I.
Fedor Pawlowitsch Karamasoff
Alexei Fedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers
unseres Gouvernements Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit – vor
jetzt gerade dreizehn Jahren – durch sein tragisches und dunkles Ende,
auf das ich noch später zu sprechen kommen werde, so viel von sich reden
machte. Vorläufig will ich über diesen „Gutsbesitzer“, wie man ihn
gewöhnlich bei uns nannte, obgleich er in seinem ganzen Leben fast nie
auf seinem Gute wohnte, nur bemerken, daß er ein sehr eigenartiger
Mensch war, ein Typ, den man aber, genau genommen, nicht einmal so
selten antrifft: der Typ eines nichtsnutzigen und ausschweifenden
Menschen, der zu gleicher Zeit ganz auffallend närrisch ist, – jedoch zu
jener besonderen Art von Narren gehört, die ihre Geschäftchen immer
vorzüglich zu machen verstehen, und zwar scheint das das einzige zu
sein, was sie verstehen. Fedor Pawlowitsch, zum Beispiel, begann mit
fast nichts in der Tasche. Von den Gutsbesitzern war er einer der
ärmsten: er fuhr uneingeladen zu allen Bekannten zum Besuch und lebte so
als ewiger Gast auf Kosten fremder Menschen, aber nach seinem Tode
erwies es sich, daß er allein an barem Kapital runde hunderttausend
Rubel besaß. Und doch war er sein ganzes Leben lang einer der
einfältigsten Narren unseres Gouvernements. Ich will damit nicht sagen,
daß er etwa dumm gewesen wäre – größtenteils sind diese Narren sogar
sehr klug und schlau –, sondern gerade einfältig, und dazu war es bei
ihm noch eine ganz besondere Einfältigkeit, eine nationale.
Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte drei Söhne, – den ältesten,
Dmitrij Fedorowitsch, von der ersten Frau; die beiden anderen, Iwan und
Alexei, von der zweiten. Die erste Gemahlin Fedor Pawlowitschs stammte
aus dem wohlhabenden und angesehenen Adelsgeschlecht der Miussoffs, –
gleichfalls Gutsbesitzer unseres Bezirks. Wie es kam, daß dieses reiche
Mädchen – das dazu noch hübsch war und zu den temperamentvollen,
intelligenten Frauen gehörte, die man in unserer Generation so häufig
antrifft, die aber auch schon in der vergangenen auftauchten –, solch
einen jämmerlichen Menschen heiraten konnte, will ich weiter nicht zu
erklären versuchen. Kannte ich doch ein junges Mädchen, allerdings war
es eines aus der vorigen „romantischen“ Generation, das sich nach
etlichen Jahren rätselhafter Liebe zu einem Mann, den es zu jeder Zeit
ruhig hätte heiraten können, schließlich die unüberwindlichsten
Hindernisse ausdachte, die eine Vereinigung unbedingt ausschlossen, und
die sich darauf in einer stürmischen Nacht von einem hohen Ufer, das
fast einem Felsen glich, in einen ziemlich tiefen und reißenden Strom
hinabstürzte und in ihm ertrank, – eigentlich doch nur deshalb, um der
Shakespeareschen Ophelia zu gleichen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß
sie, wenn an der Stelle des malerischen Felsens nur ein prosaisches,
flaches Flußufer gewesen wäre, an die phantastische Idee, aus Liebe in
den Tod zu gehen, überhaupt nicht gedacht hätte. Dieser Selbstmord ist
aber Tatsache, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß sich in unseren
beiden letzten Generationen nicht selten Ähnliches zugetragen hat. Auch
die Heirat Adelaida Iwanowna Miussoffs war ein Schritt von derselben Art
und zweifellos auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Vielleicht wollte
sie durch ihn ihre weibliche Selbständigkeit beweisen, gegen die
gesellschaftlichen Fesseln, gegen den Despotismus ihrer Eltern und
Verwandten auftreten, und vielleicht hatte ihr noch die bereitwillige
Phantasie die Überzeugung eingeflößt, wenn auch nur auf einen
Augenblick, daß Fedor Pawlowitsch trotz seiner Rolle als ewiger
Freischlucker einer der geistreichsten und eigenartigsten Spötter dieser
Übergangsepoche sei, die zweifellos zu Besserem führte, obgleich er in
Wirklichkeit doch nichts als ein boshafter Narr war. Das eigentlich
Reizvolle der Sache bestand jedoch darin, daß sie von ihm entführt wurde
– das aber war für sie ausschlaggebend. Hinzu kam, daß Fedor Pawlowitsch
damals unbedingt, gleichviel mit welchen Mitteln, Karriere machen
wollte, und so war er denn infolge seiner sozialen Lage geradezu
gezwungen, sie zu entführen: war doch die Aussicht auf eine Mitgift und
die Gelegenheit, zu einer reichen und angesehenen Familie in so nahe
Beziehung zu treten, gar zu verführerisch. Was nun die beiderseitige
Liebe anbelangt, so war die überhaupt nicht vorhanden, weder von seiten
der Braut, noch, trotz deren Schönheit, von seiten Fedor Pawlowitschs, –
eine Tatsache, die in ihrer Art denn auch den einzigen Ausnahmefall im
Leben Fedor Pawlowitschs bildete, dieses größten Lüstlings, der sein
Leben lang immer sofort bereit war, nach einerlei was für einem
Weiberrock zu langen, wenn er ihn nur anlockte. So war also diese Frau
die einzige, die, was seine Leidenschaft anbetraf, nicht den geringsten
Eindruck auf ihn gemacht hatte.
Adelaida Iwanowna kam denn auch schon bald nach der Entführung zur
Überzeugung, daß sie für ihren Mann nur Verachtung empfinden konnte, und
so stellten sich die Folgen dieser Heirat unverzüglich ein. Ungeachtet
dessen, daß ihre Familie sich sehr bald darauf mit der Tatsache
aussöhnte und der Entlaufenen die Mitgift auszahlte, kam es zwischen den
Eheleuten doch zu unaufhörlichen Szenen. Später erzählte man, daß die
junge Frau unvergleichlich mehr Anstand und Vornehmheit bewiesen habe
als Fedor Pawlowitsch, der sich, wie man es jetzt genau weiß, fast ihr
ganzes Geld, an fünfundzwanzigtausend Rubel, sofort einsteckte, so daß
sie von diesen Tausenden nichts mehr zu sehen bekam. Das Gütchen jedoch
und das Haus in der Stadt, die gleichfalls zu ihrer Mitgift gehörten,
wollte er lange Zeit unbedingt auf seinen Namen überführen, und er würde
auch bestimmt erreicht haben, was er wollte, da sein unaufhörliches
Betteln und seine unverschämten Erpressungsversuche in ihr nur
Verachtung und Ekel hervorriefen, und sie vielleicht aus seelischer
Ermüdung, und um ihn los zu werden, schließlich eingewilligt hätte. Zum
Glück aber trat ihre Familie für sie ein und machte diesen
Erpressungsversuchen ein Ende. Wahr ist gleichfalls, daß zwischen ihnen
nicht selten Prügeleien stattfanden, doch war es nach der Überlieferung
nicht Fedor Pawlowitsch, der schlug, sondern Adelaida Iwanowna, die eine
heißblütige, kühne, ungeduldige Dame von bräunlicher Gesichtsfarbe und
nicht geringer körperlicher Kraft war. Schließlich aber hielt sie es
doch nicht mehr aus und lief Fedor Pawlowitsch mit einem in Armut
verkommenen Seminaristen, der übrigens Lehrer war, einfach davon, und
überließ ihm außer ihrem Kapital noch ihren dreijährigen Sohn Mitjä.[1]
Fedor Pawlowitsch machte aus seinem Hause sofort einen Harem und ein
Lokal für die wüstesten Gelage, von Zeit zu Zeit aber fuhr er zu allen
Bekannten, also fast durch das ganze Gouvernement, und beklagte sich mit
Tränen in den Augen über Adelaida Iwanowna, wobei er so ausführlich von
seinem Eheleben erzählte, wie es ein anderer Ehemann schon allein aus
Schamgefühl nie getan haben würde. Es schien ihm beinahe angenehm und
womöglich noch schmeichelhaft zu sein, diese lächerliche Rolle des
gekränkten Gatten zu spielen und anderen sein Leid in allen Farben
auszumalen. „Man könnte ja wirklich glauben, Fedor Pawlowitsch, daß Sie
einen höheren Rang erhalten haben, so zufrieden scheinen Sie trotz Ihres
vermeintlichen Kummers zu sein,“ sagten ihm denn auch manche, denen er
sein Leid klagte, nicht ohne spöttische Verachtung. Viele fügten sogar
noch hinzu, er solle sich doch nicht verstellen, da er ja im Grunde nur
froh sei, eine neue Narrenrolle spielen zu können, und sich bloß, um die
Komik zu erhöhen, den Anschein gäbe, als bemerke er die eigene
Lächerlichkeit nicht. Wer aber kann es wissen, vielleicht war das alles
wirklich ganz naiv von ihm? Endlich gelang es ihm, seiner Flüchtigen auf
die Spur zu kommen. Die Arme befand sich in Petersburg, wohin sie mit
ihrem Seminaristen gefahren war, und wo sie in der größten
Ungebundenheit lebte. Fedor Pawlowitsch traf sofort große Anstalten zur
Reise nach Petersburg – warum aber und wozu dorthin? – das wußte er
natürlich selbst nicht. Vielleicht wäre er damals auch wirklich
abgefahren, doch nachdem er einen so großen Entschluß gefaßt hatte,
fühlte er sich sofort vollkommen berechtigt, sich zur Stärkung auf einen
so weiten und schweren Weg vorher noch dem uferlosesten Trunk zu
ergeben. Inzwischen aber erhielt die Familie seiner Frau die Nachricht
von deren Tode. Sie war ganz plötzlich gestorben, irgendwo in einer
Dachkammer, am Typhus, wie die einen behaupteten, oder wie die anderen
meinten – vor Hunger. Als der gerade betrunkene Fedor Pawlowitsch die
Nachricht vom Tode seiner Frau erhielt, soll er auf die Straße
hinausgelaufen sein, die Hände wie zum Dank zum Himmel emporgehoben und
laut ausgerufen haben: „Herr, nun lässest du mich in Frieden fahren!“ –
Andere aber sagen, er habe wie ein kleines Kind geweint, und zwar so
sehr, daß man für ihn trotz der Verachtung Mitleid habe empfinden
können. Es ist sehr leicht möglich, daß sowohl das eine wie das andere
wahr ist, daß er sich über seine Befreiung von ihr gefreut, und zu
gleicher Zeit über ihren Tod geweint hat – beides zusammen. In den
meisten Fällen sind die Menschen, und sogar Bösewichte, viel naiver und
aufrichtiger, als wir es von ihnen voraussetzen. Ja, und wir selbst sind
es doch gleichfalls. –
II.
Der erste Sohn
Man kann sich natürlich denken, welch ein Erzieher oder Vater solch ein
Mensch sein konnte. Fedor Pawlowitsch vergaß das Kind vollständig, doch
nicht etwa aus Bosheit oder aus irgendwelchen beleidigten
Gattengefühlen, sondern ganz einfach, weil er es eben vollkommen vergaß.
