Zweites Buch. Die unschickliche Versammlung

I.

Die Ankunft im Kloster

Es war ein schöner, warmer und klarer Augusttag. Der September stand

schon vor der Tür. Man hatte verabredet, daß sich alle gleich nach dem

zweiten Hochamt, also ungefähr um halb zwölf Uhr, beim Staretz

versammeln sollten. Unsere Klostergäste geruhten aber nicht, zum

Gottesdienst zu kommen, sondern erschienen erst, als er gerade beendet

war. Sie kamen in zwei Wagen angefahren: im ersten, einem eleganten

kleineren Gefährt, das mit zwei teuren Pferden bespannt war, Pjotr

Alexandrowitsch Miussoff mit seinem entfernten Verwandten Pjotr Fomitsch

Kalganoff. Das war ein junger Mann von zwanzig Jahren, der sich

vorbereitete, eine russische Universität zu besuchen, doch wußte er noch

immer nicht, welche; Miussoff dagegen, bei dem er augenblicklich wohnte,

beredete seinen jungen Verwandten, mit ihm nach Zürich oder Jena zu

fahren, um dort die Universität zu besuchen und sein Studium zu beenden.

Der junge Mann aber konnte sich noch immer nicht recht entscheiden. Er

war nachdenklich und schien meist zerstreut zu sein. Er hatte ein

angenehmes Gesicht, war stark gebaut und ziemlich hoch von Wuchs. Sein

Blick konnte mitunter ganz auffallend unbeweglich sein: wie alle

zerstreuten Menschen blickte er einen dann lange und starr an, ohne aber

dabei etwas zu sehen. Er war schweigsam und ein wenig ungeschickt, doch

kam es vor – übrigens nur, wenn er mit jemandem unter vier Augen war –,

daß er plötzlich äußerst gesprächig, scherzhaft, heftig oder heiter

sein, und herzlich, doch Gott weiß, über was eigentlich, lachen konnte.

Aber seine Lebhaftigkeit verging gewöhnlich ebenso schnell, wie sie kam.

Gekleidet war er immer gut, wenn nicht gar gesucht. Er besaß schon ein

gewisses Vermögen und hatte die besten Aussichten, noch viel mehr zu

erben. Mit Aljoscha war er befreundet.

Im zweiten Wagen, in einer äußerst alten, stöhnenden, doch recht

umfangreichen Kutsche, vor der zwei alte Schimmel trabten, die aber

hinter Miussoffs leichtem Gefährt beträchtlich zurückblieben, kam Fedor

Pawlowitsch Karamasoff mit seinem zweiten Sohn Iwan Fedorowitsch

angefahren. Dmitrij Fedorowitsch hatte man schon am vorhergehenden Tage

die Stunde angesagt, doch trotzdem war er nicht zu sehen. Man ließ die

Wagen außerhalb der Klostermauer bei der Herberge halten, stieg aus und

trat zu Fuß durch das Klostertor ein. Außer dem alten Karamasoff hatte

von den übrigen drei, wie es schien, kein einziger je ein Kloster von

innen gesehen; Miussoff aber war vielleicht schon seit dreißig Jahren

nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er blickte mit einer Neugier um

sich, die nicht ganz ohne eine gewisse gemachte Ungezwungenheit war.

Doch leider gab es für seinen ausschauenden Verstand im Innern der

Klostermauern außer den übrigens sehr einfachen Kirchen- und

Wirtschaftsgebäuden nichts Besonderes zu entdecken. Aus der Kirche

strömte sich bekreuzend das Volk, die Mützen in der Hand. Unter dem

einfachen Volk fielen zwei oder drei Damen der höheren Gesellschaft

sowie ein alter General auf: alle standen sie im großen Zimmer der

Herberge. Bettler umringten alsbald die Neuangekommenen, doch keiner von

ihnen gab etwas. Nur Petruscha Kalganoff nahm aus seiner Börse ein

Zehnkopekenstück, das er verlegen einem Weibe zusteckte, wobei er hastig

hervorstieß: „Richtig verteilen.“ Die anderen sagten ihm nichts darauf,

so daß er ganz grundlos verwirrt wurde; trotzdem wurde er, als er

bemerkte, daß die anderen dies schweigend übersahen, noch verlegener.

Etwas war aber sehr sonderbar: man sollte meinen, daß Gäste, wie sie,

ganz anders empfangen werden müßten; Karamasoff hatte vor noch nicht

langer Zeit tausend Rubel geschenkt, und Miussoff war der reichste

Gutsbesitzer und der sozusagen gebildetste Mensch, von dem man hier im

Kloster teilweise geradezu abhing, da der Prozeß, den man mit ihm wegen

des Fischrechts im Fluß führte, noch nicht beendet war. Und siehe da:

keine einzige der offiziellen Persönlichkeiten des Klosters war zu ihrem

Empfang erschienen. Miussoff blickte zerstreut auf die Grabsteine an der

Kirche und wollte schon bemerken, daß das Recht, an einem so „heiligen“

Ort begraben zu liegen, den Leidtragenden nicht wenig aus der Tasche

gezogen haben müsse, schwieg aber und sagte nichts: die gewöhnliche

liberale Ironie verwandelte sich in ihm fast in Zorn.

„Teufel, wo gibt es denn hier bei dieser blödsinnigen Einrichtung so

etwas, wo man sich erkundigen kann ... Das muß man doch endlich

feststellen, sonst verlieren wir hier bloß unsere kostbare Zeit,“

brummte er leise, als wollte er es nur so vor sich hinsagen.

Da trat ein älterer, kahlköpfiger Herr dienstbereit auf sie zu, ein Herr

mit ungemein freundlich blickenden und etwas hervorstehenden Augen, der

einen weiten Sommermantel trug. Er zog den Hut und stellte sich mit

wahrhaft honigsüßer Stimme als Tulascher Gutsbesitzer Maximoff vor.

„Der Staretz Sossima lebt in der Einsiedelei, hermetisch verschlossen,

hermetisch, vierhundert Schritt vom Kloster, durch das Wäldchen, durch

das Wäldchen ...“

„Das weiß ich selbst, daß man durch das Wäldchen zu ihm gehen muß,“

unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch Karamasoff, „aber den Weg dorthin hab

ich total vergessen, bin lange nicht mehr hier gewesen.“

„Hier, hier, gleich durch diese Pforte und dann gerade durch das

Wäldchen ... durch das Wäldchen. Wenn gefällig ... ich muß selbst ...

ich werde selbst ... Hier, sehen Sie, hier ...“

Sie traten aus dem Torgang und schritten auf den Wald zu. Der

Gutsbesitzer Maximoff, ein Mann von sechzig Jahren, ging nicht

eigentlich, sondern lief geradezu neben ihnen her, während er sie dabei

mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete, wobei

seine Glotzäugigkeit noch unangenehmer auffiel.

„Wir sind in einer besonderen Angelegenheit zum Staretz gekommen,“

bemerkte mit strenger Miene Miussoff. „Diese ‚Persönlichkeit‘ hat uns

sozusagen eine Audienz gewährt, und daher müssen wir Sie bitten,

obgleich wir Ihnen für das Wegweisen sehr dankbar sind, doch nicht mit

uns zusammen einzutreten.“

„Ich war ja schon, ich war ja schon ... _Un chevalier parfait!_“

versicherte sofort der Gutsbesitzer und knipste mit den Fingern vor

Begeisterung.

„Wer ist ein Chevalier?“ fragte Miussoff.

„Der Staretz, der prachtvolle Staretz, der Staretz! ... Die Ehre und der

Ruhm des ganzen Klosters! Sossima! Das ist solch ein Staretz ...“

Seine krause Rede wurde unterbrochen: Ein kleiner, bleicher, magerer

Mönch in einer Kutte kam ihnen nachgelaufen. Karamasoff und Miussoff

blieben stehen. Der Mönch verbeugte sich tief und sagte höflich:

„Seine Hochehrwürden, der Prior, läßt Sie alle, meine Herren, bitten,

nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei zu ihm zum Mittagsmahl zu kommen.

Und Sie gleichfalls,“ fügte er, sich an Maximoff wendend, hinzu.

„Das werde ich unbedingt!“ rief der alte Karamasoff, ungemein erfreut

über die Einladung, „unbedingt! Und wissen Sie, wir haben uns alle das

Wort gegeben, uns hier anständig aufzuführen ... Und Sie, Miussoff,

werden Sie auch kommen?“

„Warum sollte ich denn nicht? Wozu bin ich denn sonst hergekommen, wenn

nicht, um hier alle diese Bräuche kennen zu lernen. Nur eines macht mir

Bedenken, und das ist gerade, was ich jetzt mit Ihnen, Fedor Pawlowitsch

...“

„Ja, meinen Sohn Dmitrij Fedorowitsch gibt’s aber vorläufig noch nicht.“

„Und er täte gut, überhaupt nicht zu kommen; ist mir denn diese Ihre

ganze schmutzige Geschichte etwa angenehm, und zudem noch mit Ihnen als

Zugabe! – Wir werden gern der freundlichen Einladung Folge leisten,

überbringen Sie Seiner Hochehrwürden unseren besten Dank,“ sagte er

darauf zum Mönch.

„Ich soll Sie zum Staretz führen,“ antwortete der Mönch.

„Dann werde ich jetzt solange zum Prior gehen!“ sagte eilig der

Gutsbesitzer Maximoff.

„Der Prior ist augenblicklich in Anspruch genommen ... aber ... wie Sie

wollen ...“ meinte etwas unentschlossen der Mönch.

„Ein äußerst zudringlicher Kauz,“ bemerkte Miussoff laut, als Maximoff

zum Kloster zurückeilte.

„Gleicht ungemein dem berühmten Herrn von Sohn,“ sagte plötzlich der

alte Karamasoff.

„Das scheint das einzige zu sein, was Sie sagen können ... Warum soll er

denn Herrn von Sohn gleichen? Haben Sie überhaupt jemals Herrn von Sohn

gesehen?“

„Selbstverständlich: auf der Photographie. Er gleicht ihm fabelhaft, sag

ich Ihnen, wenn auch nicht in den Gesichtszügen, sondern in etwas ganz

Unerklärlichem. Von Sohns Doppelgänger, mit einem Wort. Das sehe ich ihm

sofort an der Physiognomie an.“

„Nun, meinetwegen,“ bemerkte Miussoff gereizt, „Sie sind ja Kenner in

solchen Sachen. Nur noch eines, Fedor Pawlowitsch: Sie geruhten soeben

selbst daran zu erinnern, daß wir uns das Wort gegeben haben, uns

anständig aufzuführen, wie Sie sich wohl noch entsinnen werden. Ich sage

Ihnen: Vergessen Sie das nicht! Sollten Sie aber wieder anfangen, den

Narren zu spielen, so werde ich es, glauben Sie mir, nicht dulden, daß

man mich hier mit Ihnen auf eine Stufe stellt! ... Sehen Sie, was das

für ein Mensch ist,“ fügte er darauf, zum Mönch gewandt, hinzu, „ich

fürchte mich geradezu, mit ihm bei anständigen Menschen einzutreten.“

Auf den blassen, blutleeren Lippen des kleinen Mönches erschien ein

feines, verschwiegenes Lächeln, das in seiner Art doch eine gewisse

Geriebenheit verriet, aber er antwortete nicht, und es war nur zu

augenscheinlich, daß er aus dem Gefühl der eigenen Würde heraus schwieg.

Miussoff runzelte die Stirn.

„Ach, der Teufel hole sie allesamt; das ist ja doch bloß eine in

Jahrhunderten ausgearbeitete Äußerlichkeit; in Wirklichkeit ist es nur

Scharlatanerie und Blödsinn.“

„Ah, da sind wir also glücklich angelangt: da ist die Einsiedelei!“ rief

Fedor Pawlowitsch. „Die Mauer und die Pforte sind aber geschlossen, wie

ich sehe.“

Und er begann, sich eifrig vor den Heiligenbildern zu bekreuzen, die

über und zu beiden Seiten der Pforte gemalt waren.

