[51] Jedes Sinnenwesen bewegt sich; jeder Mensch ist notwendig ein

Sinnenwesen. Hier folgt nicht, daß jeder Mensch sich notwendig bewegt.

Denn der Mensch bewegt sich nicht notwendig, sondern zufällig.

Indirekter Beweis in 1, c (Darii): Gesetzt jeder Mensch bewegte sich

notwendig; nun ist aber manches Sinnenwesen notwendig ein Mensch;

also bewegte sich manches Sinnenwesen notwendig; aber es wurde

vorausgesetzt, daß sich jedes Sinnenwesen zufällig bewegt; indir. Bew.

in III, a (Darapti): Jeder Mensch bewegt sich notwendig; jeder Mensch

ist notwendig ein Sinnenwesen; also bewegt sich manches Sinnenwesen

notwendig.

[52] Nimmt jedes sinnbegabte Geschöpf notwendig wahr und ist manches

Weiße ein sinnbegabtes Geschöpf, so nimmt manches Weiße notwendig wahr.

Wenn aber jedes sinnbegabte Geschöpf sich bewegt und manches Weiße

notwendig ein sinnbegabtes Geschöpf ist, folgt nicht, daß manches Weiße

sich notwendig bewegt, weil der Schluß durch den Obersatz reguliert

wird, der formell nur Tatsächliches aussagt.

[53] a) (Cesare): Notwendig ist keine Pflanze ein Sinnenwesen; jeder

Mensch ist ein Sinnenwesen; also ist notwendig kein Mensch eine

Pflanze. Beweis in Celarent. Der Obersatz wird umgekehrt und lautet:

notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Dann folgt der Schlußsatz

nach K. 9, Abs. 1. b) (Camestres): Jedes Sinnenwesen nimmt wahr;

notwendig nimmt keine Pflanze wahr; also ist notwendig keine Pflanze

ein Sinnenwesen. Beweis in Celarent: Notwendig ist kein Wahrnehmendes

eine Pflanze; jedes Sinnenwesen nimmt wahr; also ist notwendig kein

Sinnenwesen eine Pflanze; also ist notwendig keine Pflanze ein

Sinnenwesen.

[54] Schließt man z. B. in Cesare: Kein Weißes ist ein Sinnenwesen;

jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen, so folgt nicht: notwendig

ist kein Mensch ein Weißes, sondern nur: tatsächlich ist kein Mensch

ein Weißes. Beweis: 1. Derselbe Schluß müßte sich in Celarent ergeben.

Kehrt man aber den Obersatz um, so folgt, nach K. 9, 30 a 32, nicht:

notwendig ist kein Mensch weiß. 2. Gesetzt, es folgte der Schlußsatz:

notwendig ist kein Mensch weiß, so folgte auch: notwendig ist manches

Sinnenwesen nicht weiß. Aber wenn auch der Obersatz: kein Weißes ist

ein Sinnenwesen, wahr ist, so kann es doch dabei auch der andere Satz

sein: es ist nicht notwendig, daß kein Weißes ein Sinnenwesen ist

oder daß manches Weiße kein Sinnenwesen ist, und ebenso: es ist nicht

notwendig, daß manches Sinnenwesen nicht weiß ist. Das geht nun aber

mit dem fraglichen Schlußsatz nicht zusammen, wohl aber geht es mit dem

Antezedenz zusammen, was der logischen Regel zuwiderläuft: quicquid non

potest stare cum veritate consequentis, nec potest stare cum veritate

antecedentis. Schließt man hinwieder in Camestres: Jeder Mensch ist

notwendig ein Sinnenwesen; kein Weißes ist ein Sinnenwesen, so folgt

nicht: notwendig ist kein Weißes ein Mensch; denn wenn auch tatsächlich

kein Weißes ein Sinnenwesen wäre, so könnte doch ein Weißes ein Mensch

werden und sein.

[55] Jeder Mensch notwendig vernünftig, jeder Mensch ein Sinnenwesen;

also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn der Untersatz

umgekehrt wird in: manches Sinnenwesen ein Mensch, folgt die Konklusion

oder der Schlußsatz nach K. 9, Abs. 3.

