zutage, was man +Interesse+ benannt und oft auch schon bei der Erklärung
psychischer Prozesse verwertet hat. Was in irgendeiner bemerkbaren
Beziehung zum Willen und damit zur Zielstrebigkeit der Psyche steht,
daran nimmt diese Interesse, d. h. sie erfaßt es willig, reiht es leicht
dem Zusammenhang ihrer Erlebnisse ein, verweilt triebmäßig oder
willkürlich bei ihm, beschäftigt sich mit ihm. Interesse erweckt etwas,
wenn es tauglich ist, die psychische Organisation irgendwie zu fördern,
irgendwelche Bedürfnisse des Subjekts zu befriedigen. Je nach der Art
der Bedürfnisse und Zwecke, für die etwas geeignet sein kann, gibt es
verschiedene +Richtungen+ des Interesses, verschiedene Arten des
Interessanten, welches wieder allgemein oder individuell, für die Psyche
überhaupt oder für bestimmt geartete Subjekte erregend sein kann. Daher
die Relativität und Wandelbarkeit des Interesses, je nach der
»Stimmung«, den vorangegangenen Erlebnissen, der Beschäftigung usw.,
kurz, je nach den jeweilig vorherrschenden Tendenzen und Zielsetzungen,
denen Erlebnisse und deren Gegenstände begegnen. Je mehr wir uns für
etwas interessieren, desto mehr ist unsere seelische Energie einem
Inhalt zugewandt, desto mehr »Seelenkraft« ist an dessen Verarbeitung
beteiligt, desto besser und nachhaltiger wird der Inhalt vom Ich
aufgenommen und verwertet. Daher die große Bedeutung des Interesses für
die Aufmerksamkeit und Apperzeption, für das Gedächtnis und die
Erinnerung, für die Richtung unseres Denkens und Handelns. Das Interesse
selbst aber ist ohne die allgemeine und spezielle +Finalität+ der Psyche
nicht zu verstehen, denn es ist nur der gefühlsmäßige Ausdruck für
dieselbe, ein Moment derselben, nicht etwa ein selbständiges
»Seelenvermögen«. Die »interessierte« Seele ist nur die nach einer
bestimmten Richtung besonders erregte, an einem Erlebnis besonderen
Anteil, besondere Lust nehmende Seele, für die in irgendeinem Ausmaße
das Erlebnis bedeutsam ist. Das Interesse ist es, was die Psyche eine
+Auslese+ unter den ihr sich in Fülle darbietenden Eindrücken treffen
und sie nur dasjenige assimilieren läßt, was auf Dispositionen, in
»Bereitschaft liegende« Bewußtseinszustände bestimmter Art stößt. Solche
Dispositionen, welche für die Richtung des Interesses bedeutsam sind,
sind auch überall da vorhanden, wo sog. »funktionelle Bedürfnisse«
bestehen, d. h. Tendenzen bestimmter Organe oder Seelenpartien zur
Betätigung der ihnen gemäßen Funktionen. Ein Beispiel dafür ist der
»Lichthunger«, der uns nach längerem Verweilen im Dunkeln befällt, der
Bewegungsdrang nach längerer Ruhe, die Lust am Hören von Klängen, am
Reden, an Phantasiespielen usw. Im +Spiel+ und in der +Kunst+ kommen
funktionelle Bedürfnisse stark zur Geltung[35]. Daher auch die
teleologische Bedeutung von Spiel und Kunst, welche nicht bloß eine
wohltätige Kraftentladung in der Psyche bewirken, sondern auch durch die
+Übung+ bestimmter, sonst vernachlässigter psychischer Systeme und
Organe subjektiv zweckmäßig sind[36]. Uninteressiert sind wir beim
ästhetischen Genuß nur insofern, als wir nicht auf irgendeinen Nutzen,
auf irgendwelche Gütererlangung ausschauen, aber willen- und
interesselos sind wir keineswegs, sondern ein »Wille zur Schau«, zum
+reichen und dabei harmonischen Erleben+ besteht, der im und durch das
ästhetische Erleben befriedigt wird, genau so, wie das Spiel in gewissem
Sinne Selbstzweck ist....
