I.
Pater Ferapont
Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz
war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen
und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein
Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte
man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend.
„Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu
Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl
nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang
der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche
versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den
Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus
dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich
von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein
war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz
zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den
Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine
Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe
euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das
Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu
unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen
vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben –
selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf
die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen,
was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und
sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas
zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles
aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben
Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern
gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung
mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz
auszuschütten ...
„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später
erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in
diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen;
im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß
er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als
die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der
Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er
dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach
gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß
er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen
Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen
im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer
Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von
uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar –
und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln
für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese
Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes
Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen
als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf
Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden
haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe
weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein
jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu
erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein
jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst
unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie
erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt
ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht
stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht,
die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die
Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar
die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch
unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt
ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte
alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche
nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder
Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten
Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von
Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in
Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in
verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch
eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das
heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an
Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ...
Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“
Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist
und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz
auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er
ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung
andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie
unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als
Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über
die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle
drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in
ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung.
Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des
Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen
Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft
konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das
Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der
Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte
herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau
Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit
gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen
Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die
Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den
Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach
Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem
Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen
lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt
hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei
wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum
Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“
(schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben
sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken
werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben
Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die
Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr
als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus
Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht
alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben
war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen
Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen
„seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha
eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der
ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“
– Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell
geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder
Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen;
alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte,
Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner
Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine
Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute
die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend
um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit
Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als
sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und
siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein
Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit
finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die
Lippen lächelten stolz und überzeugt.
„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich
gleichsam gegen seinen Willen.
„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“
wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht
sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“
niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn
viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist
alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er
damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß
er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde
das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und
auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen
waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen
Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher
zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von
ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst
gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf
gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er
hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima
auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle
hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und
beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war
derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich
schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des
Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige
Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich,
obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war
er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine
Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen
Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten,
obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen
konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten
für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima.
Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort
üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein
Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn
nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der
Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor
langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen
Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater
Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man
sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm.
Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in
diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben
Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem
kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten
Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele
geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu
besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er
aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei
Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im
Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem
wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier
Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior
jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung,
die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im
Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten.
Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag
im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er
sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr
lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam
wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit
den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein
paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken
gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich
durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu
geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher
Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß
Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit
ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch
glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk
nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach
der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und
mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der
Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann
aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der
Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in
großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde.
Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen,
kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer
mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der
kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte
sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen.
„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater
Ferapont. „Erhebe dich!“
Das Mönchlein erhob sich gehorsam.
„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich
hergeführt?“
Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater
Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein
dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls
ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und
ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte.
Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut
war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch
nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und
Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große,
leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf,
daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als
deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte
aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit
einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein
beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von
seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er
unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße
staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen.
„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen
Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine
flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den
Einsiedler an.
„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“
Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es
begann etwas zu stottern ...
„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“
„Unsere Speiseregel ist nach alter Einsiedlersatzung folgende: Während
der großen Fastenzeit vor Ostern gibt es am Montag, Mittwoch und Freitag
nichts, am Dienstag und Donnerstag für die Brüderschaft weiße Brote,
Gerstentrank mit Honig, Schellbeeren oder gesalzenen Kohl und
Hafermehlbrei. Am Sonnabend Weißkohl, Erbsen, Grütze mit Hanfsaft, alles
in Öl. In der Woche zum Kohl noch getrockneten Fisch und Grütze. In der
Karwoche aber vom Montag bis zum Sonnabend, also sechs Tage, nichts als
Brot und Wasser und rohes Kraut, und auch das nur mit Enthaltsamkeit.
Dann kann man wieder so essen wie in der ersten Fastenwoche; aber am
heiligen Karfreitag wird nichts gegessen, und also auch am heiligen
Sonnabend fasten wir bis zur dritten Morgenstunde, und dann dürfen wir
etwas Brot mit Wasser und jeder je ein Gläschen Wein trinken. Am
heiligen Gründonnerstag aber essen wir Gekochtes ohne Öl, trinken Wein
mit etwas Trockenkost dazu; denn also ist auch auf dem heiligen Konzil
zu Laodicäa gesagt worden: ‚Wenn ihr die ganze heilige Fastenzeit
einhaltet, dann aber einen der letzten vier Tage freigebt, so habt ihr
die ganze heilige Fastenzeit geschändet.‘ So ist es bei uns. Was aber
ist das im Vergleich zu Euch, großer Vater,“ fügte das Mönchlein,
dreister geworden, hinzu, „denn Ihr genießet doch das liebe runde Jahr
und auch zu den heiligen Osterfeiertagen, wenn doch alle essen, nur Brot
und Wasser, und was an Brot bei uns nur auf zwei Tage reicht, das genügt
Euch für alle sieben Herrgottstage der Woche. Wahrlich, sie ist
wunderbar, Eure so große Enthaltsamkeit.“
„Und die Pfefferschwämme?“ fragte plötzlich Pater Ferapont.
„Pfefferschwämme?“ fragte das Mönchlein erstaunt.
„Nun ja; ich werde auch noch von ihrem Brot fortgehen, brauch’s
überhaupt nicht, gehe in den Wald, werde dort von Pfefferschwämmen oder
Beeren leben; sie aber gehen hier nirgends fort von ihrem Sauerteig,
sind also dem Teufel untertan, daß sie an ihn gebunden bleiben.
Heutzutage reden die Unflätigen, es sei unnütz, so viel zu fasten. Das
kommt alles nur von ihrer Unersättlichkeit und ihrem stinkenden
Hochmut.“
„Ach ja, das ist wohl wahr!“ meinte das Mönchlein seufzend.
„Hast du aber bei ihnen auch die Teufel gesehen?“ fragte Pater Ferapont.
„Bei welchen ‚ihnen‘?“ erkundigte sich vorsichtig und schüchtern das
Mönchlein.
„Im vergangenen Jahr ging ich am Karfreitag hinauf zum Prior, das war
denn auch das letztemal, seitdem bin ich nie mehr dort gewesen. Sah, bei
dem einen sitzt er auf der Brust, versteckt sich unter der Kutte, nur
die Hörner gucken noch raus; beim anderen sitzt er in der Tasche, lauert
nur noch vorsichtig mit flinken, kleinen Augen, hat Angst vor mir; beim
dritten hat er sich im Bauch niedergelassen, an der unflätigsten Stelle
seines Leibes; dem vierten hat er sich einfach an den Hals gehängt, und
der trägt ihn wie nichts, bemerkt ihn überhaupt nicht.“
„Ihr ... Ihr seht so etwas?“ erkundigte sich das Mönchlein wieder.
„Sag ich dir doch, daß ich sie sehe, durch und durch sogar. Als ich dann
langsam vom Prior fortging, da, sieh – sitzt einer hinter der Tür, will
sich dort vor mir verstecken, solch ein fester Junge, eine oder
anderthalb Arschin groß oder noch größer, mit einem dicken,
dunkelbraunen, langen Schwanz, das Ende aber vom Schwanz war zwischen
die Türspalte geraten – da war ich nicht dumm und knallte die Tür zu und
klemmte seinen Schwanz ein. Wie er quiekte, wie er um sich schlug! Ich
aber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal nacheinander und kreuzte ihn
einfach tot. Er krepierte denn auch auf der Stelle, wie eine
plattgedrückte Spinne. Jetzt muß dort das Aas in der Ecke wohl schon
verwest sein und stinken, sie aber sehen es weder, noch riechen sie es.
