Gegenstand des 1. Beispiels, methodische Fehler beim dialektischen und
wissenschaftlichen Beweisverfahren sind innerhalb des 2. Beispiels
behandelt worden. Dieses Verfahren kann aber auch durch die inhaltliche
Falschheit der Prämissen gefährdet werden, und von dieser ist im
gegenwärtigen Kapitel wenigstens insofern die Rede, als nach der
Möglichkeit gefragt wird, ob man etwas zugleich wissen und nicht wissen
kann, so daß man von dem einen, dem ein Prädikat ursprünglich zukommt,
es weiß und von dem anderen, dem es ebenso ursprünglich zukommt, es
nicht weiß. Vgl. +Maier+ 360. +Silv. Maurus+ bezieht den Ausdruck „beim
Ansatz oder der Thesis der Begriffe irren“ speziell auf die Fehler beim
apagogischen Schluß.
[268] Körperlich kommt dem Animalischen und dem Wahrnehmenden an sich
zu. Beides kann ebenso einem Dritten, z. B. dem Pferd, nach dem ganzen
Umfang der Art zukommen. Wenn man nun meint, körperlich komme allem
Animalischen und dieses jedem Pferd zu, und zugleich meint, körperlich
komme keinem Wahrnehmenden und dieses jedem Pferde zu, und aus beiden
Prämissenpaaren den Schluß zieht, so meint man gleichzeitig: jedes
Pferd ist körperlich -- kein Pferd ist körperlich.
[269] Körperlich kommt dem Lebenden und dem Animalischen zu, aber
dem Animalischen durch das Lebende. Man kann nun wieder beides jedem
Menschen zukommen lassen und so wie Anm. 64 aus je einem Prämissenpaare
die Konklusionen gewinnen: jeder Mensch ist körperlich -- kein Mensch
ist körperlich.
[270] Man kann nicht annehmen, daß körperlich jedem Animalischen
und keinem Wahrnehmenden zukommt, beides aber dem Pferde. Denn da
müssen sich die Sätze: jedes Animalische ist körperlich, und kein
Wahrnehmendes ist körperlich, widersprechen. Denn wenn man annimmt:
allem, dem animalisch zukommt, kommt körperlich zu, und weiß, daß
animalisch dem Pferde zukommt, so weiß man auch, daß dem Pferd das
Prädikat körperlich zukommt. Wenn man nun aber wieder meint, körperlich
komme keinem zu, dem Wahrnehmendes zukommt, und läßt wahrnehmend jedem
Pferde zukommen, so kann körperlich keinem Pferd zukommen.
[271] Gemeint ist, daß man zwar die beiden Prämissenpaare in Anm.
65 nicht zugleich annehmen kann, wohl aber von jedem Paare etwa den
Obersatz ohne den Untersatz oder das eine Paar ganz und von dem anderen
nur eine Prämisse. Zieht man dann die andere Prämisse nicht bei, so
zieht man auch nicht immer die Folgerung aus beiden. Und dann kann man
bezüglich dieser Folgerung auch irren. Im nachstehenden wird erklärt,
wie man eine Folgerung nicht immer absieht, um eben dies verständlich
zu machen, daß man bezüglich ihrer auch irren kann.
[272] Hier tut sich eine grundsätzliche Kluft zwischen der arist. und
der platonischen Erkenntnislehre auf, vorausgesetzt, daß +Plato+ nicht
bildlich gesprochen hat, sondern im eigentlichen Sinne zu verstehen
ist. Nach Plato würden wir keine Wissenschaft ganz neu erwerben, nach
Aristoteles aber ist jede eigentliche Wissenschaft die Gewinnung und
der Besitz eines Wissens, das wir vorher nicht gehabt haben. Der
apodiktische oder wissenschaftlich beweisende Syllogismus hat darin
seine Bedeutung, daß er das einzige uns gegebene Mittel ist, um von der
Erkenntnis der Prinzipien zu anderen Erkenntnissen fortzuschreiten, die
in den Prinzipien dem Keime nach enthalten sind.
