[230] Die Umkehrung zeigt die Tragweite des Schlusses nicht wie der

Zirkelbeweis aus der Konklusion, sondern aus deren Gegenteil. In dem

Zirkelbeweis wird die Konklusion und eine Prämisse zum Beweise der

anderen Prämisse verwandt. Bei der Umkehrung wird das Gegenteil der

Konklusion und eine Prämisse zur Widerlegung der anderen Prämisse

verwandt. Von der Umkehrung des Syllogismus liest man im Anfang des

Schlußkapitels der +Topik+: „Um aber in dieser Art von Beweisführungen

Übung und Gewandtheit zu erlangen, muß man sich erstens die Kunst

aneignen, die Schlüsse umzukehren. So wird man einmal die Probleme

geschickter begründen können und dann die volle Fertigkeit gewinnen,

in wenigen Schlüssen gleichsam viel zu erhalten. Denn einen Schluß

umkehren heißt, das Gegenteil der Konklusion nehmen und mit ihm und den

übrigen Prämissen einen von den gegebenen Sätzen umstoßen. Denn wenn

die Konklusion nicht gilt, wird notwendig einer von den Vordersätzen

aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus ihrer

Gesamtheit schöpfte.“

[231] +Maier+ schreibt a. a. O. 342: „Zu bemerken ist, daß Aristoteles

in diesem Zusammenhang zu den konträren Gegensätzen auch das Verhältnis

von partikulär bejahenden und partikulär verneinenden Urteilen

zählt“. Das tut Ar., weil das part. vern. Urteil mehr ist als die

bloße Verneinung eines part. bej. Urteils und ein größerer Gegensatz

zu ihm. Von: manches Animalische lacht, ist die Verneinung nicht:

manches Animalische lacht nicht, sondern: kein Animalisches lacht,

was auch wahr ist, wenn kein Animalisches ist. Sagt man aber: manches

Animalische lacht nicht, so behauptet man, daß ein Animalisches ist und

nicht lacht.

[232] Der ursprüngliche Syllogismus: jeder Mensch vernünftig; einiges

Animalische ein Mensch; einiges Animalische vernünftig. Dann ist der

Syllogismus aus dem Kontradiktorium der Konklusion und dem Obersatz:

jeder Mensch vern.; kein Anim. vernünftig; kein Anim. ein Mensch. So

wird also der Untersatz aufgehoben. Der Obersatz wird es so: kein Anim.

vern.; einiges Animal. Mensch; mancher Mensch nicht vernünftig. Nimmt

man aber das konträre Gegenteil der Konklusion: einiges Animalische

ist nicht vernünftig, so wird keine Prämisse aufgehoben. Bei den

allgemeinen Schlußformen kommt es vor, daß der Schlußsatz, der sich aus

der Umkehrung ergibt, nur kontradiktorisch, nicht konträr aufgehoben

wird. Daraus sind die Worte 59 a 39 ff. verständlich. Es ist der

Obersatz, der nur kontradiktorisch aufgehoben wird, wie vorhin im 3.

Absatz dieses Kapitels gezeigt wurde. Beispiel: der ursprüngliche

Schluß: alles Vernünftige lacht; jeder Mensch vernünftig; jeder Mensch

lacht. Umkehrung: kein Mensch lacht; jeder Mensch vernünftig; manches

Vernünftige lacht nicht.

[233] Das eine Mal sind die Prämissen das konträre Gegenteil der

Konklusion und der Untersatz, das andere Mal jenes und der Obersatz. In

beiden Fällen ergibt sich kein Schluß.

[234] Wenn der ursprüngliche Schluß in Disamis ist, so laute er:

einiges Animalische ist Mensch; alles Animalische lebt; einiges

Lebende ist Mensch. Aus den Prämissen: einiges Lebende ist kein Mensch

-- einiges Animalische ist Mensch, folgt nichts. Denn beide sind

partikulär. Aber auch aus der ersten dieser Prämissen und dem Satz:

jedes Animalische lebt, folgt nichts, weil in der 1. Figur der Obersatz

allgemein sein muß. Ist der ursprüngliche Schluß in Datisi, so sei er:

jeder Mensch ist animalisch; mancher Mensch ist weiß; manches Weiße

animalisch. Aus dem Kontrarium der Konklusion: manches Weiße ist nicht

animalisch, und dem Untersatz folgt nichts, weil beide Sätze partikulär

sind. Aus jenem und dem Obersatz folgt nichts, weil sich in der 2.