Ein Jahr lang bin ich nicht mehr dort gewesen; nur dir hab ich’s gesagt,
weil du doch ein Fremdling bist.“
„Furchtbar sind Eure Worte! Aber wie, großer, gebenedeiter Vater,“ – das
Mönchlein wurde etwas mutiger – „ist es wahr, was man sich in fernen
Gauen Rußlands von Euch erzählt, daß Ihr, wie es heißt, sogar mit dem
Heiligen Geiste in fortwährendem Verkehre stehet?“
„Wenn er kommt, kommt’s vor.“
„Wie kommt er denn?“
„Geflogen kommt er.“
„In welcher Gestalt denn?“
„Als Vogel.“
„Also der Heilige Geist in Gestalt einer Taube?“
„Manchmal der Heilige Geist, manchmal der Heilgeist. Der Heilgeist ist
was anderes, der kann auch als ein anderer Vogel herniederfahren: als
Schwälbchen, als Stieglitz, als Meise.“
„Aber wie unterscheidet Ihr ihn denn von einer gewöhnlichen Meise?“
„Er spricht.“
„Aber wie spricht er denn? In welcher Sprache?“
„In menschlicher.“
„Aber was sagt er denn zu Euch?“
„Heute sagte er, daß ein Esel mich besuchen und dumme Fragen stellen
werde. Willst wahrlich nicht wenig wissen.“
„Furchtbar sind Eure Worte, gebenedeiter, heiligster Vater,“ sagte das
Mönchlein kopfschüttelnd; doch in seinen erschrockenen Äuglein lag ein
bißchen Mißtrauen.
„Siehst du hier diesen Baum?“ fragte nach einigem Schweigen Pater
Ferapont.
„Jawohl, heiliger Vater.“
„Deiner Meinung nach ist’s eine Ulme, meiner Meinung nach aber ist’s ein
ganz anderes Ding.“
„Was ist es denn?“ Das Mönchlein schwieg in vergeblicher Erwartung.
„Meistens in der Nacht,“ sagte plötzlich nach längerem Schweigen Pater
Ferapont. „Siehst du diese zwei großen Äste? In der Nacht streckt
Christus von dort seine Arme mir entgegen und sucht mich mit diesen
Armen, das sehe ich deutlich, und ich zittere. Furchtbar, o furchtbar!“
„Was ist denn dabei furchtbar, wenn es Christus selbst ist?“
„Er kann mich doch erfassen und emportragen.“
„Lebendig?“
„Hast du denn von Elias nichts gehört? Er umfaßt einen und trägt einen
fort ...“
Obschon der kleine Obdorsksche Mönch nach diesem Gespräch nicht wenig
nachdenklich in die ihm angewiesene Zelle eines der Klosterbrüder kam,
so fühlte er sein Herz doch mehr zum Pater Ferapont als zum Staretz
Sossima hingezogen. Das arme Mönchlein war vor allen Dingen fürs Fasten,
und da sollte es, seiner Meinung nach, niemanden weiter wundernehmen,
wenn solch ein Faster, wie Pater Ferapont, auch „Wunderbares erschaute“.
Seine Worte waren allerdings etwas absonderlich gewesen, aber wer konnte
denn außer Gott wissen, was sich in ihnen verbarg, in diesen Worten, und
doch konnte man allen anderen um Christi willen Einfältigen kein
einziges solcher Worte und keine einzige solcher Taten nachrühmen. An
den eingeklemmten Teufelsschwanz war er nicht etwa im bildlichen,
sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes mit ganzer Seele und mit
wahrem Vergnügen zu glauben bereit. Außerdem war er immer sehr
voreingenommen gegen das Startzentum gewesen, das er bis jetzt nur vom
Hörensagen kannte und wie viele andere gleichfalls für eine schädliche
Neuerung hielt. Noch war er keinen ganzen Tag im Kloster gewesen, als er
schon das geheime Murren einiger freimütiger Klosterbrüder wider das
Startzentum vernommen hatte. Zudem war er schon von Natur ungewöhnlich
neugierig und für alles interessiert, weshalb er denn auch immer
umherschnüffelte und überall spionierte. Das war nun der Grund, warum
ihn die Nachricht von dem neuen „Wunder“, das der Staretz Sossima
vollbracht haben sollte, so erregte. Aljoscha erinnerte sich später, daß
er in der Menge, die sich vor der Zelle des Staretz drängte, mehrmals
die kleine Gestalt des herumschnüffelnden Gastes vom heiligen Silvester
bemerkt hatte, wie der Kleine von Gruppe zu Gruppe ging, überall horchte
und fragte. Doch damals beachtete er ihn nicht weiter; erst später fiel
es ihm wieder ein ... Und war ihm doch auch an jenem Tage nicht darum zu
tun: dem Staretz Sossima, der sich wieder sehr müde gefühlt und sich
hingelegt hatte, war plötzlich, schon im Einschlafen, Aljoscha
eingefallen, und so hatte er ihn sofort zu sich rufen lassen. Aljoscha
eilte zu ihm. Beim Staretz befanden sich gerade nur Pater Paissij, der
Priestermönch Pater Jossiff und der Novize Porfirij. Der Staretz schlug
seine müden Augen auf, blickte Aljoscha aufmerksam an und fragte ihn
plötzlich:
„Erwarten dich nicht die Deinen, mein Sohn?“
Aljoscha erschrak und stotterte etwas.
„Bedürfen sie nicht deiner? Hast du gestern nicht jemandem versprochen,
heute hinzukommen?“
„Ja ... meinem Vater ... den Brüdern ... auch anderen ...“
„Siehst du, geh unbedingt hin, sei nicht traurig. Wisse, daß ich nicht
sterben werde, ohne in deiner Gegenwart mein letztes Wort hier auf Erden
gesagt zu haben. Dir werde ich dieses Wort sagen, dir vermache ich es,
dir, mein geliebter Sohn, denn ich weiß, daß du mich liebst. Jetzt aber
geh zu denen, welchen du versprochen hast zu kommen.“
Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch
widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier
auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha,
erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in
die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da
sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz
verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck
auf ihn machten.
„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche
Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im
letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den
Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse
scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum
überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise
analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich
wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn
das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der
Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte
gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen
einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den
Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der
Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn
auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe
eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus
behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres
Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und
seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was
sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt.
Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für
die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages
gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit
gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen,
und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister
Junge.“
Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster
verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er
plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen
herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte –
ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen
wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet
worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater
Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem
Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf
mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele
unter seinen Schutz zu nehmen.
II.
Beim Vater
Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause
näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst
vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder
sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir
allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen
heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung
anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er
schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die
Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu
Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei
Stunden fortgegangen sei.
„Und der Vater?“
„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas
trocken.
Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel
allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große
Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im
Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen
ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh
aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen
Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine
Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch
verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war
gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr
zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab,
die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses
Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem
eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen.
„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich
sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als
Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf.
Wozu hast du dich herbemüht?“
„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha.