[273] Er glaubt nicht, daß alle Mauleselinnen fruchtbar sind, weil er
keinen dahin gehenden Schluß errichtet hat. Und so ist seine Meinung,
daß diese Mauleselin trächtig ist, seiner Wissenschaft, daß alle
Mauleselinnen unfruchtbar sind, nicht entgegengesetzt und mit ihr
verträglich. Die Wissenschaft ist dreifach: allgemein, partikulär und
aktuell. Die erste hat wer weiß, daß alle Mauleselinnen unfruchtbar
sind; die zweite wer weiß, daß diese Mauleselin es ist; damit er
aber auch die dritte habe, muß er sie sehen. Denn wenn er sie nicht
mehr sieht, kann sie etwa eingegangen sein, und alsdann ist die
Wissenschaft: sie ist unfruchtbar, keine Wissenschaft mehr, weil was
nicht ist, auch nicht gewußt wird. Deshalb heißt es in der 2. Analytik,
Buch 1, Kap. 8 Anf.: „Von dem Vergänglichen gibt es keine Wissenschaft
schlechthin, sondern nur per accidens, weil die Wissenschaft von ihm
nur zu Zeiten Gültigkeit hat.“
[274] Kleon kann tapfer und lügenhaft, und so gut und schlecht sein,
und so kann was gut ist, schlecht sein.
[275] Unvermittelter Übergang zum 3. und letzten Teil des 2.
Buches! Nachdem der 1. von der Tragweite und der 2. von den Mängeln
der Schlüsse gehandelt hat, handelt der 3. von der Zurückführung
der rhetorischen Begründungen auf den Schluß. Das vorliegende
Übergangskapitel handelt von der Umkehrung der syllogistischen Begriffe
und den neuen Urteilen, die man so gewinnt und von denen im folgenden
Gebrauch gemacht werden soll. Der erste kurze Absatz enthält die 1.
Regel für die Umkehrung, die im folgenden Absatz begründet wird.
[276] Wenn man in Barbara durch vernünftig als Mittelbegriff schließt,
daß jeder Mensch lacht, und der Begriff Mensch mit dem Begriff lachen
konvertibel ist und ebenso der Schlußsatz es ist, so läßt sich auch der
Mittelbegriff mit den Außenbegriffen vertauschen und somit jede der
beiden Prämissen umkehren.
[277] 2. Regel: In einem verneinenden Schluß werden, wenn der
Mittelbegriff mit den Außenbegriffen konvertibel ist, diese negativ
unter sich vertauscht. Sind die Außenbegriffe konvertibel, so
wird auch der Mittelbegriff negativ mit demjenigen Außenbegriff
vertauscht, von dem er verneint wird. Die Regel wird in diesem
und den zwei folgenden Absätzen begründet und erklärt. -- 1. Wenn
der Mittelbegriff negativ mit dem Oberbegriff konvertibel ist, so
werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht. Denn in dem
Schluß I b: kein Vernünftiges wiehert; jeder Mensch vernünftig; kein
Mensch wiehert -- wird vernünftig negativ mit wiehern vertauscht --
kein Wieherndes vernünftig. Schließt man nun in II b: jeder Mensch
vernünftig; kein Wieherndes vernünftig; kein Wieherndes ein Mensch,
so hat man die Außenbegriffe negativ miteinander vertauscht. 2. Auch
wenn der Mittelbegriff affirmativ mit dem Unterbegriff konvertibel
ist, werden die Außenbegriffe negativ unter sich vertauscht, wenn
z. B. der Untersatz, wie vorhin, heißt: jeder Mensch ist vernünftig.
3. Wenn im Untersatz der Mittelbegriff affirmativ und im Schlußsatz
der Oberbegriff negativ mit dem Unterbegriff konvertibel ist, so
kann auch im Obersatz der Oberbegriff negativ mit dem Mittelbegriff
vertauscht werden. Beweis: Der Schluß sei: Kein Vernünftiges wiehert;
jeder Mensch vernünftig; kein Mensch wiehert. Kehrt man Unter- und
Schlußsatz um, so folgt in II b: jedes Vernünftige ein Mensch; kein
Wieherndes ein Mensch; kein Wieherndes vernünftig. Man sieht hieraus,
daß es im Text heißen muß: wem A zukommt, dem kommt C nicht zu, nicht
umgekehrt, wie Bekker hat: wem C zukommt, dem kommt A nicht zu. Wir
stehen hier auf der Seite von +Waitz+ u. +Maier+. Am Schluß bemerkt
Ar., daß man unter 3 vom Schlußsatz ausgeht, wie es bei der 1. Regel
geschah. -- Im folgenden werden noch vier weitere Regeln für die
Umkehrung der Begriffe aufgestellt und erklärt, bis 68 a 25. Bezüglich
ihrer verweisen wir der Kürze halber auf +Maier+ 340 f., Anm. 3; ebenso
für den 2. Teil des Kapitels auf 353, 1. In diesem 2. Teil wird im
Vorübergehen eine 7. Regel beigefügt, darüber, welche Opposita mehr
oder minder wünschenswert sind.