Figur aus einem partikulären Obersatz und einem verneinenden Untersatz

kein Schluß ergibt.

[235] Daß bei dem indirekten Beweisverfahren das kontradiktorische

Gegenteil der Annahme wahr ist, ergibt sich ohne Zugeständnis und liegt

am Tage, einzig auf Grund des Unmöglichen oder Falschen, das sich aus

der Annahme ergeben würde, da aus Wahrem nichts Falsches folgen kann.

-- Vorgreifend hat die Analytik von dem apagogischen Verfahren bereits

in der Lehre von der Errichtung der Schlüsse im 29. Kap. des 1. Buches

gehandelt, wo auch auf das gegenwärtige Kapitel hingewiesen wird. Hier

ist der eigentliche Ort, um von dem apagogischen Verfahren zu handeln,

weil es den Schluß, der in den Dienst dieses Verfahrens gestellt werden

soll, schon als errichtet voraussetzt. -- Man sollte meinen, es bedürfe

keiner eigenen Erörterung der apagogischen Schlüsse, da sie, sofern sie

einen bestimmten Satz auf direktem Wege gewinnen, an die allgemeinen

Regeln gebunden sind. Aber der so zu gewinnende Satz muß das

Kontradiktorium des anderen Satzes sein, der apagogisch bewiesen werden

soll, und daraus ergeben sich besondere Bestimmungen. Dieselben kommen

darauf hinaus, daß ein allgemein bejahender Satz nur in der 2. und 3.

Figur apagogisch bewiesen werden kann, während direkt nur die 1. Figur

solche Sätze ergibt, die 2. nur verneinende, die 3. nur partikuläre.

[236] In beiden Fällen nimmt man als Prämissen das Gegenteil der

Konklusion und einen anderen Satz.

[237] Es soll indirekt bewiesen werden: jeder Mensch lacht. Man nehme

zuerst das Kontradiktorium an: mancher Mensch lacht nicht. Verwende

man nun diese Prämisse als Ober- oder als Untersatz: man erhält keinen

Beweis durch einen Schluß in der 1. Figur. Denn in der 1. Figur darf

der Obersatz nicht partikulär und der Untersatz nicht verneinend sein.

Man nehme dann das Kontrarium an: kein Mensch lacht. Verwendet man

diese Prämisse als Untersatz, so erhält man keinen Schluß, wieder weil

der Untersatz in der 1. Figur nicht verneinend sein darf. Verwendet man

sie aber als Obersatz, so läßt sich zwar ein Schluß gewinnen und daraus

die Falschheit der Annahme ableiten, daß kein Mensch lacht. Aber wenn

dieses falsch ist, so ist es noch nicht wahr, daß jeder Mensch lacht.

Denn dieses ist nicht sein Kontradiktorium.

[238] Die Worte 62 a 12: οὕτω γὰρ τὸ ἀναγκαῖον ἔσται καὶ τὸ

ἀχίωμα ἔνδοξον, übersetzen +Bender+ und +v. Kirchmann+ falsch und

unverständlich. Jener hat: „nur so ergibt sich das notwendige und

wird der angenommene Satz (die ursprüngliche Thesis) einleuchtend,“

dieser: „nur so ergibt sich eine Notwendigkeit und wird der angenommene

Satz glaubwürdig.“ Ähnlich auch Maier 241, 3: „und die Folgerung

wird evident sein“; vgl. ibid. S. 243. Auch heißt endoxon nicht

einleuchtend. Auffallend ist aber, daß das fragliche Axiom endoxon

genannt wird: es ist ja wirklich einleuchtend. Aber endoxon hat

zwei Bedeutungen: probabel und gefeiert, entsprechend der doppelten

Bedeutung von doxa. +Waitz+ schreibt S. 505 zutreffend: „ἀχίωμα ἔνδοξον

appellat quod 61 a 25 dixit manifesto verum esse, ut non pendeat ex

concessione, sed non dari nequeat.“ Vgl. A. 31.