„So, und außerdem hab ich dir gestern befohlen, herzukommen. Solch ’n
Blödsinn. Hast aber umsonst geruht, dich zu bemühen. Übrigens wußt ich’s
ja, daß du dich sofort ranschleppen wirst ...“
Alles, was er sprach, sagte er im feindseligsten Tone. Er erhob sich vom
Stuhl und blickte besorgt in den Spiegel (vielleicht zum vierzigstenmal
an diesem Morgen), um wieder seine Nase zu betrachten. Auch versuchte
er, das rote Tuch auf der Stirn zurechtzuzupfen, damit es etwas hübscher
aussähe.
„Ein rotes ist doch immerhin etwas besser, im weißen sieht man ja sofort
wie ein wandelndes Lazarett aus,“ bemerkte er bissig. „Nun, wie ist’s
denn dort bei dir? Was macht dein Alter?“
„Es geht ihm sehr schlecht; er wird vielleicht heute noch sterben,“
antwortete Aljoscha; doch der Vater hörte ihm schon nicht mehr zu und
hatte auch seine Frage sofort wieder vergessen.
„Iwan ist fortgegangen,“ sagte er plötzlich. „Er macht jetzt Mitjka mit
aller Gewalt die Braut abspenstig – einzig darum lebt er hier,“ fügte er
mit boshaft verzogenen Lippen hinzu und blickte Aljoscha an.
„Hat er das wirklich Ihnen selbst gesagt?“ fragte Aljoscha.
„Jawohl und schon vor langer Zeit. Was glaubst du wohl: vor nicht
weniger als drei Wochen hat er’s selbst ausgesprochen. Ist doch nicht
hergekommen, um mich heimlich aufzuspießen! Zu irgendeinem Zweck muß er
doch gekommen sein?“
„Warum, weshalb reden Sie so?“ fragte Aljoscha erschrocken und verwirrt.
„Um Geld bittet er mich nicht, das ist wahr; aber er wird ja auch von
mir keinen Heller zu riechen bekommen. Ich, mein liebster Alexei
Fedorowitsch, ich beabsichtige nämlich, möglichst lange hier in dieser
Welt zu leben, das lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, damit
Sie’s nur wissen; darum aber brauche ich jede Kopeke, und je länger ich
lebe, um so nötiger habe ich sie,“ fuhr er fort, im Zimmer auf und ab
schreitend, die Hände in den Taschen seines breiten, gelben, befleckten
Sommermantels. „Jetzt bin ich immerhin noch ein Mann, hab’ erst
fünfundfünfzig auf dem Buckel; und will mich noch mindestens zwanzig
Jahre zu den Männern zählen. Wenn ich dann alt werde und widerlich –
dann werden sie doch nicht mehr gutwillig zu mir kommen; nun, und dann
wird man’s eben mit den Gelderchen machen müssen. Also baue ich jetzt
vor und sammle, sammle – für mich allein, mein verehrter Herr Sohn,
damit Sie’s nur beizeiten wissen; denn ich beabsichtige in meiner
Liederlichkeit bis zu meinem Ende zu leben, das lassen Sie sich gesagt
sein. Liederlich zu leben, ist doch am schönsten; alle schimpfen
darüber, und doch leben sie alle ebenso, bloß tun sie es alle heimlich,
ich aber tue es öffentlich. Wegen dieser meiner Offenherzigkeit
schimpfen ja jetzt sämtliche Schweine über mich. Für dein Paradies aber
danke ich untertänigst, das kann mir gestohlen werden, damit du’s nur
weißt, mein lieber Alexei Fedorowitsch; und ’s wäre ja auch für einen
anständigen Menschen unanständig, dorthin zu kommen, selbst wenn es so
etwas geben würde. Meiner Meinung nach schläft man einfach ein und wacht
nicht mehr auf, und weiter gibt es nichts. Wollt ihr meiner noch
gedenken, Seelenmessen für mich lesen lassen, na, meinetwegen, wenn’s
euch Spaß macht; wollt ihr nicht, na, dann hol euch allesamt der Teufel.
Das ist meine ganze Philosophie. Gestern bei Tisch redete Iwan nicht
schlecht, wenn wir auch alle betrunken waren. Iwan ist ein Prahlhans,
und von so ’ner großen Gelehrsamkeit oder Bildung merk ich nichts bei
ihm ... er lächelt bloß und macht sich innerlich lustig über dich,
versteht aber zu schweigen – das ist alles, was er kann.“
Aljoscha hörte zu und schwieg.
„Warum spricht er nicht mit mir? Spricht er aber mal mit mir, so
verstellt er sich ... ’n Schuft ist dein Iwan! Gruschenka aber werde ich
heiraten, sobald ich nur will. Denn mit Geld in der Tasche braucht man
nur zu wollen, mein verehrter Alexei Fedorowitsch, und alles geschieht,
was man will. Das aber ist es ja, was Iwan fürchtet, und darum bewacht
er mich hier, damit ich nicht heirate, und darum hetzt er auch Dmitrij,
daß _er_ Gruschenka nehme. Auf diese Weise will er mich von Gruschenka
fernhalten – als ob ich ihm Geld hinterließe, wenn ich sie nicht
heirate! – und andererseits, wenn Mitjka die Gruschenka heiratet, so
fällt ihm noch dessen reiche Braut zu; siehst du jetzt, was für
Berechnungen er hat! ’n Schuft ist dein ganzer Iwan!“
„Sie sind heute noch von dem gestern Erlebten gereizt; Sie müßten sich
etwas erholen, zu Bett gehen,“ sagte Aljoscha.
„Sieh, wenn du mir das sagst,“ bemerkte plötzlich der Alte, als ob es
ihm zum erstenmal aufgefallen wäre, „dann ärgere ich mich nicht über
dich; auf Iwan aber, wenn er mir dasselbe gesagt hätte, würde ich sofort
spinnwütend geworden sein. Nur mit dir allein bin ich ein paar
Augenblicke lang gut gewesen, denn sonst bin ich ja doch ein böser
Mensch.“
„Nein, Sie sind kein böser Mensch, Sie sind nur ein verdorbener Mensch,“
sagte Aljoscha lächelnd.
„Hör, ich wollte schon diesen Räuber Mitjka heute einsperren lassen, und
eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau, was ich tun werde.
Heutzutage ist es ja wohl höchst modern, Väter und Mütter für ein
Vorurteil zu halten; aber nach dem Gesetz, glaube ich wenigstens, ist es
selbst in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht schwarz auf weiß erlaubt,
seine Väter an den Haaren zu reißen, auf dem Fußboden herumzuschleifen
und mit den Absätzen ins Gesicht zu treten, dazu in deren eigenem Hause!
