beliebigen Kunst und Wissenschaft: bei jedem Problem muß man sehen,
was einem beiwohnt und wem es beiwohnt, und dessen möglichst viel zur
Verfügung haben und es an Hand der drei Begriffe mustern, bei der
Widerlegung, auf diese, bei der Erhärtung auf jene Weise, und muß, wenn
es die Wahrheit gilt, aus solchem schließen, was nach der Wahrheit als
tatsächlich vorgemerkt ist, wenn aber einen dialektischen Schluß, aus
bloß wahrscheinlichen Prämissen.
Von den Prinzipien der Schlüsse aber haben wir bis jetzt nur im
allgemeinen erklärt, wie sie sich verhalten und wie man sie finden muß,
damit man sich nicht um alles bekümmere, was ausgesagt wird, und nicht
auf dasselbe sehe bei der Erhärtung und bei der Widerlegung, und wenn
man ein Prädikat von allem oder nur von einigem erhärtet und es für
alles oder nur für einiges widerlegt, sondern damit man vielmehr sein
Augenmerk auf Weniges und Bestimmtes richte, wobei man die Prinzipien
nach Maßgabe des jeweiligen Objektes, des Guten z. B. oder der
Wissenschaft, auswählen muß.
Von diesen Prinzipien sind die meisten den einzelnen Wissenschaften
eigentümlich. Was daher die Angabe und Bereitstellung der jeweiligen
Prinzipien betrifft, so ist das Sache der Erfahrung; die Prinzipien
der astronomischen Wissenschaft z. B. hat die astronomische Erfahrung
anzugeben. Denn nach ausgiebiger Feststellung der Erscheinungen sind
auf Grund derselben die astronomischen Beweise gefunden worden. Ebenso
verhält es sich mit jeder beliebigen anderen Kunst und Wissenschaft.
Nachdem sohin das jeweilige Tatsächliche erhoben ist, fällt uns
anschließend die Aufgabe zu, ungesäumt die Beweise ins Licht zu
stellen. Denn wenn die Forschung nichts von dem Tatsächlichen an den
Dingen übersehen hat, so sind wir imstande, für alles, wofür es einen
Beweis gibt, ihn zu finden und zu begründen, und wiederum bei dem,
wofür es naturgemäß keinen gibt, dieses klarzustellen.
So wäre denn im allgemeinen so ziemlich dargelegt, auf welche Weise
man die Prämissen auswählen muß; genauer haben wir dieses in unserem
dialektischen Traktat (der Topik) erörtert[175].
Einunddreißigstes Kapitel.
Daß aber die Einteilung nach den Gattungen nur ein kleines Stück
unserer Methode ist, ist leicht einzusehen.
Die Einteilung ist gleichsam ein schwacher Schluß. Denn was man
beweisen sollte, wird postuliert, und was man schließt, ist immer
ein Höheres und Allgemeineres als dieses. Das ist es aber vor allem,
was die, die sich der Einteilung bedienen, übersehen haben, und so
versuchten sie denn ein Beweisverfahren aufzustellen, das auf dem
Gedanken beruhte, es sei möglich, für die Wesenheit und das Was eines
Dinges eine eigentliche Demonstration zu liefern. Demnach wußten sie
bei ihren Einteilungen weder zu schließen was sich schließen läßt,
noch wußten sie, daß es so hätte geschlossen werden können, wie wir
angegeben haben[176].