[239] Es sei indirekt zu beweisen: manches Animalische lacht. Der

Beweis gelingt bei Annahme des Kontradiktorium: es ist nicht wahr,

daß manches Animalische lacht, oder: es lacht kein Animalisches. Er

gelingt nicht bei Annahme des Kontrarium. Das Kontrarium ist nach A 27:

manches Animalische lacht nicht. Nehmen wir dieses als Untersatz, und

als Obersatz die Prämisse: alles Vernünftige lacht, so folgt: manches

Animalische nicht vernünftig. Da das nun möglich ist, weil es zuläßt,

daß auch manches Animalische vernünftig ist, so erhält man keinen

Beweis; vgl. Kap. 11, drittletzter Absatz.

[240] Indirekt zu beweisen: jeder Mensch lacht. Angenommen: mancher

Mensch lacht nicht, dazu: jeder Mensch vernünftig; also manches

Vernünftige lacht nicht. Also Annahme falsch. Also wahr: jeder Mensch

lacht. Nimmt man aber das konträre Gegenteil an: kein Mensch lacht,

und dazu: jeder Mensch vernünftig, so folgt: manches Vernünftige lacht

nicht. Also falsch, daß kein Mensch lacht, aber noch nicht wahr, daß

jeder Mensch lacht.

[241] In den beiden letzten Figuren werden auch allgemein bejahende

Sätze oder Probleme bewiesen, aber nur in gewisser Weise, d. h.

indirekt. Aristoteles sagt hier nur, daß so in der 2. Figur das

Bejahende, in der 3. das Allgemeine bewiesen wird. Die 2. Figur ergibt

direkt nur verneinende, die 3. partikuläre Sätze. Vgl. A. 31.

[242] Im folgenden wird nur der zweite Teil dieses Themas ausgeführt,

daß jeder indirekte Beweis in einen direkten verwandelt werden kann.

Das „aber nicht in denselben Figuren“ lassen die Codices ABC aus, es

versteht sich aber von selbst, daß es inhaltlich richtig ist. Es wird

nun zuerst von den indirekten Beweisen der 1. und dann von denen der 2.

und der 3. Figur gezeigt, wie sie in direkte Beweise umgekehrt werden.

Bei den indirekten Beweisen der 1. Figur wird es zuerst an denen mit

einem allgemein verneinenden, dann an denen mit einem partikulär

verneinenden und endlich an denen mit einem partikulär bejahenden

Ergebnis gezeigt. Entsprechend in den anderen Figuren.

[243] Zur Begründung des Satzes: kein Mensch ist ein Pferd, sei

folgender apagogische Schluß in I 3 errichtet worden: jedes Pferd

unvernünftig; mancher Mensch ein Pferd; mancher Mensch unvernünftig.

Das ist unmöglich, also gilt: kein Mensch ein Pferd. Nun wird in II 2

aus dem Obersatz: jedes Pferd unvernünftig; und dem Kontradiktorium

der unmöglichen Konklusion, das lautet: kein Mensch unvernünftig; die

Konklusion abgeleitet: kein Mensch ein Pferd.

[244] A sei Mensch, B animalisch, C lachend. Es sei indirekt bewiesen:

manches Animalische ist ein Mensch. Denn angenommen, kein Animalisches

sei ein Mensch. Nimmt man dazu: alles Lachende ist animalisch, so

folgte: kein Lachendes ist ein Mensch. Da hieraus die Falschheit der

Annahme erhellt, so gilt: manches Animalische ist ein Mensch. Dasselbe

läßt sich direkt in III 5 (bei anderen Begriffen auch in III 1)

beweisen: manches Lachende ein Mensch; alles Lachende animalisch. Der

Zusatz: „ebenso, wenn man B oder A +einem+ C zukommen läßt“, bedeutet:

einen eben solchen partikulär bejahenden Satz erhält man, wenn man

statt Darapti die modi Datisi oder Disamis nimmt.

[245] Das der Grund, daß der ursprünglich erste Teil des Themas, vgl.

Anm. 38, nicht weiter ausgeführt wird.

[246] Die Tragweite der Schlüsse erhellt auch daraus, daß ihre

Prämissen, verbunden mit ihrem Gegenteil, neue Schlußsätze ergeben

können. Bezüglich der 4 gegensätzlichen Urteile vgl. Kap. 8, Abs. 2

und Anm. 27. Der Gegensatz: einem, einem nicht, ist nur nominell,

weil in dem „einem“ das „einem nicht“ schon liegt. +Maier+ II a 349

scheint diesen Gegensatz so zu verstehen: einiges -- nicht einiges.

