unerwartet lauter Stimme, „daß, wenn die Tat des lobenswerten Soldaten
auch sehr gewaltig ist, wie ich meine, es doch hinwiederum keine Sünde
gewesen wäre, wenn er sich in besagter Bedrängnis beispielsweise von
Christi Namen und von seiner eigenen Taufe losgesagt hätte, um auf
selbige Weise sein Leben für gute Taten zu erhalten, mit welchen er im
Laufe der Jahre seine Kleinmütigkeit auskaufen könnte.“
„Wie soll denn das keine Sünde sein? Du faselst, mein Lieber, dafür
kommst du direkt in die Hölle, wo man dich noch wie Hammelbraten rösten
wird,“ widersprach ihm Fedor Pawlowitsch.
In dem Augenblick trat Aljoscha ein, und Fedor Pawlowitsch freute sich
ungemein über sein Kommen.
„Ein Thema für dich, für dich!“ rief er fröhlich kichernd Aljoscha zu.
„Geröstetwerden wie Hammelbraten? Das ist nicht so, und es wird mir dort
nichts dafür geschehen, und nach aller Gerechtigkeit muß dort auch
nichts Derartiges sein,“ bemerkte Ssmerdjäkoff solide überzeugt.
„Wie das, nach aller Gerechtigkeit?“ fragte Fedor Pawlowitsch noch
lustiger und versetzte Aljoscha mit dem Knie unter dem Tisch heimlich
einen Stoß.
„Ein gemeiner Mensch ist er, und das ist alles!“ platzte plötzlich
Grigorij heraus und blickte dabei Ssmerdjäkoff offen in die Augen.
„In betreff des gemeinen Menschen gedulden Sie sich etwas, Grigorij
Wassiljewitsch,“ entgegnete ruhig und zurückhaltend Ssmerdjäkoff, „und
bedenken Sie lieber selbst, daß ich, wenn ich einmal in die
Gefangenschaft der Henker der Christenheit gefallen bin und sie von mir
verlangen, den Namen Gottes zu verfluchen und mich von meiner heiligen
Taufe loszusagen, ich also durch meine eigene Vernunft zu selbiger Tat
ermächtigt bin, denn hierbei kann von Sünde gar keine Rede sein.“
„Das hast du ja schon gesagt, schwatz nicht so viel, sondern beweise!“
rief Fedor Pawlowitsch.
„Suppendreher!“ stieß Grigorij verächtlich zwischen den Zähnen hervor.
„In betreff des Suppendrehers gedulden Sie sich gleichfalls, und
bedenken Sie es lieber, ohne zu schimpfen, selbst, Grigorij
Wassiljewitsch. Denn kaum, daß ich zu meinen Peinigern sage: ‚Nein, ich
bin kein Christ, und ich verfluche meinen wahrhaftigen Gott,‘ so bin ich
auch schon in selbigem Augenblick von Gottes höchstem Gericht verurteilt
und ganz speziell verdammt und von der heiligen Kirche ausgeschlossen,
ganz wie eine Heide, und das sogar in demselben Moment, nicht nur
Augenblick, wie ich dieses – nicht nur ausspreche, sondern nur bloß
denke auszusprechen, so daß hierbei noch keine Viertelsekunde
verstreicht, bevor ich schon ausgeschlossen bin. Ist es so, oder ist es
nicht so, Grigorij Wassiljewitsch?“
Er wandte sich mit sichtlicher Genugtuung immer an Grigorij, obgleich er
nur auf die Frage Fedor Pawlowitschs antwortete, und das auch sehr gut
begriff, doch tat er absichtlich so, als ob ihm Grigorij diese Fragen
stellte.
„Iwan!“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, „beug dich ganz nah zu mir.
Das macht er alles nur deinetwegen, will, daß du ihn lobst. Und du lob
ihn auch.“
Iwan Fedorowitsch hörte vollkommen ernst die begeisterte Mitteilung
seines Vaters an.
„Wart, Ssmerdjäkoff, halt noch einen Augenblick das Maul,“ rief wieder
Fedor Pawlowitsch. „Iwan, beug dich wieder zu mir.“
Iwan Fedorowitsch beugte sich wieder mit dem ernstesten Gesicht zu ihm.
„Ich liebe dich ganz ebenso wie Aljoschka. Glaub nicht, daß ich dich
vielleicht nicht liebe. – Kognak?“
„Meinetwegen.“
„Nun, bist ja schon gehörig angetrunken,“ dachte Iwan Fedorowitsch, der
seinen Vater scharf anblickte, bei sich. Den Diener Ssmerdjäkoff aber
beobachtete er sehr interessiert.
„Du bist auch jetzt verflucht!“ platzte wieder Grigorij heraus. „Wie
wagst du überhaupt ...“
„Schimpf nicht, Grigorij, schimpf nicht!“ unterbrach ihn Fedor
Pawlowitsch.
„Gedulden Sie sich nur noch kurze Zeit, Grigorij Wassiljewitsch, und
hören Sie weiter, da ich noch nicht geendet habe. Denn also, wenn mich
Gott verflucht, bin ich doch schon in demselben Moment gleich einem
Heiden und meiner Taufe ledig, als ob ich nie getauft gewesen wäre. Ist
nun wenigstens das so oder nicht?“
„Komm zum Schluß, zum Schluß, mein Lieber,“ rief Fedor Pawlowitsch, der
mit Genuß aus seinem Gläschen nippte.
„Wenn ich aber zu selbiger Zeit schon nicht mehr Christ war, so habe ich
alsomit auf die Frage: ‚Bin ich Christ oder nicht?‘ nicht gelogen, denn
ich bin dann doch schon von Gott selber meines Christentums entbunden,
von wegen meines bloßen Gedankens, noch bevor ich ein Wort zu meinen
Peinigern gesprochen habe. Wenn ich aber alsomit auf diese Weise des
Christentums entbunden bin, mit welcher Gerechtigkeit wird man dann noch
in jener Welt von mir Verantwortung dafür verlangen, daß ich Christum
verleugnet habe, während ich doch schon vor meiner Verleugnung, schon
für den bloßen Gedanken, der doch ganz von selber kommt, meiner Taufe
entbunden war? Wenn ich aber nicht mehr Christ bin, kann ich mich doch
alsomit auch nicht von Christus lossagen, denn was man nicht hat, das
kann man auch nicht fortwerfen. Denn sagen Sie doch selbst, Grigorij
Wassiljewitsch, wer wird denn von einem heidnischen Tataren, meinetwegen
selbst im Himmelreich, dafür Rechenschaft fordern, daß er nicht als
Christenkind geboren ist, und wer wird ihn dort dafür strafen, wenn man
noch bedenkt, daß man von einem Ochsen nicht zwei Felle abziehen kann.
Wird doch der allmächtige Gott, selbst wenn er ihn nach seinem Tode
danach fragt, ihn nur ganz wenig bestrafen, denke ich – da es doch nicht
gut geht, daß er gar nicht strafen wird –, ich meine, wenn Gott der Herr
es sich selbst überlegt, daß der Sohn doch nichts dafür kann, daß er von
heidnischen Eltern auf die Welt gekommen und Heide geworden ist. Gott
der Herr kann doch nicht den Tataren vergewaltigen, ihn nehmen und
schlankweg sagen, daß auch er Christ gewesen sei? Das hieße dann doch,
daß der Allerhalter die reinste Unwahrheit sagt. Kann denn aber der
allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde auch nur ein einziges
erlogenes Wort sagen?“
Grigorij war sprachlos und starrte nur mit weit aufgerissenen Augen auf
den Redner. Wenn er auch nicht recht verstand, was er sagte, so begriff
er plötzlich von diesem ganzen Gerede doch so viel, daß er mit dem
Ausdruck eines Menschen dastand, der plötzlich mit der Stirn an eine
Wand gestoßen ist. Fedor Pawlowitsch trank sein Gläschen aus und lachte
ein helles, halbtrunkenes Lachen, als Ssmerdjäkoff geendet hatte.
„Aljoschka, Aljoschka, wie findest du das! Sieh doch einer, als was für
ein Kasuist der sich entpuppt! Iwan, er muß irgendwo bei Jesuiten in der
Schule gewesen sein. Sag mir doch, du mein stinkender Jesuit, du
Jesuitssmerdjätschij – na, ’s kommt doch auf eins heraus –, wo hast du
das gelernt? Nur laß dir gesagt sein, daß du lügst, mein lieber Kasuist,
du lügst wie gedruckt, wie gedruckt! Weine nicht, Grigorij, wir werden
ihn sofort aufs Haupt schlagen. Hör jetzt, Esel, und antworte dann:
Schön, du bist vor deinen Peinigern im Recht, aber innerlich hast du
dich doch von deinem Glauben damit losgesagt, und du sagst ja selbst,
daß du noch in selbiger Stunde verflucht wirst, wenn du aber schon
einmal verflucht bist, so, was glaubst du wohl, wird man dir dann noch
in der Hölle dafür wie einem braven Jungen das Köpfchen streicheln? Was
meinst du dazu, du mein lieber Jesuit?“
„Das ist so, wie es ist; es ist doch klar, daß ich mich dann in mir
selber gleichfalls von der Kirche losgesagt habe, aber trotzdem kann
hierbei keine spezielle Sünde sein, oder wenn, dann doch nur eine kleine
und äußerst alltäglich gewöhnliche.“
„Wie das, äußerst alltäglich gewöhnliche?“
„Du lügst, Verfluchter!“ stieß Grigorij ingrimmig hervor.
„Urteilen Sie doch selbst, Grigorij Wassiljewitsch!“ Ruhig und gemessen,
mit dem vollen Bewußtsein des Sieges und doch mit einer gewissen Großmut
dem geschlagenen Gegner gegenüber, fuhr Ssmerdjäkoff in seiner
Auseinandersetzung fort. „Urteilen Sie doch selbst: es steht doch in der
Bibel geschrieben: Wenn Sie einen Glauben auch nur von der Größe eines
Senfkörnchens haben und dabei diesem Berge sagen, daß er ins Meer
rutschen soll, selbiger Berg es unverzüglich tun werde, dieweil Sie es
so befehlen. Wenn ich alsomit ein Ungläubiger bin, Sie aber, Grigorij
Wassiljewitsch, ein so gewaltiger Gläubiger sind, daß Sie mich wegen
meiner besagten Ungläubigkeit sogar mannigfach beschimpfen, so versuchen
Sie es doch, sagen Sie diesem Berge, daß er nicht bis ins Meer – nun,
bis zum Meer ist es sehr weit von hier –, sondern meinetwegen auch nur
in unser stinkendes Flüßchen, das hier hinterm Garten fließt, rutschen
soll, dann werden Sie selber sehen, noch im selben sogenannten Moment,
daß nichts von der Stelle rutscht und alles so bleibt, wie es war und
ist, wieviel Sie auch schreien wollten. Das aber bedeutet, daß auch Sie
nicht in der vorgeschriebenen Weise glauben und nur andere dafür
alleweil mannigfach beschimpfen. Und wenn man hinwiederum nimmt, daß
heutzutage niemand, nicht nur Sie allein nicht, sondern überhaupt
niemand, angefangen sogar von den Allerhöchsten bis zum letzten
Bauernkerl, einen Berg ins Meer rücken kann, außer vielleicht
irgendeinem einzigen Menschen auf der ganzen Welt – zwei wären schon
viel –, und auch die suchen vielleicht dort irgendwo in der ägyptischen
Wüstenei als Einsiedler ihr Heil, so daß man sie vielleicht überhaupt
nicht finden kann ... also wenn es so ist, wenn alle anderen sich als
Ungläubige erweisen, also wird dann all diesen anderen gegenüber, außer
diesen beiden Einsiedlern, Gott der Herr in seiner großen
Barmherzigkeit, die doch so bekannt ist, wohl Gnade vor Recht walten
lassen? Alsomit hoffe auch ich, daß Gott der Herr mir verzeihen wird,
wenn ich einmal gezweifelt habe und darüber Tränen der Reue vergieße.“
„Halt!“ schrie plötzlich Fedor Pawlowitsch in der größten Begeisterung
dazwischen, „also daß es zwei solche gibt, die den Berg von der Stelle
rücken können, nimmst du schließlich doch an? Iwan, behalte das,
schreib’s auf: Hierin hat sich das ganze russische Volk geäußert!“
„Ja, das haben Sie richtig bemerkt, daß das ein russischer Zug im
Volksglauben ist,“ stimmte Iwan Fedorowitsch mit beifälligem Lächeln zu.
