I.
In der Bedientenstube
Das Haus Fedor Pawlowitsch Karamasoffs lag nicht im Zentrum der Stadt,
doch war es auch nicht gerade sehr weit davon entfernt. Es war schon
ziemlich alt, machte aber trotzdem einen guten Eindruck: es war
einstöckig, mit einem spitzen Giebel, grau angestrichen und hatte ein
rotes Blechdach. Übrigens konnte es noch lange so stehen. Im Inneren war
es geräumig und gemütlich. Es gab in ihm viel verschiedene Dach- und
Rumpelkammern, eigenartige Verstecke und ganz unvermutete Treppchen.
Auch Ratten gab es in ihm, doch Fedor Pawlowitsch konnte sich nicht
recht über sie ärgern. „’S ist doch immerhin nicht so langweilig am
Abend, wenn man allein bleibt,“ pflegte er zu sagen. Er aber hatte
wirklich die Angewohnheit, die Dienstboten für die Nacht in das
Nebengebäude auf dem Hof zu schicken und sich dann allein im großen
Hause einzuschließen. Dieses Nebengebäude auf dem Hof war gleichfalls
groß und gemütlich; in ihm wurde das Essen gekocht, obgleich auch das
große Haus eine Küche hatte, doch Fedor Pawlowitsch konnte den
Küchengeruch nicht vertragen, und so wurden denn die Speisen im Winter
wie im Sommer über den Hof gebracht. Überhaupt war das Haus für eine
große Familie gebaut, und man hätte das Fünffache an Herrschaft und
Dienerschaft bequem in ihm unterbringen können; doch damals wohnten im
großen Hause nur Fedor Pawlowitsch und sein zweiter Sohn, Iwan
Fedorowitsch, und im Nebengebäude nur die drei Bedienten: der alte
Grigorij, seine Frau, die alte Marfa, und der Diener Ssmerdjäkoff, ein
noch junger Mensch. Ich sehe, daß ich etwas ausführlicher von diesen
drei Dienstboten berichten muß. Von dem alten Grigorij Wassiljewitsch
Kutusoff habe ich übrigens schon gesprochen; das war ein strenger,
starrköpfiger Mensch, der hartnäckig und unablenkbar seine Ziele
verfolgte, wenn nur so ein Ziel aus irgendwelchen Gründen – häufig aus
erstaunlich unlogischen – vor ihm als unwandelbare Wahrheit erschien.
Überhaupt war er ein ehrlicher, unbestechlicher und treuer Diener. Sein
Weib, Marfa Ignatjewna, wollte nach der Aufhebung der Leibeigenschaft
unsäglich gern von Fedor Pawlowitsch fortgehen und nach Moskau ziehen,
um dort irgendein kleines Geschäft zu gründen (sie hatten beide ein
kleines Kapital), und kam ihrem Mann immer wieder mit diesem Plan, wenn
sie sich auch sonst stets widerspruchslos vor seinem Willen beugte;
Grigorij aber behauptete, daß das Weib lüge, „denn jedes Weib ist
unehrlich“, und daß es ihnen nicht zustände, den früheren Herrn, wie er
auch sein mag, zu verlassen, denn „das ist jetzig also unsere Pflicht“.
„Begreifst du auch, was das ist – Pflicht?“ wandte er sich an Marfa
Ignatjewna.
„Was Pflicht ist, das schon, Grigorij Wassiljewitsch; aber wo hier etwas
von Pflicht sein soll, davon begreife ich nichts,“ antwortete Marfa
Ignatjewna.
„Nun, so begreif’s dann nicht; es bleibt doch so, wie’s ist. Schweig
aber lieber.“
Und dabei blieb es denn auch: sie zogen nicht fort, und Fedor
Pawlowitsch bestimmte für sie ein Monatsgehalt, zwar kein großes, aber
er zahlte es doch aus. Zudem wußte Grigorij, daß er auf seinen Herrn
einen gewissen Einfluß hatte; das fühlte er, und so war es auch in der
Tat: der schlaue und eigensinnige Fedor Pawlowitsch, der, wie er sich
selbst ausdrückte, „in manchen Lebensdingen“ einen sehr festen Charakter
bewies, war zu seiner eigenen nicht geringen Verwunderung wiederum
äußerst charakterschwach in gewissen anderen „Lebensdingen“. Er wußte
selbst ganz genau, in welchen Dingen er es war; wußte es, und fürchtete
sich vor vielem. In diesen gewissen „Lebensdingen“ hieß es, auf der Hut
sein, und dann war es schwer, ohne einen zuverlässigen Menschen
auszukommen; Grigorij aber war der zuverlässigste von allen. Es kam
sogar vor, daß Fedor Pawlowitsch mitunter auch Prügel verabfolgt wurden,
und zwar gehörige, und dann hatte ihm immer Grigorij herausgeholfen und
nachher eine Predigt gehalten. Doch Prügel allein schreckten Fedor
Pawlowitsch nicht: es gab dagegen höhere Fälle, und sogar sehr zarte und
verzwickte, in denen Fedor Pawlowitsch selbst nicht einmal imstande
gewesen wäre, dieses ungewöhnliche Bedürfnis nach einem treuen und
nahestehenden Menschen, das er dann augenblicks in sich fühlte, zu
erklären. Das waren fast krankhafte Augenblicke: Der verderbte und in
seiner Wollust oftmals wie ein böses Insekt grausame Fedor Pawlowitsch
empfand zuweilen, wenn er trunken war, eine geistige Angst und eine
moralische Erschütterung, die beinahe physisch, wenn man sich so
ausdrücken kann, auf seine Seele wirkten. „Die ganze Seele sitzt mir
dann zitternd in der Kehle,“ äußerte er sich zuweilen über diese
sonderbaren Anwandlungen. Und in diesen Augenblicken liebte er es, wenn
irgendwo in der Nähe, es brauchte nicht einmal in seinem Zimmer zu sein,
meinetwegen auch nur im Nebengebäude auf dem Hof, ein ihm ergebener
Mensch war, einer, der aber keineswegs ihm glich, nicht verdorben,
sondern ehrlich und streng war, der selbst die ganze Liederlichkeit mit
ansah und alle Geheimnisse kannte, doch aus Ergebenheit und
Anhänglichkeit alles zuließ, und – die Hauptsache – keine Vorwürfe
machte und mit nichts drohte, weder mit dem Diesseits noch mit dem
Jenseits, im Notfalle ihn aber beschützte – vor wem? Vor irgendeinem
Unbekannten, doch Furchtbaren und Gefährlichen. Es mußte unbedingt
gerade ein _anderer_ Mensch sein, ein alter und freundschaftlicher, den
brauchte er, um ihn im „kranken Augenblick“ rufen zu können, natürlich
nur, um sein Gesicht zu sehen, meinetwegen auch ein Wort mit ihm zu
wechseln, irgendein nebensächliches: ärgerte er sich deswegen nicht,
dann werde es dem Herzen leichter, ärgerte er sich aber, nun, dann wurde
man etwas trauriger! Es kam vor – übrigens nur äußerst selten –, daß
Fedor Pawlowitsch sogar mitten in der Nacht über den Hof zu Grigorij
ging und ihn auf einen Augenblick zu sich rief. Der kam dann auch; doch
Fedor Pawlowitsch sprach mit ihm dummes Zeug und entließ ihn bald
wieder, nicht selten sogar noch mit einer spöttischen Bemerkung oder
einem Scherz, selbst aber legte er sich, kräftig ausspuckend, schlafen
und schlief dann den Schlaf eines Gerechten. Auch nach der Ankunft
Aljoschas geschah mit Fedor Pawlowitsch etwas Ähnliches. Aljoscha
„eroberte sein Herz“ sofort durch den einen Umstand, daß er „lebte,
alles sah und nichts verurteilte“, und außerdem noch durch das
Unglaubliche: daß er nicht die geringste Verachtung für ihn, den Alten,
zeigte, sondern im Gegenteil, immer freundlich war und eine ganz
natürliche, offenherzige Anhänglichkeit an ihn, der sie doch so wenig
verdient hatte, zu haben schien. Das war für den alten Herumtreiber und
familienlosen Wüstling eine Überraschung, die ihn ganz stutzig machte:
nein, das kam für ihn, der bis dahin nur Unzucht geliebt hatte, doch zu
unerwartet! Als Aljoscha in das Kloster ging, gestand er sich, daß er
etwas begriffen hatte, was er bis dahin nicht hatte begreifen wollen.
Ich erwähnte schon einmal, wie Grigorij, der Diener, Adelaida Iwanowna,
die erste Frau Fedor Pawlowitschs und die Mutter Dmitrij Fedorowitschs
gehaßt, und wie er dagegen die zweite Frau, die Klikuscha Ssofja
Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn verteidigt hatte und überhaupt gegen
jeden, der es sich einfallen ließ, ein leichtfertiges oder schlechtes
Wort über sie zu sagen. Sein Mitleid mit dieser unglücklichen Frau ließ
es ihn allmählich als seine heilige Pflicht empfinden, sie zu
beschützen, so daß er auch noch nach zwanzig Jahren keine einzige
schlechte Anspielung, einerlei von wem, ertragen konnte. Äußerlich war
Grigorij ein kalter Mensch mit ziemlich wichtiger Miene, der nur
wohlbedachte, niemals leichtsinnige Worte sprach, wofern er überhaupt
sprach. Unmöglich war es gleichfalls, nach dem Äußeren zu schließen, ob
er seine ebenso wortkarge, ihm stets ergebene Marfa Ignatjewna liebte
oder nicht; er aber liebte sie wirklich, und sie fühlte das wohl. Diese
Marfa Ignatjewna war nicht nur keine dumme Frau, sondern war vielleicht
sogar klüger als ihr Mann, oder wenigstens in Lebensfragen weit
vernünftiger; indessen unterwarf sie sich ihm widerspruchslos schon
gleich zu Anfang der Ehe und achtete ihn selbstverständlich wegen
seiner, wie sie meinte, geistigen Überlegenheit. Bemerkenswert ist, daß
sie beide ihr ganzes Leben lang auffallend wenig miteinander sprachen,
es sei denn über die notwendigsten alltäglichen Dinge. Grigorij bedachte
alles allein, und Marfa Ignatjewna hatte schon längst ein für allemal
begriffen, daß ihr Mann ihrer Ratschläge nicht bedurfte, dafür aber ihr
Schweigen zu schätzen wußte und das auch für ihr Bestes hielt. Schlagen
tat er sie eigentlich nicht, abgesehen von einem einzigen Ausnahmefall.
Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fedor Pawlowitsch waren
einmal auf dem Gutshof die damals noch leibeigenen jungen Mädchen und
Weiber versammelt worden, um der Herrschaft vorzutanzen und zu singen.
Der Chor begann „Auf grünen Wiesen und Auen“, und plötzlich sprang Marfa
Ignatjewna, die damals noch ein junges Weib war, vor und tanzte die
„Rußkaja“ in einer ganz besonderen Weise, nicht so, wie das Volk sie
tanzt, sondern wie es ihr früher, als sie noch Leibeigene der reichen
Miussoffs gewesen war, zu den Theateraufführungen im Herrenhause ein aus
Moskau bestellter Ballettmeister gezeigt hatte. Grigorij sah, wie sein
Weib tanzte; doch nach einer Stunde belehrte er sie eines Besseren,
indem er auf sie einhieb und sie an den Haaren zog. Damit war das
Prügeln abgetan; es wiederholte sich niemals mehr, denn Marfa Ignatjewna
hatte sich geschworen, nie wieder die „Rußkaja“ zu tanzen.
Kinder schenkte ihnen Gott leider nicht; sie hatten zwar einmal ein
Kleines gehabt, aber das war alsbald gestorben. Grigorij jedoch liebte
kleine Kinder sehr und verheimlichte das nicht einmal, das heißt, er
schämte sich nicht, es zu zeigen. Den kleinen dreijährigen Dmitrij
Fedorowitsch hatte er, als dessen Mutter fortgelaufen war, zu sich
genommen und hatte sich mit ihm fast ein ganzes Jahr lang abgegeben, ihn
eigenhändig gekämmt, gewaschen und im kleinen Waschtrog gebadet. Darauf
hatte er sich auch mit den zwei anderen Kleinen, Iwan und Aljoscha,
abgeplagt, was ihm später die Ohrfeige von der Generalin eintrug; doch
davon habe ich ja schon gesprochen. Das eigene Kindchen aber erfreute
ihn nur mit der Hoffnung, solange Marfa Ignatjewna noch schwanger war.
Als aber der Junge geboren wurde, da erfüllte er sein Herz mit Angst und
Trauer: denn das Kind hatte sechs Finger. Als Grigorij das sah, war er
dermaßen erschrocken und erschüttert, daß er bis zur Taufe kein Wort
mehr sprach und in den Garten ging, um dort mit sich allein zu sein. Es
war gerade Frühling, und so grub er denn im Gemüsegarten Beete. Am
dritten Tage mußte das Kind getauft werden; Grigorij hatte inzwischen
Zeit gehabt, sich zu bedenken. Als er ins Haus trat, wo sich schon die
ganze Verwandtschaft und die Gäste versammelt hatten und sogar Fedor
Pawlowitsch in höchsteigener Person als Pate erschienen war, erklärte er
plötzlich, daß man das Kind „eigentlich überhaupt nicht taufen sollte“ –
verbreitete sich jedoch nicht weiter über seine Meinung, sondern blickte
nur stumpf und aufmerksam auf den Popen.
„Warum nicht?“ erkundigte sich in heiterer Verwunderung der Geistliche.
„Weil ... das ist ein Drache ...“ brummte schließlich Grigorij.
„Wieso, was für ein Drache?“
Grigorij schwieg eine Zeitlang.
„Eine Verwechslung der Natur ...“ murmelte er, wenn auch sehr
undeutlich, so doch fest überzeugt; augenscheinlich wollte er sich nicht
darüber aussprechen.
Man lachte natürlich und taufte das arme Kind. Grigorij betete eifrig,
änderte aber seine Meinung über das Neugeborene nicht im geringsten.
Übrigens verhinderte er nichts, nur bemühte er sich in den ganzen zwei
Wochen, die das schwächliche Kindchen lebte, dasselbe überhaupt nicht zu
bemerken, und verließ, so oft er nur konnte, das Haus. Als aber der
Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber starb, da legte er ihn sorgfältig
in den kleinen Sarg, blickte ihn in tiefer Trauer an, und als sein
kleines Grab zugeschüttet wurde, da kniete er nieder und verneigte sich
vor dem Grabe. Seit der Zeit sprach er lange Jahre kein einziges Mal von
seinem Kinde, und selbst Marfa Ignatjewna wagte nicht, in seiner
Gegenwart ihres toten Kleinen zu erwähnen; konnte sie aber sonst mit
irgend jemandem von ihrem „Kindchen“ sprechen, so tat sie es immer nur
flüsternd, selbst wenn Grigorij überhaupt nicht im Hause war. Es fiel
ihr auf, daß Grigorij Wassiljewitsch seit jener Beerdigung sich ganz
besonders mit „Religiösem“ zu beschäftigen begann, das Leben der
Heiligen las, doch nur still für sich, wozu er dann seine silberne
Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut
vor, höchstens zur Fastenzeit. Er liebte das Buch Hiob sehr, wußte sich
von irgend jemandem die mystischen „Predigten unseres von Gott
erleuchteten Paters Issaak Ssirin“ zu verschaffen, las sie unermüdlich
jahrelang, verstand so gut wie überhaupt nichts davon und schätzte
vielleicht gerade darum dieses Buch am meisten. In der letzten Zeit
begann er sich für die Geißler[12] zu interessieren, von denen sich
einige in der Nachbarschaft eingefunden hatten. Er war sichtlich
erschüttert, fand es aber doch nicht für richtig, zu einem anderen
Glauben überzutreten. Seine Belesenheit „in göttlichen Dingen“ äußerte
sich nur auf seinem Gesicht in einem noch wichtigeren Ausdruck.
