[98] In den Fällen der beiden vorausgehenden Absätze waren beide

Prämissen allgemein bejahend und ergaben einen kontingenten Schlußsatz.

Jetzt wird der Fall genommen, daß die Prämissen zwar beide allgemein,

aber von ungleicher Qualität sind, und zunächst, daß der Obersatz

verneinend und notwendig und der Untersatz bejahend und kontingent ist.

Dann ist der Schlußsatz nicht kontingent, sondern notwendig und, wie

Aristoteles beifügt, weil notwendig, auch im Sinne der Tatsächlichkeit

und Möglichkeit wahr. Die allgemeine Regel in Absatz 3 f. wird hiernach

genauer gefaßt und eingeschränkt. Der Beweis wird von Aristoteles in

folgender Weise geführt. Wir setzen statt der Buchstaben Begriffe ein.

Notwendig ist nichts, was lacht, ein Tier; jeder Mensch kann lachen;

also ist notwendig kein Mensch ein Tier. Denn gesetzt, ein Mensch sei

ein Tier. Es wurde aber vorausgesetzt, daß nichts, was lacht, ein Tier

sein kann. Das läßt sich dahin umkehren, daß kein Tier lachen kann. Aus

dieser Prämisse aber und der anderen, daß irgendein Mensch ein Tier

ist, würde folgen, daß irgendein Mensch nicht lachen kann, was der

ursprünglichen Voraussetzung widerstreitet, daß jeder Mensch lachen

kann. Silvester Maurus entfernt sich in diesem Absatz von dem Text

des Aristoteles und kommt mithin für die Erklärung nicht in Betracht.

Er beweist an Hand frei gewählter Begriffe -- die von mir verwandten

sind aus dem Kommentar von Julius Pacius --, daß sich ein verneinender

Schlußsatz de inesse und darum auch de posse non inesse ergibt. Von

Kirchmann behauptet in seinen Erläuterungen, N. 106, S. 83–85, und

will beweisen, daß Aristoteles hier, wie nach seinem Vorgeben sonst

des öfteren, eine falsche Schlußregel aufstelle. Der Untersatz: B kann

in jedem C sein, oder jeder Mensch kann lachen, lasse sich umkehren

in: es kann sein, daß B in keinem C ist, oder daß kein Mensch lacht,

und bei solchem Ansatze gebe es gar keinen Schluß. Aber was wäre

damit dargetan? Gibt es so keinen Schluß, folgt dann, daß es auch

bei bejahendem Untersatz keinen gibt? Es muß einen geben, mit einem

notwendigen Schlußsatz, denn wenn der bejahende Untersatz gilt, so

ist damit das Vorhandensein einer Fähigkeit in C dargetan, mit der A

unverträglich ist. Ebendarum ist der Obersatz notwendig: kein B ein A,

kein Lachendes ein Tier. Denn wo das Lachen als Tatsache ist, da ist

eine Fähigkeit, die mit Tierheit unverträglich ist. Der Fall der Anm.

94 beweist hiergegen nichts. Der Satz: ein Weißes oder jedes Weiße kann

eine Pflanze sein, geht auf zwei Begriffe ohne innere oder notwendige

Beziehung. -- Bei den anderen Auslegern und Übersetzern, Philoponus,

Julius Pacius, Waitz, Zell und Bender, kommt kein Bedenken wegen der

Richtigkeit dieser Schlußregel zum Ausdruck.

[99] Fortsetzung des Beweises für die Regel in Abs. 2; vgl. Anm. 93 und

97. Es ist möglich, daß kein Sinnenwesen sich bewegt; es ist notwendig,

daß jeder Mensch ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, daß kein Mensch

sich bewegt.

[100] Es ist notwendig, daß jedes Sinnenwesen wahrnimmt; es ist

möglich, daß kein Weißes ein Sinnenwesen ist; es ist möglich, daß

kein Weißes wahrnimmt. Beweis: man kehrt den Untersatz um in: es ist

möglich, daß jedes Weiße ein Sinnenwesen ist, vgl. A 96. Wir haben hier

die Fortsetzung des Beweises für die Regeln in Absatz 3.