Solange er noch trauerte, klagte und weinte und sein Haus dabei in eine
unzüchtige Höhle verwandelte, nahm sich des kleinen, dreijährigen Knaben
Grigorij, der treue Diener seines Hauses, an – wenn dieser es nicht
getan hätte, so würde der Kleine kaum ein Hemdchen zum Wechseln gehabt
haben, da auch die Familie seiner Mutter ihn in der ersten Zeit
gleichfalls ganz vergaß. Sein Großvater Miussoff, der Vater Adelaida
Iwanownas, war schon gestorben, und dessen Witwe, Mitjäs Großmutter, war
nach Moskau übergesiedelt und dort erkrankt; ihre jüngeren Töchter
heirateten gerade, und so blieb denn Mitjä ein ganzes Jahr beim Diener
Grigorij und lebte in dessen Wohnung auf dem Hofe. Übrigens, wenn sich
der Vater seiner auch erinnert hätte (denn er konnte doch unmöglich von
seiner Existenz überhaupt nichts wissen), so würde er ihn doch selbst
wieder in die Leutewohnung auf den Hof geschickt haben, da das Kind ihm
bei diesem Völlerleben nur im Wege gewesen wäre. Doch da kehrte eines
schönen Tages der Vetter der Verstorbenen, Pjotr Alexandrowitsch
Miussoff, aus Paris zurück, wo er viele Jahre hindurch gelebt hatte. Er
war damals noch ein ganz junger Mann, der sich aber unter den Miussoffs
doch schon als aufgeklärter Großstädter und Ausländer auszeichnete; er
fühlte sich von jeher als Europäer, und am Ende seines Lebens konnte er
zu den Liberalen der vierziger und fünfziger Jahre gezählt werden.
Natürlich stand er mit allen liberalen Größen seiner Epoche in Rußland
wie im Auslande in Verbindung, kannte persönlich Proudhon und Bakunin,
und liebte zum Schluß seiner Wanderschaft ganz besonders, sich der drei
Tage der Pariser Februarrevolution zu erinnern und anzudeuten, daß er
selbst beinahe auf den Barrikaden gestanden hätte. Das waren für ihn die
schönsten Erinnerungen seiner Jugendjahre. Er besaß ein ansehnliches
Vermögen – nach den früheren Verhältnissen gerechnet, ungefähr tausend
Seelen. Sein wundervolles Gut lag ganz in der Nähe unsres Städtchens und
grenzte an die Ländereien des berühmten Klosters, mit dem Miussoff
sofort, nachdem er sein Erbe angetreten hatte, einen Prozeß begann
(wegen irgendwelcher Rechte auf den Fischfang im Fluß oder auf das
Holzfällen in einem Walde, ich weiß es nicht mehr ganz genau), da er als
aufgeklärter Mensch selbstverständlich für seine bürgerliche Pflicht
hielt, mit den „Klerikalen“ Prozeß zu führen. Als er nun das Schicksal
Adelaida Iwanownas, deren er sich natürlich noch sehr gut erinnerte und
für die er sich früher sogar interessiert hatte, erfuhr, und von ihrem
Sohn Mitjä hörte, beschloß er sofort, sich trotz seines heftigen
Unwillens über Fedor Pawlowitsch, in die Sache einzumischen. Bei der
Gelegenheit war es denn, daß er Fedor Pawlowitsch zum erstenmal sah und
kennen lernte. Er erklärte sich bereit, die Erziehung Mitjäs auf sich zu
nehmen. Noch lange nachher erzählte er, gewissermaßen zur
Charakterisierung Fedor Pawlowitschs, daß dieser, als er ihm von Mitjä
gesprochen, ein Gesicht gemacht habe, als ob er überhaupt nicht
verstehen könne, von welch einem Kinde die Rede sei und ersichtlich
sogar sehr erstaunt gewesen wäre, zu hören, daß bei ihm im Hause
irgendwo ein kleiner Sohn lebte. Wenn Pjotr Alexandrowitsch in seiner
Erzählung auch etwas übertrieben haben mag, so muß doch immerhin etwas
Wahres daran gewesen sein. Außerdem aber liebte es Fedor Pawlowitsch
tatsächlich, sich plötzlich zu verstellen, oder eine ganz unerwartete
Rolle zu spielen, und zwar, was die Hauptsache dabei schien, ohne daß
die geringste Notwendigkeit dazu vorhanden gewesen wäre, mitunter sogar
zu seinem eigenen Nachteil, wie z. B. in diesem Falle. Dieser Zug ist
übrigens vielen Leuten eigen, und sogar sehr klugen Leuten, nicht nur
solchen wie Fedor Pawlowitsch. Miussoff führte also die Sache durch und
wurde sogar als Vormund des Knaben eingesetzt (zusammen mit Fedor
Pawlowitsch natürlich), da doch dem Kleinen nach dem Tode der Mutter
immerhin das Gütchen und das Haus verblieben. Mitjä wurde denn auch
wirklich in das Haus Pjotr Alexandrowitschs gebracht; der aber hatte
keine Familie, und da er selbst, nachdem er seine Wirtschafts- und
Geldangelegenheiten auf dem Gute geordnet hatte, so schnell als möglich
und auf lange Zeit wieder nach Paris eilte, so wurde das Kind einer
Tante, einer älteren Dame, die in Moskau wohnte, anvertraut. Und so kam
es denn, daß auch Miussoff in Paris den Knaben vollständig vergaß,
besonders als diese Februarrevolution ausbrach, die ihm so imponierte,
daß er sie sein Lebtag nicht vergessen konnte. Die Moskauer Dame aber
starb bald darauf, und Mitjä kam zu einer ihrer verheirateten Töchter.
Ich glaube, er hat dann noch einmal, zum viertenmal, das Nest
gewechselt. Doch darüber werde ich mich weiter nicht verbreiten, da ich
noch viel über diesen Erstling Fedor Pawlowitschs zu erzählen habe; ich
will mich jetzt nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränken, ohne
die ich den Roman nicht beginnen kann.
Dieser Dmitrij Fedorowitsch war der einzige von den drei Söhnen Fedor
Pawlowitschs, der mit dem Bewußtsein aufwuchs, daß er immerhin über
einige Mittel verfügte und, wenn er mündig geworden, unabhängig sein
werde. Seine Kinder- und Jugendjahre verlebte er ziemlich unordentlich:
das Gymnasium beendete er nicht, darauf kam er auf eine Kriegsschule,
diente dann im Kaukasus, hatte dort ein Duell, wurde deswegen
degradiert, diente sich aber wieder in die Höhe, führte ein wildes Leben
und gab verhältnismäßig viel Geld aus. Vor seiner Mündigkeit bekam er
von Fedor Pawlowitsch kein Geld, lebte daher bis dahin von Schulden.
Fedor Pawlowitsch, seinen Vater, lernte er erst nach seiner Mündigkeit
kennen; er kam damals zum erstenmal in unsere Stadt, um sich mit ihm
über seine Vermögensverhältnisse auszusprechen. Wie es schien, gefiel
ihm sein Vater nicht, denn er verließ ihn sofort wieder, als er eine
gewisse Summe erhalten und mit ihm über die weiteren Einnahmen seines
Gutes verhandelt hatte; doch konnte er weder die Einkünfte, noch den
Wert des Gutes jemals von seinem Vater erfahren. (Bitte das wohl zu
beachten.) Fedor Pawlowitsch aber bemerkte damals sofort (und auch dies
bitte nicht zu vergessen), daß Mitjä sich von seinem Vermögen eine
unrichtige und übertriebene Vorstellung machte, womit Fedor Pawlowitsch
jedoch sehr zufrieden war, denn er hatte dabei seine eigenen
Berechnungen. Er sagte sich, daß der junge Mann leichtsinnig, stürmisch,
leidenschaftlich, ungeduldig war und wild lebte, daß man ihn aber, wenn
man ihm immer wieder etwas schickte, sehr wohl beruhigen könnte, wenn
auch natürlich immer nur auf kurze Zeit. So begann dann Fedor
Pawlowitsch seinen Sohn zu exploitieren, d. h. er speiste ihn mit
kleinen Almosen und zufälligen Sendungen ab, und zum Schluß, als Mitjä
nach vier Jahren seine Geduld endlich verlor und zum zweitenmal in unser
Städtchen kam, um noch einmal mit seinem Vater die Angelegenheit zu
besprechen, da erwies sich plötzlich zu seinem größten Erstaunen, daß er
überhaupt nichts mehr zu verlangen hatte, daß er mit dem erhaltenen
Gelde schon der Schuldner seines Vaters geworden war, daß er nach der
und der Abmachung, die er selbst einmal, dann und dann, gewünscht, kein
Recht mehr hatte, noch irgendetwas zu verlangen usw. Der junge Mann war
sehr betroffen, witterte einen Betrug, geriet außer sich und schien fast
den Verstand zu verlieren. Dieser Umstand führte dann zu der
Katastrophe, deren Wiedergabe der Gegenstand meines ersten, einführenden
Romanes, oder besser gesagt, sein äußerer Anlaß ist. Doch bevor ich zu
dem Roman übergehe, muß ich noch von den beiden anderen Söhnen Fedor
Pawlowitschs, Mitjäs Brüdern, erzählen, und erklären, wie er zu diesen
beiden gekommen war.
III.
Die zweite Frau und deren Kinder
Nachdem Fedor Pawlowitsch sich des vierjährigen Mitjä entledigt hatte,
heiratete er kurz darauf zum zweitenmal. Diese Ehe dauerte acht Jahre.
Ssofja Iwanowna, seine zweite Frau, war gleichfalls noch sehr jung, als
er sie heiratete. Er lernte sie in einem andern Gouvernement kennen,
wohin er in „Geschäftchen“ mit einem Juden gefahren war, denn wenn Fedor
Pawlowitsch auch unsolide und ausschweifend lebte und viel trank, so
hörte er doch nie auf, für die vorteilhafte Umsetzung seines Kapitals zu
sorgen und überall gute Geschäftchen zu machen, wenn auch immer auf
betrügerische Weise. Ssofja Iwanowna war als Tochter eines kleinen
Diakons und als Ganzwaise in dem reichen Hause ihrer Wohltäterin,
Erzieherin und Peinigerin, der angesehenen alten Witwe des Generals
Worochoff, aufgewachsen. Ausführlicheres über sie weiß ich nicht, nur
hörte ich, daß man die bescheidene, demütige Kleine einmal in der
Kleiderkammer aus einer Schlinge gezogen hatte – so schwer war es ihr
gewesen, die Launen und ewigen Vorwürfe dieser anscheinend bösen Alten
zu ertragen, die aber eigentlich nur vom Nichtstun und der Langeweile zu
diesem unerträglichen, launischen Parasit geworden war. Fedor
Pawlowitsch warb um ihre Hand; man zog Erkundigungen über ihn ein und
setzte ihn vor die Tür – da schlug er dann der Waise, wie bei seiner
ersten Heirat, eine Entführung vor. Es ist sehr möglich, daß auch sie
ihn um nichts in der Welt geheiratet haben würde, wenn sie etwas mehr
über ihn erfahren hätte. Aber sie lebte ja in einem andern Gouvernement,
und was hätte denn auch ein sechzehnjähriges Mädchen von allem dem
verstanden, ganz abgesehen davon, daß sie vorgezogen hätte, in den Fluß
zu gehen, als noch länger bei ihrer Wohltäterin zu bleiben. So
vertauschte denn die Ärmste ihre Wohltäterin mit einem Wohltäter. Fedor
Pawlowitsch, oder vielmehr seine Frau, bekam diesmal keine Kopeke
Mitgift, da die Generalin über die Entführung in Wut geriet und nichts
gab und sie obendrein noch beide verfluchte; er rechnete aber auch nicht
darauf, sondern berauschte sich an der eigenartigen Schönheit dieses
zarten Mädchens und vor allem an ihrem unschuldigen Ausdruck, der ihn,
den Lüstling, der bis dahin nur der lasterhafte Liebhaber gemeiner
Frauenschönheit gewesen war, ganz betroffen gemacht hatte. „Diese
unschuldigen Äuglein fuhren mir wie ein Rasiermesser übers Herz!“
erzählte er später mit seinem gemeinen Lachen. Aber auch das konnte für
solch einen Menschen, wie Fedor Pawlowitsch, nur einen sinnlichen Reiz
haben. Da sie also gar keine Mitgift bekam, machte er mit ihr weiter
keine Zeremonien und benutzte es, daß sie vor ihm, wie er sagte,
„schuldig“ war und er sie „aus der Schlinge gezogen“ hatte, benutzte
außerdem noch ihre phänomenale Güte und Unselbständigkeit, und trat
jeglichen ehelichen Anstand einfach mit Füßen. So führte er nach wie vor
die berüchtigsten Weibsbilder in sein Haus und feierte ungestört seine
Orgien mit ihnen. Als charakteristischen Zug will ich hier noch
anführen, daß der Diener Grigorij, ein finsterer, eigensinniger und
dummrechthaberischer Mensch, der seine frühere Herrin, Adelaida
Iwanowna, geradezu gehaßt hatte, nun aber entschieden zur neuen Herrin
hielt, diese immer verteidigte, Fedor Pawlowitsch auf eine für einen
Diener fast unerhörte Weise ihretwegen durchschimpfte, und einmal sogar,
als wieder eine Orgie gefeiert wurde, alle Weiber mit Gewalt aus dem
Hause jagte. Die unglückliche, von Kindheit an so verschüchterte junge
Frau bekam späterhin ein nervöses Frauenleiden, das man sonst wohl am
häufigsten im Volke antrifft, bei den Bäuerinnen, die dann
„Klikuschi“[2] genannt werden. Durch die schrecklichen, hysterischen
Anfälle dieser Krankheit verlor die Arme zeitweilig sogar ihren
Verstand. Sie gebar aber Fedor Pawlowitsch doch zwei Söhne, Iwan und
Alexei, den älteren im ersten Jahr ihrer Ehe und drei Jahre danach den
jüngeren. Als sie starb, war der kleine Alexei kaum vier Jahre alt, doch
jedenfalls war Eines Tatsache, wie unglaublich es klingen mag: er konnte
sich, wie ich genau weiß, seiner Mutter noch sein ganzes Leben lang
erinnern, wenn diese Erinnerung auch etwas verschwommen, wie ein halber
Traum war. Nach ihrem Tode geschah mit ihren beiden Söhnen genau
dasselbe, was mit dem ersten, Mitjä, geschehen war: sie wurden vom Vater
vollkommen vergessen und kamen zu demselben Grigorij in dieselbe Stube.