Vielleicht war er auch zum Mystizismus geneigt. Und da mußte es noch
geschehen, daß ihn nach der Geburt seines sechsfingrigen Sohnes und
dessen Tode eine ganz sonderbare Überraschung erwartete, die, wie er
sich selbst äußerte, in seiner Seele auf ewig einen „Stempel“
hinterließ. Es war in der Nacht desselben Tages, an dem der kleine
Sechsfingrige begraben worden war, als Marfa Ignatjewna plötzlich
erwachte und das Weinen eines neugeborenen Kindes zu vernehmen glaubte.
Sie erschrak und weckte ihren Mann. Grigorij horchte hinaus, meinte
aber, daß eher jemand stöhne, „wahrscheinlich ein Weib“. Er erhob sich
und kleidete sich an. Es war eine ziemlich dunkle Mainacht; als er auf
die Treppe hinaustrat, hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus dem Garten
kam. Die Hoftür aber zum Garten wurde jeden Abend verschlossen, anders
jedoch, als durch diese Tür oder unmittelbar aus dem Hause, konnte man
nicht in den Garten gelangen, denn er war von einem hohen, starken Zaun
umgeben. Grigorij kam zurück, nahm den Gartenschlüssel und die Laterne
und ging schweigend hinaus in den Garten, ohne auf das Entsetzen Marfa
Ignatjewnas zu achten, die immer noch behauptete, sie höre das Weinen
eines kleinen Kindes, und das sei bestimmt ihr Söhnchen, das sie rufe.
Hier hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus ihrem kleinen Badehause, das
nicht weit von der Hoftür im Garten stand, kam, und daß es wirklich eine
Frauenstimme war. Als er die Tür des Häuschens öffnete, bot sich ihm ein
Schauspiel, das ihn erstarren machte: die Stadtverrückte, die sich
überall herumtrieb und allen bekannt war, namens Lisaweta
Ssmerdjäschtschaja, die auf unerklärliche Weise in dieses Badehaus
gekommen war, hatte gerade ein Kind geboren. Das Neugeborene lag neben
ihr, sie aber wand sich in Todeskrämpfen. Sie sprach nichts, sie konnte
ja überhaupt nicht richtig sprechen. Doch von ihr muß ich etwas mehr
erzählen.
II.
Lisaweta Ssmerdjäschtschaja
Hier gab es einen besonderen Umstand, der Grigorij tief erschütterte und
ihn in einem früheren, unangenehmen, wenn nicht ekelhaften Verdacht
bestärkte. Diese Lisaweta war sehr klein von Wuchs, „zwei Arschin und
vielleicht noch eine Kleinigkeit war das Mädchen hoch“, wie mitleidig
einige unserer gottesfürchtigen Greisinnen nach ihrem Tode sagten, wenn
sie ihrer gedachten. Ihr zwanzigjähriges, gesundes, breites und
rotwangiges Gesicht war vollkommen idiotisch, der Blick ihrer Augen
unbeweglich und unangenehm, wenn auch ruhig. Sie ging im Sommer wie im
Winter barfuß und nur in einem hanfleinenen Hemde. Ihr fast schwarzes,
ungewöhnlich dickes Haar war so kraus wie die Wolle eines Schafes und
stand wie eine große Mütze auf ihrem Kopf; außerdem war es voller
Schmutz, Erdstückchen und Blätter, Holzspänchen und Stroh- und
Grashälmchen, denn sie schlief immer auf der Erde. Ihr Vater war ein
obdachloser, heruntergekommener, kranker Kleinbürger Ilja, der trank und
schon viele Jahre als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger
diente. Lisawetas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Der ewig kranke
und wütende Ilja schlug seine Tochter ganz unbarmherzig, wenn sie ihm
unter die Augen kam; doch geschah das nur selten, denn sie lebte überall
in der Stadt herum, als geistesschwaches, heiliges Gotteskind. Alle
Welt, die Wirtsleute ihres Vaters, der Vater selbst und sogar viele
Mitleidige, meistens Kaufmannsfamilien und Kaufmannsfrauen, versuchten
nicht einmal, Lisaweta etwas anständiger anzukleiden, um sie nicht so im
Hemd herumlaufen zu lassen; nur im Winter zogen sie ihr immer einen
Schafpelz und Stiefel an; sie aber, die sich alles ruhig anziehen ließ,
ging dann gewöhnlich zur Kirchentür und zog sich dort alles wieder aus,
was man ihr angezogen hatte – ob es nun ein Tuch, ein Rock, ein Pelz
oder sonst was war –, ließ es daselbst vor der Kirche liegen und ging
dann wieder nur mit dem Hemd bekleidet fort. Einmal, als der neue
Gouverneur unsers Gouvernements auch unser Städtchen besuchte, fühlte er
sich in seinen besten Gefühlen tief gekränkt, als er diese Lisaweta
erblickte, und wenn er auch einsah, daß es eine Geistesschwache war, wie
ihm sofort gemeldet wurde, so meinte er doch, daß ein junges Mädchen,
das nur in einem Hemde herumlaufe, den Anstand verletze: darum dürfe das
in Zukunft nicht mehr vorkommen. Doch der Gouverneur fuhr wieder fort,
und Lisaweta ließ man, wie sie war. Schließlich starb auch ihr Vater,
und sie wurde als Waise den Gottesfürchtigen noch lieber. Man schien sie
tatsächlich zu lieben, selbst die Straßenjungen neckten sie nicht, und
doch sind unsere kleinen Jungen, besonders die Schulrangen, eine
naseweise, unverfrorene Bande. Sie trat in fremde Häuser ein, doch
niemand schrie sie an oder wies ihr die Tür, im Gegenteil, man war immer
gut zu ihr und gab ihr stets etwas. Gab man ihr Geld, so brachte sie es
sofort in irgendeine Armenbüchse an der Kirche oder am Gefängnis; gab
man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es
sofort dem ersten kleinen Kinde, das sie erblickte, oder sie blieb gar
vor einer unserer reichsten Damen stehen und gab es der; und die Damen
nahmen es dankend und sogar freudig entgegen. Sie selbst aber nährte
sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Zuweilen trat sie in einen teuren
Laden ein und setzte sich; überall lag teure Ware, sogar loses Geld,
doch niemandem fiel es ein, auf sie achtzugeben, denn alle wußten, daß
man Tausende auf den Ladentisch legen konnte, daß sie aber keine Kopeke
anrühren werde. In die Kirche ging sie nur selten; sie schlief entweder
vor der Kirchentür, oder sie kletterte über einen Flechtzaun (bei uns
gibt es noch heute viel solcher Zäune) und schlief dann in einem
Gemüsegarten. Nach Haus, das heißt ins Haus jener Kleinbürger, bei denen
ihr Vater diente, ging sie ungefähr nur einmal in der Woche, im Winter
jedoch täglich zur Nacht, und dann schlief sie entweder im Flur oder im
Kuhstall. Man wunderte sich, daß sie solch ein Leben aushalten konnte;
doch sie hatte sich schon daran gewöhnt; wenn sie auch klein von Wuchs
war, so war sie doch ungewöhnlich stark gebaut. Einige behaupteten, sie
täte das alles nur aus Stolz, doch fand das keinen rechten Glauben; sie
konnte ja nicht einmal richtig sprechen, nur zuweilen bewegte sie die
Zunge und stieß irgendwelche lallende Laute hervor – wo konnte da von
Stolz die Rede sein! Und so geschah es denn einmal (es ist schon lange
her), daß in einer warmen und hellen Septembernacht bei Halbmond, zu
einer nach unseren Begriffen sehr späten Stunde, eine stark angeheiterte
Gesellschaft, etwa fünf oder sechs Herren, aus dem Klub durch die
Hinterstraßen nach Hause ging. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich
niedrige Zäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der an den größeren
Straßen stehenden Häuser lagen; diese Hinterstraße jedoch führte zu
einer kleinen Brücke über einen breiten, versumpften Graben, der bei uns
wohl das Flüßchen genannt wurde. Da bemerkte unsere lustige Gesellschaft
am Zaun zwischen Nesseln und Salbei die schlafende Lisaweta. Die Herren
blieben lachend stehen und begannen in nicht wiederzugebender Weise über
sie zu witzeln. Einer von ihnen, ein junger Milchbart, stellte plötzlich
die exzentrische Frage: „Könnte irgend jemand, einerlei wer, dieses Tier
für ein Weib halten, meinetwegen jetzt gleich usw.“, womit er ein ganz
unmögliches Thema anschlug. Alle meinten darauf mit stolzem Widerwillen,
daß dies undenkbar wäre. Doch in dieser angeheiterten Gesellschaft
befand sich auch Fedor Pawlowitsch, und sofort sprang er vor und
behauptete, man könne sie wohl für ein Weib halten, sogar sehr, und daß
es hierbei sogar eine gewisse Art von Pikanterie gäbe, usw. usw. Es ist
wahr, damals drängte er sich schon gar zu absichtlich in die Rolle des
Narren; er liebte es sehr, die anderen zu belustigen und dabei den
Gleichstehenden zu spielen, in Wirklichkeit aber war er doch der echte
Ham unter ihnen. Das war gerade in der Zeit, als er aus Petersburg die
Nachricht von dem Tode seiner ersten Frau erhalten hatte und darauf mit
dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sich so unanständig aufführte,
daß sich viele, selbst die Liederlichsten, bei seinem Anblick unangenehm
berührt fühlten. Die Bande lachte natürlich über die unerwartete
Behauptung Fedor Pawlowitschs; einer von ihnen versuchte, ihn noch mehr
aufzustacheln, doch die anderen schimpften nun erst recht, natürlich
immer unter allgemeiner Heiterkeit, und endlich gingen sie alle ihres
Weges. Später schwor Fedor Pawlowitsch, daß auch er damals mit den
anderen fortgegangen sei; vielleicht war er es auch, das weiß niemand
genau und kann es auch nicht wissen, doch nach fünf oder sechs Monaten
sprach man allgemein und aufrichtig empört davon, daß die Lisaweta
schwanger sei. Man fragte und riet, auf wen die Sünde fiele, wer der
Schänder wäre? Und da verbreitete sich denn in der ganzen Stadt das
Gerücht, daß es gerade Fedor Pawlowitsch Karamasoff sei. Woher aber war
dieses Gerücht gekommen? Von jenen Herren, die sie damals bemerkt
hatten, war zurzeit nur noch ein einziger in der Stadt, und das war ein
schon bejahrter Staatsrat, ein Vater erwachsener Töchter, der es
bestimmt nicht verbreitet haben würde, selbst wenn er etwas Positives
gewußt hätte; die übrigen Kumpane waren aber alle verreist. Doch das
Gerücht fuhr fort, hartnäckig gerade auf Fedor Pawlowitsch hinzuweisen.
Der machte sich natürlich nicht viel daraus; Kaufleuten und einfachen
Bürgern hätte er darauf überhaupt nicht geantwortet. Damals war er stolz
und sprach nur in seiner Gesellschaft von höheren Beamten und
Edelleuten, die er so vorzüglich zu unterhalten verstand. Da trat denn
Grigorij heftig für seinen Herrn ein und verteidigte ihn nicht nur gegen
alle Klatschereien, sondern geriet sogar seinetwegen in ernsten Streit,
überzeugte aber schließlich doch viele von Fedor Pawlowitschs Unschuld
in diesem Falle. „Sie, diese elende Herumtreiberin, ist selbst an allem
schuld,“ behauptete er steif und fest, und der Schänder sei niemand
anderes als der „Schrauben-Karp“ (ein in der ganzen Stadt berüchtigter
Verbrecher, der gerade zu der Zeit aus dem Gefängnis unserer
Gouvernementsstadt entsprungen war und sich darauf in unserer kleinen
Kreisstadt herumgetrieben hatte). Diese Beschuldigung schien
glaubwürdig, denn man erinnerte sich noch des Entsprungenen; erinnerte
sich, daß er gerade in jenen Herbstnächten die Stadt unsicher gemacht
und drei Menschen überfallen und beraubt hatte. Doch all diese
Erörterungen verminderten keineswegs die Sympathie für die arme Idiotin,
im Gegenteil, sie verstärkten sie nur noch; alle beschützten sie und
taten ihr Gutes. Und Frau Kondratjewa, eine wohlhabende Kaufmannswitwe,
richtete es so ein, daß Lisaweta schon Ende April ganz bei ihr blieb und
bis zur Entbindung bei ihr bleiben sollte. Sie wurde unermüdlich
bewacht; trotzdem gelang es ihr am Abend des letzten Tages, heimlich zu
entkommen. Wie sie in ihrem Zustande über den hohen, starken Zaun in den
Karamasoffschen Park hatte klettern können, ist ein Rätsel geblieben.
Wahrscheinlich ist es ganz natürlich geschehen, denn Lisaweta, die wie
eine Katze über die Zäune kletterte, um in fremden Gemüsegärten zu
nächtigen, wird wohl ebenso auch auf den hohen Zaun Fedor Pawlowitschs
gekommen und dann zu ihrem Unglück heruntergesprungen sein, trotz ihres
Zustandes. Grigorij stürzte nach dem ersten Schreck zurück zu Marfa
Ignatjewna, die er zur Hilfe in das Badehaus schickte, selbst aber lief
er zu einer alten Hebamme, die in der Nachbarschaft wohnte. Das Kind
wurde gerettet, doch Lisaweta starb schon beim ersten Morgengrauen.
Grigorij nahm das Neugeborene, brachte es ins Haus, hieß Marfa
Ignatjewna sich hinsetzen und legte ihr dann das Kind auf den Schoß, an
die Brust: „Eine Waise ist Gotteskind und unser aller Kind, für uns
beide aber erst recht unser Kind. Das hat unser totes Söhnchen
geschickt, und geboren ist es von einem Teufelssohn und einer Gerechten.
Nähre es, und weine jetzt nicht mehr.“ Und so erzog denn Marfa
Ignatjewna den kleinen Jungen. Er wurde Pawel getauft und allmählich,
ohne daß es jemand bestimmt hätte, ganz von selbst Fedorowitsch gerufen.
Fedor Pawlowitsch hatte nichts dagegen einzuwenden und fand das alles
sogar sehr spaßhaft, obgleich er immer noch fortfuhr, seine Vaterschaft
zu verneinen. In der Stadt gefiel es, daß er das Kind angenommen hatte.
Später dachte sich Fedor Pawlowitsch auch noch einen Familiennamen für
den Jungen aus: er nannte ihn Ssmerdjäkoff nach dem Spitznamen seiner
Mutter Lisaweta Ssmerdjäschtschaja.[13] Also dieser Ssmerdjäkoff wurde
dann Fedor Pawlowitschs Koch und zweiter Diener; er lebte in dem
Nebengebäude auf dem Hof zusammen mit dem alten Grigorij und der alten
Marfa. Eigentlich müßte ich noch vieles gerade über ihn sagen, doch will
ich jetzt nicht die Aufmerksamkeit meines Lesers zu sehr für die
Dienstboten in Anspruch nehmen, daher gehe ich jetzt wieder zu meinen
Hauptpersonen über; wird sich doch über Ssmerdjäkoff noch später, im
Verlauf der ganzen Geschichte, einiges sagen lassen.
III.
Die Beichte eines heißen Herzens.
In Versen
Als Aljoscha den Befehl seines Vaters, mit allen Kissen und Federbetten
das Kloster zu verlassen, vernommen hatte, blieb er in nicht geringer
Verwunderung zurück. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa wie ein
Pfosten stehen blieb, nein, er ging sogar noch in die Küche des Priors,
um dort zu erfahren, was sein Vater oben angestiftet hatte. Dann erst
machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung, unterwegs mit sich über
alles ihn Quälende ins reine zu kommen. Der Befehl seines Vaters, mit
„Kissen und Federbetten nach Hause zu kommen“, schreckte ihn nicht im
geringsten. Er begriff nur zu gut, daß dieser Befehl, der ihm so laut
zugerufen worden war, nur „in der Hitze“ gegeben sein konnte, sozusagen
zur Verschönerung, – etwa in der Art, wie vor kurzem ein Kleinbürger an
seinem Namenstage aus Wut darüber, daß man ihm nicht mehr Schnaps
gegeben, in Gegenwart der Gäste plötzlich seine eigenen Teller und
Schüssel zerschlagen, seine, wie seines Weibes Kleider zerrissen, die
eigenen Möbel zertrümmert und die Fensterscheiben eingeschlagen hatte.