Ebenso wie das Interesse, bezieht sich auch das Phänomen der +Wertung+
auf die Finalität des erlebenden Subjektes. Was irgendwie zur
Befriedigung eines Bedürfnisses zur Erreichung eines Strebenszieles
nicht bloß geeignet, sondern auch notwendig, gefordert ist, das ist uns
+wert+, das ist für uns und alle Gleichgerichteten ein Wert. Werten kann
also nur ein zielstrebiges Wesen, und die Grundrichtung, die es
überhaupt oder jeweils verfolgt, sein +Grundwille+ und alles daraus
folgende Streben ist gleichsam das »a priori« aller Wertung. Erst und
nur im bewußten oder unbewußten Hinblick auf einen Zweck ist etwas für
uns wertvoll, als Mittel zu einem Zweck, das selbst in anderer Hinsicht
ein Zweck sein kann, bis hinauf zum obersten Endzweck, der, als
identisch mit dem Inhalt des reinen Grundwillens, an sich, »absolut«
wertvoll[37] ist; die Relativität und Subjektivität der Einzelwerte,
deren Abhängigkeit von verschiedenen Verhältnissen, von der Art der
psycho-physischen Organisation, vom Milieu, von historischen und
sozialen Bedingungen schließt keineswegs das Bestehen +objektiver,
intersubjektiver+, relativ konstanter Werte und die Absolutheit der
+obersten Grundwerte+ der Menschheit für den menschlichen bzw.
ideal-menschlichen Grundwillen aus, ein Umstand, der für die Ethik und
Sozialphilosophie von höchster Bedeutung ist und der vor allem die
Versöhnung zwischen Historismus und Apriorismus ermöglicht, sofern man
nur mitten im Geschichtlichen, im menschlichen Entwicklungsprozeß das
Apriorische, die in Form von Ideen und Idealen gegebenen, vom
Gesamtwillen gesetzten und anerkannten +Grundwerte+ zu finden und die
Geschichte als eine, freilich nicht geradlinige und rein rationelle
Annäherung an die Verwirklichung und +Objektivierung dieser Wertideale+
zu erkennen weiß[38].
Eine Art Wertung liegt schon in den +Gefühlen der Lust und der Unlust+
vor, welche zweifellos eine teleologische Bedeutung besitzen, die man
nur richtig auffassen muß. Denn es ist zu berücksichtigen, daß etwas für
bestimmte Partien oder auch für den Gesamtorganismus direkt oder
indirekt unzweckmäßig sein kann, was +relativ+ für bestimmte Partien und
Funktionen, also im Hinblick auf besondere Tendenzen der Psyche als
zweckmäßig empfunden wird und Lust bereitet. Dies festhaltend, kann man
ruhig behaupten, daß das Gefühlsleben ebenfalls die Finalität des
Subjekts zum Ausdruck bringt, daß lustvolle Gefühle Zeichen, Symptome
für Bedürfnisbefriedigungen sind, d. h. für Zustände, die der Psyche +in
irgendeiner Beziehung+ und Weise genehm, die für sie irgendwie
zweckmäßig sind, während Unlust in der Regel auf das Gegenteil hinweist.
Die scheinbare Durchbrechung der Regel erklärt sich eben aus dem
Bestehen +verschiedener Tendenzen+ der Psyche und aus dem +Konflikte+,
in welchen dieselben unter Umständen miteinander geraten können. Ferner
kann die Erfahrung und Verstandeserwägung das Bewußtsein der üblen
Folgen an sich lustvoller Erlebnisse und Handlungen als Gegengewicht
gegen diese ins Treffen führen und dies zeigt, daß eben eine Entwicklung
des Wertens wie eine solche der seelischen Fähigkeiten überhaupt
besteht; wo die Wertvoraussetzungen anders sich gestalten, muß natürlich
auch, ungeachtet der Zähigkeit mancher organisch gewordener Wertungen,
die Wertung sich modifizieren. Ist doch die Zweckmäßigkeit, auf die das
Werten sich bezieht, überhaupt nichts Festes, Starres, sondern ein
Werdendes, ein Produkt der Entwicklung. Je nach dem erreichten
Entwicklungszustande nimmt das erlebende Subjekt in verschiedener
Weise Stellung zu seinen Erlebnissen, wertet es diese, bzw. deren
Inhalt verschieden. Stets kommt aber in der Wertung die Natur und
Gesetzlichkeit des Subjekts, des einzelnen wie der Subjektivität
schlechthin zum Ausdruck, und diese Gesetzlichkeit ist im Kerne
finaler Art[39].
