„Das heißt also, kurz gesagt,“ begann wieder Pater Paissij, jedes Wort

betonend, „nach gewissen Theorien, die sich in unserem neunzehnten

Jahrhundert nur zu deutlich ausgeprägt haben, soll sich die Kirche in

Staat verwandeln – gleichsam aus einer niedrigeren Form in eine höhere

–, um darauf ganz in ihm zu verschwinden, indem sie vor der

Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Zivilisation zurücktritt, ihnen also

einfach Platz macht. Wenn sie das aber nicht will und sich dem

widersetzt, so wird ihr im Staat gleichsam nur eine gewisse Ecke

eingeräumt, und selbst die nur unter Aufsicht. Und das geschieht jetzt

überall in den gegenwärtigen europäischen Ländern. Nach der russischen

Auffassung und Zuversicht dagegen soll sich nicht die Kirche in Staat

verwandeln, wie aus einem niedrigeren in einen höheren Typ, sondern der

Staat soll sich vorbereiten, einzig und allein Kirche und nichts weiter

als das zu werden. Dieses sei sein Endziel. Und also geschehe es, Amen!“

„Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich jetzt wieder etwas ermutigt,“

sagte Miussoff und schlug ein Bein übers andere. „Soweit ich es

verstehe, handelt es sich also um die Verwirklichung irgendeines Ideals,

eines unendlich fernen, bei der Wiederkunft des Herrn. Nun, dagegen habe

ich nichts. Ein wunderschöner utopischer Traum von der Abschaffung der

Kriege, Diplomaten, Banken usw. Etwas, was sogar wie Sozialismus

aussieht. Ich aber dachte schon, daß das alles Ernst sei, und die Kirche

_jetzt_ bereits über Kriminalfragen richten, zu Ruten und Zwangsarbeit

und vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen solle.“

„Wenn es nur ein einziges kirchlich-ziviles Gericht gäbe, so würde die

Kirche auch jetzt nicht zur Zwangsarbeit oder zur Todesstrafe

verurteilen. Das Verbrechen und seine Auffassung müßten sich dann

selbstverständlich ganz verändern, natürlich allmählich, nicht plötzlich

und nicht sofort, immerhin ziemlich bald ...“ sagte ruhig, und ohne mit

der Wimper zu zucken, Iwan Fedorowitsch.

„Meinen Sie das etwa im Ernst?“ Miussoff blickte ihn aufmerksam an.

„Wenn alles Kirche wäre, so würde die Kirche den Verbrecher oder den

Ungehorsamen ausschließen, nicht aber Köpfe fällen,“ fuhr Iwan

Fedorowitsch fort. „Nun frage ich Sie aber, wohin würde dann der

Exkommunizierte gehen? Dann müßte er ja nicht nur von den Menschen, wie

jetzt, sondern auch von Christus fortgehen. Dann würde er sich mit

seinem Verbrechen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die

Kirche Christi vergangen haben. Das ist natürlich im strengsten Sinne

auch jetzt so, doch ist es immerhin nicht offiziell erklärt, und so

findet sich denn heute der Verbrecher sehr häufig mit seinem Gewissen

auf diese Weise ab, indem er sich sagt: ‚Habe wohl gestohlen, greife

aber nicht die Kirche an, bin Christus kein Feind.‘ Das sagt sich

heutzutage fast ausnahmslos jeder Verbrecher. Wenn aber die Kirche an

Stelle des Staates getreten ist, dann könnte er es sich schwerlich

sagen, es sei denn, daß er die ganze Kirche auf der ganzen Welt

verneinte: ‚Alle irren sich, alle sind vom richtigen Wege abgekommen,

alle sind Pseudokirche, nur ich allein, der Mörder und Dieb – bin die

wahre christliche Kirche.‘ Das aber sich zu sagen, ist doch sehr schwer

und verlangt ungeheure Bedingungen, setzt Umstände voraus, die es nicht

häufig gibt. Jetzt nehmen Sie andererseits jene Auffassung des

Verbrechens, wie sie die Kirche hat: Wird sich dann die allgemeine

Auffassung des Verbrechens nicht ändern müssen, im Vergleich zur

gegenwärtigen, fast heidnischen Auffassung, wird sie sich dann nicht

vielmehr aus der Idee, das kranke Glied mechanisch abtrennen zu müssen,

wie es jetzt zum Schutze der Gesellschaft getan wird, wahrhaft und nicht

nur scheinbar in die Idee der Wiedergeburt des Menschen, seiner

Auferstehung und Rettung verwandeln ...“

„Was soll denn das jetzt wieder bedeuten? Ich höre wieder auf, zu

verstehen,“ unterbrach Miussoff, „wieder irgendeine Phantasie! etwas

Formloses, aus dem man überhaupt nicht klug werden kann. Wie meinen Sie

das – ‚ausschließen‘ und was soll das für eine Exkommunikation sein? Ich

vermute stark, daß Sie einfach nur zu scherzen belieben, Iwan

Fedorowitsch.“

„Aber genau genommen ist es ja auch jetzt ganz dasselbe,“ sagte

plötzlich der Staretz, und sofort wandten sich aller Blicke ihm zu,

„denn wenn es jetzt keine Kirche Christi gäbe, so hätte der Verbrecher

keinen einzigen Halt nach dem Verbrechen und nicht einmal die

Möglichkeit einer Buße, das heißt, einer wirklichen und nicht, wie Sie

sagten, mechanischen Buße, die in der Mehrzahl der Fälle nur das Herz

erbittert – sondern die wirkliche Buße, die einzige abschreckende und

die einzige friedenbringende Buße, die in der Erkenntnis des eigenen

Gewissens liegt.“

„Erlauben Sie, wie meinen Sie das?“ erkundigte sich mit dem lebhaftesten

Interesse Miussoff.

„Ich meine das so,“ begann der Staretz. „Alle diese Verschickungen, die

Zwangsarbeit und früher noch die Körperstrafe verbessern niemanden, und

vor allem schrecken sie keinen einzigen Verbrecher ab; die Zahl der

Verbrechen verringert sich nicht etwa, sondern vergrößert sich noch

immer. Das müssen Sie mir doch vollkommen zugeben. Und so ergibt sich,

daß die Gesellschaft auf diese Weise keineswegs beschützt ist, denn wenn

auch das schädliche Mitglied mechanisch abgetrennt und weit

fortgeschickt wird, aus den Augen, aus dem Sinn, so wird es doch sofort

durch einen anderen Verbrecher, vielleicht sogar durch zwei Verbrecher,

ersetzt. Wenn es etwas gibt, das die Gesellschaft in unserer Zeit

beschützt und sogar den Verbrecher selbst bessert und in einen anderen

Menschen verwandelt, so ist das wiederum nur das Gebot Christi, das sich

in der Erkenntnis des eigenen Gewissens kundtut. Nur wenn er sich seine

Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt, der Kirche,

eingesteht, sieht er auch seine Schuld vor der Gemeinschaft selbst, das

heißt, vor der Kirche, ein. Somit ist denn der gegenwärtige Verbrecher

einzig vor der Kirche fähig, seine Schuld anzuerkennen, nicht aber vor

dem Staat. Und darum, wenn nun das Gericht der Gemeinschaft als Kirche

gehören würde, dann würde dieselbe wissen, wen sie aus der Verbannung

zurückführen und wieder aufnehmen könnte. Jetzt jedoch entfernt sich die

Kirche, da sie wohl die Möglichkeit allein des sittlichen Verurteilens,

nicht aber ein aktives Gericht hat, von der aktiven Buße des Verbrechers

ganz von selbst. Sie schließt ihn nicht aus und verläßt ihn nie mit

ihrem väterlichen Trost. Ja, sie bemüht sich sogar, mit dem Verbrecher

die ganze christliche, kirchliche Gemeinschaft zu erhalten: Sie läßt ihn

zum Gottesdienst, zum Abendmahl zu, sie gibt ihm Almosen und verhält

sich zu ihm mehr wie zu einem Verführten, als wie zu einem Schuldigen.

Und was würde mit dem Verbrecher geschehen, o Gott! wenn auch die

christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ihn ebenso verstoßen

würde, wie ihn das bürgerliche Gesetz verstößt und ausschließt? Was

würde mit ihm geschehen, wenn jedesmal und sofort nach der Strafe des

staatlichen Gesetzes auch die Kirche ihn mit der Ausschließung strafte?

Eine größere Verzweiflung kann es ja gar nicht geben, wenigstens nicht

für den russischen Verbrecher, denn die russischen Verbrecher sind noch

gläubig. Doch übrigens, wer kann es wissen: vielleicht würde dann etwas

ganz Furchtbares geschehen: das verzweifelte Herz des Verbrechers würde

vielleicht völlig den Glauben verlieren, und was dann? Doch die Kirche

zieht sich als zärtliche und liebende Mutter freiwillig von einer

aktiven Bestrafung zurück, da der Schuldige auch ohne ihre Strafe durch

das staatliche Gericht sowieso schon gar zu grausam bestraft ist, ihn

aber wenigstens irgend jemand bemitleiden muß. Vor allem deswegen, weil

das Gericht der Kirche das einzige ist, welches nichts als die Wahrheit

enthält und sich infolgedessen wesentlich und sittlich mit keinem

einzigen anderen Gericht, nicht einmal zu einem provisorischen

Kompromiß, vereinigen kann. Hierbei kann man sich nicht auf Vergleiche

einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereue selten, denn

sogar die jetzt sich verbreitenden Lehren bestärken ihn in dem Gedanken,

daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung

gegen die ungerecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft scheidet ihn

vollkommen mechanisch durch die über ihn triumphierende Macht aus und

begleitet diese Ausscheidung noch mit Haß – wenigstens sagen sie in

Europa selbst so von sich –, mit Haß und vollster Gleichgültigkeit für

ihres Bruders weiteres Schicksal. So geschieht denn dort alles ohne das

geringste kirchliche Mitleid, denn in vielen Fällen gibt es dort

überhaupt keine Kirchen mehr, es gibt dort nur noch Kleriker,

Kirchendiener und prachtvolle Kirchengebäude; die Kirchen selbst jedoch

streben dort schon längst nach dem Übergang aus der niedrigeren Form der

Kirche in die höhere Form des Staates, um in ihm ganz zu verschwinden.

So ist es, glaube ich, wenigstens in den lutherischen Ländern. In Rom

aber wird ja schon seit tausend Jahren an Stelle der Kirche der Staat

verkündet. Darum also hält sich der Verbrecher selbst nicht mehr für ein

Glied der Kirche und verbleibt als Ausgestoßener in der Verzweiflung.

Wenn er aber in die Gesellschaft zurückkehrt, so geschieht dies nicht

selten mit solch einem Haß, daß die Gesellschaft ihn ganz von selbst

wieder ausstößt. Womit das endet, können Sie sich selbst sagen. In

vielen Fällen könnte es scheinen, daß es auch bei uns dasselbe sei: Doch

das ist es ja gerade, daß es bei uns außer dem staatlichen Gericht noch

die Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher, als mit

ihrem lieben und immer noch teuren Sohne, aufgibt. Und überdies gibt es

bei uns noch – und wenn auch meinetwegen nur geistig – das Gericht der

Kirche, das jetzt allerdings noch nicht in Tätigkeit ist, doch immerhin

für die Zukunft lebt; und wenn es sich auch nur im Geiste erhält, so

wird es doch vom Verbrecher selbst fraglos durch den Instinkt seiner

Seele schon jetzt anerkannt. Und auch das ist ganz richtig, was hier

vorhin gesagt wurde: Wenn das Gericht der Kirche wirklich und in seiner

ganzen Macht eingeführt werden würde, das heißt, wenn die ganze

Gesellschaft sich ausschließlich in Kirche verwandeln sollte, so würde

nicht nur das Gericht der Kirche selbst auf die Besserung des

Verbrechers in einer Weise einwirken, wie es jetzt ganz undenkbar ist,

sondern es würden sich vielleicht auch die Verbrechen in unglaublichem

Maße verringern, im Verhältnis zu früher gesprochen. Und auch darüber

kann kein Zweifel bestehen, daß die Kirche den zukünftigen Verbrecher

und das zukünftige Verbrechen in vielen Fällen ganz anders auffassen

würde, als man es jetzt auffaßt, und daß sie es verstehen würde, den

Ausgestoßenen zurückzuführen, den Böses Sinnenden zu warnen und den

Gefallenen wieder aufzurichten. Allerdings,“ fuhr der Staretz lächelnd

fort, „vorläufig ist ja die christliche Gesellschaft noch selbst nicht

fertig und steht nur auf den sieben Gerechten; da aber diese nicht

aussterben werden, so bleibt sie immerhin unerschütterlich in der

Erwartung ihrer vollständigen Verwandlung aus der Gesellschaft, als

einer fast noch heidnischen Verbindung, in die einzige ökumenische und

herrschende Kirche. Und also geschehe es, und wenn auch zu Ende der

Zeiten, denn nur diesem allein ist vorherbestimmt, in Erfüllung zu

gehen! Und wozu sich durch die lange Zeit verwirren lassen, das

Geheimnis der Zeiten und des Endzieles liegt in der Allwissenheit

Gottes, in seiner Vorsehung und seiner Liebe. Und was nach menschlichem

Ermessen sehr weit entfernt ist, das kann nach der Vorherbestimmung

Gottes vielleicht schon vor der Tür stehen. Hoffen wir, daß dieses also

ist! Amen!“

„Amen, Amen!“ wiederholte andächtig und streng Pater Paissij.

„Sonderbar, höchst sonderbar!“ meinte Miussoff nicht etwa heftig, wohl

aber wie mit einem heimlichen, sagen wir – Unwillen.

„Was scheint Ihnen denn so sonderbar?“ erkundigte sich vorsichtig Pater

Jossiff.