„In ein fremdes Kloster soll man nicht mit seinem Reglement eintreten,“

bemerkte er. „Im ganzen suchen hier in dieser Einsiedelei fünfundzwanzig

Heilige ihr Seelenheil, beobachten einander und vertilgen Sauerkohl. Und

kein einziges Frauenzimmerchen darf hier durch diese Pforte treten, das

ist das Bemerkenswerteste dabei, und das ist wirklich so. Aber, mein

Lieber, wie kommt es – ich habe nämlich trotzdem gehört, daß der Staretz

auch Damen empfängt?“ damit wandte er sich plötzlich an den Mönch.

„Aus dem Volk sind auch jetzt Weiber hier; sehen Sie dort, sie warten an

der Galerie. Für die höheren Damen aber sind hier bei der Galerie,

außerhalb der Einfriedung, zwei Zimmerchen angebaut, diese Fenster dort,

und der Staretz kommt dann zu ihnen durch den inneren Gang, wenn er

gesund ist, also immer außerhalb der Einfriedung. Auch jetzt ist dort

eine vornehme Dame, eine Gutsbesitzerin aus dem Charkoffschen, Frau

Chochlakoff; sie erwartet ihn mit ihrer gelähmten Tochter.

Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen hinauszukommen, obgleich er

in letzter Zeit so schwach geworden ist, daß er sich kaum noch dem Volk

zeigen kann.“

„Also gibt es immerhin doch noch ein Schlupfloch, das aus der

Einsiedelei zu den Weibern führt? Das heißt, heiliger Vater, glauben Sie

um Gottes willen nicht, daß ich irgend etwas! – ich meinte ja nur so.

Wissen Sie, auf dem Athos, Sie haben es vielleicht schon gehört, ist

nicht nur der Besuch von Frauen verboten, sondern überhaupt jede

Gotteskreatur weiblichen Geschlechts; weder werden dort Hühnchen

geduldet, noch Putchen, noch Kälbchen ...“

„Fedor Pawlowitsch, ich werde sofort zurückgehen und Sie allein

eintreten lassen! Man wird Sie hier sowieso hinausschmeißen, das

prophezeie ich Ihnen!“

„Aber was tue ich Ihnen denn, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie doch

mal,“ rief er plötzlich, da er durch die Pforte trat, „sehen Sie doch,

in welch einem Rosental sie hier leben!“

Tatsächlich waren dort, wenn auch keine Rosen, so doch überall, wo man

sie nur hatte pflanzen können, eine Menge seltener und schöner

Herbstblumen. Augenscheinlich pflegte sie eine geübte Hand. Blumenbeete

lagen zwischen Gräbern, und Blumen wuchsen als Spalier an der Mauer. Das

einstöckige Holzhäuschen, in dem sich die Zelle des Staretz befand, war

mit seiner Galerie vor dem Eingang gleichfalls von Blumen umgeben.

„War denn das auch beim früheren Staretz Warssonofij so? Der soll ja,

wie man sagt, Schönheit überhaupt nicht geliebt haben, soll sogar das

schöne Geschlecht mit dem Stock geschlagen haben,“ bemerkte Fedor

Pawlowitsch, als er die Stufen hinanstieg.

„Der Staretz Warssonofij war zuweilen allerdings etwas wunderlich, aber

auch viel Unwahres wird von ihm erzählt. Mit dem Stock hat er niemanden

geschlagen,“ antwortete der Mönch. „Bitte sich hier einen Augenblick zu

gedulden, ich werde Sie anmelden.“

„Fedor Pawlowitsch, zum letztenmal die Bedingung, hören Sie! Führen Sie

sich gut auf, sonst haben Sie es mit mir zu tun,“ gelang es Miussoff,

ihm noch schnell zuzuflüstern.

„’s ist wirklich unbegreiflich, warum Sie dermaßen erregt sind,“

bemerkte spöttisch Fedor Pawlowitsch, „oder fürchten Sie sich wegen

Ihrer Sünden? Man sagt ja, daß er es an den Augen erkenne, womit man zu

ihm kommt. Und wie hoch Sie plötzlich seine Meinung schätzen, Sie, solch

ein Pariser und Fortschrittler! Sie setzen mich ja heute wahrhaftig in

Erstaunen.“

Doch Miussoff konnte nichts mehr auf diesen Sarkasmus entgegnen: man bat

sie einzutreten.

„Wie ich mich kenne, werde ich jetzt zu streiten anfangen, wie immer,

wenn ich gereizt bin, ... werde heftig werden – und mich und die Idee

erniedrigen, das weiß ich schon im voraus,“ fuhr es Miussoff noch durch

den Kopf, als er ins andere Zimmer trat.

II.

Der alte Narr

Sie betraten das Zimmer fast zu gleicher Zeit mit dem Staretz, der bei

ihrem Erscheinen sofort seinen kleinen Schlafraum verlassen hatte. Sein

Erscheinen erwarteten in der Zelle schon seit längerer Zeit zwei

Priestermönche der Einsiedelei, der Pater Bibliothekar und der Pater

Paissij, ein kranker, noch nicht alter, jedenfalls aber sehr gelehrter

Mann, wie es hieß. Außerdem erwartete ihn noch stehend in einem Winkel

ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche in einem Zivilrock, ein

Seminarist und zukünftiger Theologe, der, unbekannt warum, von der

ganzen Klosterbrüderschaft gönnerhaft beschützt wurde. Er war ziemlich

groß von Wuchs, hatte ein frisches Gesicht mit breiten Kinnbacken, kluge

und aufmerksame, schmale, braune Augen. Auf seinem Gesicht drückte sich

vollkommene Ehrerbietung aus, doch war es eine anständige Ehrerbietung,

d. h. ohne sichtbares sich Einschmeichelnwollen. Die eingetretenen Gäste

begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, wie eine ihnen nicht

gleichstehende, sondern untergeordnete oder gar von ihnen abhängige

Person.

Der Staretz Sossima erschien in Begleitung Aljoschas und eines Novizen.

Die Priestermönche erhoben sich und verneigten sich tief vor ihm, wobei

sie mit den Fingern den Boden berührten, und küßten ihm darauf, nachdem

sie sich bekreuzt hatten, ehrfürchtig die Hand. Der Staretz erteilte

ihnen seinen Segen, verneigte sich vor einem jeden von ihnen ebenso

tief, wobei er gleichfalls den Fußboden mit den Fingern berührte und

auch von ihnen ihren Segen erbat. Die ganze Zeremonie ging sehr ernst

vor sich, durchaus nicht wie irgendein alltäglicher Brauch, sondern fast

mit einem tiefen Gefühl. Miussoff aber argwöhnte plötzlich, daß alles

ihretwegen absichtlich so ernst und feierlich gemacht werde. Er stand,

da er als erster eingetreten war, vor den anderen. Nun hätte er, ganz

abgesehen von seinen Ideen, einfach aus gewöhnlicher Höflichkeit (da

hier nun einmal solche Bräuche waren), auf den Staretz zutreten, und,

wenn ihm auch nicht gerade die Hand küssen, so ihn doch wenigstens um

seinen Segen bitten müssen. Das hatte er sich am Abend vorher sogar

schon vorgenommen. Als er aber jetzt alle diese Verbeugungen sah,

änderte er im Augenblick seinen Entschluß: wichtig und ernst machte er

eine tiefe, gesellschaftliche Verbeugung und trat darauf zurück. Genau

dasselbe tat auch Fedor Pawlowitsch, der diesmal wie ein Affe Miussoff

auf ein Haar kopierte. Iwan Fedorowitsch machte ernst und höflich seine

Verbeugung, doch gleichfalls „Hände an den Nähten“, Kalganoff dagegen

verwirrte sich dermaßen, daß er überhaupt nicht grüßte. Der Staretz ließ

seine zum Segen erhobene Hand wieder sinken, und bat sie, indem er sich

zum zweitenmal vor ihnen verneigte, Platz zu nehmen. Aljoscha stieg das

Blut ins Gesicht; er schämte sich – seine schlechten Ahnungen hatten ihn

also nicht getäuscht!

Der Staretz setzte sich auf ein kleines, altmodisches Ledersofa aus

rotem Holz, den Gästen aber wies er an der entgegengesetzten Wand vier

Stühle an, die alle in einer Reihe standen, gleichfalls aus rotem Holz

waren und einen stark abgenutzten Lederbezug hatten. Die Priestermönche

setzten sich etwas abseits, der eine bei der Tür, der andere am Fenster.

Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle war

nicht gerade groß und hatte so ein, fast möchte man sagen, welkes

Aussehen. Die Sachen und die Möbel, nur die notwendigsten, waren von

ganz einfacher Arbeit, fast ärmlich. Zwei Blumentöpfe auf dem

Fensterbrett und in der Ecke viele Heiligenbilder – darunter ein sehr

großes der Muttergottes, das wahrscheinlich schon lange vor der

Kirchenspaltung[6] gemalt worden war. Vor ihm brannte ein Lämpchen.

Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder mit reicher Verzierung, etwas

weiter zwei kleine Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein katholisches

Kreuz aus Elfenbein mit einer es umarmenden _Mater dolorosa_, und dann

hingen an den Wänden noch einige ausländische Gravüren großer

italienischer Meister der vergangenen Jahrhunderte. Neben diesen schönen

und teuren Gravüren hingen aber die allereinfachsten russischen

Buntdrucke verschiedener Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz,

Bilder, wie sie zu einer Kopeke das Stück auf allen Jahrmärkten verkauft

werden. Ebenso hingen an den anderen Wänden noch mehrere Bilder lebender

wie verstorbener Geistlicher. Miussoff streifte mit seinem Blick nur

flüchtig diesen ganzen „Heiligenkram“ und richtete ihn dann fest auf das

Gesicht des Staretz. Er schätzte seinen Blick sehr hoch: er hatte diese

an ihm jedenfalls verzeihliche Schwäche, verzeihlich, wenn man bedenkt,

daß er ein Mann von fünfzig Jahren war, also schon ein Alter erreicht

hatte, in dem ein kluger, wohlsituierter Weltmann zu seiner eigenen

Person immer ehrerbietiger wird – und wäre es unwillkürlich.

Im ersten Augenblick gefiel ihm der Staretz nicht. Allerdings war in

dessen Gesicht etwas, das vielen, auch außer Miussoff, nicht gefallen

hätte. Er war ein mittelgroßer, gebeugter Mann mit sehr schwachen Füßen,

erst fünfundsechzig Jahre alt, doch erschien er infolge seiner Krankheit

wenigstens um zehn Jahre älter. Sein mageres Gesicht war von kleinen,

feinen Runzeln übersät, besonders um die Augen herum. Diese Augen waren

nicht groß, wohl aber hell und glänzend wie zwei leuchtende Punkte. Nur

an den Schläfen hatte er noch ein wenig graues Haar, das Bärtchen war

spitz und klein und spärlich, die Lippen aber, die häufig lächelten,

waren so schmal wie zwei dünne Schnürchen. Die Nase war nicht gerade

lang, dafür aber fast so spitz wie ein Vogelschnabel.

„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“

zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich.

Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug

von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade

zwölf.

„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn

Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für

ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als

er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer

pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit

der Könige ist.“

„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte

Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte.

„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr

Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer

muß ich alles so _mal à propos_ sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit

einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich

einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen

vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort

und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit

Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn

das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben

Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln,

wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir

gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten

–, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick,

blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen

Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser

Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der

ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht

steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich,

‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter

russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir

aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen

Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den

ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und

verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und

geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik

und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht

wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus

dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst

mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre

her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen

Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem

Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer

Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart,

denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich.

Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist

schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu

erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“

„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung.

Der Staretz betrachtete sie beide stumm.

„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte

das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen

Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen

würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir

nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch

der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über

mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus

Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also

dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin

ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren,

Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich,

daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden,

übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein

anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das

Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie

sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an

Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt,

dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich,

Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph

Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina?

Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt

keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt:

‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm

sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘

Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus

der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“

„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß

Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu

machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme

Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte.

„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“

bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor

Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit

sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der

Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt,

genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen.

Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese

Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß

ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe

ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen

Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als

ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch,

von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank,

bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum

Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“

Miussoff erhob sich, nicht nur, weil er die Geduld verloren hatte,

sondern er tat es offenbar, weil er im Augenblick in seiner Erregung

nichts anderes zu tun wußte. Er war empört und sagte sich, daß er

dadurch selbst lächerlich werde. Ja, in der Zelle ging wirklich etwas

ganz Unmögliches vor sich. Diese Zelle, in der vielleicht schon seit

vierzig oder fünfzig Jahren, noch bei den früheren Startzen, die Fremden

empfangen wurden, hatte nur tiefste Ehrfurcht gesehen. Alle, die in ihr

empfangen worden waren, hatten gewußt, daß man ihnen damit eine große

Gnade erwies. Viele sanken auf die Knie und erhoben sich erst, wenn sie

fortgehen mußten. Viele sogar von den „höheren“ Persönlichkeiten, sogar

viele Gelehrte, ja, selbst viele Freigeister, die entweder aus Neugierde

oder aus sonst einem Grunde gekommen waren, machten es sich alle, bis

auf den letzten, beim Eintritt in die Zelle zur ersten Pflicht, sich

während des Besuchs tief ehrerbietig, tadellos zu benehmen, um so mehr,

als man nicht für Geld empfangen wurde, sondern aus Liebe und Mitleid.

Und die hinkamen, waren entweder Reuige, die Trost suchten, oder

Menschen, die einer schweren Frage ihrer Seele eine Antwort suchen

wollten, oder einen schweren Augenblick im Leben des eigenen Herzens zu

überwinden hatten, und die dann um Beistand, Rat und Hilfe baten. So

riefen denn solche Possen, wie sie plötzlich Fedor Pawlowitsch an diesem

Ort trieb, bei den übrigen Anwesenden oder wenigstens bei einigen von

ihnen stumme Verwunderung und erstauntes Nichtverstehenkönnen hervor.

Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht im

geringsten veränderten, warteten ernst und aufmerksam, was der Staretz

sagen werde, doch bereiteten auch sie sich schon vor, wie Miussoff,

aufzustehen. Aljoscha war dem Weinen nahe und stand stumm mit gesenktem

Kopf. Am sonderbarsten schien ihm, daß sein Bruder Iwan Fedorowitsch,

der einzige, auf den er gehofft hatte, und der allein solch einen

Einfluß auf seinen Vater besaß, daß er ihn hätte zügeln können, jetzt

vollkommen unbeweglich auf seinem Stuhl saß, den Blick zu Boden gesenkt

hielt, und, wie es schien, mit einer geradezu wißbegierigen Neugier

abwartete, womit das enden werde, ganz als ob er selbst nur eine fremde

Nebenperson wäre. Auf Rakitin, den Seminaristen, wagte Aljoscha nicht

einmal einen Blick zu werfen, obgleich er ihn gut kannte, und ihm fast

nahe stand: oh, er kannte dessen Gedanken nur zu gut (vielleicht er

allein im ganzen Kloster).

„Entschuldigen Sie mich ...,“ begann Miussoff zum Staretz gewandt, „wenn

ich Ihnen vielleicht gleichfalls als Teilnehmer an diesem unwürdigen

Scherz erscheine. Meine Schuld besteht bloß darin, daß ich geglaubt

habe, selbst so einer, wie Fedor Pawlowitsch, würde, wenn er an solch

einem Ort ist, seine Pflichten begreifen ... Ich hätte es nicht gedacht,

daß man dafür noch um Verzeihung werde bitten müssen, daß man mit ihm

zusammen eintritt ...“

Miussoff sprach seinen Satz nicht zu Ende und wollte schon ganz verwirrt

hinausgehen.

„Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie darum,“ sagte der Staretz und

erhob sich plötzlich, trotz seiner kranken Füße, von seinem Platz,

ergriff Miussoff an beiden Händen und nötigte ihn, sich wieder auf den

Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum, und besonders

bitte ich Sie, mein Gast zu sein;“ und nachdem er sich nochmals verbeugt

hatte, setzte er sich wieder auf sein kleines Sofa.

„Großer Staretz, sprechen Sie es aus: beleidige ich Sie durch meine

Lebhaftigkeit oder nicht?“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, wobei er

auf dem Stuhl nach vorn rückte und mit den Händen schon die Armlehnen

seines Stuhles ergriff, als ob er mit der Antwort zugleich aufspringen

wollte.

„Und auch Sie bitte ich aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen und sich

keinen Zwang anzutun,“ sagte ihm eindringlich der Staretz. „Seien Sie

ganz wie zu Haus. Und vor allem, schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer

selbst, denn nur daher kommt bei Ihnen alles.“

„Ganz wie zu Haus? Das heißt wohl so recht natürlich? O, das ist viel,

viel zu viel, doch – nehme es in Rührung an! Wissen Sie, gesegneter

Vater, beschwören Sie mich nicht auf das Natürliche, riskieren Sie es

lieber nicht ... Bis zur Natürlichkeit komme ich ja noch nicht einmal

bei mir selbst. Ich warne Sie nur, um Sie vor Schlimmem zu bewahren. Na

ja, und was das übrige anbetrifft, so liegt das noch in der Finsternis

der Unbekanntheit, obgleich mich gewisse Leute gern anschwärzen wollen.

Das ist an Ihre Adresse gesagt, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber,

heiligstes Wesen, Ihnen sage ich folgendes: ‚Ich spreche meine

Begeisterung aus!‘“ Er erhob sich, erhob die Hände und rief: „‚Selig der

Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die dich genährt,‘ besonders

die Brüste! Sie haben mich soeben mit Ihrer Bemerkung: ‚Schämen Sie sich

nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt alles,‘ mit dieser

Bemerkung haben Sie mich einfach durchbohrt und mir gezeigt, daß Sie in

meinem Innersten lesen. Das ist es ja, daß es mir immer scheint, wenn

ich zu Leuten hineingehe, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich

alle für einen Narren halten, und darum denke ich: ‚wart, werde

meinetwegen den Narren spielen, fürchte eure Meinung nicht, denn ihr

seid doch alle, bis auf den letzten, gemeiner als ich!‘ Sehen Sie, und

darum bin ich denn Narr, bin vor Scham Narr, großer Staretz, nur vor

Scham! Nur aus Argwohn bin ich frech, mache ich sofort Skandal. Denn

wäre ich überzeugt, wenn ich eintrete, daß mich alle sofort für den

liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten, – Herrgott, was würde

ich dann für ein guter Mensch sein! Mein Lehrer!“ rief er aus und sank

ganz plötzlich auf die Knie nieder, „was soll ich tun, um das ewige

Leben zu erwerben?“

Selbst jetzt war es schwer, zu sagen, ob er scherzte, oder ob er

tatsächlich so begeistert war?

Der Staretz blickte ihn an und sagte lächelnd:

„Das wissen Sie selbst schon längst, was man dazu tun muß, Verstand

haben Sie genug: Ergeben Sie sich nicht dem Trunk, mäßigen Sie sich in

Ihren Worten, ergeben Sie sich nicht der Sinnenlust und vor allem nicht

der Vergötterung des Geldes, und schließen Sie Ihre Trinkstuben, wenn

nicht alle, falls Ihnen das unmöglich ist, so doch wenigstens zwei oder

drei. Und die Hauptsache, das allerwichtigste – lügen Sie nicht.“

„Das geht wohl auf das von dem Diderot?“

„Nein, nicht nur auf die Geschichte vom Diderot. Die Hauptsache ist,

belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine

eigene Lüge hört, kommt schließlich dazu, daß er keine einzige Wahrheit

mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet, das aber führt zu

Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemanden

achtet, der hört auch auf zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu

beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften und

rohen Ausschweifungen und steigt in seinen Lastern hinab bis zum

Viehischen; und also geschieht das nur durch seine fortwährende Lüge,

den Menschen wie sich selbst gegenüber. Wer sich selbst belügt, kann

sich auch am ehesten beleidigt fühlen. Ist es doch mitunter sogar sehr

angenehm, sich gekränkt zu fühlen, ist’s nicht so? Und der Mensch weiß

es doch selbst, daß ihn niemand gekränkt hat, daß er sich selbst die

Kränkung ausgedacht und vorgelogen hat zur vermeintlichen Zierde, daß er

es selbst vergrößert hat, daß er aus einer Erbse einen Berg macht, – er

weiß es selbst nur zu gut, und doch fühlt er sich gekränkt, fühlt er

sich bis zum Wohlbehagen gekränkt, bis zur Empfindung eines Genusses,

und das bringt ihn dann bis zur wahren Feindschaft gegen die Menschen

... Aber so stehen Sie doch auf, setzen Sie sich doch, ich bitte Sie

darum; das sind doch gleichfalls nur erlogene Gebärden.“

„Heiligster Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,“ rief aufspringend

Fedor Pawlowitsch begeistert aus, beugte sich geschwind und drückte

schmatzend einen Kuß auf die magere Hand des Staretz. „Das ist es ja,

das ist’s: jawohl, geradezu angenehm ist es, sich gekränkt zu fühlen!

Das haben Sie so schön gesagt, wie ich es überhaupt noch nicht gehört

habe. Das ist es ja, mein Lebelang habe ich mich bis zum Genuß gekränkt

gefühlt, habe mich nur um der Ästhetik willen gekränkt gefühlt, denn es

ist nicht nur angenehm, sondern zuweilen sogar hübsch, gekränkt zu sein;

– das haben Sie vergessen, hinzuzufügen, großer Staretz: wirklich

hübsch. Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Aber gelogen habe ich

entschieden mein ganzes Leben, an jedem Herrgottstag, in jeder Stunde

und Minute; bin die leibhaftige Lüge, bin der Vater der Lüge! Übrigens

verhaue ich mich wahrscheinlich wieder im Text, sagen wir lieber, der

Sohn der Lüge, das dürfte ja auch schon genügen. Nur ... hören Sie, mein

Engel ... so etwas wie das vom Diderot kann man zuweilen doch erfinden!

Diderot schadet weiter nicht, aber so gewisse Wörtchen können mitunter

schaden. Ach, bei der Gelegenheit, großer Staretz, hätt’s beinahe total

vergessen, und hab’s mir doch schon seit drei Jahren fest vorgenommen,

mich hier danach zu erkundigen, gerade hier anzufragen und es positiv zu

erfahren – wollten Sie aber nicht vorher Pjotr Alexandrowitsch sagen,

daß er mich nicht unterbricht! – also, ich wollte sagen: ist es wahr,

großer Mann, was in der Vita Sanctorum irgendwo geschrieben steht, von

irgendeinem heiligen Wundertäter, den man um seines Glaubens willen

gemartert hat? Es heißt dort nämlich, daß er, nachdem man ihn

schließlich enthauptet hatte, aufgestanden sei, seinen Kopf aufgehoben

und ihn ‚liebevoll geküßt‘ habe, und lange so mit ihm in den Armen

herumgegangen sei, das Haupt immer ‚liebevoll küssend‘. Ist das nun wahr

oder nicht, meine ehrenwerten Väter?“

„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte der Staretz.

„So etwas steht überhaupt nicht in der Vita Sanctorum. Von welch einem

Heiligen soll denn das geschrieben stehen?“ fragte der eine

Priestermönch, der Pater Bibliothekar.

