Ich denke, man kann es in dem Falle, daß die beiden fraglichen Züge

einer anderen Gattung, aber nicht in ihrem ganzen Umfang, zukommen, und

daß die Individuen der Gattungen, innerhalb deren beides nur einem Teil

zukommt, den einen Zug aufweisen und den anderen nicht. Denn wenn einer

mutig, aber nicht großmütig ist, und er dann von den beiden Zeichen

dieses bestimmte hat, so ist einleuchtend, daß dasselbe auch bei einem

Löwen das Zeichen des Mutes ist.

Der physiognomische Schluß deckt sich also mit dem Fall, wo von den

Begriffen in der ersten Figur der mittlere mit dem oberen konvertibel

ist, während er über den unteren hinausreicht und nicht mit ihm

konvertibel ist. Z. B. A sei Mut, B große Extremitäten, C Löwe. Wem

nun C zukommt, dem allen kommt B zu, aber auch noch anderem. Wem aber

B zukommt, dem allen kommt A zu und nicht noch anderem, sondern diese

beiden Begriffe sind konvertibel. Wären sie es nicht, so gäbe es nicht

für je +eine+ Eigenschaft je +ein+ Zeichen.

Anmerkungen.

Zum ersten Buche.

[1] Dieses ist wohl der Sinn der Worte 24 b 17: ἢ προςτιεμένον ἡ

διαιρουμένον τοῦ εἶναι καὶ μὴ εἶναι. So fassen sie Alexander, Silvester

Maurus, Waitz und Maier. Bender und v. Kirchmann lassen sie sagen: mag

nun das Sein oder Nichtsein dabei stehen oder nicht.

[2] Das sind drei Bedeutungen von kontingent, endechomenon: das

Notwendige ist kontingent, weil es sein kann, ohne auch nicht sein

zu können, wie z. B. das Absolute, Gott; das nicht Notwendige ist

kontingent, weil es sein und nicht sein kann, wie die Geschöpfe; das

Mögliche, dynaton, ist kontingent, weil es sein kann, abgesehen davon,

ob es notwendig ist oder nicht; so ist es z. B. möglich, daß überhaupt

etwas ist. Nach Silvester Maurus. Die zweite Bedeutung ist die engere

und eigentliche.

[3] Hier scheint διορίζομεν nicht sowohl definieren zu bedeuten als

einteilen, unterscheiden, gemäß Absatz 2: da es ein Kontingentes

gibt, das nicht notwendig ist, so kann es auch ein solches geben,

das nur meistens ist, so wie es der natürliche und gewöhnliche Lauf

der Dinge mit sich bringt; gegen Bender und v. Kirchmann. Auch Waitz

überzeugt nicht, der hier die Bedeutung von Definition annimmt und in

den Worten des Aristoteles angemerkt findet, daß das, was meistenteils

geschieht, der ursprüngliche und eigentliche Sinn des ἐνδεχόμενον ist.

Das soll auch der Sinn des δυνατόν 25 a 39 sein. Das letztere scheint

unerweisbar, das erstere dagegen, daß ἐνδεχόμενον das Gewöhnliche

bedeutet -- im Deutschen läßt sich das in der Übersetzung von

kontingent nicht wiedergeben -- ist glaubhaft. Man kann ἐνδέχεσθαι als

aufnehmen verstehen, und das logische Subjekt ist dann die Natur der

Dinge, also: τῇ φύσει ἐνδέχεται, wobei freilich dieses Verbum passive

Bedeutung hätte.

[4] Beispiel: Jedes sinnlich wahrnehmende Wesen (ζῷον animal) ist

mit Leben begabt; jeder Mensch ist ein sinnlich wahrnehmendes Wesen

(Sinnenwesen); also ist jeder Mensch mit Leben begabt. -- Man sieht

hier, warum es im folgenden Absatz heißt, daß der Mittelbegriff auch

seiner Stellung nach der mittlere Begriff wird oder ist (γίνεται): er

wird in der einen Prämisse unter den ersten Begriff gebracht, in der

anderen der letzte Begriff unter ihn. -- Es wäre deutlicher gewesen,

wenn wir übersetzt hätten: wenn der Oberbegriff (mit Leben begabt) in

dem ganzen mittleren Begriff (Sinnenwesen) ist oder, in ihm nach dessen

ganzem Umfange ist, statt zu übersetzen: in dem mittleren Begriff als

Ganzem; aber es galt mit Aristoteles den Anschluß an den Ausdruck im 1.