„Ah, du gibst es zu! Also ist es so, wenn sogar du es zugibst!
Aljoschka, das ist doch wahr? Genau so ist doch der russische Glaube?“
„Nein, Ssmerdjäkoff hat durchaus keinen russischen Glauben,“ sagte
Aljoscha ernst und überzeugt.
„Ich rede nicht von seinem Glauben, sondern nur von diesem einen Zug,
von diesen zwei Einsiedlern, nur von diesem einen kleinen Zug: Das ist
doch russisch, aber echt russisch!“
„Ja, dieser Zug ist allerdings ganz russisch,“ meinte Aljoscha lächelnd.
„Hör, Bileams Esel, dein Wort ist ’nen Rubel wert, werde ihn dir noch
heute geben, doch im übrigen lügst du trotzdem, das sage ich dir, lügst
wie gedruckt! Laß es dir jetzt gesagt sein, Dummkopf, daß wir alle hier
im Leben bloß aus Leichtsinn nicht glauben, wir haben keine Zeit dazu:
erstens wächst uns die Arbeit schon über den Kopf, und zweitens hat uns
Gott nur wenig Zeit gegeben, hat im ganzen für den Tag nur
vierundzwanzig Stunden bestimmt, so daß man ja nicht einmal Zeit zum
Ausschlafen hat, von Bereuen schon gar keine Rede. Du aber hast dort vor
den Quälgeistern deinen Glauben in einem Augenblick verleugnet, da du an
nichts anderes mehr als nur an deinen Glauben zu denken hattest, als es
gerade hieß, deinen Glauben zeigen! Das ist doch so, mein Lieber, denke
ich?“
„So ist es schon, aber urteilen Sie selbst, Grigorij Wassiljewitsch, daß
es doch um so mehr erleichtert, je mehr es so ist. Denn wenn ich im
selbigen Moment so wahrhaftig glaube, wie es geboten ist zu glauben,
dann wäre es wirklich Sünde, wenn ich für meinen Glauben keine Qualen
auf mich nehmen wollte, und zu den verfluchten Mohammedanern übertreten
würde. Aber dann würde es doch überhaupt nicht bis zum Foltern kommen,
denn dann brauchte ich doch nur im selbigen Moment zu dem Berge zu
sagen: erdrücke den Henker, und der Berg würde ihn sofort wie eine Wanze
plattdrücken, und ich würde fortspazieren, als ob nichts gewesen wäre,
lobsingend und den Namen Gottes preisend. Wenn ich es aber in diesem
selbigen Moment versuchte und absichtlich dem Berg zuschrie: ‚erdrücke
meine Henker‘, der Berg sie aber nicht erdrückt, wie soll ich dann,
sagen Sie doch selbst, wie soll ich dann nicht zweifeln, und dazu noch
in einer so furchtbaren Stunde der gewaltigen Todesangst? Und überdies
weiß ich dann noch, daß ich des Himmelreichs sowieso nicht in der
Vollkommenheit teilhaftig werde – sintemal sich doch der Berg auf mein
Wort hin nicht gerührt hat, alsomit heißt es, daß man meinem Glauben
droben doch nicht gerade sonderlich glaubt, und mich alsomit nicht gar
so große Belohnungen daselbst erwarten – warum soll ich mir dann
überdies, und schon ohne jeden Vorteil für mich, noch meine Haut
abziehen lassen? Denn selbst wenn sie mir meine Haut schon bis zur
Hälfte abgerissen haben, so wird doch der Berg auf mein Wort oder
Geschrei nicht von der Stelle rücken. Aber in solch einem Moment können
einen doch nicht nur Zweifel befallen, sondern kann man sogar vor Angst
selbst den Verstand verlieren, so daß ein Überlegen und jegliches Denken
ganz und gar unmöglich wird. Wodurch bin ich dann so besonders sündig,
wenn ich, dieweil ich weder hier noch dort dafür Belohnung sehe,
wenigstens mir meine Haut bewahre? Darum aber nähre ich im Vertrauen auf
die Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Hoffnung, daß mir alsomit ganz
verziehen werden wird ...“
VIII.
Beim Gläschen
Der Streit war beendet, doch sonderbar: der so gut aufgelegte Fedor
Pawlowitsch wurde plötzlich verdrießlich. Er ärgerte sich und goß sich
wieder einen Kognak hinter die Binde – es war schon ein ganz
überflüssiges Gläschen.
„Ach, packt euch, ihr Jesuiten allesamt, hinaus!“ schrie er mit einem
Male die Dienstboten an. „Scher dich, Ssmerdjäkoff. Werde dir heute den
versprochenen Rubel geben, jetzt aber marsch. Sei nicht traurig,
Grigorij, schieb ab zu Marfa, sie wird dich trösten, schlafen legen ...
Die Kanaillen lassen einen wirklich nicht in Ruhe ein Stündchen nach dem
Essen sitzen,“ schimpfte er verstimmt, als sich die Dienstboten auf
seinen Befehl sofort zurückgezogen hatten. „Ssmerdjäkoff kriecht jetzt
jeden Tag nach dem Essen her. Du bist es, der ihn so interessiert. Womit
hast du es ihm denn angetan?“ fragte er Iwan Fedorowitsch.
„Eigentlich mit nichts,“ entgegnete der, „es ist ihm eingefallen, mich
zu verehren; er ist eine Lakaienseele, ein echter Ham. Übrigens
fortschrittlicher Humus, wenn die Zeit kommt.“
„Fortschrittlicher?“
„Es wird andere und bessere geben, aber auch solche wird es geben.
Zuerst werden es solche sein, nach ihnen aber bessere.“
„Und wann wird denn die Zeit kommen?“
„Anbrennen wird die Rakete, aber vielleicht doch nicht aufsteigen.
Vorläufig liebt das Volk noch nicht sonderlich diesen ‚Suppendrehern‘
zuzuhören.“
„Das ist’s ja, solch ein Bileams Esel denkt und denkt, und – der Teufel
mag wissen, was sich der Kerl schließlich zusammendenkt.“
„Speichert Gedanken auf,“ meinte Iwan lächelnd.
„Sieh, ich weiß zum Beispiel, daß er auch mich nicht leiden kann, ganz
wie alle anderen, dich ganz genau so wenig, obgleich dir scheint, es sei
ihm eingefallen, dich ‚zu verehren‘. Aljoschka natürlich schon längst
nicht, den verachtet er einfach. Aber er stiehlt nicht, er klatscht
nicht, hält das Maul wie festgenäht, trägt nichts auf den Markt zum
Durchhecheln, macht seine Pasteten einfach großartig, und zudem – ach,
zum Teufel mit ihm, nein, wirklich, lohnt es sich denn überhaupt, über
ihn zu sprechen!?“
„Natürlich lohnt es sich nicht.“
„Und was da seine Gedanken anbetrifft, die er sich im stillen macht, so
im allgemeinen gesagt, muß man den russischen Bauer einfach versohlen,
merk dir das. Das hab ich immer behauptet: Unser Bauer ist ein
Spitzbube, es lohnt sich nicht, ihn zu bedauern; gut, daß er auch jetzt
noch zuweilen versohlt wird. Unser Vaterland ist stark geworden durch
die Birkenrute. Wenn sie die Wälder abholzen, wird auch Rußlands ganze
Kraft flöten gehen. Ich, weißt du, bin immer für die klugen Leute. Jetzt
hat man aufgehört, die Bauern zu prügeln, hält sich für zu klug dazu,
und so prügeln sich jetzt die Kerls selbst untereinander. Oh, sie täten
gut, wenn sie das Prügeln aufrechterhielten. Mit welch einem Maß du
missest, wird dir wieder gemessen werden, oder wie es da ... Kurz und
gut, es wird wieder gemessen, das ist ja die Hauptsache. Rußland aber
ist nichts als eine Schweinewirtschaft. Mein Lieber, wenn du wüßtest,
wie ich Rußland hasse ... das heißt, nicht Rußland, aber alle diese
Laster ... meinetwegen auch ganz Rußland. _Tout cela c’est de la
cochonnerie._ Weißt du, was ich liebe? Ich liebe Witz und Scharfsinn!“
„Sie haben schon wieder ein Glas ausgetrunken. Das sollten Sie lieber
nicht mehr tun.“
„Wart, ich werde gleich noch eins trinken, und dann noch eins, und dann
meinetwegen Schluß. Nein, wart, du hast mich unterbrochen. In Mokroje
fragte ich einmal auf der Durchfahrt einen Alten, er aber sagt mir: ‚Am
meisten lieben wir es,‘ sagt er, ‚Mädels zu Prügelstrafe zu verurteilen,
und dreschen lassen wir sie dann immer von den Burschen. Am nächsten
Tage aber nehmen sich die Burschen dann immer die zur Braut, die sie am
Tag vorher gedroschen haben, und so haben denn schließlich die Mädels
auch nichts dagegen.‘ He, wie findest du diesen Marquis de Sade, Wanjä?
Aber sag, was du willst, es steckt doch Scharfsinn darin. Sollen wir
nicht mal hinfahren, es uns anzusehen? Was? Aljoschka, warum wirst du so
rot? Schäm dich nicht, Kindchen. Schade, daß ich vorhin beim Prior nicht
zu Tisch blieb, hätte den Mönchen von diesen Dorfmädels erzählen müssen.
Aljoschka, sei nicht bös, daß ich deinen Prior kränkte. Weißt du, mein
Lieber, mich packt zuweilen die Wut. Denn wenn Gott ist, wenn er
wirklich existiert, – nun ja, natürlich, dann bin ich schuldig und werde
es verantworten müssen, aber wenn es Ihn überhaupt nicht gibt, wozu
braucht man sie dann noch, diese deine Patres? Dann ist’s doch viel zu
wenig, sie zu köpfen, halten sie doch die ganze Entwicklung auf! Wirst
du’s mir glauben, Iwan, das peinigt meine besten Gefühle. Nein, du
glaubst es mir nicht, ich sehe es an deinen Augen. Du glaubst den
Leuten, wenn sie sagen, daß ich im ganzen nur ein Hansnarr sei.
Aljoscha, glaubst du mir, daß ich im ganzen nicht nur ein Narr bin?“
„Ich glaube es, daß Sie nicht nur das sind.“
„Und ich glaube dir, daß du es glaubst, und daß du aufrichtig sprichst.
Du blickst mich aufrichtig an und sprichst auch aufrichtig. Iwan aber
nicht. Iwan ist hochmütig ... Aber trotzdem würde ich mit deinem Kloster
ein Ende machen. Diese ganze Mystik einfach beseitigen und
auseinanderjagen, um alle diese Esel zur Vernunft zu bringen. Und
wieviel Silber, wieviel Gold dabei in den Münzhof kommen würde!“
„Wozu denn beseitigen?“ fragte Iwan.