[278] Vgl. +Nikomachische Ethik+ 2, 3. 1105 b 9.
[279] Der dritte und letzte Teil des 2. Buches ist ein Gegenstück
zu dem 3. Teil des 1. Buches. Dort wurde gezeigt, wie die formlosen
Schlüsse auf die schulgerechten Schlüsse zurückgeführt werden, hier
wird gezeigt, wie andere Methoden der Begründung doch zuletzt auf
einen Schluß und eine bestimmte Figur zurückgehen müssen, wenn sie
überhaupt geeignet sein sollen, ein Urteil hervorzurufen. Insofern
bringt dieser Abschnitt eine letzte Begründung für die Wichtigkeit der
syllogistischen Theorie und für die Notwendigkeit, die Regeln alles
geordneten Schließens zu kennen und zu beobachten. In diesem Sinne
schreibt +Maier+ a. a. O. 368 ff.: „Der Syllogismus ist nicht eine
Begründungsform neben anderen, sondern die Begründungsform schlechthin.
Darum werden auch die Folgerungsmethoden, die vom normalen Syllogismus
abweichen, die syllogistische Gestalt wenigstens durchscheinen lassen
müssen, wenn anders sie Anteil haben wollen an der Stringenz, die der
syllogistischen Funktion zukommt. In der Tat liegen nicht bloß die
gewöhnlichen apodeiktischen und dialektischen Schlüsse, sondern ebenso
die rhetorischen und überhaupt alle Überzeugungsweisen, welches nun
auch ihre Argumentationsmethode sein möge, in einer der drei Figuren.
Das will der letzte Teil der ersten Analytik beweisen. Aristoteles
stellt also die nicht-syllogistischen Begründungsmethoden zusammen,
um nun auch sie auf die syllogistischen Figuren zu reduzieren: die
Induktion, das Paradeigma, die Apagoge, die Enstase und das Enthymen.
Nun lehrt die genauere Untersuchung, daß diese Begründungsmethoden
alle zuletzt auf zwei fundamental verschiedene Formen zurückgehen: den
Syllogismus und die Epagoge. In allen Fällen verwenden wir zum Beweisen
und Überzeugen entweder den Syllogismus oder die ἐπαγωγή. So ist es die
nächste Aufgabe der Untersuchung, die Epagoge auf die syllogistischen
Figuren zurückzuführen. Die übrigen ›nichtsyllogistischen‹
Begründungsmethoden sind nichts anderes als irgendwie modifizierte
Formen des Syllogismus oder der Induktion.“
[280] Man folgert z. B. durch den Außenbegriff Krähe, Elefant, Mensch,
Pferd, Maultier und alles andere Langlebige den anderen Außenbegriff
die Langlebigkeit, als Prädikat für das, was ohne (zu viel) Galle ist
und was im Syllogismus als Mittelbegriff steht. Denn der Syllogismus
würde lauten: das Gallenlose langlebig; Krähe usw. gallenlos; Krähe
usw. langlebig.
[281] Der vollkommene induktive Schluß lautet: C (jede Krähe usw.)
ist A (langlebig); B (alles Gallenlose) ist C (Krähe usw.); B (alles
Gallenlose) ist A (langlebig). Dieser Schluß setzt aber voraus, daß C
mit B konvertibel ist und es kein C gibt, das kein B ist. Die Ansicht
von +Grote+, Aristotle 190 a u. +Maier+ 371 a, als ob Zeile 68 b 24 τὸ
μέσον Nominativ wäre: „wenn der Mittelbegriff nicht noch weiter reicht
als C“, lehnen wir ab.
[282] Berufung auf die 6. Regel im vorigen Kapitel! „Wenn A und B dem
ganzen C zukommt und C mit B konvertibel ist, muß A jedem B zukommen.“
In unserem Falle kommt langlebig und gallenlos allem C zu, das ist dem,
was sich aus allen einzelnen Gliedern, Krähe usw., zusammensetzt, und
langlebig und gallenlos sind konvertibel. So muß denn alles Gallenlose
langlebig sein.