„Das weiß ich selbst nicht, von welch einem. Weiß es nicht und ahne es

nicht einmal. Hab’s nur so reden hören, bin aber betrogen worden. Und

wissen Sie, wer es erzählt hat? Nun, dieser selbe Pjotr Alexandrowitsch

Miussoff, der sich soeben dermaßen über den Diderot zu entrüsten

geruhte; er selbst ist es, der es erzählt hat!“

„Niemals habe ich Ihnen das erzählt! Mit Ihnen spreche ich überhaupt

nicht!“

„Stimmt, Sie haben es nicht mir erzählt; aber Sie haben es in einer

Gesellschaft erzählt, in der auch ich mich befand, und das war so vor

ungefähr vier Jahren. Ich erwähne es ja nur aus dem einen Grunde, weil

Sie, Pjotr Alexandrowitsch, durch diese spaßige Geschichte meinen

Glauben erschütterten. Sie wußten es nicht und ahnten es nicht; ich aber

kehrte mit erschüttertem Glauben heim, und seit der Zeit wird er immer

noch mehr erschüttert. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache

eines großen Falles! Das ist nicht bloß so ein Geschichtchen von

Diderot!“

Der alte Karamasoff geriet bereits in Pathos, doch war allen vollkommen

klar, daß er sich wieder nur verstellte. Miussoff aber war doch tief

verletzt.

„Welch ein Unsinn,“ sagte er gekränkt. „Ich habe es vielleicht wirklich

einmal gesagt ... nur nicht Ihnen. Ich habe es selbst von anderen

gehört. Man hat es mir in Paris erzählt; es war ein sehr gelehrter

Franzose, der sich speziell mit russischer Theologie beschäftigte ...

hatte lange in Rußland gelebt ... er sagte, es werde bei uns nach der

Frühmesse in der Vita Sanctorum gelesen ... Ich habe es zwar selbst

nicht gelesen ... und werde es auch nicht ... als ob man wenig bei Tisch

spricht? ... Wir tafelten damals gerade ...“

„Ja, Sie tafelten damals gerade; ich aber verlor dabei meinen Glauben!“

neckte der alte Karamasoff geflissentlich weiter.

„Was geht mich Ihr Glaube an!“ fuhr Miussoff auf, bezwang sich aber

plötzlich und fügte nur mit Verachtung hinzu: „Sie machen wirklich alles

gemein, womit Sie in Berührung kommen.“

Der Staretz erhob sich von seinem Platz.

„Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie auf wenige Minuten

verlassen,“ sagte er, sich an alle wendend, „ich werde von Leuten

erwartet, die noch vor Ihnen gekommen sind. Sie aber, lügen Sie ein für

allemal nicht mehr,“ fügte er mit heiterem Gesicht zu Fedor Pawlowitsch

gewendet hinzu.

Er verließ die Zelle. Aljoscha und der Novize gingen ihm sofort nach, um

ihn die Treppe hinunterzugeleiten. Aljoscha war fast atemlos, war froh,

fortgehen zu können, doch freute es ihn besonders, daß der Staretz nicht

gekränkt, sondern heiter zu sein schien. Der Staretz wollte zur kleinen

Galerie gehen, um die ihn Erwartenden zu segnen. Aber Fedor Pawlowitsch

hielt ihn noch an der Zellentür auf:

„Gesegneter Mensch!“ rief er gefühlvoll, „erlauben Sie mir, noch einmal

Ihre Hände zu küssen! Nein, mit Ihnen kann man doch reden! Sie glauben,

daß ich immer so dumm bin und so den Narren spiele? So sage ich Ihnen

denn, daß ich es die ganze Zeit mit Absicht getan habe, um Sie zu

erproben. Die ganze Zeit befühle ich Sie ja doch nur, ob man mit Ihnen

auch leben kann? Hat denn meine Wenigkeit Platz neben Eurer Hoheit!?

Stelle Ihnen einen Belobigungsschein aus: man kann wahrhaftig mit Ihnen

leben! Jetzt aber verstumme ich, verstumme für die ganze Zeit. Werde

mich auf meinen Lehnstuhl setzen und verstummen! Jetzt ist die Reihe an

Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, zu sprechen; jetzt sind Sie als

Hauptperson zurückgeblieben ... auf zehn Minuten.“

III.

Die gläubigen Weiber

Diesmal warteten unten an der kleinen Holzgalerie, die an der Außenseite

der Einfriedigungsmauer angebaut war, nur Frauen, etwa zwanzig Weiber

aus dem Volk. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Staretz endlich

käme, und alle hatten sich daraufhin erwartungsvoll herangedrängt. Auf

die Galerie war auch Frau Chochlakoff mit ihrer Tochter gekommen, doch

blieb sie in der anderen, für vornehme Gäste reservierten Hälfte. Frau

Chochlakoff, eine reiche und stets geschmackvoll gekleidete Dame, war

noch ziemlich jung, an sich sehr nett, etwas bleich vielleicht, mit sehr

lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre

alt und seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter hatte

gelähmte Füße, und so wurde denn das arme Ding, das seit einem halben

Jahr nicht gehen konnte, in einem langen Rollstuhl auf Gummirädern

geschoben. Sie hatte ein ganz reizendes Gesichtchen, von der Krankheit

sah es allerdings etwas abgezehrt aus, doch war es nichtsdestoweniger

stets lustig. Etwas Schalkhaftes spielte in ihren großen, dunklen Augen

mit den langen Wimpern. Die Mutter beabsichtigte schon seit dem

Frühling, mit ihr ins Ausland zu reisen, hatte aber im Sommer ihr Gut

nicht verlassen können. In unserer Stadt wohnte sie bereits seit einer

Woche, wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, als um hier zu beten; doch

hatte sie vor drei Tagen schon einmal den Staretz besucht. Jetzt aber

waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß er so gut

wie niemanden mehr empfangen konnte, und hatten unentwegt um das „Glück,

dem großen Arzt danken zu können“, gebeten. Inzwischen warteten sie auf

ihn. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Tochter.

Zwei Schritt von ihnen stand ein alter Mönch, der aus einem fernen,

unbekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wartete gleichfalls auf

den Segen des Staretz. Doch dieser schritt, als er auf die Galerie trat,

geradenwegs zum Volk. Man drängte sich sofort zur kleinen, dreistufigen

Treppe, die von der niedrigen Galerie auf den Rasen hinabführte. Der

Staretz blieb auf der obersten Stufe stehen, nahm das Epitrachelion um

und begann die sich zu ihm drängenden Frauen zu segnen. Man zog auch

eine „Klikuscha“ an beiden Händen zu ihm heran. Kaum aber hatte diese

den Staretz erblickt, als sie plötzlich ganz absonderlich zu kreischen,

zu schnucken und am ganzen Körper zu zittern begann, so, wie kleine

Kinder zittern, wenn sie Krämpfe haben. Der Staretz breitete sein

Epitrachelion mit einer Handbewegung über ihren Kopf, sprach ein kurzes

Gebet – und sie verstummte und beruhigte sich sofort. Ich weiß nicht,

wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande

und in Klöstern solche „Klikuschi“ gesehen und gehört. Sie wurden zum

Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten wie Hunde durch die

ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles

herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die

„Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets auf

einige Zeit. Mir fiel das als Kind ungemein auf, und ich wunderte mich

nicht wenig darüber. Doch schon damals erfuhr ich auf meine Fragen von

verschiedenen benachbarten Gutsbesitzern und besonders in der Stadt von

meinen Lehrern, daß alles nur Verstellung sei, um nicht arbeiten zu

müssen, und daß diese Krankheit mit der gehörigen Strenge stets

auszurotten sei, wobei es dann noch zur Bekräftigung dieser Behauptung

verschiedene Anekdoten gab. Späterhin aber erfuhr ich zu meinem

Erstaunen von Medizinern, von Spezialisten, daß hierbei von Verstellung

überhaupt nicht die Rede sein könne, daß das ganz einfach eine

furchtbare Frauenkrankheit sei, die, wie es scheint, am häufigsten hier

bei uns in Rußland vorkommt und von dem schweren Los unserer

Bauernweiber zeugt, eine Krankheit, die von der allzu früh begonnenen,

anstrengenden Arbeit nach einer schweren, unnormalen Entbindung ohne

jede ärztliche Hilfe herrührt, oder auch von aussichtslosem Leid, von

Schlägen usw., was gewisse Frauennaturen denn doch nicht ertragen

können. Was aber die sonderbare und sofortige Heilung des „besessenen“

und tobenden Weibes anbetrifft, die man mir als Verstellung erklärt

hatte oder als eine Posse, die womöglich von dem „Klerus“ selbst

arrangiert werde, so ging sie wahrscheinlich gleichfalls auf ganz

natürliche Weise vor sich: Sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur

Hostie führten, glaubten daran, wie an eine allbekannte Wahrheit, daß

der unreine Geist, der sich der Kranken bemächtigt hatte, diese einfach

verlassen müsse, weil er es nicht ertragen könne, wenn man sie zum Altar

bringt und sie vor der Hostie niederkniet. Darum aber ging dann in dem

nervösen und natürlich auch psychisch kranken Weibe gewissermaßen eine

Erschütterung des ganzen Organismus vor sich, die selbstverständlich

durch die Erwartung des unbedingten Wunders hervorgerufen wurde, ja,

infolge des unerschütterlichen Glaubens daran, daß es geschehen werde,

hervorgerufen werden mußte. Und so geschah es denn auch, wenn auch nur

auf eine Minute. Und so geschah es denn auch diesmal, kaum daß der

Staretz die Kranke mit dem Epitrachelion bedeckt hatte.

Viele von den sich zu ihm drängenden Weibern brachen unter dem Eindruck

des Augenblicks in Tränen der Rührung und der Begeisterung aus; andere

wiederum drängten sich zu ihm, um wenigstens den Saum seines Gewandes zu

küssen; wieder andere murmelten Gebete oder Segenssprüche vor sich hin.

Er segnete sie alle, und mit einigen von ihnen sprach er auch. Die

„Klikuscha“ kannte er schon von früher, sie wurde aus einem Dorfe, das

nur sechs Werst vom Kloster entfernt war, zu ihm gebracht, und zwar

hatte man das schon des öfteren getan.

„Du dort, du bist von fern hergekommen!“ sagte er zu einem noch ziemlich

jungen Weibe, das aber sehr mager und im Gesicht nicht etwa bloß

sonnverbrannt, sondern geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und

sah mit unbeweglichem Blick auf den Staretz. In ihrem Blick lag etwas

wie Verzückung.

„Von weitem, Vater, von weitem, dreihundert Werst von hier. Von weitem,

Vater, von weitem,“ sagte das Weib, die Worte fast singend, wobei es den

Kopf langsam hin und her wiegte und die Hand an die Wange legte. Und

ihre ganze Sprache war wie ein Klagegesang.

Es gibt im Volk stummes und vielgeduldiges Leid: es zieht sich in sich

selbst zurück und schweigt. Doch gibt es auch anderes Leid: das bricht

einmal in Tränen aus, und von dem Augenblicke an geht es dann in Klage

oder Gebet über. Dies kommt besonders bei den Frauen vor. Doch ist es

nicht leichter als das schweigende Leid. Die Klage lindert nur dadurch

das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht

einmal nach Trost, es nährt sich am Gefühl seiner Unstillbarkeit, an

seiner Trostlosigkeit. Die Klage aber ist nur das Bedürfnis, die

schmerzende Wunde immer wieder zu berühren.

„Du bist wohl vom Kleinbürgerstande?“ fragte der Staretz, der sich

aufmerksam in ihr Gesicht hineinsah.

