glaubte er es nicht mehr. Außerdem hatte ihm noch immer aus irgendeinem,
ihm selbst unerklärlichen Grunde geschienen, daß sie solch einen
Menschen wie Iwan überhaupt nicht lieben könnte, daß sie vielmehr gerade
seinen Bruder Dmitrij lieben müsse, gerade diesen, und zwar mit allen
seinen Fehlern, gerade so, wie er war, trotz der ganzen
Ungeheuerlichkeit solch einer Liebe. Doch nach der Szene mit Gruschenka
hatte es ihm plötzlich anders geschienen. Die Bemerkung Frau
Chochlakoffs: „sie vergewaltigt sich“, hatte ihn fast zusammenzucken
gemacht, denn genau dasselbe hatte auch er sich in der Nacht, als er
aufgewacht war – wahrscheinlich auf einen unbewußten Traum hin – gesagt:
„Sie vergewaltigt sich, sie vergewaltigt sich ja!“ Geträumt aber hatte
ihm die ganze Nacht hindurch von jener Szene bei Katerina Iwanowna. Und
die offen und bestimmt ausgesprochene Behauptung Frau Chochlakoffs,
Katerina Iwanowna liebe seinen Bruder Iwan, „vergewaltige“ sich aber
absichtlich aus Laune oder aus sonst einem unerklärlichen Grunde und
betrüge und quäle sich selbst mit ihrer Liebe zu Dmitrij, die sie aus
Dankbarkeit für ihn empfinden wolle – diese plötzliche Behauptung hatte
Aljoscha stutzig gemacht. „Vielleicht liegt in diesen Worten wirklich
die ganze Wahrheit,“ dachte er. Aber in welch einer Lage befand sich
dann sein Bruder Iwan? Aljoscha fühlte gewissermaßen instinktiv, daß ein
Charakter wie Katerina Iwanowna herrschen wollte, herrschen aber konnte
sie nur über einen Menschen wie Dmitrij, niemals aber über einen
Menschen wie Iwan. Denn nur Dmitrij konnte sich ihr ergeben (wenn auch
erst nach langer Zeit), was Aljoscha ihm sogar „zu seinem eigenen
Glücke“ wünschte; bei Iwan dagegen war das ganz ausgeschlossen: der
konnte sich nicht ergeben, und dem würde solch eine Unterwerfung auch
kein Glück bringen. Diese Auffassung von Iwan hatte sich ganz
unfreiwillig in Aljoscha entwickelt. Und nun, als er in den Salon
eintrat, flogen ihm in einem Augenblick wieder alle diese Zweifel und
Bedenken und Gedanken durch den Sinn. Es tauchte in ihm auch noch ein
anderer Gedanke auf: „Wie aber, wenn sie keinen von beiden liebt, weder
den einen noch den anderen?“ Doch Aljoscha schämte sich seiner Gedanken
und hatte sich ihretwegen jedesmal Vorwürfe gemacht, wenn sie ihm im
letzten Monat wieder und wieder gekommen waren. „Was verstehe ich denn
von Liebe und von Frauen, und wie kann ich nur solche Schlüsse ziehen,“
sagte er sich vorwurfsvoll, wenn er wieder Ähnliches gedacht hatte. Und
doch war es unmöglich, nicht daran zu denken. So erriet er denn
gleichfalls instinktiv, daß diese Nebenbuhlerschaft im Schicksal seiner
beiden Brüder eine der wichtigsten Fragen war, von der vieles abhing.
„Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen,“ hatte Iwan
am Tage vorher in der Gereiztheit vom Vater und vom Bruder Dmitrij
gesagt. Also war Dmitrij in seinen Augen ein Geschmeiß, und das
vielleicht schon lange? Oder sollte er es nicht erst seit dem Augenblick
geworden sein, da Iwan Katerina Iwanowna kennen gelernt hatte? Diese
Worte waren ihm natürlich halb aus Versehen entschlüpft, doch um so
bedeutungsvoller waren sie dann, wenn er sie vielleicht gegen seinen
Willen laut ausgesprochen hatte. Wenn das aber wirklich so war, wie
konnte man dann auf eine friedliche Lösung hoffen? Gab es dann nicht
noch neue Ursachen zu Haß und Feindschaft in ihrer Familie? Und vor
allen Dingen, wen sollte er, Aljoscha, dann bedauern, und was einem
jeden von ihnen wünschen? Er hatte sie beide lieb; doch was sollte er
ihnen inmitten so furchtbarer Widersprüche raten? In diesem Labyrinth
konnte man sich ja noch ganz und gar verlieren! Aljoschas Herz aber
konnte die Ungewißheit nicht ertragen, denn seine Liebe wollte immer
gleich aktiv eingreifen. Passiv zu lieben, verstand er nicht: hatte er
etwas liebgewonnen, so wollte er auch sofort helfen. Um aber hier zu
helfen, mußte er zuerst die Wahrheit wissen, mußte er ein festes Ziel
vor sich sehen; doch statt dessen sah er nur Unklarheit und Irrwege.
„Vergewaltigungen der eigenen Person und ein Vergewaltigenwollen des
Schicksals“ – das war es! Doch was konnte er davon verstehen? Verstand
er doch nicht einmal das erste Wort in diesem ganzen Durcheinander!
Als Katerina Iwanowna Aljoscha erblickte, sagte sie hastig und freudig
zu Iwan Fedorowitsch, der sich schon erhoben hatte, um fortzugehen:
„Ach, noch einen Augenblick! Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick.
Ich will vorher noch die Meinung desjenigen hören, zu dem ich von ganzem
Herzen das größte Zutrauen habe. Und Katerina Ossipowna, auch Sie möchte
ich bitten, nicht fortzugehen,“ sagte sie zu Frau Chochlakoff. Sie hieß
Aljoscha neben sich Platz nehmen. Frau Chochlakoff setzte sich ihr
gegenüber neben Iwan Fedorowitsch.
„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“
begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und
Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie,
Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren
Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan
Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern
von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn
sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle,
dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich
wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich
ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das
sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.)
„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit
nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei
Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich _ihn_ jetzt liebe. Er tut
mir jetzt _leid_; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn
ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er
mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn
wahrscheinlich hassen ...“
Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr
innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht
lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“
„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina
Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig.
„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste
habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was
ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß
vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon
im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern
werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund
Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der
Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer
Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“
„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan
Fedorowitsch.
„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei
Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß
auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart
meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das
instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn
Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort
und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im
voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen,
Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und
mich ergeben – das fühle ich im voraus!“
„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich
weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück
wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen
Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen.
„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die
Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist
etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die
Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich
übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei
Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er
jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich
niemals, niemals verzeihen kann, so werde _ich ihn doch nicht
verlassen_! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“
sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast
müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm
überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen
drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt
ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein
ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener
unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er
zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ...
natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich
endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist,
die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde
es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und
mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer
sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das
ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn
erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich
ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal
gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten
hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück
verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen –
in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze
Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben
lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und
stimmt mir in allem vollkommen bei.“
Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger,
geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn
gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche
Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das
Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr
Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut.
Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und
da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu.
„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder
anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das
nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig,
und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll;
ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und
darum sind Sie auch im Recht ...“
„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch
nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach
plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war,
sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und
sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte.
„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob
er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden
war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre
das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute
andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr
ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist
für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung
ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen.
Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung
und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des
eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern,
und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in
ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten
stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber
verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken
daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem
übrigen aussöhnen ...“
Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade
so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen,
d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte.
„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff.
„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will
wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach
plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz.
„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der
Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden,
wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ...
Sie beide werden mich nie verlassen.“
„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf
lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“
sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch.
„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte
sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief
sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme,
und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht,
so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen
Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine
Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle
des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das
vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein
zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich
sehr gefreut hätte.
„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte
ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit
freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie,
kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu
unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich
plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und
drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt
persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses
ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können,
Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender –
so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht
vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß
es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ...
denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ...
Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie
werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut!
Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch.
Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den
Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins
andere Zimmer zu gehen.
„Aber Aljoscha! Aber die Meinung Alexei Fedorowitschs, die Sie so gern
erfahren wollten?“ rief Frau Chochlakoff, sie aufhaltend. Etwas Böses
und Feindseliges klang durch ihre Worte.
„Das habe ich auch nicht vergessen,“ – Katerina Iwanowna blieb sofort
stehen – „aber warum sind Sie heute so feindselig zu mir, Katerina
Ossipowna?“ fragte sie mit bitterem, heißem Vorwurf. „Was ich gesagt
habe, das tue ich auch. Ich brauche unbedingt seine Meinung, ja, ich
bedarf sogar seines Urteils! So wie er sagt, wird es auch sein – sehen
Sie, wie sehr mich im Gegenteil nach Ihren Worten verlangt, Alexei
Fedorowitsch ... Aber, was haben Sie?“
„Das hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten!“ sagte Aljoscha
traurig, doch sehr erregt.
„Was, was nicht gedacht?“
„Er fährt nach Moskau, Sie aber sagen, das freue Sie – das haben Sie
absichtlich ausgerufen! Darauf aber begannen Sie sofort zu erklären, daß
Sie sich nicht darüber freuten, sondern es bedauerten, daß ... Sie einen
Freund verlieren, – aber auch das haben Sie absichtlich so vorgespielt
... wie im Theater, in der Komödie vorgespielt! ...“
„Was? ... Im Theater? ... Was sagen Sie?“ fragte Katerina Iwanowna
maßlos verwundert; sie erglühte plötzlich und zog die Brauen zusammen.
„Aber wie sehr Sie ihm auch versichern, daß Sie den Freund in ihm
vermissen werden, Sie behaupten ihm doch offen ins Gesicht, daß das
Glück darin bestehe, daß er fortfährt ...“ sagte ganz atemlos Aljoscha.
„Wovon reden Sie, ich weiß nicht ...“
„Ich weiß es selbst auch nicht ... Es ist plötzlich wie eine Erleuchtung
über mich gekommen ... Ich weiß, daß ich das nicht gut ausdrücke, aber
ich werde trotzdem alles sagen,“ fuhr Aljoscha mit zitternder und halb
versagender Stimme fort. „Meine Erleuchtung besteht darin: Ich sehe, daß
Sie meinen Bruder Dmitrij vielleicht überhaupt nicht lieben ... von
Anfang an nicht ... und auch Dmitrij Sie vielleicht überhaupt nicht
liebt ... von Anfang an überhaupt nicht ... und Sie nur sehr achtet ...
Ich, wirklich, ich weiß nicht, wie ich wage, das alles zu sagen, aber
irgend jemand muß doch die Wahrheit sagen ... denn hier will es ja
niemand tun.“
„Was für eine Wahrheit?“ rief Katerina Iwanowna, und Zorn klang durch
ihre Stimme.
„Diese Wahrheit,“ stotterte Aljoscha atemlos, „lassen Sie sofort Dmitrij
herrufen – ich werde ihn schon finden –, und mag er dann herkommen, Sie
an der Hand nehmen, darauf Iwans Hand erfassen und ihre beiden Hände
vereinigen. Denn Sie quälen Iwan nur darum, weil Sie ihn lieben ... und
quälen ihn, weil Sie Dmitrij zu lieben glauben ... ihn aber nicht
wirklich lieben ... Sie haben es sich nur so eingeredet ...“
Aljoscha stockte und verstummte.