[56] Jeder Mensch vernünftig, jeder Mensch notwendig ein Sinnenwesen;

also manches Sinnenwesen notwendig vernünftig. Denn wenn man den

Obersatz umkehrt und die Prämissen umstellt, folgt: manches Vernünftige

notwendig ein Sinnenwesen, daraus, durch Konversion, nach K. 3, Abs. 1:

manches Sinnenwesen notwendig vernünftig.

[57] Notwendig kein Sinnenwesen eine Pflanze, jedes Sinnenwesen

lebendig; also notwendig manches Lebendige kein Sinnenwesen. Denn wenn

man den Untersatz umkehrt in: manches Lebendige ein Sinnenwesen, so

folgt die gedachte Konklusion in Ferio nach K. 9, Abs. 3.

[58] Kein Pferd schläft zurzeit, jedes Pferd notwendig ein Sinnenwesen.

Daraus folgt nicht: manches Sinnenwesen schläft zurzeit notwendig

nicht. Denn wenn man den Untersatz umkehrt in: manches Sinnenwesen

notwendig ein Pferd, erfolgt ein Schluß in Ferio. Dort folgt aber

nach 9, 3 kein Satz de necessario. -- Kein Pferd ist zurzeit gut,

manches Sinnenwesen notwendig ein Pferd. Daraus folgt nicht: manches

Sinnenwesen ist zurzeit notwendig nicht gut. Denn es kann der Fall

sein, daß jedes Pferd und jedes Sinnenwesen gut ist. Wenn aber die

Voraussetzung, daß gut möglicherweise keinem Pferde zukommt, nicht

denkbar sein soll, da im metaphysischen Sinne jedes Wesen gut ist, so

nehme man eben die an erster Stelle verwandten Begriffe: Schlafen,

Sinnenwesen, Pferd.

[59] Jedes Sinnenwesen ist zurzeit wach, manches Sinnenwesen notwendig

ein Mensch. Daraus folgt nicht: ein Mensch zurzeit notwendig wach.

Denn wenn ich den Untersatz einfach umkehre, so folgt nach 9, 3 keine

conclusio de necessario.

[60] a) Notwendig ist kein Sinnenwesen eine Pflanze, manches

Sinnenwesen lebendig, also manches Lebendige notwendig keine Pflanze;

folgt durch einfache Umkehrung des Untersatzes in Ferio. b) Mancher

Mensch ist nicht wach, jeder Mensch notwendig ein Sinnenwesen. Daraus

folgt nicht: manches Sinnenwesen notwendig nicht wach. c) Kein

Sinnenwesen wach, manches Sinnenwesen notwendig weiß. Daraus folgt

nicht: manches Weiße notwendig nicht wach. d) Manches Sinnenwesen

notwendig nicht zweifüßig, jedes Sinnenwesen bewegt sich. Daraus folgt

nicht: manches, was sich bewegt, ist notwendig nicht zweifüßig, da

es der Fall sein kann, daß nur das Zweifüßige sich bewegt, und somit

alles, was sich bewegt, zweifüßig ist.

[61] Wenn auch eine Prämisse de necessario ist, so ist sie doch eben

damit auch de inesse, und so gilt: ein Schluß auf einfaches Zukommen

ist nicht möglich, wenn nicht beide Prämissen de inesse sind.

[62] Entweder müssen beide Prämissen de inesse sein, wenn ein

Schlußsatz de inesse herauskommen soll, oder es muß wenigstens eine

Prämisse de necessario sein, wenn ein Schlußsatz de necessario

herauskommen soll.

[63] Vgl. A. 2.

[64] Das πάλιν 32 b 4 heißt nicht, wie Bender übersetzt, „weiter“

(vielleicht ist es bei ihm auch nur ein Druckfehler), sondern, wie v.

Kirchmann hat, „nochmals“, vgl. K. 3, 25 b 14.

[65] Der Satz: es ist kontingent, daß der Mensch grau wird, d. h. er

wird gewöhnlich mit den Jahren grau, läßt sich umkehren in den anderen:

es ist nicht notwendig, daß er grau wird; der Satz: der Mensch, das

Tier geht, läßt sich umkehren in den anderen: sie gehen nicht, weil wo

das eine gilt, das andere ebensogut gelten kann.

[66] Der Mittelbegriff ist „ungeordnet“, weil er unbestimmt ist, und er

ist unbestimmt, weil die Ursache unbestimmt ist, die der Mittelbegriff

angibt.

