warum denn nicht? Kenne den Herrn Fedor Pawlowitsch schon lange.“
„Hier hast du ein Trinkgeld, denn er könnte dir vielleicht keines
geben,“ sagte Iwan Fedorowitsch gut gelaunt und lachte.
„Das ist schon wahr, er würde wohl nichts geben,“ sagte Mitrij
gleichfalls lachend. „Danke, Herr, werde gehen, werde bestimmt hingehen
...“
Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fedorowitsch in den Zug ein, der ihn
nach Moskau brachte.
„Fort mit allem Gewesenen, Strich drunter, jetzt ist es abgeschlossen,
das frühere Leben und die frühere Welt, in der ich gelebt habe, und daß
kein Ruf, kein Echo mehr aus ihr zu mir herüberklinge! Hinein in die
neue Welt, in das neue Leben und ohne jemals zurückzuschauen!“
Doch an Stelle des frohen Jubels erhob sich in seinem Herzen so großes
Weh, wie er es in seinem Leben noch nie empfunden hatte. Die ganze Nacht
konnte er nicht schlafen: Gedanken jagten Gedanken; der Waggon flog
ratternd dahin, und erst beim Morgengrauen, kurz vor der Einfahrt in
Moskau, war es ihm, als ob er plötzlich erwachte.
„Ich bin ein Schuft!“ murmelte er vor sich hin.
Fedor Pawlowitsch dagegen blieb sehr zufrieden zurück, als das Söhnchen
abgefahren war. Ganze zwei Stunden lang fühlte er sich beinahe glücklich
und kippte von Zeit zu Zeit einen Kognak. Doch plötzlich geschah etwas
sehr Ärgerliches und für alle Hausbewohner Unangenehmes, was Fedor
Pawlowitsch sofort in große Unruhe versetzte: Ssmerdjäkoff war nämlich
aus irgendeinem Grunde in den Keller gegangen und von der Treppe
hinuntergefallen. Es war noch ein Glück, daß Marfa Ignatjewna sich
gerade auf dem Hof befand und es rechtzeitig hörte. Den Fall hatte sie
zwar nicht gesehen, dafür aber hatte sie den Schrei gehört, den Schrei
eines Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. Ob ihn nun der Anfall beim
Hinabsteigen getroffen hatte und er dann bewußtlos die Treppe
hinuntergestürzt war, oder ob der Anfall durch den Sturz und die
Erschütterung verursacht worden war, – das ließ sich natürlich nicht
feststellen, doch fand man ihn schon auf dem Boden des Kellers in
Krämpfen liegen, Schaum vor dem Munde. Man glaubte zuerst, er müsse sich
wenigstens ein Glied, einen Arm oder ein Bein gebrochen oder beschädigt
haben, doch siehe: „Gott hatte ihn beschützt,“ wie Marfa Ignatjewna
sagte; er hatte sich nicht den geringsten Schaden zugefügt, nur war es
schwer, ihn aus dem Keller in Gottes freie Natur hinaufzuschaffen. Man
bat aber die Nachbarn um Hilfe und brachte ihn dann, so gut es ging,
nach oben. Fedor Pawlowitsch wohnte persönlich dieser ganzen
umständlichen Prozedur bei und half sogar eigenhändig; jedenfalls war er
nicht wenig erschrocken und sehr besorgt. Der Kranke kam nicht sobald
zur Besinnung. Die Anfälle hörten wohl zeitweilig auf, doch kamen sie
immer wieder, und so meinten schließlich alle, daß der Anfall ebenso
lange andauern werde wie im vorigen Jahre, als er vom Hausboden
herabgefallen war. Man erinnerte sich, daß er damals Eisumschläge auf
die Stirn und den Scheitel bekommen hatte, und beschloß daher, jetzt
dasselbe Mittel anzuwenden. Eis fand sich noch im Keller, und Marfa
Ignatjewna machte ihm die Umschläge. Fedor Pawlowitsch aber schickte zu
Herzenstube, der auch sofort kam. Nachdem er den Kranken sorgfältig
untersucht hatte (er war der sorgfältigste und aufmerksamste Arzt
im ganzen Gouvernement), erklärte er, daß der Anfall ein
„außerordentlicher“ sei und „Gefahr drohen könne“, daß er, Herzenstube,
vorläufig noch nicht alles begreife, daß er aber morgen früh, falls
diese Mittel nicht helfen sollten, sich entschließen werde, andere
anzuwenden. Der Kranke wurde in sein Zimmer gebracht und zu Bett gelegt.
Grigorijs und Marfas Schlafstube war nur durch eine dünne Wand von
Ssmerdjäkoffs Zimmer getrennt, so daß Marfa Ignatjewna sofort hören
konnte, wenn es dem Kranken vielleicht schlecht gehen sollte. Der arme
Fedor Pawlowitsch aber hatte an diesem Tage ein Unglück nach dem anderen
zu ertragen: das Essen hatte Marfa Ignatjewna zubereitet, und so fand
Fedor Pawlowitsch, daß die Suppe im Vergleich zu Ssmerdjäkoffs
Meisterwerken „das reine Spülwasser“ sei, und das Huhn erwies sich als
dermaßen vertrocknet, daß für ihn ganz ausgeschlossen war, es
durchzukauen. Marfa Ignatjewna aber entgegnete auf die bitteren, wenn
auch gerechten Vorwürfe des Herrn, daß das Huhn sowieso sehr alt gewesen
sei und sie das Kochen nicht bei Professoren gelernt habe. Und am Abend
kam dann noch ein neues Unglück hinzu: Fedor Pawlowitsch wurde gemeldet,
daß Grigorij, der sich vor zwei Tagen erkältet hätte, völlig kreuzlahm
zu Bett liege. Fedor Pawlowitsch trank daher seinen Abendtee möglichst
früh und schloß sich dann allein im Hause ein. Er war durch die
fieberhafte Erwartung ungewöhnlich erregt. Er war nämlich überzeugt, daß
Gruschenka an diesem Abend ganz bestimmt kommen werde, da ihm
Ssmerdjäkoff schon am Morgen gesagt hatte, sie hätte versprochen,
„unfehlbar heute zu kommen“. Das Herz des unruhigen Alten schlug
erwartungsvoll; er ging erregt in seinen großen einsamen Räumen umher
und blieb immer wieder lauschend und aufhorchend mit klopfendem Herzen
stehen. Er mußte auf der Hut sein; konnte doch Dmitrij Fedorowitsch
irgendwo in der Nähe ihr auflauern, und so hieß es, wenn sie ans Fenster
klopfte (Ssmerdjäkoff hatte ihm schon vor drei Tagen versichert, daß er
ihr ausführlich gesagt hätte, wo und wie sie klopfen sollte), so hieß es
dann sofort, die Tür öffnen und sie keine Sekunde lang warten lassen,
damit sie nur um Gotteswillen nicht vor irgend etwas Angst bekäme und
fortliefe. Besorgt und unruhig wartete Fedor Pawlowitsch. Noch nie hatte
sein Herz in so süßer Hoffnung geschwelgt: es war doch so gut wie sicher
und bestimmt, daß sie diesmal kommen werde! ...