„Ja, was bedeutet denn das eigentlich?“ fuhr Miussoff sofort auf, als ob

er sich plötzlich nicht mehr zurückhalten wollte. „Der Staat wird auf

der Erde beseitigt, die Kirche aber wird zum Staate erhoben! Das ist ja

nicht mehr Ultramontanismus, das ist einfach Erz-Ultramontanismus! Das

hat sich selbst Papst Gregor der Siebente nicht einmal träumen lassen!“

„Verzeihung, Sie haben es gerade umgekehrt aufgefaßt!“ sagte streng

Pater Paissij. „Nicht die Kirche verwandelt sich in Staat, beachten Sie

das wohl. Das ist Rom und sein Ideal. Das ist die dritte Versuchung des

Teufels! Sondern im Gegenteil: Der Staat verwandelt sich in Kirche,

erhebt sich bis zur Kirche und wird Kirche auf der ganzen Erde, – was

dem Ultramontanismus Roms und Ihrer Auffassung vollkommen

entgegengesetzt und nur die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit auf

Erden ist. Von Osten her kommt das Licht.“

Miussoff schwieg bedeutsam. Seine ganze Gestalt drückte ungewöhnliche

persönliche Würde aus. Ein ungemein herablassendes Lächeln erschien auf

seinen Lippen. Aljoscha hatte alles mit stark klopfendem Herzen

verfolgt. Dieses ganze Gespräch regte ihn bis in die Grundtiefen auf;

zufällig blickte er zu Rakitin hinüber: der stand unbeweglich auf seinem

alten Platz an der Tür und beobachtete und hörte aufmerksam zu, obgleich

er den Blick gesenkt hielt. Doch an der lebhaften Farbe seines Gesichts

erriet Aljoscha, daß auch Rakitin vielleicht nicht weniger als er selbst

erregt war; Aljoscha wußte, was ihn erregte.

„Gestatten Sie mir, meine Herren, Ihnen eine kleine Geschichte zu

erzählen,“ sagte plötzlich eindringlich und mit gewissermaßen besonders

würdevoller Miene Miussoff. „Es war vor etlichen Jahren in Paris, kurz

nach der Dezemberrevolution, da traf ich einmal, als ich im Hause eines

sehr hochstehenden Mannes – er war damals einer von der Regierung –

meine Aufwartung machte, da traf ich, wie gesagt, dort in seinen

Empfangsräumen einen ungemein interessanten Herrn. Dieses Individuum war

nicht gerade Detektiv, aber doch so etwas in der Art eines Direktors,

sagen wir, eines ganzen Kommandos politischer Detektivs – in seiner Art

ein ganz einflußreicher Mann. Nun, ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an,

da er mich ungemein interessierte, und da er nicht als Bekannter,

sondern als untergebener Beamter mit einer gewissen Art von Rapporten

gekommen war, so teilte er mir, da er sah, wie ich bei seinem

Vorgesetzten empfangen wurde, seinerseits einige Amtsgeheimnisse mit –

nun, versteht sich, nur bis zu einem gewissen Grade, das heißt, er war

eher nur höflich als gerade aufrichtig, so wie die Franzosen höflich zu

sein verstehen, um so mehr, als er in mir einen Ausländer erkannte. Doch

ich begriff ihn sehr gut. Das Gespräch drehte sich um die

sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ich übergehe

die Hauptpunkte des Gesprächs; ich will nur eine sehr interessante

Bemerkung, die er plötzlich fallen ließ, wiedergeben: ‚Diese

Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre fürchten wir nicht

sonderlich,‘ sagte er, ‚wir beobachten sie nur, und im übrigen sind uns

alle ihre Schachzüge bekannt. Unter ihnen aber gibt es, wenn auch nicht

viele, so doch einige besondere Leute: das sind Christen, die an Gott

glauben, zu gleicher Zeit aber auch Sozialisten sind. Sehen Sie, die

sind es, die wir am meisten fürchten; das ist ein gefährliches Volk! Der

christliche Sozialist ist viel gefährlicher als der atheistische

Sozialist.‘ Diese Worte frappierten mich auch damals schon; jetzt aber,

hier bei Ihnen, meine Herren, sind sie mir wieder eingefallen ...“

„Das heißt, daß Sie sie auf uns anwenden und auch in uns Sozialisten

sehen?“ fragte gerade heraus, ohne alle Umschweife Pater Paissij.

Doch bevor noch Miussoff an eine Antwort denken konnte, öffnete sich die

Tür, und Dmitrij Fedorowitsch, der sich so unverzeihlich verspätet

hatte, trat ein. Man hatte ihn, wie es schien, ganz vergessen, und sein

plötzliches Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar ein gewisses

Erstaunen hervor.

VI.

Wozu lebt solch ein Mensch?

Dmitrij Fedorowitsch, mittelgroß, mit einem sympathischen Gesicht, war

erst achtundzwanzig Jahre alt, sah jedoch weit älter aus. Er war

muskulös, und man konnte ihm eine bedeutende körperliche Kraft ansehen,

doch drückte sich in seinem Gesicht zugleich etwas Krankhaftes aus. Er

war mager, die Wangen waren eingefallen, und er hatte eine sonderbare,

ungesunde, bleiche Farbe. Seine ziemlich großen, dunklen, etwas

hervorstehenden Augen blickten scheinbar in fester Beharrlichkeit und

doch gewissermaßen unbestimmt. Selbst wenn er erregt war oder gereizt

sprach, gehorchte sein Blick, wie es schien, nicht seiner inneren

Stimmung und drückte etwas anderes aus, zuweilen sogar etwas, was seinen

Worten oder der Situation gar nicht entsprach. „Es ist schwer zu sagen,

woran er eigentlich denkt,“ äußerten sich zuweilen Menschen, die mit ihm

gesprochen hatten. Andere wiederum, die in seinen Augen etwas

Nachdenkliches, Trauriges sahen, waren erstaunt, ihn ganz plötzlich

lachen zu hören, was von seinen heiteren, spielerischen Gedanken in dem

Moment zeugte, als seine Augen noch so düster und trübe geblickt hatten.

Übrigens war sein etwas krankhaftes Aussehen noch aus einem besonderen

Grunde begreiflich: man sprach ja allgemein von dem ungewöhnlich

unruhigen und flotten Leben, dem er sich gerade in der letzten Zeit bei

uns ergeben hatte. Man sprach auch von den unglaublichen Zornausbrüchen,

zu denen er sich in den Streitigkeiten mit seinem Vater wegen des ihm

vorenthaltenen Geldes hatte hinreißen lassen; in der Stadt liefen

darüber sogar mehrere Anekdoten um. Es ist wahr, daß er auch schon von

Natur reizbar war, „von unregelmäßigem, veränderlichem Gemüt,“ wie sich

unser Friedensrichter Ssemjon Iwanowitsch Katschaljnikoff in einer

Gesellschaft einmal charakteristisch über ihn äußerte. Er war tadellos

und elegant gekleidet: in einem zugeknöpften Gehrock, mit schwarzen

Handschuhen, den Zylinder in der Hand, trat er ein. Als Offizier, der

erst vor kurzem seinen Abschied genommen hatte, trug er einen

Schnurrbart und ein glattrasiertes Kinn. Sein dunkelblondes Haar war

kurzgeschoren und an den Schläfen etwas nach vorn gekämmt; er hatte

einen energischen Gang, schritt weit aus wie eben ein Frontoffizier. Er

blieb auf der Schwelle stehen und, nachdem sein Blick alle Anwesenden

überflogen hatte, schritt er entschlossen auf den Staretz zu, in dem er

sofort die Hauptperson erraten hatte. Er verneigte sich tief vor ihm und

bat ihn um seinen Segen. Der Staretz erhob sich und segnete ihn. Dmitrij

Fedorowitsch küßte ihm ehrerbietig die Hand und sagte darauf

ungewöhnlich erregt, fast gereizt:

„Verzeihen Sie, bitte, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Der

Diener Ssmerdjäkoff, den mein Vater zu mir geschickt hatte, sagte mir

auf meine wiederholte Frage nach der Zeit des Besuches zweimal in der

bestimmtesten Weise, daß er zu 1 Uhr angesagt worden sei, und jetzt

erfahre ich plötzlich ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach ihn der Staretz, „Sie haben

sich etwas verspätet; aber das hat ja nichts zu sagen ...“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe auch von Ihrer Güte nicht weniger

erwartet.“

Nachdem er dies hervorgestoßen, verbeugte sich Dmitrij Fedorowitsch noch

einmal vor ihm, darauf aber wandte er sich zu seinem Vater und machte

vor ihm plötzlich eine ehrerbietige und tiefe Verbeugung. Man sah ihm

an, daß er sich diese Höflichkeit vorgenommen hatte und sie wirklich

aufrichtig meinte, da er es für seine Pflicht hielt, wenigstens auf

diese Weise seine Ehrerbietung sowie seine guten Absichten auszudrücken.

Fedor Pawlowitsch aber, der zuerst vor Überraschung nicht recht wußte,

wie ihm geschah, fand sich nach einem Augenblick doch wieder auf seine

Art: Er sprang hastig von seinem Stuhl auf und antwortete seinem Sohne

auf die Höflichkeit mit ganz genau solch einer Verbeugung. Sein Gesicht

wurde plötzlich wichtig und bedeutsam, was ihm einstweilen ein

entschieden böses Aussehen verlieh. Dmitrij Fedorowitsch begrüßte

schweigend mit einem kurzen Gruß die übrigen Anwesenden und ging dann

mit seinen großen, gleichmäßigen Schritten zum Fenster, wo er sich auf

den einzigen freien Stuhl setzte, nicht weit vom Pater Paissij, und

sitzend vorgeneigt, sofort dem unterbrochenen Gespräch zuhören zu wollen

schien.

Die ganze Unterbrechung hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert, und

so war es nur selbstverständlich, daß das Gespräch wieder aufgenommen

wurde. Diesmal hielt es Miussoff nicht für nötig, auf die bestimmte und

fast gereizte Frage des Paters zu antworten.

„Gestatten Sie, dieses Thema abzubrechen,“ sagte er mit einer gewissen

gesellschaftlichen Nachlässigkeit. „Zudem ist dieses Thema doch etwas

schwierig; sehen Sie, Iwan Fedorowitsch lächelt über uns: er muß

wahrscheinlich etwas besonders Interessantes auf diese Frage zu

antworten haben. Fragen Sie daher, bitte, ihn.“

„O, nichts Besonderes, außer der kleinen Bemerkung,“ entgegnete sofort

Iwan Fedorowitsch, „daß der europäische Liberalismus, im allgemeinen,

und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus schon längst und

nicht etwa selten die Endresultate des Sozialismus mit denen des

Christentums verwechseln. Diese unsinnige Folgerung ist natürlich ein

charakteristischer Zug; übrigens verwechseln den Sozialismus mit dem

Christentum, wie man sieht, nicht nur die Liberalen und Dilettanten,

sondern mit ihnen in vielen Fällen auch noch die Gendarmen, versteht

sich, nur die ausländischen. Ihre Pariser Geschichte ist wirklich recht

charakteristisch, Pjotr Alexandrowitsch!“

„Im übrigen bitte ich nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema

abzubrechen,“ wiederholte Miussoff, „dafür aber werde ich Ihnen eine

äußerst interessante und charakteristische Geschichte von Iwan

Fedorowitsch erzählen. Vor nicht länger als fünf Tagen erklärte er in

einer hiesigen vornehmlich aus Damen bestehenden Gesellschaft während

eines Disputs feierlichst, daß es auf der ganzen Erde entschieden nichts

gäbe, was den Menschen veranlassen könnte, Seinesgleichen zu lieben, daß

solch ein Naturgesetz: der Mensch muß die Menschheit lieben – überhaupt

nicht vorhanden und, wenn es bis jetzt auf der Erde trotzdem Liebe gäbe,

dieses nicht nach dem Naturgesetz, sondern einzig darum so sei, weil die

Menschen noch an ihre Unsterblichkeit glaubten. Iwan Fedorowitsch fügte

bei der Gelegenheit noch _en parenthèse_ hinzu, daß darin gerade das

ganze Naturgesetz bestünde, so daß, wenn man im Menschen den Glauben an

seine Unsterblichkeit vernichtete, in ihm nicht nur die Liebe, sondern

überhaupt jede lebendige Kraft zur Fortsetzung des irdischen Lebens

versiegen würde, und nicht nur das: es würde dann nichts Unsittliches

mehr geben, sagte er, alles würde dann erlaubt sein, sogar die

Menschenfresserei. Und auch damit war’s noch nicht genug: er schloß mit

der Behauptung, daß sich für jede Privatperson, wie hier zum Beispiel

ich, die weder an Gott noch an ihre Unsterblichkeit glaubt, das

sittliche Gesetz der Natur in das volle Gegenteil des früheren

religiösen Gesetzes verwandeln müsse, und daß ein Egoismus sogar bis zum

Verbrechen dem Menschen nicht nur erlaubt sein, sondern für ihn als

unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich gar edelster Ausweg in

seiner Lage anerkannt werden müsse. Nach diesem Paradoxon, meine Herren,

können Sie auf das übrige schließen, was unser lieber paradoxer

Exzentriker, Iwan Fedorowitsch, proklamiert und vielleicht auch noch zu

proklamieren beabsichtigt.“

„Erlauben Sie,“ rief plötzlich ganz unerwartet Dmitrij Fedorowitsch

dazwischen, „habe ich recht gehört: ‚Das Verbrechen muß nicht nur

erlaubt sein, sondern sogar als unvermeidlicher und vernünftigster

Ausweg aus der Lage eines jeden Gottlosen anerkannt werden!‘ War es so

oder nicht?“

„Genau so,“ sagte Pater Paissij.

„Das werde ich mir merken!“

Und Dmitrij Fedorowitsch verstummte ebenso plötzlich, wie er sich in das

Gespräch hineingemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an.

„Ist das von den Folgen, die der Verlust des Glaubens der Menschen an

die Unsterblichkeit ihrer Seele haben würde, wirklich Ihre Überzeugung?“

fragte plötzlich der Staretz Iwan Fedorowitsch.

