[Ein Stubenmädchen öffnet geräuschvoll die Tür und läßt Roden und
Norry eintreten, die auf Fr. Hasselstein zugehen und ihr schweigend die
Hand küssen, während sie in neues, bitteres Weinen ausbricht.]
=Roden= [indem er mehrere Gegenstände auf den Tisch vor Fr. Hasselstein
legt]. Einige Kleinigkeiten als Andenken -- ein Jagdmesser, sein letztes
Notizbuch, einige von ihm gesammelte Korallen, ein Ring -- die Uhr
verbleibt dem Sohne.
=Frau Hasselstein= [mit zitternder Erwartung in der Stimme]. Wo ist!? [Sie
vollendet nicht.]
=Roden= [mit unergründlicher Miene]. Der Sohn ist bei seiner Mutter!
=Frau Hasselstein= [die Gegenstände mit zitternden Händen an sich
raffend]. Ich -- ich danke Ihnen meine Herren! [Sie macht eine bittende
Handbewegung und beide nehmen schweigend Platz.]
=Frau Pottenmiller= [zu beiden Herren]. Sie sehen eine gramgebeugte Familie
vor sich!
=Krickenfeld=, =Holzheim= und =Zungrapp=. Die Zierde von Kringhausen ist
nicht mehr!
=Frau Knute= [sich die Augen wischend]. Unser hochbegabter Neffe fand ein
so frühes Ende!
=Frau Hasselstein= [ihre Hand bittend auf Norrys Arm legend]. Erzählen Sie
mir -- von -- von -- meinem Sohne.
=Norry= [mitleidig]. Hans Georg dachte immer voll Liebe an Sie, gnädige
Frau -- wir sprachen oft von Ihnen; hoffnungsfreudig in der Nacht
der Antarktis und mit warmer Hingebung unter den tropischen Bäumen
Mikroseniens. [Frau H. weint.]
=Frau Knute= [zu Roden]. Sie haben keine Ahnung, Herr Doktor, wie sehr uns
der Schlag, der meine unglückliche Schwester getroffen, nahegeht!
=Roden= [kalt]. Ich zweifle nicht daran. [Leise zu Norry.] Nun hat die
Pfeife einen anderen Ton.
=Frau Pottenmiller= [zu Norry]. So ein Mann -- alle Zeitungen berichten von
ihm --
=Krickenfeld.= Ein so berühmter Forscher! Wie oft habe ich ihm einen Apfel
gegeben!
=Zungrapp= [zur Decke blickend]. Ein Talent! Ein Talent! meine Damen.
=Ada= [die als einzige nicht geweint hat und nur kalt umherblickt].
Ein Talent, zugegeben und wie alle solche auch überspannt. Meine Tante
verstand nicht sein Temperament zu zügeln, niemand konnte auf ihn
einwirken. Hier in Kringhausen bot sich ihm eine gesicherte Existenz, die
Achtung seiner Mitbürger, -- wenn er nur auf seine merkwürdigen Ideen
verzichten gewollt, -- geistige Anregung auf allen Gebieten -- er aber --
=Frau Knute= [seufzt tief auf]. Meine Schwester war allzu schwach in ihrer
Mutterliebe.
=Frau Pottenmiller= [seufzt auch]. Allzu nachsichtig gegen ihren Sohn.
=Ada Brunnick= [mit Befriedigung]. Ich habe es immer vorausgesehen, daß er
ein abenteuerliches Ende finden werde, denn niemand bricht ungestraft die
heiligsten Bande --
=Roden= [ärgerlich]. Aber man hat das Recht die Stricke zu durchschneiden,
die einen Pegasus als Ackergaul festhalten oder einen Canova dazu
verpflichten, als Topfmacher sein Brot zu verdienen. Nicht jeder, meine
Gnädigste, ist von der Natur zum Kringhäusler geschaffen!
=Norry= [zu Knute und Pottenmiller]. Die ihm am nächsten gestanden, haben
seinen Wert zuletzt erkannt!
=Frau Hasselstein= [bittend zu Norry]. Herr Doktor!
=Norry= [ihr nähertretend, freundlich]. Gnädige Frau?
=Hasselstein=. Wie -- wie -- war das Ende?