[101] Es folgt a) kein verneinender Schlußsatz. Die Prämissen seien: es

ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist, oder daß kein Sinnenwesen

weiß ist; es ist notwendig, daß kein Schnee ein Sinnenwesen ist. Hier

folgt nicht: es ist möglich, daß jeder oder mancher Schnee nicht weiß

ist. Es folgt b) kein bejahender Schlußsatz. Die Prämissen seien: es

ist möglich, daß jedes Sinnenwesen weiß ist; es ist notwendig, daß kein

Pech ein Sinnenwesen ist. Hier folgt nicht: es ist möglich, daß jedes

oder manches Pech weiß ist. Die Begriffe wurden schon früher verwandt,

vgl. A. 90.

[102] Hier wieder derselbe Fall wie in der A. 98 besprochene, nur daß

der Untersatz partikulär ist. Von Kirchmann bestreitet auch hier die

Richtigkeit der Regel, läßt aber überdies den Philosophen behaupten,

daß der Schlußsatz nur ein einfaches Nichtsein aussagt, und bemerkt

dazu: „Dies ist ein zweiter Grund, welcher diese Beweise des Ar.

erschüttert“, Erläut. 108, S. 86.

Aber es ist ein Mißverständnis, daß Aristoteles von einem einfachen

Nichtzukommen reden soll. Sein Ausdruck mag verfänglich klingen, aber

sein Gedanke ist klar. Er will offenbar sagen, daß der Schlußsatz auf

das Nichtzukommenkönnen geht. Denn er sagt erstens gleich im folgenden

Satze: A kommt notwendig einem C nicht zu; er sagt zweitens: es muß

sich mit den partikulären Schlüssen ebenso verhalten. Der Schlußsatz

muß also notwendig sein, wie bei den allgemeinen Schlüssen. Er zeigt

drittens seinen Gedanken durch das Wörtchen „auch“ an, in dem Satz:

auch der Schlußsatz wird auf das Nichtzukommen gehen, nämlich ebenso

notwendig, wie der verneinende Vordersatz. Der Ausdruck ist etwas

ungezwungen oder nachlässig. Von Kirchmann unterdrückt das Auch in

seiner Übersetzung und gibt den Text so wieder: „so wird der Schluß

auf das einfache Nichtenthaltensein lauten.“ -- Nehmen wir, um uns die

hier aufgestellte Regel und ihre Begründung an einem Beispiel klar zu

machen, folgende Begriffe: Tier, Malen, Mensch. Notwendig ist kein

Malendes ein Tier, mancher Mensch kann malen; also ist mancher Mensch

notwendig kein Tier. Denn dem sei nicht so, und jeder Mensch sei ein

Tier. Hieraus aber und aus dem Satz: kein Tier kann malen, folgte:

kein Mensch kann malen. Es sollte aber mancher Mensch malen können.

-- Julius Pacius unterdrückt das Auch 36 a 33 ebenfalls und gibt

wieder: Colligetur non inesse. Demgemäß versteht auch Silvester Maurus

die Regel von einem möglichen oder tatsächlichen Nichtzukommen und

gestaltet entsprechend die Begründung.

[103] Es ergibt sich nur ein Schluß auf das mögliche Zukommen und

Nichtzukommen, vgl. A. 97 und 99.

[104] Begriffe für notwendiges Zukommen, zum Beweise, daß kein

verneinender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße

ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jeder Mensch weiß; also ist

möglicherweise kein Mensch ein Sinnenwesen oder mancher Mensch kein

Sinnenwesen. Begriffe für Nichtzukommenkönnen, zum Beweise, daß

kein bejahender Schluß möglich ist: notwendig ist einiges Weiße

ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß; also ist

möglicherweise jedes Kleid oder manches Kleid ein Sinnenwesen.

[105] Der allgemeine Untersatz sei verneinend. Dann sieht man, daß kein

verneinender Schluß möglich ist, an folgendem Beispiel für Zukommen:

ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Rabe kann weiß sein; also

kann jeder oder mancher Rabe kein Sinnenwesen sein. Daß kein bejahender

Schluß möglich ist, sieht man an folgendem Beispiel für Nichtzukommen:

ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; kein Pech kann weiß sein; also

kann jedes oder manches Pech ein Sinnenwesen sein. Der allgemeine

Untersatz sei bejahend. Dann sieht man, daß kein verneinender Schluß

möglich ist, an folgendem Beispiel für Zukommen: möglicherweise ist

einiges Weiße kein Sinnenwesen; jeder Schwan muß weiß sein; also ist

möglicherweise jeder oder mancher Schwan kein Sinnenwesen. Daß kein

bejahender Schluß möglich ist, sieht man an folgendem Beispiel für

Nichtzukommen: ein Weißes kann ein Sinnenwesen sein; jeder Schnee muß

weiß sein; also kann jeder Schnee ein Sinnenwesen sein.