„Ich habe das einmal behauptet. Es gäbe keine Tugend, wenn es keine

Unsterblichkeit gibt.“

„Selig sind Sie, wenn das Ihr Glaube ist, oder aber maßlos unglücklich!“

„Warum denn unglücklich?“ fragte Iwan Fedorowitsch lächelnd.

„Weil Sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach weder an die

Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, noch daran, was Sie von der Kirche

und über die Kirchenfrage geschrieben haben.“

„Vielleicht haben Sie recht ... Aber immerhin habe ich doch nicht nur

gescherzt ...“ gestand plötzlich sonderbarerweise Iwan Fedorowitsch,

wobei er übrigens flüchtig errötete.

„Nicht nur gescherzt, das ist wahr; diese Idee hat sich in Ihrem Herzen

noch nicht entschieden, und so quält sie das Herz. Doch auch der

Märtyrer liebt es zuweilen, mit seiner Verzweiflung zu spielen,

gewissermaßen gleichfalls aus Verzweiflung. Vorläufig spielen auch Sie

aus Verzweiflung, wenn Sie Zeitungsartikel schreiben und in

Gesellschaften disputieren, ohne dabei selbst an Ihre Dialektik zu

glauben, über die sie bei sich mit wehem Herzen lachen ... Dieses

Problem ist in Ihnen nicht gelöst, und darin besteht Ihr großes Leid,

denn es heischt unerbittlich eine Lösung ...“

„Aber kann es denn in mir überhaupt gelöst werden? Gelöst im positiven

Sinne?“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, sonderbar zu fragen, wobei er immer

noch mit einem unerklärlichen Lächeln auf den Staretz blickte.

„Wenn es sich nicht im positiven Sinne lösen kann, so wird es sich auch

niemals im negativen Sinne lösen, Sie kennen doch selbst diese

Eigenschaft Ihres Herzens, darin besteht seine ganze Qual. Danken Sie

dem Schöpfer, daß er Ihnen ein höheres Herz gegeben hat, das fähig ist,

sich mit dieser furchtbaren Frage zu quälen, ‚trachtend nach dem, was

droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist, denn unser Leben ist im

Himmelreich‘. Gebe Gott, daß Ihr Herz noch auf Erden seine Lösung finde,

und möge Gott Ihre Wege segnen!“

Der Staretz erhob die Hand und wollte schon von seinem Platz aus das

Zeichen des Kreuzes über Iwan Fedorowitsch machen. Doch der erhob sich

plötzlich, trat zu ihm und empfing den Segen; darauf küßte er ihm die

Hand und kehrte stumm zu seinem Platz zurück. Der Ausdruck seines

Gesichts war entschlossen und ernst. Diese Handlung, sowie das ganze

vorhergegangene sonderbare Gespräch mit dem Staretz, das man von Iwan

Fedorowitsch niemals erwartet hätte, schienen alle durch ihre

Rätselhaftigkeit und fast Feierlichkeit stutzig zu machen, so daß das

Schweigen eine ganze Minute andauerte. Auf Aljoschas Gesicht drückte

sich beinahe Schrecken aus. Da aber zuckte Miussoff plötzlich mit den

Achseln, und sofort sprang auch der alte Karamasoff auf.

„Göttlicher, heiligster Staretz!“ rief er pathetisch aus, auf Iwan

Fedorowitsch weisend. „Das ist mein Sohn, Leib von meinem Leib, mein

liebster Leib! Das ist mein ehrerbietigster, sozusagen Karl Moor, jener

dort aber, mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch, der jetzt erst eingetreten

ist und gegen den ich bei Ihnen mein Recht suche – das ist der

unehrerbietigste Franz Moor – beide aus Schillers ‚Räubern‘ –, ich

selbst aber, ich selbst bin in diesem Falle natürlich der regierende

Graf von Moor! Jetzt urteilen Sie! Und retten Sie! Wir bedürfen nicht

nur Ihrer Gebete, sondern auch Ihrer Weissagungen.“

„Reden Sie, ohne dabei den Narren zu spielen, und beginnen Sie nicht mit

Beleidigungen Ihrer Angehörigen,“ sagte der Staretz mit schwacher,

erschöpfter Stimme. Ersichtlich wurde er immer müder, und seine Kräfte

verließen ihn fast wahrnehmbar.

„Diese unwürdige Komödie habe ich schon vorausgeahnt!“ rief unmutig

Dmitrij Fedorowitsch, der gleichfalls aufsprang. „Verzeihen Sie,

ehrwürdiger Vater,“ wandte er sich an den Staretz, „ich bin nur ein

ungebildeter Mensch und weiß sogar nicht einmal, wie man Sie anreden

muß, man hat Sie aber betrogen, und es war von Ihnen eine viel zu große

Güte, uns hier zu empfangen. Mein Vater will es nur zu einem Skandal

bringen, wozu er den nötig hat – das weiß ich nicht; doch wird er dabei

schon auf seine Rechnung kommen. Er hat bei allem, was er tut, seine

besondere Rechnung; übrigens glaube ich zu wissen, wozu ...“

„Natürlich beschuldigen sie mich alle, alle beschuldigen sie mich!“ rief

seinerseits der alte Karamasoff; „auch Pjotr Alexandrowitsch beschuldigt

mich! Das haben Sie getan, Pjotr Alexandrowitsch, das haben Sie ...!“

rief er plötzlich, sich zu Miussoff umdrehend, heftig, obgleich es

diesem gar nicht eingefallen war, ihm zu widersprechen. „Man beschuldigt

mich, ich soll das Geld meiner Kinder in meine Stiefel gesteckt haben

und allen das Fell über die Ohren ziehen. Aber erlauben Sie, gibt es

denn etwa kein Gericht? Dort würde man Ihnen, Dmitrij Fedorowitsch, nach

Ihren eigenen Quittungen, Briefen und Kontrakten sofort verrechnen,

wieviel Sie besaßen, wieviel Sie durchgebracht haben und wieviel Ihnen

übrigbleibt! Warum vermeidet es Pjotr Alexandrowitsch, die Sache vors

Gericht zu bringen? Dmitrij Fedorowitsch ist ihm doch kein Fremder! Er

tut’s aber nicht, weil alle auf mich loshacken; Dmitrij Fedorowitsch

jedoch ist mir in Summa noch schuldig, und nicht etwas, sondern viele

Tausende, was ich mit allen Dokumenten beweisen kann! Die ganze Stadt

schnattert ja von seinen überall bekannten Trinkgelagen! Dort aber, wo

er in Garnison stand, dort hat er tausend oder zweitausend Rubel

hinausgeworfen, um ehrsame Mädchen zu verführen; ja ja, das wissen wir,

Dmitrij Fedorowitsch, samt allen sekreten Ausführlichkeiten, – das kann

ich gleichfalls beweisen ... Heiligster Vater, werden Sie’s glauben: hat

das edelste aller Mädchen bestrickt, eine Tochter aus gutem Hause, mit

einem Kapital, die Tochter seines früheren Kommandeurs, eines tapferen,

verdienten Obersten, der schon Orden und sogar die Anna mit den

Schwertern am Halse trug, hat das Mädchen mit einem Heiratsantrag

kompromittiert; jetzt ist sie hier, ist Waise, seine Braut; er aber geht

vor ihren Augen mit einer hiesigen Kurtisane. Und wenn auch diese Dame

mit einem ehrenwerten Menschen in sozusagen bürgerlicher Ehe gelebt hat,

so ist sie doch, was den Charakter anbetrifft, sehr unabhängig, ist für

alle eine uneinnehmbare Festung, als ob sie eine rechtmäßige Frau wäre;

denn sie ist tugendhaft – ja! meine heiligen Väter, sie ist tugendhaft!

Und Dmitrij Fedorowitsch will nun diese Festung mit goldenem Schlüssel

öffnen, weswegen er sich denn jetzt auf das Geld, das ich ihm schulden

soll, versteift, es herauspressen will; inzwischen aber hat er schon

Tausende ihretwegen verzettelt. Ihretwegen borgt er ununterbrochen Geld,

und unter anderem auch bei wem, was glauben Sie wohl? Soll ich’s sagen

oder nicht, Mitjä!“

„Schweigen Sie!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Warten Sie, bis ich

hinausgegangen bin; aber in meiner Gegenwart dürfen Sie sich nicht

unterstehen, das edelste Mädchen, die Tochter meines Kommandeurs, zu

beschimpfen ..., allein schon, daß Sie überhaupt nur ein Wort von ihr

gesagt haben, ist eine Schmach für sie ... Das erlaube ich nicht!“

Er war atemlos.

„Mitjä! Mitjä!“ rief schwachnervig der Alte und preßte sich Tränen aus

den Augen. „Wozu gibt es denn einen Vatersegen? Was aber dann, wenn ich

dich verfluche?“

„Unverschämter Heuchler!“ schrie ihn Dmitrij Fedorowitsch wütend an.

„Das sagt er dem Vater, dem Vater! Was wird er dann noch den anderen

sagen? Meine Herren, stellen Sie sich vor: Hier ist ein armer, doch

ehrenwerter Mensch, ein verabschiedeter Hauptmann; er hat Unglück gehabt

und den Abschied bekommen, doch nicht durch ein Urteil, sondern ohne

seiner Ehre verlustig zu gehen; wohnt hier mit seiner zahlreichen

Familie. Vor drei Wochen aber hat ihn unser Dmitrij Fedorowitsch im

Restaurant am Bart gepackt und ihn an diesem selben Bart hinaus auf die

Straße gezogen, wo er ihn dann öffentlich durchgeprügelt hat, und das

nur darum, weil jener in einer gewissen Angelegenheit mein heimlicher

Bevollmächtigter ist.“

„Nichts als Lüge! Von außen sieht es wie Wahrheit aus, doch inwendig ist

nichts als Lüge!“ rief Dmitrij Fedorowitsch zitternd vor Wut. „Ich will

meine Handlungen nicht rechtfertigen; ja, ich gestehe selbst vor allen

Menschen: Ich habe wie ein Tier an diesem Hauptmann gehandelt, und meine

tierische Wut tut mir jetzt leid, ich schäme mich deswegen; aber dieser

Hauptmann, Ihr Bevollmächtigter, war zu dieser selben Dame gegangen, von

der Sie äußerten, daß sie eine Kurtisane sei, und hatte ihr in Ihrem

Namen vorgeschlagen, sie solle alle meine Wechsel, die sich in Ihren

Händen befinden, nehmen und sie einklagen, um mich auf diese Weise, wenn

ich mit meiner Vermögensabrechnung Ihnen zu sehr auf den Hals rücke,

einfach ins Gefängnis zu bringen. Und Sie machen mir jetzt meine Gefühle

für diese Dame zum Vorwurf, während Sie sie doch selbst gelehrt haben,

mich zu fangen! Sie erzählte es ja Allen ganz offen; sie hat es mir

selbst erzählt und sich dabei über Sie lustig gemacht! Ins Gefängnis

aber wollen Sie mich nur darum bringen, weil Sie ihretwegen auf mich

eifersüchtig sind, weil Sie selbst begonnen haben, sich mit Ihrer

gemeinen Liebe dieser Dame zu nähern, und das weiß ich wiederum durch

sie selbst, und sie hat es mir wiederum lachend – hören Sie! – über Sie

lachend erzählt. Da sehen Sie jetzt, meine heiligen Väter, wie dieser

Mensch ist, dieser dem ausschweifenden Sohne Vorwürfe machende Vater!

Meine Herren, verzeihen Sie mir meinen Zorn; aber ich ahnte ja schon,

daß dieser verschlagene, hinterlistige Greis Sie alle hier

zusammengerufen hat, um es zu einem Skandal zu bringen. Ich kam her, um

zu verzeihen, wenn er mir seine Hand entgegengestreckt hätte, und selbst

um Verzeihung zu bitten! Da er aber hier nicht nur mich beleidigt hat,

sondern auch das edelste Mädchen, deren Namen ich aus Hochachtung nicht

unnütz aussprechen will, so entschloß ich mich, sein ganzes Spiel

aufzudecken, obgleich er doch mein Vater ist ...“

Er konnte nicht weitersprechen. Seine Augen blitzten, und er atmete

schwer. Doch auch die anderen in der Zelle Anwesenden waren erregt.

Außer dem Staretz erhoben sie sich alle von ihren Plätzen; die beiden

Priestermönche blickten streng drein, warteten aber ab, was der Staretz

sagen werde. Der war ungewöhnlich bleich, doch nicht vor Aufregung,

sondern infolge seiner krankhaften Schwäche.

Ein flehendes Lächeln lag auf seinen Lippen; zuweilen erhob er die Hand,

wie um die Tobenden aufzuhalten, und natürlich hätte eine Bewegung von

ihm genügt, um den ganzen Auftritt zu beenden; aber er schien es selbst

nicht zu wollen, schien noch irgend etwas abzuwarten und beobachtete nur

aufmerksam, als ob er noch etwas begreifen wollte, als ob er sich über

irgend etwas noch nicht klar geworden sei. Endlich unterbrach Miussoff,

der sich endgültig erniedrigt und beschimpft fühlte, das Schweigen.

„An diesem Skandal sind wir alle schuld!“ sagte er erregt, „doch

immerhin habe ich mir so etwas nicht träumen lassen, als ich herkam,

obgleich ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte ... Dem muß sofort ein

Ende gemacht werden! Ehrwürden, glauben Sie mir, daß mir alle hier

zutage gekommenen Einzelheiten nicht bekannt waren; ich hätte sie nicht

für möglich gehalten, erst jetzt erfahre ich zum erstenmal ... Der Vater

ist auf den Sohn eifersüchtig wegen eines Weibes, das ein unanständiges

Leben führt, und verabredet sich selbst mit diesem gemeinen Geschöpf,

den Sohn ins Gefängnis zu bringen! ... Und in solch einer Gesellschaft

hat man mich herzukommen gezwungen ... Ich bin betrogen worden! Und ich

erkläre hiermit, daß ich nicht weniger als alle anderen betrogen worden

bin ...“

„Dmitrij Fedorowitsch!“ rief plötzlich mit einer ganz sonderbaren, ihm

ganz fremden Stimme Fedor Pawlowitsch: „Wenn Sie nicht mein Sohn wären,

so würde ich Sie unverzüglich fordern ... auf Pistolen, auf drei Schritt

Distanz ... übers Schnupftuch, übers Schnupftuch!“ schrie er, mit den

Beinen stampfend.

