Es kann aber alles, was direkt erschlossen wird, auch durch das

Unmögliche, und was durch das Unmögliche erschlossen wird, direkt, mit

Hilfe derselben Begriffe, aber nicht in denselben Figuren, bewiesen

werden[242].

[Sidenote: 63 a]

Denn wenn der Schluß (auf das Unmögliche) in der ersten Figur errichtet

wird, so wird man das Wahre (direkt beweisend) in der mittleren oder

in der letzten Figur erhalten. Das Verneinende in der mittleren, das

Bejahende in der letzten.

Geschieht der Schluß in der mittleren Figur, so erhält man das Wahre in

der ersten Figur bei allen Sätzen (die bewiesen werden sollen).

Geschieht der Schluß in der letzten Figur, so erhält man das Wahre in

der ersten und in der mittleren Figur: die bejahenden Sätze in der

ersten, die verneinenden in der mittleren.

Denn es sei durch die erste Figur (indirekt) bewiesen, daß A keinem

oder nicht jedem B zukommt. Da war nun die Annahme, daß A einem B

zukomme, C aber ließ man jedem A, aber keinem B zukommen. Denn so

ergab sich der Schluß und das Unmögliche. Es ist aber die mittlere

Figur, wenn C jedem A und keinem B zukommt. Und hieraus geht hervor,

daß A keinem B zukommt[243].

Ebenso, wenn gezeigt worden ist, daß es nicht jedem zukommt. Die

Annahme ist dann, daß es jedem zukommt. C aber ließ man jedem A, aber

nicht jedem B zukommen. Und wenn man CA verneinend setzt, ist es grade

so. Denn auch so ergibt sich die mittlere Figur.

Wieder, es sei bewiesen, daß A einem B zukommt. Die Annahme war nun,

es komme keinem zu; dagegen ließ man B jedem C, und A entweder jedem

oder einem C zukommen. Denn so möge sich das Unmögliche einstellen. Es

ist aber die letzte Figur, wenn A und B jedem C zukommt. Und hieraus

ist klar, daß A einem B zukommen muß. Ebenso, wenn man B oder A

+einem+ C zukommen läßt[244].

Wiederum, es sei in der mittleren Figur bewiesen worden, daß A jedem

B zukommt. Die Annahme war also, daß A nicht jedem B zukomme, und man

ließ A jedem C und C jedem B zukommen. Denn so wird man das Unmögliche

erhalten. Es ist aber die erste Figur, daß A jedem C und C jedem B

beiwohnt.

Ebenso verfährt man, wenn man bewiesen hat, daß es +einem+

zukommt. Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und man hat

eben dieses A jedem C und C einem B zukommen lassen.

Ist der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem B

zukommt, und dazu ließ man A keinem C und C jedem B zukommen, so daß

man die erste Figur erhält.

Und, wenn der Schluß nicht allgemein ist, sondern nur bewiesen wurde,

daß A +einem+ B nicht zukommt, so hat es die nämliche Bewandtnis.

Denn die Annahme war dann, daß A jedem B zukommt, und dazu ließ man

eben dieses A keinem C und C einem B zukommen. Denn so stellte sich die

erste Figur ein.

[Sidenote: 63 b]

Wiederum, es sei in der dritten Figur bewiesen worden, daß A jedem B

zukommt. Die Annahme war also, daß A nicht jedem B zukomme, und man

ließ C jedem B, und A jedem C zukommen. Denn so muß sich das Unmögliche

ergeben. Das ist aber die erste Figur.

Ebenso, wenn der Beweis ergeben sollte, daß es +einem+ beiwohnt.

Denn die Annahme war dann, daß A keinem B zukommt, und dazu ließ man C

einem B und A jedem C zukommen.

War der Schluß aber verneinend, so war die Annahme, daß A einem C

zukomme, und dazu ließ man C keinem A, aber jedem B zukommen. Das ist

aber die mittlere Figur.

Ebenso aber endlich, wenn der Beweis nicht allgemein war. Da wird die

Annahme sein, A komme jedem B zu, und man ließ C keinem A, aber einem B

zukommen. Das ist aber die mittlere Figur.

