nicht zu derselben Reihe gehört, nicht möglich, die Prämissen nach
beiden Mittelbegriffen anzunehmen, also etwa anzunehmen, daß A jedem
B und keinem C und diese beiden jedem D zukommen. Denn da folgt, daß
die erste Prämisse (der Obersatz) entweder ganz oder zum Teil in
einem Sinne angenommen wird, der sich selbst konträr ist. Denn wenn
man annimmt, allem, dem B zukommt, komme A zu, und weiß, daß B dem
D zukommt, so weiß man auch, daß A dem D zukommt. Wenn man mithin
wieder meint, A komme keinem zu, dem C zukommt, so meint man, dem
komme A nicht zu, was einiges unter sich begreift, dem B zukommt. Zu
meinen aber, einmal, A komme jedem zu, dem B zukommt; und dann wieder,
es komme einem nicht zu, dem B zukommt, ist sich ganz oder zum Teil
konträr[270].
In dieser Weise kann man also etwas nicht annehmen. Dagegen hindert
nichts, daß man den einen Satz nach beiden Mittelbegriffen oder beide
nach einem als wahr annimmt, so daß z. B. A jedem B und B jedem C
zukäme, und wieder A keinem C[271].
Denn ein solcher Irrtum ist dem Irrtum über das Besondere gleich. Wenn
z. B. A jedem B und B jedem C zukommt, muß A jedem C zukommen. Weiß
man also, daß A jedem zukommt, dem B, so weiß man auch, daß es dem C
zukommt. Aber es steht nichts im Wege, daß man nicht wisse, daß C ist,
wenn z. B. A zwei rechte Winkel bezeichnet, B ein Dreieck und C ein
sinnliches einzelnes Dreieck. Denn da könnte man meinen, C sei nicht,
obgleich man weiß, daß jedes Dreieck zwei rechte Winkel hat, so daß
man also ein und dasselbe gleichzeitig weiß und nicht weiß. Denn der
Begriff „Wissen, daß jedes Dreieck eine Winkelsumme von zwei Rechten
hat“, ist nicht eindeutig, sondern er bedeutet einmal, daß man das
Wissen um das Allgemeine, und dann, daß man das Wissen um das Einzelne
hat. So weiß man denn mit allgemeinem Wissen, daß C eine Winkelsumme
von zwei Rechten hat, aber mit dem Wissen, das das Einzelne erreicht,
weiß man es nicht, und so wird man denn keine konträren Verfassungen
haben.
Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Satze des +Meno+ (81 D), daß
Lernen Erinnerung ist. Denn nirgendwo folgt dort aus der Argumentation,
daß man das Einzelne vorher weiß, sondern es folgt nur, daß man über
der Induktion die Wissenschaft des Besonderen gewinnt, indem man es
gleichsam wiedererkennt. Denn manches wissen wir, wenn wir diesen Weg
gehen, sofort, z. B.: es enthält zwei rechte Winkel, wenn wir wissen:
es ist ein Dreieck. Und ebenso in den anderen Fällen. Wir denken also
das Besondere in der Wissenschaft des Allgemeinen, wissen es aber
nicht in besonderer Wissenschaft, so daß wir darin auch irren können,
nur nicht in konträrer Weise, sondern wir können die allgemeine
Wissenschaft haben und in der besonderen irren[272].
Eben dieses ist nun auch bei dem vorhin Genannten der Fall: der Irrtum
bezüglich des Mittelbegriffs ist dem durch den Schluß gewonnenen Wissen
nicht konträr, und ebensowenig ist es sich die Meinung bezüglich beider
Mittelbegriffe.
Nichts hindert aber, daß man zwar weiß, sowohl, A komme dem ganzen B,
wie auch, dieses komme dem ganzen C zu, und gleichwohl meint, A komme C
nicht zu, daß man also z. B. weiß, jede Mauleselin sei unfruchtbar und
dieses Tier sei eine Mauleselin, und gleichwohl meint, es sei trächtig.
Denn man weiß nicht, daß A dem C zukommt, wenn man an die beiden Sätze
nicht gleichzeitig denkt.
