I.
Das Verlöbnis
Frau Chochlakoff hatte Aljoscha ungeduldig erwartet und kam ihm daher
wieder im Vorzimmer entgegen. Sie hatte es furchtbar eilig, denn es war
etwas sehr Wichtiges geschehen: Der hysterische Anfall Katerina
Iwanownas hatte mit einer Ohnmacht geendet, darauf war „eine
beängstigende, eine unglaubliche Schwäche“ über sie gekommen, sie hatte
sich hingelegt, die Augen geschlossen und zu phantasieren begonnen.
„Jetzt hat sie Fieber,“ fuhr Frau Chochlakoff eilig fort, „ich habe nach
den Tanten und nach Herzenstube geschickt. Die Tanten sind schon hier,
aber Herzenstube noch nicht. Sie sitzen alle in ihrem Zimmer und warten.
Was daraus noch werden mag! Sie ist besinnungslos! Denken Sie, wenn das
nun Nervenfieber wird!“
Frau Chochlakoff sah tatsächlich erschrocken aus. „Das ist aber jetzt
ernst, wirklich ernst!“ fügte sie immer wieder hinzu, als ob alles, was
mit Katerina Iwanowna früher geschehen war, nicht ernst gewesen wäre.
Aljoscha hörte ihr sorgenvoll zu. Er wollte auch von seinem Erlebnis
erzählen, doch sie unterbrach ihn bereits nach den ersten zwei Worten:
sie habe keine Zeit – und bat ihn daher, zu Lise zu gehen und sie bei
ihr zu erwarten.
„Ach, liebster Alexei Fedorowitsch,“ flüsterte sie ihm plötzlich ins
Ohr, „Lise hat mich soeben maßlos in Erstaunen gesetzt, aber sie hat
mich auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie
sich nur: Kaum waren Sie fortgegangen, da bereute sie auch schon
aufrichtig, sich über Sie gestern und heute, wie sie sagt, lustig
gemacht zu haben. Dabei hat sie es ja gar nicht getan, sie hat doch nur
gescherzt. Aber sie bereute es so aufrichtig, wirklich, bis zu Tränen,
daß ich ganz erstaunt war. Niemals hat sie früher, wenn sie mir
gegenüber ungezogen gewesen war, etwas ernstlich bereut; sie hat es
immer nur so scherzend getan. Und Sie wissen doch, sie lacht ja
fortwährend über mich. Aber nun ist sie plötzlich ernst geworden, ganz,
ganz ernst. Sie schätzt Ihre Meinung so hoch, Alexei Fedorowitsch, und
wenn Sie können, so seien Sie nicht gekränkt, erheben Sie keine
Ansprüche. Ich tue ja auch nichts anderes, als daß ich sie schone, denn
sie ist doch solch ein kluges Geschöpfchen, – werden Sie’s mir glauben?
Sie sagte soeben, Sie wären von Kindheit an ihr Freund gewesen, – ‚der
einzige Freund meiner Kindheit‘, – stellen Sie sich doch so etwas vor,
der ‚einzige‘, – und ich? Was bin ich ihr denn gewesen? Sie hat in der
Beziehung ganz außerordentlich feine Empfindungen und Erinnerungen, und
zuweilen drückt sie sich in einer Weise aus, wie man es nie für möglich
halten würde. So sagte sie mir zum Beispiel noch vor kurzem: Bei uns im
Garten stand eine große Tanne, – das heißt, vielleicht steht sie auch
jetzt noch dort, also ist kein Grund vorhanden, sich in der vergangenen
Zeitform auszudrücken. Nun, Tannen sind doch keine Menschen, sie
verändern sich nicht so schnell. Und was glauben Sie, Alexei
Fedorowitsch, da sagt sie mir plötzlich: ‚Mama, ich habe diese Tanne
immer nur als Traum gesehen‘, oder so ungefähr, sie drückte sich anders
aus, – die Tanne ist doch nur ein Baum, sie aber drückte sich so aus,
daß etwas ganz Besonderes dabei herauskam, und schwatzte mir darüber so
befremdlichen Unsinn vor, daß ich lieber gar nicht versuchen will, alles
wiederzugeben. Ich habe es auch schon vergessen. Nun, auf Wiedersehen,
ich bin einfach erschüttert, ich werde wohl noch bestimmt den Verstand
verlieren. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich habe ja schon zweimal im Leben
den Verstand verloren, und man hat mich dann wieder hergestellt. Gehen
Sie zu Lise. Ermuntern Sie sie, wie Sie das immer so vorzüglich
verstehen. Lise,“ rief sie, zu Lisas Zimmertür tretend, „ich habe dir
Alexei Fedorowitsch, den du so beleidigt hast, wiedergebracht, und ich
versichere dir, er ärgert sich nicht im geringsten, im Gegenteil, er
wundert sich noch, wie du so etwas von ihm hast denken können!“
„_Merci_, Mama, treten Sie ein, Alexei Fedorowitsch.“
Aljoscha trat ein. Lise blickte etwas verlegen drein und errötete
plötzlich über und über. Sie schien sich irgendeiner Sache zu schämen,
und so begann sie denn, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschieht,
schnell von etwas ganz Nebensächlichem zu sprechen, als ob sie sich im
Augenblick wirklich nur für dieses Nebensächliche interessierte.
„Alexei Fedorowitsch, Mama hat mir inzwischen die ganze Geschichte mit
den zweihundert Rubeln und Ihrem Auftrag ... an diesen armen Offizier
erzählt, und auch diese schmachvolle Geschichte, wie er beleidigt worden
ist: und wissen Sie, wenn Mama auch entsetzlich zerstreut erzählt – sie
springt immer von einem aufs andere über – ich habe doch zugehört und
geweint. Sagen Sie, wie haben Sie ihm das Geld übergeben, wie hat er es
angenommen, und was macht er jetzt, der Arme? ...“
„Das ist es ja, daß er es nicht angenommen hat, hier handelt es sich um
eine ganze Tragödie ...“ antwortete Aljoscha, der auch seinerseits tat,
als dächte er nur an das Erlebte, nur daran, daß der Hauptmann das Geld
nicht angenommen hatte; Lise aber bemerkte nur zu gut, daß auch er zur
Seite blickte und sich absichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu
sprechen. Aljoscha setzte sich also an den Tisch und begann zu erzählen.
Da aber verließ ihn seine Verlegenheit, schon nach den ersten Worten,
und es gelang ihm, auch Lise mit sich fortzureißen. Er sprach unter dem
Einfluß eines echten Gefühls und der erlebten starken Eindrücke, und er
erzählte gut und anschaulich. Auch früher, schon in Moskau, war er zu
Lise gekommen und hatte ihr, der Kleinen, gern von dem erzählt, was mit
ihm geschehen war, oder was er gelesen hatte, oder sie hatten beide von
ihren Kindererlebnissen gesprochen. Zuweilen hatten sie sich auch
zusammen ganze Geschichten ausgedacht, doch waren das gewöhnlich nur
lustige Geschichten gewesen, über die sie dann beide herzlich lachen
konnten. So fühlten sie sich denn jetzt gleichsam in jene Zeit
zurückversetzt. Lise war sehr ergriffen von seiner Erzählung. Aljoscha
hatte es verstanden, mit warmen Worten die Gestalt des kleinen
‚Iljuschetschka‘ zu schildern. Als er alles ausführlich beschrieben
hatte, auch das letzte, wie der Unglückliche das Geld mit den Füßen in
die Erde gestampft hatte, schlug Lisa die Hände zusammen und unterbrach
ihn erregt:
„So hat er das Geld nicht bekommen, so haben Sie ihn einfach fortlaufen
lassen! Mein Gott, warum liefen Sie ihm nicht nach, warum holten Sie ihn
nicht ein ...“
„Nein, Lise, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin,“ sagte
Aljoscha, erhob sich und schritt im Zimmer besorgt auf und ab.
„Wieso besser, warum denn besser? Jetzt haben sie nichts zu essen und
werden umkommen!“
„Sie werden nicht umkommen, denn diese zweihundert Rubel werden ihnen
doch nicht entgehen. Morgen wird er sie nehmen. Morgen wird er sie
bestimmt nehmen,“ sagte Aljoscha nachdenklich. „Wissen Sie, Lise,“ sagte
er, vor ihr stehen bleibend, „ich habe hierbei einen großen Fehler
begangen, doch selbst dieser Fehler ist, wie ich sehe, gut und nützlich
gewesen.“
„Was für einen Fehler? Und weshalb soll er gut und nützlich sein?“
„Das werde ich Ihnen sofort erklären. Dieser Hauptmann ist ein
ängstlicher Mensch mit einem schwachen Charakter. Er hat ein gequältes,
doch nur allzu weiches Herz. Jetzt denke ich so: Was hat ihn denn
plötzlich so beleidigt, daß er sogar das Geld zerstampfte, denn ich
versichere Sie, er wußte selbst bis zum letzten Augenblick nicht, daß er
es zerstampfen werde. Jetzt sehe ich ein, daß ihn vieles kränken konnte
– es hätte ja in seiner Lage auch anders gar nicht sein können ... Vor
allen Dingen mußte ihn schon das allein kränken, daß er sich in meiner
Gegenwart so sehr über das Geld gefreut hatte. Hätte er sich nicht so
sehr darüber gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt,
hätte er sich verstellt, sich geziert, so wie andere es tun, nun dann
hätte er es vielleicht noch ertragen und das Geld angenommen. So aber
hatte er sich nun einmal gar zu unverhohlen gefreut, und das war es, was
ihn kränkte. Ach, Lise, er ist ein aufrichtiger und guter Mensch, das
ist ja das ganze Unglück in solchen Fällen! Während der ganzen Zeit, da
er sprach, war seine Stimme so schwach, so haltlos, und er sprach so
schnell, so schnell, er schien gleichsam zu kichern, oder vielleicht
weinte er auch schon ... ja, er weinte, dermaßen groß war sein Glück ...
Und auch von seinen Töchtern erzählte er ... und auch von der
Anstellung, die man ihm in einer anderen Stadt versprochen haben soll
... Und kaum hatte er sein ganzes Herz ausgeschüttet, als er sich
plötzlich dessen schämte – daß er mir so seine ganze Seele gezeigt
hatte. Und da mag er mich denn geradezu gehaßt haben. Er gehört zu den
übermäßig verschämten Armen. Am meisten aber kränkte ihn, daß er mich so
schnell zu seinem Freunde gemacht, sich mir so schnell ergeben hatte.
Zuerst hatte er mich stolz angefahren, wie aber dann das Geld kam, war
er mir fast um den Hals gefallen. Ja, das war es, was ihn kränkte,
geradeso mußte er seine Erniedrigung empfinden, und da mußte ich dann
auch noch meinen Fehler begehen. Ich sagte ihm plötzlich, er werde noch
mehr Geld bekommen, wenn das zur Reise nicht reichen sollte, und auch
ich würde ihm von meinem Gelde so viel geben, wie er wolle. Das aber
machte ihn sofort stutzig: Warum, fragte er sich wohl, warum kommt denn
nun auch er noch mit seinem Gelde? Wissen Sie, Lise, es ist überaus
kränkend für einen erniedrigten Menschen, wenn sich plötzlich alle als
seine Wohltäter aufspielen ... habe ich sagen gehört. Der Staretz hat es
einmal bemerkt. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber auch
mir ist es schon aufgefallen. Ich selbst fühle ja gleichfalls so. Sehen
Sie, wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht wußte, daß er die
Scheine zurückweisen werde, so ahnte er es doch schon die ganze Zeit
über, davon bin ich überzeugt. Darum war ja sein Entzücken auch so groß,
weil er das alles ahnte ... Und wenn das alles auch sehr traurig ist, so
ist es doch gut so. Ich glaube sogar, daß es besser überhaupt nicht
hätte kommen können ...“
„Warum hätte es denn besser überhaupt nicht kommen können?“ fragte Lise,
die Aljoscha äußerst verwundert anblickte.
„Darum, Lise, weil er sonst, wenn er das Geld genommen und nicht
zurückgeschleudert hätte, zu Hause vielleicht bereits nach einer Stunde
über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen wäre. Das würde er sogar
bestimmt getan haben. Er würde geweint haben und wäre am nächsten Tage,
womöglich schon vor Sonnenaufgang, eilends zu mir gekommen, um das Geld
wie vorhin zurückzuschleudern. Jetzt aber ist er stolz und triumphierend
fortgegangen, wenn er auch weiß, daß er sich ‚ins Verderben gestürzt
hat‘. Gerade deshalb ist aber jetzt nichts leichter, als ihn, wenn
möglich morgen schon, zu überreden, dieselben zweihundert Rubel
anzunehmen, denn nun hat er doch seine Ehre bewiesen, hat das Geld uns
Reichen vor die Füße geworfen! Er konnte doch nicht wissen, als er die
Scheine in die Erde stampfte, daß ich sie ihm morgen wiederbringen
werde. Und doch hatte er dieses Geld so maßlos nötig. Wenn er jetzt auch
stolz ist, so wird ihm doch heute noch bewußt werden, welch eine Hilfe
er zurückgewiesen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken, ihm
wird davon träumen, und am nächsten Morgen wird er womöglich am liebsten
mich um Verzeihung bitten wollen. Da aber komme ich wieder zu ihm ...
Ich kann ihm sagen: Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen,
aber jetzt nehmen Sie das Geld und verzeihen Sie uns. Und dann wird er
freudig annehmen!“
Aljoscha schloß ganz begeistert, und Lise klatschte vor Freude in die
Hände.
„Ach, das ist wahr, jetzt begreife ich es! Ach, Aljoscha, woher wissen
Sie nur das alles? So jung sind Sie, und doch wissen Sie schon, was in
der Seele vorgeht ... Ich hätte das alles nie so ausgedacht ...“
„Vor allen Dingen muß man ihn jetzt überzeugen, daß er mit uns allen auf
gleichem Fuße steht, wenn er auch von uns Geld annimmt,“ fuhr Aljoscha
in seiner Begeisterung fort, „und nicht nur auf gleichem Fuß mit uns,
sondern sogar auf höherem Fuß ...“
„‚Auf höherem Fuß‘! – Sie drücken sich prachtvoll aus, Alexei
Fedorowitsch, aber fahren Sie fort, reden Sie nur ruhig weiter.“
„Ich ... ich habe es vielleicht nicht ganz richtig gesagt, ich meinte,
auf ... auf gleicher Stufe ... aber das hat nichts zu sagen, denn ...“
„Ach, natürlich nicht! Gar nichts hat das zu sagen! Verzeihen Sie,
Aljoscha, Sie Lieber ... Wissen Sie, bis jetzt habe ich Sie fast gar
nicht geachtet ... das heißt, natürlich habe ich Sie geachtet, aber nur
so – ‚auf gleichem Fuß‘, wie Sie sagen, von nun an aber werde ich Sie
als hoch über mir stehend achten ... Lieber Aljoscha, seien Sie nicht
böse, daß ich so rede,“ unterbrach sie sich sofort mit heißem Gefühl.
„Ich bin nur ein lächerliches kleines Ding, aber Sie, Sie! ... Hören
Sie, Alexei Fedorowitsch, liegt nicht in unseren ganzen Erwägungen, das
heißt in Ihren ... nein, lieber doch in unseren, – liegt hierin nicht
Verachtung für ihn, für diesen Unglücklichen ... darin, daß wir jetzt
seine Seele so zerpflücken, ganz wie von oben herab, nicht? Ich meine,
wenn wir so überzeugt sind, daß er das Geld morgen nehmen wird, wie?“
„Nein, Lise, hierin liegt keine Verachtung,“ entgegnete Aljoscha
überzeugt, und als ob er auf diese Frage vorbereitet gewesen wäre, „auch
ich habe mich auf dem Wege hierher dasselbe gefragt. Wo soll denn da
Verachtung sein, wenn wir ebenso sind wie er, wenn alle so sind wie er?