Am nächsten Tage bedauerte natürlich der nüchtern gewordene Kleinbürger
seine zerschlagenen Tassen und Teller ... Aljoscha wußte, daß auch sein
Vater ihn am nächsten Tage wieder zurück ins Kloster gehen lassen werde
oder vielleicht schon nach wenigen Stunden. War er doch überzeugt, daß
der Vater nicht ihn, sondern einen anderen hatte kränken wollen.
Aljoscha war sogar fest überzeugt, daß niemand in der Welt ihn jemals
würde beleidigen wollen, und es auch nicht könne. Das war für ihn ein
Axiom, das er ohne Bedenken angenommen hatte, und so machte er sich denn
in dieser Hinsicht ohne die geringste Sorge auf den Weg.
Doch in diesem Augenblick quälte ihn eine ganz andere Angst, die um so
quälender war, als er sie sich nicht recht erklären konnte: Es war die
Angst vor einem Weibe, und zwar gerade vor Katerina Iwanowna, die ihn in
dem von Lisa Chochlakoff überbrachten Brief so inständig zu ihr zu
kommen bat, nicht nur bat, sondern verlangte. Dieser Brief nun und die
Notwendigkeit, zu ihr zu gehen, hatten sofort ein quälendes Gefühl in
seinem Herzen hervorgerufen; und den ganzen Morgen, je mehr die Zeit
vorrückte, desto heftiger quälte ihn dieses Gefühl, trotz aller
darauffolgenden Szenen in der Zelle des Staretz, wie auch später bei der
Abfahrt des Vaters. Nicht die Ungewißheit, wovon sie mit ihm sprechen
werde, und was er ihr antworten sollte, ängstigte ihn; auch nicht das
Weib überhaupt fürchtete er in ihr: O, Frauen kannte er natürlich wenig,
immerhin hatte er von Kindesbeinen an bis zum Eintritt ins Kloster nur
bei Frauen gelebt. Er fürchtete gerade Katerina Iwanowna. Er fürchtete
sie bereits seit dem Augenblick, da er zum erstenmal bei ihr gewesen
war. Nun kam aber noch das hinzu, daß er sie im ganzen nur zwei, oder
genau genommen, dreimal gesehen und nur einmal, wenn auch ganz zufällig,
ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Er erinnerte sich ihrer als
eines schönen, stolzen, gebieterischen Mädchens. Doch nicht ihre
Schönheit verwirrte ihn, sondern etwas ganz anderes. Und gerade die
Unerklärlichkeit seiner Angst verstärkte diese in ihm noch. Daß die
Absichten des jungen Mädchens edel waren, wußte er: Sie wollte seinen
Bruder Dmitrij, der sich ihr gegenüber schon vergangen hatte, retten,
und zwar wollte sie das nur aus Hochherzigkeit. Doch trotz dieser
Erkenntnis und aller Gerechtigkeit, die er diesen guten und edlen
Gefühlen unbedingt widerfahren lassen mußte, lief ein Frösteln über
seinen Rücken, als es ihm einfiel, daß er schon bald bei ihr sein werde.
Er überlegte hin und her und sagte sich, daß er seinen Bruder Iwan
Fedorowitsch, der ihr so nahe stand, nicht bei ihr antreffen werde: Iwan
war jetzt bestimmt bei seinem Vater. Dmitrij dagegen würde er ganz
sicher nicht antreffen, und er ahnte es, warum nicht. Also würde ihr
Gespräch unter vier Augen stattfinden. Er wäre aber doch so gern noch
vor diesem schrecklichen Gespräch zu seinem Bruder Dmitrij gegangen.
Ohne den Brief zu zeigen, hätte er mit ihm über einiges sprechen können.
Doch Dmitrij wohnte weit ab und war jetzt bestimmt nicht zu Hause.
Aljoscha blieb einen Augenblick stehen, dann aber entschloß er sich. Er
schlug hastig ein Kreuz, wie er es immer zu tun pflegte, und ein
flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen; dann ging er mit festen
Schritten weiter zu der gefürchteten Dame.
Er wußte, wo sie wohnte. Doch wenn er durch die Große Straße, über den
Platz usw. gegangen wäre, so wäre es ein sehr weiter Weg gewesen. Unser
kleines Städtchen ist nämlich sehr zerstreut gebaut, zwischen den
Häusern ziehen sich oft große Gärten hin, und so sind denn auch die
Entfernungen nicht gering. Zudem erwartete ihn doch der Vater, der
vielleicht seinen Befehl noch nicht vergessen hatte, infolgedessen aber,
wenn Aljoscha nun nicht sofort zu ihm kam, leicht gereizt und
eigensinnig werden konnte! Darum mußte sich Aljoscha sehr beeilen. Diese
letzte Erwägung brachte ihn auf den Gedanken, den Weg abzukürzen,
nämlich durch die Hinterstraßen zu gehen, die er schon wie seine fünf
Finger kannte. Dieses „durch die Hinterstraßen“ bedeutete aber fast ohne
Straßen gehen, längs einsamer Gemüsegärten und zuweilen selbst unter
Hindernissen, da es über kleinere Zäune klettern oder durch fremde Höfe
gehen hieß, wo ihn übrigens ein jeder kannte und freundlich grüßte. Auf
diese Weise kürzte er den Weg bis zur Großen Straße um die Hälfte. Hier
kam er an einer Stelle sogar sehr nahe am väterlichen Hause vorüber, da
er längs dem Nachbargarten, der zu einem alten, kleinen, schiefen
Häuschen mit vier Fenstern gehörte, gehen mußte. Die Besitzerin dieses
Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine
halbgelähmte Greisin; sie lebte hier mit ihrer Tochter, einer bereits
zivilisierten Kammerzofe, die in der Großstadt bei Generälen gedient
hatte, jetzt aber schon seit einem Jahre bei der alten Mutter sich
aufhielt und in aufgeputzten Kleidern einherstolzierte. Mutter und
Tochter waren nun sehr verarmt, und so gingen sie denn als Nachbarn
täglich in die karamasoffsche Küche, wo sie Suppe und Brot bekamen.
Marfa Ignatjewna gab es ihnen gern. Und die Tochter kam wohl zum Essen
holen, verkaufte aber kein einziges ihrer teuren Kleider, von denen
eines sogar eine riesenlange Schleppe haben sollte. Dieses letztere
hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freunde Rakitin gehört, dem
wirklich alles in der Stadt bekannt war, und hatte es, nachdem er es
gehört, natürlich sofort wieder vergessen. Doch als er jetzt am Garten
dieser Nachbarin vorüberging, fiel ihm plötzlich wieder die Schleppe
ein; er erhob seinen nachdenklich gesenkten Kopf und ... hatte eine ganz
unerwartete Begegnung.
Hinter dem Zaun stand, auf irgend etwas hinaufgestiegen, bis zur Brust
über dem Zaunrand, sein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der ihm mit den
Armen aus allen Kräften irgendwelche Zeichen machte, ihn augenscheinlich
heranwinkte, doch wie es schien, nicht nur zu rufen, sondern auch nur
ein Wort laut zu sprechen sich fürchtete. Aljoscha ging schnell zum
Zaun.
„Gut, daß du selbst aufblicktest, sonst hätte ich dich womöglich noch
anrufen müssen,“ flüsterte ihm hastig und erfreut Dmitrij Fedorowitsch
zu. „Spring rüber! Schnell! Ach, wirklich großartig, daß du gekommen
bist. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht ...“
Aljoscha war gleichfalls erfreut, nur wußte er nicht, wie er es
anstellen sollte, über den Zaun zu kommen. Doch Mitjäs Reckenhand
ergriff schon seinen Ellenbogen, um beim kühnen Sprung zu helfen.
Aljoscha nahm seine Kutte auf und sprang mit der Gewandtheit eines
barfüßigen Straßenbengels über den Zaun.
„So, famos, gehen wir!“ stieß Mitjä leise entzückt hervor.
„Wohin?“ fragte gleichfalls leise Aljoscha, der sich nach allen Seiten
umblickte und sich in einem völlig verlassenen Garten sah, in dem außer
ihnen niemand zu sehen war. Der Garten war klein, doch immerhin war das
Häuschen mehr als fünfzig Schritt von ihnen entfernt. „Aber hier ist
doch kein Mensch, warum flüsterst du?“
„Warum ich flüstere? Ach, ja, Teufel noch eins!“ rief plötzlich Dmitrij
Fedorowitsch mit voller, lauter Stimme: „Ja, warum flüsterte ich nur? Da
siehst du’s selbst, wie dumm man zuweilen ist. Ich bin heimlich
hergekommen und bewache ein Geheimnis. Die Erklärung wird gleich folgen.
Da nun hierbei so viel Geheimnis war, fing ich auch geheimnisvoll,
wollte sagen, nur ganz leise zu sprechen an und flüsterte wie ein Esel,
während das doch gar nicht nötig ist. Gehen wir! Siehst du, dorthin! Bis
dahin sei still. Ach, küssen will ich dich!
Heil dem Höchsten in der Welt,
Heil dem Höchsten auch in mir ...
Das habe ich vorhin die ganze Zeit hier auf der Bank wiederholt, bevor
du kamst ...“
Der Garten war ziemlich groß und nur ringsum am Zaun mit Bäumen
bepflanzt, mit Apfelbäumen, Ahorn, Linden und Birken. In der Mitte des
Gartens war ein freier, grüner Platz, eine Wiese, von der im Sommer
einige Pud Heu geerntet wurden. Vom Frühling bis zum Herbst wurde dieser
Garten von der Besitzerin für ein paar Rubel vermietet. Es waren dort
auch einige Beete mit verschiedenen Sträuchern: Stachelbeeren,
Johannisbeeren und Himbeerstauden, doch zogen die sich gleichfalls längs
des Zaunes hin, und beim Hause waren dann noch ein paar Gemüsebeete.
Dmitrij Fedorowitsch führte seinen Bruder in die vom Hause entfernteste
Ecke des Gartens. Dort bemerkte Aljoscha plötzlich zwischen alten
Linden, dichtem Holundergebüsch und spanischem Flieder eine uralte,
schiefe Laube, unter deren Bretterdach, das nicht mehr grün, sondern
schon schwarz war, man immerhin noch vor dem Regen hätte Schutz finden
können. Diese Laube war, Gott weiß wann, vielleicht vor fünfzig Jahren
gebaut worden, von dem früheren Besitzer des Häuschens, Alexander
Karlowitsch von Schmidt, einem Oberstleutnant a. D., wie man sich
erzählte. Doch alles war schon verfault: Die Bohlen wackelten, und es
roch nach feuchtem Holz. In der Mitte stand auf eingerammtem Pfosten ein
noch etwas grüner Tisch, um den auf gleichfalls eingerammten Pflöcken
drei Bänke standen. Aljoscha war sofort die gehobene Stimmung seines
Bruders aufgefallen – als sie jetzt in die Laube traten, bemerkte er auf
dem Tisch eine halbe Flasche Kognak und ein Gläschen.
„Ja, das ist Kognak!“ sagte Mitjä lachend, „du aber fragst dich schon:
‚Sollte er wieder trinken?‘ Glaube nicht dem Phantom.
Glaube nicht der stumpfen Masse,
Oh, vergiß die Zweifel alle ... usw.
Ich trinke nicht, ich ‚nasche‘ bloß, wie dein Freund, das Schwein
Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze dich. Aljoscha, ich würde
dich jetzt am liebsten einfach so nehmen und an mein Herz pressen, aus
allen Kräften würde ich dich an mich drücken, denn ... im Grunde –
begreifst du das? – im Grunde – behalte das! – liebe ich auf der ganzen
Welt nur dich allein!“
Er sprach die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in Verzückung.
„Nur dich allein und dann noch eine ‚Niederträchtige‘, in die ich mich
verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch sich verlieben,
heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben kann man auch, wenn man
ihn haßt. Behalte das! Jetzt spreche ich vorläufig noch mit heiterer
Miene! Setze dich dorthin, hinter den Tisch. Ich werde mich hierher
neben dich setzen, dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du
sollst schweigen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit
dazu. Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise
sprechen, denn hier ... hier ... können überall die unerwartetsten Ohren
horchen. Ich werde alles erklären. Wie gesagt: Erklärung folgt. Warum
nur sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all diesen
Tagen? – Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen verankert. – Alle
diese Tage? Weil ich nur dir allein alles sagen kann, dir allein, das
ist es ja, denn ich brauche dich, denn morgen werde ich aus den Wolken
herabfliegen, denn morgen wird das Leben enden und neu beginnen ... Hast
du es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im Traum von
einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, auch ich fliege
jetzt hinab, doch nicht im Traum. Fürchte mich aber nicht, und auch du
sollst dich nicht fürchten. Das heißt, ich fürchte mich wohl, aber es
ist – so süß. Das heißt, nicht süß, sondern ein Rausch des Entzückens
... Ach, nun hol’s der Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach
oder weibisch – einerlei! Besingen wir lieber die Natur! Sieh, wieviel
Sonne hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind
noch alle grün, ganz wie im Sommer. Vier Uhr nachmittags, diese Stille!
... Wohin wolltest du gehen?“
„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna gehen.“
„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zusammentreffen!
Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte ich dich, warum dürstete
und lechzte ich denn mit allen Ecken und Kanten meiner Seele gerade nach
dir? Um dich von mir gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina
Iwanowna, zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr
wie mit ihm! Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber ich wollte
nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von selbst zu ihr und
zum Vater gehen!“
„Wolltest du mich wirklich schicken?“ fragte hastig mit einem
krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen Willen.
„Wart, – du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits alles
begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure nicht und weine
nicht!“
Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den Finger an die
Stirn:
„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief geschrieben
oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu ihr gehen, denn sonst
wäre es dir doch nicht eingefallen?“
„Ja, sie hat mir geschrieben, hier,“ sagte Aljoscha und zog den Brief
aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell.
„Und du gingst durch die Hinterstraßen! O Götter, ich danke euch, daß
ihr ihn durch die Hinterstraßen und mir in die Arme führtet, wie das
goldene Fischlein dem alten, törichten Fischer im Märchen. Höre,
Aljoscha, Freund und Bruder. Jetzt will ich dir alles sagen. Denn irgend
jemandem muß man es doch sagen. Dem himmlischen Engel habe ich es schon
gesagt, jetzt muß ich es auch dem irdischen Engel sagen. Das bist du. Du
wirst es anhören, du wirst dann urteilen, und du wirst verzeihen ...
Gerade das aber habe ich nötig, daß mir ein höheres Wesen verzeiht.
Höre: Wenn sich zwei Wesen plötzlich von allem Irdischen losreißen und
irgendwohin in etwas Unbekanntes fliegen, oder wenigstens einer von
ihnen, und kurz vorher, also – vor dem Aufbruch oder dem Verderben zum
anderen geht und ihm sagt: Tue das und das für mich, etwas, worum man
sonst nie bittet oder höchstens auf dem Sterbebett, – würde der es dann
wirklich verweigern ... wenn er sein Freund, sein Bruder ist?“
„Ich werde es tun,“ sagte Aljoscha, „sage nur, was es ist, und sage es
etwas schneller.“
„Schneller ... Hm. Beeile dich nicht so, Aljoscha. Du beeilst dich und
bist unruhig. Jetzt hat’s keine Eile mehr. Jetzt ist die Welt in eine
neue Bahn gelenkt. Ach, Aljoscha, schade, daß du noch nie bis zur
Begeisterung gedacht hast! Doch, übrigens, was sage ich? Du sollst etwa
nicht bis zur Begeisterung gedacht haben! Wovon rede ich Dummkopf?
‚Edel sei der Mensch!‘
– Wer hat das gesagt?“
Aljoscha beschloß zu warten. Er sah ein, daß er jetzt hier vielleicht am
nötigsten war. Mitjä sann einen Augenblick nach, den Ellenbogen auf den
Tisch und den Kopf in die Hand gestützt. Beide schwiegen sie.