„Aus der Stadt sind wir, Vater, aus der Stadt, sind einfache Leute, sind

vom Bauernstande, wohnen aber in der Stadt, Vater, in der Stadt. Bin

gekommen, um dich zu sehen. Wir haben von dir gehört, Vater, viel

gehört. Habe mein Söhnchen, mein Kleines, beerdigt, bin gegangen, um zu

Gott zu beten. Bin in drei Klöstern gewesen, doch alle sagen sie mir:

‚Gehe hin, Nastassjuschka, gehe hin, zu ihm,‘ zu dir, mein Liebling,

soll ich gehen. So bin ich gekommen, war gestern im nächtlichen

Gottesdienst, und heute bin ich zu dir gekommen.“

„Worüber weinst du?“

„Über mein Söhnchen, Vater, ein dreijähriges Kindchen war’s, nur noch

drei Monate fehlten, und es wäre drei Jahre alt gewesen. Um mein

Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Es war das letzte, das

mir blieb, vier hatten wir, vier, Nikituschka und ich. Aber die

Kinderchen bleiben nicht bei uns, du Guter, sie bleiben nicht. Die drei

ersten begrub ich, begrub sie, und es tat mir nicht gar so weh; diesen

letzten aber begrub ich, und nun kann ich ihn nicht mehr vergessen. Es

ist mir, als ob er hier vor mir steht und nicht fortgeht. Hat mir die

Seele ausgesogen. Betrachte ich seine Sächelchen, seine Hemdchen oder

seine kleinen Stiefelchen, da stöhne ich und heule auf. Breite alles

aus, was von ihm übriggeblieben ist, jedes kleine Sächelchen, sehe und

heule. Sage Nikituschka, meinem Manne: Laß du mich, Lieber, beten gehen.

Droschkenkutscher ist er, nicht arm sind wir, Vater, nicht arm, er ist

sein eigener Herr, alles gehört uns selbst, die Pferde und auch die

Wagen. Aber wozu nützt uns jetzt unser Besitz? Wieder wird er jetzt

fehlgehen, mein Nikituschka, das ist schon so, ohne mich, und ist auch

immer so gewesen: Wenn ich mich nur von ihm abwende, wird er sofort

wieder schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr an ihn. Bin jetzt

schon drei Monate fort von Hause. Habe vergessen, alles vergessen, und

will auch nichts wissen; was soll ich jetzt mit ihm? Es ist aus mit ihm,

habe mit allem abgeschlossen, mit allem. Würde ich doch jetzt nicht mein

Haus sehen wollen und all mein Hab und Gut, und würde ich doch auch

nichts mehr sehen!“

„Höre mich, Mutter,“ sagte der Staretz, „einstmals erblickte ein alter

Heiliger im Tempel eine weinende Mutter, wie du, und sie weinte

gleichfalls über ihr kleines Kind, um ihr einziges, das Gott von ihr zu

sich genommen hatte. ‚Oder weißt du nicht,‘ sprach der Heilige zur

Mutter, ‚wie kühn diese Kindlein vor dem Throne Gottes sind? Gibt es

doch niemanden, der im Himmelreiche kühner wäre, denn sie. Du, Herr,

hast uns das Leben geschenkt, sagen sie zu Gott, und kaum, daß wir es

erschauten, da nahmst du es wieder von uns. Und so kühn bitten und

flehen sie, daß der Herr sie alsbald zu Engeln macht. Und darum,‘ sprach

der Heilige, ‚freue du dich, Weib, und weine nicht, denn dein Kind ist

bei Gott und weilet in seiner Engelschar.‘ Also sprach in alten Zeiten

der Heilige zum weinenden Weibe. War aber ein großer Heiliger, wie also

hätte er ihr Unwahrheit sagen können? So wisse denn auch du, Mutter, daß

auch dein Kind vor dem Throne Gottes steht und fröhlich und selig ist,

und Gott für dich bittet. Und darum weine auch du nicht, sondern freue

dich.“

Das Weib hörte ihn an, die Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief.

„Damit hat mich auch Nikituschka getröstet, Wort für Wort, wie du es

sagst: ‚Was weinst du,‘ sagt er, ‚unser Söhnchen ist jetzt bestimmt beim

lieben Herrgott und singt dort mit den Engelein.‘ Das sagt er mir, weint

aber dabei selbst, ich sehe es ja, weint, wie ich weine. ‚Das weiß ich,

Nikituschka,‘ sage ich, ‚wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht beim

lieben Herrgott, nur ist er nicht bei uns, Nikituschka, sitzt nicht mehr

hier neben uns, wie er früher saß!‘ Wenn ich nur ein einziges Mal ihn

wiedersehen könnte, nur ein einziges Mal, würde ja nicht zu ihm gehen,

würde kein Wörtchen sagen, würde mich in der Ecke verstecken, nur ein

Minutchen, nur ein einziges, ihn sehen, ihn hören, wie er auf dem Hof

spielt, oder hereinkommt und mit seinem Stimmchen ruft: ‚Mammi, wo bist

du?‘ Nur einmal noch will ich hören, wie er im Zimmer herumtrippelt, nur

ein einziges Mal, mit seinen Beinchen, tipp tapp, und so schnell,

schnell geht’s, ich weiß noch, wie er zuweilen so zu mir gestrampelt

kam, schrie und lachte dabei ... wenn ich nur einmal noch seine

Schrittchen hören könnte, nur einmal, ich würde ihn gleich

wiedererkennen! Aber er ist nicht mehr, Vater, er ist nicht mehr, und

niemals mehr werde ich ihn hören. Sieh, hier ist sein Gürtelchen, er

aber ist nicht mehr da, und niemals mehr, niemals mehr werde ich ihn

sehen noch hören! ...“

Sie zog einen kleinen mit Borten bestickten Gürtel hervor, den sie in

den Busen gesteckt hatte, doch kaum sah sie ihn an, da brach sie auch

schon in Tränen aus; ihr ganzer Körper wurde vom Schluchzen erschüttert,

sie bedeckte die Augen mit den Händen, doch die Tränen flossen durch die

Finger über die Hände herab.

„So hat auch Rachel über ihre Kinder geweint und sich nicht trösten

können; das sind die Schranken, die euch Müttern hier auf Erden gezogen

worden sind. Und so gib dich denn nicht damit zufrieden, Weib, tröste

dich nicht, und laß dich nicht trösten, sondern weine, nur wisse in

jeder Stunde, in der du weinst, daß dein Sohn einer der Engel Gottes

ist, daß er von dort auf dich niederschaut, dich sieht, und sich deiner

Tränen freut, und sie Gott dem Herrn zeigt. Und lange noch, Mutter,

wirst du die Tränen deines großen Schmerzes weinen, doch schließlich

werden sie sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren

Tränen werden dann nur Tränen einer stillen Rührung sein, eine

Herzensläuterung, die vor allen Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde

ich im Gebete gedenken. Wie hieß er mit Namen?“

„Alexei, Vater.“

„Ein lieber Name. Nach dem Gottesknecht Alexei?“

„Nach dem Gottesknecht, Vater, ja, nach dem Gottesknecht, nach dem

Gottesknecht Alexei.“

„Das war ein heiliger Mann! Ich werde seiner gedenken, Mutter, und auch

deiner Trauer in meinem Gebet, und auch deines Mannes werde ich

gedenken, auf daß es ihm wohl ergehe, und er gesund bleibe. Nur ist es

Sünde von dir, ihn so allein zu lassen. Kehre zurück zu deinem Manne und

beschütze ihn. Sonst sieht es dein Sohn von droben, daß du seinen Vater

verlassen hast, und er wird über euch weinen: Warum störst du also seine

Seligkeit? Denn er lebt doch, er lebt, denn die Seele ist ewig lebendig,

und wenn du ihn auch nicht im Hause siehst, so ist er doch unsichtbar

bei euch. Wie soll er nun in euer Haus kommen, wenn dir dein Haus, wie

du sagst, nicht mehr lieb ist? Und zu wem soll er kommen, wenn er nicht

euch beide, Vater und Mutter, beisammen findet? Sieh, jetzt träumst du

von ihm, und das quält dich, dann aber wird er dir sanfte Träume

schicken. Geh zu deinem Manne, Weib, kehre noch heutigen Tages zu ihm

zurück, Mutter.“

„Ich werde gehen, du mein Lieber, werde gehen, wie du sagst. Hast mir

mein Herz erleichtert! ... Nikituschka, du mein Nikituschka, erwartest

mich wohl, mein Täubchen,“ begann sie vor sich hinzusagen, doch der

Staretz wandte sich schon zu einem alten Mütterchen, das städtisch, aber

ganz sonderbar und altmodisch gekleidet war. An ihren Augen konnte man

sehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte und gekommen war,

um es mitzuteilen. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers aus unserem

Städtchen. Ihr Sohn Wassenjka hatte irgendwo im Kommissariat gedient,

war aber dann nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren. Zweimal hatte er

ihr von dort geschrieben, dann aber hatte sie ein ganzes Jahr lang keine

Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie hatte sich darauf wohl nach ihm

erkundigt, doch genau genommen, wußte sie nicht recht, wo man sich

eigentlich erkundigen sollte.

„Nun sagte mir noch neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjägina, die

Kaufmannsfrau, sie ist sehr reich – sie sagte mir, laß doch,

Prochorowna, für deinen Sohn eine Seelenmesse lesen. Dann wird seine

Seele Heimweh bekommen, und er wird dir sofort einen Brief schreiben.

Das ist schon mehrmals erprobt worden und hat sich immer als richtig

erwiesen, sagt Stepanida Iljinitschna. Nur denke ich so bei mir ... weiß

nicht, was ich tun soll ... Sage du mir, unser Augenlicht, was soll ich

tun, soll ich die Messe für seine Seele lesen lassen?“

„Du solltest an so etwas überhaupt nicht denken. Es ist schon eine

Schande, solches auch nur zu fragen. Und wie wäre denn das möglich, daß

man für eine lebende Seele die Totenmesse lesen läßt, und dazu noch die

leibliche Mutter. Das wäre eine große Sünde, wäre wie Zauberei, und nur

wegen deiner Unwissenheit sei es dir verziehen. Bete lieber zur

Muttergottes für seine Gesundheit und auf daß sie dir deine unrechten

Gedanken verzeihe. Und höre, was ich dir noch sagen werde, Prochorowna:

Dein Sohn wird bald entweder selbst zu dir zurückkehren, oder er wird

dir einen Brief schicken. Das wisse. Gehe jetzt und sei ruhig. Dein Sohn

lebt, das sage ich dir.“

„Unser Lieber, du unser Augenlicht, Gott schütze dich, unser Wohltäter,

weiß ich doch, daß du für uns alle betest und für alle unsere Sünden!“

Der Staretz aber hatte schon zwei brennende Augen bemerkt, mit denen ihn

eine magere, dem Anscheine nach schwindsüchtige, doch noch junge Bäuerin

unverwandt ansah. Sie blickte ihn stumm an, ihre Augen baten um etwas,

doch schien sie Angst zu haben, näher zu kommen.

„Womit bist du gekommen, mein Kind?“

„Erlöse meine Seele, Vater,“ sagte sie leise und unübereilt, kniete

nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde.

„Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.“

Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich

ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben.

„Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr,“ begann sie halb flüsternd, wobei

sie fast zusammenschauerte. „Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er,

und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett; und

so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er aber gesund wird und wieder

aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser selbe Gedanke! ...“

„Wart,“ sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen.

Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch konnte man

nichts mehr verstehen. Sie war bald zu Ende damit.

„Das dritte Jahr?“ fragte der Staretz.

„Das dritte. Zuerst dachte ich nicht daran, jetzt aber ist das Kränkeln

gekommen und damit auch die Seelenangst.“

„Bist du von weitem hergekommen?“

„Über fünfhundert Werst von hier.“

„Hast du es in der Beichte gestanden?“

„Habe gestanden, habe es zweimal gestanden.“

„Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?“

„Ja, man ließ mich zu. Ich fürchte mich, fürchte mich, zu sterben.“

„Fürchte nichts, und fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele

nicht. Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt – wird Gott dir alles

verzeihen. Gibt es doch keine Sünde, kann es doch auf der ganzen Welt

keine so große Sünde geben, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen

Sünder nicht verziehe. Und kann doch der Mensch nie und nimmer eine so

große Sünde begehen, daß sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte.