Denn auch wir sind nicht besser. Oder wenn wir auch besser sein sollten,
so wären wir an seiner Stelle doch ebenso ... Ich weiß nicht, wie Sie
sind, Lise, ich aber denke von mir, daß ich in vielen Dingen ein
kleinliches Herz habe. Er aber hat kein kleinliches, sondern ein sehr
zartfühlendes Herz ... Nein, Lise, hierin kann keine Verachtung für ihn
liegen! Wissen Sie, Lise, mein Staretz sagte einmal: Man muß die
Menschen ausnahmslos wie kleine Kinder warten, manche von ihnen aber wie
Kranke in den Hospitälern ...“
„Ach, Alexei Fedorowitsch, Liebster, wollen wir beide die Menschen wie
Kranke warten?“
„Wollen wir das, Lise, ich bin bereit, nur bin ich selbst noch nicht
ganz reif dazu; zuweilen bin ich so ungeduldig, und zuweilen bin ich
wieder wie mit Blindheit geschlagen. Mit Ihnen ist es eine andere
Sache.“
„Ach, das glaube ich nicht! Alexei Fedorowitsch, Sie wissen nicht, wie
glücklich ich bin!“
„Wie gut es ist, daß Sie das sagen, Lise.“
„Alexei Fedorowitsch, Sie sind bewundernswert gut, aber zuweilen
scheinen Sie gerade ein Pedant zu sein ... und doch sind Sie gar kein
Pedant, wenn man Sie genauer betrachtet. – Gehen Sie, öffnen Sie
vorsichtig die Tür und sehen Sie nach, ob Mamachen nicht horcht,“
flüsterte ihm Lise plötzlich nervös und eilig zu.
Aljoscha ging zur Tür, öffnete sie und meldete, daß niemand horche.
„Kommen Sie her, Alexei Fedorowitsch,“ sagte Lise mehr und mehr
errötend, „geben Sie mir Ihre Hand, – so. Hören Sie, ich muß Ihnen ein
großes Geständnis machen: Den gestrigen Brief habe ich Ihnen nicht im
Scherz geschrieben, sondern im Ernst ...“
Und sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. Man sah es ihr an, daß sie
sich fürchterlich schämte, dieses Geständnis gemacht zu haben. Plötzlich
erhob sie seine Hand und küßte sie ungestüm dreimal.
„Ach, Lise, das ist doch herrlich,“ rief Aljoscha freudig aus. „Ich war
ja auch vollkommen überzeugt, daß Sie ihn im Ernst geschrieben haben.“
„Überzeugt! – das ist doch wirklich!! ...“ Und sie schob plötzlich seine
Hand zurück, übrigens ohne sie dabei loszulassen; sie errötete und
lachte ein kleines, glückliches Lachen. „Ich küsse ihm die Hand, und er
sagt dazu: ‚Das ist doch herrlich‘!“
Doch ihr Vorwurf war etwas ungerecht, denn Aljoscha war nicht weniger
verwirrt und erregt als sie.
„Ich würde Ihnen gern immer gefallen, Lise, aber ich weiß nicht, wie ich
das machen soll,“ stotterte er so gut es ging, und errötete gleichfalls.
„Aljoscha, Liebling, Sie sind kalt und beleidigend. Man denke doch nur:
Er geruht, mich zu seiner Gattin zu erwählen, und dabei beruhigt er sich
auch! Er ist bereits überzeugt, daß ich ihm im Ernst geschrieben habe, –
wie finden Sie das! Aber das ist doch eine erklärte Frechheit – sehen
Sie denn das nicht ein?“
„Aber ist denn das schlecht, daß ich davon überzeugt war?“ fragte
Aljoscha wieder lachend.
„Ach, Aljoscha, im Gegenteil, ganz furchtbar gut ist das,“ sagte Lise,
die zärtlich und glücklich zu ihm aufblickte.
Aljoscha stand immer noch vor ihr, seine Hand in ihrer Hand. Plötzlich
beugte er sich nieder und drückte einen Kuß gerade auf ihre Lippen.
„Was ... Was fällt Ihnen ein?“ rief Lise erschrocken.
Aljoscha verlor seine letzte Fassung.
„Verzeihen Sie, wenn es nicht so ... Ich ... ich war vielleicht
furchtbar dumm ... Sie sagten, ich sei kalt, und ... und da faßte ich
mir ein Herz und küßte ... Nur sehe ich jetzt, daß es dumm
herausgekommen ist ...“
Lise lachte auf und verbarg das Gesicht in den Händen.
„Und in dieser Kutte!“ kam es unter Lachen aus ihr heraus.
Doch plötzlich hörte sie auf zu lachen und wurde ganz ernst, fast
streng.
„Nein, Aljoscha, mit dem Küssen wollen wir noch warten, denn wir
verstehen es beide noch nicht – warten aber müssen wir noch sehr lange,“
schloß sie plötzlich. „Sagen Sie lieber, warum Sie mich, solch ein
dummes Ding, solch ein krankes dummes Ding, nehmen, Sie, der Sie so klug
sind, der so viel denkt, alles bemerkt und sogleich begreift? Ach,
Aljoscha, ich bin furchtbar glücklich, weil ich Ihrer gar nicht wert
bin!“
„Hören Sie, Lise: In den nächsten Tagen werde ich das Kloster ganz
verlassen. Wenn man aber in der Welt lebt, so muß man heiraten, das weiß
ich doch auch. Und so hat auch Er es mir befohlen. Wen sollte ich sonst
nehmen, wenn nicht Sie ... und wer würde mich denn außer Ihnen nehmen?
Wer wäre denn besser als Sie? Das habe ich schon bedacht. Erstens kennen
Sie mich von Kindheit an, und zweitens besitzen Sie viele Fähigkeiten,
die ich überhaupt nicht habe. Ihre Seele ist heiterer als die meine, und
Sie sind unschuldiger als ich, ich aber habe schon vieles berührt ...
Sie ... Sie wissen es nicht, aber auch ich bin doch ein Karamasoff! Was
liegt daran, daß Sie lachen und scherzen und auch über mich lachen und
sich lustig machen? Ich freue mich so darüber ... Aber Sie lachen nur
als kleines Mädchen, doch im Herzen denken Sie wie eine Märtyrerin ...“
„Wie eine Märtyrerin? Wieso das?“
„Ja, Lise. Zum Beispiel Ihre Frage vorhin: ‚Liegt darin nicht Verachtung
für jenen Unglücklichen, wenn wir seine Seele so zerpflücken?‘ – Das
kann nur jemand fragen, der sich selbst martert ... Sehen Sie, es ist
mir unmöglich, das auszudrücken. Wem aber solche Fragen in den Sinn
kommen, der ist fähig, zu leiden ... In diesem Rollstuhl müssen Sie
schon vieles durchdacht haben ...“
„Aljoscha, geben Sie mir Ihre Hand, warum haben Sie sie fortgezogen?“
sagte Lise leise mit einer ganz sonderbaren, von Glück gleichsam
geschwächten, matten Stimme. „Hören Sie, Aljoscha, wie werden Sie sich
kleiden, wenn Sie das Kloster verlassen haben, was für einen Anzug
werden Sie tragen? Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse, das
ist sehr, sehr wichtig für mich.“
„An den Anzug habe ich noch nicht gedacht, Lise, aber ich werde tragen,
was Sie wollen.“
„Ich will, daß Sie ein dunkelblaues Sammetjackett tragen, eine weiße
Weste und einen weichen grauen Filzhut ... Aber sagen Sie, glaubten Sie
mir vorhin wirklich, als ich sagte, ich liebte Sie nicht, und mich von
meinem gestrigen Brief lossagte?“
„Nein, ich glaubte Ihnen nicht.“
„O, Sie unerträglicher, Sie unverbesserlicher Mensch!“
„Ich ... ich wußte, daß Sie mich ... ich glaube, lieben, aber ich tat,
als ob ich nicht glaubte, daß Sie mich lieben, damit es Ihnen ...
bequemer sei ...“
„Das ist ja noch schlimmer! Ach, schlimmer, und doch am aller,
allerbesten! Aljoscha, ich liebe Sie ganz furchtbar! Vorhin, als ich Sie
erwartete, dachte ich so: Ich werde von ihm meinen gestrigen Brief
zurückverlangen, und wenn er ihn ruhig hervorzieht und ihn mir
wiedergibt – wie man das doch immerhin von ihm erwarten kann – so
bedeutet es, daß er mich überhaupt nicht liebt, nichts fühlt, einfach
nur ein dummer, unwürdiger Knabe ist ... und ich verloren bin. Sie aber
hatten den Brief in der Zelle gelassen, und das gab mir wieder Mut.
Nicht wahr, Sie haben ihn doch deswegen in der Zelle gelassen, weil Sie
vorausfühlten, daß ich ihn zurückverlangen werde, also um ihn nicht
herausgeben zu müssen? Nicht wahr? Darum doch? Das war doch so?“
„Ach, Lise, gar nicht so, ich habe ihn doch bei mir, und auch vorhin
hatte ich ihn, hier in dieser Tasche, hier ist er.“
Und Aljoscha zog lachend den Brief aus der Tasche und zeigte ihn ihr, –
doch nur von weitem.
„Nur gebe ich ihn nicht heraus, sehen Sie ihn so von ferne.“
„Wie? Dann haben Sie also vorhin gelogen, Sie, ein Mönch, und Sie haben
gelogen?“
„Möglich, daß ich gelogen habe,“ sagte Aljoscha lachend, „ich habe
gelogen, um ihn nicht zurückgeben zu müssen. Er ist mir sehr teuer,“
fügte er plötzlich leise hinzu und errötete wieder, „Jetzt wird ihn
niemand mehr von mir bekommen: Jetzt gehört er mir für mein ganzes
Leben!“
Lise blickte ihn verzückt an.
„Aljoscha,“ stammelte sie glückselig, „sehen Sie an der Tür nach, ob
Mamachen nicht horcht.“
„Gut, Lise, ich werde nachsehen, aber wäre es nicht doch besser, nicht
nachzusehen? Warum Ihre Mutter so einer Niedrigkeit verdächtigen?“
„Wieso Niedrigkeit? Welch einer Niedrigkeit? Es ist doch ihr volles
Recht, ihre Tochter zu belauschen – aber keine Niedrigkeit!“ Lise wurde
feuerrot. „Seien Sie überzeugt, Alexei Fedorowitsch, daß ich, wenn ich
Mutter wäre und eine Tochter wie mich hätte, unbedingt an den Türen
lauschen würde.“
„Wirklich, Lise? Das ist nicht recht.“
„Ach, mein Gott, was ist denn dabei Schlechtes? Wenn sie ein Gespräch
zweier Fremden belauschen würde, so wäre das eine Niedrigkeit, aber hier
hat sich ihre leibliche Tochter mit einem jungen Manne eingeschlossen
... Hören Sie, Aljoscha, damit Sie es wissen, ich werde auch Sie
belauschen, sobald wir nur getraut sind. Ich werde sogar alle Ihre
Briefe aufmachen und alles lesen ... Das sei Ihnen im voraus gesagt ...“
„Ja ... natürlich, wenn das so ist ...“ stotterte Aljoscha, „nur ist das
nicht gut ...“
„Ach, welch eine Anmaßung! Aber Aljoscha, wollen wir uns nicht gleich am
ersten Tage zanken, – ich werde Ihnen lieber die ganze Wahrheit sagen:
Es ist natürlich sehr häßlich, andere zu belauschen, und natürlich habe
nicht ich recht, sondern Sie, doch trotz alledem werde ich horchen.“
„Tun Sie, was Sie wollen. Aber Sie werden ja bei mir doch nichts
auszuhorchen haben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Aljoscha, werden Sie sich mir auch unterwerfen? Das muß man gleichfalls
im voraus besprechen.“
„Sehr gern, Lise, und sogar unbedingt, aber nur nicht im Wichtigsten.
Wenn Sie einmal in der Hauptsache mit mir nicht einverstanden sein
sollten, werde ich trotzdem tun, was mir die Pflicht gebietet.“
„So muß es auch sein! So hören Sie denn, daß auch ich, im Gegenteil,
nicht nur im Hauptsächlichsten mich zu unterwerfen bereit bin, sondern
mich Ihnen in allem unterwerfen werde und Ihnen das jetzt schwöre, – in
allem und mein ganzes Leben lang!“ rief Lise leidenschaftlich aus, „und
ich werde glücklich sein, das zu tun, glückselig! Und das ist noch nicht
alles! Ich schwöre Ihnen noch, daß ich Sie niemals belauschen werde,
kein einziges Mal, niemals, daß ich keinen einzigen Ihrer Briefe
aufbrechen werde, denn _Sie_ haben recht und nicht ich. Und wenn ich
auch noch so sehr horchen wollte – ich weiß, daß ich es furchtbar wollen
werde –, so werde ich es doch nicht tun, werde es nicht tun, weil Sie
das unedel finden! Sie sind jetzt gleichsam meine Vorsehung ... Hören
Sie, Alexei Fedorowitsch, warum waren Sie in diesen Tagen so traurig,
und auch gestern und heute? Ich weiß, daß Sie Sorgen und Kummer haben,
aber ich sehe auch, daß Sie außerdem noch ein ganz besonderes Leid
haben, – ein geheimes vielleicht, nicht?“
„Ja, Lise, ich habe auch geheimes Leid,“ sagte Aljoscha traurig. „Ich
sehe, daß Sie mich lieben, hätten Sie das doch sonst nicht erraten.“
„Was ist denn das für ein Leid? Können Sie es nicht sagen?“ fragte Lise
in schüchterner Bitte.
„Ich werde es sagen, Lise ... später ...“ sagte Aljoscha verwirrt.
„Jetzt würde es ganz unverständlich sein ... Und ich würde es auch gar
nicht zu sagen verstehen.“
„Ich weiß, daß Sie außerdem noch der Gedanke an Ihre Brüder quält, an
Ihren Vater?“
„Ja, auch an meine Brüder ...“ sagte Aljoscha wie in Gedanken versunken.
„Ich liebe Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch nicht,“ bemerkte plötzlich
Lise.
Aljoscha vernahm diese Bemerkung mit einiger Verwunderung, doch fragte
er sie nicht weiter nach der Ursache.
„Meine Brüder stürzen sich ins Unglück,“ fuhr er niedergeschlagen fort,
„und mein Vater tut dasselbe. Und zusammen mit sich bringen sie auch
noch andere ins Unglück. Das ist die ‚Karamasoffsche Erdkraft‘, wie sich
Pater Paissij vor kurzem ausdrückte, das ist die grimmige, entfesselte,
rohe, rasende Erdkraft ... Und ich weiß nicht einmal, ob Gottes Geist
über dieser Kraft schwebt – selbst das weiß ich nicht! Ich weiß nur, daß
auch ich ein Karamasoff bin ... Ein Mönch soll ich sein? Bin ich ein
Mönch, Lise? Sie sagten doch noch vor einem Augenblick so etwas
Ähnliches, wie ... ich sei ein Mönch?“
„Ja, ich sagte es.“
„Aber ich ... ich glaube ja vielleicht gar nicht an Gott.“
„Sie – glauben nicht? – was ist mit Ihnen?“ fragte leise und vorsichtig
Lise. Doch Aljoscha antwortete nicht auf ihre Frage. Es war hier in
diesen so unerwartet hervorgestoßenen Worten etwas gar zu
Geheimnisvolles und gar zu Persönliches, vielleicht sogar Aljoscha
selbst Unklares, etwas, das ihn zweifellos quälte.
„Und jetzt, jetzt verläßt mich auch noch mein Freund, mein Staretz liegt
im Sterben. Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Lise, wie meine Seele mit
diesem Menschen zusammenhängt! Und nun bleibe ich allein ... Ich werde
zu Ihnen kommen, Lise ... Hinfort wollen wir zusammen ...“
„Ja, zusammen, zusammen! Von nun an sind wir fürs ganze Leben zusammen!
... Ljoscha, küssen Sie mich noch einmal, ich erlaube es ...“
Und Aljoscha beugte sich zu ihr nieder und küßte sie.
„... Jetzt gehen Sie, Christus ist mit Ihnen!“ Und Lise bekreuzte ihn.