Ebenso +Bender+. +v. Kirchmann+ hat unverständlich: „das ›Einige‹ ist

dem ›Nicht-Einigen‹ nur im Ausdrucke entgegengesetzt.“ Dagegen erklärt

er in den Erläuterungen N. 234, S. 222 richtig: „daß bei Dingen, wo

bloß einigen derselben ein bestimmtes Prädikat zukommt, notwendig den

übrigen dieses Prädikat nicht zukommt; deshalb ist mit dem Satze: A in

einigen B, im strengen Sinne aufgefaßt, d. h. als: +nur+ in einigen B,

zugleich allemal auch gesetzt, daß A in einigen B nicht enthalten sei.“

[247] Jeder Syllogismus schließt entweder bejahend oder verneinend.

Schließt er bejahend, so müssen beide Prämissen bejahend sein. Nun

ist aber von entgegengesetzten Prämissen die eine bejahend und die

andere verneinend. Schließt er verneinend, so ist zu bedenken, daß

Prämissen, um entgegengesetzt zu sein, dasselbe Prädikat von demselben

Subjekt bejahen oder verneinen müssen. In der 1. Figur wird aber in der

einen Prämisse der Oberbegriff von dem Mittelbegriff verneint und in

der anderen nicht der Oberbegriff, sondern der Mittelbegriff von dem

Unterbegriff bejaht.

[248] Die Konklusion ist ein Absurdum, aber rechtmäßig abgeleitet.

[249] In dem 2. Beispiel galt die Prämisse: die Heilkunst ist nicht gut

(kein C ist A) oder nicht sittlich gut, απουδαία, für allgemein gleich:

keine Heilkunst ist sittlich gut; ebenso im 3. Beispiel die Prämisse:

die Heilkunst ist Meinung (A kommt jedem C zu). Wenn es im folgenden

heißt, daß das dem Mittelbegriff Untergeordnete sich entweder decken

oder wie Teil und Ganzes sein muß, so sind mit dem Untergeordneten, das

im Griechischen Pluralis ist, die Außenbegriffe gemeint.

[250] In dem Gegenstand der Topik, der Dialektik, handelt es sich nicht

darum, die Wahrheit zu beweisen, sondern eine Position zu verfechten.

Als Dialektiker würde man z. B. die Absicht verschleiern, den Satz

zu gewinnen, daß eine Heilkunst nicht sittlich gut ist, aus dem und

dem anderen, daß jede es ist, folgen muß, daß das sittlich Gute nicht

sittlich gut ist, sondern man wird sich zuerst einräumen lassen: jede

Heilkunst ist sittlich gut; dann wird man die Prämissen feststellen für

die Konklusion: eine Heilkunst ist nicht sittlich gut, und dann erst

aus dieser und daraus, daß jede gut ist, die Folgerung ziehen. Vgl.

+Topik+ 8, 1. -- Wenn Ar. hier von der Topik wie von einem früheren

Werke spricht, so folgt daraus für die Zeit der Abfassung nichts

Sicheres.

[251] Da drei Gegensätze sind, ein konträrer und zwei

kontradiktorische, und jeder zweifach sein kann, indem entweder der

Obersatz bejahend und der Untersatz verneinend ist oder umgekehrt, so

ergeben sich sechs entgegengesetzte Aussagen. Die Fälle, die durch die

Buchstaben als Beispiel angeführt werden, sind aus der 2. Figur. In der

ersten sind keine Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen möglich.

[252] Hier wird gefolgert, daß sich in den Trugschlüssen aus dem

Gegenteil der Annahme das Gegenteil der Konklusion ergibt. Die wahre

Konklusion, z. B.: vier ist gerade; wird aus dem Obersatz gewonnen:

jede durch 2 teilbare Zahl ist gerade. Setzt man statt dessen: keine

durch 2 teilbare Zahl ist gerade, so folgt: vier ist keine gerade Zahl.