In dieser Stube fand sie denn auch die alte Generalin, die Wohltäterin
und Erzieherin ihrer Mutter. Sie lebte noch und konnte selbst nach acht
Jahren die ihr zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Vom Leben und
Treiben ihrer Ssofja war sie alle diese acht Jahre hindurch unter der
Hand ganz genau unterrichtet worden, und als sie gehört hatte, wie krank
diese war und welche Scheußlichkeiten sie umgaben, hatte sie sich zwei
oder dreimal ihren Bedienten gegenüber geäußert, es geschehe ihr ganz
recht, so strafe Gott sie für ihre Undankbarkeit.
Genau drei Monate nach dem Tode Ssofja Iwanownas erschien nun plötzlich
die Generalin persönlich in der Stadt und fuhr geradenwegs zu Fedor
Pawlowitsch, blieb im ganzen nur eine halbe Stunde in der Stadt,
richtete aber in dieser kurzen Zeit sehr viel aus. Es war zur Abendzeit.
Fedor Pawlowitsch, der sie acht Jahre lang nicht gesehen hatte, empfing
sie in betrunkenem Zustande. Man sagt, daß sie ihm sofort ohne jegliche
vorhergehende Erklärung zwei tüchtige, lautschallende Ohrfeigen gegeben
und ihn dann noch dreimal kräftig an den Haaren gezogen habe. Darauf –
das ist Tatsache – begab sie sich, ohne ein Wort zu verlieren,
geradenwegs in die Leutewohnung auf den Hof zu den beiden Knaben. Sie
überzeugte sich auf den ersten Blick, daß sie ungewaschen waren und
schmutzige Wäsche anhatten, verabfolgte daher dem Diener Grigorij
gleichfalls eine Ohrfeige und erklärte ihm darauf kurz und bündig, daß
sie die beiden Kinder mitnehmen werde. Sie wickelte sie so wie sie waren
in ein Plaid ein, setzte sie auf den Wagen und fuhr mit ihnen davon.
Grigorij ertrug diese Ohrfeige wie ein ergebener Sklave, wurde nicht
grob und sagte kein Wort, und als er die alte Dame zum Wagen begleitete,
verneigte er sich noch tief vor ihr und sagte nur ernst und ehrerbietig,
daß Gott es ihr für die Waisen lohnen werde, wofür ihm aber die
Generalin im Fortfahren zurief: „Du aber bist und bleibst doch ein alter
Esel.“ Fedor Pawlowitsch überlegte sich die Sache und fand, daß es sehr
gut war, so wie es gekommen war, und widersetzte sich der Generalin, der
er sogar die formelle Erlaubnis gab, seine Kinder zu erziehen, in keinem
einzigen Punkte. Von den erhaltenen Ohrfeigen aber erzählte er sofort
selbst in der ganzen Stadt.
Die Generalin starb jedoch schon bald darauf und vermachte in ihrem
Testament jedem der Kleinen tausend Rubel – „Zu ihrer Bildung zu
verwenden, und daß dieses Geld unbedingt für sie verausgabt wird, aber
so, daß es bis zu ihrer Mündigkeit ausreicht, denn diese Gabe muß für
solche Kinder genügen; wenn es aber jemandem gefällt, so mag er seinen
eigenen Beutel öffnen“ usw. Ich habe das Testament nicht selbst gelesen,
aber ich hörte, daß es in dieser Art und jedenfalls in recht sonderbarem
Tone abgefaßt gewesen sei. Der Haupterbe der Alten erwies sich indessen
als sehr ehrenwerter Mensch: es war das der Adelsmarschall eines Kreises
in jenem Gouvernement, Jefim Petrowitsch Polenoff. Er verhandelte mit
Fedor Pawlowitsch brieflich über die Erziehung der Kinder, erriet
sofort, daß Geld von diesem Vater nicht zu bekommen war – obgleich
dieser nie geradezu absagte, sondern in solchen Fällen die Sache nur
hinzog und dabei sogar in Gefühlsduselei verfiel – und nahm sich der
Waisen persönlich an; er gewann namentlich den jüngeren Bruder Alexei
sehr lieb und so wurde denn dieser lange Zeit ganz in seiner Familie
erzogen. Wenn diese Jungen für ihre Erziehung und Bildung jemandem zu
Dank verpflichtet waren, so waren sie es ausschließlich Polenoff, diesem
ehrenwertesten und humansten Menschen, den man sich nur denken kann. Er
bewahrte den Kleinen ihre tausend Rubel auf, die ihnen die Generalin
hinterlassen hatte, so daß sie bis zu deren Mündigkeit mit den Prozenten
auf je Zweitausend anwuchsen, bestritt die Erziehungskosten aus seiner
eigenen Tasche, und verausgabte natürlich für jeden von ihnen viel mehr
als tausend Rubel. Auf eine ausführliche Erzählung ihrer Kinder- und
Jugendjahre kann ich mich wiederum nicht einlassen, daher werde ich nur
die springenden Punkte aus ihrem Leben angeben. Über den älteren, Iwan,
teile ich nur mit, daß er als düsterer und verschlossener Knabe
aufwuchs, weit entfernt davon, schüchtern zu sein, aber es war – als ob
er von Kindheit an gefühlt hätte, daß er in einer fremden Familie
erzogen wurde und von fremder Barmherzigkeit lebte, und daß ihr Vater
ein Mensch war, von dem zu sprechen man sich schämen mußte. Dieser Knabe
bewies schon seit der frühesten Kindheit (so erzählte man wenigstens)
eine außergewöhnliche und glänzende Begabung. Wie es geschah, daß er
schon mit dreizehn Jahren die Familie Jefim Petrowitschs verließ und in
ein Moskauer Gymnasium eintrat und bei der Gelegenheit zu einem
erfahrenen und berühmten Pädagogen in Pension kam, zu einem
Jugendfreunde Polenoffs, weiß ich nicht genau. Wie Iwan später selbst
erzählte, war es sozusagen aus Jefim Petrowitschs „begeisterter Liebe zu
guten Taten“ geschehen: Jefim Petrowitsch hätte sich nämlich für die
Idee begeistert, daß die genialen Fähigkeiten des Knaben auch von einem
genialen Pädagogen ausgebildet werden müßten. Übrigens waren beide schon
tot, sowohl Polenoff wie auch der geniale Pädagoge, als Iwan das
Gymnasium beendete und auf die Universität ging. Da aber Jefim
Petrowitsch das von der Generalin den Kindern hinterlassene Geld
schlecht angelegt hatte, so verzögerte sich infolge der bei uns
unvermeidlichen Formalitäten die Auszahlung des Geldes dermaßen, daß der
junge Mann in den zwei ersten Jahren auf der Universität gezwungen war,
seinen Lebensunterhalt und das Studium sich selbst zu verdienen. Ich muß
hier bemerken, daß er damals nicht einmal den Versuch machte, sich mit
seinem Vater brieflich über eine Unterstützung zu verständigen –
vielleicht aus persönlichem Stolz oder auch aus Verachtung, vielleicht
aber auch aus kühler, gesunder Einsicht, da er sich wohl sagen konnte,
daß von Papachen eine Unterstützung nicht zu erwarten war. Wie dem aber
auch sein mochte, jedenfalls wußte sich der junge Mann sofort zu helfen
und sich durch Arbeit das nötige Geld zu beschaffen: zuerst durch
Stunden für zwanzig Kopeken, und darauf durch Zeitungsberichte von zehn
Zeilen über Straßenvorfälle, mit der Unterschrift „Ein Augenzeuge“.
Diese Berichte, sagt man, sollen stets so eigenartig und geistreich
verfaßt gewesen sein, daß sie bald vorzüglich bezahlt wurden; so bewies
er allein schon dadurch seine praktische und geistige Überlegenheit im
Vergleich zu jenem großen Teil unserer unglücklichen und notleidenden
studierenden Jugend beiderlei Geschlechts, die in den Großstädten
gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend die Türschwellen der Redaktionen
abläuft, und sich nichts Besseres ausdenken kann, als ewig ein und
dieselbe Bitte um Übersetzung aus dem Französischen oder um Kopierarbeit
zu wiederholen. Iwan Fedorowitsch gab auch später seine Verbindungen mit
den Redaktionen nie ganz auf, und in den letzten Jahren auf der
Universität veröffentlichte er dann sehr talentvolle Abhandlungen über
Bücher und Spezialfragen, die ihn sogar in den literarischen Kreisen
bekannt machten. Doch erst in der allerletzten Zeit lenkte er plötzlich
die Aufmerksamkeit eines weit größeren Kreises von Lesern auf sich: kurz
nachdem er die Universität verlassen hatte und sich gerade anschickte,
für seine zweitausend Rubel ins Ausland zu reisen, veröffentlichte er in
einer der großen Tageszeitungen einen ganz besonderen Artikel, der
geradezu Aufsehen erregte und sogar die Aufmerksamkeit der Spezialisten
auf ihn lenkte. Es war das ein Artikel über eine Frage, die ihm, wie man
meinen sollte, ganz fern liegen mußte, denn er hatte Naturwissenschaft
studiert. Der Artikel behandelte die damals überall besprochene Frage
„Kirchenjustiz“. Er untersuchte zuerst etliche schon geäußerte Meinungen
und kam dann auf seine persönliche Anschauung der Sache. Besonders fiel
der Ton auf und das Unerwartete seiner Schlüsse. Viele Geistliche
hielten den Autor entschieden für einen von den Ihrigen. Und plötzlich
begannen nicht nur die Anhänger der Staatspartei, sondern sogar die
Atheisten ihm immer lebhafter ihren Beifall zu zollen. Schließlich aber
behaupteten einige kluge Leute, die eine etwas feinere Nase hatten, daß
der ganze Artikel nur eine freche Farce und eine Verhöhnung sei. Ich
erwähne die Geschichte nur darum, weil dieser Artikel auch in dem bei
unserer Stadt gelegenen berühmten Kloster bekannt wurde und die Mönche,
die sich sehr für die aufgeworfene Kirchengerichtsfrage interessierten,
einfach vor den Kopf stieß. Wie groß war die Verwunderung, als man auch
den Namen des Autors erfuhr und somit, daß er ein Kind unserer Stadt und
der Sohn „dieses selben Fedor Pawlowitsch“ sei! Da aber erschien der
Autor selbst in unserer Stadt.