„Damit die Wahrheit schneller durch die Wolken bricht und überall
erstrahlt, siehst du jetzt, warum!“
„Aber wenn diese Wahrheit erstrahlt, so wird man doch Sie als ersten
berauben und dann ... beseitigen.“
„Wieso? Ach, natürlich, weiß der Teufel, du hast recht! Ich Esel!“ fuhr
Fedor Pawlowitsch sofort auf, und schlug sich leicht mit der Hand vor
die Stirn. „Nun, dann mag also dein liebes Kloster stehen bleiben so
lang es will, Aljoschka, wenn’s so ist. Weißt du auch, Iwan, daß das von
Gott dann wahrscheinlich unbedingt absichtlich so eingerichtet worden
ist? Iwan, sag: gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Wart: sage deine
Überzeugung, sag es im Ernst! Warum lachst du wieder?“
„Ich lache nur, weil Sie selbst vorhin eine scharfsinnige Bemerkung
machten über Ssmerdjäkoffs Glauben an die zwei Einsiedler, die einen
Berg versetzen könnten.“
„Ja, bin ich denn jetzt ihm ähnlich?“
„Sogar sehr.“
„Nun, schön, also bin auch ich ein Russe, so habe auch ich einen
russischen Zug, aber auch dich, mein Philosoph, kann man auf solch einem
Zuge ertappen. Willst du, soll ich? Wetten wir, daß ich dich morgen noch
auf solch einem ertappe! Aber trotzdem sag, gibt es Gott oder gibt es
Ihn nicht? Nur im Ernst! Ich will es jetzt im Ernst wissen.“
„Nein, es gibt keinen Gott.“
„Aljoschka, gibt es einen Gott?“
„Es gibt einen Gott.“
„Iwan, aber gibt es Unsterblichkeit, nun, dort, irgendeine, nun,
meinetwegen eine ganz kleine, klitzekleine?“
„Nein, auch Unsterblichkeit gibt es nicht.“
„Überhaupt keine?“
„Überhaupt keine.“
„Das heißt, eine absolute Null oder doch etwas? Vielleicht ist doch noch
etwas? Das ist doch immer noch nicht Nichts!“
„Eine absolute Null.“
„Aljoscha, gibt es Unsterblichkeit?“
„Ja, es gibt eine Unsterblichkeit.“
„Gott und Unsterblichkeit?“
„Ja, Gott und Unsterblichkeit.“
„Hm! Wahrscheinlicher ist, daß Iwan recht hat. Herrgott, wenn man bloß
bedenkt, wieviel der Mensch Glauben hingegeben hat, wieviel Kräfte aller
Art er ganz umsonst für diese Idee vergeudet hat, und das schon so viele
Jahrtausende! Wer macht sich denn so lustig über den Menschen, Iwan? Zum
letztenmal noch einmal, aber jetzt positiv: gibt es einen oder nicht?
Ich frage zum letztenmal!“
„Und zum letztenmal – nein.“
„Wer macht sich denn so lustig über uns Menschen, Iwan?“
„Der Teufel vielleicht,“ meinte Iwan Fedorowitsch lächelnd.
„Ja, gibt es denn einen Teufel?“
„Nein, auch einen Teufel gibt es nicht.“
„Schade. Weiß der Teufel noch eins, was ich mit demjenigen machen würde,
der zum erstenmal Gott ausgedacht hat! Ihn einfach zu erhängen wäre ja
viel zu wenig!“
„Dann würde es überhaupt keine Kultur geben, wenn man sich nicht Gott
ausgedacht hätte.“
„Nicht geben? Ohne Gott, meinst du?“
„Ja. Und auch Ihren Kognak gäbe es dann nicht. Aber jetzt werde ich doch
die Flasche fortstellen müssen.“
„Wart, wart, wart, mein Lieber, noch ein einziges kleines Gläschen. Ich
habe Aljoschka gekränkt. Du ärgerst dich doch nicht, Alexei? Du mein
lieber Alexeitschik, bist doch mein einziger Alexeitschik!“
„Nein, ich ärgere mich nicht. Ich kenne Ihre Gedanken. Ihr Herz ist
besser, als Ihr Kopf.“
„Was, _mein_ Herz soll besser sein als mein Kopf? Großer Gott, und wie
er das noch sagt!? Iwan, liebst du Aljoschka?“
„Ich liebe ihn.“
„Ist recht so, sollst ihn auch lieben.“ (Fedor Pawlowitsch war bereits
stark berauscht.) „Hör, Aljoscha, ich sagte deinem Staretz vorhin eine
Grobheit. Nun, ich war erregt. Aber in diesem Staretz steckt doch
Scharfsinn, er kann wirklich geistreich sein, was meinst du, Iwan?“
„Warum nicht.“
„Doch, doch, _il y a du Piron là dedans_. Das ist ein Jesuit, ein
russischer, versteht sich. Als edles Wesen, das er ist, kocht in ihm
dieser gewisse verborgene Unwille darüber, daß er sich verstellen muß
... den Heiligen spielen.“
„Aber er glaubt doch an Gott.“
„Nicht für ’ne halbe Kopeke! Und du wußtest das nicht? Er sagt es doch
allen selbst, das heißt, nicht allen, sondern nur allen klugen Leuten,
die zu ihm kommen. Dem Gouverneur Schulz hat er ganz offen gesagt:
‚_credo_, weiß aber selbst nicht, woran.‘“
„Unmöglich!“
„Genau so, sag ich dir. Aber ich achte ihn sehr. Es ist etwas
Mephistophelisches in ihm, oder richtiger, etwas aus Lermontoffs ‚Helden
unserer Zeit‘ ... Arbenin oder wie der Kerl da heißt ... das heißt, sieh
mal, er ist ein Lüstling; er ist dermaßen Lüstling, daß ich auch jetzt
noch für meine Tochter zittern würde, oder für meine Frau, wenn sie zu
ihm beichten ginge. Weißt du, wenn er davon erzählt ... Einmal, vor drei
Jahren, lud er uns zu sich zum Tee ein, Tee mit einem pikfeinen
Likörchen (die Damen schicken ihm alles zu), wie er aber dann von den
alten Zeiten zu erzählen begann, da haben wir uns nur den Leib gehalten
vor Lachen ... Besonders wie er eine Halbgelähmte geheilt hätte. ‚Wenn’s
nur meine Füße erlaubten,‘ sagte er, ‚würde ich Ihnen ein gewisses
Tänzchen vortanzen‘ ... Nun, wie? Wie findet ihr ihn? ‚Hab in meinem
Leben den Leuten nicht wenig blauen Dunst vorgemacht,‘ sagt er. Vom
Kaufmann Demidoff hat er sich runde Sechzigtausend eingezogen.“
„Wie, gestohlen?“
„Der brachte sie zu ihm wie zu einem heiligen Menschen: ‚Verwahr sie,
morgen ist bei mir Haussuchung.‘ Nun, der verwahrte sie denn auch. ‚Du
hast doch,‘ sagt er darauf, ‚die Sechzigtausend für die Kirche
gespendet.‘ Sagte ihm: ‚Ein Schuft bist du.‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚bin kein
Schuft, bin nur eine weit angelegte Natur‘ ... Übrigens, das war nicht
er ... Das war ein anderer. Ich hab sie nur verwechselt ... ohne es
selbst zu bemerken. Nun, jetzt noch ein Gläschen und dann Schluß, nimm
die Flasche fort, Iwan. Ich habe gelogen, warum hast du mich nicht
unterbrochen, Iwan ... und gesagt, daß ich lüge?“
„Ich wußte, daß Sie es selbst sagen würden.“
„Du lügst, das hast du aus Bosheit nicht getan, nur aus Bosheit. Du
verachtest mich. Du bist hergekommen zu mir und verachtest mich jetzt in
meinem eigenen Hause.“
„Ich werde sehr bald fortfahren; der Kognak ist Ihnen nicht gerade
zuträglich.“
„Ich hab dich himmelhoch gebeten, nach Tschermaschnjä zu fahren ... auf
ein, zwei Tage, du aber fährst nicht.“
„Morgen, wenn es Ihnen so sehr darum zu tun ist.“
„Wirst ja doch nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen, mich
bespionieren, siehst du, was du willst, eine böse Seele bist du, und
darum wirst du auch nicht fahren.“
Der Alte hörte nicht auf. Er hatte jene Phase der Trunkenheit erreicht,
in der viele bis dahin friedliche Trinker sich plötzlich ärgern wollen.
„Was siehst du mich an? Was hast du für Augen? Deine Augen sehen mich an
und sagen mir: ‚Betrunkene Fratze.‘ Mißtrauisch sind deine Augen, mit
Verachtung blicken deine Augen ... Du bist hergekommen, weil du was ganz
Besonderes im Sinne hast. Sieh, Aljoscha blickt einen an, und seine
Augen strahlen dabei; der hat keine Hintergedanken. Aljoscha verachtet
mich nicht. Aljoscha, du sollst Iwan nicht lieben!“
„Ärgern Sie sich nicht über meinen Bruder! Hören Sie endlich auf, ihn zu
beleidigen!“ sagte plötzlich Aljoscha heftig.
„Was, wieso – ich, nun, meinetwegen. Ach, mein Kopf schmerzt. Nimm den
Kognak fort, Iwan, zum drittenmal sag ich es dir schon.“ Er verstummte,
wurde nachdenklich, und allmählich verzog sich sein Gesicht zu einem
schlauen, breiten Lächeln. „Sei nicht bös, Iwan, ärgere dich nicht über
den alten Taugenichts. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, aber trotzdem
ärgere dich nicht. Wofür sollte man mich auch lieben. Wenn du nach
Tschermaschnjä fährst, werde ich dich besuchen, Delikatessen mitbringen.
Ich werde dir dort ein Mädel zeigen, ich habe sie mir schon längst
gemerkt. Vorläufig ist sie noch ein Barfüßchen. Aber laß dich dadurch
nicht abschrecken, verachte sie nicht, die Barfüßchen – Perlen, sag ich
dir!“
Und er drückte schmatzend einen Kuß auf seine Handfläche.
„Für mich,“ begann er plötzlich ganz belebt, als sei er im Augenblick
nüchtern geworden, sobald er nur auf sein Lieblingsthema kam, „für mich
... Ach ihr! Kinderchen! Kleine Ferkelchen seid ihr! Für mich ... hat es
sogar in meinem ganzen Leben kein einziges verächtliches Weib gegeben,
das ist die Regel, an die ich mich halte! Könnt ihr das begreifen? Ach,
wie sollt ihr denn das begreifen können: bei euch fließt ja noch
Kindermilch anstatt Blut in den Adern, seid ja doch noch nicht mal aus
dem Ei gekrochen! Nach meiner Überzeugung kann man in jedem Weibe
ungewöhnlich viel, hol’s der Teufel, Interessantes finden, etwas, das
man bei keiner einzigen anderen wiederfinden kann, – nur muß man es zu
finden verstehen, das ist der Haken! Dazu gehört eben ein Talent!