Kapitel, Absatz 1, wahren: in einem anderen als Ganzem.

[5] A ist Oberbegriff. Er wird so bezeichnet, weil er logisch

vorangeht, da er umfassender und allgemeiner ist.

[6] Beispiel: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; jeder Mensch ist ein

Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze.

[7] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Pferd ist ein Mensch; also

ist kein Pferd ein Sinnenwesen.

Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Stein ist ein Mensch; also

ist jeder Stein ein Sinnenwesen. Hier wird beide Male aus richtigen

Prämissen geschlossen, aber beide Male mit falschem Ergebnis, woraus

folgt, daß man weder einen allgemein bejahenden, noch einen allgemein

verneinenden Schlußsatz gewinnt. Ebenso läßt sich nicht partikulär

schließen, daß einige Steine Sinnenwesen oder einige Pferde keine

Sinnenwesen sind.

[8] Keine Linie ist Wissenschaft; keine Heilkunst ist Linie; also ist

keine Heilkunst Wissenschaft. -- Keine Linie ist Wissenschaft; keine

Eins ist Linie; also ist jede Eins Wissenschaft. -- Der Heilkunst

kommt aber tatsächlich das Prädikat Wissenschaft zu, der Eins kommt

es nicht zu. -- Es ist irreführend, wenn Bender Zeile 26 11 f. so

übersetzt: „für den einen Fall, daß ein Zukommen sich ergibt, nehme man

die Begriffe Wissenschaft, Linie, Heilkunst, für den anderen Fall, daß

kein Zukommen sich ergibt, die Begriffe Wissenschaft, Linie, Einheit.“

Denn es ergibt sich logisch in keinem von beiden Fällen ein Zukommen,

aber tatsächlich gilt im ersten Falle das Zukommen, im zweiten das

Nichtzukommen.

[9] Aristoteles gebraucht hier zum ersten Male und unvermittelt

den Ausdruck Figur, Schema, für die Anordnung der Schlüsse je nach

der Stellung des Mittelbegriffs. Er stellt nur drei, nicht vier

Schlußfiguren auf. Ist der Mittelbegriff in der einen Prämisse, genauer

im Obersatz, Subjekt, in der anderen Prädikat, so ist das die erste

Figur; vgl. den Schluß dieses Kapitels. Ist er in beiden Prädikat, so

hat man die zweite; ist er in beiden Subjekt, so hat man die dritte

Figur; vgl. K. 5 Anf. und K. 6 Anf. Die vierte Figur der neueren Logik

bekäme man, wenn der Mittelbegriff im Obersatz Prädikat, im Untersatz

Subjekt wäre. Der Oberbegriff wäre dann im Obersatz Subjekt. Das aber

will A. nicht. Der Oberbegriff ist dieses darum, weil er als Form die

Aussage darstellt, während der Unterbegriff als Stoff ihr Gegenstand

ist. Darum muß der Oberbegriff im Obersatz als Prädikat stehen. Der

Obersatz enthält gleichsam das probandum, der Untersatz die probatio.

Jener gibt die Bestimmung an, die zu beweisen ist, dieser das Substrat,

das sich der Bestimmung unterwirft. Jener stellt für einen bestimmten

Umfang das Gesetz auf, dieser weist etwas in diesen Umfang ein. Vgl.

Anm. 48.

[10] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; ein Weißes ist ein Mensch; also

ist ein Weißes oder einiges Weiße ein Sinnenwesen. -- Kein Mensch ist

ein Pferd; ein Weißes ist ein Mensch; also ist ein Weißes oder einiges

Weiße kein Pferd.

[11] Wenn man also, statt zu sagen: ein Weißes oder irgendein Weißes

ist ein Mensch, sagt: Weißes ist Mensch. Denn da folgt unbestimmt:

Weißes ist Sinnenwesen, oder: Weißes ist kein Pferd. Singuläre

Prämissen berücksichtigt Aristoteles nicht, sie unterscheiden sich für

den Schluß nicht von den partikulären. Darum hat er auch K. 1, Absatz

2, bei der Einteilung der Sätze nach der Quantität, der Sätze, die

etwas von einem Einzelding aussagen, nicht gedacht.