[Sidenote: 67 b]
Hieraus sieht man also, daß man auch irren muß, wenn man das eine
weiß und das andere nicht weiß. Das ist aber eben das Verhältnis, daß
zwischen dem Wissen des Allgemeinen und des Besonderen besteht. Denn
wir wissen nichts Sinnenfälliges, nachdem es sich der Wahrnehmung
entzogen hat, auch wenn wir es etwa zuvor wahrgenommen haben, außer
durch den Besitz des allgemeinen und des besonderen Wissens, aber
nicht mit aktuellem (wirklichem) Wissen. Denn man spricht von Wissen
in dreifachem Sinne: es bedeutet das allgemeine, das besondere und das
aktuelle Wissen, und so hat auch das Irren diesen dreifachen Sinn. So
steht denn nichts im Wege, daß man bezüglich eines und desselben Dinges
ein Wissen hat und irrt, nur nicht in konträrer Weise. Das geschieht
auch dem, der beide Vordersätze weiß und nicht zuvor zugesehen hat.
Denn da er annimmt, die Mauleselin sei trächtig, so hat er das aktuelle
Wissen nicht, er befindet sich aber auch wieder nicht wegen dieser
Annahme in einem dem Wissen konträren Irrtum. Denn ein dem allgemeinen
Wissen konträrer Irrtum müßte ein Schluß sein[273].
Wer aber annimmt, das Gutsein sei Schlechtsein, muß annehmen, das Sein
und Wesen von Gut und Schlecht sei identisch. Denn das Gutsein soll A
sein, das Schlechtsein B, und das Gutsein wieder C. Da man nun meint, B
und C sei identisch, so muß man auch meinen, C sei B, und ebenso auch
B sei A, und so denn auch, C sei A. Denn sowie, wenn es wahr wäre, daß
wovon C, davon B, und wovon B, davon A gilt, auch wahr wäre, daß A von
C gilt, ebenso ist es mit dem Annehmen, und ebenso wieder mit dem
Sein. Denn wäre C mit B und wieder B mit A identisch, so wäre es auch C
mit A. Demnach müßte es sich also mit dem Meinen geradeso verhalten.
Ist das nun nicht wirklich notwendig, wenn man die Voraussetzung
zugibt? Aber vielleicht liegt der Irrtum darin, daß man auch noch
in anderem Sinne soll meinen können, das Schlechtsein sei Gutsein,
als bloß mitfolgenderweise. Denn man kann dieses in vielfachem Sinne
annehmen, ein Punkt freilich, der einer genaueren Untersuchung
bedürfte[274].
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Wenn die Außenbegriffe konvertibel sind, muß sich auch der
Mittelbegriff mit beiden vertauschen lassen[275].
Denn wenn A dem C durch B zukommt, so läßt sich, wenn das umgekehrt
werden kann und C allem zukommt, dem A zukommt, auch B mit A
vertauschen, und es kommt allem, dem A zukommt, auch B zu durch
den Mittelbegriff C; und C läßt sich mit B vertauschen durch den
Mittelbegriff A[276].
Ebenso verhält es sich mit den verneinenden Sätzen; also, wenn B dem
C zukommt, aber dem B das A nicht zukommt, wird A auch dem C nicht
zukommen. Wenn nun B mit A vertauscht werden kann, muß auch C mit A
vertauscht werden können. Denn B darf A nicht zukommen, also auch C
nicht; denn B kommt nach der Voraussetzung jedem C zu[277].
Und, wenn C mit B vertauscht werden kann, so auch mit A. Denn von wem
nach dessen ganzem Umfange B gilt, von dem auch C.
[Sidenote: 68 a]
Und, wenn C mit A vertauscht wird, wird auch B mit A vertauscht. Denn
wem B zukommt, dem C; wem aber A, dem kommt C nicht zu[H]. Und nur hier
fängt man mit der Konklusion an -- nicht so bei den anderen Weisen --,
wie bei dem bejahenden Schluß.
[H] 68 a 1 nach Waitz.
Wiederum, wenn A und B konvertibel ist, und ebenso C und D, und jedem
Ding A oder C zukommen muß, so wird auch C und D sich so verhalten, daß
allem eins davon zukommt.