Unmögliche hat’s für mich überhaupt nicht gegeben: schon allein das, daß
sie Weib ist, schon allein das – ist die Hälfte des Ganzen ... aber wie
sollt ihr das begreifen! Selbst in den alten Jungfern findest du
zuweilen noch so etwas, daß du dich über die übrigen Esel nur wundern
kannst, wie sie sie nur haben alt werden lassen, ohne es überhaupt zu
bemerken! Die Barfüßigen und Ausrangierten muß man ganz zuerst in
Erstaunen setzen, – siehst du, so muß man sie anfassen. Und du wußtest
das noch nicht? In Erstaunen muß man sie setzen, in eine Verwunderung,
die zum Entzücken wird, die sie schließlich wie Begeisterung
durchdringt, daß sich solch ein vornehmer Herr in solch einen
Schmutzfink, wie sie, hat verlieben können. ’s ist wahrhaftig schön, daß
es immer Hamiten und Herren auf der Welt geben wird, dann wird es auch
immer solch eine kleine Scheuermagd geben, und immer auch einen Herrn
für sie, das aber ist doch alles, was zum Lebensglück nötig ist! Wart
... hör mal, Aljoschka, mit deiner verstorbenen Mutter machte ich es
ebenso, ich setzte sie gleichfalls in Erstaunen, nur kam es dabei anders
heraus. Bin lange Zeit nicht zärtlich zu ihr, dann aber, wenn die Minute
kommt – falle ich plötzlich vor ihr nieder, krieche auf den Knien vor
ihr herum, küß ihr die Füßchen und bringe sie jedesmal, jedesmal –
erinnere mich dessen noch wie heute – zu solch einem kleinen Lachen,
solch einem trockenen, hellen, nicht lauten, nervösen ganz besonderen
Lachen. Nur sie allein hatte solch ein Lachen. Ich weiß, daß damit bei
ihr immer die Krankheit anfängt, daß sie morgen als Klikuscha rufen
wird, und daß dieses kleine, trockene Lachen nichts weniger als
Begeisterung bedeutet ... nun, einerlei, wenn auch Betrug, aber immerhin
doch Begeisterung. Seht ihr, was das heißt, in allem so etwas zu finden
verstehen! Einmal, weiß ich noch, war Beljäwski – ein hübscher,
steinreicher Junge, hatte sich in sie verliebt und kam daher häufig zu
uns ... Na ja, was ich sagen wollte, dieser Beljäwski also gab mir
plötzlich in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige, und zwar in ihrer
Gegenwart. Als sie das sah, solch ein Lamm, – ich dachte, sie schlägt
mich tot! ‚Jetzt bist du beschimpft,‘ schreit sie, ‚beschimpft, du hast
von ihm eine Ohrfeige bekommen! Du hast mich,‘ sagt sie, ‚an ihn
verkauft ... Wie hat er es wagen können, dich in meiner Gegenwart zu
schlagen! Wage es nicht mehr, zu mir zu kommen, nie mehr, nie mehr! Geh
sofort, fordere ihn auf Pistolen‘ ... So daß ich sie damals zur
Beruhigung ins Kloster schleppen mußte, die heiligen Väter stellten sie
durch Gebete wieder her. Aber, bei Gott, das hatte ich doch nicht von
meiner kleinen Klikuscha erwartet! Nur einmal, höchstens einmal, es war
noch im ersten Jahr: sie betete damals schon gar zu viel, besonders an
den Feiertagen der Muttergottes, dann jagte sie sogar mich fort, in mein
Kabinett – schlafen. Ich dachte, wart, werde diese ganze Mystik aus ihr
heraustreiben! ‚Siehst du,‘ sage ich, ‚siehst du, das ist dein
Heiligenbild, sieh, hier ist es, sieh, ich hab es abgenommen: und jetzt
sieh, du hältst es für wundertätig, ich aber werde es jetzt gleich hier
vor deinen Augen anspucken, und nichts wird dafür mit mir geschehen!‘
... Wie sie das sah, Herrgott, denke ich: jetzt wird sie mich
totschlagen! Sie aber sprang nur auf, krampfte die Hände zusammen, dann
bedeckte sie mit ihnen das Gesicht, erzitterte am ganzen Körper und fiel
zu Boden ... einfach so ... Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was fehlt
dir?“
Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem
Augenblick, da der Vater von seiner Mutter zu sprechen begann,
allmählich verändert. Er wurde rot, seine Augen flackerten auf, und die
Lippen erzitterten ... Der trunkene Alte schwatzte weiter, daß ihm der
Speichel von den Lippen spritzte, und bemerkte nichts davon – bis zu dem
Augenblick, da mit Aljoscha plötzlich etwas sehr Sonderbares geschah,
und zwar wiederholte sich bei ihm genau dasselbe, was der Alte gerade
von seiner „Klikuscha“ erzählte. Aljoscha sprang plötzlich auf, krampfte
die Hände zusammen, bedeckte dann mit ihnen das Gesicht und fiel wie vom
Blitz getroffen zurück auf den Stuhl; er erbebte plötzlich von einem
hysterischen Anfall erschütternder Tränen und schluchzte lautlos. Die
ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Mutter frappierte den Alten ganz
besonders.
„Iwan, Iwan! Gib schnell Wasser,“ rief er erregt. „Das ist ganz wie sie,
ganz genau so wie sie, wie damals seine Mutter! Bespritz ihn ein bißchen
mit dem Wasser, so machte auch ich es mit ihr. Er weint wegen seiner
Mutter ... wegen seiner Mutter ...“
„Ich glaube, seine Mutter war auch _meine_ Mutter, was meinen Sie wohl?“
stieß plötzlich in unbezwingbarer, zorniger Verachtung Iwan Fedorowitsch
hervor.
Der Alte fuhr zusammen vor seinem lodernden Blick. Doch da geschah etwas
sehr Sonderbares, allerdings nur auf eine Minute: der Alte schien
wirklich vergessen zu haben, daß die Mutter Aljoschas auch die Mutter
Iwans war ...
„Wie das – deine Mutter?“ murmelte er verständnislos. „Wie meinst du
das? Von welch einer Mutter sprichst du? ... ja, war sie denn auch ...
Ach, richtig! Teufel! Sie ist ja auch deine! Ach, Teufel! Nun, das, mein
Lieber, das war mir ganz entfallen, verzeih, ich aber glaubte, Iwan ...
He–he–he!“
Ein trunkenes, halb sinnloses Lächeln zog wieder sein Gesicht in die
Breite. Da hörten sie plötzlich vom Vorzimmer her Geräusch und Gepolter
und lautes Geschrei: die Saaltür flog auf, und herein stürzte Dmitrij
Fedorowitsch. Der Alte warf sich entsetzt zu Iwan:
„Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Beschütz mich, beschütz
mich!“ rief er heiser und klammerte sich angstvoll an den Rock seines
Sohnes Iwan Fedorowitsch.
IX.
Die Wollüstlinge
Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff
in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer
entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der
ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor
etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij
Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und
lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen
Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er
schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen
davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten
Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte,
stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf
Grigorij.
„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“
Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor
Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener
mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden,
Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf
und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück,
war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke.
„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen,
wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist
sie? Wo ist sie?“
Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf
Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen
ihn mit einemmal.
„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach.
Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht
zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem
Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend
zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf
einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim
Vorüberlaufen umgeworfen hatte.
„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“
Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und
brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.
„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan
Fedorowitsch zornig seinem Vater zu.
„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er
sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist
...“
Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet,
und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz
verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu
sein.
„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief
Iwan Fedorowitsch ärgerlich.
„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“
„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt,
soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“
Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich
jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich
tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren
gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich
hinausgegangen sein.
„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er
Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld
gestohlen!“
Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf
Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte
plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an
den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte
ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch
zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte
stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren
Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn
fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft,
indem er den Bruder von vorne umklammerte.
„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan.
„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber
noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet
ihn nicht davor bewahren können!“
„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch.
„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder
war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der
Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“
„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt
niemand erwartet!“
„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich
werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt
von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage
unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und
seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“
Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen
Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei
Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer
noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij
Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick
auf ihn.
„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und
vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche
dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“
Damit verließ er das Zimmer.
„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“
krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger
Ssmerdjäkoff zu sich heran.
„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“
schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er
auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“
Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde
schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt;
dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem
Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken
Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das
Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan
Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück.
Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij
aber stand in finsterem Schweigen am Tisch.
„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses
Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s
nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig
geschlagen ... gerade auf den Kopf.“
„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich
hin.
„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas
spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch.
„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“
wiederholte Grigorij.
„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja
womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn
totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu.
„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha.
„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem
Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere
Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“
Aljoscha fuhr zusammen.
„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich
ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde
hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“
Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter
dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die
Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des
Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte
sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus.
„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“
„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“
„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“
Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der
Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und
betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark
geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein
großer, blutunterlaufener Fleck.
„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du,
ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich
allein fürchte ich nicht!“
„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich
nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“
„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die
Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“
„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie
ist überhaupt nicht hier gewesen!“
„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“
„Sie wird ihn nicht nehmen.“
„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen
Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm
nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er
Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen
erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der
Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm
es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster
zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf
schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel,
sag die Wahrheit!“
„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha
traurig.
„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka,
oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell
als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir
oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“
„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha
halblaut und ein wenig verwirrt.
„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist
zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und
sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos,
nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“
„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“
„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er
hinauslief?“
„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“
„Nach Geld? Er will Geld haben?“
„Nein, nicht nach Geld.“
„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch
in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch
sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh,
unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“
„Gut, ich werde kommen.“
„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich
zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein
Wort davon!“
„Gut.“
„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir
mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ...
nur muß ich noch etwas nachdenken.“
„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“
„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz
gesund! ...“
Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank
an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein
Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei
voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster
zurückzukehren.
„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“
sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer
Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam.
„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und
vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie
jetzt nicht antreffen sollte ...“
„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu
überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen.
„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief,
erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich
bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun
... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“
„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und
Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder.
„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte
wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man
den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“
„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch
das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer
von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“
„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird
in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der
Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel
natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht
das Recht, zu wünschen?“
„Doch nicht den Tod des anderen?“
„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst
belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt
nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine
Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem
Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig,
das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“
„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich
daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“
„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn
immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen
Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile
und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem
Lächeln hinzu.
Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan
hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen
Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht
tat.
X.
Beide zusammen
Als Aljoscha das Haus seines Vaters verließ, fühlte er sich noch
niedergeschlagener und bedrückter, als er vorhin bei seinem Eintritt
gewesen war. Sein Verstand schien ihm gleichsam ganz zerstückt und
zerstreut zu sein, und zu gleicher Zeit fühlte er, daß er sich
fürchtete, das Verstreute zu vereinigen und sich über die allgemeine
Ursache und Bedeutung aller quälenden Widersprüche, die er an diesem
Tage empfunden hatte, klar Rechenschaft abzulegen. Es war ein
bedrückendes, unerklärliches Gefühl, das fast an Verzweiflung grenzte,
und das Aljoscha noch nie in seinem Herzen empfunden hatte. Über allen
anderen quälenden Zweifeln und Rätseln stand wie ein Berg die eine
verhängnisvolle, unlösbare Frage: Womit wird es zwischen dem Vater und
dem Bruder dieses furchtbaren Weibes wegen enden? Jetzt war er selbst
Augenzeuge gewesen und hatte sie beide in ihrer Eifersucht gesehen. Doch
unglücklich, wirklich und furchtbar unglücklich konnte nur Dmitrij sein:
ihn erwartete zweifellos großes Leid. Nun aber erwies sich auch, daß es
noch andere Menschen gab, die all dieses gleichfalls anging und
vielleicht noch viel mehr anging, als Aljoscha sich früher gedacht
hatte. Es stellte sich plötzlich sogar etwas Rätselhaftes heraus. Sein
Bruder Iwan war ihm einen Schritt näher getreten, was er solange schon
gewünscht hatte, und siehe, jetzt fühlte er plötzlich, daß ihn diese
Annäherung erschreckte. Und jene Frauen? Wie sonderbar: vorhin war er so
unruhig und befangen gewesen, als er sich zu Katerina Iwanowna
aufgemacht hatte, nun aber beeilte er sich selbst, schneller zu ihr
hinzukommen, ganz als ob er erwartete, bei ihr Rat zu finden. Und doch
war es jetzt schwerer, den Auftrag auszurichten als vorhin: die
Geldangelegenheit war endgültig entschieden, und Dmitrij, so sagte sich
Aljoscha, würde sich jetzt für ehrlos und hoffnungslos verloren halten
und darum sich auch in nichts mehr zügeln, sondern sich geradeaus,
kopfüber in den Abgrund stürzen. Und zudem hatte er noch befohlen,
Katerina Iwanowna auch die letzte Szene zu erzählen.
Es war schon sieben Uhr und es dunkelte bereits, als Aljoscha bei
Katerina Iwanowna eintrat. Sie hatte ein sehr geräumiges und bequemes
Haus an der Großen Straße gemietet. Aljoscha wußte, daß sie zusammen mit
zwei Tanten wohnte; doch war die eine nur die Tante ihrer Stiefschwester
Agafja Iwanowna. Das war jene schweigsame Person, die im Hause ihres
Vaters, des Oberstleutnants, damals, als sie aus dem Institut nach Hause
zum Besuch gekommen war, sie wie eine Magd bedient hatte. Die andere
Tante dagegen war eine vornehme, doch gleichfalls arme Dame, eine
Moskowiterin. Es hieß, daß sie beide in allen Dingen Katerina Iwanowna
gehorchten und bei ihr nur als „Anstandsdamen“ wohnten. Katerina
Iwanowna jedoch gehorchte nur ihrer Gönnerin, der alten Generalin, die
krankheitshalber in Moskau geblieben war, und der sie wöchentlich zwei
Briefe mit ausführlichen Nachrichten über sich schreiben mußte.