Und dann sich noch zu brüsten, später wiederzukommen, um einen ganz
totzuschlagen, dazu alles in Gegenwart von Zeugen! Ich könnte ihn, wenn
ich wollte, für das Gestrige sofort einsperren lassen.“
„Aber Sie werden es doch nicht tun?“
„Iwan riet mir ab. Ich pfeife natürlich auf Iwan; aber mir ist dabei
etwas anderes eingefallen ...“
Er näherte sich Aljoscha, beugte sich zu ihm nieder und fuhr in
geheimnisvollem Geflüster fort:
„Lasse ich den Schuft festsetzen, so erfährt sie es und läuft sofort zu
ihm; hört sie dagegen, daß er mich, den schwachen Greis, halb
totgeschlagen hat, so ist es möglich, daß sie ihm den Rücken kehrt und
mich besuchen kommt ... Wir kennen doch die Weiber – immer das
Entgegengesetzte! Itsch, dann erst recht! Ich kenne sie wie meine fünf
Finger! Aber willst du nicht ’nen kleinen Kognak? Trink mal ’n bissel
Kaffee; er ist zwar nur lauwarm, aber er kann dir nicht schaden; werde
dir ein Viertelgläschen hineingießen, das gibt dem Zeug ’nen andern
Geschmack.“
„Nein, danke, nicht nötig. Dieses Brötchen werde ich mir in die Tasche
stecken, wenn Sie erlauben,“ sagte Aljoscha und steckte sich ein
Dreikopeken-Franzbrot in die Tasche seiner Kutte. „Und auch Sie sollten
heute lieber keinen Kognak trinken,“ meinte er mit einem etwas besorgten
Blick auf das Gesicht des Vaters.
„Du hast recht, er reizt nur und gibt keine Ruh. Aber ein einziges
Gläschen ... Ich nehm ihn aus dem Schränkchen ...“
Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und schloß das Schränkchen auf,
goß sich ein Gläschen ein und schloß dann das Schränkchen wieder zu.
„So, Schluß damit. Von einem Kognak werde ich doch nicht krepieren.“
„Sie sind davon immerhin schon freundlicher geworden,“ meinte Aljoscha
lächelnd.
„Hm! Dich liebe ich auch ohne Kognak; mit Schuften aber bin auch ich ’n
Schuft. Wanjka will nicht nach Tschermaschnjä fahren – warum nicht? Mich
bespionieren will er: ob ich Gruschenka viel gebe, wenn sie kommt. Alle
sind Schufte! Und diesen Iwan erkenne ich überhaupt nicht an, will
nichts von ihm wissen, kenne ihn überhaupt nicht! Von wo mag solch einer
nur hergekommen sein? Gar nicht wie unsereiner; weiß der Teufel, was der
Kerl für eine Seele hat. Und als ob ich ihm etwas hinterlassen werde!
Nicht mal ’n Testament werde ich hinterlassen, damit ihr’s nur wißt,
meine Verehrtesten! Mitjka aber, den schlag ich platt wie eine Schabe.
Wenn diese schwarzen Biester nachts in mein Zimmer kommen, so knacke ich
sie immer mit dem Pantoffel: es knallt, daß es eine wahre Freude ist,
wenn man drauftritt und sie platzen. So wird auch dein Mitjka platzen,
wenn ich ihn plattdrücke. Sage ‚dein Mitjka‘, weil du ihn ja so ins Herz
geschlossen hast. Sieh, du liebst ihn; ich aber fürchte mich deshalb
nicht, weil du ihn liebst. Wenn ihn aber Iwan liebte, so würde ich für
mich, weil der ihn liebt, Angst bekommen. Aber Iwan liebt niemanden,
Iwan ist kein Mensch wie wir; solche Menschen, wie Iwan, das, weißt du,
sind nicht Menschen, das ist aufgewirbelter Staub ... kommt ein Wind, so
wird der Staub verweht ... Gestern kam mir eine Dummheit in den Kopf,
als ich dir befahl, heute herzukommen; wollte durch dich etwas von
Mitjka erfahren ... wenn man ihm Eintausend, nun, sagen wir Zweitausend,
hinschmisse, er hat doch nichts – ob er sich dann wohl dazu verstehen
würde, sich von hier zu packen, aber ganz und gar, auf fünf Jahre oder
besser auf fünfunddreißig, und ohne Gruschenka, versteht sich, sich
vielmehr ganz von ihr loszusagen, was meinst du?“
„Ich ... ich werde ihn fragen ...“ stotterte Aljoscha leise. „Wenn Sie
alle Dreitausend geben würden, so wäre es vielleicht möglich, daß er
...“
„Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig zu fragen! Hab mich
anders bedacht. Das war nur so’n dummer Gedanke, der mir gestern in die
Dachstube kletterte. Nichts gebe ich, nicht einmal zu riechen kriegt er
was, meine Gelderchen brauche ich für mich allein!“ Der Alte wurde
wütend und fuchtelte mit den Armen. „Werde ihn auch ohnedem wie ’ne
Schabe plattdrücken. Sag du ihm nichts, sonst faßt er womöglich noch
Hoffnung. Und auch du hast hier nichts bei mir zu suchen, schieb mal ab!
Und diese seine Braut, die Katerina Iwanowna, die er so sorgfältig die
ganze Zeit vor mir verbirgt, wird die ihn nun nehmen oder nicht? Du
gingst doch gestern zu ihr, wie?“
„Sie will ihn um keinen Preis verlassen.“
„Ja, gerade solche werden ja von den zärtlichen Damen geliebt, solche
Durchgänger und Schufte! Taugen nichts, das sag ich dir, diese blassen
Fräulein; da ist doch ganz was andres so’n ... Na, du solltest mal sehn,
wenn ich seine Jahre hätte und mein damaliges Gesicht – denn mit
achtundzwanzig Jahren war ich hübscher als er –, so würde ich ganz genau
so wie er siegen und Triumphe feiern. Solch eine Kanaille! Aber
Gruschenka kriegt er doch nicht, kriegt er doch nicht! ... Werde ihn
vernichten, zu Dreck machen!“
Bei den letzten Worten wurde er wieder wild.
„Aber jetzt kannst auch du dich packen, hast nichts hier bei mir zu
suchen,“ sagte er barsch.
Aljoscha trat zu ihm, um sich zu verabschieden, und küßte ihn auf die
Schulter.
„Was soll das?“ fragte der Alte etwas verwundert. „Werden uns doch noch
sehen. Oder glaubst du, daß wir uns nicht mehr sehen werden?“
„Durchaus nicht, ich tat es nur so, ganz zufällig.“
„Nun ja, auch ich sagte es nur so ...“ Der Alte blickte ihn an. „Hör
mal, hör,“ rief er ihm plötzlich noch nach; „komm einmal zur Fischsuppe
her, werde eine kochen lassen, eine besondere, pikfeine, nicht so wie
heute, komm bestimmt! Komm morgen, hörst du, unbedingt morgen!“
Kaum war Aljoscha hinausgegangen, als der Alte wieder zu seinem
Schränkchen trat und sich noch ein halbes Gläschen hinter die Binde goß.
„Jetzt aber Schluß!“ murmelte er, räusperte sich krächzend, schloß das
Schränkchen wieder zu und steckte den Schlüssel in die Tasche; darauf
ging er ins Schlafzimmer, legte sich erschöpft aufs Bett und schlief im
Augenblick fest ein.
III.
Die kleinen Schuljungen
„Gott sei Dank, daß er mich nicht nach Gruschenka gefragt hat,“ dachte
seinerseits Aljoscha, als er das Haus des Vaters verließ und sich zu
Frau Chochlakoff auf den Weg machte, „sonst hätte ich ja schließlich von
der gestrigen Begegnung mit Gruschenka erzählen müssen.“ Aljoscha fühlte
es schmerzlich, daß die Widersacher sich über Nacht mit neuen Kräften
von neuem erhoben und ihre Herzen sich mit dem anbrechenden Tage von
neuem verhärtet hatten. „Der Vater ist gereizt und wütend, er hat sich
jetzt etwas ausgedacht und scheint dabei bleiben zu wollen. Und Dmitrij?