„Sie ... Sie ... Sie kleiner Schwachsinniger!“ stieß Katerina Iwanowna
bleich und mit zuckenden Lippen hervor. Iwan Fedorowitsch lachte
plötzlich laut auf und erhob sich. Seinen Hut hatte er schon in der
Hand.
„Du täuschst dich, mein guter Aljoscha,“ sagte er mit einem
Gesichtsausdruck, den Aljoscha noch nie an ihm gesehen hatte, – mit dem
Ausdruck einer echt jugendlichen Herzlichkeit und eines starken,
unbezwingbar aufrichtigen Gefühls, „niemals hat Katerina Iwanowna mich
geliebt! Die ganze Zeit über hat sie gewußt, daß ich sie liebe, obgleich
ich ihr kein einziges Mal ein Wort von meiner Liebe gesagt habe – sie
hat es gewußt, hat aber nie mich geliebt. Ihr Freund bin ich gleichfalls
nie gewesen, nicht einen einzigen Tag lang: das stolze Weib bedurfte
meiner Freundschaft nicht. Sie wollte mich bei sich haben, um sich
ununterbrochen rächen zu können. Sie rächte sich an mir für alle
Beleidigungen, die sie ununterbrochen, an jedem Tage dieser ganzen Zeit
durch Dmitrij erfuhr, Beleidigungen von ihrer ersten Begegnung an; denn
auch ihre erste Begegnung mit ihm ist in ihrem Herzen als Beleidigung
zurückgeblieben. Ja, so ist ihr Herz. Diese ganze Zeit habe ich nur ihr
zugehört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm gesprochen hat. Jetzt fahre ich
fort, doch lassen Sie es sich gesagt sein, gnädiges Fräulein, daß Sie
wirklich nur ihn allein lieben. Und je mehr er Sie kränken wird, desto
mehr werden Sie ihn lieben. Das ist Ihre ganze Selbstvergewaltigung. Sie
lieben ihn geradeso, wie er ist, als Ihren Beleidiger lieben Sie ihn.
Wenn er sich bessern würde, so würden Sie ihn verlassen, und Sie würden
sofort aufhören, ihn zu lieben. Jetzt aber bedürfen Sie seiner, um
ununterbrochen an Ihre große Treue denken zu können und ihm seine
Untreue vorzuwerfen. Alles das kommt nur von Ihrem Stolz. O, hierbei ist
natürlich auch viel Unterwürfigkeit und Selbsterniedrigung, doch tun Sie
es trotzdem nur aus Stolz ... Ich bin noch zu jung und habe Sie gar zu
leidenschaftlich geliebt. Ich weiß, daß ich Ihnen das nicht zu sagen
brauchte, es wäre meinerseits stolzer und würdiger, Sie einfach so zu
verlassen; und es wäre auch nicht so kränkend für Sie. Aber ich fahre ja
weit fort und werde niemals mehr wiederkehren. Ich gehe doch auf ewig
... Ich will nicht neben einer sich selbst Vergewaltigenden leben ...
Übrigens verstehe auch ich mich nicht mehr auszudrücken ... Leben Sie
wohl, Katerina Iwanowna, Sie haben kein Recht, sich über mich zu ärgern,
denn ich bin hundertmal mehr bestraft als Sie: bestraft schon allein
dadurch, daß ich Sie nie mehr sehen werde. Deshalb nochmals: leben Sie
wohl. Ich bedarf Ihres Händedrucks nicht. Sie haben mich viel zu bewußt
gequält, als daß ich Ihnen jetzt verzeihen könnte. Später werde ich
verzeihen, doch jetzt brauchen Sie mir Ihre Hand nicht zu geben ... Den
Dank, Dame, begehr ich nicht,“ fügte er plötzlich mit einem erzwungenen
Lächeln hinzu und zeigte somit ganz unerwarteterweise, daß auch er
Schiller so gelesen hatte, daß er ihn auswendig behalten, was Aljoscha
früher nie geglaubt hätte. Iwan verließ das Zimmer, ohne sich selbst von
Frau Chochlakoff, der Hausfrau, zu verabschieden. Aljoscha wollte ihm
nachstürzen.
„Iwan!“ rief er ganz verloren seinem Bruder nach, „Iwan, komm zurück!
Ach, jetzt wird er ja um keinen Preis mehr zurückkehren!“ rief er in
verzweiflungsvoller Erkenntnis. „Aber das ist meine Schuld, ich habe es
dazu gebracht! Iwan sprach boshaft, er sprach erregt, ungerecht und böse
... Er muß wieder herkommen, er muß zurückkommen, er muß! ...“
versicherte Aljoscha immer noch wie ein Halbwahnsinniger.
Katerina Iwanowna ging plötzlich ins Nebenzimmer.
„Das war großartig von Ihnen, Sie haben wie ein Engel gehandelt!“
flüsterte ihm in erregter Begeisterung Frau Chochlakoff zu. „Ich werde
alles in Bewegung setzen, damit Iwan Fedorowitsch nicht fortfährt ...“
Ihr Gesicht strahlte vor Freude, was Aljoscha nicht geringen Kummer
verursachte. In dem Augenblick kehrte Katerina Iwanowna aus dem
Nebenzimmer zurück. Sie hatte zwei Hundertrubelscheine in der Hand.
„Ich habe eine große Bitte an Sie, Alexei Fedorowitsch,“ begann sie,
sich direkt an Aljoscha wendend, mit anscheinend ruhiger, gleichmäßiger
Stimme, als wäre wirklich nichts geschehen. „Vor einer Woche, – ja, ich
glaube vor einer Woche – hat Dmitrij Fedorowitsch eine unüberlegte und
ungerechte Tat begangen, eine schändliche Tat. Es gibt hier ein Lokal,
ein Gasthaus oder so etwas ähnliches. Dort hat er einen verabschiedeten
Offizier getroffen, einen Hauptmann, den Ihr Vater mit irgendwelchen
Dingen beschäftigt. Dmitrij Fedorowitsch hatte sich nun aus irgendeinem
Grunde über diesen Hauptmann geärgert, ihn am Bart gepackt und in
Gegenwart aller Gäste in dieser erniedrigenden Weise hinaus auf die
Straße gezogen, und man sagt, der Sohn dieses Hauptmanns, ein kleiner
Junge, der das hiesige Gymnasium besucht, habe es gesehen und sei die
ganze Zeit neben ihnen hergelaufen und habe laut geweint und für den
Vater gebeten, und sei zu allen auf der Straße gelaufen, um sie zu
bitten, seinen Vater doch zu verteidigen, doch die Leute hätten nur
gelacht ... Verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich kann nicht ohne
heftigen Unwillen dieser schmachvollen Handlung, die _er_ begangen hat,
gedenken ... das ist wieder eine dieser Handlungen, zu denen sich nur
Dmitrij Fedorowitsch in seinem Zorn hinreißen lassen kann ... und in
seinen Leidenschaften! Ich kann nicht einmal alles so wiedergeben, ich
kann es nicht ... Ich finde nicht die richtigen Worte. Ich habe mich
jetzt nach dem Beleidigten erkundigt und erfahren, daß er ein sehr armer
Mensch ist. Sein Familienname ist Ssnegireff. Er hat sich im Dienst
irgendwie vergangen und daraufhin den Abschied bekommen ... Ich verstehe
das nicht zu erzählen ... und jetzt ist er mit seiner ganzen Familie
hier, mit kranken Kindern und einer, ich glaube, irrsinnigen Frau und
lebt in furchtbarer Armut. Er war schon früher in dieser Stadt, er soll
hier Schreiber gewesen sein. Plötzlich aber ist er unbeschäftigt! Ich
habe jetzt meinen Blick auf Sie geworfen, das heißt, ich dachte – ach,
ich weiß nicht, ich verwirre mich die ganze Zeit –, sehen Sie, ich
wollte Sie bitten, mein bester Alexei Fedorowitsch, zu ihm zu gehen,
unter einem Vorwande natürlich, zu diesem Hauptmann, – o Gott! ich komme
immer aus dem Konzept, – und zart, vorsichtig, – geradeso, wie nur Sie
allein es zu sagen verstehen“ (Aljoscha errötete plötzlich), „ihm diese
Unterstützung zu übergeben, hier, diese zweihundert Rubel ... Oder nein,
wie soll ich mich ausdrücken? Sehen Sie, das soll nicht eine Zahlung
sein, um ihn zu beschwichtigen, damit er keine Klage einreicht – ich
glaube, er soll dies beabsichtigt haben –, sondern einfach Mitleid, aus
dem Wunsch zu helfen ... von mir, von mir, der Braut Dmitrij
Fedorowitsch, nicht von ihm ... O, Sie werden es schon verstehen ... Ich
würde selbst zu ihm fahren, aber Sie werden es viel besser machen als
ich. Er wohnt in einer kleinen Straße, in der Seestraße, im Hause der
Kleinbürgerin Kalmykowa ... Ich bitte Sie, Alexei Fedorowitsch, tun Sie
das für mich, ich ... ich bin jetzt etwas ... müde. Auf Wiedersehen ...“
Sie wandte sich so hastig um und verschwand so schnell hinter der
Portiere, daß Aljoscha nichts mehr sagen konnte, – und er wollte ihr
doch noch so vieles sagen. Er wollte sie um Verzeihung bitten, wollte
sich beschuldigen – kurz, etwas sagen wollte er, denn sein Herz war voll
von dem, und er wollte sie unter keiner Bedingung so verlassen. Aber
schon ergriff ihn Frau Chochlakoff an der Hand und zog ihn hinaus. Im
Vorzimmer hielt sie ihn wieder wie vorhin auf.
„Sie ist stolz, sie quält sich selbst, aber sie ist gut, großmütig,
hochherzig!“ flüsterte sie ihm zu. „O, wenn Sie wüßten, wie ich sie
liebe, besonders zuweilen, und wie ich mich jetzt wieder über alles,
alles freue! Lieber Alexei Fedorowitsch, Sie wissen ja noch gar nicht
alles! So hören Sie denn, daß wir alle, alle, – ich, ihre beiden Tanten,
– kurz, alle, sogar Lise, schon einen ganzen Monat lang nur dieses eine
wünschen und durchsetzen wollen, daß sie sich von Ihrem geliebten
Dmitrij Fedorowitsch, der nichts von ihr wissen will und sie überhaupt
nicht liebt, lossagt und Iwan Fedorowitsch heiratet, den gebildetsten
und prächtigsten jungen Mann, der sie mehr als alles auf der Welt liebt.
Wir haben doch hier eine ganze Verschwörung gebildet, und ich fahre
vielleicht nur deswegen noch nicht fort ...“
„Aber sie weinte doch, sie ist doch wieder beleidigt!“ unterbrach sie
Aljoscha.
„Glauben Sie nicht den Tränen einer Frau, Alexei Fedorowitsch, in
solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen und für die Männer.“
„Mama, Sie verderben ihn,“ ertönte Lisas Stimmchen durch die Türspalte.
„Nein, ich bin die Ursache dieses Unglücks, ich trage die Schuld an
allem!“ wiederholte der untröstliche Aljoscha, schämte sich wegen seines
Ausfalls und bedeckte seine Augen mit der Hand.