„Gehen Sie zu _ihm_, so lange er noch lebt. Ich habe Sie grausam lange
aufgehalten. Ich werde heute für ihn und für Sie beten. Aljoscha, wir
werden glücklich sein! Werden wir glücklich sein, werden wir?“
„Ich glaube, wir werden es sein, Lise.“
Als Aljoscha Lise verließ, wollte er, ohne sich von Frau Chochlakoff zu
verabschieden, das Haus verlassen. Doch kaum war er ins Vorzimmer
getreten, als vor ihm auch schon Frau Chochlakoff stand. Bereits nach
dem ersten Wort erriet Aljoscha, daß sie ihn hier absichtlich erwartet
hatte.
„Alexei Fedorowitsch, das ist doch entsetzlich!“ rief sie erregt. „Das
sind kindische Dummheiten und nichts als Kapricen. Ich hoffe, daß Sie es
nicht etwa ernst nehmen ... Dummheiten, nichts als Dummheiten!“
„Nur sagen Sie das nicht ihr,“ sagte Aljoscha, „es würde sie nur
aufregen, das ist ihr jetzt schädlich.“
„Das ist ein vernünftiges Wort von einem vernünftigen jungen Mann! Ich
verstehe Sie doch recht, wenn ich annehme, daß Sie nur aus Mitleid mit
ihrem krankhaften Zustande, um sie nicht durch Widerspruch zu reizen,
darauf eingegangen sind?“
„O nein, durchaus nicht. Ich habe es vollkommen ernst gemeint,“ sagte
Aljoscha fest.
„Aber das ist doch unmöglich, undenkbar! Ich werde Sie überhaupt nicht
mehr empfangen, und Lise bringe ich sofort ins Ausland, das sage ich
Ihnen!“
„Aber warum das?“ fragte Aljoscha, „das ist doch noch so fern, wir
werden vielleicht noch ganze anderthalb Jahre warten müssen.“
„Ach, Alexei Fedorowitsch, das ist natürlich wahr, und in anderthalb
Jahren werden Sie sich mit ihr natürlich tausendmal zanken und
schließlich doch auseinandergehen. Aber ich bin so unglücklich, so
unglücklich! Wenn es auch nur Dummheiten sind, so vernichtet es mich
doch geradezu! Ich bin ja absichtlich hierher ins Vorzimmer gekommen, um
Sie zu treffen. Ich habe alles gehört, ich habe kaum an mich halten
können! Also das ist die Erklärung aller Schrecken dieser Nacht und
aller Anfälle gestern und heute! Der Tochter Liebe ist wahrlich der
Mutter Tod. Ich kann mich jetzt begraben lassen. Doch nun zur
Hauptsache: Was ist das für ein Brief, den sie Ihnen geschrieben hat?
Zeigen Sie ihn mir sofort, sofort!“
„Nein, das ist nicht nötig. Sagen Sie bitte, wie geht es Katerina
Iwanowna, ich muß es unbedingt wissen.“
„Sie liegt noch in Fieberphantasien, sie ist noch nicht zu sich
gekommen; ihre Tanten sind hier und seufzen bloß; Herzenstube kam her,
erschrak aber dermaßen, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen
sollte, – ich wollte schon zu einem anderen Doktor schicken. Ich habe
ihn in meiner Equipage nach Hause bringen lassen. Und plötzlich, zur
Vollendung des Ganzen, noch Sie mit diesem Brief! Es ist ja wahr, daß
noch anderthalb Jahre bis dahin sind. Ich beschwöre Sie, im Namen alles
Heiligen und Großen, im Namen Ihres sterbenden Staretz – zeigen Sie mir
diesen Brief, Alexei Fedorowitsch, mir, der Mutter! Wenn Sie wollen,
halten Sie ihn mit Ihren eigenen Fingern fest, und ich werde ihn nur so
in Ihren Händen lesen.“
„Nein, gnädige Frau, ich werde ihn nicht zeigen, auch wenn Lise es
erlaubte, würde ich ihn nicht zeigen. Ich werde morgen wiederkommen, und
wenn Sie wollen, können wir dann vieles besprechen, jetzt aber – leben
Sie wohl!“
Und damit eilte Aljoscha die Treppe hinab auf die Straße.
II.
Ssmerdjäkoff mit der Gitarre
Er hatte auch wirklich keine Zeit, noch länger da zu bleiben. Schon als
er Lisa verließ, hatte ihn der Gedanke beschäftigt, wie und wo er seinen
Bruder Dmitrij, der sich ersichtlich vor ihm verbarg, finden oder
wenigstens ihm auflauern könnte. Es war nicht mehr früh; es war schon
drei Uhr nachmittags. Er sehnte sich gar sehr nach dem Kloster und nach
dem „großen“ Sterbenden, doch das Bedürfnis, seinen Bruder Dmitrij zu
sprechen, überwog alles. Mit jeder Stunde wuchs in ihm die Überzeugung,
daß sich eine unheimliche Katastrophe unaufhaltsam näherte, ja schon
auszubrechen drohte. Was das für eine Katastrophe sein sollte, und was
er seinem Bruder eigentlich sagen wollte, wußte er vielleicht selbst
nicht einmal. „So mag denn meinetwegen mein Staretz in meiner
Abwesenheit sterben, wenigstens werde ich mir dann nicht zeitlebens den
Vorwurf machen müssen, daß ich nicht gerettet habe, wo ich hätte retten
können, daß ich vorübergegangen bin, um schneller nach Haus zu kommen.
Suche ich ihn aber auf, dann erfülle ich auch so sein großes Gebot.“
Aljoschas Plan bestand darin, daß er seinen Bruder mit List fangen
wollte – denn wo sollte er sich wohl nach ihm erkundigen, wo ihn suchen,
wenn er sich vor ihm versteckte? Zu diesem Zweck schien ihm das
schlauste zu sein, über jenen Zaun der Nachbarin zu klettern und den
Bruder dort in der Laube, wo er am vorhergehenden Tage mit ihm gesessen
hatte, zu erwarten oder zu überraschen. „Falls er nicht dort sein
sollte,“ dachte Aljoscha, „werde ich ganz still, damit mich niemand
bemerkt, und meinetwegen bis zum Abend da sitzen und ihn erwarten. Denn
wenn er auch heute Gruschenka auflauern will, wie gestern, so ist es
sehr leicht möglich, daß er wieder in die Laube kommt ...“ Übrigens
dachte Aljoscha nicht allzuviel über die Einzelheiten des Planes nach,
er beschloß nur, ihn auszuführen, und wenn er auch bis Mitternacht
warten müßte ...
Es gelang ihm alles sehr glücklich: Er kletterte fast auf derselben
Stelle über den Zaun, wo er das vorige Mal, mit Mitjäs Hilfe,
hinübergesprungen war, und kam unbemerkt in die Laube. Er wollte nicht
gesehen werden, weder von Foma noch von der Hausbesitzerin oder deren
Tochter, da sie alle seinen Bruder auf dessen Befehl vorzeitig
benachrichtigen konnten, daß er ihn suchte und erwartete. In der Laube
war kein Mensch. Aljoscha setzte sich auf denselben Platz nieder, auf
dem er am Tage vorher gesessen hatte, und begann zu warten. Er
betrachtete die Laube, und sie erschien ihm aus irgendeinem Grunde „viel
älter und zerfallener als gestern“. Der Tag war übrigens ebenso klar.
„Sieh, wieviel Sonne!“ hatte Dmitrij gesagt. Auf dem grünen Tisch
zeichnete sich von dem Glase ein klebrig-glänzender Kreis ab: Dmitrij
mußte wohl den Kognak ein wenig verschüttet haben. Leere und gar nicht
zur Sache passende Gedanken schlichen ihm durch den Sinn, wie das ja
gewöhnlich in der Zeit langweiligen Wartens zu geschehen pflegt, z. B.
die Fragen: warum hatte er sich genau auf denselben Platz gesetzt, auf
dem er gestern gesessen hatte? warum nicht auf einen anderen Platz? Und
plötzlich wurde ihm unsäglich schwer zumute: das Herz tat ihm weh von
der aufregenden Ungewißheit. Doch hatte er kaum eine Viertelstunde
gesessen, als plötzlich, ganz in der Nähe, ein Gitarrenakkord erklang.
Irgendwo im Gebüsch, vielleicht nur zwanzig Schritte von der Laube
entfernt, bestimmt nicht weiter, mußte jemand sitzen oder sich soeben
hingesetzt haben. In Aljoscha tauchte flüchtig die Erinnerung an eine
Bank auf, die er gestern, als er den Bruder verlassen hatte, links von
der Laube gesehen hatte: eine kleine, niedrige, grüne alte Gartenbank im
Gebüsch am Zaun. Auf ihr schien sich nun jemand niedergelassen zu haben.
Oder waren es sogar zwei? Wer konnte das sein? Da begann plötzlich eine
Männerstimme in süßlichem Falsett zu den Gitarrenakkorden ein Couplet zu
singen:
„Wenn sie mich nicht li–iebte,
Frag ich, was mir nütz–te
Zarenkron und Mütze?
Großer Gott beschütze
Sie und mich,
Sie und mich,
Sie und mich.“
Die Stimme brach ab. Es war ein Lakaientenor, und der ganze Vortrag des
Couplets war dienstbotenhaft. Die andere Stimme, eine Frauenstimme,
sagte plötzlich zärtlich und gleichsam schüchtern, aber mit
übertriebener Geziertheit:
„Warum sind Sie denn so lange nicht zu uns gekommen, Pawel Fedorowitsch,
warum verachten Sie uns denn so?“
„Das ist nicht gesagt,“ antwortete die Männerstimme, wenn auch höflich,
so doch vor allem mit selbstbewußter und nachdrücklicher Würde.
Ersichtlich hatte der Mann das Übergewicht, während das Frauenzimmer zu
schäkern schien.
„Der Mann – das scheint ja Ssmerdjäkoff zu sein,“ dachte Aljoscha,
„wenigstens nach der Stimme zu urteilen; die Frauensperson aber ist wohl
die Tochter dieser Hausbesitzerin, dieselbe, die in Moskau gedient hat,
Kleider mit langen Schleppen trägt und sich von Marfa Ignatjewna Suppe
holt ...“
„Ach, ich liebe über alles schöne Gedichte, und besonders, wenn sie am
Ende klappen,“ sagte wieder die Frauenstimme. „Warum fahren Sie denn
nicht fort?“
Da begann wieder die Männerstimme:
„Meine stärkste Stütze
In dieser Sündenpfütze
Ist die Geliebte mein.
Großer Gott beschütze
Sie und mich,
Sie und mich,
Sie und mich.“
„Das vorige Mal kam das noch besser heraus,“ meinte die Frauenstimme.
„Sie sangen ‚ist das Liebchen mein‘. So klang es noch viel hübscher. Sie
haben es wohl vergessen?“
„Gedichte sind Unsinn,“ schnitt Ssmerdjäkoff den begeisterten Erguß kurz
ab.
„Ach, nein, ich liebe sie so sehr!“
„Alles, was in Reimen ist, ist abgeklärter Unsinn. Bedenken Sie doch
selbst: Wer in der Welt spricht denn alleweil in Reimen? Und wenn wir
alle anfangen wollten, in Reimen zu sprechen, und wenn auch meinetwegen
gar auf Befehl der Obrigkeit, wieviel Gescheites würden wir dann wohl
alsomit sagen können? Nein, Marja Kondratjewna, Gedichte sind nichts
Vernünftiges.“
„Ach wie Sie klug sind in allem, wie Sie alles wirklich zu erklären
wissen!“ sagte die Frauenstimme noch zärtlicher schmeichelnd.
„Nicht nur das würde ich können und nicht nur das würde ich wissen,
sondern ganz gewaltig viel mehr, wenn ich nicht selbiges Los von
Kindesbeinen an hätte. Ich würde jeden im Duell mit einer Pistole sogar
totschießen, der mir zu sagen wagte, daß ich kein edler Mensch sei, weil
ich sozusagen ohne Vater von der, die man die ‚Stinkende‘ nannte,
entstanden bin. Man hat mir das auch in Moskau alleweil unter die Nase
gerieben, da es sich auch dorthin von hier selbentlich, dank Grigorij
Wassiljewitsch, hinverbreitet hatte. Grigorij Wassiljewitsch aber wirft
mir vor, daß ich für meine Geburt nicht alleweil demütig Gott danke; ‚du
hast ihr‘, sagt er, ‚den ganzen Mutterleib aufgerissen‘. Meinetwegen
Mutterleib, aber ich hätte mit Handkuß erlaubt, mich im Mutterleib zu
töten, unter der Bedingung, daß ich dann gar nicht auf diese Welt
geboren worden wäre. Auch auf dem Markt wird von selbigem gesprochen,
und auch Ihre Mutter hat in ihrer Unvornehmheit angefangen mir zu
erzählen, daß sie den Weichselzopf auf dem Kopf gehabt hätte und im
ganzen nur zwei Arschin und _eine Kleinigkeit_ groß gewesen sei. Warum
denn ‚und eine Kleinigkeit‘, wenn man doch ‚und etwas drüber‘ sagen
kann, wie es alle Leute tun? Sie wollen es wohl mitleidig ausdrücken,
aber das ist doch sozusagen nur bäuerische Weinerlichkeit, bäuerisches
Gefühl und sonstig nichts. Kann denn ein russischer Bauer für einen
gebildeten Menschen überhaupt Gefühle haben? Wegen seiner Unbildung kann
er überhaupt nichts fühlen. Und von Kindesbeinen an ist es mir, wenn ich
dies ‚und eine Kleinigkeit‘ höre, als müßt ich auf die Wände rennen. Ich
hasse ganz Rußland, Marja Kondratjewna.“
„Ach, sagen Sie so was nicht! Wenn Sie ein Junkerchen oder ein Husarchen
wären, würden Sie das nicht sagen, sondern den Säbel herausziehen und
ganz Rußland verteidigen.“
„Ich will nicht nur kein Junker sein, ich will sogar, daß alle Soldaten
abgeschafft werden.“
„Und wenn der Feind kommt, wer wird uns dann verteidigen?“
„Das ist auch gar nicht nötig. Im Jahre zwölf dieses selbigen
Jahrhunderts gab es einen großen Heereszug nach Rußland von dem Kaiser
Napoleon, dem französischen, dem Ersten, dem Vater des jetzigen, und es
wäre mannigfach gut gewesen, wenn uns diese selben Franzosen damals
besiegt und uns sich unterworfen hätten: Eine kluge Nation hätte dann
eine äußerst dumme unterworfen und sich einverleibt. Dann würden hier
jetzt ganz andere Gesetze und Ordnungen sein.“
„Als ob dort bei ihnen alles so viel besser wäre, als bei uns! Ich würde
gar manchen von unseren Stutzerchen nicht einmal gegen drei junge
Engländer eintauschen,“ sagte schäkernd Marja Kondratjewna, die diese
Worte wahrscheinlich mit den süßesten Blicken begleitete.
„Das kommt drauf an, wie es wem gefällt.“
„Und Sie sind doch selbst wie ein echter Ausländer, da seh’ Sie doch
einer nur an, aber ein ganzer Ausländer, das sage ich Ihnen ohne
Beschönigung!“
„Wenn Sie was wissen wollen, so lassen Sie sich gesagt sein, daß in der
Verderbnis die Ausländer wie die Inländer alle durch die Bank gleich
sind. Alle sind sie dieselbigen, nur daß der dortige in Lackstiefeln
geht, unser hiesiger aber in seiner Armut stinkt und darin nicht einmal
was Schlechtes sieht. Das russische Volk muß man versohlen, wie neulich
Fedor Pawlowitsch sehr richtig gesagt hat, wenn auch er mit all seinen
Kindern ein verrückter Mensch ist und bleibt.“
„Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß Sie den Iwan Fedorowitsch so
achten?“
„Er aber hat von mir geäußert, daß ich ein stinkender Lakai sei. Er
denkt von mir, daß ich ein Revolutionär werden könnte; da irrt er sich
aber bloß gewaltig. Hätte ich so eine gewisse Summe in meiner Tasche, so
wäre ich schon längst nicht mehr hier. Dmitrij Fedorowitsch ist
schlechter als jeder Lakai durch sein Betragen wie auch durch seinen
Verstandesrang und seine Bettelarmut, und nichts versteht er zu machen,
und doch wird er obendrein noch von allen geachtet. Ich bin meinetwegen
nur ein Suppendreher, aber wenn’s gut geht, kann ich in Moskau auf der
Petrowka ein Café-Restaurant eröffnen. Denn ich mache alles, wie man
sagt: speziell. Von ihnen aber versteht in ganz Moskau keiner, außer den
Ausländern, etwas speziell zu machen. Dmitrij Fedorowitsch ist ein
lumpiger Bummler, wenn er aber den höchsten Grafensohn fordert, so wird
sich der mit ihm schlagen – wodurch ist er denn alsomit besser als ich?