[Sidenote: 46 b]
Es muß also bei den Beweisen, wenn auf ein Sein oder Zukommen
geschlossen werden soll, das Mittlere, wodurch der Schluß geschieht,
immer enger als der Oberbegriff sein und darf nicht allgemein von
ihm gelten. Die Einteilung will aber das Gegenteil. Denn sie setzt
als Mittelbegriff das Allgemeine. Denn es soll sinnliches Wesen die
Stelle von A einnehmen, sterblich die von B, unsterblich die von C und
Mensch, dessen Begriff man ermitteln soll, die von D. Man setzt nun
jedes sinnliche Wesen entweder als sterblich oder als unsterblich, das
heißt, alles, was A ist, soll entweder B oder C sein. Wieder läßt man
den Menschen in fortgesetzter Einteilung ein sinnliches Wesen sein,
und ermittelt so, daß A dem D beiwohnt. Der Schluß ist nun, daß jedes
D entweder B oder C ist, und so ist der Mensch zwar notwendig entweder
sterblich oder unsterblich, daß er aber ein sterbliches Sinnenwesen
ist, ist nicht notwendig, sondern ein Postulat, und doch war es gerade
das, was man hätte erschließen sollen. Und wieder setzt man voraus, daß
A sterbliches Sinnenwesen ist, B Gangtier, C ohne Füße und D Mensch,
und nimmt dann ebenso an, daß A entweder unter B oder unter C begriffen
ist -- denn jedes sterbliche Sinnenwesen ist entweder Gangtier oder
ohne Füße --, und daß von D das A gilt -- denn man nahm an, der Mensch
sei ein sterbliches Sinnenwesen --. Und so ist denn der Mensch zwar
notwendig entweder ein gehendes oder ein fußloses Sinnenwesen, daß er
aber gehend ist, ist nicht notwendig, sondern eine Annahme, und doch
war es wieder gerade das, was man hätte beweisen sollen. Und indem
man nun beständig auf diese Weise einteilt, muß man es sich gefallen
lassen, daß man das Allgemeine als Mittelbegriff und das, wovon etwas
bewiesen werden sollte, und die Differenzen als Außenbegriffe nimmt.
Zuletzt aber bringt man zu der These, daß das begrifflich der Mensch,
oder was sonst in Frage steht, ist, nichts Klares und Zwingendes vor.
Denn man legt auch den ganzen Rest des Weges zurück, ohne sich auf das
Vorhandensein der wirklich möglichen Hilfsmittel zu besinnen.
Man sieht aber auch, daß man vermittels dieser Methode nichts
widerlegen und weder auf das Akzidenz und das Proprium, noch auf das
Genus schließen, noch auch in solchen Fällen entscheiden kann, wo man
nicht weiß, ob etwas so oder so bestellt ist, z. B. ob die Diagonale
mit der Seite +ein+ Maß hat oder nicht. Denn wenn man annimmt, daß
jede Länge entweder mit demselben Maße gemessen wird oder nicht und die
Diagonale eine Länge ist, so ergibt sich der Schluß, daß die Diagonale
entweder +ein+ Maß hat oder nicht. Wenn man aber annimmt, daß
sie nicht dasselbe Maß hat, so ist das eben das, was zu beweisen war.
Mithin läßt es sich nicht beweisen. Denn dieses war der Weg, und auf
diesem Wege geht es nicht.
Das Inkommensurable oder Kommensurable sei A, Länge B, Diagonale C.
Man sieht also, daß diese Verfahrungsweise weder für jede Aufgabe paßt,
noch da, wo sie am meisten angebracht scheint, wirklich brauchbar ist.
Woraus nun die Beweise entstehen, und wie, und auf welcherlei Dinge man
bei jedem Problem zu sehen hat, ergibt sich aus dem Gesagten.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
[Sidenote: 47 a]
Wie wir aber die Schlüsse auf die vorgenannten Figuren zurückführen
müssen, ist nach diesem zu erörtern. Denn dieser Teil der Untersuchung
ist noch übrig[177].
Denn wenn wir die Entstehung der Schlüsse erforschen, das Vermögen der
Auffindung (des Mittelbegriffs) erwerben und dazu die entstandenen
Schlüsse in die vorgenannten Figuren auflösen, so ist damit die
ursprüngliche Aufgabe erledigt. Zugleich wird durch das jetzt zu
Sagende das zuvor Dargelegte eine weitere Bestätigung und Beleuchtung
erhalten. Denn alles Wahre muß mit sich selbst nach allen Seiten im
Einklang stehen.
Man muß also zuerst die beiden Prämissen des Schlusses zu erhalten
suchen. Denn man zerteilt ins Größere leichter als ins Kleinere. Nun
ist aber das Zusammengesetzte größer als seine Bestandteile.