[106] Ein letzter Fall, wo sich gar kein Schluß ergibt! Man vergleiche

die zwei vorhergehenden Absätze. Da hier viele Kombinationen möglich

sind, so sei nur ein Beispiel als Beleg gebracht, daß sich weder ein

verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz ergibt. a) Manches Weiße

muß ein Sinnenwesen sein; möglicherweise sind einige Menschen nicht

weiß; also sind einige Menschen kein Sinnenwesen. b) Manches Weiße muß

ein Sinnenwesen sein; möglicherweise ist einiges Unbeseelte nicht weiß;

also ist einiges Unbeseelte ein Sinnenwesen.

[107] Eine Vergleichung der Regeln in diesem Kapitel mit denen im

vorausgehenden Kapitel! Sie stimmen miteinander überein mit einer

Ausnahme. Wenn der verneinende Vordersatz das bloße Sein betrifft,

so geht der Schluß auf das mögliche Nichtsein, vgl. Anm. 82. Wenn er

aber das notwendige Sein betrifft, so geht der Schluß auf das mögliche

Nichtsein und auf das tatsächliche Nichtsein. In dieser besonderen

Bestimmung bezüglich der Schlüsse im 16. Kapitel verstehen wir,

entsprechend den verschiedenen Anmerkungen in eben diesem Kapitel, das

Möglich anders als vorhin: im Sinne des notwendigen, das auch möglich

und tatsächlich ist. Am Ende des Absatzes im 16. Kapitel, der mit Zeile

36 a 7 beginnt, vgl. A. 98, heißt es ausdrücklich, daß der Schluß auf

die Unmöglichkeit auch Tatsächliches und Mögliches ergibt. Dagegen

heißt es unmittelbar nach dem Absatz, dem die Anmerkung 82 gilt, es

ergebe sich aus den betreffenden Prämissen nur ein möglich im Sinne von

nicht notwendig, vgl. A. 83. -- Silvester Maurus bezieht die Bemerkung

36 b 23 zunächst auf den Absatz 36 a 32, obschon Ar. hier scheinbar

nur von einem Schlusse auf einfaches Nichtzukommen spricht, vgl. Anm.

102. Waitz erklärt, wie v. Kirchmann Erl. 111 mit Recht bemerkt,

die ganze Stelle von 36 b 21 an nicht genügend, v. Kirchmann selbst

findet gesagt, wenn bei notwendigem Obersatz der kontingente Untersatz

allgemein sei, so laute der Schlußsatz auf das tatsächliche, wenn aber

partikulär, auf das mögliche Nichtsein. Und doch hatte er früher gesagt

gefunden, er laute das erste Mal auf das notwendige, das zweite Mal auf

das tatsächliche Nichtsein! Vgl. A. 98 und 102, und bei v. Kirchmann

die Erläuterung 106, S. 83.

[108] Die vollkommenen Schlüsse der ersten Figur ergeben eine

kontingente Konklusion im strengen, die unvollkommenen eine solche im

weiteren Sinne, entsprechend dem in K. 16, Abs. 4 und vorher in K. 15,

Abs. 1 Gesagten, wozu man wegen des eigentlichen Sinnes von Kontingent

gegenüber dem weiteren Sinne auch noch K. 13, Abs. 3 f. vergleichen

möge. Die Schlüsse der zweiten Figur im gegenwärtigen und in den zwei

folgenden Kapiteln ergeben eine kontingente Konklusion im weiteren

Sinne.

[109] Beweis der Regel in Abs. 1: aus zwei kontingenten Prämissen

folgt kein Schluß. Denn es gibt hier keine Zurückführung auf die erste

Figur, weder durch Umkehrung einer Prämisse wie in Cesare, Camestres

und Festino, noch indirekt oder ab absurdo wie in Barocco. Nicht durch

Umkehrung. Denn die allgemein verneinende Prämisse läßt sich hier nicht

in eine andere allgemein verneinende umkehren. Dies wird im folgenden

dreifach bewiesen; ab absurdo, per instantiam und ex signo; nach

Silvester Maurus.