Der wird über Nacht gleichfalls einen Entschluß gefaßt haben und wird
wahrscheinlich ebenso gereizt und wütend sein ... und wer weiß, was er
sich noch ausgedacht hat ... O, unbedingt muß ich mir heute noch die
Zeit nehmen, ihn, einerlei wo, aufzusuchen. Ja, das muß ich unbedingt
tun ...“
Doch Aljoscha hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken: unterwegs stieß ihm
etwas zu, das anscheinend nicht so wichtig war, ihn aber doch
ungewöhnlich erschütterte. Kaum war er über den großen Platz gegangen
und in eine Nebenstraße eingebogen, um in die Michailoff-Straße zu
gelangen – die von der Großen Straße nur durch einen kanalartigen Graben
getrennt war (unsere ganze Stadt ist von derartigen Kanälen oder breiten
Gräben durchzogen), als er unten am Graben, nicht weit von einer Brücke,
eine Gruppe kleiner Schüler, Jungen von etwa neun bis zwölf Jahren
bemerkte. Sie waren auf dem Heimweg aus der Schule und trugen ihre
Ränzchen auf dem Rücken oder hatten lederne Büchersäcke an Riemen über
die Schulter gehängt; einige waren nur in Jäckchen, andere in
Mäntelchen, und ein paar von ihnen hatten hohe Stulpenstiefelchen an,
mit Falten in den Stiefelschaften, auf die kleine Knaben stets sehr
stolz sind, doch die eigentlich nur wohlhabende Eltern, die ihre Kinder
verwöhnen, kaufen können. Die ganze kleine Gesellschaft sprach äußerst
lebhaft: man schien sich zu beraten. Aljoscha konnte niemals
teilnahmslos an kleinen Kindern vorübergehen (in Moskau war er immer
stehen geblieben, um sie zu beobachten), und obwohl er am meisten die
Dreijährigen liebte, so gefielen ihm doch auch kleine Schuljungen von
zehn Jahren sehr. Darum aber verspürte er jetzt große Lust, so sehr er
auch in Sorge war, zu ihnen zu gehen und mit diesen Jungen etwas zu
sprechen. Er näherte sich ihnen und betrachtete ihre rosigen, lebhaften
Gesichtchen; plötzlich fiel ihm auf, daß ein jeder von ihnen einen Stein
in der Hand hielt, einige sogar zwei. Zugleich bemerkte er, daß auf der
anderen Seite des Kanals, ungefähr dreißig Schritt von der erregten
Gruppe, am Zaun noch ein Knabe stand, gleichfalls ein kleiner Schüler,
der auch solch ein Büchertäschchen trug, etwa zehn Jahre alt war oder
etwas jünger, ein bleicher kränklicher Kleiner mit dunklen, blitzenden
Augen. Er stand und beobachtete aufmerksam die Gruppe der sechs anderen
kleinen Schüler, die offenbar seine Schulkameraden waren, doch mit denen
er in Fehde zu liegen schien. Aljoscha trat zu ihnen heran und sagte, an
einen blonden rotbackigen Knaben in schwarzem Jäckchen sich wendend,
indem er ihn betrachtete:
„Als ich solch eine kleine Büchertasche trug, wie du sie hast, trug man
sie auf der linken Seite, um bequem mit der rechten Hand hineinlangen zu
können; du aber trägst die Tasche auf der rechten Seite, so kannst du
sie doch nicht so leicht erreichen.“
Aljoscha hatte ganz unbeabsichtigt mit dieser sachlichen Bemerkung
begonnen, ohne zu wissen, daß ein Erwachsener, wenn er das Zutrauen
eines Kindes oder gar einer ganzen Gruppe Kinder gewinnen will, gerade
so ernst und sachlich beginnen und sie unbedingt als vollkommen
gleichstehend behandeln muß; Aljoscha hatte aus dem Instinkt heraus das
Richtige getroffen.
„Aber er ist doch ein Linkpfot,“ antwortete sofort ein anderer Knabe,
ein gesunder, mutiger Junge von etwa elf Jahren. Die Augen der übrigen
fünf richteten sich forschend auf den Jüngling in der Mönchskutte.
„Er – er wirft auch die Steine mit der linken Hand,“ bemerkte ein
dritter.
In dem Augenblick flog auf die Gruppe ein Stein, streifte nur leicht den
„Linkpfot“, war aber geschickt und kräftig geschleudert worden. Er kam
von dem kleinen Knaben, der auf der anderen Seite des Grabens stand.
„Gib ihm eins, ziel aber gut, Ssmuroff!“ riefen sofort alle erregt dem
„Linkpfot“ zu.
Doch Ssmuroff (der „Linkpfot“) ließ nicht lange warten und zahlte sofort
heim; er zielte und schleuderte seinen Stein auf den Knaben jenseits des
Grabens, traf ihn aber nicht: der Stein schlug an den Zaun. Der Knabe
jenseits des Grabens schleuderte sofort noch einen Stein auf die
feindliche Gruppe und traf diesmal – Aljoscha ziemlich schmerzhaft an
der Schulter: er hatte auch ersichtlich gerade auf ihn gezielt. Seine
Taschen waren voll von Steinen, das konnte man auf dreißig Schritt an
seinen abstehenden Paletotseiten erkennen.
„Er hat auf Sie gezielt, absichtlich gerade auf Sie! Sie sind doch ein
Karamasoff, nicht wahr, ein Karamasoff?“ schrien unter erregtem Lachen
die Knaben. „Jetzt aber alle auf einmal! Eins, zwei, drei!“
Und sechs Steine flogen auf Kommando aus der Gruppe über den Graben. Ein
Stein traf den Jungen am Kopf und er fiel hin, doch sprang er im
Augenblick wieder auf und fing an, wie rasend geworden, seine Steine auf
die Feinde zu schleudern. Es begann ein lebhaftes Bombardement; es
zeigte sich, daß auch einige von den Sechsen Steine vorrätig in den
Taschen hatten.
„Was fällt euch ein! Schämt ihr euch nicht! Sechs gegen einen, ihr könnt
ihn ja totschlagen!“ rief Aljoscha erschrocken aus.
Er sprang schnell vor, den fliegenden Steinen entgegen, um so mit seinem
Körper den Kleinen jenseits des Grabens zu schützen. Drei oder vier von
den Jungen hielten eine Minute lang inne.
„Er hat selbst angefangen!“ rief ein Kleiner in einer roten Bluse mit
hoher Kinderstimme, „er ist ein Schuft, er hat neulich Krassotkin mit
dem Federmesser gestochen, so daß Blut floß. Krassotkin wollte nur nicht
klagen gehn, ihn aber muß man durchprügeln ...“
„Warum das? Ihr neckt ihn wahrscheinlich?“
„Ha! jetzt hat er Sie wieder mit einem Stein in den Rücken getroffen! Er
kennt Sie!“ schrien die Kinder. „Jetzt zielt er nur auf Sie, nicht auf
uns! Nun aber alle Mann hoch, schieß gut, Ssmuroff!“
Und wieder begann das Bombardement, diesmal aber recht erbittert. Da
schlug ein Stein den kleinen Knaben vor die Brust: er schrie auf und
lief weinend den Berg hinauf zur Michailoff-Straße. In der Gruppe erhob
sich sofort ein Triumphgeschrei: „Acha hat Angst bekommen, läuft fort,
Bastwisch!“
„Sie wissen nicht, Karamasoff, was das für ein gemeiner Junge ist, ihn
totschlagen wäre noch viel zu wenig,“ sagte der Knabe in der Jacke,
anscheinend der älteste von den Sechsen.