Man sieht also, daß man jedes Problem mit Hilfe derselben Begriffe,

die man bei dem Beweis durch das Unmögliche verwendet, auch deiktisch

oder direkt beweisen kann. Ebenso wird man umgekehrt, wenn die

Schlüsse deiktisch sind, mit Anwendung derselben Begriffe die Sache

aufs Unmögliche zurückführen können, falls man das kontradiktorische

Gegenteil der Konklusion als Prämisse setzt. Denn man erhält dieselben

Schlüsse wie bei der Umkehrung, so daß wir sofort auch die Figuren

erhalten, durch die der jeweilige Satz gewonnen wird[245].

Es erhellt also, daß jeder Satz nach beiden Weisen, durch Umkehrung und

deiktisch, bewiesen wird und es hier keinen Unterschied gibt.

Fünfzehntes Kapitel.

Auf die Frage, in welcher Figur aus (kontradiktorisch oder konträr)

entgegengesetzten Prämissen geschlossen werden kann und in welcher

nicht, lautet die Antwort wie folgt. Ich lasse aber dem sprachlichen

Ausdruck nach sich vier Arten von Sätzen entgegengesetzt sein:

jedem und keinem zukommen, jedem und nicht jedem, einem und keinem,

einem und einem nicht, in Wirklichkeit aber nur drei. Denn einem und

einem nicht ist sich nur im Worte entgegengesetzt. Hiervon sind mir

konträr entgegengesetzt die allgemeinen Aussagen: jedem und keinem

zukommen: wie: jede Wissenschaft ist sittlich gut oder ist eine

Tugend, und: keine ist es; die anderen gelten mir als kontradiktorisch

entgegengesetzt[246].

In der ersten Figur also ist (überhaupt) kein Schluß aus

entgegengesetzten Prämissen möglich, kein bejahender und kein

verneinender: kein bejahender, weil beide Prämissen bejahend sein

müßten, während doch die entgegengesetzten Prämissen Bejahung und

Verneinung sind; kein verneinender, weil die entgegengesetzten Aussagen

dasselbe von demselben bejahen und verneinen, während der Mittelbegriff

der ersten Figur nicht von den beiden anderen Begriffen ausgesagt

wird, sondern von ihm wird ein anderes geleugnet und anderes von ihm

ausgesagt; das gibt aber keine entgegengesetzten Prämissen[247].

In der mittleren Figur dagegen kann ein Schluß sowohl aus

kontradiktorisch als aus konträr entgegengesetzten Prämissen gebildet

werden.

[Sidenote: 64 a]

Denn unter A sei gut, unter B und C Wissenschaft verstanden. Hat man

nun jede Wissenschaft und keine Wissenschaft sittlich gut sein lassen,

so kommt A jedem B und keinem C zu, mithin B keinem C. Also ist keine

Wissenschaft Wissenschaft[248]. -- Ebenso, wenn man jede Wissenschaft

gut, die Heilkunst aber nicht gut sein läßt. Denn A käme dann jedem B,

aber keinem C zu. Und so wäre denn eine bestimmte Wissenschaft keine

Wissenschaft. Und, wenn A jedem C, aber keinem B zukommt, und B gleich

Wissenschaft, C gleich Heilkunst, A gleich Meinung ist. Denn man hat

dann zuerst angenommen, daß keine Wissenschaft Meinung ist, und dann

wieder, daß eine es doch ist. Der Fall unterscheidet sich von dem

vorigen dadurch, daß mit den Begriffen eine Umkehrung vorgenommen

wird: vorhin stand die Bejahung bei B, jetzt steht sie bei C. Dieselbe

Bewandtnis hat es, wenn die eine Prämisse nicht allgemein ist[249].

Denn es ist immer der Mittelbegriff, der von dem einen verneint und

von dem anderen bejaht wird. So ist es denn möglich, Entgegengesetztes

zu folgern, nur nicht immer und allgemein, sondern nur wenn das dem

Mittelbegriff Untergeordnete sich so verhält, daß es entweder ein und

dasselbe ist oder Ganzes und Teil. Sonst ist es unmöglich. Denn die

Prämissen werden sonst keineswegs konträr oder kontradiktorisch sein.