Diese Finalität dürfen wir nicht vergessen, wenn wir vom +Wettbewerb+
der Vorstellungen usw. um die Erhaltung im Seelenleben, im Bewußtsein,
im subjektiven und objektiven Geiste sprechen. Ein solcher Wettbewerb
besteht zweifellos, aber er ist ebensowenig wie der Daseinskampf in der
Natur rein kausal oder mechanisch zu erklären. Denn was bestimmte
Bewußtseinsinhalte miteinander streiten läßt, das sind die verschiedenen
+Tendenzen+, die der in mannigfache Verhältnisse gelangende seelische
Organismus aufweist, und was bestimmten Vorstellungen, Ideen usw. den
Sieg verleiht, das ist das +Überwiegen einer Tendenz vor anderen+. Es
siegt stets das direkt oder indirekt (auf Grund von Urteilen,
Vergleichungen) als relativ Wertvollste, für das so und so beschaffene
Subjekt relativ Zweckmäßigste, Befundene, sei es im Denken, sei es im
Wollen und Handeln (»Kampf der Motive«). Es obsiegen im intra- und
intersubjektiven geistigen Wettbewerbe schließlich die an der Erfahrung
am besten bewährten Ideen (Wissenschaft) und Handlungsweisen (Sitte,
Recht, Technik usw.). Der Zweck, die Willensrichtung und die Beziehung
auf sie ist also das Ausschlaggebende, nicht die Vorstellung für sich
genommen, nicht die blutleere Theorie. Ein Wille, und sei es auch nur
ein »reiner« Denk- und Erkenntniswille ist das +aktiv Auslesende+, den
Wettbewerb Regelnde, Normierende, dem schließlich sich unwesentliche
oder störende Tendenzen unterordnen müssen, damit der reine Zweck rein
erfüllt wird, was eben nur durch +Erhaltung des bestimmt gerichteten
Willens in der ganzen Mannigfaltigkeit seiner Betätigungen+, also durch
das, was wir »Konsequenz«, »Folgerichtigkeit«, +Einstimmigkeit mit sich
selbst+ nennen, erreicht wird. Daß innerhalb der Willensgesetzlichkeit
das Herrschendwerden gewisser Bewußtseinsinhalte und die Zurückdrängung
oder gar Verkümmerung anderer durch das +Milieu+ in dessen verschiedenen
Arten (Natur, Rasse, Gesellschaft usw.) mitbedingt ist, steht außer
Frage; man denke nur an den Wandel der Lieblingsideen bei verschiedenen
Völkern und in verschiedenen Perioden der Geschichte, denke an den
Wechsel der Stile, der Moden, der Denkweisen, an das Überwiegen
bestimmter Denkmittel, Gefühlsweisen, Willenstendenzen usw.