Dann muß man sehen, welche von beiden Prämissen allgemein und welche
partikulär ist, und muß, wenn nicht schon beide gegeben sind, die
fehlende selbst dazu tun. Denn zuweilen gibt man nach Aufstellung der
allgemeinen Prämisse die in ihr enthaltene nicht besonders an, sei
es nun in zusammenhängender Darstellung oder beim Disputieren; oder
man stellt zwar die Prämissen auf, läßt aber die Sätze, durch die sie
gewonnen werden, aus, und fragt dafür um anderes ohne Zweck und Ziel.
Man muß also zusehen, ob etwas Überflüssiges aufgenommen oder etwas
Notwendiges weggelassen worden ist, und dann das eine einsetzen und das
andere ausschalten, bis man zu den zwei Prämissen gelangt, ohne die die
so in Frage stehenden Sätze sich in keine bestimmte syllogistische Form
bringen lassen.
Bei manchen Sätzen ist es nun leicht, das Fehlende herauszufinden,
manche aber verstecken sich und scheinen bloß zu schließen, weil sich
aus den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt. Z. B. wenn man
annimmt, wenn Substanz nicht zerstört werde, werde nicht Substanz
zerstört, wenn aber die Bestandteile zerstört würden, werde auch das
aus ihnen Bestehende zerstört. Denn auf Grund dieser Voraussetzungen
ist es zwar notwendig, daß Substanz ist was Teil der Substanz
ist. Gleichwohl ist es aus den Voraussetzungen nicht schulgerecht
geschlossen, sondern die Prämissen weisen Lücken auf[178].
[Sidenote: 47 b]
Wieder, wenn falls Mensch ist, notwendig sinnliches Wesen ist, und wenn
sinnliches Wesen, Substanz, so ist zwar, falls Mensch ist, notwendig
Substanz, aber es ist noch nicht geschlossen, weil sich die Prämissen
nicht verhalten, wie wir es angegeben haben[179]. Wir werden aber
bei derartigen Folgerungen durch den Umstand getäuscht, daß sich aus
den Voraussetzungen etwas Notwendiges ergibt, weil auch der Schluß
etwas Notwendiges ist. Aber das Notwendige erstreckt sich weiter
als der Schluß. Denn jeder Schluß ist etwas Notwendiges, aber nicht
jedes Notwendige ist ein Schluß. Deshalb darf man nicht, wenn sich an
bestimmte Voraussetzungen eine bestimmte Folge knüpft, es sofort auf
eine bestimmte Schlußfigur zurückführen wollen, sondern man muß zuerst
die zwei Prämissen ermitteln, sie sodann in die Begriffe zergliedern,
und als Mittelbegriff denjenigen Begriff ansetzen, der in beiden
Prämissen genannt wird. Denn der Mittelbegriff muß in allen Figuren
in beiden Prämissen vorkommen. Wenn nun der Mittelbegriff aussagt und
zugleich Objekt der Aussage ist, oder selbst bejahend aussagt, während
von ihm ein anderes verneint wird, hat man die erste Figur; wenn er
zugleich bejahend aussagt und von etwas verneint, die mittlere; wenn
anderes von ihm ausgesagt, oder teils verneinend, teils bejahend
ausgesagt wird, die letzte. Denn so verhielt sich der Mittelbegriff
in den jeweiligen Figuren. Gleiches gilt, wenn die Prämissen nicht
allgemein sind: der Mittelbegriff wird da ebenso bestimmt.
Man sieht also, daß durch eine Rede, in der nicht dasselbe mehrmals
genannt wird, kein Schluß zustande kommt, weil man keinen Mittelbegriff
angenommen hat.
Da wir aber wissen, welcher Art Problem durch die einzelnen Figuren
geht, und in welcher das Allgemeine und in welcher das Partikuläre
vorkommt, so braucht man, um sich darüber klar zu werden, nicht in
allen Figuren Umschau zu halten, sondern sich nur an diejenige zu
halten, die dem jeweiligen Problem eigentümlich ist. Bei den Schlüssen,
die durch mehrere Figuren gehen, muß man die Figur an der Stellung des
Mittelbegriffes erkennen[180].
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Man wird also bezüglich der Schlüsse oft wegen der Notwendigkeit
getäuscht, wie vorhin erklärt wurde, manchmal aber auf Grund gleicher
Stellung der Begriffe, ein Umstand, den wir nicht übersehen dürfen.
