entwickelt? +In extensiver+ und +intensiv-qualitativer+ Hinsicht, so
aber, daß hier die Extension, das Quantitative sogleich auch
qualitativen Charakter besitzt. Die psychische Entwicklung besteht
zunächst darin, daß die +Zahl der Erlebnisse+ des Subjekts wächst, daß
der +Umfang seines Bewußtseins+ ein immer größerer wird, sich auf eine
immer größere Menge von Vorstellungen, Gefühlen usw. erstreckt. Das gilt
sowohl vom Individuum als auch vom »Gesamtgeist«, von der
»Kollektivseele« eines Volkes, einer sozialen Gemeinschaft. Während das
Individualsubjekt den Schatz seines Bewußtseins durch Erfahrung, Lernen,
eigenes Denken vergrößert, entwickelt sich die Kollektivseele, als das
Gemeinsame in einer Vielheit von Einzelseelen und zugleich als der durch
Wechselwirkung bedingte einheitliche Zusammenhang dieser, durch
+Akkumulation von Kollektiverfahrungen und der Produkte des
Gemeinschaftswirkens+ auf allen Gebieten geistiger Betätigung. Was beim
Individuum die Vererbung bedeutet, das ist für die Kollektivseele, für
den Gesamtgeist die +Tradition+, durch welche die folgenden Generationen
von vornherein in eine Welt geistiger Werte gestellt sind, an die sie
anknüpfen und die sie weiter verarbeiten können. Die Tradition stellt
einen seelischen Zusammenhang in der Zeit dar, der trotz wiederholten
scheinbaren Durchbruchs der geschichtlichen Kontinuität, trotz
zeitweiligen Zurücktretens, Vergessenwerdens, Nichtbeachtetseins
geistiger Werte zustande kommt. Die Tradition ist die sozialhistorische
Art der Vererbung, die Vererbung eine Art Tradition. Das letztere ist
ohne weiteres verständlich, wenn wir bedenken, daß freilich fertige
Vorstellungen, Gedanken, Wertungen u. dgl. nicht vererbt werden können
-- weil für solche in der unentfalteten Psyche des Keimes gar kein Organ
vorhanden ist, und aus anderen Ursachen -- wohl aber psychische
+Anlagen+ oder Dispositionen allgemeinster und auch spezieller Art.
Vermöge solcher Anlagen, d. h. Tendenzen der primitiven
Seelenorganisation zu bestimmt gerichteten Reaktionen und Aktionen,
Tendenzen, die freilich erst durch Reize ausgelöst werden müssen, ist
die Psyche +besser ausgestattet+ als die früheren Generationen, sie kann
sich extensiv und intensiv höher entwickeln, einen komplizierteren und
feineren Habitus annehmen. Gewiß wird nicht alles und jegliches, was ein
erlebendes Subjekt erlebt hat, vererbt werden. Die »direkte Vererbung
erworbener Eigenschaften« ist keineswegs durch die Neo-Darwinisten aus
der Schule +Weismanns+ widerlegt, aber sie darf auch nicht ins Extreme
gezogen werden. Vererbbar dürfte nur das sein, was infolge +lang
wiederholter+ oder sonstwie +nachhaltiger+ Eindrücke die psychische
Struktur erheblicher beeinflußt, modifiziert hat[40]. Insbesondere
gehören hierher die Resultate psychischer +Übung+ nach irgendwelcher
Richtung hin; diese Resultate bestehen in der größeren Leichtigkeit und
Sicherheit bestimmter Funktionen, bestimmter Bewußtseinsakte oder
Koordinationen solcher, die in den von den elterlichen Seelen sich
abspaltenden, ablösenden »Seelenkeim« eingehen, wobei man aber nicht an
substantielle Wesenheiten und Modifikationen denken darf. Die Erlebnisse
der Subjekte gehen nicht spurlos vorüber, sie wirken auf die psychische
Organisation zurück und manches von diesen Wirkungen kommt in den
Nachkommen scharf zum Ausdruck. Infolge bald des Zusammenwirkens, bald
des einander Entgegenwirkens der Tendenzen väterlicher- und
mütterlicherseits in der »Keimpsyche«, sowie des Einflusses äußerer
Faktoren ist die psychische wie alle Vererbung natürlich etwas ungemein
Kompliziertes, keineswegs etwas eindeutig Bestimmtes. Und da wir bei der
Beurteilung dessen, was psychisch ererbt ist, den Einfluß der
Nachahmung, Erziehung, des gleichen Milieu usw. nicht vergessen dürfen,
so ist es kein Wunder, wenn wir über den Umfang der direkten Vererbung
noch recht wenig wissen. Erfahrung und Logik sprechen aber für das
Bestehen einer solchen, so sicher es auch ist, daß zur Erwerbung
bestimmter psychischer (oder auch physischer) Eigenschaften schon
gewisse +Prädispositionen+ nötig sind....