[12] Schluß für Zukommen, das heißt, wo tatsächlich, nicht logisch,

ein Zukommen stattfindet. Irgendein Habitus, eine seelische

Eigentümlichkeit, ist nicht gut; jede Klugheit ist ein Habitus;

also ist jede Klugheit oder irgendeine Klugheit nicht gut. Sie ist

es aber gleichwohl. Schluß für Nichtzukommen: Irgendein Habitus ist

gut; jede Ungeschicktheit ist ein Habitus; also ist jede oder eine

Ungeschicktheit gut. Sie ist es aber gleichwohl nicht.

[13] 1. Ein Pferd ist weiß; kein Schwan ist ein Pferd, also ist kein

Schwan weiß, oder: ein Schwan ist nicht weiß. Falsch! Also ergibt sich

kein negativer Schlußsatz. 2. Ein Pferd ist weiß; kein Rabe ist ein

Pferd; also ist jeder oder sind einige Raben weiß! Falsch! Also ergibt

sich kein affirmativer Schlußsatz. Ebenso ist es, wenn man statt des

partikulären Obersatzes einen unbestimmten nimmt.

[14] 1. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht alles Weiße ist Mensch,

oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein Weißes ein

Sinnenwesen oder ist ein bestimmtes Weißes kein Sinnenwesen. Es folgt

also kein verneinender Schlußsatz, da der vorliegende falsch ist: man

denke z. B. an Schwan. 2. Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; einiges

Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist jedes

Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen. Es folgt also kein

bejahender Schlußsatz, da der Vorliegende falsch ist: man denke z. B.

an Schnee.

[15] 1. Kein Mensch ist unbeseelt; einiges Weiße oder ein bestimmtes

Weißes ist kein Mensch; also ist jedes Weiße oder ein bestimmtes Weißes

unbeseelt. Aber der Schwan ist beseelt. 2. Kein Mensch ist unbeseelt;

einiges Weiße oder ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch; also ist kein

Weißes unbeseelt oder ist ein bestimmtes Weißes nicht unbeseelt. Aber

der Schnee ist es. -- Der Gegensatz zwischen partikulär und unbestimmt

ist hier anders gemeint als der Gegensatz zwischen partikulären und

allgemeinen Sätzen einerseits und unbestimmten Sätzen andererseits in

K. 1, Abs. 2. Auch der unbestimmte Satz ist jetzt partikulär gedacht,

aber sein Subjekt ist unbestimmt, wie z. B. in dem Satz: einiges Weiße

ist kein Mensch. Sage ich aber: ein bestimmtes Weißes ist kein Mensch,

so meine ich etwa den Schwan oder den Schnee, und ein solcher Satz

heißt hier partikulär.

[16] Ein zweiter Beweis für denselben Fall! Der Fall wird zurückgeführt

auf den anderen, 26 a 2 ff., wo der Obersatz allgemein bejahend oder

verneinend, und der Untersatz allgemein verneinend ist. -- Man sieht,

daß hier von unbestimmtem Satz in einem wieder anderen Sinne geredet

wird: bei dem Satz: B kommt einem C nicht zu, bleibt es unbestimmt, ob

es irgendeinem anderen C zukommt oder keinem. Da es nun möglicherweise

keinem zukommt, darf man auch nicht mehr schließen, als wenn es keinem

zukommt. Um es anders zu sagen: für die Wahrheit des Satzes: B kommt

einem C nicht zu, genügt es, daß es keinem zukommt. Was nun daraus

nicht folgt, daß es keinem zukommt, folgt auch nicht daraus, daß es

einem nicht zukommt.