Wenn z. B. A von B und B von C ausgesagt wird. Denn es könnte bei so
bewandten Begriffen ein Schluß vorzuliegen scheinen, und doch gibt es
in diesem Falle weder eine Notwendigkeit noch einen Schluß. Denn den
Platz von A nehme ein: immer sein, B sei denkbarer Aristomenes und
C Aristomenes. Es ist in diesem Beispiel wahr, daß A dem B zukommt;
denn der denkbare Aristomenes ist immer; aber auch wahr, daß B dem C
zukommt; denn Aristomenes ist ein denkbarer Aristomenes. Aber A kommt
dem C nicht zu, weil Aristomenes sterblich ist. Es käme mithin bei
so bewandten Begriffen kein Schluß zustande, vielmehr müßte man die
Prämisse AB allgemein fassen. Aber es wäre verkehrt, zu postulieren,
daß jeder denkbare Aristomenes immer ist, da Aristomenes sterblich ist.
Wieder soll C Mikkalos sein, B gebildeter Mikkalos, A morgen sterben.
Da ist es denn wahr, wenn B von C ausgesagt wird, weil Mikkalos ein
gebildeter Mikkalos ist, und auch, wenn A von B, weil der gebildete
Mikkalos etwa morgen stirbt, aber falsch, wenn A von C. Das ist aber
derselbe Fall wie vorhin. Denn es ist nicht allgemein wahr, daß der
gebildete Mikkalos morgen stirbt. Ohne diese Voraussetzung aber gab es
keinen Schluß.
Diese Täuschung nun rührt von der Geringfügigkeit des Unterschieds her.
Wir fügen uns dem Schluß, wie wenn es nichts austrüge, wenn dieses
diesem zukommen soll, oder dieses jedem diesen[181].
Vierunddreißigstes Kapitel.
[Sidenote: 48 a]
Oft wird es aber geschehen, daß man deshalb fehlt, weil die Begriffe
in den Vordersätzen nicht gut aus- oder angesetzt sind (ἐκτίθεσθαι),
wie wenn z. B. A Gesundheit ist, B Krankheit, C Mensch. Denn es ist
richtig, zu sagen, daß A keinem B zukommen kann -- denn keine Krankheit
kann Gesundheit sein --, und wiederum, daß B jedem C zukommt -- denn
jeder Mensch ist für Krankheit empfänglich --. Es mag sich also zu
ergeben scheinen, daß keinem Menschen Gesundheit zukommen kann. Daran
ist aber die falsche sprachliche Fassung der Begriffe schuld, indem,
wenn man statt der gewählten Begriffe die Subjekte der betreffenden
Zustände nimmt, kein Schluß geschehen wird; wir wollen sagen, wenn
man an die Stelle von Gesundheit das Gesunde und an die Stelle von
Krankheit das Kranke setzt. Denn es ist nicht richtig, zu sagen, daß
dem Kranken es nicht (einmal) zukommen kann, daß er gesund ist. Setzt
man dieses nun aber nicht an, so ergibt sich nur ein Schluß auf die
Möglichkeit. Das aber begreift keinen Widerspruch in sich. Denn es ist
möglich, daß keinem Menschen Gesundheit zukommt.
Wiederum wird der Fehler sich auf dieselbe Weise in der mittleren Figur
einschleichen. Man wird den Schluß ziehen: die Gesundheit kann keiner
Krankheit zukommen, aber jedem Menschen: also kann keinem Menschen die
Krankheit zukommen.
In der dritten Figur trifft der Fehler das Möglichsein. Denn wie
Gesundheit und Krankheit, Wissenschaft und Unwissenheit so kommt das
Konträre überhaupt möglicherweise einem und demselben Subjekt zu,
aber nicht sich gegenseitig. Das entspricht aber nicht dem, was wir
vorhin gesagt haben. Denn diesem zufolge kann, wenn mehreres demselben
zukommt, es sich auch gegenseitig zukommen[182].