[110] Beweis ab absurdo. Wäre die gedachte Umkehrung möglich, dann

auch die andere eines allgemein bejahenden Satzes in einen anderen

allgemein bejahenden Satz, z. B. des Satzes: möglicherweise ist jeder

Mensch weiß, in: möglicherweise ist jedes Weiße ein Mensch. Denn nach

K. 13, Abs. 5 lassen sich die kontingenten Sätze in ihr konträres

Gegenteil umkehren, also der Satz: möglicherweise ist jeder Mensch

weiß, in: möglicherweise ist kein Mensch weiß. Dieser Satz aber soll

nach der Voraussetzung sich umkehren lassen in den anderen verneinenden

Satz: möglicherweise ist kein Weißes ein Mensch, und das kann wieder,

ebenfalls nach K. 13, umgekehrt werden in: möglicherweise ist jedes

Weiße ein Mensch. Das ist aber unmöglich. Denn wenn auch jeder Mensch

weiß sein kann, so doch nicht jedes Weiße ein Mensch, z. B. Schwan und

Schnee nicht.

[111] Beweis per instantiam. Möglicherweise ist zwar kein Mensch weiß,

aber darum nicht möglicherweise kein Weißer Mensch, weil z. B. ein

Schwan nicht möglicherweise, sondern notwendig kein Mensch ist.

[112] Beweis ex signo. Von den vorgeblich konvertiblen Sätzen kann der

eine falsch sein, ohne daß der andere es ist. Denn es ist wahr, daß

möglicherweise kein Mensch weiß ist, aber nicht daß möglicherweise kein

Weißes ein Mensch ist. Denn der Beweis, den man hierfür indirekt könnte

führen wollen, ist falsch. Man könnte sagen: das Kontradiktorium wäre:

es ist nicht möglich, daß kein Weißes ein Mensch ist. Dieses müßte also

wahr sein. Wenn aber das, so wäre es wahr: notwendig ist ein Weißes

ein Mensch, und so denn auch: notwendig ist ein Mensch weiß. Das ist

aber unmöglich. Denn die Voraussetzung war: es ist möglich, daß kein

Mensch weiß ist. Dieser Beweis ist aber falsch, wie im folgenden Absatz

gezeigt wird.

[113] Die Annahme der Äquipollenz von: es ist nicht möglich, daß kein

Weißes ein Mensch ist, und: notwendig ist irgendein Weißes ein Mensch,

trifft nicht zu. Der erste Satz kann sich auf doppelte Weise bestätigt

finden: einmal, wenn ein Weißes oder jedes Weiße notwendig ein Mensch

ist; denn dann ist es nicht möglich, sondern unmöglich, daß kein Weißes

ein Mensch ist; dann, wenn irgendein Weißes notwendig kein Mensch ist.

Denn dann ist es nicht möglich, daß kein Weißes ein Mensch ist oder

jedes Weiße kein Mensch ist, sondern es ist ein Weißes notwendig kein

Mensch. Das wird aber in dem gedachten Beweis übersehen.

[114] Es gibt auch keine Zurückführung auf die erste Figur durch

indirekten Beweis. Wenn man z. B., um nur einen aus den möglichen

Fällen zu nehmen, in Cesare sagt: es ist möglich, daß kein Mensch weiß

ist; es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist, so würde folgen:

es ist möglich, daß kein Vernünftiges ein Mensch ist. Setzt man nun

das Kontradiktorium der Konklusion: es ist nicht möglich, daß kein

Vernünftiges ein Mensch ist, oder, was dasselbe ist: jedes oder manches

Vernünftige muß ein Mensch sein, und stellt als Obersatz voran: es ist

möglich, daß kein Mensch weiß ist, so folgt: es ist möglich, daß jedes

oder manches Vernünftige nicht weiß ist. Damit ist aber die Prämisse

nicht unverträglich: es ist möglich, daß jedes Vernünftige weiß ist.

Denn weiß kann jedem und kann keinem Vernünftigen zukommen.