[17] a) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist

weiß, b) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein Pferd ist

nicht weiß, c) Irgendein Weißes ist ein Sinnenwesen; irgendein Pferd

ist nicht weiß, d) Irgendein Weißes ist kein Sinnenwesen; irgendein

Pferd ist weiß. In allen diesen Fällen folgt kein allgemein oder

partikulär verneinender Schlußsatz, folgt also nicht: kein Weißes ist

ein Sinnenwesen, oder: das und das Weiße ist kein Sinnenwesen. Denn

das Pferd kann weiß sein und ist doch ein Sinnenwesen. Ebenso folgt,

wenn man die Begriffe nimmt: Sinnenwesen, weiß, Stein, nicht, daß alles

Weiße oder ein bestimmtes Weißes ein Sinnenwesen ist. Denn der Stein

kann weiß sein und ist doch kein Sinnenwesen. Es macht auch keinen

Unterschied, ob ich sage: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen, oder

ob ich sage: ein bestimmtes Weißes ist kein Sinnenwesen, mit anderen

Worten, ob die Prämisse unbestimmt oder ob sie partikulär ist. Es heiße

z. B.: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Pferd ist

weiß. Da folgt nicht: kein Weißes ist ein Sinnenwesen, und nicht: das

und das Weiße ist kein Sinnenwesen usw.

[18] Die unbestimmte Frage, ob es nicht jedem zukommt, und die

singuläre Frage, ob es diesem Individuum zukommt oder nicht zukommt,

bleiben unerwähnt, die eine, weil sie unter die partikuläre Frage

fällt, die andere, weil sie nicht die Wissenschaft berührt.

[19] Der Oberbegriff steht näher bei dem Mittelbegriff, weil er im

Schlußsatz ausgesagt wird, wie der Mittelbegriff in den Prämissen.

In dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht in der Mitte, weil er

Prädikat ist, sondern außerhalb der Außenbegriffe, und nimmt als

Prädikat und Umfassendes die erste Stelle ein. Nach Silvester Maurus.

[20] M bezeichnet den Mittelbegriff, N den Oberbegriff, X den

Unterbegriff. Beispiel: Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen; jeder Mensch

ist ein Sinnenwesen; also ist kein Mensch eine Pflanze. Beweis. Der

Obersatz läßt sich umkehren, also: Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze.

Dann folgt der Schlußsatz nach Celarent in der ersten Figur.

[21] Jede Pflanze ist sinnenlos; kein Sinnenwesen ist sinnenlos; also

ist kein Sinnenwesen eine Pflanze. Beweis. Der Untersatz wird umgekehrt

in: kein Sinnenloses ist ein Sinnenwesen, und zum Obersatz gemacht.

Dann folgt: also ist keine Pflanze ein Sinnenwesen, oder umgekehrt,

kein Sinnenwesen eine Pflanze.

[22] a) Beispiel für Zukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine

Substanz; jeder Mensch ist eine Substanz; also ist kein Mensch ein

sinnbegabtes Wesen oder ist irgendein Mensch keines. b) Beispiel für

Nichtzukommen: Jedes sinnbegabte Wesen ist eine Substanz; also ist jede

Zahl oder ist irgendeine Zahl ein sinnbegabtes Wesen. -- Die Zahl wird

hier im Sinne der Platoniker als Substanz genommen.

[23] Beispiel: a) für Zukommen: Kein Sinnenwesen ist eine Linie; kein

Mensch ist eine Linie; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder ist

irgendeiner keines; b) für Nichtzukommen: Kein Sinnenwesen ist eine

Linie; kein Stein ist eine Linie; also ist jeder oder ein Stein eine

Linie.

[24] Keine Pflanze ist ein Sinnenwesen, irgendein Lebendes ist ein

Sinnenwesen, also irgendein Lebendes keine Pflanze. Beweis. Durch

Umkehrung des Obersatzes erhalte ich den Satz: kein Sinnenwesen ist

eine Pflanze, und bilde den Schluß nach dem Modus Ferio der ersten

Figur.

[25] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; irgendein Lebendes (die Pflanze

z. B.) ist kein Sinnenwesen, also irgendein Lebendes kein Mensch.

Beweis indirekt. Der Schlußsatz folgt notwendig aus den Vordersätzen,

wenn er nicht falsch sein kann, ohne daß ein Vordersatz falsch ist.

Gesetzt also, er sei falsch. Dann gälte: jedes Lebende ist ein Mensch.

Daraus und aus dem Obersatz folgte: jedes Lebende ist ein Sinnenwesen,

im Widerspruch mit dem Untersatz.