Es kommt zuweilen vor, daß alte Lügner, die sich ihr ganzes Leben lang

verstellt haben, plötzlich vor Erregung tatsächlich zittern und weinen –

wenn sie sich in ihrer Verstellung schon gar zu sehr verrannt haben –,

ungeachtet dessen, daß sie sich selbst noch im selben Augenblick – oder

noch vor einer Sekunde – haben zuflüstern können: „Du bist ja doch ein

Lügner, alter schamloser Narr; bist ja auch jetzt ein Komödiant trotz

deines ganzen ‚heiligen‘ Zornes.“

Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich unheimlich, und mit

unbeschreiblicher Verachtung blickte er auf seinen Vater.

„Ich glaubte ... ich glaubte,“ sagte er sonderbar leise und

zurückhaltend, „ich würde mit meinem Schutzengel, mit meiner Braut, in

die Heimat zurückkehren, um ihn hier im Alter zu pflegen, und jetzt sehe

ich vor mir nur einen ausschweifenden Lüstling und den gemeinsten

Komödianten!“

„Auf Pistolen!“ schrie wieder der Alte atemlos, und Speichel spritzte

bei jedem Wort von seinen Lippen. „Sie aber, Pjotr Alexandrowitsch

Miussoff, merken Sie sich, mein Verehrtester, daß es vielleicht in Ihrer

ganzen Sippe – weder jetzt noch früher – kein höheres und ehrenwerteres

– hören Sie, ehrenwerteres – Weib jemals gegeben hat als dieses ‚gemeine

Geschöpf‘, wie Sie jene Dame vorhin zu nennen wagten! Sie aber, Dmitrij

Fedorowitsch, haben gegen dieses ‚gemeine Geschöpf‘ Ihre Braut

eingetauscht, somit also selbst gefunden, daß Ihre Braut nicht einmal

deren Schuhsohlen wert ist, derart ist also dieses Geschöpf!“

„Welch eine Schmach!“ entrang es sich dem Pater Jossiff.

„Ja, eine Schmach und eine Schande ist es!“ rief plötzlich Kalganoff,

der die ganze Zeit geschwiegen hatte, mit seiner brechenden und vor

Erregung zitternden Stimme und wurde über und über rot.

„Wozu lebt solch ein Mensch!“ stieß fast außer sich vor Wut, fast

brüllend, Dmitrij Fedorowitsch hervor, wobei er ganz absonderlich die

Schultern hob, so daß er beinahe gekrümmt aussah. „Nein, sagt mir doch,

kann man es noch länger zulassen, daß er mit seiner Person die Erde

schändet?“ Er blickte sich, auf seinen Vater weisend, im Kreise um. Er

sprach langsam und gemessen.

„Hört ihr, hört ihr, Mönche, den Vatermörder!“ damit stürzte sich Fedor

Pawlowitsch auf den Pater Jossiff. „Das ist die Antwort auf Ihr ‚welch

eine Schmach!‘ Was ist eine Schmach? Dieses ‚gemeine Geschöpf‘, dieses

Weib, das ein ‚unanständiges Leben führt‘, ist vielleicht heiliger als

ihr selber, meine Herren Hieromonachen, die ihr hier euer Seelenheil

sucht! Sie ist vielleicht in ihrer Jugend gefallen, als Opfer ihrer

Umgebung; sie hat eben ‚viel geliebt‘; jenem Weibe aber, das ‚viel

geliebt‘ hatte, wurde von Christus alles vergeben ...“

„Christus hat ihr nicht für diese Liebe vergeben ...“ stieß ungeduldig

der sonst so sanfte Pater Jossiff hervor.

„Nein, für diese, für diese selbe, hört ihr, Mönche, gerade für diese!

Ihr sucht hier in Sauerkraut euer Seelenheil und glaubt, daß ihr

Gerechte seid! Ihr eßt bloß Gründlinge, pro Tag ’nen einzigen Gründling,

und glaubt mit Fischfleisch Gott zu kaufen!“

„Unmöglich, unmöglich!“ hörte man in der Zelle von allen Seiten.

Doch diese ganze, bis zur Unanständigkeit getriebene Szene sollte in der

unvorhergesehensten Weise enden. Plötzlich erhob sich der Staretz von

seinem Platz. Aljoscha gelang es noch, obgleich er vor Angst um ihn und

um die anderen seine Geistesgegenwart ganz verloren hatte, ihn beim

Aufstehen mit der Hand zu stützen. Der Staretz schritt der Richtung nach

auf Dmitrij Fedorowitsch zu, und als er bei ihm angelangt war, dicht vor

ihm stand – fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie nieder. Aljoscha

glaubte zuerst, er sei vor Schwäche zu Boden gefallen, doch das war es

nicht. Nachdem der Staretz niedergekniet war, verneigte er sich vor

Dmitrij Fedorowitsch in einer vollen, deutlichen, bewußten Verbeugung

und berührte sogar mit der Stirn den Boden. Aljoscha war so verwundert,

daß er ihm nicht einmal half, aufzustehen. Ein schwaches Lächeln

schimmerte kaum merklich auf seinen Lippen.

„Verzeihen Sie, verzeihen Sie alle!“ sagte er, sich nach allen Seiten

hin vor seinen Gästen verneigend.

Dmitrij Fedorowitsch stand eine Weile wie vom Schlag gerührt: vor _ihm_

eine Verbeugung bis zur Erde – was war das? ... „O Gott!“ stammelte er

endlich und stürzte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, aus dem

Zimmer hinaus. Ihm folgten hastig alle anderen Gäste, die in der

Verwirrung ganz vergaßen, sich noch vom Staretz zu verabschieden. Nur

die beiden Priestermönche baten ihn wieder um seinen Segen.

„Was war denn das für eine Verbeugung bis zur Erde, wohl wieder mal was

Symbolisches?“ versuchte der plötzlich aus irgendeinem Grunde ganz zahm

gewordene Fedor Pawlowitsch ein Gespräch zu beginnen; übrigens wagte er

nicht, seine Frage an jemanden persönlich zu stellen. In diesem

Augenblick verließen sie gerade die Einsiedelei.

„Für eine Irrenanstalt und Verrückte bin ich nicht verantwortlich,“

entgegnete sofort Miussoff bissig, „dafür aber verzichte ich auf Ihre

Gesellschaft, Fedor Pawlowitsch, und das, glauben Sie mir, ein für

allemal! Wo ist denn dieser Mönch ...?“

„Dieser Mönch“, d. h. jener, der sie zum Prior zu Tisch gebeten hatte,

ließ nicht auf sich warten. Als sie hinaustraten, sahen sie ihn an der

Treppe stehen, als ob er sie die ganze Zeit erwartet hätte.

„Haben Sie die Güte, verehrter Pater,“ sagte Miussoff gereizt zu ihm,

„mich gehorsamst Seiner Hochwürden zu empfehlen, mich selbst aber,

Miussoff, zu entschuldigen, da ich infolge plötzlich eingetretener und

unvorhergesehener Umstände unmöglich die Ehre haben kann, trotz meines

aufrichtigen Wunsches, an seiner Mahlzeit teilzunehmen.“

„Aber dieser unvorhergesehene Umstand – das bin ja _ich_!“ griff sofort

Fedor Pawlowitsch auf. „Hören Sie, Pater, Pjotr Alexandrowitsch will ja

bloß nicht mit mir zusammen hingehen, sonst aber würde er mit Handkuß

hingehen! Und Sie werden’s auch, Pjotr Alexandrowitsch; haben Sie die

Güte, zum Pater Prior zu gehen, und – ich wünsche Ihnen vorzüglichen

Appetit! Denn ich bin es, der sich zurückzieht, nicht Sie. Zu Hause, zu

Hause werde ich essen, hier aber fühle ich mich unfähig dazu, Pjotr

Alexandrowitsch, mein allerliebster Anverwandter!“

„Ich bin nicht Ihr Anverwandter und bin es nie gewesen, Sie niedriger

Mensch!“

„Das habe ich ja absichtlich gesagt, um Sie so ein wenig zu necken, da

Sie sich so gern von der Verwandtschaft lossagen wollen, obgleich Sie

doch immer mein lieber Verwandter bleiben, da helfen Ihnen keine Finten,

kann’s Ihnen in den Kirchenbüchern nachweisen. Dir, Iwan, werde ich

schon zur rechten Zeit die Pferde herschicken; bleib also hier, wenn du

willst. Ihnen aber, Pjotr Alexandrowitsch, gebietet sogar der Anstand,

jetzt zu seiner Hochehrwürden zu gehen; man muß doch seine

Entschuldigung machen für das, was wir dort beide losgeschossen haben

...“

„Ja, ist es denn auch wahr, daß Sie zurückfahren wollen? Lügen Sie nicht

wieder einmal?“

„Pjotr Alexandrowitsch, wie sollte ich das, nach allem, was geschehen

ist! Habe mich hinreißen lassen! Bin aber erschüttert! Und man schämt

sich doch, weiß Gott. Meine Herrschaften, der eine hat ein Herz wie

Alexander der Große, der andere aber – wie ein Schoßhündchen Fidelka.

Nun, ich habe letzteres. Habe Angst bekommen! Wie soll ich denn noch

nach solch einer Eskapade zu einem Mittagsmahle gehen und Klostersaucen

schlecken? Schäme mich, kann nicht, entschuldigen Sie mich!“

„Weiß der Teufel, wie aber, wenn er mich wieder betrügt!“ dachte

nachdenklich Miussoff, der stehen geblieben war und mit fragend

mißtrauischem Blick der Gestalt des sich entfernenden alten Narren

folgte. Da wandte sich jener noch einmal um, und da er Miussoffs

beobachtenden Blick bemerkte, warf er ihm eine Kußhand zu.

„Und Sie? Werden Sie zum Prior gehen?“ fragte Miussoff schroff Iwan

Fedorowitsch.

„Warum denn nicht? Und zudem hat mich der Prior gestern noch besonders

eingeladen.“

„Zum Unglück fühle ich mich wirklich fast verpflichtet, zu diesem

verfluchten Mittagsmahl zu gehen,“ fuhr Miussoff mit derselben

Gereiztheit bitter fort, ohne weiter zu beachten, daß der kleine Mönch

dabei war und alles hörte. „Man muß dort wenigstens seine Entschuldigung

machen wegen der Geschichten, die wir hier angerichtet haben, und

erklären, daß nicht wir es gewesen sind ... Was meinen Sie?“

„Ja, man muß erklären, daß nicht wir es gewesen sind. Und mein Vater

wird ja nicht dabei sein,“ meinte Iwan Fedorowitsch.

„Das fehlte noch! Mit Ihrem Vater! Dieses verfluchte Mittagsmahl!“

Einstweilen gingen sie doch alle drei. Der kleine Mönch schwieg und

spitzte die Ohren. Unterwegs, als sie durch das Wäldchen gingen,

bemerkte er nur einmal, daß Seine Hochwürden schon lange warteten und

sie sich um eine ganze halbe Stunde verspätet hätten. Er erhielt aber

keine Antwort. Miussoff blickte haßerfüllt Iwan Fedorowitsch von der

Seite an:

„Und er geht auch wirklich hin, als wäre überhaupt nichts vorgefallen!“

dachte er bei sich. „Eherne Stirn und Karamasoffsches Gewissen!“

VII.

Der Seminarist und Streber

Aljoscha führte seinen Staretz in das kleine Schlafgemach und ließ ihn

sich auf das Bett niedersetzen. Es war ein kleines Zimmer, in dem nur

die notwendigsten Möbel standen. Das eiserne Bett war klein und schmal,

und auf ihm lag anstatt einer Matratze nur eine Filzdecke. In der Ecke

unter den Heiligenbildern stand sein Lesepult, und auf ihm lagen ein

Kreuz und die Bibel. Der Staretz sank erschöpft auf das Bett; seine

Augen glänzten, und er atmete nur schwer. Nachdem er sich gesetzt hatte,

richtete er seinen Blick auf Aljoscha und betrachtete ihn aufmerksam,

als ob er über etwas nachdächte.

„Geh, mein Liebling, geh, Porfirij wird hier bei mir bleiben, du aber

mußt dich beeilen. Du bist dort nötig, geh zum Prior, bediene beim

Essen.“

„Bitte, erlauben Sie mir, hier zu bleiben,“ bat Aljoscha leise.

„Du bist dort nötiger. Dort herrscht kein Friede. Du wirst dich nützlich

machen können. Wenn die Dämonen sich erheben, so sprich ein Gebet. Und

wisse, mein Sohn“ (der Staretz liebte es, ihn so zu nennen), „daß auch

hinfort nicht hier dein Platz ist. Denk daran, Jüngling. Wenn es Gott

gefallen wird, mich in die Ewigkeit abzurufen – so gehe fort aus dem

Kloster. Verlaß es ganz.“

Aljoscha fuhr zusammen.

„Was hast du? Nicht hier ist jetzt dein Platz. Ich segne dich zu deiner

großen Aufgabe in der Welt. Lang ist noch deine Wanderschaft, mein Sohn.

Und auch heiraten wirst du müssen, Jüngling, du mußt es. Alles wirst du

ertragen müssen, bis du wieder da anlangst, von wo du ausgegangen bist.