[67] Der Satz: das Weiße kann gebildet sein, kann einen zweifachen Sinn

haben: 1. was tatsächlich weiß ist, kann gebildet sein, 2. was weiß

sein kann, kann gebildet sein. Im ersten Fall hat man eine Mischung von

Möglichem und Wirklichem, im zweiten nur Mögliches, also Gleichartiges.

Mit solchem soll auch hier der Anfang gemacht werden.

[68] Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; jeder Mensch

kann Musik lernen; also kann jeder Mensch Logik lernen. Wenn nicht, so

könnte ein Mensch Musik lernen, ohne Logik lernen zu können. Wir haben

aber im Sinne von K. 13, letzter Absatz das Gegenteil angenommen.

[69] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet;

möglicherweise ist jeder Mensch musikalisch gebildet; also ist

möglicherweise kein Mensch logisch gebildet.

[70] Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein;

möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus läßt sich

der Schluß gewinnen: jeder Mensch kann logisch gebildet sein. Denn der

Untersatz läßt sich nach K. 13, Abs. 5 umkehren in: jeder Mensch kann

musikalisch gebildet sein.

[71] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet;

möglicherweise ist kein Mensch musikalisch gebildet. Daraus läßt sich

der Schluß gewinnen: möglicherweise ist kein Mensch logisch gebildet.

Denn der Untersatz läßt sich umkehren in: möglicherweise ist jeder

Mensch musikalisch gebildet. Dann erhält man den Schlußsatz, wie das

Schema in A. 69 zeigt.

[72] Jeder, der Musik lernen kann, kann Logik lernen; mancher Mensch

kann Musik lernen; also kann mancher Mensch Logik lernen. Denn wenn

kein Mensch Logik lernen könnte, so könnte ein Mensch Musik lernen,

ohne Logik lernen zu können; vgl. A. 68.

[73] Möglicherweise ist kein musikalisch Gebildeter logisch gebildet;

möglicherweise ist ein Mensch musikalisch gebildet; also ist

möglicherweise ein Mensch nicht logisch gebildet. Beweis: der Schluß

wird durch den Obersatz regiert; vgl. A. 69.

[74] Jeder musikalisch Gebildete kann logisch gebildet sein;

möglicherweise ist ein Mensch nicht musikalisch gebildet. Daraus läßt

sich der Schluß gewinnen: ein Mensch kann logisch gebildet sein. Denn

der Untersatz läßt sich nach K. 13, Abs. 5 umkehren in: ein Mensch kann

musikalisch gebildet sein; vgl. A. 70.

[75] Der Beweis wird in der schon so oft angewandten Weise geführt. Daß

kein Schluß auf ein mögliches Nichtzukommen gilt, wird an Begriffen

gezeigt, wo das Zukommen tatsächlich notwendig ist; daß keiner auf

ein mögliches Zukommen, an Begriffen, wo kein Zukommen möglich

ist. Begriffe für notwendig Zukommen: Sinnenwesen, weiß, Mensch.

Möglicherweise ist ein Weißes ein Sinnenwesen; möglicherweise ist jeder

Mensch weiß. Daraus folgt nicht: möglicherweise ist ein Mensch ein

Sinnenwesen oder kein Sinnenwesen, da jeder Mensch notwendig und kein

Mensch zufällig ein Sinnenwesen ist. Begriffe für nicht Zukommenkönnen:

Sinnenwesen, weiß, Kleid: möglicherweise ist ein Weißes ein

Sinnenwesen; möglicherweise ist jedes Kleid weiß. Daraus folgt nicht:

möglicherweise ist ein Kleid ein Sinnenwesen oder kein Sinnenwesen,

da jedes Kleid notwendig kein Sinnenwesen ist. Ebenso geht der Beweis

durch diese Begriffe, wenn die Prämissen nach den angegebenen Weisen

verändert werden, nur muß der Obersatz partikulär bleiben. Die Sätze

de contingenti lassen sich ja umkehren. Der Grund a priori für die

aufgestellte Regel aber ist dieser. Der Mittelbegriff, das Subjekt im

Obersatz, wird nicht allgemein genommen. Daher kann im Untersatz gar

wohl etwas als Subjekt genommen werden, was außerhalb dessen liegt,

wovon die Aussage im Obersatz wahr ist. Sagt man z. B.: ein Weißes ist

möglicherweise ein Sinnenwesen, so kann das Weiße im Untersatz etwa ein

Weißes sein, das nicht unter jenes Weiße im Obersatz fällt, es kann

z. B. ein Kleid sein.