Warum Iwan Fedorowitsch zu uns kam, das fragte ich mich auch damals
schon mit einer gewissen Unruhe. Diese so verhängnisvolle Ankunft, die
den Anfang so vieler Ereignisse bildete, blieb für mich noch lange
nachher unaufgeklärt und ist es teilweise vielleicht auch jetzt noch.
Überhaupt war es sonderbar, daß dieser junge Mann, der so stolz, so
gelehrt und dem Anschein nach gleichzeitig so vorsichtig war, plötzlich
in dieses berüchtigte Haus kam, zu diesem Vater, der ihn bis dahin
völlig ignoriert hatte, der ihn nicht einmal kannte, sich kaum seiner
erinnerte und ihm natürlich auf keinen Fall und unter keinen Bedingungen
Geld gegeben hätte, selbst wenn der Sohn ihn um welches gebeten haben
würde, der sich aber trotzdem beständig fürchtete, daß seine Söhne Iwan
und Alexei doch auch einmal kommen und ihn dann um Geld bitten könnten.
Und siehe da, plötzlich kommt der junge Mann in das Haus solch eines
Vaters, lebt mit ihm einen Monat und dann noch einen, und beide leben
miteinander, wie man es sich besser nicht wünschen könnte. Wahrlich, das
setzte nicht nur mich in Erstaunen, sondern auch noch viele andere.
Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der Vetter der ersten Frau Fedor
Pawlowitschs, war kurz vorher aus Paris, wo er sich endgültig
niedergelassen hatte, auf einige Zeit wieder in die Heimat gekommen und
wohnte damals auf seinem Gute. Ich erinnere mich noch, daß gerade er
mehr als alle anderen über dieses gute Einvernehmen erstaunt war, als er
diesen ihn sehr interessierenden jungen Mann kennen lernte, dem er,
nebenbei bemerkt nicht ganz ohne Neid, Kenntnisse zugestehen mußte, die
die seinigen weit überstiegen. „Er ist sehr stolz,“ sagte er damals von
Iwan Karamasoff, „wird sich immer sein Geld selbst verdienen und besitzt
bereits so viel, daß er ins Ausland reisen kann – was also sucht er noch
hier? Es ist doch allen klar, daß er nicht zum Vater gekommen ist, um
Geld zu holen, ganz abgesehen davon, daß der Vater ihm doch auf keinen
Fall welches geben würde. Zu trinken und ausschweifend zu leben, liebt
er auch nicht, und doch kann der Alte ohne ihn kaum noch auskommen,
dermaßen gut vertragen sich die beiden!“
Und so war es auch. Der junge Mann hatte ersichtlich einen großen
Einfluß auf den Vater; der schien ihm sogar zu gehorchen, wenn er auch
bisweilen unglaublich und geradezu heimtückisch eigensinnig sein konnte;
ja, er fing sogar an sich anständiger aufzuführen.
Erst später stellte sich heraus, daß Iwan Fedorowitsch zum Teil auf die
Bitte seines älteren Bruders Dmitrij Fedorowitsch gekommen war, den er
kurz vorher zum erstenmal gesehen und kennen gelernt hatte, doch mit dem
er schon längere Zeit vor seiner Fahrt hierher in einer wichtigen
Angelegenheit, die wiederum nur Dmitrij Fedorowitsch anging, im
Briefwechsel gestanden hatte. Was das für eine Angelegenheit war,
wird der Leser späterhin bis in alle Einzelheiten erfahren.
Nichtsdestoweniger schien mir Iwan Fedorowitsch auch dann noch
rätselhaft, als ich schon alles, selbst diesen sonderbaren Umstand,
wußte, und sein Aufenthalt bei uns immerhin unerklärlich.
Ich füge noch hinzu, daß Iwan Fedorowitsch zwischen dem Vater und dem
älteren Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der gegen den Vater eine
gerichtliche Klage einzureichen beabsichtigte, der Vermittler und
Friedensstifter zu sein schien.
Die Familie war damals, wie ich schon erwähnte, zum erstenmal vollzählig
versammelt, und so sahen sich denn auch einige ihrer Glieder zum
erstenmal im Leben. Nur der jüngste Sohn, Alexei Fedorowitsch, lebte
schon seit fast einem Jahr bei uns; ihn hatten wir von den drei Brüdern
zuerst kennen gelernt. Über ihn bereits in meiner Einleitung etwas zu
sagen, ist mir aber am schwersten. Nur kann ich das eine, wie ich sehe,
nicht umgehen, da es eine sehr sonderbare Tatsache zu erklären gilt,
nämlich: warum ich meinen Helden schon in der ersten Szene seines Romans
in der Kutte eines Klosternovizen vorführen muß. Denn fast seit einem
Jahr lebte er schon in unserem Kloster und beabsichtigte, wie es schien,
sich für sein ganzes Leben in ihm einzuschließen.
IV.
Der dritte Sohn Aljoscha[3]
Er zählte erst zwanzig Jahre (sein Bruder Iwan war vierundzwanzig und
der älteste Bruder Dmitrij achtundzwanzig Jahre alt). Vor allem möchte
ich bemerken, daß dieser Jüngling durchaus kein Fanatiker war und,
wenigstens meines Erachtens, auch kein Mystiker. Ich glaube mich nicht
zu täuschen, wenn ich in ihm einfach einen jugendlichen Menschenfreund
sehe. Wenn er aber ins Kloster ging, so tat er das nur, weil das
Klosterleben einen tiefen Eindruck auf ihn machte und ihm als Ideal
eines Ausgangs seiner sich aus dem Dunkel des Bösen dieser Welt zum
Licht der Liebe sehnenden Seele erschien. Und einen so tiefen Eindruck
machte dieses Leben auf ihn wohl nur, weil er dort im Kloster einen so
ungewöhnlichen Menschen antraf: unseren berühmten Staretz[4] Sossima, an
den er sich sofort mit der ganzen großen ersten Liebe seines heißen,
sehnsüchtigen Herzens hing. Übrigens will ich nicht bestreiten, daß er
schon damals sehr sonderbar war; ja, er war es eigentlich schon seit
seiner frühesten Kindheit. Als seine Mutter starb, hatte er kaum das
vierte Jahr erreicht, und doch erinnerte er sich, wie ich schon
erwähnte, ihres Gesichts, ihrer Liebkosungen, „ganz, als ob sie lebend
vor mir stände“. Solche Erinnerungen kann man bekanntlich aus noch
jüngeren Jahren haben, schon aus dem zweiten Lebensjahre, doch treten
sie im späteren Leben nur wie helle Punkte aus der Dunkelheit hervor,
wie ein hellgebliebenes Eckchen eines riesigen Bildes, das bis zur
Unkenntlichkeit nachgedunkelt und verloschen ist – bis auf diesen einen
begrenzten Fleck. So war es auch mit seiner Erinnerung. Er entsann sich
eines stillen Sommerabends: durch das offene Fenster fallen die schrägen
Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und in die Ecke auf das
Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brennt (der schrägen Sonnenstrahlen
erinnerte er sich am besten), vor dem Heiligenbild kniet seine Mutter,
die „Klikuscha“, die hysterisch weint, schluchzt und Schmerzensschreie
ausstößt; sie zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn so fest, daß es ihm
weh tut, und während sie die Muttergottes um Schutz für ihn anfleht,
hebt sie ihn zum schimmernden Heiligenbild empor, als ob sie ihn unter
den Schutz der Muttergottes stellen wollte ... und plötzlich kommt die
Kinderfrau ins Zimmer hereingestürzt und reißt ihn ganz erschrocken aus
den Händen der Mutter. Das war das Bild. Er erinnerte sich auch noch des
Gesichtes der Mutter in jenem Augenblick; er sagte: „Es muß wie
wahnsinnig, wie verzückt gewesen sein und doch wunderbar schön,
wenigstens darnach zu urteilen, wie ich es noch vor mir sehe“. Doch
liebte er es nicht, davon zu sprechen. Als Knabe, und auch späterhin als
Jüngling, war er wenig mitteilsam und gar nicht gesprächig, doch war er
es nicht etwa aus Schüchternheit, sondern aus ganz anderen Gründen, aus
gleichsam unbewußten, innerlichen Empfindungen, die eigentlich nur ihn
persönlich angingen und mit anderen Menschen nichts zu tun hatten, die
aber für ihn so wichtig waren, daß er seine Umgebung darüber ganz zu
vergessen schien. Doch er liebte die Menschen: er glaubte an sie sein
ganzes Leben hindurch und doch hielt ihn niemand für beschränkt oder
naiv. Es war etwas in ihm, was ihm die Menschen zu richten verbot, und
ihm immer zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht
das Verurteilen auf sich nehmen wolle und darum auch unter keiner
Bedingung verurteilen werde. Es schien sogar, daß er alles zugab und
nichts verurteilte, wenn er auch oftmals selbst schwer darunter litt.
Ja, schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen
setzen noch erschrecken, und das war eigentlich schon von seiner
frühesten Jugend an der Fall. Als er mit zwanzig Jahren rein und keusch
zu seinem Vater kam, in diese Höhle schmutzigen Lasters, entfernte er
sich nur schweigend, wenn er es nicht mehr mit ansehen konnte; doch tat
er das ohne den geringsten Ausdruck von Verachtung und Verurteilung,
einerlei wessen. Sein Vater, der als ehemaliger Freischlucker gegen
solche Beleidigungen ungemein feinfühlig und mißtrauisch war, und ihn
denn auch sehr voreingenommen empfing („Er schweigt zu viel und denkt
mir viel zu viel,“ sagte er), kam schon nach kurzer Zeit, nach kaum zwei
Wochen, immer häufiger zu ihm, um ihn zu umarmen und zu küssen,
allerdings mit trunkenen Tränen und in berauschter Rührseligkeit, doch
ersichtlich auch, weil er ihn aufrichtig immer mehr lieb gewann, so, wie
er vielleicht noch nie jemanden geliebt hatte.
Ja, alle Menschen liebten diesen Jüngling, überall brachte man ihm, wo
er auch erschien, schon von Kindheit an sofort Liebe entgegen. Im Hause
seines Wohltäters und Erziehers Jefim Petrowitsch Polenoff hatten ihn
alle so lieb, daß man ihn wirklich wie einen leiblichen Sohn behandelte.
Und doch kam er in dieses Haus in so jungen Jahren, daß es unmöglich ist
anzunehmen, er habe durch Schlauheit oder die Kunst zu gefallen oder
sich einzuschmeicheln, die allgemeine Liebe erworben. So trug er denn
diese Gabe, in allen Liebe zu erwecken, ganz unbewußt in sich, sie lag
sozusagen schon in seiner Natur. Dasselbe geschah mit ihm auch in der
Schule, während man doch hätte glauben können, daß er gerade zu jenen
Kindern gehörte, die in den Kameraden gewöhnlich Spott hervorrufen,
nicht selten aber Mißtrauen und sogar Haß. Er war zum Beispiel immer
nachdenklich und schien sich gern von allen abzusondern. Er liebte es
schon von Kindheit an, sich in einen Winkel zurückzuziehen und Bücher zu
lesen. Und doch liebten ihn auch seine Schulkameraden sogar so
auffallend, daß man ihn tatsächlich während seiner ganzen Schulzeit den
allgemeinen Liebling nennen konnte. Er war selten ausgelassen, selten
auch nur lustig; aber ein jeder, der ihn ansah, wußte sofort, daß er
nicht finster oder mürrisch war, sondern heiter und gutmütig. Unter
seinen Altersgenossen suchte er nie sich hervorzutun. Vielleicht kam
dies daher, daß er niemanden und nichts fürchtete, und doch begriffen
die Knaben sofort, daß seine Unerschrockenheit keine Prahlerei sein
konnte und er selbst nicht einmal wußte, daß er kühn und furchtlos war.