=Norry= [ernst und voll Mitleid]. Wir waren alle auf dem Schiff viele
Meilen von der Unglücksstelle entfernt und kamen alle erst vierzehn
Tage später nach Ailuk. Der Eingeborene, der die Schreckensbotschaft der
beklagenswerten jungen Gattin überbrachte, lag noch bei unserer Abreise
krank darnieder, da er sich an den scharfen Korallenriffen Verletzungen
zugezogen hatte und ein Haifisch --
=Alle= [mit Entsetzen]. Aaaaaah! Ooooooh! Ein Haifisch!!!!
=Frau Hasselstein= [schluchzt untröstlich]. So ein gräßliches Ende und
alles -- ach, alles -- durch meine Schuld!
=Frau Knute= und =Pottenmiller= [vereint]. Liebe Schwester, teure
Schwester, es steht nicht immer zu ändern -- du hast richtig gehandelt --
=Ada Brunnick= [hart]. Er hat es ja selbst so gewollt!
=Roden= [ernst]. Hasselstein starb im Dienste der Wissenschaft, die ihm
ewigen Dank schuldet.
=Norry= [ernst zu Fr. H.]. Hätte er den Eingeborenen mit Gewalt
zurückgehalten, so würde er wahrscheinlich sein eigenes Leben gerettet
haben. Edel wie immer ließ er den Gefährten Rettung finden.
=Krickenfeld= [während die anderen laut weinen]. Ja, so ein junger Mann,
auf den können die Kringhäusler stolz sein!
=Zungrapp.= Wenn ich denke, wie oft ich ihm ein Butterbrot gestrichen
habe --
=Holzheim= [sich die Augen trocknend]. Und ich, die ich ihm stets von
meinen besten Winteräpfeln gegeben habe. Das ist mir jetzt in der Tat ein
erhebendes Bewußtsein. Auch ich habe zu seiner Größe beigetragen!
=Frau Pottenmiller= [stolz]. Am regen Verstande meiner Adarl hat er zuerst
den seinen zu schärfen gelernt! Ihr verdankt er --
=Roden= [leise zu Norry]. Über die Schärfe des Gehirns kann ich noch kein
richtiges Urteil abgeben, aber die Zunge --
=Norry= [lächelnd]. -- ist die reinste Damaszenerklinge! Was war Harun al
Raschids Schwert dagegen?
=Roden= [im selben Ton]. Einem Haifisch käme ein Gruseln an!
=Frau Krickenfeld.= Man will -- so sagte mir im Vorbeigehen die Frau
unseres lieben Medizinalrates --
=Zungrapp= [heftig]. Peleponesia, hast du auch schon gehört, daß sie mit
ihrem Vetter ein Verhältnis gehabt haben soll und ihr Mann die beiden --
=Hermine= und =Ladislaja= [sich vorbeugend]. -- ein Verhältnis? -- Diese
scheinheilige -- diese --
=Roden= [leise zu Norry]. =Jetzt= erröten die holdseligen Jungfrauen
nicht!
=Holzheim= [sich aufblasend]. Nur =ich= allein kenne alle Einzelheiten,
denn meine Masseuse --
=Krickenfeld= [mit Mißbilligung]. Lassen Sie sich noch massieren!
=Holzheim= [etwas verlegen]. So sehr bedarf ich dessen freilich nicht mehr,
aber die Masseuse weiß eben immer, was in der Stadt vorgeht und daher ist
es mir eine große Genugtuung --
=Krickenfeld= [zustimmend]. Ja, die Peggy --
=Pottenmiller= [erregt]. Peggy? Das ist doch wohl nicht etwa diese
merkwürdige Alte, die ihre eigene Magd jeden Sonnabend wäscht? Ha, ha,
ha!
=Zungrapp= [geheimnisvoll]. Man sagt von ihr, daß sie Säcke voll alter
Münzen unter dem Bette verborgen hält --
=Ada Brunnick= [gelassen]. Da wird schon irgend jemand den alten Narren
einmal aus dem Weg räumen!
=Zungrapp= [mit Bestimmtheit]. Sie soll gar nie ihr Zimmer fegen lassen und
Paula, ihr Dienstmädchen, hat der Köchin im Vertrauen mitgeteilt --
=Frau Holzheim= [lebhaft]. Nun, da Sie davon sprechen, hochverehrte Frau
Direktor, fällt mir eben etwas ein. Stellen Sie sich einmal vor, meine
Damen -- [Alle richten sich auf.]