„Im Gegenteil, Sie haben wie ein Engel gehandelt, wie ein Engel, ich bin
bereit, Ihnen das hunderttausendmal zu wiederholen!“
„Mama, wieso hat er wie ein Engel gehandelt?“ ertönte wieder Lisas
Stimme.
„Es schien mir plötzlich, als ich sie beide so sah,“ fuhr Aljoscha fort,
wie wenn er Lisa überhaupt nicht gehört hätte, „daß sie Iwan liebt, und
so sagte ich denn auch diese Dummheit ... Aber was wird jetzt daraus
werden!“
„Was, woraus, woraus soll etwas werden?“ rief Lisa wieder ungeduldig
durch die Tür. „Mamachen, Sie wollen mich sicherlich umbringen! Ich
frage schon zum hundertstenmal, Sie aber antworten mir überhaupt nicht!“
In dem Augenblick kam die Zofe hereingelaufen ...
„Gnädige Frau, das Fräulein fühlt sich sehr schlecht ... sie weint ...
und schlägt um sich ...“
„Was, was ist da los?!“ klang Lisas erregte Stimme durch die Tür. „Mama,
_ich_ werde sofort einen Anfall bekommen, aber nicht Katjä!“
„Lise, um Gottes willen, schrei nicht so, töte mich nicht! Du bist noch
zu jung, du darfst noch nicht alles erfahren, wovon Erwachsene sprechen,
ich werde dir später alles erzählen, was ich dir davon erzählen kann. O
Gott! ich komme schon, ich komme schon ... Ein hysterischer Anfall? Das
ist vorzüglich, daß sie diesen Anfall hat! Gerade das war ja nötig! In
solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen, gegen alle diese
hysterischen Anfälle und Frauentränen. Julija, lauf sofort zurück und
sage, daß ich schon zu ihr eile! Und daß Iwan Fedorowitsch so
fortgegangen ist, das ist ihre eigene Schuld! Aber er wird ja nicht
fortfahren. Lise, um Gottes willen schrei nicht so! Ach, du schreist ja
gar nicht, nur ich rege mich so auf, verzeih deiner Mama, aber ich bin
ganz entzückt, ganz entzückt davon, entzückt sage ich Ihnen! Sie haben
auch bemerkt, Alexei Fedorowitsch, als was für ein junger,
leidenschaftlicher junger Mann sich Iwan Fedorowitsch vorhin plötzlich
erwies! Ich glaubte immer, er sei ein so gelehrter Akademiker, und
plötzlich ist er so glühend-temperamentvoll, so offenherzig und jung,
geradeso – so unerfahren und jung, das war wirklich so reizend an ihm,
ganz als ob Sie es gewesen wären ... Und wie er noch diese deutschen
Worte zitierte – aber _ganz_ wie Sie! Ach, ich laufe, ich eile schon!
Gehen Sie, beeilen Sie sich, diesen Auftrag auszuführen und kommen Sie
schnell zurück! Lise, brauchst du nicht etwas? Halt ihn nur keine Minute
auf, er wird gleich zu dir zurückkehren.“
Frau Chochlakoff eilte schließlich wirklich fort. Aljoscha wollte, bevor
er fortging, noch einmal die Tür zu Lisas Zimmer öffnen.
„Auf keinen Fall!“ rief ihm Lise empört zu, „jetzt unter keiner
Bedingung mehr! Sprechen Sie so, durch die Tür. Für was für eine
Heldentat werden Sie zum Engel erhoben? Nur das allein will ich wissen.“
„Für eine furchtbare Dummheit, Lise! Auf Wiedersehen!“
„Unterstehen Sie sich nicht, so fortzugehen!“ rief Lisa empört.
„Lise, ich habe großes Herzeleid! Ich werde sofort zurückkommen, aber
ich habe großen, großen Kummer!“
Und er verließ schnell das Zimmer und das Haus.
VI.
In der Stube
Er hatte wirklich ein ernstes Herzeleid, eines, wie er es bis dahin nur
selten empfunden. Er hatte sich so dumm in fremde Angelegenheiten
hineingemischt und noch dazu in Liebesangelegenheiten! „Aber was
verstehe ich denn von solchen Sachen, wie kann ich mich nur in solche
Angelegenheiten hineinmischen?“ wiederholte er vorwurfsvoll und immer
wieder errötend wohl schon zum hundertstenmal. „Ach, die Schande wäre ja
noch nichts, die Schande ist nur wohlverdiente Strafe; das Furchtbare
ist nur, daß ich die Ursache neuen Unglücks bin ... Und der Staretz hat
mich doch geschickt, um zu versöhnen und zu vereinigen. Vereinigt man
denn etwa so?“ Bei diesem Gedanken fiel ihm plötzlich wieder ein, wie er
„die Hände vereinigt“ hatte, und heiße Scham stieg in ihm auf. „Wenn ich
auch alles aufrichtig getan habe, so muß ich künftig doch klüger sein,“
schloß er plötzlich – und lächelte nicht einmal über diese Folgerung.
Der Auftrag Katerina Iwanownas führte ihn in die Seestraße, da aber
Dmitrij Fedorowitschs Wohnung gerade auf dem Wege dorthin lag, beschloß
Aljoscha, zuerst noch zum Bruder zu gehen, obgleich er ahnte, daß er ihn
nicht zu Hause antreffen werde. Er vermutete sogar, daß Dmitrij sich
jetzt vielleicht absichtlich vor ihm versteckte, trotzdem wollte er ihn
unbedingt aufsuchen, einerlei wo. Die Zeit aber drängte. Der Gedanke an
den sterbenden Staretz hatte ihn seit der Stunde, da er aus dem Kloster
gegangen war, keinen Augenblick verlassen.
Es fiel ihm wieder ein, was Katerina Iwanowna von dem Hauptmann erzählt
hatte, und wieder fragte sich Aljoscha, ob nicht jener kleine Knabe, der
die Schule besuchte und laut weinend neben dem Vater einhergelaufen war,
als Dmitrij ihn am Barte gezogen hatte – ob das nicht derselbe kleine
Junge sein konnte, der ihn in den Finger gebissen hatte? Wäre das doch
die Antwort gewesen auf seine Frage, wodurch er ihn beleidigt hätte.
Schließlich war Aljoscha fast überzeugt davon, ohne eigentlich selbst zu
wissen warum, daß jener Knabe der Sohn des beleidigten armen Hauptmanns
sei. Mit solchen nebensächlichen Gedanken zerstreute er sich und
brauchte nicht mehr an das von ihm angestiftete „Unglück“ zu denken und
sich mit Vorwürfen zu quälen, sondern konnte etwas Gutes tun. Und bei
diesem Gedanken beruhigte er sich schließlich. Als er dann beim
Einbiegen in die Querstraße zu Dmitrij plötzlich Hunger verspürte, nahm
er aus seiner Kuttentasche das Franzbrot, das er beim Vater eingesteckt
hatte, und aß es unterwegs auf. Das stärkte wieder ein wenig seine
Lebensgeister.
Der Bruder war natürlich nicht zu Hause. Die Hauswirte – ein alter
Tischlermeister, dessen Sohn und die alte Frau – blickten Aljoscha etwas
mißtrauisch an. „Er nächtigt schon den dritten Tag nicht hier, es ist
möglich, daß er ausgefahren ist,“ antwortete der Alte auf Aljoschas
wiederholte Frage. Da sah Aljoscha ein, daß jener offenbar auf einen
gegebenen Befehl nicht antworten wollte. Auf seine Frage: „Ist er
vielleicht bei Gruschenka, oder versteckt er sich bei Foma?“ (Aljoscha
fragte absichtlich so indiskret), blickten ihn alle drei nur höchst
erschrocken an. „Müssen ihn wohl gern haben, wenn sie so zu ihm halten,“
dachte Aljoscha, „das ist gut.“
Endlich fand er auch in der Seestraße das Haus der Kleinbürgerin
Kalmykowa, ein altes schiefes Häuschen, das nur drei Fenster zur Straße
hatte. Der Eingang führte durch den schmutzigen Hof. Als Aljoscha durch
die Pforte trat, sah er gerade in der Mitte des Hofes einsam eine
unangebundene Kuh stehen. Links vom Flur wohnte die alte Hausbesitzerin
mit ihrer gleichfalls alten Tochter; beide waren taub, wie es schien.
Auf seine mehrmals wiederholte Frage nach dem Hauptmann wies schließlich
die eine von ihnen, die erraten hatte, daß man zu ihren Mietern wollte,
auf die gegenüberliegende Tür. Die Wohnung des verabschiedeten
Hauptmanns war also tatsächlich in diesem Hause. Aljoscha wollte schon
die eiserne Klinke ergreifen und die Tür aufmachen, als ihm plötzlich
die ungewöhnliche Stille, die hinter der Tür herrschte, auffiel.
Katerina Iwanowna hatte ihm doch gesagt, daß der Hauptmann verheiratet
sei und eine ganze Familie habe. „Entweder schlafen sie alle, oder
vielleicht haben sie gehört, daß ein Fremder eingetreten ist, und warten
jetzt, daß ich eintrete; ich werde doch lieber zuerst klopfen,“ dachte
er und klopfte an die Tür. Die Antwort kam aber erst nach einiger Zeit,
vielleicht erst nach einer halben Minute.
„Wer da?“ schrie jemand mit lauter und absichtlich wütender Stimme.
Aljoscha machte die Tür auf und trat über die Schwelle. Er befand sich
in einer zwar sehr großen Bauernstube, die aber doch von Menschen und
verschiedenem Hausgerät ganz eingenommen war. Links stand ein großer
russischer Ofen. Von diesem Ofen war zum linken Fenster durch das ganze
Zimmer eine Schnur gezogen, auf der verschiedene Lappen hingen. An
beiden Wänden rechts und links stand je ein Bett, mit gehäkelter Decke
überdeckt. Auf dem Bette links war aus vier Kopfkissen ein ganzer Berg
errichtet; von diesen vier, die alle in Kattunbezügen staken, war eines
immer kleiner als das andere. Dagegen lag auf dem Bett an der rechten
Wand nur ein einziges ganz kleines Kissen. In der vorderen Ecke war ein
kleiner Raum durch einen Vorhang abgeteilt, oder richtiger, durch ein
Bettuch, das gleichfalls über einer quer vor die Ecke gezogenen Schnur
hing. Hinter diesem Vorhang blickte ein drittes, auf einer Truhe und
einem vorgeschobenen Stuhl aufgeschlagenes Bett hervor. Ein einfacher
viereckiger Bauerntisch war von der vorderen Ecke zum mittleren Fenster
geschoben. Alle drei Fenster, von denen jedes nur vier kleine, grüne,
von Staub und Regen trübe Fensterscheiben hatte, ließen nicht gerade
viel Licht herein und waren zudem so dicht geschlossen, daß man die
Zimmerluft als recht drückend empfand. Auf dem Tisch stand eine
Bratpfanne mit dem Rest von einem unsauberen Rührei, ein angebissenes
Stück Brot und außerdem eine Halbliterflasche, in der nur noch ein wenig
von dem übriggeblieben war, was viele Menschen über ihr Leid
hinwegbringt. Auf einem Stuhl neben dem Bett links saß eine Frau in
einem einfachen Kattunkleide; doch sah sie wie eine Dame aus. Sie war
sehr mager und etwas gelblich im Gesicht; ihre stark eingefallenen
Wangen verrieten sofort, daß sie krank sein mußte. Am meisten aber fiel
Aljoscha der Blick dieser armen Dame auf: er war ungemein forschend und
zu gleicher Zeit äußerst hochmütig. Während der ganzen Zeit, in der
Aljoscha mit dem Hauptmann sprach, gingen ihre großen braunen Augen
unveränderlich stolz und fragend von einem der Sprechenden zum anderen.