Beleidigungen trug er nie nach. Es kam vor, daß er nach einer Stunde dem
Beleidiger antwortete oder mit ihm selbst so heiter und zutraulich ein
Gespräch begann, als ob niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre.
Und nie hatte es dabei den Anschein, daß er absichtlich vergessen oder
dem Beleidiger verzeihen wollte, sondern es geschah immer ganz harmlos
von ihm, als ob er es gar nicht für eine Beleidigung gehalten hätte –
und das war es, was die Kinder bestrickte und sie ihm unterwarf. Nur
eine Eigenschaft hatte er, die in allen Klassen des Gymnasiums, von der
niedrigsten bis zur höchsten, in den Kameraden immerwährend den Wunsch
erweckte, ihn zu necken, nicht etwa aus Bosheit, sondern einfach, weil
es ihnen Spaß machte. Das waren seine Scham und seine Keuschheit. Er
konnte gewisse Worte und gewisse Gespräche über Frauen nicht ertragen.
Diese „gewissen“ Worte und Gespräche sind zum Unglück in den Schulen
unausrottbar. In der Seele und im Herzen reine Jungen, fast noch Kinder,
lieben es zuweilen, in den Klassen unter sich und auch laut von solchen
Sachen, Bildern und Vorstellungen zu sprechen, über die selbst einfache
Soldaten nicht sprechen würden, denn Soldaten wissen und verstehen
vieles nicht von dem, was ganz jungen Kindern unserer höheren
Gesellschaft schon bekannt ist. Eine Sittenverderbnis kann man das nicht
gut nennen, ein wirklicher innerer Zynismus ist es auch nicht, wohl aber
ist es ein äußerer Zynismus, den man oft für vornehm, „schneidig“ und
womöglich noch für nachahmungswürdig hält. Als man nun bemerkte, daß
„Aljoschka Karamasoff“, wenn man „davon“ sprach, seine Finger in die
Ohren steckte, so versammelte man sich um ihn und riß ihm mit Gewalt die
Hände fort und schrie ihm dann Gemeinheiten in beide Ohren: er jedoch
riß sich los, wälzte sich auf dem Fußboden herum, versuchte sich zu
verstecken und zu bedecken, ertrug aber, ohne ihnen ein Wort zu
erwidern, ohne zu schreien, schweigend die Beleidigung. Zu guter Letzt
ließen sie ihn denn auch in Ruh und neckten ihn nicht mehr als „das
Mädchen“, sahen aber in der Beziehung doch mit Bedauern auf ihn herab.
Als Schüler war er einer von den besseren, doch niemals war er der
erste.
Als Polenoff starb, blieb Aljoscha noch zwei Jahre im Kreisgymnasium.
Die untröstliche Gemahlin Jefim Petrowitschs begab sich sofort nach
seinem Tode, und zwar auf lange Zeit, mit ihrer ganzen Familie, die nur
aus Wesen weiblichen Geschlechts bestand, nach Italien. Aljoscha kam zu
zwei Damen, die er früher niemals gesehen hatte, zu entfernten
Verwandten Jefim Petrowitschs; unter welchen Bedingungen, das wußte er
selbst nicht. Charakteristisch, und das sogar im höchsten Grade, war
diese eine Eigenschaft an ihm, daß er sich niemals darum bekümmerte, auf
wessen Kosten er lebte. Darin war er der größte Gegensatz seines älteren
Bruders Iwan Fedorowitsch, der die zwei ersten Jahre auf der Universität
Not litt und sich durch seine eigene Arbeit ernährte, und es von
Kindheit an immer bitter empfunden hatte, daß er auf fremde Kosten,
auf die seines Wohltäters, leben mußte. Diese sonderbare
Charaktereigenschaft Aljoschas konnte man indessen nicht streng
verurteilen, denn ein jeder, der ihn nur etwas näher kennen lernte,
überzeugte sich alsbald, daß Aljoscha in der Beziehung zu dem Typ der
gleichsam einfältigen Jünglinge gehörte, die, wenn man ihnen ein ganzes
Kapital gäbe, es bei der ersten Gelegenheit fortgeben würden, sei es zu
einem guten Zweck oder einfach einem gewandten Menschen, wenn er sie
darum bäte. Ja, und überhaupt kannte er nicht den Wert des Geldes –
versteht sich, nicht im buchstäblichen Sinne gesprochen. Aber wenn man
ihm Taschengeld gab, um das er niemals selbst bat, so wußte er
wochenlang nicht, was er mit ihm anfangen sollte, oder er gab es sofort,
und ohne zu berechnen, aus. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, ein Mensch,
der in Geldsachen und bourgeoisen Ehrbegriffen sehr empfindlich war,
sprach über Alexei einmal folgenden Aphorismus aus: „Er ist vielleicht
der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn man ihn plötzlich allein und
ohne Geld auf einem Platze einer ihm unbekannten Millionenstadt ließe,
weder verloren gehen würde, noch vor Kälte oder Hunger sterben, denn man
würde ihm sofort zu essen geben, ihm sofort alles verschaffen, ohne daß
er sich auch nur anzustrengen brauchte oder sich erniedrigen müßte, und
ohne daß er dem Gönner zur Last fiele, im Gegenteil, man würde es sich
noch zur Ehre anrechnen.“
Das Gymnasium beendete er nicht; er hatte noch ein ganzes Jahr vor sich,
als er plötzlich seinen Damen erklärte, daß er wegen einer Sache, die
sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, zu seinem Vater fahren müsse. Die
Damen waren sehr betrübt und erschrocken darüber und wollten es ihm
zuerst nicht gestatten. Die Fahrt kostete nicht viel, doch die Damen
erlaubten ihm nicht, seine Uhr zu dem Zwecke zu versetzen – ein
Geschenk, das er zur Erinnerung von der Familie seines Wohltäters
erhalten hatte, als diese ins Ausland abgereist war – und statteten ihn
selbst nicht nur mit reichen Mitteln, sondern auch noch mit neuen
Kleidern und guter Wäsche aus. Er gab ihnen aber die Hälfte des Geldes
zurück und erklärte ihnen, daß er durchaus in der dritten Klasse fahren
wolle. Als er dann in unserem Städtchen ankam, antwortete er auf die
ersten Fragen seines Vaters: „Warum hast du dich denn hierher begeben,
ohne deinen Kursus beendet zu haben?“ einfach überhaupt nichts, sondern
war, wie man sich allgemein erzählte, in sich gekehrt und nachdenklich.
Bald darauf brachte man heraus, daß er das Grab seiner Mutter suchte. Er
sagte später sogar selbst, daß er nur darum gekommen sei. Aber es ist
wohl kaum anzunehmen, daß dies allein der Grund seiner Reise war. Viel
wahrscheinlicher ist, daß er sich damals selbst nicht erklären konnte,
was er wollte: irgend etwas hatte sich in seiner Brust erhoben, etwas,
das ihn schon auf einen neuen, unbekannten und unvermeidlichen Weg zog.
Fedor Pawlowitsch konnte ihm übrigens den Platz, wo er seine zweite Frau
begraben hatte, nicht zeigen, da er nach der Beerdigung niemals mehr an
ihrem Grabe gewesen war, und daher im Laufe der Jahre ganz vergessen
hatte, wo sie eigentlich beerdigt lag ...
Noch ein Wort über Fedor Pawlowitsch. Er hatte längere Zeit über nicht
in unserem Städtchen gelebt. Im dritten oder vierten Jahre nach dem Tode
seiner Frau war er in den Süden Rußlands gereist und zu guter Letzt in
Odessa angekommen, wo er einige Jahre verlebte. Nach seinen eigenen
Worten hatte er sich dort mit vielen „Juden und Jüdchen der
verschiedensten Sorten“ angefreundet, und war zum Schluß sogar „bei
richtigen Hebräern“ empfangen worden. Es ist wohl anzunehmen, daß er in
dieser Periode seines Lebens die besondere Kunst entwickelt hatte, aus
allem Geld herauszuschlagen und so sein Kapital beträchtlich zu
vergrößern. Er kehrte erst drei Jahre vor der Ankunft Aljoschas
endgültig in unser Städtchen zurück. Seine früheren Bekannten fanden ihn
sehr gealtert, obgleich er noch längst kein Greis war; auch hielt er
sich nicht etwa anständiger, sondern womöglich noch unanständiger. Vor
allem tat sich in dem alten Narren das Bedürfnis kund, jetzt auch andere
zu Narren zu machen. Mit Frauen verkehrte er nicht nur wie früher,
sondern tat es noch gemeiner, noch widerlicher. In kurzer Zeit gründete
er viele neue Schenken in unserem Gouvernement. Es war klar, daß er
mindestens hunderttausend Rubel Kapital besitzen mußte. Viele von den
Stadteinwohnern, aber auch viele vom Lande, wurden denn auch alsbald
seine Schuldner, doch natürlich nur unter den sichersten Garantieen.
Äußerlich veränderte er sich in der letzten Zeit ganz ansehnlich: er
bekam etwas Aufgedunsenes, das er früher nicht gehabt hatte, schien sich
auch von seinen Handlungen nicht mehr Rechenschaft ablegen zu können,
bekundete einen gewissen Leichtsinn, begann mit dem einen und endete mit
etwas ganz anderem, wurde auffallend unruhig und betrank sich immer
öfter, und wenn ihn nicht zuweilen sein treuer Diener Grigorij, der in
der Zwischenzeit gleichfalls recht gealtert war, fast wie seinen Zögling
bewacht und beschützt hätte, so würde er sich vielleicht durch seine
Lebensweise ernste Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Die Ankunft
Aljoschas machte aber in moralischer Beziehung doch einen gewissen
Eindruck auf ihn: es schien, als ob in diesem verderbten Alten etwas von
dem wiedererwachte, was in seiner Seele schon längst verstummt war.
„Weißt du auch, Alexei,“ sagte er oftmals, wenn er ihn betrachtete, „daß
du ihr sehr ähnlich bist, ich meine der Klikuscha?“ So nannte er stets
seine verstorbene Frau, die Mutter Iwans und Aljoschas. Das Grab der
„Klikuscha“ zeigte dem Jungen schließlich der Diener Grigorij. Er führte
ihn auf unseren Friedhof, und dort zeigte er ihm in einer entlegenen
Ecke eine kleine, nicht gerade teuere, doch immerhin sauber gearbeitete
gußeiserne Platte, auf der sogar eine Inschrift stand: der Name, das
Geburts- und Todesjahr der Verstorbenen, und darunter war noch ein
vierstrophiger Spruch eingraviert, einer von den allgemein
gebräuchlichen auf den Gräbern des Mittelstandes. Diese Platte erwies
sich zu Aljoschas nicht geringer Verwunderung als ein Liebeswerk
Grigorijs. Er hatte sie selbst auf dem Grabe der armen „Klikuscha“
errichten lassen, auf seine Kosten, nachdem Fedor Pawlowitsch, den er
mehrmals mit der Erinnerung an dieses Grab geärgert hatte, schließlich
nach Odessa gefahren war und hinfort nicht nur von Gräbern, sondern auch
von allem Gewesenen nichts mehr wissen wollte. Aljoscha äußerte am
kleinen Grabe seiner Mutter keinerlei besondere Rührung; er hörte nur
der wichtig und ernst vorgetragenen Erzählung Grigorijs von der
Errichtung der Grabplatte zu, stand mit gesenktem Kopf, und sprach die
ganze Zeit über kein Wort. Seit jenem Tage war er vielleicht im ganzen
Jahr kein einziges Mal wieder auf den Kirchhof gegangen. Doch auf Fedor
Pawlowitsch machte auch diese kleine Episode einen gewissen Eindruck,
was sich in einer sehr originellen Weise äußerte. Er nahm plötzlich
tausend Rubel und brachte dieses Tausend in unser Kloster, um
Seelenmessen für seine verstorbene Frau lesen zu lassen, doch nicht für
die zweite, die Mutter Aljoschas, die „Klikuscha“, sondern für die
erste, Adelaida Iwanowna, die ihn geprügelt hatte. Am Abend dieses Tages
betrank er sich, und schimpfte dann in Aljoschas Gegenwart gewaltig über
die Mönche. Selbst war er nichts weniger als ein religiöser Mensch; er
hatte vielleicht kein einziges Mal im Leben ein Fünfkopekenlicht vor ein
Heiligenbild gestellt. Aber gerade solche Burschen können zuweilen ganz
sonderbare Ausbrüche plötzlicher Gefühle und plötzlicher Gedanken haben.