In der dritten Figur kann ein bejahender Schluß aus (irgendwie)

entgegengesetzten Prämissen niemals erfolgen, aus dem schon bei der

ersten Figur angegebenen Grunde, wohl aber ein verneinender, mögen die

Begriffe nun allgemein oder nicht allgemein sein.

Denn man denke Wissenschaft unter B und C, und Heilkunst unter A.

Läßt man nun jede Heilkunst und keine Heilkunst Wissenschaft sein, so

hat man B jedem und C keinem A zukommen lassen, und so muß denn eine

Wissenschaft keine Wissenschaft sein. Ebenso, wenn man die Prämisse AB

nicht allgemein faßt. Denn wenn eine Heilkunst Wissenschaft und wieder

keine Heilkunst Wissenschaft ist, so ist folglich eine Wissenschaft

keine Wissenschaft. Die Prämissen sind aber konträr, wenn man die

Begriffe allgemein faßt, kontradiktorisch, wenn der eine partikulär ist.

Man bemerke aber, daß man zwar die Entgegensetzung so fassen kann, wie

wir sagten, daß jede Wissenschaft gut ist und wieder keine, oder daß

eine nicht gut ist, eine Fassung, deren sophistischer Charakter nicht

verborgen zu bleiben pflegt, daß man aber auch sonst durch Fragen auf

das andere, entgegengesetzte Glied schließen oder es so erhalten kann,

wie wir in der Topik angegeben haben[250].

[Sidenote: 64 b]

Da aber die Bejahungen drei Gegensätze haben, so folgt, daß man

sechserlei entgegengesetzte Aussagen machen kann: daß etwas entweder

jedem und keinem zukommt, oder jedem und nicht jedem, oder einem und

keinem, und daß man dabei die Begriffe wieder umkehren kann, also:

A kommt jedem B und keinem C zu, oder: jedem C und keinem B, oder:

jedem B und nicht jedem C, und dabei kann man dann wieder die Begriffe

umkehren. Und dies kann auch bei der dritten Figur geschehen[251].

So haben wir denn gesehen, auf wie vielerlei Weise und in welchen

Figuren ein Schluß aus entgegengesetzten Prämissen möglich ist.

Es leuchtet aber auch ein, daß sich zwar aus falschen Prämissen

Wahres folgern läßt, wie wir vorhin erklärt haben, aber nicht aus

entgegengesetzten. Denn der Schluß fällt immer gegen den Sachverhalt

aus, ergibt z. B., wenn etwas gut ist, daß es nicht gut ist, oder wenn

ein Sinnenwesen, daß es kein Sinnenwesen ist, weil eben die Folgerung

aus dem kontradiktorischen Gegenteil gezogen wird und die zugrunde

liegenden Begriffe entweder dieselben sind oder sich wie Ganzes und

Teil verhalten.

Es ist aber auch klar, daß sich bei den Paralogismen gar wohl das

Gegenteil der Annahme ergeben kann, z. B. daß, wenn etwas ungerad ist,

es nicht ungerad ist. Denn aus entgegengesetzten Prämissen, die man

gewonnen hat, geht ein entgegengesetzter Schluß hervor. Hat man also

solche Prämissen zugrunde gelegt, so muß das Gegenteil der Annahme

herauskommen[252].

Es kann aber, wie man wohl bemerken möge, Entgegengesetztes nicht

durch einen Schluß so gefolgert werden, daß die Konklusion lautet:

das Nichtgute ist gut, oder wie es sonst heißen soll, wenn man nicht

die Prämisse sofort entsprechend gefaßt hat, also etwa so: alles

Animalische ist weiß und nicht weiß, nun ist aber der Mensch ein

animalisches Wesen. Man muß vielmehr entweder das Gegenteil zu Hilfe

nehmen, wie z. B.: jede Wissenschaft ist Meinung[G], und dann annehmen,

daß die Heilkunst Wissenschaft ist, aber keine (Heilkunst) Meinung,

nach der Weise, wie die Widerlegungen geliefert werden, oder man

muß zwei Schlüsse errichten. Daß aber die Annahmen wirklich konträr

sind, dafür gibt es keine andere Weise als diese, wie vorhin erklärt

wurde[253].