Und du wirst viel zu tun haben. Doch an dir zweifle ich nicht und darum

schicke ich dich. Christus ist mit dir. Bewahre du ihn, so wird auch er

dich bewahren. Großes Leid wirst du erfahren, und in diesem Leid wirst

du glücklich sein. Und hier hast du mein Vermächtnis: Suche im Leid das

Glück. Arbeite, arbeite unermüdlich. Behalte hinfort meine Worte, denn

wenn ich auch noch mit dir sprechen werde, so sind doch nicht nur meine

Tage, sondern selbst meine Stunden gezählt.“

Im Antlitz Aljoschas drückte sich wieder eine mächtige Bewegung aus.

Seine Mundwinkel zitterten.

„Was hast du nur wieder?“ fragte sanft lächelnd der Staretz. „Mögen

weltliche Tränen ihre Sterbenden begleiten, hier aber freuen wir uns des

in die Ewigkeit Eingehenden. Wir freuen uns und beten für ihn. Geh

jetzt. Ich muß beten. Gehe und beeile dich. Sei bei deinen Brüdern.

Nicht nur bei einem, sondern bei beiden, mein Sohn.“

Der Staretz erhob die Hand zum Segen. Aljoscha wagte nicht, zu

widersprechen, obwohl er so gern bei ihm geblieben wäre. Auch wollte er

noch fragen, und schon schwebte ihm die Frage auf der Zunge, was diese

Verbeugung bis zur Erde vor seinem Bruder Dmitrij bedeuten sollte? –

Aber er wagte es nicht. Er wußte, daß der Staretz es ihm auch ungefragt

gesagt haben würde, wenn es möglich gewesen wäre. Also hatte er es

selbst nicht gewollt. Diese Verbeugung aber hatte auf Aljoscha einen

furchtbaren Eindruck gemacht; er glaubte blind, daß in ihr ein

geheimnisvoller Sinn lag – eine geheimnisvolle und vielleicht

entsetzliche Bedeutung. Als er aus der Einfriedung der Einsiedelei trat,

um noch zur rechten Zeit ins Kloster zum Mittagsmahl des Priors zu

gelangen, natürlich, nur um bei Tisch zu bedienen, zog sich ihm

plötzlich schmerzhaft das Herz zusammen, und er blieb stehen: In seinen

Ohren erklangen von neuem die Worte des Staretz, die seinen nahen Tod

verkündet hatten. Was aber der Staretz vorhersagte und noch dazu mit

solch einer Bestimmtheit, das mußte auch in Erfüllung gehen – dieser

Glaube war für Aljoscha heilig. Wie aber sollte er dann ohne ihn

bleiben, wie ihn nicht mehr sehen, wie ihn nicht mehr hören? Und wohin

sollte er dann gehen? Nicht weinen und das Kloster verlassen, o Gott!

Lange schon hatte Aljoscha nicht mehr so großes Leid empfunden. Er

schritt schneller durch den Wald, der die Einsiedelei vom Kloster

trennte, und da ihn seine Gedanken fast erdrückten, blickte er hinauf in

die Wipfel der hundertjährigen Kiefern zu beiden Seiten des schmalen

Waldwegs. Es war nicht weit bis zum Kloster: fünfhundert Schritt, nicht

mehr. Zu dieser Tageszeit hätte er eigentlich niemanden treffen können,

doch plötzlich erblickte er bei einer Wegbiegung Rakitin, den

Seminaristen, der jemanden zu erwarten schien.

„Wartest du etwa auf mich?“ fragte Aljoscha, als er ihn erreicht hatte.

„Hast’s erraten,“ antwortete Rakitin. „Du begibst dich zum Prior. Ich

weiß; bei ihm gibt es heute wieder ein Essen. Seitdem er damals den

Bischof und den General Pachatoff aufgenommen, weißt du noch, hat es bei

ihm solch ein Mahl nicht mehr gegeben. Ich werde nicht dabei sein, du

aber geh mal hin, um die Saucen zu reichen. Sage mir aber vorher eines,

Alexei: Was hat diese Vision des Staretz zu bedeuten? Das ist es, was

ich dich fragen will.“

„Welch eine Vision?“

„Nun, diese Verbeugung vor deinem Brüderlein Dmitrij Fedorowitsch. Und

wie er noch mit der Stirn auf den Boden knallte!“

„Du sprichst vom Staretz Sossima?“

„Von wem denn sonst?“

„Knallte? ...“

„Ach so, hab mich unehrerbietig ausgedrückt. Nun, meinetwegen. Aber was

hat denn diese Vision zu bedeuten?“

„Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“

„Das konnte ich mir ja denken, daß er’s dir nicht erklären würde.

Gescheites steckt dabei natürlich nichts dahinter; wie’s scheint, wieder

nur die ewigen Heilsdummheiten. Aber das Kunststück wurde absichtlich

gemacht. Jetzt werden alle Kirchenschwalben in der Stadt losschnattern,

und dann wird’s vom einen zum anderen durch das ganze Gouvernement

gehen: ‚Was hat wohl diese Vision zu bedeuten?‘ Der Alte ist ja wirklich

mit Seherkraft begabt: hat ein Kriminalverbrechen gewittert. Es stinkt

bei euch.“

„Was für ein Kriminalverbrechen?“

Augenscheinlich wollte Rakitin etwas sagen.

„Dasselbe, das in eurer Familie begangen werden wird. Und zwar wird es

zwischen deinen Brüdern und deinem reichen Papachen unbedingt dazu

kommen. Und so hat denn Sossima auf alle zukünftigen Fälle mit der Stirn

den Fußboden berührt. Was dann später auch geschehen mag, jedenfalls

wird’s heißen: ‚Ach, das hat doch der heilige Staretz prophezeit,‘ –

obgleich, sage doch selbst, was soll denn das für eine Prophezeiung

sein? Nein, das war sozusagen eine sinnbildliche, eine allegorische

Handlung, und weiß der Teufel, was noch! Man wird’s ausposaunen und

behalten: Hat das Verbrechen vorausgesehen, den Verbrecher erkannt. Alle

sich blödsinnig stellenden Stadtverrückten tun dasselbe: Bekreuzen sich

vor der Schenke, auf die Kirche aber werfen sie Steine. So tut’s auch

dein Staretz: Den Gerechten mit dem Knüppel raus, dem Mörder aber eine

Verbeugung bis zur Erde.“

„Was für ein Verbrechen? Welch einem Mörder? Was sagst du?“ Aljoscha

stand wie erstarrt, da blieb auch Rakitin stehen.

„Welch einem? Als ob du’s nicht wüßtest? Ich könnte wetten, daß du schon

selbst daran gedacht hast. Aber wart mal, das ist ja ganz interessant:

Hör, Aljoscha, du sagst doch immer die Wahrheit, wenn du dich auch immer

zwischen die Stühle setzt: hast du daran gedacht, oder hast du nicht

daran gedacht, antworte?“

„Ich habe daran gedacht,“ antwortete Aljoscha leise. Selbst Rakitin

wurde etwas verlegen.

„Was du sagst? Also auch du hast schon daran gedacht?“ rief er erstaunt.

„Ich ... ich ... nicht gerade, daß ich gedacht habe,“ murmelte Aljoscha,

„als du aber jetzt anfingst, so sonderbar darüber zu sprechen, da schien

es mir, daß ich selbst daran gedacht habe.“

„Siehst du, und wie deutlich du das ausdrückst! Also heute hast du beim

Anblick deines Papachen und deines Brüderleins Mitjenka an ein

Verbrechen gedacht? Also täusche ich mich doch nicht?“

„Aber wart, wart doch,“ unterbrach ihn erregt Aljoscha, „woraus schließt

du das alles? ... Und vor allen Dingen: Warum beschäftigt dich das so?“

„Zwei verschiedene Fragen auf einmal, doch sind sie beide verständlich.

Ich werde jede einzeln beantworten. Woraus ich das schließe? Nichts

würde ich hieraus schließen, wenn ich deinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch

heute nicht ganz erkannt hätte, ganz plötzlich, und ganz und gar

durchschaut hätte. An so einem einzigen Zuge begriff ich mit einem

Schlage den ganzen Menschen. Bei diesem allerehrlichsten, doch

wollüstigen Menschen gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten

darf, oder er spießt mit seinem Messer selbst das Papachen auf. Papachen

aber ist ein stets besoffener und zügelloser Wüstling, niemals und in

nichts wird er maßzuhalten verstehen, wie er es nie verstanden hat – sie

werden sich beide nicht beherrschen und plumps, beide in den Graben

purzeln ...“

„Nein, Mischa, nein, wenn es nur das ist, so ... so hast du mich

beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.“

„Warum aber zitterst du am ganzen Körper? Weißt du was? Mag er auch ein

ehrlicher Mensch sein, der Mitjenka – er ist dumm, aber ehrlich; aber,

aber er ist ein Wollüstling. Das ist die richtige Bezeichnung für sein

ganzes inneres Wesen. Und das hat er vom Vater, der hat ihm seine

gemeine Lüsternheit vermacht. Ich muß mich immer nur über dich wundern,

Aljoscha: Wie bist du noch so ganz Knabe? Du bist doch auch ein

Karamasoff! Ist doch in eurer Familie die Sinnlichkeit bis zur

chronischen Entzündung gesteigert. Nun, und diese drei Wollüstlinge

beobachten jetzt einer den anderen ... mit Messern in den

Stiefelschäften. Drei sind mit den Köpfen aneinandergestoßen, du aber

bist vielleicht der vierte.“

„Aber in ihr täuschst du dich. Dmitrij ... verachtet sie,“ sagte

Aljoscha fast zusammenzuckend.

„Wen, Gruschenka etwa? Nein, mein Lieber, die verachtet er nicht! Wenn

er sogar seine Braut gegen sie eingetauscht hat, so verachtet er sie

nicht. Hier ... hier, weißt du, ist etwas, was du noch nicht verstehen

kannst. Wenn sich der Mensch in irgendeine Schönheit, in den weiblichen

Körper oder selbst nur in einen Teil des weiblichen Körpers verliebt –

ein Wollüstling kann das wohl verstehen –, so gibt er für ihn seine

eigenen Kinder hin, verkauft Vater und Mutter, Rußland und das

Vaterland. Ist er ehrlich, so wird er stehlen gehen; ist er sanftmütig,

so wird er morden; ist er treu – verraten. Puschkin, der Sänger der

Weiberfüßchen, hat diese Füßchen in Gedichten besungen, andere besingen

sie nicht, können aber auf diese Füßchen nicht ohne Erregung blicken.

Und nicht nur auf die Füßchen ... Hier, mein Lieber, hilft keine

Verachtung – selbst wenn er Gruschenka verachtete. Oder gut, er

verachtet sie, kann sich aber doch nicht losreißen.“

„Das verstehe ich,“ platzte ganz unvermutet Aljoscha heraus.

„Was du sagst? Mußt es ja wirklich verstehen, wenn es so plötzlich und

so unverhofft aus dir herausfährt!“ rief schadenfroh Rakitin. „Es kam ja

fast ganz aus Versehen aus dir heraus. Um so wertvoller das Geständnis:

Also bereits bekanntes Thema für dich, hast schon darüber nachgedacht,

über die Wollust! Ach, du unberührtes Mädchen! Du, Aljoscha, bist ein

Duckmäuser, still und verschwiegen, schön, du bist ein Heiliger, gebe es

zu, aber du bist verschlossen, und der Teufel mag wissen, woran du schon

gedacht hast, was dir alles schon bekannt ist! Bist ’ne Jungfer und bist

schon in solche Tiefen hinabgestiegen! Ich beobachte dich schon lange.

Auch du bist ein Karamasoff, ein echter Karamasoff – also haben doch die

Herkunft und der Stamm etwas zu bedeuten! Nach dem Vater Wollüstling,

nach der Mutter geistesschwacher Heiliger. Warum zitterst du? Oder sage

ich die Wahrheit? Weißt du was: Gruschenka hat mich gebeten, ‚bring ihn

– das heißt also, dich – bring ihn her, ich werde ihm die Kutte

abziehen.‘ Und wie sie noch gebeten hat: Bring ihn und bring ihn! Ich

frage mich nur, wodurch du für sie so interessant bist? Weißt du, auch

sie ist ein ungewöhnliches Weib!“

„Grüße sie und sage ihr, daß ich nicht kommen werde,“ sagte Aljoscha mit

einem verzogenen Lächeln. „Du, Michail, sprich aus, was du vorhin sagen

wolltest, ich werde dir dann auch meine Gedanken sagen.“

„Was ist hier auszusprechen, es ist doch klar. Das Ganze, mein Lieber,

ist eine alte Geschichte. Wenn auch du schon in dir den Wollüstling

fühlst, was ist dann dein Bruder Iwan, dein leiblicher Bruder? Auch er

ist doch ein Karamasoff, darin besteht ja euer ganzes Karamasoffsches

Problem: Wollüstlinge, Besitzgierige und Heilige! Dein Bruder Iwan

schreibt jetzt vorläufig scherzweise aus irgendeiner theologischen,

allerdümmsten, unbekannten Berechnung Zeitungsartikel, ist aber dabei

Atheist, und diese Gemeinheit gesteht er zum Überfluß noch selbst ein,

dieser dein Bruder Iwan. Außerdem will er seinem älteren Bruder die

Braut abspenstig machen und wird, wie’s scheint, auch dieses Ziel

erreichen. Und wie noch: mit Mitjenkas eigener Erlaubnis – denn Mitjenka

tritt ihm ja selbst seine Braut ab, um sie vom Halse zu haben und von

ihr schneller ganz zu Gruschenka übergehen zu können. Und das alles bei

seiner edlen Denkweise und Uneigennützigkeit, vergiß das nicht! Der

Teufel soll aus euch klug werden: Mitjä sieht seine Gemeinheit selbst

ein und rennt doch mit dem Kopf voran in sie hinein! Höre weiter. Nun

aber kommt der Alte und kreuzt Mitjenkas Weg – der Vater! Der ist doch

jetzt plötzlich wie besessen hinter Gruschenka her; bei ihm fließt ja

schon der Geifer aus den Mundwinkeln, wenn er sie bloß von weitem sieht;

hat er doch nur ihretwegen in der Zelle diesen Skandal gemacht, weil

Miussoff sich erdreistete, sie ein gemeines Geschöpf zu nennen; ist wie

ein Kater in sie verliebt. Früher diente sie ihm bloß für Geld zu

gewissen dunklen Trinkstubengeschäftchen, jetzt aber hat er sie entdeckt

und ist wie rasend geworden, drängt sich täglich mit Anträgen, natürlich

mit unanständigen, an sie heran. Nun und auf diesem Wege werden sie dann

aneinanderprallen, das Papachen mit dem Söhnchen. Gruschenka aber

entscheidet sich noch für keinen von beiden, macht vorläufig noch

Winkelzüge und führt sie beide an der Nase herum, überlegt sich, welcher

vorteilhafter wäre; denn wenn man dem Papachen auch viel Geld abzapfen

könnte, so heiratet er dafür doch nicht, und womöglich wird er zum

Schluß noch knickerig und hängt den Beutel höher oder schließt ihn ganz.