Es besteht eben im Geistesleben zweierlei +Anpassung+: einmal eine
+passive+, besser +reaktive+ Anpassung von Erlebnissen (Vorstellungen
usw.) an ein physisches oder psychisches Milieu, dann aber auch eine
+aktive+ Anpassung des Milieus an die Natur des Seelenlebens. Die
passive Anpassung ist teils +indirekter+ Art, durch eigentliche
+Selektion+, die aber im Seelischen noch weniger belangreich sein dürfte
als im Biologischen, teils eine +direkte+, indem das +Milieu+ durch die
von ihm ausgehenden Reize und Einflüsse das Seelenleben der Individuen
und Völker in einer zu diesem Milieu in Beziehung stehenden Weise
modifiziert. Während auf den niederen Stufen der Geistesentwicklung die
passive Anpassung überwiegt, kommt auf den höheren immer mehr die
+aktive Anpassung+ zur Geltung. Die ganze +Kulturarbeit+ des Menschen
gibt davon Zeugnis, wie sehr es der menschliche Geist versteht, Inhalte
seines Erlebens so zu formen, daß sie seinen ureigenen Bedürfnissen,
Tendenzen, Zwecken zu entsprechen vermögen. Nicht bloß die Außenwelt
wird diesen Zwecken angepaßt, auch das Innenleben, wie es sich besonders
im »objektiven Geist«, in Religion, Sitte, Sittlichkeit, Recht,
Wissenschaft usw. bekundet, wird aktiv gestaltet, beständig umgeformt,
und zwar im ganzen und großen schließlich doch immer wieder in der
Richtung, welche die Linie der +Realisierung des reinen
Menschheitswillens+ bedeutet, also im Sinne der +Kulturidee+. Hierbei
findet, +da die Einheit des Geisteslebens immer wieder nach
Selbsterhaltung strebt und bewußte Widersprüche in ihrem Bereiche nicht
dauernd erträgt+, eine beständige, wenn auch nicht immer gleich
merkliche +gegenseitige Anpassung der geistigen Gebilde aneinander+
statt, die aller Einseitigkeit, aller Verkümmerung einzelner Partien des
Seelenlebens immer wieder entgegenarbeitet. So gibt es z. B. eine
Anpassung zwischen Recht und Wirtschaft, zwischen Glauben und Wissen,
zwischen Individualismus und Kollektivismus. Es besteht eine Art
+Selbstregulierung+ des Geisteslebens, durch welche Störungen und
Einseitigkeiten, welche der Integrität der seelischen Einheit Abbruch zu
tun drohen, soweit als möglich aufgehoben werden, und diese
Selbstregulierung ist ein Mittel zur Anpassung der Mannigfaltigkeit
geistiger Inhalte an die Einheit und Gesetzlichkeit der individuellen
und der sozialen Psyche. -- Die Bedeutung der aktiven Anpassung im
Geistesleben erhellt u. a. aus der Methodik des wissenschaftlichen
Erkennens. Denn es findet nicht nur eine (besonders von +E. Mach+
hervorgehobene) +Anpassung des Denkens an die Erfahrung+ statt, sondern
auch eine +Anpassung der Erfahrung an das Denken+, bzw. an den
Denkwillen, indem die Erfahrung methodisch so geformt wird, daß sie die
allgemeine, »apriorische« Gesetzlichkeit des Intellekts in ihrer
Struktur immer schärfer und ausgedehnter zum Ausdruck bringt. Dies ist
nur ein Spezialfall aus der fortschreitenden +Rationalisierung+ des
gesamten Lebens, welche triebhaft einsetzt und dann vornehmlich durch
die spontane, autonome, planmäßige, zweckbewußte Arbeit des Geistes, der
alle seine Inhalte seinen Forderungen, den Postulaten des
Vernunftwillens zu unterwerfen strebt, erfolgt. In der fortschreitenden
+Vergeistigung der Natur+, sowohl der äußeren als auch der inneren Natur
des Menschen besteht ja der Sinn aller wahren, vollen Kultur. Durch die
reaktive und aktive Formung, welche das Geistesleben beständig an seinen
Objekten vornimmt, erzeugt es einen stets zunehmenden +Reichtum
geistiger Werte+ und zugleich entwickelt es sich selbst zu immer höheren
Daseinsstufen; die +Funktion+ wirkt hier, wie im Biologischen, durch
Übung und deren Nachwirkungen sowie durch Vererbung derselben, zu der
auch die Tradition gehört, auf die +Organisation+, von der sie ausgeht,
zurück, so daß auch hier ein besonnener »Lamarckismus« Recht behält.