Das extensive Wachstum psychischer Werte ist von +teleologischer+
Bedeutung. Denn der größere Umfang von Vorstellungen usw. ermöglicht ein
richtigeres, den mannigfachen Verhältnissen und Modifikationen des
Daseins besser angepaßtes Verhalten des Subjekts. »Wissen ist Macht«.
Die reicher ausgestattete Psyche verfügt über mehr Mittel zur
Selbsterhaltung und Selbstförderung, sie ist dem Zwange von Raum und
Zeit viel mehr entrückt, sie kann viel aktiver auftreten. Ohne einen
gewissen Vorrat in Bereitschaft stehender Vorstellungen und Begriffe ist
kein höheres Wollen, keine Überlegung, keine Planmäßigkeit des Handelns
möglich. Teleologisch bedeutsam ist nun auch das +intensive+ Wachstum
der Seele. Infolge der Übung ihrer Funktionen und infolge der daraus
resultierenden Dispositionen +steigert sich die psychische Energie
intensiv+, sie vermag bei gleichem oder geringerem Kraftaufwande +mehr
und Besseres+ zu leisten, kurz, sie gewinnt an +Zwecktüchtigkeit+. Wir
sehen denn auch in der individuellen wie in der kollektiven Evolution
der Psyche die Leistungsfähigkeit dieser in vieler Beziehung durch die
Vererbung der Übungsresultate sich steigern. Wir konstatieren vielfach
eine +Steigerung+ der +Bewußtheit+ durch die Entwicklung, daneben
freilich auch eine +Herabsetzung+ der Bewußtheit gewisser Funktionen.
Und auch dieses Zurücktreten der Bewußtheit ist zweckmäßig. Die
»Abstumpfung« durch Gewöhnung schützt vor der Überzahl der die Psyche
sonst leicht störenden, verwirrenden, zerrüttenden Reize, sie entlastet
die Seele, +erspart ihr Arbeit+, ermöglicht eine um so stärkere
+Konzentration+ in bestimmter Richtung, sie wirkt also entschieden
+ökonomisch+. Zugleich werden durch die »Mechanisierung« des Bewußtseins
die Handlungen +sicherer+, indem sie viel weniger dem Irrtume ausgesetzt
sind. Daher die Treffsicherheit alles »Instinktiven«, die freilich nur
für bestimmte, normale, typische Umstände gilt; soll das Seelenleben
nicht erstarren, so muß eine Modifizierbarkeit auch der Instinkte
möglich sein und tatsächlich besteht sie in großem Ausmaße. Die
Verminderung der Bewußtheit ist keine absolute Verarmung des
Seelenlebens, wofern sie eben die Anbildung neuer, höherer
Bewußtseinsinhalte und die Steigerung der psychischen Energie mitbedingt
und ermöglicht. In dem rechten Verhältnis zwischen Bewußtheitssteigerung
und Bewußtheitsschwächung liegt das Maximum des für das erlebende
Subjekt Zweckmäßigen; dem entspricht das rechte Verhältnis zwischen
Trieb- und aktivem Willensleben.