[26] Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; nicht jedes Lebendige ist ein

Sinnenwesen, also nicht jedes ein Mensch.

[27] a) Für Zukommen: nicht jede Substanz ist ein Sinnenwesen; jeder

Rabe ist ein Sinnenwesen; also ist kein oder nicht jeder Rabe eine

Substanz. b) Für Nichtzukommen: nicht jedes Weiße ist ein Sinnenwesen;

jeder Rabe ist ein Sinnenwesen, also jeder oder ein Rabe weiß.

[28] a) Für Zukommen: Irgendeine Substanz ist ein Sinnenwesen; keine

Eins ist Sinnenwesen, also keine oder nicht jede Eins Substanz. Nach

den Platonikern ist aber die Eins Substanz. b) Für Nichtzukommen:

Manche Substanz ist ein Sinnenwesen; keine Wissenschaft ist ein

Sinnenwesen, also jede oder eine Wissenschaft Substanz. Die

Wissenschaft ist aber nicht Substanz, sondern geistige Habe oder

Habitus.

[29] Beispiel für Nichtzukommen: Kein Schnee ist schwarz; manches

Sinnenwesen ist nicht schwarz, also jedes oder manches Sinnenwesen

Schnee. Für jedem Zukommen gibt es keine Begriffe, wenn der

Mittelbegriff dem Unterbegriff teils zukommen, teils nicht zukommen

soll. Denn wenn kein N = M ist und jedes X = N, so ist nach Celarent

kein X = M. Es wurde aber angenommen, daß manches X = M ist, weil

die Begriffe als Beispiel für „jedem Zukommen“ dienen sollten. Die

aufgestellte Regel läßt sich also daraus nicht begründen, daß sich in

dem angenommenen Falle je keine bejahenden und keine verneinenden Sätze

ergeben würden. Aber der partikulär verneinende Untersatz ist in seiner

unbestimmten Fassung auch dann wahr, wenn M keinem X zukommt. Dann wäre

er also gleich dem Obersatz allgemein verneinend, und dann erhielte man

keinen Schluß, vgl. Anm. 23. S. auch A. 30.

[30] Beispiel für keinem Zukommen: Jeder Schwan ist weiß; mancher Stein

ist weiß, also jeder oder mancher Stein ein Schwan. Für jedem Zukommen

gibt es keine Begriffe, und es wird wie vorhin -- vgl. die vorige Anm.

-- bewiesen, daß bei den Voraussetzungen des Falles überhaupt nichts

folgt, vgl. A. 22. Dadurch wird dann das Beispiel für keinem Zukommen

entbehrlich, und wird auf dem schon mit einem Fuß betretenen Wege der

ersten Begründung eingehalten. Oder es wird, nachdem gezeigt worden

ist, daß kein bejahender Schluß entsteht, das andere, daß auch kein

verneinender entsteht, daraus gezeigt, daß überhaupt keiner entsteht.

[31] Beispiel für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist nicht weiß; kein

Rabe ist weiß; also ist kein Rabe ein Sinnenwesen oder ist mancher Rabe

kein Sinnenwesen.

[32] Beispiel für Nichtzukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder

Schwan ist weiß; also ist jeder oder mancher Schnee ein Sinnenwesen.

Für Zukommen: Manches Sinnenwesen ist weiß; jeder Schwan ist weiß; also

ist kein Schwan ein Sinnenwesen oder mancher Schwan kein Sinnenwesen.

[33] Begriffe für Zukommen. Aus den Prämissen a) manches Sinnenwesen

ist weiß, mancher Mensch ist weiß, oder b) manches Sinnenwesen ist

nicht weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder c) manches Sinnenwesen

ist weiß, mancher Mensch ist nicht weiß, oder d) manches Sinnenwesen

ist nicht weiß, mancher Mensch ist weiß -- folgt nicht: kein Mensch ist

ein Sinnenwesen, oder mancher Mensch ist kein Sinnenwesen. Begriffe

für Nichtzukommen. Aus den Prämissen a) manches Sinnenwesen ist weiß,

manches Unbeseelte ist weiß, oder b) manches Sinnenwesen ist nicht

weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder c) manches Sinnenwesen

ist weiß, manches Unbeseelte ist nicht weiß, oder d) manches

Sinnenwesen ist nicht weiß, manches Unbeseelte ist weiß -- folgt nicht:

jedes oder manches Unbeseelte ist ein Sinnenwesen.