Als Aljoscha in das Vorzimmer trat und die Zofe, die ihm die Tür
geöffnet hatte, ihn anzumelden bat, schien man im Saal von seiner
Ankunft schon zu wissen (vielleicht hatte man ihn vom Fenster aus
gesehen), nur hörte Aljoscha noch ein Geräusch wie von hastig
forteilenden Frauenschritten und Kleiderrauschen: vielleicht liefen zwei
oder drei Frauen aus dem Zimmer. Es schien ihm sonderbar, daß er durch
seinen Besuch solch eine Aufregung hervorrief; er wurde aber sofort
gebeten, in den Saal einzutreten. Es war das ein großes, elegant,
durchaus nicht nach provinziellem Geschmack reich möbliertes Zimmer:
kleine Sofas, Couchetten, Chaiselongues, kleine und große Tische waren
geschmackvoll gruppiert; an den Wänden hingen Gemälde, Vasen und Lampen
standen auf den Tischen und auf besonderen Ständern viele Blumen. Da die
Dämmerstunde schon vorrückte, war es etwas dunkel im Saal; Aljoscha
bemerkte aber doch auf dem Sofa, auf dem man augenscheinlich noch vor
kurzem gesessen hatte, einen seidenen Überwurf und auf dem Tisch davor
zwei unausgetrunkene Tassen Schokolade, Biskuit, eine Kristallschale mit
blauen Weintrauben und eine andere mit Konfitüren. Es mußte jemand zu
Gast gewesen sein. Aljoscha erriet, daß er einen Besuch gestört hatte
und runzelte die Stirn; da aber wurde auch schon eine Portiere
zurückgeschlagen, und Katerina Iwanowna trat mit schnellen Schritten auf
ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Im selben Augenblick
brachte das Mädchen zwei brennende Lichte und stellte sie auf den Tisch.
„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe
ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie
sich, bitte.“
Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert,
als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr
vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht
gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden,
und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit
Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet
und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die
stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens
in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß
Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen,
dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut
zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen
Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in
das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht
nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem
Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu
verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte.
„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein
ruhiges Glück werden.“
„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich
nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht
ewig lieben werde?“
„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit
ihr nicht immer glücklich sein.“
Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über
sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“
Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es
getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm
sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt
hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon
beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte,
daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte
diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter
Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha
das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne,
edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu
bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten
Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu
dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie
vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem
Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im
Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht
geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel
ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war,
was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar
einer Art Begeisterung glich.
„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von
Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“
„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich
geschickt –“
„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich
alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus.
„Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum
ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie
selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes:
ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen,
den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz
aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so
brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen
Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein,
als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm
aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen
Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu
mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis
aufs letzte Wort! ...“
„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und
sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“
„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“
„Ja!“
„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“
„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen
Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“
Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht.
„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer
Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir
dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie:
Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu
überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen,
so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders
auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir
gerade den _Abschiedsgruß_ zu überbringen – so muß er sehr erregt,
vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst
und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir
fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die
ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen
sein.“
„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“
„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr
verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen
nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“
„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn
am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt
wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte,
wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es
möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber
wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken
und verstummte plötzlich.
„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr
sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das
Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr
ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie
sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein
einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und
wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das
bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich
nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine
furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der
Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch
schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht
schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er
noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt
er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach
allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er
mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor
mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht
gefürchtet; warum habe _ich_ denn bis jetzt noch nicht dasselbe
Vertrauen verdient?“
Die letzten Worte sprach sie mit Tränen in den Augen; Tränen rollten ihr
über die Wangen.
„Ich muß Ihnen noch mitteilen,“ sagte Aljoscha mit zitternder Stimme,
„was, kurz bevor ich herkam, geschehen ist.“
Und er erzählte ihr die ganze Szene; erzählte, daß ihn Dmitrij zum Vater
mit der Bitte um Geld geschickt hatte, wie er aber dann selbst
hereingestürzt war, den Vater verprügelt und ihm, Aljoscha, dann noch
einmal und eindringlich befohlen hatte, den „Abschiedsgruß“ zu
überbringen ... – „Und darauf ging er zu jener ...“ fügte Aljoscha leise
hinzu.
„Und Sie glauben, daß ich das nicht überwinden kann? Er glaubt, daß
ich’s nicht kann? Aber er wird sie ja nicht heiraten!“ Sie lachte nervös
auf. „Kann denn ein Karamasoff ewig in dieser Leidenschaft bleiben? Das
ist Leidenschaft, aber nicht Liebe. Er wird sie nicht heiraten, denn sie
wird ihn nicht heiraten ...“ sagte sie wieder mit sonderbarem Lachen.
„Er wird sie vielleicht doch heiraten,“ sagte Aljoscha traurig, den
Blick zu Boden gesenkt.
„Ich sage Ihnen, er wird sie nicht heiraten! Dieses Mädchen – ist ein
Engel, wissen Sie das auch? Wissen Sie das?“ rief plötzlich in ganz
auffallender Begeisterung Katerina Iwanowna. „Das ist das
phantastischste aller phantastischen Geschöpfe! Ich weiß, wie bezaubernd
sie ist, aber ich weiß auch, wie gut sie ist, wie charakterfest, wie
edel. Warum sehen Sie mich so an, Alexei Fedorowitsch? Wundern Sie meine
Worte, oder glauben Sie mir vielleicht nicht? Agrafena Alexandrowna,
mein Engel!“ rief sie plötzlich jemandem zu, zur Tür des Nebenzimmers
gewandt, „kommen Sie her zu uns, hier ist ein lieber Mensch, Aljoscha
Karamasoff, er weiß alles, zeigen Sie sich ihm!“
„Ich wartete die ganze Zeit hinter der Portiere nur darauf, daß Sie mich
rufen,“ antwortete darauf eine weiche, etwas süßliche Frauenstimme.
Die Portiere wurde zurückgeschlagen und ... Gruschenka trat lachend ins
Zimmer. Sie näherte sich dem Tisch. Aljoscha fühlte, daß ihn etwas
durchzuckte. Er umklammerte sie geradezu mit seinem ganzen Blick und
konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Das also war sie, sie,
dieses furchtbare Weib, – das „Tier“, wie sich vor einer halben Stunde
Iwan über sie geäußert hatte. Und nun stand vor ihm, wie es auf den
ersten Blick schien – das gewöhnlichste und einfachste Geschöpf, ein
gutes, liebes Wesen, zwar ein hübsches Weib, aber eines, das so ähnlich
allen anderen hübschen, doch „gewöhnlichen“ Frauen war. Allerdings war
sie schön, sogar sehr schön, – eine russische Schönheit, wie sie von
vielen so leidenschaftlich geliebt wird. Sie war ziemlich groß, doch
etwas kleiner als Katerina Iwanowna (da diese schon von sehr hohem Wuchs
war), in der Gestalt recht voll, mit weichen, gleichsam „lautlosen“
Körperbewegungen, als ob dieselben, wie ihre Stimme, gleichfalls so
sonderbar, fast süßlich ausgearbeitet wären. Sie kam nicht wie Katerina
Iwanowna ins Zimmer, – mit munteren, festen Schritten; nein, unhörbar
näherte sie sich ihnen. Keinen Schritt hörte man auf dem Fußboden. Weich
ließ sie sich auf den Lehnstuhl nieder, weich rauschte ihr prächtiges
schwarzes Seidenkleid, und verzärtelt hüllte sie ihren vollen, wie
Schaum weißen Hals und ihre breiten Schultern in einen teuren schwarzen
Schal. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, und ihr Gesicht drückte auch
genau dieses Alter aus. Ihr Teint war sehr weiß, und nur ihre Wangen
hatten einen blaßrosa Schimmer. Das Gesicht war vielleicht etwas zu
breit, und der untere Kiefer trat ein wenig vor. Die Oberlippe war
schmal und fein, doch die Unterlippe war voller und fast wie
geschwollen. Aber ihr prachtvolles, reiches, dunkelblondes Haar, die
dunklen, feingezeichneten Augenbrauen und ihre wundervollen graublauen
Augen mit den langen Wimpern hätten selbst den gleichgültigsten und
zerstreutesten Menschen, einerlei wo, in der Volksmenge, beim
Spaziergang, im Gedränge auf der Straße gezwungen, plötzlich vor diesem
Gesicht stehenzubleiben und es auf lange in der Erinnerung zu behalten.
Am meisten machte Aljoscha der naive, gutmütige Ausdruck dieses Gesichts
betroffen. Sie blickte ihn an wie ein Kind, freute sich über irgend
etwas wie ein Kind, und sie „freute“ sich gerade, als sie sich ihnen
näherte, wie wenn sie mit kindlich ungeduldiger, zutraulicher Neugier
etwas Besonderes erwarte. Ihr Anblick machte das Herz froh, – das fühlte
Aljoscha. Es war noch etwas in ihr, worüber er sich nicht hätte
Rechenschaft geben können, vielleicht weil er es nicht verstand, etwas,
das aber auch ihm sich unbewußt mitteilte, nämlich wiederum diese
Weichheit, Zärtlichkeit der Körperbewegungen, diese katzenhafte
Unhörbarkeit ihrer Schritte. Und doch war es eine starke, volle Gestalt.
Unter dem weichen Schal zeichneten sich breite, volle Schultern ab, eine
hohe, noch ganz jugendliche Brust. Dieser Körper hatte vielleicht die
Formen der Venus von Milo, obgleich er auch jetzt schon in den
Verhältnissen etwas übertrieben sein mußte, – das konnte man ahnen.
Kenner russischer Frauenschönheit hätten vielleicht bei Gruschenkas
Anblick gesagt, daß solche frische, noch jugendliche Schönheiten schon
mit dreißig Jahren die Harmonie verlieren, daß auch das Gesicht dann
schon verschwommen aussieht, daß um die Augen herum und auf der Stirn
ungewöhnlich schnell kleine Fältchen entstehen und die Gesichtsfarbe
ihre Zartheit verliert und rot wird. Mit einem Wort, daß es eine
flüchtige Schönheit war, eine Augenblicksschönheit, die man so häufig
gerade bei der russischen Frau findet. Doch daran dachte Aljoscha
natürlich nicht in diesem Augenblick. Nur – wie bezaubert er auch war,
so fragte er sich doch mit einer gewissen unangenehmen Empfindung: Warum
zieht sie die Worte so in die Länge, warum kann sie nicht natürlich
sprechen? Sie tat es augenscheinlich, weil sie diese gezogene und
verstärkt-süßliche Aussprache schön fand. Das war natürlich nur eine
dumme Angewohnheit schlechten Tones, die von ihrer geringen Bildung und
von Kindheit an falschen Auffassung des Vornehmen zeugte. Und doch
erschien Aljoscha diese singende Aussprache der Worte fast wie ein
unmöglicher Widerspruch zu diesem kindlich-offenherzigen und
gutmütig-freudigen Gesichtsausdruck, zu diesem stillen, glücklichen
Leuchten ihrer Kinderaugen! Katerina Iwanowna zog sie sofort auf den
Lehnstuhl neben sich und küßte sie entzückt mehrmals auf ihre lachenden
Lippen. Sie schien in sie geradezu verliebt zu sein.
„Wir sehen uns heute zum ersten Male, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie
ganz berauscht; „ich wollte sie kennen lernen, sie sehen, ich wollte
selbst zu ihr gehen, sie aber kam schon auf meine erste Bitte zu mir.
Ich wußte es ja, daß wir beide alles sofort gutmachen würden, alles!