In diesem Falle hat auch Mitjenka seinen Wert: Geld hat er zwar nicht,

dafür aber ist er fähig, zu heiraten. Ja, dazu ist er fähig! Die Braut

zu verlassen, Katerina Iwanowna, die schön, wunderschön, reich, adlig

und die Tochter eines Obersten ist, und Gruschenka zu heiraten, die

gewesene Maitresse eines alten, ausschweifenden Krämers, des Stadthaupts

Ssamssonoff. Aus alledem kann wirklich ein Kriminalverbrechen zustande

kommen, und darauf wartet nur dein Bruder Iwan, dann würde er in der

Wolle sitzen: würde Katerina Iwanowna, nach der er vor Sehnsucht

vergeht, erwerben und dazu noch die Sechzigtausend ihrer Mitgift

schnappen. Für einen Habenichts, wie er, ist das für den Anfang sehr

verlockend. Und vergiß dabei nicht: nicht nur, daß er Mitjä damit nicht

beleidigt, er verpflichtet ihn sich noch bis zum Grabe. Ich weiß doch,

daß Mitjä selbst noch in der vergangenen Woche im Gasthaus geschrien

hat, nachdem er sich in Gesellschaft von Zigeunerinnen angetrunken, daß

er seiner Braut, der Katjenka, nicht wert sei, sein Bruder Iwan aber,

der sei es! Und was Katerina Iwanowna anbetrifft, so wird sie solch

einen Bezauberer, wie Iwan Fedorowitsch, schließlich doch nicht

verschmähen; sie schwankt ja schon jetzt zwischen beiden. Wodurch hat

nur dieser Iwan euch alle dermaßen bestrickt, daß ihr ihn ausnahmslos so

ehrfurchtsvoll verehrt? Er lacht doch einfach über euch: sitze in der

Wolle, denkt er, und wärme mich auf eure Rechnung!“

„Woher weißt du das? Warum sprichst du so überzeugt?“ fragte plötzlich

Aljoscha schroff und runzelte die Stirn.

„Warum fragst du das jetzt, und warum fürchtest du meine Antwort schon

im voraus? Gibst damit doch selbst zu, daß ich die Wahrheit gesagt

habe.“

„Du magst ihn nicht; Iwan läßt sich nicht durch Geld verlocken.“

„Was du sagst? Und die Schönheit Katerina Iwanownas? Da handelt es sich

nicht um Geld allein, obgleich sechzigtausend Rubel ein verlockendes

Sümmchen sind.“

„Iwan denkt höher; ihn werden auch Tausende nicht anlocken. Iwan sucht

nicht Geld, nicht Wohlleben. Vielleicht sind es Qualen, die er sucht.“

„Was soll denn das bedeuten? Ach, ihr Edelleute!“

„Ja, Mischa, seine Seele ist stürmisch, sein Verstand liegt in Fesseln;

er trägt große, noch unentschiedene Gedanken mit sich. Er ist einer von

denen, die nicht Millionen brauchen, sondern Probleme lösen müssen.“

„Literarischer Diebstahl, Aljoscha! Du kopierst deinen Staretz in

schönen Phrasen. Und was für ein Rätsel euch dieser Iwan aufgegeben

hat!“ sagte Rakitin mit unverhohlener Bosheit. Sein Gesicht veränderte

sich sogar, und seine Lippen verzogen sich. „Und das Rätsel ist dazu

noch dumm, ’s ist dabei nichts zu erraten! Streng dein Gehirn etwas an

und denk mal nach, dann wirst du’s einsehen. Sein Artikel ist lächerlich

und absurd. Und hörtest du vorhin seine dumme Theorie: ‚Gibt es keine

Unsterblichkeit der Seele, so gibt es auch keine Tugend, folglich ist

alles erlaubt.‘ – Und Mitjenka, weißt du noch, wie der ausrief: ‚Das

werde ich mir merken!‘ – Wahrlich – eine verlockende Theorie für

Spitzbuben ... Ich schimpfe wieder, das ist dumm ... nicht für

Spitzbuben, sondern für schuljungenhafte Aufschneider – mit

‚unergründlicher Gedankentiefe‘. Ein Prahlhänschen, und der ganze Kern:

‚Einerseits ist es unmöglich, zuzugeben, und andererseits – ist es

unmöglich, nicht anzuerkennen!‘ Seine ganze Theorie ist eine Gemeinheit.

Die Menschheit wird in sich selbst die Kraft finden, für die Tugend zu

leben, sogar ohne dabei an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben! In

der Liebe zur Freiheit, zur Gleichheit, Brüderlichkeit wird sie sie

finden ...“

Rakitin ereiferte sich dermaßen, daß er sich kaum noch beherrschen

konnte. Doch plötzlich brach er ab, als ob ihm etwas eingefallen wäre.

„Nun genug,“ meinte er mit schiefem Lächeln. „Warum lachst du? Denkst

wohl, daß ich ein Hundsfott bin?“

„Nein, ich dachte nicht einmal daran, das zu denken. Du bist klug, aber

... laß gut sein, ich lächelte nur so aus Dummheit; ich verstehe, daß du

dich ereiferst, Mischa. Aus deiner Erregung habe ich erraten, daß du

selbst nicht gleichgültig bist gegen Katerina Iwanowna, und das, Freund,

habe ich schon längst vermutet; darum aber liebst du auch meinen Bruder

Iwan nicht. Bist du eifersüchtig auf ihn?“

„Und auf ihr Geld? Sag nur, was du denkst.“

„Nein, das werde ich nicht sagen; ich will dich nicht beleidigen.“

„Glaub’s, weil du es sagst. Aber der Teufel hole euch alle mitsamt eurem

lieben Iwan! Kein einziger von euch will’s begreifen, daß man ihn auch

ohne Katerina Iwanowna nichts weniger als lieben kann. Und warum soll

ich ihn denn lieben, Teufel noch eins! Würdigt er mich doch dessen,

sogar persönlich über mich zu schimpfen. Warum soll ich dann kein Recht

haben, auch über ihn zu schimpfen?“

„Ich habe noch nie gehört, daß er etwas über dich gesagt hat, weder

Gutes noch Schlechtes; er spricht überhaupt nicht von dir.“

„Ich aber habe gehört, daß er mich vor drei Tagen bei Katerina Iwanowna,

was das Zeug hält, heruntergerissen hat – dermaßen also interessiert er

sich für meine Wenigkeit. Und wer auf wen eifersüchtig ist – das weiß

ich nicht! Er hat geruht, den Gedanken auszudrücken, daß ich, wenn ich

mich nicht bald für die Karriere des Erzbischofs entscheide und mich

nicht als Mönch einkleiden lasse, unbedingt nach Petersburg fahren

würde, um dort an einer großen Zeitung anzukommen, unbedingt in die

kritische Abteilung, um etwa zehn Jahre zu schreiben und dann das Blatt

auf meinen Namen zu überführen. Darauf würde ich’s weiter herausgeben,

und zwar unbedingt mit einer liberalen und atheistischen Tendenz, mit

sozialistischer Färbung, doch dabei wohl auf der Hut sein, das heißt

also, im Grunde weder auf dieser noch auf jener Seite stehen und den

Eseln Sand in die Augen streuen. Das Ende meiner Karriere wäre nach der

Weissagung deines lieben Brüderchens: daß die sozialistische Färbung

mich nicht hindern würde, die Abonnementsgelder zurückzulegen und mit

ihnen bei passender Gelegenheit unter Anleitung irgendeines Juden zu

spekulieren, bis ich mir ein kapitales Haus in Petersburg aufgebaut

habe, um in dasselbe die ganze Redaktion überzuführen und in die übrigen

Etagen Mieter aufzunehmen. Er hat sogar den Platz fürs Haus schon

bestimmt: an der neuen Steinbrücke, die jetzt, wie es heißt, in

Petersburg vom Liteinyj auf die Wyborger Seite projektiert wird ...“

„Ach, Mischa, das wird doch auch genau so sein, aufs Wort genau!“ rief

plötzlich Aljoscha aus und lachte fröhlich auf.

„Ah – auch Sie ergehen sich in Sarkasmen, Alexei Fedorowitsch?“

„Nein, nein, ich scherzte nur, verzeih! Ich habe ganz anderes im Sinne.

Aber erlaube: Wer hat dir das so bis in alle Einzelheiten erzählen

können, von wem hättest du das hören können? Persönlich konntest du doch

nicht bei Katerina Iwanowna sein, als er von dir sprach?“

„Ich war allerdings nicht bei ihr, dafür aber war Dmitrij Fedorowitsch

dort, und so hörte ich es denn später mit eigenen Ohren von ihm, das

heißt, wenn du willst, er sagte es nicht mir, sondern ich hörte es,

unfreiwillig natürlich, denn ich saß in Gruschenkas Schlafzimmer und

konnte nicht hinausgehen, solange er sich im vorderen Zimmer befand.“

„Ach richtig, ich hatte es fast vergessen, sie ist ja mit dir verwandt.“

„Verwandt? Gruschenka, diese Gruschenka mit mir verwandt?“ schrie

Rakitin, ganz rot im Gesicht. „Du hast wohl den Verstand verloren!

Deinem Gehirnkasten scheint ja die Vernunft völlig abhanden gekommen zu

sein!“

„Wie, ist sie denn wirklich nicht mit dir verwandt? Ich habe es so

gehört ...“

„Wo hast du das hören können? Nein, ihr, meine Herren Karamasoff, ihr

spielt euch ja wahrlich als große, erhabene, alte Edelleute auf, während

doch dein Vater als Narr von einem fremden Tisch zum anderen lief und

Gnadenbrot aß! Gut, ich bin bloß ein Popensohn und vor euch Adligen nur

eine Blattlaus, aber beleidigt mich deshalb nicht so sorglos auf Schritt

und Tritt! Auch ich habe eine Ehre, Alexei Fedorowitsch. Ich kann nicht

mit Gruschenka verwandt sein, mit einer öffentlichen Dirne, das bitte

ich zu begreifen!“

Rakitin war ungewöhnlich gereizt.

„Verzeih mir, um Gottes willen, ich konnte das doch nicht ahnen, und

zudem – wieso ist sie denn eine öffentliche? Ist sie etwa ... so eine?“

fragte plötzlich errötend Aljoscha. „Ich versichere dir, ich habe es so

gehört, daß du mit ihr verwandt sein sollst. Du gehst so oft zu ihr und

hast mir dabei selbst gesagt, daß du mit ihr kein ... Liebesverhältnis

hast ... Ich hätte daher nie gedacht, daß du sie so verachtest! Und hat

sie das denn wirklich verdient?“

„Wenn ich sie besuche, so kann ich dazu meine Gründe haben; das mag dir

genügen. Was aber die Verwandtschaft anbetrifft, so wird dein Brüderchen

oder vielleicht sogar das Papachen eher dich mit dieser Verwandtschaft

beglücken, als daß ich mit ihr verwandt wäre. So, da sind wir ja. Schieb

mal jetzt in die Küche ab. O! was ist denn das, was hat das zu bedeuten?

Etwa zu spät gekommen? Aber so schnell konnten sie doch nicht abspeisen?

Oder haben hier wieder die Karamasoffs etwas Schönes angerichtet?

Bestimmt wird’s so sein! Da kommt ja auch schon dein Papachen und hinter

ihm Iwan Fedorowitsch. Kommen beide vom Prior heraus. Da ruft ihnen ja

noch Pater Issidor etwas von der Treppe nach. Ah, und auch dein Vater

schreit jetzt und fuchtelt mit den Armen, schimpft natürlich. Ah, und da

fährt ja schon Miussoff in seinem Wagen fort, siehst du, dort fährt er.

Und da läuft ja auch noch Maximoff – aber dort gibt’s unbedingt einen

Skandal! Haben wohl überhaupt nicht gespeist! Oder sollten sie womöglich

den Prior verprügelt haben? Oder selbst verprügelt worden sein? Das wäre

was! ...“

Rakitin hatte es erraten. Es war tatsächlich zu einem Skandal gekommen,

zu einem unerhörten und ganz unerwarteten Skandal. Und alles war „aus

Begeisterung“ geschehen.

VIII.