Man sieht also, daß der Irrtum hier überall mit dem Ansatz (ἔκθεσις)
der Begriffe parallel läuft. Denn wenn man die Träger der Zustände an
deren Stelle setzt, ergibt sich nichts Falsches. Es leuchtet mithin
ein, daß man in solchen Prämissen immer das Subjekt an Stelle des
Habitus nehmen und als Terminus setzen muß.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Man darf aber nicht verlangen, daß die Termini immer durch ein
einzelnes Wort angesetzt werden. Denn es können oft Begriffe sein,
für die es ein einzelnes Wort nicht gibt. Deshalb ist bei solchen
Syllogismen die Reduktion schwer. Zuweilen wird man auch wegen eines
derartigen Verlangens getäuscht werden, als ob man nämlich einen Schluß
vor sich hätte, der keiner weiteren Vermittlung mehr bedürfte.
A sei zwei Rechte, B Dreieck, C gleichschenklig. Dem C kommt in diesem
Falle das A wegen des B zu, dem B kommt es aber nicht mehr wegen eines
anderen zu, da das Dreieck an und für sich zwei Rechte hat, so daß es
für AB keinen Mittelbegriff gibt, obgleich es sich beweisen läßt. Denn
offenbar ist das Mittlere nicht immer wie ein dieses zu denken, sondern
es kann auch wohl eine Rede sein, was eben in dem angegebenen Falle
zutrifft[183].
Sechsunddreißigstes Kapitel.
[Sidenote: 48 b]
Daß aber das Erste dem Mittleren und dieses dem Letzten zukommt, darf
man nicht so verstehen, als ob immer eines vom anderen (förmlich und
schulgerecht) ausgesagt werden müßte, oder das Erste in derselben
Form von dem Mittleren wie dieses von dem Letzten, und dieselbe Regel
gilt für Nichtzukommen. Man hat vielmehr dem Zukommen so vielerlei
Bedeutungen beizulegen wie dem Sein und dem Wahrsein.
Das gilt z. B., wenn man sagt, daß es von dem Konträren nur eine
Wissenschaft gibt. Denn A sei nur eine Wissenschaft sein, B das sich
Konträre. In diesem Falle kommt das A dem B zu, nicht als wäre das
Konträre das Sein einer Wissenschaft von ihm, sondern weil es wahr ist,
von ihm zu sagen, daß es nur eine Wissenschaft von ihm gibt.
Es kommt aber das eine Mal vor, daß das Erste von dem Mittleren
ausgesagt wird, aber nicht das Mittlere von dem Dritten; wenn z. B.
die Weisheit Wissenschaft ist und die Weisheit auf das Gute geht[184],
so lautet der Schlußsatz: es gibt eine Wissenschaft, die auf das
Gute geht. In diesem Falle ist das Gute nicht Wissenschaft, aber die
Weisheit ist Wissenschaft.
Ein anderes Mal wird das Mittlere von dem Dritten ausgesagt, aber nicht
das Erste von dem Mittleren. Wenn es z. B. von allem Qualitativen oder
Konträren eine Wissenschaft gibt und das Gute sowohl konträr (dem
Schlechten) wie qualitativ ist, so lautet der Schlußsatz: es gibt eine
Wissenschaft des Guten, aber die Wissenschaft ist nicht das Gute,
nicht das Qualitative und nicht das Konträre, aber das Gute ist jenes
(qualitativ und konträr).
Es gibt auch Fälle, wo weder das Erste von dem Mittleren, noch dieses
von dem Dritten ausgesagt wird, während das Erste von dem Dritten
bald ausgesagt wird, bald nicht. Wenn es z. B. von dem, wovon es
eine Wissenschaft gibt, eine Gattung gibt und es von dem Guten eine
Wissenschaft gibt, so lautet der Schlußsatz: es gibt von dem Guten
eine Gattung. Hiervon wird aber keines von dem anderen ausgesagt. Wenn
aber das, wovon es eine Wissenschaft gibt, Gattung ist und es eine
Wissenschaft des Guten gibt, so lautet der Schlußsatz: das Gute ist
Gattung. Hier wird also von dem Letzten das Erste ausgesagt, nicht aber
werden es die vorgenannten Begriffe voneinander[185].