Neben dieser Dame stand am linken Fenster ein junges Mädchen mit einem
nicht gerade schönen Gesicht und dünnem, rötlichem Haar; es war ärmlich,
doch sehr sauber gekleidet. Feindselig betrachtete sie den eingetretenen
Aljoscha. Rechts, gleichfalls zwischen Bett und Fenster, saß noch ein
drittes weibliches Wesen. Das schien ein armes Geschöpf zu sein,
gleichfalls ein junges Mädchen, von zwanzig Jahren, doch war es
verwachsen und lahm, d. h. ihre Füße waren verdorrt, wie Aljoscha später
erfuhr. Ihre Krücken standen neben ihr in der Ecke zwischen der Wand und
dem Bett. Die auffallend schönen und guten Augen des armen Mädchens
blickten Aljoscha ruhig und sanftmütig an. Am Tisch saß, das Rührei
verzehrend, ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren, mittlerer Größe,
augenscheinlich ein schwächlicher Mensch mit rötlichem Haar und einem
rötlichen, spärlichen Bärtchen, das auffallend einem zerfaserten
Lindenbastwisch glich (dieser Vergleich und besonders das Wort
„Bastwisch“ zuckten Aljoscha aus irgendeinem Grunde schon beim ersten
Blick auf diesen Bart durch den Sinn, dessen erinnerte er sich noch
später). Offenbar hatte dieser selbe Herr auch das „Wer da?“ gerufen, da
außer ihm nur Frauen im Zimmer waren. Als aber Aljoscha etwas vortrat,
sprang der Herr von der Bank, auf der er am Tisch gesessen hatte, auf
und flog, sich mit einer durchlöcherten Serviette den Mund wischend,
Aljoscha entgegen.
„Ein Mönch, der für ein Kloster bittet – der ist zu den Richtigen
gekommen!“ sagte laut das am linken Fenster stehende Mädchen.
Doch der Herr, der Aljoscha entgegengestürzt war, drehte sich im
Augenblick auf dem Hacken um und antwortete mit erregter, vor Aufregung
fast stockender Stimme:
„Nein, verehrteste Warwara Nikolajewna, diesmal täuschen Sie sich,
Verehrteste, haben es nicht erraten! Gestatten Sie“ – damit wandte er
sich geschwind wieder zu Aljoscha – „mich nach der Ursache Ihres
Besuches meines ... ‚Inneren‘ zu erkundigen?“
Aljoscha betrachtete ihn aufmerksam, da er ihn zum erstenmal sah. Es war
etwas Eckiges, Hastendes, Gereiztes an ihm. Er hatte wohl Schnaps
getrunken, doch war er nicht betrunken. Sein Gesicht drückte eine
gewisse äußerste Frechheit aus, und zu gleicher Zeit – das war wirklich
sonderbar – offenbare Feigheit. Er glich einem Menschen, der sich lange
Zeit unterworfen und vieles erlitten hat, plötzlich aber vorspringt und
auftrumpfen will. Oder richtiger: einem Menschen, der einen maßlos gern
schlagen will, und der doch sehr fürchtet, daß man ihn schlagen könnte.
In seinen Reden und dem Klang seiner ziemlich schrillen Stimme lag ein
gewisser mißratener Humor, der bald boshaft, bald ängstlich war, nie im
Ton blieb und immer wieder abbrach. Die Frage nach dem Besuch des
„Inneren“ stellte er gleichsam am ganzen Körper zitternd und so nah auf
Aljoscha zutretend, daß der unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Gekleidet war der Herr in einen dunklen, nankingartigen Überzieher, der
sehr schlecht zusammengenadelt und überall geflickt war. Die Beinkleider
dagegen waren auffallend hell, wie sie niemand mehr trug, und aus sehr
dünnem, karriertem Stoff; unten waren sie stark verknüllt, außerdem sehr
kurz, ganz als wäre er aus ihnen wie ein kleiner Junge herausgewachsen.
„Ich bin ... Alexei Karamasoff ...“ antwortete Aljoscha.
„Das begreifen wir vortrefflich,“ unterbrach ihn sofort der Herr, womit
er zu verstehen gab, daß er ihn schon kannte. „Ich dagegen bin Hauptmann
Ssnegireff; trotzdem wäre es wünschenswert, die Ursache Ihres Besuches
...“
„Ich ... bin nur so hergekommen ... Ich wollte eigentlich von mir aus
Ihnen ein paar Worte sagen ... Wenn Sie es nur gestatten ...“
„In diesem Falle – bitte, hier ist ein Stuhl, geruhen Sie, Platz zu
nehmen, wie man in den alten Komödien sagt ...“ und der Hauptmann
ergriff mit hastiger Bewegung einen gewöhnlichen Bauernstuhl und stellte
ihn fast in die Mitte des Zimmers; darauf zog er noch für sich
irgendeinen Stuhl herbei und setzte sich Aljoscha gegenüber, und wieder
rückte er so nah heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Er blickte
ihm unbeweglich ins Gesicht.
„Ich bin Nikolai Iljitsch Ssnegireff, gewesener Hauptmann der russischen
Infanterie, und wenn ich auch durch meine Laster in Schimpf und Schande
geraten bin, so bleibe ich doch gewesener Hauptmann. Eigentlich sollte
ich jetzt eher sagen: Hauptmann Sslowojerrssoff[15] und nicht mehr
Ssnegireff, denn in der zweiten Hälfte meines Lebens habe ich begonnen,
das ‚S‘ anzuhängen.[16] Ja, das lernt man in der Erniedrigung.“
„Das ist schon so,“ meinte Aljoscha lächelnd, „nur fragt es sich, ob man
es unwillkürlich oder absichtlich lernt?“
„Bei Gott, unwillkürlich. Zeitlebens habe ich nicht so gesprochen,
plötzlich aber fiel ich, und als ich aufstand, sprach ich das ‚S‘ zu
Ende der Worte. Das geschieht durch eine höhere Macht ... Ich sehe, daß
Sie sich für zeitgenössische Fragen interessieren. Wodurch nun habe ich
solch ein Interesse erregt, denn ich lebe, wie Sie sehen, so, daß ich
Gäste im allgemeinen nicht empfangen kann.“
„Ich bin ... in derselben Angelegenheit gekommen ...“
„In derselben Angelegenheit?“ unterbrach ihn der Hauptmann ungeduldig.
„Wegen jener Angelegenheit mit meinem Bruder Dmitrij Fedorowitsch,“
sagte Aljoscha ungeschickt.
„Welch eine Angelegenheit meinen Sie? Doch nicht wegen jener selben?
Also wegen des Lindenbastwischs, des Badebastwischs?“ Er rückte
plötzlich noch näher, so daß er diesmal Aljoscha tatsächlich mit den
Knien berührte. Seine Lippen preßten sich ganz absonderlich zusammen;
sie wurden so schmal wie ein Bindfaden.
„Was für ein Badebastwisch?“ stotterte Aljoscha.
„Nein, Papa, er ist gekommen, um sich über mich zu beklagen!“ rief
plötzlich das Aljoscha schon bekannte Stimmchen seines kleinen Feindes
aus der Ecke hinter dem Vorhange. „Ich habe ihn vorhin in den Finger
gebissen.“
Der Vorhang wurde zur Seite gezogen, und Aljoscha erblickte seinen
kleinen Feind aus der Michailoffstraße auf einem Bettchen, das man dort
in der Ecke unter den Heiligenbildern auf der Truhe und dem Stuhl
aufgeschlagen hatte. Der Knabe war mit seinem Mäntelchen und einem
alten, wattierten Deckchen zugedeckt. Er schien nicht ganz wohl zu sein
und, nach den brennenden Augen zu urteilen, Fieber zu haben. Doch jetzt
blickte er furchtlos Aljoscha an. „Zu Hause kriegst du mich nicht!“
sagte sein Blick.
„Was hat er gebissen? Wie, einen Finger?“ fragte der Hauptmann
erschrocken und wollte schon aufspringen. „Hat er Ihren Finger
gebissen?“
„Ja, meinen. Vorhin bewarfen er und seine Mitschüler sich auf der Straße
mit Steinen; er war allein, sie aber waren ganze sechs. Als ich darauf
zu ihm trat, warf er einen Stein auf mich und dann noch einen. Ich
fragte ihn, was ich ihm denn getan hätte; er aber stürzte sich auf mich
und biß mich schmerzhaft in den Finger, warum, weiß ich nicht.“
„Werde ihn sofort durchhauen! Sofort, im Augenblick!“ Der Hauptmann
sprang erregt von seinem Stuhl auf.
„Aber ich beklage mich doch nicht, ich erzählte es doch nur ... Ich will
durchaus nicht, daß Sie ihn dafür durchhauen! Und er ist ja, glaube ich,
krank ...“
„Und Sie dachten, daß ich ihn wirklich bestrafen werde? daß ich
Iljuschetschka nehmen und ihn sofort vor Ihren Augen schlagen werde, zu
Ihrer Genugtuung? sofort? hier auf der Stelle?“ Der Hauptmann wandte
sich mit einer Gebärde zu Aljoscha, als wolle er sich auf ihn stürzen.
„Es tut mir leid, mein Herr, um Ihren Finger; aber wollen Sie nicht, daß
ich, eher als daß ich Iljuschetschka schlage, sofort alle meine vier
Finger, hier auf der Stelle, vor Ihren Augen abhacke, sehen Sie, mit
diesem Messer, um Ihnen Genugtuung zu gewähren? Vier Finger, denke ich,
werden zur Stillung Ihres Rachedurstes genügen, oder wollen Sie auch
noch den fünften dazu? ...“
Er verstummte, als ob ihm plötzlich die Stimme versagt hätte. Jeder Nerv
seines Gesichtes ging und zuckte, doch blickte er Aljoscha
herausfordernd an. Er schien seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein.
„Ich glaube jetzt alles zu verstehen,“ sagte Aljoscha, der sitzen blieb,
leise und traurig. „Ihr Junge ist also ein guter Knabe, der seinen Vater
liebt und mich als Bruder Ihres Beleidigers gebissen hat ... Das sehe
ich jetzt wohl ein,“ sagte er nachdenklich. „Mein Bruder Dmitrij
Fedorowitsch bereut seine Handlung, das weiß ich, und wenn er nur zu
Ihnen kommen könnte, oder besser, wenn er Sie dort in demselben Lokal
wieder treffen könnte, so würde er Sie in Gegenwart aller um Verzeihung
bitten ... Wenn Sie es wünschen.“
„Also: ‚er hat das Bärtchen ausgerissen und darauf um Verzeihung
gebeten‘ – was will man mehr; er hat alles wieder gut gemacht, nicht
wahr?“
„O nein, im Gegenteil, er wird alles tun, was Sie wollen, und wie Sie es
wollen!“
„Das heißt also, wenn ich Seine Erlaucht bitten würde, in demselben
Lokal – ‚Zur Hauptstadt‘ heißt es – oder auf dem Großen Platz gefälligst
vor mir niederzuknien, so würde er es tun?“
„Ja, er würde niederknien.“
„Sie entwaffnen mich, Sie rühren und entwaffnen mich! Bin nur gar zu
geneigt, die Großmut Ihres Herrn Bruders zu empfinden. Gestatten Sie
mir, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine beiden Töchter und mein
Sohn – mein ganzes Nest. Wenn ich nun sterbe, wer wird sie dann noch
lieben? Solange ich aber noch lebe – wer kann mich garstiges Kerlchen
außer ihnen lieben? Etwas Großes hat Gott damit für einen jeden kleinen
Menschen von meiner Art geschaffen, Verehrtester. Denn, nicht wahr, auch
ein Mensch wie ich, muß jemanden zum Lieben haben ...“
„Da sagen Sie ein wahres Wort!“ meinte Aljoscha herzlich.