[76] Bejahend: Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; jeder Mensch ist

ein Sinnenwesen; also kann jeder Mensch sich bewegen. Verneinend:

Möglicherweise bewegt sich kein Sinnenwesen; jeder Mensch ist ein

Sinnenwesen; also bewegt sich möglicherweise kein Mensch.

[77] Wenn der Mensch ist, ist notwendig auch das Sinnenwesen. So muß

denn auch, wenn der Mensch sein kann, das Sinnenwesen sein können. Denn

nehmen wir an, der Mensch könnte sein, ohne daß das Sinnenwesen sein

könnte, so könnte der Fall eintreten, daß der Mensch wird und ist,

während das Sinnenwesen nicht wird und ist. Dann wäre also der Mensch,

ohne daß das Sinnenwesen ist, was der Voraussetzung zuwiderläuft.

[78] Wenn A falsch, aber nicht unmöglich ist, so ist es möglich. Nun

wird aber angenommen, daß wenn A ist, B ist. Also ist auch, wie vorhin

gezeigt wurde, wenn A möglich ist, B möglich; also kann, wenn auch A

irrtümlich als vorhanden gesetzt ist, B nicht unmöglich sein.

[79] Begriffe: A, weiß; B, Mensch; C, wach. Jeder Mensch ist weiß;

jedes Wache kann ein Mensch sein; also kann jedes Wache weiß sein.

Beweis indirekt. Angenommen, es wäre dem nicht so, so setze man: jedes

Wache ist ein Mensch, nicht als wahr, aber doch als nicht unmöglich.

Wenn also weiß dem Wachen nicht zukommen kann und Mensch jedem Wachen

zukommt, so folgt in der dritten Figur, daß weiß keinem Menschen

zukommen kann. Aber es ist Voraussetzung, daß es jedem zukommt. Mithin

muß weiß jedem Wachen zukommen können. Es ist ja, im Widerspruch mit

dem im letzten Absatz aufgestellten Axiom -- vgl. A. 78 --, die Folge

unmöglich, obwohl bloß Falsches und nicht Unmögliches zugrunde gelegt

worden ist, daß nämlich jedes Wache ein Mensch ist.

[80] Jeder Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; also kann

jedes Wache weiß sein. Zweiter indirekter Beweis. Ist der vorstehende

Untersatz wahr, so kann der Untersatz: jedes Wache ist ein Mensch,

zwar falsch, aber nicht unmöglich sein. Nun kann man aus ihm und dem

Obersatz folgenden Schluß in Barbara errichten: jeder Mensch ist

weiß; jedes Wache ist ein Mensch; also ist jedes Wache weiß. Dieser

Schlußsatz kann nun falsch, aber nicht unmöglich sein. Denn sonst

folgte Unmögliches aus dem, was zwar falsch, aber nicht unmöglich sein

kann.

[81] Wenn in Barbara aus einem einfach ausgesagten Obersatz und einem

kontingenten Untersatz ein kontingenter Schlußsatz folgen soll, so

muß der Obersatz für jede Zeit gelten. Denn sonst kann der Schlußsatz

falsch sein. Denn wenn man z. B. sagt: alles, was sich zurzeit bewegt,

ist ein Mensch; jedes Pferd kann sich bewegen, so folgt nicht: jedes

Pferd kann ein Mensch sein, da es unmöglich ist, daß ein Pferd ein

Mensch ist. Wiederum, wenn man sagt: alles, was sich bewegt, ist ein

Sinnenwesen; jeder Mensch kann sich bewegen, so folgt nicht: jeder

Mensch kann ein Sinnenwesen sein, da es notwendig ist, daß jeder Mensch

ein Sinnenwesen ist. Damit also ein kontingenter Schlußsatz sich

ergibt, muß der Obersatz ohne Rücksicht auf die Zeit wahr sein, wie

das erste Beispiel zeigt; aber der Schlußsatz braucht nicht immer im

strengen Sinne kontingent zu sein, wie das zweite Beispiel zeigt.

[82] Kein Mensch ist weiß; jedes Wache kann ein Mensch sein; also ist

möglicherweise kein Waches weiß. Denn wenn notwendig ein Waches weiß

wäre und dann, wie vorhin angenommen wird, daß jedes Wache ein Mensch

ist, was zwar nicht wahr, aber nicht unmöglich ist, so folgte, daß

notwendig ein Mensch weiß wäre, was, als dem ersten Obersatz zuwider,

unmöglich ist.