[253] Schlußsätze wie dieser: das Nichtweiße ist weiß, erhält man nur

dann durch einen einzigen Schluß, wenn die Prämissen etwa lauten:

jedes Animalische ist weiß und nichtweiß; jeder Mensch ist animalisch,

obgleich hier zunächst nur folgt: der Mensch ist weiß und nichtweiß,

und daraus erst: das Nichtweiße ist weiß. Sonst aber muß man entweder

das eine Glied des Gegensatzes direkt aufstellen und das andere durch

Schluß gewinnen, oder beide durch Schluß. Im zweiten Falle wird die

Absicht der Widerlegung noch besser verschleiert als im ersten, vgl.

Anm. 46. Aus dieser Erklärung sieht man, daß die angenommene Lesart die

richtige ist. Darauf hat schon +Waitz+ S. 511 f. aufmerksam gemacht,

vgl. auch +Maier+ II a 352. -- Der letzte Satz in diesem Kapitel 64

b 25 ff. scheint auf die Erklärung über die Weisen des Gegensatzes

zurückzuverweisen, die am Anfang des Kapitels steht.

[254] Hier beginnt der 2. Teil des 2. Buches, der bis Kap. 21

einschließlich geht. Er handelt von den Schwächen und Mängeln des

Syllogismus, nachdem der 1. Teil von seiner Tragweite und Kraft

gehandelt hat. Fehler beim Schließen sind freilich bereits im 3. Teil

des 1. Buches erörtert worden. Aber das waren, wie +Maier+ 353 f. mit

Recht bemerkt, formale Verstöße gegen die syllogistischen Regeln. Noch

ist aber auf allgemein methodische Fehler hinzuweisen, die den +Beweis+

gefährden. Es sind das Verstöße, die vorliegen können, auch wenn der

Syllogismus selbst formell völlig korrekt ist. Ein erster Fehler dieser

Art ist die sog. petitio principii, τὸ ἐν ἀρχᾖ oder ἐξ ἀρχῆς αἰτεῖσθαι,

vgl. +Soph. Widerll.+ 5, 167 a 36 ff.; 6, 168 b 22 ff.; 7, 169 b 13;

27, 181 a 15 ff. Er besteht darin, daß man voraussetzt, was zu beweisen

ist. Die lat. technische Bezeichnung ist, wie +Trendelenburg Elem. log.

Arist+. § 42 betont, nicht ganz zutreffend. Ein Prinzip kommt hier

nicht in Frage, sondern eine von Anfang ins Auge gefaßte Folgerung, die

man, statt sie zu beweisen, vorausgesetzt; vgl. in unserer Übersetzung

der Soph. Widerll. Anm. 58.

[255] Sie setzen entweder voraus, daß sie nicht konvergieren, oder, daß

die Gegenwinkel, die eine Transversale mit ihnen bildet, sich gleich

sind, was beides doch erst eine Folge der Parallelität ist.

[256] A sei eine Winkelsumme von 2 Rechten haben, B dreiseitige Figur,

C Dreieck. Es soll unbekannt sein, daß das Dreieck eine Winkelsumme

von 2 Rechten hat, aber ebensowenig bekannt, daß die dreiseitige Figur

sie hat. Postuliert man nun, daß die dreiseitige Figur sie hat, so ist

es noch nicht klar, daß eine petitio principii vorliegt. Denn es kann

ja auch ein B und ein C geben, die voneinander verschieden sind. Wohl

aber liegt am Tage, daß man mit Hilfe eines solchen Postulates keinen

apodiktischen Schluß errichten kann, weil das Beweismittel logisch

früher sein muß als das Demonstrandum. Wenn aber, wie in unserem Falle,

C und B, Dreieck und dreiseitige Figur, identisch und umkehrbar sind,

so liegt tatsächlich die petitio principii vor. Denn man beweist idem

per idem. Ob aus der gleichseitigen Figur auf das Dreieck geschlossen

wird, oder umgekehrt, trägt nichts aus. -- Mit νῦν δὲ τοῦτο κολύει Z.

17 scheint gemeint: nun aber steht die Unterlassung der Umkehrung der

Begriffe der Führung eines förmlichen Beweises oder der Errichtung

eines förmlichen Schlusses im Wege. Es scheint nicht gemeint, was

+Maier+ 355, 1 angibt: „nun aber verhindert man das.“ Dagegen hat Maier

das Folgende, Z. 18 f., vortrefflich erklärt, und wir sind ihm in

der Wiedergabe gefolgt. Nimmt man die Umkehrung vor, so beweist man,

daß A dem B zukommt. Der Schluß heißt dann: jedes Dreieck hat eine

Winkelsumme von 2 Rechten; jede dreiseitige Figur ist ein Dreieck; jede

dreiseitige Figur hat eine Winkelsumme von 2 Rechten. Hier wird τόἐξ

ἀοχῆς postuliert.