[G] Z. 23 καὶ οὐχ ὑπόληψις mit Codex B ausgelassen.

Sechzehntes Kapitel.

Die Forderung und Voraussetzung des ursprünglich Gefragten (petitio

principii) besteht, allgemein gefaßt, darin, daß man das vorliegende

jeweilige Problem unbewiesen läßt[254]. Dieses kann jedoch auf

verschiedene Weise geschehen: einmal so, daß man überhaupt nicht

schließt, dann so, daß man von Unbekannterem oder gleich Unbekanntem

ausgeht, oder so, daß man von dem, was erst später ist, auf dasjenige

schließt, was früher ist. Denn der (wirkliche) Beweis muß auf solchem

fußen, was glaubwürdiger und früher ist.

Von all dem ist nun keines die Forderung dessen, was erst die Frage

ist, sondern da manches von Natur unmittelbar gewiß oder von selbst

erkennbar ist, während anderes durch ein anderes erkannt wird -- denn

die Prinzipien werden unmittelbar durch sich selbst erkannt, aber das

unter den Prinzipien Begriffene durch ein anderes --, so wird dann,

wenn man das nicht von selbst Erkennbare aus sich selbst beweisen will,

das ursprünglich Gefragte gefordert.

[Sidenote: 65 a]

Das läßt sich zwar so machen, daß man sofort den vorliegenden Satz

fordert, man kann aber auch zuerst zu anderem abschweifen, was

naturgemäß erst durch jenes bewiesen wird, um darauf aus diesem das

ursprünglich Gefragte zu beweisen. Das trifft z. B. in dem Falle

zu, daß man A aus B, B aber aus C beweisen will, während doch C

naturgemäß aus A bewiesen werden muß. Denn da beweisen diejenigen, die

so schließen, wirklich A aus sich selbst. Das tun z. B. diejenigen,

die die Parallelen zu demonstrieren glauben. Denn sie machen unbewußt

Voraussetzungen, die man nicht beweisen kann, wenn man keine Parallelen

hat[255]. So muß es ihnen denn bei einem solchen Schlußverfahren

begegnen, daß sie sagen: jegliches ist, wenn jegliches ist. So wäre

aber alles unmittelbar gewiß und von selbst erkennbar; was nicht sein

kann.

Wenn es also unbekannt ist, daß A dem C zukommt, aber auch ebenso

unbekannt, daß es dem B zukommt, und man postuliert, daß A dem B

zukommt, so ist es noch nicht klar, ob man eine petitio principii

begeht, wohl aber ist es klar, daß man nicht beweist. Denn etwas

ist kein Prinzip des Beweises, wenn es ebenso unbekannt ist (wie

das Demonstrandum selbst). Wenn aber B sich so zu C verhält, daß es

dasselbe ist, oder beide offenbar konvertibel sind, oder eines dem

anderen zukommt, so begeht man eine petitio principii. Denn man kann

durch diese Begriffe auch beweisen, daß das A dem B zukommt, wenn man

sie miteinander vertauscht. Nun aber steht dieses im Wege, nicht aber

das Verfahren. Tut man dieses aber (kehrt man sie um), so tut man das

Gesagte (beweist, daß A dem B zukommt), und zwar tut man es, indem man

die Umkehrung vollzieht, wie durch einen regelrechten Schluß mit drei

Begriffen[256].

Ebenso begeht man noch keine petitio principii, sondern beweist nur

nicht, wenn man dem C das B zukommen läßt und dieses ebenso unbekannt

ist, wie wenn man ihm A zukommen läßt. Wenn aber A und B identisch ist,

entweder sofern es sich umkehren läßt oder A auf B logisch folgt, so

begeht man eine petitio principii aus demselben Grunde (wie vorhin).

Denn wir haben angegeben, was dieses Verfahren bedeutet: man beweist

durch sich selbst, was nicht durch sich selbst bekannt ist[257].