[115] Ein induktiver Beweis, daß in dem angenommenen Fall kein Schluß

möglich ist, 37 a 38–b 16. Es ist möglich, daß kein Mensch weiß ist;

es ist möglich, daß jedes Pferd weiß ist. Hier folgt nicht: es ist

möglich, daß jedes Pferd ein Mensch ist, weil kein Pferd ein Mensch

sein kann, und nicht: es ist möglich, daß kein Pferd ein Mensch ist,

weil es nicht möglich, sondern notwendig ist, daß kein Pferd ein Mensch

ist.

[116] Dasselbe gilt, wenn die Prämissen so gefaßt werden: es ist

möglich, daß jeder Mensch und kein Pferd weiß ist usw.

[117] Beweis für die erste Regel in dem zweiten Absatz von Kapitel

17: sagt die bejahende Prämisse das tatsächliche, die verneinende

das mögliche Sein aus, so ist kein Schluß möglich. Das Beispiel ist

dasselbe. Jeder Mensch ist weiß; es ist möglich, daß kein Pferd weiß

ist. Hier folgt aus dem angegebenen Grunde weder: es ist möglich, daß

jedes Pferd ein Mensch ist, noch: es ist möglich, daß kein Pferd ein

Mensch ist. Es ist verfehlt, wenn v. Kirchmann in den Erläuterungen

n. 119, S. 97 meint, der Ausdruck: dieselben Begriffe, gehe nicht auf

weiß, Mensch, Pferd; verfehlt auch die Art, wie er die Begründung des

Aristoteles versteht. Es ist richtig, daß, wie er sagt, das Weiß weder

in allen Pferden, noch in allen Menschen einfach-seiend enthalten ist.

Aber es kann in ihnen enthalten sein, und wenn man das Mögliche als

wirklich setzt, so darf nichts Unmögliches folgen.

[118] Beweis für die zweite Regel in dem zweiten Absatz von Kapitel

17: sagt die bejahende Prämisse das mögliche, die verneinende das

tatsächliche Sein aus, so erhält man immer einen Schluß. Beweis. Kein

Mensch ist weiß; jedes Pferd kann weiß sein. Wenn man die Verneinung

umkehrt, so wird kein Weißes ein Mensch sein. Also folgt in der ersten

Figur, daß kein Pferd ein Mensch sein kann. Denn so lange es gilt,

daß der Mensch nicht weiß ist, kann er nicht mit dem Pferde weiß

sein, kann also kein Pferd sein, und umgekehrt das Pferd kein Mensch.

Das ἐνδέχεται τὸ β μηδενὶ τῳ γ Zeile 37 b 28 übersetzt v. Kirchmann

richtig: „daß B in keinem C statthafterweise enthalten ist“, Bender

falsch: „daß denkbarerweise B keinem C zukommt.“ Die griechischen Worte

sind doppelsinnig.

[119] Kein Mensch ist weiß; möglicherweise kein Pferd weiß. Daraus wird

durch Umkehrung: möglicherweise jedes Pferd weiß. So haben wir die

Prämissen wie in A. 118. Und so folgt wieder dasselbe, daß kein Pferd

ein Mensch sein kann. v. Kirchmann übersetzt diesmal das τὸ β τῷ γ

ἐνδέχεται υνδενὶ ὑπάρχειν Zeile 33 f. falsch: „daß B statthafterweise

in keinem C enthalten ist“.

[120] Jedes Sinnenwesen kann gesund sein; jeder Mensch ist gesund;

jeder Mensch ist möglicherweise kein Sinnenwesen. -- Jedes Pferd kann

gesund sein; jeder Mensch ist gesund; jeder Mensch ist möglicherweise

ein Pferd.

[121] Siehe Anmerkungen 117 f.

[122] Kein Mensch weiß, möglicherweise manches Pferd nicht weiß, oder:

möglicherweise manches Pferd weiß; also kann manches Pferd kein Mensch

sein; s. A. 119. -- Mancher Mensch nicht weiß; möglicherweise manches

Pferd weiß. Es folgt nicht: manches Pferd kann ein Mensch sein, da

das unmöglich ist, und nicht: manches Pferd kann kein Mensch sein

oder ist möglicherweise keiner, da es notwendig keiner ist. -- Silv.