„Wieso?“ fragte Aljoscha, „petzt er etwa?“
Die Knaben tauschten gleichsam spöttische Blicke untereinander aus.
„Gehen Sie auch in die Michailoffstraße?“ fragte derselbe Knabe. „So
holen Sie ihn doch ein ... Sehen Sie, er ist wieder stehen geblieben, er
wartet und sieht gerade auf Sie.“
„Ja, er sieht gerade auf Karamasoff, auf Karamasoff!“ riefen sofort auch
die anderen.
„Fragen Sie ihn, ob er solch einen Badequast, solch einen rötlich-gelben
Lindenbastwisch, mit dem man scheuert oder sich wäscht, ob er solch
einen Bastwisch liebt? Hören Sie, fragen Sie ihn gerade so!“
Alle lachten. Aljoscha blickte sie an, und sie blickten wiederum ihn an.
„Gehn Sie nicht, er wird Sie hauen,“ sagte ihn warnend der kleine
Ssmuroff.
„Nach dem Bastwisch werde ich ihn nicht fragen, denn wahrscheinlich
neckt ihr ihn aus irgendeinem Grunde gerade damit, aber ich werde ihn
fragen, warum ihr ihn so haßt ...“
„Fragen Sie nur, fragen Sie nur!“ war die lachende Antwort.
Aljoscha ging über die Brücke und dann den Berg hinauf, längs dem Zaun,
gerade auf den von seinen Kameraden geächteten Knaben zu.
„Seien Sie vorsichtig!“ schrien ihm noch die anderen warnend nach, „er
hat keine Angst vor Ihnen, er wird Sie plötzlich stechen, hinterrücks
... wie er Krassotkin gestochen hat.“
Der Knabe erwartete ihn, ohne sich zu rühren. Als Aljoscha sich ihm
näherte, sah er vor sich einen Knaben von höchstens neun Jahren, eines
von den schwächlichen und kleinen Kindern, mit einem bleichen und
mageren, länglichen Gesichtchen, mit großen, dunklen und böse ihm
entgegenblickenden Augen. Sein Mäntelchen war schon ziemlich alt und
vertragen und viel zu eng und zu knapp: er war aus ihm bereits ganz
herausgewachsen. Die bloßen Hände hingen aus kurzgewordenen Ärmelchen
heraus. Auf dem rechten Knie hatten die Höschen einen großen Flecken,
und der rechte Stiefel hatte vorn bei der großen Zehe ein großes Loch,
das stark mit Tinte eingeschmiert war. Beide Taschen seines Mäntelchens
waren voll von Steinen. Aljoscha blieb zwei Schritt vor ihm stehen und
blickte ihn fragend an. Der Kleine, der an Aljoschas Augen erriet, daß
dieser ihn nicht schlagen werde, schien sich ein wenig zu schämen, und
er begann sogar ungefragt zu sprechen:
„Ich bin allein, und sie sind sechs ... Ich werde sie alle ganz allein
verprügeln,“ sagte er mit blitzenden Augen.
„Der eine Stein muß dich sehr schmerzhaft getroffen haben,“ bemerkte
Aljoscha.
„Ich aber habe Ssmuroff an den Kopf getroffen!“ rief der Knabe
triumphierend.
„Sie sagten mir, daß du mich kennst und aus einem besonderen Grunde
absichtlich auf mich mit den Steinen geworfen hättest?“ fragte Aljoscha.
Der Knabe blickte ihn finster an.
„Ich kenne dich nicht. Kennst du mich denn?“ fuhr Aljoscha in seinen
Fragen fort.
„Gehn Sie fort!“ schrie ihn plötzlich der Knabe gereizt an, ohne aber
sich selbst vom Platz zu rühren, als ob er noch etwas erwartete, und
wieder blitzten seine dunklen Augen böse auf.
„Gut, ich werde fortgehen,“ sagte Aljoscha, „nur kenne ich dich nicht,
und du sollst nicht glauben, daß ich dich etwa necken will. Deine
Kameraden sagten mir, wie du geneckt wirst, ich aber will dich wirklich
nicht necken, nun, leb wohl!“
„Kuttenmönch, hosenloser Kuttenmönch!“ höhnte der Knabe geflissentlich
und verfolgte ihn immer noch mit demselben boshaften, herausfordernden
Blick; er stellte sich auch schon in Positur, da er offenbar glaubte,
Aljoscha werde sich unbedingt auf ihn stürzen – doch Aljoscha blickte
sich nur einmal nach ihm um und ging. Er hatte aber noch nicht drei
Schritte gemacht, als ihn ein ziemlich großer Stein, der größte, den der
Knabe gehabt hatte, schmerzhaft in den Rücken traf.
„Also hinterrücks? Dann ist es also wahr, was sie von dir gesagt haben,
daß du hinterrücks überfällst?“ fragte Aljoscha, der stehen geblieben
war und sich zurückwandte, doch diesmal schleuderte der Knabe mit wahrer
Wut wieder einen Stein auf Aljoscha und würde ihn gerade ins Gesicht
getroffen haben, wenn Aljoscha nicht den Arm zum Schutz erhoben hätte:
so schlug der Stein an seinen Ellenbogen.
„Schämst du dich nicht! Was habe ich dir getan?“ rief Aljoscha.
Der Knabe wartete schweigend und herausfordernd, wie es schien, nur
darauf, daß Aljoscha sich jetzt auf ihn stürzen werde; als er aber sah,
daß dieser es selbst jetzt nicht tat, geriet er wie ein kleines Tier
außer sich vor Wut. Er stürzte sich auf Aljoscha und packte, noch bevor
dieser sich rühren konnte, mit beiden Händen dessen linke Hand und biß
krampfhaft in den Mittelfinger. Wie Klammern hielten die kleinen Zähne
den Finger (etwa zehn Sekunden lang) fest. Aljoscha schrie auf vor
Schmerz und versuchte mit aller Gewalt seinen Finger herauszuziehen.
Endlich ließ ihn der Knabe los und sprang geschwind auf die frühere
Entfernung zurück. Das Fleisch des Fingers war durchgebissen, gerade
beim Nagel, tief, bis auf den Knochen, und blutete stark. Aljoscha zog
sein Taschentuch hervor und umwickelte fest seine verwundete Hand. Eine
gute Minute lang war er damit beschäftigt.
Während dieser ganzen Zeit erwartete der Knabe stillschweigend, was nun
kommen werde. Da erhob endlich Aljoscha seinen stillen Blick und
richtete ihn auf den Knaben.
„Nun gut,“ sagte er, „du hast mich schmerzhaft gebissen, nun ist es
genug. Jetzt sage mir aber, was ich dir getan habe?“
Der Knabe blickte ihn verwundert an.