„Ljoscha,“ sagte plötzlich Mitjä, „nur du allein wirst nicht lachen! Ich
würde am liebsten meine ... Beichte ... mit Schillers Hymne an die
Freude beginnen ... Aber ich verstehe kein Deutsch, weiß nur, daß sie
‚An die Freude!‘ heißt. Denk nicht, daß ich betrunken bin und darum so
schwatze. Ich bin durchaus nicht betrunken. Kognak ist Kognak, doch ich
brauche zwei Flaschen, um mich anzutrinken, –
Silen der feiste, kahlköpfige,
Ritt trunken auf stolperndem Esel ...
ich aber habe noch keine Viertelflasche getrunken und bin nichts weniger
als Silen. Bin nicht trunken, wohl aber bin ich stark, denn ich habe auf
ewig meinen Entschluß gefaßt. Verzeih mir die dummen Gedichte ... Heute
wirst du mir vieles verzeihen müssen und nicht nur Gedichte. Beunruhige
dich nicht, ich bin ganz ruhig und werde sofort zur Sache kommen. Will
aus meiner Seele keine Mördergrube machen. Wart, wie war doch dieses
Gedicht ...“
Er erhob den Kopf, sann ein wenig nach, und plötzlich begann er
begeistert:
Scheu in des Gebirges Klüften
Barg der Troglodyte sich;
Der Nomade ließ die Triften
Wüste liegen, wo er strich.
Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
Schritt der Jäger durch das Land;
Weh dem Fremdling, den die Wogen
Warfen an den Unglücksstrand!
Und auf ihrem Pfad begrüßte,
Irrend nach des Kindes Spur,
Ceres die verlass’ne Küste,
Ach, da grünte keine Flur!
Daß sie hier vertraulich weile,
Ist kein Obdach ihr gewährt;
Keines Tempels heitre Säule
Zeuget, daß man Götter ehrt.
Keine Frucht der süßen Ähren
Lädt zum reinen Mahl sie ein,
Nur auf gräßlichen Altären
Dorret menschliches Gebein.
Ja, so weit sie wandernd kreiste,
Fand sie Elend überall,
Und in ihrem großen Geiste
Jammert sie des Menschen Fall.
Ein Schluchzen rang sich aus Mitjäs Seele heraus, und er umklammerte
Aljoschas Hand.
„Freund, mein Freund, gesunken ist der Mensch, tief gesunken! Der Mensch
hat so viel Qualen auf der Erde zu ertragen, hat so viel im Leben zu
leiden! Glaub nicht, daß ich nur ein Narr im Offiziersrock bin, einer,
der Kognak trinkt und ausschweifend lebt. Freund, denke ich doch fast an
nichts anderes, als an diesen erniedrigten Menschen – wenn ich nicht
lüge. Gott, laß mich jetzt nicht lügen, nicht mich selbst loben! Ich
denke an diesen Menschen, weil ich selbst so ein Mensch bin.
Daß der Mensch zum Menschen werde,
Stift er einen ew’gen Bund
Gläubig mit der frommen Erde,
Seinem mütterlichen Grund ...
Nur sage mir jetzt: Wie soll ich mich auf ewig mit der Erde verbinden?
Ich küsse doch nicht die Erde, ich schneide ihr doch nicht die Brust
auf; oder soll ich etwa ein Bauer werden und pflügen oder ein Hirt? Ich
gehe und lebe und weiß nicht: Bin ich in Schande und Gestank geraten
oder ins Licht und in die Freude? Siehst du, das ist mein Unglück, denn
alles auf der Welt ist Rätsel! Und wenn es vorkam, daß ich mich in die
tiefste, allertiefste Schmach der Ausschweifung warf (das aber kam so
häufig vor, daß es eigentlich ununterbrochen geschah), so sagte ich
immer dieses Gedicht von der Ceres vor mich hin. Ob es mich besser
machte? Niemals! Denn ich bin ein Karamasoff. Und wenn ich schon einmal
in den Abgrund fliege, so fliege ich mit dem Kopf voran und den Fersen
nach oben, und ich bin sogar zufrieden damit, daß ich in einer so
erniedrigenden Stellung falle, und finde das schön für mich. Und siehe:
Gerade in dieser Schmach und Schande stimme ich dann plötzlich die Hymne
an. Mag ich verflucht sein, mag ich niedrig und gemein sein, doch laßt
auch mich den Saum jenes Gewandes küssen, in das sich mein Gott hüllt;
mag ich auch zur selben Zeit dem Teufel folgen, so bin ich doch dein
Sohn, Herr, und liebe dich und fühle eine Freude, ohne die die Welt
nicht stehen und nicht sein könnte.
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben
Und der Cherub steht vor Gott.
Doch nun Schluß mit den Gedichten! Ich vergoß vorhin Tränen, aber du,
laß mich ruhig weinen. Mag das auch eine Dummheit sein, über die alle
lachen würden, nur du lache nicht. Wie deine Augen brennen, Ljoscha!
Doch nun, wie gesagt, Schluß mit den Gedichten. Ich will dir jetzt von
dem Wurme erzählen, von diesem selben, den die Erde mit Wollust
beschenkt hat ... Weißt du, mein Freund, dieser Wurm, das bin ja ich,
ich selbst, und das ist ganz speziell nur von mir gesagt. Und wir alle,
wir Karamasoffs, sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt
dieser Wurm und gebiert schon Stürme in deinem Blut. Das – sind Stürme,
denn die Wollust ist – Sturm, mehr als Sturm! Die Schönheit ist ein
furchtbares und schreckliches Ding! Furchtbar, weil sie unbestimmbar
ist, und bestimmen kann man sie nicht, weil Gott nur Rätsel gegeben hat.
Hier nähern sich die Ufer; hier leben alle Widersprüche beisammen. Weißt
du, Freund, ich bin sehr ungebildet, aber ich habe viel darüber
nachgedacht. Es gibt so furchtbar viel Geheimnisse! Zu viele Rätsel
bedrücken den Menschen auf Erden. Da heißt es, sie lösen, so gut man’s
kann, und trocken aus dem Wasser kommen. Die Schönheit! Ich kann es
nicht ertragen, wenn jemand – meistens sind es sogar Männer mit edlem
Herzen und hohem Verstand – mit dem Ideal der Madonna beginnt und bei
dem Weibe Sodoms endet. Noch furchtbarer aber ist, wer mit dem Ideale
Sodoms in der Seele doch das Ideal der Madonna nicht verneint, nach der
sein Herz lechzt und glüht; wahrlich, wahrlich, es glüht und sehnt sich
nach ihr, wie in der Jugend, in den noch lasterlosen Jahren. Nein, weit
ist der Mensch, sogar allzuweit, ich würde ihn enger machen. Weiß der
Teufel, was er eigentlich ist! Was dem Verstande Schmach scheint,
erscheint dem Herzen gewöhnlich als Schönheit. Ist denn in Sodom
Schönheit? Glaube mir, für die übergroße Mehrzahl der Menschen sitzt sie
gerade in Sodom, – wußtest du schon um dieses Geheimnis oder nicht?
Schrecklich ist das eine, daß die Schönheit nicht nur etwas Furchtbares,
sondern auch etwas Geheimnisvolles ist. Hier ringen Gott und Teufel, und
der Kampfplatz – ist des Menschen Herz ... Übrigens, das ist ja immer
so: Was einem weh tut, davon redet man. Höre, jetzt komme ich zur Sache.
IV.
Die Beichte eines heißen Herzens.
In Prosa
„Ich führte dort ein wüstes Leben. Papa sagte vorhin beim Staretz, ich
hätte mehrere Tausende für die Verführung ehrsamer Mädchen verschwendet.
Das ist eine schweinische Verleumdung, niemals habe ich das getan. Was
aber auch geschah, so bedurfte es ‚dazu‘ – eigentlich nie Geld. Geld,
das ist bei mir – _accessoire_, ich weiß nicht was, es muß nur vorhanden
sein. Heute ist eine vornehme Dame meine Liebe, morgen an ihrer Stelle
ein kleines Straßenmädel. Ich liebe diese wie jene, werfe das Geld mit
vollen Händen hinaus, bestelle Musik, Zigeuner. Wenn sie welches
braucht, gebe ich natürlich auch ihr, denn sie nehmen es, und wie noch,
das muß man allerdings zugeben, und zufrieden sind sie und dankbar.
Viele Damen haben mich geliebt, nicht alle, aber doch viele, viele; ich
aber liebte immer Winkelgassen, einsame, dunkle Sackgassen, – dort, dort
gibt es Abenteuer, dort findet man Unerwartetes, dort wachsen
berauschende Blumen im Schmutz. Ich meine das allegorisch, Freund. In
unserem Städtchen gab es solche Winkelgassen nicht in Wirklichkeit,
dafür aber gab es sie in anderer Beziehung. Wenn du wärest, was ich bin,
so würdest du begreifen, was diese letzteren bedeuten. Ich liebte die
Ausschweifung, liebte auch den Schmutz der Ausschweifung. Ich liebte die
Grausamkeit; bin ich denn kein blutsaugendes Tier, kein bösartiger Wurm?
Wie gesagt – bin Karamasoff! Einmal im Winter arrangierte die ganze
Gesellschaft ein Picknick; wir fuhren in Troiken hinaus; in der
Dunkelheit, im Schlitten begann ich das kleine Händchen des jungen
Mädchens, das bei mir saß, zu drücken, und zwang sie zu Küssen. Sie war
die Tochter eines Beamten, ein armes, liebes, sanftes Ding war’s. Sie
erlaubte es, vieles erlaubte sie in der Dunkelheit. Die arme Kleine
glaubte wohl, daß ich am nächsten Tage zu ihnen kommen würde, um einen
Heiratsantrag zu machen, denn vor allen Dingen schätzte man mich doch
als Heiratskandidaten. Ich aber sprach darauf fünf Monate kein Wort mehr
mit ihr, keine Silbe. Wohl sah ich, wie an Tanzabenden – wir taten doch
überhaupt nichts anderes als tanzen – aus der Saalecke mich ihre Augen
verfolgten, o, ich sah, wie sie brannten – im Feuer heiligen Unwillens.
Doch dieses Spiel ergötzte meine Wollust, ergötzte den Wurm, den ich in
mir nährte. Nach fünf Monaten heiratete sie einen Beamten und fuhr fort
... in Haß und – vielleicht immer noch in Liebe zu mir. Jetzt leben sie
glücklich. Hatte ich doch niemandem etwas davon gesagt, das behalte, ich
hatte sie nicht in üblen Ruf gebracht; denn wenn ich auch niedrige
Wünsche habe und das Niedrige liebe, so bin ich doch nicht ehrlos. Du
errötest, und deine Augen blitzen wieder. Nun, es ist auch genug für
dich – genug von diesem Schmutz. Und das ist doch alles noch so:
pauldekocksche Blümchen, obgleich der grausame Wurm schon wuchs, schon
in der Seele wucherte. Hier gibt es ein ganzes Album Erinnerungen,
Freund. Mag Gott ihnen, den lieben Kleinen, Gesundheit schicken! Ich
liebte es, beim Abschied ohne Groll auseinanderzugehen. Und niemals
erzählte ich etwas, keine einzige brachte ich in schlechten Ruf. Doch
genug. Glaubst du wirklich, daß ich dich nur wegen dieser Dummheiten
hergerufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte
erzählen; doch wundere dich nicht, daß ich mich nicht vor dir schäme und
scheinbar noch froh bin.“
„Das sagst du jetzt, weil ich erröte,“ bemerkte Aljoscha plötzlich.
„Nicht wegen deiner Worte erröte ich und nicht wegen deiner Taten,
sondern weil ich dasselbe bin, was du bist.“
„Wer, – du? Nun, da hast du etwas weit vorbeigetroffen.“
„Nein, durchaus nicht so weit,“ sagte eifrig Aljoscha. (Augenscheinlich
hatte er diesen Gedanken schon lange gehabt.) „Es sind ein und dieselben
Stufen; ich bin noch auf der niedrigsten, du aber bist schon oben, sagen
wir, auf der dreißigsten. So sehe ich die Sache an, jawohl, es ist ein
und dasselbe, vollkommen gleich. Wer die unterste Stufe betritt, der
wird unbedingt auch einmal auf die oberste treten.“
„So ist es wohl am besten, sie überhaupt nicht zu betreten?“
„Wer es kann, ja – der sollte sie überhaupt nicht betreten.“
„Du aber – kannst du das?“
„Ich glaube, nicht.“
„Schweig, Aljoscha, schweig, Liebling, ich möchte deine Hand küssen, so,
aus Rührung. Dieser Racker Gruschenka ist wirklich ein Menschenkenner –
sie sagte mir vor nicht langer Zeit, sie werde dich irgendeinmal
fressen! Doch ich schweige schon, schweige schon! Gehen wir jetzt von
dem Häßlichen, diesem Fliegenschmutz, zu meiner Tragödie über, die
gleichfalls von Fliegen beschmutzt ist, ich meine, von Gemeinheiten
aller Art. Die Sache ist nämlich die: Wenn der Alte auch beim Staretz
das von der Verführung ehrsamer Mädchen gelogen hat, so war es doch im
Grunde in meiner Tragödie genau so – nur war es das einzige Mal, und
auch da kam es nicht dazu. Der Alte aber weiß von dieser Geschichte
nichts: Ich habe sie niemandem erzählt; du bist der erste, der sie hört,
natürlich abgesehen von unserem Bruder Iwan, Iwan weiß alles. Er weiß es
schon längst; aber Iwan ist ein – Grab.“
„Iwan ein – Grab?“
„Ja.“
Aljoscha hörte mit größter Spannung zu.
„In jenem Bataillon, im Linienregiment, in dem ich nach dem Duell stand,
war ich doch gewissermaßen unter Aufsicht, selbst als Fähnrich wurde ich
wie etwa ein Verschickter behandelt. Das Städtchen aber nahm mich mit
offenen Armen auf. Geld verschwendete ich sehr viel; man glaubte, daß
ich reich sei, und ich glaubte es ja auch selbst. Aber, weißt du, ich
gefiel ihnen, wie es schien, noch durch etwas anderes. Wenn sie auch die
Köpfe schüttelten, so liebten sie mich doch wirklich aufrichtig.
Plötzlich aber hatte mein Oberstleutnant etwas gegen mich. Er suchte mir
immer etwas anzuhängen, ich aber war vollkommen im Recht, und die ganze
Stadt stand für mich, so konnte er mich nicht allzusehr schikanieren.
Natürlich lag die Schuld an mir; ich erwies ihm absichtlich nicht die
schuldige Ehrerbietung; war stolz. Dieser alte Starrkopf, der übrigens
durchaus kein übler Mensch, sondern ein gutmütiger, gastfreier, älterer
Herr war, hatte zweimal geheiratet, doch beide Frauen waren schon
gestorben. Die erste war einfacher Herkunft gewesen und hatte ihm nur
eine Tochter hinterlassen, die gleichfalls ziemlich einfach aussah; sie
war damals schon ein vierundzwanzigjähriges Mädchen und lebte mit ihrer
Tante, der Schwester ihrer Mutter, beim Vater. Die Tante war eine
schweigsame Person, ihre Nichte jedoch, also die älteste Tochter meines
Oberstleutnants, war das temperamentvolle Gegenteil. Weißt du, Liebling,
ich sage gern ein gutes Wort, wenn ich an jemanden zurückdenke: Niemals
habe ich einen Frauencharakter gesehen, der prächtiger gewesen wäre als
der Charakter dieses Mädchens, Agafja hieß sie, Agafja Iwanowna. Ja, und
an sich sah sie gar nicht übel aus, für russischen Geschmack –
hochgewachsen, stark, fest gebaut, prachtvolle Augen, das Gesicht
allerdings etwas einfach. Sie heiratete nicht, obgleich zwei bei ihr
ansprachen, sie lehnte vielmehr ab, verlor aber nicht ihr heiteres
Gemüt. Wir traten uns beide näher – doch nicht in diesem Sinne, nein, es
war rein, einfach freundschaftlich. Bin ich doch häufig Frauen ganz
sündenlos nähergetreten, eben wie ein Freund. Schwatzte mit ihr so
aufrichtig, Herrgott! – sie aber lachte nur. Viele Frauen lieben solche
Aufrichtigkeit, behalte das, sie aber war doch noch ein junges Mädchen,
was mich ungemein amüsierte. Und dann noch eines: Man konnte sie
unmöglich gnädiges Fräulein nennen. Sie und ihre Tante lebten beim
Vater, doch wie soll ich sagen, sie erniedrigten sich selbst freiwillig,
stellten sich jedenfalls mit der ganzen übrigen Gesellschaft nicht auf
gleichen Fuß. Alle hatten sie gern und hatten sie nötig, denn was die
Schneiderkunst anbetrifft, war sie eine Autorität: hatte wirklich
Talent; Geld nahm sie natürlich nicht für ihre Hilfe, machte man ihr
aber Geschenke, so nahm sie diese an und freute sich. Der Oberstleutnant
aber, o – der! Der war die erste Persönlichkeit der Stadt, lebte auf
großem Fuß, gab Diners und Bälle. Als ich hinkam, sprach man gerade in
der ganzen Stadt davon, daß bald auch seine zweite Tochter, die schönste
aller Schönheiten, aus der Hauptstadt zum Besuch nach Hause kommen
werde, da sie dort soeben ihr aristokratisches Institut verlassen hätte.