Mein Herz fühlte es voraus ... Man bat mich himmelhoch, diesen Schritt
zu unterlassen, aber ich ahnte ja, daß hier die Rettung war, und
täuschte mich nicht. Gruschenka hat mir jetzt alles erzählt und erklärt,
alle ihre Absichten; sie ist wie ein guter Engel zu mir gekommen und hat
mir Ruhe und Freude gebracht ...“
„Sie haben mich nicht verachtet, liebes, wertes Fräulein,“ sagte
Gruschenka in ihrem gezogenen, singenden Tone und immer noch mit
demselben freudigen Lächeln.
„Sagen Sie mir nie mehr, nie mehr so etwas, Sie schlimme Zauberin! Sie
und verachten! Sehen Sie, ich werde gleich noch einmal ihre Lippen
abküssen. Sie sind bei Ihnen ganz wie geschwollen, also damit sie noch
mehr anschwellen, küsse ich sie, und werde sie wieder küssen, und wieder
... Sehen Sie, wie sie lacht, Alexei Fedorowitsch, wirklich, das Herz
lacht einem, wenn man diesen Engel ansieht ...“ Aljoscha war rot im
Gesicht und zitterte. Es war ein bebendes, unmerkliches Zittern.
„Sie hätscheln mich, liebes Fräulein, ich aber bin Ihrer Liebkosung
vielleicht gar nicht wert.“
„Nicht wert! Sie soll ihrer nicht wert sein!“ rief wieder mit derselben
Begeisterung Katerina Iwanowna. „Wissen Sie auch, Alexei Fedorowitsch,
daß wir ein phantastisches Köpfchen haben, ein eigenwilliges, aber
stolzes, überstolzes Herzchen haben! Wir sind edel, Alexei Fedorowitsch,
wir sind großmütig, wissen Sie das auch? Wir waren nur unglücklich. Wir
waren nur zu schnell bereit, einem unwürdigen oder vielleicht auch nur
leichtsinnigen Menschen jedes Opfer zu bringen. Es war einmal einer,
gleichfalls ein Offizier, wir gewannen ihn lieb und gaben ihm alles; das
war schon vor langer Zeit, vor fünf Jahren war’s, er aber vergaß uns, er
heiratete eine andere. Jetzt ist er verwitwet, jetzt hat er geschrieben
und kommt schon her – und wissen Sie auch, daß wir ihn allein, nur ihn
allein die ganze Zeit über geliebt haben, bis auf den heutigen Tag! Er
wird herkommen, und Gruschenka wird wieder glücklich sein, doch all
diese fünf Jahre lang war sie unglücklich. Und wer kann ihr denn etwas
vorwerfen, wer kann sich ihrer Zuneigung rühmen? Nur dieser eine
gelähmte Greis, dieser Kaufmann, – aber er war eher unser Vater, unser
Freund und Beschützer. Er fand uns damals in der Verzweiflung, in
Qualen, verlassen von dem, den wir über alles liebten ... sie wollte
sich ja damals ertränken, der Alte hat sie doch gerettet, gerettet!“
„Sie verteidigen mich schon gar zu sehr, mein liebes Fräulein, Sie
übertreiben,“ sang wieder Gruschenka.
„Ich verteidige? Wie soll ich darauf kommen, und darf hier überhaupt
jemand etwas zu verteidigen wagen? Gruschenka, mein Engel, geben Sie mir
Ihr Händchen, ach, sehen Sie doch, Alexei Fedorowitsch, dieses kleine,
weiche, reizende Händchen! – Es hat mir Glück gebracht und mich wieder
aufgerichtet und dafür werde ich es gleich küssen, so, so und so!“ Und
sie küßte dreimal ganz verzückt Gruschenkas wirklich reizendes,
vielleicht nur etwas zu volles Händchen. Gruschenka ließ es unter
nervösem, doch hellem, reizendem Lachen geschehen: es war ihr
augenscheinlich sehr angenehm, daß das „liebe Fräulein“ ihre Hand küßte.
„Vielleicht ist das doch etwas zu viel der Begeisterung,“ fuhr es
flüchtig Aljoscha durch den Sinn. Er errötete. Sein Herz war die ganze
Zeit so sonderbar unruhig.
„Beschämen Sie mich doch nicht, indem Sie mir so in Alexei Fedorowitschs
Gegenwart die Hand küssen.“
„Ja, wollte ich Sie denn damit beschämen?“ fragte Katerina Iwanowna
etwas verwundert, „ach, meine Liebe, wie falsch Sie mich verstehen!“
„Und Sie verstehen mich vielleicht auch gar nicht so, liebes Fräulein,
ich bin vielleicht viel schlechter, als ich hier vor Ihnen scheine. Im
Herzen bin ich schlecht; bin eigensinnig. Den armen Dmitrij Fedorowitsch
habe ich damals aus reiner Spottlust gefesselt.“
„Aber jetzt retten Sie ihn doch selbst! Sie haben es mir doch
versprochen. Sie werden ihm vernünftig zureden, werden ihm sagen, daß
Sie einen anderen lieben, schon lange, und daß er Sie heiraten will ...“
„Ach nein, das habe ich Ihnen nicht versprochen. Sie haben es nur selbst
gesagt, ich aber – ich habe Ihnen so etwas gar nicht versprochen.“
„Dann habe ich Sie wohl nicht recht verstanden,“ sagte Katerina Iwanowna
etwas leiser und schien ein wenig zu erbleichen, „Sie versprachen ...“
„Ach nein, Sie Engel, davon habe ich nichts versprochen,“ unterbrach
Gruschenka sie leise und ruhig, immer mit demselben heiteren,
unschuldigen Ausdruck. „Und da sehen Sie jetzt gleich, wertes Fräulein,
wie schlecht und eigensinnig ich bin. Wenn ich etwas will, so tue ich es
auch. Vorhin habe ich Ihnen vielleicht etwas versprochen, jetzt aber
denke ich: Plötzlich gefällt er mir wieder, Mitjä, meine ich, – gefiel
er mir doch schon einmal sehr; fast eine ganze Stunde lang gefiel er
mir. Und jetzt werde ich vielleicht gehen und ihm sofort sagen, daß er
fortan bei mir bleiben soll ... Sehen Sie, wie unbeständig ich bin ...“
„Vorhin sprachen Sie ... ganz anders ...“ murmelte Katerina Iwanowna
kaum hörbar.
„Ach, vorhin! Aber mein Herz ist doch zärtlich und dumm. Und wenn man
nur bedenkt, was er meinetwegen ertragen hat! Und plötzlich komme ich
nach Hause, und es tut mir leid um ihn, – was dann?“
„Ich hatte nicht erwartet ...“
„Ach, Fräulein, wie gut und edel Sie jetzt im Vergleich zu mir
erscheinen. Sehen Sie, jetzt werden Sie mich dummes Geschöpf nicht mehr
lieben, weil ich solch einen Charakter habe. Geben Sie mir Ihr liebes
Händchen, Sie Engel,“ bat sie zärtlich und nahm fast andächtig die Hand
Katerina Iwanownas. „Nun, liebes Fräulein, werde auch ich Ihr Händchen
nehmen und ebenso küssen, wie Sie meine Hand küßten. Sie küßten dreimal,
ich aber müßte sie Ihnen dreihundertmal dafür küssen, um es
quittzumachen. Und so mag es denn auch sein; dann aber, wie Gott will,
vielleicht werde ich ganz Ihre Sklavin werden und Ihnen alles sklavisch
zu Gefallen tun. Wie Gott will, so mag es sein, ohne alle Besprechungen
und Versprechungen untereinander. Ihr Händchen, Ihr liebes Händchen,
Fräulein, Ihr Händchen! Mein liebes Fräulein, Sie – Sie unglaubliche
Schönheit!“
Sie zog wirklich die Hand an ihre Lippen, allerdings mit einer
sonderbaren Absicht: um die Küsse zu „quittieren“! Katerina Iwanowna zog
ihre Hand nicht fort. Mit scheuer Hoffnung vernahm sie die letzten Worte
und das so sonderbar geäußerte Versprechen Gruschenkas, ihr vielleicht
alles „sklavisch“ zu Gefallen tun zu wollen. Sie blickte ihr angestrengt
in die Augen. Sie sah in diesen Augen immer denselben offenherzigen,
zutraulichen Ausdruck, immer dieselbe klare Munterkeit ... „Sie ist
vielleicht nur sehr naiv,“ dachte Katerina Iwanowna einen Augenblick mit
neuer Hoffnung im Herzen. Gruschenka zog inzwischen langsam die Hand
immer höher an ihre Lippen. Doch kurz vor ihren Lippen zögerte sie
plötzlich und hielt inne, als ob sie über etwas nachdachte.
„Aber wissen Sie was, Sie Engel,“ sagte sie plötzlich mit der
zärtlichsten, süßesten Stimme, „wissen Sie was: Ich werde Ihr Händchen
jetzt einfach _nicht_ küssen.“ Und sie lachte ein kleines, heiteres
Lachen.
„Wie Sie wollen ... Was sagen Sie?“ fuhr Katerina Iwanowna jäh auf.
„So behalten Sie denn das zur Erinnerung, daß Sie meine Hand geküßt
haben, ich aber die Ihre nicht.“ Es blitzte etwas in Gruschenkas Augen.
Sie blickte aufmerksam Katerina Iwanowna an.
„Unverschämte!“ stieß plötzlich Katerina Iwanowna hervor, als ob sie mit
einemmal etwas begriffen hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne
sich zu beeilen, erhob sich auch Gruschenka.
„So werde ich es denn auch gleich Mitjä erzählen, wie Sie mir dreimal
die Hand geküßt haben, ich aber die Ihre überhaupt nicht. Und wie er
darüber lachen wird!“
„Hinaus, Sie gemeines Geschöpf, hinaus!“
„Ach, schämen Sie sich, Fräulein, ach, schämen Sie sich, das steht Ihnen
wohl gar nicht zu, liebes Fräulein.“
„Hinaus, feile Dirne!“ schrie Katerina Iwanowna. Jeder Nerv zitterte in
ihrem verzerrten Gesicht.
„Also schon feil. Sind Sie doch selbst als junges Mädchen in der
Dämmerung zu Herren nach Geld gegangen, um Ihre Schönheit zu verkaufen,
das weiß ich doch, weiß ich doch!“
Katerina Iwanowna stieß einen kurzen Schrei aus und wollte sich auf sie
stürzen, aber Aljoscha gelang es noch, sie mit aller Gewalt
zurückzuhalten:
„Kein Wort mehr, keinen Schritt! Sagen Sie nichts, antworten Sie nicht,
sie geht ja schon fort, sie wird sogleich fortgehen!“
In dem Augenblick stürzten auf ihren Schrei hin die beiden Tanten in den
Saal und nach ihnen das Stubenmädchen. Alle liefen sie zu ihr und
umringten sie.
„Ja, ich gehe,“ sagte Gruschenka, die vom Sofa ihren Umwurf nahm.
„Aljoscha, mein Lieber, begleite mich!“
„Gehen Sie, gehen Sie doch schneller fort!“ bat Aljoscha flehend.
„Lieber Aljoschenka, begleite mich! Ich werde dir unterwegs ein schönes,
schönes Wörtchen sagen! Ich habe ja nur für dich, Aljoschenka, diese
Szene gespielt. Begleite mich, Liebling, wirst später damit zufrieden
sein.“
Aljoscha wandte sich von ihr ab. Gruschenka lief hell lachend aus dem
Hause.
Katerina Iwanowna hatte einen Nervenanfall. Sie schluchzte, konnte nicht
atmen, glaubte zu ersticken. Alle bemühten sich um sie.