„Ach, hören Sie doch endlich auf, den Hampelmann zu spielen, Papa! Es
braucht nur irgendein Dummkopf herzukommen, so erniedrigen Sie sich
sofort!“ rief ganz unerwartet das Mädchen am Fenster ihrem Vater mit
gereizter Stimme und verächtlicher Miene zu.
„Gedulden Sie sich noch einen Augenblick, Warwara Nikolajewna, und
lassen Sie mich im Stil bleiben,“ rief ihr der Vater, wenn auch in
befehlendem Tone, so doch mit billigendem Blicke zu. „Das ist nun einmal
so ihr Charakter,“ fügte er darauf, zu Aljoscha gewandt, hinzu.
„‚Kein einziges Ding in dieser Welt fand seine Billigung!‘ wie der
Dichter sagt; nur müßte er sich in diesem Falle im Femininum ausdrücken:
‚fand ihre Billigung‘. Jetzt aber gestatten Sie mir, Sie auch meiner
Frau vorzustellen: hier, Arina Petrowna, zwar nur eine lahme Dame – von
dreiundvierzig Jahren –, die Füße tragen sie nur wenig, gehört zu den
Einfachen, Verehrtester. Arina Petrowna, glätten Sie Ihre Züge: – Alexei
Fedorowitsch Karamasoff, erheben Sie sich, Verehrtester.“ Damit ergriff
er Aljoschas Hand und zog ihn mit einer Kraft, die man ihm gar nicht
zugetraut hätte, in die Höhe, noch bevor der sich besinnen konnte. „Sie
werden einer Dame vorgestellt, da müssen Sie sich erheben. Das ist nicht
jener Karamasoff, Mamachen, der ... hm, und so weiter, sondern sein
Bruder, der sich durch demütige Tugenden auszeichnet. Gestatten Sie,
Arina Petrowna, gestatten Sie, Mütterchen, Ihnen vorläufig die Hand zu
küssen.“
Und er küßte ehrerbietig, sogar zärtlich die Hand seiner Frau. Das
Mädchen am Fenster wandte der Szene unwillig den Rücken zu. Der
hochmütig-fragende Gesichtsausdruck der Frau dagegen verwandelte sich
plötzlich in einen ungewöhnlich freundlichen.
„Guten Tag; setzen Sie sich, Herr Tschernomasoff,“ sagte sie.
„Karamasoff, Mütterchen, Karamasoff – wir sind einfache Leute,“
flüsterte er wieder Aljoscha zu.
„Nun, Karamasoff oder wie sonst, ich sage immer Tschernomasoff ...
Setzen Sie sich doch! warum hat er Sie nur belästigt? Eine lahme Dame,
sagte er, das ist wohl wahr, denn wenn ich auch meine Füße noch habe, so
sind sie doch wie die Eimer geschwollen, ich selbst bin gänzlich
verdorrt. Früher war ich so dick, jetzt aber bin ich, als ob ich eine
Nadel verschluckt hätte ...“
„Wir sind einfache Leute, einfache Leute,“ sagte noch einmal der
Hauptmann.
„Papa, ach Papa!“ sagte plötzlich das bucklige Mädchen, das bis dahin
geschwiegen hatte, und bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch.
„Spielt wieder den Bajazzo!“ stieß die andere am Fenster hervor.
„Sehen Sie, was es für Neuigkeiten bei uns gibt,“ sagte die Mama, auf
die Töchter weisend, „ganz wie vorüberziehende Wolken; sind die Wolken
vorübergezogen, so beginnt von neuem unsere Musik. Früher, als mein Mann
noch Militär war, kamen viele Gäste zu uns. Ich will das ja nicht mit
dem vergleichen, was jetzt ist. Wenn einmal einer jemanden liebt, so
soll er ihn auch lieben. Da kam denn auch die Frau des Diakons zu mir
und sagte: Alexander Alexandrowitsch ist in der Seele der beste Mensch,
Nastassja Petrowna aber, sagt sie, ist die wahre Höllenbrut. – Nun,
antwortete ich, das kommt darauf an, wer wen vergöttert, du aber bist
wohl nur ein kleines Häufchen, stinkst jedoch gehörig. – Dich aber,
sagte sie, muß man unterm Daumen halten. – Ach du, sage ich, du
schwarzer Schleppsäbel, wen bist du hier belehren gekommen? – Ich, sagte
sie, ich lasse reine Luft herein, du aber bist unreine Luft. – Frage
doch, sage ich ihr, frage doch alle Herren Offiziere, ob in mir
schlechte Luft ist, oder was sonst für eine? Und das sitzt mir seit der
Zeit so sehr auf dem Herzen, daß ich noch vor einigen Tagen – ich saß
ganz so wie jetzt – diesen General hier eintreten sah, denselben, der
auch zu Ostern schon hier war: Was, frage ich ihn, Exzellenz, kann man
wohl einer vornehmen Dame reine Luft zulassen? – Ja, antwortete er, man
müßte hier wirklich ein Klappfenster oder die Tür ein wenig aufmachen,
denn auch mir scheint es, daß die Luft hier bei Ihnen nicht sehr frisch
ist. Nun, und so sind sie alle. Und was haben sie nur an meiner Luft
auszusetzen? Tote riechen doch noch viel schlechter. Ich sagte darauf:
Werde eure Luft nicht mehr verderben, werde mir Schuhe bestellen und
fortgehen. Meine Lieben, meine Täubchen, macht doch eurer leiblichen
Mutter keine Vorwürfe! Nikolai Iljitsch, mein Väterchen, oder mache ich
es dir denn nicht recht? Alles, was ich habe, ist doch, daß
Iljuschetschka aus der Schule heimkehrt und mich liebt. Gestern hat er
mir noch einen Apfel mitgebracht. Verzeiht, verzeiht, meine Lieben,
eurer leiblichen Mutter, verzeiht mir Einsamen, aber wodurch ist euch
nur meine Luft so zuwider geworden?“
Und die arme Irrsinnige brach in Tränen aus, in Strömen flossen ihre
Tränen herab. Der Hauptmann sprang sofort eilig zu ihr hin.
„Mütterchen, Mütterchen, Täubchen, laß gut sein, laß gut sein! Bist doch
nicht einsam. Alle lieben dich, alle vergöttern dich!“ Und wieder küßte
er ihre Hände und streichelte ihr Gesicht; und plötzlich nahm er die
Serviette und begann ihre Tränen abzuwischen. Aljoscha schien es, daß
auch seine Augen feucht erglänzten. „Nun, Verehrtester, haben Sie
gesehen, gehört?“ fragte er plötzlich, fast jähzornig Aljoscha und wies
dabei auf die arme Schwachsinnige.
„Ich sehe und höre,“ sagte Aljoscha leise.
„Papa, Papa! Wie kannst du nur mit ihm ... Laß ihn doch, Papa!“ rief
plötzlich der Knabe, der sich auf seinem Lager erhoben hatte und den
Vater mit heißem Blick ansah.
„Wann werden Sie endlich aufhören, Ihre dummen Possen zu spielen, die
doch nie zu etwas Gescheitem führen! ...“ rief ihm aus derselben Ecke
bereits ganz aufgebracht Warwara Nikolajewna zu und stampfte mit dem
Fuße auf.
„Diesmal sind Sie vollkommen im Recht, wenn Sie außer sich geraten,
Warwara Nikolajewna, und ich werde Sie gern zufriedenstellen. Nun,
nehmen Sie mal Ihre Mütze, Alexei Fedorowitsch, und auch ich werde
meinen Hut nehmen, und gehen wir, Verehrtester. Ich muß noch ein ernstes
Wörtchen mit Ihnen reden, nur außerhalb dieser Wände. Sehen Sie dieses
sitzende Mädchen – das ist meine Tochter Nina Nikolajewna, ich vergaß
es, Sie ihr vorzustellen: ein leibhaftiger Engel Gottes ... der zu uns
Sterblichen herniedergeflogen ist ... wenn Sie das nur begreifen können
...“
„Er zittert ja am ganzen Körper, als ob er Krämpfe hätte,“ stieß Warwara
Nikolajewna wieder unwillig hervor.
„Und diese dort, die jetzt vor Unwillen über mich mit den Füßchen
stampft und mich vor kurzem Bajazzo betitelte – das ist gleichfalls ein
leibhaftiger Engel Gottes, und sie hat mich auch ganz richtig benannt.
Doch gehen wir jetzt, Verehrtester, dem muß man ein Ende machen ...“
Sie gingen hinaus auf die Straße.
VII.
Und in frischer Luft
„Hier ist die Luft frisch und rein: in meinem Hause aber ist es wirklich
nicht frisch – sogar in keiner Beziehung. Gehen wir langsam,
Verehrtester. Gern würde ich Sie für mich interessieren.“
„Und auch ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen ...“ bemerkte
Aljoscha, „nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“
„Wie sollten Sie denn nichts zu besprechen haben! Wären Sie doch sonst
nie zu mir gekommen. Oder sind Sie vielleicht nur gekommen, um sich über
den Jungen zu beklagen? Das ist doch unwahrscheinlich. Ach, bei der
Gelegenheit: ich konnte Ihnen dort nicht alles so erklären, aber hier
werde ich Ihnen alles sagen. Sehen Sie, der Bastwisch war noch vor einer
Woche viel dichter – ich rede von meinem Bärtchen; dieses Bärtchen heißt
ja der Bastwisch, so haben es die Schuljungen doch benannt. Nun, sehen
Sie, wie mich da Ihr Bruder Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff am Barte
zog, wegen nichts und wieder nichts, er suchte einfach Händel, und ich
kam ihm in die Quere – da zog er mich hinaus auf den Großen Platz, und
da kamen gerade die Schuljungen aus der Schule und unter ihnen auch
Iljuscha. Wie der mich so am Bart gezogen erblickte, stürzte er zu mir:
‚Papa!‘ schreit er, ‚Papa!‘ hält mich, umarmt, umklammert mich, will
mich befreien, losreißen, schreit meinem Beleidiger zu: ‚Verzeihen Sie,
verzeihen Sie, das ist doch mein Papa, mein Papa, verzeihen Sie ihm!‘ –
fleht, wie ich sage ‚Verzeihen Sie!‘ – umklammert ihn mit seinen kleinen
Ärmchen und küßt, küßt seine Hand ... Ich weiß, ich weiß noch, was für
ein Gesichtchen er in diesem Augenblick hatte, habe es nicht vergessen
und werde es auch nie vergessen! ...“
„Ich schwöre Ihnen,“ sagte Aljoscha sofort, „mein Bruder wird Ihnen in
der aufrichtigsten Weise sein tiefes Bedauern, seine Reue beweisen,
meinetwegen kniend auf demselben Platz; ich werde ihn dazu zwingen, oder
er wird nicht mehr mein Bruder sein!“
„Ach so, dann war das also nur ein Projekt. Dann ging das nicht von ihm
aus, sondern wurde nur von Ihnen in einer heißen Regung Ihres guten
Herzens gesagt. Ja, dann hätten Sie es aber auch so darstellen sollen.