Wenn nun die petitio principii darin besteht, daß man durch sich

selbst beweist, was nicht durch sich selbst klar ist, d. h. eben

nicht beweist, was geschieht, wenn das zu Beweisende und das, wodurch

es bewiesen wird, gleich unbekannt ist, sofern entweder einem zwei

identische Bestimmungen zukommen oder zweien eine zukommt, so wird man

in der mittleren und der dritten Figur eine petitio principii auf jede

von beiden Weisen begehen können, bei einem bejahenden Schluß aber nur

in der dritten und der ersten Figur. Bei einem verneinenden Schluß

aber kann es nur geschehen, wenn dieselben Bestimmungen demselben

Subjekt abgesprochen werden und die beiden Prämissen sich nicht gleich

verhalten -- ebenso ist es in der mittleren Figur --, weil sich die

Begriffe in den verneinenden Schlüssen nicht umkehren lassen[258].

Die petitio principii besteht bei den wissenschaftlichen Beweisen

darin, daß man postuliert, was sich nach der Wahrheit, bei den

dialektischen Schlüssen darin, daß man postuliert, was sich nach der

Wahrscheinlichkeit so verhält[259].

Siebzehntes Kapitel.

[Sidenote: 65 b]

Von dem Einwand, den wir bei den Disputationen oft zu erheben pflegen,

daß das Falsche nicht aus der Annahme entspringt, ist erstens zu sagen,

daß er seine Stelle in den Schlüssen hat, die auf das Unmögliche

führen, wenn er sich gegen das Gegenteil dessen kehrt, was durch die

Zurückführung auf das Unmögliche bewiesen wurde[260]. Denn man wird

den gedachten Einwand weder erheben, wo es sich nicht um das fragliche

Gegenteil handelt, sondern sagen, unter den Prämissen sei eine falsch,

noch überhaupt bei dem direkt beweisenden Schluß, der ja aus dem

Gegenteil keine Annahme macht. Auch kann man, wenn etwas direkt durch

ABC umgestoßen worden ist, nicht sagen, der Schluß sei nicht auf Grund

der Annahme erfolgt. Denn wir wenden dann ein, daß etwas nicht auf

deren Grund sich ergebe, wenn die Konklusion auch ohne das herauskommt,

was ja beim direkten Beweis nicht zutrifft. Denn wenn die These

umgestoßen wird, kann auch der Schluß auf sie keinen Bestand haben[261].

Man sieht also: der Einwand mit dem „nicht daraus“ hat seine Stelle bei

den indirekten Beweisen, da nämlich, wo die ursprüngliche Voraussetzung

sich so zu dem Unmöglichen verhält, daß, mag dieselbe gelten oder

nicht gelten, die Unmöglichkeit sich um nichts weniger einstellt (vgl.

soph. el. 29, 181 a, 31 ff.).

Der augenscheinlichste Fall, daß das Falsche nicht aus der Annahme

folgt, ist der, wo der Schluß von den vermittelnden Begriffen auf das

Unmögliche nicht mit der Voraussetzung zusammenhängt, wie wir schon in

der +Topik+[262] erklärt haben. Denn das heißt die Nichtursache

als Ursache setzen, wie wenn man z. B. beweisen wollte, daß die

Diagonale sich nicht durch die Seite messen läßt, und zu diesem Zweck

mit dem Argument des +Zeno+ für die Unmöglichkeit der Bewegung

anhöbe und hierauf das Absurdum zurückführte. Denn das Falsche hängt

mit der anfänglichen Behauptung auf keine Weise und in keiner Weise

zusammen.

Ein anderer Fall ist der, wo das Unmögliche zwar mit der Voraussetzung

zusammenhängt, aber nicht ihretwegen eintritt. Denn das kann geschehen,

mag man nun einen Zusammenhang nach oben oder nach unten annehmen,

so, wenn man etwa setzt, daß A dem B, B dem C, C dem D zukommt, und

es wäre falsch, daß B dem D zukommt. Denn wenn man A aufhebt und dann

doch B dem C und C dem D zukommt, so würde das Falsche nicht auf

Grund der anfänglichen Annahme eintreten. Oder wenn man hinwieder den

Zusammenhang nach oben verlegte und ließe zwar A dem B, dem A aber E

und dem E das F zukommen, und es wäre falsch, daß dem A das F zukommt.