Ich sagte schon, daß sein Gesicht aufgedunsen war. Seine Züge drückten
damals etwas aus, das scharf die Charakteristik und das Wesentliche
seines durchlebten Lebens kennzeichnete. Außer den langen und
fleischigen Säcken unter seinen kleinen, ewig unverschämten,
mißtrauischen und spöttischen Äuglein, außer einer Menge kleiner, tiefer
Runzeln in seinem kleinen, doch fetten Gesicht, hing sich an sein
spitzes Kinn noch ein großes, fleischiges und sackartig längliches
Doppelkinn, das ihm ein ganz besonders widerlich-lüsternes Aussehen
verlieh. Hinzu füge man jetzt noch einen großen, sinnlichen Mund mit
fleischigen Lippen, hinter denen man die kleinen Stummel schwarz
gewordener, fast verfaulter Zähne sah. Wenn er zu sprechen begann,
spritzte jedesmal Speichel von seinen Lippen. Übrigens liebte er selbst,
über sein Gesicht zu scherzen, obgleich er, wie es schien, ganz
zufrieden mit ihm war. Besonders wies er auf seine Nase hin, die nicht
sehr groß, doch sehr schmal und stark gebogen war: „Echt römisch,“
pflegte er zu sagen, „zusammen mit dem Doppelkinn die echte Physiognomie
eines alten römischen Patriziers aus der Verfallszeit.“ Darauf, glaube
ich, war er sogar ziemlich stolz.
Eines Tages nun, bald nachdem Aljoscha das Grab seiner Mutter besucht
hatte, erklärte dieser plötzlich seinem Vater, daß er in das Kloster
eintreten wolle, und daß die Mönche bereit seien, ihn als Novizen
aufzunehmen. Er fügte noch hinzu, daß es sein heißer Wunsch sei, und daß
er jetzt von ihm, seinem Vater, die feierliche Erlaubnis dazu erbäte.
Der Alte wußte schon, daß der Staretz Sossima, der in der Einsiedelei
des Klosters lebte, auf seinen „sanften, stillen Jungen“ einen tiefen
Eindruck gemacht hatte.
„Dieser Staretz ist bei ihnen noch der ehrlichste von allen,“ brummte er
vor sich hin, nachdem er Aljoschas Bitte, über die er sich weiter gar
nicht wunderte, angehört hatte. „Hm ... sieh mal einer an, wohin du
willst ... Also dorthin willst du, mein sanfter Junge!“ Er war
halbtrunken, und plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem langen,
stumpfen Grinsen, das aber doch nicht einer gewissen Schlauheit und
Hinterlist entbehrte: „Hm ... weißt du, ich ahnte es ja, daß du gerade
mit irgend so etwas enden würdest, kannst du dir das vorstellen? Gerade
darauf hattest du’s doch abgesehen. Nun, was, meinetwegen ... Du hast
doch deine Zweitausend, das wäre denn die Aussteuer. Ich aber werde
dich, mein Liebling, nie verlassen, und auch jetzt werde ich dir alles
geben, was du zum Eintritt nötig hast, wenn sie’s verlangen. Nun, und
wenn sie’s nicht verlangen, warum dann aufdrängen, nicht wahr? Geld
gibst du ja nur wie’n Kanarienvogel aus, kaum zwei Körnchen in einer
Woche ... Hm ... weißt du, bei einem bekannten Kloster gibt’s so eine
kleine Vorstadt, und alle wissen dort schon, daß in ihr nur die
‚Klosterweiber‘ leben, so werden sie dort allgemein genannt, etwa
dreißig an der Zahl, glaube ich ... Ich war dort mal, nicht
uninteressant, natürlich in ihrer Art, so als Abwechslung einmal. Gemein
war nur der furchtbare Russizismus, nicht eine einzige Französin war
dabei, könnten aber sein, denn die Mittel sind bedeutend. Nun, werden’s
schon bald riechen und angeflogen kommen. Hier aber, alle Achtung, hier
gibt’s keine Klosterweiber, Mönche an zweihundert Stück. Alle ehrsam,
nichts zu sagen. Fasten bloß. Ich muß gestehen ... Hm! Also du willst zu
den Mönchen gehen? Aber du tust mir doch leid, Aljoscha, wirklich, glaub
mir, ich habe dich liebgewonnen! ... Übrigens, das wäre eine günstige
Gelegenheit: Du kannst dort auch für uns Sünder beten, haben wir doch
hier schon gar zu viel gesündigt. Ich habe immer daran gedacht: wer wird
einmal für mich beten? Gibt es in der Welt auch nur einen einzigen
Menschen, der für mich beten wird? Du mein lieber Junge, ich bin doch in
dieser Beziehung ganz furchtbar dumm, du glaubst es nicht, wie dumm!
Ganz furchtbar. Siehst du: wie dumm ich aber nun auch bin, an dieses
denke ich doch ununterbrochen, ununterbrochen, d. h. versteht sich, so
mitunter, aber ich denke doch immerhin daran! Es kann doch nicht sein,
denke ich, daß die Teufel vergessen sollten, mich mit Ofenkrücken oder
spitzen Haken zu sich hinabzuziehen, wenn ich gestorben bin? Nun, und da
denke ich denn so: Haken? Woher nehmen sie die? Schön, – Haken! – aber
was für welche? Etwa eiserne? Wo werden sie denn dort geschmiedet? Oder
haben sie dort womöglich so ’ne ganze Fabrik? Im Kloster glauben doch
die Mönche sicherlich, daß es in der Hölle, zum Beispiel, einen Plafond,
eine Decke gibt. Ich aber, siehst du, bin bereit, an die Hölle zu
glauben, nur muß sie ohne Decke sein; das ist gewissermaßen delikater,
aufgeklärter – das heißt lutherischer. Im Grunde aber sollte man meinen,
– ist’s denn nicht einerlei: mit ’ner Decke oder ohne Decke? Das aber
ist ja die verflixte Frage! Nun, sage doch selbst: wenn es keine Decke
gibt, so gibt es folglich auch keine Haken. Gibt’s aber keine Haken, so
geht ja die ganze Hölle flöten, dann ist ja das Ganze nur ’ne Fabel;
also – wiederum unwahrscheinlich: wer wird mich dann noch mit Ofengabeln
hinunterziehen, denn wenn man nicht einmal mich hinunterzieht, wer soll
dann überhaupt noch gezogen werden, und wo ist dann die Gerechtigkeit in
der Welt? _Il faudrait les inventer_, diese Ofengabeln, speziell für
mich, für mich allein, denn, ach Aljoscha! – wenn du wüßtest, was ich
für ein Schandkerl bin! ...“
„Aber dort gibt es doch gar keine Ofengabeln,“ sagte still und ruhig
Aljoscha, der ernst den Vater betrachtete.
„Stimmt, nur Schatten von Ofengabeln. Ich weiß, ich weiß. Das ist, wie
ein Franzose die Hölle beschreibt: _J’ai vu l’ombre d’un cocher qui avec
l’ombre d’une brosse frottait l’ombre d’une carrosse._ Aber woher weißt
du denn, mein Täubchen, daß es dort keine Ofengabeln gibt? Bleib mal
erst ein bißchen bei den Mönchen, dann wirst du schon was andres
anstimmen, wirst piepen, wie die Alten singen. Doch, übrigens, gehe hin,
wenn du willst, trachte, bis zur Wahrheit vorzudringen und komm dann her
erzählen: es wird doch immerhin leichter sein, ins Jenseits abzugehen,
wenn man genau weiß, wie’s dort eigentlich zugeht. Und dort bei den
Mönchen ist’s auch anständiger für dich als hier bei mir, dem alten
Trinker und den Mädels ... wenn auch dich, wie einen Engel, nichts
berührt. Nun, vielleicht wird dich auch dort nichts berühren, nur darum
erlaube ich dir alles, weil ich eben darauf hoffe. Deinen Verstand hat
doch nicht der Teufel aufgefressen. Wirst entflammen und erlöschen,
gesund werden und zurückkommen. Ich aber werde dich erwarten. Fühle ich
doch, daß du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich nicht
verurteilt hat, du mein lieber Junge, das fühle ich doch, wie soll ich
denn das nicht fühlen! ...“
Und er fing sogar an zu flennen. Er war ein sentimentaler Mensch. Er war
gemein und sentimental zugleich.
V.
Die Startzen
Vielleicht werden meine Leser denken, Aljoscha Karamasoff sei ein
kränklicher, ekstatischer, dürftig entwickelter Jüngling gewesen, ein
bleicher Träumer, ein blutarmer, kraft- und saftloser Mensch. Im
Gegenteil: Aljoscha war schon ein stattlicher, neunzehnjähriger junger
Mann mit einem hellen, offenen Blick und strotzte fast vor Gesundheit.
Er war sogar sehr hübsch, prächtig gewachsen, dabei von mittelhohem
Wuchs, dunkelblond, das Gesicht von einem regelmäßigen, etwas länglichen
Oval, in dem die glänzenden, dunkelgrauen Augen weit auseinanderstanden,
war sehr nachdenklich und – wenigstens schien es so – sehr ruhig. Man
wird vielleicht sagen, daß rote Wangen weder Fanatismus noch Mystizismus
ausschließen; ich aber glaube, daß Aljoscha mehr als sonst jemand
Realist war. O, versteht sich, im Kloster glaubte er vollkommen an
Wunder, doch meiner Meinung nach machen Wunder einen Realisten niemals
irre. Nicht die Wunder führen den Realisten zum Glauben. Wenn der echte
Realist ungläubig ist, wird er immer die Kraft und die Fähigkeit in sich
finden, dem Wunder nicht zu glauben, wenn aber das Wunder vor ihm zur
unabweisbaren Tatsache wird, so wird er eher seinen Sinnen nicht trauen,
als daß er die Tatsache zugäbe. Oder gibt er sie auch einmal zu, so wird
er sie doch nur als ganz natürlichen Vorgang zugeben, der ihm nur bis
dahin noch unbekannt war. Im Realisten wird der Glaube nicht durch das
Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben. Wenn der
Realist einmal glaubt, so muß er gerade infolge seines Realismus
unbedingt auch das Wunder zugeben. Der Apostel Thomas sagte, daß er
nicht eher glauben werde, als bis er selbst sähe, als er aber sah, da
rief er: „Mein Herr und mein Gott!“ Machte ihn das Wunder glauben?
Wahrscheinlich nicht, sondern er glaubte ausschließlich darum, weil er
glauben wollte, und vielleicht glaubte er in seinem Innersten schon
damals vollkommen, als er sagte, er werde nicht eher glauben, als bis er
selbst sähe.