Wohl weil er beispielsohne dümmer ist als ich. Allein wieviel Geld hat
er durchgebracht, ohne daß er etwas dafür bekommen hätte!“
„Ach, ein Duell muß wohl furchtbar schön sein, denke ich,“ sagte
plötzlich Marja Kondratjewna.
„Was soll denn dabei schön sein?“
„Ach, es ist doch so schrecklich und tapfer, besonders wenn junge
Offizierchen mit Pistolen in den Händen der eine auf den anderen wegen
irgendeiner schießen. Das ist doch einfach ein Bild! Ach, wenn man doch
uns Mädchen zusehen lassen würde, ich würde so schrecklich gern
zusehen!“
„Gut, wenn man noch dem anderen was aufbrennt, aber wenn man selbst was
gerade in die Schnute kriegt, so ist es dann ein dummes Gefühl. Sie,
Marja Kondratjewna, würden natürlich fortlaufen.“
„Was, Sie würden fortlaufen?“
Doch Ssmerdjäkoff geruhte nicht zu antworten. Nach minutenlangem
Schweigen wurde wieder auf der Gitarre ein Akkord gegriffen, und die
Falsettstimme sang ein anderes Couplet:
„Wozu soll ich mich denn mühen,
Es wird doch nie genügen ...
Ich will mein Leben le–e–eben
Und mich zum Herrn erhe–e–ben,
Und habe ich erst Kronen,
In Residenzen wohnen;
Werde mich niemals grämen,
Mir nichts zu Herzen nehmen ...“
Hier ereignete sich aber etwas Unerwartetes: Aljoscha nieste plötzlich.
Auf der Bank wurde es im Augenblick still. Aljoscha erhob sich und ging
zu ihnen. Es war tatsächlich Ssmerdjäkoff, der sich in Gala geworfen,
pomadisiert, parfümiert und frisiert hatte – viel fehlte nicht, daß er
sich auch Locken eingelegt – und dessen Stiefel wieder spiegelblank
geputzt waren. Die Gitarre lag neben ihm auf der Bank. Das Frauenzimmer
war Marja Kondratjewna, die Tochter der Hausbesitzerin; sie hatte ein
hellblaues Kleid mit einer zwei Ellen langen Schleppe an; es war ein
noch junges Mädchen; sie wäre eigentlich ganz nett gewesen, nur hatte
sie ein gar zu rundes Gesicht und gar zu viel Sommersprossen.
„Wird mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch bald zurückkehren?“ fragte
Aljoscha möglichst ruhig.
Ssmerdjäkoff erhob sich langsam von der Bank, und Marja Kondratjewna
folgte seinem Beispiel.
„Woher soll denn ich alleweil wissen, wann Dmitrij Fedorowitsch kommen?
Ich will nicht sagen, wenn ich Dmitrij Fedorowitschs Wächter wäre,“
antwortete Ssmerdjäkoff leise, gemessen und ungeheuer nachlässig.
„Ich habe nur so gefragt, wissen Sie es nicht vielleicht ganz zufällig?“
erklärte Aljoscha.
„Von ihrem Verbleiben weiß ich nichts, dieweil ich davon auch nichts
wissen will.“
„Aber mein Bruder hat mir gesagt, daß gerade Sie ihn von allem
unterrichteten, was im Hause geschieht, und ihm auch versprochen hätten,
ihn zu benachrichtigen, wenn Agrafena Alexandrowna käme.“
Ssmerdjäkoff erhob langsam mit unerschütterlicher Ruhe seinen Blick und
sah Aljoscha an.
„Wie aber habt Ihr geruht hierherzugelangen, da doch selbige
Gartenpforte schon seit einer Stunde mit der Fallklinke verschlossen
ist?“ fragte er mit aufmerksamem Blick auf Aljoscha.
„Ich bin aus der Quergasse über den Zaun gekommen und direkt in die
Laube gegangen. Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen,“ sagte er zu
Marja Kondratjewna gewandt, „ich wollte meinen Bruder so schnell als
möglich treffen.“
„Ach, was haben wir Ihnen zu entschuldigen,“ sagte Marja Kondratjewna
sofort in süßlich singendem Ton, da Aljoschas höfliche Entschuldigung
sie nicht wenig schmeichelte, „und geht doch auch Herr Dmitrij
Fedorowitsch auf diese Manier in die Laube, wir wissen es zuweilen gar
nicht, er aber sitzt schon dort.“
„Ich wollte ihn hier erwarten, da ich ihn unbedingt sprechen muß –
können Sie mir nicht sagen, wo er heute ist? Glauben Sie mir, daß ich
ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit suche.“
„Das pflegt er uns nicht zu sagen, wo er ist,“ sagte Marja Kondratjewna
eilfertig.
„Obwohl ich nur aus Bekanntschaft hierher komme,“ begann wieder
Ssmerdjäkoff, „so haben Dmitrij Fedorowitsch mich doch auch hier
alleweil unmenschlich bedrängt mit ihren immerwährenden Fragen nach dem
Herrn: Was und wie ist es mit ihm, wer kommt hin, und wer geht fort, und
ob ich nicht noch was anderes zu sagen habe. Zweimal haben sie mir sogar
mit dem Tode gedroht.“
„Wie das, mit dem Tode?“ fragte Aljoscha erstaunt.
„Was macht denn ihnen das aus bei ihrem Charakter, den Ihr gestern
selbst zu beobachten geruhtet. ‚Wenn du Agrafena Alexandrowna hinein
läßt‘, sagen sie, ‚und sie hier übernachtet, – so bist du der erste, der
das mit dem Leben bezahlt‘. Ich habe so große Angst vor ihnen, daß ich
sie, wenn ich nicht so große Angst vor ihnen hätte, schon der Polizei
angezeigt haben würde. Kann doch kaum Gott wissen, was sie noch alles
mit einem machen werden.“
„Vor kurzem hat er ihm noch gesagt: ‚Im Mörser werde ich dich
zerstampfen‘,“ fügte Marja Kondratjewna eifrig hinzu.
„Nun, wenn er ‚im Mörser‘ gesagt hat, so sind das doch nur Worte ...“
meinte Aljoscha. „Wenn ich ihn jetzt bloß treffen könnte, so würde ich
ihm auch darüber etwas sagen können ...“
„Ich kann Euch nur eines mitteilen,“ sagte plötzlich Ssmerdjäkoff, als
ob er sich inzwischen anders bedacht hätte. „Ich bin hier nur von wegen
meiner langen Nachbarbekanntschaft, und warum sollte ich denn nicht
herkommen? Andererseits haben Iwan Fedorowitsch mich heute schon in
aller Herrgottsfrühe in ihre Wohnung in die Seestraße geschickt, ohne
Brief, damit, daß Dmitrij Fedorowitsch aufs Wort hin unbedingt in dieses
hiesige Gasthaus am Großen Platz kommen sollen, um mit ihnen zusammen zu
speisen. Ich ging alsomit, doch Dmitrij Fedorowitsch waren nicht zu
Hause, es war aber schon acht Uhr. ‚Er war hier, ist aber ganz
ausgegangen‘, – mit genau den selbigen Worten antworteten mir die
Hausleute. Es war wie eine Verschwörung von beiden Seiten. Jetzt sitzen
sie vielleicht in selbiger Minute in dem Gasthaus mit Iwan Fedorowitsch,
da auch der junge Herr nicht nach Haus speisen gekommen sind, und der
Herr allein vor einer Stunde gespeist haben und jetzt schlafen. Aber ich
bitte doch nachdrücklichst, ihnen von mir und von selbigem, was ich
gesagt habe, anderweitig keinerlei Mitteilung zu machen, dieweil sie für
nichts und wieder nichts mich totschlagen können.“
„Wie, Iwan hat Dmitrij ins Gasthaus bestellt?“ fragte Aljoscha hastig,
als hätte er nicht recht verstanden.
„Wie gesagt.“
„In das Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ am Großen Platz?“
„Jawohl, in selbiges.“
„Das ist sehr gut möglich!“ sagte Aljoscha erregt. „Danke, Ssmerdjäkoff,
diese Mitteilung ist sehr wichtig für mich, ich werde sofort hingehen.“
„Aber ich bitte, nichts von mir zu sagen,“ bat Ssmerdjäkoff noch einmal.
„Nein, nein, ich werde tun, als ob ich zufällig hinkäme, beunruhigen Sie
sich nicht.“
„Aber wohin gehen Sie, ich werde Ihnen die Gartenpforte aufmachen,“ rief
ihm Marja Kondratjewna nach.
„Nein, von hier ist es näher, ich springe wieder über den Zaun.“
Diese Nachricht hatte Aljoscha geradezu erschüttert. Er eilte hin. Da es
aber nicht anging, daß er in der Mönchskutte eintrat, so beschloß er,
sich an der Tür nach ihnen zu erkundigen und sie herausrufen zu lassen.
Doch siehe, kaum näherte er sich dem Gasthaus, als plötzlich ein Fenster
aufgestoßen wurde und sein Bruder Iwan ihn heranrief:
„Aljoscha, kannst du nicht zu mir hereinkommen, oder geht es nicht? Du
würdest mir einen großen Gefallen erweisen.“
„Natürlich kann ich, nur weiß ich nicht, ob es in meiner Kutte angeht
...“
„Das hat nichts zu sagen, ich habe hier ein ganzes Zimmer für mich, komm
herein, ich gehe dir entgegen ...“
Nach einer Minute saß Aljoscha seinem Bruder gegenüber. Iwan war allein
und speiste zu Mittag.
III.
Die beiden Brüder
Es war übrigens doch kein einzelnes Zimmer, das Iwan für sich
eingenommen hatte. Es war nur eine mit Schirmen abgeteilte Ecke am
Fenster des ersten Zimmers, an dessen Seitenwand sich das Büfett befand.
Nur konnten die vorübergehenden Gäste die am Fenster Sitzenden nicht
sehen. Wohl aber sah man von dort aus die Kellner am Büfett
vorüberhuschen. Von Gästen saß in diesem Zimmer in einer entfernteren
Ecke vor seinem Teeglase nur ein alter Herr, ein gewesener Offizier.
Dafür herrschte in allen anderen Räumen der gewöhnliche Gasthauslärm,
die Rufe nach den Kellnern, das Aufkorken der Bierflaschen, das Kicksen
der Billardbälle und das Geklimper einer Spieluhr. Aljoscha wußte, daß
Iwan sonst nie in dieses Lokal ging und für Gasthäuser überhaupt nichts
übrig hatte. „Also ist er jetzt nur deswegen hier, um Dmitrij zu
treffen,“ dachte Aljoscha. Aber Dmitrij war nicht zu sehen.
„Soll ich dir eine Fischsuppe bestellen oder was sonst, du kannst doch
nicht von Tee allein leben,“ fragte Iwan heiter, der sich ersichtlich
sehr darüber freute, daß er Aljoscha hereingelockt hatte. Er hatte schon
gespeist und trank nur noch Tee.
„Bestell mal beides, Fischsuppe und Tee, ich habe nämlich gehörigen
Hunger,“ sagte Aljoscha erfreut.
„Und nachher Kirschenmus? Das kannst du hier haben. Weißt du noch, wie
du als kleiner Junge bei Polenoffs auf Kirschenmus geschliffen warst?“
„Dessen erinnerst du dich noch? Gut, bestelle also auch Kirschenmus, ich
mag es auch jetzt noch.“
Iwan klingelte nach dem Kellner und bestellte Fischsuppe, Tee und die
eingemachten Kirschen.
„Ich erinnere mich unserer ganzen Kindheit, Aljoscha, ich erinnere mich
deiner bis zum elften Jahre, ich war damals vierzehn, fünfzehn Jahre
alt. Fünfzehn und elf, das ist ein so großer Unterschied, daß selbst
Brüder in diesen Jahren fast nie Kameraden sind. Ich weiß nicht einmal,
ob ich dich liebte: In Moskau habe ich an dich in den ersten Jahren
überhaupt nicht gedacht. Und dann später, als auch du nach Moskau kamst,
haben wir uns, glaube ich, wohl nur ein einziges Mal irgendwo getroffen.
Nun lebe ich hier schon seit mehr als drei Monaten, und noch haben wir
kein Wort miteinander gewechselt. Morgen werde ich fortfahren, und so
dachte ich denn, als ich vorhin allein hier am Fenster saß: Wo könnte
ich ihn wohl treffen, um mich von ihm zu verabschieden? – und da gingst
du gerade vorüber.“
„Wolltest du mich wirklich so gerne sehen?“
„Ja, Aljoscha, sehr, ich wollte dich einmal kennen lernen und dich auch
mit mir bekannt machen. Und mich dann von dir verabschieden. Meiner
Meinung nach ist es am besten, sich vor der Trennung kennen zu lernen.
Ich habe gesehen, wie du mich in diesen ganzen drei Monaten beobachtet
hast. Lag doch in deinen Augen eine immerwährende Erwartung, das aber
ist es, was ich nicht ertragen kann, und darum näherte ich mich dir
nicht. Dann aber lernte ich dich achten: Fest steht das Menschlein! Ja,
ja. Und merk dir, Aljoscha: Ich lache jetzt zwar, aber ich rede deswegen
nicht minder ernst. – Du stehst doch fest, nicht? Ich liebe Menschen,
die fest stehen, einerlei worauf sie stehen, und wenn sie auch so kleine
Knaben sind wie du. Dein erwartungsvoller Blick wurde mir mit der Zeit
durchaus nicht zuwider; im Gegenteil, ich gewann ihn schließlich lieb,
deinen erwartenden Blick. Ich glaube, du liebst mich, Aljoscha?“
„Ja, ich liebe dich, Iwan. Dmitrij sagt von dir: Iwan ist – ein Grab!
Ich aber sage von dir: Iwan ist ein Rätsel. Du bist auch jetzt noch ein
Rätsel für mich, trotzdem habe ich schon einiges an dir begriffen, und
zwar seit heute morgen!“
„Und das wäre?“ fragte Iwan lachend.
„Wirst du dich nicht ärgern?“ fragte Aljoscha gleichfalls lachend.
„Nun?“
„Einfach, daß du ganz genau so ein junger Junge bist wie alle anderen
dreiundzwanzigjährigen Jungen, ein ebenso junger, jugendlicher, frischer
und prächtiger Junge, ein ... ein ... nun, ein milchbärtiger kleiner
Knabe! Was, hab ich dich jetzt sehr gekränkt?“
„Im Gegenteil, du hast mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung sogar
frappiert!“ sagte sofort heiter und offenherzig Iwan. „Wirst du mir
glauben, daß ich heute, seitdem ich sie verlassen habe – nach
dem Gespräch bei ihr – die ganze Zeit nur an diese meine
dreiundzwanzigjährige ‚Milchbärtigkeit‘, wie du sagst, gedacht habe! Und
nun beginnst du gerade damit, als ob du’s erraten hättest. Ich saß hier
ganz allein am Fenster, und weißt du, was ich mir sagte? Nehmen wir an,
ich hörte auf, an das Leben zu glauben, an den Menschen, den ich
liebgewonnen habe, an die Ordnung der Dinge, nehmen wir an, ich
überzeugte mich sogar, daß alles ein gesetzloses, verfluchtes und
vielleicht vom Teufel beherrschtes Chaos ist, und daß mich alle
Schrecken der menschlichen Verzweiflung überfallen, – so würde ich doch
leben wollen, leben! Und da meine Lippen einmal diesen Becher berührt
haben, so – das weiß ich! – werde ich mich nicht früher von ihm
losreißen, als bis ich ihn ganz, bis auf die Neige geleert habe!