Nein, Verehrtester, da lassen Sie mich zuerst einmal alles sagen, zumal
ich die ritterliche Offiziershaltung Ihres Bruders nicht verheimlichen
will, o nein, denn die hat er damals tatsächlich bewiesen. Als er
nämlich endlich meinen Bart losließ und mich freigab, sagte er: ‚Wir
sind beide Offiziere, wenn du einen Sekundanten finden kannst, einen
anständigen Menschen, so schick ihn zu mir – werde dir Satisfaktion
geben, wenn du auch ein Schurke bist!‘ Sehen Sie, das sagte er! Das war
wahrhaft ritterlicher Geist! Wir entfernten uns damals, Iljuscha und
ich, doch dieses Bild ist auf ewig in Iljuschenkas Seele geblieben. Wie
soll ich mich denn mit ihm duellieren! Sagen Sie sich doch selbst, Sie
sind doch soeben in meiner Wohnung gewesen – was haben Sie gesehen? Drei
Damen sitzen dort, von denen ist die eine ohne Füße und schwachsinnig,
die andere ohne Füße und verwachsen, die dritte aber hat Füße und ist
beinahe gar zu klug, ist Studentin und will unbedingt wieder nach
Petersburg, um dort an den Ufern der Newa die Rechte der russischen Frau
zu suchen. Von Iljuscha rede ich schon gar nicht, der ist erst neun
Jahre alt, mutterseelenallein. Wenn ich aber nun sterbe – was soll dann
mit meinem ganzen Nest werden, nur das allein frage ich Sie? Wenn ich
ihn nun fordere und er mich erschießt, was dann? Was soll dann aus ihnen
werden? Oder, was noch schlimmer wäre, wenn er mich zum Krüppel schießt?
Arbeiten und verdienen ist dann ausgeschlossen, der Mund aber bleibt,
und wer wird ihn dann füttern, diesen Mund, und wer wird sie dann alle
ernähren? Oder sollte ich Iljuscha anstatt in die Schule täglich betteln
schicken? Da sehen Sie, was das für mich bedeuten würde: ihn zum Duell
herauszufordern. Ein dummes Wort ist das und weiter nichts.“
„Er wird Sie um Verzeihung bitten, er wird sich dort mitten auf dem
Platz vor Ihnen bis zur Erde verneigen!“ rief Aljoscha mit aufflammendem
Blick aus.
„Ich wollte die Sache vor Gericht bringen,“ fuhr der Hauptmann fort,
„aber blättern Sie doch den Kodex durch und fragen Sie sich dann,
wieviel ‚Schadenersatz‘ ich für persönliche Beleidigung von dem
Beleidiger bekommen würde? Und da läßt mich noch plötzlich Agrafena
Alexandrowna zu sich rufen und sagt: ‚Wage nicht, daran auch nur zu
denken! Wenn du ihn vors Gericht bringst, so werde ich dafür sorgen, daß
es alle Welt erfährt, warum er dich am Bart gezogen hat: wegen deiner
Schurkereien, und dann wird man _dich_ verklagen.‘ Sieht doch nur Gott
allein, durch wen besagte Schurkerei entstanden ist, auf wessen Befehl
ich damals wie ein kleiner Kaufmann gehandelt habe, ob nicht etwa auf
ihre eigene und Fedor Pawlowitschs Anordnung? ‚Und zudem,‘ sagte sie,
‚werde ich dich fortjagen und dir hinfort nichts mehr von mir zu
verdienen geben. Meinem Kaufmann werde ich es gleichfalls sagen‘ – so
nennt sie ihn, den Alten –, ‚dann wird auch er dich nicht mehr
beschäftigen.‘ Und so denke ich denn, wenn auch der Kaufmann mich
fortjagt, was soll dann aus mir werden, wo kann ich dann noch verdienen?
Sind mir doch jetzt nur noch diese beiden geblieben, da Ihr Vater Fedor
Pawlowitsch Karamasoff mir nicht nur sein Vertrauen entzogen hat,
sondern mich aus einem nebensächlichen Grunde, nachdem er sich meine
Quittungen gesichert hat, obendrein noch verklagen will. Infolgedessen
bin ich denn still geworden, und mein ‚Inneres‘ – haben Sie gesehen.
Doch jetzt erlauben Sie zu fragen: Hat er Ihnen wirklich schmerzhaft in
den Finger gebissen, Iljuscha meine ich? In seiner Gegenwart konnte ich
mich nicht entschließen, auf dieses Gespräch einzugehen.“
„Ja, sehr schmerzhaft, er war aber sehr gereizt. Er hat sich für Sie an
mir, als an einem Karamasoff, gerächt, das ist mir jetzt vollkommen
klar. Aber wenn Sie gesehen hätten, wie er seine Schulkameraden mit
Steinen bewarf, und wie die ihm darauf antworteten! So etwas ist sehr
gefährlich; sie können ihn totschlagen, es sind doch dumme Kinder; der
Stein fliegt und kann den Kopf treffen.“
„Und hat auch schon getroffen, nur nicht den Kopf, wohl aber die Brust:
etwas über dem Herzen hat er einen blauen Fleck. Er kam weinend nach
Haus, stöhnte, und jetzt ist er davon krank geworden.“
„Aber er greift sie ja zuerst an, fällt als erster über sie her! Er will
sich für Sie rächen. Die Jungen sagten, er habe einen Mitschüler,
Krassotkin, mit dem Federmesser in die Seite gestochen ...“
„Ich weiß, die Sache kann gefährlich werden. Krassotkin ist der Sohn
eines hiesigen Beamten, da kann man noch Unannehmlichkeiten haben ...“
„Ich würde Ihnen raten,“ fuhr Aljoscha fort, „ihn eine Zeitlang
überhaupt nicht in die Schule zu schicken, bis er sich beruhigt ...
dieser Zorn wird ja vergehen ...“
„Zorn!“ griff der Hauptmann sofort das Wort auf, „Sie haben es richtig
benannt. Er ist ein kleines Wesen, aber sein Zorn ist um so größer. Sie
kennen noch nicht alles; erlauben Sie, daß ich Ihnen die ganze
Geschichte erzähle. Die Sache ist nämlich die, daß ihn seit der Zeit
alle Jungen in der Schule ‚Bastwisch‘ zu necken begonnen haben. Kinder
sind in der Schule ein unbarmherziges Volk; einzeln sind sie die reinen
Engel Gottes, zusammen aber sind sie erbarmungslos. So haben sie ihn
denn geneckt, in ihm aber ist der edle Sinn erwacht. Ein gewöhnlicher
Knabe ist ein gleichgültiger Sohn – der hätte sich in diesem Falle
geduckt, würde sich seines Vaters geschämt haben. Iljuscha dagegen hat
sich gegen alle für den Vater erhoben; für den Vater und für die
Wahrheit, für die Gerechtigkeit. Denn was er damals, als er Ihrem Bruder
die Hand küßte und ihn anflehte: ‚Verzeihen Sie meinem Papa!‘ – was er
damals empfunden hat, das weiß nur Gott allein ... und ich. So lernen
unsere Kinderchen – das heißt, nicht Ihre, sondern unsere, die Kinder
der Verachteten, der anständigen Bettler, ja, so lernen unsere
Kinderchen die Wahrheit auf Erden schon mit neun Jahren kennen. Wie
sollten das die Reichen! Die kommen zeitlebens nicht bis zu dieser
Tiefe! Mein Iljuscha aber hat in demselben Augenblick, als er dort auf
dem Platz die Hand küßte, in demselben Augenblick hat er die ganze
Wahrheit durchlebt. Diese Wahrheit durchdrang ihn und erfüllte ihn auf
ewig!“ sagte erregt und leidenschaftlich der Hauptmann und schlug sich
dabei mit der rechten Faust in die linke Hand, als ob er damit zeigen
wollte, wie die „Wahrheit“ seinen Iljuscha durchdrungen und erfüllt
hatte. „... An jenem Tage hatte er Fieber und phantasierte die ganze
Nacht. Er sprach nur wenig mit mir, schwieg endlich ganz, nur bemerkte
ich – wie er aus der Ecke auf mich sieht, sieht und sich immer mehr zum
Fenster neigt und tut, als lernte er seine Aufgaben, aber ich sehe ja
doch, daß er nicht Aufgaben im Sinn hat. Am nächsten Tage trank ich mich
an vor Leid, weiß nicht mehr viel von diesem Tage, bin ein sündiger
Mensch. Mütterchen hatte auch angefangen zu weinen – Mütterchen habe ich
sehr lieb – nun, und so hatte ich mich denn berauscht. Sie,
Verehrtester, verachten Sie mich nicht: In Rußland sind die Trinker die
besten Menschen. Die allerbesten Menschen sind bei uns die
allerbetrunkensten. Ich lag also am zweiten Tage und weiß nicht mehr
viel von Iljuscha; gerade an diesem Tage aber hatten die Schüler ihn zu
necken begonnen: ‚Bastwisch‘, haben sie ihm zugeschrien, ‚dein Vater ist
am Bastwisch auf den Großen Platz hinausgezogen worden, du aber bist
nebenhergelaufen und hast um Verzeihung gebeten.‘ Am dritten Tage kam er
wieder aus der Schule, nur sehe ich – er ist gar nicht mehr zu erkennen,
ganz bleich. Was fehlt dir? frage ich. Er schweigt. Nun, im Zimmer kann
man nicht gut reden, da mischen sich gleich Mütterchen und die Mädchen
hinein – zudem hatten die Mädchen alles gleich am ersten Tage erfahren.
Warwara Nikolajewna begann schon zu brummen: ‚Bajazzo, kann er denn je
etwas Vernünftiges tun?‘ – ‚Ganz recht,‘ antwortete ich ihr, ‚können wir
denn je etwas Vernünftiges tun?‘ Damit machte ich mich los. In der
Dämmerstunde ging ich dann mit dem Jungen spazieren. Sie müssen nämlich
wissen, daß wir an jedem Abend so spazieren zu gehen pflegten, denselben
Weg, den wir jetzt gehen, von unserer Hoftür bis zu jenem großen,
einsamen Stein, der dort so verwaist am Zaune liegt, dort, wo die
Stadtweide beginnt: es ist ein einsamer und schöner Platz zum Sitzen.