Maurus gebraucht andere Begriffe, da doch nach Ar. der Beweis durch

dieselben Begriffe gehen soll. -- Man könnte hier, wie in analogen

früheren Fällen, vgl. A. 115, versucht sein, einzuwenden, zu dem Satz:

manches Pferd kann ein Mensch sein, sei das Kontradiktorium nicht:

manches Pferd kann kein Mensch sein, sondern: es kann nicht manches

Pferd ein Mensch sein. Aber Aristoteles hat nur den Schlußsatz im

Auge, der Mögliches aussagt, und so behauptet er mit Recht: man kann

nicht sagen, daß möglicherweise manches Pferd ein Mensch ist, und auch

nicht, daß möglicherweise manches Pferd kein Mensch ist. Er hatte ja

schon 37 a 38 gesagt, der Schluß müsse in bestimmten Fällen auf das

ἐνδέχεσθαι, möglich sein, gehen, und wenn er beifügt, er müsse entweder

bejahend oder verneinend sein, so meint er damit nicht die Bejahung

oder Verneinung der Möglichkeit, sondern umgekehrt die Möglichkeit der

Bejahung und der Verneinung.

[123] In diesem Kapitel wird die Regel im dritten Absatz von K. 17

bewiesen.

[124] Es ist notwendig, daß kein Mensch ein Pferd ist; es ist möglich,

daß jedes Wache ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein Waches ein

Mensch ist. Beweis. Der Obersatz wird umgekehrt in: es ist notwendig,

daß kein Pferd ein Mensch ist. Dann folgt die Konklusion in Celarent.

[125] Es ist möglich, daß jedes Weiße ein Pferd ist; es ist notwendig,

daß kein Mensch ein Pferd ist; also ist möglich, daß kein Mensch weiß

ist. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt und zum Obersatz gemacht.

Dann folgt in Celarent: es ist möglich, daß kein Weißes ein Mensch oder

daß kein Mensch weiß ist. Aus denselben Prämissen folgt in Camestres:

kein Mensch ist weiß. Denn gesetzt, ein Mensch sei weiß, so folgt

hieraus und aus dem Obersatz: notwendig ist kein Mensch ein Pferd, in

der 3. Figur und in Ferison: notwendig ist ein Weißes kein Pferd, im

Widerspruch mit der Prämisse: es ist möglich, daß jedes Weiße ein Pferd

ist.

[126] Es folgt erstens kein kontingenter Schlußsatz. Beispiel. Es ist

möglich, daß kein Mensch weiß ist; es ist notwendig, daß jeder Schwan

weiß ist. Es folgt nicht, daß möglicherweise jeder oder ein Schwan

ein Mensch ist, und auch nicht, daß möglicherweise jeder oder ein

Schwan kein Mensch ist. Denn das Erste ist unmöglich und das Zweite

ist notwendig. Zweitens folgt kein notwendiger Schlußsatz. Denn einmal

folgt nach K. 17, Abs. 3 kein Schlußsatz, wenn nicht beide Prämissen

notwendig sind oder doch die verneinende, aber in unserem Falle ist

es nur die bejahende. Und dann läßt es sich, und zugleich, daß kein

tatsächlicher Satz folgt, so zeigen. Für bejahende Schlußsätze an

den vorhin angenommenen Begriffen. Man setze: möglicherweise ist

kein Mensch weiß; notwendig ist kein Schwan weiß, so folgt nicht:

notwendig oder tatsächlich ist jeder oder mancher Schwan ein Mensch.

Für verneinende Schlußsätze läßt sich an den Begriffen Bewegung,

Sinnenwesen, wach zeigen, daß möglicherweise beide Prämissen wahr

sind und der Schlußsatz falsch. Man setze: möglicherweise bewegt sich

kein Sinnenwesen; notwendig bewegt sich jedes Wache, so folgt nicht:

notwendig oder tatsächlich ist kein Waches ein Sinnenwesen oder manches

Wache keines.

[127] Notwendig ist kein Mensch ein Pferd; möglicherweise ist kein

Weißes ein Pferd, oder: möglicherweise ist jedes Weiße ein Pferd. Man

erhält nach Absatz 2, vgl. Anm. 124, den Schluß: möglicherweise kein

Weißes ein Mensch. -- Für den Fall, daß die Verneinung bei C steht,

vgl. Anm. 125.

[128] Es folgt kein verneinender Schlußsatz, weil keine Prämisse

verneinend ist, aber auch kein bejahender Schlußsatz. Beispiel.