Übrigens, wenn mein dreißigstes Jahr kommt, werde ich den Becher
bestimmt von mir werfen, selbst wenn ich ihn nicht bis auf die Neige
geleert haben sollte, und fortgehen ... ich weiß nicht wohin. Doch bis
zu meinem dreißigsten Jahre, das weiß ich unerschütterlich, wird meine
Jugend alles besiegen, – jede Enttäuschung, jede Verzweiflung, jeden
Widerwillen vor dem Leben. Ich habe mich oftmals gefragt: Gibt es wohl
in der Welt eine Verzweiflung, die diesen rasenden, wütenden und
vielleicht unanständigen Lebensdurst in mir besiegen könnte? – und ich
bin zu der Überzeugung gekommen, daß es wahrscheinlich keine solche
Verzweiflung gibt, das heißt wiederum nur bis zu meinem dreißigsten
Jahre, dann werde ich selbst nicht mehr wollen ... so scheint es mir
wenigstens. Dieser Lebensdurst, dieses Lechzen nach Leben wird von
vielen schwindsüchtigen, hungrigen Moralisten und besonders von holden
Dichtern niedrig genannt. Er ist allerdings ein echt Karamasoffscher
Zug, das ist wahr, und auch in dir steckt dieser Lebensdurst, aber warum
soll er denn gemein sein? Es steckt noch so ungeheuer viel
Zentripetalkraft in unserem Planeten. Leben will man, Aljoscha, und ich
lebe, wenn auch wider die Logik. Mag ich auch an die Ordnung der Dinge
nicht glauben, so sind sie mir doch teuer, die klebrigen hellen
Blättchen, die sich im Frühling an feuchten Ästen lösen, teuer ist mir
der hohe blaue Himmel, teuer gar mancher Mensch, den man gar manches
Mal, wirst du’s mir glauben, ohne zu wissen, warum, liebhat. Teuer ist
mir manch eine Menschentat, an die zu glauben man vielleicht schon
längst aufgehört hat, die aber das Herz in alter Erinnerung immer noch
hoch und heilig hält ... Da kommt deine Fischsuppe. Nun, laß sie dir gut
schmecken, sie wird hier vorzüglich zubereitet ... Ich will nach Europa
fahren, Aljoscha, ich werde von hier aus geradenwegs hinfahren. Ich weiß
es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten,
allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch! Teure Tote liegen dort
begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen
Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen
Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene
Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen, diese
Steine küssen und über ihnen weinen werde – wenn auch mit der vollen
Überzeugung im Herzen, daß das alles schon längst ein Friedhof ist, und
in keinem Fall mehr als das. Und nicht aus Verzweiflung werde ich
weinen, sondern einfach aus dem einen Grunde, weil mir meine Tränen
Glück sein werden. Ich werde mich an der eigenen Empfindung berauschen.
Die kleinen, klebrigen Frühlingsblätter, den hohen blauen Himmel liebe
ich! Hier handelt es sich nicht um Verstand, nicht um Logik, hier liebt
man mit dem ganzen Innern, mit dem ganzen Eingeweide, mit dem ganzen
Leibe, seine ersten jungen Kräfte liebt man! ... Aljoschka, begreifst du
etwas von meinem Gerede, oder ist dir alles unverständlich?“ fragte Iwan
plötzlich auflachend.
„O, ich verstehe nur zu gut: Mit dem Innersten, mit dem ganzen
Eingeweide will man lieben, – das hast du wundervoll gesagt, und es
freut mich furchtbar, daß du so leben willst,“ sagte Aljoscha freudig.
„Ich glaube, alle müssen in der Welt zuerst das Leben lieben lernen.“
„Und das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?“
„Unbedingt. _Vor_ der Logik muß man das Leben lieb gewinnen, wie du
sagst, unbedingt muß es _vor_ der Logik geschehen, nur dann werde ich
auch den Sinn des Lebens begreifen. Das habe ich schon lange geahnt. Die
Hälfte deiner Arbeit ist bereits getan, und die eine Hälfte deines
Lebens ist erworben, Iwan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich um
deine zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.“
„Du bist schon beim Retten, aber ich gehe ja vielleicht überhaupt nicht
unter! Und worin besteht sie denn – diese zweite Hälfte?“
„Darin, daß du deine Toten auferweckst, die – vielleicht niemals
gestorben sind. Reich mir bitte den Tee. Oh, es freut mich so, Iwan, daß
wir miteinander reden.“
„Aber Aljoscha, du bist ja, wie ich sehe, geradezu begeistert. Nun ich
liebe ganz außerordentlich solche _professions de foi_, wie die
unsrigen, gerade von solchen ... Novizen. Ein fester Mensch bist du,
Alexei. Ist es wahr, daß du das Kloster verlassen willst?“
„Ja, es ist wahr. Mein Staretz schickt mich in die Welt.“
„Dann werden wir uns wohl noch sehen in dieser Welt, vor jenem
dreißigsten Jahr, wenn ich beginnen werde, mich von meinem Becher
loszureißen. Der Vater will sich von seinem Becher nicht vor dem
siebzigsten Jahre losreißen, träumt womöglich von achtzig Jahren, hat es
mir sogar selbst ganz offen gesagt, und zwar im Ernst, obgleich er doch
ein ... Narr ist. Fußt auf seiner Wollust und steht auf ihr, als ob sie
ein Stein wäre ... allerdings gibt es ja nach dem dreißigsten Jahre
schwerlich etwas anderes, worauf man sich stellen könnte ... Aber bis
zum siebzigsten Jahre ist es gemein, bis zum dreißigsten Jahre geht es
noch: Man kann wenigstens einen ‚Schimmer von Adel‘ bewahren, wenn auch
durch Selbstbetrug. Hast du heute nicht Dmitrij gesehen?“
„Nein, ihn nicht, aber ich habe Ssmerdjäkoff gesehen und gesprochen.“
Und Aljoscha erzählte eilig und ausführlich sein Gespräch mit
Ssmerdjäkoff. Iwans Gesicht wurde allmählich immer finsterer beim
Zuhören, und er ließ sich vieles wiederholen.
„Nur bat er mich, nicht Dmitrij zu sagen, daß er es mir mitgeteilt hat,“
fügte Aljoscha hinzu. Iwan zog die Brauen zusammen und verfiel in
Nachdenken.
„Runzelst du wegen Ssmerdjäkoff die Stirn?“ fragte Aljoscha.
„Ja, seinetwegen. Doch zum Teufel mit ihm, aber Dmitrij wollte ich
tatsächlich sehen, nur ist es jetzt nicht mehr nötig ...“ brummte Iwan
unwillig.
„Wirst du denn wirklich so bald verreisen?“
„Ja.“
„Aber sag doch, – Dmitrij und der Vater? Womit wird das enden?“ fragte
Aljoscha erregt, doch nur halblaut.
„Du fängst schon wieder davon an! Was geht das mich an? Bin ich denn
etwa der Wächter meines Bruders?“ stieß Iwan kurz und gereizt hervor.
Doch plötzlich lächelte er bitter. „Die Antwort Kains auf Gottes Frage
nach dem erschlagenen Bruders, wie? Das denkst du wohl jetzt, nicht?
Ach, hol’s der Teufel, ich kann doch wahrhaftig nicht als ihr Wächter
hier bleiben! Ich habe hier beendet, was ich zu tun hatte, und fahre.
Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich auf Dmitrij eifersüchtig bin,
weil es mir in diesen ganzen drei Monaten nicht gelungen ist, ihm seine
schöne Katerina Iwanowna abspenstig zu machen? Ach ... Äh, zum Teufel,
ich habe meine Gründe gehabt, hier zu bleiben. Nun habe ich hier alles
beendet, und so fahre ich auch unverzüglich. Was ich beendet habe, das
weißt du, du warst ja Augenzeuge.“
„Du meinst – vorhin mit Katerina Iwanowna?“
„Ja, mit ihr; ich machte mich einfach los. Und was ist denn dabei? Was
geht mich Dmitrij an? Dmitrij hat nichts damit zu tun! Ich hatte ganz
Persönliches mit Katerina Iwanowna zu erledigen. Du weißt doch selbst,
daß Dmitrij sich so aufgeführt hat, als ob er sich mit mir verabredet
hätte. Ich habe ihn doch um nichts gebeten, er aber hat sie mir
freiwillig und feierlich ‚übergeben‘ und hat mir noch seinen Segen
geschenkt. Das klingt ja wirklich fast lachhaft. Nein, Aljoscha, nein,
wenn du wüßtest, wie leicht ich mich jetzt fühle! Ich saß hier und
speiste, und, wirst du’s mir glauben, wollte mir schon Champagner
bestellen, um die erste Stunde meiner Freiheit zu feiern. Pfui Teufel,
fast ein halbes Jahr lang, – und mit einem Schlage hat man sich von
allem befreit! Nein, hätte ich gestern auch nur ahnen können, daß man
nur zu wollen braucht, und daß es einen nichts kostet, zu beenden!“
„Sprichst du von deiner Liebe, Iwan?“
„Von meiner Liebe ... wenn du willst, ja. Ich hatte mich in ein junges,
stolzes Pensionsfräulein verliebt. Ich quälte mich mit ihr und sie
quälte mich. Hatte mich da hinein verbissen ... und plötzlich bin ich
von allem befreit. Vorhin bei Chochlakoffs sprach ich erregt, als ich
aber hinaustrat, da lachte ich auf – und du kannst mir glauben, daß ich
fröhlich lachte. Nein, wirklich!“
„Du sprichst auch jetzt so heiter,“ bemerkte Aljoscha, der sich
aufmerksam in das Gesicht des Bruders hineinsah.
„Woher sollte ich auch wissen, daß ich sie überhaupt nicht liebte!
Ha–ha–ha! Und da hat es sich nun erwiesen! Aber wie sie mir doch
gefallen hat! Wie sie mir sogar heute gefiel, vorhin, als ich die
Predigt hielt! Und weißt du, auch jetzt gefällt sie mir maßlos, – und
doch fällt es mir so leicht, sie zu verlassen. Du glaubst wohl, ich
wolle renommieren?“
„Nein. Nur war das vielleicht keine Liebe.“
„Aljoschka,“ sagte Iwan lachend, „laß dich nicht auf Erörterungen über
Liebe ein! Für dich schickt sich das nicht. Vorhin – ja, vorhin, da
gingst du durch, Brüderchen, o jeh! Übrigens habe ich vergessen, dich
dafür abzuküssen ... Wie sie mich aber gequält hat! Ach, habe wahrlich
neben einer gesessen, die sich vergewaltigte. Sie wußte doch, daß ich
sie liebte! Und auch sie liebte mich, aber nicht Dmitrij,“ behauptete
Iwan lachend. „Ihre Liebe zu Dmitrij hat sie sich nur eingebildet.
Alles, was ich ihr vorhin sagte, ist lautere Wahrheit. Nur besteht jetzt
die Hauptsache darin, daß sie vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre
brauchen wird, um zu erraten, daß sie Dmitrij überhaupt nie geliebt hat,
sondern nur mich liebt, mich, den sie foltert. Ja, wer kann es wissen,
vielleicht wird sie’s auch niemals erraten, trotz der heutigen Lehre
nicht. Nun, um so besser, daß ich aufgestanden und fortgegangen bin.
Übrigens, was macht sie jetzt? Was ging dort vor, als ich fortgegangen
war?“
Aljoscha erzählte ihm von dem hysterischen Anfall und was ihm Frau
Chochlakoff gesagt hatte: daß sie bewußtlos sei, Fieber habe und
phantasiere.
„Ist das aber auch wahr, was die Chochlakoff sagt?“
„Es scheint, ja.“
„Man muß sich erkundigen. An hysterischen Anfällen ist übrigens noch
niemals jemand gestorben. Und mag sie sie doch haben, Gott hat dem Weibe
liebend die Hysterie geschickt. Ich werde nie mehr hingehen. Wozu sich
wieder aufdrängen!“
„Aber du sagtest ihr doch, daß sie dich nie geliebt hätte?“
„Das habe ich absichtlich gesagt. Aljoschka, weißt du, ich werde
Champagner bestellen, trinken wir auf meine Freiheit. Nein, wenn du
wüßtest, wie froh ich bin!“
„Nein, Iwan, trinken wir lieber nicht,“ sagte Aljoscha, „und zudem bin
ich doch etwas traurig gestimmt.“
„Ja, du bist bereits seit langer Zeit traurig gestimmt, das sehe ich
schon längst.“
„Und du wirst also bestimmt morgen früh fortfahren?“
„Morgen früh? Ich habe nicht gesagt, daß ich in der Früh fahren werde
... Doch übrigens, vielleicht auch in der Früh. – Wirst du’s mir
glauben, daß ich nur deswegen hier gespeist habe, um nicht mit dem Alten
zusammen zu speisen, dermaßen zuwider ist er mir geworden. Allein
seinetwegen wäre ich schon längst fortgefahren. Warum beunruhigt es dich
übrigens so, daß ich verreise? Wir haben jedenfalls bis zu meiner
Abfahrt noch Gott weiß wieviel Zeit. Eine ganze Ewigkeit Zeit, die ganze
Unsterblichkeit.“
„Aber, wenn du morgen fortfährst, wo ist dann die Ewigkeit?“
„Was geht das uns beide an!?“ fragte Iwan lachend. „Haben wir doch noch
Zeit, auszusprechen, was wir uns zu sagen haben, und weswegen wir hier
zusammengekommen sind! Warum siehst du mich so erstaunt an? Antworte
mir: Zu welch einem Zweck sind wir hier zusammengekommen? Um von der
Liebe zu Katerina Iwanowna zu sprechen, oder von dem Alten und Dmitrij?
Oder vom Auslande? Von der verhängnisvollen Lage Rußlands? Vom Empereur
Napoléon? Nun, deswegen etwa?“
„Nein, nicht deswegen.“
„Also begreifst du es selbst, weswegen. Den anderen mag so etwas
gleichgültig sein, uns aber, uns ‚Milchbärten‘, ist es nicht einerlei,
wovon wir reden. Wir müssen vor allen anderen Dingen, die aus der
Ewigkeit in die Ewigkeit reichenden Probleme lösen, das ist unsere
Sorge. Ganz Jung-Rußland tut doch heutzutage nichts anderes, als über
die ewigen Fragen philosophieren. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo
alle Alten sich plötzlich an die praktischen Fragen gemacht haben. Warum
hast du mich in diesen drei Monaten so erwartungsvoll angesehen? Um mich
zu befragen: ‚Woran glaubst du, oder glaubst du überhaupt nicht‘, – das
war es doch, was Ihre Blicke fragten, Alexei Fedorowitsch, oder war es
das mit nichten?“
„Nun ja, meinetwegen war es das,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Du machst
dich doch nicht lustig über mich, Bruder?“
„Ich mich lustig machen? Ich werde doch mein kleines Brüderchen, das
mich drei Monate lang so erwartungsvoll angeblickt hat, nicht betrüben
wollen. Aljoscha, sieh mich einmal ganz offen an: Sieh, ich bin doch
genau solch ein kleiner Knabe wie du, nur mit dem einen Unterschiede,
daß ich kein Novize bin. Wie pflegen denn unsere russischen Knaben bis
jetzt zu handeln? Die meisten, meine ich. Nun, hier haben wir zum
Beispiel das nach Speisedüften riechende Lokal, und da kommen sie denn
zusammen und setzen sich in eine Ecke. Haben sich bis dahin zeitlebens
nicht gekannt, und wenn sie das Gasthaus verlassen, werden sie sich
wieder vierzig Jahre lang nicht kennen. Wovon werden sie nun sprechen,
wenn sie diesen einen Augenblick in der Gasthausecke erhascht haben?