Wir gehen also, Iljuscha und ich, sein Händchen ist in meiner Hand, wie
gewöhnlich; solch ein winzig kleines Händchen hat er, so dünne, kalte
Fingerchen – hat doch ein so schwaches, kränkliches Brüstchen. ‚Papa,‘
sagt er, ‚Papa!‘ – Was? frage ich, sehe schon, seine Äuglein blitzen. –
‚Papa, wie hat er dich nur ... Papa!‘ – Was ist dabei zu machen,
Iljuscha? sage ich. – ‚Versöhne dich nicht mit ihm, Papa, söhne dich
nicht mit ihm aus. Die Schüler sagen, er habe dir dafür zehn Rubel
gegeben.‘ – Nein, Iljuscha, sage ich, ich werde unter keiner Bedingung
von ihm Geld nehmen. Wissen Sie, sein ganzes Körperchen erzitterte; er
ergriff mit beiden Händchen meine Hand und küßte sie immer wieder. –
‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, fordere ihn zum Duell; in der Schule sagen sie,
du seiest ein Feigling und würdest ihn nicht fordern, vielmehr zehn
Rubel von ihm nehmen.‘ – Zum Duell, Iljuscha, kann ich ihn nicht
fordern, antwortete ich und erklärte ihm kurz, wie ich es auch Ihnen
soeben erklärt habe, warum ich es nicht kann. Er hörte mir aufmerksam
zu: ‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, aber trotzdem söhne dich nicht mit ihm aus,
ich werde groß werden, ihn dann fordern und totschlagen!‘ Seine Äuglein
glänzen und brennen. Nun, ich bin doch sein Vater, muß ihm doch ein Wort
der Wahrheit sagen: Es ist Sünde, sage ich, zu töten, und wäre es im
Zweikampf. – ‚Papa,‘ sagt er, ‚Papa, ich werde ihn niederwerfen, wenn
ich groß bin, ich werde ihm seinen Säbel mit meinem Säbel aus der Hand
schlagen, werde mich auf ihn stürzen, ihn niederwerfen, werde meinen
Säbel über ihm schwingen und ihm sagen: Könnte dich sofort erschlagen,
aber ich verzeihe dir, da hast du’s!‘ – Sehen Sie, sehen Sie,
Karamasoff, was in seinem Köpfchen inzwischen vorgegangen war, in diesen
zwei Tagen! An diese Rache hat er ja Tag und Nacht gedacht, hat
wahrscheinlich auch nur davon phantasiert. Nun kam er verprügelt aus der
Schule heim; das erfuhr ich aber erst vor drei Tagen, und Sie haben
recht: ich werde ihn nicht mehr in diese Schule schicken. Ich weiß, daß
er allein gegen die ganze Klasse kämpft und noch selbst alle
herausfordert. Er ist in Zorn geraten, sein Herzchen hat sich entflammt
– mir wurde bange um ihn. Darauf gehen wir wieder spazieren. – ‚Papa,‘
sagt er plötzlich, ‚Papa, die Reichen sind doch die Stärksten in der
Welt?‘ – Ja, Iljuscha, sage ich, es gibt in der Welt keinen Stärkeren
als einen Reichen. – ‚Papa, dann werde ich reich werden, werde Offizier
werden und alle niederschlagen; der Zar wird mich belohnen, ich werde
dann wiederkommen, und dann wird niemand mehr wagen ...‘ Darauf schwieg
er ein wenig, seine Lippen aber zuckten immer noch. – ‚Papa,‘ sagt er
plötzlich, ‚wie schlecht doch unsere Stadt ist, Papa!‘ – Ja, sage ich,
Iljuschetschka, unsere Stadt ist nicht sehr gut. – ‚Papa, wollen wir in
eine andere Stadt fahren, in eine gute,‘ sagt er, ‚wo man uns gar nicht
kennt.‘ – Ja, das wollen wir, Iljuscha, laß mich nur erst ein wenig Geld
zusammensparen. Ich freute mich über die Gelegenheit, ihn von seinen
traurigen Gedanken ablenken zu können, und so begannen wir denn beide,
uns auszumalen, wie wir in eine andere Stadt übersiedeln würden, wie wir
uns ein Pferdchen und einen Wagen kaufen wollten. Mütterchen und die
Schwestern setzen wir hinein und decken sie gut zu, selbst aber gehen
wir nebenher: hin und wieder setze ich auch dich hinein, ich aber gehe
nebenher, denn man muß doch das eigene Pferdchen schonen, alle können
sich doch nicht hineinsetzen, und so ziehen wir dann in eine andere
Stadt. Das entzückte ihn förmlich, und besonders, daß es unser eigenes
Pferdchen sein würde, mit dem wir fortzogen. Sie wissen doch, daß ein
russischer Junge bereits zusammen mit einem Pferdchen geboren wird.
Lange schwatzten wir; Gott sei Dank, dachte ich, jetzt habe ich ihn
etwas zerstreut und beruhigt. Das war vorgestern abend. Gestern abend
aber zeigte sich etwas ganz anderes. Am Morgen war er wieder in die
Schule gegangen und so finster zurückgekehrt, gar zu finster. Am Abend
nahm ich ihn bei der Hand und brachte ihn hinaus, spazieren: er
schweigt, spricht kein Wort. Ein Wind hatte sich erhoben, und die Sonne
hatte sich versteckt; ein Herbsttag war’s bereits, und es dunkelte auch
schon. Wir gingen, und beiden war uns traurig zumut. – Nun, mein Junge,
frage ich, wie werden wir uns denn auf den Weg machen? – wollte ihn auf
das Gespräch von unserer Reise in die andere Stadt bringen. Er schweigt.
Nur seine Fingerchen waren in meiner Hand zusammengezuckt. Schlimmes
Zeichen, denke ich. Und so kamen wir, wie jetzt, zu diesem Stein, ich
setze mich auf ihn; am Himmel aber sahen wir Drachen steigen, etwa
dreißig an der Zahl, sie summen, und ihre Schwänze klatschen. Jetzt ist
doch die Drachenzeit. Sieh mal, Iljuscha, sage ich, es ist auch für uns
Zeit, unseren vorjährigen Drachen steigen zu lassen. Ich werde ihn
wieder instand setzen; wo hast du ihn nur gelassen? – Mein Junge
schweigt, blickt zur Seite, steht schräg von mir abgewandt. Da kam mit
einemmal ein Windstoß und wirbelte den Sand auf ... Und plötzlich warf
er sich an mich, umklammerte mit seinen Ärmchen meinen Hals und preßte
mich an sich. Wissen Sie, wenn kleine Kinder schweigsam und stolz sind
und lange ihre Tränen zurückhalten, so sind es ja, wenn das Leid zu groß
wird und sie dann einmal in Tränen ausbrechen, so sind es ja nicht mehr
Tränen, die sie weinen, nein, wie Bäche strömt es aus ihren Augen. Und
so flossen denn seine warmen Tränenströme über mein Gesicht. Er
schluchzte wie im Krampf, sein ganzes Körperchen bebte; er preßte mich
an sich, ich saß auf dem Stein. ‚Papachen,‘ rief er, ‚Papachen, liebes
Papachen, wie hat er dich nur so erniedrigt!‘ Da schluchzte auch ich
auf; und wir saßen und schluchzten zusammen. – ‚Papachen,‘ sagt er,
‚Papachen!‘ – Iljuscha, sage ich ihm, mein Iljuschetschka! Niemand hat
uns gesehen, nur Gott allein sah uns, vielleicht wird er es in mein
Schuldbuch eintragen. Überbringen Sie Ihrem Bruder meinen Dank. Nein,
Verehrtester, meinen Jungen werde ich nicht zu Ihrer Genugtuung
bestrafen!“
Er schloß wieder in seinem boshaft mokanten Ton. Aljoscha aber fühlte
doch, daß der Hauptmann schon Zutrauen zu ihm gefaßt hatte, daß dieser
Mensch nicht so geredet hätte, falls er mit einem anderen zusammen
gewesen wäre. Das gab Aljoscha, dessen Seele vor heimlichen Tränen
bebte, wieder Hoffnung und Mut.
„Ach, ich würde mich so gern mit Ihrem Jungen anfreunden!“ sagte er
warm. „Wenn Sie es so machen könnten ...“
Der Hauptmann murmelte etwas vor sich hin.
„Aber jetzt handelt es sich nicht darum, nicht darum, hören Sie mich
an,“ fuhr Aljoscha erregt fort, „hören Sie! Ich habe einen Auftrag an
Sie: Mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, derselbe, der Sie beleidigt hat,
hat auch seine Braut, von der Sie wohl schon gehört haben, beleidigt.
Ich habe das Recht, zu Ihnen von dieser Beleidigung zu sprechen; ich muß
es sogar tun, denn sie selbst hat mir, nachdem sie von Ihrer Beleidigung
und Ihren unglücklichen Verhältnissen erfahren, sie selbst hat mir
soeben – vorhin vielmehr – den Auftrag gegeben, Ihnen diese
Unterstützung von ihr zu überbringen ... nur von ihr allein, nicht von
Dmitrij Fedorowitsch, der sie verlassen hat, nein, nein, und auch nicht
von mir, seinem Bruder, oder von sonst jemandem, sondern von ihr, von
ihr allein! Sie läßt Sie aufrichtig bitten, von ihr diese Hilfe
anzunehmen ... Sie sind beide von ein und demselben Menschen beleidigt
... Sie hat sich auch erst dann Ihrer erinnert, als sie von ihm eine
ebenso große Beleidigung erfahren hatte –, von demselben, der auch Sie
beleidigt hat ... Sie kommt mit ihrer Hilfe wie eine Schwester zum
Bruder ... Sie hat mich beauftragt, Sie zu überreden, von ihr diese
zweihundert Rubel anzunehmen ... wie von einer Schwester, die Ihre Not
kennt. Niemand wird etwas davon erfahren, Sie brauchen also keine
häßlichen Klatschgeschichten zu fürchten ... hier sind die zweihundert
Rubel, und ich schwöre es Ihnen, Sie müssen sie annehmen, oder ... oder
alle Menschen müssen fortan untereinander Feinde sein! Aber es gibt doch
in der Welt auch Brüder ... Sie haben ein edles Herz ... Sie müssen das
annehmen, Sie müssen es tun!“
Und Aljoscha hielt ihm die beiden neuen Hundertrubelscheine hin. Sie
waren an dem großen, einsamen Stein am Zaun stehen geblieben, ringsum
war kein Mensch zu sehen. Die regenbogenfarbenen Scheine machten auf den
Hauptmann, wie es schien, einen erschütternden Eindruck: er fuhr
zusammen, doch drückte sich auf seinem Gesicht zuerst nur maßloses
Erstaunen aus; solch einen Ausgang des Gesprächs hatte er nicht
erwartet. Daß ihm von irgend jemand eine Unterstützung, und noch dazu
eine so bedeutende, zuteil werden konnte – das hätte er nie für möglich
gehalten. Er nahm die beiden Scheine, konnte aber noch nicht antworten;
etwas ganz Neues drückte sich in seinem Gesichte aus.
„Das mir? mir? so viel Geld? Zweihundert Rubel! Väterchen! Ich habe doch
schon seit vier Jahren nicht mehr soviel Geld gesehen – Herrgott! Und er
sagt, als Schwester ... ist das denn wirklich wahr, ist denn das wahr?“
„Ich schwöre Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, wahr ist!“ Der
Hauptmann errötete.