[283] Das ist der Unterschied zwischen Induktion und Syllogismus.
Die Induktion liefert die Prinzipien, erste und unvermittelte Sätze,
während der Syllogismus aus den Prinzipien durch einen Mittelbegriff
die Folgerungen zieht.
[284] Ein zweiter Unterschied dieser Begründungsmethoden! Vgl. Anm. 76.
[285] Eine Folgerung! Der Syllogismus fußt auf dem, was von Natur
früher ist, dem Mittelbegriff als dem Gedanken der Ursache, während
die Induktion auf dem fußt, was für uns früher, bekannter und
einleuchtender ist, der Erfahrung als Ergebnis der sinnlichen
Wahrnehmung. Vgl. +Topik+ I, 12 Ende und 8, 2 Anfang.
[286] Das Paradeigma oder Beispiel geht auf die Induktion zurück.
Bei der Induktion wird ein Außenbegriff dem Mittelbegriff durch den
anderen Außenbegriff vindiziert, s. Anm. 76. Dasselbe geschieht bei dem
Beispiel, nur daß der Beweis statt durch den anderen Außenbegriff durch
ein ihm Ähnliches geführt wird.
[287] Das Beispiel unterscheidet sich von dem normalen Syllogismus,
sofern dieser von dem Ganzen auf den Teil, von dem Allgemeinen auf das
Besondere schließt, während jenes von dem einen verwandten Fall auf den
anderen die Anwendung macht. Von der Induktion hinwieder unterscheidet
es sich dadurch, daß diese von den Teilen zu dem Ganzen übergeht,
während das Beispiel von einem bekannteren Teil zu einem anderen minder
bekannten gelangt. Außerdem beweist die Induktion nicht noch den
Oberbegriff, z. B. nicht gut, von einem Dritten, z. B. Bekriegung der
Thebaner durch Athen, während das Beispiel dies wohl tut.
[288] Die Abduktion, von der hier die Rede ist -- nicht zu verwechseln
mit der Apagoge im Sinne der deductio ad absurdum --, gehört hierher,
sofern auch sie eine Weise darstellt, einen Satz außerhalb des streng
syllogistischen Weges zu gewinnen, nur freilich nicht so, daß man ihn
vollständig gewinnt, sondern ihm nur näher kommt. Dies geschieht, wenn
man statt des Untersatzes entweder einen Satz nimmt, der ebenso oder
noch mehr glaubwürdig ist als der Schlußsatz oder einen solchen, der
durch weniger Zwischenglieder bewiesen wird.
[289] Jede geradlinige Figur läßt sich quadrieren; jeder Kreis läßt
sich auf eine geradlinige Figur bringen; jeder Kreis läßt sich
quadrieren. Der Obersatz ist einleuchtend, der Untersatz ist es so
wenig als der Schlußsatz. Ließe er sich aber durch einen einzigen
Mittelbegriff beweisen, so hätten wir eine Abduktion der 2. Art vor
uns. Einen solchen Mittelbegriff glaubte +Hippokrates von Chios+
gefunden zu haben. Er konstruierte Menisken oder Halbmonde um den
Kreis, die je ein Stück von ihm quadrierten, aber damit war noch
nicht der Kreis quadriert, vgl. +Prantl+, +Phys.+ 1, 2. 185 a 16.
Für solche, die sich für die Versuche der Alten zur Lösung dieses
Problems interessieren, sei noch hinzugesetzt, daß ein gewisser
Antiphon und ein gewisser Bryson der Sache auf nicht geometrische Weise
beizukommen suchten. Zwei aneinanderstoßende Seiten eines in den Kreis
gezeichneten regelmäßigen Vielecks sollten mit der wachsenden Zahl der
Seiten so klein werden, daß sie mit dem gemeinsamen Bogen über ihnen
zusammenfielen. Vgl. 2. Anal, 1, 9. 75 b 40; soph. elench. 11, 171 b
12–18; 172 a 2–7. Man ging es auch noch anders an, um wenigstens die
Möglichkeit der Quadrierung zu erhärten, vgl. uns. Übers. der soph.
Widerl. 72, Anm. 26.
[290] Wenn BC keine Vermittlung hat, so heißt das, daß der Untersatz: C
ist B, unmittelbar gewiß ist, und dann haben wir die Prämissen zu einem
wissenschaftlichen Beweis.