Oder glaubst du, daß es eine Sünde gäbe, die größer wäre als die Liebe

Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen, doch

die Angst sollst du von dir scheuchen. Glaube daran, daß Gott dich so

liebt, wie du es dir gar nicht denken kannst, daß er dich zusammen mit

deiner Sünde und dich in deiner Sünde liebt. Weißt du nicht, daß es

geschrieben steht: Über einen reuigen Sünder wird im Himmel mehr Freude

sein, als über zehn Gerechte? So geh denn hin und fürchte dich nicht.

Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über

Kränkungen. Dem Verstorbenen vergib im Herzen alles, söhne dich aus mit

ihm in Wahrheit. Wenn du bußfertig bist, so liebst du, liebst du aber,

so bist du schon Gottes Kind ... Liebe erkauft alles, Liebe rettet

alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin

wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr

wird es dann Gott tun. Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du

mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch

fremde Sünden auskaufst. So gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich

nicht.“

Dreimal schlug er das Kreuz über sie, nahm dann von seinem Halse ein

kleines Heiligenbild und legte es um ihren Hals. Schweigend neigte sie

sich vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich, und blickte heiter auf ein

gesundes Bauernweib, das ein Brustkind auf den Armen trug.

„Bin aus Wyschegorje, Liebster.“

„Immerhin sechs Werst von hier, hast noch dazu das Kindchen getragen.

Was wolltest du?“

„Dich sehen wollte ich; ich bin doch schon früher bei dir gewesen, oder

hast du’s vergessen? Dann hast du wohl kein großes Gedächtnis, wenn du

mich schon vergessen hast! Die Leute sprachen dort bei uns, daß du krank

sein sollst; da dachte ich, wart, werde ich selbst hingehen, sehen, was

er macht. Und da sehe ich dich nun; was bist du denn für ein Kranker?

Wirst noch zwanzig Jahre leben, wirklich! Gott mit dir! Und als ob du

wenig Fürbitter hättest! Wie sollst du denn krank sein?“

„Ich danke dir für alles, Liebe.“

„Wart, ich habe noch eine kleine Bitte an dich, sie ist nicht groß: Hier

sind sechzig Kopeken, gib sie, Liebster, einer, die ärmer ist als ich.

Als ich herkam, dachte ich so bei mir: Besser, ich gebe es durch ihn; er

wird schon wissen, wer es nötig hat.“

„Ich danke dir, Liebste, danke, meine Gute. Ich habe dich lieb, du Gute;

ich werde unbedingt so handeln, wie du wünscht. – Ist es ein Mädchen?“

„Ein Mädchen, Liebster, Lisaweta.“

„Der Herr segne euch beide, dich wie die kleine Lisaweta. Mein Herz hast

du mir erheitert, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben, lebt wohl, meine

teuren Lieben!“

Er segnete alle und verneigte sich tief vor ihnen.

IV.

Die kleingläubige Dame

Die zugereiste Gutsbesitzerin, die dem ganzen Gespräch des Staretz mit

dem einfachen Volk zugehört hatte, vergoß stille Tränen und tupfte sie

mit ihrem Batisttüchlein ab. Sie war eine gefühlvolle Weltdame mit in

gar manchen Dingen wahrhaft guten Neigungen. Als der Staretz endlich

auch zu ihr trat, begrüßte sie ihn ganz begeistert.

„Ich habe soviel, soviel empfunden beim Anblick dieser rührenden Szene

...“ Vor Erregung stockte sie im Sprechen. „O, ich verstehe nur zu gut,

daß das Volk Sie liebt, ich liebe es auch selbst, ich will es lieben,

und wie sollte man es auch nicht lieben, dieses prachtvolle, in seiner

Größe so treuherzige, russische Volk!“

„Wie steht es mit der Gesundheit Ihrer Tochter? Man sagte mir, daß Sie

mit mir sprechen wollten?“

„O, ich habe darum gebeten, gefleht! ich war bereit, auf die Knie zu

fallen und meinetwegen drei Tage lang vor Ihren Fenstern zu knien, bis

Sie mich dann endlich empfangen hätten! Wir sind zu Ihnen gekommen,

großer Arzt, um Ihnen unseren heißen, heißen Dank auszusprechen! Sie

haben doch meine Lisa ganz gesund gemacht, aber ganz, und wodurch? –

Durch Ihr Gebet am Donnerstag, dadurch daß Sie Ihre Hände beim Gebet auf

sie gelegt haben! Wir sind hergekommen, um diese Hände zu küssen, um

unsere Gefühle, unsere Ehrfurcht auszudrücken!“

„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“

„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte

nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht

nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie

ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie

rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer,

jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie

unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze

Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei

Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu

mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das

überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie

nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? _Lise_, bedank dich

doch, aber so bedanke dich doch!“

Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie

erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an

und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht

bezwingen und fing von neuem an zu lachen ...

„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha

weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst

geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter

dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben,

die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten

auf, und er senkte den Blick zu Boden.

„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es

Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes

behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach

Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener

näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die

Hand. _Lise_ machte ein wichtiges Gesichtchen.

„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und

überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten,

zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu

versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“

„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“

stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus.

„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle

diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina

Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber

muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt

Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht

wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“

„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch

ganz verwundert.

„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon

allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen

hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch

erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das

bedenkt!“

„Gut, ich werde hingehen,“ beschloß Aljoscha, nachdem er das kurze,

rätselhafte Schreiben überflogen hatte, das außer der dringenden Bitte,

zu ihr zu kommen, weiter nichts, keine einzige Erklärung enthielt.

„Ach, wie nett das von Ihnen ist, und es wird herrlich sein!“ rief Lisa

ganz entzückt aus. „Ich habe Mama immer gesagt: Er wird bestimmt nicht

kommen, um keinen Preis wird er kommen! Wie nett, wie reizend Sie sind!

Ich habe mir immer gedacht, daß Sie reizend sind, und es ist mir

angenehm, Ihnen das jetzt sagen zu können.“

„_Lise!_“ rief ernst die Mama, doch lächelte auch sie gleich wieder.

„Sie haben uns ganz vergessen, Alexei Fedorowitsch; Sie kommen ja gar

nicht mehr zu uns! _Lise_ aber hat mir schon zweimal gesagt, daß sie

sich nur in Ihrer Gesellschaft wohl fühle.“

Aljoscha erhob den gesenkten Blick, wurde plötzlich wieder über und über

rot und lachte abermals, ohne selbst zu wissen, warum. Der Staretz aber

beobachtete ihn nicht mehr; er unterhielt sich bereits mit dem Mönch,

der, wie schon erwähnt, neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen

gewartet hatte. Es war dem Aussehen nach ein ganz einfacher Mönch, ein

Mensch mit einer kleinen, doch unzerstörbaren Weltanschauung, dabei aber

gläubig und in seiner Art ungemein starrköpfig. Er sagte, daß er aus dem

fernen Norden gekommen sei, aus Obdorsk vom heiligen Silvester, – aus

einem armen, kleinen Kloster, in dem nur neun Mönche lebten. Der Staretz

segnete ihn und forderte ihn auf, einerlei wann, zu ihm in die Zelle zu

kommen.

„Wie können Sie so was erreichen?“ fragte plötzlich der Mönch, wobei er

ernst und feierlich auf Lisa hinwies. Er fragte es in betreff ihrer

„Heilung“.

„Davon zu sprechen, ist natürlich noch zu früh. Erleichterung ist nicht

völlige Heilung und kann auch durch andere Ursachen hervorgerufen worden

sein. Und selbst das wird nicht anders als nach Gottes Wunsch und durch

Gottes Kraft geschehen sein. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich

bald, Pater,“ fügte er nochmals hinzu, „denn nicht zu jeder Zeit kann

ich aufstehen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.“

„O nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen; Sie werden noch

lange, lange leben!“ fiel die Mama ihm ins Wort. „Und woran sind Sie

denn erkrankt? Sie sehen so gesund aus, so fröhlich und glücklich!“

„Heute fühle ich mich auch viel besser, aber ich weiß, daß es nur eine

Erleichterung auf eine Minute ist. Ich kenne jetzt meine Krankheit und

kann mich nicht mehr darüber täuschen. Wenn ich Ihnen aber so fröhlich

und glücklich scheine, so hätten Sie mich mit nichts so erfreuen können

wie durch diese Bemerkung. Denn zum Glück sind die Menschen geschaffen,

und wer vollkommen glücklich ist, der darf sich selbst sagen: ‚Ich habe

das Gebot Gottes auf dieser Welt erfüllt.‘ Alle Heiligen, alle heiligen

Märtyrer sind glücklich gewesen.“

„O wie schön Sie reden, welch große und hohe Worte Sie gebrauchen,“

sagte begeistert die Mama. „Wenn Sie etwas sagen, so durchdringen Sie

einen gleichsam. Und doch! ... das Glück, ja, das Glück – wo ist es? Wer

kann von sich sagen, daß er glücklich sei? O, wenn Sie schon so gut

gewesen sind, heute nochmals zu uns zu kommen, so hören Sie denn auch

alles, was ich Ihnen das vorige Mal nicht sagen konnte, was ich nicht zu

sagen wagte, alles, worunter ich so lange, so lange schon leide! Ich

leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...“ Und sie faltete in einem

plötzlich sie überkommenden heißen Gefühl die Hände vor ihm.

„Worunter denn so besonders?“

„Ich leide ... unter meinem Unglauben ...“

„Unglauben an Gott?“

„O nein, nein, daran wage ich nicht einmal zu denken: aber das Leben im

Jenseits – das ist solch ein Rätsel! Und niemand, niemand kann genau auf

die Frage antworten! Hören Sie mich an, Sie tiefer Kenner der

Menschenseele; ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß Sie meinen

Worten vollen Glauben schenken, aber ich versichere Ihnen, daß ich jetzt

nicht aus Leichtsinn rede: Der Gedanke an das Leben nach dem Tode regt

mich Unglückliche auf, bis zur Beängstigung, bis zum Entsetzen bringt er

mich! Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, niemals habe ich

gewagt ... Und sehen Sie, jetzt habe ich gewagt, mich an Sie zu wenden

... O Gott, für was werden Sie mich nun halten!“ Und sie bedeckte ihr

Gesicht mit den Händen.

„Beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Meinung,“ entgegnete der

Staretz. „Ich glaube vollkommen an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.“

„O, ich danke Ihnen dafür! Sehen Sie, ich schließe die Augen und denke:

Wenn alle glauben, so – woher kommt das? Jetzt aber versichert man, das

sei zuerst nur aus der Furcht vor den Schrecken einflößenden

Naturerscheinungen gekommen, und daß es alles das überhaupt nicht gäbe.

Wie nun, denke ich, ich habe geglaubt so lange ich lebe – und da sterbe

ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ‚Kletten wachsen auf

meinem Grabe‘, wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist

doch entsetzlich! Wodurch den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und

wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt,

mechanisch, ohne etwas dabei zu denken ... Wodurch sich nun überzeugen?

Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen;

denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so

wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben.

Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes

Unglück! Ich stehe und sehe, daß allen alles einerlei ist, oder fast

allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr

ertragen. Das ist ja entsetzlich, ganz entsetzlich, einfach tötend!“

„Zweifellos tötend. Doch beweisen läßt sich hierbei nichts, wohl aber

kann man sich überzeugen.“

„Wie? Wodurch?“

„Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre

Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der

Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Sein Gottes und von der

Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum

Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie

auch den vollen Glauben errungen haben, und kein Zweifel wird sich dann

mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte

Wahrheit.“

„Durch werktätige Liebe? Aber da erhebt sich die andere Frage, und was

das für eine Frage ist! Sehen Sie: ich liebe die Menschheit dermaßen,

daß ich – werden Sie es mir glauben? – zuweilen daran denke, alles zu

verlassen, alles, was ich habe, _Lise_ und alles, alles, und barmherzige

Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume, und in

diesen Augenblicken fühle ich eine unüberwindliche Kraft in mir. Keine

Wunden, keine eiternden Beulen könnten mich abschrecken, ich würde sie

mit meinen eigenen Händen waschen und verbinden; ich möchte die Wärterin

dieser Leidenden sein und wäre bereit, diese Schwären zu küssen ...“

„Und selbst das ist schon viel und gut, daß Ihre Gedanken davon träumen

und nicht von anderem. Bestimmt werden Sie doch noch eine gute Tat tun,

wenn auch vielleicht nur aus Versehen ...“

„Ja, aber wie lange könnte ich denn dieses Leben aushalten?“ fragte

erregt, fast außer sich, die Dame. „Das ist ja die Hauptfrage! Das ist

die allerquälendste Frage! Ich schließe die Augen und frage mich: Wie

lange würdest du auf diesem Wege gehen können? Und wenn der Kranke,

dessen Wunden du wäschst, dir nicht sofort seine ganze Dankbarkeit

schenkt, dich im Gegenteil womöglich noch mit Launen quält, ohne deine

menschenfreundliche Aufopferung zu schätzen oder auch nur zu beachten,

dich anschreit, sogar roh von dir verlangt, was du doch freiwillig

gibst, sich sogar bei den Vorgesetzten über dich beklagt – wie das doch

häufig Schwerleidende tun –, was dann? Wird dann deine Liebe noch

fortdauern oder nicht? Und denken Sie sich, ich habe mir selbst sofort

angstvoll eingestanden: wenn es etwas gibt, was meine ‚tätige‘ Liebe zur

Menschheit sofort erkalten machen könnte, so ist das einzige die

Undankbarkeit. Mit einem Wort, ich bin eine Arbeiterin um Lohn, ich

verlange den Lohn sofort; ich meine, daß man mich lobt, ich verlange

Gegenliebe als Lohn für meine Liebe. Anders bin ich überhaupt nicht

fähig, jemanden zu lieben!“

Es schien ein Anfall der aufrichtigsten Selbstgeißelung über sie

gekommen zu sein. Als sie geendet hatte, blickte sie mit einer geradezu

herausfordernden Entschlossenheit auf den Staretz.

„Was Sie mir sagen, hat mir fast Wort für Wort einmal, es ist schon

lange her, ein Arzt gesagt,“ bemerkte dieser. „Es war ein bereits

bejahrter und zweifellos kluger Mensch. Er sprach ebenso aufrichtig wie

Sie, wenn auch halb scherzend, jedenfalls aber traurig scherzend. Ich

liebe die Menschheit, sagte er, doch wundere ich mich über mich selbst:

je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich

die Menschen im einzelnen, das heißt, als einzelne Personen genommen. In

Gedanken, sagte er, bin ich nicht selten zu ganz sonderbaren Absichten,

der Menschheit zu dienen, gekommen, und vielleicht wäre ich wirklich

fähig gewesen, mich für die Menschen kreuzigen zu lassen, wenn das,

sagen wir, irgendwie unbedingt vonnöten gewesen wäre; indessen aber

könnte ich nicht einmal zwei Tage lang mit irgend jemandem in einem

Zimmer leben, was ich aus mehrfacher Erfahrung weiß. Kaum daß jemand bei

mir ist, so verletzt er schon meine Persönlichkeit, meine Eigenliebe und

beeinträchtigt meine Freiheit. In vierundzwanzig Stunden kann ich den

besten Menschen hassen: den einen, weil er langsam ißt bei Tisch, den

anderen, weil er Schnupfen hat und sich immer schnauben muß. Und so

werde ich, sagte er, sofort ein Menschenfeind, sobald ich nur mit

Menschen in Berührung komme. Dafür aber wurde, je mehr ich die Menschen

im einzelnen haßte, meine Liebe zur Menschheit im allgemeinen immer

größer und leidenschaftlicher.“

„Aber was soll man denn tun? Was soll man denn in diesem Falle tun? Das

ist doch zum Verzweifeln!“

„Nein, denn auch das genügt, daß Sie sich darum grämen. Tun Sie, was in

Ihren Kräften steht, und auch das wird Ihnen angerechnet werden. Sie

haben schon vieles getan, denn Sie haben sich so tief und aufrichtig

selbst erkannt! Wenn Sie aber auch mit mir nur deswegen so aufrichtig

gesprochen haben, um von mir nur ein Lob zu hören für Ihre

Aufrichtigkeit, so werden Sie natürlich mit Ihrer werktätigen Liebe

nichts erreichen, so wird alles nur in Ihren Gedanken bleiben, und das

ganze Leben wird wie ein Phantom vorüberfliehen. Dann werden Sie

natürlich auch das jenseitige Leben vergessen und sich schließlich

vielleicht irgendwie beruhigen.“

„Sie haben mich vernichtet! Erst jetzt, erst in diesem Augenblick, da

Sie sprachen, begriff ich, daß ich wirklich nur Ihr Lob für meine

Aufrichtigkeit erwartete, als ich Ihnen sagte, ich würde Undankbarkeit

nicht ertragen können. Sie haben mich ganz begriffen, und Sie haben mich

mir selbst erklärt!“

„Sagen Sie das jetzt wirklich ganz aufrichtig? Nun, dann kann ich Ihnen

sagen: Jetzt, nach solch einem Bekenntnis, glaube ich, daß Sie

aufrichtig und im Herzen ein guter Mensch sind. Wenn Sie auch das Glück

nicht erreichen sollten, so denken Sie daran, daß Sie auf einem guten

Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzugehen. Die erste

Bedingung ist: vermeiden Sie die Lüge, jede Lüge, die Lüge vor sich

selbst ganz besonders. Geben Sie acht auf Ihre Lüge und beobachten Sie

sie in jeder Stunde, in jeder Minute. Desgleichen vermeiden Sie

Launenhaftigkeit, sich selbst sowohl als anderen gegenüber. Das, was

Ihnen im Herzen schlecht erscheint, wird schon allein dadurch, daß Sie

es in sich bemerken, geläutert. Meiden Sie die Furcht, obgleich Furcht

nur die Folge jeder Lüge ist. Lassen Sie sich niemals durch Ihren

eigenen Kleinmut vom Werben um Liebe abschrecken, sogar Ihre eigenen,

schlechten Handlungen in der Beziehung brauchen Sie nicht so sehr zu

fürchten. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts Beruhigenderes sagen

kann, denn die werktätige Liebe ist im Vergleich zur schwärmerischen

Liebe etwas Grausames und Abschreckendes. Die schwärmerische Liebe

lechzt nach einer schnellen Heldentat, die man in kurzer Zeit

vollbringen kann, und zwar unbedingt so, daß alle sie beachten. Dabei

kommt es wirklich so weit, daß man bereit ist, das Leben hinzugeben,

wenn es nur nicht lange dauert, sondern schnell vollbracht ist, wie auf

der Bühne, und alle es sehen und loben. Die werktätige Liebe dagegen,

die ist Arbeit und Ausdauer, für einige sogar eine ganze Wissenschaft.

Ich aber sage Ihnen, in derselben Minute, in der Sie sich mit Entsetzen

gestehen, daß Sie sich trotz all Ihrer Bestrebungen nicht nur dem Ziele

nicht genähert, sondern sich von ihm scheinbar noch entfernt haben – in

diesem Augenblick, das sage ich Ihnen, werden Sie mit einemmal das Ziel

erreichen und über sich klar die wundertätige Kraft des Herrn fühlen,

die Kraft Gottes, der Sie immer geliebt hat und Sie die ganze Zeit

unsichtbar lenkt. Verzeihen Sie, aber ich muß jetzt gehen, man erwartet

mich. Auf Wiedersehen.“

Die Dame weinte.

„_Lise, Lise_, o segnen Sie sie, segnen Sie sie!“ bat sie erregt.

„Nun, Ihr Töchterchen zu lieben, lohnt sich gar nicht. Ich habe sehr

wohl gesehen, wie unartig sie die ganze Zeit gewesen ist,“ sagte

scherzend der Staretz. „Warum haben Sie die ganze Zeit über Alexei

gelacht?“

_Lise_ hatte sich tatsächlich die ganze Zeit nur mit dieser kleinen

Spitzbüberei beschäftigt. Sie hatte es schon längst bemerkt, daß

Aljoscha verlegen wurde, wenn sie ihn ansah, und daß er sich immer

bemühte, sie nicht anzusehen; nun, und das fand sie ungeheuer

interessant. Aufmerksam wartete sie und suchte sie, seinen Blick zu

erhaschen. Aljoscha aber, der den unverwandt auf ihn gerichteten Blick

nicht ertragen konnte, bezwang sich, bezwang sich wieder, und plötzlich,

– plötzlich blickte er doch selbst, von einer unbezwingbaren Kraft

angezogen, zu ihr hin, worauf _Lise_ ihm natürlich sofort triumphierend

ins Gesicht lachte. Aljoscha wurde immer verlegener und ärgerte sich

immer mehr über sich selbst. Zu guter Letzt wandte er sich ganz von ihr

ab und versteckte sich halbwegs hinter dem Rücken des Staretz. Doch

schon nach kurzer Zeit wandte er sich, wieder von dieser unbezwingbaren

Kraft angezogen, vorsichtig ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob er

betrachtet werde oder nicht, und da sah er denn, daß _Lise_, die sich

ganz über die Armlehne ihres Stuhles bog, ihn von der Seite betrachtete

und krampfhaft den Augenblick erwartete, da er sich nach ihr umsehen

werde; als sie aber dann seinen Blick auffing, lachte sie so lustig auf,

daß selbst der Staretz nicht ernst bleiben konnte.

„Sie Unart Sie, warum machen Sie ihn denn so verlegen?“

_Lise_ wurde plötzlich ganz unerwarteterweise feuerrot, ihre Augen

blitzten auf, ihr Gesichtchen aber wurde furchtbar ernst, und dann kam

es in heißer, unwilliger Klage hastig, erregt aus ihr heraus:

„Ja, aber warum hat er alles vergessen? Er hat mich auf den Armen

getragen, als ich klein war, und wir haben zusammen gespielt! Und später

hat er mich lesen gelehrt, ist deswegen zu uns gekommen, wissen Sie das

auch? Und als er vor zwei Jahren fortfuhr, sagte er noch, er würde nie

vergessen, daß wir ewige Freunde sind, ewige, ewige Freunde! Und jetzt

fürchtet er mich auf einmal! Werde ich ihn denn beißen oder aufessen?

Warum will er nicht zu mir kommen, warum spricht er nicht mit mir? Warum

will er nicht zu uns kommen? Oder erlauben Sie es ihm nicht? Wir wissen

doch, daß er sonst überall hingeht. Ich kann ihn doch nicht dazu

zwingen, er muß von selbst kommen; er hätte selbst daran denken müssen,

wenn er es nicht vergessen hat. Nein, er kommt nicht, er sucht jetzt

hier sein Seelenheil! Wozu haben Sie ihm diesen langschößigen Lappen

angezogen? ... Er wird ja fallen, wenn er läuft ...“

Und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit der Hand und lachte, lachte

unbezwingbar, unaufhörlich ihr gezogenes, nervöses, schüttelndes und

unhörbares Lachen.

Der Staretz hatte sie lächelnd angehört, und zärtlich segnete er sie;

als sie aber darauf seine Hand küssen wollte, preßte sie diese plötzlich

an ihre Augen und brach in Tränen aus:

„Seien Sie nicht böse auf mich, ich bin so dumm, bin überhaupt nichts

wert ... Aljoscha hat vielleicht recht, ganz recht, wenn er zu einer so

Dummen nicht kommen will.“

„Ich werde ihn ganz bestimmt zu Ihnen schicken,“ versprach ihr lächelnd

der Staretz.

V.

Und es geschehe also

Die Abwesenheit des Staretz aus der Zelle dauerte im ganzen vielleicht

nur fünfundzwanzig Minuten. Es war schon halb eins, doch Dmitrij

Fedorowitsch war noch immer nicht gekommen, obgleich sich alle nur

seinetwegen versammelt hatten. Trotzdem schien man ihn fast ganz

vergessen zu haben, und als der Staretz wieder in die Zelle trat, fand

er seine Gäste in lebhaftem Gespräch vor. An diesem Gespräch beteiligten

sich vor allen anderen Iwan Fedorowitsch und die beiden Priestermönche.