„Hören Sie mich, mein Liebling, hören Sie, wenn ich das nun annehme, so
werde ich doch deswegen kein Schuft sein? In Ihren Augen, Alexei
Fedorowitsch, werde ich es doch nicht sein? Nein, Alexei Fedorowitsch,
hören Sie mich an,“ stotterte er, sich übereilend, und berührte Aljoscha
immer wieder mit beiden Händen. „Sie sagen, sie schickt mir das als
‚Schwester‘, um mich zu überreden; aber bei sich – werden Sie mich nicht
verachten, wenn ich es annehme, wie?“
„Aber nein doch, warum sollte ich dies tun? Ich schwöre Ihnen bei meinem
Seelenheil, daß ich’s nicht tun werde. Und niemand wird etwas davon
erfahren: außer Ihnen nur ich, sie und noch eine Dame, ihre beste
Freundin ...“
„Ach was, Dame! Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, hören Sie mich zu Ende;
jetzt müssen Sie mich aber anhören, denn Sie können sich ja gar nicht
denken, was diese zweihundert Rubel für mich bedeuten,“ fuhr der Arme,
bebend vor Erregung, fort. Er schien mehr und mehr in eine geradezu
wilde Begeisterung zu geraten. Er sprach halb besinnungslos, beeilte
sich aber sehr, als ob er gefürchtet hätte, man würde ihn vielleicht
nicht alles sagen lassen. „Abgesehen davon, daß es von der so verehrten
und heiligen ‚Schwester‘ ehrlich erworben ist, kann ich jetzt, wissen
Sie das auch, unser Mütterchen und Ninotschka, meinen verwachsenen
Engel, meine Tochter, meine ich, gesund machen! Doktor Herzenstube kam
einmal aus reiner Güte zu mir, untersuchte sie beide eine ganze Stunde
lang: ‚Davon‘, sagte er, ‚begreife ich nichts‘, aber ein gewisses
Mineralwasser, das auch hier in der Apotheke zu haben ist – er hat den
Namen aufgeschrieben – würde ihr doch zweifellos Erleichterung bringen,
und auch Fußbäder hat er angeordnet. Das Mineralwasser aber kostet
dreißig Kopeken, und trinken soll sie ungefähr vierzig Flaschen. So nahm
ich denn das Rezept und legte es auf das Regal unter die Heiligenbilder,
dort liegt es heute noch. Und Ninotschka, sagte er, sollte man noch in
einer gewissen Lösung baden, heiße Bäder und zweimal täglich, morgens
und abends. Aber wie sollten wir denn solche Bäder machen, bei uns, in
unserem Zimmer, ohne Dienstboten, ohne Hilfe, ohne Geschirr und ohne
Wasser? Ninotschka aber ist ganz rheumatisch, das habe ich Ihnen noch
gar nicht gesagt; in der Nacht schmerzt ihr die ganze rechte Seite; oh,
wie sie sich quält; aber was glauben Sie wohl, sie ist ganz still, unser
Engelchen, nimmt alle Kraft zusammen, um nicht zu stöhnen, uns nicht
aufzuwecken oder auch nur Sorgen zu machen. Wir essen, was wir gerade
haben, was man so zusammenbekommt; sie aber nimmt immer das letzte
Stückchen, was man eigentlich nur noch Hunden vorwerfen könnte. Und der
Blick, mit dem sie’s tut, sagt noch förmlich: ‚Bin dieses Stückchen
nicht wert, ich nehme es euch fort, lebe nur euch zur Last.‘ Sehen Sie,
das ist es, was ihr Engelsblick sagen will. Wenn wir sie bedienen, quält
es sie: ‚Bin es doch nicht wert, ich bin doch ein unnützer Krüppel, bin
doch ganz überflüssig und nur allen im Wege auf der Welt!‘ Sie soll es
nicht wert sein, sie, die uns doch durch ihre Engelsgüte von Gott
Verzeihung erbittet ... wäre doch ohne sie, ohne ihr sanftes Wort, die
Hölle bei uns ... sogar Warjä ist durch sie sanfter geworden. Aber
Warwara Nikolajewna verurteilen Sie auch nicht, die ist gleichfalls ein
Engel, hat gleichfalls viel erduldet. Sie kam im Sommer her und hatte
sich noch sechzehn Rubel erspart, mit Stunden verdient, um damit im
September, also jetzt, nach Petersburg zurückfahren zu können. Wir aber
haben ihr Geld verlebt, und nun hat sie nichts, womit sie zurückfahren
könnte. Und auch abgesehen davon, kann sie nicht fahren, da sie doch wie
ein Sträfling für uns arbeiten muß ... haben wir sie doch wie ein Pferd
gesattelt, um auf ihr zu reiten: sie wartet allen auf, flickt, wäscht,
fegt das Zimmer aus, bringt das Mütterchen zu Bett – Mütterchen aber ist
irrsinnig, Verehrtester, Mütterchen weint beständig, Mütterchen ist
krank! ... Aber für diese zweihundert Rubel kann ich doch eine
Dienstmagd annehmen, begreifen Sie das auch, Alexei Fedorowitsch, kann
ich meine Lieben gesund machen, kann ich meine Studentin nach Petersburg
schicken, kann ich Rindfleisch kaufen, eine neue Diät einführen ...
Herrgott, das ist doch! ...“
Aljoscha war selig, daß er soviel Glück hatte bringen können, und daß
der Arme einwilligte, das Geld zu nehmen.
„Halt, Alexei Fedorowitsch, halt!“ Jenem schien plötzlich ein neuer
Gedanke zu kommen, und wieder begann er in seiner sich überhastenden,
besinnungslosen Weise weiterzusprechen. „Wissen Sie auch, daß wir jetzt,
Iljuscha und ich, wirklich unseren Plan ausführen können? Wir werden uns
einen verdeckten Wagen und ein Pferdchen kaufen, einen kleinen Rappen,
er wollte unbedingt einen Rappen haben, und so ziehen wir denn ab, wie
wir vor drei Tagen beschlossen. Ich habe im K-schen Gouvernement einen
bekannten Advokaten, einen Jugendfreund, der, hat man mir gesagt, würde
mir, wenn ich hinkäme, eine Stelle als Schreiber geben; wer kann’s denn
wissen, vielleicht wird er auch wirklich was geben ... Nun, dann setzen
wir Mütterchen und Ninotschka hinein, Iljuschetschka laß ich
kutschieren, selbst aber gehe ich zu Fuß nebenher, und so würden wir
fortziehen ... Herrgott, und wenn man nur noch eine einzige verlorene
Schuld hier ausgezahlt bekäme, so würde es vielleicht wirklich dazu
reichen!“
„Es wird reichen, es wird reichen!“ versicherte Aljoscha freudig.
„Katerina Iwanowna wird Ihnen noch mehr geben, soviel Sie wollen, und
auch ich habe Geld, nehmen Sie, soviel Sie brauchen, wie von einem
Bruder, einem Freunde; später können Sie es ja wiedergeben ... Sie
werden doch reich werden, bestimmt sogar! Und wissen Sie, das ist das
Beste, was Sie sich ausgedacht haben, in ein anderes Gouvernement zu
fahren! Das ist wirklich eine Rettung für Sie und besonders für Ihren
Jungen! Nur sobald als möglich, vor der Kälte noch, vor dem Winter. Dann
werden Sie uns von dort schreiben, und wir werden Brüder bleiben ...
Nein, das ist kein Traum!“
Aljoscha wollte ihn fast umarmen, dermaßen glücklich war er. Doch da
blickte er ihn an und blieb erschrocken stehen: Der Hauptmann stand mit
vorgestrecktem Hals, vorgeschobenen Lippen, mit bleichem Gesicht, das
plötzlich einen ganz wahnsinnigen Ausdruck hatte, und bewegte die
Lippen, als wollte er etwas sagen, es war aber kein Laut zu hören. Er
bewegte nur immer noch die Lippen – es war so sonderbar.
„Was haben Sie!“ fragte Aljoscha zusammenfahrend.
„Alexei Fedorowitsch ... ich ... Sie ...“ murmelte stockend der
Hauptmann und blickte ihn so seltsam und wild und doch stier an, als ob
er sich entschlösse, sich in einen Abgrund zu stürzen, und doch schienen
seine Lippen gleichsam zu lächeln. „Ich ... Sie ... Soll ich Ihnen nicht
ein kleines Kunststück zeigen!“ stieß er plötzlich in schnellem,
entschlossenem Geflüster hervor; seine Worte stockten nicht mehr.
„Was für ein Kunststück?“
„Ein kleines Kunststück, so ein kleines Stückchen,“ fuhr der Hauptmann
immer noch flüsternd fort; sein Mund verzog sich auf die linke Seite,
das linke Auge kniff sich zusammen, und unverwandt blickte er Aljoscha
an, als ob er sich mit seinem Blick in ihn einhaken wolle.
„Was fehlt Ihnen, was haben Sie, was für ein Stückchen?“ fragte Aljoscha
aufs äußerste erschrocken.
„Solch eines, sehen Sie!“ stieß plötzlich der Hauptmann heiser hervor.
Und er nahm beide Scheine, die er die ganze Zeit, während des ganzen
Gesprächs, an einem Eckchen zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten
Hand gehalten hatte, zeigte sie ihm – und plötzlich packte er sie wie in
rasender Wut und knitterte und preßte sie in der rechten Faust zusammen.
„Sehen Sie, sehen Sie!“ schrie er Aljoscha bleich und rasend zu, erhob
die Faust und schleuderte die beiden zerknitterten Scheine in den Sand.
– „Sehen Sie!“ schrie er wieder auf sie hinweisend, „nun, dann sehen
Sie! ...“
Und plötzlich begann er in wilder Wut mit dem Stiefelabsatz auf das Geld
zu stampfen, und bei jedem neuen Stoß schrie und stöhnte er auf:
„Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da
haben Sie Ihr Geld!“ Und mit einem Ruck sprang er zurück und stellte
sich in Positur vor Aljoscha: Sein ganzer Mensch drückte
unbeschreiblichen Stolz aus.
„Sagen Sie denen, die Sie gesandt haben, daß der Bastwisch seine Ehre
nicht verkauft!“ schrie er, mit ausgestrecktem Arm. Er wandte sich
schnell um und lief zurück; doch schon nach ein paar Schritten drehte er
sich um und winkte mit der Hand einen Gruß zu. Und wieder lief er keine
fünf Schritt, als er sich nochmals umwandte: diesmal aber war sein
Gesicht nicht vom Lachen verzerrt, sondern zuckend von Tränen
überströmt, und mit weinender, schluchzender Stimme schrie er ihm noch
zu:
„Was sollte ich meinem Jungen sagen, wenn ich von Ihnen das Geld für
unsere Schande angenommen hätte?“ Und nachdem er das geschrien hatte,
lief er immer weiter, diesmal ohne sich wieder umzuwenden. Mit
unerträglichem Weh blickte ihm Aljoscha nach. O, er begriff es, daß
jener bis zum letzten Augenblick selbst nicht gewußt hatte, daß er das
Geld ihm vor die Füße werfen werde. Der Fortlaufende wandte sich kein
einziges Mal mehr um, und Aljoscha wußte es auch, daß er sich nicht mehr
umwenden würde. Ihm folgen oder ihn rufen, wollte er nicht. Als aber
jener seinen Blicken entschwunden war, hob er die beiden Scheine auf.
Sie waren nur sehr zerknittert, plattgedrückt und in den Sand
hineingetreten, sonst aber ganz heil. Sie knisterten, als Aljoscha sie
auseinanderfaltete und glättete. Darauf faltete er sie wieder zusammen,
steckte sie in die Tasche und begab sich zu Katerina Iwanowna, um von
dem Geschehenen zu berichten.