[291] Von dem griechischen Entstasis kommt das gerichtliche Instanz und
Instanzenzug als Stelle, wo man einen rechtlichen Einspruch anbringt,
und Stufenfolge dieser Stellen. In der Syllogistik bedeutet Entstasis
oder Instanz einen Satz, den man einem anderen entgegenstellt und durch
Schluß erhält. Es handelt sich also auch hier um die Gewinnung eines
neuen Satzes, der aber nur insofern nicht der Ertrag der normalen
syllogistischen Begründung ist, als diese sich nicht notwendig gegen
eine andere richtet.
[292] Der Schluß in III c lautet: kein Erkennbares und Unerkennbares
fällt unter eine Wissenschaft; alles Erkennbare und Unerkennbare ist
konträr; einiges Konträre fällt nicht unter eine Wissenschaft. Das
Erkennbare und das Unerkennbare ist sich freilich nicht konträr,
sondern kontradiktorisch entgegengesetzt. Das Zweite ist die Verneinung
des Ersten.
[293] Vorhin kehrte die Instanz sich gegen eine bejahende Konklusion,
jetzt kehrt sie sich gegen eine verneinende.
[294] Man kann zwar in der 2. Figur eine verneinende Instanz
geltend machen, kann z. B. gegen die Konklusion: alles Konträre
fällt unter +eine+ Wissenschaft, einwenden: nichts, was unter eine
Wissenschaft fällt, ist sich entgegengesetzt: alles Konträre ist sich
entgegengesetzt; kein Konträres fällt unter eine Wissenschaft. Aber
diese Instanz würde erst durch Umkehrung einer Prämisse die nötige
Klarheit erhalten. Auch kann die 2. Figur, weil sie nur verneinende
Schlußsätze ergibt, keinen Schluß ex signo hergeben, weil ein solcher
Schluß, wie im folgenden Kapitel erklärt wird, bejahend sein muß.
[295] Nach Erörterung der unmittelbar einleuchtenden Einwände ließen
sich auch noch solche besprechen, die nur wahrscheinlich sind: aus
dem Konträren, dem Ähnlichen, der Autorität, der Meinung. Der eine
sagt etwa: jede Freude ist gut; der andere wendet ein: nicht jede
Traurigkeit ist schlimm. Der eine sagt: die Linie besteht aus Punkten;
der andere wendet ein: die Fläche besteht nicht aus Linien. Der eine
sagt: auch die vernünftige Seele stirbt, der andere wendet auf Grund
des allgemeinen Glaubens ein: sie stirbt nicht. Gegenbedenken aus
Wahrscheinlichem lassen sich auch, wie wir hier einschalten, auf Grund
der Regeln im 2. Teil des 22. Kapitels erheben. Von der Instanz ist
auch die Rede +Topik+ 1, 12 Ende und 8, 2 Anfang; ferner im 8. Buche
in Kap. 8 und 10. Von dem verneinenden Einwand aus der 2. Figur war
schon vorhin die Rede, vgl. Anm. 90. Von dem partikulären Einwand hieß
es, daß er naturgemäß durch die 3. Figur geht, vgl. 69 b 18 f. Er kann
aber auch durch die erste gehen. Man kann z. B. gegen den Satz: kein
Konträres fällt unter das nämliche Wissen, in der 3. Figur einwenden:
Gesundes und Ungesundes ist konträr; einiges Konträre fällt unter
das nämliche Wissen. Man kann aber ebenso in der 1. Figur einwenden:
Gesundes und Ungesundes fällt unter das nämliche Wissen; einiges
Konträre ist gesund und ungesund; einiges Konträre fällt unter das
nämliche Wissen.
[296] Das Enthymema, im Eingang der 2. Analytik als rhetorischer
Schluß bezeichnet, ist die letzte Begründungsmethode, die hier
in Betracht kommt. Ihr Besonderes ist, daß sie oft nur ein
wahrscheinliches Ergebnis liefert. Da in der Definition des Enthymema
das Wahrscheinliche, εἰκός, und das Zeichen, σημεῖον steht, so
werden diese beiden vorher begrifflich bestimmt. Sie unterscheiden
sich dadurch, daß das Erste ein Urteil für sich ist, während das
Zweite als Voraussetzung für andere Sätze dient. Ein bemerkenswertes
Beispiel für die Verwendung des σημεῖον auch in der wissenschaftlichen
Darstellung findet sich gleich in den ersten Sätzen der Metaphysik.