[83] Es bleibt unentschieden, ob weiß, A, einem Wachen, C, ebenso

zukommen wie nicht zukommen kann. Es folgt auf Grund des indirekten

Beweises, der von dem kontradiktorischen Gegenteil der Behauptung

ausgeht, lediglich, daß A nicht notwendig einem C zukommt.

[84] Kein Denkendes ein Rabe; jeder Mensch kann denken; also jeder

Mensch möglicherweise kein Rabe, oder: möglicherweise kein Mensch

ein Rabe, und doch ist notwendig kein Mensch ein Rabe. -- Keine

Wissenschaft ist bewegt; jedem Menschen kann Wissenschaft zukommen;

also möglicherweise jeder Mensch nicht bewegt oder kein Mensch bewegt.

Hier ist der Satz, daß kein Mensch sich bewegt, nicht notwendig.

-- Also da das Prädikat im Schlußsatz bald notwendig keinem unter

das Subjekt Fallenden zukommt, bald nicht, so folgt auf Grund der

Prämissen nicht, daß es notwendig keinem, sondern, daß es keinem

notwendig zukommt. -- Die Bemerkung wegen der minder glücklichen Wahl

der Begriffe soll darauf gehen, daß der Mensch, wie es doch in dem

Schema des Syllogismus nahe gelegt wird, die Wissenschaft nicht ist,

sondern hat. So Bender und Maier. Waitz will hier ein Indizium finden,

daß „hi libri satis levi brachio“ geschrieben sind, v. Kirchmann einen

mißlungenen Versuch des Philosophen, sich herauszuhelfen, da doch

die gewählten Begriffe zeigten, daß die aufgestellte syllogistische

Regel nicht ausnahmslos gelte, indem sich bei diesen Begriffen für die

Schlußfolgerung keine Notwendigkeit ergebe! Von Kirchmann scheint die

Notwendigkeit, die jeder Schluß haben muß, mit der Notwendigkeit des

Schlußsatzes zu verwechseln. Der Schlußsatz ist eben in unserem Falle

seinem Inhalte nach nicht notwendig, sondern kontingent. Silvester

Maurus versteht die Sache dahin, daß der Mensch die Wissenschaft,

wenigstens actu, nur zeitweise hat, indem er nicht immer die

wissenschaftlichen Sätze wirklich denkt, und so hätte Aristoteles

angedeutet, daß man einen Obersatz nehmen müsse, der immer gilt,

etwa so: Kein Sitzender wandelt; es ist möglich, daß jeder Mensch

sitzt; also ist es möglich, nicht notwendig, daß kein Mensch wandelt.

Silvester Maurus hat dieses Beispiel von Philoponus, von dem aber die

von Aristoteles gerügte Mangelhaftigkeit der Begriffe so aufgefaßt zu

werden scheint, wie Bender und Maier es tun. „Die Wissenschaft“, so

schreibt er, „nimmt Aristoteles hier offenbar statt des Wissenden.“

Ich möchte unmaßgeblich noch eine andere Deutung für möglich halten.

Der Mangel liegt in der Zweideutigkeit von „bewegt“, so daß der Schluß

statt dreier vier Begriffe hat. Daß die Wissenschaft sich nicht bewegt,

bedeutet ihre Unerschütterlichkeit, vgl. ἀμετάπειστος 72 b 3, während

die Bewegung des Menschen der Wechsel des Ortes ist. Wenn Waitz zu 35

a 2 schreibt: „Cur non sumpsit igitur meliores terminos? Satis levi

brachio hi libri videntur conscripti esse,“ so ist es mir erstens

unverständlich, wie Waitz, dieser Kenner der Analytik, sie für flüchtig

geschrieben ansehen kann, und zweitens, wie er es auf einen solchen

Grund hin kann. Ar. mag die Begriffe minder sorgfältig gewählt und

darauf aufmerksam gemacht haben, um zu eigener Tätigkeit anzuregen, um

zu erinnern, daß es bei Beispielen auf Nebendinge nicht ankommt, um den

Scharfsinn auf die Probe zu stellen.