„Ich kenne dich nicht, ich sehe dich zum erstenmal,“ fuhr Aljoscha
ebenso ruhig fort, „aber es kann doch nicht sein, daß ich dir nichts
Böses getan habe, denn umsonst würdest du mir doch nie solch einen
Schmerz zugefügt haben. So sag doch, was ich dir getan und womit ich das
von dir verdient habe?“
Statt zu antworten, fing der Knabe laut zu weinen an, und plötzlich lief
er fort. Aljoscha ging ihm langsam nach in die Michailoffstraße, und
lange noch sah er, wie weit vor ihm der Knabe lief, ohne sich umzusehen
und ohne im Laufen innezuhalten, und wie er wahrscheinlich immer noch
laut weinte. Er nahm sich fest vor, sobald er die Zeit hätte, den
Kleinen aufzusuchen und die Erklärung seines sonderbaren Hasses zu
fordern.
IV.
Bei Chochlakoffs
Er erreichte indessen bald das Chochlakoffsche Haus. Es war ein
zweistöckiges, hübsches, herrschaftliches Steingebäude, eines der
schönsten Häuser in unserem Städtchen. Obgleich Frau Chochlakoff
größtenteils im Nachbargouvernement lebte, wo sie ein Gut hatte, oder in
Moskau, wo sie ein Haus besaß, so behielt sie doch auch in unserem
Städtchen dieses von ihrem Vater oder Großvater geerbte Haus und wollte
es weder vermieten noch verkaufen. Und wenn das Gut, das sie in unserem
Gouvernementskreise besaß, auch das größte von ihren drei Gütern war, so
lebte sie doch nur sehr selten in unserem Städtchen. Sie kam Aljoscha
schon im Vorzimmer entgegen.
„Sagen Sie doch, haben Sie meinen Brief mit der Nachricht von dem Wunder
erhalten?“ begann sie erregt in ihrer nervösen Weise.
„Ja, ich habe ihn erhalten.“
„Sagen Sie doch, haben Sie ihn auch allen gezeigt, allen davon erzählt?
Er hat der Mutter den Sohn wiedergegeben!“
„Er wird heute sterben,“ sagte Aljoscha.
„Ich weiß, ich habe es schon gehört, o, wieviel ich mit Ihnen zu
sprechen habe! Über alles, alles das, mit Ihnen oder einerlei mit wem.
Nein, nein, nur mit Ihnen, nur mit Ihnen allein! Und wie schade, daß ich
ihn auf keine Weise mehr sehen kann! Die ganze Stadt ist erregt, alle
sind in großer Erwartung. Aber jetzt: Wissen Sie auch, daß Katerina
Iwanowna augenblicklich bei uns ist?“
„Ach, das trifft sich gut!“ sagte Aljoscha erfreut. „Dann kann ich sie
ja hier bei ihnen sprechen, sie bat mich gestern, heute zu ihr zu
kommen.“
„Ich weiß alles, ich weiß alles! Ich habe alles ganz genau erfahren, was
gestern bei ihr geschehen ist ... und alle diese entsetzlichen
Geschichten mit diesem ... Geschöpf! _C’est donc tragique_, ich würde an
ihrer Stelle, – ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte!
Aber Ihr Bruder, ich meine Dmitrij Fedorowitsch, was sagen Sie zu dem? –
O Gott, Alexei Fedorowitsch, ich, ich komme ganz aus dem Konzept.
Stellen Sie sich vor: jetzt sitzt hier bei uns Ihr Bruder, nicht jener,
nein, der andere, Iwan Fedorowitsch, er sitzt dort und spricht mit ihr:
o, es ist ein feierliches Gespräch ... Und wenn Sie sich nur denken
könnten, was jetzt zwischen ihnen geschieht, – Katerina Iwanowna
vergewaltigt sich, das ist ganz schrecklich, das ist, ich werde Ihnen
sagen, was das ist: Das ist ein grausames Märchen, an das man unmöglich
glauben kann! Beide stürzen sie sich ins Unglück, beide wissen das ganz
genau, und beide finden sie Vergnügen daran, sich unglücklich zu machen,
es scheint ihnen Genuß zu bereiten! Ach, wie ich Sie erwartet habe, wie
ich Sie ersehnt habe! Ich, wissen Sie, ich kann das nicht mehr ertragen!
Ich werde Ihnen gleich alles erzählen, aber jetzt noch was anderes, und
das ist die Hauptsache, – ach Gott, ich hatte es beinahe ganz vergessen,
daß das die Hauptsache ist. Sagen Sie doch, warum bekam Lise jetzt
wieder ihre hysterischen Anfälle? Als sie nur hörte, daß Sie zu uns
kämen, begann sofort der Anfall.“
„Mama, das ist jetzt vielleicht mit Ihnen der Fall, aber nicht mit mir,“
ertönte plötzlich irgendwoher Lisas hohes Stimmchen: Die Tür zum
Nebenzimmer zeigte eine kleine, kleine Spalte, und die Stimme klang
genau so, wie wenn jemand furchtbar gern lachen will, doch mit aller
Gewalt das Lachen unterdrückt. Aljoscha hatte diese Spalte schon früher
bemerkt und war überzeugt, daß Lise ihn von ihrem Stuhl aus durch
ebendiese Spalte beobachtete, obgleich er sie nicht sehen konnte.
„Schäme dich, Lise, schäme dich ... es ist schon möglich, daß ich von
deinen eigensinnigen Launen noch krank werde, aber, wissen Sie, Alexei
Fedorowitsch, sie ist so krank, die ganze Nacht war sie krank, fieberte
und stöhnte! Nur mit genauer Not habe ich noch den Morgen und Doktor
Herzenstube erwarten können. Er sagte, er könne es nicht begreifen, und
man müsse abwarten. Dieser Herzenstube sagt jedesmal, wenn er kommt, er
könne es nicht begreifen. Wie Sie sich aber dem Hause näherten, schrie
sie auf, bekam ihren Anfall und befahl der Magd, sie hierher in ihr
früheres Zimmer zu schieben ...“
„Aber Mama, ich wußte ja gar nicht, daß er sich dem Hause näherte, ich
wollte durchaus nicht deswegen in dieses Zimmer geschoben werden.“
„Du solltest nicht lügen, Lise, ich habe selbst gesehen, wie Julija mit
der Nachricht zu dir gelaufen kam, daß Alexei Fedorowitsch zu uns käme;
sie hatte ja die ganze Zeit auf deinen Befehl Wache gestanden.“
„Liebstes Mamachen, das ist wirklich furchtbar wenig scharfsinnig von
Ihnen. Wenn Sie mir aber einen großen Gefallen erweisen wollen, so sagen
Sie, bitte, liebste Mama, dem sehr geehrten Herrn Alexei Fedorowitsch,
daß er schon allein dadurch, daß er heute zu uns kommt, nach allem, was
gestern geschehen ist, und obgleich man sich hier über ihn lustig macht,
nur beweist, wie wenig gewitzigt er ist.“
„Lise, du erlaubst dir wirklich unerhört viel! Ich versichere dir, daß
ich endlich zu strengen Maßregeln greifen werde. Wer soll denn über ihn
lachen? ich freue mich so sehr darüber, daß er gekommen ist – ich habe
ihn so nötig, er ist mir ganz unentbehrlich! Ach, Alexei Fedorowitsch,
wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin!“
„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“
„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine
Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche,
ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und
ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch
dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich
dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese
ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich
nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder
vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen
Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist
heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein,
daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“
„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein
kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe
ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“
Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren
durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß
krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“
Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß
sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand
schlug.