Denn da wem A, dem B, und wem C, dem D zukommt, und allem A oder B
zukommt, aber nicht beides zugleich, so kommt offenbar auch B oder
D allem zu, aber nicht beides zugleich. Wenn z. B. das Ungewordene
unvergänglich und das Unvergängliche ungeworden ist, so muß das
Gewordene vergänglich sein und das Vergängliche geworden sein. Denn
hier werden zwei Schlüsse verbunden.
Wiederum, wenn allem entweder A oder B und C oder D zukommt, nicht aber
je beides zugleich, und dann A und C konvertibel ist, so ist es auch B
und D.
Denn wenn B einem Subjekt nicht zukommt, dem D zukommt, so kommt ihm
offenbar A zu. Wenn aber A, auch C. Denn sie lassen sich umkehren. Also
zugleich C und D. Das ist aber unmöglich.
Wenn aber A dem ganzen B und C zukommt und von nichts anderem gilt, B
aber auch jedem C zukommt, so muß A und B konvertibel sein. Denn da A
nur von BC gilt und B sowohl von sich selbst als von C ausgesagt wird,
so wird offenbar von allem, wovon A ausgesagt wird, auch B es werden,
außer von A selbst.
Wiederum, wenn A und B dem ganzen C zukommt und C mit B konvertibel
ist, muß A jedem B zukommen. Denn da A jedem C und C wegen der
Konvertibilität jedem B zukommt, so muß auch A jedem B zukommen.
Wenn aber von zweien Dingen, A und B, die sich entgegengesetzt sind,
das erste vorzüglicher ist als das zweite, und ebenso D vorzüglicher
ist als C, so ist, wenn AC vorzüglicher ist als BD, A vorzüglicher als
D.
Denn A ist ebenso zu erstreben, als B zu fliehen, da sie Gegensätze
sind; und ebenso C und D; denn auch sie sind sich entgegengesetzt.
Wenn nun A gleich vorzüglich ist wie D, ist auch B in gleichem Maße zu
fliehen wie C. Denn das eine ist jedesmal gleich sehr zu fliehen wie
das andere zu erstreben. Mithin gilt das Gleiche von beiden zusammen,
also von AC, gegenüber BD. Da nun aber AC vorzüglicher sein soll als
BD, so können jene nicht gleich vorzüglich sein. Denn sonst wäre es
auch BD.
Wem aber D vorzüglicher ist als A, ist auch B minder zu fliehen als
C. Denn das Mindere steht dem Minderen gegenüber. Das größere Gut und
mindere Übel ist aber vorzüglicher als das mindere Gut und größere
Übel. Mithin wäre auch das Ganze, BD, vorzüglicher als AC. Nun aber ist
es das nicht. Mithin ist A vorzüglicher als D, und mithin auch C minder
zu fliehen als B.
[Sidenote: 68 b]
Wenn also jeder Liebende auf Grund seiner Liebe in dem anderen den
Habitus oder die Gesinnung der Willfährigkeit -- sie heiße A --,
verbunden mit keinem Willfahren -- es heiße C --, höher schätzt als
Willfahren, D, ohne diese Gesinnung, B, so ist offenbar A oder die
gedachte Qualität vorzüglicher als die Willfährigkeit. Mithin ist das
Geliebtwerden für den Liebenden als solchen wünschenswerter als der
Verkehr. Und mithin geht der Eros (die Liebe) mehr auf die Freundschaft
als auf den Verkehr. Wenn aber zumeist auf sie, so ist sie auch Ziel.
Mithin ist der Verkehr entweder überhaupt nicht das Ziel der Liebe,
oder ein solches, das zugleich Mittel ist, um geliebt zu werden. Ist
das ja auch die Weise, auf die die schönen Künste und Fertigkeiten
entstehen[278].
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Wie sich nun die Begriffe in bezug auf die Umkehrung und die Frage,
was in höherem Grade zu erstreben oder zu fliehen sei, verhalten,
haben wir hiermit erklärt. Wir müssen aber jetzt weiter davon reden,
daß nicht nur die dialektischen und beweisenden Schlüsse durch die
vorgenannten Figuren gehen, sondern auch die rhetorischen und überhaupt
alle Überzeugungsweisen[279], welches auch ihre Methode sein möge. Denn
alles, was wir glauben, glauben wir entweder auf Grund eines Schlusses
oder auf Grund der Induktion.