[257] Der Fall unterscheidet sich von dem vorigen dadurch, daß nicht

der Obersatz, sondern der Untersatz so wenig bekannt ist wie der

Schlußsatz. Beispiel. Alles, was lacht, weint auch; jeder Mensch lacht;

jeder Mensch weint.

[258] In den bejahenden Schlüssen kann die petitio principii wie in der

1. so in der 3. Figur vorkommen, nicht in der 2., die keine bejahenden

Schlüsse hat. Beispiel: Manches Animalische weint; jedes Animalische

nimmt wahr; manches Wahrnehmende weint. Man kann ebensogut sagen:

Manches Wahrnehmende weint; jedes Wahrnehmende ist ein animalisches

Wesen; manches Animalische weint. In den verneinenden Schlüssen kann

die verneinende Konklusion und die bejahende Prämisse nicht identisch

sein, und darum kommen für die 1. und für die 3. Figur nur die Fälle

in Betracht, wo dieselben Bestimmungen einem tatsächlich identischen

Subjekt abgesprochen werden. Beispiel: Keine dreiseitige Figur hat

eine Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jede dreiseitige

Figur ist ein Dreieck; kein Dreieck hat eine Winkelsumme, die nicht 2

Rechten gleich ist. Man kann ebensogut sagen: kein Dreieck hat eine

Winkelsumme, die nicht 2 Rechten gleich ist; jedes Dreieck ist eine

dreiseitige Figur; keine dreiseitige Figur hat usw. In der 2. Figur

kommen umgekehrt nur die Fälle in Betracht, wo demselben Subjekt

tatsächlich identische Bestimmungen abgesprochen werden. Beispiel:

Jede Tugend ist ein löblicher Habitus; die Feigheit ist kein löblicher

Habitus; die Feigheit ist keine Tugend. Man könnte ebensogut sagen:

jeder löbliche Habitus ist eine Tugend; die Feigheit ist keine Tugend;

die Feigheit ist kein löblicher Habitus; vgl. +Maier+ 356 f.

[259] Vgl. +Topik+ 8, 13 Anfang: „Wie der Fragende das ursprünglich

zur Erörterung Stehende und das Gegenteil fordert, ist für den

Fall, daß das Gespräch um der Wahrheit willen geführt wird, in der

Analytik erklärt worden; wie man es aber fordert, wenn es sich um

Wahrscheinliches handelt, soll jetzt erklärt werden usw.“

[260] Bei dem apagogischen Verfahren zeigt man, daß das

kontradiktorische Gegenteil, die Antiphasis, des Demonstrandum auf ein

falsum führt. Wenn man nun einwendet, daß das falsum nicht aus der

Antiphasis entspringt, so richtet man sich gewissermaßen gegen diese

selbst, und in diesem Sinne redet Aristoteles hier. Man vergleiche,

auch zu der Wiedergabe der unmittelbar folgenden Sätze, +Maier+ 245, 1.

[261] Der Einwand: die Falschheit entspringt nicht aus der Annahme, hat

also auch im verneinenden deiktischen Schluß keine Stelle.

[262] Unter Topik sind die sophistischen Widerlegungen verstanden.

Vgl. uns. Übersetzung der letzteren, Einl. IV. Gemeint ist die Stelle

5, 167 b 21 ff. Das Beispiel von der absurden Behauptung des Zeno zielt

darauf, daß dieser Sophist die Bewegung leugnete, weil, wie er vorgab,

die Annahme einer Bewegung den Satz umstoßen würde, daß das Unendliche

nicht durchmessen oder durchschritten werden kann. Er illustrierte,

wie man weiß, diesen Gedanken an dem Beispiel des Achilles, der eine

Schildkröte verfolgt und sie nie erreicht, vgl. +Physik+ 6, 2. 233 a 21

ff. und besonders 9, 239 b 14 ff. Man könnte also daraufhin schließen:

gesetzt die Seite und die Diagonale des Quadrates wären kommensurabel,

dann würde, eben durch die Messung, das Unendliche durchschritten,

was unmöglich ist. Also sind sie nicht kommensurabel. Aber das

Durchschreiten des Unendlichen folgt nicht aus der angenommenen

Messung, sondern aus der Annahme, daß jede Strecke unendlich viele

aktuelle Teile hat. Wenn Aristoteles sagt, daß die falsche Folge mit

der anfänglichen Annahme in diesem Beispiel gar nicht zusammenhängt,

so meint er, daß das Beweismittel -- die Strecke hat unendlich viele

Teile -- mit der Annahme -- Seite und Diagonale haben ein Maß -- keinen

Terminus gemein hat. Er meint aber selbstverständlich nicht, daß die

Folge mit der Annahme so wenig zu tun hat, wie eine beliebige falsche

Folge mit einer beliebigen Annahme. Das müßte z. B. +v. Kirchmann+

annehmen, wenn er Erläuterung 239 d, S. 233 schreibt: „Es würde der

logisch falsche Unmöglichkeitsbeweis lauten: die Diagonale des Quadrats

ist durch die Seitenlinie des Quadrats meßbar. Nun folgt der Beweis

des Zeno, dessen Schlußsatz lautet: also gibt es keine Bewegung. Da

nun dieser Schlußsatz unmöglich ist, so könnte man sagen: Also ist der

Obersatz falsch, mithin sein Gegensatz wahr, d. h. die Diagonale wird

nicht durch die Seitenlinie gemessen. Hier kann man nun einwenden: daß

das Falsche des Obersatzes nicht aus dem unmöglichen Schlußsatze folge,

weil sie beide keinen solchen logischen Zusammenhang haben, wie es zu

einem richtigen Schluß gehört.“

[263] Das ist der Fall, in dem der Beweis für das Absurdum mit der

falschen Annahme einen Terminus gemein hat. 1. Beispiel: Alles

Vernünftige ist ein Mensch; alles Wahrnehmende ist vernünftig; jedes

Pferd nimmt wahr; also ist jedes Pferd vernünftig. Das ist absurd. Also

ist es falsch, daß alles Vernünftige ein Mensch ist. 2. Beispiel: Alles

Wahrnehmende ist vernünftig; jeder Vierfüßler nimmt wahr; jedes Pferd

ein Vierfüßler; also jeder Vierfüßler vernünftig. Das ist absurd. Also

ist es falsch, daß jedes Pferd ein Vierfüßler ist.

[264] Die Konvergenz zweier Parallelen kann sowohl aus der Ungleichheit

der Gegenwinkel folgen, die durch sie und eine Transversale gebildet

werden, als auch daraus, daß sie mit der Transversalen, die senkrecht

auf ihnen steht, ein Dreieck bilden. Den Einwand und seine Lösung hat

+Maier+ 248 f. gut erklärt.

[265] Dieses Kapitel ist praktischer Natur: es gibt an, wie man beim

Disputieren einer Niederlage vorbeugt und die eigene Sache zum Siege

führt. Mit dem Vorausgehenden hängt es insofern zusammen, als dort

methodische Fehler erörtert werden, die den Beweis fälschen, worin die

praktische Mahnung liegt, sie zu vermeiden. Die Anweisung am Schluß

besagt, daß man mit dem Untersatz anfangen soll, der den Mittelbegriff

zum Prädikat hat, nicht mit dem Obersatz. Will man z. B. den Satz

gewinnen: der Mensch lacht, so fange man mit dem Satz an: der Mensch

ist vernünftig.

[266] Während das vorige Kapitel eher in die Dialektik oder Topik

gehört, ist das gegenwärtige, entsprechend dem Charakter der ersten

Analytik, wieder allgemein syllogistischer Natur. Wann ist eine

Widerlegung, ein Elenchus, möglich? Wo ein Schluß möglich ist. Denn die

Widerlegung ist ein Schluß, dessen Konklusion das kontradiktorische

Gegenteil der gegnerischen Behauptung besagt, wie es Soph. el. 1, 165

a 2 f. heißt. Es muß also wenigstens eine Prämisse zugestanden sein.

Denn aus zwei verneinenden Prämissen geht kein Schluß hervor. Auch muß

wenigstens eine Prämisse allgemein sein.

Lehre vom Schluss · 第 17 / 19 段