+Wundt+ spricht von einem »Wachstum geistiger Energie«[41] und wir
müssen ebenfalls ein solches konstatieren. Zunächst sei bemerkt, daß
damit dem Gesetz der +Erhaltung physischer Energie+ kein Abbruch getan
wird. Denn es kann bei gleich bleibender Menge physischer Energie die
Mannigfaltigkeit psychischer Qualitäten und Werte wachsen. Man muß
ferner beachten, daß innerhalb gewisser Grenzen und Normen auch die
+Energie des Zentralnervensystems+ -- natürlich auf Kosten anderer
physikalisch-chemischer Energie im und außerhalb des Organismus
-- wächst, und zwar durch Ernährung und Übung. An die extensive und
intensive Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems ist nun die
Steigerung psychischer Energie im intensiven Sinne geknüpft, wie dies
besonders +Jodl+ hervorgehoben hat (»Wachstum organischer Energie«). Daß
innerhalb eines Partialsystems der Vorrat verfügbarer Energie durch
Aufnahme von außen und Akkumulation zunehmen kann, ist ja ohne weiteres
begreiflich und mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie durchaus
vereinbar; ebenso auch eine zeitweilige Abnahme an Nervenenergie.
Während also ein Teil der Steigerung psychischer Leistungsfähigkeit
-- die durch ihre Wirkungen, den zu verarbeitenden geistigen Stoff,
einigermaßen, wenn auch nicht im physikalisch-exakten Sinne meßbar ist
-- der Bereitschaft des ersparten Kraftaufwands und der durch die Übung
erzielten besseren Richtung und Koordination der Energie zu verdanken
ist, haben wir den andern Teil dem Wachstum des Innenseins dessen, was
objektiv zerebrale Energie ist, zuzuschreiben. Der qualitativen und
intensiven Steigerung dieser Energie und ihres Organs entspricht das
Wachstum der Intensität und der Mannigfaltigkeit von seelischen Werten
in deren immer vollkommeneren, bewußteren einheitlichen Zusammenfassung.
Hier erscheint -- wie u. a. +Münsterberg+ betont -- das Prinzip des
psycho-physischen Parallelismus nirgends durchbrochen.
Das Wachstum geistiger Werte hängt, wie es wiederum +Wundt+ vortrefflich
dargetan hat, mit der »schöpferischen Synthese« zusammen, die das
Bewußtseinswirken charakterisiert; es ist ein Prinzip, welches besagt,
»daß die psychischen Elemente durch ihre kausalen Wechselwirkungen und
Folgewirkungen Verbindungen erzeugen, die zwar aus ihren Komponenten
psychologisch erklärt werden können, gleichwohl aber neue qualitative
Eigenschaften besitzen, die in den Elementen nicht enthalten waren,
wobei namentlich auch an diese neuen Eigenschaften eigentümliche, in den
Elementen nicht vorgebildete Wertbestimmungen geknüpft werden« (Philos.
Studien X, 112f.). Es besteht eine Art »psychische Chemie«, vermöge
deren eine Gesamtvorstellung, ein Gesamtgefühl usw. mehr ist als die
bloße Summe der Elemente, in welche sich diese psychischen Gebilde
zerlegen lassen. Im Verlaufe der individuellen und generellen
Entwicklung entstehen so immer neue psychische Qualitäten und Werte, die
wohl in den vorangehenden ihren zureichenden Grund haben, aber nicht
restlos aus deren Zusammen zu erklären sind. Das Äquivalenzprinzip,
welches auf dem Gebiete des Psychischen überall gilt, hat hier überall
da, wo es sich um rein +Qualitatives+ handelt, keine Bedeutung. Was
diesem Prinzip schöpferischer Energie in der Natur einigermaßen
entspricht, das ist die immer neue Entstehung von +Formen+, insbesondere
von organischen Gestaltungen, die auch nicht restlos auf die Summation
von Elementen zurückzuführen sind. Die psychische Synthese ist aber
+nicht ein selbständiges Zusammentreten von Bewußtseinselementen,
sondern ein Auftreten neuer Bewußtseinsmodifikationen auf Grundlage des
Zusammenhanges anderer+, also eine Art +Reaktion des erlebenden Subjekts
auf seine eigenen Erlebnisse+, welche das Material zu neuen Gestaltungen
und Gliederungen darbieten; das Subjekt bereichert sich so aus und in
sich selbst, es +entfaltet+ und +steigert+ sich in und an seinen eigenen
Zuständen, Aktionen und Gebilden[42].