„Ich habe Sie gewarnt,“ sagte ihr die ältere Tante, „ich habe Sie immer
wieder von diesem Schritt abzuhalten versucht ... Sie sind viel zu
heißblütig, wie kann man nur als Dame so etwas tun! Sie kennen diese
Geschöpfe nicht; von dieser aber sagt man, sie soll die Schlimmste von
allen sein ... Nein, Sie sind viel zu eigenwillig!“
„Das ist ja ein Tiger!“ schrie Katerina Iwanowna außer sich. „Warum
hielten Sie mich zurück, Alexei Fedorowitsch, ich hätte sie
durchgeprügelt, durchgeprügelt!“
Sie hatte nicht die Kraft, sich vor Aljoscha zusammenzunehmen,
vielleicht wollte sie es auch nicht einmal.
„Peitschen muß man sie, auf dem Schafott, durch den Henker, öffentlich!
...“
Aljoscha zog sich erschrocken zur Tür zurück.
„Aber, o Gott!“ rief plötzlich Katerina Iwanowna, die Hände ringend.
„Er! er hat so unmenschlich sein können, so unmenschlich! Er hat dieser
Dirne erzählt, was dort war, damals, an jenem schrecklichen,
entsetzlichen, verfluchten, ewig verfluchten Tage! ‚Sind doch Ihre
Schönheit verkaufen gegangen, liebes Fräulein!‘ Und sie weiß das! Ihr
Bruder ist ein Schuft, Alexei Fedorowitsch!“
Aljoscha wollte etwas sagen, aber er fand kein einziges Wort. Sein Herz
krampfte sich zusammen vor Schmerz.
„Gehen Sie fort, Alexei Fedorowitsch! Ich schäme mich, mir ist so
furchtbar zumut! Morgen ... ich flehe Sie an, kommen Sie morgen!
Verurteilen Sie mich nicht, verzeihen Sie, ich weiß noch nicht, was ich
mit mir machen werde.“
Aljoscha trat auf die Straße. Er wankte beinahe. Er wollte gleichfalls
weinen wie sie. Da kam ihm das Stubenmädchen nachgelaufen.
„Das gnädige Fräulein hat vergessen, Ihnen diesen Brief von Fräulein
Chochlakowa zu übergeben; er lag bei ihr seit dem Mittag.“
Aljoscha nahm ganz mechanisch das kleine rosa Kuvert und steckte es,
ohne es selbst zu gewahren, in die Tasche.
XI.
Noch ein verlorener Ruf
Das Kloster war nur etwas über eine Werst von der Stadt entfernt.
Aljoscha schritt eilig aus auf der zu dieser Stunde ganz einsamen
Straße. Die Nacht brach schon an: auf dreißig Schritt konnte man die
Gegenstände nur schwer unterscheiden. Ungefähr auf der Hälfte des Weges
kam ein Kreuzweg. Dort am Kreuzweg stand an einem einsamen
Silberweidenbaum eine Menschengestalt. Kaum hatte Aljoscha den Kreuzweg
betreten, als die Gestalt sich vom Baume loslöste, ihm entgegenstürzte
und mit grimmig wilder Stimme rief:
„Den Beutel oder das Leben!“
„Ach, das bist du, Mitjä!“ sagte höchst erstaunt Aljoscha, der zuerst
doch etwas zusammengefahren war.
„Ha–ha–ha! Das hattest du wohl nicht erwartet? Ich fragte mich: Wo soll
ich dich erwarten? Bei ihrem Hause? Von dort aber führen drei Wege
hierher, und ich könnte dich verfehlen. Endlich kam ich darauf, hier zu
warten, denn hier muß er unbedingt vorübergehen, dachte ich, einen
anderen Weg gibt’s nicht zum Kloster. Nun, sag die Wahrheit, schone mich
nicht ... Was ist mit dir?“
„Nichts, Mitjä ... ich, nur so, vom Schreck. Ach, Dmitrij! Vorhin –
dieses Blut unseres Vaters ...“ Aljoscha schluchzte auf; er hatte schon
lange in Tränen ausbrechen wollen, jetzt aber war ihm, als ob etwas in
seiner Seele plötzlich zerrisse. „Du hättest ihn beinahe erschlagen ...
Du verfluchtest ihn ... und jetzt ... hier ... jetzt scherzest du noch
... Beutel oder Leben!“
„Ach ja, nun – was? Unpassend, nicht? Paßt nicht zu meiner Lage?“
„Ach nein, nicht das ... ich war nur so ...“
„Wart, bleib stehn. Sieh die Nacht, sieh, wie dunkel die Nacht ist, die
Wolken, sieh, wie dunkel, und welch ein Wind sich erhoben hat! Ich hatte
mich hier unter der Weide versteckt, erwartete dich, und plötzlich ein
Gedanke (bei Gott!): Wozu sich denn noch weiter plagen, worauf noch
warten? Hier ist eine Weide, ein Taschentuch hast du, ein Hemd hast du,
eine Schlinge läßt sich im Augenblick zusammendrehen, kannst sie noch
obendrein anfeuchten und – nicht mehr die Erde belasten, sie nicht mehr
durch dein niedriges Leben entehren! Da höre ich, ein Mensch kommt – du!
Herrgott, es war ganz, als ob plötzlich etwas zu mir niederfliege: also
gibt es doch noch einen Menschen, den auch ich liebe, da kommt, da ist
er, dieser Mensch, mein liebstes, kleines Brüderchen, das ich am meisten
auf der Welt liebe, das einzige, was ich wirklich so, so lieb habe! Ja:
so lieb warst du mir plötzlich, ich liebte dich so in diesem Augenblick,
daß ich dachte: Werfe mich sofort an seinen Hals und küsse ihn! Da kam
aber dieser dumme Gedanke: Werde einen Scherz machen, ihn erschrecken.
Und da schrie ich denn wie ein alter Esel: ‚Den Beutel oder das Leben‘!
Verzeih die Narrheit – das ist doch nur Unsinn, in der Seele ist es auch
bei mir – ... anständig ... Nun aber, zum Teufel damit, sag, wie es dort
war? Was sagte sie? Schlag mich nieder, zermalme mich, brauchst mich
nicht zu schonen! Sie geriet wohl außer sich?“
„Nein, nicht das ... Es war dort ganz anders, Mitjä. Dort ... Ich traf
sie beide zusammen an.“
„Wen denn, was für beide?“
„Gruschenka war bei Katerina Iwanowna.“
Dmitrij Fedorowitsch erstarrte.
„Unmöglich!“ stieß er hervor, „du phantasierst! Gruschenka bei ihr?“
Aljoscha erzählte ihm alles, was er von dem Augenblick an, da er bei
Katerina Iwanowna eingetreten war, gesehen und gehört hatte. Er erzählte
zehn Minuten lang, allerdings nicht gleichmäßig und zusammenhängend,
aber er verstand es, alles klar darzustellen; er hob die
bedeutungsvollen Worte hervor, die wichtigsten Bewegungen, und gab
häufig nur durch eine kurze Bemerkung deutlich seine eigenen Gefühle
wieder. Dmitrij hörte schweigend zu, blickte starr mit einer sonderbaren
Unbeweglichkeit vor sich hin, doch Aljoscha sah, daß er schon alles
begriffen hatte und den ganzen Zusammenhang verstand. Sein Gesicht
wurde, je mehr die Erzählung verrückte, nicht etwa nur finster, nein,
drohend. Er hatte die Stirn gerunzelt, preßte die Zähne zusammen; sein
unbeweglicher Blick wurde gleichsam noch unbeweglicher, starrer,
furchtbarer ... Um so unerwarteter war es, als sich plötzlich mit
unglaublicher Hastigkeit sein ganzes Gesicht, das bis dahin zornig und
wild gewesen war, veränderte; die zusammengepreßten Lippen öffneten
sich, und Dmitrij Fedorowitsch lachte das allerunbezwingbarste,
natürlichste Lachen. Er schüttelte sich buchstäblich vor Lachen; lange
Zeit konnte er überhaupt nicht sprechen vor Lachen.
„Und hat die Hand auch richtig nicht geküßt! Nicht geküßt, und ist so
fortgelaufen!“ rief er in geradezu krankhaftem Entzücken, – in
schamlosem Entzücken könnte man vielleicht sagen, wenn dieses Entzücken
nicht so ungekünstelt gewesen wäre. „Also sie schrie, sie sei ein Tiger!
Das ist sie ja auch, ein Tiger! Also aufs Schafott soll man sie bringen?
Ja, ja, das müßte man, das muß man, das ist auch meine Meinung, daß man
es tun muß, schon lange müßte man’s! Siehst du, Bruder, meinetwegen aufs
Schafott, aber vorher muß man noch geheilt werden. O, ich erkenne die
Königin der Unverschämtheit, hierin ist sie ganz enthalten, ganz, in
diesem Händchen hat sie sich ganz ausgesprochen, hierin liegt das ganze
infernale Weib. Das ist die Königin aller infernalen Weiber, die man
sich in der Welt nur denken kann! In seiner Art kann’s einen wirklich
entzücken! Also sie lief nach Haus? Ich wollte schon ... Ach, dann werde
ich ... schnell zu ihr eilen! Aljoschka, sei mir nicht böse, ich gebe ja
vollkommen zu, daß es zu wenig wäre, sie zu erdrosseln ...“
„Aber Katerina Iwanowna?“ fragte Aljoschka traurig.
„Auch die durchschaue ich, ganz und gar durchschaue ich sie jetzt, wie
noch nie zuvor! Das ist eine wahre Entdeckung aller vier Erdteile, aller
fünf! Solch ein Schritt! Das ist gerade diese selbe Katjenka, das
Pensionsmädel, das mit dem hochherzigen Entschluß, den Vater zu retten,
sich nicht fürchtete, zu einem dummen rohen Offizier in der Dämmerung zu
laufen, wobei sie riskierte, so unsagbar beleidigt zu werden! Doch unser
Stolz! das Bedürfnis zu wagen! das Schicksal herauszufordern! diese
Herausforderung ins Unermeßliche! Du sagst, die Tante hat sie
aufgehalten? Diese Tante, weißt du, ist selbst eine eigenmächtige
Person, ist doch die leibliche Schwester jener moskauschen Generalin;
sie hat früher die Nase noch höher getragen als Katjä, aber da wurde ihr
Mann wegen Bestehlung der Kronkasse verurteilt, verlor alles, verlor
sein ganzes Hab und Gut – und seine stolze Frau Gemahlin senkte darauf
etwas den Ton, hat ihn auch seit der Zeit nicht wieder erhoben. Also sie
hat Katjä zurückgehalten, und die hat natürlich nicht auf sie gehört.
‚Kann alles besiegen,‘ denkt sie, ‚alles ist mir untertan; wenn ich
will, bezaubere ich auch Gruschenka,‘ und – hat sich natürlich selbst
geglaubt, hat sich selbst aufgestachelt, wer ist denn jetzt daran
schuld? Du glaubst, sie hat mit Absicht als erste das Händchen der
anderen geküßt, Gruschenkas Hand, aus schlauer Berechnung? Nein, sie
hatte sich wirklich, wirklich in Gruschenka verliebt, das heißt, nicht
in Gruschenka, sondern in ihre eigene Idee, in ihre Phantasie, darum,
siehst du, weil das, sozusagen, _ihre_ Idee war, ihre eigene Phantasie.
Liebling, Aljoscha, wie bist du nur von ihnen losgekommen, wie hast du
dich gerettet? Bist wohl einfach fortgelaufen, mit aufgenommenen
Rockschößen? Ha–ha–ha!“
„Dmitrij, es ist dir, glaub ich, nicht einmal aufgefallen, wie
beleidigend das für Katerina Iwanowna ist, daß du Gruschenka von jenem
Tage erzählt hast? so daß die ihr jetzt ins Gesicht hat schleudern
können: ‚Sie sind doch selbst zu Herren Ihre Schönheit verkaufen
gegangen!‘ Bruder, gibt es denn überhaupt noch eine größere Beleidigung
als diese?“
Am meisten quälte Aljoscha der Gedanke, daß sein Bruder sich gleichsam
über Katerina Iwanownas Erniedrigung zu freuen schien, obgleich das
natürlich ganz ausgeschlossen war.