Die +Induktion+ nun und +der induktive Schluß+ besteht darin,
daß man durch den einen Außenbegriff den anderen für den Mittelbegriff
erschließt, daß man z. B., wenn zu AC das Mittelglied B ist, durch
C zeigt, daß A dem B zukommt; denn so bringen wir die Induktionen
zustande. Es sei z. B. A langlebig, B ohne Galle, C das einzelne
Langlebige, wie Mensch, Pferd, Maultier[280].
Nun kommt dem ganzen C das A zu, da alles, was keine Galle hat,
langlebig ist. Aber auch B, keine Galle haben, kommt jedem C zu.
Wenn nun C mit B konvertibel ist und nicht über den Mittelbegriff
hinausreicht, so muß A dem B zukommen[281]. Denn es ist vorhin gezeigt
worden, daß wenn zwei Begriffe einem und demselben Subjekt zukommen
und der Außenbegriff mit einem von ihnen konvertibel ist, dem, womit
er es ist, auch das andere Prädikat zukommen muß. Man muß aber unter C
das aus allen einzelnen Gliedern Zusammengesetzte verstehen. Denn die
Induktion geschieht durch alle hindurch[282].
Es geht aber ein solcher Schluß auf die erste und unvermittelte
Prämisse. Denn das, wofür es einen Mittelbegriff gibt, wird durch
dieses Mittlere erschlossen, dagegen das, wofür es keinen gibt, durch
die Induktion[283].
Und die Induktion ist auf gewisse Weise das Gegenteil des Schlusses.
Denn dieser weist durch den Mittelbegriff den Oberbegriff für den
Unterbegriff nach; jene durch den Unterbegriff den Oberbegriff für den
Mittelbegriff[284].
Von Natur ist demnach der Schluß durch den Mittelbegriff früher
und bekannter, für uns aber ist der Schluß durch Induktion
einleuchtender[285].
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Ein +Beispiel+, Paradeigma, ist es, wenn gezeigt wird, daß dem
mittleren Begriff der obere zukommt, und zwar durch ein dem dritten
(unteren) Ähnliches. Es muß dabei aber bekannt sein, daß der mittlere
dem dritten und der obere Begriff dem Ähnlichen zukommt[286].
[Sidenote: 69 a]
Z. B. es sei A Übel, B gegen Grenznachbarn Krieg anfangen, C Athener
gegen Thebaner, D Thebaner gegen Phokier. Wenn wir nun zeigen wollen,
daß es ein Übel ist, mit den Thebanern zu kriegen, so muß gesetzt
werden, daß es ein Übel ist, mit den Grenznachbarn zu kriegen. Dies
wird nun aus den ähnlichen Fällen glaublich, z. B. weil den Thebanern
der Krieg mit den Phokiern verderblich war. Da nun der Krieg mit den
Grenznachbarn ein Übel und der Krieg mit den Thebanern ein solcher mit
Grenznachbarn ist, so ist es offenbar ein Übel, mit den Thebanern zu
kriegen. Daß nun B dem C und D zukommt, ist klar -- denn beides heißt
gegen Grenznachbarn Krieg anfangen --, und ebenso, daß A dem D -- denn
den Thebanern brachte der Krieg mit den Phokiern kein Heil --; daß aber
A dem B zukommt, wird durch D gezeigt werden; ebenso, wenn es durch
mehreres Ähnliche glaublich gemacht wird, daß der mittlere Begriff zu
dem oberen gehört.
Man sieht also, daß sich das Beispiel weder wie ein Teil zum Ganzen,
noch wie das Ganze zu einem Teil verhält, sondern wie ein Teil zu einem
Teil, wenn beides unter einem begriffen, und das eine davon bekannter
ist. Und es unterscheidet sich von der Induktion dadurch, daß diese
aus allem Unteilbaren (Einzelnen) zusammen den oberen Begriff für den
mittleren nachwies und an den oberen keinen weiteren Schluß knüpfte,
während das Beispiel diese Verknüpfung wohl vornimmt und nicht aus
allen Einzelfällen beweist[287].