Doch gibt es im seelischen Leben auch ein Analogon zur Erhaltung der
Energie im Sinne des Äquivalenzprinzips, also so etwas wie eine
+Erhaltung psychischer Energie+[43]. Nämlich als Parallele zu dem
intrazerebralen Verhältnis der Energien, welches derart ist, daß mit der
erhöhten Energie bestimmter Partien oder Funktionen die entsprechende
Verminderung der Energie anderer Partien oder Funktionen verbunden sein
wird. Wir sehen in der Tat, wie eine Konzentration der Aufmerksamkeit
für bestimmte Inhalte eine Schwächung der psychischen Energie für andere
Inhalte bedingt, wie ferner die Steigerung gewisser Funktionen, wenn sie
einseitig erfolgt, die Schwächung anderer zum Korrelat hat, kurz, wie
das Zuströmen psychischer Energie nach einer bestimmten Richtung ein
Abfließen solcher Energie von anderen Richtungen mit sich bringt. Die
Begrenztheit der einem Subjekt zur Verfügung stehenden psychischen
Leistungsfähigkeit hat diese Art von »Energie des Bewußtseins« zur
Folge. Daß damit ein Wachstum seelischer Werte durchaus vereinbar ist,
liegt auf der Hand. Selbsterhaltung und Selbstentfaltung gehören beide
zusammen zum Wesen der psychischen Organisation, welche eine +Erhaltung
in der Entwicklung+ aufweist. Und diese Entwicklung ist eine
+schöpferische+ (»évolution créatrice«, wie +Bergson+ sich ausdrückt),
dabei aber gesetzmäßige, denn sie ist +das Gesetz des Seelischen
selbst+, der Ausdruck des konstanten, unverlierbaren Wesens der
Subjektivität. Die Seele »wächst« +so von innen heraus+, durch eine Art
Entfaltung; sie differenziert sich selbsttätig oder in Reaktion auf die
Reize der Umwelt, niemals aber kommt etwas direkt von außen in sie
hinein, da psychische Modifikationen nicht direkt übertragbar sind,
nicht in der Luft schweben können, nur als Modi eines Subjekts Sinn und
Existenz haben. Insofern hat +Leibniz+ durchaus recht, wenn er sagt, die
Seele (Monade) habe keine »Fenster«. Sie »spiegelt« das Universum,
konzentriert wie in einem Focus die von der Umwelt erlittenen Eindrücke,
aber in der +ihr+ gemäßen Weise, in Bewußtseinszuständen, welche zu den
objektiven Momenten in Korrelation stehen, aber mit ihnen nicht
identisch sind und ihnen auch nicht qualitativ gleichen.
Von einer +Erhaltung+ des Psychischen ist auch insofern zu reden, als
Psychisches weder neu entstehen noch in nichts vergehen kann. Wir müssen
die Ewigkeit des Psychischen als Prinzip, als eines Wirklichkeitsfaktors im
allgemeinen statuieren. Erstens, weil es das »Innensein« der Dinge ist,
also ein Konstituens des Seins als solchen, und wir den Gedanken einer
Entstehung oder Vernichtung des Seins logisch nicht zu konzipieren und
durchzuführen vermögen. Zweitens weil das Psychische aus dem Physischen
nicht hervorgegangen sein kann, was aus methodologisch-erkenntniskritischen
Gründen anzunehmen ist. Ebenso, wie die physische Energie sich im
beständigen Wandel der verschiedenen Energieformen ineinander konstant
erhält, so bleibt auch das Psychische als solches bestehen, wenn auch die
+Formen+, in denen es jeweilig auftritt, beständig wechseln. Diese Formen
sind äußerst mannigfaltig, keine gleicht der andern völlig, schon durch die
wenigstens um ein Differenzial abweichende Stellung jedes Subjekts zur
Umwelt müssen die Erlebnisse etwas anders ausfallen, abgesehen von den
Komplikationen usw. Doch lassen sich psychische Formen, welche wesentlich
miteinander übereinstimmen, zu +Typen+ vereinigen und diese wieder obersten
Formen des psychischen Seins unterordnen. Die Art und der Grad des
Bewußtseins und des Wollens ist für sie charakteristisch. Es findet eine
Entwicklung von niederen, einfacheren, weniger reichen und klaren zu
höheren, differenzierteren, klareren, umfassenderen Bewußtseinsformen
statt, mit welchen partiell wieder ein Herabsteigen zu niederen,
einfacheren Bewußtheitsgraden verbunden ist. Zugleich ist bei den niederen
Bewußtseinsformen zwar ein dumpfes »Subjektgefühl« als vorhanden
anzunehmen, nicht aber schon die Existenz eines reflektierten
Selbstbewußtseins, ein Bewußtsein des eigenen Ichs in scharfer Abhebung von
dessen Erlebnissen und ihren Inhalten, sowie ein Bewußtsein des eigenen
Bewußtseins als solchen, welches wir eben als Reflexion, als Wissen, als
Selbstbewußtsein im höheren Sinne bezeichnen. Zwar hat es keinen Sinn, von
+absolut unbewußten+ psychischen Prozessen zu reden, denn psychisch und
bewußt sind eins; wohl aber gibt es +relativ unbewußte+ Vorgänge, d. h.