Oder vielleicht wird man sagen, Aljoscha sei stumpf gewesen,
unentwickelt, habe das Gymnasium nicht beendet usw. Letzteres ist
allerdings wahr, doch wäre es eine große Ungerechtigkeit, zu sagen, daß
er dumm gewesen sei. Ich wiederhole, was ich schon einmal gesagt habe:
Der einzige Grund, warum er diesen Weg einschlug, war der, daß nur
dieser Weg allein auf ihn damals einen tiefen Eindruck machte und ihm
mit einemmal das ganze Ideal der Erlösung seiner leidenschaftlich aus
der Finsternis zum Licht strebenden Seele zeigte. Jetzt bedenke man
noch, daß er seinem Alter nach teilweise schon unserer neuen Zeit
angehörte, also schon von Natur ehrlich war, nach Wahrheit verlangte,
sie suchte, an sie glaubte und mit der ganzen Kraft seiner Seele der
Wahrheit unmittelbar teilhaftig werden wollte, sich nach einer Heldentat
sehnte, und zwar mit dem bedingungslosen Wunsch, für diese Tat womöglich
alles, selbst das Leben zu opfern. Nur sehen es diese Jünglinge leider
nicht ein, daß das Opfer des Lebens in den meisten Fällen vielleicht das
leichteste von allen Opfern ist, und daß, zum Beispiel, von seinem in
Jugend schäumenden Leben fünf oder sechs Jahre schwerem, mühsamem
Studium der Wissenschaft zu opfern – und wenn auch nur, um in sich die
Kraft zur Förderung dieser selben Wahrheit und zur Ausführung derselben
Heldentat, für die man schwärmt, und die zu erfüllen man sich
vorgenommen hat, zu verzehnfachen – daß solch ein Opfer vielen von ihnen
weit über ihre Kräfte geht. Aljoscha erwählte bloß den Weg, der allen
anderen entgegengesetzt war, doch tat er es mit demselben heißen
Verlangen nach einer schnellen Heldentat. Kaum war er in ernstem
Nachdenken von der Überzeugung, daß es Unsterblichkeit und Gott gibt,
ergriffen worden, als er sich natürlicherweise sofort sagte: „Ich will
für die Unsterblichkeit leben, auf einen Kompromiß aber gehe ich nicht
ein.“ Ebenso wäre er, wenn er sich überzeugt hätte, daß es
Unsterblichkeit und Gott nicht gibt, sofort zu den Atheisten und
Sozialisten übergegangen (denn der Sozialismus ist nicht nur eine
Arbeiterfrage oder eine Frage des sog. vierten Standes, sondern
hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen
Inkarnation des Atheismus, die Frage des „Turmes zu Babel“, der gerade
ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde
aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). Es schien
Aljoscha sogar sonderbar und unmöglich, so weiter zu leben. Es steht
geschrieben: „Verteile dein Gut und folge mir nach, wenn du vollkommen
sein willst.“ Und so sagte sich denn auch Aljoscha: „Ich kann doch nicht
an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des
‚folge mir nach‘ nur zur Kirche gehen.“ Von den Eindrücken seiner
Kinderjahre erinnerte er sich vielleicht noch einiger aus unserem
Kloster, wohin ihn die Mutter oftmals mitgenommen hatte. Vielleicht
waren auch die schrägen Strahlen der Abendsonne, die auf das schimmernde
Heiligenbild fielen, als ihn seine Mutter, die Klikuscha, zu jenem
hingehalten hatte, auf ewig in seine Seele gefallen. Nachdenklich und
still war er damals, als er herkam, vielleicht nur, um zu sehen: Ist
hier alles, oder sind auch hier nur zwei Rubel? – Da traf er im Kloster
diesen Staretz ...
Dieser Staretz war, wie ich schon früher sagte, der Staretz Sossima.
Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer
und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir
nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich
werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung
begnügen. Viele Sachkundige behaupten, daß das Startzentum bei uns in
unseren russischen Klöstern erst seit sehr kurzer Zeit eingeführt sei,
kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten,
besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend
Jahren vorkomme. Es wird zwar behauptet, daß das Startzentum auch bei
uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden habe, dann aber
infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, infolge des Tatarenjochs, der
inneren Unruhen, der Unterbrechung unserer früheren Verbindungen mit dem
Westen und schließlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken
vergessen worden sei. Aufgekommen aber wäre es jetzt wieder seit dem
Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Eiferer, Paissij
Welitschkowskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst
nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und
nicht selten ist es sogar als in Rußland unerhörte Neuerung nahezu
Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in
Rußland in der berühmten Einsiedelei der Koselskischen Optina. Wann und
durch wen es auch in unserem, ganz nahe bei der Stadt gelegenen Kloster
eingeführt worden ist, weiß ich nicht; doch sind dort schon drei
Startzen gewesen, von denen der Staretz Sossima der dritte und der
letzte Nachfolger war. Auch er siechte schon in Krankheit und Schwäche
dahin. Durch wen man ihn aber ersetzen sollte, das wußte man noch nicht
einmal. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, da es sich bis
dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: Es gab in ihm
weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene,[5] wundertätige
Heiligenbilder“, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer
Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vaterland
Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz
Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu
sehen und zu hören Pilger in Scharen von weitem herkamen und oft
Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten. Doch was ist nun solch ein
Staretz? Der Staretz ist einer, der eines Menschen Seele und Willen in
seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt
hat, sagt man sich von dem eigenen Willen los und gibt ihn dem Staretz
zu vollem Gehorsam mit vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung,
diese furchtbare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende
freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst
überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er
endlich durch lebenslänglichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, –
das heißt, um vor sich selbst frei zu sein, auf daß er dem Los derer
entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht
bleiben. Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht
theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben
und ist heutzutage schon tausendjährig. Die Verpflichtungen dem Staretz
gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche „Gehorsam“ (oder „Dienst“),
der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier
handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden
und die unlösbare Verbindung zwischen dem Gebundenen und dem Bindenden.
Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des
Christentums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz
auferlegt worden war, nicht erfüllt und das Kloster verlassen hatte, und
in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war.
Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für
seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den
sie fast schon als Heiligen ehrte, bestatten wollte, da war der Sarg
plötzlich bei den Worten des Diakonus: „Katechumenen, geht hinaus“, mit
der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur
Kirche hinausgeworfen worden, und also war es dreimal geschehen. Erst
später hatte man erfahren, daß der heilige Dulder den Gehorsam gebrochen
und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die
Erlaubnis dieses Staretz, selbst trotz seiner großen Taten, nicht
verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein
Staretz ihn der Buße enthoben hatte. Natürlich ist das nur eine alte
Legende, doch will ich noch eine andere Begebenheit aus unserer Zeit
erzählen: Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in das
Kloster des Athos zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein
Staretz, Athos zu verlassen – Athos, das er bis in die tiefste Tiefe
seiner Seele in Liebe eingeschlossen hatte! – und zuerst nach Jerusalem
und dann zurück nach Rußland, in den Norden, nach Sibirien zu gehen:
„Dort ist dein Platz, nicht hier.“ Der erschrockene und vor Leid
niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen
Patriarchen und flehte ihn an, ihn des Gehorsams zu entbinden; da aber
antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der
Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der
ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal sein
Staretz auferlegt hätte, entbinden könnte, abgesehen natürlich von dem
Staretz selbst. So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine
grenzenlose und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum
bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit
stieß. Indessen aber wurden die Startzen im Volk alsbald sehr geachtet
und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die
einfachsten als die vornehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel,
Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten.
Dagegen führten dann die Gegner der Startzen unter anderen
Beschuldigungen aus, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig
und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Falle das
ununterbrochene Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder
Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wurde. Es endete
schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und
allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr,
daß dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen
Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur
moralischen Vervollkommnung sich in ein zweischneidiges Schwert
verwandeln kann, so daß es manchen vielleicht, statt zur Demut und
endgültigen Selbstüberwindung, zu satanischem Stolz, also zu Ketten,
nicht aber zur Freiheit führt.
Der Staretz Sossima war fünfundsechzig Jahre alt; er stammte aus einer
Gutsbesitzerfamilie, war als Junge Kadett gewesen und hatte im Kaukasus
als Oberleutnant gedient. Zweifellos hatte er auf Aljoscha durch
irgendeine ganz besondere Eigenschaft seiner Seele einen so tiefen
Eindruck gemacht. Aljoscha lebte in seiner unmittelbaren Nähe, in seiner
Zelle, da der Staretz ihn sehr liebgewonnen hatte. Ich muß noch
bemerken, daß Aljoscha, als er damals im Kloster lebte, noch durch
nichts gebunden war, zu jeder Zeit aus dem Kloster gehen und ganze Tage
lang fortbleiben konnte, und wenn er die Kutte trug, so geschah es von
ihm freiwillig, um nicht unter den anderen im Kloster aufzufallen, und
natürlich gefiel es ihm auch selbst, die Kutte zu tragen. Vielleicht
wirkten auf seine jugendliche Phantasie auch die Macht und der Ruhm, die
seinen Staretz ununterbrochen umgaben. Von dem Staretz Sossima sagte
man, er hätte in all den Jahren dermaßen viel Geständnisse und
Geheimnisse in seine Seele aufgenommen, daß er schließlich schon auf den
ersten Blick in das Gesicht des Unbekannten erraten könne, womit jemand
zu ihm kam, was er suchte, und sogar, welch eine Qual sein Gewissen
peinigte, und ihn, noch bevor der Andere ein Wort gesprochen, durch
diese Kenntnis seines Geheimnisses in Erstaunen setzte, verwirrte und
nicht selten erschreckte. Dabei fiel es Aljoscha besonders auf, daß
viele, wenn nicht alle, die das erstemal zum Staretz zu einem Gespräch
unter vier Augen kamen, ängstlich und unruhig bei ihm eintraten, dafür
aber beinahe immer heiter und glücklich wieder fortgingen, daß selbst
das finsterste Gesicht sich in ein fröhliches verwandelte. Auch wunderte
es ihn sehr, daß der Staretz keineswegs streng war; im Gegenteil, er war
stets heiter. Die Mönche sagten von ihm, daß er mit seiner Seele am
meisten an denen hinge, die sündiger wären, und den am meisten liebte,
der am sündigsten war. Unter den Mönchen gab es selbst bis zu seinem
Lebensende noch manche, die ihn haßten und beneideten, doch war ihre
Zahl schon recht klein geworden, und auch sie schwiegen, obgleich zu
ihnen sogar sehr bekannte und im Kloster hochangesehene Mönche gehörten,
wie zum Beispiel einer der ältesten Einsiedler, Pater Ferapont, der ein
großer Schweiger und außergewöhnlicher Faster war. Doch immerhin hielt
schon die übergroße Mehrzahl unbedingt zum Staretz Sossima, und von
ihnen liebten ihn viele von ganzem Herzen; einige aber hingen geradezu
fanatisch an ihm. Letztere sagten sogar – übrigens sagten sie es doch
nicht ganz laut –, daß er ein Heiliger sei, daß darüber kein Zweifel
bestehen könne, und da sie seinen nahen Tod voraussahen, so erwarteten
sie sogar Wunder und schon in nächster Zukunft von dem Verscheidenden
großen Ruhm fürs Kloster. Auch Aljoscha glaubte widerspruchslos an die
wundertätige Kraft des Staretz, ganz wie er widerspruchslos auch an die
Geschichte von dem dreimal aus der Kirche hinausgeflogenen Sarge
glaubte. Er sah es, wie viele, die mit kranken Kindern oder erwachsenen
Kranken hinkamen und den Staretz baten, seine Hände auf sie zu legen und
ein Gebet über ihnen zu sprechen, alsbald wiederkehrten – viele sogar
schon am nächsten Tage – und weinend vor dem Staretz niederfielen, um
ihm für die Heilung ihrer Kranken zu danken. War’s nun wirklich Heilung,
oder war’s nur eine natürliche Erleichterung – das konnte für Aljoscha
weiter keine Frage sein, denn er glaubte bedingungslos an die geistige
Kraft seines Lehrers, dessen Ruhm für ihn gleichsam sein eigener Triumph
war. Besonders jedoch erbebte sein Herz und verklärte sich sein ganzes
Gesicht, wenn der Staretz zu dem Volke, das ihn an der Pforte der
Einsiedelei erwartete, hinausging. Diese Pilger kamen von weit her, von
allen Gauen Rußlands, um den Staretz zu sehen und seinen Segen zu
empfangen. Sie knieten vor ihm nieder, weinten, küßten seine Füße,
küßten die Erde, auf der er stand, und die Weiber hielten ihm ihre
Kinder hin oder führten ihm eine kranke Klikuscha zu.