Notwendig jeder Schwan weiß, möglicherweise jeder Mensch weiß. Es folgt

nicht: jeder oder mancher Mensch ein Schwan, oder: es ist so notwendig

oder möglich. Dieses Beispiel zeigt auch, daß kein streng kontingenter

verneinender Satz folgt, wie: möglicherweise ist kein Mensch ein

Schwan, oder: ist mancher Mensch kein Schwan.

[129] Vgl. Kap. 16, Anm. 106.

[130] Man vergleiche zu diesem und dem vorausgehenden Absatz die Anm.

72 f.

[131] Möglicherweise ist kein Mensch logisch gebildet; möglicherweise

ist kein Mensch musikalisch gebildet; also ist möglicherweise ein

musikalisch Gebildetes kein logisch Gebildetes. Beweis: man kehrt den

Untersatz nach Kap. 13, Anm. 65 um in: möglicherweise ist jeder Mensch

musikalisch gebildet. Dann hat man einen Schluß in Felapton. Man kann

aber auch noch den Obersatz so umkehren und erhält einen Schluß in

Darapti: möglicherweise ist ein musikalisch Gebildetes ein logisch

Gebildetes. Beide Schlüsse sind nach den beiden vorhergehenden Absätzen

gültig.

[132] Vgl. zu diesem und dem vorausgehenden Absatz Kap. 14, Abs. 6

und Anm. 72. Ist der Obersatz partikulär und der Untersatz allgemein,

so kehrt man den Obersatz um und macht ihn zum Untersatz. Beispiel:

ein Mensch kann schlafen; jeder Mensch kann musikalisch sein. Daraus:

jeder Mensch kann musikalisch sein; ein Schlafendes kann ein Mensch

sein. Also kann ein Schlafendes musikalisch sein oder ein Musikalisches

schlafen.

[133] Möglicherweise kein Mensch musikalisch; möglicherweise ein Mensch

logisch geschult; also möglicherweise ein logisch Geschultes nicht

musikalisch. Beweis: der Untersatz wird umgekehrt in: möglicherweise

ein logisch Geschultes ein Mensch. Dann folgt der Schlußsatz nach Kap.

14, Abs. 6.

[134] M. W. kein Mensch musikalisch; m. W. ein Mensch nicht logisch

geschult. Daraus: m. W. ein Mensch logisch geschult. Dann hat man den

vorigen Fall.

[135] Es folgt kein negativer Schlußsatz. Sagt man: m. W. ist ein

Weißes kein Sinnenwesen; m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so folgt

nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein Mensch

kein Sinnenwesen. Es folgt auch kein affirmativer Schlußsatz. Sagt man:

m. W. ist ein Weißes kein Pferd: m. W. ist ein Weißes ein Mensch, so

folgt nicht: möglicherweise oder tatsächlich oder notwendig ist ein

Mensch ein Pferd.

[136] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch kann musikalisch

sein, also kann ein Musikalisches ein Sinnenwesen sein. Man kehre den

Untersatz um in: ein Musikalisches kann ein Mensch sein. Dann folgt

der Schlußsatz nach Kap. 15, 35 a 35 ff. u. Anm. 89. -- Jeder Mensch

kann musikalisch sein; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; also kann ein

Sinnenwesen musikalisch sein. Man kehre den Untersatz um in: einige

Sinnenwesen sind Menschen. -- Das erste Beispiel könnte besser gewählt

sein. Denn der Satz: ein Musikalisches kann ein Mensch sein, ist nicht

richtig: es muß einer sein.

[137] Kein Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber nicht

unmöglich); jeder Mensch kann wachen; also kann es sein, daß

ein Wachendes nicht weiß ist. -- Möglicherweise ist kein Mensch

musikalisch; jeder Mensch ist weiß (es ist zwar nicht wahr, aber nicht

unmöglich); also ist möglicherweise ein Weißes nicht musikalisch. Man

kehrt den Untersatz um in: ein Weißes ist ein Mensch, so folgt der

Schlußsatz nach Kap. 15, 35 a 30 ff. und Anm. 88.

[138] Man kehrt die kontingente Verneinung um in Bejahung. Dann erhält

man einen Schluß; vgl. die vorige Anmerkung.

Lehre vom Schluss · 第 14 / 19 段