solche, die nicht gesondert, sondern nur als ununterscheidbare Bestandteile
eines übergeordneten, allgemeineren Bewußtseinszusammenhanges auftreten,
die also »unterbewußt« sind[44]. Von den bewußten Vorgängen sind aber
keineswegs alle auch als solche +gewußt+, d. h. beachtet und als
Bewußtseinsakte auf das Subjekt als dessen Manifestationen bezogen. Das als
solches gewußte, das +reflektierte+ Bewußtsein ist eine höhere Stufe des
psychischen Lebens, ein +Bewußtsein höherer Ordnung+, ein potenziertes oder
ein auf sich selber sich zurückbiegendes Bewußtsein, welches schon hohe
Erinnerungs-, Apperzeptions- und Abstraktionsfähigkeit voraussetzt. Seine
relativ höchste Stufe erreicht dieses Bewußtsein im begrifflichen Wissen
und in den Urteilen der Psychologie, in der methodisch sicheren und klaren
Beurteilung des seelischen Erlebens, in der Analyse und Synthese dessen,
was sonst in der Regel nicht Gegenstand, nur Funktion des erlebenden
Subjekts ist. Zu diesem Wissen gehört nicht bloß die Bewußtheit des eigenen
Vorstellens und Denkens, sondern auch das Wissen um das eigene Wollen und
Zwecksetzen, welches dadurch dem impulsiven Triebleben scharf
gegenübertritt.
In innigster Verkettung und Durchdringung spielen sich in der
entwickelten Seele gewußte und einfach bewußte, unterbewußte und relativ
unbewußte Vorgänge ab, einander wechselseitig beeinflussend. Bedeutsam
ist hierbei die Rolle des +minder Bewußten+. Es macht einen wesentlichen
Teil unserer Triebfedern und Motive aus, es ist mitbestimmend für die
Richtung unseres Handelns, es gibt unserer Psyche die eigenartige,
scheinbar grundlos wechselnde »Stimmung«, die sich über alles ergießt,
was wir erleben. Die scheinbar geringfügigsten Eindrücke, die wir gar
nicht bemerken, die aber nichtsdestoweniger in uns wirken, indem sie von
unserer Umwelt ausgehen, kommen für die Richtung, die Lebhaftigkeit, die
Geschwindigkeit, die Frische, den Gefühlston usw. unserer psychischen
Reaktionen in Betracht; dazu gehören auch die +organischen
Empfindungen+, die von unserem eigenen Leibe ausgehen und durch ihren
Gefühlston das übrige Seelenleben beeinflussen[45], ferner die
Empfindungen, die durch die Bewegung und Haltung unseres Körpers
ausgelöst werden. Bedeutsam sind insbesondere auch die unterbewußten
+Nachwirkungen+ von Erlebnissen, welche kürzere oder längere Zeit in der
Seele nachklingen, bis ein bestimmtes Erlebnis, welches zuerst die Seele
in einer gewissen Spannung erhielt, sich ausgelebt hat; hierbei kommt es
oft entweder zu einem Zusammenwirken zweier oder mehrerer Erlebnisse zu
einer verstärkten Resultante, oder aber zu einer Interferenz und
Opposition solcher Erlebnisse. Jedenfalls kann man mit Recht von
+psychischen Wellenzügen und Strömungen+ sprechen, von einem psychischen
Anklingen und Abklingen u. dgl.[46]. Die +ganze Vergangenheit+ der
Psyche ist für das jedesmalige neue Erleben in verschiedenem Grade
bedeutsam, für ihr Erkennen wie für ihr Fühlen und Wollen. Das, was die
Seele reaktiv und aktiv erlebt, durchgemacht hat, das ist sie, das
bildet einen wesentlichen +Teil ihres Seins+; wie sie ist, so wirkt sie,
und wie sie wirkt, so ist sie. Das Zentrum, der relativ konstante Kern
der Seele, das sind die +Dispositionen+, die in Form von Gewohnheiten,
Fertigkeiten, Neigungen auftreten und die, aus früheren Erlebnissen
hervorgegangen, die neuen Erlebnisse formal mitbedingen. Weil diese
Dispositionen in der Regel nicht zu klarem Bewußtsein gelangen, weil das
»Unterbewußte« mit seinen Antrieben das ganze Seelenleben trägt und