Zur Begründung des gleichsam thematisch vorangestellten Axioms: „alle
Menschen verlangen von Natur zu wissen“, heißt es: „ein Zeichen
dessen ist die Wertschätzung der Sinneswahrnehmungen, an denen wir
uns um ihrer selbst willen freuen, weil sie uns die Dinge in ihrer
Eigentümlichkeit erkennen lassen.“ Der Trieb verrät sich in der Neigung
und die Neigung in der Freude. Nun ist die sinnliche Erkenntnis zwar
kein Wissen, aber dieses wird aus ihr geschöpft, und so ist die Freude
an ihr ein σημεῖον, ein Zeichen, für den allen Menschen eingepflanzten
Wissenstrieb.
[297] Statt „Schluß“ in der Definition des Enthymema 70 a 10 haben
einige Handschriften „unvollkommener Schluß“, συλλογισμὸς ἀτελής, als
müßte immer eine Prämisse fehlen, eine Lesart, die von Julius Pacius im
Kommentar zu dieser Stelle, von Silv. Maurus und den Neueren mit Recht
abgelehnt wird. -- Für die 1. Figur ist der natürliche Mittelbegriff
derjenige, der wirklich in der Mitte steht, so daß er nicht so
umfassend und allgemein ist wie der Oberbegriff und allgemeiner als
der Unterbegriff oder mit ihm konvertibel, für die zweite ist es der,
der allgemeiner ist als die Außenbegriffe und deshalb in den Prämissen
Prädikat ist, für die dritte der, der nicht so allgemein ist wie die
Außenbegriffe und deshalb in den Prämissen Subjekt ist. Analog ist
es mit dem „Zeichen“. Das Zeichen „Milch haben“ hat nicht den Umfang
von empfangen haben und geht über Frau hinaus, das letztere, sofern
jede Person, bei der es sich findet eine Frau ist, aber nicht jede
Frau es aufweist. Das Zeichen „Pittakus“ hat nicht den Umfang von
tugendhaft und weise, und das Zeichen „blaß“ hat einen größeren Umfang
als schwanger und die und die. -- Zu der Stelle und dem Folgenden
vergleiche man +Trendelenburg+, Erläuterungen zu den Elementen der ar.
Logik § 37, S. 76–81, und +Rhetorik+ I, 2. 1357 a 32--b 21.
[298] In der 1. Figur folgt der aus dem Zeichen abgeleitete Satz
notwendig. Z. B. folgt aus den Prämissen: jede Frau, die Milch hat, hat
empfangen; diese Frau hat Milch, notwendig: diese Frau hat empfangen.
Gleichwohl ist dieser Schluß keine Apodeixis, kein wissenschaftlicher
Beweis. Er geht nicht von dem aus, was von Natur früher ist. Die Frau
hat nicht empfangen, weil sie Milch hat, sondern sie hat Milch, weil
sie empfangen hat. Ebenso ist es mit dem vorhin, Anm. 92, angeführten
Zeichen aus Met. 1, 1. Wir haben den Wissenstrieb nicht, weil uns die
Wahrnehmung Freude macht, sondern die Wahrnehmung macht uns Freude,
weil wir den Trieb zum Wissen haben, das in gewissem Sinne aus der
Wahrnehmung geschöpft wird. Was weiterhin die 3. Figur angeht, so
folgt zwar auch in ihr etwas notwendig, aber das, was man will, folgt
nicht notwendig. Z. B. wenn Pittakus tugendhaft ist und Pittakus weise
ist, folgt nicht, daß die Weisen oder Philosophen tugendhaft sind,
sondern nur, daß ein Weiser, eben Pittakus, tugendhaft ist. In der 2.
Figur folgt nichts notwendig, sondern der Schlußsatz ist immer nur
wahrscheinlich.
[299] Tekmerion, das wir vorhin als strengen Beleg bezeichnet haben,
nennt Trendelenburg a. a. O. S. 77 beweisendes Zeichen, wozu man Anm.
94 vergleichen möge.
[300] Der physiognomische Schluß gehört als Teil in die Semiotik,
er ist eine besondere Art desjenigen Schlusses, der auf Zeichen
fußt. Gegenwärtig bezieht man die Physiognomik ausschließlich auf
den Menschen, man schließt aus dem Äußeren auf das Innere. Die ar.