Diese zweite Tochter nun – das war Katerina Iwanowna, sein einziges Kind
von der zweiten Frau. Diese seine zweite Frau war aus vornehmem Hause
gewesen, Tochter eines angesehenen Generals, glaube ich; doch hatte sie,
wie ich genau weiß, kein Geld in die Ehe gebracht. Also mußte sie dafür
eine gute Verwandtschaft gehabt haben und vielleicht noch irgendwelche
Hoffnungen auf Erbschaften, aber bar jedenfalls nichts. Damals war sie,
wie gesagt, schon tot, und er war Witwer. Als aber dann die Tochter
ankam, nur zum Besuch, nicht auf immer, belebte sich sofort die ganze
Stadt, sogar unsere vornehmsten Damen – zwei Exzellenzen, die Frau des
Obersten und alle, die nach ihnen kamen, rissen sich geradezu um sie.
Sie war die Königin der Bälle; man arrangierte für sie Ausfahrten,
Schlittenpartien, lebende Bilder zum Besten armer Gouvernanten usw. Ich
schwieg, ich führte mein Leben unverändert so fort, und gerade damals
schoß ich so ein besonderes Stückchen los, daß die ganze Stadt auf dem
Kopf stand. Ich sehe, sie mißt mich einmal so mit dem Blick, auf dem
Balle beim Batteriekommandeur war’s; ich aber ließ mich noch immer nicht
vorstellen: Nun, verschmähte es, ihre Bekanntschaft zu machen. Erst nach
einiger Zeit ließ ich mich vorstellen, begann ein Gespräch; sie
antwortete kaum, verzog nur spöttisch verächtlich die Lippen. Warte,
denke ich, dafür werde ich mich rächen! Vor allen Dingen fühlte ich, daß
Katjenka nicht etwa ein unschuldiges Pensionsdämchen war, sondern eine
Persönlichkeit mit Charakter, ein stolzes, doch wirklich edles Weib, und
zwar ein kluges und gebildetes – ich aber war weder klug noch edel. Du
glaubst, ich beabsichtigte damals ihr einen Heiratsantrag zu machen?
Fiel mir nicht ein! Ich wollte mich ganz einfach dafür rächen, daß sie
mich, der ich doch solch ein famoser Bursche war, absichtlich nicht
beachtete. Inzwischen ging mein Leben unverändert weiter, lebte _in
dulci jubilo_. Schließlich gab mir mein Oberstleutnant drei Tage
Stubenarrest, und gerade in dieser Zeit schickte mir der Alte von hier
aus sechstausend Rubel, nachdem ich den formellen Verzicht auf alles und
jedes geleistet hatte, ich meine, daß wir quitt seien und daß ich nichts
mehr verlangen werde. Ich begriff damals keinen Deut von der ganzen
Geldgeschichte mit dem Vater. Offen gestanden, bis ich herkam, begriff
ich noch immer nichts, vielleicht bis zu diesen letzten Tagen,
vielleicht aber begreife ich auch heute noch nichts davon. Doch zum
Teufel damit, davon später. Damals aber, als ich diese Sechstausend
erhalten hatte, erfuhr ich plötzlich durch einen Freund – er schrieb mir
einen Brief – eine für mich ungemein interessante Sache, nämlich, daß
man mit unserem Oberstleutnant nicht ganz zufrieden war, daß man ihn
sogar im Verdacht hätte, das Regimentsgeld zu anderen Zwecken zu
verwenden, kurz – seine Feinde bereiteten ihm eine Überraschung vor, und
wirklich, alsbald kam der Divisionsgeneral und wusch ihm ganz
unglaublich den Kopf. Ziemlich kurze Zeit darauf, bekam er den Befehl,
sein Abschiedsgesuch einzureichen. Ich will mich hier nicht weiter bei
den Einzelheiten aufhalten, wie alles herauskam, und so weiter und so
weiter, er hatte wirklich viele Feinde. Man bemerkte sofort, daß alle
ungemein kühl gegen ihn und seine ganze Familie wurden und sich dann
plötzlich von ihm zurückzogen. Nun, und so kam es denn zu meinem ersten
‚Scherz‘: Zufällig treffe ich Agafja Iwanowna, mit der ich immer gut
Freund war, und plötzlich sage ich zu ihr: ‚Wissen Sie, Ihrem Vater
fehlen viertausendfünfhundert Rubel Krongelder.‘ – ‚Was sagen Sie? Wie
kommen Sie darauf? Vor kurzem war noch der General hier, und es fehlte
doch nichts ...‘ – ‚Damals nicht, doch jetzt fehlen sie in der Kasse.‘
Sie erschrak natürlich furchtbar: ‚Ängstigen Sie mich, bitte, nicht; wer
hat es Ihnen gesagt?‘ – ‚Beunruhigen Sie sich nicht,‘ sage ich, ‚ich
werde es niemandem sagen, Sie wissen doch selbst, daß ich in der
Beziehung ein Grab bin, doch hören Sie, was ich Ihnen in dieser
Angelegenheit noch sagen will, nur so „auf alle Fälle“: Wenn man von
Ihrem Vater die viertausendfünfhundert Rubel verlangt, er sie aber nicht
hat, so schicken Sie lieber, anstatt ihn auf seine alten Tage noch vors
Gericht und dann als Soldat nach Sibirien zu bringen, schicken Sie dann
lieber Ihre Schwester Katerina Iwanowna heimlich zu mir; man hat mir
gestern mein Geld gesandt, ich würde ihr dann gerne die
viertausendfünfhundert geben und das Geheimnis hoch und heilig
bewahren.‘ – ‚Ach,‘ sagte sie, ‚wie gemein Sie sind,‘ – sie sagte es
gerade so – ‚wie niederträchtig gemein! Wie wagen Sie es, so etwas zu
sagen!‘ Sie ging maßlos empört fort; ich aber rief ihr noch einmal nach,
daß ich das Geheimnis heilig halten werde. Diese beiden Weiber, die
Agafja und ihre Tante – das schicke ich voraus –, erwiesen sich in
dieser ganzen Geschichte als die reinen Engel; die Schwester aber, die
stolze Katjä, wurde von ihnen geradezu vergöttert, sie erniedrigten sich
freiwillig vor ihr, waren fast ihre Kammerzofen. Selbstverständlich
hatte ihr damals Agafja diese Geschichte – ich meine, unser Gespräch –
sofort wiedererzählt. Das erfuhr ich später ganz genau. Sie
verheimlichte es also nicht vor ihr! Nun wohl, das aber war’s ja gerade,
worauf ich rechnete.
„Da kommt nun mit einemmal der neue Major an, um das Bataillon zu
übernehmen. Übernimmt es; doch siehe, der alte Oberstleutnant wird
plötzlich krank, kann sich nicht bewegen, sitzt zweimal vierundzwanzig
Stunden zu Haus und – übergibt nicht die Kasse. Unser Doktor
Krawtschenko versicherte später, er sei wirklich krank gewesen; nur
hatte ich schon längst unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit
etwas anderes erfahren: daß die Summe jedesmal nach der Revision auf
einige Zeit verschwand, und zwar schon seit vier Jahren. Der
Oberstleutnant lieh sie nämlich dem ehrlichsten Menschen der Welt,
unserem Kaufmann Trifonoff, einem alten Witwer mit langem Bart und
goldener Brille. Jener fuhr dann auf die Jahrmärkte, setzte dort das
Geld in Umsatz und händigte hernach dem Oberstleutnant die ganze Summe
ungeschmälert wieder ein, brachte ihm Geschenke und Delikatessen mit,
und mit den Delikatessen auch die Prozente. Diesmal aber – ich erfuhr es
ganz zufällig von einem dummen Bengel, dem Söhnchen Trifonoffs, ja,
seinem Söhnchen und Erben, dem verderbtesten Jungen, den die Welt je
hervorgebracht –, diesmal aber war Trifonoff zurückgekehrt und hatte
nichts wiedergegeben. Der Oberstleutnant stürzte natürlich zu ihm: ‚Wie,
ich habe nichts von Ihnen erhalten,‘ war dessen Antwort, ‚und wie hätte
ich überhaupt etwas von Ihnen erhalten können?‘ Nun, und da saß denn
unser Oberstleutnant zu Haus, den Kopf mit einem Handtuch umwickelt;
alle drei bemühten sie sich um ihn, legten ihm Eis an die Schläfen. Da
kommt plötzlich eine Ordonnanz mit dem Buch und dem Befehl: ‚Sofort die
Kasse übergeben, binnen zwei Stunden.‘ Er unterzeichnete – ich habe
diese Unterschrift später selbst gesehen –, erhob sich, sagte, er wolle
seine Uniform anziehen, ging in sein Schlafzimmer, nahm seine
zweiläufige Jagdflinte, lud sie, nahm eine gute Soldatenkugel, zog den
rechten Stiefel aus, stützte sich mit der Brust auf die Flinte und
begann mit dem Fuß den Hahn zu suchen. Agafja aber, der meine Worte
nicht aus dem Sinn gekommen waren, hatte schon so etwas Ähnliches
erwartet und war zur rechten Zeit herangeschlichen. – Sie stürzte
natürlich hinein, ergriff ihn hinterrücks: die Kugel flog in die Decke
und verwundete niemanden. Nun, und dann kamen auch die anderen
hinzugelaufen, ergriffen ihn, nahmen ihm die Flinte fort, hielten ihn
fest ... Das erfuhr ich alles erst später ausführlich. Ich saß gerade zu
Hause; es dämmerte bereits. Ich wollte ausgehen, hatte mich angezogen,
frisiert, mein Taschentuch parfümiert, nahm schon meine Mütze, als
plötzlich die Tür aufgeht, und – vor mir steht in meiner Wohnung
Katerina Iwanowna ...
„Es gibt sonderbare Zufälle: Niemand hatte es damals in der Dämmerung
auf der Straße bemerkt, daß sie zu mir gekommen war. Ich aber wohnte bei
zwei uralten Beamtenwitwen; zwei ehrerbietige, alte Weiber waren’s,
gehorchten mir in allem und schwiegen später über diesen Besuch auf
meinen Befehl wie zugenäht ... Natürlich begriff ich sofort alles. Sie
trat herein und sah mich unbeweglich an. Ihre dunklen Augen blickten
entschlossen, fast sogar herausfordernd, doch auf den Lippen und um den
Mund herum, das sah ich, lag Unentschlossenheit.
„‚Meine Schwester hat mir gesagt, Sie würden viertausendfünfhundert
Rubel dafür geben – wenn ich selbst sie abholen käme ... ich selbst zu
Ihnen. Ich bin gekommen ... geben Sie! ...‘ Sie konnte nicht mehr, der
Atem blieb ihr stehen; sie erschrak, die Stimme versagte ihr, und die
Mundwinkel und die Linien um die Lippen erzitterten. Aljoschka, hörst du
– oder schläfst du?“
„Mitjä, ich weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst,“ stieß Aljoscha
erregt hervor.
„Ja, die werde ich sagen ... Wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so
war es so, ich werde mich selbst nicht schonen. Der erste Gedanke war –
ein Karamasoffscher. Weißt du, einmal hatte mich eine giftige Spinne
gebissen, zwei Wochen lag ich darauf im Fieber; nun, so fühlte ich auch
jetzt, wie eine giftige Spinne in mein Herz biß. Das heimtückische
Insekt, begreifst du? Ich maß sie mit dem Blick vom Kopf bis zu den
Füßen. Hast du sie gesehen? Schön ist sie! Doch nicht das machte damals
ihre Schönheit aus. Schön war sie in jener Stunde dadurch, daß sie edel,
ich aber ein Schuft war, daß sie stolz in ihrem hochherzigen Opfer für
den Vater vor mir stand, ich aber ein scheußliches Insekt vor ihr war.
Und von mir, dem Schuft und niedrigen Insekt, hängt sie _ganz_ ab, ganz,
ganz und gar, mit Seele und Leib. Ganz, wie sie dort vor mir steht. Ich
sage dir, Freund: Dieser Gedanke, dieser Gedanke der giftigen Spinne
packte mein Herz dermaßen, daß es vor Qual vergehen wollte ... Man
sollte meinen, einen Kampf hätte es überhaupt nicht mehr geben können:
einfach wie eine boshafte Tarantel verfahren, ohne jedes Mitgefühl ...
Ich glaubte zu ersticken. Hör, ich wäre doch sofort, am nächsten Tage
schon, zu ihnen gefahren und hätte um ihre Hand gebeten, um das alles
sozusagen in der anständigsten Weise zu decken, und somit hätte niemand
etwas Schlechtes sagen können. Denn wenn ich auch ein Mensch mit
niedrigen Begierden bin, so bin ich doch ehrenhaft, so habe ich doch
meine Ehre. Und plötzlich, in derselben Sekunde, flüsterte mir etwas ins
Ohr: ‚Aber morgen wird doch solch eine, wenn du mit dem Heiratsantrag
kommst, dich überhaupt nicht empfangen, wird dich durch den Kutscher vom
Hof treiben lassen‘: ‚Erzähl es doch der ganzen Stadt, wenn du willst,
ich fürchte dich nicht!‘ – Ich blickte sie an: Meine Stimme hatte nicht
gelogen: so würde es sein, selbstverständlich, genau so. Daß man mich
morgen hinauswerfen werde, konnte ich schon jetzt an ihrem Gesichte
sehen. Die Wut kochte in mir auf; mich überkam die Lust, das Gemeinste,
Schweinischste zu begehen, wie es etwa die elende Krämerseele eines
Ladenkaufmanns fertig gebracht hätte: sie spöttisch anzublicken und
gleich hier noch, so lange, wie sie vor mir stand, ein paar Worte zu
sagen, so mit einer gewissen Intonation, wie es nur ein Kaufmann zu
sagen versteht:
„‚Was – viertausend! Das fehlte noch! Ich habe doch nur gescherzt! Sie
sind wirklich gar zu leichtgläubig, meine Gnädigste; zweihundert
Rubelchen würde ich, nun, meinetwegen, noch mit Vergnügen und sehr gerne
geben, aber viertausend, Fräuleinchen, sind doch kein Geld, das man für
so leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich unnütz zu
bemühen geruht.‘
„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fortgelaufen,
doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und hätte für alles andere
entschädigt. Ich hätte freilich mein ganzes Leben lang vor Reue geweint.
