3. Auftritt.

=Frau Hasselstein= [winkt den beiden Forschern noch einmal Platz zu

nehmen]. Gott sei Dank, endlich kann ich mich ungestört dem Glücke

hingeben mit den wahren Freunden meines Sohnes zu sprechen. Erzählen

Sie mir von seinem Tun und Treiben -- von allem -- von allem -- mein Herz

dürstet danach!

=Roden= [ernst]. Hasselstein hat sich zuerst auf den Rälik -- oder den

Inseln gegen Tagesende aufgehalten, aber da das Klima daselbst seiner

jungen Frau nicht zusagte, zog er nach den Inseln gegen Tagesanbruch -- den

Ratakinseln -- und dort führte er das schwere Dasein eines Forschers --

unermüdlich, heiter und dank den rastlosen Bemühungen seiner Gattin sehr

glücklich -- viel glücklicher als er es in -- [Norry winkt abweisend].

=Frau Hasselstein= [scheinbar nach großer Ueberwindung]. Ich -- ich

möchte eine Frage an Sie stellen, meine Herren, eine Frage, die mich

unbeschreiblich erregt.

=Norry= [ermutigend]. Und diese Frage lautet?

=Frau Hasselstein= [ihn mit verzehrenden Blicken betrachtend]. Wo ist meine

Schwiegertochter, wird sie Kringhausen passieren, wird --

=Norry= [verlegen]. Ich dachte --

=Frau Hasselstein= [weinend]. Sie war die Frau meines Sohnes, sie durfte

in seine Augen schauen, ihm nahe sein, während ich mich in der öden

Behausung nach ihm zu Tode sehnte, sie durfte -- [sie schweigt].

=Roden= [ernst]. Sie hat viel geopfert, gnädige Frau dieser Privilegien

halber. Gnädige Frau haben gleich ihr die Wahl gehabt und --

=Hasselstein= [ernst zu ihm aufsehend]. Ich weiß es, ich weiß es. Es war

dies die Qual meiner schlaflosen Nächte, das Gespenst, das mich auch am

hellen Tage nicht verließ. Ich hatte ja den einzigen Sohn in die weite

Welt ziehen lassen statt seinem Wunsche nachzugeben, aber ich, Herr

Doktor, ich bin ja nur eine schwache Frau, aufgewachsen und alt geworden in

Kringhausen und seinen Ansichten, seinen Vorurteilen. Ich habe meine Zeit

überlebt und konnte mich nicht in die neuen Anschauungen finden. Ein

alter Baum läßt sich nicht umpflanzen und krumme Aeste werden nicht mehr

gerade, wenn sie von Alter hart und dürr geworden. Wenn ich gefehlt, so

habe ich schwer dafür gebüßt. Ein freudenloser Lebensabend steht mir

bevor.

=Norry= [die Weinende tröstend.] Es war so bestimmt -- es hat so kommen

müssen. Können wir irgend etwas für Sie, gnädige Frau, tun?

=Hasselstein= [aufblickend.] Berta ist auch in Europa -- sie ist vielleicht

ganz nahe von Kringhausen -- [leise, die Hände auf das Herz drückend]

-- und sie hat --

=Norry= [ernst.] Gegenwärtig weilt die Witwe unseres geliebten Kollegen

hier in Kringhausen.

=Hasselstein= [aufspringend.] In Kringhausen? Oh, wird sie mir je vergeben,

wird sie unerbittlich sein? --

=Norry= [ist unterdessen auf die Tür zur Linken zugegangen. Er öffnet

sie jetzt und in tiefe Trauer gekleidet, tritt die junge und schöne

Frau Hasselstein über die Schwelle. Auf den Armen hält sie ein weißes

Bündelchen mit schwarzen Bändern.]

Die Kringhäusler: Drama in drei Akten · 第 19 / 20 题