Der Staretz redete mit ihnen, sprach über ihnen ein kurzes Gebet und
segnete sie dann. In der letzten Zeit war er durch seine Krankheit so
schwach geworden, daß er nicht mehr die Zelle verlassen konnte, und dann
warteten die Pilger im Kloster oft tagelang auf sein Erscheinen. Niemals
fragte sich Aljoscha, warum das Volk den Staretz so liebte, warum die
Leute vor ihm niederfielen und vor Rührung weinten, sobald sie nur sein
Antlitz sahen. O, er begriff vorzüglich, daß es für die demütige Seele
des einfachen Russen, die von Leid und Arbeit zerquält ist, und vor
allem durch die immerwährende Ungerechtigkeit und die Sünde – wie durch
die eigene, so auch durch die Sünde der ganzen Welt –, keinen größeren
Trost und kein größeres Verlangen gibt, als ein Heiligtum oder einen
Heiligen zu finden, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten: „Wenn es
auch bei uns Sünde, Unwahrheit und Versuchung gibt, so gibt es dort
irgendwo auf Erden doch einen Heiligen und Höheren; dafür hat er die
Wahrheit, dafür kennt er die Wahrheit: also ist sie auf Erden noch nicht
gestorben, also wird sie einmal auch zu uns kommen und sich über die
ganze Erde verbreiten, wie es verheißen ist.“
Aljoscha wußte, daß nur das Volk so fühlt und so denkt – das begriff er
wohl; doch daran, daß gerade der Staretz dieser Heilige, dieser Hüter
der Gotteswahrheit in den Augen des Volkes war – daran zweifelte er auch
keinen Augenblick, gleich diesen weinenden Bauern und ihren kranken
Weibern, die ihre Kinder dem Staretz entgegenbrachten. Die Überzeugung,
daß der Staretz sterbend oder erst durch seinen Tod dem Kloster
ungewöhnlichen Ruhm verschaffen werde, herrschte in Aljoschas Seele
vielleicht sogar noch stärker als in allen anderen Anhängern des
Staretz. Und überhaupt erhob sich und entbrannte in dieser ganzen
letzten Zeit eine unbestimmbare, tiefe, flammende Begeisterung immer
stärker und stärker in seinem Herzen. Es verwirrte ihn nicht im
geringsten, daß dieser Staretz doch immerhin als ein einzelner vor ihm
stand: „Gleichviel, er ist heilig, in seinem Herzen liegt das Geheimnis
der Erneuerung aller, jene Kraft, die endlich die Wahrheit auf der Erde
aufrichten wird, und alle werden heilig sein, und alle werden einander
lieben, und es wird weder Reiche noch Arme, weder sich Überhebende noch
Erniedrigte mehr geben, sondern es werden alle wie Kinder Gottes sein,
und es wird das wahre Reich Christi beginnen.“ Das war es, wovon
Aljoschas Herz träumte.
Ich glaube, die Ankunft seiner beiden Brüder, die er bis dahin überhaupt
noch nicht gekannt hatte, machte einen ungewöhnlich starken Eindruck auf
ihn. Mit seinem ältesten Bruder, Dmitrij Fedorowitsch, freundete er sich
schneller und näher an, obgleich jener erst später ankam, als mit dem
zweiten, seinem leiblichen Bruder Iwan Fedorowitsch. Es reizte ihn
heftig, seinen Bruder Iwan näher kennen zu lernen; doch dieser lebte
schon ganze zwei Monate beim Vater, sie aber waren sich noch immer nicht
nähergetreten, was um so auffallender war, als sie sich sogar ziemlich
oft sahen: Aljoscha war selbst schweigsam und schien etwas zu erwarten,
schien sich irgendeiner Sache zu schämen; sein Bruder Iwan jedoch hörte,
wie es schien, bald gänzlich auf, an ihn auch nur zu denken, obgleich
Aljoscha zu Anfang sehr wohl seine langen, fragenden Blicke auf sich
ruhen gefühlt und auch bemerkt hatte. Aljoscha schrieb diese
Gleichgültigkeit seines Bruders, die ihn nicht wenig befangen machte,
ihrem Alters- und besonders Bildungsunterschied zu. Doch machte sich
Aljoscha auch noch andere Gedanken: ein so geringes Interesse für ihn
und so wenig Teilnahme konnte bei Iwan vielleicht von etwas ganz anderem
herrühren, das ihm, Aljoscha, völlig unbekannt blieb. Aus irgendeinem
Grunde schien es ihm immer, daß Iwan mit etwas Besonderem beschäftigt
war, mit etwas Innerlichem und Ungeheurem, daß er zu einem bestimmten
Ziele strebte, vielleicht zu einem sehr schweren, so daß es ihm jetzt
nicht um Brüder zu tun war, und daß dies also der einzige Grund sein
konnte, warum er auf ihn, Aljoscha, so zerstreut blickte. Auch dachte
Aljoscha noch darüber nach, ob sich darin nicht eine gewisse Verachtung
des klugen Atheisten für ihn, den dummen Novizen, verbarg. Er wußte es,
daß sein Bruder Atheist war. Diese Verachtung aber, selbst wenn sie
vorhanden gewesen wäre, hätte ihn nicht kränken können; doch trotz allem
erwartete er mit einer ihm selbst unerklärlichen, ihn verwirrenden
Unruhe, wann denn der Bruder ihm endlich würde nähertreten wollen.
Dmitrij Fedorowitsch äußerte sich über Iwan stets mit der größten
Hochachtung und sprach überhaupt immer ganz besonders durchdrungen und
begeistert von ihm. Durch ihn erfuhr denn auch Aljoscha alle
Einzelheiten jener wichtigen Angelegenheit, die in der letzten Zeit
seine beiden älteren Brüder so sonderbar und eng verbunden hatte. Diese
begeisterten Äußerungen Dmitrijs über seinen Bruder Iwan waren in
Aljoschas Augen um so auffallender, als Dmitrij im Vergleich zu Iwan so
gut wie ganz ungebildet war und sie beide, wenn man sie als
Persönlichkeiten und Charaktere verglich, einen so schroffen Gegensatz
bildeten, wie man ihn sich größer nicht hätte vorstellen können.
Zu dieser Zeit fand dann die Zusammenkunft in der Zelle des Staretz
statt, oder richtiger, die Familienversammlung aller Glieder dieser
uneinigen Familie, die einen so ungewöhnlichen Eindruck auf Aljoscha
machte. Der Vorwand, unter dem man zusammenkam, war natürlich erlogen.
Gerade damals hatten die Uneinigkeiten zwischen Dmitrij Fedorowitsch und
seinem Vater wegen der Vermögensabrechnungen einen Punkt erreicht, an
dem jede Verständigung ausgeschlossen schien. Ihr Verhältnis zueinander
spitzte sich immer mehr zu und wurde unerträglich. Ich glaube, Fedor
Pawlowitsch war der erste, der scherzend vorschlug, sich doch in der
Zelle des Staretz zu versammeln, und wenn auch nicht gerade seine
Vermittlerschaft zu suchen, so sich doch immerhin etwas anständiger zu
besprechen, wobei die Würde und die Person des Staretz natürlich einen
gewissen Einfluß in gutem Sinne haben könnte. Dmitrij Fedorowitsch, der
nie beim Staretz gewesen war und ihn nie gesehen hatte, glaubte
natürlich, daß man ihn mit dem Staretz schrecken wollte; schließlich
aber nahm er den Vorschlag an, besonders deshalb, weil er sich im Herzen
für viele, gar zu heftige Ausfälle gegen den Vater heimlich ernste
Vorwürfe machte. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß er
nicht im Hause seines Vaters lebte, wie Iwan Fedorowitsch, sondern ganz
am anderen Ende der Stadt eine Wohnung gemietet hatte.
Hinzu kam jetzt noch, daß Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der zu jener
Zeit gerade auf seinem Gute lebte, ganz besonders diese Idee Fedor
Pawlowitschs gefiel. Als Liberaler der vierziger und fünfziger Jahre,
Freigeist und Atheist, nahm er mehr aus Langeweile oder aus
leichtsinniger Zerstreuungssucht an dieser ganzen Angelegenheit
lebhaften Anteil. Er wollte plötzlich ungeheuer gern das Kloster und den
„Heiligen“ sehen, und da sich sein alter Prozeß mit dem Kloster wegen
der Grenze ihrer Güter und irgendwelcher Rechte auf das Holzfällen im
Walde und den Fischfang im Fluß immer noch hinzog, so beeilte er sich
jetzt, diesen Umstand zur Einwilligung des Staretz auszunutzen, unter
dem Vorwande, daß er selbst mündlich mit dem Prior besprechen wollte, ob
sich der Streit nicht irgendwie gütlich beilegen ließ. Einen Gast, der
mit so wohlgesinnten Absichten kam, mußte man im Kloster
selbstverständlich aufmerksamer und zuvorkommender empfangen als einen
gewöhnlichen Neugierigen. Und infolge aller dieser Kombinationen konnte
man dann einen gewissen Einfluß vom Kloster aus auf den kranken Staretz
erwarten, denn sonst war die Hoffnung, vom Staretz empfangen zu werden,
ziemlich gering: er verließ in letzter Zeit fast überhaupt nicht mehr
seine Zelle und empfing selbst nicht einmal außergewöhnlichen Besuch.
Nun, und so endete es denn auch damit, daß der Staretz seine
Einwilligung gab und Tag und Stunde bestimmt wurde. „Wer hat mich
berufen, ihr Richter zu sein?“ sagte er nur lächelnd zu Aljoscha.
Als Aljoscha von dieser Zusammenkunft erfuhr, erschrak er. Der einzige
von allen, der diesen Besuch ernst nehmen konnte, war sein Bruder
Dmitrij; die anderen jedoch würden alle aus leichtsinnigen und für den
Staretz vielleicht sogar beleidigenden Gründen kommen – das war es, was
Aljoscha sich sagte. Sein Bruder Iwan und Miussoff würden aus Neugier
kommen, vielleicht sogar aus einer sehr rohen, sein Vater aber, um als
Narr irgendeine dumme Szene zu machen. O, wenn Aljoscha auch schwieg, so
kannte er seinen Vater doch schon zur Genüge. Ich wiederhole es: Dieser
Jüngling war keineswegs so naiv einfältig, wie alle glaubten. Mit
schweren Gefühlen erwartete er den festgesetzten Tag. Zweifellos sorgte
er sich im Herzen viel darum, daß alle diese Familienzwistigkeiten sich
nicht beilegen ließen. Doch trotzdem galt seine größte Sorge dem
Staretz: er zitterte für ihn, fürchtete, daß sie ihn beleidigen könnten,
fürchtete besonders den feinen, immer höflichen Spott Miussoffs und das
stolze Schweigen seines intelligenten Bruders Iwan. Er wollte es sogar
wagen, dem Staretz etwas davon zu sagen, ihn vorzubereiten, bedachte
sich aber und sagte nichts. Nur ließ er am Vorabend seinem Bruder
Dmitrij durch einen Bekannten sagen, daß er ihn sehr liebe und von ihm
die Erfüllung des Versprechens erwarte. Dmitrij wurde nachdenklich, denn
er konnte sich auf keine Weise erinnern, was er ihm versprochen haben
sollte, und antwortete nur mit einem Brief, in dem er schrieb, daß er
sich aus allen Kräften „von einer Niedrigkeit“ zurückhalten werde, und
wenn er auch den Staretz und ihren Bruder Iwan sehr hoch achte, so sei
er doch überzeugt, daß es sich um eine Falle für ihn oder um eine
unwürdige Komödie handele. „Nichtsdestoweniger werde ich eher meine
Zunge hinunterschlucken, als daß ich den Respekt vor dem heiligen Manne,
den Du so verehrst, irgendwie vergessen sollte,“ schloß Dmitrij seinen
kurzen Brief. Aljoscha fühlte sich aber durch ihn nicht sonderlich
beruhigt.