Der Skandal

Als Miussoff, Iwan Fedorowitsch und Kalganoff beim Prior eintraten, ging

in ersterem als aufrichtigem, anständigem und feinfühligem Menschen eine

in ihrer Art sehr delikate Veränderung vor sich: Er schämte sich

plötzlich, sich noch zu ärgern. Er sagte sich, daß er den elenden Fedor

Pawlowitsch im Grunde viel zu gering schätzen müßte, um seinetwegen die

Kaltblütigkeit zu verlieren, wie er es in der Zelle des Staretz leider

getan hatte. „Wenigstens sind die Mönche hier an nichts schuld,“

entschied er bei sich, als er die Treppe hinaufstieg, „und wenn auch hie

anständige Leute sind – dieser Pater Nikolai, dieser Prior, ist, glaube

ich, gleichfalls von adliger Herkunft –, warum soll ich dann nicht

liebenswürdig und höflich mit ihnen sein? ... Werde nicht streiten, kann

ja sogar beistimmen, nehme sie mit Liebenswürdigkeit und ... und ...

beweise ihnen zum Schluß, daß ich nicht zur Gesellschaft dieses Aesop,

dieses Narren, dieses Pierrot gehöre, und ebenso hereingefallen bin, wie

sie alle ...“

Das umstrittene Recht auf das Waldfällen und den Fischfang (wo sich

dieser Wald und diese Flußstelle befanden, wußte er selbst nicht

einmal), beschloß er, ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, und

das sofort (um so mehr, als das Ganze nur sehr wenig kostete), und alle

seine Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen.

Diese guten und wohlgemeinten Vorsätze verstärkten sich noch mehr in

ihm, als sie in das Speisezimmer des Priors eintraten. Übrigens war es

nicht gerade ein Speisezimmer, da der Prior nur zwei Zimmer bewohnte,

allerdings viel größere und bequemere als der Staretz. Doch die

Einrichtung zeichnete sich ebensowenig durch Luxus aus: die Möbel waren

aus rotem Holz mit Lederbezug, alt, Fasson der zwanziger Jahre; der

Fußboden war sogar ungestrichen; dafür aber glänzte alles vor

Sauberkeit, und vor den Fenstern standen viele teure Blumen. Das

Schönste war in diesem Augenblick gewissermaßen der Tisch: das Tischtuch

war blendend weiß, und alles, was darauf stand, glänzte gleichfalls vor

Sauberkeit; drei Sorten prachtvoll gebackenes Brot, zwei Flaschen Wein,

zwei Flaschen Met vom vorzüglichen Klosterhonig und eine große Glaskanne

mit Kwas,[8] der im Kloster selbst gebraut wurde und in der ganzen

Umgegend berühmt war. Schnaps gab es nicht. Rakitin wußte später zu

erzählen, daß zu diesem Diner fünf Gänge bereitet worden waren: Es gab

Sterletsuppe mit Fischpiroggen, dann einen ganz besonders zubereiteten

Fisch, darauf in Scheiben gebratenen roten Fisch, Gefrorenes und

Kompott, und zum Schluß noch eine süße Speise in der Art eines

Blanc-manger. Das alles hatte Rakitin herausgeschnüffelt, war sogar zu

diesem Zweck in die Küche des Priors gegangen, wo er noch von früher her

seine Verbindungen hatte. Er hatte nämlich überall Verbindungen und

verstand, alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Er hatte ein

unruhiges, neidisches Herz. Über seine ziemlich gute Begabung wußte er

selbst vollkommen Bescheid, doch vergrößerte er sie noch in seinem

Eigendünkel. Er wußte, daß er in seiner Art bestimmt ein Tatmensch sein

werde; doch quälte Aljoscha, der ihm sonst sehr zugetan war, besonders

das eine, daß sein Freund Rakitin unehrlich war und sich das entschieden

nicht selbst eingestand, im Gegenteil, da er wußte, daß er niemals Geld

vom Tisch stehlen würde, sich tatsächlich für einen über alles erhaben

ehrlichen Menschen hielt. Daran konnte nicht nur Aljoscha, sondern

überhaupt niemand etwas ändern.

Rakitin war als tieferstehende Persönlichkeit natürlich nicht zur Tafel

eingeladen, dafür aber waren es Pater Jossiff und Pater Paissij und mit

ihnen noch ein dritter Priestermönch. Sie erwarteten bereits im

Speisezimmer den Prior, als Miussoff, Kalganoff und Iwan Karamasoff

eintraten. Desgleichen wartete noch abseits stehend der Gutsbesitzer

Maximoff. Der Prior trat zur Begrüßung der Gäste bis in die Mitte des

Zimmers vor. Es war ein hochgewachsener, magerer, noch kräftiger, alter

Mann mit stark ergrautem, dunklem Haar, das ein langes, einfaches, doch

bedeutendes Gesicht umrahmte. Schweigend begrüßte er die Gäste, die aber

traten diesmal alle auf ihn zu, um den Segen zu empfangen. Miussoff

beabsichtigte sogar, seine Hand zu küssen, doch der Prior zog noch

vorher ganz unauffällig seine Hand so fort, daß es nicht zum Kusse kam.

Dafür aber küßten sie Kalganoff und Iwan Karamasoff in der

offenherzigsten und einfachsten Weise.

„Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Ew. Hochehrwürden,“ begann

Miussoff lächelnd, doch immerhin in wichtigem und höflichem Ton, „daß

wir allein kommen, ohne den gleichfalls von Ihnen eingeladenen Fedor

Pawlowitsch; er war gezwungen, von Ihrer Aufforderung abzusehen, und

nicht ohne Grund. In der Zelle beim ehrwürdigen Staretz Sossima ließ er

sich, durch den unglücklichen Streit mit seinem Sohne aufgebracht, zu

einigen durchaus unpassenden Worten hinreißen ... kurz, zu durchaus

unanständigen Äußerungen ... was Ew. Hochehrwürden, wie es scheint“ (er

warf einen Blick auf die beiden Priestermönche), „schon bekannt sein

dürfte. Und darum, weil er selbst, wie gesagt, sich schuldig fühlt und

aufrichtig bereut, schämte er sich, der freundlichen Aufforderung Folge

zu leisten, und so bat er uns, mich wie seinen Sohn Iwan Fedorowitsch,

Ihnen, Hochehrwürden, sein ganzes aufrichtiges Bedauern sowie seine Reue

auszudrücken ... Kurz, er hofft, es später wieder gutmachen zu können,

und läßt Sie jetzt nur um Ihren Segen und um gütiges Vergessenwollen des

Vorgefallenen bitten ...“

Miussoff verstummte. Als er die letzten Worte seiner Tirade sprach, war

er mit sich bereits vollkommen zufrieden, ja, er war es sogar dermaßen,

daß von seinem ganzen Zorn in seiner Seele nicht einmal eine Spur

nachblieb. Er liebte wieder aufrichtig die Menschheit. Der Prior, der

ihm mit ernster Miene zugehört hatte, neigte ein wenig das Haupt und

sagte zur Antwort:

„Es tut mir aufrichtig leid um den Abwesenden. Vielleicht hätte er uns

beim Mahle liebgewonnen, wie auch wir ihn. Ich bitte, meine Herren.“

Da geschah es aber, daß Fedor Pawlowitsch seinen letzten Streich

spielte. Ich muß bemerken, daß er tatsächlich schon fortfahren wollte

und wirklich die Unmöglichkeit empfand, nach seinem schmachvollen

Betragen in der Zelle des Staretz zum Prior zur Tafel zu gehen, als ob

nichts geschehen wäre. Es ist zwar nicht anzunehmen, daß er sich gar so

sehr schämte oder selbst beschuldigte; vielleicht war sogar ganz das

Gegenteil der Fall; doch wie dem auch war, jedenfalls fühlte er, daß es

nicht anging, zur Tafel zu erscheinen. Als aber sein alter Wagen bei der

Herberge vorfuhr und er sich anschickte, einzusteigen, fiel ihm

plötzlich etwas ein: Es waren seine eigenen Worte, die er beim Staretz

gesprochen hatte: „Es scheint mir immer so, wenn ich irgendwo eintrete,

daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren

halten, und so denke ich denn: wart, werde jetzt absichtlich den Narren

spielen, denn ihr seid doch alle bis auf den letzten, ohne Ausnahme,

dümmer und gemeiner als ich.“ Er wollte sich an allen für seine eigenen

Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch noch ein, wie man ihn

früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen Sie denn diesen Menschen so

sehr?“ und wie er darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit

geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: Er hat mir nichts getan, das ist

wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit angetan, und

kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade deswegen.“ Als

ihm jetzt diese Worte einfielen, lachte er in minutenlangem Nachdenken

leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen blitzten, und sogar die

Lippen zitterten. „Wenn du angefangen hast, mußt du auch beenden,“ sagte

er plötzlich entschlossen. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick

hätte man in folgenden Worten ausdrücken können: „Jetzt kannst du dich

ja doch nicht mehr rehabilitieren, geh einfach und spuck sie bis zur

letzten Schamlosigkeit an: Seht, schäme mich nicht vor euch, und weiter

nichts!“ Dem Kutscher befahl er, zu warten, er selbst aber kehrte mit

schnellen Schritten ins Kloster zurück und begab sich geradeswegs zum

Prior. Er wußte zwar noch nicht genau, was er machen würde, doch wußte

er, daß er seiner nicht mehr mächtig war und sich – nach dem geringsten

Anstoß – sofort bis zur letzten Grenze der Gemeinheit hinreißen lassen

werde, – übrigens, nur bis zur letzten Grenze der Gemeinheit, keineswegs

aber bis zu einem Verbrechen oder bis zu einem Ausfall, für den ihn das

Gericht verurteilen könnte. In der Beziehung verstand er sich immer zu

beherrschen, worüber er sich sogar selbst bei manchen Gelegenheiten

nicht wenig wunderte.

Er erschien also im Speisezimmer des Priors gerade in dem Augenblick,

als das Gebet beendet war und alle zum Tisch traten. Er blieb auf der

Schwelle stehen, betrachtete die Anwesenden und lachte ein langes,

schamloses, boshaftes Gelächter, wobei er allen verwegen in die Augen

blickte.

„Und die glauben, ich sei fortgefahren!“ rief er laut durch den ganzen

saalartigen Raum.

Einen Moment blickten ihn alle unverwandt an, und plötzlich fühlten sie

alle, daß sofort etwas Widerliches, Ungereimtes geschehen und zweifellos

einen Skandal nach sich ziehen werde. Miussoff verfiel denn auch in

einer Sekunde aus der edelsten Stimmung in die grimmigste Wut. Alles,

was sich in seinem Herzen schon besänftigt hatte, erhob sich mit einem

Schlage und brauste auf:

„Nein, das ist zu viel!“ schrie er auf, „nein, das ertrage ich nicht ...

auf keinen Fall!“

Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er verwirrte sich sogar im Satz, doch

war es ihm jetzt nicht mehr um die Ausdrucksformen zu tun. Er griff nach

seinem Hut.

„Was kann er auf keine Weise?“ fragte Fedor Pawlowitsch. „‚Erträgt es

nicht und kann es nicht!‘ – was ist denn das, was er nicht kann? Ew.

Hochehrwürden, soll ich eintreten oder nicht? Empfangen Sie den Gast?“

„Bitte, von ganzem Herzen,“ entgegnete der Prior. „Meine Herren! Darf

ich mir erlauben,“ fügte er plötzlich hinzu, „Sie von ganzem Herzen zu

bitten, ihren zufälligen Streit zu vergessen und sich in Liebe und

verwandtschaftlicher Eintracht nach einem Gebet zu Gott an unserer

bescheidenen und friedlichen Tafel zu vereinigen ...“

„Nein, nein, unmöglich,“ rief Miussoff ganz außer sich.

„Wenn es Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, so ist es auch mir

unmöglich, auch ich will dann nicht bleiben. Mit diesem Vorsatz bin ich

hergekommen. Von jetzt ab werde ich überall mit Pjotr Alexandrowitsch

zusammen sein: Wenn Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch, so gehe auch

ich, bleiben Sie – bleibe auch ich. – Mit der verwandtschaftlichen

Eintracht haben Sie ihn am meisten verletzt, Hochehrwürden: Er will mich

doch nicht als seinen Anverwandten anerkennen. Nicht wahr, von Sohn? Da

ist ja auch von Sohn. Guten Tag, von Sohn.“

„Sie ... sagen das zu mir?“ fragte stotternd der verwunderte

Gutsbesitzer Maximoff.

„Versteht sich, zu dir!“ schrie Fedor Pawlowitsch, „zu wem denn sonst?

Hochehrwürden kann doch nicht Herr von Sohn sein!“

„Aber auch ich bin doch nicht von Sohn, ich bin Maximoff.“

„Nein, du bist von Sohn. Ew. Hochehrwürden wissen wahrscheinlich nicht,

wer von Sohn ist? Es gab mal solch ’nen Kriminalprozeß: Er wurde in

einem unzüchtigen Hause –, so, glaube ich, benennt ihr hier die Bordelle

– ermordet und beraubt und trotz seines ehrwürdigen Alters in einen

Kasten eingepackt, letzterer vernagelt, und aus Petersburg per Eisenbahn

als Frachtgut nach Moskau expediert. Während der Verpackung aber sangen

die ausgelassenen Tänzerinnen entsprechende Lieder und schlugen die

Harfen wundervoll dazu, äh, wollte sagen: sie spielten, spielten auf dem

Klavier dazu. Und dieser selbe von Sohn ist er, er! Er ist einfach von

den Toten auferstanden, nicht wahr, von Sohn?“

„Wie? Was? Was soll das bedeuten?“ ertönten Stimmen aus der Gruppe der

Priestermönche.

„Gehen wir!“ rief Miussoff Kalganoff zu.

„Nein, nein, erlauben Sie!“ hielt Fedor Pawlowitsch sie auf und trat

noch einen Schritt vor. „Erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche. Dort

in der Zelle hat man mich verleumdet, soll mich unehrerbietig aufgeführt

haben, und die Unehrerbietigkeit soll gerade darin bestanden haben, daß

ich ihnen die paar Worte von den Gründlingen gesagt habe. Pjotr

Alexandrowitsch Miussoff, mein Anverwandter, liebt es, daß in der Rede

_plus de noblesse que de sincérité_ sei, ich aber liebe es umgekehrt,

daß in meiner Rede _plus de sincérité que de noblesse_ ist, und –

überhaupt, der Teufel hole die _noblesse_! Nicht wahr, von Sohn?