Denn auch so würde die Unmöglichkeit bestehen bleiben, wenn die

ursprüngliche Annahme fällt[263].

Man muß vielmehr die Unmöglichkeit mit den ursprünglichen Begriffen

in Zusammenhang bringen, weil sie sich erst dann auf Grund der

Voraussetzung ergibt, muß z. B., wenn man einen Zusammenhang nach

unten annimmt, die Unmöglichkeit an den Prädikatsbegriff knüpfen. Denn

wenn es unmöglich ist, daß A dem C zukommt, so wird nach Ausschaltung

von A das Falsche nicht mehr bleiben. Wenn man den Zusammenhang aber

nach oben verlegt, so muß man die Unmöglichkeit an das Subjekt der

Aussage knüpfen. Denn wenn F dem B nicht zukommen kann, so wird die

Unmöglichkeit nach Ausschaltung von B nicht mehr bleiben. Dieselbe

Bewandtnis hat es, wenn die Schlüsse verneinend sind.

[Sidenote: 66 a]

So folgt denn offenbar, wenn die Unmöglichkeit nicht mit den

ursprünglichen Begriffen zusammenhängt, das Falsche nicht aus der

Setzung.

Oder sollte das Falsche vielleicht auch so sich nicht immer wegen der

Voraussetzung ergeben?

Denn auch wenn man A nicht dem B, sondern dem K zukommen läßt, K aber

dem C und dieses dem D, bleibt das Unmögliche nicht minder, und ebenso,

wenn man die Begriffe nach oben verfolgt, und so beruhte denn die

Unmöglichkeit nicht auf der ursprünglichen Setzung, da sie gleichmäßig

eintritt, mag AB gelten oder nicht.

Die Lösung möchte in folgendem liegen. Das Kriterium (für die

Verkehrtheit des Verfahrens): wenn die Voraussetzung nicht gilt,

ergibt sich das Falsche nichtsdestoweniger, ist nicht so aufzufassen,

als richtete es sich gegen den Fall, daß die Unmöglichkeit aus einer

anderen Voraussetzung entspringen kann, sondern so: wenn nach Aufhebung

der gedachten Voraussetzung dieselbe Unmöglichkeit aus den anderen

Prämissen derselben Reihe entspringt. Denn es ist vielleicht keine

Ungereimtheit, wenn dasselbe Falsche aus mehr als einer Voraussetzung

folgt. So folgt z. B., daß die Parallelen zusammentreffen, sowohl wenn

der Innenwinkel größer ist als der Außenwinkel, als auch, wenn das

Dreieck mehr als zwei rechte Winkel hat[264].

Achtzehntes Kapitel.

Der falsche Schluß entsteht aber aus dem ersten Falschen. Denn jeder

Schluß erwächst entweder aus seinen beiden Prämissen oder aus ihrer

mehreren. Wenn aus den beiden Prämissen, so muß deren eine oder müssen

auch beide falsch sein. Denn, wir haben es schon gesagt, aus wahren

Prämissen ergibt sich kein falscher Schluß. Wenn er aber aus mehreren

erwächst, wenn z. B. B aus AB geschlossen wird und AB aus DEFG, so muß

etwas von diesem weiter Zurückliegenden falsch sein und deshalb auch

der Schluß. Denn A und B leitet sich aus diesen Voraussetzungen ab, und

so folgt denn aus ihrer einer der Schlußsatz und das Falsche.

Neunzehntes Kapitel.

Um nicht durch Schlüsse widerlegt zu werden, muß man, wenn einer ohne

Angabe der Konklusionen nach der Begründung fragt, zusehen, daß man

keine zwei Prämissen einräumt, in denen derselbe Begriff wiederkehrt,

da wir wissen, daß kein Schluß ohne Mittelbegriff zustande kommt, und

Mittelbegriff ist, was mehr als einmal genannt wird. Wie man aber bei

der jeweiligen Konklusion auf den Mittelbegriff sehen muß, ergibt sich

einem, wenn man weiß, welche Konklusion in jeder Figur bewiesen wird.