Wenn es wahr ist, daß alle Entwicklung zwar auch durch äußere Faktoren
bedingt und bestimmt ist, aber doch in erster Linie unmittelbar von
innen her erfolgt, so gilt dies nun ganz besonders für die +seelische
Evolution+. Dies folgt schon aus der Finalität der Psyche, aus deren
+Gerichtetsein auf immer neu sich entfaltende Ziele+. In unaufhörlicher
Bewegung muß ein Seelenleben sein, dessen +innerstes Triebwerk+
wirkliches Streben, wahre Tendenz, also »Wille« im allgemeinsten Sinne
des Wortes ist. Nur die +Verbindung von immanenter Teleologie und
Voluntarismus+ ist geeignet, uns die wachsende Zweckmäßigkeit des
Psychischen ohne Berufung auf »transzendente«, von außen gesetzte Zwecke
oder auf geheimnisvolle Zweckursachen verständlich zu machen. Gewiß sind
nicht alle erzielten Resultate von Anfang an Objekt und Inhalt des
Willens, gewiß weiß das Subjekt oft nichts oder nur wenig von dem, was
es erzeugt und wozu es erwächst, aber wenn es auch wahr ist, daß nur
eine Summation, ein fortlaufender Zusammenhang relativ selbständiger
Zielstrebungen und Zwecksetzungen die endlich erreichten
Zweckmäßigkeiten mit sich bringt, so ist es doch ebenso wahr, daß ohne
diese Strebungen, in denen das Wesen des Subjekts, der Psyche zum
Ausdruck gelangt, nichts von dem erreicht würde, was tatsächlich
gewonnen wird. Mit außerordentlicher Genialität hat insbesondere
+Leibniz+ diese +Selbstentwicklung+ der Seele erfaßt und nur den Fehler
begangen, die Seele als einfache Substanz, als Monade unter anderen
Monaden zu fassen, statt sie als eine, eine Vielheit von »Elementen« und
Momenten einschließende +aktuale Organisation+ zu betrachten, wie wir es
heute tun müssen. Es gibt eben nicht ein besonderes, qualitativ
unbekanntes Wesen, Seele genannt, sondern die Seele ist +der
einheitliche, sich von seinen ihn zur Erscheinung bringenden Momenten
und Elementen selbst unterscheidende, abhebende Zusammenhang
zielstrebiger Aktionen und Reaktionen+, eine sich permanent setzende,
durchsetzende, erhaltende, entfaltende »Subjekt-Einheit« als das
»Innensein« dessen, was objektiv angesehen oder gedacht als physischer
Organismus sich darstellt. Insofern diese Einheit aus sich heraus tätig,
wirksam ist, Fähigkeiten zu verschiedenen Handlungen besitzt, ist sie im
wahrsten Sinne des Wortes eine »Kraft«, während die objektiv-physischen
Kräfte uns nur als gedankliche Ausgangspunkte von kausalen Relationen
gegeben sind. Jede Seele ist ein sich selbst unmittelbar erfassendes
+Aktionszentrum+, nicht »substantiell«, sondern durch ihr Wirken und
ihre Dispositionen dazu. Sie »wirkt« aber dadurch, daß sie strebend,
wollend, also auf Ziele »gerichtet« ist; +ihr Wirken ist also final
bestimmt+. So kann man die Seele als eine Art +Apparat zur
Verwirklichung von Zwecken+ ansehen, freilich als einen +lebendigen,
aktiven, bewußten Apparat+, nicht als einen bloßen Sitz oder ein
Reservoir von Kräften.