[85] Jedes Sitzende ruht; möglicherweise sitzt kein Mensch; also ruht

möglicherweise jeder Mensch. Beweis: der Untersatz wird nach K. 13, 32

b 13 ff., vgl. A. 65, umgekehrt in: möglicherweise sitzt jeder Mensch.

Dann folgt der Schlußsatz nach K. 15, 34 a 34 ff., vgl. A. 80.

[86] Kein Sitzendes bewegt sich; möglicherweise sitzt kein Mensch; also

bewegt sich möglicherweise kein Mensch. Man kehrt den Untersatz um in:

möglicherweise sitzt jeder Mensch. Dann folgt der Schlußsatz nach dem

vorliegenden Kapitel 34 b 19 ff., vgl. Anm. 82.

[87] Begriffe für notwendig zukommen: Möglicherweise ist jedes

oder kein Sinnenwesen weiß; kein Schnee ist ein Sinnenwesen; also

möglicherweise kein Schnee weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Falsch!

Jeder Schnee ist notwendig weiß. Begriffe für nichtzukommen können:

Möglicherweise ist jedes oder kein Sinnenwesen weiß; kein Pech ist ein

Sinnenwesen; also möglicherweise jedes oder manches Pech weiß. Falsch!

Kein Pech kann weiß sein. Also kann jeder Schluß auf das Mögliche, sei

er nun verneinend oder bejahend, falsch sein. Also ist kein solcher

Schluß gestattet.

[88] Es ist möglich, daß jeder oder kein Mensch schläft; manches

Sinnenwesen ist ein Mensch; also ist es möglich, daß manches

Sinnenwesen schläft oder nicht schläft. Man vergleiche die Regel im 2.

Abs. dieses Kapitels und die Anmerkung 76. Hier gilt das Gesetz von

dem dictum de omni und dem dictum de nullo. Wenn es von jedem Menschen

wahr ist, daß er schlafen kann, so kann nichts angenommen werden, was

ein Mensch ist und nicht schlafen kann. Nun wird aber im Untersatz

angenommen, daß manches Sinnenwesen ein Mensch ist. Dasselbe ist zu

sagen, wenn es von jedem Menschen wahr ist, daß er auch nicht schlafen

kann, oder, was dasselbe ist, wenn es wahr ist, daß möglicherweise kein

Mensch schläft.

[89] Dieser Fall ist den früheren in diesem Kapitel analog, wo

der Obersatz allgemein ist und einfach bejaht oder verneint und

der Untersatz allgemein und kontingent ist, sei er bejahend oder

verneinend. Nur ist jetzt der Untersatz nicht allgemein, sondern

partikulär. Ist er verneinend, so wird er in einen bejahenden Satz

umgekehrt und dann der Beweis per impossibile geführt. Z. B.: jeder

Mensch wacht; möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird

möglicherweise ein Weißes wachen. Der Untersatz wird umgekehrt in:

möglicherweise ist ein Weißes ein Mensch. Oder: kein Mensch wacht;

möglicherweise ist ein Weißes kein Mensch; also wird möglicherweise ein

Weißes nicht wachen.

[90] Es folgt 1. kein verneinender Schlußsatz. Denn man nehme den

Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen weiß;

mancher Schnee ist kein Sinnenwesen; also möglicherweise kein Schnee

weiß oder mancher Schnee nicht weiß. Aber jeder Schnee ist notwendig

weiß. Es folgt 2. kein bejahender Schlußsatz. Denn man nehme den

Schluß: möglicherweise ist jedes oder ist kein Sinnenwesen weiß;

manches Pech ist kein Sinnenwesen. Also möglicherweise jedes oder

manches Pech weiß. Aber kein Pech kann weiß sein. -- Der Untersatz ist

jedesmal auch allgemein wahr. Aber das steht dem Beweis nicht im Wege;

vgl. K. 6, 28 b 22 ff. und Anm. 43; auch Anm. 29 und 30.

[91] Es wird wieder in derselben Weise wie vorhin, siehe A. 90,

gezeigt, daß weder ein verneinender, noch ein bejahender Schlußsatz

möglich ist: kein verneinender: denn gesetzt, die Begriffe seien:

Sinnenwesen, weiß, Mensch. Man kombiniere sie, wie man wolle, so sind

die Prämissen wahr und der verneinende Schlußsatz: möglicherweise jeder

oder mancher Mensch kein sinnliches Wesen, falsch. Kein bejahender.