Auch Miussoff mischte sich in das Gespräch ein, dem Anscheine nach sogar

sehr hitzig, doch hatte er wieder kein Glück: er blieb ersichtlich

zweitrangig, und man antwortete ihm nur wenig, so daß dieser neue

Umstand seine ganze sich anstauende Reizbarkeit nur noch verstärkte. Es

gab aber noch einen anderen Grund, warum er so reizbar war; er hatte

nämlich auch früher schon Iwan Fedorowitsch im Wissen zu überbieten

gesucht; doch da es ihm immer mißlungen war, konnte er dessen gewisse

Nachlässigkeit ihm gegenüber um so weniger kaltblütig ertragen:

„Bis jetzt wenigstens bin ich auf der Höhe alles dessen gewesen, was in

Europa das Fortgeschrittenste war; diese neue Generation aber will uns

einfach ignorieren,“ dachte er empört bei sich. Fedor Pawlowitsch, der

doch freiwillig sein Wort gegeben hatte, sich auf den Stuhl zu setzen

und hinfort zu schweigen, schwieg tatsächlich eine gewisse Zeitlang,

beobachtete aber mit einem kleinen, maliziös-spöttischen Lächeln seinen

Nachbar Miussoff, dessen Reizbarkeit ihn augenscheinlich freute. Er

hatte sich schon längst vorgenommen, diesem gewisse Dinge heimzuzahlen,

und wollte jetzt die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen.

Schließlich hielt er es nicht mehr aus, beugte sich zum Ohr seines

Stuhlnachbars und neckte ihn, halblaut flüsternd, geflissentlich noch

einmal:

„Warum gingen Sie denn vorhin nach dem ‚küßte es liebend‘ nicht fort,

und warum ließen Sie sich dazu herab, in so unanständiger Gesellschaft

zu bleiben? Ich werd’s Ihnen sagen, warum: Weil Sie sich erniedrigt und

beleidigt fühlten, und so blieben Sie denn, um zur Rache Ihren Verstand

leuchten zu lassen. Und jetzt werden Sie für keinen Preis früher

fortgehen, als bis Sie Ihren Verstand gezeigt haben.“

„So fangen Sie schon wieder an? Ich gehe sofort!“

„Als letzter, als letzter werden Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch!“

neckte noch einmal Fedor Pawlowitsch. Das war fast im selben Augenblick,

als der Staretz wieder eintrat.

Das Gespräch verstummte sofort; doch der Staretz, der wieder seinen

alten Platz einnahm, blickte alle so freundlich an, als wolle er sie mit

dem Blick auffordern, doch fortzufahren. Aljoscha aber, der jeden

Ausdruck seines Gesichtes kannte, sah deutlich, daß er furchtbar müde

und überanstrengt war. In der letzten Zeit seiner Krankheit war er schon

mehrere Male vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Sein Gesicht war fast

ebenso bleich wie vor einer Ohnmacht, und seine Lippen wurden ganz blaß.

Doch augenscheinlich wollte er die Versammelten nicht fortschicken, und

zwar schien er dabei noch ein besonderes Ziel zu haben – welch eines

nur? Aljoscha beobachtete ihn gespannt.

„Wir sprechen über seinen ungemein interessanten Artikel,“ sagte der

Priestermönch Pater Jossiff, der Bibliothekar, zum Staretz, und wies

dabei auf Iwan Fedorowitsch. „Er bringt in diesem Artikel viel Neues

vor, doch kommt es, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Bei Gelegenheit der

Erörterung der kirchlich-zivilen Justizfrage, und des Umfanges ihrer

Berechtigung, hat er mit einem kleinen Zeitungsartikel dem Geistlichen

geantwortet, der über diese Frage ein ganzes Buch geschrieben hat.“

„Leider habe ich Ihren Artikel nicht gelesen, aber ich habe von ihm

gehört,“ sagte der Staretz, der Iwan Fedorowitsch aufmerksam anblickte.

„Er nimmt einen interessanten Standpunkt ein,“ fuhr der

Pater-Bibliothekar fort. „Wie es scheint, verneint er in der Frage der

kirchlichen Ziviljustiz die Trennung von Kirche und Staat.“

„Das ist sehr interessant; aber in welchem Sinne meinen Sie das?“ fragte

der Staretz Iwan Fedorowitsch.

Der antwortete ihm; doch tat er es nicht etwa mit einer herablassenden

Höflichkeit, wie Aljoscha noch vor kurzem befürchtet hatte, sondern

bescheiden und zurückhaltend, mit augenscheinlicher Zuvorkommenheit und

offenbar ohne jeden Hintergedanken:

„Ich gehe von der Überzeugung aus, daß diese Verwechselung der Elemente,

d. h. des Wesens der Kirche mit dem Wesen des Staates, beide als

einzelne Begriffe genommen, natürlich ewig sein wird, obgleich sie

überhaupt nicht sein dürfte, und man die beiden niemals nicht nur in ein

normales, sondern selbst nicht einmal in ein einigermaßen befriedigendes

Verhältnis wird bringen können, da die ganze Sache sich auf einer Lüge

aufbaut. Ein Kompromiß zwischen dem Staate und der Kirche in Fragen, wie

zum Beispiel der des Gerichts, ist meines Erachtens schon allein ihrem

Wesen nach unmöglich. Der Geistliche, dem ich in meinem Artikel

entgegnet habe, behauptet, daß die Kirche im Staat eine ganz genaue und

bestimmte Stellung einnehme. Ich aber antwortete ihm, daß die Kirche im

Gegenteil den ganzen Staat in sich einschließen müßte, nicht aber in ihm

nur eine bestimmte Ecke einnehmen sollte, und daß dies, wenn es jetzt

aus bestimmten Gründen unmöglich ist, dem Wesen der Dinge nach doch

unbedingt das feste und erste Ziel der ganzen Weiterentwicklung des

Christentums sein müßte.“

„Das ist vollkommen richtig,“ sagte fest, doch nervös, Pater Paissij,

der schweigsame und gelehrte Priestermönch.

„Der reinste Ultramontanismus!“ rief Miussoff aus, der vor Ungeduld ein

Bein über das andere schlug.

„Ach, wir haben ja nicht einmal Berge!“ meinte Pater Jossiff, worauf er,

zum Staretz gewandt, fortfuhr: „Er antwortet unter anderem auch auf

folgende, grundlegende und wesentliche Behauptungen seines Gegners, des

Geistlichen – beachten Sie es wohl. Erstens, sagt der Geistliche: ‚Es

kann und darf sich kein einziger gesellschaftlicher Verband die Macht,

über die bürgerlichen und politischen Rechte seiner Mitglieder zu

verfügen, aneignen.‘ Zweitens: ‚Die Macht des Kriminal- und

Zivilgerichts darf nicht der Kirche gehören, denn die ist mit ihrem

Wesen als göttliche Einrichtung und als Verband der Menschen zu

religiösen Zwecken unvereinbar,‘ und schließlich drittens: ‚Daß die

Kirche kein Reich von dieser Welt sei‘ ...“

„Das allerunwürdigste Wortspiel für einen Geistlichen!“ unterbrach

wieder ungeduldig Pater Paissij. „Ich habe dieses Buch gelesen, auf das

Sie geantwortet haben,“ sagte er zu Iwan Fedorowitsch, „und ich war

nicht wenig erstaunt über die Worte des Geistlichen, daß die Kirche

‚kein Reich von dieser Welt‘ sei. Wenn sie nicht von dieser Welt wäre,

so könnte sie folglich überhaupt nicht auf der Welt existieren. Im

heiligen Evangelium sind die Worte: ‚nicht von dieser Welt‘ nicht in

diesem Sinne gebraucht. Mit solchen Worten aber zu spielen, geht nicht

an. Unser Herr Jesus Christus ist doch nur deswegen gekommen, um die

Kirche gerade hier auf Erden zu gründen. Das Himmelreich ist natürlich

nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, doch kann man in dasselbe

nicht anders eingehen als durch die Kirche, die auf der Erde gegründet

und errichtet ist. Und darum sind alle Wortspiele in diesem Sinne

unmöglich und unwürdig. Die Kirche aber ist in Wahrheit Herrschaft hier

auf Erden und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und ihr Ziel kann

zweifellos nur eines sein: Ihre Herrschaft über die ganze Welt

auszudehnen, – wie es uns auch die Verheißung sagt ...“

Er verstummte plötzlich, als ob er sich bezwingen wollte. Iwan

Fedorowitsch, der ihm höflich und aufmerksam zugehört hatte, fuhr mit

ungewöhnlicher Ruhe wie vorher bereitwillig und offenherzig, zum Staretz

gewandt, in seiner Erklärung fort:

„Der ganze Gedanke, den ich in meinem Artikel entwickelt habe, besteht

darin, daß das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten auf der Erde

bloß in Gestalt einer Kirche erschien und auch nur Kirche war. Als aber

das heidnische römische Imperium christlich werden sollte, war es ja nur

natürlich, daß es, indem es christlich wurde, die Kirche bloß in sich

aufnahm, selbst aber fortfuhr, in äußerst vielen Dingen wie früher ein

heidnischer Staat zu bleiben. Und im Grunde genommen, hätte es

zweifellos anders überhaupt nicht geschehen können. Es blieb in Rom, als

Imperium genommen, gar zu viel von der alten Zivilisation und der

heidnischen Weisheit übrig, wie zum Beispiel die Ziele und Grundsätze

des Imperiums selbst. Die Kirche Christi jedoch konnte, als sie in den

Staat eintrat, natürlich nichts von ihrem Grundgedanken, diesem Stein,

auf dem sie stand, aufgeben oder abtreten und konnte also nur ihre Ziele

verfolgen, die ihr einmal vom Herrn selbst gesetzt und angewiesen waren,

wie unter anderem: Die ganze Welt und damit folglich auch das ganze

frühere heidnische Imperium in Kirche zu verwandeln. So muß denn also –

versteht sich, vom zukünftigen Ziel der Kirche gesprochen – nicht die

Kirche sich einen bestimmten Platz im Staate suchen, wie ‚jeder andere

gesellschaftliche Verband‘ oder wie ‚ein Verband der Menschen zu

religiösen Zwecken‘ – so drückt sich der geistliche Autor, dem ich

entgegnete, über die Kirche aus –, sondern im Gegenteil, jeder

Erdenstaat müßte sich zum Schluß vollkommen in Kirche verwandeln und

nichts anderes werden als bloß Kirche, und sich dann natürlich von allen

seinen Zielen, die mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen,

einfach abwenden. Das alles würde den Staat als solchen in nichts

erniedrigen, ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als Großmacht nehmen,

noch würde es den Ruhm seiner Herrscher schmälern, sondern würde den

Staat nur von dem falschen, noch heidnischen und irreführenden Weg auf

den richtigen und wahren Weg stellen, auf den einzigen, der zu ewigen

Zielen führt. Darum hätte der Autor des Buches über die Grundlagen des

kirchlich-zivilen Gerichts ganz richtig geurteilt, wenn er bei seiner

Untersuchung und Feststellung dieser Grundlagen dieselben als einen

zeitlichen, in unserer sündigen, noch unvollendeten Zeit notwendigen

Kompromiß und sonst nichts weiter behandelt hätte. Sobald aber der Autor

dieser ‚Grundlagen‘ sich erdreistet, zu erklären, daß seine Grundlagen,

die er jetzt aufstellt, und die teilweise Pater Jossiff soeben

aufzählte, unerschütterliche, elementarische und ewige seien, geht er

direkt gegen die Kirche vor und gegen ihre heilige, ewige und

unerschütterliche Bestimmung. Das ist der ganze Standpunkt meines

Artikels.“

Sämtliche Werke 9-10 · 第 11 / 40 题