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Eine +Apagoge+ (Umbiegung), Abduktion ist es, wenn es sicher ist,
daß der erste (obere) Begriff dem mittleren zukommt, das aber, daß der
mittlere dem letzten (unteren) zukommt, zwar unsicher, aber ebenso
glaubwürdig oder glaubwürdiger ist als der Schlußsatz[288].
Ferner, wenn der Zwischenglieder zwischen dem letzten und dem mittleren
Begriff wenige sind. Denn auf alle Fälle kommen wir so dem Wissen näher.
Z. B. es sei A lehrbar, B Wissenschaft, C Gerechtigkeit. Daß nun
die Wissenschaft lehrbar ist, leuchtet ein; ob aber die Tugend eine
Wissenschaft sei, ist unsicher. Wenn nun BC ebenso glaubwürdig oder
noch glaubwürdiger ist als AC, so ist das Apagoge. Denn wir kommen,
indem wir BC zu Hilfe nehmen, der Wissenschaft AC näher, ohne sie doch
schon zu haben.
Oder wieder, wenn der Zwischenglieder zu BC wenige sind; denn auch
so kommen wir dem Wissen näher. Z. B. wenn D aufs Quadrat zu bringen
ist, E geradlinig, F Kreis. Wäre dann für EF nur der eine vermittelnde
Gedanke nötig, daß ein Kreis vermittels der Menisken oder der Halbmonde
auf eine geradlinige Figur gebracht wird, so wäre damit die Sache dem
Wissen nahe gebracht[289].
Wenn BC weder glaubwürdiger ist als AC, noch der Zwischenglieder
wenige sind, so nenne ich das nicht Apagoge; auch nicht, wenn BC keine
Vermittlung hat; denn solches ist Wissenschaft[290].
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
[Sidenote: 69 b]
Ein +Einwand+, Instanz, ist ein Satz, der das Gegenteil eines
anderen Satzes ausspricht. Er unterscheidet sich von diesem letzteren
dadurch, daß der Einwand partikulär sein kann, während der Satz, gegen
den er sich richtet, es entweder überhaupt nicht sein kann oder doch
nicht bei allgemeinen Schlüssen[291].
Ein Einwand wird in zweifacher Weise und in zwei Figuren erhoben: in
zweifacher Weise, weil jeder Einwand entweder allgemein oder partikulär
ist, in zwei Figuren, weil die Einwände im Gegensatz zu der Prämisse
erhoben werden und Gegenteiliges nur in der ersten und der dritten
Figur gefolgert werden kann. Denn wenn man eingeräumt haben will, daß
etwas jedem zukommt, wenden wir ein, daß es keinem zukommt oder einem
nicht zukommt, und davon wird das „keinem“ auf Grund der ersten und das
„einem nicht“ auf Grund der letzten Figur nachgewiesen.
Z. B. es sei A eine einzige Wissenschaft, B konträr. Hat man nun den
Satz aufgestellt, das Konträre falle unter eine Wissenschaft, so wendet
man hiergegen entweder ein, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten
überhaupt nicht dieselbe und das Konträre entgegengesetzt ist, so daß
sich die erste Figur ergibt, oder daß die Wissenschaft des Erkennbaren
und die Wissenschaft des Unerkennbaren nicht eine ist, was die dritte
Figur ist. Denn von C, das ist dem Erkennbaren und Unerkennbaren, ist
es wahr, daß es konträr ist, und falsch, daß es unter eine Wissenschaft
fällt[292].
Bei einer verneinenden Prämisse hinwieder ist es ebenso. Denn wenn man
eingeräumt haben will, daß die Wissenschaft des Konträren nicht eine
ist, so sagen wir entweder, daß die Wissenschaft von allem, oder daß
die von einigem Konträren dieselbe ist, wie die des Gesunden und des
Gesundheitsschädlichen; das „von allem“ wird nun aber auf Grund der
ersten, das „von einigem“ auf Grund der dritten Figur bewiesen[293].