Wir sehen aus dem Vorangehenden, wie notwendig die +teleologische
Fundierung der Psychologie+ ist. Es ist in der Tat ganz und gar unmöglich,
die Gesetzlichkeit, die im Seelenleben waltet, zu verstehen, wenn man nicht
den +Strebungscharakter+ und damit die Finalität des Psychischen voll
berücksichtigt. Die Zielstrebigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen und
Bewußtseinsgraden beherrscht das +gesamte Seelenleben+, sie ist die
Grundbedingung, die +Urvoraussetzung+ für das Funktionieren desselben. Sie
waltet im Wollen direkt, kommt im Gefühlsleben zum Ausdruck und durchsetzt
auch die +intellektuellen+ Prozesse, angefangen von der Empfindung und
Sinneswahrnehmung bis hinauf zum Denken und Erkennen. Die Grundfunktionen
des Bewußtseins und deren Wirkungen stehen alle, direkt oder indirekt, im
Dienste der reaktiven Zielstrebigkeit oder der aktiven Zwecksetzung, handle
es sich nun um das Gedächtnis, die Phantasie, die Abstraktion, die Übung,
die Gewöhnung, die Ermüdung, die Aufmerksamkeit u. dgl. oder um die im
Spiel, in der Kunst, im religiösen, sittlichen, sozialen Leben wirksamen
Seelenfunktionen. Überall bestehen hier +Bedürfnisse+, teils materialer,
teils formaler Art, Tendenzen der psychischen Organisation und ihrer
»Provinzen«, die triebhaft oder mittels des »Vernunftwillens« zur Erfüllung
drängen. Was oft als rein mechanische Reflextätigkeit oder als Resultat
unbewußten Wissens und Planens erscheint, wie die +Instinkthandlung+, ist
das fixierte, durch Übung und Vererbung der psychischen Organisation fest
einverleibte +Resultat+ von zielstrebigen Reaktionen, die durch allmähliche
Anpassung zu objektiv zweckmäßigen Erfolgen geführt haben. Man muß sich
also vor zweierlei hüten: einerseits vor dem Fehler, da, wo schon
triebhafte, impulsive, wenn auch sehr beschränkte, nur auf das
Allernächste, auf die Entfernung unlustvoller und die Festhaltung
lustvoller Reize gerichtete Zielstrebigkeit besteht, bloß das Resultat rein
mechanisch-reflektorischer Vorgänge zu erblicken; anderseits aber auch vor
dem ebenso gefährlichen Irrtum, einfach organisierten Lebewesen tierischer
und pflanzlicher Art schon Denk- und Willensakte zuzuschreiben, die nur in
einem komplizierten Bewußtsein möglich sind, die Fähigkeit aktiver
Vergleichung, Abstraktion, Überlegung, Wahl voraussetzen oder auch durch
eine große Zahl in Bereitschaft stehender Erfahrungen bedingt sind. Schon
der Ausdruck »Zielstrebigkeit« (bekanntlich von +K. E. v. Baer+ eingeführt)
ist cum grano salis zu verstehen, sonst kann er leicht Unheil anrichten. Es
ist nicht so, als ob es an sich Ziele gäbe, die dem Lebewesen irgendwoher
gesteckt sind und auf die es nun unbewußt oder bewußt zustrebt. Wir wissen
wenigstens nichts davon, solange wir auf dem Boden der Empirie verbleiben
und metaphysischen Theorien innerhalb der empirischen Forschung keinen Raum
gönnen. Zielstrebigkeit ist für uns nichts anderes als ein +Ausfluß des
Lebens selbst+; das Ziel ist dem Streben durchaus immanent, es ist durch
das erlebende Subjekt selbst »gesetzt«, ist von ihm unabtrennbar. Dieses
ist durch und durch +Wille zur Erhaltung, Durchsetzung, möglichst auch
Steigerung und Entfaltung der eigenen Einheit+, nicht aber ist es
irgendwoher auf dieses Ziel eingestellt worden. Und alle die Zwecke, die
von lebenden Subjekten angestrebt werden, sind nur +Konsequenzen aus der
primären Zielstrebigkeit, in allmählicher Entwicklung entfaltet und
jeweilig modifiziert und modifizierbar durch das Milieu, in welchem das
Subjekt lebt+. Es muß dies wiederholt betont werden, damit die Gegner aller
Teleologie einsehen lernen, daß von irgendwelchen »reaktionären« Tendenzen
in dieser Form der »Auto-Teleologie« nicht im geringsten die Rede ist. Für
eine große Strecke der Finalität ist jedwedes Vorauswissen zweckmäßiger
Erfolge unbedingt ausgeschlossen, auch ist die +Erreichung+ solcher Erfolge