Auf dieselbe Weise muß man die Sache in dem Falle des Nichtzukommens
verstehen. Denn daß das dem nicht zukommt, bedeutet nicht immer, daß
das nicht das ist, sondern zuweilen, daß das nicht dessen ist, oder
daß das nicht dem ist oder nicht für das ist, wie z. B.: es gibt keine
Bewegung der Bewegung oder kein Werden des Werdens: nun aber gibt es
ein Werden der Lust; mithin ist die Lust kein Werden. Oder wieder:
es gibt ein Zeichen des Lachens; nun aber gibt es kein Zeichen des
Zeichens; also ist das Lachen kein Zeichen.
[Sidenote: 49 a]
Dasselbe gilt von den Fällen, in denen das Problem dadurch aufgehoben
(ein verneinender Satz erschlossen) wird, daß die Gattung als
Mittelbegriff in eine bestimmte Beziehung zu den Begriffen des Problems
gebracht wird. Um wieder ein Beispiel zu nehmen, so soll Gelegenheit
nicht dasselbe sein wie nötige Zeit. Denn für Gott gibt es zwar eine
Gelegenheit, aber keine nötige Zeit, da für Gott kein Ding von Nutzen
sein kann[186]. Denn als Begriffe muß man hier setzen: Gelegenheit,
nötige Zeit, Gott, die Prämisse aber muß man so fassen, daß man einen
obliquen Kasus des Nomens erhält. Denn wir stellen ein für allemal die
Regel auf: die Begriffe muß man immer in der Nennform (dem Nominativ)
des Nomens angeben, wie der Mensch, das Gute, das Konträre, nicht: des
Menschen, des Guten, des Konträren, die Prämissen aber muß man fassen,
je nachdem der und der Fall des Nomens nötig ist. Denn entweder muß
man sagen: dem, wie bei gleich, oder dessen und von dem, wie bei
zweifach, oder dieses (im Akkusativ), wie bei schlagend oder sehend,
oder dieser, wie wenn der Mensch ein animalisches Wesen sein soll,
oder was immer sonst für eine nähere Bestimmung (durch Präpositionen)
erforderlich ist.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Daß aber das dem zukommt und das von dem zutreffend ausgesagt wird,
ist in so vielen Bedeutungen zu verstehen, als der Kategorien oder
Prädikate selber sind, und diese sind entweder als relativ oder als
absolut und entweder als einfach oder als zusammengesetzt zu denken.
Das Gleiche gilt von dem Nichtzukommen. Doch das ist noch genauer zu
untersuchen und zu bestimmen.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Die Reduplikation in den Prämissen muß zu dem Oberbegriff, nicht zu
dem Mittelbegriff gesetzt werden[187]. Ich will sagen: wenn z. B. der
Schluß errichtet worden ist: es gibt ein Wissen um die Gerechtigkeit,
daß sie ein Gut ist, so muß die Bestimmung, daß sie oder sofern sie
ein Gut ist, zu dem Oberbegriff gesetzt werden. Denn A sei Wissen, daß
etwas ein Gut ist, B gut, C Gerechtigkeit. Hier gilt A von B. Denn es
gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist. Aber es gilt auch B von C.
Denn die Gerechtigkeit fällt unter das, was gut ist. So kommt also die
Reduktion zustande. Wenn man aber die Bestimmung „daß es ein Gut ist“,
(auch) zu B setzt, ist dieses nicht der Fall. Denn dann wird zwar A von
B gelten, nicht aber B von C. Denn von der Gerechtigkeit das Gute, daß
es gut ist, auszusagen, ist falsch und unsinnig. Gleiches gilt, wenn
bewiesen worden ist: man weiß von dem Gesunden, daß es gut ist, oder:
man meint von dem Bockhirsch, daß es keinen gibt, oder: der Mensch ist
sterblich, sofern er ein sinnlich wahrnehmbares Wesen ist; denn bei
allem, was so noch dazu ausgesagt wird, kommt die Reduplikation in den
Obersatz zu stehen.