Selbstverständlich von den Weltfragen: Gibt es einen Gott? gibt es
Unsterblichkeit? Diejenigen aber von ihnen, welche an Gott nicht
glauben, nun, die sprechen über Sozialismus und Anarchismus, über die
Umgestaltung der ganzen Menschheit durch einen neuen Staat, so daß es
schließlich auf den reinen Teufel hinauskommt, – das sind doch alles
dieselben Fragen, nur vom anderen Ende. Und welch eine unglaubliche
Menge der originellsten russischen Jungen tut heutzutage nichts anderes,
als über diese ewigen Fragen reden! Habe ich nicht recht?“
„Ja, für die echten Russen sind die Fragen, ob es einen Gott und ob es
Unsterblichkeit gibt oder, wie du soeben sagtest, die Fragen vom anderen
Ende, natürlich die wichtigsten Fragen, die allem anderen vorangehen, –
so muß es auch sein,“ sagte Aljoscha, der seinen Bruder immer noch mit
demselben stillen, forschenden Lächeln betrachtete.
„Sieh, Aljoscha, ein russischer Mensch zu sein, ist zuweilen gar nicht
klug, doch etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die russischen
Knaben beschäftigen, kann man sich nicht einmal vorstellen. Nur _einen_
russischen Knaben, den Aljoscha, den liebe ich trotzdem über alles.“
„Wie nett du das eingefädelt hast,“ sagte Aljoscha auflachend.
„Nun, sag also, womit wir beginnen sollen? Es soll geschehen, wie du
befiehlst. – Mit Gott? – Ob Gott existiert, nicht?“
„Womit du willst, damit beginne, meinetwegen auch ‚vom anderen Ende‘. Du
erklärtest doch gestern beim Vater, daß es Gott nicht gäbe,“ sagte
Aljoscha mit plötzlich forschendem Blick in die Augen des Bruders.
„Gestern bei Tisch neckte ich dich absichtlich damit – um den Alten war
es mir nicht zu tun – und ich sah es wohl, wie deine Augen aufblitzten.
Doch jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, nochmals mit dir auf dieses
Thema einzugehen. Ich meine das vollkommen im Ernst. Ich möchte gern,
daß wir uns nähertreten, Aljoscha, denn ich habe keinen Freund. Ich will
es einmal versuchen. Nun, stelle es dir mal vor, vielleicht erkenne auch
ich Gott an,“ sagte Iwan lachend. „Das hattest du wohl nicht erwartet,
was?“
„Ja, natürlich, wenn du nur auch jetzt nicht scherzest!“
„Scherze? Das fragst du, weil man gestern beim Staretz sagte, daß ich
scherze. Sieh, mein Liebling, im siebzehnten Jahrhundert lebte ein
großer Sünder, und der hat von Gott gesagt: _S’il n’existait pas, il
faudrait l’inventer._ Und tatsächlich hat sich der Mensch Gott
ausgedacht. Doch nicht das ist sonderbar, nicht das wäre wunderbar, daß
Gott tatsächlich existiert, wohl aber ist wunderbar, daß solch ein
Gedanke – der Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes – in den Kopf
eines so wilden und bösartigen Tieres, wie es der Mensch ist, hat kommen
können: dermaßen heilig, dermaßen rührend, dermaßen weise ist er, und
dermaßen große Ehre macht er dem Menschen. Was nun mich dabei
anbetrifft, so habe ich schon vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr
darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen
geschaffen hat. Auch werde ich, versteht sich, nicht etwa anfangen, alle
zeitgenössischen Axiome der russischen Knaben durchzunehmen – Axiome,
die alle ohne Ausnahme aus europäischen Hypothesen entstanden sind; denn
was dort Hypothese ist, das ist bei unseren russischen Knaben sofort
Axiom, und nicht nur bei den Knaben, sondern auch bei deren Professoren,
denn auch die russischen Professoren sind jetzt sehr häufig selbst
nichts anderes als solche kleinen russischen Knaben. Darum übergehe ich
alle Hypothesen. Worin besteht aber nun unsere Aufgabe? Nun, versteht
sich, darin, daß ich dir so schnell wie möglich mein ganzes Wesen
erkläre, das heißt, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf
ich hoffe! Nicht wahr, das ist es doch? Nun, und darum erkläre ich denn
auch, daß ich Gott einfach und einwandlos akzeptiere. Einstweilen aber
gilt es noch eines zu vermerken: Wenn Gott ist, und wenn er tatsächlich
die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, nach der
Geometrie des Euklid geschaffen, den menschlichen Verstand nur mit dem
Vermögen begabt, bloß die drei Ausdehnungen des Raumes zu begreifen.
Währenddessen aber hat es Mathematiker und Philosophen gegeben, und es
gibt ihrer auch heutzutage noch welche, und es sind das sogar die
Besten, die leider bezweifeln, daß das Weltall – oder sagen wir noch
größer, – daß alles Sein nur nach Euklids Geometrie erschaffen sei, ja,
sie erdreisten sich sogar, zu denken, daß zwei parallele Linien, die
doch nach Euklid nie und nimmer und unter keiner Bedingung auf Erden
zusammenlaufen können, vielleicht doch irgendwo in der Unendlichkeit
zusammenlaufen. Weißt du, Liebling, ich sage mir nun, wenn ich selbst
das nicht begreifen kann, wie soll ich dann noch etwas von Gott
begreifen können, das ist doch dann viel zu hoch für mich. Bescheiden
bekenne ich, daß ich nicht die geringsten Fähigkeiten zur Lösung solcher
Probleme besitze; ich habe nur einen euklidischen, einen irdischen
Verstand, und wie soll man daher über etwas urteilen, was nicht von
dieser Welt ist? Und auch dir, mein Freund, rate ich, nie darüber
nachzudenken, vor allem nicht über Gott: Ob es ihn gibt oder nicht gibt?
Das sind Fragen, an die unser Verstand überhaupt nicht heranreicht, da
sein Begriffsvermögen nur für das Erfassen der drei Ausdehnungen
geschaffen ist. Und so akzeptiere ich denn gern nicht nur Gott allein,
sondern ich akzeptiere auch seine Allwissenheit und sein Ziel, – das uns
vollkommen unbekannt ist – und glaube an das Gesetz und den Sinn des
Lebens, glaube auch an die ewige Harmonie, in der wir, wie es heißt,
alle aufgehen werden, glaube an das Wort, zu dem das Weltall strebt, und
das selbst bei Gott war und selbst Gott ist, nun, und so weiter, und so
weiter bis ins Unendliche. Hat man sich doch in der Beziehung wahrlich
nicht wenig Worte ausgedacht. Aber es scheint ja, daß auch ich bereits
auf einem guten Wege bin – nicht? Nun, so laß dir denn kurz gesagt sein,
daß ich im Endresultate diese Gotteswelt – _nicht_ akzeptiere, und wenn
ich auch weiß, daß sie existiert, so gebe ich doch nicht zu, daß sie
existiert. Nicht Gott akzeptiere ich nicht, verstehe mich recht, sondern
die von ihm geschaffene Welt akzeptiere ich nicht, und kann ich nicht
akzeptieren. Ich werde mich deutlicher ausdrücken: Ich bin meinetwegen
überzeugt, daß das Leid vernarben und sich glätten wird, daß die ganze
beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein armseliges
Trugbild verschwinden wird, wie eine garstige Erfindung eines
schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes, und daß
schließlich im Weltfinale, im Moment der ewigen Harmonie etwas dermaßen
Kostbares geschehen und erscheinen wird, daß es für alle Herzen
ausreicht, zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller von Menschen
begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, daß es
ausreichen wird zur Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch
der Rechtfertigung alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist, –
schön, schön, mag das alles erscheinen und sein, ich aber akzeptiere das
nicht und will es auch nicht akzeptieren! Mögen sich sogar die
Parallellinien treffen, und mag ich das auch selbst sehen, sehen und
sagen, daß sie sich getroffen haben, so werde ich es doch trotzdem nicht
annehmen. Sieh, das ist mein Wesen, Aljoscha, das ist meine These. Ich
habe absichtlich unser Gespräch so begonnen, wie man es dümmer nicht gut
hätte beginnen können, aber ich habe es mit meiner Beichte geendet, denn
nur sie allein wolltest du doch hören. Nicht von Gott wolltest du etwas
erfahren, sondern hören wolltest du, wovon dein Bruder, den du doch
liebhast, geistig lebt. Und so habe ich es dir denn gesagt.“
Iwan schloß seine lange Predigt plötzlich mit einem ganz unerwarteten
und ganz eigentümlichen Gefühl.
„Warum hast du so begonnen, ‚wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen
können‘?“ fragte Aljoscha, der, in Gedanken verloren, seinen Bruder
betrachtete.
„Ja, so, erstens um des Russizismus’ willen: Die russischen Gespräche
über diese Themata werden doch alle so geführt, wie es dümmer nicht gut
denkbar wäre. Und zweitens, weil man um so näher zur Sache kommt, je
dümmer man tut. Je dümmer, um so klarer. Dummheit ist kurz und gut und
einfach, Klugheit aber macht Finten und versteckt sich. Klugheit, das
heißt, der Verstand, ist ein Schuft. Die Dummheit dagegen ist
offenherzig und ehrlich. So habe ich dir meine Verzweiflung gezeigt, und
je dümmer die Darstellung war, um so vorteilhafter für mich.“
„Wirst du mir erklären, weswegen du die Welt ‚nicht akzeptierst‘?“
fragte Aljoscha.
„Versteht sich, es ist ja kein Geheimnis, und dahin führt doch unser
Gespräch. Du, mein lieb Brüderlein, ich will dich doch nicht etwa
verführen oder von deinem festen Stand wegrücken – ich wollte mich
vielleicht nur selbst durch dich heilen ...“ Und Iwan lächelte so
sonderbar, ganz wie ein kleiner, frommer Knabe. Niemals noch hatte
Aljoscha an ihm solch ein Lächeln gesehen.
IV.
„Empörung“
„Ich muß dir ein Geständnis machen,“ begann Iwan: „Ich habe nie
begreifen können, wie man seine Nächsten lieben kann. Gerade die
Nächsten kann man, meiner Meinung nach, unmöglich lieben; lieben kann
man höchstens noch die Fernen. Ich habe einmal irgendwo von ‚Iwan dem
Barmherzigen‘, einem Heiligen, gelesen, daß er, als einmal ein hungriger
und durchfrorener Mann des Weges kam und ihn bat, sich bei ihm erwärmen
zu dürfen – daß er sich da zusammen mit ihm auf das Lager gelegt habe,
um ihn in der Umarmung zu erwärmen und ihm in seinen von einer
scheußlichen Krankheit faulenden und übelriechenden Mund zu hauchen. Ich
bin überzeugt, daß er es aus Selbstvergewaltigung getan hat, aus sich
selbst vergewaltigender Lüge, aus pflichtschuldiger Liebe, aus sich
selbst auferlegter Buße. Um einen Menschen lieben zu können, muß er sich
verborgen halten, denn kaum zeigt er sein Gesicht – so ist die Liebe
auch schon verschwunden.“
„Darüber hat Staretz Sossima mehr als einmal gesprochen,“ bemerkte
Aljoscha, „auch er sagte, daß das Gesicht eines Menschen nicht selten
diejenigen, welche im Lieben noch unerfahren sind, zu lieben hindere.
Aber es gibt trotzdem viel Liebe in der Menschheit, und sogar fast
Christi Liebe ähnliche. Das weiß ich, Iwan ...“
„Nun, ich aber weiß das vorläufig noch nicht und kann es daher auch
nicht begreifen, und mit mir kann es eine unzählige Menge Menschen
gleichfalls nicht begreifen. Die Frage besteht nur darin, ob das von den
schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt? oder ob es nur einfach
daher kommt, daß die Natur des Menschen so geschaffen ist? Meiner
Meinung nach ist Christi Liebe zu den Menschen in ihrer Art ein auf
Erden unmögliches Wunder. Nun, er war ein Gott. Wir aber sind keine
Götter. Nehmen wir zum Beispiel an, ich kann tief leiden, aber ein
anderer kann nie erfahren, bis zu welch einem Grade ich leide, denn er
ist eben ein anderer und nicht ich, und außerdem läßt sich der Mensch
nur selten herbei, einen anderen als Leidenden anzuerkennen – ganz als
ob es sich dabei um einen Rang handelte. Warum nun tut er es nur nicht,
was meinst du wohl? Nun, weil ich vielleicht schlecht rieche, weil ich
ein dummes Gesicht habe, oder weil ich ihm einmal auf den Fuß getreten
bin. Und zudem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied:
Gewöhnliches Leiden, das mich erniedrigt, Hunger zum Beispiel, das wird
mein Wohltäter noch gelten lassen, doch ein etwas höheres Leiden, zum
Beispiel für eine Idee, wird er nur in äußerst seltenen Fällen
zugestehen, denn er wird bei meinem Anblick wahrscheinlich sofort
finden, daß mein Gesicht durchaus nicht demjenigen gleicht, welches er
sich in der Phantasie von einem Menschen, der für diese oder jene Idee
leidet, gemacht hat. Und so entzieht er mir denn unverzüglich alle seine
Wohltaten, tut das aber nicht etwa, weil er ein böses Herz hat. Bettler,
namentlich ‚edle‘ Bettler, sollten sich eigentlich nie zeigen und lieber
durch die Zeitungen Almosen bitten. Abstrakt kann man noch den Nächsten
lieben und zuweilen sogar aus der Ferne, in der Nähe aber fast nie. Wenn
alles wie auf der Bühne sich abspielen würde, wie im Ballett, wo die
Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen graziös tanzend um
Almosen bitten, nun, dann kann man noch an ihnen Gefallen finden. An
ihnen Gefallen finden, immerhin, aber nicht sie lieben. – Doch genug
davon. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt erklären ... Ich wollte mit
dir von den Leiden der ganzen Menschheit sprechen, doch es ist besser,
wir begnügen uns mit den Leiden der Kinder allein. Das wird den Umfang
meiner Beweisführung ungefähr um das Zehnfache verringern. Es ist schon
besser, nur von den Kindern zu reden. Für mich ist das natürlich
unvorteilhafter. Aber, erstens, Kinder kann man auch in der Nähe lieben,
sogar schmutzige, sogar häßliche ... Übrigens finde ich, daß kleine
Kinder nie häßlich sind. Und zweitens werde ich schon allein deswegen
nicht über die Großen reden, weil es sich bei ihnen, abgesehen davon,
daß sie abstoßend und der Liebe unwürdig sind, um Vergeltung handelt:
Sie haben den Apfel gegessen und Gut und Böse erkannt und sind ‚wie
Gott‘ geworden. Und auch jetzt noch fahren sie fort, ihn zu essen. Die
Kleinen aber haben noch nichts gegessen und sind vorläufig noch ganz
schuldlos. Liebst du kleine Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie
liebst, und du wirst verstehen, warum ich jetzt nur von ihnen sprechen
will. Wenn auch sie auf Erden unglaublich leiden, so geschieht das
natürlich wegen ihrer Väter; sie werden für ihre Väter, die den Apfel
vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, bestraft. Aber das ist doch
eine Erklärung aus einer anderen Welt, denn hier auf Erden ist sie dem
Menschenherzen unbegreiflich! Ein Unschuldiger kann doch nicht für einen
Schuldigen leiden, und dazu noch solche Unschuldige! Wundere dich über
mich, Aljoscha, auch ich liebe kleine Kinder unsäglich. Überhaupt kannst
du dir merken, daß grausame, leidenschaftliche, sinnliche, kurz –
karamasoffsche Naturen gerade Kinder mitunter ungeheuer lieben können.