keineswegs eindeutig bestimmt, nur zu oft finden Irrtümer statt, es bedarf
oft einer großen Reihe von Erfahrungen, damit unter den in Bereitschaft
stehenden Bedingungen die +richtigen Mittel+ zur Anwendung kommen. Die
Kenntnis der richtigen Mittel zum Zweck ist vielfach erst das Produkt
langer Entwicklung, die »Zufälligkeit der Mittel« (+Pauly+) ist ein nicht
genug zu beachtender Umstand, der für die neben der Zweckmäßigkeit stark
hervortretende »Dysteleologie« von hoher Bedeutung ist. +Zielstrebigkeit
schließt also noch nicht die richtige Technik der Mittel ein, der Mangel
einer solchen freilich nicht die Existenz einer Zielstrebigkeit aus.+ So
sehen wir z. B. eine bestimmt geartete Individualität, einen bestimmt
gerichteten Charakter zuweilen sich in der Wahl der diesem Charakter
gemäßen Lebensbedingungen (Beruf usw.) vergreifen, weil er sich eben in
seinem »dunklen Drange« des »rechten Weges« +nicht+ bewußt ist. Mit Recht
ist gesagt worden, der Charakter eines Menschen sei dessen Schicksal. Das
bedeutet psychologisch: der Grundwille, der das Wesen dieses bestimmten
Subjekts ausmacht, leitet bewußt oder impulsiv dessen ganzes Tun und
Lassen, wobei nicht auf die äußeren Verhältnisse und deren bestimmenden,
teilweise auch zwingenden Einflüsse vergessen werden darf. Die Mittel aber,
diesem Grundwillen Genüge zu tun, werden oft nicht richtig gewählt, weil
Erfahrung oder Vernunfteinsicht nicht im rechten Maße vorhanden ist, so daß
auch diese Faktoren das Geschick des Menschen bestimmen. Das
»Dysteleologische« ist, kurz gesagt, nicht bloß auf Rechnung äußerer
Faktoren zu setzen, sondern es entspringt vielfach der Finalität, dem
Teleologischen selbst, teils als +ungewollter Nebenerfolg+, teils infolge
der +Beschränktheit des Subjekts+. An diese Dysteleologie ist in letzter
Linie der +Konflikt+ verschiedener oder gegensätzlicher Tendenzen und
Zielstrebigkeiten, insbesondere zwischen verschiedenen Subjekten, schuld.
V. Die psychische Entwicklung.
Wir haben bereits der verschiedenen Faktoren, welche an der Entwicklung
des Seelenlebens beteiligt sind, Erwähnung getan. Nun erübrigt uns noch
die zusammenfassende Darlegung des Wesens dieser Entwicklung.
Zunächst ist von einer Entwicklung der Psyche +als Ganzes+ zu sprechen.
Wir wissen, daß diese Entwicklung eine Entfaltung von +innen+ heraus
ist. Damit wurde keineswegs bestritten, daß eine durchgängige
Beeinflussung der Psyche durch das äußere +Milieu+ besteht. Direkt und
indirekt kommt dieser Einfluß zur Geltung und alle Seelenentwicklung
steht, wenn sie auch innerlicher Art ist, zu jenem in Beziehung, paßt
sich ihm nach Möglichkeit an und schmiegt sich den waltenden
Verhältnissen an. Aber das Milieu wirkt auf die Psyche entsprechend der
eigenen Natur dieser. Es wirkt als eine Summe von +Reizen+, welche in
der psychischen Organisation +Tendenzen+ wachruft, die zu bestimmt
gerichteten +Reaktionen+ führen, die wieder auf die psychische
Organisation +zurückwirken+; dann erst kann auch die natürliche Auslese
einsetzen, welche das Erhaltungsgemäße, Zweckmäßige begünstigt, indem
sie zugleich das Untaugliche auszumerzen bestrebt ist. In jedem Falle
aber ist die psychische Entwicklung »zielstrebig«, indem zum Wesen der
Psyche die Tendenz zur Erhaltung und Durchsetzung der eigenen Einheit
gehört, aus welcher Tendenz in Reaktion zu den äußeren Reizen die
Entwicklung der Seele mit teleologischer und zugleich kausaler
Notwendigkeit erfolgt. Je höher entwickelt die Seele ist, desto mehr
wird die Reaktivität derselben zur +Aktivität+, desto relativ
unabhängiger wird sie vom Zwange des Milieu, desto mehr kann sie
ihren ureigenen Tendenzen folgen, ihr Milieu selbsttätig modifizieren,
ein +neues Milieu+, einen neuen Wirkungskreis schaffen. Die gesamte
+Kulturtätigkeit+ ist nichts anderes als ein aktives Anpassen des
Milieu an die Tendenzen, Bedürfnisse, Zwecke, Ideale der
menschheitlichen Psyche.