[Sidenote: 49 b]
Der Ansatz der Begriffe ist aber nicht derselbe, wenn etwas schlechthin
erschlossen worden ist, und wenn der Schluß lautete, daß es das und das
nur in einer gewissen Weise ist, also wenn etwa gezeigt worden ist,
daß man das Gute wissen kann, und wenn gezeigt worden ist, daß man von
etwas wissen kann, daß es gut ist. Ist einfach gezeigt worden, daß man
es wissen kann, so muß man das Seiende als Mittelbegriff ansetzen, wenn
aber, daß man wissen kann, daß es gut ist, das etwas Seiende. Denn es
sei A gleich Wissen, daß es etwas ist, B das etwas Seiende, C gut. Nun
ist es richtig, A von B auszusagen: es gab von dem etwas Seienden ein
Wissen, daß es dieses Etwas ist. Aber auch B von C. Denn C ist ein
bestimmtes Etwas. Mithin auch A von C. Also wird es ein Wissen um das
Gute geben, daß es gut ist. Denn die Formel „ein etwas Seiendes“, war
uns das Zeichen für das eigentümliche Sein. Wäre aber das Seiende als
Mittelbegriff gesetzt worden und hätte man in dem Obersatz das Seiende
schlechthin, nicht das etwas Seiende genannt, so hätte sich nicht der
Schluß ergeben: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es gut ist, sondern
nur der Schluß: es gibt ein Wissen um das Gute, daß es ist. Es soll
z. B. A sein: Wissen, daß etwas ist, B: Seiendes, C: Gutes.
Man sieht demnach, daß man bei denjenigen Syllogismen, die etwas mit
einer bestimmten Modifikation erschließen, die Termini in dieser Weise
ansetzen muß.
Neununddreißigstes Kapitel.
Man muß dabei aber auch Gleichbedeutendes miteinander vertauschen,
Nomina mit Nomina, Reden mit Reden, die Rede mit dem Nomen, und immer
statt der Rede das Nomen wählen. Denn so wird die Exposition der
Termini erleichtert. Wenn es z. B. keinen Unterschied macht, ob man
sagt: das Vermutete ist nicht Gattungsbegriff von Gemeint, oder ob
man sagt: Meinen ist kein Vermuten -- ist doch der Sinn derselbe --,
so sind an Stelle der genannten Rede die Begriffe Vermuten und Meinen
einzusetzen.
Vierzigstes Kapitel.
Da es aber nicht dasselbe ist, wenn die Lust etwas Gutes und wenn
die Lust das Gute sein soll, so darf man diese Begriffe nicht als
gleichbedeutend ansetzen, sondern muß, wenn der Schluß lautet: die Lust
ist das Gute, das Gute als Begriff setzen, und wenn er lautet: sie ist
etwas Gutes, etwas Gutes. Ebenso sonst[188].
Einundvierzigstes Kapitel.
Es ist aber nicht dasselbe, so wenig für die Sache, wie für die Rede,
ob man sagt: wem das B zukommt, dem allen kommt das A zu, oder ob man
sagt: wem das B nach dessen ganzem Umfang zukommt, dem allen kommt auch
das A zu[189]. Denn es hindert nichts, daß B dem C zukommt, aber nicht
allem C. Z. B. soll B schön sein und C weiß. Wenn hier schön einem
Weißen zukommt, so gilt, daß schön dem Weißen zukommt; aber es kommt
vielleicht nicht allem Weißen zu.
Wenn also A dem B zukommt, aber nicht allem, wovon B ausgesagt wird, so
kommt, weder wenn B allem C beiwohnt, noch wenn es ihm nur beiwohnt, A
notwendig, wir sagen nicht, allem C zu, sondern auch nur (einfach) ihm
zu. Wenn es aber allem demjenigen zukommen soll, von dem wahrheitsgemäß
B ausgesagt wird, so muß folgen, daß A von dem allen ausgesagt wird,
von dem nach dessen ganzem Umfang B es wird. Wenn jedoch A von dem,
wovon B ausgesagt wird, nach dessen ganzem Umfang gelten soll, so
hindert nichts, daß dem C das B zukommt, daß aber A nicht jedem (C)
oder gar keinem zukommt[190].
Man sieht also, daß bei diesen drei Begriffen die Formel: wovon B gilt,
davon gilt nach dessen ganzem Umfang A, den Sinn hat: von wie vielem
B gilt, von dem allen gilt auch A. Und wenn B von jedem gilt, dann A
desgleichen; wenn es aber nicht von jedem gilt, so braucht A nicht von
jedem zu gelten.
[Sidenote: 50 a]