durchsetzt, aus einem stetig wachsenden Ressort aufsteigend, kennt sich
das Subjekt nur wenig, wenn es bloß seine klar bewußten Erlebnisse in
Betracht zieht. Nur ein Teil der psychischen Vorgänge ist aus klar
bewußten Erlebnissen (und auch da nicht restlos) abzuleiten. Wo dies
nicht gelingt, ist das Prinzip der Kausalität +keineswegs durchbrochen+,
es gibt auch keine absolut »freisteigenden« Vorstellungen, absolut
unbewußte Assoziationen u. dgl., sondern es besteht ein +minderbewußter,
relativ unbewußter Untergrund+ und es gibt unterbewußte Vermittler von
Bewußtseinsprozessen und deren Verbindungen. Eine scharfe psychologische
Analyse kann nachträglich solche Zwischenglieder ermitteln, und wir
können wohl annehmen, daß sie auch dann vorhanden sind, wenn wir sie
nicht zu unterscheiden vermögen.
+Differenzierung+ und +Integrierung+ charakterisieren wie alle Entwicklung
so auch die psychische Evolution. Das gilt wie für die Psyche als Ganzes so
auch für deren Einzelerlebnisse, phylo- wie ontogenetisch. Ein dumpfes,
verworrenes, chaotisches Bewußtsein ist der Ausgangspunkt dieser
Entwicklung, die ihren idealen Höhepunkt in der klarsten und umfassendsten
Synthese (»Integration«) einer reichsten Mannigfaltigkeit scharf
unterschiedener (»differenzierter«) Inhalte des Bewußtseins erreicht. Ein
gutes Beispiel dafür ist das Hervorgehen der mannigfachen +Sinne+ aus einem
primitiven Hautsinn, der noch kaum lokalisiert ist. Durch Anpassung an die
verschiedenen physikalisch-chemischen Reize verändert und verfeinert sich
die psychophysische Organisation dahin, daß nun für jeden Typus des Reizes
eine besondere Art des Empfindens besteht, die infolge der Arbeitsteilung
auch schärfer ausgeprägt ist. Diese Mannigfaltigkeit von Empfindungsarten
vermag das entwickelte Bewußtsein dadurch zu »integrieren«, daß es sie in
immer klareren und deutlicheren Vorstellungen zusammenfaßt. Im gleichen
Sinne entwickeln sich dann auch die gedanklichen Gebilde, Begriffe und
Urteile, indem sie einerseits immer spezieller und bestimmter werden,
anderseits immer zweckmäßiger zur Einheit des Denkens und Erkennens
zusammengefaßt werden. Die Fähigkeit der Synthese entwickelt, steigert sich
parallel damit und zwar in bestimmter »Gesetzlichkeit«, aus welcher die
»apriorischen« Erkenntniskonstanten, die »Formen« der Erkenntnis
entspringen; die Genesis dieser ist also keineswegs, wie man zuweilen
geglaubt hat (+Spencer+ u. a.) mit einem empirischen Charakter derselben
identisch, was hier nur nebenbei bemerkt sei[47]. Ebenso differenziert und
integriert sich das +Gefühlsleben+, immer speziellere und feinere
Gefühlsnuancen verdrängen das anfangs noch arme, rohe Gefühlsleben,
zugleich schwächt sich teilweise die ursprüngliche Heftigkeit der Affekte
ab. Endlich tritt das ursprünglich äußerst einfache, arme +Triebleben+ in
eine Mannigfaltigkeit von Willenstendenzen auseinander, welche die
verschiedensten Richtungen haben und doch immer mehr zur Einheit eines
obersten »Grundwillens« verbunden werden. Während also die niedrigste
Bewußtseinsstufe ein höchst einfaches, durch einzelne Reize unstetig
ausgelöstes, des inneren Zusammenhanges noch entbehrendes
»Momentanbewußtsein« sein muß, finden wir auf den höchsten Stufen der
Entwicklung eine allseitige Differenzierung, eine außerordentliche Fülle
von Qualitäten, verbunden mit einer »zentralisierten Organisation« des
Seelischen; an Stelle bloßer Gefühls-und Strebungseinheit tritt die
synthetische Einheit des wollenden und denkenden, sich in der
Mannigfaltigkeit seiner Inhalte konstant zusammenschließenden
Selbstbewußtseins.