Kinder unterscheiden sich, solang sie Kinder sind, also ungefähr bis zum
siebenten Jahr, ganz unglaublich von erwachsenen Menschen, ganz als ob
sie andere Wesen wären, eine ganz andere Natur hätten. Ich kannte einen
Mörder im Gefängnis: Er hatte in seinem Leben ganze Familien in den
Häusern geschlachtet, in die er nachts eingebrochen war, um zu stehlen,
und da hatte er natürlich auch Kinder nicht verschont. Als er aber im
Gefängnis saß, liebte er sie dermaßen, daß diese Liebe allen geradezu
wunderlich schien. Immer stand er am Fenster seiner Zelle und blickte
auf die kleinen Kinder, die im Gefängnishof spielten. Einen kleinen
Knaben hatte er einmal an sein Fenster gelockt und schließlich hatten
sich die beiden rührend angefreundet ... Weißt du noch nicht, wozu ich
das alles sage, Aljoscha? Der Kopf tut mir weh, und ich bin, ich weiß
nicht warum, traurig.“
„Du siehst auch so sonderbar aus und redest so wunderlich,“ bemerkte
Aljoscha, „als ob du geistesabwesend wärst.“
„Bei der Gelegenheit fällt mir ein, was mir vor kurzem ein Bulgare in
Moskau erzählte,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, als hätte er die
Bemerkung des Bruders gar nicht gehört. „Er schilderte, wie die Türken
und Tscherkessen dort allerorten hausen, da sie einen allgemeinen
Aufstand der Slawen befürchten, – das heißt, wie sie brandschatzen,
morden, Frauen und kleine Mädchen vergewaltigen, wie sie die Gefangenen
mit den Ohren an die Zäune nageln, damit sie sie bis zum nächsten
Morgen, an dem sie gehängt werden sollen, nicht zu bewachen brauchen,
und so weiter, – alles kann man kaum erzählen. Man spricht zuweilen von
der ‚tierischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch ist das höchst ungerecht
und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam
sein wie der Mensch, so ausgesucht, so künstlerisch grausam. Ein Tiger
zerreißt und frißt bloß, und das ist schließlich alles, was er versteht.
Es würde ihm niemals einfallen, die Ohren seiner Opfer anzunageln und
diese eine Nacht lang so angenagelt stehen zu lassen, oder sich eine
gleich große Folter, die er mit seinen Mitteln ausführen könnte, zu
ersinnen. Diese Türken haben übrigens mit besonderer Wollust Kinder
gequält, haben sie mit Dolchen aus dem Mutterleibe herausgeschnitten,
haben Säuglinge in Gegenwart der Mütter in die Luft geworfen und mit den
Bajonetten aufgefangen. Daß es vor den Augen der Mütter geschah, war ja
das Hauptvergnügen. Ein kleines Bild hat auf mich am meisten Eindruck
gemacht. Stell dir vor: Ein Säugling auf den Armen seiner zitternden
Mutter, um sie herum die eingedrungenen Türken. Sie haben sich ein
lustiges Späßchen ausgedacht: Sie liebkosen das Kleine, lachen, um es zu
erheitern, was ihnen auch gelingt: der Säugling lacht mit. Da hält ein
Türke seine Pistole vor das Köpfchen des Kleinen. Der Knabe lacht
fröhlich, streckt die Ärmchen dem blanken Ding entgegen, um es zu
erfassen, und plötzlich drückt der Künstler den Hahn ab, ihm gerade ins
Gesicht, und zerschmettert ihm das Köpfchen ... Raffiniert, nicht wahr?
Übrigens sagt man, die Türken liebten Süßigkeiten sehr.“
„Bruder, was soll das, warum redest du davon?“ fragte Aljoscha.
„Ich meine, wenn der Teufel nicht existiert und ihn folglich der Mensch
erdacht hat, so hat er ihn nach seinem Bilde geschaffen.“
„In dem Falle also ebensogut wie Gott.“
„Es ist bewundernswert, wie du die Worte zu verdrehen verstehst, wie
Polonius im _Hamlet_ sagt,“ bemerkte Iwan lachend. „Du hast mich beim
Wort gefangen; meinetwegen, es freut mich. Dann muß ja der Gott auch
danach sein, wenn ihn der Mensch sich zum Bilde, zum Bilde des Menschen
geschaffen hat! Du fragst mich, was das soll? Sieh mal, ich bin ein
Liebhaber und Sammler gewisser Tatsachen und, glaub mir, ich hebe aus
Zeitungen, Büchern, Broschüren oder einerlei woraus eine gewisse Art von
Geschichten auf. Ich habe schon eine ganze Sammlung von solchen
Blättern. Die Türken sind natürlich auch aufgehoben. Doch das sind
immerhin Ausländer, aber ich habe auch heimatliche Geschichten, die
sogar noch besser sind als die türkischen. Weißt du, bei uns gibt es
viel Prügel, viel Ruten- und Peitschenhiebe, und das ist national. Bei
uns sind angenagelte Ohren undenkbar, wir sind doch immerhin Europäer,
aber Ruten und Peitschen sind etwas, das zu uns gehört und uns nicht
genommen werden kann. Im Auslande, scheint es, schlägt man jetzt
überhaupt nicht mehr. Haben sich nun die Sitten dort dermaßen geläutert,
oder haben sich die Gesetze dort so ausgearbeitet, daß der Mensch den
Menschen, wie es scheint, nicht mehr prügeln darf, ich weiß es nicht.
Doch dafür haben sie sich mit etwas anderem entschädigt, etwas
gleichfalls rein Nationalem, das bei uns, sollte man meinen, unmöglich
wäre, obgleich es übrigens auch hier schon Wurzel schlägt, besonders
seit der Zeit, da die religiöse Bewegung in unserer höheren Gesellschaft
begonnen hat. Ich habe eine prächtige kleine Broschüre, eine Übersetzung
aus dem Französischen. Es ist eine Art Bericht darüber, wie in Genf vor
nicht langer Zeit, vor etwa fünf Jahren, ein Räuber und Mörder, namens
Richard, ein, glaube ich, dreiundzwanzigjähriger Bursche, der sich kurz
vor dem Tode zum Christentum bekehrt hatte, hingerichtet wurde. Dieser
Richard war als uneheliches Kind schon mit sechs Jahren von den Eltern
irgendwelchen Schweizer Hirten geschenkt worden, und die hatten ihn
erzogen, um ihn dann später zur Arbeit zu gebrauchen. Er wuchs auf wie
ein wildes kleines Tier, die Hirten ließen ihn nichts lernen, schickten
ihn schon mit sieben Jahren, um die Herde zu hüten, hinaus in die
Feuchtigkeit und Kälte, fast ohne Kleider und ohne Nahrung. Und
natürlich sah niemand von den Hirten etwas Schlechtes darin, oder dachte
jemand darüber nach, oder bereute man etwas, im Gegenteil, alle hielten
sie sich für vollkommen berechtigt, ihn so zu behandeln, denn Richard
war ihnen wie ein Gegenstand geschenkt worden, und sie fanden es nicht
einmal für nötig, ihn zu ernähren. Richard hat selbst ausgesagt, daß er
in jenen Jahren, wie der verlorene Sohn in der biblischen Geschichte,
gern von den Trebern gegessen hätte, die die Schweine fraßen, doch man
gab ihm nicht einmal die zu essen und schlug ihn, wenn er sich etwas
davon stahl. Und so verbrachte er seine Kindheit und Jugend, bis er groß
wurde und stehlen ging. Dieser Wilde begann in Genf als Tagelöhner Geld
zu verdienen, vertrank natürlich alles, lebte wie ein Ungeheuer und
erschlug und beraubte schließlich irgendeinen alten Mann. Er wurde
ergriffen, gerichtet und zum Tode verurteilt. Dort ist man ja nicht
sentimental. Doch siehe, im Gefängnis umringten ihn alsbald Pastoren und
alle Anhänger christlicher Brüderschaften, wohltätige Damen usw. usw.
Ihm wird im Gefängnis das Beten und Schreiben beigebracht, ihm wird das
Evangelium erklärt, ihm wird ins Gewissen geredet, er wird überzeugt,
bedrängt, gepreßt, gedrückt und geknetet, bis er schließlich selbst sein
Verbrechen feierlich eingesteht. Er ist bekehrt, er schreibt an die
Richter, daß er ein Auswurf des Menschengeschlechts sei, und daß der
Herr ihn endlich erleuchtet und gesegnet habe. Ganz Genf gerät in
Wallung, das ganze wohltätige, hochehrsame Genf regt sich auf! Alles,
was sich zu den Höheren und Wohlerzogenen zählt, stürzt hin ins
Gefängnis zu Richard. Er wird geküßt und umarmt: ‚Du bist unser Bruder,‘
heißt es, ‚siehe, der Herr hat dich erleuchtet, die Gnade des Herrn ruht
auf dir!‘ Richard aber weint nur vor Rührung. ‚Ja, ja, die Gnade des
Herrn ruht auf mir! Früher in meiner Kindheit und Jugend freute ich mich
nur auf Schweinefraß, jetzt aber hat mich der Herr erleuchtet, und ich
sterbe im Herrn!‘ – ‚Ja, ja, Richard, stirb im Herrn, du hast Blut
vergossen und mußt dafür im Herrn sterben. Wenn du auch nicht die Schuld
daran trägst, daß du den Herrn früher überhaupt nicht kanntest, damals,
als du die Schweine um das Futter beneidetest, und als man dich dafür
schlug, daß du es von den Schweinen stahlst – was sehr unrecht von dir
war, denn stehlen ist verboten –, aber du hast Blut vergossen und mußt
dafür sterben.‘ Und siehe, der letzte Tag bricht an. Der schwach
gewordene Richard ist in Tränen aufgelöst und wiederholt nur
ununterbrochen: ‚Das ist mein schönster Tag, ich gehe heut ein zum
Herrn!‘ – ‚Ja,‘ singen sofort die Pastoren, Richter und die wohltätigen
Damen, ‚ja, das ist dein glücklichster Tag, denn du gehst ein zum
Herrn!‘ Und alles zieht hin zum Schafott, zu Fuß und in Equipagen, als
Geleit des Schinderkarrens, in dem Richard zum Schafott gefahren wird.
Schließlich kommt man an. ‚Stirb, Bruder,‘ schreit man ihm von allen
Seiten zu, ‚gehe hin in Frieden, stirb im Herrn, denn Sein Segen ruht
auf dir!‘ Und siehe, der von Bruderküssen bedeckte Bruder Richard wird
auf das Schafott geschleppt, sein Kopf wird auf die Guillotine gelegt
und hübsch brüderlich abgekappt – dafür, daß sich der Segen Gottes über
ihn ergossen hatte. Nun, das ist charakteristisch! Diese Broschüre ist
ins Russische von irgendwelchen Aufklärungsbeflissenen aus der höheren
Gesellschaft übersetzt und zur Bildung und Unterweisung des russischen
Volkes mit Tageszeitungen und anderen Blättern und Monatsheften
unentgeltlich versandt worden. Was diese Geschichte von Richard so
bemerkenswert macht, ist das Nationale. Bei uns ginge es nicht gut an,
den Kopf des Bruders bloß deswegen zu fällen, weil er erst jetzt unser
Bruder geworden ist, und weil der Segen Gottes sich über ihn ergossen
hat. Doch dafür haben wir etwas anderes, das jenem kaum nachsteht. Bei
uns gibt es die historische, unmittelbarste und einfachste Strafe durch
Hiebe. In der Tat, das Peitschen scheint vielen von uns ein Vergnügen zu
sein. Nekrassoff erzählt in einem seiner Gedichte, wie ein Bauer sein
Pferd mit der Peitsche auf die Augen schlägt, ‚auf die frommen Augen‘.
Nun, wer hat das nicht gesehen, das ist doch echt russisch. Er
beschreibt, wie das schwache Tier, dessen überladene Fuhre im grundlosen
Wege stecken geblieben ist, anzieht und anzieht und doch nicht weiter
kann. Der Bauer peitscht es, peitscht es, ohne zu wissen, was er tut.
Unbarmherzig, trunken vom Prügeln, peitscht er immer weiter: ‚Und wenn
du auch krepierst, aber zieh, zieh’s heraus!‘ Das Pferd zieht und zieht,
und da fängt er an, das arme schutzlose Tier auf die weinenden, die
‚frommen Augen‘ zu schlagen. Außer sich zog das Tier und zog die Fuhre
heraus, zitternd, ohne zu atmen, irgendwie seitwärts und fast springend,
ganz unnatürlich und schimpflich, – Nekrassoff hat es geradezu grausam
geschildert. Und das ist doch schließlich nur ein Pferd, und Pferde hat
Gott zum Prügeln gegeben. So wenigstens haben es uns die Tataren
erklärt, und zum Andenken haben sie uns dann die Knute geschenkt. Aber
man kann doch auch Menschen peitschen. Und da prügelt nun ein
intelligenter gebildeter Herr mit dem Einverständnis seiner Madame sein
eigenes Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, prügelt es mit Ruten, –
ich habe mir alles ausführlich notiert: Der liebe Papa freut sich, daß
die Ruten spitze Enden haben: ‚Werden schärfer ziehen,‘ sagt er, und so
beginnt er denn, sein Töchterchen zu prügeln. Ich weiß, es gibt viele
Leute, die beim Prügeln mit jedem Schlage immer mehr in Eifer geraten,
denen das Schlagen schließlich zum Genuß, zur Wollust wird. Sie schlagen
eine Minute lang, schlagen fünf Minuten, zehn Minuten lang, je länger
desto stärker, desto wütender, desto schmerzhafter. Das Kind schreit,
bis es nicht mehr schreien kann, es keucht nur noch: ‚Papa, Papa!‘ Und
diese Geschichte war nun durch irgendeinen teuflisch unanständigen
Zufall vor Gericht gekommen. Es wird ein Verteidiger angenommen. Unser
Volk hat nicht umsonst den Advokaten ein ‚gemietetes Gewissen‘ benannt.
Der Verteidiger schreit zur Rechtfertigung seines Klienten: ‚Herrgott,
was ist das doch für eine gewöhnliche, in jeder Familie täglich
vorkommende Geschichte: Der Vater hat seine Tochter bestraft! Und so
etwas bringt man heutzutage, zur Schmach unserer Zeit, vors Gericht!‘
Die Geschworenen ziehen sich zurück und beschließen die Freisprechung
des Angeklagten. Das Publikum gröhlt vor Freude darüber, daß man einen
Peiniger freigesprochen hat. – Ach, schade, daß ich nicht zugegen war,
ich hätte sofort vorgeschlagen, zu Ehren dieses Vaters ein Stipendium
auf seinen Namen zu stiften! ... Ja, diese kleinen Bilder sind ganz
vorzüglich. Doch von Kindern habe ich noch bessere Geschichten, habe
sehr viel solcher Geschichten von kleinen Märtyrern, Aljoscha. Zum
Beispiel: Ein kleines fünfjähriges Mädchen wird seinen Eltern plötzlich
verhaßt. Es sind ‚ehrenwerte, gebildete und wohlerzogene Leute vom
Beamtenstande‘. Sieh, ich behaupte nochmals positiv, daß sie eine
besondere Eigenschaft vieler Menschen ist, diese Vorliebe für das
Foltern kleiner Kinder: gerade daß es Kinder sind, ist für sie die
Hauptsache. Zu allen anderen Subjekten der Menschheit verhalten sie sich
wohlwollend und freundlich, wie alle gebildeten und humanen Europäer,
doch Kinder zu quälen lieben sie ganz ungemein, und aus diesem Grunde
lieben sie auch die Kinder. Hier ist es wohl gerade die Schutzlosigkeit
dieser kleinen Geschöpfe, die sie fasziniert, diese engelgleiche
Zutraulichkeit des Kindes, das nicht fortlaufen kann und niemanden hat,
an den es sich klammern könnte, – das ist es gerade, was das böse Blut
des Peinigers erhitzt. Versteht sich, in jedem Menschen verbirgt sich
das Tier, – im Zorn, in der wollüstigen Erregung durch die Schreie des
gefolterten Opfers, in der sinnlosen Wut, in der Reizbarkeit der durch
eigene Verderbnis zugezogenen Krankheiten, wie Podagra, Leberleiden und
so weiter. Diesem armen fünfjährigen Mädchen wurden von seinen
‚gebildeten‘ Eltern die verschiedensten Foltern zugedacht. Die Kleine
wurde geschlagen, geprügelt, mit den Füßen gestoßen, – kurz, ohne selbst
zu wissen weswegen, bedeckten diese Eltern den Körper ihres Kindes mit
blauen Flecken. Zuletzt gelangten sie noch zu einer höheren Art von
Folter: Sie schlossen das arme kleine Ding für die ganze Nacht in den
kalten Abtritt ein, weil, wie sie sagten, die Kleine in der Nacht nicht
gebeten habe, sie aufs Töpfchen zu setzen – als ob ein fünfjähriges
kleines Wesen in seinem festen Kinderschlaf davon erwachen könnte! Und
dafür haben sie ihm das Gesicht mit Kot beschmiert und es gezwungen,
diesen Kot zu essen, ja, dazu hat die Mutter, versteh mich recht, die
Mutter ihr Kind gezwungen! Und diese Mutter hat schlafen können, während
ihr Kindchen an dem kalten, gemeinen Ort war und weinte! Verstehst du
das, Aljoscha, wenn das kleine Wesen, das noch nicht begreifen kann, was
mit ihm geschieht, dort im Örtchen in Dunkelheit und Kälte hockt und
sich mit seinem kleinen, kleinen Fäustchen an seine schluchzende, magere
kleine Kinderbrust schlägt und mit unschuldigen, frommen Tränen zu
seinem ‚lieben Gottchen‘ betet, damit er es beschütze, – verstehst du
das, Aljoscha, du mein Freund und Bruder und demütiger Gottesdiener, der
du bist – begreifst du, wozu diese Sinnlosigkeit nötig und geschaffen
ist? Ohne sie, sagt man, könnte der Mensch auf der Welt nicht leben,
denn ohne sie würde er nie Gut und Böse erkannt haben. Aber wozu dieses
Teufels Gut und Böse erkennen, wenn das so viel kostet? Ist doch dann
die ganze Erkenntniswelt nicht diese Kindertränen zum ‚lieben Gottchen‘
wert. Ich rede nicht von den Leiden der Großen. Die haben den Apfel vom
Baume der Erkenntnis gegessen und – zum Teufel mit ihnen, aber die
Kinder, die Kinder! Quäle ich dich, Aljoschka? Du bist ja ganz
geistesabwesend, wie es scheint. Ich werde aufhören, wenn du willst.“
„Tut nichts, ich will mich gleichfalls quälen,“ murmelte Aljoscha.