Aber nur jetzt ihr dieses Stückchen spielen! Glaubst du mir, kein
einziges Mal war es mit mir geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe,
daß ich sie in solch einer Minute gehaßt hätte – doch glaube mir, sieh,
ich bekreuze mich: auf diese aber blickte ich drei oder fünf Sekunden
lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß – mit demselben wütenden Haß,
von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, wahnsinnigsten Liebe – nur
ein Haarbreit ist! Ich trat ans Fenster, preßte die Stirn an das
befrorene Glas, und ich weiß noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner
Stirn. Ich hielt sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Ich
wandte mich wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und nahm
die fünftausendrublige Banknote _au porteur_ (sie lag in meinem
französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, schob sie in ein
Kuvert, überreichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Vorzimmer,
trat darauf einen Schritt zurück und verneigte mich tief vor ihr in der
ehrerbietigsten, aufrichtigsten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen,
blickte mich starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich,
wie ein Handtuch, und plötzlich – gleichfalls ohne ein Wort zu sagen,
doch nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie gerade vor mir
nieder, verbeugte sich leise tief, tief – und – berührte mit der Stirn
den Boden! Nicht etwa schulmädchenhaft, nein – russisch! Sie erhob sich
und lief hinaus. Als sie hinausgelaufen war – weißt du, ich hatte den
Säbel schon umgeschnallt –, riß ich meinen Säbel aus der Scheide und
wollte mich erstechen. Warum? – Das weiß ich nicht, und es wäre
natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aber wahrscheinlich vor
Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich vor Begeisterung, einer
gewissen Art von Begeisterung, töten kann? Doch ich erstach mich nicht,
ich küßte nur die Klinge und schob sie wieder in die Scheide – was ich
übrigens jetzt auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß
ich soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weitschweifig
gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber ... nun schön, meinetwegen,
mag’s auch so gewesen sein, der Teufel hole alle Spione des
Menschenherzens! Das ist also meine ganze ‚Geschichte‘ mit Katerina
Iwanowna. Jetzt wissen davon Iwan und du – und sonst niemand.“
Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte hin und
her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, setzte sich
darauf wieder hin, doch nicht auf den früheren Platz, sondern an der
anderen Tischseite, so daß Aljoscha sich seitlich zu ihm wenden mußte.
V.
Die Beichte des heißen Herzens.
„Kopfüber hinab“
„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte,“ sagte Aljoscha.
„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte sich dort
ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und wird sich hier
abspielen.“
„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts,“ sagte
Aljoscha.
„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwas davon verstehe?“
„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag mir, du
bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?“
„Ich verlobte mich mit ihr nicht gleich darauf, sondern ungefähr erst
nach drei Monaten. Am nächsten Tage, nachdem sie bei mir gewesen war,
sagte ich mir, daß die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine
Fortsetzung nicht mehr geben werde. Jetzt noch mit einem Heiratsantrag
zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ sie in den
ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt verlebte, kein Wort von
sich hören. Das heißt, abgesehen von dem einen Mal: am nächsten Tage kam
nämlich ihre Stubenmagd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort
zu sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die Adresse:
Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den Fünftausend. Sie hatte
ja im ganzen nur viertausendfünfhundert nötig gehabt, und beim Verkauf
der Banknote war es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und
einiges herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube,
zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr genau, und sonst
nichts, nur das Geld – keinen Brief, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich
durchsuchte das ganze Papier nach irgendeinem Bleistiftzeichen –
n–nichts! Nun, ich lebte inzwischen für mein übriges Geld flott
drauflos, so daß auch der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu
geben. Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht
geringen Verwunderung seiner Kameraden, denn niemand hatte von ihm den
Besitz der ganzen Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte aber gleich
darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Gehirnerweichung hinzu, und
nach fünf Tagen war er tot. Man beerdigte ihn mit allen militärischen
Ehren, denn er hatte noch nicht den Abschied bekommen. Katerina
Iwanowna, ihre Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten
Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am selben Tage,
an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und nicht begleitet),
erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures Papier, und auf dem ganzen
Bogen steht nur eine einzige Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ‚Ich
werde Ihnen schreiben, warten Sie. K.‘ Und das war alles.
„Das übrige laß mich dir kurz in zwei Worten erklären. In Moskau
veränderten sich ihre Verhältnisse mit Blitzesschnelle und ebenso
unerwartet, wie es in arabischen Märchen zu geschehen pflegt. Eine alte
Generalin, ihre reichste Verwandte, verlor plötzlich ihre beiden
nächsten Nichten, beide starben in ein und derselben Woche an den
Pocken. Die erschütterte Alte freute sich über Katjä, als hätte sie in
ihr eine leibliche Tochter gefunden und veränderte das Testament sofort
zu ihren Gunsten. Doch das war für die Zukunft, vorläufig aber werden
ihr achtzigtausend Rubel sofort blank und bar ausgezahlt – das wäre
deine Aussteuer, mach damit, was du willst. Hysterisches Frauenzimmer,
habe sie später in Moskau beobachtet. Nun und: plötzlich erhalte ich per
Post viertausendfünfhundert Rubel – bin natürlich wie vom Schlage
gerührt. Nach drei Tagen kommt der versprochene Brief. Ich habe ihn auch
jetzt bei mir, ich habe ihn immer bei mir; ich werde auch mit ihm
sterben – willst du, daß ich ihn dir zeige? Du mußt ihn unbedingt lesen:
Sie bietet sich als Braut an, bietet sich selbst an, sagt: ‚Ich liebe
Sie sinnlos, wenn Sie mich auch nicht lieben, einerlei, seien Sie nur
mein Mann. Fürchten Sie nichts – ich werde Ihre Freiheit in nichts
beeinträchtigen, werde nur eines Ihrer Möbel sein, der Teppich, auf dem
Sie gehen ... Ich will Sie ewig lieben, ich will Sie vor sich selbst
retten ...‘ Aljoscha, ich bin es nicht wert, diese Zeilen auch nur
wiederzugeben, mit meinen gemeinen Worten und in einem gemeinen Ton,
meinem immer gemeinen Ton, von dem ich mich niemals habe losmachen
können! Dieser Brief durchdrang mich bis in alle Ewigkeit – und tut er
es nicht heute noch? Ist mir denn heute leicht zumut? Damals schrieb ich
ihr sofort die Antwort. Ich konnte unmöglich selbst nach Moskau fahren.
Schrieb sie mit Tränen; nur einer Sache schäme ich mich maßlos: Ich
erwähnte, daß sie jetzt reich sei – ich, der ich doch nur ein
bettelarmer Soldat war – erwähnte das Geld! Ich hätte das
stillschweigend ertragen müssen, aber die Feder schrieb es von selbst.
Gleich darauf, am selben Tage noch, schrieb ich nach Moskau auch an Iwan
und erklärte ihm alles, so gut es brieflich ging, in sechs Bogen, und
bat ihn, zu ihr zu gehen, schickte ihn zu ihr. Warum blickst du mich so
an? Nun ja, Iwan verliebte sich in sie, ist auch jetzt noch in sie
verliebt, ich weiß es genau. Eurer Meinung nach beging ich eine
Dummheit, und so urteilt auch die ganze Welt, vielleicht aber wird
gerade diese Dummheit uns alle retten! Ach! Siehst du denn nicht, wie
sie ihn verehrt, wie hoch sie ihn achtet? Kann sie denn überhaupt, wenn
sie uns beide vergleicht, solch einen wie mich lieben, und das noch nach
allem, was hier vorgefallen ist?“
„Ich bin überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich liebt und nicht so
einen wie ihn.“
„Sie liebt ihre eigene Hochherzigkeit, aber nicht mich,“ kam es
plötzlich fast ingrimmig über Dmitrij Fedorowitschs Lippen. Er lachte
kurz auf, doch schon nach einer Sekunde blitzten seine Augen, und er
schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
„Ich schwöre es dir, Aljoscha,“ rief er, in einer furchtbaren Wut auf
sich selbst, „glaub es mir oder glaub es mir nicht, doch so wahr, wie
Gott heilig und Christus unser Herr ist, schwöre ich dir, daß ich, wenn
ich auch soeben über ihre Gefühle lachte, doch weiß, daß diese ihre
Gefühle ebenso rein sind wie die Gefühle eines himmlischen Engels! Das
ist ja die Tragödie, daß ich das genau weiß! Was will es besagen, daß
der Mensch ein wenig deklamiert? Deklamiere ich denn etwa nicht? Und
doch bin ich aufrichtig, ehrlich aufrichtig. Was aber Iwan anbetrifft,
so begreife ich doch, mit welch einem Fluch er jetzt auf die Fügung der
Natur blicken muß, und das noch bei seinem Verstande! Wem – bedenke doch
nur – wem der Vorzug gegeben wird! Dem Scheusal, diesem Wüstling, der
selbst als Verlobter, und obwohl ihn alle beobachten, von seinem wüsten
Leben nicht lassen kann – und das vor den Augen seiner Braut, seiner
Braut! Und nun wird solch einer, wie ich, vorgezogen, und Er wird
verschmäht! Und warum nur? Weil das Mädchen aus Dankbarkeit ihr Leben
und ihr Schicksal vergewaltigen will! O Sinnlosigkeit! Ich habe Iwan in
diesem Sinne niemals etwas gesagt, und Iwan hat natürlich auch zu mir
mit keiner Silbe davon gesprochen, nie, nie etwas erwähnt. Doch das
Schicksal wird entscheiden, und der Würdige wird an die Stelle des
Unwürdigen treten, und der Unwürdige wird auf ewig in der Winkelgasse
verschwinden – in seiner schmutzigen Winkelgasse, und dort wird er im
Schmutz und Gestank freiwillig und mit Entzücken zugrunde gehen. Ach,
wieder rede ich fades Zeug, meine Worte sind alle so abgenutzt, stelle
sie immer irgendwie aufs Geratewohl. Doch so, wie ich es bestimmt habe,
so wird es sein. Ich in die Winkelgasse, und sie muß Iwan heiraten.“
„Erlaube, Mitjä,“ unterbrach ihn Aljoscha ungewöhnlich erregt. „Du hast
mir bis jetzt noch immer nicht das eine erklärt: Du bist doch mit ihr
verlobt, bist doch ihr Verlobter? Wie willst du dann die Verlobung
aufheben, wenn sie, deine Braut, es nicht will?“
„Ja, ich bin ihr Verlobter, die Verlobung wurde in Moskau gleich nach
meiner Ankunft gefeiert, wie es sich gehört, in großer Gala, mit
Heiligenbildern und so: _comme il faut_. Die Generalin segnete mich, und
– was glaubst du wohl – beglückwünschte sogar Katjä: Du hast eine gute
Wahl getroffen, ich kenne ihn ganz. Und denk doch, Iwan liebte sie
nicht, und sie wünschte ihm auch kein Glück. In Moskau besprach ich noch
vieles mit Katjä; ich sagte ihr, wer ich bin, beschönigte nichts, sprach
aufrichtig und edel. Sie hörte bis zum Schluß zu, nun, und:
‚Süße Verwirrung gab es,
Und manch zärtliches Wort ...‘
„Nun, es gab auch stolze Worte. Sie rang mir damals das große, heilige
Versprechen ab, mich zu bessern. Ich gab das Versprechen. Und nun ...“
„Was?“
„Und nun habe ich dich hergerufen und über den Zaun gelockt, heute,
heutigen Datums – behalt das! – um dich heute noch zu Katerina Iwanowna
zu schicken, und ...“
„Und?“
„Und ihr durch dich sagen zu lassen, daß ich niemals mehr zu ihr kommen
werde – und ihr meinen Abschiedsgruß sende.“
„Wie ist das nur möglich?“
„Aber darum schicke ich doch dich, anstatt daß ich selbst hingehe, weil
das unmöglich ist, denn wie sollte ich ihr selbst das sagen?“
„Aber wohin willst du denn?“
„In die Winkelgasse.“
„Zu Gruschenka?“ rief Aljoscha und sah ihn erschrocken und traurig an.
„So hat Rakitin vielleicht doch die Wahrheit gesagt? Ich glaubte, daß du
nur so zu ihr gingest, und das wäre alles.“
„Und das als – Verlobter? Meinst du das im Ernst? Wie ist denn das
möglich, wenn man solch eine Braut hat, und ... und so öffentlich? Nein,
meine Ehre habe ich noch, sei unbesorgt. Sowie ich zu Gruschenka zu
gehen begann, hörte ich sofort auf, Katjäs Verlobter und ein Ehrenmann
zu sein, das begreife ich doch selbst. Warum siehst du mich so an? Ja,
siehst du, ich ging ganz zuerst hin, um sie zu prügeln. Ich erfuhr es
aus sicherer Quelle, daß dieser Gruschenka von Papachens Anwalt, jenem
rotbärtigen Hauptmann, mein Wechsel übergeben worden war, damit sie ihn
einklage, um mich still zu machen. Und so begab ich mich denn zu
Gruschenka, um sie zu verprügeln. Ich hatte sie auch früher schon
flüchtig gesehen. Sie frappiert nicht sonderlich. Von dem alten Kaufmann
wußte ich, der jetzt zum Überfluß noch krank, halb gelähmt ist, ihr aber
doch ein bedeutendes Sümmchen hinterlassen wird. Auch wußte ich, daß sie
Geld zu verdienen liebt, sogar viel verdient, ihr Geld zu hohen
Prozenten verleiht, daß sie schlau und erbarmungslos ist. Ich ging, um
sie zu schlagen und – blieb bei ihr. Das Gewitter zog auf, der Blitz
schlug ein, die Seuche steckte mich an, und ich bin ihr anheimgefallen.
Weiß ich doch, daß jetzt alles aus ist, daß es jetzt nie mehr etwas
anderes geben wird. Der Ring der Zeiten ist vollendet; das ist alles.
Damals aber befanden sich gerade, wie vom Verhängnis geschickt – in
meiner Tasche, in meiner, obgleich ich doch nichts mehr besaß,
dreitausend Rubel. Wir fuhren dann sofort nach Mokroje, das ist
fünfundzwanzig Werst von hier. Ich bestellte Zigeuner und Zigeunerinnen
hin, Champagner, ließ dort allen Bauern, Weibern, Mädeln Champagner
geben, bis sie betrunken waren, warf die Tausende hinaus. Nach drei
Tagen war alles durchgebracht. Du glaubst, ich hätte etwas erreicht?
Nicht einmal an sich herankommen ließ sie! Ich sage dir: Gruschenka, der
Racker, hat solch eine Linie, die sich selbst an ihrem Füßchen
wiederholt, sogar im kleinen Zehchen des linken Fußes. Hab selbst
gesehen und geküßt, aber das ist auch alles – ich schwöre es dir! Sie
sagt: ‚Wenn du willst, werde ich dich heiraten, denn du hast ja nichts.
Versprich mir, daß du mich nicht schlagen und mir alles zu tun erlauben
wirst, was ich will, dann werde ich dich vielleicht heiraten,‘ und
lacht. Auch jetzt lacht sie!“
Dmitrij Fedorowitsch erhob sich plötzlich, fast jähzornig und war wie
trunken. Seine Augen wurden rot von andringendem Blut.
„Und du willst sie wirklich heiraten?“
„Sobald sie will, ... sofort – will sie nicht! So bleibt es denn, wie es
ist; werde Hofknecht bei ihr werden. Du ... du, Aljoscha ...“ rief er,
blieb vor ihm stehen, ergriff ihn an den Schultern und schüttelte ihn
plötzlich aus aller Kraft, „– weißt du auch, du unschuldiger Knabe, daß
das Fieberwahn ist, sinnloser Fieberwahn? Jawohl, hier ist Tragödie! So
höre denn, Alexei, ich kann wohl ein niedriger Mensch sein, mit
niedrigen, verderblichen Leidenschaften, doch ein Dieb, ein Taschendieb,
ein kleiner, schmutziger Taschendieb kann Dmitrij Karamasoff nie und
nimmer sein! Nun, und so wisse denn jetzt, daß ich ein Dieb bin, ein
gemeiner Taschendieb! Gerade kurz vordem, als ich zu Gruschenka ging, um
sie durchzuprügeln, ruft mich am selben Morgen Katerina Iwanowna zu sich
und bittet mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, damit es
vorläufig niemand erfahre (warum es niemand erfahren darf, weiß ich
nicht, augenscheinlich aber war’s wohl so nötig), und bittet mich, in
die Gouvernementsstadt zu fahren, und von dort aus durch die Post
dreitausend Rubel nach Moskau an Agafja Iwanowna zu schicken, und zwar
darum aus der Gouvernementsstadt, damit man es hier nicht erführe. Mit
diesen Dreitausend ging ich zu Gruschenka, und mit eben diesem Gelde
fuhren wir nach Mokroje. Später tat ich so, als ob ich tatsächlich in
die Gouvernementsstadt gefahren wäre, schickte ihr aber keine
Postquittung zu, ließ sagen, ich hätte das Geld abgeschickt und würde
bald selbst mit der Quittung kommen, habe sie aber bis heute noch nicht
hingebracht – ‚hab’s vergessen!‘ Nun aber – nun gehst du heute hin und
sagst ihr: ‚Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen Abschiedsgruß zu
überbringen.‘ Sie wird dich wohl fragen: ‚Und das Geld?‘ Da könntest du
ihr denn sagen: ‚Er ist ein niedriger Wollüstling, ein Mensch mit
unbezähmbaren Leidenschaften. Er hat damals Ihr Geld nicht abgeschickt,
sondern durchgebracht, denn er konnte sich als niedriges Tier nicht
zügeln.‘ Und du könntest noch hinzufügen: ‚Doch ist er deswegen kein
Dieb, hier sind Ihre Dreitausend, er schickt Ihnen das Geld zurück,
übersenden Sie es selbst Agafja Iwanowna, mich aber beauftragte er Ihnen
seinen Abschiedsgruß zu überbringen.‘ ‚Ja, aber,‘ wird sie dich fragen:
‚Und wo ist das Geld?‘“
„Mitjä, du bist unglücklich, das ist wahr! Aber doch nicht so sehr, wie
du denkst, töte dich nicht durch Verzweiflung, töte dich nicht!“
„Ach, du glaubst, ich würde mich erschießen, wenn ich nicht irgendwoher
die Dreitausend bekomme, um sie ihr zurückzugeben? Das ist es ja, daß
ich mich nicht erschießen werde! Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu,
später vielleicht einmal, jetzt aber werde ich zu Gruschenka gehen ...