Das kann uns aber nicht verborgen sein, da wir wissen, wie wir einen

Beweis zu erbringen haben.

[Sidenote: 66 b]

Wovor man aber nach dieser Anleitung beim Antworten auf der Hut

sein muß, das muß man, wenn man selbst der Fragende ist und es tut,

möglichst nicht merken lassen. Man wird das erreichen, erstens, wenn

man die Schlußsätze der Prosyllogismen nicht ausspricht, sondern sie

nach Sicherstellung der notwendigen Prämissen verborgen hält; ferner,

wenn man nicht nach dem Nächstliegenden fragt, sondern nach solchem,

was auf dem ganzen Wege von den Voraussetzungen zu dem Schlußsatze

möglichst in der Mitte liegt. So soll z. B. auf A als Prädikat von F

geschlossen werden müssen; Mittelglieder: BCDE. Man muß also fragen,

ob A dem B beiwohnt, und dann nicht, ob B dem C, sondern ob D dem E,

und dann erst, ob auch B dem C beiwohnt usw. Und geht der Schluß nur

durch einen Mittelbegriff, so fange man mit diesem an, weil man den

Antwortenden so am sichersten im unklaren läßt[265].

Zwanzigstes Kapitel.

Da wir aber wissen, wann ein Schluß erfolgt und wie sich dabei die

Begriffe verhalten müssen, so ist auch klar, wann eine Widerlegung

möglich ist und wann nicht: wenn alles eingeräumt wird oder wenn die

Antworten abwechselnd lauten, die eine verneinend, die andere bejahend,

kann eine Widerlegung erfolgen. Ein Schluß ergab sich ja, wenn die

Begriffe sich so und wenn sie sich so verhalten und so muß denn, wenn

das zuerst Behauptete der Konklusion konträr ist, eine Widerlegung

erfolgen. Denn die Widerlegung ist ein Schluß auf das kontradiktorische

Gegenteil. Wird nichts eingeräumt, so kann keine Widerlegung erfolgen.

Denn es gab keinen Schluß, wenn alle Begriffe verneinend sind, und so

gibt es denn in einem solchen Falle auch keine Widerlegung. Denn wo

eine Widerlegung ist, muß auch ein Schluß sein, wo aber ein Schluß,

nicht notwendig eine Widerlegung. Es ist ebenso, wenn in der Antwort

nichts allgemein behauptet wird. Denn für die Widerlegung müssen

dieselben Bestimmungen gelten wie für den Schluß[266].

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zuweilen kommt es vor, daß uns, wie wir bei dem Ansatz der Begriffe

irren, auch über die Meinung ein Irrtum begegnet, wenn es z. B. möglich

ist, daß eines und dasselbe mehrerem ursprünglich beiwohnt und man

es von dem einen nicht weiß, und meint, es wohne keinem unter ihm

Begriffenen bei, während man es von dem anderen weiß[267]. Denn A soll

dem B an sich und dem C an sich zukommen, und diese jedem D ebenso.

Wenn man nun meint, A komme jedem B zu und dieses jedem D, aber A

keinem C, und dieses jedem B, so wird man von einem und demselben in

einer und derselben Beziehung ein Wissen und ein Nichtwissen haben[268].

Wiederum, wenn man sich in solchem täuscht, was zu derselben Reihe

gehört, indem es sich begrifflich untergeordnet ist, wie wenn A dem B,

dieses dem C und C dem D zukommt, man nähme aber an, A komme jedem B

und hinwieder keinem C zu. Denn da wird man gleichzeitig wissen, daß es

keinem zukommt, und annehmen, daß es ihm nicht zukommt. Glaubt man nun

hiernach nicht wirklich, daß man das, was man weiß, gleichwohl nicht

annimmt? Denn man weiß gewissermaßen, daß A dem C durch B zukommt,

wie man in und mit dem allgemeinen Satz das Besondere weiß, -- und so

glaubt man, daß man das, was man gewissermaßen weiß, schlechthin nicht

annimmt, was unmöglich ist[269].

[Sidenote: 67 a]

Lehre vom Schluss · 第 10 / 19 段