„Nur eines noch, nur noch ein einziges Bild! Es ist gar zu
charakteristisch, und ich habe es erst vor ganz kurzer Zeit gelesen in
einer der beiden großen Sammlungen, im ‚Archiv‘ oder im ‚Altertum‘
glaube ich, ich weiß es nicht mehr genau, – ich muß nachschlagen, habe
vergessen, wo es war. Es datiert aus der Zeit der strengsten
Leibeigenschaft, noch zu Anfang des Jahrhunderts. Ach, Heil unserem
Zar-Befreier! – Es lebte damals zu Anfang des Jahrhunderts ein General,
ein General mit guten Verbindungen, ein steinreicher Gutsbesitzer, doch
einer von jenen Leuten – die allerdings auch damals bereits selten
geworden waren –, die, wenn sie sich aus dem Dienst zurückzogen, fast
überzeugt waren, sich das Recht über Leben und Tod ihrer Leibeigenen
verdient zu haben. Solche gab es damals. Also dieser General lebt auf
seinem Gute mit etwa zweitausend leibeigenen Seelen, lebt natürlich
pompös, trätiert seine ärmeren Gutsnachbarn wie seine Freischlucker und
Hofnarren. Seine Meute besteht aus Hunderten von Hunden, und die Zahl
der Rüdenknechte ist nicht viel geringer als hundert, alle sind sie
uniformiert und beritten. Und siehe, eines Tages verletzt ein kleiner,
kaum achtjähriger Junge beim Spielen den Fuß des Lieblingsjagdhundes
seiner Exzellenz. ‚Warum lahmt denn plötzlich mein Lieblingshund?‘
erkundigt sich der General. Es wird ihm berichtet, daß, nun, so und so,
dieser Knabe den Hund mit einem Stein am Fuß getroffen habe. ‚Ah, also
der ist es,‘ sagt der General mit einem entsprechenden Blick auf den
Knaben. ‚Nehmt ihn.‘ Man nahm ihn, nahm ihn von der Mutter fort und
steckte ihn in die Arrestkammer. Am nächsten Morgen ritt der General mit
allem Drum und Dran zur Jagd, alle Gäste um ihn herum, Rüdenwärter und
Piköre, Jägermeister, alle beritten und in Livree, und die Hunde
gekoppelt. Das ganze Hofgesinde war versammelt, und vorn vor allen
anderen steht die Mutter des schuldigen Knaben. Da wird der Knabe aus
der Arrestkammer gebracht. Es ist ein trüber, kalter, nebliger
Herbsttag, wie geschaffen zur Jagd. Der General befiehlt, den Knaben zu
entkleiden; der Kleine wird bis auf die Haut entkleidet, er zittert, ist
fast ganz bewußtlos vor Angst, wagt kaum zu atmen ... ‚Hetzt ihn!‘
kommandiert plötzlich der General, und ‚lauf, lauf!‘ schreien dem
Kleinen die Piköre zu, – der Knabe läuft ... ‚Packt ihn!‘ brüllt der
General und hetzt auf den kleinen laufenden Knaben seine ganze wilde
Hundeschar. Vor den Augen der Mutter hetzte er das Kind zu Tode, und die
Hunde zerrissen es in Stücke! ... Der General wurde, glaub ich, unter
Kuratel gestellt ... Nun, was hätte man wohl anders mit ihm tun sollen?
Erschießen? Zur Befriedigung des sittlichen Gefühls erschießen? Sag
doch, Aljoschka!“
„Ja, erschießen!“ sagte Aljoscha leise, mit einem blassen, gleichsam
verzerrten Lächeln, den Blick zum Blick des Bruders erhebend.
„Bravo!“ rief Iwan triumphierend, als ob ihn die Antwort geradezu
entzückt hätte, „wenn schon du es sagst, dann muß es auch so richtig
sein! ... Ach, du Asket! Da sieh doch einer, was für ein kleiner Teufel
in deinem Herzen sitzt, Aljoscha Karamasoff!“
„Ich habe eine Dummheit gesagt, aber ...“
„Das ist es ja, daß darauf ein ‚aber‘ folgt!“ fiel ihm Iwan lebhaft ins
Wort. „Weißt du auch, du kleiner Knabe, daß die Dummheiten auf Erden nur
allzu nötig sind? Auf Unsinn beruht die Welt, und ohne ihn würde auf ihr
vielleicht überhaupt nichts geschehen. Ich weiß, was ich weiß!“
„Was weißt du?“
„Ich begreife nichts,“ fuhr Iwan wie im Fieber fort, – es war, als ob er
irre redete – „und ich will jetzt auch nichts begreifen. Ich will bei
der Tatsache bleiben. Ich habe schon längst beschlossen, _nicht_
begreifen zu wollen. Sobald ich etwas begreifen will, entstelle ich
sofort die Tatsachen, jetzt aber will ich bei der Tatsache bleiben.“
„Warum quälst du mich so?“ stieß Aljoscha plötzlich klagend hervor, –
„wirst du es mir denn nicht endlich sagen?“
„Natürlich werde ich es dir sagen; deswegen habe ich doch alles das
erzählt, um es dir sagen zu können. Teuer bist du mir, Alexei, ich gönne
dich niemandem, ich kämpfe um dich, ich trete dich nicht deinem Sossima
ab!“
Iwan schwieg eine Zeitlang, und sein Gesicht ward über die Maßen
traurig.
„Höre mich an: Ich habe nur die kleinen Kinder genommen, damit es
augenscheinlicher sei. Von den übrigen Tränen der Menschen, mit denen
die Erde von ihrer Kruste bis zum Mittelpunkt der Achse durchtränkt ist,
will ich weiter kein Wort reden, ich habe das Thema absichtlich
beschränkt. Ich bin, sagen wir, eine Wanze und gestehe mit meiner ganzen
Erniedrigung ein, daß ich nicht begreifen kann, wozu alles so
eingerichtet ist. Die Menschen tragen, wie sich erweist, selbst an allem
die Schuld: Ihnen ward das Paradies gegeben, sie aber wollten Freiheit
und raubten das Feuer vom Himmel, obgleich sie wußten, daß sie dadurch
unglücklich würden. Also ist kein Grund vorhanden, sie zu bemitleiden.
O, nach meinem armseligen, irdischen, euklidischen Verstande weiß ich
nur das eine, daß es Leiden gibt, Schuldige aber nicht, daß sich bei
allem eines aus dem anderen gerade und einfach ergibt, daß alles fließt
und sich aufwägt, – aber das ist nur eine euklidische Ente, das weiß ich
doch, und ich kann doch nicht einwilligen, danach zu leben! Was habe ich
davon, daß keine Schuldigen vorhanden sind, und daß sich alles gerade
und einfach eines aus dem anderen ergibt, und daß ich das weiß! Ich
brauche Vergeltung oder ich vernichte mich!! Und die Vergeltung nicht
irgendwo und irgendwann in der Unendlichkeit, sondern noch hier auf
Erden, so daß ich sie selbst sehen kann. Ich habe geglaubt, also will
ich auch mit eigenen Augen sehen, und wenn ich zu der Stunde schon tot
bin, so soll man mich auferstehen lassen – denn es wäre doch, wenn alles
ohne mich geschehen sollte, gar zu kränkend für mich. Will ich doch
nicht dazu gelitten haben, um mit meinen Verbrechen und meinen Leiden
für irgendeinen Anderen die zukünftige Harmonie zu düngen. Ich will mit
meinen Augen sehen, wie das Reh arglos neben dem Löwen ruht, und wie der
Ermordete aufsteht und seinen Mörder umarmt. Ich will dabei sein, wenn
alle plötzlich erfahren, warum und wozu alles so gewesen ist. Auf diesem
Wunsch beruhen alle Religionen der Erde. Ich aber glaube. Doch da sind
nun die kleinen Kinder, was soll ich mit ihnen anfangen? Das ist eine
Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Zum hundertstenmal sage ich
dir: Solcher Fragen gibt es in Unmenge, doch ich habe nur die Kinder
allein genommen, denn hierbei ist das, was ich zu sagen habe,
unwiderlegbar klar. Höre mich: Wenn alle leiden müssen, um damit die
ewige Harmonie zu erkaufen, so sag mir doch bitte, was das mit den
kleinen Kindern zu tun hat? Es bleibt unbegreiflich, warum auch sie
leiden müssen, und warum auch sie durch Leiden die Harmonie erkaufen
sollen. Warum sind auch sie zu Material gemacht, um für irgend jemanden
die zukünftige Harmonie zu düngen? Die Solidarität der Menschen in der
Sünde begreife ich sehr wohl, ich begreife auch die Solidarität in der
Vergeltung – aber doch nicht mit kleinen Kindern Solidarität in der
Sünde! Und wenn die Wahrheit wirklich darin besteht, daß sie mit ihren
Vätern in allen Verbrechen derselben solidarisch sind, so ist diese
Wahrheit, versteht sich, nicht von dieser Welt und ist für mich
unbegreiflich. Manch ein Spaßvogel wird wohl sagen, daß es schließlich
auf dasselbe hinauskäme: das Kind werde groß und hätte dann selbst
übergenug Zeit zum Sündigen. Aber dieser kleine Knabe wurde doch schon
im achten Lebensjahre von Hunden zerrissen ... O, Aljoscha, ich will
nicht lästern! Ich begreife doch, wie groß die Erschütterung des
Weltalls sein wird, wenn alles im Himmel, auf der Erde und unter der
Erde in einen einzigen Lobgesang zusammenfließt, wenn alles, was lebt,
und was gelebt hat, ausruft: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn offenbar
sind jetzt deine Wege!‘ Wenn selbst die Mutter den Peiniger, der ihren
Sohn von Hunden hat zerreißen lassen, umarmt und alle drei mit Tränen
singen: ‚Gerecht bist du, o Herr,‘ – dann, ja dann ist die Krone alles
Wissens und Erkennens erworben, dann wird alles seine Erklärung finden.
Hier aber ist nun für mich der Haken, denn gerade das ist es, was ich
nicht annehmen kann. Und daher beeile ich mich, solange ich noch auf
Erden bin, meine Maßregeln zu ergreifen. Denn sieh, Aljoscha, es ist
doch möglich, daß ich, wenn ich diesen Augenblick noch erlebe oder von
den Toten auferweckt werde, um das alles zu sehen, – daß auch ich dann
beim Anblick der Mutter, die den Peiniger ihres Sohnes umarmt, mit allen
anderen zusammen ausrufe: ‚Gerecht bist du, o Herr!‘ Ich aber will das
nicht ausrufen. Und darum beeile ich mich, solange es noch Zeit ist,
Maßregeln zu ergreifen, und darum danke ich von vornherein für jede
höhere Harmonie. Ist sie doch keine einzige Träne jenes gequälten
kleinen Kindes wert, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust
geschlagen und zu seinem ‚lieben Gottchen‘ gebetet hat. Sie ist es nicht
wert, denn diese Kindertränen sind unausgelöscht geblieben. Sie aber
müssen ausgelöscht werden, oder sonst gibt es keine Harmonie. Aber
womit, womit kannst du sie auslöschen? Ist das überhaupt möglich? Was
tut es schließlich, daß sie gerächt werden? Was tue ich mit der Rache,
wozu nützen mir die Höllenqualen der Peiniger, was kann die Hölle
hierbei wieder gutmachen, wenn das Kind schon zu Tode gequält ist? Und
wo bleibt dann die Harmonie, wenn es noch eine Hölle gibt? Ich will
verzeihen und umarmen und will nicht, daß noch gelitten wird. Und wenn
die Leiden der Kinder zur Ergänzung jener Summe von Leid, die zum Kauf
der Wahrheit erforderlich ist, hinzugerechnet werden müssen, so behaupte
ich im voraus, daß die Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Ich will
nicht, daß die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarmt! Wie darf sie es
wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben – mag
sie ihm ihr unermeßliches Mutterleid und alle ihre Schmerzen verzeihen:
doch die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht
verzeihen, dazu hat sie kein Recht, und wenn auch ihr Kind selbst dem
Peiniger vergibt! Wenn das aber so ist, wenn man nicht verzeihen darf,
wo ist dann die Harmonie? Gibt es in der ganzen Welt ein Wesen, das
verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine
Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Lieber bleibe ich bei
ungerächten Leiden. Lieber bleibe ich bei meinem ungerächten Leiden und
in meinem heiligen unstillbaren Zorn, _selbst wenn ich nicht im Recht
wäre_. Ist doch diese Harmonie gar zu teuer eingeschätzt! Wenigstens
erlaubt es mein Beutel nicht, so viel für den – Eintritt zu zahlen.
Darum aber beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzustellen. Und
wenn ich ein Mann von Ehre bin, so ist es meine Pflicht, dies sobald als
möglich zu tun. So tue ich es denn auch. Nicht Gott ist es, den ich
ablehne, Aljoscha, ich schicke ihm nur die Eintrittskarte ergebenst
zurück.“
„Das ist Empörung,“ sagte Aljoscha leise mit gesenktem Blick.
„Empörung? Dieses Wort wünschte ich nicht von dir zu hören,“ sagte Iwan
empfindsam mit tiefem Blick auf den Bruder. „Kann man denn in der
Empörung leben? Ich aber will leben. Sage mir offen, ich rufe dich an,
antworte: Nehmen wir an, du selbst solltest das Gebäude des
Menschenschicksals errichten mit dem Ziel, zum Schluß alle Menschen zu
beglücken, ihnen endlich Ruhe und Frieden zu geben, doch zu dem Zweck
stünde dir unvermeidlich bevor, und wär’s auch nur ein einziges kleines
Wesen zu Tode zu quälen, sagen wir, dasselbe kleine Kind, das sich mit
der kleinen Faust an die kleine Brust schlug – auf dessen ungerächten
Tränen solltest du dieses Gebäude errichten, – würdest du es übernehmen,
unter dieser Bedingung der Baumeister des großen Gebäudes zu sein? Sage
es mir und lüge nicht!“
„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise.
„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen
werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu
Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein
können?“
„Nein, das kann ich nicht glauben ... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha
plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der
ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte,
zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben,
allen und _für alles_, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für
alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich
das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o
Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“
„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich
habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze
Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das
erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen ...
Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst
–: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du
noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir
vielleicht erzählen.“
„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“