Bin sowieso verloren!“
„Und was willst du bei ihr?“
„Werde ihr Gemahl sein, wenn sie mich dessen für würdig hält – wenn aber
ihre Liebhaber kommen, werde ich ins andere Zimmer gehen. Werde die
schmutzigen Galoschen ihrer Freunde reinigen, den Ssamowar anblasen, ihr
Laufbursche sein ...“
„Katerina Iwanowna wird alles verstehen,“ sagte Aljoscha plötzlich sehr
ernst, „sie wird die ganze Tiefe dieser Qual verstehen und alles
verzeihen. Sie hat einen klaren Verstand und ein großes Herz, sie wird
begreifen, daß man unglücklicher als du nicht sein kann.“
„Nein, sie wird nicht verzeihen,“ meinte Mitjä lächelnd. „Hier, Freund,
handelt es sich um etwas, das kein Weib verzeihen kann. Weißt du aber,
was jetzt das Beste wäre?“
„Was?“
„Ihr die Dreitausend zurückzugeben.“
„Aber woher sie nehmen? Hör, Mitjä, ich habe zweitausend, Iwan wird auch
noch tausend geben, da hast du die drei, nimm sie und gib sie ihr.“
„Haha, wann werden denn diese Dreitausend hier ankommen? Du bist ja noch
nicht einmal mündig, und doch mußt du unbedingt, un–be–dingt heute noch
zu ihr gehen und meinen Gruß bestellen, einerlei, ob mit oder ohne Geld,
denn länger kann ich das nicht so hinziehen – wie die Dinge jetzt
liegen, ist es ganz unmöglich. Morgen wär’s schon zu spät, viel zu spät.
Alexei, geh zum Vater!“
„Zum Vater?“
„Ja, bevor du zu ihr gehst, geh noch zum Vater. Er hat Dreitausend
bereit liegen, erbitt sie von ihm.“
„Aber er wird sie doch nicht geben, Mitjä.“
„Fehlte noch, daß er sie gibt, ich weiß, daß er nichts geben wird. Weißt
du, Alexei, was Verzweiflung ist?“
„Ich weiß es.“
„Hör: Juridisch schuldet er mir nichts mehr. Ich habe schon alles von
ihm bekommen, alles, ich weiß es. Aber moralisch schuldet er mir noch,
das ist doch wahr, nicht? Denn nur dank der Achtundzwanzigtausend meiner
Mutter hat er die Hunderttausend verdienen können. Mag er mir jetzt nur
Dreitausend von den ganzen Achtundzwanzigtausend geben, nur drei, und er
würde meine Seele aus der Hölle erlösen, es wird ihm für viele Sünden
angerechnet werden! Ich aber würde, wenn er noch diese Dreitausend geben
wollte, nie mehr etwas von ihm erbitten, ich gebe dir mein Wort darauf,
– er würde nichts mehr von mir hören. Ich gebe ihm zum letztenmal
Gelegenheit, sich als Vater zu erweisen. Sage ihm, daß ihm Gott selbst
noch diese letzte Gelegenheit schickt.“
„Aber er wird doch ganz bestimmt nichts geben, Mitjä.“
„Ich weiß es, daß er nichts geben wird, weiß es selbst ganz genau. Und
jetzt erst recht nicht. Ich weiß sogar noch viel mehr: Erst jetzt, erst
in diesen Tagen, vielleicht erst gestern, hat er es _im Ernst_ erfahren
(unterstreich das im Ernst), daß Gruschenka vielleicht wirklich nicht
scherzt und mich vielleicht wirklich heiraten will. Er kennt diesen
Charakter, kennt diese Katze. Nun, sage doch selbst, soll er mir jetzt
zum Überfluß auch noch Geld geben, er, der doch selbst ihretwegen schon
den Verstand verloren hat? Aber auch das ist noch nicht alles, ich weiß
noch mehr: Ich weiß, daß bei ihm seit fünf Tagen dreitausend Rubel
bereit liegen, in Hundertrubelscheine ausgewechselt, und in einem großen
Kuvert unter fünf Siegeln, das noch mit einem roten Bändchen kreuzweis
umbunden ist. Siehst du, wie genau ich alles weiß! Und auf dem Kuvert
steht geschrieben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen
will,‘ das hat er selbst draufgekratzt heimlich in der Stille, und
niemand weiß, daß bei ihm dieses Geld bereit liegt, außer dem Diener
Ssmerdjäkoff, an dessen Ehrlichkeit der Alte mindestens ebenso fest
glaubt wie an seine eigene Existenz. Und jetzt erwartet er Gruschenka
schon seit drei oder vier Tagen, hofft, daß sie nach den Dreitausend
kommen wird, hat er ihr es doch sagen lassen, und sie hat darauf
geantwortet: ‚Vielleicht, ja vielleicht werde ich kommen.‘ Aber wenn sie
jetzt zum Alten kommt, wie kann ich sie dann heiraten? Begreifst du
jetzt, warum ich hier heimlich sitze, und wem ich auflauere?“
„Doch nicht Gruschenka?“
„Ja, Gruschenka. Hier in diesem Hause hat sich Foma eine Kammer
gemietet, bei diesen liederlichen Weibsbildern. Foma ist unser gewesener
Soldat, stand in meiner Kompagnie. Er dient ihnen jetzt gewissermaßen,
wacht in der Nacht, und am Tage geht er Birkhühner schießen, und davon
lebt er. Ich habe jetzt hier bei ihm Anker geworfen. Doch weder er noch
die beiden Weiber wissen es, daß ich hier auf der Lauer sitze.“
„Nur Ssmerdjäkoff weiß es?“
„Nur er allein. Er wird es mir denn auch sagen, wenn sie zum Alten
kommt.“
„Und er hat dir auch das vom Kuvert gesagt?“
„Ja, er. Aber das ist das größte Geheimnis. Selbst Iwan weiß weder von
dem Gelde noch sonst etwas. Der Alte aber will Iwan unbedingt auf zwei
oder drei Tage nach Tschermaschnjä schicken: Es hat sich ein Käufer für
den Wald gefunden, will ihn für Achttausend fällen, und so bittet denn
der Alte himmelhoch Iwan: ‚Hilf mir, fahr selbst hin,‘ – damit wäre er
ihn auf zwei-drei Tage los. Er will nämlich, daß Gruschenka in seiner
Abwesenheit kommt.“
„Dann erwartet er sie also auch heute?“
„Nein, heute wird sie nicht kommen, aller Voraussicht nach. Sie wird
bestimmt nicht kommen!“ rief Mitjä plötzlich erregt. „Auch Ssmerdjäkoff
glaubt, daß sie nicht kommen wird. Der Alte trinkt jetzt wieder, sitzt
mit Iwan bei Tisch. Geh, Alexei, bitte ihn um diese Dreitausend ...“
„Mitjä, Lieber, was ist mit dir!“ rief Aljoscha aufspringend und blickte
erregt in das entstellte Gesicht Dmitrij Fedorowitschs. Einen Moment
glaubte er schon, daß jener irrsinnig geworden sei.
„Was hast du? Ich bin nicht wahnsinnig,“ sagte Dmitrij Fedorowitsch, und
sein Auge blickte aufmerksam und fast triumphierend den Bruder an. „Ja,
ich schicke dich zum Vater und weiß, was ich tue: Ich glaube an ein
Wunder.“
„An ein Wunder?“
„An ein Wunder der Vorsehung Gottes. Gott kennt mein Herz. Er sieht
meine ganze Verzweiflung. Er sieht alles. Sollte Er wirklich das
Grauenvolle zulassen? Aljoscha, ich glaube an ein Wunder, geh!“
„Ich werde gehen. Wirst du hier warten?“
„Ja. Ich weiß, daß du nicht so bald zurückkommen wirst, das kann man
doch nicht gleich, nach dem ersten Wort! Er ist jetzt betrunken. Ich
werde hier sitzen und warten, drei Stunden, vier Stunden, fünf, sechs,
sieben Stunden ... Nur mußt du wissen, daß du heute, und wenn auch um
Mitternacht, zu Katerina Iwanowna gehen wirst, _mit oder ohne Geld_, um
ihr zu sagen: ‚Er schickt Ihnen seinen Abschiedsgruß.‘ Ich will, daß du
es ihr gerade mit diesen Worten sagst: ‚Abschiedsgruß‘.“
„Mitjä! Plötzlich aber kommt Gruschenka heute ... oder wenn nicht heute,
dann morgen ... oder übermorgen?“
„Gruschenka? Werde sehen, werde hineinstürzen und verhindern ...“
„Wenn aber ...“
„Und wenn aber, dann schlage ich tot. So überlebe ich es nicht.“
„Wen willst du erschlagen?“
„Den Alten. Sie werde ich nicht erschlagen.“
„Dmitrij, was redest du!“
„Ich weiß es doch nicht, weiß es selbst nicht ... Vielleicht werde ich
ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, er wird
mir in dem Augenblick zu widerlich werden mit seinem Gesicht. Ich hasse
sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Gelächter. Ich
fühle schon den Ekel. Das ist es, was ich fürchte. Und so werde ich mich
denn nicht bezwingen können ...“
„Ich gehe, Mitjä. Ich glaube, daß Gott es lenken wird, nach seinem
besseren Wissen, damit das Entsetzliche nicht geschehe.“
„Ich aber werde hier sitzen und auf das Wunder warten. Doch wenn das
Wunder nicht geschieht, so ...“
Nachdenklich ging Aljoscha zu seinem Vater.
VI.
Ssmerdjäkoff
Er traf seinen Vater noch beim Mittagessen an. Der Tisch war wie
gewöhnlich im Saal gedeckt, obgleich es im Hause auch ein großes
Speisezimmer gab. Dieser Saal war jedoch der größte Raum im ganzen Hause
und mit einem etwas unmodischen Prunk ausgestattet. Die Möbel waren sehr
alt, in Weiß und Gold, mit rotem, altem, halbseidenem Bezug. An den
Pfeilern zwischen den Fenstern waren Spiegel eingesetzt in alten,
geschnitzten, verschnörkelten und gleichfalls weiß-goldenen Rahmen. Die
Wände, deren weiß-goldene Papiertapeten schon an vielen Stellen Risse
hatten, schmückten zwei große Porträts: das eine das Bildnis irgendeines
Fürsten, der vor etwa dreißig Jahren unser General-Gouverneur gewesen
war, und das andere – irgendeines Erzbischofs, der gleichfalls nicht
mehr lebte. In der vorderen Ecke hingen einige Heiligenbilder, vor denen
zur Nacht das Lämpchen angezündet wurde ... weniger aus Frömmigkeit,
vielmehr um zu verhüten, daß es in der Nacht im Zimmer ganz dunkel
wurde. Fedor Pawlowitsch ging sehr spät zu Bett, erst um drei oder vier
Uhr morgens, bis dahin aber ging er entweder im Zimmer herum, oder er
saß im Lehnstuhl und sann. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden. Nicht
selten schlief er ganz allein im großen Hause, da er zur Nacht alle
Dienstboten in das Nebengebäude schickte, doch blieb jetzt in letzter
Zeit der Diener Ssmerdjäkoff bei ihm und schlief dann im Vorzimmer auf
der Truhe. Als Aljoscha eintrat, war das Mittagessen schon beendet, es
wurden bereits eingemachte Früchte und Kaffee gereicht. Fedor
Pawlowitsch liebte nach dem Essen Süßigkeiten und Kognak als Abschluß.
Iwan Fedorowitsch saß auch noch bei Tisch und trank seinen Kaffee. Die
beiden Diener, Grigorij und Ssmerdjäkoff, waren gleichfalls zugegen. Die
Herrschaft wie die Dienerschaft war ersichtlich ungewöhnlich heiter
gestimmt. Fedor Pawlowitsch lachte laut; Aljoscha hörte schon im
Vorzimmer ein schreiendes, ihm von früher so gut bekanntes Gelächter und
sagte sich sofort, daß sein Vater, nach der Art dieses Gelächters zu
urteilen, noch längst nicht betrunken, sondern vorläufig nur aufgeräumt
war.
„Ah, da kommt auch er, da ist er ja!“ rief Fedor Pawlowitsch ungeheuer
erfreut über Aljoschas Kommen. „Gesell dich zu uns, setz dich, hier, so,
willst du ein Täßchen Kaffee, – das ist doch Fastengetränk, ganz heiß,
vorzüglich, sieh! Kognak biete ich dir gar nicht an, zu profan für dich,
oder willst du, willst du doch? Wart, ich werde dir lieber ein Likörchen
geben, pikfein! sage ich dir. – Ssmerdjäkoff, geh mal schnell, sieh im
Schränkchen, auf dem zweiten Brett rechts, – fix!“
Aljoscha wollte auch für den Likör danken, doch sein Vater ließ ihn kaum
zu Wort kommen.
„Einerlei, er wird sofort gebracht, sofort, sofort, wenn nicht für dich,
dann für uns,“ unterbrach er ihn strahlend. „Doch halt, hast du
überhaupt zu Mittag gegessen?“
„Ja, ich habe schon gegessen,“ sagte Aljoscha, der in Wirklichkeit nur
ein Stück Brot in der Küche des Priors genossen und Kwas dazu getrunken
hatte. „Aber heißen Kaffee würde ich ganz gern trinken.“
„Das ist brav von dir! Er wird Kaffee trinken! Soll man ihn nicht noch
schnell heiß machen? Nein, nein, nicht nötig, er kocht ja noch jetzt. Es
is’ ’n tadelloser Mokka, Ssmerdjäkoffscher! In Pasteten und Piroggen ist
Ssmerdjäkoff ein wahrer Künstler, sag ich dir, richtig: und auch noch in
Fischsuppe, das ist wahr. Du mußt einmal unbedingt zu Fischsuppe kommen,
melde dich aber vorher an ... Ach! ganz verschwitzt, da fällt mir soeben
ein, ich befahl dir doch vorhin, heute noch samt Kissen und Federbetten
zu mir überzusiedeln? He–he, hast die Federbetten mitgeschleppt, wie?
He–he–he! ...“
„Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,“ sagte Aljoscha gleichfalls
lächelnd.
„Ah – nun, aber ’nen Schreck hast du doch vorhin bekommen, gesteh’s nur,
wie, nicht? Ach du, mein Herzensjunge, wie könnte ich dich nur
beleidigen! Weißt du, Iwan, ich kann’s nicht ansehen, wenn er einem so
in die Augen blickt und dabei lacht, kann’s wahrhaftig nicht! Mein
ganzes Zwerchfell beginnt gleich über ihn zu lachen, ich liebe ihn doch!