Physiognomik ist teils weiteren, teils engeren Umfangs als die moderne,
weiteren Umfangs, sofern sie auch die Tiere einbegreift, engeren,
sofern sie beim Menschen nur auf diejenigen seelischen Erscheinungen
und Eigenschaften schließt, die der Seele, um mit Aristoteles zu
reden, mit dem Leibe gemeinsam sind, sofern ihr Subjekt oder Träger
der beseelte Leib ist. Von der Art sind z. B. der Zorn und die
Begierde. Die moderne Physiognomik zieht dagegen aus dem Körperlichen,
wie Gesichts- und Kopfbildung, Folgerungen auf den Geist, z. B. auf
spekulative Anlage oder auf Geistesschärfe. Die arist. Physiognomik
scheint insofern wissenschaftlicher zu sein, als der beseelte Leib und
seine Organe der Träger der sinnlichen Erscheinungen sind, während das
Denken und wollen nur der Seele angehört, vgl. de anima 1, 1 und 3, 4.
Namen- und Sachverzeichnis.
A
Abduktion, Apagoge, Umbiegung, 69 a 20.
Affekt, physischer, verändert Leib u. Seele zugleich, 70 b 8.
Affekt, seine Anzeichen, 70 b 13.
Aktueller Irrtum, 67 b 5.
Aktuelles Wissen, 67 b 3 u. 5.
Allgemeines, auf keine bestimmte Zeit beschränkt, 34 b 17.
Allgemeinstes, von ihm nichts ausgesagt, 43 a 36.
Ansatz der Begriffe, Ekthesis, 48 a 1, 49 a 27;
falscher Ansatz Z. 25.
Anschauung hat didaktischen Wert, 50 a 1.
Aristomenes, der denkbare, 47 b 21.
Astronomie, wie ihre Prinzipien gefunden worden sind, 46 a 19.
Athener, 69 a 1.
B
Begriffe, minder gut gewählte, 35 a 2;
ihre Lage, 35 a 11.
Außenbegriff, Mittelbegriff, 25 b 36.
Ober-, Unterbegriff, 26 a 21 f, 26 b 37, 28 a 13.
Begriffsreihe, Systoichia, 66 b 27.
Beweis, auseinander, 57 b 18, 59 a 32.
Beweis, deiktischer, gleich direkter Beweis, 63 b 12.
Indirekter Beweis für allgemein bejahende Sätze ist in der 1. Figur
unmöglich, 61 a 34.
E
Eigentümliche Bestimmung, proprium, 43 b 2 u. 7.
Eigentümliche Prinzipien der Wissenschaften, 46 a 17.
Eins oder Monas, nach den Platonikern Substanz, 27 b 7.
Einsatz einer Behauptung, Metalepsis, 41 a 39.
Einteilung der Platoniker ist gleichsam ein schwacher Schluß, 46 a 32.
Erhebung und Auswahl der Prämissen, 43 b 1.
Eros, der achtet die Liebe höher als den Verkehr, 68 b 4.
Erstes Falsches, 66 a 16.
Extremitäten, große, zeigen Mut an, 70 b 16.
F
Falsches, aus ihm kann Wahres folgen, aber nicht wie aus seinem
Grunde, 53 b 7, 55 b 3, 56 b 4. Dagegen kann aus entgegengesetzten
Prämissen nicht Wahres folgen, 64 b 8.
Falsch -- unmöglich, 34 a 25.
Fassung, sprachlich falsche der Begriffe, 48 a 8.
Figur der Schlüsse, 26 a 13.
G
Ganzes und Teil bei entgegengesetzten Schlußsätzen, 64 a 17.
Gegensatz ist vierfach, 63 b 24, dreifach 26.
Gegensätze richtig zu fassen, 52 b 15.
Gegenteil bei den indirekten Schlüssen zu setzen, 62 b 26.
Gott nach außen tätig, 48 b 35.
Gut -- das Gute, 49 b 10.
H
Halbmonde, Menisken, 69 a 33.
Hauptprämisse, 42 b 1.
Herausheben, 30 a 9 u. 11, 30 b 31.
Heraushebung, 28 a 23, 28 b 14.
Hypothetische Schlüsse, 40 b 25, 28; 41 a 38; 45 b 16 u. 20;
lassen sich nicht reduzieren, 50 a 16.
I