Denn gesetzt, die Begriffe seien: Sinnenwesen, weiß, Kleid. Man sage:

manches Weiße kein Sinnenwesen, manches Kleid weiß, oder wie immer

man wolle, nie folgt: möglicherweise jedes Kleid oder ein Kleid ein

Sinnenwesen.

[92] Wie im vorigen Kapitel, wo eine kontingente und eine einfach

ausgesagte Prämisse angenommen wurde.

[93] Eine erste Regel! Sie betrifft die vollkommenen Schlüsse für den

Fall, daß der Obersatz, ob bejahend, ob verneinend, allgemein und

kontingent, und der Untersatz, ob allgemein, ob partikulär, bejahend

und notwendig ist. Alle diese Schlüsse werden durch den Obersatz

reguliert: contingit omni aut nulli inesse. -- Dieser und der folgende

Absatz fassen die hier geltenden Schlußregeln zusammen. In der Folge

werden sie einzeln aufgestellt und in einer bestimmten Ordnung bewiesen.

[94] Zwei weitere Regeln! Welcher Schlußsatz folgt in bejahenden und

welcher in verneinenden Schlüssen? Sind beide Prämissen bejahend,

so folgt ein Schlußsatz, der das mögliche Sein aussagt. Sind die

Prämissen gemischt, so folgt, wenn die bejahende Prämisse notwendig

ist, ein Schlußsatz, der das mögliche Nichtsein aussagt; wenn aber die

verneinende Prämisse notwendig ist, so folgt sowohl ein Schlußsatz,

der das mögliche, wie ein solcher, der das tatsächliche Nichtsein

aussagt. Wir setzen folgende Beispiele her. 1. wenn beide Prämissen

bejahend sind. a) Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen: jeder Mensch

muß ein Sinnenwesen sein; also kann sich jeder Mensch bewegen. b)

Jedes Sinnenwesen kann sich bewegen; manches Lebende bewegen. 2.

bei gemischten Prämissen, wenn die bejahende Prämisse notwendig

ist. Möglicherweise schläft kein Sinnenwesen; jeder Mensch muß ein

Sinnenwesen sein; möglicherweise schläft kein Mensch. 3. wenn die

verneinende Prämisse notwendig ist. Beispiel für einen Schluß auf das

Können: kein Sinnenwesen kann eine Pflanze sein; ein Weißes kann ein

Sinnenwesen sein; also ist möglicherweise ein Weißes keine Pflanze.

Dieses Beispiel ist auch brauchbar für einen Schluß auf das einfache

Sein oder vielmehr Nichtsein. Denn der Untersatz kann nach griechischem

Sprachgebrauch, in Anbetracht der möglichen Bedeutung von ἐνδέχεται: es

kommt vor oder es kommt meistens vor, vgl. Kap. 2, Abs. 2 und Anm. 3,

auch den Sinn haben: manches Weiße ist ein Sinnenwesen. Dann folgt nach

K. 9: manches Weiße ist keine Pflanze.

[95] Vgl. K. 15, Abs. 1. Bei den vollkommenen Schlüssen hat Kontingent

in der Konklusion den strikten Sinn, bei den unvollkommenen den

weiteren, s. oben Anm. 2. Aber in den Fällen des K. 16 soll sich nicht,

wie in K. 15, ein Kontingentes ergeben im Sinne dessen, was notwendig

nicht zukommt und so auch möglicherweise nicht zukommt.

[96] Es wird damit angefangen, die vorausgeschickten Regeln zu

beweisen. Zuerst wird die Behauptung des unmittelbar vorausgehenden

Absatzes bewiesen, daß in dem bewußten Falle der Schlußsatz nicht

notwendig ist. Zu dem Beweis ist K. 15, 34 a 34 und Anmerkung 79 f. zu

vergleichen.

[97] Es wird damit angefangen, die Regel in Absatz 2 zu beweisen, vgl.

A. 93. Beispiel. Es ist möglich, daß jedes Sinnenwesen sich bewegt;

jeder Mensch ist notwendig ein Sinnenwesen; also ist es möglich, daß

jeder Mensch sich bewegt. Denn was von jedem Sinnenwesen gilt, gilt von

jedem Menschen, da jeder Mensch ein Sinnenwesen ist. Sonst gäbe es ein

Sinnenwesen, das sich nicht bewegen kann.

Lehre vom Schluss · 第 13 / 19 段