Denn man muß überhaupt in allen Fällen, wenn man allgemein insistiert,
den Widerspruch so fassen, daß er das Ganze der Prämissen trifft, indem
man etwa, wenn der andere die Wissenschaft alles Konträren nicht für
dieselbe gelten lassen will, sagt, daß die des Entgegengesetzten eine
ist. So muß sich aber die erste Figur ergeben, indem das Allgemeine
entsprechend dem in der Behauptung gesetzten Begriff Mittelbegriff
wird. Wenn man dagegen seinen Einwand nur in partikulärem Sinne geltend
macht, muß man solches vorbringen, wozu sich das Subjekt der Prämisse
wie das Allgemeine verhält, muß also etwa sagen, die Wissenschaft von
Erkennbarem und Unerkennbarem sei nicht dieselbe. Denn das Konträre
ist im Verhältnis zu diesen beiden Begriffen das Allgemeine. Und es
stellt sich die dritte Figur ein. Denn das partikulär Genommene, also
erkennbar und unerkennbar, ist Mittelbegriff.
Denn aus dem, woraus sich Konträres schließen läßt, suchen wir auch
die Einwände zu entnehmen. Daher erheben wir sie auch nur aus diesen
Figuren. Denn nur durch sie können entgegengesetzte Schlüsse gehen:
durch die mittlere Figur läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht
bejahend schließen.
Auch würde ein Einwand durch die mittlere Figur eine eingehendere
Begründung erfordern, z. B. wenn man nicht zugäbe, daß A dem B zukomme,
weil ihm C nicht logisch folge. Denn das ergibt sich erst aus anderen
Prämissen, und der Einwand darf nicht auf anderes übergreifen, sondern
muß die abweichende Prämisse sofort klar bereit haben. Deshalb liefert
auch nur diese Figur kein Zeichen[294].
[Sidenote: 70 a]
Es kommen hier aber auch die anderen Einwände in Betracht, wie die aus
dem Konträren, dem Ähnlichen und dem, was Gegenstand der Meinung ist.
Auch wäre noch zu untersuchen, ob man einen partikulären Einwand aus
der ersten oder einen verneinenden aus der mittleren Figur entnehmen
kann[295].
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+Wahrscheinliches+ und +Zeichen+ ist nicht dasselbe, sondern
das Wahrscheinliche ist ein glaubhafter Satz (endoxos). Denn wovon man
weiß, daß es meistens so geschieht oder nicht geschieht, so ist oder
nicht so ist, das ist wahrscheinlich, z. B. der Satz, daß die Neider
hassen oder daß die Geliebten lieben.
Ein Zeichen aber will ein beweisender Satz sein, ein notwendiger oder
ein glaubhafter. Denn bei wessen Sein ein Ding ist oder bei wessen
Geschehen es früher oder später geschieht, das ist ein Zeichen, daß es
geschehen ist oder daß es ist[296].
Ein +Enthymema+ (Gemeinschluß) nun ist ein Schluß aus
Wahrscheinlichem oder aus Zeichen (Indizien).
Das Zeichen wird in dreifacher Weise angesetzt, auf so viele, wie
der Mittelbegriff in den Figuren. Denn es wird wie der Mittelbegriff
entweder in der ersten oder in der mittleren oder in der dritten Figur
angesetzt. Z. B. wenn man beweist, daß eine Frau schwanger ist, weil
sie Milch hat, so gehört das in die erste Figur, weil Milch haben
Mittelbegriff ist; A: schwanger sein, B: Milch haben, C: Frau. Die
Folgerung, daß die Weisen tugendhaft sind, weil Pittakus tugendhaft
ist, fußt auf der letzten Figur; A: tugendhaft, B: die Weisen, C:
Pittakus. Man würde hier sowohl A wie B von C wahrheitsgemäß aussagen,
aber man sagt das eine nicht, weil man es weiß, das andere aber nimmt
man an. Die Folgerung endlich, daß eine Frau schwanger ist, weil sie
blaß ist, will auf der mittleren Figur fußen. Denn da die Blässe sich
an die Schwangerschaft knüpft und sie auch an dieser bestimmten Frau
hervortritt, glaubt man gezeigt zu haben, daß sie schwanger ist. Blaß:
A, schwanger sein: B, Frau: C[297].