„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und
eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so
lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo
haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die
Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der
Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller,
schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief
sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig
erschreckt.
„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff
ängstlich.
„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und
wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama,
gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt
immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt
ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“
„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum
der Schreck der Damen erschreckte.
Da kam auch schon die Zofe mit dem Wasser. Aljoscha tauchte den Finger
hinein.
„Mama, bringen Sie um Gottes willen Scharpie und diese trübe Flüssigkeit
– ach, wie heißt sie doch, mit der man kühlt, wenn man sich geschnitten
hat? Wir haben sie, ich weiß es genau; Mama, Sie wissen es doch auch, wo
diese Flasche ist, in Ihrem Schlafzimmer, rechts im kleinen
Medizinschränkchen, dort ist eine große Flasche und Scharpie ...“
„Ich werde alles sofort bringen, Lise, nur schrei nicht so und rege dich
nicht auf. Sieh, wie mutig Alexei Fedorowitsch sein Unglück trägt. Aber
wo haben Sie sich nur so entsetzlich verletzt?“
Frau Chochlakoff ging eilig hinaus, um die Sachen zu bringen. Darauf
hatte Lisa nur gewartet.
„Vor allem antworten Sie mir auf eine Frage,“ sagte sie hastig zu
Aljoscha, „wo haben Sie sich so verletzt? Ich habe dann noch von ganz
anderem mit Ihnen zu sprechen. Nun?“
Aljoscha begann sofort, da er fühlte, daß ihr die Zeit bis zur Rückkehr
der Mutter kostbar war, von der Begegnung mit den Schuljungen zu
erzählen, natürlich nur in großen Zügen, ohne alles Nebensächliche. Als
Lise zu Ende gehört hatte, schlug sie die Hände zusammen.
„Aber wie konnten Sie nur, wie konnten Sie sich nur, und dazu noch in
der Kutte, mit Schulbuben einlassen!“ rief sie zornig aus, ganz, als ob
sie ein Recht auf ihn besäße. „Nach alledem sind Sie ja selbst ein
kleiner Junge, der allerkleinste, den es überhaupt nur geben kann! Aber
Sie müssen mir unbedingt diesen scheußlichen Frechling aufsuchen, denn
hier steckt sicherlich ein Geheimnis dahinter ... Jetzt das zweite, doch
vorher noch eine Frage. Können Sie, trotz des Schmerzes, von ganz dummen
Sachen reden, aber vernünftig reden?“
„Das kann ich sehr gut, und ich fühle ja auch gar keinen so großen
Schmerz mehr im Finger.“
„Das kommt daher, daß Ihr Finger im Wasser ist. Aber man muß jetzt neues
Wasser nehmen, denn es wird ja sofort warm. Julija, bring sofort ein
Stück Eis aus dem Keller und eine neue Schale mit Wasser. So, jetzt sind
wir sie los, nun schnell zur Sache: Bitte, lieber Alexei Fedorowitsch,
geben Sie mir geschwind den Brief zurück, den ich Ihnen gestern
übergeben ließ, schnell, denn Mama kann ja sofort zurückkommen,
schneller doch! – ich will nicht ...“
„Ich ... ich habe ihn nicht bei mir.“
„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß
Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen
dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir
sofort zurück!! Sofort!“
„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“
„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für
ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um
Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir
unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben –
heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“
„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde
zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der
Staretz Sossima ...“
„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl
furchtbar über mich gelacht?“
„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“
„Sie beleidigen mich!“
„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas,
daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des
Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein
Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie
das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich
werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber
nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie
nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“
„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit
sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr
Gesichtchen wurde rot.
„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt,
daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“
„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen
Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen
... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer
verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon
aus dem Keller mit dem Eis zurück!“
„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist
wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann
ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ...
Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich
vorher versteckt hast ...“
„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger
ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit
Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an,
außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“
„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das
für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu!
Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht
irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist
es, was mich umbringt!“
„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa
lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das
ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name
wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen
Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen
Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen
Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein
ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu
heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten!
Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist
das nicht ganz entsetzlich!“
Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte
schelmisch zu Aljoscha auf.
„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze
sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge
vielleicht die Tollwut gehabt hat!“
„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“
„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte.
Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt
wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden
hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“
„O, nur noch ein wenig.“
„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise.
„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt:
das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach,
fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie
nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr
zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“
„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort
hingehen, er leidet viel zu sehr.“
„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha.
„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“
„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder
herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich
möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig
ins Kloster zurückkehren will.“
„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich
nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur
sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt
schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“
„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es,
wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff.
„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten
hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha.
„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja
ein Monstrum!“
„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei
Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu
reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben!
Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen
schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und
wie glücklich sich das trifft!“
„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen
einen Kuß!“
„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte
darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie
mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie
werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz
entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art:
sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus
allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das
ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn
man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“
V.
Im Empfangssalon
Doch im Salon schien die Unterredung schon beendet zu sein; Katerina
Iwanowna war sehr erregt, sah aber entschlossen aus. Als Aljoscha und
Frau Chochlakoff eintraten, hatte sich Iwan Fedorowitsch gerade zum
Aufbruch erhoben. Sein Gesicht war ein wenig bleich, und Aljoscha
blickte ihn unruhig an. Er fühlte es, daß jetzt wenigstens eines der
beängstigenden Rätsel, die ihn schon seit längerer Zeit ununterbrochen
gequält hatten, seine Lösung finden mußte. Schon seit einem Monat hatte
er von vielen Seiten und zu mehreren Malen gehört, daß sein Bruder Iwan
Katerina Iwanowna liebe und vor allen Dingen sie seinem älteren Bruder
abspenstig zu machen trachte. Bis zu diesem Tage war das Aljoscha
unglaublich und unmöglich erschienen, doch hatte er nicht den Gedanken
abschütteln können und hatte darunter nicht wenig gelitten. Er
liebte beide Brüder und fürchtete daher um so mehr solch eine
Nebenbuhlerschaft. Und nun hatte ihm Dmitrij selbst gesagt, daß er sich
über diese Nebenbuhlerschaft Iwans geradezu freue, und daß sie ihm,
Dmitrij, in vielem sogar sehr zustatten käme. Was hatte er damit sagen
wollen? Doch nicht, daß es ihm auf diese Weise leichter würde,
Gruschenka zu heiraten? Das schien Aljoscha der letzte und
verzweifelteste Schritt zu sein, den sein Bruder tun könnte. Außerdem
war Aljoscha noch bis zum letzten Augenblick in der Szene, die
Gruschenka bei Katerina Iwanowna, wie sie sagte „seinetwegen“, d. h.
Aljoschas wegen gespielt hatte, immer noch überzeugt gewesen, daß
Katerina Iwanowna seinen Bruder Dmitrij leidenschaftlich und unwandelbar
liebte.