[34] Der Oberbegriff ist weiter von dem Mittelbegriff entfernt: er ist

in beiden Fällen Prädikat, der Mittelbegriff Subjekt. Der Unterbegriff

steht näher bei ihm: er ist im Schlußsatz Subjekt wie der Mittelbegriff

in den Prämissen. Auch in dieser Figur steht der Mittelbegriff nicht

zwischen den Außenbegriffen, sondern außerhalb ihrer, und hat die

letzte Stelle, weil er Subjekt ist. Gleichwohl ist er der logische

Mittelbegriff, sofern er der Grund für die logische Verknüpfung der

Außenbegriffe im Schlußsatz ist.

[35] Jeder Mensch ist vernünftig; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen.

Kehrt man den zweiten Satz in den anderen um: manches Sinnenwesen ist

ein Mensch, so folgt in Darii: manches Sinnenwesen ist vernünftig.

[36] Ist kein Sinnenwesen vernünftig, so ist kein Vernünftiges, also

kein Mensch, ein Sinnenwesen, was gegen den Vordersatz ist. -- Ist

jeder Mensch vernünftig und sinnenbegabt zugleich, so können wir

einen bestimmten Menschen, N, ausheben oder hernehmen -- ἐκτέσθαι --,

der beides ist, und folglich kommt es einem Sinnenwesen zu, daß es

vernünftig ist.

[37] Kein Mensch ist ein Pferd; jeder Mensch ist ein Sinnenwesen. Kehrt

man den zweiten Satz in den anderen um: manches Sinnenwesen ist ein

Mensch, so folgt in Ferio: manches Sinnenwesen ist kein Pferd. -- Ist

jedes Sinnenwesen ein Pferd, so ist auch der Mensch eines, gegen den

Obersatz.

[38] Für Zukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen; kein Mensch ist

ein Pferd; also ist kein Pferd ein Sinnenwesen oder ist manches keines.

Für Nichtzukommen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, kein Mensch ist

unbeseelt; also ist jedes oder manches Unbeseelte ein Sinnenwesen.

[39] Für Zukommen: Kein Unbeseeltes ein Sinnenwesen; kein Unbeseeltes

ein Pferd; also kein Pferd ein Sinnenwesen oder manches Pferd kein

Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: Kein Unbeseeltes ein Mensch; kein

Unbeseeltes ein Pferd; also jedes oder manches Pferd ein Mensch.

[40] Manches Sinnenwesen ist vernünftig; jedes Sinnenwesen hat

Wahrnehmung; also manches Wahrnehmende vernünftig. Beweis. Kehrt man

den Obersatz um in: manches Vernünftige ist ein Sinnenwesen, und

macht ihn zum Untersatz, so folgt in Darii: manches Vernünftige hat

Wahrnehmung, und durch Umkehrung der Schlußsatz.

[41] Jedes Sinnenwesen nimmt wahr; manches Sinnenwesen ist vernünftig;

also nimmt manches Vernünftige wahr. Beweis wird wie in der vorigen

Anm. geführt. Auch indirekt und durch Heraushebung, wie wenn beide

Prämissen allgemein sind, vgl. A. 36.

[42] Manches Sinnenwesen ist nicht vernünftig; jedes Sinnenwesen nimmt

wahr; also ist manches Wahrnehmende nicht vernünftig. Beweis indirekt:

ist alles Wahrnehmende vernünftig, und nimmt jegliches Sinnenwesen

wahr, so folgt in Barbara: jedes Sinnenwesen vernünftig, gegen die

Voraussetzung im Obersatz; es läßt sich auch durch Heraushebung zeigen.

[43] Begriffe für jedem Zukommen: Jedes Sinnenwesen ist beseelt,

manches Sinnenwesen kein Mensch, also kein Mensch beseelt oder mancher

Mensch nicht beseelt. Für keinem Zukommen gibt es keine Begriffe. Denn

wenn gilt: jedes S = P, und: ein R = S, gilt auch in Darii: ein R = P.