Aljoschka, laß mich dir meinen väterlichen Segen geben.“
Aljoscha erhob sich, doch Fedor Pawlowitsch hatte sich schon besonnen.
„Nein, nein, nicht jetzt, jetzt werde ich dich nur einmal bekreuzen, so,
setz dich. Jetzt gibt’s aber ’nen Heidenspaß, gerade auf dein Thema,
wirst dich krank lachen! Bei uns hat endlich einmal Bileams Esel das
Maul aufgetan, und wie noch, und wie noch, ach Gott!“
Als Bileams Esel erwies sich der Diener Ssmerdjäkoff. Es war das ein
noch ziemlich junger Mann von etwas über vierundzwanzig Jahren. Er war
sehr menschenscheu und schweigsam. Doch nicht etwa scheu im gewöhnlichen
Sinne oder verschämt, nein, dem Charakter nach war er sogar hochmütig
und anmaßend, ja, er schien sogar alle zu verachten. Ich sehe mich
veranlaßt, gerade bei dieser Gelegenheit schon einiges über ihn zu
sagen. Erzogen hatten ihn Marfa Ignatjewna und Grigorij Wassiljewitsch,
doch der Knabe wuchs „ohne jede Dankbarkeit“ auf, wie sich Grigorij über
ihn äußerte, als scheues, mißtrauisches Kind. In seiner Kindheit liebte
er es sehr, Katzen zu erhängen und sie dann mit großen Zeremonien zu
beerdigen. Zu diesem Zweck nahm er sich ein Bettuch um, das wohl das
Meßgewand ersetzen sollte, und sang und schwenkte irgend etwas über der
toten Katze wie ein Weihrauchfaß. Alles das tat er heimlich, so daß es
niemand sehen konnte. Einmal überraschte ihn doch Grigorij bei dieser
feierlichen Handlung und bestrafte ihn schmerzhaft. Der Junge schlich
sich in die Ecke und schielte von dort eine ganze Weile lang nur
mißtrauisch auf seine Erzieher. „Er liebt uns nicht, diese Mißgeburt,“
sagte Grigorij zu Marfa Ignatjewna, „scheint gar niemanden zu lieben.
Bist du überhaupt ein Mensch,“ wandte er sich plötzlich an den Jungen,
„nein, du, du bist kein Mensch, du bist aus Badstubennässe entsprossen,
jetzt weißt du, wer du bist!“ Wie sich später herausstellte, konnte ihm
Ssmerdjäkoff diese Worte nie verzeihen. Grigorij brachte ihm das
Schreiben und Lesen bei, und als der Knabe zwölf Jahre alt wurde, begann
er ihn in biblischer Geschichte zu unterrichten. Doch das gute Vorhaben
sollte ein schnelles Ende nehmen. In der zweiten oder dritten Stunde
erlaubte sich der Knabe plötzlich zu lächeln.
„Was fehlt dir?“ fragte Grigorij sofort und blickte ihn streng über die
große, runde Brille an.
„N–nichts ... Gott der Herr schuf die Welt am ersten Tage, die Sonne
aber, den Mond und die Sterne erst am vierten. Wie konnte es dann am
ersten Tage Tag sein, wenn es dunkel war?“
Grigorij erstarrte. Der Junge blickte spöttisch seinen Lehrer an. In
seinem Blick lag sogar etwas hochmütig Herausforderndes. Das war zu viel
für Grigorij.
„Wie es sein konnte? So konnte es sein!“ schrie er seinen Schüler an und
gab ihm zur Erklärung eine schallende Ohrfeige. Der Junge ertrug die
Ohrfeige, ohne ein Wort zu sagen, zog sich aber wieder auf einige Tage
in seinen Winkel zurück. Da aber geschah es, daß er, gerade als eine
Woche nach dieser Ohrfeige vergangen war, zum erstenmal einen Anfall der
Fallsucht bekam, von der er nicht mehr geheilt werden sollte. Als Fedor
Pawlowitsch das erfuhr, veränderte er plötzlich sein Verhalten zu dem
Knaben. Früher schien er ganz gleichgültig auf ihn zu blicken, obgleich
er ihn nie schimpfte und ihm, wenn er ihn auf dem Hofe traf, gewöhnlich
ein paar Kopeken gab. Zuweilen schickte er gut gelaunt vom Tisch etwas
Süßes für den Jungen, aber das war auch alles. Doch als er von der
Krankheit erfuhr, begann er sofort für ihn zu sorgen, ließ den Arzt
rufen, ließ ihn behandeln. Nur zeigte sich leider, daß nichts dabei zu
machen war. Im Durchschnitt hatte er ungefähr einen Anfall monatlich,
und zwar zu verschiedenen Zeiten. Die Anfälle waren verschieden stark,
zuweilen leicht, zuweilen sehr heftig. Fedor Pawlowitsch verbot Grigorij
strengstens, den Jungen körperlich zu bestrafen und erlaubte von da ab,
daß der Knabe auch zu ihm ins Herrenhaus kam. Ihn irgend etwas lernen zu
lassen, verbot er vorläufig gleichfalls. Einmal aber, als der Knabe
schon fünfzehn Jahre alt war, bemerkte Fedor Pawlowitsch, daß er sich am
Bücherschrank herumtrieb und sich bemühte, durch das Glas die Titel zu
entziffern. Fedor Pawlowitsch hatte im Hause eine ziemliche Menge alter
Bücher, doch hatte ihn noch niemand mit einem Buch in der Hand gesehen.
Er übergab sofort den Bücherschrankschlüssel dem kleinen Ssmerdjäkoff.
„Da, nimm, lies soviel du willst, kannst mein Bibliothekar sein; das ist
immerhin besser, als daß du dich auf dem Hof herumtreibst. Sieh mal,
dieses Buch kannst du lesen,“ – und Fedor Pawlowitsch gab ihm Gogols
„Abende auf dem Meierhof bei Dikanka“.
Der Junge las das Buch, blieb aber unbefriedigt von dem Werk, lachte
kein einziges Mal, im Gegenteil, beendete es eher mürrisch und
verstimmt.
„Nun? Gefällt es dir denn nicht?“ erkundigte sich Fedor Pawlowitsch.
Ssmerdjäkoff schwieg.
„Sprich, Esel.“
„Alles das ist unwahr geschrieben,“ brummte schließlich Ssmerdjäkoff mit
einem halben Lächeln.
„Noch was Neues! Äh, zum Teufel mit dir, bist doch ’ne Dienerseele.
Wart, hier hast du Ssmaragdoffs ‚Allgemeine Geschichte‘, darin ist
nichts gelogen, lies mal das.“
Doch Ssmerdjäkoff las von Ssmaragdoffs „Allgemeiner Geschichte“ kaum die
ersten zehn Seiten, als ihm auch dieses Buch langweilig erschien. Und so
schloß sich denn der Bücherschrank wieder für ihn. Bald darauf meldeten
aber Marfa und Grigorij ihrem Herrn, daß Ssmerdjäkoff seit einiger Zeit
ein furchtbarer Mäkler geworden sei: Sitzt bei Tisch, nimmt den Löffel
und beginnt plötzlich in der Suppe zu suchen und zu suchen, rückt den
Teller hin, rückt ihn her, nimmt einen Löffel voll, hebt ihn auf, hält
ihn gegen das Licht, läßt die Suppe langsam vom Löffel auf den Teller
zurückfließen.
„Was? Ist eine Schabe drin?“ fragt Grigorij.
„Eine Fliege vielleicht,“ bemerkt Marfa.
Doch der Sauberkeit liebende Jüngling antwortete nie, und mit dem Brot,
dem Fleisch und allen Speisen geschah dasselbe: Auf einmal hebt er an
der Gabel ein Stück Fleisch empor, betrachtet es wie unterm Mikroskop,
scheint lange unschlüssig zu sein, bis er sich endlich doch entschließt,
das Stück in den Mund zu befördern. „Sieh doch, was das für ein Herr
wird,“ brummte zuweilen Grigorij bei seinem Anblick. Als Fedor
Pawlowitsch von dieser neuen Eigenschaft Ssmerdjäkoffs hörte, beschloß
er sofort, ihn Koch werden zu lassen und zur Erlernung dieser Kunst nach
Moskau zu schicken. Ssmerdjäkoff blieb etliche Jahre in Moskau und
kehrte dann stark verändert wieder zurück. Er war auffallend gealtert,
ganz unverhältnismäßig zu seinen Jahren, sein Gesicht war runzelig und
gelb geworden, er glich beinahe einem Sektierer. Innerlich war er jedoch
derselbe, der er vor der Fahrt nach Moskau gewesen war: War ebenso
ungesellig und empfand auch nicht das geringste Bedürfnis nach Umgang
mit anderen Menschen. Wie wir später erfuhren, soll er auch in Moskau
stets geschwiegen haben; die Stadt selbst hatte ihn sehr wenig
angezogen, und so hatte er denn auch nur sehr wenig von ihr gesehen, das
meiste gar nicht beachtet. Einmal soll er auch im Theater gewesen sein,
doch hieß es, daß er verstimmt und unzufrieden mit dem Gesehenen
heimgekehrt sei. Dafür aber kam er bei uns gut gekleidet wieder an, in
einem reinen, schwarzen Überrock und mit guter Wäsche. Er bürstete seine
Kleider sorgfältigst zweimal täglich, und seine kalbledernen Stiefel
putzte er mit einer ganz besonderen, englischen Wichse so lange, bis sie
wie Spiegel glänzten. Er erwies sich als vorzüglicher Koch. Fedor
Pawlowitsch setzte ihm denn auch ein festes Monatsgehalt aus, das
Ssmerdjäkoff aber restlos für Kleider, Pomaden, Parfüm usw. verbrauchte.
Was das weibliche Geschlecht anbetraf, so schien er es nicht weniger zu
verachten als das männliche, war im Umgang mit ihm sehr zurückhaltend,
wenn nicht gar unnahbar. Fedor Pawlowitsch begann aber bald noch mit
anderen Augen seinen Ssmerdjäkoff zu betrachten. Die Sache war nämlich
die, daß die Anfälle seiner Krankheit häufiger und stärker auftraten als
früher und an diesen Tagen das Essen von Marfa Ignatjewna zubereitet
werden mußte, was Fedor Pawlowitsch durchaus nicht mehr paßte.
„Warum hast du denn jetzt die Anfälle so oft?“ fragte er seinen neuen
Koch mit einem aufmerksamen Seitenblick auf ihn. „Wenn du vielleicht
irgendeine heiraten würdest; willst du, ich werde dich verheiraten!“
Auf solche Reden antwortete Ssmerdjäkoff kein Wort, er erbleichte nur
vor Unwillen. Fedor Pawlowitsch gab ihn schließlich auf. Vor allen
Dingen hatte er sich ein für allemal überzeugt, daß Ssmerdjäkoff ehrlich
war und nie etwas stehlen werde. Er hatte nämlich einmal in etwas stark
angeheitertem Zustande auf seinem eigenen Hof drei Hundertrubelscheine
verloren, die er kurz vorher erhalten hatte, doch vermißte er sie erst
am nächsten Tage; als er sie aber in allen Taschen zu suchen begann,
bemerkte er plötzlich, daß sie alle drei auf seinem Schreibtisch lagen.
Wie waren sie dorthin gekommen? Ssmerdjäkoff hatte sie gefunden und
hingelegt. „Nun, mein Lieber, solch einen wie du habe ich denn doch noch
nicht gesehen,“ meinte Fedor Pawlowitsch und schenkte ihm zehn Rubel.
Ich muß hinzufügen, daß er nicht nur von seiner Ehrlichkeit überzeugt
war, sondern ihn auch noch aus einem unbekannten Grunde liebte, obgleich
jener ihn ebenso scheel ansah wie alle anderen, und ihm gegenüber ebenso
wortkarg war. Nur selten begann er von selbst zu sprechen. Wenn damals
jemand bei seinem Anblick gefragt hätte: Wofür interessiert sich
eigentlich dieser Mensch, was hat er am häufigsten im Sinn, so hätte man
es wirklich nicht sagen können. Währenddessen aber kam es vor, daß er im
Hause oder auf dem Hof oder auch auf der Straße plötzlich tief
nachdenklich stehen blieb und so zuweilen ganze zehn Minuten lang
dastand. Ein Physiognomiker hätte gesagt, daß es weder Nachdenklichkeit
noch Grübelei war, sondern so eine gewisse Kontemplation. Von dem Maler
Kramski gibt es unter anderem ein sehr bemerkenswertes Bild: es heißt
„Der Beschauliche“. Mitten auf dem verschneiten Waldwege steht in einem
alten Mäntelchen und in alten Bastschuhen ein Bäuerlein, steht ganz
allein, und als ob er ganz in Gedanken versunken wäre, doch er denkt
nichts, er ist nur „beschaulich“. Würde man ihn stoßen, so würde er
zusammenfahren und einen, wie aus dem Schlaf erwachend, ansehen, ohne
jedoch etwas zu verstehen. Zwar würde er sofort zu sich kommen, doch
wollte man ihn fragen, woran er gedacht, als er stand, so würde er es
bestimmt nicht sagen können – dafür aber wird er zweifellos die
Empfindung, die er während der Zeit seiner „Beschaulichkeit“ gehabt, auf
ewig in seinem Innern behalten. Diese Empfindungen sind ihm teuer, und
sicher sammelt er sie in sich auf, ohne es auch nur zu wissen – warum
und wozu weiß er bestimmt gleichfalls nicht: Vielleicht macht er sich
dann plötzlich auf und pilgert nach Jerusalem zum Heiligen Grabe,
vielleicht aber ergreift ihn auch die Sehnsucht nach dem Heimatdorf,
oder vielleicht geschieht das eine wie das andere. Solcher Menschen gibt
es viele im Volk. Und einer von denen war nun zweifellos Ssmerdjäkoff,
und bestimmt sammelte er gleichfalls gierig seine Eindrücke, fast ohne
selbst zu wissen, warum.
VII.
Die Kontroverse
Aber siehe da, plötzlich tat Bileams Esel das Maul auf. Das Thema war
ein ganz sonderbares, zufälliges: Grigorij hatte am Morgen, als er beim
Kolonialwarenhändler Lukjanoff einkaufte, durch diesen von einem
russischen Soldaten gehört, der irgendwo fern an der Grenze bei den
Asiaten, in deren Gefangenschaft er geraten war, den Märtyrertod für
seinen Glauben erduldet hatte. Seine Peiniger hatten von ihm unter
Androhung der größten Foltern verlangt, vom Christentum zum Islam
überzutreten, er aber hatte sich die Haut abziehen lassen und war, den
Namen Christi preisend, gestorben. Die Nachricht von dieser Heldentat
hatte gerade in den Morgenblättern gestanden. Grigorij nun erlaubte
sich, bei Tisch das Gehörte zu erzählen. Fedor Pawlowitsch sah es auch
früher schon nicht ungern, wenn Grigorij, nachdem er alles serviert
hatte, noch bei Tisch stehen blieb, denn er liebte es, beim Dessert zu
sprechen oder zu scherzen, und wenn er allein speiste, so tat er es eben
mit Grigorij. Diesmal war er besonders gut gelaunt. Als er nun beim
Kognak die erwähnte Geschichte von dem gemarterten Soldaten hörte,
meinte er, man müsse diesen Märtyrer sofort heilig sprechen und seine
abgezogene heilige Haut in irgendein Kloster bringen, und schloß mit dem
Ausruf: „Wie das Volk und Geld anziehen würde!“ Grigorij runzelte die
Stirn, da er sah, daß Fedor Pawlowitsch sich nicht im geringsten rühren
ließ, sondern wie gewöhnlich mit seiner Religionsspötterei begann – als
plötzlich Ssmerdjäkoff, der an der Tür stand, spöttisch lächelte.
Ssmerdjäkoff hatte auch früher häufig zum Schluß der Mahlzeit mit
Grigorij im Zimmer gestanden, seit der Ankunft Iwan Fedorowitschs jedoch
war er ausnahmslos jedesmal erschienen.
„Was hast du?“ fragte Fedor Pawlowitsch, der das Lächeln bemerkt und
sofort erraten hatte, daß es sich auf Grigorij bezog.