Wird nun bloß die eine Prämisse ausgesprochen, so erhält man nur
ein Zeichen, nimmt man aber noch die zweite hinzu, so hat man einen
Schluß, wie z. B.: Pittakus ist freigebig; denn die Ehrliebenden sind
freigebig, Pittakus aber ist ehrliebend. Oder wieder: die Weisen sind
gut; denn Pittakus ist gut, aber auch weise.
So ergeben sich also Schlüsse, nur ist der Schluß durch die erste Figur
unwiderlegbar, wenn er wahr ist -- denn er ist allgemein --, aber der
Schluß durch die letzte Figur ist widerlegbar, auch wenn die Konklusion
wahr ist, weil er nicht allgemein und nicht sachentsprechend ist. Denn
wenn Pittakus tugendhaft ist, brauchen deshalb nicht auch die anderen
Weltweisen es zu sein. Der Schluß durch die mittlere Figur aber ist
immer und in allen Fällen widerlegbar. Denn wenn die Begriffe sich so
verhalten, kommt nie ein Schluß zustande. Es braucht ja, wenn die
Schwangere bleich und auch diese bestimmte Frau bleich ist, dieselbe
nicht schwanger zu sein. So wird sich denn in allen Zeichen Wahres
finden, aber mit den angegebenen Unterschieden[298].
[Sidenote: 70 b]
Man muß also das Zeichen entweder in dieser Weise unterscheiden und
dann unter den Zeichen den Mittelbegriff als tekmerion (strengen Beleg)
auffassen -- denn sie sagen, tekmerion sei, was einen wissen macht, das
gilt aber besonders von dem Mittelbegriff --; oder man muß das, was man
auf die Seite der Außenbegriffe setzt, Zeichen, und das, was man auf
die Seite des Mittelbegriffs setzt, tekmerion nennen[299]. Denn was man
durch die erste Figur erschließt, ist am glaubhaftesten und am meisten
wahr.
+Physiognomik+ (Erratung der Physis) ist möglich, wenn man zugibt,
daß alles, was physische Affektion ist, Leib und Seele zugleich
verändert. Denn wer Musik gelernt hat, hat sich vielleicht in etwas
an seiner Seele verändert, indessen gehört so etwas nicht zu unseren
physischen Affektionen, sondern physische Bewegungen sind z. B. die
Regungen des Zornes und der Begierde[300].
Wenn also dieses zugegeben wird, wie auch, daß es für je eine Affektion
je ein Zeichen gibt, und wenn wir die jeder Gattung eigentümliche
Affektion und deren jeweiliges Zeichen ermitteln können, so werden wir
Physiognomik treiben oder die Physis, die Natur und den Charakter,
erraten können.
Denn wenn irgendeiner nicht weiter teilbaren Gattung ein Affekt oder
eine Eigenschaft eigentümlich zukommt, wie z. B. den Löwen der Mut,
so gibt es notwendig auch ein Zeichen dafür. Wir stehen ja auf der
Voraussetzung, daß es eine Sympathie von Leib und Seele gibt. Dieses
Zeichen soll also der Besitz großer Extremitäten sein, was auch anderen
Gattungen zukommen kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfange. Denn das
Zeichen ist in dieser Weise eigentümlich, weil es eine einer ganzen
Gattung eigentümliche, nicht eine ihr allein eigentümliche Affektion
ist, gemäß der Anwendung, die wir von diesem Wort zu machen pflegen.
Es wird mithin dasselbe auch in anderen Gattungen vorkommen, und es
wird auch ein Mensch und irgendein anderes sinnliches Wesen mutig sein,
kann also das Zeichen haben. Es gab ja ein Zeichen für +eine+
psychische Eigenschaft. Wenn also dem so ist und wir solche Zeichen
von den sinnlichen Wesen abnehmen können, die bloß eine Affektion
eigentümlich haben -- jede hat aber ein Zeichen; denn eines muß sie ja
haben --, dann können wir Physiognomik treiben.
Wenn aber die ganze Gattung zwei eigentümliche psychische Züge auf
weist, wie der Löwe Mut und Großmut, wie kann man da erkennen, welches
von beiden ihnen eigentümlich zukommenden Zeichen welchem von beiden
entspricht?