Es sollten aber Begriffe für den Fall sein, daß kein R = P ist, sowie

die ersten drei Begriffe voraussetzten, daß jedes R = P ist. Man muß

also die Sache angehen, wie in den früheren Fällen, vgl. Anm. 29 u. 30.

[44] Kein Sinnenwesen ist eine Pflanze; manches Sinnenwesen ist weiß;

also ist manches Weiße kein Sinnenwesen. Beweis durch Umkehrung des

Untersatzes. So folgt der Schlußsatz in Ferio.

[45] Begriffe für Zukommen: manches Wilde ist ein Sinnenwesen; kein

Wildes ist ein Mensch; also ist kein Mensch ein Sinnenwesen oder ist

mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: manches Wilde ist

ein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also ist jede oder

manche Wissenschaft ein Sinnenwesen.

[46] Begriffe für Zukommen, wenn der Untersatz allgemein ist: manches

Wilde ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist ein Mensch; also ist jeder

oder mancher Mensch kein Sinnenwesen. Für Nichtzukommen: manches Wilde

ist kein Sinnenwesen; kein Wildes ist Wissenschaft; also ist jede oder

manche Wissenschaft ein Sinnenwesen. -- Begriffe für Nichtzukommen,

wenn der Obersatz allgemein ist: kein Weißes ist ein Rabe; manches

Weiße ist kein Schnee: also ist jeder oder mancher Schnee ein Rabe.

In bezug auf Zukommen wird wieder wie schon in drei früheren Fällen

gezeigt, daß es dafür keine Begriffe gibt und folglich die aufgestellte

Regel wieder „aus dem Unbestimmten“ bewiesen werden muß.

[47] Nimmt man alle möglichen partikulären Sätze mit Sinnenwesen,

Mensch, weiß, so folgt nicht: jeder Mensch oder mancher Mensch ist kein

Sinnenwesen; wenn ebenso mit Sinnenwesen, unbeseelt, weiß, so folgt

nicht: jedes oder manches Unbeseelte ist ein Sinnenwesen.

[48] Warum übergeht Aristoteles die vierte Schlußfigur? Wir haben

diese Frage in A. 9 beantwortet; v. Kirchmann sagt im Vorwort zu

seiner Übersetzung S. VII: „Von mancher Seite wird mit Unrecht gerügt,

daß Aristoteles die sog. vierte Schlußfigur (die Galenische) nicht

behandelt habe. Dieses gereicht ihm vielmehr zum Lobe. Die von dem Arzt

Galenus erfundene vierte Figur ist nur eine Umstellung der ersten des

Aristoteles; sie schmiegt sich zwar dem Sprachgebrauche leichter an

als die erste des Aristoteles, dagegen entspricht letztere mehr dem

logischen Sachverhalt und dem wissenschaftlichen Gebrauche, und es kann

deshalb mit Recht die Galenische Figur ganz beiseite bleiben.“

[49] Aus den Prämissen: Jeder Mensch ist ein Sinnenwesen, kein Pferd

ein Mensch, folgt nicht der direkte Schluß: jedes oder manches Pferd

ist ein Sinnenwesen, sondern der indirekte: manches Sinnenwesen ist

kein Pferd, und zwar in Ferio, durch Konversion und durch Umstellung

der Prämissen. Aus den Prämissen: Manches Vernünftige ist ein

Sinnenwesen, kein Pferd ist vernünftig, wo der Obersatz partikulär

ist, folgt auch kein direkter Schluß. Verfährt man mit ihnen aber wie

vorhin, so ergibt sich wieder derselbe Schlußsatz; Kein Vernünftiges

ist ein Pferd; manches Sinnenwesen ist vernünftig; manches Sinnenwesen

ist kein Pferd.

[50] Hier nur ein Beispiel für notwendig Zukommen: Jedes Bewegte hat

notwendig Wahrnehmung; jeder Mensch bewegt sich; also hat jeder Mensch

notwendig Wahrnehmung. Denn was von allem gilt und von allem notwendig

gilt, gilt auch und gilt notwendig von allem, was unter ihm begriffen

ist.

Lehre vom Schluss · 第 12 / 19 段