Erlauben Sie, ehrwürdiger Prior, wenn ich auch ein Narr bin und selbst

freiwillig den Narren spiele, so bin ich doch ein Ritter von Ehre und

will es rund heraussagen. Ja, ich bin ein Ritter von Ehre, in Pjotr

Alexandrowitsch steckt aber nur – kondensierte Eigenliebe und weiter

nichts. Vielleicht bin ich nur deswegen hierhergefahren, um das hier zu

besehen und mich auszusprechen. Ich habe einen Sohn, der hier sein

Seelenheil finden will: Ich bin sein Vater, sorge mich um ihn und muß

mich auch sorgen. Bis jetzt hörte ich nur zu und verstellte mich und

beobachtete im geheimen, jetzt aber will ich den letzten Akt der

Vorstellung spielen. Wie ist’s denn bei euch? Was bei euch einmal fällt,

das liegt auch schon. Was einmal gefallen ist, das hat ewig zu liegen.

Was denn sonst? Ich aber will mich erheben. Heilige Väter, die Beichte

ist ein großes Sakrament, für das auch ich andächtige Ehrfurcht

empfinde, und ich bin bereit, mich ihm in Demut zu unterwerfen. Und da

muß ich plötzlich in der Zelle sehen, wie hier alle auf den Knien liegen

und laut beichten. Ist es denn erlaubt, laut zu beichten? Von den

heiligen Kirchenvätern ist die Ohrenbeichte eingeführt, und nur so wird

eure Beichte ein Sakrament sein, und so ist es von alters her

gebräuchlich. Denn sonst, wie soll ich ihm in Gegenwart aller so einfach

erklären, daß ich zum Beispiel dieses und jenes ... nun, eben dieses und

jenes, Sie verstehen doch? ... Mitunter ist es schon unanständig, es

auch nur zu sagen. Das ist doch ein Skandal! Nein, Pater Prior, mit Euch

kann man ja noch Sektierer werden ... Bei der ersten Gelegenheit

schreibe ich an den Synod, meinen Sohn Alexei nehme ich aber fort von

hier.“

Eine Anmerkung. Fedor Pawlowitsch hatte irgendwo die Glocken läuten

gehört. Es hatten sich nämlich boshafte Klatschereien verbreitet, die

schließlich selbst zum Erzbischof gedrungen waren (nicht nur in unserem

Kloster, sondern auch in anderen, wo sich das Startzentum festgesetzt

hatte): daß die Startzen viel zu sehr geachtet würden, sogar zum

Nachteil des Ansehens der Äbte, und unter anderem, daß die Startzen die

Beichte mißbrauchten usw. usw. Kurz, es waren ganz unsinnige

Beschuldigungen, die denn auch alsbald bei uns, wie überall, von selbst

vergessen wurden. Aber der dumme Teufel, der Fedor Pawlowitsch ergriffen

hatte und ihn jetzt an den Nerven irgend wohin, immer weiter und tiefer

in einen schmachvollen Abgrund zog, flüsterte ihm plötzlich diese

verjährte Anschuldigung zu, und Fedor Pawlowitsch sprach sie sofort aus,

obgleich er selbst nicht wußte, noch sich überhaupt denken konnte, um

was es sich dabei eigentlich handelte. Auch verstand er nicht einmal,

die Sache richtig auszudrücken, und zudem hatte diesmal niemand in der

Zelle des Staretz gekniet oder gar laut gebeichtet, so daß Fedor

Pawlowitsch selbst nichts von dem gesehen haben konnte und nur die alten

Gerüchte und Klatschereien, deren er sich dunkel erinnerte, nachsprach.

Kaum jedoch hatte er seine dumme Bemerkung gemacht, als er auch schon

fühlte, daß er ganz gehörigen Unsinn gesagt hatte, und so wollte er

plötzlich allen Anwesenden, am meisten aber sich selbst, beweisen, daß

er durchaus keinen Unsinn gesagt habe. Und obgleich er selbst vorzüglich

wußte, daß er mit jedem weiteren Wort zu dem Gesagten noch mehr und noch

dümmeren Unsinn hinzufügen werde, konnte er sich doch nicht bezwingen

und flog hinab, wie auf einer Rutschbahn.

„Welch eine Niedertracht!“ rief Miussoff empört aus.

„Verzeihen Sie,“ sagte plötzlich der Prior. „Es ist gesagt: ‚Und viele

redeten wider mich und brachten sogar unsaubere Sachen wider mich vor;

als ich aber alles gehört, sprach ich bei mir selbst: Diese Arznei ist

von Christus gesandt, um meine eitle Seele zu heilen.‘ Und darum danken

auch wir Ihnen demütig, unser werter Gast.“

Und er verneigte sich tief vor ihm.

„Ta–ta–ta! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte

Heuchelei! Alte Lüge und die alten Faxen der Verbeugungen bis zur Erde!

Wir kennen diese Verbeugungen! ‚Einen Kuß auf die Lippen und einen Dolch

ins Herz,‘ wie in Schillers Räubern. Ich will keine Falschheit, Väter,

ich liebe die Wahrheit! Die aber liegt nicht in den Gründlingen, und das

habe ich verkündet! Sie, meine Heiligen, warum fasten Sie denn

eigentlich? Warum erwarten Sie dafür Belohnungen im Himmelreich? Für so

eine Belohnung würde ja auch ich fasten! Nein, mein heiliger Mönch, sei

lieber im Leben wohltätig, bringe lieber, anstatt daß du dich hier zu

fertig gebackenen Broten zurückziehst, der Menschheit Nutzen, und ohne

dafür noch eine Belohnung dort oben zu erwarten, – das dürfte wohl etwas

schwieriger sein. Ew. Hochehrwürden, ich verstehe gleichfalls, schön zu

reden. Aber was haben Sie denn hier aufgetischt?“ fragte er, sich

plötzlich unterbrechend, und trat näher. „Hm! Portwein, keine üble

Nummer, Honig, wahrscheinlich von den Gebrüdern Jelissejeff,[9] ach, ihr

heiligen Väter! Das sieht anders aus als Gründlinge! Und auch die

Flaschen haben sie nicht vergessen, he–he–he! Wer aber hat das alles

hergebracht? Das ist ja der russische Bauer, der Arbeitssklave, der die

wenigen Kopeken, die er mit seinen schwieligen Händen verdient, von

seinem Munde und seiner Familie abspart, um sie herzubringen trotz der

schreienden Not unseres Staates! Nein, ihr, meine heiligen Väter, ihr

saugt ja das Volk aus!“

„Das ist von Ihnen wirklich schon mehr als unwürdig,“ sagte Pater

Jossiff. Pater Paissij schwieg hartnäckig. Miussoff stürzte hinaus, und

ihm folgte Kalganoff.

„Nun, meine Heiligen, nach Pjotr Alexandrowitsch gehe auch ich! Werde

nie mehr herkommen, und wenn ihr mich auch auf den Knien darum bätet,

komme nicht! Habe euch tausend Rubel geschenkt, da habt ihr jetzt wieder

die Ohren gespitzt, he–he–he! Nein, mehr gibt’s nicht! Ich räche mich

für meine vergangene Jugend, für meine ganze Erniedrigung!“ rief er in

einem Anfall gespielter Empfindsamkeit aus und schlug mit der Faust auf

den Tisch. „Viel hat dieses liebe Kloster in meinem Leben bedeutet! Viel

bittere Tränen habe ich seinetwegen vergossen! Ihr habt meine Frau, die

Klikuscha, gegen mich aufgehetzt! Ihr habt mich in sieben Kirchen

verflucht, habt’s in der ganzen Umgegend verbreitet! Jetzt Strich

drunter, meine Väter, heutzutage ist man liberal, jetzt haben wir das

Jahrhundert der Dampfschiffe und Eisenbahnen! Nicht tausend, nicht

hundert Rubel, nicht hundert Kopeken bekommt ihr mehr von uns zu sehen!“

Noch eine Anmerkung: Niemals hatte unser Kloster etwas Besonderes in

seinem Leben bedeutet, und niemals hatte er seinetwegen irgendwelche

Tränen vergossen. Er aber ließ sich dermaßen hinreißen, daß er einen

Augenblick fast selbst daran glaubte; ihm traten vor Rührung Tränen in

die Augen, doch in derselben Sekunde fühlte er, daß es für ihn Zeit war,

kehrtzumachen. Der Prior senkte ein wenig den Kopf und sagte auf seine

boshafte Lüge wieder mit eindringlicher Stimme:

„Es ist wiederum gesagt: ‚Ertrage freudig das dir zugefügte Unrecht,

lasse dich dadurch weder verwirren, noch nähre deswegen Haß gegen deinen

Widersacher‘. Also werden auch wir tun.“

„Weiß schon, ‚und halte noch die andere Backe hin!‘ und so weiter, der

ganze Gallimatthias! Man kennt doch den Rummel! Aber jetzt gehe ich.

Meinen Sohn Alexei nehme ich mit väterlicher Vollmacht ein für allemal

von hier fort. Iwan Fedorowitsch, mein gehorsamster Sohn, erlauben Sie,

Ihnen zu befehlen, mir zu folgen! Und, von Sohn, was hast du noch hier

zu suchen? Komm mit mir in die Stadt! Bei mir ist es lustiger. Im ganzen

nur ’ne lumpige Werst, und dafür gibt’s anstatt Fastenbutter

Ferkelbraten mit Kartoffelbrei; werden nicht übel schmausen; verspreche

dir guten Kognak und nachher noch Likörchen; habe auch Mamurowka[10] ...

Ei, von Sohn, versäume doch dein Glück nicht!“

Schreiend und gestikulierend ging er hinaus. Und da erblickte ihn denn

Rakitin und machte Aljoscha auf ihn aufmerksam.

„Alexei!“ rief ihm der Vater von weitem zu, als er ihn erblickte, „heute

noch ziehe ganz zu mir über, auch das Kissen und das Federbett schlepp

mit – daß von dir hier keine Spur mehr nachbleibt, hörst du!“

Aljoscha blieb ganz erstarrt stehen und verfolgte nur schweigend und

aufmerksam, was vor seinen Augen geschah. Fedor Pawlowitsch kletterte

inzwischen in seinen Wagen, und nach ihm schickte sich schweigend und

sichtlich geärgert auch Iwan Fedorowitsch an, einzusteigen, ohne sich

vorher von Aljoscha zu verabschieden, oder sich auch nur nach ihm

umzuwenden. Da aber kam es noch zu einer lächerlichen und fast

unglaublichen Szene, die den ganzen unerhörten Skandal gleichsam

abschloß. Plötzlich erschien am Wagentritt der Gutsbesitzer Maximoff. Er

war atemlos herangelaufen, um sich nicht zu verspäten. Rakitin und

Aljoscha sahen, wie er lief. Er beeilte sich dermaßen, daß er in der

Angst, zurückzubleiben, den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte,

obgleich auf ihm noch der linke Fuß Iwan Fedorowitschs stand, und, mit

der einen Hand sich an den Bockrand klammernd, mehrmals hopste, um

schneller einzusteigen.

„Ich auch, ich auch, auch ich komme mit!“ rief er, immer hopsend, unter

dünnem, fröhlichem Gelächter mit einem seligen Gesicht, und natürlich zu

allem bereit. „Nehmen Sie auch mich mit!“

„Na, habe ich’s nicht gesagt, daß das von Sohn ist!“ rief triumphierend

Fedor Pawlowitsch. „Der echte, von den Toten auferstandene von Sohn! Wie

hast du dich denn von dort losgerissen? Was hast du denn dort

vorvonsohniert? Und wie hast du nur dem schönen Mahle den Rücken

gekehrt? Dazu muß man doch eine eherne Stirn haben! Ich habe sie, über

deine aber, Bruder, wundere ich mich! Nun, spring herein, hop! Laß ihn,

Wanjä,[11] es wird lustiger sein! Er kann sich hier irgendwie vor den

Füßen hinlegen. Wirst du vor den Füßen liegen, von Sohn? Oder soll man

ihn neben dem Kutscher unterbringen? ... Spring mal auf den Bock, von

Sohn.“

Doch Iwan Fedorowitsch, der sich inzwischen schon gesetzt hatte, stieß

plötzlich Maximoff mit aller Kraft vor die Brust, so daß der weit

zurückflog. Es war nur ein Zufall, daß er nicht hinfiel.

„Fahr zu!“ rief Iwan Fedorowitsch wütend den Kutscher an.

„Aber, was fällt dir ein? Was sollte denn das bedeuten? Warum hast du

ihn so fortgestoßen?“ fuhr zwar Fedor Pawlowitsch sofort auf, doch der

Wagen rollte schon davon. Iwan Fedorowitsch antwortete nicht.

„Sieh mal einer an, wie du bist!“ brummte Fedor Pawlowitsch nach zwei

Minuten Schweigen und schielte nur vorsichtig auf seinen Sohn. „Hast

selbst diesen ganzen Klosterbesuch ausgedacht, selbst alles angestiftet,

selbst gutgeheißen, warum ärgerst du dich denn jetzt?“

„Sie haben wirklich genug Blödsinn geschwatzt, erholen Sie sich doch

etwas,“ schnitt ihm Iwan Fedorowitsch grob das Wort ab.

Fedor Pawlowitsch schwieg wieder etwa zwei Minuten lang.

„Ein Gläschen Kognak wäre jetzt nicht übel,“ bemerkte er bedeutsam. Doch

Iwan Fedorowitsch antwortete wieder nicht.

„Nun, wenn wir ankommen, wirst auch du eins trinken.“

Iwan Fedorowitsch schwieg immer noch.

„Aber Aljoscha werde ich doch aus dem Kloster nehmen, obgleich das

Ihnen, mein ehrerbietigster Karl von Moor, sehr unangenehm sein wird.“

Iwan Fedorowitsch zuckte verächtlich mit den Achseln, wandte sich von

ihm ab, und blickte auf die Landstraße. Darauf wurde während der ganzen

Fahrt kein Wort mehr gesprochen.

Sämtliche Werke 9-10 · 第 12 / 40 题