=Krickenfeld= [erbittert]. Hier kann ein Mensch wahrlich nicht zu Wort
kommen! Ich muß schon bitten!! Ich sagte also, daß die Frau unseres
Medizinalrates -- sie erwartet übrigens in Kürze das Fünfte --
=Frau Knute= [die Hände zusammenschlagend]. Du grundgütiger Himmel! Als
ob wir nicht schon genug Mädchen in Kringhausen hätten und natürlich
wird es wieder ein Mädchen sein!
=Krickenfeld.= Werde ich denn nie aussprechen dürfen? Ich sagte, so
weit ich mich nach all diesen Unterbrechungen erinnern kann, daß man die
Absicht hat einen Bazar zu veranstalten und von dem Erlös will man Herrn
Professor Hasselstein in seiner Vaterstadt ein Monument errichten.
=Alle= [gerührt]. Aaaaaah! Ein Monument?
=Roden= [leise zu Norry]. Nein, hörst du, hier möchte ich buchstäblich
nicht einmal aufgemalt sein wollen.
=Hasselstein= [weinend]. Alle, alle sind so gut gegen mich!
[Es schlägt zwölf Uhr. Alle springen erregt auf, greifen nach ihren
Sachen und nehmen schleunigst Abschied.]
=Frau Knute= [küßt schnell Frau Hasselstein und winkt dann ihrem Manne].
Schon zwölf Uhr! Himmel! Mein Truthahn wird gewiß verkohlen -- Sie kennen
ja die Dienstboten, beste Frau Kommerzienrat.
=Krickenfeld.= Gar kein Verlaß auf dieses Gesindel. Sie bestehlen und
betrügen, sie -- [Beide Frauen führen das Gespräch weiter fort.]
=Frau Pottenmiller= [zärtlich]. Leb' wohl, liebste Schwester. Nimm' dir
den Verlust nicht allzu sehr zu Herzen, erinnere dich, daß wir alle
ihn mit dir teilen, hänge nicht deinen trüben Gedanken nach -- diese
Damen --
=Zungrapp= und =Holzheim=. Versteht sich, versteht sich, hochverehrte Frau
Regierungsrat, wir werden uns der Armen schon annehmen. Wir kommen --
=Hasselstein= [fast hart ablehnend]. Nein, nein, meine Damen -- wie soll
ich an ein Kartenspiel -- [sie wendet sich weinend ab].
=Krickenfeld= [herzukommend]. Aber so ein Tarockerl, beste Frau Oberst,
das ist Seelenmedizin. Das zerstreut. [Alle nehmen Abschied, aber die
Tarockdamen rufen noch zurück:] Wir kommen, wir kommen!
=Holzheim= [eilig]. Jetzt muß ich mich aber sputen was das Zeug hält.
Wenn mein Mann nicht die Suppe auf dem Tische findet, wenn er heimkommt, so
setzt es allemal ein Donnerwetter.
=Frau Knute= [den Kopf schüttelnd]. Alles ihre eigene Schuld, beste Frau
Inspektor. Warum verhätscheln Sie ihn so? Ich habe mir den meinigen gleich
zu Anfang erzogen.
[Alle sind endlich bei der Tür angelangt, man nimmt noch einmal
einen sehr geräuschvollen Abschied, aber eine der Damen geht nach der
anderen fort.]
=Ada Brunnick= [kalt]. Grüß' Gott, Tante! [Zu den anderen, besonders Frau
Krickenfeld, indem sie ihren Mann am Arm faßt und mit sich zieht.] Man
muß das Unmögliche begehren, damit man das Mögliche erreicht.
=Zungrapp= [noch einmal auf Fr. H. zukommend]. Meine teure, meine
beklagenswerte Frau Oberst, nur Mut, nur Ruhe! Das Beileid unseres
Landtsherrn muß Ihnen doch ein Trost -- ein großer Trost sein.
=Hermine= [eher gedankenlos als böswillig]. Ach ja, uns allen ist sein Tod
so ein Trost! [Sie folgt den anderen.]