„Ach, Teufel!“ Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich plötzlich
unheimlich, und er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Erst jetzt
verfiel er darauf, obgleich Aljoscha alles erzählt, nichts verschwiegen
hatte, auch Katerina Iwanownas Schrei nicht: „Ihr Bruder ist ein
Schuft!“ – „Ja, wirklich, es kann sein, daß ich Gruschenka von jenem
‚verhängnisvollen Tage‘, wie Katjä sagt, erzählt habe. Ja, richtig, ich
hab’s ihr erzählt, ich weiß, ich weiß! Das war damals in Mokroje, ich
war betrunken, die Zigeunerinnen sangen ... Aber ich schluchzte doch,
ich schluchzte doch selbst, ich lag auf den Knien, ich betete zu Katjä,
und Gruschenka begriff das doch. Sie begriff damals alles, ich weiß
noch, sie weinte selbst ... Äh, Teufel! und konnte es denn jetzt anders
sein? Damals weinte sie, jetzt aber ... Jetzt ‚den Dolch ins Herz‘! So
sind die Weiber!“
Er verstummte und dachte nach.
„Ja, ich bin ein Schuft! Das steht nun fest!“ sprach er plötzlich mit
düsterer Stimme vor sich hin. „Einerlei, geweint oder nicht geweint!
Kannst dort melden, daß ich die Bezeichnung annehme, – wenn das zu
trösten vermag. Und nun genug, leb wohl, wozu so viel schwatzen!!
Heiteres gibt es nicht. Du gehst deinen Weg, ich den meinen. Und ich
will dich auch nicht mehr sehn, bis zu irgendeiner letzten Minute. Leb
wohl, Alexei!“ Er drückte Aljoscha fest die Hand und ging, immer noch
mit gesenktem Kopf, als ob er sich losgerissen hätte, mit schnellen
Schritten in die Stadt zurück. Aljoscha blickte ihm nach; er glaubte
noch nicht, daß er wirklich fortging.
„Wart, Alexei, noch ein Bekenntnis! Dir allein werde ich es sagen!“ rief
plötzlich Dmitrij Fedorowitsch und kehrte zurück: „Sieh mich an, sieh
mich aufmerksam an, sieh hier, hier – bereitet sich eine furchtbare
Ehrlosigkeit vor.“ (Als er dieses „sieh hier“ sagte, schlug er sich in
einer so sonderbaren Weise mit der Faust auf die Brust, als ob diese
Unehre gerade auf seiner Brust läge oder dort sich verberge, auf einem
bestimmten Fleck, in einer Tasche vielleicht, oder in etwas eingenäht am
Halse hinge.) „Du kennst mich nun schon: Ich bin ein Schuft, ein
erklärter Schuft! Doch wisse, was ich auch getan habe, früher, jetzt,
oder noch später tun werde, – nichts, nichts kann sich in der Gemeinheit
mit dieser Ehrlosigkeit vergleichen, die ich gerade jetzt, gerade in
diesem Augenblick hier, hier auf meiner Brust trage, gerade hier, sieh
hier, – die schon geschieht und sich vollzieht, und die aufzuhalten
vollkommen in meiner Macht liegt, merk dir das, ich kann sie aufhalten
oder ausführen! Nun, so wisse denn, daß ich sie ausführen und nicht
aufhalten werde. Heute in der Laube erzählte ich dir alles: nur das eine
erzählte ich dir nicht, denn selbst ich hatte keine genügend eherne
Stirn dazu! Ich kann noch stehen bleiben; wenn ich stehen bleibe, kann
ich noch morgen die ganze Hälfte der verlorenen Ehre wiedergewinnen,
aber ich werde nicht stehen bleiben, ich werde das gemeine Vorhaben
ausführen, und so sei du hinfort Zeuge, daß ich im voraus und
wissentlich sage: Verderben und Finsternis! Zu erklären ist nichts,
wirst es schon zur rechten Zeit erfahren. Stinkende Winkelgasse und ein
infernales Weib! Leb wohl. Bete nicht für mich, bin’s nicht wert, und es
ist auch gar nicht nötig, nicht nötig ... bedarf dessen überhaupt nicht!
Fort! ...“
Und er entfernte sich plötzlich, diesmal aber kehrte er nicht mehr
zurück. Aljoscha ging zum Kloster.
„Wie, wie werde ich ihn denn nie mehr wiedersehen? was sagte er?“ fragte
er sich, und es schien ihm undenkbar, daß er ihn nicht mehr wiedersehen
werde. „Morgen noch muß ich ihn unbedingt zu sehen versuchen, ich werde
ihn schon finden, werde ihn unbedingt aufsuchen! Was wollte er nur damit
sagen? Was meinte er? ...“
* * * * *
Er ging von außen um das Kloster herum und dann durch den Kiefernwald
geradeswegs zur Einsiedelei. Ihm wurde bald aufgemacht, obgleich man
dort sonst zu so später Stunde niemanden mehr einzulassen pflegte. Sein
Herz zitterte, als er in die Zelle des Staretz trat: – Warum, warum nur
war er fortgegangen, warum hatte ihn jener ‚in die Welt‘ geschickt? Hier
war Ruhe, hier war das Heil, dort aber – war Unruhe, dort war
Finsternis, in der man sich sofort verirrte und verlor ... –
In der Zelle befanden sich der Novize Porfirij und der Priestermönch
Paissij, der den ganzen Tag in jeder Stunde einmal kam, um sich nach dem
Befinden des Staretz zu erkundigen, mit dem es, wie Aljoscha mit
Schrecken hörte, immer schlechter wurde. Sogar die übliche allabendliche
Unterweisung der Brüderschaft hatte diesmal nicht stattfinden können.
Gewöhnlich versammelte sich des Abends nach dem Gottesdienst die
Brüderschaft des Klosters noch vor dem Schlafengehen in der Zelle des
Staretz, und ein jeder beichtete ihm dann laut seine Vergehen, seine
sündigen Gedanken und Träume, die er am Tage gehabt, Versuchungen und
sogar Streitigkeiten mit den anderen, falls solche vorgekommen waren.
Viele beichteten kniend. Der Staretz erließ die Sünden, versöhnte,
unterwies und belehrte, legte Bußen auf, segnete und entließ. Gegen
diese „Beichte“ der Brüderschaft erhoben sich aber die Gegner der
Startzen; sie sagten, das sei eine Profanation der Beichte als
Sakrament, obgleich es in diesem Falle doch etwas ganz anderes war. Man
machte die geistliche Obrigkeit sogar darauf aufmerksam, daß solch ein
Beichten nicht nur zu nichts führe, sondern tatsächlich und mit Fleiß in
Sünde und Versuchung bringe und Anstoß gäbe. Man sagte, vielen Brüdern
sei dieses Beichten lästig, doch wollten sie sich nicht absondern und
kämen nur zu dem Staretz, damit man sie nicht böser Gedanken verdächtige
und für stolz hielte. Man erzählte sich sogar, daß einzelne aus der
Brüderschaft auf dem Wege zum Staretz unter sich abmachten: „Ich werde
sagen, daß ich mich heute morgen über dich geärgert habe, und du
bestätige es,“ – damit man etwas zu beichten hätte und auf diese Weise
loskäme. Aljoscha wußte, daß das wirklich zuweilen vorkam. Auch wußte
er, daß es unter der Brüderschaft einige Mönche gab, die darüber sehr
ungehalten waren, daß sogar die Briefe, die die Einsiedler von ihren
Verwandten erhielten, zuerst zum Staretz gebracht wurden, der sie dann
erbrach und noch vor dem betreffenden Adressaten las. Es wurde natürlich
vorausgesetzt, daß alles freiwillig und aufrichtig geschah, von Herzen
kam, aus freier Ergebung und um der Erlösung willen – doch in
Wirklichkeit geschah es gar manches Mal sehr wenig von Herzen, im
Gegenteil, sogar mit Falschheit und erheuchelter Demut. Doch die Älteren
und Erfahreneren der Brüderschaft bestanden darauf, da sie der Meinung
waren: „Wer aufrichtig in diese Mauern eingetreten ist, um hier seine
Erlösung zu finden, für den wird das alles nur Heil bringen und von
großem Nutzen sein; wem aber das lästig ist, und wer darüber murrt, der
ist überhaupt kein Mönch und ganz umsonst ins Kloster gekommen – der
gehört in die Welt. Vor der Sünde und dem Teufel kann man sich nicht nur
in der Welt, sondern selbst im Gotteshause nicht schützen – folglich
braucht man mit der Sünde nicht Nachsicht zu haben.“
„Er ist sehr erschöpft, jetzt ist er eingeschlafen,“ flüsterte Pater
Paissij Aljoscha zu, nachdem er ihn gesegnet hatte. „Man kann ihn nur
schwer aufwecken; aber man braucht ihn ja auch nicht zu wecken. Vor fünf
Minuten erwachte er von selbst, bat, der Brüderschaft seinen Segen zu
überbringen, und ließ sie bitten, für ihn Nachtgebete zu sprechen. Am
Morgen will er noch einmal das heilige Abendmahl nehmen. Er gedachte
deiner, Alexei, fragte, ob du fortgegangen seiest, und man sagte ihm,
daß du in der Stadt wärest. ‚Dazu habe ich ihm meinen Segen gegeben:
dort ist sein Platz vorläufig, nicht hier,‘ – also sprach er von dir.
Liebend gedachte er deiner, mit sichtlicher Sorge; erkennst du auch,
wessen du gewürdigt worden bist? Warum hat er dir das nur bestimmt, eine
Zeitlang draußen in der Welt zu bleiben? Er sieht wohl etwas voraus in
deinem Schicksal! Behalte aber, Alexei, wenn du nun auch in die Welt
zurückkehrst, daß es doch nur eine von deinem Staretz dir auferlegte
Buße ist, und daß du es nicht zu eitlem Leichtsinn und zu weltlicher
Freude tun sollst ...“
Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des
Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage
leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der
Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und
Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu
gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein
Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß
er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier
im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am
meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine
Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem
Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und
fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig.
Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der
Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus
und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa,
auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er
sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm
befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer
Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an
Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete
lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine
Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen
Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte,
nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet
bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten
und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich
ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm
Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es
verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf –
nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an
ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau
Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht
hatte.
„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich,
niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut
ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was
in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns
beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das
sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht,
und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz
ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich
liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie
noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben.
Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser
Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz
verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde
gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren.
Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht
vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache
immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich
versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der
Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe.
Mein Geheimnis ist jetzt in Ihren Händen; ich weiß nicht, wie ich Sie
morgen, wenn Sie zu uns kommen, ansehen soll. Ach, Alexei Fedorowitsch,
was dann, wenn ich mich wieder nicht beherrschen kann und wie ein
albernes Geschöpf bei Ihrem Anblick abermals zu lachen anfange? Sie
werden mich dann doch für eine schändliche Spötterin halten und meinem
Brief gar keinen Glauben schenken, und darum flehe ich Sie an, Lieber,
falls Sie nur etwas Mitleid mit mir haben: wenn Sie morgen eintreten, so
sehen Sie mir nicht gar zu offen in die Augen, weil ich, wenn ich Sie
sehe, vielleicht unbedingt plötzlich zu lachen anfangen werde. Zudem
werden Sie noch immer in diesem langen Kittel stecken ... Sogar jetzt
läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke; darum aber
sehen Sie mich, wenn Sie hereinkommen, einige Zeit überhaupt nicht an;
sehen Sie auf Mama oder zum Fenster hinaus ...
Da habe ich Ihnen jetzt einen Liebesbrief geschrieben; mein Gott, was
habe ich getan! Aljoscha, verachten Sie mich nicht, und wenn es etwas
sehr Schlechtes ist und ich Sie betrübt habe, so verzeihen Sie mir.
Jetzt ist das Geheimnis meines vielleicht auf ewig verlorenen guten
Rufes in Ihren Händen.
„Ich werde heute unbedingt weinen. Auf Wiedersehen! Bis zu diesem
_schrecklichen_ Wiedersehen! Lise.