Differenzierung und Integrierung sind auch für das Verhältnis des
+Einzelgeistes+ zum +Gesamtbewußtsein+ charakteristisch[48]. Ein
isolierter, absolut selbständiger Individualgeist ist nirgends zu finden,
von Anfang an bildet das Einzelbewußtsein ein Glied eines Zusammenhanges,
der durch die +Wechselwirkung gleich gearteter Individuen+ entsteht und
sogleich auf die letzteren zurückwirkt. Erst +innerhalb+ des
sozialpsychischen Verbandes erfolgt die immer weiter gehende
Differenzierung der Individualseelen bzw. bestimmter Gruppen von solchen,
eine Differenzierung, die so weit gehen kann, daß ein +Gegensatz+ zum
Gesamtgeist entsteht. Aber diese psychische Differenzierung, die durch die
Verschiedenheit der Lebensweise, des Berufes, des Milieu, der Erlebnisse
usw. erfolgt, ist von einer Integrierung begleitet, indem der gleiche Beruf
usw. einen gemeinsamen Berufs- und Korpsgeist erzeugt. Auf die Abtrennung
der Individualitäten vom Gesamtbewußtsein folgt eine neue Bindung durch das
letztere, ein +Gesamtbewußtsein höherer Stufe+ mit wachsender Bewußtheit
des Zusammenhanges, mit Überwiegen des willentlichen Aneinanderschließens
und Kooperierens vor dem zuerst rein triebmäßigen
Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf die, wie +Tönnies+ sagt, vom »Wesenwillen«
beherrschte naturhafte »Gemeinschaft« folgt die durch mehr äußere
Interessen und durch »Willkür« bedingte »Gesellschaft«, der aber, fügen wir
hinzu, sich allmählich weitergreifend und verinnerlichend, eine von einem
+neuen Wesenwillen+ beherrschte, +kulturelle Gemeinschaft+ im Denken,
Fühlen, Wollen und Handeln sich überlagert. Zwischen Gesamt- und
Einzelbewußtsein findet eine beständige +Wechselwirkung+ statt. Einerseits
wächst das Einzel-Ich in eine ihm als objektive Macht von Anfang an
gegenüberstehende Gesamtheit hinein, durch deren Tendenzen es mehr oder
weniger beeinflußt wird, abgesehen von dem Niederschlage
kollektiv-psychischen Lebens, welches in Form von Dispositionen vom
Individuum ererbt wird; der Gesamtgeist wirkt durch Erziehung, Zwang der
Sitte, Nachahmung u. dgl. auf das Individualbewußtsein, in dem er schon
partiell der Potenz nach enthalten ist, ein. Die aus dem »Gesamtgeist«
differenzierten »Individualseelen« modifizieren ihrerseits den Gesamtgeist
fortwährend, besonders die »führenden Geister«, welche einerseits der
klarste und kräftigste Ausdruck von Tendenzen und Idealen des
Gesamtgeistes, anderseits die relativ originellen Neugestalter des
Gesamtgeistes sind. Endlich stehen die Gebilde des Gesamtgeistes: Recht,
Wirtschaft, Religion usw. in Wechselwirkung miteinander, und zugleich
besteht eine Entwicklung innerhalb jedes dieser Gebilde[49]....